Kitabı oxu: «Vollzug»
Vollzug
Impressum
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Hansjörg Anderegg
Hansjörg Anderegg
Vollzug
Der 4. Fall mit BKA-Kommissarin Chris
Thriller
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Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über
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Print-ISBN: 978-3-96752-196-2
E-Book-ISBN: 978-3-96752-694-3
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Umschlaggestaltung: Grit Richter, XOXO Verlag
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Stockfoto-Nummer: 419834089, 724345753
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Buchsatz: Grit Richter, XOXO Verlag
Hergestellt in Bremen, Germany (EU)
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ein IMPRINT der EISERMANN MEDIA GMBH
Gröpelinger Heerstr. 149
28237 Bremen
Alle Personen und Namen innerhalb dieses Buches sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt.
Kapitel 1
Hamburg
Der Einsatzleiter streckte drei Finger hoch, dann gab er dem Mann am Rammbock das Zeichen zum Angriff. Sperrholz splitterte. Die Tür prallte an die Wand des Flurs. Eine Blendgranate rollte in die Wohnung und explodierte mit einem Knall, der die ganze Etage erschütterte. Im nächsten Augenblick standen in jedem Zimmer der kleinen Wohnung Männer des SEK Hamburg, das Sturmgewehr im Anschlag.
»Polizei! Hinlegen und Hände auf den Rücken!«
Der Einsatzleiter hätte sich den Befehl sparen können. Die Sozialwohnung im achten Stock des Plattenbaus war leer in fast jeder Hinsicht. Möbel gab es so gut wie keine. Einzig ein Fernseher und zwei Pritschen mit Luftmatratzen, auf denen zerknüllte Schlafsäcke lagen, die von Weitem nach scharfem Schweiß stanken, zeugten von menschlichen Bewohnern. Das Fernsehgerät stammte von einem andern Planeten als die abbruchreife Wohnung. Der ultraflache Großbildschirm war an einen Satellitenempfänger gekoppelt, den zwei XXL Parabolantennen auf dem Balkon speisten. Der arabische Kanal von Al Jazeera sendete eine Art Talkshow, in der sich drei Männer anschrien.
»Soviel zu den Bewohnern«, knurrte der Einsatzleiter, verärgert und erleichtert zugleich.
Immerhin hatte er richtig gezählt. Er befahl den Rückzug. Spurensicherung und Fahndung nach den Verdächtigen waren nicht mehr Aufgaben des Spezialeinsatzkommandos.
»Ihre Wohnung«, sagte er zu den Kommissaren vom Bundeskriminalamt, denen er diesen zweifelhaften Einsatz verdankte. »Das Loch ist praktisch leer. Zwei Pritschen, zwei benutzte Schlafsäcke, TV Gerät, das ist alles. Gute Unterhaltung.«
Oberkommissarin Dr. Chris Hegel vom BKA dankte höflich und fügte hinzu:
»Lassen Sie zwei Männer zur Bewachung zurück, bis die Kollegen vom LKA eintreffen.«
Sie nickte ihrem Partner, Kommissar Sven Hoffmann, zu, streifte die hauchdünnen Latex-Handschuhe über und betrat das ›Loch‹. Sven rümpfte die Nase, als sie im einzigen Zimmer standen, das die Verdächtigen bewohnt hatten.
»Stinkt wie im Klassenlager«, brummte er angewidert.
Chris schaltete das arabische Streitgespräch stumm. Für die Kriminaltechnik gab es in dieser Wohnung nicht allzu viel zu entdecken, stellte sie rasch fest. Ein paar Gratiszeitungen und eine Ausgabe der ›Frankfurter Allgemeinen‹ lagen neben dem Fernseher. Der Rest des Lebens hatte sich offenbar draußen und auf den Pritschen abgespielt. Sie schob den einen Schlafsack vorsichtig beiseite. Ihre Hand zuckte unwillkürlich zurück, begleitet von einem überraschten Ausruf.
»Bettnässer?«, fragte ihr Partner grinsend.
»Das Zeug ist noch warm!«, gab sie hastig zurück.
Sie tastete den zweiten Schlafsack ab. Er war kalt.
»Einer muss vor wenigen Minuten noch hier gelegen haben«, schloss sie, »höchstens eine Viertelstunde, schätze ich.«
Sie spürte, wie sich ihre Nackenhärchen sträubten. Das ist unmöglich, sagte ihr Verstand, und Sven sprach aus, was sie dachte:
»Kann nicht sein. Seit einer Stunde beobachten wir mit dem SEK den Zugang zur Wohnung, das Treppenhaus und den Hauseingang. Die Aufzüge sind ausgeschaltet. Der kann unmöglich unter unsern Augen abgehauen sein.«
Chris‘ Gedanken überschlugen sich. Eine unbekannte Person, wahrscheinlich der Verdächtige, Hassan Moussouni, hatte in diesem Zimmer gelegen, während sie die Zugänge zur Wohnung beobachteten. Daran zweifelte sie keinen Augenblick. Nun war er verschwunden, wie vom Erdboden verschluckt. Es gab nur eine logische Erklärung. Beide eilten gleichzeitig zur Balkontür. Sie war nur zugezogen, nicht verriegelt.
»Scheiße, der muss ein verdammter Akrobat sein«, knurrte Sven beim Blick in den klaffenden Abgrund.
Ohne Seil und Haken gab es auch für einen Akrobaten keine Möglichkeit, nach unten oder oben zu entweichen. Der Nachbarbalkon jedoch war mit einem tollkühnen Sprung zu erreichen.
»Er versteckt sich in einer andern Wohnung auf dieser Etage«, rief sie und rannte hinaus, um das SEK aufzuhalten.
Zu spät. Bis auf zwei Männer war die Truppe abgezogen. In voller Kampfmontur, mit schwarzer Gesichtsmaske, die nur Augen und Mund freiließ, standen die beiden Wache an der Tür, als führte sie zum Tresor der Bundesbank, statt zu stinkenden Pritschen.
»Der Verdächtige versteckt sich in einer der Wohnungen auf dieser Etage«, erklärte sie den verblüfften Kollegen. »Rufen Sie Ihre Leute zurück. Wir beginnen beim Treppenhaus.«
Sven war schon lange genug ihr Partner, um sofort zu verstehen, weshalb sie nicht in den unmittelbaren Nachbarwohnungen zu suchen begann, sondern am Ende des Ganges. Dort lag die einzige Wohnung, deren Tür sich keinen Spalt geöffnet hatte nach der Detonation der Blendgranate. Mit gezogener und entsicherter Pistole stellten sie sich zu beiden Seiten der Wohnungstür auf. Chris drückte auf die Klingel.
»Polizei, öffnen Sie bitte!«, rief sie laut.
Nichts regte sich. Kein Geräusch drang aus der Wohnung. Sie drückte länger auf den Klingelknopf, klopfte und wiederholte die Aufforderung mit eindringlicher Stimme.
»Niemand da«, murmelte Sven kaum hörbar und ließ die Waffe sinken.
Bevor sie antworten konnte, vernahm sie einen leisen, metallischen Knacks. Innen an der Tür kratzte es, als würde ein Riegel geschoben. Im selben Augenblick, als sich ein Spalt öffnete, schoss Svens Arm mit der Pistole wieder nach oben. Chris hielt den Atem an. Auf halber Höhe erschien ein weißes Gesicht, umrahmt von seidig schimmerndem schwarzem Haar. Schneewittchen, so klein wie ihre Zwerge. Die großen Augen des Mädchens starrten die Polizisten angstvoll an. Chris entspannte sich, beugte sich zum Kind hinunter und beruhigte:
»Hab keine Angst, Prinzessin …«
Die Bewegung rettete ihr das Leben. Der Schuss traf Sven mitten ins Gesicht. Die Wucht des Aufpralls schleuderte ihn zu Boden. Er rührte sich nicht mehr. Das Mädchen war verschwunden. Der Mann mit dem Gesicht des Fahndungsfotos gab einen zweiten Schuss auf sie ab. Ihre Hüfte brannte augenblicklich. Die Schritte des Gesuchten verhallten im Treppenhaus, bevor sie ihre ›Glock‹ auf ihn richten konnte.
»Sven – nein!«, stöhnte sie mit erstickter Stimme.
Unter seinem Kopf bildete sich eine Blutlache. Die Augen starrten ins Leere. Die Gliedmaßen zitterten im eisigen Hauch des Todes. Unscharf wie durch eine falsche Brille nahm sie seine letzten Lebenszeichen war, sah die Männer des SEK auf ihren Partner zustürzen. Als hätte sie Watte in den Ohren, vernahm sie nur Bruchstücke hektischen Funkverkehrs. Sie richtete sich ächzend auf. Das Feuer in der rechten Hüfte hinderte sie nicht daran. Im Gegenteil: Es verlieh ihr Flügel. Ein einziger Gedanke kreiste in ihrem Schädel und trieb sie an: Er darf nicht entkommen!
Sie hetzte dem Verdächtigen die Treppe hinunter nach. Neugierige Bewohner hatten sich auf den Flur in der siebten Etage gewagt, verschwanden aber beim Anblick ihrer Pistole schneller als Röhrenwürmer in ihren Wohnungen. Der Gesuchte war nirgends zu sehen. Sie hörte seine Schritte nicht mehr, sah jedoch bereits die Verstärkung des SEK die Treppe herauf stürmen. Dieser Fluchtweg war versperrt. Sie musste den Kerl stoppen, bevor er in eine weitere Wohnung eindringen konnte.
Ihre Hand mit der Waffe fuhr herum, als sie ein Geräusch hinter ihrem Rücken hörte. Ein weißhaariger Mann zeigte sich in einem Türspalt und deutete stumm auf ein schmales Zimmer neben dem Liftschacht. Er zog sich sofort wieder zurück. Eine Abstellkammer? Sie drückte sich an die Wand des Korridors, näherte sich der Kammer, vorsichtig darauf bedacht, das Schussfeld der Türöffnung zu vermeiden. Nach einem tiefen Atemzug versetzte sie der Tür einen kräftigen Faustschlag und brüllte:
»Polizei! Waffe fallen lassen! Kommen Sie mit erhobenen Händen heraus!«
Drei Schüsse waren die Antwort. Sie zerfetzten das Holz genau an der Stelle, wo sie geklopft hatte. Kaum waren sie verhallt, stand der Gesuchte vor ihr. Sie duckte sich. Mit einem einzigen Knall lösten sich zwei Schüsse. Seine sechste Kugel pfiff an ihrem Kopf vorbei, ihre zerschmetterte ihm die rechte Schulter. Seine Pistole fiel scheppernd zu Boden, doch der athletische Mann gab nicht auf. Er stürzte sich mit Triumphgeschrei auf sie, wollte sie mit dem unversehrten Arm in den Würgegriff nehmen. Ihr zweiter Schuss traf ihn in den Bauch. Mit pfeifendem Röcheln sackte er zu Boden, als ginge ihm die Luft aus.
Männer des SEK umringten sie. Der Einsatzleiter führte sie weg, während seine Leute die Waffe des Schwerverletzten sicherten und Erste Hilfe leisteten, wie sie es als Profis gelernt hatten.
»Kein Sprengstoff«, lallte Chris.
Sie grinste dabei albern, als wäre die Feststellung tatsächlich ein Grund zur Freude. Der Einsatzleiter blickte sie besorgt an.
»Alles in Ordnung?«
Sie reagierte nicht auf die Frage, die ihre grauen Zellen nur als dumpfes Rauschen erreichte. Es dauerte seine Zeit, bis das Adrenalin nicht mehr kochte in ihren Adern. Allmählich beruhigte sich ihr Puls. Der Gedanke an Sven jedoch sandte einen lähmenden Schock durch ihren Körper. Die Knie gaben nach. Sie musste sich hinsetzen.
»Sven – ist er …?«, stammelte sie tonlos.
Sie brachte die Frage nicht über die Lippen. Der SEK-Mann nahm den Helm ab und streifte endlich die Maske vom Gesicht. Mit tiefen Sorgenfalten auf der Stirn schüttelte er den Kopf und sagte:
»Ihr Partner lebt. Ein glatter Kopfdurchschuss. Es ist ein Wunder, aber sein Zustand ist äußerst kritisch. Er muss sofort in den OP.«
Nur Minuten später lag sie selbst nach einer Beruhigungsspritze auf der Trage im Rettungswagen. Sie zählte ängstlich die Sekunden, bis sie hörte, wie der Hubschrauber mit ihrem Partner und seinem potentiellen Mörder abhob. Was für ein elender Scheißtag!, dachte sie, bevor ihr die Augen zufielen.
Sie erwachte kurz nach Mitternacht. Trotz des langen, traumlosen Schlafs fühlte sie sich müde und ausgelaugt. Wenigstens brannte die Hüfte nicht mehr. Sie tastete vorsichtig nach der Stelle, wo sie der Streifschuss verletzt hatte, und riss dabei um ein Haar den Beutel mit der Infusionslösung vom Haken. Die Hüfte schmerzte nur, wenn sie auf den Knochen drückte.
»Warum versenken die mich im Krankenhaus?«, murrte sie.
Sie schwang die Beine aus dem Bett, blieb einen Augenblick benommen stehen im lächerlichen Krankenhemd. Den Sinn dieses Tuchs hatte sie nie verstanden. Ein Stofffetzen, der den Allerwertesten der öffentlichen Gaudi preisgab, die Vorderseite aber keusch verhüllte, albern.
»Sven!«, schoss ihr unvermittelt durch den Kopf.
Sie drückte hastig auf den Alarmknopf und ließ ihn erst los, als die Nachtschwester ins Zimmer trat.
»Legen Sie sich bitte wieder hin, Dr. Hegel«, war das Erste, was sie sagte.
Sie schlug die Bettdecke einladend zurück und wartete mit der Miene eines Blockwarts.
»Blödsinn, ich bin nicht krank«, murrte Chris. »Ich muss zu meinem Partner, Sven Hoffmann, wo liegt er?«
»Sie müssen sich schonen. Sie können jetzt nicht …«
Weiter gedieh der Protest der Schwester nicht. Mit offenem Mund sah sie zu, wie Chris das Heftpflaster vom Arm entfernte, die Infusionsnadel herauszog, zum Schrank ging und sich anzuziehen begann. Erst als sie nochmals nach Sven fragte, löste sich die Starre der Schwester.
»Ich rufe den Arzt. Warten Sie hier«, ordnete sie an.
»Gute Idee«, murmelte Chris und folgte ihr.
Das Gespräch mit dem Arzt war kurz.
»Kriminalkommissarin, aha«, murmelte er.
Es hörte sich an wie: »Alles klar …« Er reichte ihr ein Formular.
»Unterschreiben Sie bitte hier.«
Kommentarlos legte er das unterschriebene Blatt, das die gesamte medizinische Gilde Deutschlands und insbesondere dieses Krankenhaus von jeder Verantwortung entband, zu ihrer Akte.
»Die Schwester zeigt Ihnen den Weg zur Intensivstation, wo ihr Bekannter liegt.«
»Partner«, korrigierte sie.
Er nickte freundlich. »Partner. Gute Nacht.«
Die Ärztin auf der Intensivstation war jung, ihr emotionaler Panzer noch wenig ausgeprägt. Sie zeigte Mitgefühl, und Chris dankte ihr insgeheim dafür.
»Wir haben Herrn Hoffmann ins künstliche Koma versetzt. So braucht das Hirn weniger Sauerstoff und die Körperfunktionen können sich stabilisieren«, erklärte sie beinahe flüsternd, als fürchtete sie, den Patienten zu wecken.
Chris hörte nur mit halbem Ohr zu. Svens wächsernes Gesicht war kaum zu erkennen unter dem dicken Kopfverband, der Atemmaske, den Schläuchen und Messsonden. Die leise summenden, blinkenden und keuchenden Maschinen schienen das einzig Lebendige zu sein in dieser düsteren Kammer. Sie berührte sachte seine Hand.
»Es ist meine Schuld, Sven«, murmelte sie mit bebender Stimme. »Ich müsste jetzt da liegen oder im Sarg, nicht du.«
Sie wischte sich eine Träne aus dem Auge und wandte sich ab. Die Ärztin kontrollierte schweigend die Messprotokolle, dann folgte sie ihr auf den Flur. Im Bereitschaftsraum fasste Chris endlich den Mut, die alles entscheidende Frage zu stellen:
»Wie sieht die Prognose aus?«
»Es wird lange dauern«, antwortete die Ärztin zögernd, »aber wir sind zuversichtlich.«
Das konnte alles oder nichts bedeuten, doch Chris mochte nicht argumentieren. Stattdessen fragte sie:
»Hassan Moussouni, liegt er auch hier?«
Die Ärztin nickte. »Gleich nebenan. Wir mussten auch ihn ins Koma versetzen nach dem massiven Blutverlust. Milz und Leber sind schwer verletzt.«
»Kommt er durch?«
»Wenn es keine Komplikationen gibt.«
Es war die erste halbwegs gute Nachricht nach dem Desaster des Vortags. Gut für ihren eigenen Seelenfrieden und gut für das Justizsystem. Sie dankte der Ärztin und verabschiedete sich. Es gab viel zu tun.
Im achten Stockwerk des Plattenbaus zerschnitt sie das Siegel an Hassan Moussounis Wohnung und trat ein. Die Spurensicherung hatte ihre Arbeit getan. Trotzdem wollte sie sich noch einmal gründlich umsehen. Zumindest redete sie sich das ein. Sie kannte natürlich den wahren Grund: Sie wollte allein sein, mochte mit niemandem reden. So stürzte sie sich in die Arbeit, als wäre sie die Erste am Tatort, versuchte, sich in die Gedanken der Bewohner zu versetzen, sich das fremdartige, offensichtlich nur auf Zeit angelegte Leben zwischen den kahlen Wänden vorzustellen. Immer wieder drängte sich ein hartnäckiger Vorwurf in den Vordergrund. Sie hätten die Fluchtmöglichkeit über die Balkons in der Einsatzplanung berücksichtigen müssen, so unwahrscheinlich sie auch schien. Sie waren gewarnt. Im Schreiben des Bundesnachrichtendienstes hieß es sinngemäß:
Der gesuchte Hassan Moussouni wird verdächtigt, als Anführer einer Terrorzelle der AQIM (al-Qaida des Islamischen Maghreb) Anschläge in Marseille zu planen. Der Verdächtige ist bekannt als rücksichtsloser, harter Elitekämpfer. Er ist Spezialist für Sprengstoffeinsätze. Man muss davon ausgehen, dass er eine Schusswaffe trägt, die er ohne Zögern einsetzt.
Da stand es, schwarz auf weiß, so wie es der BND von den Terrorspezialisten des französischen Auslandsgeheimdienstes, DGSE, erfahren hatte. Trotzdem hatten sie Moussouni unterschätzt, sich zu sehr auf den möglichen Sprengstoffeinsatz konzentriert. Solche Fehler durften ihr nicht mehr unterlaufen. Sie arbeitete schon zu lang an der Front beim BKA. Zu lang für eine glaubwürdige Entschuldigung. O. K., Moussouni konnte keinen Schaden mehr anrichten. Aussagen würde er allerdings auch nicht auf absehbare Zeit. Justitia musste warten. Nun rang ihr Partner mit dem Tod als Folge ihres Versagens. Das war das Schlimmste, der größte anzunehmende Unfall.
Aufgewühlt setzte sie die Suche nach jeder Nichtigkeit fort, die ihre Kollegen vom LKA vielleicht übersehen hatten. Sie war selbst ausgebildete Kriminaltechnikerin. Ihr entging normalerweise keine noch so kleine Spur. Dennoch fand sie nichts in der trostlosen Leere dieser Bleibe, die keine Wohnung war, eher ein Loch, in das man sich verkroch, um nicht gehört und gesehen zu werden. Was plante Hassan Moussouni in Hamburg? Er und wer immer sonst hier gewohnt haben mochte waren nicht zufällig in dieser Stadt abgestiegen. Vielleicht wollte der Algerier hier eine Terrorzelle aufbauen. Es wäre nicht sein erster Versuch. Ihr blieb nichts anderes übrig, als zu spekulieren.
Noch einmal streifte sie durch die Wohnung, klopfte an die Wände auf der Suche nach versteckten Hohlräumen. Irgendeinen Anhaltspunkt musste sie finden! Die Kriminaltechnik hatte das Wenige mitgenommen, das Moussouni hinterlassen hatte. Alles außer dem Fernseher und der Satellitenanlage. Dort genügte offenbar die Sicherstellung von Fingerabdrücken, Haaren und Hautpartikeln für DNA-Abgleiche. Vorwurfsvoll betrachtete sie das Empfangsgerät, als müsste wenigstens der schwarze Kasten zu ihr sprechen. Sie drehte ihn um, überprüfte gedankenverloren die verwirrende Vielfalt der Anschlüsse. Schon wollte sie sich abwenden, als sie plötzlich stutzte. Sie sah genauer hin, las die kryptische Beschriftung, dann nickte sie befriedigt. Das unscheinbare Gerät war kein primitiver Satellitenempfänger. Es enthielt ein Modem für den Internetverkehr über Satellit und eine Festplatte mit der Kapazität von hundert Gigabytes. Falls sie für einmal Glück hatten, konnten die Techniker damit Moussounis Netzaktivitäten rekonstruieren.
»Immerhin ein Hoffnungsschimmer«, sagte sie zum schwarzen Kasten.
»Wer sind Sie, was tun Sie hier?«, fragte eine schneidende Stimme auf dem Flur.
Chris fuhr erschrocken herum und blickte in die Mündung einer Pistole. Sie gehörte einem uniformierten Polizisten frisch von der Polizeischule, der vorsichtig auf sie zutrat.
»Oberkommissarin Hegel von BKA«, antwortete sie erleichtert. »Mein Ausweis steckt in der linken Hosentasche. Ich ziehe ihn jetzt heraus …«
Der Uniformierte wartete, die Pistole im Anschlag. Er entspannte sich erst, als er den Dienstausweis sah.
»Entschuldigen Sie, Kommissarin. Ich bemerkte das zerschnittene Siegel.«
»Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen. Es war Ihre Pflicht, nachzusehen. Mein Fehler. Ich hätte Sie über meinen Besuch informieren müssen. Wieso sind Sie überhaupt hier?«
»Man hat uns gerufen, um allzu aufdringliche Presse-Fritzen zu vertreiben.«
Dabei grinste er unsicher und konzentrierte sich auf das Verstauen seiner Pistole.
»Die verlieren wirklich keine Zeit«, brummte Chris, während sie das Gerät von den Kabeln befreite. »Können Sie mich mitnehmen zum LKA? Ich bin mit dem Taxi gekommen.«
Der junge Beamte sah sie mit geweiteten Augen an, als hätte sie ihm ein unanständiges Angebot gemacht.
»Äh – ja, klar, kein Problem«, stammelte er nach einer Schrecksekunde. »Wir sind hier fertig.«
Ihre immer noch sportliche Figur und der lange, dicke, goldene Haarzopf wirkten offenbar selbst in ihrem lausigen Gemütszustand Wunder. Vielleicht lag es auch nur am angedeuteten Stupsnäschen.
Kapitel 2
Wiesbaden
Oberstaatsanwalt Richter fing sie vor dem Sitzungszimmer ab und stellte ihr die Frage, mit der sie die Kollegen im BKA neuerdings grüßten:
»Alles in Ordnung?«
Der Zusatz »Dr. Hegel« in lauerndem Ton fehlte. Ein sicheres Zeichen, dass der Staatsanwalt keinen heimtückischen Angriff auf sie plante. Sie nickte ihm mit gezwungenem Lächeln zu und trat ein. Richter eröffnete die Lagebesprechung, diesmal unterstützt vom leitenden Ermittler des LKA Hamburg, Hauptkommissar Justus Hansen, einem schmächtigen Mittfünfziger mit kahlem Schädel. Der nickte ihr freundlich zu, bevor er ausholte, um die Erkenntnisse im Fall Hassan Moussouni zusammenzufassen. Die ›Lage‹ verlief professionell emotionslos, als ginge alles seinen gewohnten Gang. Sie erwartete nichts anderes, konnte aber nicht verhindern, dass ihre Gedanken wiederholt abschweiften. Im Geiste stand sie am Bett ihres Partners, der in diesen Minuten in einem Zustand zwischen Leben und Tod schwebte, während Hansen über Haare und Hautschuppen referierte. Seine letzte Bemerkung ließ sie aufhorchen.
»In der ganzen Wohnung gibt es nur DNA einer einzigen Person.«
»Das ist unmöglich«, protestierte sie. »Moussouni wird kaum abwechselnd in einem der beiden Schlafsäcke gelegen haben.«
Hansen nickte schmunzelnd. »Das hat uns auch stutzig gemacht, zumal Fingerabdrücke zweier verschiedener Personen sichergestellt worden sind.«
»Ganz was Neues. Ein Mensch hinterlässt Fingerabdrücke aber keine DNA«, brummte ein Kollege aus der KT.
»Das wäre in der Tat verblüffend«, gab Hansen zu. »So ist es aber nicht. Die zweite Person hat ebenfalls DNA hinterlassen, identische DNA.«
»Eineiige Zwillinge«, rief Chris überrascht. »Hassan Moussouni hat einen Zwillingsbruder. Warum wissen wir nichts davon?«
Sie richtete die Frage an den Oberstaatsanwalt. Die Peinlichkeit prallte an ihm ab wie die Billardkugel an der Bande und rollte direkt vor Hansens Füße. Der Hauptkommissar antwortete schnell und schneidig, als hätte er genau auf diese Frage gewartet:
»Der BND wusste Bescheid.«
Ein Raunen ging durch die Versammelten. Einzelne gedämpfte Flüche waren zu vernehmen.
»Ich bitte Sie, meine Herrschaften!«, fuhr Richter dazwischen. Dann fragte er Hansen lauernd: »Der BND hat Sie informiert?«
»Erst auf unsere hartnäckige Nachfrage hin. Hassan Moussounis Zwillingsbruder heißt Ahmed. Der BND weiß von seiner Existenz. Es gibt jedoch keine Akte über ihn. Ahmed Moussouni sei ein weißes Blatt, behauptet der Nachrichtendienst.«
Richter murmelte etwas, das gar nicht nett klang.
»Das dicke Ende kommt erst noch«, fuhr Hansen weiter. »Die Fingerabdrücke des Verletzten sind nicht diejenigen des Terrorverdächtigen Hassan Moussouni. Auf der Hamburger Intensivstation liegt sein Bruder Ahmed.«
Dieser Gedanke hatte Chris schon beim Hinweis auf die Zwillingsbrüder gestreift.
»Schätze, Ahmed Moussouni ist ab sofort kein weißes Blatt mehr«, bemerkte sie trocken.
Richter nickte nachdenklich. »Was die Gewaltbereitschaft betrifft, scheint er seinem Bruder in nichts nachzustehen.«
Eine Pause entstand, während sein Blick über die versammelten Ermittler schweifte, als müsste er sie zählen. Schließlich fügte er eindringlich hinzu:
»Das bedeutet, meine Herrschaften: Die Suche nach Hassan Moussouni hat eben erst begonnen.«
Und wir haben wertvolle Zeit verloren, ergänzte Chris im Stillen. Laut fragte sie den LKA-Kommissar Hansen:
»Was hat die Untersuchung der Satellitenanlage ergeben?«
Zu ihrer Überraschung antwortete ihre Freundin Caro von der Kriminaltechnik des BKA:
»Hamburg hat uns das Gerät übergeben. Die Netzspezialisten sind noch an der Arbeit. Bis jetzt steht fest, dass die Benutzer sich praktisch ausschließlich für die Pläne des Hamburger Hafens und dort ansässige Reedereien und Werften interessiert haben. Hinweise auf konkrete Kontakte gibt es bisher allerdings nicht.«
»Na, das ist doch schon etwas«, freute sich Richter.
Er sandte einen fragenden Blick Richtung Hansen.
»Wir übernehmen das«, antwortete der Kommissar aus Hamburg, und alle verstanden, was er meinte.
Solang die digitale Spur nicht mehr hergab, hieß es Klinken putzen: mühsame und aufwendige Befragung aller denkbaren Kontakte rund um den riesigen Hamburger Hafen. Sie hielt es nicht für wahrscheinlich, dass sich der Gesuchte noch in der Hansestadt aufhielt, aber die Arbeit musste getan werden. Die Spur, die sie zur Wohnung im Plattenbau geführt hatte, endete dort. Hassan Moussouni konnte Gott weiß wo seine dunklen Geschäfte weiterverfolgen. Und Sven lag im Sterben.
Bei der Rückkehr ins Büro tippte Caro ihr an die Schulter. Die Freundin blickte sie besorgt an. Sie öffnete den Mund, doch Chris kam ihr zuvor:
»Nicht du auch noch!«, stöhnte sie in Erwartung der Standardfrage.
»Du siehst Scheiße aus, wollte ich eigentlich sagen.«
»Nett von dir. Vielen Dank, das hilft.«
Am Eingang zum Büro zögerte Chris. Nur widerwillig betrat sie den Raum mit Svens leerem Pult. Das Büro kam ihr steril vor. Es roch nach Desinfektionsmittel und Plastikschläuchen. Caro bemerkte ihr Zögern.
»Du solltest nicht hier sein. Geh nach Hause, nimm ein heißes Bad und hau dich aufs Ohr.«
Kloppenheim bei Wiesbaden
Caros Rat war gut gemeint. Schlaf wäre sicher nicht verkehrt in ihrer depressiven Stimmung. Sie hatte es versucht. Stundenlang lag sie mit offenen Augen im Bett in der Dachwohnung des ehemaligen Heuschobers am Kloppenheimer Feld. Milde Nachtluft wehte den Duft frisch geschnittenen Grases durchs offene Fenster herein. In der Ferne rief hin und wieder ein Kauz. Ein Fuchs markierte sein Revier mit kurzem Gebell. Die Voraussetzungen für gesunden Schlaf waren ideal auf dem luxuriösen Dachboden in Caros Haus. Aber ihre kranke Seele fand keinen gesunden Schlaf. Sie versuchte es mit Musik, die ihr stets in traurigen Momenten geholfen hatte. Sie nahm ihr Saxophon aus der Hülle, setzte das Mundstück auf und legte das Instrument lustlos wieder weg, ohne einen Ton zu spielen. Um Mitternacht rief sie das Krankenhaus in Hamburg an und ließ sich mit der Intensivstation verbinden.
»Sie wünschen?«, murmelte die Stimme eines Arztes, die sich so müde anhörte wie die ihre.
»Wie geht es dem Patienten Sven Hoffmann? Hat sich sein Zustand verändert?«
»Sind Sie verwandt mit dem Patienten?«
»Nein, ich …«
»Tut mir leid, dann darf ich Ihnen keine Auskunft geben.«
»Hören Sie, Doktor – ich mag mich nicht mit Ihnen streiten. Ich bin Oberkommissarin Hegel vom BKA. Ich war dabei, als er angeschossen wurde, und muss wissen, wie es meinem Partner geht. Haben Sie ein Problem damit?«
»Ich habe kein Problem, aber es gibt Vorschriften.«
Nach einer kurzen Pause gab er nach:
»Der Zustand des Patienten Hoffmann ist unverändert kritisch. Er hat Glück gehabt, dass der Schuss das Gehirn nur gestreift hat.«
»Das nennen Sie Glück?«, rief sie erregt aus. »Was ist, wenn sein Hirn nicht mehr funktioniert, falls er je wieder aufwacht, als Gemüse?«
»Mehr kann ich Ihnen leider nicht sagen. Gute Nacht.«
Dieser Anruf verschlimmerte ihren Geisteszustand noch weiter. Sie spielte mit dem Gedanken, ihren Freund Jamie anzurufen, der nichts von den Ereignissen der letzten zwei Tage ahnte. Der Arzt Dr. Jamie Roberts war seit Jahren ihr Geliebter, eine Art Ehemann auf Distanz. Er lebte und arbeitete als Mediziner am Imperial College in London. Normalerweise schätzte sie die Vorteile der Fernbeziehung, aber in dieser Nacht … Ein Finger schwebte kurz über Jamies Namen auf dem Touchscreen des Smartphones, bevor sie es ausschaltete. Lustlos goss sie sich ein Glas Rotwein ein, vom gehaltvollen, schweren Burgunder, Nuits-Saint-Georges, nicht den wässrigen badischen Landwein, den man trinkt, um den Durst zu löschen. Der fruchtige Körper des Weins widerte sie an, aber sie leerte das Glas in wenigen Zügen und goss sich ein Zweites ein. Die Flasche fast leer, der Kopf ein Karussell, fiel sie erschöpft ins zerwühlte Bett zurück.
Auch solche Medizin half nicht in dieser Nacht. Der Alkohol verstärkte ihre schlimmsten Albträume. In einem lichten Augenblick fiel ihr auf, dass sich die Bettwäsche kaum mehr von den stinkenden Schlafsäcken im Plattenbau unterschied. Die Erkenntnis blieb allerdings ohne Konsequenzen. Sie verfiel in einen Dämmerzustand, schloss endlich die Augen.
Ein anhaltender Pfeifton wie der Alarm auf der Intensivstation nach dem Aussetzen des Herzschlags schreckte sie auf. Vergeblich versuchte sie, die Augen auf das Fenster zu fokussieren, wo das Geräusch herkam. Immerhin glaubte sie, einen winzigen Vogel wegfliegen zu sehen.
»Angeber«, lallte sie ihm nach.
Ihre Hüfte begann wieder zu schmerzen. Sie versuchte eine Weile, sich wenigstens darauf zu konzentrieren, bis sie entnervt aufgab.
»Jetzt reicht‘s!«, herrschte sie das Saxophon an, das apathisch im offenen Instrumentenkoffer lag.
Sie schleppte sich hinkend zum Fenster, schlug es zu und ließ den Rollladen herunter. In einer Schublade des Nachttischs fand sie das Röhrchen mit Schlaftabletten, an das sie sich schwach erinnerte. Die Aufschrift konnte sie nicht entziffern. Vielleicht waren es die vergammelten Kopfschmerztabletten. Egal. Sie kippte den Inhalt ins leere Wasserglas neben dem Bett, goss den Rest des Nuits-Saint-Georges dazu und schüttete den Drogencocktail in sich hinein. Auf dem Rücken liegend, nackt, wie sie auf diesem traurigen Planeten angekommen war, wartete sie auf die Wirkung. Für ein paar Augenblicke fühlte sie sich leichter. Dann begann die ganze Flasche Wein in ihren Kopf zu fließen. Die Hirnmasse löste sich im Alkohol auf und der Magen begann zu pochen wie ein zweites Herz. Sie rollte aus dem Bett, kroch auf allen Vieren Richtung Bad, dann knipste jemand das Licht aus.
Richters Anruf erreichte Caro am Computer im Labor der Kriminaltechnik. Seine Stimme klang besorgt, was bei ihm im Verkehr mit seinem Fußvolk eher selten vorkam.
»Ich suche Kommissarin Hegel. Im Büro ist sie nicht erschienen. Am Telefon erreiche ich sie nicht. Wissen Sie vielleicht, wo sie sich verkrochen hat?«
Caro erschrak. »Ich – weiß nicht. Sie ist gestern früh nach Hause gefahren. Es ging ihr nicht gut …«
»Das habe ich gemerkt. Deshalb mache ich mir jetzt Sorgen, verstehen Sie?«
Da gab es nicht viel zu verstehen.
»Sie wohnt doch in Ihrem Haus?«
»Allerdings. Wahrscheinlich ist sie noch dort, hat nur verschlafen. Ich suche sie.«
»Tun Sie das, und verlieren Sie keine Zeit.«
Die Tür der Dachwohnung war nicht verschlossen. Mit flauem Gefühl im Magen trat sie ein, nachdem niemand auf ihr Klopfen geantwortet hatte. Ihre Dogge Nero stieß sie unsanft beiseite und schoss aufs offene Bad zu. Leise winselnd, mit anklagendem Blick, erwartete die Hündin sie neben ihrer leblos am Boden liegenden Freundin. Um Mund und Nase hatte sich Erbrochenes angesammelt. Wenig nur, aber die rote Farbe trieb Caros Puls auf 180.
»Chris, um Gottes willen!«, krächzte sie entsetzt. »Was ist geschehen?«
Chris regte sich nicht. Atmete sie überhaupt noch? Während Caro auf die Antwort der 112 wartete, suchten ihre Finger zitternd die Halsschlagader der Freundin. Chris‘ Herz schlug schwach und unregelmäßig.
Betäubender Rosenduft stieg Chris in die Nase. Sie schlug die Augen auf. Sie lag in einem fremden Bett. Gedämpftes Licht drang durch die halb geschlossenen Jalousien ins fremde Zimmer. Sie wusste nicht, wo sie sich befand und wie sie hierher gekommen war, aber sie erinnerte sich an die gleiche Situation vor nicht allzu langer Zeit. Inklusive Nadel im Arm und Infusionslösung am Haken neben dem Bett. Als sie den Kopf auf die andere Seite drehte, sah sie die Rosen. Schon halb verwelkt steckten sie in einer schmucklosen Vase. Daneben schlummerte Jamie leise schnarchend.
»Willst du dich nicht zu mir legen?«, fragte sie. »Im Bett schläft sich‘s bequemer.«
Zum ersten Mal seit dem Einsatz in Hamburg lächelte sie wieder. Jamie sprang auf beim Klang ihrer Stimme. Er setzte sich auf die Bettkante, beugte sich zu ihr herunter und küsste sie vorsichtig auf die Stirn. Sie schlang die Arme um ihn, um ihm zu zeigen, wie man es richtig machte.
»Lieb von dir, mich zu besuchen«, flüsterte sie nach dem langen Kuss, »aber warum liege ich im Krankenhaus?«
»Das ist eine unappetitliche Geschichte. Willst du sie wirklich hören?«
»Aber sicher.«
»Man hat dir den Magen ausgepumpt. Caro hat angerufen.«
»Das war doch nicht nötig.«
»Doch!«, widersprach er heftig. »Bei der Menge Barbiturate und dem Alkohol …«
»Ich meine, dass Caro dich anruft und du extra herfliegst.«
Er blickte sie mit dem betroffenen Ausdruck an, dem sie seit der ersten Begegnung nicht widerstehen konnte, und meinte kopfschüttelnd:
»Dich kann man aber auch wirklich nicht allein lassen, Liebes.«
Sie richtete sich auf, zog ihn sanft an sich, gerade eng genug, damit er ihre harten Brustwarzen spürte, und säuselte ihm ins Ohr:
»Musst du eben bleiben.«
Wiesbaden
Chris sah es kommen. Sie wusste, was sie erwartete, als Oberstaatsanwalt Richter »Dr. Hegel« zwei Tage nach ihrem Kollaps zu einem Zwiegespräch in sein Büro bestellte.
»Ich bin nicht verrückt«, sagte sie mit wenig überzeugender Stimme nach seiner Ankündigung.
»Das hat doch damit nichts zu tun«, wehrte Richter ab. »Ich biete Ihnen lediglich professionelle Hilfe an. Es ist einfach zu viel auf Sie eingestürzt in den letzten Tagen. Ihr Partner liegt schwer verletzt auf der Intensivstation und jetzt ihr Suizidversuch …«
»Das war kein Suizidversuch!«, fuhr sie auf. »Ich habe nur einen über den Durst getrunken.«
Er lächelte verständnisvoll, wie man Verständnis zeigt für den bedauerlichen Irrtum eines Kindes.
»Ich mache mir große Sorgen um meine beste Ermittlerin«, fuhr er fort. »Lassen Sie sich helfen, Dr. Hegel.«
Sie sah eine Weile durch ihn hindurch, dann entgegnete sie entschlossen:
»Ich gehe nicht zur Psychotante. Eher müssen Sie mich feuern. Sie wissen, was ich von Psychologen halte. Die lesen ein paar Märchenbücher und glauben, das Leben da draußen zu kennen. Hat einer von denen je ins Mündungsfeuer einer ›SIG Sauer‹ geblickt?«
Er setzte zu einer Antwort an, schloss den Mund wieder und betrachtete sie lange nachdenklich. Schließlich stieß er einen leisen Seufzer aus und sagte:
»Ich erinnere mich. Sie haben seinerzeit das psychologische Seminar abgebrochen …«
»Sie selbst haben mich da rausgeholt«, korrigierte sie schnell. »Vielen Dank auch.«
»Was mache ich nur mit Ihnen«, klagte er kopfschüttelnd.
»Lassen Sie mich einfach normal arbeiten … Entschuldigung.«
Ihr Handy summte. Hauptkommissar Hansen vom LKA Hamburg war am Apparat.
»Ich habe soeben erfahren, dass sich die Prognose für Ihren Partner verbessert hat. Dachte, das müssten Sie wissen.«
Ihr Herz hüpfte vor Freude. »Und ob! Vielen Dank. Was sagen die Ärzte?«
»Soviel ich mitbekommen habe, ist jetzt so gut wie erwiesen, dass keine bleibenden Hirnschäden zu erwarten sind.«
»Gut, ausgezeichnet. Hoffentlich täuschen sie sich nicht. Wann wird er – geweckt?«
»Darüber schweigt die Medizin.«
»Und die Moussouni Brüder?«
»Noch keine Spur von Hassan. Ahmed wird überleben, ist aber noch nicht ansprechbar.«
Richter nahm die gute Nachricht gelassen zur Kenntnis. Er saß ihr schweigend gegenüber und strich sich dabei in Gedanken versunken übers Kinn. Ihre Abneigung gegen den psychologischen Dienst schien ihn ordentlich zu erschüttern.
»Vielleicht nehme ich einige Tage Urlaub«, schlug sie als Zeichen guten Willens vor.
Ein Ruck ging durch seinen Körper. Begeistert schlug er mit der flachen Hand auf die Tischplatte, als hätte sie sein schwierigstes Problem gelöst.
»Unbedingt«, betonte er. »Etwas Abstand wirkt wahre Wunder, glauben Sie mir. Ich erlebe das jedes Mal auf dem Golfplatz.«
Wunder geschahen also wesentlich häufiger, als sie angenommen hatte. Ihr schien, der Staatsanwalt blühe geradezu auf beim Gedanken, sie für ein paar Tage loszuwerden.
»Apropos Golf …«, sprudelte es weiter aus seinem Mund, »da fällt mir ein, dass uns der BND noch einiges schuldet.«
Dieser Gedankengang war selbst für ihr analytisch geschultes Hirn nicht nachzuvollziehen.
»Klären Sie mich auf«, sagte sie etwas ratlos.
»Ein alter Golfspezi beim BND besitzt ein schönes Haus in Port Grimaud an der Côte d‘Azur, das dauernd leer steht. Der ideale Ort, um ein paar Tage auszuspannen. Ich rufe ihn gleich an.«
Er griff zum Telefon. Sie überlegte einen Augenblick, ihn daran zu hindern, verzichtete aber darauf. Ihr Quantum Widerspruch war erschöpft für diesen Tag. Beim Verlassen des Büros sprang ihr die reißerische Schlagzeile der Boulevardzeitung ins Auge, die neben der braven ›FAZ‹ im Eingangskorb lag:
ISLAMISTISCHER TERROR IN HAMBURG!
Wie sicher sind wir noch in Deutschland?
Hamburg
Die Berichterstattung über die Schießerei im Plattenbau entzündete ein Pulverfass. Das Trauma von Ahmed Moussounis Geiseln, bei denen er sich versteckt hatte, war ein gefundenes Fressen für die Sensationspresse. Schneewittchen mit ihrer alleinerziehenden deutschen Mutter, die mit Hartz IV und Gelegenheitsjobs kaum über die Runden kamen, in der Gewalt des algerischen Terroristen! Ein Terrorist war er, ein fanatischer islamistischer Terrorist, kein gewöhnlicher Gewaltverbrecher, daran ließen diese Blätter und das Frühstücksfernsehen nicht den geringsten Zweifel.
Im Morgengrauen des 8. Juni brannte die Imam Ali Moschee an der Außenalster, Hauptgebäude des Islamischen Zentrums Hamburg und eine der ältesten Moscheen Deutschlands. Brandbeschleuniger und Brandsätze im Gebetsraum sorgten dafür, dass in kurzer Zeit alles ein Raub der Flammen wurde, was nicht aus Stein oder Beton bestand. Der Gebetsteppich, mit seinen sechzehn Metern Durchmesser einer der größten handgeknüpften Rundteppiche der Welt, war zu Asche zerfallen, als die Feuerwehr eintraf. Nur ein Zufall rettete Ajatollah Rahimi das Leben. Er durfte den sechs Uhr Flug nach München nicht verpassen und verrichtete deshalb sein Fadschr, das Gebet vor Sonnenaufgang, eine halbe Stunde früher als üblich an diesem Morgen.
»Jetzt hamer den Scheiß Kriech!«, kommentierte Hauptkommissar Hansens türkischstämmiger Kollege in akzentfreiem Hamburger Deutsch an jenem Freitagmorgen in der Kantine des LKA. »Krieg« war kaum übertrieben, wie sich am folgenden Sonntagmorgen herausstellte. Der Anruf aus dem Präsidium erlöste Hansen um fünf Uhr früh aus einem unangenehmen Traum. Er hörte stumm zu, während er versuchte, sich den Schlaf aus den Augen zu reiben.
»Bin schon unterwegs«, brummte er schließlich.
Seine Frau ließ er weiterschlafen. Sie befand sich an einem besseren Ort, mit Watte in den Ohren und einem Lächeln im Gesicht. Überdies wollte er sie nicht damit erschrecken, beim Frühstück anwesend zu sein.
»Wie viele?«, fragte er beim Betreten des Büros.
»Schon über fünftausend«, erwiderte sein Türke mit finsterer Miene. »Die Kollegen von der Bereitschaft haben die muslimische Minderheit in unserm Land wohl gründlich unterschätzt. Aber die Reiterstaffel und Wasserwerfer stehen bereit.«
»Die Bereitschaft braucht mehr von deiner Sorte«, murmelte Hansen und verzog das Gesicht.
Der Kaffee schmeckte bitter und sauer. Die Hoffnung, schnell wieder nach Hause zurückzukehren an diesem schönen Sonntag, zerschlug sich schnell. Die in letzter Minute bewilligte ›Demonstration friedliebender Muslime‹, zu der das islamische Zentrum aufgerufen hatte, lockte weit mehr Anhänger in die Hansestadt als befürchtet. Der Zustrom aus dem Bundesland und angrenzenden Gebieten wollte nicht abreißen. Muslime aller Glaubensrichtungen, darunter viele Familien mit Kindern, marschierten auf das Zentrum zu, um ihre Solidarität und Betroffenheit friedlich zu demonstrieren. Gegen zehn Uhr schätzte man die Masse auf zehntausend Leute. Der Aufmarsch überforderte die Dienststellen heillos, die eigentlich für die Sicherheit der Demonstranten und der Stadt sorgen sollten. Deshalb waren alle verfügbaren Kräfte im Einsatz, inklusive aller erreichbaren Kommissare des LKA.
»Falls wirklich die Neonazis hinter der Brandstiftung stecken, sind sie noch dümmer, als ich angenommen habe«, sagte sein Kollege kopfschüttelnd. »Der Algerier Moussouni als Sunnit ist ein Todfeind der iranischen Schia. Er wird sich ins Fäustchen lachen, wenn eine schiitische Moschee brennt.«
»Ganz abgesehen davon, dass ihm nichts Besseres passieren kann als ein Polizeiapparat, dem keine Zeit mehr bleibt, nach ihm zu fahnden«, ergänzte Hansen.
Wie recht er damit hatte, zeigte sich gegen Mittag. Zur selben Zeit, als Ajatollah Rahimi vor der Ruine zur Rede ansetzte, detonierten gegenüber im Alsterpark Knallkörper, die zwar keinen Schaden anrichteten, aber eine Massenpanik auslösten. Eine Horde Kahlköpfe, mit Baseballschlägern, Schlagstöcken und Messern bewaffnet, hatte sie geworfen, bevor sie begannen, auf die flüchtenden Demonstranten einzuprügeln. Rettungskräfte verloren wertvolle Zeit, bis sie zu den Verletzten vordringen konnten. Hansens Uhr zeigte Punkt 12:15 Uhr, als das erste Todesopfer über Polizeifunk gemeldet wurde. Gleichzeitig schrillten die Telefone in der Mordkommission.
»Eine Gruppe Verdächtiger zieht Richtung Eppendorf. Gehen wir«, sagte er nach kurzem Gespräch.
Als Letzte verließen er und sein Partner das Büro.
»Wo bleibt eigentlich die Verstärkung aus Mecklenburg und Bremen?«, fragte der Kollege, während er den Zündschlüssel suchte.
»Vergiss die Verstärkung. Bremen hat das gleiche Problem. Lübeck und Rostock stehen Gewehr bei Fuß.«
»Ick sach‘s ja, Kriech!«
Er legte die Stirn in Falten und fuhr ab.
Rostock
Jonas Ullrich wartete, bis die Wohnungstür ins Schloss fiel, bevor er sich der Treppe zuwandte. Bedrückt und enttäuscht stieg er langsam hinab, ohne auf den Lärm zu achten, der von der Straße ins Haus drang.
»Kennen wir uns?«, hatte der alte Mann mit dem Ulbricht-Bärtchen zum Abschied gefragt.
Ullrich wollte es erst nicht wahrhaben. Eine geschlagene Stunde lang erzählte er seinem ehemaligen Professor für Chemie und verehrten Mentor vom wissenschaftlich-technischen Wunderwerk, das er bei der ›TransX‹ in Lubmin, im nordöstlichen Zipfel Mecklenburg-Vorpommerns, geschaffen hatte. Er redete und redete begeistert auf den alten Mann ein, ohne zu erkennen, dass er ihm nur freundlich zuhörte, aber kein Wort verstand. Sein Mentor war dement. Der scharfe Verstand hatte sich endgültig schlafen gelegt. Trotz seines fortgeschrittenen Alters war es das erste Mal, dass Ullrich hautnah mit dieser Geißel der Menschheit in Berührung kam. Seine Eltern waren früh verstorben, lang bevor der Zerfall des Gehirns einsetzte, ebenso wie seine über alles geliebte Johanna. Die Begeisterung war verflogen. Das gleißende Licht der Junisonne auf dem gewachsten Parkett des Treppenhauses wollte nicht mehr zu diesem traurigen Sonntag passen.
Immerhin konnte er nun seinen Chef beruhigen. Der geniale Physiker und Gründer der ›TransX‹, Professor Volkmann, lebte in ständiger Angst vor Industriespionen, wahrscheinlich ein Erbe der DDR-Vergangenheit. Ullrich musste mit seinem Blut unterschreiben, bevor er seinen Mentor zur Betriebsfeier einladen durfte. Der alte Mann würde nicht erscheinen. Er hatte die Einladung wohl schon vergessen. Die Feier konnte ohne gefährliche ›Externe‹ stattfinden. Wehmütig dachte Ullrich an die Zeit an der Uni zurück, in der Alter und Verfall kein Thema waren. Alles schien damals möglich, als er noch überzeugt war, im guten Deutschland zu leben.
In Gedanken versunken trat er aus dem Eckhaus gegenüber der Marienkirche auf die Lange Straße. Gebrüll und der Gestank von Feuerwerkskörpern und Fackeln holte ihn augenblicklich in die Gegenwart zurück. Er stand unversehens mitten in der Meute, die johlend, ihre schwarz-roten Fahnen schwingend, vom Stadthafen über den Burgwall herauf dem Neuen Markt zuströmte. Immer lauter skandierten die meist jungen, kahlgeschorenen Männer Parolen wie: »Islamisten raus!«, »Deutschland den Deutschen!« und »Sieg Heil!«. Sein militärischer Bürstenschnitt und die Schnürstiefel, die er trug, um seinen kaputten Fuß zu schonen, legitimierten ihn als einen der Ihren. Ob er wollte oder nicht, schob und zerrte ihn die Meute der Nazis mit sich auf den Marktplatz, wo sein Auto stand. Sein Fuß stieß an die Bordsteinkante. Er stürzte beinahe, hielt sich jedoch im letzten Moment am Vordermann fest.
»Nicht schlappmachen, Alter!«, brüllte der ihm ins Ohr.
Er richtete sich auf und spürte einen Stich, als steckte ein Hunderter Nagel im Fuß. Es war die regelmäßig wiederkehrende Erinnerung an seine dunkle Zeit im ›Gelben Elend‹, der DDR-Justizvollzugsanstalt Bautzen, in der die Stasi sich nach Lust und Laune austoben durfte.
Mit einem Mal begriff er, was die Neonazis bis zum Siedepunkt aufheizte. Ein Demonstrationszug muslimischer Männer, Frauen und Kinder näherte sich von der Kröpeliner Straße her dem Neuen Markt. Sie trugen ruhig ihre Transparente, ohne sich von den Hasstiraden der Rechtsextremisten aufhalten zu lassen. Nur Minuten trennten die beiden Massen voneinander. Polizei war noch immer keine zu sehen. Die Zeiten haben sich geändert seit der Wende und nicht immer zum Besseren, ging ihm durch den Kopf.
Endlich übertönten die Sirenen der Einsatzwagen den Krawall um ihn herum. Eine Hundertschaft Polizisten in Kampfmontur, Knüppel in der einen, Schutzschild in der anderen Hand, begann, die Nazis einzukreisen und einen Puffer zum Zug der Muslime zu bilden. Ein paar Kahlköpfe warfen Steine und Flaschen auf die anrückenden Polizisten. Die meisten verließ der Mut nach der ersten Tränengas-Granate. Ullrich staunte, wie rasch sie die Übermacht des Gegners erkannten. Sie kühlten ihre Wut über die verhinderte Schlacht gegen die Muslime an Fensterscheiben und geparkten Fahrzeugen.
»Halt, das ist mein Auto!«, brüllte er den fetten Deppen mit dem Kindergesicht an, als der mit dem Baseballschläger ausholte.
Wortlos rannte der Junge weiter. Die Frontscheibe des nächsten Wagens barst in tausend Teile und verwandelte sich in undurchsichtiges Milchglas. Ein Ausläufer der Tränengaswolke streifte Ullrich. Keuchend und hustend, mit brennenden Augen tastete er nach dem Autoschlüssel und schaffte es wie durch ein Wunder, sich im Wagen in Sicherheit zu bringen, bevor die nächste Granate platzte.
Auf dem Weg zurück ins beschauliche Küstenstädtchen Lubmin gab es im Radio nur ein Thema: die dramatische Entwicklung in Hamburg und aufflammende Unruhen in Leipzig, Dresden und Berlin. Immer wieder fragte er sich, wie es möglich war in einer aufgeklärten Gesellschaft, dass ein einziges tragisches Ereignis eine derart extreme Gewaltwelle auslösen konnte. Als er seine Wohnungstür aufschloss, suchte er immer noch nach der Antwort.
Kapitel 3
Wadi Djedi, Algerien
Der sandfarbene Hummer passierte den Posten am Eingang zur Schlucht, ohne anzuhalten. Islam Bencherif hob kurz die Faust zum Gruß und als Zeichen, die zwei Kalaschnikows in der Grotte über der Wüstenpiste sehr wohl bemerkt zu haben. Ein paar Hundert Meter weiter stoppte er abrupt. Wie auf ein geheimes Zeichen füllte sich die felsige Einöde mit Leben. Ein flüchtiges Lächeln huschte über das Gesicht des Mannes am Steuer. Sein Camp im Wadi Djedi war hervorragend getarnt, unmöglich aus der Luft zu entdecken, solang sich die Bewohner in den Höhlen beiderseits der Schlucht verbargen. Bärtige Männer umringten das staubige Gefährt. Fäuste flogen in die Luft und Hochrufe begrüßten den Anführer, stets begleitet vom begeisterten »Allahu akbar!« – »Allah ist groß!«.
Islam Bencherif stieg aus und überließ es wie üblich seinem Adjutanten, das Fahrzeug ins Versteck zu fahren und die Spuren zu beseitigen. Er nickte seinen Brüdern nur kurz zu und zog sich mit Sorgenfalten auf der Stirn in seine Höhle zurück. Die Unterredung mit dem Emir war nicht nach seinem Wunsch verlaufen, ganz und gar nicht. Mehr denn je war er überzeugt vom nahen Ende der Herrschaft des Weisen, wie die Anhänger den Emir ehrfürchtig nannten. Der alte Mann zeigte zu viele Schwächen. Unfähig, die immer zahlreicheren Splittergruppen der AQIM, der gefürchteten al-Qaida des Islamischen Maghreb, zusammenzuschweißen, ruhte er sich auf seinen Lorbeeren aus, sonnte sich in den Lobpreisungen der einfachen Kämpfer und lebte nur noch in der Vergangenheit. Es war Zeit für eine Erneuerung, drohte der Heilige Krieg doch buchstäblich im Sande zu verlaufen. Dafür hatten er und die Zehntausende ehemaliger Freiheitskämpfer des FLN und des GIA nicht die unzähligen Opfer gebracht. Dafür lebten sie nicht das harte Leben der Guerilla. Der Feind war näher denn je. Die algerische Armee bereitete ihm weniger Sorgen als die französischen Truppen und die Blauhelme im benachbarten Mali. Die verfluchten Franzosen hatten seine lukrativste Geldquelle praktisch zum Versiegen gebracht. Der ehemals florierende Schmuggel südamerikanischer Drogen durch den Maghreb in den Nahen Osten und nach Europa existierte praktisch nicht mehr. Sie brauchten neue, sichere Routen. Deshalb war die Unterstützung oder mindestens Toleranz und Zurückhaltung der Tuareg des ›Mouvement national pour la libération de l’Azawad (MNLA)‹ so wichtig, doch der Emir lehnte Verhandlungen mit den in seinen Augen säkularen Nationalisten rundweg ab.
Motorenlärm schreckte ihn aus den Gedanken. Er erkannte den Jeep seines Technikers am röhrenden Geräusch. Kurz danach erschien die hagere Gestalt des jungen Fahrid Saadi am Eingang. Er grüßte ihn mit freundlichem Lächeln. Sein Techniker gehörte einer neuen Generation von Dschihadisten an. Wie die alten Kämpfer hatte er sich mit Leib und Seele der Sache der Gläubigen verschrieben, aber im Unterschied zu den meisten seiner Leute verfügte Fahrid über umfangreiche technische Kenntnisse und kämpfte vor allem mit seinem scharfen Verstand. Ohne jemanden wie Fahrid wäre sein großer Plan nicht umzusetzen.
»As-salamu alaikum«, grüßte der Techniker. »Das Paket ist auf dem Weg zum Hafen.«
»Gut, Fahrid. Ich habe nichts anderes erwartet. Die Brüder sind instruiert, wie wir besprochen haben?«
Fahrid nickte. »Sie sind bereit.«
Er wandte sich zum Gehen.
Islam Bencherif hielt ihn zurück. Er reichte ihm ein Papier mit der Bemerkung:
»Der Text für die Botschaft.«
Er geleitete Fahrid bis vor die Höhle, eine Ehre, die er nur wenigen Freunden zuteil werden ließ. Sein Blick wanderte vom jungen Hoffnungsträger zum Felsvorsprung gegenüber. Zwei Knaben, keiner älter als zehn, traten mit hängenden Köpfen auf die Behausung des greisen Mohammed Mokdad zu, den alle ehrfürchtig Abu Jihad nannten, Vater des Heiligen Krieges. Der Geistliche verkörperte den heiligen Eifer der Gerechten im Kampf gegen die Ungläubigen wie kein Zweiter. Für ihre Sache war er ebenso unverzichtbar wie sein Techniker. Daher genoss er seit jeher eine Art diplomatische Immunität. Islam Bencherif hasste ihn dafür, denn der Alte schreckte vor keiner Schandtat zurück, um seine grenzenlose Lust zu befriedigen. Die Koranschule für die Kleinen im Camp war nur die harmlose Fassade für das, was sich in Abu Jihads Höhle tagtäglich abspielte. Jeder wusste es. Im Camp gab es keinen Knaben, der nicht schon den Samen des Schänders geschmeckt, dem der Alte nicht schon das Glied in den Hintern gerammt hatte. Jeder musste wegsehen, auch er selbst, denn Abu Jihad verkörperte den Heiligen Krieg. Er war die Flamme Allahs auf Erden, das charismatische Symbol für nichts weniger als den Sinn ihrer Existenz. Abu Jihad war unantastbar. Von ihm geschändet zu werden, musste man als Ehre betrachten.
Islam Bencherif spuckte angewidert auf den Boden. Ungeduldig wartete er, bis die beiden Jungen die Höhle wieder verließen, dann machte er sich auf den Weg, um mit Abu Jihad die Predigt vorzubereiten.
Die Mittagssonne brannte wie Feuer und verwandelte die Schlucht in einen glühenden Ofen, als Abu Jihad zu seiner Predigt vor dem Freitagsgebet ansetzte. Bei Weitem nicht alle Männer des Camps fanden in der großen Grotte Schutz, die als Moschee diente. Vielen jungen Kämpfern und den Knaben blieb nichts anderes übrig, als in der prallen Sonne zuzuhören. Das Freitagsgebet war die einzige Versammlung unter freiem Himmel, die Islam Bencherif erlaubte. Die Gefahr, entdeckt zu werden, war stets gegenwärtig. Er durfte sie nicht unterschätzen. Er warf einen letzten argwöhnischen Blick in den wolkenlosen Himmel, bevor er die Grotte betrat. Sein Techniker setzte die Videokamera in Betrieb und gab dem alten Mann ein Zeichen. Es war ein eindrucksvolles Bild, das bald um die Welt gehen würde. Abu Jihad stand vor der riesigen Weltkugel, auf der die Kalaschnikow mit der schwarzen Flagge der AQIM als Symbol des Heiligen Krieges thronte. Er hob den Blick zur Felsenkuppel, streckte dabei den weißen Vollbart wie eine schützende Hand seinen Zuhörern entgegen und begann mit dem Ruf:
»Allahu akbar!«
»Allahu akbar!«, antworteten die Zuhörer wie aus einem Mund.
»Brüder«, fuhr er eindringlich fort, »ihr seid das Schwert Allahs.«
Mit den ersten Worten steckte er alle in die Tasche. Selbst Islam Bencherif ließ sich jedes Mal mitreißen. Der charismatische ›Chatib‹ blickte jetzt direkt in die Kamera. Der nächste Ausruf galt den vielen Zellen der al-Qaida rund ums Mittelmeer und im verhassten Europa. Er wandte sich an die kleinen, verstreuten Gruppen und einsamen Wölfe, die ungeduldig auf ihren Einsatz im Kampf der Gerechten warteten.
»Das Schwert Allahs ist unbesiegbar!«
»Allahu akbar!«, riefen die Männer mit erhobener Faust.
Das Echo der Grotte täuschte auf dem Video eine um ein Vielfaches größere Menschenmenge vor. Abu Jihad hob den Mahnfinger, bevor er weitersprach.
»Aber seid wachsam. Der Feind ist nah. Überall lauern die Heerscharen des Satans. Selbst Araber in diesem Land, die eigentlich unsere Brüder sein müssten, haben die gerechte Sache schändlich verraten. Sie verspotten den heiligen Koran und den Propheten, führen das lasterhafte Leben der Ungläubigen, kleiden sich wie Narren und Huren und lachen über die Gesetze der Scharia, die uns der Prophet selbst geschenkt hat. Sie werden ewig in der Hölle brennen!«
Wieder entlud sich die aufgeheizte Stimmung im Ruf: »Allah ist groß!«. Islam Bencherif teilte die Wut über den Betrug an der Revolution, die der Prediger ausdrückte. Er beurteilte die Zustände in den Ländern Nordafrikas differenzierter und hätte nüchterner gesprochen als Abu Jihad, aber der Alte traf den Kern des Problems. Europäischer Kolonialismus und seine moderne Form unter dem Deckmantel der ›Demokratisierung‹ hatte bisher stets Tod und Verderben gebracht, korrupte Politiker gezüchtet und die Gesellschaft gespalten durch extreme Ungleichheit. Verwahrlosung, Verbrechen und Massenexodus aus purer Verzweiflung bedrohten die Völker Nordafrikas. Die Jugend hatte keine Zukunft. So durfte es nicht weitergehen. Für ihn wie für Abu Jihad gab es deshalb nur ein vordringliches Ziel: die Befreiung der arabischen Muslime vom Ungeziefer aus Europa, Israel und den USA. Für diesen Heiligen Krieg, den Dschihad, hatte er schon in Afghanistan gegen den großen Satan gekämpft, weshalb ihn seine Brüder manchmal ›den Afghanen‹ nannten. Das Ziel war noch weit entfernt. Manche Schlacht musste noch geschlagen werden, aber sie kämpften für die gerechte Sache. Gott war auf ihrer Seite. Allahu akbar!
Die Predigt nahm den gewohnten Lauf. Abu Jihads Charisma zog die Männer auch an diesem Freitag in den Bann. Er verstand es wie kein Zweiter, ihrem harten Leben Sinn zu geben, indem er virtuos mit der latenten Unzufriedenheit spielte und gleichzeitig Balsam auf ihre wunde Seele tropfte. Die Zeit des Gebets nahte. Islam Bencherif fürchtete schon, die Predigt würde ohne den Aufruf enden, den er mit Abu Jihad besprochen hatte. Seine Furcht war unbegründet. Noch einmal wandte sich der Alte direkt an die Zuschauer draußen in aller Welt, die das Video in wenigen Minuten auf ihren Computerbildschirmen sehen würden:
»Frankreich schickt seine Söldner ins Nachbarland Mali, um unsere Brüder zu töten. Frankreich liefert der korrupten Regierung dieses Landes Waffen, um uns zu töten. In Deutschland werden unsere Brüder verfolgt, gedemütigt und eingekerkert. Moscheen brennen in deutschen Städten. Europa ist unser gefährlichster Feind. Brüder, die Zeit ist gekommen, das Schwert zu erheben! Europas Städte werden brennen. Denkt an die neunte Sure des heiligen Koran: Tötet die Ungläubigen, wo immer ihr sie findet. Die Ungläubigen werden zur Hölle fahren. Die große Schlacht hat begonnen. Allahu akbar!«
»Allahu akbar!«, schrien die Männer außer sich.
Marseille
Der Mann mit dem schwarzen Vollbart und der gehäkelten weißen Mütze blickte sich unauffällig um, bevor er den verwilderten Garten des Hauses am Boulevard de la Méditerranée unweit der Mairie betrat. Er fiel nicht auf in dieser Gegend mitten in den Marseiller Quartiers Nord, dem Ghetto nördlich der Frontlinie Canebière, welche den armen Norden vom reichen Süden trennt. Ihm folgten im Abstand weniger Minuten vier weitere Männer, die ihm auf den ersten Blick glichen wie ein Ei dem andern. Ihr Ziel war der Schuppen im Gebüsch hinter dem Haus, der Ort für ›Gipfeltreffen‹, Versammlungen unter höchster Geheimhaltung. Mohammed Hamidi, der als Erster eingetroffen war, hatte seine engsten Vertrauten zu dieser Sitzung befohlen, der wichtigsten seit Langem.
»Ihr habt das Video gesehen«, begann er.
Es war eine Feststellung, keine Frage. Die Männer murmelten zustimmend. Er nickte befriedigt und sprach weiter:
»Endlich ist es soweit. Der Plan wird ausgeführt wie vorgesehen.«
»Wann?«, fragte einer, während er die Landkarte des Küstenstreifens auf dem Tisch ausbreitete.
»Ich erwarte den Anruf jede Minute. Also gehen wir den Ablauf der Operation nochmals durch. Jeder Handgriff muss sitzen. Wir werden unsere Brüder nicht enttäuschen.«
Die Aufgaben waren längst verteilt. Mechanisch wiederholte jeder, was er zu tun hatte, beschrieb seinen Einsatz auf der Karte, zählte die Probleme auf, mit denen er rechnen musste und wie er in jedem Fall reagieren würde. Mohammed Hamidi war stolz auf seinen generalstabsmäßigen Plan und stellte beruhigt fest, wie perfekt ihn seine Leute verinnerlicht hatten.
»Gibt es Veränderungen am Objekt in letzter Minute?«, fragte er die beiden Beobachter, die das Ziel erkundet hatten.
»Nicht am Objekt selbst …«, antwortete Basem Mansour zögernd.
Er war der Jüngste unter ihnen, war aber dank dem langen Bart nicht von seinen älteren Brüdern zu unterscheiden.
»Was willst du damit sagen, Basem?«
»L‘initié, der Insider … Ich glaube, er könnte Schwierigkeiten machen.«
»Ich knall ihn ab, den Hund!«, schimpfte der Buchhalter, der sonst für die Finanzen des Drogengeschäfts zuständig war und sich jetzt um die Schmiergeldzahlungen der Operation kümmerte. »Keinen Centime mehr kriegt der Hurensohn.«
Mohammed Hamidi legte die Stirn in Falten und fragte lauernd:
»Will er uns erpressen?«
»Das wagt er nicht, aber er hat angedeutet, dass er Stoff braucht. Ich nehme an, das sagt er, weil er etwas von uns erwartet.«
Wieder wollte der Buchhalter aufbrausen, doch Mohammed Hamidi gebot ihm mit einer Handbewegung, zu schweigen.
»Gut beobachtet, Basem«, lobte er. »Ich würde dem Insider sofort die Kehle durchschneiden, das wisst ihr, aber wir brauchen ihn noch. Wir dürfen jetzt kein unnötiges Risiko eingehen.«
Wenige Tage noch mussten sie den Mann bei der Stange halten, der ihnen den Zugang zur Anlage ermöglichte.
Der Buchhalter räusperte sich.
»Wir haben noch etwas vom Dreck der Albaner übrig, den niemand kauft.«
Das verschmutzte Crack war der reine Killer. Wer es in der üblichen Dosierung konsumierte, spielte mit seinem Leben. Genau das Richtige für den Verräter – nur nicht jetzt, dachte Mohammed Hamidi. Mit der Aussicht auf dieses Teufelszeug hatten sie den Insider-Junkie in der Hand. Seine Stirn glättete sich, als er Basem den Auftrag gab.
»Gib ihm erst nur eine kleine Dosis, damit er weiß, was ihn erwartet – nach der Operation«, schärfte er ihm ein.
Der Ruf des Muezzin schreckte sie auf. Erregt griff er zum Satellitentelefon, von dem das Geräusch stammte. Außer den Versammelten kannte nur ein Mensch dieses Telefon und seine Rufnummer. Er erhob sich und meldete sich mit einem ehrerbietigen:
»Allahu akbar.«
Das Gespräch blieb kurz und einseitig. Er hörte schweigend zu, dann verabschiedete er sich mit einem einzigen Wort: »Verstanden« und legte auf. Die Versammelten hingen an seinen Lippen, während er bekanntgab, worauf alle warteten:
»Der 13. Juni.«
Côte d‘Azur
Chris spürte, wie Jamie sie aus den Augenwinkeln beobachtete. Sie war keine gute Gesellschafterin. Auf dem Flug von Frankfurt nach Nizza hatte sie kaum ein Wort gesprochen. Nun saß sie teilnahmslos auf dem Beifahrersitz des Mietwagens und ließ eine der schönsten Landschaften Europas vorüberziehen, ohne sie zu beachten.
»Es war die richtige Entscheidung«, sagte Jamie unvermittelt.
Da sie nicht antwortete, fügte er hinzu:
»Dein Partner braucht jetzt einfach Ruhe und Zeit, um zu genesen. Daran kannst du auch in Wiesbaden nichts ändern.«
»Trotzdem mache ich mir dauernd Vorwürfe«, murmelte sie. »Ich kriege das Bild von Sven nicht aus dem Kopf, wie er nur durch Maschinen am Leben erhalten wird.«
Jamie schüttelte den Kopf. »Da irrst du dich. Sein Körper hält ihn am Leben. Die Maschinen dienen nur der Unterstützung der Atmung und des Heilungsprozesses. Er wird wieder gesund. Für einmal darfst du den Ärzten ruhig vertrauen, wenn sie so etwas behaupten.«
»Was soll das jetzt wieder heißen?«, brauste sie auf.
»Nichts, was meinst du?«
Mit unschuldiger Miene konzentrierte er sich auf den gelben Lamborghini vor ihnen, der zu einem Überholmanöver ansetzte. Er schloss in die Lücke auf, die der Zuhälter-Bolide hinterließ, bevor er ihr aufmunternd zulächelte.
»Ist doch toll diese Gegend, findest du nicht?«
»Die Autobahn!«
»Ich meine all die schönen Dinge neben der Autobahn: die Pinienwälder auf den Hügeln, das Grün der Büsche auf dem roten Fels …«
»Porphyr.«
»Wie bitte?«
»Der rote Fels heißt Porphyr. Es ist ein Gefüge aus verschiedenen vulkanischen Gesteinen mit einem hohen Anteil an Feldspaten. Das Massif de l‘Estérel ist bekannt dafür.«
Er brach in lautes Gelächter aus.
»Danke für die Gratisvorlesung, Frau Professor. Immerhin hast du mitbekommen, wo wir uns gerade befinden.«
»Steht auf dem Navi.«
Sie fühlte sich doppelt schuldig, in die paar Tage Zwangsurlaub an der Côte d‘Azur eingewilligt zu haben. Sie war ein Feigling, der vor dem rauen Alltag des Jobs flüchtete, und die miserable Laune würde ihrem Geliebten die Freude am ersten Besuch Südfrankreichs gründlich verderben.
Am Ortsausgang von Sainte-Maxime kippte die Stimmung. Die Bucht von Saint-Tropez öffnete sich vor ihren Augen, als wollte sie die Fremden in die Arme schließen. Das Meer schimmerte in allen Blautönen, reflektierte die warmen Strahlen der hochstehenden Sonne direkt in ihr Herz. Sie streichelte Jamies Hand am Steuer mit dem Ende ihres Haarzopfs, das ein rotes Seidenband zu einem neckischen Pinsel bündelte, und flüsterte:
»Entschuldige. Du hast recht. Es ist wunderschön hier. Aber das Beste ist, dass du bei mir bist.«
»Das denke ich auch, ich meine umgekehrt – also, dass du …«
»Schon verstanden«, lachte sie.
Sie liebte es, wenn er stotterte. Das Gesicht, das er dabei machte, löste regelmäßig Hormonschübe bei ihr aus.
»Ist es noch weit?«, fragte sie unschuldig.
»Fünf Minuten, schätze ich.«
Port Grimaud, das künstliche Städtchen am inneren Ende der Bucht, grüßte sie mit einem unübersehbaren Verbotsschild: Zufahrt nur für Berechtigte. Es markierte gleichzeitig das Ende der Weisheit des Navigationsgeräts. »Sie haben Ihr Ziel erreicht«, verkündete die nette Dame.
»Jetzt wird‘s schwierig«, murmelte Jamie, als er auf dem Parkplatz anhielt.
Sie stiegen aus, um den Weg zur Rue du Ponant zu suchen. Die Siedlung bestand aus einem verwirrenden Netz miteinander verbundener Landzungen und Inseln. Ihr schien, die Anlage diente einzig dem Zweck, möglichst viele Anlegeplätze für teure Jachten zu schaffen. Das war den Architekten hervorragend gelungen. Die romantische Seite von Port Grimaud offenbarte sich ihnen, als sie später im Schritttempo über die Brücke am Ende der Rue du Ponant fuhren.
»Wir sind in Venedig!«, rief sie überrascht aus.
Die steinerne Brücke überquerte einen verträumten Kanal, gesäumt von Häuserzeilen in warmen Erdfarben. Schattige Arkaden, Säulengänge und Straßencafés verbreiteten den Zauber italienischer Gelassenheit. Raumhohe Rundbogenfenster und Balkone mit Geländern aus filigranem Eisengitter zierten Prachtbauten, die sich nicht vor den Palazzi am Canal Grande zu verstecken brauchten.
»Venise provençale nennen es die Franzosen«, dozierte Jamie.
»Klingt einleuchtend.«
Port Grimaud hatte auf den letzten paar Metern deutlich an Sympathie gewonnen. Das Haus von Richters Golfbekanntschaft Stresemann lag an der Südspitze einer kleinen Insel. Jamie parkte den Mietwagen neben einer metallisch silbernen E-Klasse Limousine im Schatten der Pinie auf dem Vorplatz. Kaum hatte sie die Tür aufgestoßen, trat ein sportlich gekleideter Herr mit grauem Kurzhaarschnitt und überlangen Beinen freudestrahlend auf sie zu und begrüßte sie auf Deutsch mit unverkennbar sächsischem Akzent:
»Sie müssen Dr. Hegel und Ihr Verlobter sein. Willkommen in Port Grimaud.«
Er stellte sich als Jochen Preuss vor, Wahlfranzose und Heimweh-Ossi.
»Ich wohne mit meiner Frau Manon im Nachbarhaus. Wir haben ein Auge aufs Haus der Stresemanns, wenn sie nicht da sind, was eigentlich immer der Fall ist.«
Er hielt ihr einen Schlüsselbund hin.
»Ihr Akzent kommt mir bekannt vor«, lächelte er. »Berlin?«
Bevor sie antworten konnte, schlug er sich an die Stirn und wandte sich auf Englisch an Jamie:
»Entschuldigen Sie, Dr. Roberts, wie ungeschickt von mir. Sie sind Engländer, nicht wahr?«
Jamies Gesicht war ein einziges Fragezeichen, als er nickte und antwortete:
»Wie Sie richtig vermuten, Mr. Preuss, bereitet mir Ihr ausgezeichnetes Englisch entschieden weniger Mühe als Ihr Deutsch.«
»Also bleiben wir beim Englisch.« Zu ihr gewandt, fügte er lachend hinzu: »Sie sollten Dr. Roberts unbedingt Ihre schöne ostdeutsche Sprache beibringen. Schließlich ist er Angelsachse.«
»Das versucht meine Mutter schon seit langer Zeit, ohne nennenswerten Erfolg.«
An der Haustür verabschiedete er sich mit der Bemerkung, die in ihren Ohren fast wie eine Drohung klang:
»Sie sind selbstverständlich zum Kaffee eingeladen. Lernen wir uns besser kennen. Kommen Sie einfach rüber, wenn Sie soweit sind.«
Etwas verloren sahen sie sich um im Haus der unbekannten Stresemanns.
»Woher kennt der meinen Namen?«, fragte Jamie mit einem Blick, als suchte er nach verborgenen Wanzen.
»Richter. Unser guter Oberstaatsanwalt Richter muss es seinem Bekannten beim BND erzählt haben. Ich frage mich, was er sonst noch alles ausgeplaudert hat. Preuss hält mich wohl für ein psychisches Wrack auf Reha. Wusstest du übrigens, dass wir verlobt sind?«
»Ich habe schon so etwas vermutet«, sagte er mit schiefem Grinsen, dann blickte er sie plötzlich betroffen an und fragte: »Meinst du, die beobachten uns?«
»Wer – der Nachrichtendienst? Quatsch, du bist doch nicht James Bond.«
»Aber du. Na wenn schon, die werden bald etwas erleben.«
Er nahm sie entschlossen bei der Hand und zog sie sanft zum Sofa unter dem falschen Picasso.
»Das Gepäck ist noch im Wagen«, protestierte sie, »und ich muss unter die Dusche, bin ganz verschwitzt …«
Seine Lippen verschlossen ihr den Mund. Ihre Zunge machte sich selbständig, spielte mit der seinen. Seine Finger zogen Kreise um ihre Brüste. Die Warzen stellten sich auf unter dem dünnen Leibchen, hart wie sein Penis in Erwartung der zupackenden Hand. Glückshormone sandten Stoßwellen wohliger Wärme durch ihren Körper. Sie schlang ihre Arme um seinen Hals und sog sich heftig atmend an seiner Zunge fest, um ihn mit Haut und Haaren zu verschlingen. Seine Hand massierte ihren Busen. Zwei Finger spielten mit dem Nippel. Sie stöhnte auf. Die Zunge entwischte ihr, suchte ihren Weg über das Handgelenk und den Innenarm zum Ansatz der andern Brust. Seine Nasenspitze streichelte die Achselhöhle, dass ihr Verstand augenblicklich verdampfte. Statt sich zu fragen, woher solches Geheimwissen kam, konzentrierten sich alle Synapsen darauf, den Orgasmus hinauszuzögern, bis sie sein Glied zwischen den Schenkeln spürte. Kaum berührte die Eichel ihr Feuchtgebiet, entlud sich das Gewitter im Gehirn, angefacht vom Schweißgeruch und der archaischen Lust, nichts anderes als sein geiles Luder zu sein. Erschöpft von der Intensität des Orgasmus verwandelte sie sich in seinen Händen zum willenlosen Spielzeug beider Begierden.
Nach der neuen Erfahrung stand sie mit weichen Knien in der Dusche. Sie zögerte, bevor sie in den Wasserstrahl trat, roch lüstern an ihren Achselhöhlen, fauchte sie an wie eine hungrige Raubkatze. Erst danach gestattete sie dem Wasser, die Spuren der Ekstase in den Ablauf zu schwemmen. Ihre Reisetasche stand auf dem Bett, als sie das Bad verließ. Die blonde Mähne bedeckte den Rücken bis fast zum Po, sonst trug sie nichts. Das blaue, trägerlose Strandkleid mit den Malven sollte passen. Sie hatte es noch nicht aus der Tasche gezogen, da stürmte Jamie aufgeregt ins Zimmer. Immerhin trug er seinen Slip.
»Du glaubst nicht, was ich entdeckt habe!«, rief er außer Atem, als hätte ihm die Treppe ins Schlafgemach das Letzte abgefordert.
Ihr nackter Körper schien ihn nicht zu irritieren. Strahlend schaute er ihr in die Augen und wartete auf ihre Frage.
»Eine versteckte Kamera?«, spekulierte sie.
»Besser. Komm mit, ich zeige es dir.«
Er ließ ihr keine Zeit, sich anzuziehen, zog sie mit sich ins Erdgeschoss hinunter, in eine Kammer, fast so groß wie das Wohnzimmer. Dort blieb er andächtig stehen.
»Und – was sagst du?«
»Ich hätte es mir denken können. Die Küche … Darf ich dich darauf aufmerksam machen, dass der Kühlschrank leer ist – falls du zu kochen gedenkst?«
Er schüttelte ungeduldig den Kopf. »Darum geht es nicht, sieh dich doch um! Fällt dir nichts auf?«
»Sieht alles ziemlich unbenutzt aus.«
»Das auch, aber die Ausstattung. Wer diese Küche eingerichtet hat, muss ein wahrer Meister sein. Mein Gott, das ist ein professioneller Dampf-Kombi-Backofen! Ein Wasserbad mit Thermostat für ›sous-vide‹ Kochen, ein Vakuumiergerät …«
»Fehlt nur noch der flüssige Stickstoff«, bemerkte sie trocken. »Eine tolle Küche hast du da, echt. Darf ich mich jetzt anziehen?«
Jamies Entdeckung diente auch als Einstieg in die Unterhaltung auf dem Sitzplatz der Preussens im Schatten der Pergola am Wasser. Chris fürchtete, ihr ›Verlobter‹ würde die zierliche, fast zerbrechliche Manon Preuss in ein abendfüllendes Fachgespräch über moderne Kochkunst verwickeln. Sie beruhigte sich auf der Stelle, als Mrs. Preuss misstrauisch fragte:
»Sind die Geräte auch angeschlossen?«
Jochen Preuss lachte ob dem verblüfften Gesicht des Gastes.
»Sie müssen wissen: Wir reiten eher auf der Mikrowelle«, erklärte er.
»Das wäre allerdings eine ganz neue Erfahrung für unsern Dr. Roberts«, lachte Chris.
Sie versuchte, das Gespräch unauffällig in die Richtung zu lenken, wo sie mehr über die Preussens und Staatsanwalt Richters Bekannten im BND erfuhr, ohne allzu viel über sich selbst preiszugeben. Sie war gut in dieser Übung und verfügte über reiche Erfahrung, aber bei Preuss biss sie auf Granit. Der Mann war auf der Hut, wehrte alle Versuche, in seine Geheimnisse einzudringen, elegant ab. Sie erfuhr lediglich, dass die beiden sich schon vor einer Ewigkeit in Port Grimaud niedergelassen hatten, zu einer Zeit, als man die Häuser hier noch nicht mit Gold aufwiegen musste.
»Heutige Preise können sich nur noch reiche Russen und Araber leisten«, meinte Manon Preuss dazu.
Jamie deutete auf die Luxusjachten an den Kais und sagte mit ironischem Lächeln:
»Hier gibt es wohl keine Rezession.«
Jochen Preuss nickte. »So ist es«, wir leben auf einem andern Planeten.«
»Außer montags und samstags«, schränkte seine Frau ein.
»Ja, am Samstag geht‘s normalerweise auf den Markt, da gibt’s gewöhnliche Menschen, und Montag ist unser freier Tag.«
»Sie sind doch in Rente«, warf Chris überrascht ein. »Ist da nicht jeder Tag ein freier Tag?«
Die beiden Gastgeber schmunzelten.
»Im Prinzip schon«, gab Jochen Preuss zu. »Unter frei verstehen wir allerdings etwas anderes.«
Manon brachte es auf den Punkt: »Frei vom Partner. Jeder tut, was er will, ohne dem andern Rechenschaft darüber abzulegen. Ich verbringe den Tag auf meine Art, und ich will nicht wissen, was Jochen am Montag in Marseille tut. So läuft es seit vierzig Jahren bei uns ohne Probleme.«
Interessanter Ansatz, dachte Chris. Im Grunde genommen verhielt es sich bei ihr und Jamie ähnlich, nur nicht beschränkt auf den Montag.
»Du weißt genau, womit ich mich in Marseille beschäftige«, korrigierte Jochen Preuss seine Gattin.
»Na ja – ich will aber nichts davon wissen.«
Ihr Mann wandte sich lächelnd an die Gäste. »Manon hat bloß Angst, dass mir eines Tages etwas zustößt in der Stadt des Verbrechens. Unnötige Angst, wie ich betonen möchte. Ich betreue dort ein wichtiges Projekt mit Jugendlichen aus der Unterschicht, das ist alles. Wissen Sie was? Ich nehme Sie beide einfach mit am Montag …«
»Bloß nicht!«, unterbrach Manon entsetzt.
Chris reagierte sofort.
»Das würde mich brennend interessieren«, versicherte sie, ohne sich um Jamies betroffenes Gesicht zu kümmern.
Es wäre die Gelegenheit, mehr über den redseligen und doch so verschlossenen Jochen Preuss zu erfahren.
Bethioua, Algerien
Mitternacht war vorbei. In den Häusern der kleinen Gemeinde Bethioua an der algerischen Küste brannten keine Lichter. Nur die riesige Industrieanlage im Westen war taghell erleuchtet, als die zwei vermummten Männer das Paket, schwer wie ein Koffer voller Steine, vorsichtig über die Rampe ins Schlauchboot rollten. Sie mussten möglichst jede Erschütterung vermeiden. So hatte man sie instruiert und daran hielten sie sich, ohne zu wissen, was sie transportierten. Sie sahen sich wortlos um, bevor sie die Leine lösten. Niemand hatte sie bemerkt. Der Jüngere der beiden startete den Motor. Er ließ die Maschine nur auf niedriger Stufe laufen, um möglichst wenig Lärm zu verursachen. Sie waren nicht in Eile. Die wenigen Kilometer schafften sie auch im Schneckentempo bis zum vereinbarten Zeitpunkt.
Ein Windstoß schleuderte das ›RIB‹ so heftig gegen die Holzpfähle des alten Docks, dass der Behälter hart an die Hülle des Boots prallte. Der Mann am Steuer ließ vor Schreck das Ruder fahren.
»Merde, der verfluchte Scirocco!«, rief er dem Pelikan hinterher, dessen Nachtruhe sie gestört hatten.
Der Wind sorgte für ungewöhnlich hohe Wellen. Unter normalen Umständen wären sie niemals bei diesem Wetter ausgelaufen, aber das Paket musste heute Nacht aufs Schiff, und die Bezahlung war besser als sonst.
»Halt das verdammte Ding fest!«, schrie er seinen Partner an, der tatenlos zusah, wie das Paket gefährlich hin und her rutschte.
In weitem Bogen kämpften sie sich durch die raue See dem Dock 3 des Flüssiggas-Terminals entgegen. Der Steuermann achtete darauf, nicht in den Lichtkegel der Scheinwerfer zu geraten. Die letzten Meter entschieden über Erfolg oder Misserfolg des Transports. Im schlimmsten Fall würden sie die Ladung ins Meer kippen, falls die Küstenwache unerwartet auftauchte. Das war bisher nur einmal mit einer Lieferung Koks geschehen. Ein Jahr lang mussten sie danach umsonst arbeiten, aber immerhin lebten sie noch.
Die Betankung der blauen ›Baleine‹ mit den leuchtend weißen Buchstaben ›LNG‹ am Rumpf war noch im Gang. Der Umstand erleichterte ihr Vorhaben, da die Aufmerksamkeit der Crew dem Terminal, der Pipeline und den Schläuchen und Ventilen für das Flüssiggas galt. Nur der Empfänger der Ware würde sich für sie interessieren.
Wie erwartet, öffnete sich backbords eine Luke, kurz bevor sie anlegten. Der Ladebaum schwenkte aus. Sie befestigten das Paket am Geschirr des Flaschenzugs, sahen zu, wie die Fracht im Bauch der ›Baleine‹ verschwand. Ohne ein Wort zu wechseln, legten sie wieder ab, erleichtert, das unheimliche Zeug los zu sein.
Kapitel 4
Marseille
Die ›Bonne Mère‹, Marseilles ›Gute Mutter‹, grüßte vom Kirchturm von Notre-Dame de la Garde, als Jochen Preuss den Mercedes am Zaun der Brache am Boulevard de la Méditerranée parkte.
»Manon würde uns jetzt beschwören, auf keinen Fall auszusteigen«, sagte er schmunzelnd zu seiner Begleiterin. »Sie bekäme einen Herzanfall, wenn sie wüsste, dass ich hier im Ghetto überhaupt anhalte.«
Sein Kommentar beruhigte Chris nicht sonderlich. Mit gemischten Gefühlen trat sie auf das Haus zu, das eher wie eine Garage wirkte. Der Kalk an den Wänden bröckelte überall dort, wo ihn nicht Plakate zusammenhielten. Zwei Teenager beobachteten sie aus einem düsteren Hauseingang. Jochen Preuss nickte ihnen mit einem Handzeichen freundlich zu, worauf einer ebenso freundlich auf den Boden spuckte.
»Ist das eine Art Geheimsprache?«, fragte sie irritiert.
Preuss lachte. »Könnte man sagen. Keine Sorge, die beiden sind harmlos. Sie passen auf mein Auto auf.«
»Ihr Vertrauen möchte ich haben.«
Er stieß die Tür auf. Lebhaftes Geplauder empfing sie.
»Schade, dass Ihr Verlobter nicht mitkommen konnte«, sagte Preuss.
Sie zuckte die Achseln. »Ich weiß nicht … Er hat es nicht so mit dem Sozialen, und er muss wirklich an seinem Referat für Algier arbeiten. Ich frage mich, wieso die den Ärztekongress ausgerechnet in Algerien durchführen müssen.«
»Die Veranstaltung hat Symbolcharakter. Nach dem arabischen Frühling will sich Algerien als stolze, fortschrittliche Nation präsentieren. So ein hochdotierter Ärztekongress bringt willkommenes Prestige – und Devisen.«
Eine Frau um die fünfundzwanzig mit weißem Kopftuch und auffallend großen, schwarzen Augen kam ihnen entgegen. Preuss stellte sie vor:
»Das ist Amira Saidi. Sie ist Lehrerin und die gute Seele dieser Einrichtung. Amira, das ist Dr. Chris Hegel. Sie ist zu Besuch und interessiert sich für unsere Arbeit hier.«
Amira schüttelte ihr lächelnd die Hand und hieß sie willkommen.
»Es herrscht gerade ein ziemlicher Betrieb«, entschuldigte sie die lautstarke Unterhaltung im Hintergrund. »Die Schüler haben die Ergebnisse der Vorprüfung bekommen.«
»Das ist also eine Schule?«, fragte Chris mit einem Blick auf Jochen Preuss. Ihr Französisch klang etwas eingerostet, aber doch verständlich.
»So etwas Ähnliches«, antwortete er. »Amira und ihre Kollegen bemühen sich, jungen Leuten eine zweite Chance zu geben. Es sind Schulaussteiger und Kinder, die wegen ihres Immigrationshintergrundes besondere Schwierigkeiten haben. Diesen jungen Leuten geben Amira und die andern zwei Lehrer gratis Nachhilfeunterricht.«
»Sie werden vom Staat unterstützt, nehme ich an«, fragte Chris die gute Seele.
Amira lächelte säuerlich. »Ein wenig, und es wird immer weniger. Schulen, vor allem diese Art Einrichtungen für Benachteiligte, sind immer das erste Ziel von Sparübungen. Wir hätten längst aufgeben müssen ohne Monsieur Preuss.«
»Ach, Sie sind der Sponsor?«
Jochen Preuss schüttelte den Kopf. »Das würde meine finanziellen Möglichkeiten bei Weitem übersteigen. Ich – koordiniere lediglich.«
»Sie sind zu bescheiden, Monsieur«, widersprach Amira. Zu Chris gewandt, sagte sie: »Monsieur Preuss hat sehr gute Verbindungen in den Süden, wo die Reichen von Marseille wohnen. Er sorgt dafür, dass Sponsorgelder fließen.«
»Man tut, was man kann«, wehrte Preuss bescheiden ab. »Erst habe ich versucht, den jungen Leuten selbst etwas Kunstverständnis beizubringen. Damit bin ich aber kläglich gescheitert. Es ist wichtiger, dass die Kinder erst mal richtig Französisch lernen. Schöne Künste sind dann die nächste Kulturstufe.«
Chris war sprachlos. Jochen Preuss wandelte sich gerade vom etwas redseligen, geruhsamen Rentner zum seriösen Sozialarbeiter, der nicht nur Kinder unterstützte, die sonst auf der Straße landen würden, sondern auch Amira und ihren Kollegen bezahlte Arbeit verschaffte. Sie verstand immer weniger, weshalb seine Frau Manon nichts davon wissen wollte.
»Ich müsste kurz etwas mit Amira besprechen«, sagte er, »dauert nicht lang. Sehen Sie sich in der Zwischenzeit ruhig um.«
Die beiden zogen sich in die Nische mit dem antiken Computer zurück, die als Büro diente. Neugierig schlenderte sie in die Richtung, aus der das Stimmengewirr kam. Eine Gruppe Jungs hatte sich um ein Tischfußballspiel versammelt. Erst beachtete sie niemand, doch plötzlich stockte das Spiel. Grinsende Gesichter drehten sich ihr zu. Ein anzüglicher Pfiff provozierte Gelächter, als hätte sie ein Eigentor versenkt.
»Hallo Jungs«, grüßte sie salopp, bemüht, ihre Überraschung zu verbergen.
Einige der ›Kinder‹ waren bereits junge Erwachsene, deren Blicke ihr ungeniert zu verstehen gaben, dass sie perfekt in ihr Beuteschema passte.
»Darf ich mitspielen?«, fragte sie mit gezwungenem Lächeln.
Die Frage löste eine kurze, heftige Kontroverse aus. Halb französisch, halb arabisch stritten sich die beiden Teams darum, wer den Platz für sie räumen musste, angestachelt von Buhrufen und dem Gelächter der Zuschauer. Schließlich setzte sich der junge Mann durch, der gut pfeifen konnte.
»Enttäusch mich nicht!«, warnte er zwischen den Zähnen, bevor das Spiel weiterging.
Kaum rollte der Ball das erste Mal zwischen ihren Spielern durch, erstarrten die jungen Leute mit einem Schlag. Niemand bewegte sich und eisiges Schweigen herrschte wie in Dornröschens Schloss nach dem Stich der giftigen Spindel. Ein Mann mit Wollkappe und dichtem schwarzem Bart trat auf ihren Spielpartner zu, ohne sie zu beachten. Er fixierte ihn mit stechendem Blick aus dunklen Augen und packte ihn am Kragen, als wäre er ein bockiger Welpe. Er schleuderte ihm ein paar zornige Wörter auf Arabisch an den Kopf und zerrte ihn hinaus, ohne dass der Teenager sich wehrte. Auch sonst rührte sich niemand. Keiner wagte, den Mund zu öffnen, bis die beiden im Korridor verschwanden. Verdutzt ließ sie die Griffe am Spieltisch los und setzte ihnen nach. Der Bärtige redete verärgert auf den Jungen ein, der ihm zahm folgte. Wenigstens wandte der Ältere keine Gewalt an. Trotzdem wollte sie wissen, was vor sich ging. Sie kam nicht dazu, ihn zu fragen. Jochen Preuss stand plötzlich im Flur, gab ihr ein beruhigendes Zeichen und stoppte den Bärtigen mit dem Ruf:
»Mohammed!«
Die Männer kannten sich. Mohammed machte seinem Ärger mit einem arabischen Redeschwall Luft, gestikulierte dabei und zeigte mehrfach auf sie mit einem Gesicht, als hätte er ein faules Ei verschluckt. Preuss beschwichtigte ihn freundlich, aber bestimmt. Dabei sprach er fließend arabisch wie der Bärtige. Nach eingehender Diskussion beruhigte sich der Mann. Der Junge durfte gesenkten Hauptes zu seinen Kameraden zurückkehren, während der Bärtige das Haus verließ.
»Wer war das?«, fragte sie Preuss später im Auto.
Er fuhr nachdenklich ein Stück weiter, bevor er antwortete:
»Mohammed Hamidi, ein streng gläubiger Moslem. Er sorgt sich um die moralische Integrität seines jüngsten Bruders. Wahrscheinlich hat ihn die Wache alarmiert.«
»Alarmiert? Weshalb denn? Welche Wache?«
Er schmunzelte. »Die Teenager, die auf das Auto aufpassen. Wie alle haben sie größten Respekt vor Mohammed Hamidi.«
Sie hätte sich anders ausgedrückt. Was sie gesehen hatte, drückte weniger Respekt als pure Angst aus. Der Bärtige schien so etwas wie der Herrscher des Viertels zu sein. Sie behielt den beunruhigenden Gedanken für sich, sagte stattdessen:
»Monsieur Hamidi schien nicht gerade angetan zu sein von meiner Anwesenheit.«
»Na ja – wie gesagt, er ist streng gläubiger Moslem. Er war etwas schockiert, seinen Bruder neben einer Frau im Trägerleibchen mit sommerlichem Ausschnitt zu sehen.«
Sie konnte nicht glauben, was sie hörte. »Ich dachte, wir sind in Marseille, nicht in Saudi-Arabien«, murmelte sie betroffen.
»Marseille hat viele Facetten, wie alle Großstädte. Wie auch immer, es ist ja nichts passiert. Er hat sich beruhigt, nachdem ich ihm erzählt habe, wie wichtig Sie als Sponsorin für uns sind.«
Sie lachte laut auf, kramte einen Zwanzig-Euro-Schein aus der Tasche und legte ihn aufs Armaturenbrett.
»Damit Ihr Schwindel nicht so schnell auffliegt«, erklärte sie dazu. »Wie kommt es, dass Sie so gut Arabisch sprechen?«
»Ich habe es gelernt«, grinste er, »in Paris an der Sorbonne. Dort habe ich vor hundert Jahren Orientalistik studiert. Ich war immer fasziniert von der Sprache und Kultur der arabischen Welt, was mir auch den Spitznamen ›l’arabe‹ eingetragen hat. An der Uni in Paris habe ich übrigens Manon kennengelernt.«
»Dann hat sich Ihr Studium ja gelohnt.«
Er nickte und murmelte versonnen lächelnd: »Kann man sagen … kann man wirklich sagen.«
Port Grimaud, Côte d‘Azur
Chris streifte die Schuhe ab und trat barfuß auf die Terrasse. Die Sonne hatte die Granitplatten aufgeheizt. Schon am frühen Morgen gaben sie wohlige Wärme ab. Es war beinahe windstill, was ihren Geliebten zu sportlicher Aktivität anstachelte. Mit gemischten Gefühlen sah sie den beiden Männern zu, wie sie versuchten, den Außenbordmotor des alten Schlauchboots anzulassen.
»Das Ding gehört ins historische Museum«, brummte Jochen Preuss, als der Zweitakter wieder nur zwei Takte schaffte.
Sie heuchelte Mitgefühl: »Kann ich helfen?«
Jamie schüttelte den Kopf. »Das ist Männersache.«
»Sieht nicht so aus. Wie lang übt ihr schon?«
»Die Stresemanns haben sich mit der Küche entschieden mehr angestrengt als mit ihrem Boot«, musste Jamie zugeben.
Preuss richtete sich ächzend auf, reckte sich und sagte:
»Mein Angebot steht. Sie können unsern bescheidenen Kahn benutzen. Immerhin bietet der genug Platz für zwei Personen und den Captain.«
Der Motor überlebte die ersten zwei Takte. Er jammerte mitleiderregend vor sich hin, aber die Schraube drehte sich.
»Nicht nötig«, rief Jamie.
Er streckte strahlend die Hand aus, um ihr an Bord zu helfen. Resigniert verabschiedete sie sich von Jochen Preuss:
»Schicken Sie uns einen Suchtrupp, wenn wir zum Kaffee nicht zurück sind.«
Jamie saß betont lässig am Ruder wie ein alter Fischer, der den Weg durch das verwirrende Netz verzweigter Kanäle mit geschlossenen Augen fand. Auf seinem Gesicht jedoch spiegelte sich eine innere Anspannung, dass sie schließlich beruhigend eingreifen musste:
»Gut machst du das.«
Er musterte sie misstrauisch. »Du ziehst mich auf.«
»Nichts liegt mir ferner. Verrätst du mir, wohin die Reise geht?«
Er zuckte die Achseln. »Habe ich mir noch nicht überlegt. Ein Stück an der Küste entlang Richtung Saint-Tropez, was meinst du?«
»Die lassen uns da nie und nimmer anlegen mit dieser aufblasbaren Badewanne.«
»Wir können uns auch einfach treiben lassen, schwimmen, den freien Tag auf dem Wasser genießen.«
Er steuerte das Boot im Schneckentempo auf die Bucht hinaus. Sie entfernten sich nach ihrem Geschmack zu weit von der Küste. Einer Küste, die ihren Namen Tagen wie diesem verdankte. Versonnen blickte sie aufs himmelblaue Meer hinaus. Das Städtchen an der Spitze der Landzunge musste das berühmte Saint-Tropez sein, ganz niedlich anzusehen aus der Distanz. Sie drehte sich auf den Bauch, schob den Sonnenhut in den Nacken und begann, die Wellen zu zählen. Jamie drosselte den Motor noch weiter, bis er verstummte. Erschrocken fuhr sie auf.
»Wenn er nun nicht mehr anspringt?«
»Gute Frage«, murmelte er betroffen.
Beim zweiten Versuch lief die Maschine wieder. Jamie wischte sich die Schweißperlen von der Stirn und drehte den Benzinhahn wieder zu.
»Kein Problem, wie du siehst.«
Von der Vergangenheit auf die Zukunft eines Motors zu schließen, der an Depressionen litt, war verwegen, doch sie schwieg. Der sanfte Wellenschlag und hin und wieder der Schrei einer Möwe unterstrichen die Stille inmitten der Bucht. Lange Zeit lagen sie in Gedanken versunken nebeneinander, jeder in seiner eigenen Traumwelt, weitab vom Alltag.
»Wovon Sven jetzt wohl träumt«, fragte sie unvermittelt. »Träumt man im Koma?«
»Medikamente wie Pentobarbital oder Thiobarbital reduzieren die Hirnaktivität drastisch, aber das Organ arbeitet weiter. Das wird laufend mit dem EEG kontrolliert. Viele Patienten behaupten nach dem Aufwachen, sie hätten geträumt, was durchaus möglich ist.«
»Da spricht der vorsichtige Mediziner«, lachte sie.
Es war kein befreites Lachen. Beim Gedanken an ihren Partner auf der Intensivstation erschien ihr das Blau des Wassers mit einem Mal eine Spur dunkler und bedrohlicher. Jamie spürte es. Er nahm sie in die Arme und hielt sie fest.
»Bald hat er es überstanden«, flüsterte er ihr ins Ohr.
Eng an seinen Körper geschmiegt, wurde ihr die Hoffnung allmählich zur Gewissheit. Alles würde sich doch noch zum Guten wenden. Ahmed Moussouni würde auspacken, sein Bruder Hassan gefasst werden und Sven wäre wieder ihr alter Partner, als hätte Hamburg nie stattgefunden. In Jamies Armen gab es nur den optimistischen Blick in die Zukunft. Im Augenblick stimmte einfach alles. Als er den Griff lockerte, zog sie ihn fester an sich und sagte leise:
»Ist gut so.«
Das Boot schaukelte sanft auf den Wellen. Eine Schönwetterwolke schob sich vor die Sonne und sorgte für willkommene Abkühlung. Sie brauchten nicht zu reden, um ihr Glück zu genießen. Sie kommunizierten auf andere Weise und verstanden sich auch so. Sie gehörten zusammen, zwei Wesen in perfekter Symbiose. Fast perfekt jedenfalls. So gut es eben ging in dieser Welt mit tausend Unbekannten. Sie sah ihm ins Gesicht und hätte schwören mögen, ihm schwirrten die gleichen Gedanken durch den Kopf.
Er räusperte sich. »Chris?«
»Hmm?«
»Willst du meine Frau werden?«
Der Schock katapultierte sie aus seiner Umarmung. Ein Fuß stieß an die Bootswand. Sie verlor das Gleichgewicht und fiel rücklings mit Strandkleid und Sonnenhut ins Wasser, bevor Jamie seine Hand ausstrecken konnte. Mit einem Schreckensruf sprang er ihr nach. Sie strampelten im Wasser, eng umschlungen wie zwei Kröten im Frühling, bis sie am Boot Halt fand.
»Entschuldige«, keuchte er. »Das war dumm von mir, dich so zu überfallen. Eine altmodisch romantische Vorstellung – ich meine – wir sind doch sowieso zusammen – was würde sich überhaupt ändern …«
Sie legte ihm einen Finger auf die Lippen, dann kletterte sie ins Boot, schwerelos wie die Möwe in der lauen Brise. Er blieb wie ein Stoßdämpfer an der Hülle hängen, warf ihr dabei so leidende Blicke zu, als übte er genau diese Funktion aus. Ihr Herz pumpte heißes Blut durch die Adern, dass sie glaubte, es rauschen zu hören wie das Meer. Sie verschloss ihm den Mund mit einem langen, innigen Kuss, bevor sie ihm die einzig mögliche Antwort ins Ohr hauchte:
»Oui!«
Sie spürte, wie seine Anspannung nachließ. Ein verlegenes Lächeln erschien auf seinem Gesicht.
»Das …«, begann er, stockte und schluckte leer.
Sie nickte lachend. »Das ist Französisch und heißt ›ja‹!«
»Das ist wunderbar, wollte ich sagen. Ich kann es gar nicht fassen. Chris, Liebste …«
Tausend Gedanken stürzten auf sie ein, während sie sich in stillem Glück umarmten, als dürfte sie nie mehr etwas trennen. Er schien vergessen zu haben, dass er immer noch mitsamt den Kleidern im Wasser hing.
»Willst du nicht reinkommen? «, fragte sie nach einer Ewigkeit.
Sie half ihm ins Boot. Beide streiften die nassen Kleider vom Leib und legten sie zum Trocknen aus. Er stand nackt vor ihr und stieß einen tiefen Seufzer aus, als wäre die Last seines Junggesellenlebens von ihm abgefallen.
»Mein Gott, Chris! Du kannst dir nicht vorstellen, was für eine Scheiß Angst ich vor deiner Antwort gehabt habe.«
Sie zog ihn an ihren Busen, damit er die wässrigen Augen nicht sehen konnte. Als Realistin hing sie längst nicht mehr an der romantisch verklärten Vorstellung des Teenagers von Traumhochzeit und ewigem Glück. Insgeheim aber hatte sie jahrelang auf seine fünf Worte gewartet.
»Wärst du ins Wasser gegangen, wenn ich Nein gesagt hätte?«, fragte sie nach einer Weile.
»Augenblicklich!«
»Aber du kannst schwimmen …«
»Nicht nach deinem Nein.«
Seine feuchte, warme Haut regte ihre Hormonproduktion an. Die Wirkung der Körpersäfte spürte sie deutlich in ihrem Schoß.
»Kannst du das nochmals machen wie neulich …«, flüsterte sie.
Das Salz auf ihrer Haut trieb ihn zu neuen Entdeckungsreisen an. Die beiden Körper verschmolzen zu einem Knäuel aus purer Leidenschaft. Die Sorge um ihren Partner, der Job, die Brüder Moussouni, der unheimliche Mohammed Hamidi in Marseille, alles rückte in weite Ferne. Jetzt musste die Zeit einfach stehen bleiben.
Sie hatte keine Vorstellung davon, wie lang sie schon auf den nassen Kleidern zuckten wie Fische, die das Wasser suchen, als lautes Gelächter sie plötzlich in die Gegenwart zurückholte. Sie stoben auseinander, schossen auf und starrten mit roten Köpfen in die grinsenden Gesichter von Jugendlichen, die in kleinen Jollen einen Kreis um sie bildeten. Anzügliche Rufe wurden laut, deren Sinn auch Jamie ohne Französischkenntnisse sofort verstand. Ihr erster Reflex war, die Blöße zu bedecken, dann verzichtete sie darauf. Die Bande hatte sowieso schon alles gesehen. Jamie spielte nach dem ersten Schreck den coolen Engländer. Er winkte den Seglern mit seiner schwarzen Unterhose zu und rief:
»Sie hat Ja gesagt! Oui!«
Antibes, Côte d‘Azur
»Sie ahnen nicht, worauf Sie sich einlassen«, warnte Chris Jochen und Manon Preuss am Eingang zur Markthalle von Antibes.
Jamie war bereits untergetaucht. Mit einem flüchtigen »Excuse me« hatte er sich unters Volk gemischt, das wie in einer Prozession an den Marktständen vorbeizog, vor den Auslagen mit Früchten, Gemüse, Gewürzen, Wurst und Bergen aus Käse stehen blieb, lebhaft über das Angebot diskutierte und die Einkaufstaschen füllte.
»Wahrscheinlich hat er den Grund, weshalb wir hier sind, schon vergessen«, fügte sie hinzu, während sie über Knoblauch staunte mit Zehen größer als ihre.
»Danken Sie Gott, dass ihr zukünftiger Ehemann nur das harmlose Kochen als Hobby betreibt«, bemerkte Manon mit einem vielsagenden Seitenblick auf ihren Jochen.
Der zuckte schmunzelnd mit den Achseln und entgegnete:
»Gerade beim Kochen kann man sich schwer die Finger verbrennen.«
Die Fahrt an der Küste entlang nach Antibes und weiter über die Corniche war nicht als Einkaufsbummel gedacht. Die Preussens hatten sie spontan zu dieser kleinen, vorgezogenen Hochzeitsreise eingeladen. Chris blickte ungeduldig auf die Uhr. Ihr Zukünftiger musste sich beeilen, wollten sie um die Mittagszeit in Èze sein. Unvermittelt stand er neben ihr. Er hielt ihr die Einkaufstüte unter die Nase und sagte begeistert:
»Riech mal. Das müsst ihr euch ansehen. Frische Feigen, Oliven wie Hühnereier, Rosmarin, Thymian – und dieser Knoblauch!«
Seine Hand fuhr in den Sack und brachte ein mit Blättern und Bast umwickeltes Paket zum Vorschein.
»Echter, unverfälschter ›Banon‹. Was sagst du jetzt?«
»Was soll ich sagen. Es wird spät.«
»›Banon‹! Chris, der berühmte provenzalische Ziegenkäse.«
Manon Preuss betrachtete die prall gefüllte Tüte, als sähe sie die Produkte der südfranzösischen Landwirtschaft zum ersten Mal.
»Was haben Sie mit all den Sachen vor?«, fragte sie ungläubig.
»Das gibt wunderbare Vorspeisen, Kräuter und Gewürze kommen in den Lammtopf und die Feigen mit frischem Zimt eignen sich hervorragend als Nachtisch. Lassen Sie mich nur machen …«
Jochens Handy unterbrach ihn. Preuss sah auf den Bildschirm. Sorgenfalten zeichneten sich auf seiner Stirn ab.
»Entschuldigung, ist dringend«, sagte er, wandte sich ab.
Er führte eine kurze, erregte Unterhaltung auf Arabisch. Seine Stimme verriet äußerste Anspannung. Als er das Telefon einsteckte, sah er blass aus.
»Ich muss dringend nach Marseille.«
»Das kannst du uns nicht antun«, protestierte Manon.
Er sah Chris schuldbewusst an.
»Ich bin untröstlich, aber es geht nicht anders. Wir werden das alles nachholen, versprochen.«
»Was ist denn los?«, wollte sie wissen.
Die Frage blieb unbeantwortet. Mit schnellen Schritten ging er voran Richtung Parkplatz.
Port Grimaud, Côte d‘Azur
Chris hatte sich die kleine Hochzeitsreise eine Spur gemütlicher vorgestellt. Jamie wohl auch. Sie saßen beide mit langen Gesichtern im Café am Kanal schräg gegenüber ihrem Haus. Manon leistete ihnen Gesellschaft. Sie versuchte vergeblich, den Ärger über Jochens Marseiller Geschäfte zu verbergen, rührte abwesend im Kaffee, während sie ab und zu böse Blicke auf die gegenüberliegende Häuserzeile warf.
»Tut mir echt leid wegen gestern«, murmelte sie nicht zum ersten Mal.
Chris versuchte erneut, mehr über das Problem in Marseille zu erfahren, doch Manon schüttelte nur den Kopf.
»Ich tappe genau wie Sie im Dunkeln. Es muss sich allerdings um ein ernstes Problem handeln. Jochen kam erst nach Mitternacht nach Hause, und als ich heute Morgen um sieben erwachte, war er schon wieder weg. So etwas ist in all den Jahren nicht passiert, seit wir in Port Grimaud wohnen.«
Chris faltete die ›La Provence‹ zusammen und bemerkte:
»Da steht jedenfalls nichts Besonderes über Marseille drin.«
Sie überlegte sich, Jochens Schulprojekt anzusprechen, ließ es jedoch bleiben, um nicht unnötig Staub aufzuwirbeln.
»Willst du nicht rangehen?«, fragte Jamie mit säuerlichem Lächeln.
In Gedanken versunken, hatte sie das Vibrieren des Handys nicht bemerkt.
»Oha!«, entfuhr es ihr, als sie Oberstaatsanwalt Richters Namen auf dem Bildschirm las.
»Ich fürchte, Ihre Ferien sind vorbei«, begann er.
Kein Gruß, kein »Wie geht es Ihnen«. Seine Stimme klang gereizt.
»Was gibt‘s?«, fragte sie ebenso kurz angebunden.
»Sie fliegen nach Berlin, dringend!«
»Berlin?«
»In die Zentrale auf dem Kasernengelände am Treptower Park. Sagt Ihnen das Kürzel GTAZ etwas?«
Selbstverständlich, auf welchem Planeten lebte sie denn? Sie entfernte sich einige Schritte vom Tisch und sprach leiser:
»Die Anti-Terror-Zentrale. Was haben wir mit der zu schaffen?«
»Die Geschichte mit den Moussouni Brüdern und den Unruhen scheint aus dem Ruder zu laufen. Das gemeinsame Terrorismus-Abwehrzentrum in Berlin übernimmt ab sofort die Koordination bei der Suche nach Hassan Moussouni. Im Gremium sitzen Leute von uns, den Landeskriminalämtern, dem BND und dem Verfassungsschutz. Sie vertreten das BKA.«
Ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken beim Gedanken an den Debattierklub im langen Sitzungszimmer am Treptower Park.
»Kann das nicht …«
Richter unterbrach sie scharf: »Nein! Sie kennen alle Details in diesem Fall. Sie sind die einzig Richtige für den Job. Melden Sie sich bei Heinrich Radtke, Abteilung TE des BND, Gruppe Nordafrika. Der Jet wird in vierzig Minuten in Nizza landen. Brauchen Sie einen Transport?«
Alle möglichen Antworten schwirrten ihr durch den Kopf. Schließlich entschied sie sich für die Einfachste:
»Nein, Jamie kann mich fahren.«
»Gut. Melden Sie sich, sobald sie da sind.«
»Wie geht es Sven?«
Richter hatte aufgelegt.
Zwei Stunden später verabschiedete Jamie sie in lupenreinem Französisch auf dem Flughafen Nice Côte d’Azur:
»Au revoir, madame Roberts.«
Kapitel 5
Lubmin
Jonas Ullrich setzte sich bescheiden auf einen der hinteren Sessel in der Fabrikhalle, die als Auditorium für den Festakt diente. Er wusste wie jeder andere im Raum, dass dies auch seine Feier war. Die jahrelange Tüftelei, die vielen Rückschläge, die hartnäckige Suche nach extrem widerstandsfähigen Werkstoffen, die auch noch bezahlbar waren, die ganze, buchstäblich aufreibende Arbeit war nicht umsonst gewesen. Ihre kleine Firma ›TransX‹ am Greifswalder Bodden im äußersten Nordosten Mecklenburg-Vorpommerns würde bald Geschichte schreiben. Spätestens nach der ersten Pressekonferenz würden nicht nur die handverlesenen Leute in dieser Halle begreifen, dass der Name ›TransX‹ nicht vom Wort Transport abstammte. Die Spezial-Lkws auf dem Fuhrpark betrachtete er als Tarnung, obwohl die ›TransX‹ gut im Geschäft mit dem Transport gefährlicher Güter etabliert war.
Der Firmengründer und CEO, Professor Dr. Niklas Volkmann, brachte es auf den Punkt:
»Als Naturwissenschaftler neige ich zu Nüchternheit und gesunder Skepsis, aber heute darf ich mit gutem Gewissen behaupten: Wir stehen an der Schwelle eines neuen technischen Zeitalters. Die ›TransX‹ hat das bisher Unmögliche möglich gemacht: die sichere und endgültige Beseitigung des Atommülls. Erst war es nicht mehr als ein verwegener Traum, von dem man kaum einem Wissenschaftler erzählen durfte, ohne sich lächerlich zu machen. Viele von uns wissen ein Lied davon zu singen. Doch nun hat sich das Blatt gewendet. Wir werden der Welt beweisen, dass es nur einen richtigen Weg gibt, das Problem des Atommülls zu lösen, unsern Weg. Seit mehr als einem halben Jahrhundert, seit der erste Kernreaktor ans Netz ging, haben Wissenschaft und Technik vergeblich nach einem Weg gesucht, die strahlenden Abfälle sicher zu entsorgen. Wir wissen: Vergraben und vergessen ist keine Lösung. Einzig unsere hier am Rande des beschaulichen Seebads Lubmin entwickelte Technik erlaubt es, gefährliche radioaktive Stoffe mit Halbwertszeiten von Tausenden und Millionen Jahren endgültig zu beseitigen.«
Applaus dankte ihm für diese Streicheleinheiten. Mit ernster Stimme fuhr er weiter, ganz der väterliche Chef:
»Niemand sonst hat das bisher geschafft. Darauf dürfen wir stolz sein, und darauf erhebe ich mein Glas. Auf die glänzende Zukunft unserer Firma!«
Niemand außer den in der Halle versammelten Wissenschaftlern, Ingenieuren und Technikern kannte die Geheimnisse des komplexen Verfahrens. Nicht einmal die Familien wussten, womit sich ihre Ehemänner oder Gattinnen bei ›TransX‹ wirklich beschäftigten. Ein einziger Externer war zu diesem ersten, geschlossenen Teil der Feier geladen: Dr. Lukas Voss, der stellvertretende Leiter des Fachbereichs Sicherheit nuklearer Entsorgung beim Bundesamt für Strahlenschutz. Er trat hoch erhobenen Hauptes ans Mikrofon, ein stolzes Lächeln auf dem Gesicht, als hätte er selbst das Problem gelöst, an dem sich sein Amt seit der Gründung die Zähne ausbiss.
»Verehrter Professor Volkmann, meine Damen und Herren«, begann er. »Ich will mich kurz fassen. Zuerst möchte ich Sie alle auch im Namen des BfS zu Ihrem außerordentlichen Erfolg beglückwünschen. Professor Volkmann hat die Bedeutung Ihrer Leistung eindrücklich geschildert. Dem ist nichts beizufügen. Denken wir aber bei aller berechtigten Freude daran, dass der Weg noch nicht zu Ende ist. Noch sind nicht alle Tests abgeschlossen, wie wir wissen. Ich zweifle keinen Augenblick daran, dass auch die letzten Versuche mit der Produktion in industriellem Maßstab von Erfolg gekrönt sein werden. Bis es aber soweit ist, muss ich Sie bitten, weiterhin absolutes Stillschweigen gegen außen zu bewahren. Nach Abschluss der Tests wird die Öffentlichkeit staunend zur Kenntnis nehmen, dass sich das leidige Endlagerproblem sozusagen über Nacht in eine unbedeutende Fußnote der Geschichte ›transmutiert‹ hat. Und nun: Genießen Sie das Fest.«
Jonas Ullrich beobachtete mit einem Gefühl von Bitterkeit, wie sich die Halle vor dem Höhepunkt der Feier mit Angehörigen seiner Kollegen füllte. Wie jedes Mal in Gesellschaft fröhlicher Paare und Familien bedrückte ihn die innere Leere besonders stark. Seit Johannas Tod lebte er zurückgezogen in seinem Schneckenhaus, aus dem er nur hervorkroch, um in der Firma zu arbeiten. Er hielt sich abseits der Gruppen, die sich spontan bildeten. Bekannte und Freundinnen, die sich gemeinsam am Büfett verpflegten, die Gelegenheit nutzten, Erlebnisse mit Kindern und Urlaubserinnerungen auszutauschen und sich über den braunen Sumpf in Rostock aufzuregen, der auf Muslime einprügelte, als hätte es keinen NSU-Prozess gegeben. Zu solchen Diskussionen konnte er nichts beitragen. Nur aus Anstand blieb er, um sich wenigstens den Anfang der Darbietung anzuhören, die Volkmann als Überraschung angekündigt hatte.
Anna Volkmann bat die Gäste, Platz zu nehmen. Hand in Hand mit ihrem Gatten kündigte sie die Überraschung an:
»Sie ist in den großen Konzertsälen Europas und bald in den USA zu Hause. Sie jettet zwischen Wien, Berlin, Mailand, Paris und London hin und her. Glauben Sie mir, es war nicht leicht, einen freien Termin für diesen Anlass in ihrem Kalender zu finden. Aber jetzt dürfen wir uns auf einen ganz besonders glanzvollen Höhepunkt freuen, den man sonst nur für teures Geld in den großen Metropolen erlebt.«
Sichtlich gerührt drückte sie Professor Volkmanns Hand und sah mit geröteten Wangen zu ihm auf, stolz wie ein Mädchen nach bestandener Prüfung. Dann sprach sie mit bewegter Stimme weiter:
»Jetzt ist sie für uns da, die wunderbare Pianistin Leonie Volkmann, unsere Tochter.«
Applaus brandete auf. Jonas Ullrich klatschte einige Takte mit, ohne auf die elegant in rote Seide gekleidete Frau zu achten, die wie aus dem Nichts auftauchte, von ihren Eltern mit Umarmungen und Küsschen begrüßt wurde und sich dann artig vor dem Publikum verbeugte. Zwei Arbeiter räumten die Stellwände weg, die den Konzertflügel verbargen. Leonie Volkmann setzte sich ans Instrument. Der Applaus ebbte ab, das Getuschel verstummte. In der Halle war es so still, dass Jonas sein eigenes Atmen hörte, als die ersten, leisen Töne erklangen. Leonie brachte mit ihrer Kunst den Flügel zum Singen. Sie spielte ein romantisches Stück, das wehmütig, verträumt begann und in überbordender Freude endete. Er kannte das Stück nicht, aber die Musik rührte ihn beinahe zu Tränen, wie jedes schöne Klavierspiel, weil es ihn an seine Johanna erinnerte. Leonie erhob sich und dankte lächelnd für den Beifall; die große Künstlerin, die eine Fabrikhalle mit schlechter Akustik genauso zum Klingen brachte wie den Konzertsaal der Berliner Philharmonie. Sie sprach ein paar Worte ins Mikrofon, um das nächste Stück anzukünden, ein Nocturne von Chopin.
Jonas Ullrich hörte ihre Stimme zum ersten Mal. Die Stimme seiner verstorbenen Johanna! Wie vom Donner gerührt, starrte er die Frau an. Sein Puls spielte verrückt. Schweißperlen traten auf die Stirn. Ein kalter Schauer jagte ihm über den Rücken. So etwas war unmöglich. Es musste Einbildung sein. Leonie begann zu spielen, aber er konnte nicht mehr ruhig sitzen bleiben. Die Frau mit Johannas Stimme zog ihn mit unwiderstehlicher Kraft an. Behutsam, sich stumm links und rechts entschuldigend, näherte er sich dem Flügel. Er setzte sich auf einen freien Stuhl in der vordersten Reihe. Leonies Gesicht blieb im Halbdunkel, während sie spielte. Sobald sie sich zum zweiten Mal erhob, um sich zu verbeugen, erkannte er die Gesichtszüge deutlich. Sein Atem stockte. Vor Schreck sprang er auf, denn vor ihm stand Johanna, genauso wie sie ihm seit dreißig Jahren jeden Abend vor dem Einschlafen auf dem Foto zulächelte.
Drehe ich durch?, war sein erster Gedanke, doch es gab keinen Zweifel: Leonie Volkmann glich seiner Frau Johanna aufs Haar. Auch um ihn herum erhoben sich die Zuhörer, um die Künstlerin mit stehender Ovation zu feiern. Er aber zog sich in sein Schneckenhaus zurück. Unberührt von der Begeisterung, blendete sein Geist die Umgebung aus und versuchte nur noch, das Wunder zu begreifen, das diese Frau für ihn darstellte.
Die Erinnerung an den schlimmsten Tag seines Lebens schlich sich in seine Gedanken. Das Gesicht der Frau am Flügel verlor die Farbe wie Johannas Gesicht, nachdem ihr Blut sich mit dem Wasser in der Wanne vermischt hatte. Er kniete neben seiner Frau, die leblose Hand an seinem Mund, unfähig zu erfassen, dass sie ihn für immer verlassen hatte. Ein Jahr lang vegetierte sie mehr als sie lebte, versuchte den Verlust ihrer Tochter zu ertragen. Nun hatte der Schmerz sie besiegt. Er war zu groß für die junge Mutter. Sie gebar Marie, während er in Bautzen einsaß. Die Stasi dichtete ihm nach seinem Austritt aus dem medizinischen Team der DDR-Olympiamannschaft verbotene Auslandskontakte an. Er wollte den Doping-Wahnsinn nicht mehr mitmachen. Als ehemaliger Insider stellte er eine Bedrohung für die Brüder dar. Wahrscheinlich war das der Grund, für die systematischen Schikanen des Ministeriums für Staatssicherheit, die er und Johanna danach ertragen mussten. Es dürfte die Folterknechte der Stasi besonders gereizt haben, ihn erst Tage nach der Geburt ihres Kindes freizulassen. Bis dahin hatten sie ihm jeden Kontakt zu Johanna verweigert. Für ihn war die DDR zur Hölle geworden, aber der Gedanke an Johanna und das Kind entschädigte ihn für alles. Glücklich kehrte er heim, stieß die Wohnungstür auf und fand seine Frau zusammengesunken, mit blassem Gesicht, teilnahmslos am Küchentisch sitzend, den Sparschäler in der Hand, die unberührten Kartoffeln daneben.
»Was ist geschehen? Wo ist das Kleine?«, fragte er entsetzt.
Sie reagierte lange nicht, als hätte sie ihn nicht wahrgenommen. Er suchte wie besessen in der Wohnung nach der kleinen Marie, bis Johanna ihn schließlich mit dem Satz stoppte, der immer noch in ihm nachhallte:
»Marie ist tot.«
Nach und nach erfuhr er, was geschehen war. Die Ärzte im Spital hatten von Komplikationen gesprochen. Johanna wurde in Vollnarkose gelegt, Marie mit Kaiserschnitt zur Welt gebracht. Nach dem Aufwachen erfuhr seine Frau von der Totgeburt. Sie hatte ein totes Mädchen geboren. Ihr Kind durfte sie nie sehen. Es gab keinen Abschied, kein Begräbnis. Marie erhielt nicht einmal einen offiziellen Namen. Ihre Tochter hatte nie existiert. Für sie beide aber blieb die kleine Marie allgegenwärtig. Johanna zog sich immer mehr in die Fantasiewelt einer glücklichen Familie zurück, bis sie nach aussichtslosem Kampf an der unerträglichen Wirklichkeit zerbrach. Marie wäre jetzt eine Frau wie Leonie, gleich alt, mit den gleichen, vornehmen Gesichtszügen, der gleichen, warmen Stimme.
Jonas Ullrich kehrte mit einem Schlag in die Gegenwart zurück. Ein wahnwitziger Gedanke schwirrte ihm durch den Kopf. Die Vorstellung war absurd, und doch ließ sie ihn nicht mehr los. Je länger er darüber nachdachte, desto mehr deutete darauf hin, die Frau am Flügel könnte weniger mit den Volkmanns zu tun haben, als sie selbst ahnte. Jedenfalls glich sie weder dem Professor noch Anna Volkmann, die im schneidigen und schneidenden Ton eines Feldwebels sprach. War es möglich, dass Marie vor ihm saß, die Totgeburt nur vorgetäuscht worden war, um regimetreuen Genossen eine Adoption zu ermöglichen? Eine solche Ungeheuerlichkeit war den damaligen Apparatschiks zuzutrauen. Er schüttelte sich unwillkürlich. Der Gedanke verursachte Gänsehaut. Er musste Gewissheit haben. So bizarr ihm das Vorhaben erschien, ihm blieb keine andere Wahl. Er gesellte sich zur Gruppe, die sich nach dem Konzert um die Künstlerin scharte. Wie viele andere, erhob er sein Glas, wollte ihr danken, brachte jedoch kein Wort über die Lippen. Sie stellte ihr Wasserglas ab, um sich mit den Gästen zu unterhalten. Er wartete auf einen günstigen Augenblick, um das Glas mit ihren Speichelresten verschwinden zu lassen.
Am nächsten Morgen betrat er in aller Frühe das Labor seines alten Bekannten Kuno in der Rostocker Uniklinik. Der erkannte ihn im ersten Augenblick nicht und fragte mürrisch:
»Wer stört?«
»Jonas Ullrich, erinnerst du dich?«
Kuno sprang auf. »Jonas! Mensch! Warum sagst du das nicht gleich? Lange nicht gesehen. Was ist aus dir geworden?«
Jonas verspürte keine Lust, alte Geschichten auszugraben, und die Antwort auf Kunos Frage kannte er selbst nicht. Nach kurzem, belanglosem Geplänkel kam er zur Sache:
»Wie schnell kannst du einen Vaterschaftstest durchführen?«
Kuno stutzte, bevor er grinsend fragte: »Hast du nicht aufgepasst?«
Er überhörte die Frage, zog das Glas in der Plastiktüte aus der Tasche und sagte:
»Ich muss so schnell wie möglich wissen, ob die DNA an diesem Glas etwas mit mir zu tun hat.«
»So schnell geht das nicht, und …«
»Doch, schneller!«
Sein Gesicht ließ keinen Zweifel daran, wie ernst ihm die Angelegenheit war. Sein Bekannter schüttelte ungläubig den Kopf.
»Wie stellst du dir das vor? So etwas kann ich nicht einfach zwischen Tür und Angel erledigen. Ich brauche einen offiziellen Auftrag, und es gibt Vorschriften. Ohne schriftliche Einwilligung der betroffenen Person oder ihres Rechtsvertreters geht gar nichts.«
»Die Person heißt Marie, und sie ist tot«, sagte Jonas leise.
Kuno sah ihn verständnislos an. Jonas ließ sich auf den nächsten Sessel fallen und überlegte. Er brauchte diese Analyse. Eine andere Möglichkeit sah er nicht. Nach langer Pause entschloss er sich, etwas zu tun, was er noch nie getan hatte. Er erzählte Kuno Maries Geschichte, wenigstens soviel davon, dass er begreifen musste, wie wichtig sein Anliegen war.
Wie erwartet, verschlug der ungeheure Verdacht auch seinem Bekannten die Sprache.
»Was willst du unternehmen, wenn das Resultat positiv ausfällt?«, fragte er schließlich zögernd.
»Ich weiß es nicht.«
Wieder starrten beide schweigend vor sich hin. Dann ging Kuno zu einem Schrank, zog ein Glasröhrchen aus einer Schublade und stellte sich vor ihm auf.
»Mund auf.«
Mit dem Wattestäbchen aus dem Röhrchen wischte er etwas Speichel aus der Mundhöhle. Er verschloss das Röhrchen mit der Probe, nahm die Plastiktüte mit dem Glas und sagte:
»Drei Tage. Schneller geht es nicht mit unsern Mitteln. Ich ruf dich an.«
Der Anruf erreichte Jonas kurz vor Feierabend nach zwei schlaflosen Nächten. Sein Puls schoss an die Decke, als er Kunos Nummer sah. Er zögerte, bevor er auf Empfang drückte, denn er wollte nur eine Antwort hören, und vor der graute ihm. Er meldete sich mit heiserer Stimme:
»Ja?«
»Ja«, bestätigte Kuno.
Das Büro begann sich um ihn zu drehen. Ihm wurde übel, als trudelte er im Sturzflug in ein schwarzes Loch. Kraftlos glitt er zu Boden, blieb an die Tür gelehnt sitzen und rang um Worte.
»Sie ist deine Tochter Marie«, fügte Kuno hinzu, als hätte er die Botschaft nicht verstanden.
»Bist – du – sicher?«, gelang ihm endlich zu stammeln.
»Der Test ist zu 99.999% sicher. Es besteht kein Zweifel: Du bist ihr Vater. Ich schicke dir die Ergebnisse.«
Jonas murmelte einen Dank und legte auf. Er hatte es plötzlich eilig, nach Hause zu kommen, um Johanna die unfassbare Nachricht zu verkünden.
Er verließ die Wohnung wieder gegen acht Uhr an diesem lauen Sommerabend. Gegessen hatte er nichts. Er verspürte keinen Hunger, wusste aber jetzt, was zu tun war. Das Foto mit Johannas lächelndem Gesicht in der Tasche, schritt er entschlossen auf die Villa ›Weißer Schwan‹ zu, wo die Volkmanns seit den Zeiten der DDR wohnten. Das Haus des Professors war eines der schönsten Gebäude dieser Gegend im Stil der Bäderarchitektur. Weiß wie ein Schwan bildete es mit seinen großen Rundbogenfenstern, den Pilastern, Dreiecksgiebeln und Türmchen den Mittelpunkt eines weitläufigen Parks, der an die Strandpromenade grenzte.
Am Tor zur Einfahrt verließ ihn der Mut. Er schlenderte ziellos weiter. Am Strand setzte er sich in den Sand, zog das Bild aus der Tasche und sagte mit bitterem Lächeln zu Johanna:
»Was für eine bescheuerte Idee!«
Leonie war eine Volkmann. Ihre Adoptiveltern hatten sie aufgezogen, sie offensichtlich gefördert. Der ›Weiße Schwan‹ war ihr Zuhause. Nichts verband Leonie mit ihm und Johanna, mit Ausnahme der Gene. Leonie war und blieb Leonie Volkmann, nicht Marie Ullrich. Lange saß er grübelnd in der Abenddämmerung. Die Wellen brachen sich mit einschläfernder Regelmäßigkeit auf dem flachen Strand, liefen sich tot wie sein verkorkstes Leben.
Eine Joggerin näherte sich. Sie nickte ihm freundlich zu, war schon vorbei, als er sie erkannte. Wie elektrisiert sprang er auf.
»Leonie?«
Sie blieb abrupt stehen, drehte sich um und machte ein paar Schritte auf ihn zu.
»Kennen wir uns?«
»Ich war an Ihrem Konzert bei ›TransX‹. Sie haben wunderbar gespielt.«
Sie lächelte erleichtert. »Ach so, das … Schön, dass es Ihnen gefallen hat. Tut mir leid, dass ich mich nicht an Sie erinnert habe. Es waren eine Menge Leute da.«
»Ja, vielen Dank nochmals, dass Sie für uns gespielt haben. Ich bin überrascht, Sie noch in Lubmin zu sehen, dachte, Sie seien längst wieder unterwegs nach Paris oder London.«
»Ich bin tatsächlich auf dem Sprung.«
Sie machte Anstalten, weiter zu laufen, Richtung Villa Volkmann. In diesem Moment fiel ihm ein, was er tun musste.
»Einen Augenblick noch«, sagte er hastig. »Ich möchte Ihnen etwas zeigen.«
Sie blieb misstrauisch stehen, betrachtete das Foto, das er ihr zeigte, stutzte, sah genauer hin, dann fragte sie leise:
»Wer ist das?«
»Ihre Mutter.«
»Das ist nicht Anna …«
Sie stockte, sah ihn konsterniert an.
»Wer sind Sie?«
»Ganz richtig, Leonie«, sagte er ruhig. »Das hier ist Ihre leibliche Mutter.«
»Was reden Sie da!«, brauste sie auf.
Trotzdem ließ sie das Foto nicht aus den Augen.
»Sie sind ihr wie aus dem Gesicht geschnitten. Erstaunlich, nicht wahr?«
»Warum tun Sie das?«, fragte sie gequält.
»Leonie, ich weiß, dass die Volkmanns Sie als Baby adoptiert haben. Zwangsadoptiert. Ich denke, das sollten Sie wissen.«
Sie schüttelte den Kopf, unfähig zu sprechen. Unvermittelt wankte sie davon, benommen, als wäre sie eben aufgestanden und noch nicht ganz wach. Nach einigen Schritten drehte sie sich nochmals um.
»Wer ist diese Frau?«
»Fragen Sie Ihre Eltern«, antwortete er traurig und trottete seinerseits davon.
Als er wieder an der Einfahrt zur Villa vorbeikam, glaubte er, Fetzen einer lautstarken Auseinandersetzung durch die offenen Fenster zu hören.
Kapitel 6
Fos-sur-Mer bei Marseille, 13. Juni
Mohammed Hamidi beobachtete durch das Fernglas, wie die ›Baleine‹ an der Mole von Fos-sur-Mer anlegte. Aus seinem leicht erhöhten Versteck konnte er die Hafenanlage des riesigen Flüssiggasterminals fünfzig Kilometer westlich von Marseille gut überblicken. Keine Bewegung auf dem Schiff und am Kai entging seinen scharfen Augen. Die Gelenkarme der Entladestation schimmerten silbrig in der Abendsonne. Nahezu vollautomatisch dockten sie an die Stutzen der Tanks an, die wie gigantische Seifenblasen aus dem Bauch des Frachters ragten. Wenige Minuten nach dem Andocken öffneten Arbeiter die Ventile. Das flüssige, auf -160 °C gekühlte Methan begann in die Rohre zu strömen, die es in die nahen Vorratstanks leiteten. Über hunderttausend Kubikmeter fasste ein einziger dieser isolierten Behälter, die manches Hochhaus überragten.
Mohammed Hamidis Puls beschleunigte sich beim Gedanken an diese schier unerschöpflichen Brennstoffvorräte. Er richtete sein Fernglas auf die Gruppe der Verwaltungsgebäude und Werkstätten. Alles hing jetzt vom Insider ab. Wenn der Junkie versagte, konnten sie ihren Plan begraben. Die Zeit verrann zähflüssig wie die Melasse auf den Baklava seiner Schwester. Der Tag wollte nicht enden. In der hellen Dämmerung war es schwierig, das Licht in den Büros der Sicherheitszentrale überhaupt zu erkennen. Eine weitere unerträgliche Stunde verging, bevor das Licht in den Fenstern erlosch, wieder aufflammte, dreimal in kurzen Abständen.
»Das Zeichen!«, rief er seinen Leuten zu, die gelangweilt unter der alten Eiche Karten spielten und rauchten.
Kurz danach beobachtete er, wie ein weißer Van vom Gebäude wegfuhr, auf die Einfahrt zu, wo sie sich treffen wollten.
»Auf geht‘s, Brüder. Allah sei mit uns.«
Der Insider saß mit aschfahlem Gesicht am Steuer des Wagens.
»Hast du die Steine?«, fragte er mit zittriger Stimme.
Mohammed Hamidi legte das Päckchen mit dem Rauschgift ins Handschuhfach. Die Augen des Fahrers wollten aus den Höhlen treten. Seine Hand fuhr an den Knopf, um das Fach wieder zu öffnen.
»Ich brauche jetzt etwas!«, rief er mit rauer Stimme.
Sofort drückte ihm einer von Hamidis Männern den Lauf seiner Maschinenpistole in den Nacken. Der Insider fuhr los, an den Gebäuden vorbei, entlang den Pipelines zur Mole, wo die ›Baleine‹ angedockt war.
»Alles ausgeschaltet?«, fragte Hamidi beiläufig.
Er kannte die Antwort, aber die Frage sollte den Fahrer beruhigen, dessen Hände am Steuer merklich zitterten.
»Klar, wäre ich sonst hier?«, brummte der gereizt.
Ihr Vertrauensmann an Bord der ›Baleine‹ erwartete sie an der offenen Luke. Der Ladebaum schwenkte aus. Das Paket aus Algerien glitt nahezu lautlos am Flaschenzug zu Boden. Stumm hievten sie es in den Van, während sich die Luke über ihnen schloss. Kaum zehn Minuten, nachdem sie ins Auto gestiegen waren, fuhren sie mit der kostbaren Fracht Richtung Tank Nummer zwei, voll mit flüssigem Methan nach Angaben des Insiders. Mohammed Hamidi suchte die Umgebung mit dem Fernglas ab, bevor sie sich der Stelle näherten, wo das Flüssiggas vom Tank in die Pipelines zur Aufbereitungsanlage floss. Es war das schwächste Glied im Speichersystem, bestens für ihre Zwecke geeignet. Weit und breit war kein unerwünschter Zuschauer auszumachen. Niemand beobachtete, wie sie das Paket unmittelbar am Tank zwischen die Rohre schoben, denn auch die Überwachungskameras blieben ausgeschaltet.
Mohammed Hamidi nickte zufrieden. Bisher verlief die Aktion genau nach seinem Plan. Nun begann die letzte, heikelste Phase. Er kontrollierte die Uhr: 21:20 Uhr, perfekt. Basem Mansour, sein junger Vertrauter, kniete bereits neben dem Paket. Er öffnete das rote Kästchen an der Hülle, aus dem ein Kabel ins Innere führte.
»Welche Zeit soll ich einstellen?«, fragte er seinen Anführer.
»Punkt zehn Uhr wie geplant.«
Basem kannte sich mit Computern aus. Nichts anderes als ein kleiner Computer steuerte die Zündelektronik im roten Kästchen. Mit angehaltenem Atem sahen ihm die Brüder und der Fahrer zu, der jetzt am ganzen Leib zitterte. Das ist nicht der Schüttelfrost des Entzugs, dachte Mohammed Hamidi verächtlich. Der Insider hatte Angst, Angst um sein erbärmliches Leben. Nur ein Ungläubiger konnte ein solcher Feigling sein, war er überzeugt.
Basem Mansour erhob sich.
»22:00 Uhr ist eingestellt. Die Zeit läuft.«
»Gut.«
Mohammed nahm das Drogenpaket aus dem Handschuhfach und steckte es ein. Der Fahrer starrte ihn entsetzt an, wagte aber nichts zu sagen.
»Du bringst die Brüder zu ihrem Wagen, dann kehrst du mit dem Van hierher zurück«, wies Mohammed ihn an. »Sobald du zurück bist, gehört das Zeug dir.«
Die Männer sahen sich konsterniert an. Niemand begriff, was er vorhatte. Dieser letzte Akt war nicht so besprochen worden. Wie erwartet, kehrte der weiße Van rasch zurück. Er gab dem Fahrer den heiß ersehnten Lohn. Mit fiebrigen Händen riss der Junkie das Paket auf. Abgelenkt durch seine Sucht, bemerkte er die Bewegung hinter seinem Rücken nicht. Mohammeds Schlag traf in den Nacken und streckte ihn zu Boden. Noch einmal schlug Mohammed zu. Die Faust mit dem Schlagring hinterließ eine klaffende Wunde an der Schläfe des Fahrers. Er rührte sich nicht mehr. Mohammed Hamidi ließ ihn liegen. Es interessierte ihn nicht, ob der Ungläubige noch lebte. Spätestens in fünfzehn Minuten würde er sowieso den Tod des drogenabhängigen Verräters sterben. So jedenfalls würde sich der Tatort den Ermittlern präsentieren, sollte überhaupt etwas von ihm und dem Wagen übrig bleiben. Mohammed zog den Zündschlüssel ab und rannte, so schnell ihn seine Beine trugen, zur Einfahrt und weiter die Straße hinunter, die zum Versteck führte.
Basem Mansours Uhr zeigte 21:59 Uhr.
»Wo bleibt Mohammed?«, fragte er, Schlimmes ahnend. »Warum ist er nicht mit uns zurückgefahren?«
Der Bruder an der Videokamera war zehn Jahre älter und entsprechend erfahrener.
»Mohammed muss sich um l‘initié kümmern«, murmelte er zweideutig.
Im nächsten Augenblick zuckte ein gewaltiger Blitz durch die Nacht, der das ganze Gelände in grelles Licht tauchte. Ihm folgte ein ohrenbetäubender Donnerschlag. Eine Stichflamme schoss in den Himmel, als hätte Allah selbst seine Fackel am Tag des Gerichts entzündet. Gleichzeitig traf sie die Druckwelle. Die Wucht des durch die Explosion entfesselten Sturms schleuderte sie zu Boden und mit ihnen die Kamera. Der Druck erfasste ihren Wagen, drohte das tonnenschwere Geländefahrzeug zu kippen. Sekundenlang schwebte es auf zwei Rädern, bis es wieder auf den Boden krachte.
»Allahu akbar!«, riefen alle durcheinander.
Während die andern sich im Freudentaumel umarmten und lachend zu tanzen begannen, richtete der Kameramann seinen Apparat mit dem starken Teleobjektiv erneut auf das Inferno. Die Gewalt der Explosion hatte ein Loch in den Tank Nummer zwei gerissen. Das ausfließende Methan verdampfte sofort und entzündete sich. Der höllische Flammenwerfer versprühte sein Feuer in Sekunden über die ganze Industrieanlage. Pipelines barsten. Die Gebäude standen in hellen Flammen, bevor die erste Alarmsirene aufheulte. Hundert Meter lange Feuerzungen leckten an dürren Büschen. Bäume und trockenes Gras brannten wie Zunder. Als wäre das nicht Apokalypse genug, fachte der Scirocco die Höllenglut weiter an. Der trockene Südwind aus Nordafrika hatte kräftig zugelegt in den letzten Stunden. Die Böen trieben die Flammen mit rasender Geschwindigkeit ins Landesinnere. Bald würden die Hügel hinter Fos-sur-Mer und Richtung Marseille brennen wie Scheiterhaufen für die Ungläubigen.
»Wir können nicht länger warten«, drängte der Kameramann.
Auf der Zufahrtsstraße näherte sich eine blinkende Lichterkette. Feuerwehr und Gendarmerie rückten in Divisionsstärke an. Sie mussten über ihren Schleichweg verschwinden, bevor die Hubschrauber auftauchten und die Gegend mit ihren Suchscheinwerfern unpassierbar machten.
»Mohammed?«, rief Basem Mansour den Brüdern zu, die bereits einstiegen.
»Mohammed weiß, was er tut«, antwortete der Mann, der sich ans Steuer setzte. »Steig endlich ein!«
Kurz nach Erreichen der brennenden Steppe der Coussouls de Crau stand plötzlich Mohammeds bärtige Gestalt auf der Straße. Lachend, mit Schulterklopfen empfingen ihn die Gotteskrieger. Der Geländewagen beschleunigte und fuhr in halsbrecherischem Tempo Richtung Arles, von wo sie über Aix-en-Provence nach Marseille zurückkehren würden. Geschwindigkeitskontrollen mussten sie in dieser Nacht keine befürchten.
Marseille
Jochen Preuss murmelte etwas, das nur er verstand.
»Wie bitte?«, fragte Amira Saidi, ohne die Augen vom kleinen Fernseher im Haus am Boulevard de la Méditerranée zu lassen.
Beide starrten gebannt auf die Bilder, die seit dem frühen Morgen ganz Frankreich erschütterten. Alle Kanäle unterbrachen ihre normalen Sendungen, um über die verheerende Explosion im Flüssiggasterminal von Fos-sur-Mer zu berichten. Einsatzkräfte aus weiten Teilen des Landes waren vor Ort, um Verletzte und Todesopfer zu bergen. In der Industrieanlage hatte kaum jemand überlebt. Alles ging viel zu schnell. Die Leute hatten keine Chance. Viele verbrannten bei lebendigem Leib. Feuerwehr-Brigaden aus Marseille, Nizza, Toulon, Arles und Nîmes, ja sogar Lyon und Spezialisten aus Paris versuchten in fast aussichtslosem Kampf, die Waldbrände einzudämmen. Die kleine Gemeinde Fos-sur-Mer wurde unter schwierigen Umständen evakuiert. Die Bewohner mussten hilflos mit ansehen, wie die Flammen ein Haus nach dem andern verzehrten.
An der Pressekonferenz um zehn Uhr gab der Bürgermeister mit erstickter Stimme und Tränen in den Augen bekannt, dass man Fos-sur-Mer aufgeben musste. Die Einsatzkräfte waren überfordert. Es gab weder genug Leute noch Tankwagen und Löschflugzeuge. Man konzentrierte die Einsätze, um wenigstens Aix-en-Provence und die westlichen Vororte Marseilles zu schützen. Sechs Kompanien der Force Terrestre der französischen Truppen mit schwerem Gerät wurden aufgeboten, und der Präsident selbst war unterwegs ins Katastrophengebiet.
Der Lagebericht des verantwortlichen Kommandanten der Gendarmerie begann mit der nüchternen Feststellung:
»Wir müssen davon ausgehen, dass es sich bei der Explosion um einen gezielten Anschlag handelt.«
Amira schlug die Hände vors Gesicht und begann, leise vor sich hinzumurmeln. Preuss glaubte, den Namen Basim oder Basem zu vernehmen. Sie stand auf, um den Ton leiser zu drehen. Ihr Gesicht sah blass aus und um Jahre älter mit den Sorgenfalten auf der Stirn. Sie setzte sich wieder hin, trank einen Schluck Tee und hielt das Glas mit beiden Händen.
»Wer tut so etwas Schreckliches?«, fragte sie mit belegter Stimme.
Er nickte nachdenklich. »Und vor allem: weshalb?«
Das Attentat übertraf seine schlimmsten Befürchtungen. Nach den Gerüchten vom vergangenen Samstag war er auf vieles gefasst, aber nicht auf diese neue Dimension des Terrors. Er beobachtete Amira mit Sorge. Sie wich seinem Blick aus, sprach kaum ein Wort. Etwas lag auf ihrer Seele. Seine sanften Versuche, sie zum Reden zu bringen, fruchteten nicht. Schließlich ließ er den Namen fallen, den er gehört zu haben glaubte:
»Machen Sie sich Sorgen um Basim?«
Ihre großen, dunklen Augen schauten überrascht zu ihm auf. Er fürchtete, sie würde jeden Augenblick anfangen zu weinen.
»Basem«, korrigierte sie so leise, dass er es kaum verstand.
Pulsuz fraqment bitdi.