Kitabı oxu: «Gefangen in Abadonien»

Şrift:

Harry Voß

Gefangen in Abadonien

Roman

Harry Voß, Jahrgang 1969, ist Referent für die Arbeit mit Kindern beim Bibellesebund. Bekannt wurde er durch die Buchreihe „Der Schlunz“, die 2010 und 2011 auch verfilmt wurde. Seine Kinder sind inzwischen aus dem Schlunz-Alter rausgewachsen.

Für sie und alle anderen Teenager hat er sich mit »13 Wochen« auf neues Land gewagt, und nach dem erfreulichen Erfolg legt er jetzt mit »Gefangen in Abadonien« noch einmal nach.

Mit seiner Familie lebt Harry Voß in Gummersbach.

Impressum

© 2015 by Verlag Bibellesebund Marienheide

SCM-Verlag GmbH & Co. KG, 58452 Witten

© 2019 der eBook-Ausgabe

Bibellesebund Verlag, Marienheide

https://shop.bibellesebund.de/

Cover: Luba Siemens, Gummersbach.

ISBN 978-3-95568-310-8

Bei den angegebenen Bibelversen handelt es sich um eine freie Übertragung des Autors

Hinweise des Verlags

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf - auch teilweise - nur mit Genehmigung des Verlags wiedergegeben werden.

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des Textes kommen.

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Inhalt

Titel

Impressum

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 1

»Am Anfang ist das Wort. Mein Wort. Das Wort in mir. In meinen Gedanken. Meine Gedanken werden Wort. Und das Wort kommt durch meine Hand zu Papier. Sobald es aufgeschrieben ist, lebt es. Alle Dinge auf dem Papier sind durch mein Wort erschaffen. Ohne mein Wort gäbe es nichts von all dem, das erschaffen ist.«

Akio ließ seinen Stift sinken und blinzelte in die Sonne. Ihm gefiel das Gefühl, Welten erschaffen zu können, Menschen zu erfinden, sie kämpfen und siegen zu lassen. Zwar nur auf einem Blatt Papier, aber immerhin. Über die Welt, die er auf seinem Papier erschaffen hatte, war er allein der Herr. Er entschied, wann und wie jemand siegte. Er konnte Helden gewinnen, Bösewichte verlieren lassen. Oder umgekehrt. Und niemand konnte ihn dafür zur Rechenschaft ziehen. Zumindest nicht die Helden und Bösewichte seiner Geschichte.

Ein Grinsen machte sich auf Akios Gesicht breit. Wenigstens hier auf dem Papier konnte er beeinflussen und lenken, dass das Gute über das Böse siegte. Ganz anders als in der Welt, in der er und seine Familie lebten.

Akio verbrachte den sonnigen Nachmittag auf einem großen, warmen Stein außerhalb des Dorfes, während Pollum, sein kleiner, geschuppter salamanderartiger Dracolepidus eifrig über den Stein und den Erdboden darunter hin und her kletterte, um nach Insekten und Blutwürmern zu suchen, die er verschlingen konnte. Die Arbeiten im Stall und in der Schmiede seines Vaters waren heute schnell erledigt gewesen. Die paar verbleibenden Stunden bis zum Sonnenuntergang wollte Akio hier draußen verbringen. Weg von den Menschen, die oft misstrauisch, launisch und eigensinnig waren. Außerdem hatte er hier in der Einsamkeit die seltene Gelegenheit, wenigstens für kurze Zeit seine drückende, enge Lederhaut auszuziehen. Die maßgeschneiderte zweite Haut, die seinen kompletten Oberkörper bis kurz vor die Handfläche und seine Beine vom Knöchel bis zum Oberschenkel bedeckte, sollte verhindern, dass ihm jemand in die Haut stach und sein wertvolles Blut stahl. Akios Blut war schon in seiner Kindheit vom Dorfpriester als außergewöhnlich hochwertig eingestuft worden. »Golden« nannten es die Priester, obwohl es natürlich nicht wirklich aus Gold bestand. Aber es war wertvoll genug und damit gewinnbringend für Bluträuber, die es in Abadonien in großer Zahl gab. Darum trug Akio diese zweite Haut wie einen Ganzkörperanzug unter seinem Hemd und unter der Hose, auch wenn sie furchtbar drückte. Hier draußen, weit weg von Dieben, Räubern und anderen Menschen, hatte er sein Hemd und seine Lederhaut ausgezogen und genoss mit geschlossenen Augen, wie die Sonne Brust und Rücken wärmte. Dabei konnte er in aller Ruhe nachdenken, träumen und Geschichten erfinden. Aus Gedanken Worte formulieren, aus Worten Welten erschaffen, aus seinen eigenen Welten Kraft und Hoffnung schöpfen. Hoffnung darauf, dass alles irgendwann auch in dieser Welt besser sein könnte. Ohne Neid, Missgunst, Angst oder Streit.

Akio atmete einmal tief aus, öffnete die Augen und blinzelte in die Ferne. Die Landschaft in Abadonien bestand zum größten Teil aus trockenem Fels und Sand. Rotbraune Erde, wohin man schaute. Gras oder Blumen kannte Akio nur vom Dorfpriester. Der brachte manchmal bestimmte Blumen oder Pflanzen mit, wenn er von weiten Reisen in abgelegenen Bergen zurückkam. Um Berge zu erreichen, musste man sich allerdings von Akios Dorf aus auf einen mehrtägigen Weg machen. Wenn Akio von hier aus in die Ferne sah, konnte er viele Kilometer weit schauen, bis der sandige Boden zu einer verschwommenen Linie unter dem blauen Himmel wurde.

Eine Staubwolke am Horizont erregte seine Aufmerksamkeit. Er sah Staub aus Sand, der durch eine Gruppe galoppierender Pferde aufgewirbelt wurde. Schwarze, gefährliche Hunde rannten laut bellend neben ihnen her. Akio kannte diese Erscheinung und ahnte, dass das nichts Gutes zu bedeuten hatte. Die schwarzen Pferde, die dunklen Reiter, die blutgierigen Hunde – alles klare Zeichen: Bluträuber waren im Anmarsch.

Lautlos glitt Akio von seinem Stein herunter, griff nach der Lederhaut und ging in Deckung. Während er Haut und Hemd anzog, beobachtete er die Horde der dunklen Reiter auf ihrem direkten Weg in sein Dorf: Eisendorf.

»Pollum, komm her«, flüsterte er und streckte seinem Tier den Arm entgegen. Sofort sprang Pollum auf den Arm und verschwand unter dem weiten Ärmel seines Herrchens. Akio steckte Papier und Stift in seinen Gürtel.

Was die Reiter vorhatten, war klar. Sie wollten plündern, morden und vor allem Menschen gefangen nehmen für den Moloch. Menschen mit wertvollem, goldenem Blut. Im selben Augenblick wurde ihm klar, dass nicht nur er, sondern erst recht seine kleine Schwester Adelia mal wieder in großer Gefahr war.

Kapitel 2

»Alexander, hast du aufgepasst?«

Herr Neumann, der Lateinlehrer, stand an der Tafel und sah streng in die letzte Reihe der Klasse.

»Klar«, antwortete Alexander schnell. »Pronomen. Der Relativsatz wird mit einem Pronomen übersetzt.«

»Nein, so kann man das nicht sagen.« Der Lehrer seufzte und begann, sein Thema über Relativpronomen noch einmal aufzurollen. Offensichtlich hatte er durch Alexanders Antwort immerhin den Eindruck bekommen, er hätte aufgepasst. Das war schon mal gut. Alexander schaute auf die Uhr. Noch zehn Minuten, dann war er von Latein erlöst. Danach Mathe. Auch nicht viel besser.

Seine Mutter versuchte ihm fast täglich einzureden, er müsste sich mehr für die Schule interessieren, immerhin sei er schon 15 Jahre alt und er lernte ja fürs Leben und er brauchte nach der neunten Klasse ein gutes Abschlusszeugnis und so weiter. Aber diese Einstellung fand in seinem Kopf einfach keinen Platz. Konnte man sich denn zwingen, sich für etwas zu interessieren, das absolut überflüssig war? Wann um alles in der Welt brauchte er in seinem weiteren Leben Relativpronomen, binomische Formeln oder Zellbiologie?

Alexander stützte den Kopf auf seine Hand und kritzelte in seinem aufgeschlagenen Block herum. Er musste an seine Schwester Hanna denken. Die würde sich niemals mit solchen Themen herumschlagen müssen. Sie war jetzt sechs Jahre alt, aber an Lesen und Schreiben war bei ihr nicht zu denken. Von ihrer Entwicklung her war sie auf dem Stand einer Dreijährigen, befanden die Ärzte. Für Buchstaben und Zahlen hatte sie jetzt zumindest noch keinen Sinn. Und mit Relativpronomen würde sie sich garantiert auch mit 15 Jahren niemals beschäftigen müssen. Und? War Hanna unglücklich? Nein, war sie nicht. Im Gegenteil. Alexander hatte in seinem Leben noch nie einen Menschen gesehen, der so viel Glück, Freude und Zufriedenheit ausstrahlte. Sobald Alexander ins Zimmer kam und sich neben sie setzte, ging ein Leuchten von ihr aus, das heller war als jede Lampe. Immer wenn sie ihn mit ihrer stürmischen Art umarmte, floss spürbare Wärme von ihrem Körper in seinen. Gemeine Gedanken, Neid, Misstrauen – dafür war in ihrem Herzen kein Platz. Ihr Inneres war bis zum Rand gefüllt mit Liebe, Wärme und Lebensfreude. Jeder, der schlechte Laune hatte, musste sich nur fünf Minuten lang mit ihr beschäftigen und die schlechte Laune war wie weggeblasen. Und das ganz ohne Latein und all den Blödsinn, den einem die Lehrer als so lebenswichtig verkaufen wollten.

»Hast du es jetzt verstanden, Alexander?«, schloss Herr Neumann seinen kleinen Vortrag ab.

»Klar«, antwortete Alexander wie vorhin. »Relativpronomen sind sehr wichtig fürs Leben.«

»Da hast du allerdings recht«, gab der Lehrer zurück und war mit dieser Antwort zufrieden. Alexander grinste und schaute wieder auf die Kritzeleien in seinem Collegeblock.

»Achtung, Alex!«, hörte er plötzlich eine laute Stimme vom anderen Ende der Klasse. »Fang auf! Hier kommt ein Feuer-Pronomen!«

Und noch bevor Alex überhaupt reagieren konnte, hatte Marcel ein dickes Stück Kreide mit voller Wucht in seine Richtung geworfen. Das Kreidestück zischte direkt auf Alex’ Gesicht zu. Alex war wie gelähmt. Mehr als die Augen aufzureißen, gelang ihm in dieser Schrecksekunde nicht.

Doch plötzlich änderte sich etwas.

Das Kreidestück bremste kurz vor Alex’ Gesicht ab, flog im Zeitlupentempo einen Bogen um seinen Kopf herum, zischte hinter ihm in der vorherigen Geschwindigkeit weiter und knallte in irgendeiner Ecke auf den Boden.

Nicht jeder in der Klasse hatte das mitbekommen. Und auch Alex hätte nachträglich geglaubt, er hätte sich das nur eingebildet, wenn nicht Marcel in der anderen Ecke des Raumes mit weit aufgerissenem Mund dagestanden hätte. Auch die wenigen anderen, die den Flug der Kreide zuerst amüsiert verfolgt hatten, hatten jetzt vor Erstaunen die Kinnlade nach unten geklappt.

Alex schaute kurz zu dem Kreidestück, das reglos auf dem Boden lag. Dann zurück zu Marcel, der regungslos vor seinem Stuhl stand. »Wie hast du das gemacht?«, hauchte Marcel mit belegter Stimme.

Alex hatte keine Ahnung. Er hatte nichts gemacht.

Kapitel 3

Akio sprang hinter seinem Felsen hervor und rannte Richtung Dorfeingang. Immer versteckt hinter einzelnen Häusern, Holzfässern oder Pferdewagen. Hatte er recht mit seinem Verdacht? Das ließe sich ja schnell herausfinden. Wenn die Männer nicht nur Essensvorräte, Schmuck oder Gold an sich rissen, dann wusste er, was ihr Ziel war. Sie waren darauf aus, Menschen mit hochwertigem, goldenem Blut zu verschleppen. Und falls es gut ausgebildete Bluträuber waren, dann schnappten sie sich nicht einfach blind die erstbesten Bürger. In diesem Fall hatten sie schon Tage oder Wochen vorher Blutspäher vorausgeschickt. Die nämlich waren in der Lage, Menschen mit besonders goldenem Blut ausfindig zu machen und diese dann mit einem bestimmten Duft zu bestäuben, der für Menschen kaum wahrnehmbar war, für die Hunde der Bluthäscher jedoch umso leichter aufzuspüren. So konnten die Hunde die Räuber gezielt zu den Häusern führen, die von »Goldblütern« bewohnt waren. Goldblüter – so nannten sie Menschen mit gewinnbringend hochwertigem Blut. Sollte das alles genau so zutreffen, dann mussten die Männer wissen, dass es in Eisendorf inzwischen nur noch genau drei Personen gab, deren Blut so golden war, dass man damit das Blut von vier bis fünf anderen Menschen aufwiegen konnte: Akio selbst, seine sechsjährige Schwester Adelia und ein kleiner Junge ein paar Häuser weiter. Alle anderen waren bei früheren Überfällen schon verschleppt worden. Weil die verbliebenen drei wussten, dass sie in ständiger Gefahr gegenüber Bluträubern lebten, hielten sie sich meistens versteckt und trugen obendrein Lederhäute, damit kein Späher ihnen heimlich Blut abnehmen und es auf seinen Goldgehalt untersuchen konnte.

Akio hatte in den letzten Tagen keinen dieser Späher entdeckt. Aber das musste nichts heißen. Diese Kerle waren inzwischen so geschickt und gerissen, dass man manchmal erst merkte, dass man beobachtet wurde, wenn die Bluträuber schon hinter einem standen und einen mitrissen.

Akio näherte sich seinem Haus. Schwarze Hengste standen unruhig auf der Straße und schnaubten. Bluthunde trabten gefährlich bellend zwischen ihnen auf und ab und warteten auf neue Befehle. Wie bei den letzten Malen, als Bluträuber im Dorf waren, um ihn und Adelia mitzunehmen. Bisher war es immer so gelaufen, dass Akio sich mit Adelia im hinteren Bereich der Schmiede in einem extra dafür gebauten Versteck eingesperrt hatte, während der Vater mit Schwert, Axt und roher Gewalt auf die Räuber einschlug. Die Kämpfe dauerten unterschiedlich lang und der Vater trug nach jedem Kampf einige gefährliche Wunden und Hundebisse mehr an seinem Körper. Aber bisher hatten sich die Räuber anschließend immer ohne ihre Beute davongemacht.

Heute schien es anders abgelaufen zu sein. Auf der Straße war kein kämpfender Schmied zu sehen. Die Männer kamen aus verschiedenen Richtungen zusammengelaufen und sprangen auf die Pferde. Erst als sie ihre Reittiere mit festen Tritten zum Aufbruch antrieben, bemerkte Akio auf einem der Pferde ein in Decken gehülltes Bündel Mensch. Ein Schrecken durchfuhr seine Glieder: Das musste Adelia sein. Oder war es der Junge aus der Nachbarschaft? Am liebsten hätte Akio laut aufgeschrien, die Räuberbande wütend von ihren Pferden gezogen, sie verprügelt und seine Schwester zurück ins Haus getragen. Aber das tat er nicht. Er blieb im Schatten eines der Nachbarhäuser stehen und schaute ängstlich auf das, was da vor seiner eigenen Haustüre vor sich ging. Akio trug keine Waffe bei sich. Die Männer auf den Pferden hingegen waren mit Dolchen, Säbeln und Schwertern bis an die Zähne bewaffnet. Akio war allein, die Männer waren mehr als zehn. Außerdem hatte Akio nie gelernt zu kämpfen. Er besaß zwar ein Schwert, aber das stand irgendwo in der Schmiede herum und war nie wirklich benutzt worden. Dazu war er längst nicht so stark wie sein Vater. Und schließlich: Akio durfte sich auf keinen Fall so offen zeigen. Denn wenn die Räuber Adelia gefunden hatten, waren sie selbstverständlich auch auf der Suche nach Akio. Sie würden ihn ohne Mühe überwältigen und ebenso mitnehmen. Akio fühlte sich hilflos und elend.

Staub wirbelte auf. Die Räuber donnerten davon. Als sie weit genug weg waren, rannte Akio zum Haus seiner Eltern. Er zog seinen Kopf ein, um durch die niedrige Haustür ins Innere zu gelangen. Dann brauchte er eine Weile, bis sich seine Augen an das schwache Licht in dem dunklen Wohnraum gewöhnt hatten. Trotzdem erkannte er schnell, dass die Räuber hier wirklich gründlich gesucht hatten. Tische und Stühle waren umgestoßen, Geschirr zerschlagen, der Fußboden lag voller Scherben. Pollum kam aus Akios Ärmel herausgekrochen und flitzte über den schmutzigen Boden, um auch hier nach leckeren Würmern oder Käfern zu suchen.

Adelias Bett hinter dem Ofen in der Mitte der Stube war grob durchwühlt worden, die Bettdecke aufgeschlitzt, das Kissen achtlos in eine Ecke geworfen. Es war leer. Einzig ihre Stoffpuppe lag auf dem Bett, als wäre sie die einzige Überlebende nach einer furchtbaren Schlacht. Akio griff nach der Stoffpuppe und drückte sie an sich. Er selbst hatte sie vor einem Jahr für seine Schwester hergestellt. Er hatte sich Stoff beim Leinweber im Nachbardorf besorgt und über mehrere Wochen mit viel Mühe und unter Anleitung seiner Mutter Arme, Beine, einen Körper und einen Kopf zusammengenäht. Er hatte ein Gesicht auf den glatten Kopf gestickt und echte Haare aus dem Schweif seines Pferdes oben angenäht und zusammengeflochten. Zum Schluss hatte er sogar noch ein Kleid für die Puppe geschneidert. Adelia hatte vor Freude geweint, als Akio ihr die Puppe überreichte. Sie hatte ihr den Namen Jasmin gegeben. Seitdem trug sie die Puppe stets mit sich herum, spielte mit ihr »Mutter und Kind«, fütterte sie und brachte sie abends liebevoll ins Bett. Tja. Und dort im Bett lag sie jetzt immer noch, während Adelia gerade irgendwo weit weg Todesängste ausstand. Akio hielt sich Jasmin dicht ans Gesicht, schloss die Augen und roch an dem Stoff der kleinen Puppe. Er roch nach Adelia. Nach ihrem goldreinen Herzen, nach ihrer liebevollen Art, nach ihrem Lachen. Akio merkte, wie Tränen in seine Augen schossen.

Als er die Augen wieder öffnete und sich weiter in dem Wohnraum umschaute, sah er die Beine seines Vaters, die unter dem Schutt aus Tischen und Stühlen herausschauten. Der Vater stöhnte.

»Vater, was ist los?« Akio legte Jasmin zurück aufs Bett, setzte sich auf die Knie und krabbelte zu ihm unter die Bank. »Was ist passiert? Warum hast du nicht gekämpft?«

»Ich habe gekämpft«, brachte der Vater mühsam hervor. Erst jetzt sah Akio, dass sein Gesicht voller Blut war. »Ich habe gekämpft, so gut ich konnte. Aber sie waren zu viele. Und ihre Hunde …« Er zeigte auf seine Beine. Die Hose war aufgerissen. Klaffende Wunden hatten dreckige Blutspuren hinterlassen.

»Ich habe alles gegeben«, schluchzte er, »aber ich habe versagt. Ich hätte noch mehr kämpfen müssen! Ich hätte Adelia schützen müssen!«

Akio neigte sich zum Vater und legte ihm seine Hand auf die Schulter. »Beruhige dich. Du hast alles gegeben. Ich bin stolz auf dich!«

Auf einem Hocker neben dem Ofen saß die Mutter, hielt ihr Gesicht hinter den Händen vergraben und schluchzte leise: »Sie haben sie mitgenommen! Sie haben unser geliebtes Kind mitgenommen!«

Akio richtete sich wieder auf und fühlte sich machtlos. Seinen Vater so niedergeschlagen zu sehen – das war ein Bild, das er nicht kannte und das er auch nicht hinnehmen wollte. »Jemand muss sie zurückholen!«, rief er laut und aufgeregt. »Das ist doch wohl klar!«

»Aber wer?«, weinte die Mutter in ihre Hände hinein. »Sie sind zu stark!«

»Wir sind auch stark! Vater ist stark! Vater war immer stark! Die Hundebisse machen ihm nichts aus!« Akio wandte sich dem stöhnenden Mann auf dem Boden zu. »Nicht wahr, Vater?«

»Meine Wunden sind zu viele«, kam die Stimme des Vaters unter den umgestoßenen Möbeln hervor. »Meine Beine tragen mich kaum noch. Und die Kraft, die ich einmal hatte, ist schon lange von mir gewichen. Das siehst du doch.«

»Du hast immer noch genug Kraft!«, tönte Akio laut. »Außerdem bin ich auch noch da! Ich komme mit dir!« Akio setzte sich auf seine Knie und rief noch lauter in Richtung Vater: »Ich helfe dir! Wir gehen zusammen!«

»Du kannst nicht gehen«, krächzte der Vater, »das weißt du doch.«

»Ich werde meine Schwester retten, das weiß ich!« Akios Stimme sollte fest und entschlossen klingen, aber sie war voller Angst und Hilflosigkeit.

»Du bist ein Goldblüter«, pflichtete die Mutter bei und ließ ihre Hände in den Schoß sinken. Akio konnte ihre verweinten Augen sehen. »Die Späher werden dein goldenes Blut aufspüren. Sie werden dich gefangen nehmen. Sie werden dich wie Adelia dem Moloch vorwerfen.« Sie schüttelte den Kopf und schloss ihre Augen. »Es hat keinen Zweck.«

Keinen Zweck? Akio fühlte sich elend. Wie konnten seine Eltern sich so ihrer Mutlosigkeit ergeben? Man musste doch etwas tun! Man konnte immer etwas tun! Vater hatte sich bisher nie unterkriegen lassen! Warum jetzt? War er wirklich mit seiner Kraft am Ende? Nein. Akio wollte sich nicht von seiner Traurigkeit und Hilflosigkeit überwältigen lassen. Er erhob sich und merkte dabei, wie sich eine gehörige Portion Wut in ihm ausbreitete: »Das werden wir ja noch sehen, ob es keinen Zweck hat!« Er drehte sich um, ging nach draußen und trat unterwegs lautstark einen Topf aus Metall zur Seite. Pollum quiekte auf, dann flitzte er Akio hinterher, sprang ihm von hinten an sein Hosenbein und krabbelte unter sein Hemd.

Kapitel 4

Nach der Schule war Alex jedes Mal so erschlagen, dass er das Gefühl hatte, er müsste erst mal für mindestens zwei Stunden ins Bett, obwohl er heute schon um kurz nach eins zu Hause ankam. Aber heute hatte er auch noch so viele Hausaufgaben aufbekommen, dass er fast befürchtete, erst um Mitternacht schlafen gehen zu können.

An der Wohnungstür im dritten Stock empfing ihn bereits Hanna: »Alex kommt!« Noch bevor er seine Jacke ausgezogen hatte, umarmte sie ihn stürmisch. Ihre dichten, dunklen, naturgelockten Haare wippten dabei auf und ab: »Alex lieb!«

Alex ließ sich die Umarmung gefallen und drückte seine Schwester an sich. »Ich hab dich auch lieb.« Schon durchfuhr eine wohlige Wärme seinen Körper. Alex hatte die gleichen Haare wie seine Schwester: dunkel, fast schwarz – das ging ja noch – und voller Locken, die mit keiner Bürste dieser Welt zu bändigen waren. Während das bei Hanna ganz süß aussah, fand er diese lockigen Haare, die seitlich in alle Richtungen abstanden, an seinem eigenen Kopf total widerlich. Dadurch wirkte sein sowieso schon viel zu schmales Gesicht mit der kleinen Nase noch schmaler. Fast krank, dachte er manchmal, wenn er sich morgens im Spiegel betrachtete.

»Alex eine Geschichte erzählen!«, forderte Hanna ihn auf.

»Ja, warte.« Alex ging mitsamt der ihn umklammernden Hanna durch die Tür in die Wohnung hinein. »Lass mich doch erst mal ankommen.«

»Ach, da bist du ja!«, rief Alex’ Mutter aus dem Badezimmer. »Kannst du euch beiden eine Pizza warm machen? Ich bin nicht zum Kochen gekommen! Und ich muss auch jetzt gleich wieder weg! Wir haben noch Teambesprechung, das kann etwas länger dauern.«

Teambesprechung. Was hatte seine Mutter in dieser kleinen Arztpraxis, in der höchstens fünf Leute arbeiteten, so oft im Team zu besprechen? Ganz häufig kam es vor, dass sie nachmittags noch mal in die Praxis musste, obwohl sie eigentlich nur halbtags arbeitete.

»Ja, okay«, gab er trotzdem nach. Er warf seine Schultasche in den Flur, hängte seine Jacke auf und zog die Schuhe aus.

»Alex eine Geschichte erzählen«, wiederholte Hanna und schob Alex ins Wohnzimmer.

Alex lachte. »Sollen wir nicht zuerst was essen?«

»Nein, nicht essen. Alex eine Geschichte erzählen.« Hanna strahlte übers ganze Gesicht, schob ihn bis ans Sofa und gab ihm dann noch einmal einen Stoß, sodass er lachend auf die Polster plumpste. Sofort setzte sich Hanna neben ihn und kuschelte sich an seine Seite. Alex legte wie ein großer Papa seinen Arm um sie. Wenn sie schon keinen wirklichen Papa hatte, der sich um sie kümmerte, versuchte Alex so oft wie möglich, ihr ein bisschen Papa-Geborgenheit zu geben. So eine, wie er sie selbst vermisste, seit sein Vater vor fünf Jahren die Familie verlassen hatte, ohne dass Alex wusste warum. Er war eines Tages einfach weg gewesen und die Mutter hatte nie eine Erklärung gegeben. Und weil sie nichts sagte, fragte Alex nicht nach, obwohl ihm eigentlich tausend Fragen durch den Kopf gingen. Dass sein Vater ihm damals noch kurz vorher aus einem Buch vorgelesen hatte, dann ohne eine Verabschiedung verschwunden war und sich seitdem nur noch an Alex’ Geburtstagen mit einem kurzen, peinlichen Telefonat bei ihm meldete, tat Alex so weh, dass er sich zwingen musste, möglichst selten daran zu denken. Die Mutter tat immer ganz tapfer und hatte den Alltag gut im Griff. Er hatte sie nie weinen gesehen. Und er selbst hatte, als der Vater weg war, immer nur abends im Bett geweint. Aber dann hatte er beschlossen, das Spiel »Alles ist gut, alles läuft weiter« mitzuspielen und auch den Tapferen zu mimen. Mit seiner Schwester Hanna versuchte er seitdem noch mehr Zeit zu verbringen. Ihre Liebe tat ihm gut. Und er spürte, dass sein Großer-Bruder-Arm um ihre Schulter auch ihr guttat.

»Also«, wollte er seine Geschichte beginnen.

Die Mutter kam zur Wohnzimmertür und hatte ein Handtuch um ihren Kopf gebunden. »Hör mal, kannst du vielleicht auch mit Hanna zum Logopäden gehen? Sie hat heute wieder ihren Termin, aber ich hab beim besten Willen keine Zeit.«

»Zum Logopäden? Wo ist der denn? Ich kenn den gar nicht.«

»Klar kennst du den. In der Mühlenstraße am anderen Ende der Stadt.«

»Wie soll ich denn da hinkommen?«

»Mit dem Bus natürlich. Du hast doch eine Busfahrkarte. Und Hanna fährt mit ihrem Ausweis frei, das weißt du doch.«

»Aha.«

Die Mutter ging von der Wohnzimmertür zurück ins Bad. Dabei redete sie weiter: »Um halb drei hat sie den Termin. Nächste Woche kann ich wieder hingehen. Aber heute wär es mir echt eine Hilfe, wenn du gehen würdest.«

Puh. Mit Hanna Bus fahren? Den Logopäden finden? Wieder nach Hause? Wie lange sollte das denn dauern? Schaffte er das überhaupt? Was, wenn er Hanna unterwegs verlieren würde? Auf dem Spielplatz hier im Wohnblock war er schon oft mir ihr gewesen. Das war eigentlich kein Problem. Aber auch da war es einmal vorgekommen, dass sie plötzlich verschwunden war. Sie hatte irgendwo eine Taube gesehen, der sie so lange nachgelaufen war, bis vom Spielplatz nichts mehr zu sehen war. Er hatte eine ganze Weile wie verrückt nach ihr gerufen, bis er sie endlich in einer Seitenstraße gefunden hatte.

Und jetzt bis ans andere Ende der Stadt? Andererseits – das wäre eine willkommene Ausrede, keine Hausaufgaben machen zu müssen.

Alex drehte seinen Kopf Hanna zu: »Was meinst du, Hanna: Sollen wir zwei in die Stadt zum Logopäden fahren?«

»Ja!«, freute sich Hanna und klatschte in die Hände. »Hanna, Alex Stadt fahren!«

Ob das gut ging? Alex spürte allein bei dem Gedanken daran eine gewisse Aufregung. Auf der anderen Seite war es ja auch gut, mal etwas Neues zu wagen. In grübelnden Gedanken verhangen schaute er sich im Wohnzimmer um, als suchte er eine Antwort auf seine Unsicherheit. An der Wand neben dem Fernseher hing ein großer Monatskalender, auf dem immer irgendein schlauer Spruch stand. In diesem Monat war ein Jugendlicher mit einem Kind an der Hand abgebildet, die gemeinsam über eine sonnige Wiese schlenderten. Darüber stand in großen Buchstaben: »Tu’s einfach! Du wirst einen unvergesslichen Tag erleben!«

Alex schloss die Augen, legte seinen Kopf zurück auf die Rückenlehne des Sofas und grinste. Dieses Bild und der Spruch auf dem Kalender waren ja wie auf ihn zugeschnitten! Das hätten Hanna und er sein können. Und der Spruch war eine Mut machende Antwort für ihn. Mit einem Mal war der Nachmittag für ihn eine beschlossene Sache. Er entschied sich, dieses Bild und diesen Spruch als Motto für den Tag zu nehmen. Er grinste noch breiter und fühlte sich nun richtig motiviert für seinen Ausflug. Schon krass, wie manchmal Erlebnisse so genau zusammenpassten, als hätte jemand ein Drehbuch für den »Film deines Lebens« geschrieben, in dem einfach ein paar Zufälle zusammenzuspielen schienen, die aber nur dazu dienten, den Film zu einem Happy End zu bringen. Alex öffnete die Augen, um sich das Bild und den Spruch noch einmal anzuschauen. Beim Blick auf den Kalender fror sein Grinsen auf der Stelle ein. Der Kalender zeigte immer noch dasselbe Foto wie vorher: ein Jugendlicher mit einem Kind auf der Wiese. Aber der abgedruckte Spruch lautete nun plötzlich: »Dies ist kein Film. Dies ist dein Leben!«

Kapitel 5

»Was machst du denn hier?«

Das Mädchen mit den dicken, lockigen roten Haaren warf Akio einen scharfen Blick zu, während sie zwei Häuser entfernt ihrem Pferd eine Decke über den Rücken legte und einige Gepäckstücke daran befestigte. Ihr Name war Silva.

»Was soll die Frage?« Akio blieb auf der Straße in der Nähe seiner Haustüre stehen. »Ich wohne hier.«

»Wieso haben sie dich nicht mitgenommen?« Wut und Verachtung lagen in ihrer Stimme. Sie ging um ihr Pferd herum und legte ihm mit schnellen Griffen das Zaumzeug an.

Silva war die Schwester von Agnus, dem dritten Goldblüter im Dorf neben Akio und Adelia. Während Agnus wie Adelia liebevoll und freundlich war, war Silva grob und kaltschnäuzig. Sie war genauso alt wie Akio: fünfzehn. In ihrer Kindheit hatte Akio sie oft auf der Straße mit Jungen Fußball spielen und manchmal sogar im Dreck raufen sehen, während Akio eher von ferne zugesehen und dabei über die Welt nachgedacht hatte. Silva schimpfte und fluchte ohne Hemmungen. Einmal hatte Akio sie mit einem toten Hasen ins Dorf kommen sehen, den sie mit Pfeil und Bogen selbst erlegt hatte. Meistens versuchte Akio, ihr aus dem Weg zu gehen.

»Ich habe mich versteckt«, antwortete er ihr. Pollum schaute mit seinem Kopf kurz aus dem Hemdkragen heraus, als wollte er nachschauen, mit wem sich sein Herrchen unterhielt.

»Glückwunsch!«, keifte sie zurück. Mit flinken und sicheren Bewegungen zog sie die Riemen rund um den Kopf des Pferdes zu. Ein Rucksack lag fest verschnürt auf der Straße.

Akio ging ein paar Schritte auf sie zu: »Du verreist?«

»Verreisen kann man das wohl kaum nennen!« Sie griff nach dem Rucksack und warf ihn sich auf den Rücken. »Ich hol mir meinen Bruder zurück!«

»Agnus!«, entfuhr es Akio erschrocken. Also doch – auch er war mitgenommen worden! Die Blutspäher hatten ganze Arbeit geleistet.

»Natürlich Agnus!«, raunzte Silva. »Ich hab nur einen Bruder.« Dann hielt sie in ihren Bewegungen inne, deutete mit dem Kinn auf Akios Haus und fügte hinzu: »Deine Schwester haben sie doch auch mitgenommen!«

»Ja.« Akio nickte.

»Und du? Willst du sie ihnen überlassen?«

»Nein! Natürlich nicht!«

»Warum zum Henker sitzt du dann nicht längst auf deinem Pferd und reitest ihnen hinterher?«

Tja, warum? Weil seine Eltern meinten, er würde das nicht schaffen? Weil er selbst es sich nicht zutraute? Weil er Angst um sein eigenes Leben hatte? Weil er wusste, dass Räuber wie diese auch nach seinem Blut lechzten?

»Schon klar«, gab sich Silva selbst die Antwort. »Du sitzt ja lieber in der Sonne und schreibst Gedichte. So jemand stürzt sich nicht in einen Kampf mit Räubern. Richtig?«

»Ich bin selbst ein Goldblüter«, erwiderte Akio. Doch in diesem Augenblick klang das nicht wie eine gute Ausrede. Trotzdem redete er weiter: »Sie suchen nach Leuten wie mir. Wenn ich ihnen hinterherreite, dann reite ich in den Tod.«

»Ich will dir mal was sagen, mein zarter Goldblut-Popo.« Silva kam ein paar Schritte auf Akio zu. »Selbst wenn mein Blut das goldenste Gold der Welt wäre, würde ich keine verdreckte Sekunde zögern, um meinen Bruder aus den Händen dieser Vollidioten zu befreien! Und wenn ich dabei mein Leben verlieren würde, dann würde ich selbst im Angesicht des Todes noch denken: Ich hab es für meinen Bruder getan! Und dann, zum Henker, würde ich voll Stolz und erhobenen Hauptes sterben!« Sie zog einmal fest und geräuschvoll den Rotz aus ihrem Hals nach oben. »Und es wäre eine Schande für mich und meine Familie, wenn ich mit einem Blatt Papier auf dem Schoß vor meiner Haustüre sitzen würde, süße Geschichten schriebe und dabei genau wüsste, dass irgendwo anders mein Bruder – mein eigenes Fleisch und Blut – einem gierigen Drachen zum Fraß vorgeworfen würde! Das kannst du mir glauben, verdreckt und zugenäht!« Damit spuckte sie den Rotz, den sie gerade hochgezogen hatte, mit einem festen Schuss Akio direkt vor die Füße, drehte sich um und ging auf ihr Reittier zu. Im nächsten Augenblick sprang Pollum aus Akios Hosenbein heraus und beschnupperte neugierig, was Silva dort hingespuckt hatte.

Akio wusste genau, warum er die Nähe von Silva mied. Ihre kalte, forsche und viel zu laute Art verunsicherte ihn und gab ihm das Gefühl, klein und unfähig zu sein. Aber wenn er ehrlich war, musste er zugeben, dass sie – wenn auch in unangemessenem Ton – recht hatte. Seine über alles geliebte Schwester war weg. Adelia erschien ihm mit ihrer unschuldigen und liebevollen Art fast schon wie eine Heilige. Und nun stand er hier auf der Straße und war zu feige, sich auf den Weg zu machen, um sie zu retten. Gleichzeitig machte sich die ungehobelte Nachbarin ohne zu zögern auf den Weg, um den Menschen zu retten, den sie liebte. Wer von ihnen beiden hatte nun das goldenere Blut?

»Ich komme mit!«, entfuhr es ihm plötzlich.

Silva blieb stehen und drehte sich zu ihm um. »Was willst du?«

»Ich komme mit!« Akio wunderte sich über seinen Mut, aber der feste Entschluss, der soeben in ihm gereift war, fühlte sich gut an.

Silva grinste verächtlich. »Weißt du überhaupt, wie man reitet?«

»Natürlich weiß ich das.« Diese überhebliche Frage ärgerte ihn. Aber er beschloss, sich davon nicht runterziehen zu lassen. Stattdessen sagte er: »Ich wette, ich bin auf meinem Berber schneller als du auf deinem Araber.«

Jetzt grinste Silva wie jemand, den man zu einem Duell herausgefordert hatte. »Das will ich sehen.«

Mit diesem Grinsen konnte Akio besser leben. Sofort musste auch er grinsen. »Ich pack nur schnell meine Sachen. Warte noch fünf Minuten!«

Kapitel 6

Hanna trug Jacke und Mütze, als Alex mit ihr um kurz nach zwei das Haus verließ. Es war Mai. Viel zu warm für eine Mütze. Aber Alex wollte auf Nummer sicher gehen. Und Hanna hatte sich natürlich nicht beschwert. Sie beschwerte sich überhaupt nie, wenn Alex irgendwas mit ihr machte. Ob er sie durchkitzelte, auf eine zwei Meter hohe Mauer stellte oder sie einfach mal zehn Minuten am Esstisch warten ließ, während er im Nebenraum telefonierte – nie zweifelte sie an dem, was er tat. In ihren Augen war er immer der Größte und machte es immer richtig. Wenn er aufhörte mit der Kitzel-Attacke, umarmte sie ihn sofort wieder und rief: »Alex lieb!« Wenn er ihr auf der Mauer zugerufen hätte: »Spring!«, dann wäre sie gesprungen, auch wenn er sie mit ihren sechs Jahren aus dieser Höhe niemals hätte auffangen können. Wenn er sie im Zimmer allein gelassen hatte und nach einer bestimmten Zeit wieder zurückkam, dann strahlte sie ihn an, als hätte sie die ganze Zeit nur auf seine Rückkehr gewartet. Vorwurf? Misstrauen? »Wo warst du so lange?« Fehlanzeige. So was kannte Hanna nicht. Dass in einem menschlichen Herzen Gut und Böse miteinander im Streit liegen, wie er es mal irgendwo gehört hatte, das konnte man von Hanna wirklich nicht sagen. Das Gute in ihrem Herzen hatte sich so breit gemacht – da passte nichts Böses mehr rein.

»Alex, Hanna Stadt!«, freute sich Hanna, während sie zur Bushaltestelle gingen.

»Ja«, bestätigte Alex. »Aber nicht weglaufen, ja? Immer schön bei mir bleiben.«

»Ja.« Hanna nickte mit großen Bewegungen. »Immer schön bei Alex bleiben.«

»Gut so.«

An der Bushaltestelle setzten sie sich auf die kleine Bank. »Alex Geschichte erzählen«, bat sie ihn erneut und kuschelte sich an seine Seite. Alex musste grinsen. Wenn es nach Hanna ging, dann konnte er den ganzen Tag Geschichten erzählen. Am liebsten Geschichten mit Pferden und Mäuschen. Oder mit lieben Mädchen, die Hanna hießen und die ausschließlich Schönes erlebten. Und weil Alex Geschichten ebenso liebte, fiel ihm auch immer wieder eine neue ein. Manchmal erzählte er auch Geschichten, die ein bisschen spannender waren. Zum Beispiel, dass ein Böser kam und Hanna ihre Puppe wegnehmen wollte. Dann saß Hanna mit aufgerissenen Augen kerzengerade da, wedelte hektisch mit ihren Händen vor ihrem Körper und konnte sich erst wieder entspannen, wenn die Geschichte ein gutes Ende genommen hatte. Aber niemals sagte sie: »Nein, nicht so eine spannende Geschichte erzählen!« Alex konnte erzählen, was er wollte – für Hanna war es immer eine Heldengeschichte. Und das machte Alex noch mal besonders stolz.

Vor einiger Zeit hatte Alex begonnen, in einem Notizbuch alles aufzuschreiben, was ihm Schönes einfiel. Einen Handlungsstrang, eine witzige Begebenheit, ein kluger Spruch. Dann konnte er etwas davon in seiner nächsten Geschichte einflechten. In diesem Notizbuch schrieb er manchmal auch nachträglich eine der Geschichten auf, die er Hanna erzählt und die ihm selbst beim Erzählen so gut gefallen hatte, dass er sie nicht vergaß. Dabei stellte er sich vor, wie irgendwann alle seine Pferdchen-, Mäuschen- und Hannageschichten als Buch veröffentlicht würden. Dieser Gedanke reizte ihn so, dass er manchmal alle möglichen wilden und abstrusen Gedankengänge, Überschriften oder Personenbeschreibungen aufschrieb, auch wenn er noch gar nicht wusste, wie das alles zusammenpassen könnte. Er nahm sich vor, irgendwann all seine wirren Gedanken zu sortieren und daraus eine ausführliche Geschichte zu verfassen. Die Geschichte von der lieben Hanna. Nein. Doofer Titel.

»Alex Geschichte erzählen!« Hanna riss Alex aus seinen Tagträumen heraus. Sie klopfte mit ihrer kleinen Hand auf seine Jacke und wiederholte: »Alex Geschichte erzählen!«

»Ja doch!« Alex lachte und setzte sich auf der Bank gerade hin. Dabei fiel ihm sein Notizbuch aus der Jackentasche. Sofort sprang Hanna auf und hob es auf: »Was ist das, Alex?«

»Das ist mein geheimes Geschichtenbuch«, grinste Alex.

Hanna strahlte, als hätte sie Geburtstag. »Vorlesen!«, juchzte sie.

»Das geht nicht, Hanna.« Die Geschichten stehen hier nur in wirren Stichpunkten, dachte Alex. Aber zu Hanna sagte er: »Die Geschichten sind noch geheim.« Dabei legte er bedeutungsvoll den Zeigefinger vor den Mund. »Pssst. Geheim.«

Hanna machte es ihm nach: »Pssst. Geheim.« Und sofort danach flüsterte sie verschwörerisch: »Alex geheime Geschichte vorlesen!«

»Ja«, flüsterte er zurück. »Wenn sie fertig sind.«

»Wann sind Geschichten fertig?«

Vermutlich werden sie nie fertig, dachte Alex. Wie so vieles in seinem Leben, das er irgendwann mal angefangen und nie zu Ende gebracht hatte. Wie etwa tausend Abenteuergeschichten, die er mal zu schreiben begonnen und dann doch nie beendet hatte, weil er entweder keine Lust mehr hatte oder weil er nicht wusste, wie die Geschichte weitergehen sollte. Zu Hanna sagte er: »Ich sag dir Bescheid, wenn sie fertig sind. Ja?«

»Ja.« Hanna nickte heftig.

Sein Notizbuch war in den letzten Wochen zu einer unübersichtlichen Lose-Blatt-Sammlung angewachsen. Oft war ihm nämlich genau dann was Schönes, Lustiges, Spannendes oder sonst wie Passendes eingefallen, wenn er sein Notizbuch nicht zur Hand hatte. Dann hatte er seine Idee auf irgendeinen Zettel geschmiert, der gerade herumflog, und später diesen Zettel in das Notizbuch gesteckt. Inzwischen schauten so viele Schmierzettel aus allen Seiten des Notizbuches heraus, dass Alex bezweifelte, jemals wieder Ordnung in diesen Wust zu bekommen. Er müsste sich einfach mal einen ganzen Abend oder Nachmittag Zeit nehmen, um das alles zu sortieren. Aber wann?

»Warte nicht mehr länger damit!«, hörte er plötzlich eine Stimme direkt neben ihm. Erschrocken drehte sich Alex um und sah einen Mann an der Bushaltestelle stehen, der vor einer Minute noch nicht da gestanden hatte.

»Was ist?«, fragte Alex verwundert nach.

»Fang endlich an damit!«, sagte der Mann.

»Womit?«

»Das alles aufzuschreiben!«

Alex schaute den Mann neben ihm misstrauisch an. »Woher wissen Sie, dass ich was aufschreiben wollte?«

Der Mann schaute Alex nicht an, als er sagte: »Tu’s einfach. Ja? Schieb die guten Dinge in deinem Leben nicht länger vor dir her. Setz sie um. Fang heute damit an.«

»Heute?«

»Ja.«

Alex ärgerte sich ein bisschen. Wie kam dieser fremde Mann dazu, ihm Anweisungen zu geben? Er kannte ihn doch gar nicht. »Heute kann ich nicht. Ich bin mit meiner Schwester beim Logopäden.«

»Für das, was einem wichtig ist, findet man immer Zeit.«

Das stimmte natürlich. Trotzdem fand er es merkwürdig, dass ihm irgendein wildfremder Mensch an der Bushaltestelle Tipps für sein Leben gab. Und noch merkwürdiger war, dass er wusste, was Alex gedacht hatte! »Wer sind Sie überhaupt?«

»Frag nicht weiter. Fang heute an. Okay?«

So langsam nahm sich dieser Kerl aber wirklich zu wichtig. »Können Sie mir bitte sagen, wer Sie sind und woher Sie mich kennen?«, fragte Alex etwas lauter und tippte dabei dem Mann, der bisher beim Reden immer noch an Alex vorbei in die Luft starrte, an die Jacke, damit er ihn mal anschaute.

Endlich drehte sich der Mann ganz zu Alex um. Mit der Hand, die Alex bis eben gerade nicht sehen konnte, weil der Mann seitlich zu ihm stand, hielt er sich ein Handy ans Ohr: »Bitte, was? Ich heiße Frank Weinheim. Warum?«

Alex spürte, wie er knallrot wurde. »Haben Sie gar nicht mit mir gesprochen?«

»Nein. Ich telefoniere mit meiner Verlobten.«

Alex wurde heiß und kalt auf einmal. Hanna schien diese Verwechslung kapiert zu haben, denn sie lachte laut auf und klatschte wie wild Beifall. »Entschuldigung«, sagte Alex. »Ich dachte, Sie hätten mit mir gesprochen. Das, was Sie gesagt haben, hat immer genau zu dem gepasst, was ich geantwortet hab.«

»Wirklich?« Der Mann zog die Augenbrauen hoch, behielt aber sein Handy am Ohr. »Lustiger Zufall.«

Alex fixierte das Gesicht des Fremden. »Glauben Sie an Zufälle?«

Der Mann lächelte. »Hm. Was würdest du sagen?«

»Dass Sie jetzt, ohne es zu wissen, mich praktisch dazu aufgefordert haben, meine Notizen zu einer Geschichte aufzuschreiben, das find ich schon interessant.«

»Wie ist es mit dir? Findest du auch, du solltest deine Notizen zu einer Geschichte aufschreiben?«

»Ja, schon.«

»Na, dann passt es doch. Tu’s einfach.«

Der Bus kam. Der Mann drehte sich um und stieg ohne ein weiteres Wort ein. Während sich Alex mit Hanna von der Bank erhob und auf den Bus zuging, las er die riesige Werbe-Aufschrift über der kompletten Seite des Busses: »Also zöger nicht länger und tu’s endlich!«

Alex blieb erschrocken stehen. So viele Zufälle konnte es doch eigentlich gar nicht mehr geben! Waren hier höhere Mächte im Spiel? Wollte hier jemand eine Botschaft an ihn weitergeben und nutzte dafür Menschen, Kalendersprüche und Busaufdrucke? Das konnte ja nicht wirklich sein. Oder erlaubte sich hier jemand einen Spaß mit ihm?

Immer noch den Kopf schüttelnd stieg Alex mit Hanna in den Bus. Ein merkwürdiger Tag war das.

Kapitel 7

Obst, Getränke, Brot. Wie viel? Schwer zu sagen. Akio stopfte in seinen Rucksack, was reinpasste. Wie lange würden sie überhaupt unterwegs sein? Mehrere Tage? Zu viel Gepäck war auch nicht gut. Pollum saß auf Akios Schultern und verfolgte mit großen Kopfbewegungen jedes einzelne Teil, das Akio in seinen Sack steckte, als wollte er genau überprüfen, was sein Herrchen mit auf die Reise nahm.

»Du reitest in den Tod«, jammerte die Mutter, die noch genauso wie vorher auf dem Hocker saß.

»Du wirst dem Moloch vorgeworfen wie deine Schwester«, fügte der Vater hinzu. Er stand mit schmerzverzerrtem Gesicht in der Stube und richtete unter Ächzen und Stöhnen die Möbel wieder auf.

»Adelia ist meine Schwester und ich werde nicht zulassen, dass fremde Männer sie in ihrer Gewalt haben«, sagte Akio laut und bestimmt. »Und wenn ich ebenfalls dem Moloch vorgeworfen werde, dann kann ich wenigstens sagen, dass wir den letzten Weg gemeinsam gegangen sind!«

Etwas unheimlich wurde ihm schon zumute, als er seinen Eltern diesen Satz so vorwarf. Aber er fand, dass dies in etwa so klang wie das, was Silva vorhin über sich und ihren Bruder gesagt hatte.

»Du bist erst fünfzehn«, knurrte der Vater.

»Was soll das heißen: erst fünfzehn?« Akios Augen blitzten böse, als er das fragte.

»Fünfzehn ist wenig von zehn entfernt. Vor Kurzem warst du erst zehn und hast in der Schmiede unterm Tisch gespielt.«

»Fünfzehn ist genauso weit von zehn weg wie von zwanzig!«, stellte Akio laut fest. »Stell dir einfach vor, ich bin fast zwanzig!«

»Ich wollte nur sagen, dass es sehr gefährlich ist«, warf der Vater ein. »Verstehst du das nicht? Bisher hab ich für die Familie gekämpft. Du nie. Wie willst du gegen die Häscher des Moloch ankommen, wenn du nie fechten, kämpfen oder Krieg führen gelernt hast?«

Die Mutter schluchzte: »Ich will nicht beide Kinder auf einmal verlieren.«

Dieses wehleidige Gejammer begann Akio zu nerven. »Vielleicht kriegst du ja auch beide Kinder auf einmal wieder zurück«, sagte er scharf. »Diese Möglichkeit gibt es immerhin auch noch.« Und zum Vater sagte er: »Ich tu es einfach, weil ich Adelia befreien will. Verstehst du das nicht? Wenn du zu schwach und verwundet bist, um für die Familie zu kämpfen, dann muss ich es doch tun, oder nicht? Ja, ich hab es nie gelernt! Aber ich hab einen festen Willen! Und der wird mich zur richtigen Zeit das Richtige lehren! Darauf vertraue ich!« Er griff nach dem Umhang mit der Kapuze und band ihn sich um die Schultern. Dann packte er seinen Rucksack und ging durch die Schmiede des Vaters in Richtung Stall.

In der Schmiede verlangsamte er seine Schritte und blieb vor dem großen Amboss kurz stehen. Wie oft hatte er hier dem Vater geholfen, das Feuer zu schüren, die Eisen zu beschlagen, Hufeisen zu formen, Schwerter, Spieße, Messer zu stählen und zu schärfen. Der Vater war schon immer ein kräftiger Mann gewesen, den Akio bewundert hatte. Aber er hatte auch oft kämpfen müssen. Und gerade in den letzten Jahren, seit die Priester des Moloch und die Späher der Bluträuber herausgefunden hatten, dass Adelia und Akio so wertvolles Blut in sich trugen, war die Familie häufigen Überfällen ausgeliefert gewesen. Heute also war es endgültig so weit: Die Räuber waren stärker als der Vater. Adelia war der Familie entrissen worden.

Akios Blick fiel auf das mittelgroße Schwert in der Ecke neben der Werkbank. Vor einigen Jahren, als er ein Junge von etwa zehn oder zwölf Jahren gewesen war, hatte er es mithilfe seines Vaters geschmiedet. Damals wollte er unbedingt ein eigenes Schwert haben. Und sie hatten gemeinsam eins hergestellt. Mit kunstvoll geschwungenem Querstück, lederumwickeltem Griff und stählerner Klinge. Akio war richtig stolz auf sein Erstlingswerk gewesen. Aber nach ein paar Monaten übertriebener Fechtübungen, bei denen er wild in die Luft gestochen und mit unsichtbaren Gegnern gekämpft hatte, war das Schwert hier in der Werkstatt gelandet, und irgendwann wurde es gar nicht mehr beachtet.

Jetzt fiel es ihm wieder auf. Unsicher nahm er den Griff in die Hand, hob das Schwert in die Höhe und betrachtete es vorsichtig, indem er es vor seinen Augen hin und her drehte. Pollum auf seiner Schulter reckte neugierig den Hals. Akio wusste nicht, wie man mit einem Schwert umging. Er wusste auch nicht, ob er mit Schwert überhaupt reiten konnte. Aber irgendetwas in seinem Inneren flüsterte ihm zu, er sollte es mitnehmen. Ein Krieger, der seine Schwester befreien wollte, brauchte ein Schwert. Hier hatte er eins. Er griff nach einem ledernen Schwerthalter aus einem der Regale, befestigte ihn an seinem Gürtel und ließ das Schwert hineingleiten. Ja, das fühlte sich gut an.

Kapitel 8

Alex und Hanna traten hinaus ins Freie und inhalierten die gute frische Luft des Frühlings, die sich in der Stadt ausbreitete. Den Logopäden hatten sie schnell gefunden und auch die Lerneinheit gut hinter sich gebracht. Die Sonne schien, die Spaziergänger liefen schon ohne Jacke draußen herum. Alles war gut.

»Komm, Hanna.« Alex setzte sich mit seiner Schwester in Bewegung. »Wir gehen zum Bus.«

»Ja.« Hanna strahlte. »Bus gehen.«

Diese vielen seltsamen Begebenheiten im Laufe des heutigen Tages waren schon merkwürdig gewesen, dachte Alex. Das Kreidestück heute Morgen in der Schule, das einfach mal um Alex’ Kopf herum eine Kurve geflogen war. Der Kalender, der seinen Spruch geändert hatte. Der Mann an der Bushaltestelle, der sich wirklich wie echt mit ihm unterhalten hatte. Und dann noch die Aufschrift auf dem Bus, die so wirkte, als wollte ihm zu guter Letzt der Bus auch noch etwas mitteilen.

Alex lachte vor sich hin. Schon krass, das alles. Das Gespräch und die Aufschrift an dem Bus konnte er sicher als Zufall verbuchen. Dass auf dem Kalender zweimal was anderes stand, war schon sehr merkwürdig. Eine Erklärung konnte sein, dass Alex beim ersten Mal nur grob auf den Kalender geschaut und den Spruch falsch gelesen hatte. Zum Beispiel, weil sich seine Gedanken irgendwie auf das, was er lesen wollte, übertragen hatten. Bestimmt gab es dafür irgendeine logische Erklärung. Und das mit der Kreide? Sicher hatte Marcel nur knapp an ihm vorbei geworfen und in seiner Wahrnehmung hatte Alex das Gefühl gehabt, als hätte die Kreide sich verlangsamt und eine Kurve genommen.

Ja, so könnte das alles gewesen sein. Alex grinste zufrieden, auch wenn ein letzter Rest von Unsicherheit in seinem Kopf blieb. Konnte jemand von außen Zufälle herbeiführen? Schicksal? Eine göttliche Macht? Alex blieb stehen, kniff die Augen zu und formulierte in Gedanken eine deutliche Frage: Hallo unsichtbare Macht! Waren all die Begegnungen heute Zufall oder geplant? Bitte melde dich!

Er öffnete die Augen und sah sich um. Irgendein Werbe-Plakat, das sich dazu äußerte? Eine Zeitung, ein Bus? Nein. Nichts. Alex schüttelte den Kopf und ging weiter. Jetzt bloß nicht verrückt werden.

In einiger Entfernung sah er, wie sein Bus an der Bushaltestelle einfuhr. »Los, Hanna, den müssen wir kriegen!« Mit Hanna an der Hand rannte er los. Aber Hanna war nicht so schnell. Sie konnte zwar, wenn sie wollte, wild auf der Stelle hopsen und eine Viertelstunde am Stück im Kreis durch das Wohnzimmer rennen. Aber die Geschwindigkeit zu erhöhen, um ein bestimmtes Ziel schneller zu erreichen, das war in Hannas Körper nicht einprogrammiert. Sie waren noch etwa hundert Meter entfernt, als der Bus losfuhr.

»Hanna Bus fahren!«, empörte sich Hanna und zeigte auf den Bus, von dem nur noch die Rücklichter zu sehen waren.

»Tja, ich glaub, heute fährt Hanna mit keinem Bus mehr.« An der Bushaltestelle angekommen, überflog Alex den Fahrplan. »Der nächste kommt erst wieder in einer Stunde.«

»Was heißt eine Stunde?«, wollte Hanna wissen.

»Das heißt, dass wir schneller zu Hause sind, wenn wir laufen.«

»Hanna Beine müde.« Hanna zeigte auf ihre Füße.

Alex lächelte. »Wir gehen schön langsam. Okay?«

»Okay.« Die müden Beine schienen wieder wach geworden zu sein. In gemütlichem Tempo schlenderten Alex und Hanna durch die Stadt. Schon bald kamen sie an einem Spielplatz vorbei, den Hanna natürlich sofort ansteuerte: »Da, Spielplatz! Hanna Spielplatz gehen!«

»Ist gut, Hanna. Wir gehen ja auf den Spielplatz.«

Hanna rannte sofort auf das Klettergerüst zu, Alex setzte sich auf eine Holzbank in der Nähe. Von hier aus hatte er den ganzen Spielplatz im Überblick. Etliche Kinder, mit und ohne Mütter, tobten über die verschiedenen Spielgeräte, warfen mit Sand, backten Sandkuchen oder jagten einander quietschend und juchzend über den Platz. Hanna begann, mit einer unbeschreiblichen Ausdauer das Klettergerüst hoch und wieder runter zu klettern. Nachdem Alex ihr eine Weile dabei genüsslich zugeschaut hatte, zog er sein Notizbuch aus der Jackentasche und las die Aufzeichnungen auf den Seiten und auf den dazwischengeschobenen Zetteln. Hier und da versuchte er, ein paar der Blätter zu sortieren, ein paar Gedankengänge zusammenzufassen und ein bisschen Ordnung hineinzubringen. Je mehr er sich damit beschäftigte, umso klarer formte sich in seinem Kopf ein Bild von einer recht schönen und spannenden Hanna-Geschichte. Glücklicherweise hatte Alex auch einen Kugelschreiber in der Jackentasche. So kam es, dass er direkt an Ort und Stelle begann, seine Geschichte aufzuschreiben.

»Alex, machst du da?«, fragte Hanna, als sie zwischendurch einmal bei ihm stand.

»Ich schreibe eine Hanna-Geschichte.«

Hanna hopste auf der Stelle, klatschte fröhlich und lachte laut: »Vorlesen!«

»Wenn sie fertig ist.«

»Ja.« Damit gab sich Hanna zufrieden und rannte zur Rutschbahn, wo sie ebenfalls ohne müde zu werden bestimmt hundertmal nacheinander die Leiter hochstieg und runter rutschte.

Alex vertiefte sich immer mehr in seine Geschichte. Er konnte gar nicht so schnell schreiben, wie ihn seine Gedanken nach vorne trieben. Zwischendurch vergaß er vollkommen, dass er eigentlich mit Hanna auf dem Spielplatz saß, so sehr lebte er innerlich in der Welt, die er gerade mit ungebremster Leidenschaft in seinem Notizbuch schuf.

Ein kalter Luftzug, der unter seine Jacke kroch, holte ihn dann doch wieder in die Realität zurück. Wie lange hatte er hier gesessen und geschrieben? Er schaute auf sein Handy: kurz vor sechs. Ein Blick auf den Spielplatz zeigte ihm, dass viele der Kinder, die hier vorhin noch gespielt hatten, inzwischen nach Hause gegangen waren. Auch Hanna war nicht mehr zu sehen.

»Hanna?«

Alex stand auf und ging einmal über den Spielplatz. »Hanna!«

Hanna war weg.

Kapitel 9

Zwei Reiter saßen bei Sonnenuntergang auf ihren Pferden am Ausgang des Dorfes und schauten in die Ferne. Links auf dem schwarzen Araber saß mit geradem Rücken Silva, Tochter des Eisenhändlers, die kräftigen, rötlich schimmernden Haare zu einem dicken Zopf hinter dem Kopf zusammengebunden, die Zügel ihres stolzen Pferdes in der Hand, den gepackten Rucksack auf dem Rücken, einige Trinkflaschen rechts und links an der Pferdedecke befestigt. Auf dem braunen Berber rechts daneben saß Akio, Sohn des Schmieds, die braunen Haare ebenfalls hinter dem Kopf zusammengebunden, ein ansehnliches Schwert an der linken Hüfte, einen langen Umhang über den Schultern, der oben den Rucksack auf dem Rücken und unten große Teile des feurigen Pferdes bedeckte. Auf seiner Schulter saß ein Dracolepidus, kurz: ein Leppid, ein niedlicher kleiner Verwandter genau jener gefürchteten großen Drachen, von denen es in grauer Vorzeit wohl jede Menge in Abadonien gegeben hatte. Inzwischen lebte nur noch einer: der rote Moloch. Aber dieser eine hielt auf schaurige Weise das ganze Land in seiner Gewalt. Nur wenige hatten ihn jemals zu Gesicht bekommen. Er hielt sich in einer Höhle im Tal des Tartaros auf und kam nur deshalb nicht heraus, weil er täglich dreimal eine Ration von etwa fünfzig Litern Blut geliefert bekam. Zuständig dafür waren die Blutpriester, die sich ihm in respektvollem Abstand näherten, die Blutration in einem eigens dafür gemauerten Opferbecken darbrachten und rasch die Höhle wieder verließen. Der Weg ins Tartaros-Tal war sehr weit und die Blutpriester mit den Blutrationen waren lange unterwegs. Darum wechselten sich die Priester ab. Jedes Dorf in Abadonien musste einen Blutpriester stellen. Jeder Priester war drei Tage lang für die Rationen des Moloch zuständig. In dieser Zeit übernachteten sie in der Priesterhütte unterhalb des Eingangs zur Höhle des Moloch. Wenn Amonos, der Priester aus Eisendorf, sich auf den Weg machte, hatte er auf seinem Pferdewagen mehrere Fässer mit insgesamt 450 Litern Blut geladen, das mit aufwändigen Methoden für den langen Weg und die grausamen Mahlzeiten haltbar gemacht worden war. Jedem Einwohner des Landes wurden viermal im Jahr vom dorfeigenen Priester mehrere Liter Blut abgenommen. Gesunden, kräftigen Menschen machte das wenig aus. Alte und kranke Menschen jedoch wurden durch die Blutentnahmen mehr und mehr geschwächt. Auch Akios Eltern wären noch schwächer, als sie es sowieso schon waren, würde Akio selbst nicht immer wieder eine höhere Ration von seinem eigenen Blut spenden, um die Eltern zu entlasten.

Die Geschichten der Vorfahren erzählten von ungeheuren Blutbädern, die der Moloch in den Dörfern angerichtet hatte, damals, als er noch gierig und gefräßig durch das Land streunte und alles fraß, was ihm in die Quere kam. Seit sich die Priester mit dem Dienst der Blutrationen abwechselten, ließ sich das Ungeheuer in seiner Höhle einigermaßen im Zaum halten. Zumindest hatte Akio Zeit seines Lebens noch nie davon gehört, dass der Moloch ausgebrochen wäre oder Unheil gestiftet hätte. Trotzdem lebte ganz Abadonien in der ständigen Angst, eines Tages könnte das Schlimmste doch wieder geschehen. Vor einigen hundert Jahren hatte ein alter Priester herausgefunden, dass das Blut, das dem Moloch vorgesetzt wurde, unterschiedliche Qualitäten aufwies. Es gab das normale Blut von normalen Menschen, von denen der Moloch pro Mahlzeit fünfzig Liter verschlang. Es gab aber auch Blut, in dem man eine größere Dichte, eine höhere Qualität – die Priester nannten es: einen höheren Goldgehalt – nachweisen konnte. Man konnte leicht sehen, dass Menschen mit goldenem Blut auch von ihrer Wesensart her aufrichtiger, vertrauensvoller und friedfertiger waren. Darum waren Goldblüter auch ohne Tests schnell zu erkennen. Warum allerdings manche Menschen bereits bei ihrer Geburt goldenes Blut in sich trugen und andere nicht, wusste keiner. Auf jeden Fall hatte der damalige Priester festgestellt: Blut in der goldeneren Form machte den Moloch länger satt. War der Blutration ein höherer Anteil von goldenem Blut beigemischt, war der Moloch auch schon mit vierzig oder gar dreißig Litern zufrieden. Seitdem war eine regelrechte Jagd auf Menschen mit goldenem Blut ausgebrochen. Nicht nur, dass den Goldblütern ihr komplettes Blut aus den Adern gesaugt wurde, um damit den Wert einer einzigen Blutration zu steigern. Hin und wieder hörte man davon, dass goldblütige Menschen im Ganzen dem Moloch als Fraß vorgeworfen wurden: als lebendig gefesselte Menschenopfer, dargebracht in dem steinernen Opferbecken, das dem Moloch als Tränke diente. Das kam aber zum Glück selten vor. Und es gab auch nur wenige Priester, die sich auf eine solche Grausamkeit einließen. Immerhin – nach dem Verspeisen eines ausgewachsenen Goldblüters war die Gier des Moloch für einen ganzen Tag, manchmal sogar für zwei oder drei Tage gestillt. Die Blutration eines ganzen Dorfes konnte damit eingespart werden.

»Welche Richtung?«, fragte Akio. Er hatte seine Hand über den Augen aufgestellt, um besser in die Ferne schauen zu können.

»Erst mal geradeaus«, gab Silva zur Antwort, ohne ihren Blick von der weiten, kahlen Steppe zu nehmen, die vor ihnen lag.

Plötzlich quiekte Pollum erschrocken auf, flitzte aufgeregt von Akios linker Schulter auf die rechte und wieder zurück und schaute dabei auf eines der letzten Häuser am Dorfrand. Akio schaute sich um und jetzt war es ihm, als hätte auch er eine Bewegung im Schatten eines der Häuser gesehen. Normalerweise hätte er nicht viel darauf gegeben. Pollum geriet schon mal in Aufregung, wenn er die Nähe eines anderen Leppids witterte, oder wenn er irgendwo eine besonders leckere Mahlzeit vermutete. Auch Leppids lebten hauptsächlich von Blut. Aber in wesentlich geringeren Maßen. Und immerhin gaben sie sich auch mit dem Blut von Insekten, Würmern oder anderen Kleintieren zufrieden. Trotzdem konnten sich herumstreunende Leppids nicht immer verkneifen, gerade blutgoldene Menschen hin und wieder zu beißen und dabei etwas von ihrem Blut zu saugen. Auch das war ein Grund, warum Akio seine Lederhaut trug. Sein eigener Leppid Pollum war gut dressiert. Der würde sich nie am Blut seines eigenen Herrchens betrinken. Dennoch. Normale Leppids krochen durch Abadonien wie lästiges Ungeziefer. In jedem Mauerloch konnte eines stecken und auf blutgoldene Beute warten.

Einem inneren Impuls folgend sprang Akio von seinem Pferd und schlich leise in die Richtung, in der er die Bewegung bemerkt hatte. Pollum quiekte aufgeregt. Mit einem leisen »Pssst« versuchte Akio, ihn zu beruhigen. Dann hörte er deutliches Quieken aus der Ecke hinter dem Haus. Also doch nur ein Leppid. Alles ganz harmlos. Akio warf einen kurzen Blick um die Ecke. Im nächsten Augenblick verspürte er einen Schlag mit einem Holzklotz gegen seine Stirn. Während Akio vor Schmerz aufschrie und einige Schritte zurücktorkelte, hörte er, wie jemand mit kleinen, aber aufgeregten Schritten davonlief. Pollum quiekte zum Angriff und rannte der Gestalt hinterher. Akio konnte noch nicht wieder sehen. Er hielt sich seine schmerzende Stirn, kniff seine Augen zu und sah nur kleine Sternchen vor sich. Dann hörte er wieder einen Schlag, gleichzeitig ein heiseres Aufschreien, danach ein Fluchen.

»Akio, komm schnell!« Das war Silva. Als er jetzt seine Augen öffnete, sah er sie in einiger Entfernung vor einer in schwarzen Stoff gehüllten Gestalt stehen, die auf allen vieren auf dem Boden kniete und sich stöhnend den Kopf hielt. Silva hielt einen kräftigen Ast in der Hand. Ihr war es gelungen, den Flüchtigen mit einem ordentlichen Schlag zu stoppen.

Akio lief zu ihr und erkannte in der Gestalt auf dem Boden den Bettler, der schon seit einigen Tagen auf dem Marktplatz gesessen und mit weinerlichem Gesang die Dorfbewohner um ein paar Münzen gebeten hatte. Weil er sich nie vom Platz bewegt hatte, dachte Akio, er sei gelähmt, blind oder sonst irgendwie körperlich krank. Aber so gezielt, wie er Akio gerade einen Schlag gegen den Kopf verpasst hatte und wie er danach wegrannte, konnte von einer Krankheit nicht die Rede sein.

Pollum quiekte, hüpfte dem Bettler auf den Umhang und schien nach etwas Bestimmtem innerhalb seines Mantels zu suchen. Da hörte Akio auch schon das typische Leppid-Quieken aus dem Inneren der schwarzen Stoffumhüllung. Akio zog den Bettler am Arm nach oben, schob den Umhang zur Seite und fand einen kleinen Holzkäfig am Gürtel befestigt. In dem Käfig drehte sich ein kleiner Leppid mit golden schimmernden Schuppen ängstlich im Kreis, so als wollte er davonlaufen, hatte aber nicht mehr Platz und drehte sich deshalb wirbelnd im Kreis. Neben dem Leppidkäfig baumelte ein Lederbeutel. Ohne um Erlaubnis zu fragen, zog Akio den Beutel ab und öffnete ihn. Winzige Fläschchen und Röhrchen aus Glas, kleine Messer, Spitzen, Haken und Scheren aus Metall, dazu eine Dose mit dem Staub der Enuntia-Blüte machten Akio mit einem Schlag klar, dass es sich bei diesem Mann keineswegs um einen Bettler handelte. Das war ein Blutspäher, ein ausgebildeter Spion, der Menschen Blut entnahm und es auf seinen Goldgehalt testete. Mit den Spitzen stach er den Testpersonen heimlich in die Haut und entnahm ihnen unbemerkt einige Tropfen Blut. Dieses Blut wurde dem Goldleppid in dem Käfig zu trinken gegeben. Je nachdem, wie sich dessen Schuppen daraufhin verfärbten, konnte der Späher daraus den Goldgehalt des Blutes ermitteln. Blutpriester aus der Vergangenheit hatten diese Methode entdeckt. Bluträuber und deren Späher bedienten sich seitdem dieser Praxis, waren im Volk dafür aber aufs Tiefste verachtet.

Akio packte den Bettler am Kragen seines Umhangs und zog ihn nah an sein Gesicht heran: »Du Schuft! Du hast meine Schwester auf dem Gewissen! Und ihren Bruder!« Er zeigte mit seiner freien Hand auf Silva. »Du wirst uns jetzt sofort sagen, wohin sie die beiden gebracht haben!«

Die nackte Angst stand dem alten Mann mit den dünnen weißen Haaren und den trübe wirkenden Augen ins Gesicht geschrieben: »Ich weiß gar nichts! Ehrenwort! Ich weiß gar nichts!«

»Ehrenwort?« Akio schüttelte den Mann. »Was willst du von einem Ehrenwort wissen? Sag uns sofort, wohin man Agnus und Adelia gebracht hat!«

»Ich weiß nichts, ich bin unschuldig!«, winselte der Alte.

»Deine Augen lügen, das sehe ich!«

Der Alte schaute hektisch zwischen Akios Augen hin und her. Dann formten sich seine Lippen plötzlich zu einem kleinen, hoffnungsvollen Grinsen: »Du bist der dritte Goldblüter!«

Akio schüttelte den Alten noch einmal und kam ihm mit seinem Gesicht so nahe, dass er den Gestank aus seinem Mund riechen konnte: »Ja, das bin ich. Und glaub mir, ich bin bereit, alles Mögliche zu tun, um meine Schwester zu befreien. Und du wirst mich zu ihr bringen!«

Der Alte zitterte, aber er grinste nun noch breiter, wobei seine halb verfaulten Zähne sichtbar wurden. Die spitzen Eckzähne sahen noch erstaunlich gesund aus. Ob er sich auch hin und wieder am Blut von Tieren oder gar Menschen bediente? »Ich … ich kann dich zu ihnen bringen! Ich weiß, wo sie sind!«

»Und wo?«

»In Gomorra.«

»Gomorra?« Akio bekam allein bei der Erwähnung dieses Namens eine Gänsehaut. »In der größten und schrecklichsten Stadt Abadoniens?«

»Ja.«

Akio schaute zu Silva hinüber, die bisher stumm das Gespräch und Akios tätlichen Angriff auf den Bettler beobachtet hatte. »Ich weiß, wo das ist«, sagte sie mit finsterem Gesicht.

»Die Stadt ist groß«, sagte der Alte mit zittriger, aber hoffnungsvoller Stimme. »Ihr würdet dort allein nicht zurechtkommen. Ihr würdet das Quartier meiner Herren niemals finden.«

»Und du würdest es uns zeigen?«, fragte Akio streng.

»Ja!«

Der freundliche, vertrauensvolle Ton, mit dem der Alte geantwortet hatte, verwunderte Akio. Und die plötzliche Hilfsbereitschaft ebenfalls. Aber eine andere Chance sah er nicht. Wieder schaute er kurz zu Silva. Die zuckte merkwürdig mit einer ihrer Augenbrauen. Das deutete er mal als Zustimmung.

»Gut, dann los.« Akio ließ den Mantel des Bettlers los und der Alte torkelte ein paar Schritte nach hinten, bis er sich wieder gefangen hatte. »Aber nicht abhauen«, fügte Akio noch hinzu. »Und keine Tricks.«

»Nein. Keine Tricks.« Es sah fast aus wie eine Verbeugung, als der Alte mit unheimlichem Grinsen seinen Kopf nach vorne beugte.

Pollum quiekte noch einmal laut auf und sprang gezielt an die Hüfte des Spähers und von dort an die Gitterstäbe des kleinen Käfigs. Wütend fauchte er in den Käfig hinein, als wollte er Feuer speien. Der Goldleppid im Inneren fauchte zurück, hielt sich aber an den Gitterstäben an der gegenüberliegenden Seite des Käfigs fest.

»Pollum, komm hierher!«, befahl Akio und klopfte auf seinen Arm. Pollum gehorchte, sprang auf Akios Schultern und schimpfte von dort aus noch etwas Unverständliches, Freches dem Goldleppid zu, der seinerseits erleichtert darüber zu sein schien, dass er wieder seine Ruhe hatte.

Kapitel 10

»Hanna, wo bist du?«

Alex schaute in jeden Busch rund um den Spielplatz, lief in jede angrenzende Seitenstraße hinein und wieder zurück. Keine Hanna.

Er rannte zurück bis zum Logopäden, rief unterwegs laut nach seiner Schwester, befragte jeden Passanten, der ihm begegnete, ob er ein sechsjähriges Mädchen mit einem blauen Anorak und einer rosa Wollmütze gesehen hätte. Nein, niemand.

Alex stürmte sogar in die Praxis des Logopäden und fragte, ob Hanna vielleicht zurückgekommen sei. Die Sprechstundenhilfe bekam ein sorgenvolles Gesicht: »Sollen wir die Polizei anrufen?«

»Nein, nein. Ich find sie bestimmt noch. Falls nicht, ruf ich nachher selbst die Polizei.«

»Ruf uns bitte an, wenn Hanna aufgetaucht ist, ja?« Die Frau schien sich echt Sorgen zu machen. Nahm die jedes ihrer Patientenkinder so ernst?

»Ja, ist gut. Danke, tschüss!«

Wieder zurück zum Spielplatz: »Hanna!« Und noch mal aus Leibeskräften: »Haaannaaaa!!«

Er versuchte so angestrengt wie möglich zu lauschen, ob zwischen all dem Lärm aus Autos und Menschen etwas wie ein Rufen, Weinen oder einfach ein Hanna-Wiedererkennungs-Geräusch zu hören war. Nichts.

Langsam stieg Panik in ihm auf. Was sollte er seiner Mutter sagen, wenn er Hanna nicht wiederfinden würde?

Er lief in Richtung Zuhause. Vielleicht war sie schon alleine nach Hause gegangen. Eigentlich war das unmöglich, denn sie kannte den Weg nicht. Als er einige Straßen weit gelaufen war, blieb er stehen. So weit könnte Hanna niemals ohne ihn in der letzten Zeit gekommen sein. Wer könnte ihm jetzt noch helfen? In einer leeren Seitenstraße brüllte er laut heraus: »Hey, du Schicksal! Du Zufalls-Herbeiführer! Hast du bitte noch mal ein Zeichen für mich? Wo ist Hanna? Wo soll ich nach ihr suchen? Hä?«

Er schaute sich hektisch in alle Richtungen um. Natürlich hing da kein Plakat mehr. Kein Kalender. Kein Mann mit Handy, der ihm so was wie »Mach dir keine Sorgen, sie sitzt gemütlich zu Hause vor dem Fernseher« zurief. War ja klar.

Alex rannte zurück zum Spielplatz. Dann sah er sich erneut um. In welcher der Seitenstraßen hatte er noch nicht nachgeschaut? Hm. In alle war er schon zwei- bis dreimal rein- und wieder rausgelaufen. Aber in der einen hatte er noch nicht alle Querstraßen abgeklappert. Also versuchte er es dort noch einmal. Als er in die zweite Seitenstraße hineinschaute, sah er Elena dort entlanggehen, die mit ihm im selben Haus wohnte, nur zwei Stockwerke unter ihm. Sie war genauso alt wie er, ging aber auf eine andere Schule. Als Kinder waren sie manchmal vor dem Haus ein bisschen zusammen Fahrrad oder Inliner gefahren. Aber seit sie auf den weiterführenden Schulen waren und Elena immer weiblichere Züge annahm, hatten sie kaum mehr miteinander gesprochen. Manchmal war es ihm sogar peinlich, wenn sie sich im Hausflur trafen und aneinander vorbeigehen mussten. Elena wirkte schon so reif und erwachsen. Sie roch nach Parfüm, trug Kleidung wie eine Studentin und wirkte mit ihren blonden, zu einem Pferdeschwanz locker zusammengebundenen Haaren bereits wie Anfang zwanzig. Alex dagegen, der sich nachmittags mit seiner Schwester Hanna beschäftigte, mit ihr im Wohnzimmer Bauklötze spielte oder ihr Geschichten erzählte, kam sich dabei wie ein kleiner Schuljunge vor. Als wäre er irgendwo in der Kindheit stecken geblieben, während Elena jedes Jahr um zwei Jahre älter geworden war. Hatten sie sich früher als zwei Achtjährige getroffen, so begegneten sich jetzt, mit fünfzehn, ein Zehnjähriger und eine Zwanzigjährige.

»Hast du Hanna gesehen?«, rief er ihr zu, sobald er sie erkannte.

»Hanna?«, rief sie zurück. »Ja, sie war vorhin hier!«

Eine Spur! Ein Hinweis! Alex’ Herz machte Freudensprünge. Schnell ging er auf Elena zu. »Wo genau?«

»Da hinten, am Ende der Straße hab ich sie getroffen. Ich hab mich noch gewundert, sie ganz ohne euch zu treffen, und hab sie gefragt: ›Bist du ganz allein?‹, da hat sie gesagt, sie sei mit dir unterwegs. Na ja, und da hab ich gedacht, du bist hier auch irgendwo.«

»Wo ist sie hingegangen?«

Elena rieb sich mit einer Hand die Stirn. »Puh. Wohin?« Sie schaute in die Richtung, aus der sie selbst gerade gekommen war. »Ich glaub, da hinten an den Häusern vorbei Richtung Waldrand.« Sie sah Alex sorgenvoll an. »Schlecht, oder?«

»Könnte schlechter sein«, japste Alex und setzte sich sofort in die angegebene Richtung in Bewegung. »Immerhin schon mal ein Hinweis! Danke!«

»Soll ich dir beim Suchen helfen?«, rief sie ihm noch hinterher.

»Nein, alles gut!« Alex rannte bis zum Ende der Straße. Eine Sackgasse. Zwischen zwei Häusern gab es einen schmalen Fußweg, der hinter den Häusern über eine Wiese in Richtung Wald führte. Allerdings war das, was man Wald nennen konnte, noch ziemlich weit weg. Es gab da etwas Geröll, teilweise steile Hänge, viel Wiese, immer wieder Bäume, kleine Schrebergärtchen. Aber ein wirklicher Wald war zu weit weg. So weit würde Hanna niemals kommen.

Alex rannte los. An den Häusern vorbei, immer auf dem angezeigten Weg entlang. Dann endlich – in einiger Entfernung hockte Hanna am Wegesrand und streckte ihre Hand ins Gras, als würde sie dort etwas suchen. »Hanna!«, brüllte er aus Leibeskräften und rannte schneller. Kurz bevor er sie einholte, sah er, wie vom Wegrand aufgeregt ein Eichhörnchen davonhüpfte.

»Da, Alex!« Hanna zeigte auf das kleine Tierchen, das mit gezielten Sprüngen auf einem der nächsten Bäume landete und dort flink nach oben kletterte. Sie wunderte sich kein bisschen darüber, warum Alex so rannte oder aufgeregt war. »Lieb!«, beschrieb sie das beobachtete Tierchen. Sie strahlte Alex an, als wäre er gerade mal eben für eine Minute weg gewesen.

»Hanna, du solltest doch nicht weglaufen!« Er wollte nicht schimpfen, aber vor lauter Aufregung war seine Stimme doch viel zu laut geworden.

Hanna schaute ihn erschrocken an. »Hanna nicht weglaufen«, sagte sie etwas eingeschüchtert. »Der da weglaufen!« Sie zeigte auf das Eichhörnchen. »Hanna Alex zeigen! Mitnehmen! Zu Hause! Spielen!«

Alex stöhnte leicht auf. »Nein, Hanna. Wir können kein Eichhörnchen mit nach Hause nehmen. Du siehst doch: Das läuft immer weg.«

»Nein. Nicht weglaufen. Küsschen geben.«

Was? Wer wollte hier wem Küsschen geben? Hanna dem Eichhörnchen? Oder war das Eichhörnchen vor der kleinen Hanna so handzahm geworden, dass es ihr schon Küsschen gegeben hatte? Wie hieß noch gleich dieser Heilige, der sein Leben mit Tieren verbracht hatte? Franz von Assisi? Diesem Kerl stand Hanna in nichts nach. Wie auch immer. Jetzt war Hanna zumindest gefunden und jetzt wollte Alex kein Risiko mehr eingehen.

»Komm, Hanna, wir gehen nach Hause.« Er nahm ihre Hand.

»Ja.« Bereitwillig machte sie sich mit ihm auf den Weg.

»Alex Geschichte erzählen«, bat sie, kaum dass sie ein paar Schritte gegangen waren.

»Jetzt gehen wir erst mal nach Hause.« Nach dieser Aufregung war Alex nicht in der Stimmung, Geschichten zu erzählen.

»Geheime Geschichte vorlesen«, sagte Hanna und legte gleich den Zeigefinger ihrer freien Hand an den Mund. »Pssst, geheim!«

Alex grinste. »Das hast du dir behalten, was?«

»Ja«, antwortete sie stolz.

Alex griff in seine Jackentasche nach dem Notizbuch. O Schreck. Es war weg. Sofort ließ er Hanna los und griff in die andere Tasche. Leer. Nein. Das durfte nicht wahr sein. Schon wieder stieg sein Adrenalinspiegel in die Höhe. Hosentaschen, Jackeninnentaschen, nichts.

»Mein Notizbuch ist weg!«, schrie er laut auf.

Hanna erschrak. »Notizbuch?«

»Mein geheimes Geschichtenbuch! Es ist weg!«

»Wo denn?«

»Das weiß ich ja nicht! Es ist weg!«

Was hatte auf dem Kalender gestanden: »Du wirst einen unvergesslichen Tag erleben!« Na, sehr schön! Das war wirklich ein unvergesslicher Tag! Aber nicht, weil etwas so unvergesslich Schönes passierte, sondern weil er von einem Schrecken in den nächsten gejagt wurde. War es das, was das unbekannte Schicksal von ihm wollte? Ganz toll! Wirklich ganz toll!

Kapitel 11

Das Lagerfeuer leuchtete hell in der Nacht, während die drei Reisenden davor saßen, ihre kalten Glieder aufwärmten und einige ihrer Vorräte aßen. Akio war damit beschäftigt, ein paar Gedanken auf ein Stück Papier zu schreiben. Zwischendurch warf er immer mal dem Blutspäher ein Stück seines Brotes zu, worauf sich dieser stürzte wie eine Ratte auf ein Stück Speck. Angewidert verzog Akio das Gesicht, als er sah, mit welcher Gier der Alte die wenigen Speisen verschlang. Pollum flitzte über den Boden und schnappte nach Glühwürmchen und anderen Insekten, die vom Feuer angelockt wurden. Silva hielt in der einen Hand einen angebissenen Apfel, in der anderen einen kleinen, ovalen Gegenstand aus Gold an einer Kette, den sie gedankenverloren betrachtete.

»Was hast du da?«, fragte Akio.

Silva schreckte auf. »Geht dich nichts an!« Schnell hängte sie sich die Kette um den Hals und steckte den goldenen Anhänger unter ihr Hemd. Dann sah sie zu Akio hinüber, der schon wieder in sein Papier vertieft war. »Und du? Was schreibst du da eigentlich?« Ihre Miene verriet, dass sie noch nie in ihrem Leben die Notwendigkeit gesehen hatte, etwas aufzuschreiben.

»Ein Gedicht über Adelia«, antwortete Akio, ohne von seinem Blatt aufzusehen.

»Echt?« Silva fiel erst jetzt wieder auf, dass sie einen Apfel in der Hand hielt, und biss herzhaft hinein. »Was schreibt man da so?«

»Willst du’s hören?«

»Wenn’s nicht zu lang ist.«

Akio schüttelte schmunzelnd den Kopf. Da hatte offensichtlich jemand überhaupt keinen Sinn für Poesie. Er entschied sich, es ihr trotzdem vorzulesen: »Meine Schwester Adelia. Adelia ist geduldig und freundlich. Adelia regt sich nicht auf, sie prahlt nicht, sie macht sich nicht wichtig. Adelia verletzt nicht, sie denkt nie an sich, sie ist nie beleidigt, sie trägt nie jemandem etwas nach. Adelia freut sich nicht über Ungerechtigkeit, sie freut sich aber an der Wahrheit. Adelia erträgt alles, Adelia glaubt alles, Adelia hofft alles, Adelia duldet alles.«

Akio sah von seinem Papier hoch und betrachtete die anderen am Feuer. Der Alte kaute an der Brotrinde, die Akio ihm vorhin zugeworfen hatte. Trotzdem hatte Akio das Gefühl, als hätte sein Gedicht etwas in ihm bewegt. Silva spuckte zwei Apfelkerne aus: »Schon fertig?«

»Ja.«

Sie nickte anerkennend. »Nicht schlecht.« Sie nickte weiter. »Nicht schlecht.« Sie kratzte mit ihrem Fingernagel Apfelreste aus den Schneidezähnen. »Du kannst statt Adelia auch Agnus einsetzen. Dann würde das hundert Prozent auch passen.«

Akio lächelte.

Der Alte brummte, ohne von seinem Essen aufzusehen: »Du kannst den Namen jedes Goldblüters einsetzen und es passt.«

»Halt die Klappe!«, fauchte Silva ihn an. »Mit dir spricht keiner.«

Akio schaute sich den Blutspäher näher an. So eine sinnvolle Aussage aus so einem durch und durch verräterischen und verdorbenen Menschen hätte er nicht erwartet. »Könnte sein«, stimmte er ihm zu. »Allerdings würde ich mich nicht trauen, meinen Namen einzusetzen. Ich glaube nicht alles und ich ertrage nicht alles.«

Der Späher antwortete darauf nicht.

»Wie heißt du eigentlich?«, fragte Akio.

Der Alte stopfte den letzten Rest der Brotkante in den Mund: »Ich heiße nicht.«

Akio runzelte die Stirn. »Du musst doch einen Namen haben.«

»Wir unter uns haben keine Namen.«

»Warum nicht?«

»Wer einen Namen hat, der hat auch eine Persönlichkeit. Einen Charakter. Ein Herz.«

»Und du willst sagen, du hast das alles nicht?«

»Nein. Wir sind Diener der Bluträuber und des Moloch. Wir heißen nicht. Wir dienen.«

Akio malte nachdenklich Muster auf sein Papier. »Aber als du ein Kind warst – da warst du doch noch kein Blutspäher. Oder doch?«

»Nein.«

»Wie wurdest du da genannt?«

Der Alte seufzte und starrte ins Feuer. »Das ist lange her.«

»Lass ihn in Ruhe«, murrte Silva, die dem Alten nichts von ihrem Essen abgegeben hatte. »Er hat recht: Er hat kein Herz, er ist ein Nichts. Er verdient nicht einmal unser Brot. Wenn es nach mir gegangen wäre, hätten wir ihn an einen Baum gefesselt, während wir hier sitzen.«

Akio blinzelte in die Glut des Feuers hinein. In der Mitte des Feuers leuchtete es rötlich. »Das glaube ich nicht.« Er hob ein Stöckchen vom Boden auf und warf es ins Feuer. Kleine Funken fingen an, darauf zu tanzen. »Jeder hat ein Herz. Jeder ist eine Persönlichkeit.« Er sah den Bettler von der Seite an. »Was hast du gespielt, als du ein Kind warst?«

Der Alte starrte wieder ins Feuer, als könnte er dort seine Kindheit finden. Nach langem Schweigen antwortete er: »Nachlaufen. Fangen. Und …« Wieder starrte er lange vor sich hin, bevor er weiterredete. »Und ich hatte einen kleinen Dracolepidus, der mir aufs Wort gehorchte.« Er drehte seinen Kopf leicht Akio zu und bekam fast so etwas wie ein vorsichtiges Lächeln. »So wie deiner dir gehorcht.«

Akio lächelte zurück. Ein wenig bekam er Mitleid mit diesem alten Mann. »Wie hieß dein Tier?«

Nach der Antwort musste der Alte nicht lange überlegen: »Nagori.«

»Was passierte mit ihm?«

»Unser Dorfpriester hat ihn mir abgenommen, als er merkte, wie gut er ihn zum Bestimmen des Blutgoldgehaltes gebrauchen konnte.«

»Hast du nicht versucht, ihn zurückzubekommen?«

»Doch.« Der Alte fuhr sich mit der Hand über die dünnen weißen Haare, die ihm strähnig ins Gesicht hingen. »Er hat mir ein Angebot gemacht. Er sagte, ich bekäme ihn zurück, wenn ich ihm fünfzig Liter Blut von Goldblütern besorgen würde.«

»Darauf hast du dich eingelassen?«

»Ich hätte mich auf alles eingelassen, um Nagori zurückzubekommen.« Wieder strich er sich mit einer Hand durch sein Gesicht. »Ich bekam einen anderen Goldleppid, mit dem ich den Blutgoldgehalt feststellen konnte. Das Erste, was ich feststellte, war, dass mein eigenes Blut ungewöhnlich golden war.« Er sah kurz zu Akio rüber. Akio bemerkte, dass die Augen des Alten leicht glasig geworden waren. »Ich war kein Goldblüter. Aber nicht weit davon entfernt. Ich wollte aber Nagori zurückhaben. Also hab ich mir zuerst sehr viel von meinem eigenen Blut abgenommen. Dann hab ich anderen Menschen hinterherspioniert. Ich habe Tricks entwickelt, wie ich ihnen heimlich Blut abnehmen und es testen konnte. Dabei bin ich hin und wieder auf Goldblüter gestoßen. Denen hab ich in der Nacht, wenn sie geschlafen haben, zuerst ein Serum gegeben, damit sie bewusstlos wurden und nicht merkten, wenn ich sie stach. Danach hab ich ihnen ihr Blut entnommen. So lange, bis ich fünfzig Liter beisammen hatte.«

»Was ist mit den Goldblütern geschehen?«

»Einige sind gestorben, weil ich ihnen zu viel Blut abgenommen habe. Andere blieben ihr Leben lang matt und schwach oder sind kurz darauf von Bluträubern mitgenommen worden.«

Akio schauderte, als er das hörte. »Hast du Nagori wenigstens zurückbekommen?«

Der Späher stützte den Kopf in seine Hände und seufzte. »Als ich dem Priester das verabredete Blut brachte, eröffnete er mir als Erstes, er hätte Nagori längst getötet. Dafür sei ich aber, weil ich nun schon so geübt darin sei, Goldblüter zu finden und anzuzapfen, ab sofort ein geeigneter Diener für eine Bande von Bluträubern, die für ihn arbeiteten.« Er seufzte wieder. »Seitdem stehe ich in ihrem Dienst. Mein Blut hat seine Goldheit schon längst verloren. Mein Blut ist heute nichts mehr wert. Gar nichts. Das ist gut so, denn nun muss ich nicht fürchten, selbst angezapft zu werden. Aber ich darf mich nicht an die Zeit erinnern, als ich noch halbwegs goldenes Blut hatte. Sonst überfällt mich eine Sehnsucht, die ich fast nicht bewältigen kann.« Er wischte sich mit beiden Händen über sein Gesicht und seine Augen. »So. Schluss jetzt. Schluss.«

»Wie ist dein Name?«, fragte Akio noch einmal.

Der Alte schaute Akio lange an. Diesmal lag weder Angst noch Gier in seinen Augen, sondern ein Funke von Hoffnung und Vertrauen. »Perfidus«, antwortete er dann.

Akio lächelte und nickte.

»Schluss jetzt!«, befahl Silva grob. »Wir sind hier nicht im Gefühlstheater! Wir müssen schlafen. Bevor die Sonne aufgeht, müssen wir weiterreiten. Vergiss nicht: Wir wollen Agnus und Adelia retten. Wer weiß, was sie jetzt gerade schon mit ihnen anstellen!« Sie zeigte auf Perfidus. »Und wehe, du haust ab, du dreckiger Verräter!« Sie schaute Akio an: »Sobald wir unsere Geschwister haben, stoßen wir den Alten von uns. Seine Lügenmärchen beeindrucken mich kein bisschen. Merkst du nicht, Akio, dass er nur dein Vertrauen erschleichen will? Du bist ein Goldblüter. In seinen Augen bist du Gold wert. Er wäre bereit, jede Herzlosigkeit zu vollbringen und dir jede Geschichte aufzutischen, nur um dich den Bluträubern oder auch direkt den Priestern des Moloch auszuliefern!«

Akio erschrak und schaute Perfidus an. Jetzt entdecke er wieder etwas wie Hinterlist und Gier in seinem Blick. Schnell schaute der Alte wieder ins Feuer. Akio konnte das kaum glauben. Hatte der Späher sich das wirklich ausgedacht, um Akios Vertrauen zu gewinnen? Das alles hatte sich doch so wahr angefühlt.

Akio war enttäuscht. Weil er selbst so goldenes Blut hatte, bemerkte er oft nicht, wann Menschen es nicht gut meinten. Ja, manches aus seinem Gedicht über Adelia traf auch auf ihn zu: Akio glaubte alles, Akio hoffte alles, Akio freute sich an der Wahrheit. Vielleicht war er hin und wieder einfach zu leichtgläubig. Manchmal wäre ein Herz mit mehr Misstrauen wirklich von Vorteil. Frustriert breitete er seinen Umhang aus, legte sich darauf und beschloss zu schlafen. Pollum, der bis dahin in der Nähe des Käfigs des anderen Leppids gesessen und immer mal wütende Drohungen in dessen Richtung gefaucht hatte, kam angelaufen und versteckte sich unter Akios wärmendem Hemd.

Als Akio mitten in der Nacht einmal kurz aufwachte, erkannte er trotz der Dunkelheit, dass Perfidus, der ganz in seiner Nähe lag, ebenfalls wach war und seine Blicke auf ihn richtete.

»Was hast du?«, fragte Akio leise. »Warum schaust du mich so an? Willst du mir mein Blut entnehmen?«

»Ich kann dein reines Herz sehen«, flüsterte Perfidus, »und dein goldenes Blut.«

»Und weiter?«

»Nichts weiter. Ich sehe es und es erinnert mich an damals. Und das tut weh.«

Akio wusste nicht, was er darauf sagen sollte. Perfidus schob hinterher: »Du erinnerst mich an meinen Bruder.«

Akio wollte lächeln, aber er war sich noch nicht sicher, worauf dieses Gespräch hinauslaufen sollte. »Wieso?«

»Er war auch ein Goldblüter. Als Kinder waren wir unzertrennlich.« Er schaute vor sich auf den Boden. »Es schmerzt, wenn ich daran denke.«

»Was ist mit ihm?«

Perfidus schloss die Augen und sagte lange nichts. Akio dachte schon, er wäre eingeschlafen. Aber dann flüsterte er leise mit geschlossenen Augen: »Ich hab dir erzählt, dass ich als Kind fünfzig Liter Blut aus Goldblütern sammeln musste. Den ersten Test mit dem neuen Goldleppid vollzog ich an mir selbst. Den zweiten …« Er redete nicht weiter. Er schniefte und fuhr sich mit der Hand übers Gesicht. »Ich hab das Blut meines Bruders ausgesaugt, während er geschlafen hat. Er war fortan nur noch schwach und krank. Er wusste nicht, dass ich es war, der ihm sein Blut gestohlen hat. Wenn er mich ansah, war sein Blick stets voller Liebe. Das hat mir das Herz gebrochen. Später war er der erste Goldblüter, den ich für die Bluträuber markiert hab. Ich war so unter Druck. Sie verlangten von mir einen Goldblüter. Mein Bruder war der Einzige, der mir auf die Schnelle einfiel. Ich glaube, diesmal hat er gemerkt, dass ich ihn markiert habe. Er hat mich trotzdem geliebt. Als er fortgeschleppt wurde, lag ein Gemisch aus Liebe und Verständnislosigkeit in seinen Augen.« Er zog die Nase hoch und wischte sich mit der Hand durchs Gesicht. »Ich hab meinen Bruder zweimal verkauft. Einmal, um meinen Leppid zurückzubekommen, und einmal, um meine neuen Herren nicht zu erzürnen. Das werde ich mir nie verzeihen. Ich bin ein Nichts.« Er wimmerte leise mit geschlossenen Augen vor sich hin.

Was für eine Geschichte aus dem Mund eines Blutspähers, von dem man sagte, es stecke nur Gift darin. Am liebsten würde Akio sie glauben.

»Ich weiß nicht, ob ich dir trauen kann«, flüsterte Akio.

»Das ist gut so. Trau mir lieber nicht. Goldblüter vertrauen viel zu schnell. Sie können nicht glauben, dass sie jemand anlügt. In Gomorra wird dir das nicht helfen. Dort sind alle böse und herzlos.«

Akio spürte, wie sich eine große Traurigkeit auf ihn legte. »Warum ist das so? Warum gibt es so wenig Menschen mit goldenem Blut?«

»Weil Menschen mit goldenem Blut gefährlicher leben. Sie sind verletzbarer. Gejagter. Werden öfter gestochen, ausgesaugt, benutzt. Wer will das schon?« Perfidus seufzte schwer. »Viele werden mit reinem Herzen und goldenem Blut geboren. Aber weil sie die Gefahr hassen, vergiften sie ihr Herz. Menschen mit unreinem Herzen und ungoldenem Blut leben in Abadonien sicherer.«

»Sicherer vielleicht. Aber auch glücklicher?«

»Ach«, seufzte der Alte. »Glück. Was ist das schon? Wenn man sich nur lang genug einredet, dass alles gut ist, und wenn man sich nur mit Menschen mit der gleichen Blutungoldheit abgibt und wenn man sich möglichst wenig an die Zeit erinnert, als das Blut noch golden war … dann bekommt man irgendwann das Gefühl, das hier müsste so etwas wie Glück sein.«

»Aber du«, Akio hob vorsichtig den Kopf, »du erinnerst dich doch! Du trägst doch noch die Sehnsucht in dir! Warum änderst du nicht dein Leben? Du könntest dein Leben als Blutspäher aufgeben!«

»Wie soll ich das?« Perfidus schüttelte den Kopf. »Sein Blut verungoldigen – das geht schnell. Indem man Hass, Neid, Misstrauen, Missgunst in sein Herz lässt. Aber sein ungoldenes Blut wieder vergolden? Das geht nicht.« Er drehte sich auf den Rücken und schaute in den wolkenverhangenen Himmel. »Und meine Sehnsucht – normalerweise schlummert die so tief in mir drin, dass ich nichts davon spüre. Ich liefere Goldblüter an die Bluträuber. Ich bekomme mein Geld, ich werde in Ruhe gelassen. Ich führe üblicherweise auch keine Gespräche mit Goldblütern. Und sie nicht mit mir. Die Sehnsucht nach dem Leben mit goldenem Blut – die hatte ich seit meiner Kindheit nicht mehr so stark vor Augen wie in dieser Nacht. Und das liegt hauptsächlich an dir.« Jetzt sah er Akio wieder an.

»Das tut mir leid. Das wollte ich nicht.«

»Das muss dir nicht leidtun. Diese Sehnsucht in mir fühlt sich gut und wahr an. An der möchte ich festhalten.« Akio sah, wie eine Träne über Perfidus’ Wange rann. »Du bist der Erste seit Ewigkeiten, der mich nach meinem Namen gefragt hat. Und es tut mir leid zu wissen, dass du mit deinem goldenen Blut in Gomorra nicht sehr weit kommen wirst. Die Stadt ist voller Blutspäher. Bluträuber. Bluthunde. Und anderer herzloser Kreaturen, die nicht danach fragen, wie sich ein Herz mit goldenem Blut anfühlt.« Perfidus wischte sich die Träne aus dem Gesicht. »Aber danke, dass du mich an meinen Namen erinnert hast. Diese Nacht werde ich so schnell nicht vergessen.«

Akio richtete sich etwas auf und stützte seinen Oberkörper auf den Unterarm. Etwas an dieser Erzählung passte nicht zusammen. »Es muss doch einen Ausweg geben. Du sehnst dich nach deinem goldenen Blut zurück. Du willst an dieser Sehnsucht festhalten. Aber was nützt eine Sehnsucht, die nicht gestillt wird? Es muss doch möglich sein, aus diesem Zustand erlöst zu werden!«

Perfidus lag wieder auf dem Rücken und starrte in den Himmel. Die Hände hatte er auf seinem Bauch gefaltet. »Die Vorfahren haben uns von einer Prophezeiung erzählt. Einer soll kommen, dessen Blut so golden ist, wie es niemals zuvor in Abadonien gesehen wurde. Der wird den Moloch ein für alle Mal besiegen und dann wird es niemals mehr nötig sein, Blut und Opfer für einen finsteren Drachen jagen zu müssen.«

»Und wer ist das, der kommen soll?«

»Ich weiß es nicht.« Er schüttelte den Kopf. »Ich weiß es wirklich nicht. Ich hab noch nie einen gesehen, auf den das zutreffen würde. Ich weiß auch nicht, ob diese Prophezeiung überhaupt stimmt. Wahrscheinlich ist es einfach eine Erzählung, die die Hoffnung in uns wachhalten soll, dass irgendwann einmal alles besser wird. Aber es ist ein schöner Gedanke. Denn wenn einen die Sehnsucht überfällt, dann kann man sich einreden: Es könnte ja sein, dass einmal alles besser wird.« Perfidus lächelte.

»Ein schwacher Trost«, fand Akio. »Und dafür solche Märchen erfinden …«

Ein lauter Schrei ließ Akio und auch Perfidus erschrocken in die Höhe fahren. Pollum schlug im Inneren von Akios Hemd aufgeregt quiekend Purzelbäume. Silva war es, die ihre Glieder mit lautem Geschrei reckte und streckte, um sich und die anderen wach zu bekommen. »So! Genug geschlafen!«, entschied sie lautstark. »Aufstehen, Sachen packen! Wir wollen bei Sonnenaufgang in Gomorra sein!«

Kapitel 12

»Hanna, wir müssen zurück zum Spielplatz.« Alex fasste Hanna an beide Schultern und schaute sie ernst und eindringlich an.

Hanna machte große und glasige Augen. »Hanna Beine müde.«

»Hanna, wir müssen aber. Hörst du? Ich hab mein geheimes Geschichtenbuch beim Spielplatz vergessen. Sollen wir es da liegen lassen?«

»Nein. Nicht liegen lassen. Alex holen.«

»Ich will es ja holen. Aber ich kann dich ja nicht hier alleine lassen.«

»Alex holen. Hanna hier sitzen.« Und um zu zeigen, wie brav sie sitzen konnte, setzte sie sich an Ort und Stelle auf den Boden. Sie grinste fröhlich. »Hanna sitzen.«

Leichte Panik stieg schon wieder in ihm auf. »Nein, Hanna, das geht nicht. Das geht wirklich nicht. Ich kann dich hier nicht alleine lassen. Nachher haust du mir wieder ab!«

»Nein. Hanna nicht abhauen. Sitzen.«

»Ja, das hab ich ja eben auf dem Spielplatz gesehen. Es geht nicht, Hanna. Du kommst mit und wir gehen beide zum Spielplatz und holen das Buch. Danach erzähl ich dir auch eine Geschichte. Versprochen.«

Hanna strahlte: »Ja, Geschichte!«

»Geschichte auf dem Spielplatz.«

»Nein, nicht Spielplatz.«

»Doch Spielplatz!«

Hanna kippte zur Seite und rollte sich auf der Wiese ein, als wollte sie sich schlafen legen. »Hanna müde.«

Alex merkte, wie er so langsam nicht mehr weiter wusste. Er setzte sich neben Hanna auf den schmalen Weg und streichelte ihr über den Oberarm. »Bitte, Hanna.«

Hanna hatte die Augen geschlossen. »Bitte, Alex, nein.«

Letzter Versuch: »Ich pack dich auf den Rücken und nehm dich Huckepack.«

»Nein, nicht. Hanna liegen. Immer nur hier liegen.«

Toll. Immer nur hier liegen. Obwohl Hanna weder wütend noch streng oder beleidigt war, schien klar, dass damit ihr letztes Wort gesprochen war. Was jetzt? Sollte er das Buch einfach da liegen lassen? Immerhin war es nur ein Buch. Ein Notizbuch mit ollen, zerrissenen Schmierzetteln. Weniger wertvoll als Hanna. Ganz klar. Andererseits steckte in diesem Buch ein Stück von ihm selbst. Eine Welt, die er geschaffen hatte, über die er der Herr war. Eine Welt voller Personen, die mehr oder weniger lebten und die in ihren Geschichten ein gutes Ende bekommen sollten. So was konnte man nicht einfach wegschmeißen.

Vorsichtig schaute er Hanna an. Sie lag so lieb und süß und unschuldig auf dem Boden, als hätte sie sich unter ihre Bettdecke gekuschelt und wollte schlafen. Wenn er sich einfach ganz doll beeilte? Er hatte sie vorhin ja auch wiedergefunden. Und er würde jetzt nicht so lange brauchen wie vorhin, als er beim Schreiben die Welt um sich herum vergessen hatte.

»Versprichst du mir, Hanna, hier liegen zu bleiben, bis ich wiederkomme?«

»Ja«, sagte Hanna müde, ohne die Augen zu öffnen.

»Ganz, ganz ehrlich?«

»Ja.«

»Okay. Dann lauf ich jetzt ganz schnell zurück zum Spielplatz und hol das geheime Geschichtenbuch. Und wenn du danach immer noch hier sitzt oder liegst, dann erzähl ich dir eine Geschichte. Ja?«

Hanna lächelte vergnügt und kuschelte sich noch mehr in den Boden hinein, als wäre er eine weiche Matratze. »Ja. Geschichte.«

Vorsichtig stand Alex auf. »Okay. Dann geh ich jetzt.«

»Ja.«

»Und du bleibst hier liegen.«

»Ja.«

»Nicht weglaufen.«

»Nein. Hanna nicht weglaufen.«

Alex rannte los. Bevor er an den unteren Häusern um die Ecke bog, schaute er noch einmal nach hinten. Hanna lag wie verabredet auf ihrem Platz.

Kapitel 13

Schon von Weitem konnte Akio die Stadtmauern von Gomorra erkennen. Mächtig und erhaben wuchsen schwarze Mauern entlang eines gewaltigen Felsengebirges empor und ließen in ihrer bedrohlichen Dunkelheit schon erahnen, wie viel Elend, Blutgier und Herzlosigkeit sich dahinter verbergen würde. Irgendwo hinter den dunklen Wolken über diesem finsteren, grauen Tal war die Sonne gerade dabei aufzugehen. Es wurde allmählich heller. Aber von Sonnenstrahlen war weit und breit nichts zu spüren. Kälte war es, die hier regierte und mit eisigen Händen um sich griff. Drei Reiter näherten sich der Stadt. Perfidus saß zusammen mit Akio auf dessen braunem Pferd. Perfidus vorne. Silva war bisher mit ihrem Araber vorne geritten, aber jetzt schien keines der Pferde als Erstes durch das Tor dieser dunklen, grauen, in Felsen gewachsenen Stadt reiten zu wollen. Je näher sie kamen, umso mehr spürte Akio, wie sich eine grausame Eisschicht um sein Herz legte. Jeder Schritt seines Pferdes schien ihn einer Höhle voller Erbarmungslosigkeit näher zu bringen. Schweißperlen bildeten sich auf seiner Stirn.

Silva, deren Pferd langsam neben ihm trabte, bemerkte das. »Na, Goldmännchen? Angst?«

Akio hasste es, so angesprochen zu werden. Er nickte. »Du nicht?«

»Willste lieber draußen bleiben?«, fragte Silva, ohne auf seine Frage zu antworten.

Akio schaute sie entsetzt an. »Nein, natürlich nicht!« Er fasste mit der rechten Hand nach seinem Schwert, um zu prüfen, ob er im Zweifelsfall schnell genug drankam. Falls es hier zu einem Kampf kommen sollte, hatte er keine Ahnung, ob er stark genug wäre. Er hatte keine Übung. Er hatte einzig den Wunsch, seine Schwester zu befreien. Ob ihm dieser Wunsch genug Kraft geben würde?

»Na gut. Ihr reitet vor!«, befahl Silva. »Der Alte zeigt uns den Weg zum Versteck seiner Räuberbande.« Sie schaute Perfidus streng an. »Und zum Henker: Wehe, du legst uns rein oder führst uns in eine Falle. Ich sag dir, ich kann kämpfen. Und es macht mir nichts aus, dir dein dreckiges Herz aus der Brust zu stechen. Klar?«

»Spar dir dein Theater!«, keifte Perfidus zurück. »Folgt mir lieber. Und wenn wir am Tor sind, wirst du, Goldblut, so tun, als seist du mein Gefangener. Schaffst du das?«

»Ich denk schon«, nickte Akio, auch wenn ihm nicht wohl dabei war.

Urplötzlich trieb Perfidus den Berber an und die beiden Pferde ritten im Galopp bis zum Stadttor. Akio gefiel es nicht, die Führung über sein Pferd abzugeben, noch dazu, ohne um Erlaubnis gefragt zu werden. Er war sich auch nicht mehr sicher, ob er Perfidus wirklich vertrauen konnte. Aber im Moment blieb ihm nichts anderes übrig. Pollum versteckte sich ganz unten in Akios Hemd und krallte sich an der Lederhaut fest.

Zwei Wächter mit Rüstung, Helm, Schwert und Lanzen musterten die Reiter misstrauisch, die sich dem Stadttor näherten.

»Was wollt ihr?«, fragte der eine barsch.

»Zu Demon und Lucio«, antwortete Perfidus.

»Wer sind die beiden anderen?«

»Der hier«, er zeigte mit seinem Kopf auf Akio hinter sich, »ist ein Goldblüter, den ich gefangen hab, das siehst du doch. Und die da hinten passt auf, dass er nicht abhaut.«

»Ein lebendiger Goldblüter!« Der Wächter grinste breit und zeigte dabei seinen zahnlosen Kiefer. Speichel lief aus seinem Mundwinkel. Er ging auf das Pferd zu und stupste Akio unsanft in die Seite. »So was hatten wir ja schon lange nicht mehr!«

Akio griff reflexartig mit der rechten Hand zum Schwert. Nur für alle Fälle.

»Hey!«, beschwerte sich der Wächter. »Der ist ja gar nicht gefesselt! Das soll ein Gefangener sein?«

»Was?«, rief Perfidus laut. »Hat sich dieser Hundskerl losgemacht? Wie konnte mir das entgehen? Na los, worauf wartet ihr? Fesselt ihn von Neuem!«

Akio erschrak. Wie bitte? Er sollte sich von den Wächtern fesseln lassen? Gehörte das zum Plan von Perfidus? Sollte er ihm wirklich vertrauen? Aber das Gespräch von heute Nacht – das hatte so ehrlich geklungen …!

Die beiden Wächter lehnten ihre Lanzen an die Mauern des Stadttores und packten Akio fest von beiden Seiten. »So, dann wollen wir mal!« Sie lachten mit ihren zahnlosen Mündern und beachteten nicht, dass der Speichel ihnen dabei unkontrolliert über das Gesicht lief und in langen Fäden vom Kinn tropfte.

»Lasst ihn los!«, schrie Silva plötzlich auf. Sie zog ihr Pferd am Zügel, sodass es sich laut wiehernd auf die Hinterbeine stellte und gleich darauf mit seinen Vorderhufen die Wächter angriff. Der erste Soldat stolperte laut schreiend zur Seite. Im nächsten Augenblick stand Silva mit ihrem Araber neben Akio und zog mit einem gekonnten Griff sein Schwert aus dem Gürtel. Dabei traf sie den zweiten Wächter am Helm, sodass auch der erschrocken zur Seite torkelte.

»Zu Hilfe!«, schrien die Wächter und griffen zu den Lanzen an der Wand. »Sie greifen uns an!«

»Weg hier!«, befahl Perfidus und forderte Akios Pferd mit einem Tritt auf, im schnellen Galopp mitten durch die Gassen davonzureiten. Silva dicht gefolgt hinterher. Dunkle Gestalten mit schwarzen Hüten, Mänteln und Umhängen bevölkerten die Stadt. Sie mussten laut schreiend und fluchend ausweichen, um nicht von den galoppierenden Pferden überrannt zu werden. Hunde bellten laut, wichen zurück oder liefen mit gefährlich fletschenden Zähnen neben den Pferden her.

»Ihr Narren!«, schimpfte Perfidus während der Flucht. »Jetzt sind sie hinter uns her! Hätten wir den Goldblüter gefesselt auf dem Pferd gehabt, hätten wir in Ruhe durchreiten können!«

Sie bogen in eine enge Gasse ab, ohne ihr Tempo zu verlangsamen. Immer wieder wichen schreiende Menschen aus. Männer, Frauen, Kinder. Auch alte Menschen. Die meisten mit Kapuzen, Hüten oder anderen Kopfbedeckungen, die den Blick auf ihre Augen gar nicht erst freigaben. Und die wenigen, die ihre Augen nicht bedeckt hatten, zeigten darin nichts als Hass und Verachtung. Von allen Seiten sprangen ihnen wild fauchende Leppids an die Beine, um ihnen das Blut auszusaugen, aber die Reiter schleuderten sie mit zappelnden Beinbewegungen von sich. Pollum schaute hin und wieder wütend aus Akios Umhang heraus und beschimpfte die Angreifer mit lautem Gequieke. Akio wurde immer mulmiger zumute. Wie war es wohl Adelia und Agnus ergangen, als sie in diese Stadt gebracht worden waren?

Von hinten waren Schreie zu hören: »Da sind sie! Haltet sie auf!«

Silva kannte keine Gnade. Wenn irgendjemand versuchte, eines der Pferde aufzuhalten, schwang sie wild und ohne Kontrolle Akios Schwert durch die Menge, immer abwechselnd zur rechten und zur linken Seite, sodass immer noch mehr Menschen schrien und fluchten. Perfidus trieb die Pferde zielsicher durch die Gassen, die mal enger und mal breiter waren, manchmal mit getöpferten Waren auf Tischen oder ausgebreiteten Decken, über die er achtlos die Pferde hinwegspringen ließ. Töpfe flogen, Scherben klirrten, Menschen schrien. Perfidus verlangsamte sein Tempo nicht. Silva ebenso wenig. Ihr schien die Jagd durch die Stadt zu gefallen, denn sie grinste, als hätte sie jemand zu einem Abenteuerspiel herausgefordert.

Dann endlich ließ Perfidus die Pferde in einer menschenleeren Gasse vor einem großen Holztor stehen und pochte mit seinen Fäusten laut dagegen.

»Wer ist da?«, kam eine raue Stimme aus dem Inneren hinter dem Tor.

»Perfidus!«

Während sich das Tor öffnete, spürte Akio einen Stich in seinem Herzen. Vergangene Nacht hatte Perfidus ihm gesagt, zum ersten Mal seit Langem hätte ihn wieder jemand nach seinem Namen gefragt. Und hier nannte er sich ganz selbstverständlich beim Namen. Er hatte ihn also angelogen. Was war noch alles gelogen?

Perfidus schritt langsam und aufrecht mit Akio im Gepäck durch das Tor ins Innere eines großen und stinkenden Hofes. Silva schritt hinterher, aber ihr Blick flog misstrauisch von einer Ecke zur anderen in diesem dreckigen Versteck. Hinter ihnen wurde das Tor verschlossen und verriegelt. Eine Horde von etwa zehn bis fünfzehn Männern, bewaffnet mit Säbeln, Schwertern und anderen Waffen, schien die drei zu erwarten. Bluthunde kläfften laut und schienen nur auf den Befehl zum Angriff zu warten.

»Hier bringe ich euch den dritten Goldblüter«, sagte Perfidus kühl und stieg vom Pferd herab. »Ich hab doch gesagt, ihr könnt euch auf mich verlassen.« Er zeigte auf Silva. »Bei der da müsst ihr aufpassen. Sie hat ein Schwert und sie schreit und tritt wie eine ungezähmte Stute.«

Akio konnte gar nicht so schnell reagieren wie seine Gedanken durch seinen Kopf purzelten. Er drehte sich erschrocken um und sah nur, wie drei Männer gleichzeitig Silva von ihrem Pferd zogen. Noch bevor er sein Pferd zur Flucht antreiben konnte, spürte er einen festen Schlag auf den Hinterkopf. Dann verlor er das Bewusstsein.

Kapitel 14

Auf dem Weg zum Spielplatz kam Alex wieder an Elena vorbei. Sie stand an der Bushaltestelle und telefonierte. »Hanna immer noch nicht gefunden?«, rief sie ihm nach, als er hektisch an ihr vorbeirannte.

»Doch, doch. Alles gut.« Plötzlich bekam er einen Einfall. Er blieb stehen und kam zu Elena zurück. »Kannst du mir trotzdem einen Gefallen tun?«

»Ja, gerne. Was denn?«

»Ich war mit Hanna schon auf dem Weg nach Hause, allerdings sind wir den Wiesenweg hinter den Häusern entlanggegangen. Weißt du, da, wo du Hanna vorhin zuletzt gesehen hast. Da ist mir eingefallen, dass ich was auf dem Spielplatz vergessen hab. Hanna war aber zu müde, um mitzukommen. Ich hab sie jetzt allein auf der Wiese sitzen lassen. Wenn du eben zu Hanna auf die Wiese gehen könntest und bei ihr bleibst, bis ich meine Sachen gefunden habe, dann wäre ich wirklich beruhigt. Verstehst du?«

Elena drückte das Gespräch am Handy aus, ohne sich von jemandem zu verabschieden. »Ja, klar. Kann ich machen. Ist kein Problem.«

»Danke. Vielen Dank.«

Elena versicherte sich noch mal kurz, ob sie den Weg richtig verstanden hatte, dann ging sie in die eine Richtung los und Alex rannte weiter in die andere Richtung zum Spielplatz. Als er dort ankam, lag sein Notizbuch natürlich nicht auf der Bank. Das war ja klar. Das war ja so was von klar! Alex suchte rund um die Bank herum, dann im Mülleimer neben der Bank, auf dem kompletten Spielplatz und überall dort, wo er vorhin nach Hanna gesucht hatte. Nichts zu finden. Das durfte doch nicht wahr sein. Sollte er jetzt etwa alle Straßen und Nebenstraßen noch einmal abklappern, die er vorhin entlanggerannt war?

Systematisch fing er bei der ersten Straße an, schaute in alle Seitenstraßen hinein, immer den Blick auf den Boden geheftet. Irgendwo musste doch etwas herumliegen. Sollte denn jemand sein Notizbuch gestohlen haben? Wer sollte sich für so eine Ansammlung von Zetteln interessieren? Je länger er suchte, desto schlechter fühlte er sich Hanna und Elena gegenüber, die ja nun doch schon eine ganze Weile auf ihn warteten. Nur gut, dass ihm das mit Elena noch eingefallen war. Dass sie ihm zufällig begegnet war. Zufällig? Was war hier überhaupt noch alles Zufall? Und was war eher so eine Art schicksalhafte Vorhersehung? Nein, darüber würde er jetzt nicht länger nachdenken.

In einer der Straßen, die an einer breiten Wasserrinne, so einer Art Kanal, entlanglief, sah er Marcel aus seiner Klasse mit einem Kumpel die Straße entlangschlendern. Vielleicht hatten die ja was gesehen. Während er sich ihnen näherte, hörte er, wie die beiden über etwas sehr Lustiges lachten und laute Kommentare abgaben. Als er sie fast eingeholt hatte, hörte er, wie Marcel mit theatralischer Stimme etwas vorlas: »Diese überhebliche Frage ärgerte ihn. Aber er beschloss, sich davon nicht runterziehen zu lassen.«

Die beiden Jungen lachten, als hätten sie sich einen dreckigen Witz vorgelesen. »Oder hör mal hier«, Marcel las wieder übertrieben künstlich etwas vor: »Die kräftigen, rötlich schimmernden Haare waren zu einem dicken Zopf hinter dem Kopf zusammengebunden.«

Wieder ein Gelächter wie bei einer Ansammlung von Betrunkenen. Alex musste nicht lange überlegen. Die beiden lasen Teile aus seinem Notizbuch vor! »Hey, was macht ihr da?«, rief Alex, als er die beiden eingeholt hatte. »Das ist mein Buch!«

»Dein Buch?« Marcel lachte wieder laut auf. »Heißt das, du hast diesen romantischen Quatsch geschrieben?«

»Das ist kein romantischer Quatsch«, wehrte sich Alex. »Das sind Geschichten für meine Schwester. Also gebt mir das Buch wieder!«

»Ach, deine Schwester!« Marcel hielt das Buch so, dass Alex nicht drankommen konnte. »Die Kleine, die schon sechs oder sieben ist und noch nicht bis drei zählen kann, ja?«

Alex spürte, wie sein Gesicht rot vor Zorn wurde. Seine Hand ballte sich zur Faust. »Wag es ja nicht, dich über Hanna lustig zu machen.«

»Nein, mach ich doch gar nicht.« Marcel lachte. »Die ist doch auch so schon lustig!« Er stieß seinen Kumpel an die Schulter und beide lachten, als hätte jemand einen versauten Witz erzählt.

Alex musste sehr aufpassen, dass ihm nicht die Tränen in die Augen sprangen. Hanna war der Inbegriff von Liebe und Unschuld. Und hier vor sich hatte er das genaue Gegenteil. Verachtung und Grausamkeit in Person. Am liebsten hätte er Marcel einen fetten Kinnhaken verpasst. Aber erstens wusste er nicht, wie man das machte, und zweitens hatte er Angst, anschließend so richtig verprügelt zu werden. Also rief er nur: »Her mit dem Buch!«

»Warte mal, hier stehen noch mehr coole Sachen drin.« Marcel hielt sich das Notizbuch vor die Nase und fing an zu lesen. Diesmal war Alex schneller und griff nach dem Notizbuch. Er bekam es zwar zu fassen, aber es gelang ihm nicht, es Marcel aus der Hand zu ziehen. »Hey, hey, hey!«, trötete Marcel, riss Alex das Buch wieder aus der Hand und hielt es über seinen Kopf. »Immer langsam! Ich hab die spannende Geschichte noch gar nicht zu Ende gelesen!«

»Gib mir das Buch zurück!« Alex sprang mit ausgestrecktem Arm in die Luft, aber er erreichte sein Buch nicht. Er kam sich ziemlich bescheuert vor, hier auf offener Straße zwei Jungen, die genauso alt waren wie er, winselnd darum zu bitten, ihm etwas zu geben, das ihm sowieso gehörte.

»Übrigens«, Marcel wandte sich an seinen Kumpel, »das hier ist Alex, von dem ich dir vorhin erzählt hab. Der, bei dem die Tafelkreide heute Morgen einen Bogen um seinen Kopf herum geflogen ist, als ich ihn damit beworfen habe.« Er schaute Alex an. »Stimmt’s, Alex? Wie hast du das gemacht? Das musst du mir noch erklären.«

»Ich weiß nicht, was du meinst. Gib das Buch her!«

»Ach komm, Alex. Sei doch nicht so.« Marcel legte ein schiefes Grinsen auf. »Lass mir doch das schöne Buch hier. Vielleicht interessiert mich ja, was du schreibst. Du, das ist unheimlich spannend. Echt.« Er zog einen einzelnen Zettel aus dem Notizbuch und las vor: »›Die Stadt ist groß‹, sagte der Alte mit zittriger, aber hoffnungsvoller Stimme. ›Ihr würdet dort allein nicht zurechtkommen.‹«

Alex holte mit einer Hand kurz aus und klatschte mit Schwung gegen Marcels Hand und das Buch. Das Notizbuch flog über die Straße und landete am Rand des Wasserlaufs. Alex lief auf das Buch zu. Marcel war zeitgleich dort angekommen und verpasste dem Buch, kurz bevor Alex es aufheben konnte, einen Fußtritt. In einem hohen Bogen flog es weiter. Diesmal natürlich mitten in den Bach.

Marcel und sein Kumpel lachten dreckig. Alex schossen mehrere übelste Beleidigungen und Schimpfwörter in den Sinn. Aber er entschloss sich, lieber nichts zu sagen. Stattdessen versuchte er vorsichtig, seitlich am Ufer bis ans Wasser hinabzusteigen.

»Oh, Entschuldigung!«, rief Marcel übertrieben. »Warte, ich hab hier noch was!« Damit zerknüllte er den Zettel aus dem Buch, den er noch in der Hand hielt, und warf ihn ebenfalls Richtung Wasser. Dieses Stück Papier verhing sich aber im Gras am Ufer. Schnell griff Alex danach und steckte es in die Hosentasche. Sein Notizbuch lag mitten in der Wasserrinne und wurde zwar nicht fortgeschwemmt, aber Alex kam trotzdem nicht dran. Er suchte einen Stock am Ufer und versuchte, das Notizbuch zu sich zu ziehen. Das Buch bewegte sich nicht. Als er sich noch ein Stück weiter vorbeugte, verlor er das Gleichgewicht und kippte vornüber. Mit einem Platsch stand er mit einem Fuß im Wasser. Dadurch geriet das Buch in Bewegung und ließ sich von der kleinen Strömung abtreiben.

Von oben hörte Alex, wie zwei Jungen lachten. Alex beachtete sie nicht. Jetzt, wo er sowieso nasse Füße hatte, war ihm alles egal. Er schritt mit beiden Füßen quer durch das Wasser und beeilte sich, um das Notizbuch einzuholen, das zwar nicht schnell, aber doch beständig den Bachlauf hinabschwamm. Hin und wieder verlor es dabei einen der eingelegten Zettel, sodass Alex nicht nur dem Buch, sondern auch noch den einzelnen Zetteln hinterherstaksen musste. Das Wasser war eiskalt. Alex hätte am liebsten laut vor sich hingeflucht. Oder den Jungen wüste Beleidigungen zugerufen. Aber wieder behielt er beides für sich. Endlich hatte er sein Notizbuch eingeholt. Er beugte sich nach vorne, griff nach dem Buch und verlor noch einmal das Gleichgewicht. Diesmal fiel er auf die Knie, sodass seine Hose bis fast oben hin klatschnass wurde und auch seine Arme bis weit über die Ellenbogen. Aber er hatte sein Buch und sämtliche Notizzettel.

Was für ein Tag!

»Gut gemacht, Alex!«, rief Marcel, als Alex aus dem Wasser stieg. Die Jungen lachten und gingen laut grölend die Straße abwärts.

Alex sparte sich jeden Kommentar. Wenigstens versuchten sie nicht noch einmal, sein Buch an sich zu reißen. Ob er Hanna jemals davon erzählen könnte, was er alles dafür eingesetzt hatte, um die kleine Welt zu retten, die er in diesem Notizbuch eigens für seine Schwester erfunden hatte? Und mehr noch: Würden ihm die Figuren in seiner eigenen Geschichte jemals dafür danken? In diesem Augenblick wurde Alex bewusst, wie sehr er sich in den letzten Stunden mit all seinen Gedanken in seine eigene Geschichte hineinversetzt hatte. Er hielt die Figuren schon für so real, dass er beinahe erwartete, sie müssten ihm für die Rettung ihrer Welt danken. Blödsinn.

Alex fror wie im tiefsten Winter, als er den Weg zurückging. Über den Spielplatz, an der Bushaltestelle vorbei, in die Straße, in der der Fußweg über die Wiese begann. Als er den schmalen Trampelpfad nach oben betrat, sah er schon von ferne, was er die ganze Zeit befürchtet hatte: Hanna und Elena waren nicht mehr da.

Pulsuz fraqment bitdi.

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Litresdə buraxılış tarixi:
12 noyabr 2024
Həcm:
330 səh.
ISBN:
9783955683108
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