Kitabı oxu: «Matriarchale Gesellschaften der Gegenwart»
Das Matriarchat
Herausgegeben von
Heide Göttner-Abendroth
Band II
Heide Göttner-Abendroth
Matriarchale Gesellschaften der Gegenwart
Band II: Amerika, Indien, Afrika
W. Kohlhammer
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1. Auflage 2022
Alle Rechte vorbehalten
© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Titelbild: Ahnin-Figur; Lindenmuseum Stuttgart, Staatliches Museum für Völkerkunde, Inv.No. F51.596L.
Print:
ISBN 978-3-17-039382-0
E-Book-Formate:
pdf: ISBN 978-3-17-039383-7
epub: ISBN 978-3-17-039384-4
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Die moderne Matriarchatsforschung macht eine völlig andere Gesellschaftsform, die nicht die Umkehrung des Patriarchats ist, wieder zugänglich. So wird unsere Vorstellung von matriarchalen Gesellschaften Schritt für Schritt immer reicher. Das berührt und verändert alle Bereiche unseres Wissens. In diesem Sinne ist die moderne Matriarchatsforschung heute Grundlagenforschung.
Dieser Band beschreibt und analysiert anschaulich die matriarchalen Gesellschaften Afrikas, Indiens und Amerikas. Ein besonderes Augenmerk liegt auf den Großformen dieser Sozialwesen. So wird das Vorurteil, dass es sich nur um kleine, isolierte Gemeinschaften handeln würde, eindrucksvoll widerlegt. Die weltweite Perspektive Göttner-Abendroths lenkt den Blick bei allen Unterschieden der beschriebenen Weltregionen auf die großen sozio-kulturellen Gemeinsamkeiten matriarchaler Gesellschaften.
Dr. Heide Göttner-Abendroth, Philosophin und Kulturforscherin, ist freie Wissenschaftlerin und Autorin. Sie gründete 1986 die unabhängige ›HAGIA. Akademie für Moderne Matriarchatsforschung‹ und leitet sie seither.
Inhalt
Danksagung
Einleitung zu diesem Buch
Kapitel 1: Matriarchale Kulturen in Südamerika
1.1 Die Arawak
1.2 Die Amazonen vom Amazonas
1.3 Der geschichtliche Faden zurück, oder: Der Seeweg nach Südamerika
1.4 Zur Struktur der matriarchalen Gesellschaft (Fortsetzung)
Allgemein:
Auf der sozialen Ebene:
Kapitel 2: Ausbreitung des Matriarchats nach Mittelamerika
2.1 Die Kuna, das »Goldene Volk«
2.2 Religion und Zeremonien der Kuna
2.3 Die »starken und schönen« Frauen von Juchitán
2.4 Der Lebenszyklus der Frauen von Juchitán
2.5 Zur Struktur der matriarchalen Gesellschaftsform (Fortsetzung)
Allgemein:
Auf der ökonomischen Ebene:
Auf der sozialen Ebene:
Auf der kulturellen Ebene:
Kapitel 3: Nordamerika: matriarchale Einwanderer von Süden
3.1 Die Hopi, das »Friedliche Volk«
3.2 Lebensstadienfeste und Agrarzeremonien der Hopi
3.3 Gottheiten und Mythologie der Pueblo-Indianer
3.4 Zur Struktur der matriarchalen Gesellschaftsform (Fortsetzung)
Allgemein:
Auf der sozialen Ebene:
Auf der kulturellen Ebene:
Kapitel 4: Nordamerika: am Kreuzpunkt südlicher und nördlicher Kulturen
4.1 Geschichte der Irokesen
4.2 Die Bildung der irokesischen Liga
4.3 Die Verfassung und politischen Strukturen
4.4 Gesellschaftsordnung und Ökonomie der Irokesen
4.5 Medizinbünde und Mythologie
4.6 Zur Struktur der matriarchalen Gesellschaftsform (Fortsetzung)
Auf der sozialen Ebene:
Auf der ökonomischen Ebene:
Auf der politischen Ebene:
Auf der föderalen politischen Ebene:
Auf der kulturellen Ebene:
Kapitel 5: Das Matriarchat in Südindien
5.1 Matriarchat im Kastensystem
5.2 Frauen und Männer der Nayar
5.3 Nayar, Pulayan und Parayan
5.4 Sozialordnung der Nayar
5.5 Religion und Feste der Nayar
5.6 Patriarchale Brahmanen und matriarchale Nayar: eine problematische Verbindung
5.7 Der Untergang des Matriarchats bei den Nayar
5.8 Die Ausgestoßenen: »Adivasi« und »Zigeuner«
5.9 Zur Struktur der matriarchalen Gesellschaftsform (Fortsetzung)
Allgemein:
Auf der sozialen Ebene:
Auf der politischen Ebene:
Kapitel 6: Das Matriarchat in Zentralafrika
6.1 Die Bantu-Völker
6.2 Die unlenkbaren Bemba-Frauen
6.3 Die Religion der Bemba
6.4 Die duale Gesellschaft der Luapula
6.5 Patriarchale und matriarchale Viehzüchter-Völker
6.6 Zur Struktur der matriarchalen Gesellschaftsform (Fortsetzung)
Auf der ökonomischen Ebene:
Auf der sozialen Ebene:
Auf der politischen Ebene:
Auf der kulturellen Ebene:
Kapitel 7: Matriarchale Königin-Königreiche in Westafrika
7.1 Die Geschichte der Akan
7.2 Die Königinmutter und die früheste Form der Akan-Reiche
7.3 Matriarchale Könige bei den Akan
7.4 Die Religion der Akan und die sakralen Rollen von Königinmutter und König
7.5 Die Entwicklung patriarchaler Tendenzen in den Akan-Reichen
7.6 Die Aschanti
7.7 Verbreitung matriarchaler Königin-Königreiche in Schwarzafrika
7.8 Zur Struktur der matriarchalen Gesellschaftsform (Fortsetzung)
Auf der politischen Ebene:
Auf der kulturellen Ebene:
Kapitel 8: Matriarchale Viehzüchter-Kulturen in Nordafrika
8.1 Die Frauen der Tuareg: Herrinnen der Zelte
8.2 Soziale und ökonomische Macht bei den Tuareg
8.3 Die politische Organisation der Tuareg
8.4 Die Geschichte: Auszug in die Wüste
8.5 Die alte Religion der Berber
8.6 Zur Struktur der matriarchalen Gesellschaftsform (Fortsetzung)
Allgemein:
Gesellschaftsform der matriarchalen Viehzüchter-Kulturen:
Auf der sozialen Ebene:
Auf der ökonomischen Ebene:
Auf der politischen Ebene:
Auf der kulturellen Ebene:
Allgemeines zum Matriarchat in Extremsituationen:
Verzeichnis der Abbildungen
Literatur
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Danksagung
Wie schon der erste Band aus dieser Reihe mit dem Titel: »Matriarchale Gesellschaften der Gegenwart. Ostasien, Indonesien, Pazifischer Raum«, der vollständig überarbeitet neu erschienen ist, so beruht auch dieses Buch auf der älteren Version des Teilbandes II, 2 von »Das Matriarchat« (2000 im Kohlhammer Verlag). Es ist den matriarchalen Gesellschaften der Gegenwart in Amerika, Indien und Afrika gewidmet und stellt, wie schon der neue Band I, eine verbesserte und erweitere Neuerscheinung dar. Damit sind die noch lebenden matriarchalen Kulturen, soweit sie heute bekannt sind, weltweit erfasst und präsentiert.
Wie ich schon beim Erscheinen von Band I erklärte, haben sich seit dem Beginn meiner Veröffentlichungen zu diesem komplexen Thema meine Erkenntnisse weiterentwickelt. Sie sind in die vollständige englische Ausgabe mit dem Titel: »Matriarchal Societies« (New York, 2013) eingeflossen; diese erweiterte Version kursiert mittlerweile international. Umso mehr freut es mich, dass diese aktuelle Version nun in den beiden Bänden I und II auch in deutscher Sprache vorliegt. Dafür bin ich dem Kohlhammer Verlag, der meine wissenschaftlichen Publikationen zum Thema Matriarchat von Anfang an großzügig gefördert hat, außerordentlich dankbar.
Diese neue Version wäre ohne die solidarische Unterstützung vieler Menschen, durch die mein Wissen wachsen konnte, kaum möglich gewesen. Noch einmal danke ich meiner damaligen Übersetzerin Karen Smith, die vom Deutschen ins Englische übersetzte und mich als Kennerin der Gesichtspunkte von indigenen Menschen als Erste beriet; es kam der englischen Version sehr zugute. Besonders wertvoll waren dann die Vorträge und Werke der indigenen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus matriarchalen Kulturen selbst, die während der drei »Weltkongresse für Matriarchatsforschung« (2003, 2005, 2011) zu hören waren. Was sie mich durch ihre Vorträge, Bücher und auch durch persönliche Informationen wissen ließen, ist, wie schon in den ersten Band, auch in dieses Buch eingeflossen. Dafür danke ich ausdrücklich: Usria Dhavida (Minangkabau, Sumatra, Indonesien), Wilhelmina J. Donkoh (Asante, Ghana, Westafrika), Fatimata Oualet Halatine (Targia/Tuareg, Zentral-Sahara), Hengde Danschilacuo (Mosuo, Südwest-China), Lamu Gatusa (Mosuo, Südwest-China), Makilam (Kabylin, Algerien, Nordafrika), Barbara Alice Mann (Seneca-Irokesin, Ohio, USA), Marina Meneses (Juchiteca, Mexiko), Patricia Mukhim (Khasi, Meghalaya, Nordindien), Bernedette Muthien (Khoe San, Südafrika), Gad Asyako Osafo (Akan, Ghana, Westafrika), Valentina Pakyntein (Khasi-Pnar, Meghalaya, Nordindien), Taimalie Kiwi Tamasese (Samoa, Polynesien), Savithri Shanker de Tourreil (Nayar, Südindien).
Ebenso danke ich den nicht-indigenen Wissenschaftlerinnen, die matriarchale Völker besuchten und dort wertvolle Forschungen unternahmen. Auch ihnen begegnete ich während der Weltkongresse und wiederholt danach und verdanke ihrem Wissen viel: Veronika Bennholdt-Thomsen (Deutschland), Susan Gail Carter (USA), Hélène Claudot-Hawad (Frankreich), Shanshan Du (China), Carolyn Heath (Großbritannien), Antje Olowaili (Deutschland), Peggy Reeves Sanday (USA), Ruxian Yan (China).
Besonders danke ich Christina Schlatter für ihre jahrzehntelange, unermüdliche Unterstützung beim Recherchieren von oft schwer zugänglicher, wissenschaftlicher Literatur und beim Ergänzen von Daten zum Zitieren. Sie ist die Gründerin des »MatriArchivs« in der Kantonsbibliothek St. Gallen (Schweiz) und hat dort mein Gesamtwerk gesammelt.
Sehr herzlich danke ich den Spenderinnen und Spendern in den »Fonds für Matriarchatsforschung«, der vom Förderverein der Akademie HAGIA e.V. verwaltet wird. Alle ihre Beiträge stellen eine große Hilfe für mich als unabhängige, »freie« Wissenschaftlerin dar, damit die umfangreiche Forschung zum Thema Matriarchat von mir geleistet und publiziert werden konnte und weiterhin kann.
Einleitung zu diesem Buch
Das vorliegende Buch: Matriarchale Gesellschaften der Gegenwart. Band II: Amerika, Indien, Afrika, setzt das matriarchale Paradigma und damit die Matriarchatstheorie fort. In der philosophischen und methodologischen Einleitung von Band I, die auch für diesen zweiten Band gilt, habe ich die Schritte des matriarchalen Paradigmas genannt, die mit diesen beiden Bänden verwirklicht werden. Denn die ethnologischen Analysen, in denen konkrete, heute noch lebendige matriarchale Gesellschaften vorgestellt werden, sind der systematische Ort, um aus ihrer Fülle die vollständige strukturelle Definition von »Matriarchat« zu entwickeln. Diese fehlt sonst überall in der traditionellen Matriarchatsforschung, was Tür und Tor für Vorurteile geöffnet hat, und genau darin unterscheidet sich die moderne Matriarchatsforschung von der älteren. Diese Definition ist das Ergebnis meiner Forschung zu den lebenden matriarchalen Gesellschaften und wurde ihr nicht vorausgesetzt. Denn die Definition wird induktiv und sukzessive aus meinen Analysen gewonnen, ein Vorgang, der für jede Leserin und jeden Leser nachvollziehbar ist. Das wurde bereits in Band I hinsichtlich der Völker in Ostasien, Indonesien und dem Pazifischen Raum begonnen und wird in diesem Band II für die Kontinente Amerika, Afrika und den indischen Subkontinent fortgesetzt. Durch die Zusammenfassungen eines jeden Kapitels werden nicht nur die Grundprinzipien matriarchaler Gesellschaften sichtbar gemacht, sondern auch der Reichtum an Lebensweisen, den sie umfassen.
Ebenso führe ich die Hypothesen über Wanderungen und Ausbreitung von matriarchalen Gesellschaften in diesen Weltgegenden fort, um weiträumige kulturelle Zusammenhänge sichtbar zu machen, die es einst gegeben hat. Das verhindert, dass die dargestellten einzelnen Gesellschaften als isolierte Inseln wahrgenommen werden, wie es in der heutigen Ethnologie meist üblich ist. Das macht es nötig, auch die kulturgeschichtliche Perspektive einfließen zu lassen, doch ich bin mir dessen bewusst, dass sie hier noch rudimentär bleibt. Es ist der Weiterentwicklung meines Werkes vorbehalten, sie auszuführen und aus den entsprechenden wissenschaftlichen Fachgebieten gründlich zu belegen.
Außerdem möchte ich noch einmal daran erinnern, wenn ich von »Gegenwart« spreche, dass darunter nicht nur das unmittelbare Hier und Heute verstanden wird, sondern der Zeitraum der ethnologischen Berichterstattung über solche Gesellschaften, der bis ins 18. Jahrhundert zurückreicht. Obwohl alle diese Berichte von patriarchal geprägten Wissenschaftlern westlicher oder östlicher Herkunft ideologische Verzerrungen aufweisen, sind sie doch Augenzeugenberichte. Das meine ich mit »gegenwärtig«, denn mit Augenzeugenberichten begann die Phase der empirischen Ethnologie.
Der thematische Schwerpunkt in Band I lag auf der Analyse der inneren Strukturen matriarchaler Gesellschaften, den Mikrostrukturen, das heißt, den Regeln und Bräuchen, welche die Sozialordnung und die Gemeinschaften konstituieren, ebenso ihre Ökonomie, Politik und Religion. Die Ergebnisse fasse ich hier nochmals stichwortartig zusammen.
Die ökonomischen Muster matriarchaler Gesellschaften sind: Subsistenzwirtschaft, die meistens, aber nicht immer auf Garten- und Ackerbau beruht; Land und Häuser sind Eigentum des Clans, Privatbesitz ist unbekannt; die Frauen sind die Hüterinnen der wesentlichen Lebensgüter: Felder, Häuser, Nahrungsmittel, und verteilen sie gerecht (Verteilungsmacht statt Besitz). Durch lebhaften Kreislauf der Güter bei Festen in der Gemeinschaft wird ein ständiger Ausgleich bezüglich des Reichtums hergestellt. Ich nenne sie deshalb auf der ökonomischen Ebene Ausgleichsgesellschaften.
Die sozialen Muster matriarchaler Gesellschaften sind: Bildung von Clans, die durch Matrilinearität (Mutterlinie) und Matrilokalität (Wohnsitz bei der Mutter) zusammengehalten werden; Wechselheirat zwischen je zwei Sippen mit »Besuchsehe« aufseiten der Gatten oder anderen offenen Eheformen; sexuelle Freiheit für beide Geschlechter; »soziale Vaterschaft« des Mannes, die sich auf seine Schwesterkinder bezieht, denn biologische Vaterschaft ist unbekannt oder unbedeutend; das Heiratssystem dient der verwandtschaftlichen Vernetzung der ganzen Gesellschaft. Ich nenne sie deshalb auf der sozialen Ebene nicht-hierarchische, horizontale Verwandtschaftsgesellschaften.
Sehr wichtig ist dabei, die große Bedeutung der Matrilinearität als Grundregel zur Bildung dieser Verwandtschaftsgesellschaften zu erkennen. Sie ist deshalb weitaus mehr als die meist zitierte »Benennung von Verwandtschaft und Vererbung in der Mutterlinie«, denn sie ist das gesellschaftsformende Prinzip. Wenn die Verteilungsmacht der Frauen über die Lebensgüter hinzukommt, also ihre starke Stellung in der Ökonomie, handelt es sich nicht mehr um »nur matrilineare« Gesellschaften, sondern um matriarchale. Diese Unterscheidung zwischen matrilinearen und matriarchalen Gesellschaften wird in der Ethnologie nicht gemacht, was der Anlass für viel Verwirrung ist.
Die politischen Muster matriarchaler Gesellschaften sind: Entscheidungsfindung nach dem Konsensprinzip auf allen Ebenen: im Rat des Clanhauses, im Rat des Dorfes oder der Stadt (lokal), im Rat des ganzen Volkes (regional); Männer als Delegierte der Clans für die umfassenderen Ratsversammlungen; sie sind jedoch nur Kommunikations- und keine Entscheidungsträger; Abwesenheit von Herrschaftsmustern und Klassen. Ich nenne sie deshalb auf der politischen Ebene egalitäre Konsens-Gesellschaften.
Die religiös-kulturellen Muster matriarchaler Gesellschaften sind: Verehrung der Ahninnen und Ahnen als dem anderen Teil des Clans; sehr konkreter Wiedergeburtsglauben, nach dem jeder Mensch im selben Clan wiedergeboren wird; Heiligung der Erde und des Kosmos als Schöpfergöttinnen; Göttlichkeit der ganzen Welt; es gibt kein dualistisches Weltbild und keine dualistische Moral; alles im Leben ist Teil des symbolischen und rituellen Systems. Ich nenne sie deshalb sakrale Gesellschaften als Kulturen der Göttin.
In vorliegenden Band II richtet sich der Fokus nun auf die Makrostrukturen matriarchaler Gesellschaften, das heißt, auf Institutionen, die über die Sippenordnung hinausgehen und auf das gesellschaftliche Gefüge insgesamt verweisen. Es werden auch Gefüge von mehreren matriarchalen Völkern untereinander dargestellt. Diese Großformen politischer Organisation können sehr verschiedene Strukturen haben. Man kann dabei erkennen, dass matriarchale Gesellschaften mit ihrer ganz eigenen Politik »Staaten« bilden – wenn man das überhaupt so nennen kann. Ich gebrauche diesen Begriff nicht, denn unter »Staat« wird von Beginn der Geschichtsschreibung an bis heute eine Struktur von hierarchisch organisierter Herrschaft verstanden, das heißt, eine patriarchale Gesellschaftsform. In diesem Sinne haben matriarchale Gesellschaften keine »Staaten«, obwohl sie Großformen bilden können. Diese Großformen sind staats- und herrschaftsfrei.
Das heißt, matriarchale Gesellschaften sind keineswegs zu klein oder zu »primitiv«, um große Gebilde aus mehreren Völkern politisch hervorzubringen. Das können sie durchaus und haben es in ihrer Geschichte oft getan. Das Erstaunliche an diesen Großformen ist, dass sie nicht wie bei patriarchalen Gesellschaften durch hierarchischen Druck von oben zusammengehalten werden, sondern dass auch diese komplexen Strukturen auf dem Boden von Egalität und Konsens aller Mitglieder gebildet werden. Das setzt eine hohe Kunst politischer Integration voraus, die wir bei ihnen beobachten können. Gleichzeitig geschieht es durch eine grundsätzlich friedfertige Politik, mit der sie solche Großformen stiften, nicht durch flächendeckende Eroberung, wie bei der Entstehung von patriarchalen Staaten und Reichen üblich.
Die Kontinente Westasien und Europa kommen in diesen beiden Bänden nicht vor, weil sie keine gegenwärtigen, indigenen matriarchalen Gesellschaften mehr besitzen. Das heißt aber nicht, dass ihre Gesellschaften keine restlichen matriarchalen Elemente mehr haben können. Doch ich konzentrierte mich bei meiner Forschung auf jene Gesellschaften, die noch vollständige oder nahezu vollständige matriarchale Muster aufweisen. Würde ich in allen Kontinenten jene Gesellschaften hinzunehmen, die heute noch mehr oder weniger restliche matriarchale Elemente haben, so ginge ihre Zahl in die Hunderte, eine Aufgabe, die hier nicht das Thema ist. Vollständige matriarchale Gesellschaften hat es jedoch für einen langen Zeitraum in der Geschichte Westasien und Europas gegeben. Das habe ich in Band III dieser Reihe dargestellt: »Geschichte matriarchaler Gesellschaften und Entstehung des Patriarchats. Westasien und Europa« (2019).
Zum Schluss möchte ich meinen Wunsch aussprechen, dass die hier begonnene Forschung viele aufgeschlossene Menschen in patriarchalen Gesellschaften erreichen möge. Denn sie kann Frauen in ihrem feministischen Kampf unterstützen, indem sie eine andere, bessere Gesellschaftsform kennen lernen, die zutiefst mit ihnen zu tun hat. In derselben Weise kann sie Männer in alternativen Bewegungen unterstützen, weil sie einen anderen männlichen Typ präsentiert und zeigt, dass Gewalt und Krieg der Menschheit nicht angeboren sind. Es gibt eine Alternative zu patriarchalen Rollenbildern und zur patriarchalen Gesellschaftsform. Diese ist keine abstrakte Utopie, weil sie Jahrtausende lang friedfertig existierte. Sie ist ein Erbe der ganzen Menschheit.
Ebenso ist es mein Wunsch, dass diese Forschung zu den Menschen in indigenen matriarchalen Gesellschaften zurückkehrt, damit ihnen zunehmend bewusst wird, dass sie dieses wertvolle Erbe noch besitzen und dass es eine weltweite Geschichte hat. Damit verknüpft sich meine Hoffnung, dass diese Erkenntnisse sie in ihrem politischen Kampf um ihre kulturelle Identität und Selbstbestimmung stärken mögen.
Auf dem Weghof, März 2021
Kapitel 1: Matriarchale Kulturen in Südamerika
für Amana, Mondfrau und Große Schlange,Schöpferin des Universums,und für Mamona, die Erdmutter der Arawak
1.1 Die Arawak
Als Kolumbus Amerika entdeckte, brach über die indigenen Völker das Schicksal als eine Serie von Terror herein: Krankheiten, Versklavung, Kulturzerstörung und Völkermord, Gräuel, die noch heute nach 500 Jahren nicht beendet sind. Nach seiner Reise über den Atlantik landete Kolumbus auf den Bahamas (1492), besuchte von hier aus das nördliche Kuba und das nördliche Haiti. Die ersten Indianer, die er antraf, waren die Arawak (Aruak), die damals auf den Inseln der Großen und Kleinen Antillen lebten. Auf diesen Inseln hatten sie eine hoch entwickelte Kultur geschaffen, die »Taino-Kultur« genannt wird. Nach Kolumbus Abreise zerstörten sie sein Fort. Auf seiner zweiten Reise (1493–96) entdeckte er alle Inseln der Großen Antillen, etablierte die feste Siedlung Isabela auf Haiti und »pazifierte« die Indianer, indem er sie tributpflichtig machte. Alle drei Monate sollten sie eine bestimmte Menge Gold abliefern. Bei seiner dritten Reise (1500) setzte er einen spanischen Gouverneur über Haiti ein, und das Tributsystem wurde der ganzen Insel aufgezwungen. Aber die Einheimischen Haitis waren nicht in der Lage, den Tributforderungen nachzukommen, deshalb wurden Goldminen gebaut und die männliche Hälfte der Taino-Arawak-Bevölkerung zur Sklavenarbeit in den Goldminen oder auf den Plantagen der Kolonialherren gezwungen. Das geschah nach Meinung der Spanier zum »Wohl der Indianer«: Sie durften nun Spanisch lernen und zum Christentum übertreten. Jedoch verhungerten die versklavten Taino-Arawak bei der Arbeit oder begingen Selbstmord. Mütter töteten ihre Kinder, um ihnen das Los der Erwachsenen zu ersparen. Schwarze Pocken grassierten und dezimierten die Bevölkerung, so dass schon 1535 von sechs Millionen Indianern (Schätzung) nur noch 500 auf der ganzen Insel übriggeblieben waren.1
Um die verlorene Arbeitskraft zu ersetzen wurden nun Taino-Arawak von anderen Inseln des Karibischen Meeres importiert, aus Puerto Rico und Jamaika; damit waren diese zu demselben Schicksal verdammt. In der gleichen Zeit begannen die spanischen Herren mit dem Handel von Sklaven aus Afrika, weil sich die indigenen Taino-Arawak als »arbeitsuntauglich« erwiesen. Als sich die Indianer gegen diese Behandlung wehrten und rebellierten, wurden ihre Aufstände schnell und äußerst brutal niedergeschlagen, die Gefangenen grausam massakriert. Zwischen 1540 und 1550 waren die Goldminen auf Haiti erschöpft und die umliegenden Inseln boten nicht viel von diesem Metall. Da wandten sich die Spanier den sagenhaften Goldländern Mexiko und Peru zu, wo sie denselben zerstörerischen Prozess einleiteten. In Haiti wurde die Sklaverei abgeschafft, aber es war zu spät, als dass die Einheimischen noch etwas davon hatten. Denn als Francis Drake 1585 Haiti besuchte, gab es dort keinen einzigen Indianer mehr.2
Dennoch leben heute noch einzelne, verstreute Gruppen von Insel-Arawak an anderen Orten. Auf der Antillen-Insel Kuba konnten sich ungefähr 2000 von ihnen vor den spanischen Eroberern verstecken, andere flohen von Kuba aus nach Florida. Nachdem die Antillen für die Spanier uninteressant geworden waren und sie die Zwangsarbeit aufhoben, konnten die Taino-Arawak auf Kuba in relativer Ruhe in ihren Siedlungen wohnen. Sie vermischten sich mit den Spaniern und nahmen deren Kultur an, so dass um 1900 nur noch 400 Indigene übrig waren. Auch am südlichen Ende der Antillen-Inseln, auf Trinidad, wo Kolumbus 1498 gelandet war, überlebten Insel-Arawak, denn diese Insel diente den Spaniern nur als Stützpunkt auf der Suche nach »El Dorado«, dem Goldland im Süden. Ihre Zahl wurde jedoch durch Sklaverei, Revolten und Krankheiten drastisch reduziert, so dass 1830 gerade noch 726 von ihnen lebten, heute sind es nur 200 Taino-Arawak.3 –
Die Geschichte der Arawak geht bis auf die Anfänge der Besiedelung Amerikas durch Ackerbaukulturen zurück, sie sind ein uraltes, geheimnisvolles Volk. Für das hohe Alter ihrer Kultur spricht, dass sie verblüffende Ähnlichkeit mit den alten Ackerbaukulturen der Vor-Inka-Zeit in den Anden haben (Chibcha in Kolumbien, Tiahuanaco in Bolivien, um 550 n.u.Z.). Diese Kulturen gehen ihrerseits auf die noch ältere Chavin-Kultur in den Anden zurück (1000 v.u.Z.). Die Chavin-Kultur wiederum hat ihre Wurzeln in der sehr alten Valdivia-Kultur an der Pazifikküste von Ecuador, eine der ersten Ackerbaukulturen auf dem Boden ganz Amerikas überhaupt (ab 3000–1500 v.u.Z.).4 Die Frage wird uns noch beschäftigen, woher diese kam und in welch große historische Tiefe die Arawak-Tradition zurückreicht.
In der Zeit vor Kolumbus zogen sie, die heute als Insel-Arawak bekannt sind, von Südamerika kommend über Trinidad zu den Kleinen Antillen und diesen folgten sie nordwärts wie auf einer Stufenleiter zu den Großen Antillen. In früherer Zeit bewohnten sie weite Gebiete im Norden Südamerikas, so lebten sie sowohl an den Küsten Kolumbiens und Venezuelas rings um die Karibik (Zirkumkaribische Arawak) wie auch in den Urwaldgebieten Guayanas und Nordbrasiliens (Wald-Arawak). Entlang der Wasserläufe des Orinoko-Beckens und über den Rio Negro bis hin zum Amazonasbecken fand ihre Kultur weiteste Verbreitung, ihre Spuren wurden am gesamten Oberlauf des Amazonas und in Enklaven an der Amazonasmündung gefunden. Denn sie waren in ihren Einbaumbooten überaus geschickte Fluss- und Seefahrer.

Karte 1: Wanderungsbewegungen und Verteilungsgebiet der Arawak in Südamerika
Noch heute finden sich Volksteile der Arawak in Ostbolivien und Ostperu als Sub-Anden-Arawak, wie die Campa, und isolierte, den Arawak verwandte Gruppen sogar auf dem Anden-Hochland, wie die Uru am Titicaca-See und die Chipaya am Copaisa-See. Sie sind Zeugen für die weite geografische Ausdehnung, die ihr Gebiet einst besaß (Karte 1).5 In dieser riesigen Region waren sie die Kulturgeber, was sich nicht nur auf die materielle Kultur, sondern auch auf die Sozialordnung bezieht. Ihre materielle Kultur hat sich durch ihre verschiedenen geographischen Lebensbedingungen sehr unterschiedlich entwickelt, aber ihre gemeinsame Sprache und ihre besonderen sozialen und religiösen Muster verbinden sie. Ihre Sozialordnung ist matrilinear und matrilokal, sie leben in Sippen zusammen.6 Gewisse Einzelzüge wie Matrilinearität finden sich auch bei benachbarten Stämmen bis nach Südbrasilien und Argentinien (Ge, Bororo) und gehen auf die Arawak zurück.7
In der jüngeren Geschichte waren die Arawak diejenigen Volksgruppen, die am härtesten von der Entdeckung Amerikas durch Kolumbus getroffen wurden. In ihrem weiten Verbreitungsgebiet auf dem südamerikanischen Kontinent, in dem die spanischen Eroberer sie nach der Vernichtung der Antillen-Arawak antrafen, ereilte sie überall dasselbe Schicksal. Ganze Stämme brachen im Kampf ums Überleben gegen Ausbeutung, Krankheiten und Krieg zusammen. Durch den permanenten Genozid wurden indigene Völker entlang der Küsten und der großen Wasserwege sehr schnell ausgelöscht oder absorbiert. Selbst diejenigen, die sich verstecken konnten, erlitten bereits vor jedem Kontakt mit den Weißen durch Flucht und Krankheit Schaden. Dabei ist es gleichgültig, ob die Fremden als Eroberer, Kolonialherren, Missionare oder Siedler kamen, denn die Wirkung für diese Völker blieb dieselbe. So waren Missionsstationen oft der erste Kontakt, aber durch sie wurden Seuchen eingeschleppt, ganz zu schweigen von der Kulturzerstörung durch aufgezwungene christliche Werte.8 Diejenigen, die bei den Missionsstationen blieben, starben zuerst aus, während ihre widerspenstigen Stammesgenossen sich in den Urwald zurückzogen und zu ihrer alten Lebensweise zurückkehrten. Aber diese Überlebenden konnten hier, in die unwirtlichsten Gebiete des Kontinents vertrieben und von ihren anderen Stammesmitgliedern getrennt, die Höhe der Kultur, die sie einst besessen hatten und über welche die Archäologie beredtes Zeugnis abgibt, nicht aufrecht erhalten. Massive Dekulturation war die Folge.9 Sie sanken auf die Stufe einfachster Urwald-Kultur herab, wie die Campa,10 oder überlebten als Sekundär-Viehzüchter in glühender Wüste, wie die Goajiro auf der Halbinsel Guajira am Golf von Maracaibo (Kolumbien).
Da die Goajiro-Arawak mit 60.000 Menschen die größte indigene Gesellschaft in Kolumbien und in Venezuela sind, können wir uns anhand von ihnen ein genaueres Bild von der Arawak-Gesellschaft machen. Sie haben ihr Schicksal sehr anpassungsfähig gemeistert. Als die Spanier auf sie stießen, lebten sie schon auf der wüstenhaften Halbinsel Guajira und hatten ihr Auskommen durch Fischfang und reiche Perlengründe, deren Geheimnis der Nutzung nur sie kannten. Davor waren sie wahrscheinlich Ackerbauern gewesen, doch lange vor der Ankunft der Spanier waren sie, durch andere Indianervölker verjagt, auf der Halbinsel eingewandert.11 Die Perlengründe konnten ihnen die Spanier nicht so leicht wie Gold wegnehmen, und so kam es zu einem Tauschhandel. Die Goajiro-Arawak erwarben als Gegenwert von den Spaniern Haustiere wie Ziegen, Schafe, Schweine, Hühner, Rinder und Pferde und bauten eine nomadische Viehzüchterwirtschaft auf, die neue Basis ihres Überlebens. Außerdem begannen sie Salz zu verkaufen, das sie aus den Salzpfannen am Meer gewannen. Heute arbeiten viele von ihnen in der Erdöl-Industrie am See von Maracaibo. Der Wasserknappheit auf ihrer trockenen Halbinsel begegnen sie mit dem Bau technisch hochentwickelter Brunnenschächte. Ihre Häuser sind heute durch das nomadische Leben sehr einfach. Kommt es aber durch etwas Wohlstand zu einem festen Dorf von 200–250 Bewohnern, dann bauen sie stabile Ziegelhäuser, decken diese mit Schindeln aus gespaltenen Kakteen und umhegen das Dorf zuletzt mit einer Kaktushecke.12
Die Goajiro bilden etwa dreißig große Clans, die in der Mutterlinie organisiert sind, jede Sippe mit eigenem Territorium und mit einem verschiedenen Tier als Erkennungszeichen. Die älteste Frau, die Sippenmutter oder Matriarchin, hält ihren Clan zusammen. Ihr ältester Bruder ist der Vertreter des Clans nach außen und genießt hohes Ansehen. Aus diesen männlichen Sippenvertretern wird der Dorfhäuptling gewählt und die Wahl fällt immer auf den, dessen Clan den relativ größten Wohlstand hat. Als Häuptling muss er sich für das Dorf verausgaben, denn er ist nun verpflichtet, mit dem Vermögen seiner Sippe allen anderen Schutz zu geben. Dadurch sinkt der Wohlstand seines Clans beträchtlich. Sobald dessen Mittel sich verringert haben, wird der nächste Mann eines wohlhabenden Clans mit denselben Pflichten zum Häuptling gewählt. Mit dieser intelligenten Methode werden die Güter in Umlauf gehalten, und es kann nicht zu einer Güterhäufung bei einigen wenigen kommen, der allgemeine Lebensstandard gleicht sich immer wieder aus. Außerdem haben diese Häuptlinge keinerlei Befehlsgewalt, sondern nur die Aufgabe, das Dorf nach außen zu vertreten.13 Mit der Verteilung ihrer Güter gewinnen sie und ihre Sippen nichts außer »Ehre«. Dieses Ansehen bewirkt jedoch, dass sie in Notzeiten von den anderen nicht im Stich gelassen werden.
Der Lebenslauf jeder einzelnen Person ist untrennbar mit der Sippe verbunden, denn die Sippe, repräsentiert durch die Clanmutter, schützt ihre Angehörigen. Diese erwidern es dadurch, dass sie alles zur Stärkung und Verteidigung ihrer Sippe tun. Die wirtschaftliche Basis jeder Sippe ist das Vieh, es ist Gemeinschaftsbesitz und wird gemeinschaftlich betreut. Die Männer weiden und tränken die Herden, die Frauen melken, stellen Käse her und bereiten das Fleisch zu. Viehdiebstahl ist ein ebenso großes Verbrechen wie die Vergewaltigung einer Frau, beides wird mit der strengsten Strafe geahndet, denn dadurch ist die Ehre einer ganzen Sippe beleidigt worden.14
Die Sippen der Goajiro sind exogam (Heirat außerhalb der Sippe) und paarweise einander zugeordnet. Das heißt, je zwei Sippen stehen durch dauernde Wechselheirat miteinander in Verbindung, wie zum Beispiel die Sippe Urania mit der Sippe Puschania und die Sippe Epieyues mit der Sippe Secuana. Gruppenehe gibt es nicht, sie wurde durch die Ehe von Einzelpersonen abgelöst. Heute zieht die junge Frau bei der Heirat ins Haus des Gatten, für sie erhält ihr Mutterclan Vieh als Hochzeitsgabe. Es handelt sich dabei nicht um einen »Brautpreis«, denn die junge Frau ist nicht nur diejenige, die ihren Gatten ernährt und kleidet, sondern sie kann jederzeit die Scheidung durch Rückkehr ins Mutterhaus vollziehen. Die Hochzeitsgabe an Vieh, die unterdessen von ihrem Clan gehütet und vermehrt wurde, bleibt dabei ihr persönliches Eigentum und fällt ihr bei der Scheidung als Besitz zu.15
Wenn eine junge Frau ein Kind gebiert, wird sie dabei ausschließlich von den Frauen ihres eigenen Clans begleitet. Die Geburt eines Mädchens ist erwünschter als die eines Knaben (Abb. 1). Über einen Knaben freut man sich »wie über ein kleines Pferd«, über ein Mädchen »wie über eine kleine Kuh«, wobei Kühe der größte Reichtum der Clans sind (Ausspruch eines Goajiro). Die Mutter gibt dem Kind nach der Geburt den Namen einer Ahnin oder eines Ahnen und den Namen ihres eigenen Clans, als dritten erhält es einen Namen nur für Außenstehende. Allein der mütterliche Clan feiert mit ihr das Ereignis. Die Vaterlinie ist bekannt, spielt aber keine Rolle. Die Kinder wohnen zuerst bei der Mutter, später übernimmt eine Schwester der Mutter die weitere Erziehung der Mädchen oder ein Bruder der Mutter die der Knaben. So werden sie bei den nächsten Verwandten im Mutterclan groß.16

Abb. 1: Arawak-Goajiro-Mädchen mit ihrem zahmen Kaninchen (aus: Bild der Völker, Bd. 5, Wiesbaden 1974, Brockhaus Verlag, S. 144)
Ihr Vieh behandeln die Goajiro-Arawak genauso gut wie die eigenen Sippenmitglieder. Wie man einen Angehörigen der eigenen Sippe nicht heiraten darf, ebenso wenig darf man die Rinder des eigenen Clans essen, denn sie gelten als direkte Verwandte. Wird ein Rind krank, dann wird es genauso wie ein Mensch zur schamanischen Heilerin gebracht.17 Stirbt jemand in einem Clan der Goajiro, dann werden Rinder geopfert und ihr Fleisch zur Bewirtung der Gäste aus den anderen Clans zubereitet. Ihre Seelen jedoch, so glauben die Goajiro, begleiten den toten Menschen auf der langen Jenseitsreise und vermehren zahlenmäßig die Seelen des eigenen Clans.18
Obwohl die Arawak-Kultur der Goajiro sich unter verschiedenen Bedrohungen mehrfach gewandelt hat, ist sie doch immer matriarchal geblieben. Zugleich ist sie ein gutes Beispiel gegen die verbreitete Legende, dass Viehzucht notwendig mit Patriarchat gekoppelt sein müsse. –
Aus Archäologie und vergleichender Ethnologie lassen sich die grundsätzlichen Züge auch der historischen Arawak-Kultur erschließen. Die traditionelle Ökonomie der Arawak war der Ackerbau, der teils als Gartenbau mit dem Grabstock ausgeführt wurde (Antillen), teils als Brandrodungsfeldbau mit Wanderungen (Amazonas-Urwald), teils als Ackerbau in offener Landschaft, verbunden mit Terrassen und Bewässerungsanlagen (Berge, Hügel, Savannen im Sub-Anden-Gebiet und den Orinoko-Bergen). Fast überall war der Anbau Frauensache, das Roden hingegen Männersache.19 Die Feldfrüchte wurden durch die Beute aus Jagen und Fischen ergänzt. Die Arawak fischten mit Netzen, Haken, Harpunen und Körben und jagten mit Keulen, Steinschleudern, Speeren, Fanggehegen, assistiert von Hunden und Lockvögeln. Pfeil und Bogen kannten sie nicht.20 Aller Besitz war Gemeinschaftsbesitz der Muttersippe, bei einigen Stämmen besaßen die Frauen Felder und Häuser allein.21 Persönliches Eigentum sowie Titel und Würden wurden nur in weiblicher Linie vererbt.22
Bei den Küsten-Arawak (Zirkumkaribische Kultur) und den Insel-Arawak (Antillen) gab es bis ins 20. Jahrhundert noch große Gemeinschaftshäuser für die Sippen, und eine Siedlung bis 3000 Personen bestand aus mehreren solchen Häusern. Die Sippen waren ausschließlich matrilinear, der Bräutigam siedelte für eine kürzere oder längere Zeit ins Haus der Schwiegermutter über und arbeitete für ihren Clan. Die Vermählung folgte strenger Sippen-Wechselheirat zwischen je zwei Sippenhäusern in derselben Siedlung (lokale Endogamie). Bei den Urwald-Arawak (in Guayana, Brasilien und im Orinoko-Becken, ebenso im Becken des Rio Negro und Amazonas) waren die Siedlungen erheblich kleiner und weiter verstreut; ein Dorf bestand aus einer einzigen Sippe, daher wurde die Sippenheirat zwischen je zwei Dörfern praktiziert (lokale Exogamie).23 Auch hier zog der Mann ins Haus der Frau und arbeitete für den Clan der Schwiegermutter, das heißt, sie hatten strikte Matrilokalität.24 Wie überall entstand bei diesen Regeln die generationenlange Kreuz-Basen-Vettern-Heirat »cross cousin marriage«). Im Allgemeinen scheint sich die Paarungsehe statt der Gruppenehe eingebürgert zu haben. Doch gelegentlich ist die Heiratsform von einer Schwesterngruppe des einen Clans mit einer Brüdergruppe des anderen Clans von den Forschern überliefert, und diese Hinweise legen den alten Brauch der Schwestern-Brüder-Gruppenehe nahe.25
Die Häuptlingswürde wurde nur matrilinear vererbt. Dabei hatten die Häuptlinge keine große Macht. Sie waren im Dorf Friedensstifter, Vorsänger und Vortänzer bei Festen; nach außen repräsentierten sie ihr Dorf gegenüber anderen Gemeinschaften; sie empfingen Gäste, leiteten Jagden und Fehden. Sie waren leicht abwählbar.26 Die reale Macht hatten die Sippenmütter und die Frauen der Clans im Sippenhaus, abgesehen davon sind bei den Arawak auch weibliche Häuptlinge bekannt.27
Mit allen diesen Zügen bewahrten die Arawak die klassischen Muster der matriarchalen Gesellschaftsform über enorm lange Zeiträume. Außerdem ist wichtig, dass bei ihnen häufig Kriegerinnen erwähnt werden, die bei den Aufständen gegen die Spanier kämpften, ein Phänomen, dem wir gleich nachgehen werden. Dennoch gelten die Arawak im Gegensatz zu benachbarten Stämmen als sehr friedlich. –
Was hat die Arawak schon in vorkolumbischer Geschichte bewogen, von Südamerika aus auf die Antillen-Inseln zu ziehen? Dies war nicht ganz freiwillig geschehen, denn sie waren aus vielen früheren Wohngebieten in Südamerika verdrängt worden. Sie waren das Ziel aggressiver, patriarchalisierter Nachbarstämme, wie die Kariben und die Tupi, die ihnen mit den Waffen Pfeil und Bogen überlegen waren. Vor ihnen flohen die Arawak an die nördlichen Küsten und wanderten die Kleinen Antillen nordwärts hinauf. Aber die Kariben folgten ihnen, so dass bei der Ankunft von Kolumbus die Kleinen Antillen bereits von den Kariben erobert worden waren, während die Arawak weiter nach Norden hinaufgezogen waren und die Großen Antillen besiedelt hatten.28
Die sie verdrängenden Kariben waren die Erb- und Erzfeinden der Arawak. Sie hatten seltsame Praktiken, die darauf abzielten, die matriarchale Ordnung der Arawak zu schädigen. So unternahmen sie routinemäßig Raubzüge gegen die Taino-Arawak, um weibliche Gefangene zu erbeuten, die gezwungen wurden Kariben-Häuptlinge zu heiraten. Damit schwächten sie die Muttersippen der Arawak. Die männlichen Gefangenen wurden gefoltert, getötet und dann aufgegessen, während man aus ihren Knochen, besonders den Köpfen, Trophäen machte, wie die sogenannten »Schrumpfköpfe«. Solche grausamen Sitten waren den Arawak fremd.29 Wenn sie ihrerseits männliche Gefangene machten, adoptierten sie diese in ihre Clans, vermählten sie mit ihren Töchtern und behandelten sie wie die eigenen Schwiegersöhne.30 Sie waren wegen ihrer unkriegerischen Art daher nicht sehr erfolgreich, sich gegen die Kariben zu verteidigen; stattdessen zogen sie es in ihrer langen Geschichte immer wieder vor, diesen feindlichen, patriarchalen Völkern aus dem Weg zu gehen.31
Auch die Jagd nach Kopftrophäen ist ein Beispiel dafür, wie die Kariben die matriarchalen Sitten der Arawak störten und pervertierten. Sie hängt mit den Begräbnissitten der Arawak zusammen, denn diese praktizierten die Mehrfachbestattung ihrer verstorbenen Sippenmitglieder, zuerst als Erdbegräbnis, danach pflegten sie die Gebeine und Schädel, um sie erneut feierlich zu begraben. Dazu gehörten die Verehrung und Speisung der Ahnenwesen, zu denen die Verstorbenen nun geworden waren. Der sorgfältige Umgang mit dem Kopf oder Schädel der Toten garantierte diesen die sichere Wiedergeburt, denn es ist der Kopf des Kindes, der bei der Geburt zuerst hervortritt. Weil aber die Arawak in ihrer Geschichte wegen der Eroberung ihrer Wohngebiete oft weiterziehen mussten, sie sich jedoch nicht von den Gebeinen, besonders den Schädeln ihrer Ahninnen und Ahnen trennen wollten, hatten sie den Brauch entwickelt, diese Reliquien in Urnen oder Körben mitzunehmen.32 Nur so war den Ahnen die Wiedergeburt durch junge Frauen der eigenen Sippe sicher. Das ist der Grund, weshalb es ihre Feinde auf die Schädel und die Köpfe abgesehen hatten, um ihre Arawak-Gegner, nachdem sie sie erschlagen hatten, auch an jeglicher Wiedergeburt zu hindern. Eine Schädeltrophäe war daher das Zeichen ihres doppelten Triumphes.
Die Sitten von Frauenraub, Menschenopfer von Gefangenen, Kannibalismus und Kopf- oder Skalpjagd, die bei den Urwaldstämmen vorherrschten, waren jedoch nicht auf diese beschränkt. Sie sind auch aus anderen Teilen der Welt bekannt. Die meisten Beispiele stammen aus Nord-, Mittel- und Südamerika, ebenso von den Inseln des Pazifik. Aber sie sind auch aus Afrika, Ostasien und in zwei Fällen aus dem Mittemeerraum überliefert. Die verschiedenen Formen des Kannibalismus wurden in der Regel rituell ausgeübt und dienten ebenfalls religiösen Zwecken, sei es als Art der Ahnenverehrung oder als Dienst an den Gottheiten.33
Die Arawak-Kultur kannte solche Sitten nicht und ebenso keine Männerhäuser und geheimen Männerbünde, die von Kariben, Tupi und vielen anderen südamerikanischen Stämmen berichtet wurden. Solche Männerbünde sind aus allen Kontinenten der Welt bekannt, auch aus der Frühgeschichte Europas; sie wurden gebraucht, um patriarchale Keimzellen zu bilden, die matriarchale Gesellschaften in der Umgebung schwächen und eine junge, noch unstabile patriarchale Ordnung durchsetzen sollten. Auch sie haben einen religiösen Hintergrund, der in der Regel mit Kriegsgöttern verbunden ist. Die allgemeinen Eigenschaften dieser geheimen Männerbünde sind, dass sie in erster Linie kriegerischen Ritualen der Männer dienten und in manchen Kulturen dem Kannibalismus und dem Wettbewerb um Kopftrophäen. Jünglinge, die in die Männerbünde aufgenommen werden wollten, wurden strengen, oft blutigen Initiationsriten unterworfen; doch auf diese Weise wurden sie von den Männern zum zweiten Mal »geboren«, nämlich in die Welt der Männer, was sie überhaupt erst zum »Mann« machte. Frauen waren grundsätzlich aus diesen Bünden ausgeschlossen. Außerdem dienten die Männerhäuser als Geheimtempel, von denen alle spirituellen Aktivitäten ausgingen, die in der Weitergabe von patriarchal uminterpretierten Stammestraditionen bestanden, die ursprünglich einmal andere Inhalte hatten. Hier wurden auch Raubzüge und Fehden gegen andere Stämme geplant, ebenso der terrorisierende »Geisterspuk« gegen die Frauen und Kinder der eigenen Gesellschaft. Die Frauen dieser patriarchalisierten Stämme büßten dabei ihre spirituelle Autorität ein, die sie einst besessen hatten.34
Bei den matriarchalen Arawak gab es hingegen keine Männerhäuser und Männerbünde. Die Rituale um ihre »Zemis«, die Figuren von Ahninnen und Ahnen, heiligen Tieren und heiligen Pflanzen waren, standen allen Sippenmitgliedern offen und wurden gemeinsam in den Sippenhäusern gefeiert. Die Rituale um die Zemis des Dorfes wurden im Haus der Häuptlingssippe ausgeführt und waren allen Dorfbewohnern zugänglich.35 Das heißt, die Religionsausübung, bei der die Ahnenverehrung einen prominenten Platz einnahm, war öffentlich und nicht mit Geheimbünden verknüpft. –
Die Glaubensinhalte der matriarchalen Völker Südamerikas waren in ihrer Mythologie enthalten, diese ist jedoch nur noch in Fragmenten überliefert. Besonders die Mythologie der Arawak wurde von den Missionaren als »heidnischer Aberglaube« bekämpft und unterdrückt. Geduldige Forscherarbeit hat einiges davon wieder zusammenfügen können. So glaubten diese Völker an eine Urgöttin »Mamona«, die Erdgöttin und Mutter des Himmelsgottes; sie wird von ihrem Bruder an ihrer Seite beschützt.36 Häufig gibt es nicht einmal diesen Himmelsgott, so dass er als eine spätere Zufügung betrachtet werden muss. Die Erdgöttin trägt fünf Namen und wurde mit fünf Köpfen von verschiedenen Tieren dargestellt und in Höhlen verehrt.37 Entsprechend hat jeder Mensch als Kind der Erdmutter fünf Seelen, die verschieden stark mit der Erde verhaftet sind. Die hellste, himmlische Seele von ihnen wandert nach dem Tod durchs Geisterreich und wird dann wiedergeboren.38
Gleichermaßen uralt ist die Mondgöttin »Amana«. Amana als die »Mondmutter« und Mamona als die »Steinmutter«, die Erde, gelten als die Ahnfrauen aller Arawak.39 Amana ist dabei eine Jungfrau-Mutter und die Schöpferin des ganzen Universums. Niemand hat sie geboren, aber sie gebar alles. Sie kann alle Formen annehmen, doch meist stellt man sie sich als wunderschöne, junge Frau vor, deren Körper in einem Schlangenschwanz endet. Ihre Haut ist weiß wie der Mond, sie hat langes, schwarzes Haar und leuchtende Augen, ihre Stirn ist mit sieben Sternen geschmückt. Sie spricht so zu ihrem Volk:
Ihr nennt mich die Große Schlange, aber ich bin keine. Ich bin oft eine Schlange gewesen. Ich bin Ich. Ich wechsle ständig meine Haut. Ich bin die, welche jung bleibt, während sie altert.
Sie, die sich wie eine Schlange stets verjüngt, ist das Wesen der Zeit, denn der Mond ist der Zeitmesser. Ebenso ist sie das Wesen des Schicksals, das sich wie der Mond ständig wandelt. Zugleich ist sie der mütterliche Geist nicht nur aller Pflanzen, Tiere und Menschen, sondern auch aller Kultur: der Magie, der Sprache, des Gesanges, der Belehrung. Als Schlange personifiziert sie auch den Geist des Wassers, besonders der Flüsse und großen Ströme, die sich in den Augen der Arawak wie Schlangen durch das Land winden.40
Ihre Residenz ist das Himmelswasser, der himmlische Ozean. Auf der Erde spiegelt das Meer den Himmelsozean wider, und es gehört mit all seinen Fischen und Wasserschlangen, seinen vielfältigen Meereswesen ebenfalls zu Amanas Reich. Überhaupt spiegelt die Erde alles, was sich am Himmel ereignet – eine Idee, die das alte matriarchale Prinzip der Verbindung von Makrokosmos und Mikrokosmos zeigt. Der Palast Amanas sind die Pleijaden, das Siebengestirn, sie sind das »Haupt aller Sterne«. Denn wenn sie am Himmel erscheinen, kommt die Regenzeit und bringt die Erneuerung der Natur und damit beginnt das neue Jahr.41
Das Reittier der Mondgöttin ist häufig die Schildkröte, denn ihr Panzer zeigt 13 Segmente, die den Mondmonaten des Jahres entsprechen. Sogar am Tageshimmel erscheint Amana, nämlich als die Regenbogenschlange, von der die Vögel die bunten Farben für ihr Federkleid leihen. Als Große Schlange vereinigt sie nicht nur alle Gewässer und alle Lebensgeister der Welt in sich, sondern als Regenbogenschlange verkörpert sie auch alles Licht und alle Farben.42 Diese uralte Symbolik verweist insgesamt auf die großen Mondgöttinnen des Pazifischen Raumes, ebenso die Regenbogenschlange bis nach Australien, auch die Vorstellung von Flüssen als Schlangen und die Schildkröte als Urtier bis zum ostasiatischen Kontinent.
Aus Amana ging das erste polare Prinzip hervor, die helle und die dunkle Seite des Kosmos, anschaulich in der hellen und dunklen Seite des Mondes, gespiegelt im Meer als Ebbe und Flut. Die Göttin inkarnierte dieses Prinzip in ihren beiden Söhnen Tamulu, dem Älteren, und Tamusi, dem Jüngeren. Tamulu, der Dunkle, wurde bei der Abenddämmerung geboren, Tamusi, der Helle, dagegen beim ersten Morgenlicht. Die Gattinnen dieser Söhne sind die beiden Aspekte von Amana selbst, der dunkle und der helle.43
Tamulu, der Dunkle, verkörpert alle Naturwesen und die Naturkraft auch im Menschen. Er ist der Gesetzgeber der Magie, der erste Richter und Medizinmann, in allem der ausführende Geist der Göttin. Sein jüngerer Bruder Tamusi, der Helle, verkörpert dagegen das menschliche Bewusstsein, wobei sein Intellekt noch recht unvollkommen ist und er oft in egoistische Tricksterei verfällt, so dass er selbst in Schwierigkeiten gerät. Er soll durch seine Streiterei das Goldene Zeitalter der Welt beendet haben. Meistens sind beide Brüder gute Freunde, nur bei Mondfinsternis nicht. Dann versucht der ältere Bruder Tamulu in Gestalt des Großen Jaguars den jüngeren Bruder Tamusi zu fressen. Als Jaguar ist er der Rächer für allen Unfug, den Tamusi in der Welt angerichtet hat. Auch als Wilder Jäger mit Donner und Blitz kommt Tamulu gelegentlich daher und verdunkelt zeitweilig das Licht des Tamusi. Er gibt ihn aber stets wieder frei, für den Augenblick. Doch am Ende der Zeit, wenn alles in der Schöpfung verdorben ist, kommt Tamulu als Blauer Jaguar zurück und zerstört die Welt und verschlingt die ganze Menschheit.44 –
Diese matriarchale Mythologie gibt eine uralte Schicht im indianischen Denken Südamerikas wieder. Sie tritt am deutlichsten bei den Arawak hervor. Bei den anderen patriarchalisierten Stämmen wurde die helle Seite des Mondes, Tamusi, immer stärker zum männlich-guten Prinzip gemacht, während die Mondfrau als Urmutter allmählich durch einen himmlischen »Großvater« verdrängt wurde. Zuletzt ersetzte der militante, patriarchale Sonnenkult der Inka in Peru und der Azteken in Mexiko die matriarchale Weltauffassung der Arawak-Kultur.
Von einer hochentwickelten Arawak-Kultur können wir zu Recht sprechen, denn die Archäologie entdeckte die von ihnen geschaffenen Megalithbauten und die kunstvolle Keramik, welche die Gefäßform mit Tier- und Menschengestalten verbindet. Die Arawak gelten als die eigentlichen Träger der Töpferei in Südamerika.45 Die Megalithbauten von teils erstaunlicher Kunstfertigkeit wurden in ihrem ganzen Wohngebiet gefunden.46 Diese Megalithsteine werden von den Arawak noch heute verehrt; sie hüten sie, damit sie nicht beschädigt werden oder verloren gehen. Außerdem glauben sie, dass die Steine Regen und Glück bringen können und Krankheiten heilen.47 Am bemerkenswertesten sind die sogenannten »Ballplätze«, die in jeder Siedlung vorkommen. Es sind rechteckige Areale, manchmal so lang wie Straßen, ringsum mit stehenden Steinen, das heißt, mit Platten und Menhiren geschmückt. Auf den Steinen kommen wie in Megalithgräbern und in Höhlen häufig Felszeichnungen vor. Gelegentlich sind diese Plätze auch rund oder oval. Sie erinnern außerordentlich an die Marae, die offenen Tempel der Polynesier im Pazifik.48 Alle diese Plätze sind Anlagen für Zeremonien, und das mit ihnen verbundene »Ballspiel« hatte religiöse und politische Bedeutung. Archäologen haben äußerst gleichmäßige, mannshohe Steinkugeln gefunden, die man für dieses Spiel brauchte. Die Indianer-Kulturen Mittelamerikas kannten ebenfalls Ballplätze und ein Ballspiel, zum Beispiel die Azteken in Mexiko; sie führten es mit einer großen Kautschuk-Kugel aus. Es war ein Spiel, bei dem es auf Leben und Tod ging, denn der Anführer der Siegerpartei wurde feierlich geopfert.49 Auch die Arawak spielten mit einem Kautschuk-Ball auf ihren Zeremonialplätzen.50 Den Nachbarstämmen fehlt dieses Spiel.
Wie sollen wir das Ballspiel verstehen? Der politische Zweck war vielleicht, Feindseligkeiten zu beschwichtigen und Konflikte rituell zu lösen, die zwischen verschiedenen Sippen oder Gemeinschaften entstanden waren. Die religiöse Bedeutung ist mit dem Symbol des Balles selbst verknüpft, der vielleicht den »Ball des Schicksals« als den Mond oder die ganze Welt bedeutete. Wir wissen nicht genau, welche Bedeutung dieses Symbol im matriarchalen Kontext hatte, aber vermutlich war es mit einer weiblichen Gottheit verknüpft. Es gibt einen indirekten Hinweis dafür, denn bei den späteren patriarchalen Azteken symbolisierte der Ball die zyklische Reise des Sonnengottes durch die Unterwelt und dann wieder zum Himmel hinauf. Vor dem Sonnengott gab es jedoch die Mondgöttin Amana der Arawak. Doch warum wurde der Anführer der Siegerpartei geopfert und nicht der Verlierer? Das kann aus der matriarchalen Vorstellung erklärt werden, der Großen Göttin nur den Besten von allen Menschen zu opfern, was in manchen Kulturen den Heiligen König betraf. Deshalb war es hier der Sieger im Ballspiel als der beste Mann.
1.2 Die Amazonen vom Amazonas
Die eben erwähnten archäologischen Funde weisen zurück auf den langen Wanderweg und die rätselhafte Herkunft der Arawak und ihrer Kultur. Um der Lösung dieses Rätsels näher zu kommen, greifen wir die Überlieferung von Kriegerinnen in Südamerika wieder auf, einem weit verbreiteten Phänomen, das von europäischen Forschern oft beschrieben, aber kaum verstanden wurde.51 Berichte von kämpfenden Frauen in wohltrainierten Verbänden, die zusammen mit den Männern fochten oder in Abwesenheit der Männer allein ihre Dörfer verteidigten, sind von vielen südamerikanischen indigenen Völkern während des Widerstandes gegen die spanischen Eroberer überliefert.52 Doch in dem Gebiet, in dem die Arawak wohnten, verdichten sich diese Berichte über weibliche Kampfeskunst und reichen bis zu klaren Zeugnissen von rein weiblichen Gesellschaften. Das weist auf das noch viel weniger verstandene Phänomen von Amazonen hin, die als unabhängige Kriegerinnen und Gründerinnen von Städten ohne Männer handelten.53 Man muss sie klar von den viel häufiger vorkommenden Mitkämpferinnen an der Seite der Männer unterscheiden, um zu verstehen, was Amazonen sozialhistorisch bedeuten. Aber damit entsteht die Frage, warum wir ausgerechnet im Gebiet der Arawak, einer nach allgemeinen Aussagen friedlichen, matriarchalen Kultur, das Phänomen der Amazonen finden.
Folgen wir zunächst den Berichten und Zeugnissen: Auf den Antillen, besonders der Insel Santa Cruz, hatte schon Kolumbus nicht nur Männer, sondern auch kämpfende Arawak-Frauen gegen sich.54 Als patriarchale, christliche Männer waren die Spanier einen solchen Anblick nicht gewohnt und schrieben es deshalb genau auf. Waren diese Frauen noch Mitkämpferinnen an der Seite ihrer Männer, so ändert sich das Bild in einer alten Sage der Warraua, aufgezeichnet in Guayana.55 Nach dieser Erzählung soll es auf einer geheimnisvollen Insel namens Matenino (Tobago) in der Nähe von Trinidad ein kleines, unabhängiges Amazonen-Reich gegeben haben. Dorthin zogen Frauen ohne Männer und lebten als waffenkundige Kriegerinnen in großem Reichtum, sie besaßen schöne Gewänder und prächtige Rüstungen. Diese auch auf den Antillen bekannte Sage weist darauf hin, dass es Kriegerinnen schon lange vor der Ankunft der Spanier gegeben hat und dass sie unabhängig kämpften und männerlose Gesellschaften bildeten. Sie waren also echte Amazonen. Warum entstanden ihre Gründungen?
Den Amazonen bei Trinidad begegneten die Spanier nicht mehr, dafür hatten sie eine gefährliche Begegnung mit den Amazonen vom Amazonas. Dieses zur Zeit der spanischen Eroberung noch sehr lebendige Amazonenreich lässt sich nicht in den Bereich der Sage verweisen: Nachdem die Brüder Pizarro das Inka-Reich in Peru zerstört und die indigenen Anden-Völker brutal unterworfen hatten, beschlossen sie, um noch mehr »Goldland« zu finden, jenen sagenhaften, großen Strom im Osten zu erforschen, von dem die Indianer ihnen berichtet hatten. Der tatsächliche Entdecker des Amazonas wurde einer ihrer spanischen Offiziere namens Orellana, nach dem der Strom ursprünglich heißen sollte. Aber Orellana erlebte derartige Überraschungen, dass der größte Strom der Erde einen anderen Namen erhielt. Im Jahr 1542 erreichte er mit seiner Expeditionsmannschaft über zwei Nebenflüsse den Amazonas, und der das Tagebuch führende Priester Carvajal begleitete ihn.56 Carvajal berichtet, dass sie zuerst auf Siedlungen am Flussufer stießen, in denen Hoheitstafeln aufgestellt waren, auf denen eine ummauerte Stadt abgebildet war. Ortsansässige Indianer sagten dazu aus, dieses Zeichen sei das Emblem ihrer Herrin; sie wären ihre Untertanen und würden Tribut in Form bunter Papageienfedern für ihre Tempel bringen. Diese Herrin gebiete über das Land der Amazonen, das nördlich vom Strom im Inland läge.
Weiter stromabwärts sichteten die Spanier noch mehr Siedlungen mit solchen Hoheitstafeln, aber die Bewohner waren nicht immer freundlich, und es kam zu ersten Kämpfen. Am 24. Juni 1542, nicht weit von der Mündung des Rio Negro entfernt, dem größten Nebenfluss des Amazonas, hatten sie ihre denkwürdige Begegnung mit den Amazonen selbst. Denn unterdessen hatten die am Stromufer wohnenden Leute ihre Herrin um Hilfe gegen die fremden Eindringlinge gebeten. Zehn oder zwölf große Kanus kamen den Booten der Spanier entgegen, voll mit indianischen Kriegern besetzt, die von Amazonen an der Spitze jedes Kanus kommandiert wurden. Diese Frauen kämpften so unerbittlich, dass keiner ihrer Leute einen Rückzug wagte, und wenn einer in Deckung ging, schlug die Kommandantin vor den Augen der Spanier mit einem Stock auf ihn ein. Sie lieferten ein gefährliches Gefecht, und die spanischen Boote gerieten derart in Bedrängnis, dass sie »von den vielen Pfeilen gespickt wie Stachelschweine aussahen« (Carvajal). Diese Amazonen werden als sehr groß und weißhäutig – vermutlich weiß bemalt – geschildert, das lange, schwarze Haar trugen sie geflochten um den Kopf gelegt. Ihre Gestalt war muskulös und splitternackt, Bogen und Pfeile gebrauchten sie mit großer Kraft, und Carvajal bestätigt, dass eine jede so tapfer kämpfte wie zehn Männer zusammen. Die Spanier stießen Stoßgebete aus, denn sie brauchten gegen die Amazonen offenbar viel Mut von ihrem Herrgott. Schließlich gelang es ihnen, einige Kriegerinnen zu besiegen und aus dieser gefährlichen Situation zu entkommen.
Ein Indianer, den sie gefangen hatten, sagte danach aus, dass dieses ganze Land um den Strom dem großen Herren Couynco gehöre, aber auch dieser Herr sei den Amazonen untertan. Deshalb wären sie gekommen, um das Ufer zu beschützen. Weiter berichtete er, dass die Amazonen ganz ohne Männer lebten und dass ihre Königin Conori hieße. Ihr Reich läge sieben Tagesreisen nördlich vom Strom, und er selbst, der als Tributbringer häufig dorthin kam, kannte allein 70 Siedlungen der Amazonen, die er mit Namen aufzählte. Diese Siedlungen würden nicht aus Holz und Stroh wie die Dörfer im Urwald bestehen, sondern sie wären Städte aus Stein mit Toren und Straßen. Als der Indianer gefragt wurde, wie die Amazonen denn Kinder bekämen, antwortete er, dass sie bisweilen, wenn sie Lust dazu hätten, einem großen Nachbarstamm den Krieg erklärten und nach dem Sieg dessen Männer in ihr Land wegführten und bei sich behielten, bis sie sich schwanger fühlten. Dann würden sie die Männer mit Geschenken heimschicken. Wenn sie später Söhne gebären würden, töteten sie diese oder schickten sie zu ihren Vätern, bekämen sie aber Töchter, dann zögen sie diese mit großer Feierlichkeit auf und lehrten sie die Kampfeskunst. Weiter berichtete er, was die Größe des Amazonenreiches betreffe, so seien alle Gebiete, die das weite Land der Amazonen umgeben, diesen untertan. Manchmal kämen andere Indianer den Strom von den Anden heruntergefahren, eine Reise bis zu 1400 Meilen, nur um die Amazonen zu besuchen. Doch kein Mann dürfe dort bleiben, sondern bei Sonnenuntergang müsse er aus ihren Städten fort sein.57 –
So kam es, dass der größte Strom der Erde »Rio las Amazonas«, der »Fluss der Amazonen« heißt, benannt nach den Kriegerinnen, welche die Spanier nach europäischem Vorbild als »Amazonen« bezeichneten. Deshalb trägt der große Strom in Südamerika bis heute den Namen der Heldinnen, über die einige griechische Autoren schrieben. Die Berichte von 1542 regten zu weiteren europäischen Expeditionen an, die das Reich der Amazonen finden wollten, aber niemand von diesen hat es je betreten. 1580 bereiste Walter Raleigh die Küsten von Guayana und hörte von einem Amazonenreich, das östlich von Guayana im Gebiet der Amazonasmündung liegen sollte. Die Amazonen wurden ihm als sehr reich an Gold und Silber geschildert, sogar ihr Hausgerät machten sie aus den edlen Metallen. Ihren Liebhabern schenkten sie beim Abschied grüne Steine, die »Amazonit« heißen, wobei Grün vermutlich die Farbe der Fruchtbarkeit ist. Genau in diesem Gebiet der großen Inseln in der Amazonasmündung hat die Archäologie jüngst eine sehr alte, städtische Kultur ausgegraben. Diese Menschen hatten Maisanbau, hochentwickelte Keramik, große Sippenhäuser auf künstlichen Hügeln und Göttinnenfiguren – alles in verblüffender Ähnlichkeit mit den frühesten, frauengeprägten Ackerbaukulturen an der Westküste Südamerikas (Valdivia und nachfolgende Kulturen).58
1639 versuchte wieder ein spanischer Offizier das reiche Land der Amazonen zu finden, aber er gelangte nur zur Mündung eines nördlichen Nebenflusses des Amazonas, der aus ihrem Reich kommen sollte. Dabei erfuhr er, dass die Amazonen dort auf hohen Bergen wohnen, wo die Stürme das ganze Jahr über toben, und dass sie mit ihrem unermesslichen Reichtum die ganze Welt reich machen könnten. Eine weitere Expedition unternahm 1744/1745 der Franzose La Condamine. Indigene Leute erzählten ihm, dass die Amazonen nach den Eroberungszügen der weißen Männer ihre Wohnsitze noch weiter in die unzugänglichen Berge am Rio Negro und an der Quelle des Orinoko verlegt hätten. Die vorletzte Suche unternahm der deutsche Forschungsreisende Schomburgk im 19. Jahrhundert, der zwar keine Amazonen sah, aber eine Sage von ihrer Reichsgründung mitbrachte, nach der das Amazonenland in der Sierra Parima ansiedelt ist.59
In der Sierra Parima entspringt die Quelle des Orinoko, ebenso liegen dort die Quellen aller nördlichen Nebenflüsse des Rio Negro, der selber der größte, nördliche Nebenfluss des Amazonas ist (siehe Karte 1). Der Gebirgszug Parima setzt sich in der Sierra Pacaraima fort; beide sind Teil des großen Gebiets der Orinoko-Berge in Venezuela, die bis 3000 Meter aufsteigen und das Becken des Orinoko von dem des Amazonas trennen. Dieses von Urwald umgebene, unzugängliche Bergland erstreckt sich weit nach Osten. Jenseits des breiten Tales des Rio Branco, auch ein nördlicher Nebenfluss des Amazonas, dehnt es sich östlich in der Sierra Roraima, Sierra Acari und zuletzt in den Tumuc-Humac-Bergen aus, einer unnahbaren und sehr wenig erforschten Region von 1000 Metern Höhe, um oberhalb der Mündung des Amazonas zu enden. Dieses riesige Areal muss das alte Wohngebiet eines großen Amazonenreiches gewesen sein. Wo sonst hätten die Frauen eine bessere Gegend finden können, um ihre zahlreichen Städte aus Stein zu bauen, die ihnen Schutz gegen die kalten Bergwinde boten, wo sonst hätten sie so viel Gold und Silber gewinnen können? Fast alle Berichte verweisen auf dieses Gebiet. Von hier aus konnten die Amazonen in ihren Booten mit Leichtigkeit das gesamte Flussnetz des Orinoko befahren, das genau vor den Inseln Trinidad und Tobago endet (siehe die Warraua-Mythe). Außerdem konnten sie von den nördlichen Nebenflüssen des Amazonas, die von diesen Gebirgsketten herunterfließen, große Strecken auf dem Stromsystem des Amazonas zurücklegen, die vom Rio Negro bis zur Amazonasmündung reichen, und sich alle ansässigen Indianerstämme entlang dieses Weges untertan machen. Auf diese Weise muss ihr Reich einmal eine ungeheure Ausdehnung oder einen weitgespannten Einfluss gehabt haben, wovon die Insel Tobago bei Trinidad vor dem Orinoko-Delta im Norden und die Inseln im Mündungsgebiet des Amazonas im Osten vielleicht die äußersten Teile gewesen sind.
Es fällt zudem auf, dass alle diese Berichte aus verschiedenen Jahrhunderten in der Schilderung des sozialen Gefüges und der Kulturhöhe der Amazonen, die den Urwaldstämmen weit überlegen war, übereinstimmen. Danach waren die Amazonen kultivierte Städtebauerinnen, sie besaßen Häuser, Stadtmauern, Tore, Tempel und Straßen aus Stein. Sie hatten kostbare Metalle und Edelsteine, trugen schöne Gewänder und Rüstungen oder waren in der heißen Schwüle des Urwalds manchmal unbekleidet. Die häuslichen Künste wie Töpferei und Weberei waren ebenfalls gut entwickelt, dazu kam gemäß einem Bericht der Gebrauch der Hängematte. Sie brachten damit für ihre Reichsgründung den kollektiven Hintergrund der weiblichen Künste mit, die typisch für matriarchale Kulturen sind.
Solche eindeutigen und übereinstimmenden Berichte, die teils von Augenzeugen, teils von einheimischen Gewährsleuten stammen, unter fadenscheinigen Vorwänden immer wieder ins Reich der Fabel zu verweisen, ist ein von patriarchalen Forschern zwar lange geübtes, jedoch unseriöses Vorgehen. Außerdem sind diese Berichte aus Südamerika nicht die einzigen über Amazonen in der menschlichen Kulturgeschichte. Was die Amazonen vom Amazonas betrifft, so dürften sich die letzten Zweifel durch den Augenzeugenbericht des bisher einzigen weißen Mannes auflösen, der sie besuchen und mit ihnen sprechen konnte. Das geschah in den 50iger Jahren des 20. Jahrhunderts, also am Rande der Gegenwart.
Dieser Bericht ist einzigartig, so dass ich ihm hier mehr Platz geben möchte:
Der Brasilianer Eduardo Prado, in Manaus im Herzen des Amazonasbeckens aufgewachsen und ein profunder Kenner des Urwaldes und seiner Völker, sammelte zunächst Berichte von den Indigenen über die »Ycomiabas«, die »Frauen ohne Ehemann«, wie die Amazonen genannt wurden. So sollten sie noch am Oberlauf des Rio Nhamunda und des Rio Trombetas sowie im Quellgebiet des Rio Jari zu Füßen des Tumuc-Humac-Gebirges wohnen, alles nördliche Nebenflüsse des Amazonas. Dort läge zwischen zwei Bergen ein See, der »Yacura« oder »Spiegel des Mondes« genannt werde, hier sollten sie ihre Zeremonien feiern und aus dem Wasser den »Amazonit« oder grünen Stein herausholen, den sie ihren Liebhabern als Talisman schenkten.60
Mit einer Kanu-Expedition, begleitet von befreundeten, indigenen Führern, welche die Amazonen gut kannten, gleichzeitig in Gesellschaft eines der besten Kameramänner Brasiliens, machte Prado sich 1954 auf den Weg und fuhr den Rio Nhamunda flussaufwärts. Bei zwei Nebenflüssen des Nhamunda fanden sie tatsächlich diesen See, der von zwei spitzen Bergkegeln flankiert war, und erblickten sechs Dörfer der Amazonen, die symmetrisch angelegt waren, mit dem See als Mittelpunkt. Hier also lebten sie nicht mehr auf den kühlen, windigen Bergen, sondern an deren Fuß im Urwald, was ihre Lebensweise verändert hatte. Die Frauen hießen ihre Gäste freundlich willkommen, denn sie hielten sie für die alljährlich erscheinenden Freier. Die Verständigung gelang gut über einen Dolmetscher, und so klärte sich das Missverständnis bald auf – die Amazonen nahmen es mit Humor. Sie waren kräftige Frauen mit stolzer Haltung, dunkelbrauner Haut und üppigem, schwarzen Haar, das ihnen über den Rücken herabfiel. Ihre Kleidung bestand von den Hüften abwärts lediglich in Bemalung und Tätowierung, nur die älteren Frauen trugen Gewänder. Prado schildert ihre Gastfreundschaft als überwältigend, der Aufenthalt seiner Expedition bestand aus einer ununterbrochenen Reihenfolge von Gastmählern mit köstlichen Speisen von Fisch, Wildbret, Geflügel und Früchten. Die jungen Frauen, kaum der Kindheit entwachsen, gingen auf die Jagd, wobei ihre Geschicklichkeit, Schnelligkeit und Kraft den Forscher in Erstaunen versetzte. Noch mehr wuchs sein Respekt vor diesen Frauen, als sie ihn zu der gefährlichen Alligatorjagd einluden, die sie mit außergewöhnlicher Kühnheit erfolgreich abschlossen. Drei jugendlichen Frauen gelang es sogar, nur mit einem kurzen Speer bewaffnet, einen Jaguar zu töten, das gefährlichste Raubtier des Urwaldes. Sie berichteten ihre Tat so sachlich kühl, als ob es sich für die Amazonen um eine Routinesache handelte.
Das soziale Leben verlief in Heiterkeit und Offenheit, doch zugleich mit Anstand und Disziplin, zum Beispiel wurde der Forscher nicht von Bettelei um Geschenke behelligt, wie er es von anderen Indianerstämmen kannte. Der außerordentlichen Freundlichkeit der »Königin« Kuyta verdankte es der Forscher, dass er einiges über das Sozialleben der Amazonen erfuhr. In den Dörfern der erwachsenen Frauen waren keine Kinder zu sehen, sondern es gab für die Mädchen ein besonderes Mädchendorf, wo sie unter der Leitung der ältesten Frauen groß wurden. Ebenso gab es ein besonderes Knabendorf für die Knaben, sie lebten dort bis zu ihrem zehnten Lebensjahr. Danach wurden sie den Männern von den Stämmen der Mundurucu, Bares, Parintintin oder Macuxi, die als Freier jedes Jahr die Amazonen besuchten, übergeben, ein Ereignis, auf das sich die älteren Knaben schon jetzt freuten. Als durch das Urwald-Telefon, die Trommeln, die Nachricht eintraf, dass eine Schar Freier vom Stamm der Parintintin sich näherte, wurden etwa hundert jugendliche Frauen, die nun als alt genug für die Liebe galten, von zwei Priesterinnen geschmückt und sorgfältig mit Mustern bemalt. Dem Forscher fiel auf, dass diese Muster mit denen aus sehr alten Hochkulturen auf der Anden-Hochebene, wie zum Beispiel der Tiahuanaco-Kultur, fast identisch waren, was ihn sehr erstaunte.
Als die Freier eintrafen, zelebrierten diese einen langanhaltenden, rituellen Tanz, bei dem die jugendlichen Frauen sie kritisch musterten und sich dann ihre Liebhaber auswählten. Es folgten noch weitere Rituale, begleitet von der »Königin«, die ein wundervolles Gewand trug, das in allen Regenbogenfarben schillerte. Als ein ausgiebiges Schmausen begann, bei dem die Frauen ihre Liebhaber mit köstlichen Speisen überhäuften, zog sich die Expedition diskret zurück, um die Liebesfeiern nicht zu stören. Nach zwei Wochen kehrte der Forscher auf Einladung der Amazonen zurück und konnte noch den Abschied der Liebhaber miterleben, die mit reichen Geschenken beladen und mit einigen der Knaben, die ihnen feierlich übergeben worden waren, wieder abfuhren. Die Amazonen standen in zwei Reihen auf einer Böschung oberhalb des Flusses und sangen klagende Abschiedslieder. Prado schließt seinen Bericht mit den Worten, dass er hier in eine Lebensform Einblick nehmen durfte, die als Stammestradition uralt ist und sich im Laufe von langen Zeiträumen sehr gut bewährt hat.61 –
Amazonengesellschaften sind nicht so selten, wie man meinen möchte. Es handelt sich bei ihnen um eine besondere Form des Zusammenschlusses von Frauen, die sich unter extremen Umständen entwickelte. Die Bedingungen ihres Entstehens sollten erforscht und analysiert werden, denn es ist besser, Erklärungen zu suchen als das Thema zum Tabu zu machen.62 Bevor ich eine Erklärung für die südamerikanischen Amazonen versuche, möchte ich die Frage beantworten, zu welcher indigenen Volksgruppe sie gehören. Es gibt dafür keine direkten, aber sehr deutliche indirekte Hinweise. Die Gebiete, die für ihre Wohnungen angegeben werden, sind identisch mit Siedlungsgebieten der Arawak: Trinidad und Tobago und Umgebung, die Orinoko-Berge, das Orinoko-Becken, das Rio Negro- und Amazonas-Becken, die Mündung des Amazonas (siehe Karte 1). Ferner sprechen die Arawak eine Sprache der großen Amazonas-Region, auch wenn sie nicht mehr am Amazonas wohnen, und in ihren Enklaven haben sie die besonderen Muster der Matrilinearität und Matrilokalität weitgehend bis heute bewahrt.63 Die Arawak gelten auch als die Träger bestimmter Künste, wie Keramik, Webstuhlweberei, Flechten von Körben und besonders von Hängematten, Handwerke, die sie an andere Urwaldstämme weitergegeben haben (Abb. 2).64 Die archäologischen Funde von Steinbauten und Megalithen aller Art fanden sich außerdem in Arawak-Gebiet. Alle diese Übereinstimmungen erlauben deshalb den Schluss, dass die Amazonen Arawak-Frauen waren, die ihr Reich auf dem Hintergrund der sehr alten, matriarchalen Kultur ihres Volkes aufbauten.

Abb. 2: Capaya-Frau mit ihrem Kind in der Hängematte, eine Erfindung der Arawak und typisch für ihre Kultur (aus: Bild der Völker, Bd. 5, Wiesbaden 1974, Brockhaus Verlag, S. 161)
Doch warum griffen einige ihrer Stämme zu der extremen Lösung der Bildung von Amazonengesellschaften? Der Forscher Schomburgk berichtet eine Sage, die uns Indizien gibt, wie es zur Bildung des Amazonenreiches in den Orinoko-Bergen gekommen sein könnte. Es ist die Sage von der »Verschwörung des Jaguars«, sie stammt aus dem Gebiet der Worisianas.65 »Worisianas« heißt übersetzt: »Land der Frauen von den Müttern«, was wohl auf die Mutterlinie in diesem Land hinweist.66 Die Sage lautet so: Unter Anführung der mutigen Toeyza, der Frau des Häuptlings, kamen alle verheirateten Frauen eines Stammes zusammen und bildeten den »Geheimbund des Jaguars« gegen die Tyrannei ihrer Ehemänner. Denn die Männer zwangen die Frauen ständig zu arbeiten und demütigten sie täglich. – Der Jaguar ist das Tier des Schwarzmondes, des Tamulu, des kosmischen Richters und Rächers von allem Unrecht. – Aber der Geheimbund wurde von drei Männern belauscht, und der Jaguar, das heilige Tier, vor den Augen der Frauen getötet. Daraufhin vergifteten die Frauen ihre Ehemänner und zogen durch die Wälder davon zu einem fernen Land im Osten. Sie nahmen Lebensmittel, Hängematten und Waffen mit sich, proklamierten ihre Freiheit und nannten sich »das Volk der Frauen« (Worisianas). Als sie von Freunden ihrer Männer verfolgt wurden, verteidigten sie sich erfolgreich mit Pfeil und Bogen. Zuletzt ließen sie sich nieder und gründeten ihr Reich in der Sierra Parima. Toeyza wurde ihre erste Königin und erließ genau jene sozialen Gesetze, welche die Expeditionsforscher über die Amazonen herausfanden. –
Diese Sage ist kein »Mythos, den Männer erfanden, um ihre Herrschaft über Frauen zu rechtfertigen«, ein Argument, mit dem diese Art von Erzählungen üblicherweise beiseitegeschoben wird. Denn warum sollten verheiratete Frauen plötzlich gegen den Status quo rebellieren, wenn sie nichts anderes als diese Art von ehelichen Umgangsformen kannten? Was hätte sie damit unzufrieden machen sollen? Viel wahrscheinlicher ist, dass ihnen ihre Versklavung durch die Ehemänner neu war, weil sie vorher in einer anderen Sozialordnung lebten, nämlich einer matriarchalen. Deshalb besaßen sie noch genug Selbstbewusstsein und Kraft, um sich dieses männlichen Zwanges zu entledigen. Bei Frauen von Arawak-Stämmen, um die es sich hier handelt, ist dieser matriarchale Hintergrund gesichert. Ihr Handeln ist dann nur konsequent und spiegelt den Umschlag von matriarchalen Mustern in amazonische Muster, mit denen sie sich gegen die ersten, patriarchalen Versuche von männlicher Seite, sie zu versklaven, wehrten.
Wer aber waren diese »Ehemänner«? Es können nicht Angehörige des eigenen Stammes der Frauen gewesen sein, da diese weder einen dauernden Ehemann-Status noch eine Herabwürdigung der Frauen kannten. Die »Ehemänner« müssen Angehörige anderer Völker gewesen sein, die den Stamm, zu dem die Frauen gehörten, angegriffen und erobert hatten, dann die Frauen entführten und zur Heirat zwangen. Solche Handlungsweisen sind von den patriarchalisierten Stämmen der Kariben und Tupi belegt. Sie überfielen Arawak-Gemeinschaften, töteten die Männer und zwangen die Frauen in die Ehe und Sklaverei.
Die Antworten der Arawak-Stämme auf diese fortwährende Bedrohung waren verschieden. Wie schon gesagt wichen viele den patriarchalisierten Stämmen aus und flohen in neue Gebiete. Andere, die bereits besiegt waren, kamen durch eine Frauenrebellion zu amazonischen Mustern, indem sie sich der Waffen der Feinde, Pfeil und Bogen, bedienten um ihre Freiheit zu verteidigen; gleichzeitig wählten diese Frauen den Rückzug in die unzugänglichen Orinoko-Berge. Wieder andere Besiegte gingen in den Stämmen der Gegner auf, weil sich die zwangsverheirateten Frauen nicht befreien konnten. Das führte allmählich zur Akkulturation, indem die Eroberer einige Kulturgüter und Bräuche von ihren Arawak-Frauen übernahmen. Zum Beispiel weisen die Küsten-Kariben manchmal Matrilinearität oder Matrilokalität auf und kennen das »Peito«-System, die lange Dienst-Ehe des Schwiegersohnes bei der Sippe der Gattin. Aber hier bleiben die Frauen immer von den spirituellen und politischen Angelegenheiten der geheimen Männerbünde ausgeschlossen.67
Diese jahrtausendelange Entwicklung zwischen einer uralten, matriarchalen Kultur und immer stärker nachdrängenden, patriarchalisierten Stämmen erklärt, wie aus einem friedlichen Ackerbauvolk ein Kriegerinnenreich hervorgehen konnte. Amazonische Gesellschaften entstehen in der schwierigen und leidvollen Übergangszeit, in der patriarchale Volksgruppen zerstörerisch auf ältere matriarchale Kulturen prallen.
1.3 Der geschichtliche Faden zurück, oder: Der Seeweg nach Südamerika
Die Amazonen errichteten ihr Reich in einem Gebirgsland, denn nur dort konnten sie Städte aus Stein erbauen. Sie brachten die Kunst der Steinbearbeitung und die weiteren handwerklichen Künste aus einem anderen Gebirgsland mit, in dem das Volk der Arawak einmal heimisch gewesen war, aus den Anden Kolumbiens und Perus. Lange vor dem Inka-Reich (ab 1440 n.u.Z.) gab es hier verschiedene kulturelle Zentren, die auf uralter Ackerbautradition und matriarchaler Sozialordnung beruhten. Ein jüngeres Zentrum, das an die Zeit der Inka heranreicht, war die Chibcha-Kultur mit fünf größeren, aufeinander folgenden Reichen, an Bedeutung den Reichen von Mexiko und Peru vergleichbar.68 Die Chibcha-Kultur begann ab 500 n.u.Z. als matriarchale Ackerbau- und Handelskultur, sie hat viele Kulturelemente mit den Arawak gemeinsam.69 Die archäologischen Funde zeigen, dass diese Kultur sich mit solchen Eigenschaften wie Steinhäusern, Terrassen, Bewässerungsanlagen, Straßen, Dämmen und Megalithplätzen in den Anden Kolumbiens und in Mittelamerika bis zur Halbinsel Yucatán ausgebreitet hat. Zugleich stieß sie, von den Anden kommend, energisch nach Osten in die Sub-Anden-Gebiete des Urwalds vor und siedelte besonders an den Oberläufen der großen Stromsysteme. Erst in den weiten, flachen Zonen des Urwalds wird sie allmählich schwächer. Unter dem Druck von neu einwandernden, patriarchalisierten Völkern, die von Westen kamen, wurde die Chibcha-Kultur immer stärker männerzentriert, bis sie zuletzt patriarchale Reiche ähnlich dem Inka-Reich bildete. Es ist nicht schwer zu erkennen, dass die Arawak, die vermutlich die ältesten Träger der Chibcha-Kultur waren, dem Druck der Völker von Westen in den Anden Kolumbiens und Perus ausgewichen sind und in die weiten Gebiete der Nordküste Südamerikas und des östlichen gelegenen Urwalds auswanderten. Dabei nahmen sie ihre alte, hochentwickelte Kultur mit. Einige Arawakstämme werden wohl auch im Anden-Gebiet von den Neuankömmlingen unterworfen und in deren patriarchale Reiche eingegliedert worden sein.70
Es gibt noch heute kleine Volksgruppen, die mit den Chibcha verwandt sind. Sie haben zwar die Kulturhöhe ihrer Vorfahren verloren und leben sehr verborgen, weisen aber interessante Züge auf: So folgen die die Capaya im Bergwald von Ecuador noch immer der Matrilinearität, errichten Sippenhäuser als Pfahlbauten und besitzen eine hohe Bootsfahrkunst (Abb. 3, siehe auch Abb. 2).71 Ein anderes Beispiel sind die Schipibo im Regenwald von Ost-Peru; auch sie besitzen noch Matrilinearität und Matrilokalität, und die Frauen haben ein großes Selbstbewusstsein im Vergleich zu Frauen von anderen Urwaldstämmen (Abb. 4).72 In der Sierra Nevada de Santa Martha im Norden Kolumbiens leben die Kagaba-Kogi; sie sind jetzt bilateral organisiert, das heißt, die Verwandtschaft der Töchter geht nach den Müttern, die der Söhne nach den Vätern, und sie kennen noch Sippenwechselheirat. Sie glauben an eine Schöpferingöttin namens »Gauteaovan«, die in Gestalt der Gebärmutter verehrt wird. Dabei werden sowohl die Erde und alle ihre Berge wie auch der Himmel als Gebärmutter aufgefasst, und der ganze Kosmos stellt in neun Schichten die neun Töchter dieser Urmutter dar.73 Jeder Tempel der Göttin, den sie errichten, hat die Form einer Gebärmutter und ist für sie ein Abbild des Kosmos (Abb. 5).

Abb. 3: Capaya-Frauen in ihrem Sippenhaus (aus: Bild der Völker, Bd. 5, Wiesbaden 1974, Brockhaus Verlag, S. 162)

Abb. 4: Ältere Schipibo-Frau (Foto: Sandra Schett)

Abb. 5: Kágaba-Kogi-Indianer bei ihrem Bergheiligtum in der Form einer Gebärmutter (aus: Bild der Völker, Bd. 5, Wiesbaden 1974, Brockhaus Verlag, S. 171)
Außer der hochstehenden historischen Chibcha-Kultur geht sehr wahrscheinlich auch die megalithische Tiahuanaco-Kultur am Titicaca-See in Bolivien (ab 550 n.u.Z.) mit den archäologischen Stätten in der Umgebung auf die Arawak zurück. Denn auch im bolivianischen Hochland haben sich kleine Gruppen mit abgesunkener Kultur erhalten, die mit den Arawak verwandt sind, sogar eine arawak-ähnliche Sprache sprechen. Es sind die Chipaya am Copaisa-See und bis vor kurzem die Uru am Titicaca-See, die ich bereits erwähnt habe (siehe Karte 1).74 Die Vorläuferin der Chibcha-Kultur und der Tiahuanaco-Kultur war die frühe Ackerbaukultur von Chavin (Peru, ab 1000 v.u.Z.), begleitet vom Kulturzentrum auf der Halbinsel Paracas (Peru, ab 600 v.u.Z.). Auf sie folgten die Kulturzentren Nazca und Moche (Peru, ab 0 u.Z.). Zu den Vorläuferinnen gehört auch die Malagana-Kultur im südlichen Kolumbien. Es ist auffallend, dass alle diese frühen Kulturen an der Pazifikküste Südamerikas liegen, mit einigen Ausläufern entlang kleiner Flüsse am Fuß der Anden.
Der Ursprung von diesen allen war jedoch die erste matriarchale Kultur auf amerikanischem Boden überhaupt, die Valdivia-Kultur, mit großen Königinmüttern und einer Fülle elementarer Göttinnenskulpturen (ab 3000–1500 v.u.Z.). Auch sie erschien an der Pazifikküste Südamerikas, nahe beim Golf von Guayaquil in Ecuador, und breitete sich dann in diesem Gebiet aus.75 Obwohl sehr einfache Keramik vereinzelt schon früher vorkam, aber das gesamte kulturelle Erscheinungsbild vor-keramisch blieb, tauchte mit der Valdivia-Kultur plötzlich eine ungewöhnlich hoch entwickelte Keramik und Skulpturenkunst auf, in voller Blüte und scheinbar aus dem Nichts. Auch der Ackerbau nahm hier einen plötzlichen Aufschwung. Die Nahrungspflanze Mais war schon früh in Mittelamerika kultiviert worden (ca. 5000 v.u.Z.). Aber es dauerte noch lange, bis sie zum Grundnahrungsmittel wurde und sich die Ökonomie ganz auf sie stützte.76 Fast zeitgleich mit der Valdivia-Kultur und örtlich benachbart begann die Machalilla-Kultur, die wie Valdivia mit Fischfang verknüpft war, doch zugleich mit der systematischen Zucht der für Amerika typischen Pflanzen begann: Mais, Maniok, Bohnen, Kürbis und Kartoffeln. Auch in der Valdivia-Kultur hatte man sich bereits überwiegend vom Pflanzenanbau ernährt. Die zeitlich unmittelbar anschließende Kultur von Chorrera, an einem benachbarten Flusslauf gelegen, besitzt dann voll entwickelten Ackerbau.77
Dieses sehr frühe Zentrum Valdivia an der Bucht von Guayaquil (Ecuador) ist die erste Kultur in ganz Amerika, die alle Errungenschaften der Jungsteinzeit besitzt, mit ihr beginnt diese Epoche.78 Daher hatte die Valdivia-Kultur einen großen Einfluss auf die weitere Entwicklung in Süd- und Mittelamerika, wovon die Ausbreitung dieser kulturellen Güter entlang der Pazifikküste sowohl nach Süden als auch nach Norden zeugt. Denn diese Menschen waren geübte Bootsfahrer, und mit dem Schiff gingen ihre Reisen entlang der Küste leicht und schnell. Funde dieser frühen Keramik-Kunst wurden sogar an der nördlichen Atlantikküste Südamerikas gemacht, die über einen Flusslauf, der nahe der Pazifikküste in den Bergen entspringt, aber an der Atlantikküste mündet, gut zu erreichen war (Karte 2). Damit stand der weiteren Ausbreitung an der gesamten Nordküste Südamerikas kein Hindernis mehr entgegen, so dass auch die Flussmündungen der großen Ströme Orinoko und Amazonas entdeckt werden konnten (siehe Karte 1). Mit dieser Kulturwanderung verbunden waren eine weit entwickelte Ackerbaukultur, eine hohe Keramik-Kunst und die matriarchale Sozialordnung in Südamerika – wie die Arawak sie später noch zeigen. Daher verlief der Kulturstrom in Amerika, was die jungsteinzeitliche Epoche betrifft, nicht von Norden nach Süden, sondern von Süden nach Norden.79
Die matriarchale Gesellschaftsform mit Ackerbaukultur begann in Südamerika also eindeutig an der Pazifikküste, und zwar auf der ganzen Länge von Kolumbien und Ecuador bis Peru und Chile. Von dort verbreitete sie sich ebenfalls von Westen nach Osten, nicht umgekehrt. Von Westen nach Osten drängten später patriarchalisierte Stämme nach, wobei der immer schärfer werdende Patriarchalisierungsprozess sich im Westen abspielte, insbesondere auf dem Anden-Hochland. Dadurch ausgelöst ging der Auswanderungsweg der Arawak ebenso nach Osten, teils auf die Orinoko-Berge im Urwald, teil an die Nordküste Südamerikas und später nordwärts auf die Antillen-Inseln. Daraus ergibt sich als erste Frage: Woher kamen die Menschen der matriarchalen Valdivia-Kultur, die so plötzlich an der Pazifikküste Südamerikas erscheint und die jungsteinzeitliche Epoche auslöste? Eine zweite Frage ist: Wodurch entstand die Patriarchalisierung von Stämmen in Südamerika, welche die ältere, matriarchale Kultur der Arawak nach Osten und später nach Norden verdrängten?
Zunächst soll die Antwort auf die erste Frage gefunden werden: Es liegt der Schluss nahe – den auch etliche Forscher und Forscherinnen gezogen haben – dass die Kulturwanderung sporadisch schon in sehr früher Zeit und danach zunehmend verstärkt über den Pazifischen Ozean gegangen ist und die Küsten Süd- und Mittelamerikas erreichte. Denn es gibt auffallende Ähnlichkeiten zwischen den frühen matriarchalen Kulturen und ihrer Keramik-Kunst in Ostasien, besonders der Yüeh-Kultur in Südchina, und den Kulturen von Valdivia und Umgebung. Dieser Zusammenhang war oft das Thema detaillierter Nachforschungen.80 Leider haben diese Forschenden ihre Untersuchungen mit der sehr unwahrscheinlichen Hypothese verknüpft, dass diese Menschen ihre Fahrt über den Pazifik in einer einzigen, ununterbrochenen Reise machten. Sie sollen gleichermaßen ahnungslos – wie später Kolumbus in den Atlantik – von China in den Pazifik aufgebrochen sein und schließlich per Zufall an der Westküste Südamerikas angekommen sein, irgendwie durch die Ozeanströme dorthin getrieben. Das ignoriert die viel plausiblere Erklärung, dass diese Kulturwanderung über den Pazifik in wohlgeordneter Auswanderung von Inselgruppe zu Inselgruppe im Zeitraum von Jahrtausenden stattfand, genauso langsam wie sie von den Polynesiern in einer späteren Kulturphase vollbracht wurde. Sie haben auch die Osterinsel erreicht, wo sie jedoch schon andere Volksgruppen antrafen, unter diesen ein rätselhaftes, sehr altes Kulturvolk, die »Steinleute«, die schon lange vorher auf der Insel lebten.81 Nach indigener Tradition unternahmen Männer und Frauen von der Osterinsel aus Erkundungsreisen zu dem »Großen Land im Osten« – was ihr Name für den südamerikanischen Kontinent war.82 Ebenso konnten andere Volksgruppen in wohlgeordneter Entdeckungsreise um neues, bewohnbares Land zu finden auf die Galápagos-Inseln gelangt sein, die wie ein letzter Trittstein vor der Küste Ecuadors liegen, genau auf der Höhe der Bucht von Guayaquil. Von diesen Inseln ist es nicht mehr weit zum Kontinent, und genau dort blühte die Valdivia-Kultur auf (siehe Karte 1). Für diese Auffassung spricht vieles. Denn es gibt außer der Keramik-Kunst noch weitere verblüffende Ähnlichkeiten zwischen den pazifischen Inselkulturen und den frühen Kulturen Südamerikas, insbesondere was ihre Megalith-Architektur betrifft; das stellt einen sehr wahrscheinlichen, frühgeschichtlichen Zusammenhang her.83 Auch ihre Schifffahrttechnik – die man diesen frühen Menschen nicht zutraute – war weit entwickelt genug für solche Reisen. So haben die späteren Polynesier längst bewiesen, dass ihre einfach wirkenden, doch technisch raffinierten Auslegerboote über Tausende von Meilen hochseetüchtig sind, mit denen sie die pazifische Inselwelt über riesige Wasserstrecken hinweg zum zweiten Mal besiedelten (1000 v.u.Z. bis 1000 n.u.Z.).

Karte 2: Kulturausbreitung entlang den nordwestlichen und nördlichen Küsten von Südamerika
Diese Perspektive bringt Licht in sonst unverstandene Legenden und Berichte aus Polynesien. Denn als die späteren Polynesier, geführt von ihren Kriegerhäuptlingen, den »Raiatea«, diese Inselwelten während zweitausend Jahren nochmals entdeckten, fanden sie überall schon Ansässige vor, was sie zu kriegerischen Eroberungen der Inseln veranlasste. Diese frühesten Inselbewohner konnten nicht anders als sie selbst, nämlich mit außerordentlich seetüchtigen Booten, dorthin gekommen sein. Sie besaßen den ersten Ackerbau und waren matriarchal organisiert, was zum Beispiel die Mythen von Pelés Clan auf Hawai’i eindrücklich schildern. Pelé war eine Göttin-Königin, die mit ihrem Volk die Inseln von Hawai’i in Schiffen erreichte und besiedelte, lange bevor die polynesischen Kriegerhäuptlinge ankamen.84 Der Sohn Pelés sowie ihr Volk hießen »Menehune«, und diese Menehune sollen in allen Künsten außerordentlich geschickt gewesen sein. Sie konnten Mauern aus behauenen Steinen errichten, die sie ohne Mörtel mit perfekten Fugen aufeinandersetzten (archäologische Funde auf Hawai’i), und auf diese Weise bauten sie Häuser, Terrassen, Bewässerungsanlagen, Aquädukte und Straßen. Sie werden von manchen Forschern als die Urbevölkerung der polynesischen Inselwelt angesehen, die eine erstaunlich hochstehende Kultur besaßen, die sie auf Tahiti und Hawai’i wie auch auf der Osterinsel entfalteten. Doch als später die stolzen, polynesischen Kriegerhäuptlinge ankamen und sie bekämpften, flohen die Menehune in die dichten Bergwälder und »verschwanden spurlos« von den Inseln, so dass sie heute als Legende gelten. Sehr wahrscheinlich sind sie mit Booten aus dem Holz der Bergwälder weiter übers Meer gezogen, in Richtung Osten vor ihren Bedrängern. Dabei erreichten einzelne Sippen dieser Menehune die Osterinsel, die Galápagos-Inseln und Mittel- und Südamerika, wo noch heute die Zeugnisse ihrer hoch entwickelten Megalith-Architektur zu finden sind.
Dies zeigt den Weg, den die Valdivia-Kultur nahm. Sie kam als die Kultur der Urbevölkerung des Pazifik, der Menehune, übers Meer und stieß als früheste matriarchale Ackerbaukultur die weitere jungsteinzeitliche Entwicklung in Süd- und Mittelamerika an. Es würde das plötzliche Erscheinen dieser Kultur auf amerikanischem Boden erklären, wobei ihr Weg allerdings nicht plötzlich war, sondern als die erste Besiedelung der pazifischen Inselwelt lange Jahrtausende brauchte. Auch die Besonderheit dieser Kultur zeigt die Kontakte zwischen Polynesien und Südamerika, zum Beispiel ist die Süßkartoffel, eine Pflanze, die in den Anden kultiviert wurde, auch in Polynesien verbreitet.85 Zusätzlich zur Ähnlichkeit der Kulturgüter bestätigt die moderne Genetik solche Kontakte: Es gibt eine genetische Abstammungslinie, die als einzige nicht nach Sibirien oder Alaska verweist – woher angeblich alle frühen Völker in den amerikanischen Doppelkontinent eingewandert sein sollen. Sie ist in Süd- und Mittelamerika am stärksten vertreten und reicht mit dem nördlichsten Ausläufer bis zu den Inselkulturen der Nordwestküste von Nordamerika. Ihre Herkunft verweist nach Südostasien.86
Damit markiert Valdivia den frühesten Beginn des Matriarchats in Südamerika, das über den Pazifik kam.87 Die Arawak und die südamerikanischen Amazonen spiegeln dagegen eine späte Phase derselben Kultur, als diese durch nachrückende patriarchale Stämme in Bedrängnis gerieten und aus ihren angestammten Gebieten nach Osten und Norden vertrieben wurden. Damit kommen wir zur zweiten Frage: Wodurch entstand die Patriarchalisierung in Südamerika, die diese Verdrängung verursachte?
Auch darauf lässt sich eine Antwort finden: Es gibt ebenfalls bemerkenswerte Ähnlichkeiten zwischen der Kultur der späteren polynesischen Kriegerhäuptlinge und den Sitten patriarchalisierter, südamerikanischer Stämme, wie zum Beispiel den Kariben und Tupi. Beide Gesellschaften bildeten geheime Männerbünde und schlossen Frauen generell aus ihren offenen Tempeln aus, die in Polynesien »Marae« heißen.88 In diesen Ahnentempeln schworen sich die Männer Bündnistreue, führten die Vaterlinie ein, nachdem sie Jünglinge rituell selbst »neugeboren« hatten, und tauschten Geheimnisse aus, die unter Androhung strenger Strafen vor Frauen und Nichteingeweihten bewahrt werden mussten. Eine Hierarchie wurde aufgebaut, an deren Spitze der Kriegerhäuptling mit reichen Privilegien stand. So kamen diese Geheimbünde einer Kriegerkaste gleich, in der Raub, Krieg und Beuteverteilung organisiert wurden. Der Inhalt der Geheimnisse bestand in der Verehrung von patrilinearen Ahnen, denen in den offenen Tempeln männliche Gefangene geopfert wurden. Zuletzt wurden Trophäen aus ihnen gemacht. Kannibalismus, Schädelkult, Tänze mit Vermummung und Gesichtsmasken dienten ebenfalls dieser Art von Ahnenverehrung.89 Die Medizinmänner des Stammes waren regelmäßig Mitglieder der Bünde. Sie besaßen besonders zauberkräftige Sprüche und Substanzen, und sie erzählten die alten Mythen des Stammes neu, nämlich vermännlicht und mit herabsetzender Ideologie gegen die Frauen. Religion wurde auf diese Weise in soziale und politische Macht pervertiert.90
Im pazifischen Raum und Südamerika zeigen diese geheimen Männerbünde die hier genannten, gleichen Muster. Die polynesischen Kriegerhäuptlinge bildeten mit ihren Kriegern solche Bünde, die sie durch die langen Wanderungszüge auf dem Ozean und die anschließenden Kriege gegen die ansässige Urbevölkerung der pazifischen Inseln aufgebaut hatten. Sie unterwarfen diese Erstbevölkerung, soweit sie nicht fliehen konnte, und machten sie zu Sklaven, welche die Last der Arbeit zu tragen hatten. Dabei wurden deren handwerkliche Künste durch die neuen Herren ausgenutzt. Strenge Sozialhierarchie gliederte ab jetzt die allgemeine Gesellschaft, was den Reichtum der Häuptlinge und eine Intensivierung der polynesischen Seefahrt erst zuließ. Auf den Gesellschaftsinseln mit Tahiti und dem Marquesas-Archipel hieß diese versklavte, arbeitende Urbevölkerung noch »Manahune« oder »Makaainana«, und mit letzterem Wort wurde sie auch in Hawai’i benannt.91
Aber wie weit einzelne Stämme der Urbevölkerung, die Menehune mit ihrer matriarchalen Kultur, auch über den Ozean reisten, die Bedränger folgten ihnen irgendwann. Denn auch deren Stämme wuchsen allmählich und suchten neues Land, auch sie fanden die Küsten Südamerikas (später als 1000 n.u.Z.). Hier stießen sie auf ähnliche Verhältnisse wie im Pazifik, das heißt, das Land war schon vor ihnen besiedelt worden. Darum ließen hier die patriarchalen Formen von permanentem Kleinkrieg, Raubzügen und Verdrängung oder Unterwerfung der Urbevölkerung keineswegs nach. Vermutlich wurden auch sie selbst schließlich durch weitere patriarchale Neuankömmlinge bekämpft und weitergedrängt. Es entstand ein Bevölkerungsdruck und Völkergeschiebe in der Küsten- und Andenregion im Westen Südamerikas. Aber wie weit die älteren, matriarchalen Völker, wie die Arawak, auch über Land vor ihren Bedrängern flohen, diese folgte ihnen irgendwann mit der immer gleichen Aggressivität. Zuletzt wurde das südamerikanische Drama zwischen matriarchalen und patriarchalen Völkern schlagartig beendet durch Kolumbus und die Spanier, die ihrerseits eine verheerende, tödliche Art von Patriarchat mitbrachten.
1.4 Zur Struktur der matriarchalen Gesellschaft (Fortsetzung)
Allgemein:
• Die erste Entwicklung der matriarchalen Ackerbaukulturen in Amerika begann im Süden, und zwar an der Westküste von Süd- und Mittelamerika. Von hier aus verbreiteten sie sich in den östlichen und nördlichen Teil des Kontinents.
• Die Einwanderung einiger agrarischer, matriarchaler Volksgruppen in Südamerika fand über die pazifischen Inselkulturen statt (Südroute), sie stießen die jungsteinzeitliche Entwicklung in Südamerika an.
Auf der sozialen Ebene:
• Das Phänomen von matriarchalen Frauen als Kriegerinnen an der Seite der Männer war weitverbreitet. Es tritt auf, wenn matriarchale Kulturen durch Eroberung von außen vom Untergang bedroht sind.
• Amazonenreiche hat es gegeben (in verschiedenen Kontinenten). Amazonen unterscheiden sich von den mit ihren Männern kämpfenden Frauen, indem sie Berufskriegerinnen sind und männerlose Gesellschaften bilden.
• Amazonenreiche stellen eine rudimentäre Variante der matriarchalen Sozialordnung dar. Sie entstehen unter extremen Bedingungen in der Übergangsphase zwischen matriarchalen und frühpatriarchalen Gesellschaften.
• Geheime Männerbünde von Kriegern sind Zellen von frühen Patriarchalisierungsprozessen. Sie können entstehen, wenn durch Landknappheit und gegenseitige Verdrängung von Völkern charismatische Führer und Berufskrieger wichtig werden.
• Männerbünde verhalten sich in ihren Gesellschaften parasitär: Sie leben ökonomisch auf Kosten der Gesellschaft, haben oberste Führer, bilden männliche Hierarchien und Erzwingungsstäbe. Sie entwickeln eine rituelle Patrilinearität als neuen Wert, indem die jungen Männer durch Männer »neugeboren« werden.
• Geheime Männerbünde sind aus dem Pazifischen Raum und Südamerika ethnologisch zahlreich belegt, ihre Muster gleichen sich. Sie führen zu einer Vermännlichung oder Patriarchalisierung ihrer Völker, bedrängen und vertreiben benachbarte matriarchale Völker durch Raub und permanente, kriegerische Aggression.
Kapitel 2: Ausbreitung des Matriarchats nach Mittelamerika
für Mu Olokukurdilisob,Große Erdmutter und Blaue Schmetterlingsgöttin der Kuna
2.1 Die Kuna, das »Goldene Volk«
Die zirkumkaribische Zone erstreckt sich über die Antillen-Inseln und entlang der Nordküste Südamerikas, die dem Karibischen Meer zugewandt ist: Kolumbien, Venezuela, Guayana. Sie umfasst auch die Landengen Mittelamerikas: Panama, Costa Rica, Nicaragua, schließt ebenso die Halbinsel Yucatán ein und reicht über die Landenge von Tehuantepec bis nach Mexiko hinauf (Karte 3). Dieses gesamte Gebiet besaß eine dichte indigene Bevölkerung und große Bevölkerungszentren. Die einzelnen Kulturgruppen hatten sich zwar auf verschiedene Weise an die sehr unterschiedliche natürliche Umgebung angepasst, sie zeigten aber viele gemeinsame Züge, die in den frühen geschichtlichen Phasen der Anden-Kultur vorhanden waren. Es muss also kontinuierliche Auswanderung vom Andengebiet über Nordkolumbien nach ganz Mittelamerika hinein stattgefunden haben, wobei die Wanderungsbewegung auch hier von Süd nach Nord ging. Diese frühen Kulturen erstreckten sich einst von den Anden über das Maya-Gebiet bis nach Mexiko.1
Die Träger dieser zirkumkaribischen Kultur waren die Stämme der Arawak, deren matriarchale Sozialordnung und Kultur weiteste Verbreitung fanden und auch in der gesamten Zone rings um die Karibik prägend gewesen sind.2 Ecuador und Kolumbien waren das Ausstrahlungsgebiet ihrer Lebensform, deren Kulturmuster große Teile Südamerikas umfassten und auch in Mittelamerika die Grundlage für spätere Entwicklungen bildeten. Auch in Mittelamerika waren die Dörfer oder kleine Dorfverbände die politische Einheit, die sich um religiöse Zentren bildeten und als autonome Dorf-Republiken funktionierten. Die effiziente Ökonomie beruhte auf Ackerbau, besonders mit einer sehr alten Maissorte; er wurde je nach den Bedingungen ohne oder mit Terrassenbau und Bewässerungssystemen ausgeführt, zu denen Dämme, Kanäle und Aquädukte gehörten. Heilige Hügel, steinerne Altäre und Zeremonialplätze, die sogenannten »Ballplätze«, sowie steinerne Ahnenfiguren waren überall in der Region bekannt.3

Karte 3: Mittel- und Nordamerika. Einwanderungen von Süden und von Norden
Doch auch in Mittelamerika drängten – wie schon in Südamerika – zahlreiche Karibenstämme nach, nach denen die zirkumkaribische Zone den Namen »Karibik« erhielt. Sie vermischten sich teilweise mit den Arawak und nahmen Aspekte von deren Kultur an. Diese Situation wurde wiederum überlagert von den frühen Formen der Chibcha-Gesellschaft, die eine Verbindung aus Arawak, Kariben und anderen Stämmen war. Während ihr kulturelles Zentrum in Kolumbien sich allmählich patriarchalisierte, behielten ihre Außenbezirke, die weit nach Mittelamerika hineinreichten, die ältere, matriarchale Sozialform bei. Aber mit der Invasion der Europäer und den damit verbundenen Zerstörungen der indigenen Kulturen wurde diese Situation nachhaltig verändert. Dennoch sind einige weit voneinander getrennte indigene Volksgruppen bestehen geblieben, die ihr uraltes, matriarchales Erbe noch heute bewahren.4
Am nächsten benachbart zu den alten Kulturzentren Kolumbiens lebt das Volk der Kuna. Sie gelten als Nachkommen der Chibcha und sprechen noch heute die Chibcha-Sprache; früher besaßen sie eine viel höhere Kultur, bevor sie unter den Druck vonseiten der europäischen Eroberer gerieten.5 Durch ihren erbitterten Widerstand und die Unzugänglichkeit ihres Gebietes gelang es ihnen, autonom zu bleiben und wenigstens die Grundzüge ihrer Kultur zu retten. Sie bewohnten früher das ganze Gebiet der Landenge von Darien, das von Kolumbien bis zum Isthmus von Panama (heute Kanalzone) reicht. Diese Gegend ist durch Sümpfe, Urwälder und Moskitos so unwirtlich, dass sogar der »Pan-American Highway«, die große Straße von Alaska bis Feuerland, hier unterbrochen ist. Damit ist diese Region auf der ganzen Länge völlig straßenlos.6
Die Kuna konnten hier, verborgen im Urwald und an versteckten Flussläufen, lange ihre kulturellen Traditionen fortführen. Sie bewegten sich mit ihren Einbaumkanus auf den Flüssen im Inland von den Darien-Bergen bis zur Küstengegend von Panama. Doch zuletzt mussten sie das Festland verlassen; sie flohen vor den Spaniern auf die San Blas-Inseln vor der atlantischen Küste des Isthmus von Darien (siehe Karte 3). Eine Malaria-Epidemie, die ihre Dörfer auf dem Festland dezimiert hatte, soll ebenfalls zu ihrer Flucht auf die Inseln beigetragen haben. Sie besiedelten diese flachen Koralleninseln, wo beständig eine frische Brise weht und schlanke Kokospalmen wachsen. Wegen des Seewinds und der Vegetationsarmut ist das Klima auf den Inseln viel besser und bietet Schutz vor Mücken. Heute bewohnen die San Blas-Kuna fünfzig der 400 Inseln, die sich zwischen dem Golf von San Blas und dem Kap Tiburón wie Perlen an einer Kette in Sichtweite der Küste hinziehen, vor dem offenen Meer durch ein großes Barriere-Riff geschützt.
Einige Tausend von ihnen sind im Innern der Landenge geblieben, wo sie als Hochland-Kuna in freiwilliger Isolation leben. Andere siedeln entlang der Küste, die Küsten-Kuna, wo sie von den San Blas-Kuna täglich besucht werden. Die Frauen fahren mit ihren Kanus zu den Küstendörfern in Sichtweite um frisches Wasser zu holen, und die Männer kommen in ihren Booten wegen Holz und anderer notwendiger Dinge, die man auf den trockenen Koralleninseln nicht findet. Dabei meistern die Frauen die Kunst des Navigierens mit den starken Mahagoni-Einbaumbooten genauso glänzend wie die Männer.7
Auf der ganzen Länge des Isthmus von Darien, dessen Territorium zum größeren Teil zum Staat Panama, zum kleineren Teil zu Kolumbien gehört, variiert die Anzahl der Kuna (nach verschiedenen Quellen) zwischen 30.000 Einheimischen im Jahr 1993 und 60.000 im Jahr 2006. Ihr Volk ist eins der größten in Mittelamerika, das seine indigene Kultur bewahren konnte. Sie nennen ihr Land »Kuna Yala«, das sie 1925 der Regierung von Panama mithilfe der USA abgetrotzt haben. Kuna Yala ist politisch unabhängig und sie hüten es so streng, dass niemand, der sie besucht, über Nacht dort verweilen darf. Ihre gegenwärtige Politik ist sehr geschickt, so dass sie ihre eigene Kultur beibehielten und zugleich von den Panama-Offiziellen, den christlichen Missionaren und sogar den Ethnologen als »modernisiert« betrachtet werden. Auch diese Bezeichnung halten die Kuna für das Resultat ihrer erfolgreichen Diplomatie und sind, zu Recht, stolz auf ihren gleichermaßen kreativen wie konservativen Umgang mit modernen Zeiten.8
Dennoch haben sich viele von ihnen heute kulturell angepasst, insbesondere wegen der missionarischen Aktivität der katholischen Kirche, dem städtischen Lebensstil in Panama City und der Zunahme des Tourismus.9 Aber der Fokus meiner Analyse liegt hier auf ihrer traditionellen Kultur, die Jahrtausende lang praktiziert wurde und die heute noch in den Walddörfern auf dem Festland und auf vielen Inseln lebendig ist.
Sie selbst nennen sich Olodule, das »Goldene Volk«, und manches in ihrem Erscheinungsbild bestätigt diesen Namen. Sie sind kleine, doch kräftige Menschen mit bronzener Hautfarbe und dichtem, schwarzen Haar. Unter ihnen gibt es viele Albinos, die sie »Mondkinder« nennen und denen sie besondere spirituelle Fähigkeiten zuschreiben.10 Bevor christliche Missionsschulen bei ihnen errichtet wurden, trugen die Männer nichts bis auf eine goldene Penishülle und Federschmuck, heute gehen sie in den billigsten Kleidungsstücken der westlichen Zivilisation. Die Frauen hingegen sind gut gekleidet. Früher gingen sie bis auf einen langen Wickelrock auch nackt, doch sie waren vom Kopf bis zu den Hüften mit kunstvoller Körperbemalung geschmückt, deren phantastische Formenvielfalt sie selbst entwickelten und auftrugen. Zugleich stellten sie das Gold der Familie zur Schau, das in runden, schweren Scheiben am Ohr und um den Hals hing, ergänzt durch goldene Brustplatten und einen feinen Nasenring. Obwohl die Missionare darauf bestanden, dass die Kuna-Frauen sich bedeckten, sind sie ihrem traditionellen Stil treu geblieben. Als begabte Malerinnen übertrugen sie nun die Formen der Körpermalerei auf Baumwollblusen, und noch später begannen sie, ihre Kunst als Stickerei auszuüben. Diese Stickereien sind noch immer so formenreich und phantasievoll, dass die Blusen, »Molas« genannt, ihre gesamte mythische Kosmologie abbilden, einschließlich moderner Eindrücke wie amerikanische Werbespots im Fernsehen. Die Molas waren daher zuerst bei Ethnologen und sind heute bei Touristen begehrte Sammelobjekte, und die Kuna-Frauen verkaufen sie als Teil ihrer selbständigen Ökonomie gegen gute Dollars.11 Auch ihren Goldschmuck behielten sie größtenteils, denn er repräsentiert den Reichtum und damit die Ehre der Sippe (Abb. 6). Silbermünzenschmuck ergänzt ihn heute, und an Armen und Beinen ist der Goldschmuck durch Glasperlenschnüre ersetzt worden. Mädchen werden schon von Geburt an geschmückt: Sie sind erwünschter als männliche Kinder und werden bereits beim ersten Bad mit einem Goldschmuck der Sippe geehrt.12 In ihrer traditionellen Tracht mit Hüftrock, Kopftuch, Mola und schön gearbeitetem Goldschmuck ist jede Kuna-Frau noch heute ein bemerkenswerter Anblick.
Die Ökonomie der Kuna-Frauen beschränkt sich nicht auf den Verkauf von Molas. Den Frauen gehört auch das Sippenhaus, dessen Rahmen aus kräftigem Holz vom Festland gebaut ist, das Werk der Männer, während die Wände aus Bambus-Matten und das Dach aus geflochtenen Palmblättern bestehen, das Werk der Frauen. Innen befinden sich Hängematten, hölzerne Sitzschemel und früher die waagerechten Webstühle vom Arawak-Typus.13 Ebenso gehört den Frauen das unverkäufliche Land mit allem, was darauf wächst, vor allem die Kokospalmen. Die Männer ernten die Kokosnüsse und händigen sie den Frauen aus, die sie an Handelsboote der Weißen verkaufen; fast der ganze Reichtum der Sippe stammt von den Kokospalmen. Fischfang ergänzt wesentlich den geringen tropischen Ackerbau, den die Männer auf den Feldern ausüben; mit Mais, Maniok, Yams, Zuckerrohr, Tabak, Pfeffer, Kakao, Kaffee und Bananen dient er lediglich der Selbstversorgung. Zusätzlich sammeln die Männer, die in den Festlanddörfern wohnen, eine Vielzahl an Früchten, die der Regenwald zu bieten hat, und gehen gelegentlich auf die Jagd. So sind es die Männer, welche die rohe Nahrung besorgen, doch sie überreichen sie den Frauen, geben alles in die Hände der Clanmutter, der Matriarchin. Diese gibt die Lebensmittel an die Frauen weiter, die dann die Mahlzeiten zubereiten und verteilen; daher gelten die Frauen als die Ernährerinnen. Die Clanmutter überblickt, was benötigt wird, und weist die Männer für die Feldarbeit an, ebenfalls teilt sie den Frauen die anfallenden Pflichten in der Hauswirtschaft zu (Abb. 7).14 Zusätzlich arbeiten die Männer als Tagelöhner in der Kanalzone, und das Geld, das sie dort verdienen, wird in Goldschmuck angelegt, den die Frauen zu ihrer Ehre und zur Ehre der Sippe an Festtagen noch immer öffentlich vorführen.

Abb. 6: Junge Kuna-Frau mit Goldschmuck und bestickter Bluse (aus: Parker/Neal: Molas. Folk Art of the Kuna Indians, New York 1977, Barre Publications, Umschlag-Rückseite)
In einem Sippenhaus der Kuna wohnen alle in weiblicher Linie blutsverwandten Frauen zusammen: die Matriarchin, ihre Schwestern und Töchter und die Kinder der Töchter. Obwohl dicht gedrängt leben sie in Harmonie miteinander, und eine Frau hat immer Schutz im Haus der Mutter. Die Verwandtschaft ist also matrilinear, und die Frauen bleiben matrilokal im Mutterhaus wohnen, während ihre Brüder und Söhne ins Haus der Schwiegermütter ziehen. Daher sind der Gatte der Matriarchin und ihre Schwiegersöhne auch ein Teil der Wohngemeinschaft. Das Wort für »Gatte« ist »Sui«, das einen Mann als »Sammler der Nahrung« bezeichnet, denn das ist die Aufgabe eines Mannes, wenn er heiratet. Wenn ein »Sammler der Nahrung« nicht in Übereinstimmung mit den Wünschen seiner Gattin handelt, wird er ins Haus seiner Mutter zurückgeschickt.15
Durch den Einfluss der christlichen Missionare ist die Paar-Ehe und die bilaterale Verwandtschaft (Verwandtschaft nach beiden Linien) eingeführt worden. So kennen die Kinder heute auch ihren biologischen Vater, aber die männliche Linie ist unbedeutend. Eine Paar-Ehe kann jederzeit ohne Probleme von beiden Seiten aufgelöst und eine andere eingegangen werden. Nur beim Schwiegervater, dem Gatten der Matriarchin, gilt Dauerhaftigkeit in der Ehe und strenge Befolgung der Regeln, denn er arbeitet direkt mit den Schwiegersöhnen zusammen. Tyrannische Tendenzen können bei ihm aber kaum aufkommen, denn er wird von den Vätern der jungen Männer scharf beobachtet und notfalls öffentlich kritisiert, denn diese leben im selben Dorf. Es wird stets im selben Dorf geheiratet, denn die Kuna folgen dem üblichen Muster der Clan-Exogamie, verbunden mit Dorf-Endogamie, das heißt, Heirat außerhalb des Clans, aber innerhalb des Dorfes. Dies ist ein Hinweis, dass es einmal Sippen-Wechselheirat zwischen je zwei bestimmten Clans im Dorf gegeben haben mag. Der Gatte der Matriarchin hat nach außen eine Vermittlerrolle inne als Delegierter der Sippe im Dorfrat und gegenüber der Außenwelt – weshalb etliche Ethnologen ihn für den »Haushaltsvorstand« hielten. Tatsächlich liegt alle ökonomische und soziale Macht bei der Matriarchin, die sie als Verantwortung für das Wohl des ganzen Clans versteht und gebraucht.16
Die Männer besprechen im Versammlungshaus des Dorfes die Angelegenheiten der Gemeinschaft, da sie für die Politik verantwortlich sind. Die Themen ihrer Debatten sind das Schicksal ihrer Inseln, die Verbesserung der Infrastruktur, Konfliktlösungen und die Organisation von Festen. Diese Versammlungen werden von den »Saila«, den Häuptlingen, geleitet, die gewählt und leicht absetzbar sind. Die meisten Häuptlinge sind die Delegierten ihrer Clans und vertreten in der Versammlung die Position ihrer Sippenmitglieder, insbesondere der Frauen, während andere nur zeitweise Häuptlinge sind und als Moderatoren oder Interpreten agieren. Das Verhalten der Häuptlinge wird genauestens beobachtet, und sie müssen über alle ihre Handlungen Rechenschaft ablegen. In den Versammlungen entscheiden sie niemals etwas allein, sondern sie leiten lediglich den Vorgang der kollektiven Entscheidungsfindung. Immer müssen sie ein viel besseres Betragen zeigen als gewöhnliche Leute, zugleich wird von ihnen im Voraus stets das Schlimmste vermutet. Die Kuna verwenden viel Energie darauf, ihre Häuptlinge zu überwachen, und diese Wachsamkeit hat sie davor geschützt, dass jene mit den Kolonialmächten, die ihr Land umgeben, kollaborieren konnten.17

Abb. 7: Porträt einer Kuna-Matriarchin (aus Parker/Neal: Molas. Folk Art of the Kuna Indians, New York 1977, Barre Publications, S. 181)
2.2 Religion und Zeremonien der Kuna
Die Glaubenswelt der Kuna ist überaus reich und hat sich, trotz der oberflächlichen Christianisierung, in ihren Grundzügen erhalten. Die Traditionshüter sind die »Saila«, die Häuptlinge, ebenso die »Kandule«, die schamanischen Sänger-Heiler, und die »Nele«, die weiblichen und männlichen Seher und Propheten. Die verschiedenen Rollen sind nicht immer streng voneinander zu trennen, denn die Kandule und Nele haben denselben Rang wie die Saila, die Häuptlinge, die ihrerseits an den Aufgaben der Nele und Kandule teilhaben. Diese weisen Frauen und Männer sind das singende Gedächtnis ihres Volkes, sie halten die Traditionen und Religion lebendig. Zweimal in der Woche singen sie den reichen Mythenschatz im Versammlungshaus für die Dauer von mehreren Stunden dem Publikum aus Frauen und Männern vor. Gelegentlich halten die Häuptlinge von mehreren Inseln das Singen gemeinsam ab, was drei bis sieben Tage dauern kann.18
Diese langen, mythologischen Gesänge enthalten die Welterklärung und Geschichte der Kuna und haben große, Identität stiftende Wirkung für das Volk. Als Hilfe dafür gebrauchten die Häuptlinge, Heiler und Seher eine Art religiöser Bilderschrift, die heute im Aussterben begriffen ist. Diese Bildzeichen, denen die Muster und Symbole auf den Molas gleichen, dienten den Sängern als Gedächtnisstütze und konnten nur von diesen sehr geachteten Männern gelesen werden. In der Vergangenheit nannten sie es »die Bilder singen«. So wird dieselbe sakrale Sprache, die auf den Geheimnissen des Lebens beruht, von allen diesen Kuna-Traditionen geteilt: von den heiligen Gesänge der weisen Männer, von der Kunst der Frauen, mit Bildern Geschichten zu erzählen und sie in den traditionellen Mustern der Molas festzuhalten, deren Namen aus den rituellen Liedern stammen.19
Die dynamische Lebendigkeit dieses mythologischen Erbes hat wesentlich zur Bewahrung der Kultur der Kuna beigetragen. Am stärksten werden die Geheimnisse um die Große Erdmutter, ihre Mondtochter und das männliche Sonnenkind gehütet und sorgfältig geschützt, nach schlechten Erfahrungen mit den christlichen Missionaren, die ihnen einen »Vater Gott« aufdrängen wollten.20 Dabei gehören die Vorstellungen um »Mu«, die Große Erdmutter, zur ältesten Schicht der Kuna-Kosmologie, in der Mu verschiedene Namen während der Epochen der Welt hat. Zu verschiedenen Zeiten wurde sie »Mu Gabayai« genannt, das heißt »Großmutter der Kuna«, oder »Nana Dummad« in der Bedeutung »Große Mutter«, oder auch »Olodilisobi« oder vollständiger »Olokukurdilisob«, denn – wie das Wort besagt – liebt sie es, als leuchtend blaue Riesenschmetterlings-Dame zu erscheinen. Sie ist dank ihrer Fruchtbarkeit Schöpferin von allem, den Pflanzen, Vögeln, Tieren und Menschen, wobei sie mit der weißen, roten und gelben Schildkröte begann. Als Urmutter gebar sie auch ihre Tochter »Olowaili«, den Mond, und ihren Sohn »Ibelele«, die Sonne, danach gleichzeitig sieben heilige Wesen, die als die Planeten gedeutet werden. Aber noch mehr: Sie ist die Göttin, die das Leben im Diesseits und Jenseits formt. Die Kultur wurde den Kuna von den »Nele« geschenkt, die zuerst ausschließlich weibliche Propheten waren. Sie stiegen als drei schöne Frauen auf einer goldenen Scheibe vom Himmel herab und trafen auf der Erde drei Brüder an. Die eine, Nadili mit Namen, blieb bei diesen und wurde die Mutter des Kuna-Volkes. So kam es, dass die Kuna-Frauen noch immer goldene Scheiben tragen.21
Mutter Erde hat eine enge Verbindung mit ihrem Sohn, der Sonne, der auch ihr Gatte ist. Durch den »Baum des Lebens« bleibt er mit ihr wie durch eine Nabelschnur verbunden.22 Dieser heilige Baum der Kuna ist der Sabtur-Baum (Genipa Americana), dessen roter Saft als das Menstruationsblut der Göttin angesehen wird.23 Um diese zentrale Achse, die der Baum darstellt, wölben sich Himmel und Unterwelt in jeweils vier Sphären, und alle acht Sphären werden reich mit einer Geisterwelt bevölkert gedacht. Deshalb macht es den Kuna keine Mühe, die christliche Vorstellung von Himmel und Hölle in zweien dieser Sphären unterzubringen, eine oben und eine unten, und ansonsten ihr angestammtes Weltbild beizubehalten.24
Alles in der Welt gilt als beseelt, Steine, Wasser, Winde, Pflanzen, Tiere und Menschen tragen Seelen in sich.25 Sogar die Seele der Göttin hat ihren eigenen Ort, es sind – wie allgemein in den Kulturen Süd- und Mittelamerikas – die Pleijaden.26 Die Seelen der sterblichen Wesen, wie Pflanzen, Tiere und Menschen, machen nach ihrem Tod eine Reise durch die Unterwelt, wahrscheinlich bis sie wiedergeboren werden – ein Glaubensbestandteil, den die Kuna wegen der Missionierung kaum noch verlauten lassen. Sie glauben zumindest noch an die Wiedergeburt von Kindern, die sehr jung sterben, denn die Kleinen werden unter der Hängematte ihrer Mutter begraben, damit sie bald in deren Schoß zurückkehren können. Die Seelen entscheiden dabei selbst über ihre Wiederkehr, und solche, die nicht wiedergeboren werden wollen, bleiben im großen Mutterleib der Erde wohnen. Dort erhalten sie einen Körper aus purem Gold und leben ein seliges Leben.27
Interessant daran ist, dass Menschenseelen im Jenseits Pflanzen- und Tiergestalt annehmen können und dass die Seelen der Pflanzen und Tiere in Menschengestalt erscheinen können. Die Pflanzenseelen sind Frauen und die Tierseelen Männer. Diese Vertauschungsmöglichkeiten erklären die Kuna damit, dass Menschen, Tiere und Pflanzen gleichartig seien. Tier- und Pflanzenseelen scheinen sogar überlegen zu sein, denn sie kommen als Lehrmeisterinnen zu den Menschen, indem sie ihnen zeigen, wie eine Pflanze oder ein Tier zur Nahrung und Heilung gebraucht werden kann. Aus dieser Vorstellung sind die »Nutchu«, die Schutzgeister, hervorgegangen, deren Figuren aus Balsaholz geschnitzt und bei Heilungszeremonien verwendet werden.28
Das heiligste Fest der Kuna ist »Diwe Inna«, das Initiationsfest für Mädchen. Für die Knaben gibt es kein Fest beim Erwachsenwerden, und auch jedes andere Fest der Kuna steht dem Diwe Inna-Fest an Bedeutung nach. Es findet ein Jahr nach der Pubertätszeremonie als Feier der Menarche statt – früher ein reines Frauenritual – und bedeutet die Einführung des Mädchens in das Leben der erwachsenen Frau. Das Fest ist keine Hochzeitszeremonie; diese erfolgt viel später und ist sehr einfach, sie enthält unter anderem das Gesellschaftsspiel »Einfangen des Bräutigams«. Das Diwe Inna-Fest ist dagegen viel wichtiger, das ganze Dorf ist daran beteiligt. Denn nun wird das Mädchen zum vollwertigen Mitglied der Muttersippe und des Volkes und lernt den wesentlichen Inhalt der Mythologie, der matriarchalen Glaubenswelt der Kuna, kennen.29
Die Symbolik des Diwe Inna-Festes geht direkt auf das Fundament der Religion, den Glauben an die Große Erdmutter zurück. Denn die Göttin ist das Mysterium des Beginns allen Lebens, und das zur jungen Frau gereifte Mädchen wird ihr Ebenbild. Sie ist jetzt körperlich und sozial in der Lage, am Wunder der fortwährenden Schöpfung des Lebens mitzuwirken und hat damit Teil an der Erneuerung des Clans, des Volkes und der Welt. Deshalb wird sie jetzt in einem besonderen, abgeschlossenen Raum und in Gegenwart von zwölf anderen Frauen, darunter ihre Mutter, von einem Kandule, einem singenden Schamanen, in die heiligsten Gesänge eingeweiht. Dabei erfährt sie, dass die Kinder nicht von einem Hirsch aus dem Urwald oder einem Delphin aus dem Meer gebracht werden, sondern durch die Verbindung der weiblichen und männlichen Erotik entstehen, dargestellt am Beispiel der Erdgöttin und ihres Sohngeliebten, der Sonne. Der Sänger-Heiler verkörpert dabei symbolisch Ibelele, den Sonnengott, indem er auf seiner langen Flöte bläst, die den Phallus symbolisiert. Die zwölf Frauen begleiten ihn auf Kürbistrommeln, dem typisch weiblichen Instrument, denn die Kürbisform gleicht dem schwangeren Bauch mit dem Nabel oder der weiblichen Brust mit der Brustwarze.30
Anschließend wird die Lebensgeschichte der jungen Frau von der Empfängnis an mit Gesang, Tanz und Pantomime detailliert dargestellt. Ihre jetzige »Neugeburt« aus der Göttin wird gefeiert, und auf dem Höhepunkt dieses mehrtägigen Festes erhält sie eine neu gewebte Heirats-Hängematte. Zu diesem Zeitpunkt sind ihre langen Mädchenhaare von einer »Iyedule«, einer angesehenen Zeremonien-Priesterin, bereits zu dem bei den Kuna-Frauen üblichen Kurzhaarschnitt gestutzt worden. Das geschah beim Fest »Disle Inna«, als das Kind fünf oder sechs Jahre alt war, manchmal auch älter. Dabei flogen ihre Haarlocken wie »Seelenvögel« in die Anderswelt davon, vielleicht um die Verstorbenen wissen zu lassen, dass hier ein kleines Mädchen ist, das einmal zu einer Frau wird und ihnen eine neue Chance zur Wiedergeburt gibt. Jetzt, beim Diwe Inna-Fest, werden Gesicht und Hände der Initiantin mit dem Saft der Sabtur-Frucht bemalt, der als das Blut der Göttin gilt und getrocknet schwarz wird, und sie erhält ihren heiligen Frauennamen. Sie wird in das geheime Frauenwissen um Menstruation, Fruchtbarkeitszyklen, Schwangerschaft und Geburt eingeweiht. Der männliche Sänger-Heiler ist längst nicht mehr anwesend, denn Frauenwissen ist für Männer tabu. Es ist mit dem Wissen über Frauenheilkunde verknüpft, das ausschließlich von Frau zu Frau weitergegeben wird, sei es von Mutter zu Tochter oder von einer Heilerin an ihre Schülerin. Es gibt kein vergleichbares, geheimes Wissen für Männer. Daher ist der Fortgang der Zeremonie eine rein weibliche Angelegenheit; sie wird hauptsächlich von der »Iyedule«, der Priesterin ausgeführt, die in einem symbolischen Tanz ihre Hebammenrolle darstellt, mit der sie die spirituelle Neugeburt der jungen Frau vollendet. Danach wird die junge Frau in die feiernde Öffentlichkeit geführt und mit Freudentänzen von der Menge begrüßt.
Diese Öffentlichkeit ist unterdessen nicht untätig geblieben. Jede Sippe muss beim Diwe Inna-Fest für ihre Tochter das ganze Dorf bewirten und mit Chicha, einer Art Maisbier, betrunken machen. Alles soll im Überfluss vorhanden sein und wird im großen Zeremonienhaus ausgeteilt. Die Gefäße für Speisen und Getränke symbolisieren dabei die Gebärmutter der Göttin, aus der die Fülle hervorkommt, und das alkoholische Getränk wird mit ihrem Fruchtwasser gleichgesetzt, das bei der spirituellen Neugeburt der Initiantin fließt. Es gilt daher als segensreiche Pflicht, soviel wie möglich von diesem »Wasser des Lebens« zu trinken, denn so hat jede Person an der Neugeburt der Initiantin aus der Göttin teil. Zu Beginn des Festes hatte die Initiantin persönlich die ersten Trinkgefäße verteilt, so dass alle den ersten Schluck direkt aus ihrer Hand erhielten.
Nach dem Glauben der Kuna bildeten sich bei der Schöpfungsgeburt der Welt aus dem Fruchtwasser der Erdgöttin die Ozeane. Deshalb wird während dieses Festes nach dem ersten Schluck und weiterem reichlichen Trinken, nach vielem Tanzen und Tabakrauchen – letzteres, um die heiligen Handlungen für böse Geister im Dunst unsichtbar zu machen – ausgiebig im Meer gebadet, das heißt, direkt im Fruchtwasser der Mutter Erde. Danach setzt die teilnehmende Menge, nun in neuen Kleidern, das Tanzen und Trinken fort, bis »das ersehnte Kind«, nämlich die junge Frau, nach Vollendung aller Zeremonien endlich aus dem Haus in den Kreis der Feiernden geführt wird. Das Fest endet wie es begann, mit Tänzen, Erheiterungen und schweren Räuschen.31
In matriarchalen Gesellschaften ist die Mädchen-Initiation das wichtigste Fest, wie man am Beispiel der Kuna sehen kann. Mit der Erneuerung der Gebärfähigkeit in der jugendlichen Frau wächst die Hoffnung auf die Fortsetzung des menschlichen Lebens auf der Erde. In jeder von ihnen erscheint die Leben schaffende Göttin selbst in verjüngter Gestalt. Darüber hinaus verkörpert sich in der Initiantin eine Ahnin der Sippe, jetzt wiedergeboren durch sie, die nun das Leben des Clans weitertragen wird.32 Denn matriarchale Gesellschaften ehren die Gebärfähigkeit der Frau nicht allein wegen der Möglichkeit zu Geburten, sondern in erster Linie wegen der Möglichkeit zur Wiedergeburt, das heißt, wegen der Umwandlung von Tod zu Leben. Es ist dieser spirituelle Hintergrund, der den Frauen ihre Heiligkeit gibt. –
Folgen wir kurz den Beispielen matriarchaler Gesellschaften in Mittelamerika weiter nordwärts: An Panama schließen sich im Norden die Gebiete von Costa Rica und Nicaragua an. Auch hier ist seit der Jungsteinzeit der Einfluss der von Südamerika nordwärts ziehenden Arawak spürbar. Auf die Arawak-Wanderung folgte dann die Wanderung der Chibcha. Das Gebiet der Chibcha sprechenden Völker reichte bis zu den Völkern mit Maya-Sprache auf der Halbinsel Yucatán (siehe Karte 3).33
Dafür gibt es viele archäologische Hinweise, doch wir konzentrieren uns hier auf die ethnologischen Indizien: Als Kolumbus im Jahr 1502 in Costa Rica ankam, zeigten sich auch hier die Indianer sehr freundlich. Die Spanier bewunderten ihren erlesenen Goldschmuck, und außerdem besaßen die Einheimischen eine hohe Meisterschaft in der Bearbeitung von Holz, Stein und Metall. Sie wohnten in großen, mit Stroh gedeckten Sippenhäusern mitten in ihren Feldern und lebten in einer sozial, politisch und religiös komplexen Gesellschaft. Ihre Sprache war Chibcha und alle ihre Kulturtraditionen stammten aus dem nördlichen Südamerika.34
Aber bald gab es Auseinandersetzungen und Kämpfe zwischen den Spaniern und den indigenen Völkern. In dieser schwierigen Zeit verweigerten die Talamanca-Stämme aus der Talamanca Gegend von Costa Rica die Kapitulation, sie fügten sich weder den Spaniern noch ihren Missionaren (siehe Karte 3). Da sie keine Städte als kulturelle Zentren hatten, wie sie in Peru und Mexiko entstanden waren, vermochten sie anhaltenden Widerstand zu leisten, der nicht durch die Eroberung einer Zentrale gebrochen werden konnte. Bei diesem Widerstand zeigten sie sich sehr kriegerisch, oft angeführt von weiblichen Häuptlingen. Auf diese Weise konnten sie die wichtigsten Züge ihrer Sozialordnung bis heute beibehalten: Sie leben noch immer in matrilinearen, exogamen Clans, die in Sippen-Wechselheirat miteinander verbunden sind. Status und Würden werden in weiblicher Linie vererbt. Das Land ist Sippenbesitz, und die Sippe organisiert gemeinschaftlich die ökonomischen Angelegenheiten. Die Häuptlinge sind streng an die Clans zurückgebunden, ohne deren Einwilligung sie nichts entscheiden können. Die Sänger-Heiler führen die uralte Tradition in heiligen Gesängen fort.35 Alle diese Züge erinnern deutlich an die Kultur der Kuna.
Die agrarischen Aufgaben sind bei den Talamanca-Stämmen mit der Sippenstruktur verknüpft, denn nur bestimmte Clans üben bestimmte Tätigkeiten aus, wie Holzfällen, Jagen, Anbau bestimmter Pflanzen, die andere Clans nicht ausüben dürfen. Der Grund ist, dass diese praktischen Tätigkeiten des täglichen Lebens spirituellen Gehalt besitzen – denn Praktisches und Spirituelles sind bei matriarchalen Völkern nicht getrennt. Diesen Gehalt kennzeichnen sie durch symbolische Pflanzen- und Tiermuster auf ihrer Kleidung, ihrer Keramik, ihrem Flechtwerk, wobei jede Sippe nur ganz bestimmte Muster gebraucht, die ihr eigen sind. So enthalten alle diese Dinge präzise Botschaften über das zugrunde liegende soziale, politische und spirituelle System für jene, die diese Muster lesen können. Dadurch werden die gesellschaftlichen Strukturen und die Interaktionen sichtbar, in denen die Einzelnen sich bewegen. Aber nicht nur das: Auch das Verhältnis von Menschen und Natur zeigt sich in ihrem Symbolsystem und enthüllt damit die Ordnung des Universums, wie diese indigene Gesellschaft sie sich vorstellt. Jedes Symbol ist deshalb kein »Ornament«, sondern ein Zeichen aus ihrem politischen und religiösen Sippengefüge.36 Diese Eigentümlichkeit einer zugleich sozio-politischen und spirituellen Ordnung, die in jedem Gebrauchsgegenstand ausgedrückt wird, gibt es keineswegs nur bei den Talamanca-Stämmen, sondern sie ist typisch für die matriarchalen Kulturen Süd- und Mittelamerikas.
2.3 Die »starken und schönen« Frauen von Juchitán
Auch in Mexiko, das sich wiederum nördlich anschließt, sind noch Enklaven der älteren matriarchalen Sozialordnung zu finden. Nicht zufällig haben sie sich an der Westküste, am Pazifik, bis heute erhalten. Dort liegt der Golf von Tehuantepec und die ganze Gegend wird der »Isthmus von Tehuantepec« genannt. Hier verengt sich die mittelamerikanische Landbrücke derart, dass man zuerst plante, den Kanal zwischen Atlantik und Pazifik hier anzulegen, bevor man sich für Panama entschied. Im Gegensatz zum unwegsamen Isthmus von Darien, wo die Kuna wohnen, ist der Isthmus von Tehuantepec schon immer ein stark bereistes Durchgangsgebiet für Völker und Händler aller Art gewesen und heute führt der »Panamerican Highway« hindurch. Entlang der Küste liegen mehrere, indianisch geprägte Städte, unter diesen Juchitán mit etwa 100.000 Einwohnern, und es ist erstaunlich, dass die Juchiteken ihre alten Sozialmuster weitgehend bewahren konnten. So stoßen wir mitten in der modernen Gesellschaft Mexikos diesmal auf ein städtisches Matriarchat (siehe Karte 3).
Die Leute von Juchitán bezeichnen sich heute als »Zapoteken«. Die Zapoteken gehören zu den ältesten Einwohnern Mexikos und besaßen einst ein Reich, welches das ganze Hochtal von Oaxaca umfasste. Ihr religiöses Zentrum war Monte Alban, ein Hochplateau oberhalb von Oaxaca, wo heute noch die Reste von Stufenpyramiden und Palästen zu sehen sind. Hier trotzten sie den patriarchalen Eroberern aus Tenochtitlan, den Azteken-Kaisern, denen es nicht gelang, die Zapoteken zu unterwerfen.37
Die Kultur der Zapoteken ist viel älter als die der Azteken, dennoch hatte sie auch damals schon patriarchale Strukturen entwickelt. So ist der Unterschied zwischen den heutigen Hochland-Zapoteken mit ihren patriarchalen Mustern und den Isthmus-Zapoteken an der Pazifikküste mit ihrer matriarchalen Sozialform, besonders in Juchitán, sehr auffallend. Das weist auf einschneidende historische Unterschiede zwischen beiden Völkern hin und es wirft die Frage auf, ob es sich bei der Bevölkerung des Hochlands und der des Isthmus tatsächlich beide Male um »Zapoteken« handelt. Historische Tatsachen sprechen gegen die Annahme der ethnischen Einheitlichkeit. Denn erst Mitte des 14. Jhs. eroberte ein Zapoteken-Herrscher, vom Hochland herkommend, das Tiefland und machte die Leute tributpflichtig. Ende des 15. Jhs. zog sich das zapotekische Herrscherhaus, gezwungen durch die Eroberungszüge der Azteken aus dem Norden, selbst auf den Isthmus von Tehuantepec zurück und hat seit dieser Zeit die Bevölkerung des Tieflandes »zapotekisiert«. Diese musste nun die zapotekische Sprache und Teile der Herrscherkultur annehmen. Im 16. Jh. überlagerte die spanische Eroberung nochmals dieses kulturelle Gemisch, und ihre christliche Mission, die sie jedem Volk, das sie antrafen, angedeihen ließen, verschlimmerte die Situation.
Die archäologische Forschung in Mexiko zeigt, dass es vor dem 14. Jh. keine kulturellen Beziehungen zwischen den Zapoteken des Hochlandes und den Juchiteken des Tieflandes gegeben hat. Diese Küstenebene am Pazifischen Ozean, an vielen Stellen nur schmal, ist etwas Besonderes: Sie ist eins der reichsten archäologischen Gebiete der Welt. Ihr Klima ist sehr heiß und feucht, aber das Land außerordentlich fruchtbar. Wegen der extremen klimatischen Verhältnisse wurde sie erst spät von den ausländischen Archäologen erforscht; dabei stellte sich, trotz der Verrottung vergänglichen Materials in dem schwülen Klima, eine große Fülle von frühen Kulturen heraus. Dies gilt besonders für die Epoche der Jungsteinzeit (ab 2000 v.u.Z.). Ihre Kulturen sind so reich am Isthmus belegt, dass vielfach angenommen wird, dass die Jungsteinzeit für Mexiko hier begann und in späteren Jahrtausenden allmählich aufs Hochland hinaufstieg. Man nennt in Amerika die Jungsteinzeit »Formative Periode«, sie zeigt dieselben kulturellen Eigenschaften: erster Ackerbau mit Pflanzenzucht, erste Domestikation von Tieren, hervorragende Keramik, eine Fülle einfacher und komplexer Göttinnen-Figurinen. In dieser Küstenebene kommen noch zahllose Erdhügel und Erdplattformen dicht aneinander hinzu, sie waren die Fundamente von großen Langhäusern und Tempeln aus Holz.38 Diese Epoche war außerordentlich innovativ und ihre Gesellschaftsordnung – wie in den anderen Kontinenten – war matriarchal. Hier kam es nicht zur Entwicklung einer hierarchischen Gesellschaft mit steinernen Monumentalbauten wie auf dem Hochland, wo Patriarchalisierung und Reichsbildung zu Beginn der Klassischen Epoche (300 n.u.Z.) einsetzten. Die Gesellschaft am Isthmus blieb bäuerlich und egalitär und folgte damit der alten Tradition der Jungsteinzeit an der Pazifikküste.39 Erst die zapotekische und dann die spanische Eroberung brachten Überlagerungen, dennoch gelang es den Menschen im Tiefland, insbesondere den Frauen von Juchitán, große Teile ihrer traditionellen Kultur zu behalten.
Das Leben der Frauen von Juchitán und der gesellschaftliche Zusammenhang wurden in jüngster Zeit von engagierten Ethnologinnen erneut erforscht. So brachten Veronika Bennholdt-Thomsen und ihr Team einen feministisch-politischen Blick mit, der die eigentümlichen Muster dieser Gesellschaft entdecken konnte, die vorher im Verborgenen blieben.40 Nach ihren Studien fallen, wenn man diese Stadt besucht, zuerst die Frauen auf, nicht nur wegen ihrer betonten Leibesfülle und farbenfrohen Kleidung, die aus bunt gemusterten Röcken und den prächtig mit großen Blumen bestickten Blusen besteht (Abb. 8). Sie sind genauso bemerkenswert wegen ihrer Dominanz im Straßenbild, sei es bei den Geschäften auf dem Markt, sei es bei den Festen auf den Straßen. Denn sie sind die Besitzerinnen des Marktes und die Hauptpersonen der Feste. Nun würde das allein kein Matriarchat ausmachen, wenn nicht andere wesentliche Merkmale dazukämen. So gehört das Haus allein der Frau, sie sorgt durch ihre Händlerinnentätigkeit finanziell und organisatorisch für das ganze Hauswesen: den Hausbau, den Haushalt, die Erziehung der Kinder. Später vererbt sie das Haus an eine Tochter, meist an die jüngste Tochter, die bei der Mutter bleibt und sich im Alter um sie kümmert.

Abb. 8: Frau aus Juchitán auf dem Gang zu einem Fest (aus: Beverly L. Chiñas: The Isthmus Zapotecs: A Matrifocal Culture of Mexico, New York 1992 (2), Verlag Holt, Rinehart and Winston)
Es überrascht daher nicht, dass es in dieser Stadt den modernen, westlichen Typ der »Hausfrau«, die besitzlos und abhängig von ihrem Ehemann ist, nicht gibt. Hier ist jede Frau als Handwerkerin und Händlerin ihre eigene Unternehmerin und völlig unabhängig vom Ehemann. Ebenso ist die Isolation der Hausfrau im Einfamilienheim unbekannt. Schon das offene Haus mit Veranda, die auf die Straße wie auf einen öffentlichen Hof geht, lässt die Illusion von Privatheit nicht zu. Außerdem ist auch die Lebensweise der Frauen öffentlich, denn sie verkaufen ihre häuslichen Produkte vor ihren Häusern oder in den Gassen und Straßen oder auf dem nur von Frauen bevölkerten Markt (Abb. 9). Dabei sind sie in ständiger Kommunikation mit den Nachbarinnen und den Vorüberkommenden. Ihre Haustiere leben ebenfalls zwischen den offenen Häusern auf den Straßen. Besonders wichtig sind die Schweine, die alle Haushaltsabfälle fressen und dann, fett gemästet, auf dem Markt verkauft werden. Der Erlös wird in Goldmünzen angelegt, und diese sind das Guthaben der Frauen aus ihrer wirtschaftlichen Tätigkeit, das sie bei den Festen um den Hals gehängt zur Schau tragen. Größere Ausgaben wie der Hausbau oder die Ausbildung der Kinder werden mit diesen Goldmünzen bezahlt.

Abb. 9: Frauen auf dem Markt von Juchitán (aus: »Basler Magazin«, Nr. 14, 1992, S. 3, Foto: Cornelia Suhan)
Juchitán ist eine Ackerbaustadt, das heißt: das Land, das sie umgibt, sind die Felder der Stadt. Jeden Morgen ziehen die männlichen Bewohner der Stadt mit ihren Ochsenkarren – die moderneren von ihnen mit Lastwagen oder Bus – zur Feldarbeit aus der Stadt hinaus. Sie arbeiten tagsüber als Bauern in der Landwirtschaft, die mit künstlicher Bewässerung betrieben wird, oder als Fischer an den Lagunen oder der Meeresküste. Der Handel ist Frauensache, Landarbeit dagegen Männersache. Den Männern gehören die Felder, und sie vererben sie vom Vater auf den Sohn. Doch sie können daraus keinen persönlichen Gewinn ziehen, denn die Ernte aus ihrer Feldarbeit, eben alles, was auf dem Land wächst, kommt in die Hände und den Haushalt der Frauen. Die Frauen verarbeiten die rohen Feldfrüchte zu Speisen, wie geröstete Maisfladen und süße Getränke und andere köstliche Gerichte, die sie in den Straßen und auf dem Markt der Stadt verkaufen. Der Erlös verbleibt vollständig bei ihnen. In der Jahreszeit, in der es wenig Feldarbeit gibt, helfen die Männer handwerklich den Frauen, oder sie verdienen auswärts Geld als Lohnarbeiter. Auch dieser Lohn wird insgesamt den Frauen ausgehändigt. Die Frauen versorgen dafür die Männer mit der täglichen Nahrung und geben ihnen Geld für ihre persönlichen Angelegenheiten, sei es im Verhältnis von Gattin zum Gatten, von Schwester zum Bruder oder von Tochter zum Vater. Die gesamte Ökonomie von Juchitán liegt in den Händen der Frauen, die als die Ernährerinnen gesehen werden – eine Situation, die grundsätzlich auch für andere matriarchale Gesellschaften gilt. Doch es gibt keinen Streit zwischen den Geschlechtern wegen dieser ökonomischen Regelung, alle finden diese Arbeitsteilung in Ordnung. So gelten die Männer bei ihren Frauen als »sehr hilfsbereit«, und die Männer von Juchitán sind stolz auf ihre »starken und schönen Frauen«.41
Unterentwicklung und Armut, sonst allgemein in Mexiko, sind in Juchitán unbekannt, denn die Frauen halten eine traditionelle, regionale Ökonomie aufrecht, die weitgehend autark ist. Die Ressourcen der Gegend fließen nicht in einen ausbeuterischen, nationalen oder internationalen Markt ab, über den im ungerechten Handel billige Rohstoffe gegen teure Fertigprodukte getauscht werden. Stattdessen wird alles lokal produziert, verarbeitet, verkauft und konsumiert. Einheimische Produkte werden höher geschätzt als importierte, man ist stolz auf das Eigene: auf juchitekisches Essen, Kleidung und Musik. Es ist eine echte, selbständige Subsistenzökonomie.42 Daher konnten von außen gelenkte Firmen mit ihren Fabriken und Supermärkten in Juchitán nicht Fuß fassen. Gleichzeitig sind die Tätigkeiten der Frauen, die eben auf gutes Essen, schöne Kleidung und angenehmes Wohnen gerichtet sind, hoch geachtet, denn sie betreffen alle wichtigen Lebensvorgänge. So können die Frauen die lokale Marktwirtschaft von Juchitán, die sie wie einen großen Haushalt führen, unter Ausschluss fremder Güter steuern, denn sie haben ihre »ethnische Identität«, ihre Selbstachtung und Würde, nicht verloren.43
Die Frauen gelten nicht als »niedere Klasse«, wie fälschlich behauptet wird, denn Klassendenken kennen diese Menschen nicht.44 Nur in anderen Teilen der Welt, wo diese Art der Subsistenzproduktion nicht mehr unabhängig ist, sondern durch kapitalistische Märkte ausgebeutet und zugleich verachtet wird, entstehen die Phänomene der sogenannten »Dritten Welt«, die in Verelendung und Hunger gipfeln. Sie sind bedingt durch die strukturell verankerte Verletzung der Würde der Frauen und der Bauern.45 In Juchitán blieb dagegen durch die lokale Ökonomie der Frauen der Wohlstand erhalten, er ist sichtbar und allgemein. Er zeigt sich deutlich in der Wohlbeleibtheit der Frauen, denn rundlich zu sein beweist reichliches und gutes Essen und ist das weibliche Schönheitsideal in dieser Stadt.46
Eine weitere Eigenschaft der matriarchalen Ökonomie ist, dass nicht diejenige Person Ansehen gewinnt, die viel Geld besitzt, sondern diejenige, die viel für andere ausgibt. In Juchitán geschieht das reichlich bei den großen Festen, von denen es allein in dieser Stadt 35 in jedem Jahr gibt. Ihre Wurzel sind alte, agrarische Jahreszeitenfeste, überlagert von christlichen Festen im Kirchenjahr. Außerdem werden persönliche Lebensstadienfeste gefeiert, wie der fünfzehnte Geburtstag als Initiationsfest der Mädchen, Hochzeitszeremonien und Altersjubiläen.
Diese Feste oder »Velas« dauern zwei bis vier Tage und es kommen sehr viele Gäste, deren Zahl 2000 bis 3000 betragen kann. Sie alle sind von der Schirmherrin des Festes, der »Mayordoma«, eingeladen und werden von ihr verköstigt und beschenkt. Die Feste sind in erster Linie eine Angelegenheit der Frauen, die im Zentrum der Ökonomie stehen. Sie planen, organisieren und leiten das Fest, denn sie sind die Handlungsträgerinnen, während die Männer als Musikanten aufspielen und sich sonst im Hintergrund halten. Insbesondere ist der 50. oder 60. Geburtstag einer Frau ein solcher Anlass; diese Jubiläen sind Gelegenheiten für ein »Verdienstfest«, das vom ganzen Stadtviertel gefeiert wird, um die ältere Frau in ihrer Rolle als Mayordoma zu ehren. Sie ist der Mittelpunkt des Festes, und obwohl sie als Mayordoma hohe Ausgaben hat, gewinnt sie gleichzeitig großes Prestige. Darauf kommt es an: Die matriarchale Ökonomie der Leute von Juchitán ist nicht auf persönliche Bereicherung ausgerichtet, sondern auf Verteilung der Güter gemäß dem Wert der Gegenseitigkeit. In einer solchen »Prestige-Ökonomie« geht es um Festigung der sozialen Bindungen durch gemeinsames, fröhliches Konsumieren der Güter. Diese zirkulieren dabei als Geschenke und werden nicht bei einsamen Individuen, den »Reichen«, angehäuft. Eine Mayordoma ist wohlhabend und zugleich großzügig, und soziales Ansehen ist der Gegenwert, den sie mit dem lange ersparten und heiß ersehnten Verdienstfest gewinnt. Gemäß den Werten der Gegenseitigkeit und Balance wird sie zu anderen Festen eingeladen und wird dort so beschenkt, wie sie geschenkt hat. Auf diese Weise geht es weiter durchs ganze Jahr. Das Prinzip der Gegenseitigkeit ist dabei unumstößlich und wer sich nicht daran hält, hat sich aus der Gemeinschaft heraus gestohlen und sich selbst ausgeschlossen. Isolierung, Vereinsamung und Lebensunsicherheit wären die Folgen.
Verdienstfeste von Frauen sind außergewöhnlich. In vielen Teilen der Welt sind Verdienstfeste Männersache, sie gewinnen dadurch Prestige, und Frauen sind die passiven Zuschauerinnen der männlichen Ehre. Nicht so in Juchitán, wo die Frauen die Subjekte und Handelnden der Feste sind und sie öffentlich auf den Straßen feiern. Dafür wird ein Straßenstück tagelang abgesperrt, so dass der Verkehr umgeleitet werden muss, ein Dach aus Palmblättern oder Stoff wird errichtet, Klappstühle werden in Reihen aufgestellt und ein Tanzplatz freigelassen, der mit Blumen und Girlanden geschmückt ist. Riesige Mengen an Essen und Trinken stehen bereit und mindestens zwei Musikkapellen treten an. Die Gäste strömen herbei, zuerst die Frauen hoch erhobenen Hauptes und in prächtig bestickten Samtblusen und Samtröcken, unter denen sich weiße Spitzenröcke bodenlang ergießen, große Blüten im Haar und eine Galerie Goldmünzen um den Hals. Sie tanzen auch zuerst, meist je zwei zusammen, sie sitzen in den vordersten Reihen, lachen laut, reißen Witze, essen viel und trinken gewaltige Mengen Bier. Die Mayordoma steht im Mittelpunkt des Festes, doch an ihrer Seite darf eine junge Frau aus ihrer Verwandtschaft, schön geschmückt, die »Festkönigin« sein. Verwandte und Nachbarinnen übernehmen als »Madrinas«, als Partnerinnen, einen Teil der Kosten und der Organisation des Festes. Tagelang tanzen die Frauen miteinander und als Höhepunkt der Feierlichkeiten findet ein Umzug auf geschmückten Wagen statt, von denen herab Früchte von schönen, jungen Frauen an die Menge verschenkt werden – ähnlich wie bei uns im Karneval.
Wirtschaftlich gesehen haben diese Feste einen nivellierenden Effekt, und das ist die Absicht bei einer Ökonomie der Gegenseitigkeit und des Ausgleichs. Die Unterschiede zwischen reicheren und ärmeren Frauen werden damit verringert, denn von einer wohlhabenden Frau wird erwartet, dass sie mehr gibt, sowohl als Schirmherrin wie als Gast. Nach den Spielregeln kommt ein Teil der Festkosten gleich zu Beginn zurück, denn alle Gäste bringen der Mayordoma Geschenke in Naturalien oder Geld mit, auch hier geordnet nach dem jeweiligen Vermögen. Es gibt für die Gegenseitigkeit kein vorgeschriebenes, abstraktes Maß – wie Geld und Preise es sind –, denn dies wäre nur äußerlich und deshalb nicht gerecht. Es geht viel eher um Ausgleich und Balance, und darauf wird genau geachtet. So ist die ganze Stadt stets mit der konkreten Anwendung der Normen dieser Gegenseitigkeit beschäftigt und das geschieht durch den Klatsch. In der Klatschrunde reden die Frauen permanent übereinander, aber auch miteinander. Wenn über eine Frau in ihrer Abwesenheit geredet wird, übernimmt eine andere jeweils ausdrücklich die Verteidigung als Fürsprecherin. Auf diese Weise werden die Normen stets verhandelt und an die Situation angepasst. Ziemlich alles wird früher oder später wieder ins Lot gebracht und dazu brauchen sie keine starren Gesetze, keine Richter und in Stein gemeißelte Strafen.47
In diesem Sinne sind die Feste in Juchitán der Motor der Ökonomie, und sie sind ein weiteres, schönes Beispiel für eine Schenke-Ökonomie48. Nicht der Markt ist der Gradmesser der Ökonomie – wie es bei kapitalistischen Märkten der Fall ist – sondern der lokale Markt ist eingebettet in die umfangreiche Schenke-Ökonomie. Lokale, bäuerliche Märkte, umgeben von einer Schenke-Ökonomie, sind auch für andere matriarchale Gesellschaften typisch und sie funktionieren ganz anders als kapitalistische Märkte, bei denen es um die Maximierung von Profit durch einen ungerechten Tausch geht. Wie in Juchitán spielt bei diesen lokalen Märkten nicht der Preis beim Verkaufen und Kaufen die wichtigste Rolle, sondern das stetige Erneuern guter, nachbarschaftlicher Beziehungen durch die Gespräche zwischen den Frauen auf dem Markt. So kann ein Produkt durchaus teurer eingekauft werden, aber es wurde bei einer Freundin gekauft und der Kauf hat die Freundschaft vertieft. Das ist auch ein Grund, warum fremde Supermärkte in Juchitán bisher nicht Boden gewinnen konnten, wie zum Beispiel WalMart (2005). Die Frauen von Juchitán sagten: »Man kann dort nicht sprechen, nicht miteinander reden, man kann dort nichts anderes tun als kaufen und bezahlen!« Und sie gingen nicht mehr hin.49
2.4 Der Lebenszyklus der Frauen von Juchitán
Der Lebenszyklus einer juchitekischen Frau wird von Anfang an von den Festen geprägt. Mit zwei Jahren wird das kleine Mädchen bereits der Öffentlichkeit vorgestellt und die Erziehung zielt von Anfang an darauf ab, Gastgeberin zu sein und zu repräsentieren. So begleitet sie als Kind häufig eine junge Frau, die »Festkönigin« sein darf, und mit fünfzehn Jahren folgt das erste große Fest der Jugendlichen, das ihre Mutter für sie ausrichtet. Es ist das Initiationsfest für Mädchen, dem für Knaben nichts dergleichen entspricht. Ab fünfzehn Jahren fängt sie auch an, als Händlerin auf eigenen Beinen zu stehen. Bei ihrem Initiationsfest bekommt sie dafür eine kleine Starthilfe. Auch wenn sie später einen anderen Beruf ergreift, wie etwa Lehrerin oder Ärztin, behält sie nebenbei ihren Handel. Denn jede Frau in Juchitán ist Händlerin und stolz darauf, sie bleibt dadurch in das gesamte Netz der Kommunikation in der Stadt und in die gemeinschaftliche Feste-Ökonomie eingebettet.
Das Bündnis zwischen Mutter und Tochter ist dabei tragend für die ganze Lebensgestaltung, zugleich sind sowohl Tochter wie Sohn stolz auf ihre Mutter, auf die Abstammung von ihr. Deshalb verleugnen sie ihre ethnische Herkunft nicht, im Gegenteil betrachten sie alles Einheimische als »besser« – zweifellos ein Ergebnis der mütterlichen Erziehung. Die Kinder wohnen im Haus der Mutter, also matrilokal, und der Gatte wohnt ebenfalls hier, das heißt: uxorilokal, nämlich im Haus der Gattin. Die Verwandtschaft gilt offiziell nach beiden Linien, der mütterlichen wie der väterlichen. Tatsächlich aber werden Namen angemeldet, wie die Frauen es wollen, und erwachsene Kinder legen häufig den Namen des Vaters ab, mit dem sie kaum Verbindung haben. Denn trotz offizieller Monogamie sind Scheidungen leicht und häufig, so dass die Frauen in der Regel Kinder von mehreren Vätern haben. Die Kinder bleiben stets bei den Müttern, deshalb kommt es häufig zur Wahl des Mutternamens. Die Vaterlinie spielt nur bei der Vererbung der Felder eine Rolle, denn diese werden vom Vater auf den Sohn weitergegeben. Parallel dazu geht das Haus immer von der Mutter an die Tochter über. Die Einführung der Monogamie sowie der Vaterlinie und der Vererbung des Landes vom Vater auf den Sohn liegt geschichtlich nicht allzu weit zurück, es ist eine Frucht des spanischen Einflusses und der christlichen Missionierung. Davor herrschte klare Matrilinearität mit der Vererbung nur in weiblicher Linie, worauf nicht nur das praktische Leben, sondern auch die Verwandtschaftsterminologie hinweist.50
Gegen den Willen der Mutter wird die Tochter letztlich nichts tun, auch in der Angelegenheit ihrer Heirat nicht. Zwar wählt sie durch den Brauch der »Geraubten Braut« ihren ersten Liebhaber selbst, denn er entführt sie nach gegenseitiger Einwilligung ins Haus seiner Mutter, wo sie sich von ihm deflorieren lässt. Daraufhin erscheint ihre Mutter mit einer Delegation von weiblichen Verwandten bei seiner Mutter, um die Sache zu arrangieren und möglichst gute Bedingungen für die Heirat auszuhandeln. Danach wird großartig Hochzeit gefeiert, wobei nach der offiziellen kirchlichen Messe die Feier vor dem Hausaltar, die den Ahninnen gewidmet ist, wesentlich wichtiger ist. Dort zelebriert eine angesehene Nachbarin als Priesterin die einheimische Zeremonie für das Paar und belehrt sie in der eigenen Sprache. Ist die Brautmutter jedoch nicht einverstanden, dann kehrt die Tochter zu ihr zurück. Aber die Mutter des Bräutigams muss in diesem Fall eine hohe Vergütung dafür aufbringen, dass das Mädchen nun nicht mehr Jungfrau ist. Die junge Frau selbst erhält diese Summe als Mitgift für ein eigenes Geschäft. Auch dann, wenn es zur Heirat kommt, muss die Mutter des Bräutigams der Schwiegertochter zum eigenen Geschäft verhelfen. Dafür bleibt die Schwiegertochter zwei Jahre lang bei der Schwiegermutter als Hilfe für die Unkosten des großen Hochzeitsfestes. Dann kehrt sie ins Haus der Mutter zurück, wo ihre Kinder erzogen werden. Sie hilft ihrer Mutter und erbt vielleicht das Haus oder baut sich nahe dem Hause der Mutter ein eigenes. Der Gatte wohnt jetzt bei der Frau und kehrt bei einer Scheidung, was häufig vorkommt, in sein Mutterhaus zurück. Bei der nachfolgenden Wahl anderer Partner gibt es keine Hochzeitszeremonie mehr, sondern die Frau tut sich einfach mit dem neu gewählten Partner zusammen. Auch wenn eine junge Frau keine Hochzeitszeremonie wünscht, erlebt sie den Übergang in einen neuen Lebensabschnitt, in dem sie selbständig wird und ihre sexuelle Freiheit genießt. Diese Freiheit wird mit dem heiratsfähigen Alter und nicht mit einer Feierlichkeit gewonnen, daher ist die Hochzeit keine Verpflichtung.
Für einen Knaben in dieser Gesellschaft mag es verlockend sein, lieber eine »Tochter« als ein »Sohn« zu sein. In der Gesellschaft von Juchitán kennt man daher die Möglichkeit der Wahl des Geschlechts. Ein Knabe kann sich entscheiden, eine »Tochter« zu werden, dann wird er wie ein Mädchen gekleidet und erzogen und übt später die Tätigkeit der Frauen aus, nämlich den Handel. Er gilt nun als »weiblich«, denn er ist in der Handlungssphäre der Frauen aktiv. Dennoch wird in solchen Fällen die besondere Bezeichnung »Muxe« für ihn gebraucht, was auf eine Art drittes Geschlecht hinweist. In Liebesdingen wird er sich einen männlichen Partner wählen. Dasselbe gibt es bei Mädchen, denn wenn ein Mädchen ein »Sohn« sein will – was in einer matriarchalen Gesellschaft erheblich weniger begehrt ist – so wird sie männlich gekleidet und erzogen, und sie geht mit den Männern hinaus aufs Feld. In diesen Fällen lautet die Bezeichnung »Marimacha«, was eine Art viertes Geschlecht meint, und sie wird wahrscheinlich Frauen als Liebespartnerinnen haben.51
Dieser Tausch der Geschlechterrollen kommt auch in etlichen anderen matriarchalen Gesellschaften vor, aber das Phänomen ist erst wenig erforscht. Es zeigt jedoch, dass gleichgeschlechtliche Liebe in Matriarchaten nicht tabuisiert wird, sondern als natürliche Neigung akzeptiert ist. Was bei diesem Tausch der Geschlechterrollen jedoch eingehalten wird, ist die je weibliche und je männliche Erscheinungsform und Aktionssphäre samt Arbeitsbereich – die weiblich-männliche Polarität der Gesellschaft wird nicht aufgehoben. Der Grund ist, dass matriarchale Gesellschaften auf allen ihren Ebenen sowohl real wie symbolisch auf dem Gleichgewicht zwischen polaren Sphären aufgebaut sind, zu denen auch die weiblich-männliche Polarität gehört, ganz gleich wie unterschiedlich diese von einer Kultur zur anderen verstanden wird.52 Dahinter steht das Balance-Prinzip als ein Prinzip der Weltordnung, das nicht durch persönliche Vorlieben von Einzelnen verändert werden kann.53 Diese haben jedoch die Freiheit, individuell die Sphären zu wechseln.
Wenn eine Frau in Juchitán ins reife Alter kommt, dann hat sie es meistens zu einer erfolgreichen Händlerin gebracht. Ihre Handelsgeschäfte werden ausgedehnter, sie ist damit nicht unbedingt an die Stadt Juchitán gebunden, sondern unternimmt weite Handelsreisen – eine alte Tradition in Mexiko. Spezialitäten werden von juchitekischen Frauen im Fernhandel verkauft, ebenso Kunsthandwerk, selbst wenn es von Männern gemacht wurde. Dabei werden gleichzeitig entfernte Verwandte besucht und Pilgerfahrten zu Kultplätzen unternommen. Als »Händlerinnen vom Isthmus« sind die juchitekischen Frauen, die man an ihrer farbenfrohen Tracht leicht erkennt, in ganz Mexiko berühmt; sie bereisen Mittelamerika bis nach Nicaragua im Süden und Arizona im Norden. Sie sprachen weitaus früher als die Männer Spanisch und heute sind sie in allen studierten Berufen zu finden. Die höchste Stufe ihres Prestiges erreicht eine Frau dann, wenn sie mit 50 oder 60 Jahren die Mayordoma, die Schutzherrin, eines großen Verdienstfestes wird. Sie ist es auch, welche die Ahnenzeremonien der Familie feiert, die teils vor dem Hausaltar, auf dem insbesondere Bilder der mütterlichen Ahninnen stehen, teils auf dem Friedhof stattfinden. Auch auf dem Friedhof geht es wesentlich um die Verehrung der Mutter nach ihrem Tod, Frauen pflegen ihr Grab und schmücken es mit vielen Blumen. Sie haben den alten Glauben bewahrt, dass die Ahninnen und Ahnen mitten unter den Lebenden weilen, und alle Familien ziehen für mehrere Tage im Jahr auf den Friedhof, um mit ihnen zu feiern. Der fröhliche Trubel ist dort so groß wie auf einem Jahrmarkt, üppige Speisen werden ausgebreitet, zu denen die Ahnenwesen eingeladen sind, es gibt Musik und Luftballons, und manchmal wird auch getanzt.54
Auch im religiösen Bereich finden wir trotz christlicher Überfremdung das Festhalten am Eigenen wieder, denn der indianische Synkretismus lässt vieles zu. Die Feste der katholischen Kirche werden lediglich als Staffage für die eigenen Feste benutzt und sehr selbstbewusst den alten Glaubensinhalten angepasst. Diese beziehen sich seit eh und je auf die fruchtbare Natur. Die Feste sind daher Geschenke an die Leben und Nahrung spendende Erde und gleichzeitig Bitten um Regen, um den es in heißen Ländern immer geht. Darum muss ein Überfluss an Speisen, Getränken und Blumen vorhanden sein, eine verborgene, erotische Symbolik begleitet die Feste und Umzüge, und jede Frau verkörpert in ihrer Erscheinung die fruchtbare Natur persönlich. In Volksliedern wird die Göttin noch besungen, wie sie als gütige Mutter die Menschen nach dem Tod wieder in ihre Arme nimmt. In ihr ist die altmexikanische Erdgöttin und Mutter aller Wesen, die unter vielen Namen verehrt wird, noch zu erkennen. Bei den Zapoteken hieß sie »Nohuichana« und hatte auch Verbindung zu den Gewässern und zur Fischerei. Während der christlichen Missionierung durch die spanischen Eroberer wurden viele mexikanische Erdgöttinnen mit der Jungfrau Maria identifiziert, auch Nohuichana. So ist es wohl kein Zufall, dass die kleine Kirche in Juchitán »Kirche der Fischer« heißt, in der die Frauen für Maria Kerzen anzünden.
Die amtlichen, katholischen Priester wechseln ständig, denn sie können sich mit ihren offiziellen Kirchen-Dogmen nicht gegen die Leute durchsetzen. Sie hängen für die Durchführung der kirchlichen Feste von den Frauen ab, die auch hier als Mayordomas die Kosten übernehmen. Priester, die gegen die Ansichten der Frauen predigen, haben keine lange Bleibe in Juchitán. Die Messen, die sie halten, finden häufig nicht in der Kirche statt, sondern in den Häusern der Frauen, als Verschönerung ihrer eigenen großen Feste. Abgesehen davon ist jede Frau bei den familialen Riten der Lebensstadienfeste die unangefochtene Priesterin in ihrem eigenen Haus. So feiern sie in Juchitán zwei Tauf- und Hochzeitszeremonien, nämlich die eine in der Kirche und die andere zu Hause. Die schamanischen Hebammen und Heilerinnen der Stadt sind ebenfalls sehr geachtet, sie kommen in die Häuser und führen ihre Heilrituale vor den Hausaltären durch. Dabei folgen sie nach wie vor den Prinzipien und Riten der traditionellen indianischen Kosmologie.55
Wie sieht unter diesen Voraussetzungen die Politik in Juchitán aus? Die reale Politik machen die Frauen, die formale Politik der Parteien und des Gemeinderates hingegen die Männer. Es ist der männliche Bereich für Prestigegewinn. Aber es kann kein Mann Lokalpolitiker werden, den die respektabelsten Frauen der Stadt nicht unterstützen und dem die Mutter, die Schwestern und die Gattin nicht beistehen. Diese Frauen werben für ihn, und die anderen Frauen geben ihnen die Stimme, nicht aber dem Mann direkt.
Die Männer haben kein eigenes Geld, und es ist schwierig für sie, an das Geld der Frauen heranzukommen. Bürgermeistern, die den Leuten in Juchitán von der zentralistischen Staatsregierung vorgesetzt wurden, gelang es nie ihr Amt auszuüben. Das ging in einem Fall sogar so weit, dass die Marktfrauen solch einen unliebsamen Menschen nicht ins Rathaus hineinließen und ihn hinderten, seinen Sessel zu erklimmen. Erst nach einer militärischen Auseinandersetzung folgte eine Einigung, nach welcher jetzt nur einheimische Bürgermeister zugelassen werden. Diese versuchten über Marktgebühren und Steuern an Geld zu kommen, aber wieder wurden die Frauen rebellisch, und es war kein Geld aus der Stadt zu gewinnen. Daher können Männer nur etwas unternehmen, wenn sie Geld von der mexikanischen Staatsregierung erhalten, und dies stellt zusammen mit einer falschen Idee von »Entwicklung« durchaus eine Gefahr für die indigene Ökonomie von Juchitán dar.
Die Situation in Juchitán ist dennoch erstaunlich, weil die matriarchale Lebensweise hier nicht in einem Rückzugsgebiet, sondern in einem stark frequentierten Durchgangsland beibehalten wurde. Das zeigt, dass matriarchale Gesellschaften heute nicht einfach naiv-naturwüchsig existieren, sondern ihre Muster vom Volk immer wieder aktiv hergestellt und nach jeder Herausforderung und Krise bewusst erneuert werden. In Juchitán trägt die starke Solidarität der Frauen untereinander und ihre Widerspenstigkeit nach außen erheblich dazu bei, ebenso ihre ständige Einmischung in die Politik der Männer. So wird in den vergangenen Jahrhunderten von fortwährenden Konfrontationen zwischen der spanischen Kolonialmacht und dieser Stadt berichtet: Aufstände kamen häufig vor, und stets waren die Frauen präsent, um mit den Männern zusammen zu kämpfen. Die Spanier mussten nicht nur die führenden Männer, sondern auch die wichtigen Frauen verbannen, um den Ort zu »befrieden«. Noch heute beteiligen sich die Frauen in vorderster Reihe an politischen Aktionen, zum Beispiel wenn es darum geht, den »Panamerican Highway« zu blockieren; oder einen Marsch gegen die Politik der Provinzhauptstadt zu unternehmen; oder einen Aufstand gegen die mexikanische Zentralregierung zu machen. Innenpolitisch behandeln sie jeden Vorgesetzten ohne jeden Respekt, und bisher ist es noch keinem Mann gelungen, ihr Marktwesen zu »reformieren« oder Steuern zu erheben.56
Die Tiefebene des Golfes von Tehuantepec umfasst noch weitere kleine Städte, deren Bevölkerung insgesamt 250.000 Leute ausmacht. Sie funktionieren als unabhängige Stadtrepubliken, genauso wie Juchitán, und dies ist ein altes politisches Muster, das weit vor die Zeit der indianischen Reichsbildungen zurückreicht. Matriarchale Elemente wie die beschriebenen findet man auch in diesen anderen Städten, wobei Juchitán die konservativste und rebellischste Stadt ist. Mit dem wiedererwachenden indianischen Selbstbewusstsein in Mexiko übernehmen die Frauen der benachbarten Städte gegenwärtig vermehrt Handlungsstrategien von den erfolgreichen Frauen von Juchitán. –
Wir haben damit im Süden Mittelamerikas und in seiner Mitte letzte Inseln der einst weit verbreiteten matriarchalen Kultur gefunden, doch es gibt sie auch in seinem äußersten Norden. In der nordwestlichen Ecke von Mexiko, versteckt im Kalifornischen Golf auf der Insel Tiburón, leben die Seri. Im Jahr 1956 wurden sie von ihrer Heimatinsel vertrieben und zwangsweise an die Küste umgesiedelt, doch 1975 erhielten sie die Insel als ihr Eigentum zurück. Heute leben von ihrem einst großen Stamm nur noch einige hundert Menschen (siehe Karte 3).57
Ihre Lebensweise ist extrem, denn trotz äußerst mutiger Gegenwehr befanden sie sich ständig auf der Flucht vor den Eroberern, bis zu ihrem letzten Rückzug in die Sonora-Wüste in der Küstenregion und auf die Insel Tiburón. Dabei ist ihre materielle Kultur stark abgesunken, aber nur durch rigorose Abgrenzung konnten sie sich allen fremden Einflüssen entziehen. Ihre Ackerbaukultur haben sie längst verloren, heute leben sie ausschließlich vom Fischfang der Männer. Dennoch haben sie die matriarchale Sozialordnung bewahrt, die sich in ihrer Matrilinearität, Matrilokalität und der großen Bedeutung des Mutterclans, der das Gemeinschaftsleben bestimmt, manifestiert. Die Gegenseitigkeit ist unumstößliche Regel, ohne welche die Seri in ihrer Extremsituation kaum hätten überleben können.
Von ihrer Religion ist sehr wenig bekannt: Sie feiern ein ausführliches Initiationsfest für die Mädchen, bei dem das Gesicht mit symbolischen Linien bemalt wird, und der besondere Schutz ihrer Ahninnen begleitet sie dabei (Abb. 10). Die Ahninnen führen jede verstorbene Person in die Unterwelt und geleiten sie auf der Jenseitsreise, bis sie wiedergeboren wird. In der Schöpfungsgeschichte der Seri heißt es, dass zu Beginn die heiligen Tiere Schildkröte und Pelikan die Menschen aus der Unterwelt heraufbrachten. Die Schildkröte tauchte, symbolisch für die Erde selbst, aus dem Urmeer auf und gab ihnen Wohnstätte, und der Pelikan gab ihnen mütterlichen Schutz. Seine Federn und seine Haut wurden früher zu prächtigen Kleidern für die Seri-Frauen verarbeitet. Die Insel Tiburón und eine kleine, vorgelagerte Insel sind der Schildkröte und dem Pelikan geweiht, und die ältesten Muttersippen der Seri tragen noch heute die Namen dieser Tiere.58

Abb. 10: Jugendliche der Seri während ihres Initiationsfestes (aus: Bild der Völker, Bd. 4, Wiesbaden 1974, Brockhaus Verlag, S. 180)
Diese kleine, indigene Volksgruppe stellt ein weiteres Beispiel von matriarchalen Kulturen dar, die sich einst von Süden nach Norden über ganz Mittelamerika erstreckten und auf diese Weise Süd- und Nordamerika verbanden. Denn nicht weit von ihnen entfernt, in den Wüstengebieten Arizonas und New Mexikos im Südwesten von Nordamerika (Staatsgebiet der USA) liegen die Wohngebiete der Pueblo-Kulturen, die allesamt auf Ackerbau beruhen und einstmals volle matriarchale Sozialordnung besaßen (siehe Karte 3).
Heute wird die Isolation der Seri, die eins der letzten, wirklich autonomen Völker in Mexiko sind, durch mexikanische Tourismus-Projekte auf die Probe gestellt. Hotels werden an der Küste aus dem Boden schießen, ganz nahe an der Heimatinsel der Seri, was sie vor schwierige Fragen hinsichtlich ihrer Zukunft stellen wird.59
2.5 Zur Struktur der matriarchalen Gesellschaftsform (Fortsetzung)
Allgemein:
• Die Einwanderung der matriarchalen Ackerbaukultur hat von Südamerika nach Mittelamerika stattgefunden, die Wanderungsbewegung ging von Süd nach Nord.
Auf der ökonomischen Ebene:
• In matriarchalen Gesellschaften sind die Lebensmittel grundsätzlich in Frauenhänden, sei es, dass die Frauen selbst den Ackerbau auf dem Sippenland betreiben oder die Männer, welche die Ernte den Frauen aushändigen. Immer jedoch verarbeiten die Frauen die Lebensmittel zu Nahrung, sie gelten daher als die Ernährerinnen.
• Die Wirtschaftsweise ist die unabhängige Subsistenz-Produktion. Die Frauen steuern diese lokale Ökonomie.
• Frauen sind die Besitzerinnen der lokalen Märkte, auf denen sie ihre agrarischen und hauswirtschaftlichen Produkte verkaufen (städtisches Marktfrauen-Wesen). Sie managen den Nahhandel, gelegentlich auch den Fernhandel (Beispiel Juchitán). Der Fernhandel ist jedoch meist Sache der Männer.
• Lokale, bäuerliche Märkte in Frauenhand und eingebettet in eine Schenke-Ökonomie sind für matriarchale Gesellschaften charakteristisch. Sie funktionieren verschieden von kapitalistischen Märkten, bei denen es um die Maximierung von Profit durch einen ungerechten Tausch geht. Bei diesen lokalen Märkten spielt das Erneuern guter, nachbarschaftlicher Beziehungen durch die Gespräche zwischen den Frauen auf dem Markt die wichtigste Rolle.
• Schmuck in Gold oder anderen wertvollen Materialien, den die Frauen tragen, ist das Vermögen ihrer Sippe oder ihr eigenes aus Überschüssen, das sie zur Schau stellen. Es bringt Prestige ein, verpflichtet aber auch zu Großzügigkeit.
• Bei den großen Jahreszeitenfesten oder persönlichen Verdienstfesten von Frauen (Beispiel Juchitán) werden die Güter eines wohlhabenden Clans oder einer wohlhabenden Frau an die Gäste, wie Nachbarn, Dorfgemeinschaft, verwandte Stammesgenossen, verteilt und verschenkt (Ökonomie des Schenkens). Das bringt Ehre ein, wobei unter »Ehre« die gesellschaftliche Anerkennung für pro-soziales Verhalten verstanden wird.
• Der Kreislauf der Güter bei den Festen folgt perfekter Gegenseitigkeit. Diese Ökonomie beruht auf dem Balanceprinzip und verhindert, dass große wirtschaftliche Unterschiede zwischen den Clans oder Familien entstehen. Der Kreislauf der Güter ist Ausdruck des gegenseitigen Hilfssystems; Akkumulation von Gütern ist kein Wert (Ausgleichsökonomie).
Auf der sozialen Ebene:
• Etliche matriarchale Gesellschaften kennen die Annahme von alternativen Geschlechterrollen: Knaben können »Töchter« werden und Mädchen »Söhne«. Dieser Wechsel der geschlechtlichen Identität hängt von der Beteiligung in der jeweils anderen geschlechtsspezifischen Aktionssphäre in der Gesellschaft ab. Damit geht die Akzeptanz der gleichgeschlechtlichen Liebe einher.
• Grundsätzlich wird, trotz dieser individuellen Wahl, die weiblich-männliche Polarität in matriarchalen Kulturen beibehalten. Auf ihr ist die Gesellschaft in allen Bereichen real und symbolisch aufgebaut, obwohl der Inhalt der beiden Pole in verschiedenen Gesellschaften unterschiedlich definiert und praktiziert wird. Die weiblich-männliche Polarität ist ein wichtiges Element in ihrer Vorstellung von der polaren Weltordnung.
Auf der kulturellen Ebene:
• Die Initiationszeremonie für Mädchen ist bei allen matriarchalen Völkern das wichtigste Fest. Für Knaben gibt es keins oder kein vergleichbares Fest.
• Beim Initiationsfest wird das Mädchen in das sexuelle, soziale, ökonomische und religiöse Wissen ihrer Gesellschaft eingeweiht, in der Regel durch die Mutter. Sie wird geehrt, weil sie durch künftige Kinder das Leben der Sippe und des Volkes weitertragen wird.
• Sie erhält ihren heiligen Frauennamen, das heißt, den Namen einer Ahnin, die durch sie wiedergeboren ist. Zugleich wird sie mit ihrer Gebärfähigkeit selbst als künftige Wiedergebärerin von Ahninnen und Ahnen betrachtet. Sie gleicht der Leben schenkenden Göttin.
• Ein Hochzeitsfest ist unbekannt oder hat nur sekundäre Bedeutung. In matriarchalen Gesellschaften steht nicht die Verbindung der Frau mit dem Mann im Mittelpunkt, sondern ihre Verbindung mit den Ahnenwesen und der Göttin (Initiationsfest).
• Die Initiationsriten in späteren, patriarchalen Geheimbünden von Männern sind eine pervertierte Imitation der Mädchen-Initiation. Männer »gebären« dabei die Knaben in einer zweiten, spirituellen »Geburt« aus ihrem patriarchalen Geist wieder.
• Die Frauen in matriarchalen Gesellschaften agieren noch heute als Hauspriesterinnen bei den Lebensstadienfesten in ihrer Familie und Sippe. Das wird auch dann fortgesetzt, wenn patriarchale Religionen über die indigene religiöse Praxis darübergestülpt worden sind (Beispiel Juchitán).
Kapitel 3: Nordamerika: matriarchale Einwanderer von Süden
für die Türkisfrau in Ost und West, Schöpferin der Welt,und für Großmutter Spinnenfrau der Hopi
3.1 Die Hopi, das »Friedliche Volk«
Die Hopi im Südwesten des nordamerikanischen Kontinents gehören zu den Pueblo-Völkern und nennen sich selbst »das friedliche Volk« (siehe Karte 3). Diesen Namen tragen sie zu Recht, denn trotz der Bedrängnis durch die Spanier (1540–1870) und der Unterdrückung durch die Anglo-Amerikaner (ab 1870) haben sie gegen diese Eroberer nie die Waffen erhoben. Auch gegen die beständigen Überfälle benachbarter Indianervölker, wie die Ute und Navajo-Apachen (die sich selbst Diné nennen), haben sie kriegerische Aktivitäten nur in Ausnahmefällen zur Selbstverteidigung gebraucht. Nach eigenen Aussagen »sterben sie lieber vor Hunger als im Krieg«. Sie lassen sich nur durch Freundlichkeit überzeugen, mit Zwang erreicht man bei ihnen nichts. Unbeeindruckt von Autorität haben sie der Regierung der USA hartnäckigen, flexiblen und gewaltlosen zivilen Ungehorsam geleistet, der heute in einigen Dörfern noch nicht beendet ist, um ihre alte Kultur zu retten. Zahlenmäßig wenige und arm an materiellen Gütern, in jeder Hinsicht ein kleines Volk, besitzen sie dennoch großen moralischen Mut.1
Sie gewannen diesen Mut aus ihren religiösen Überzeugungen, mit denen sie 400 Jahre lang dem Druck und den Verlockungen der weißen Zivilisation widerstanden. Seit dem Zweiten Weltkrieg jedoch wurden viele Hopi-Männer zum Kriegsdienst in der amerikanischen Armee gezwungen, und nachdem sie entlassen waren, wurden etliche von ihnen Industriearbeiter in den Städten der Weißen. So übernahmen die Hopi ab 1943 vieles aus der materiellen Kultur der Weißen, nicht immer freiwillig, denn sie wurden durch verschiedene Maßnahmen der Regierung dazu gezwungen. Daher zeigt sich das Leben der Hopi heute als eine Mischung aus Elementen ihrer traditionellen Kultur und der amerikanischen Zivilisation. Am problematischsten ist dabei der Niedergang der eigenen Religion.2
Die Dörfer der Hopi liegen auf drei steilen, unzugänglichen Felsrippen, den Ausläufern der Hochebene der Black Mesa (Abb. 11). Die Umgebung ist die steinige Wüste des ausgedehnten Colorado-Hochplateaus (1500–3000 m), und trotz der Trockenheit des Gebietes haben die Hopi und ihre Vorgängerkulturen seit sehr alter Zeit hier Ackerbau betrieben. Es gibt an den drei Felsrippen Quellen, die vom sporadischen Regen gespeist werden, der auf die Black Mesa fällt. Gelegentliche gehen auch Sturzregen nieder, reichlich Wasser aus Wolkenbrüchen, das sich in den Wadis zwischen den Felsrippen sammelt. Die Maisfelder der Hopi liegen am Rand dieser Wasserläufe, wo das Wasser nicht mehr reißend ist, sondern im Sand versickert und die Pflanzen tränkt. Das setzt genaue Geländekenntnis und äußerst sorgfältige Verwendung des kostbaren Wassers voraus, was die Hopi bei ihrem Feldbau zu einer perfekten ökologischen Balance entwickelt haben. Ihre Saaten sind dennoch stets durch Dürre gefährdet, deshalb ist die größte Sorge der Hopi-Bauern ausreichender Regen. Dem Kommen des Regens, den guten Ernten und davon abhängig einem langen Leben sind daher alle religiösen Zeremonien der Hopi mit ihren Gebeten, Liedern und Tänzen gewidmet.3
Die traditionellen Steinhäuser der Hopi sind in der typischen Bauweise der Pueblo-Kulturen in mehrstufigen Würfeln übereinander gebaut. Früher hatten die unteren Räume für bessere Verteidigung keine Türen, sondern nur Dachöffnungen mit Leitern, die bei Gefahr eingezogen wurden. Auch die oberen Räume konnten nur über Leitern erreicht werden. Jedes Dorf hat mehrere »Kivas«, große, runde, in den Boden eingelassene Vorratsräume, in denen es im Winter warm und im Sommer kühl ist. Kivas sind zugleich die Kulträume für die heiligen Zeremonien der Männer und der Frauen. Ihre Wände sind kunstvoll bemalt, an einer Seite wird bei den Festen ein Altar aufgebaut. In den Boden eingelassen ist ein Loch, das »Sipapuni«, das den Eingang in die Unterwelt symbolisiert, und im flachen Dach ist ebenfalls eine Öffnung, durch das die »Himmelsleiter« ins Licht hinaufführt. Auf diese Weise spiegelt die Architektur der Kiva das Weltbild der Hopi mit den drei Bereichen Himmel, Erde und Unterwelt.
Diese typische Pueblo-Bauweise geht unmittelbar zurück auf die archäologisch gut erforschten früheren Kulturen von Mogollon und Hohokam und die sogenannte »Anasazi«-Kultur, in deren Gebiet das von den Hopi aus historischen Gründen für sich reklamierte Land liegt. Die Hopi beanspruchen als ihr Land ein viel größeres Areal als ihr künstlich abgestecktes Reservat, das wegen der Expansion der Navajo nochmals auf ein Drittel verkleinert wurde; es liegt im Dreieck zwischen den Flüssen San Juan, Colorado und Little Colorado und reicht vom Grand Canyon im Westen bis zum Chaco Canyon im Osten (Karte 4). Die Hopi betrachten die Schöpfer der Anasazi-Kultur als ihre Ahnen. »Anasazi« ist ein Navajo-Wort und bedeutet »Ahnen«; es handelt sich bei diesen Kulturen aber um die Ahnen der Hopi. In ihren Legenden geben sie klar die Herkunft ihrer Kultur aus dem Süden an. Das entspricht der Beobachtung, dass sie auch im Körperbau den kleineren Indigenen Mittelamerikas gleichen und dass ihre Sprache mit dem alten Uto-Aztekischen Mittelamerikas verwandt ist.4

Abb. 11: Das Hopi-Dorf Walpi auf der ersten Felsrippe der Black Mesa (aus: Frank Waters: Das Buch der Hopi, Köln 1980, Eugen Diederichs Verlag, S. 190)

Karte 4: Das heutige Hopi-Reservat und das Gebiet der Anasazi-Kulturen aus: Frank Waters: Das Buch der Hopi, Köln 1980, Eugen Diederichs Verlag, vorderes Vorsatzblatt, Ausschnitt)
Ab 100 v.u.Z. entwickelte sich die erste Phase der Anasazi-Kultur in der »Vierstaatenecke« zwischen Utah, Colorado, Arizona und Neumexiko. Eine lange Periode jungsteinzeitlicher Kultur ist ihr vorausgegangen, mit den Eigenschaften von halb in die Erde eingelassenen, runden Grubenhäuser und frühestem Maisanbau auf dem nordamerikanischen Kontinent; sie reicht bis 2000 v.u.Z. zurück und weist ebenfalls nach Süden.5 Die erste Anasazi-Phase (ab 100 v.u.Z.) kennt noch keine Keramik, stattdessen blühte das Flechtwerk, und es wurden so kunstvolle Körbe und Flechtteller hergestellt, dass Wasser darin transportiert werden konnte. Daher nannten Archäologen sie die »Basketmaker« Culture (»Korbmacher-Kultur«). Ferner kannten diese Leute Decken aus Streifen von Kaninchenfell. Beide Künste sind weibliche Handwerke, die bis ins 20. Jh. noch von Hopi-Frauen ausgeübt wurden.6
Von 400–700 n.u.Z. wurden nachweislich Kivas als Kulträume gebaut, die der Bauweise der alten Grubenhäuser gleichen, und erste Keramik wurde hergestellt, die später immer kunstvoller weiterentwickelt und bemalt wurde. Die Künstlerinnen waren ebenfalls Frauen. Bis heute ist die Töpferei bei den Hopi ein weibliches Handwerk, das mit Namen bekannte, berühmte Töpferinnen hervorgebracht hat, wie zum Beispiel Nampeyo vom Dorf Hano.7
In der ersten der beiden klassischen Pueblo-Phasen (700–1100 n.u.Z.) wurde vom älteren Feldbau zu hochentwickelter Bodenbaukultur übergegangen, und aus den einzelnen Rundhäusern entstanden jetzt die aneinander gereihten, mehrstöckigen Pueblos. Zugleich breitete sich diese Kultur in jenem Raum aus, den die Hopi als ihr geschichtliches Gebiet bezeichnen. Die Keramik löste die Flechtkunst an Bedeutung ab und außerdem entstand die Weberei als ebenfalls genuin weibliches Handwerk. Erst in späterer Zeit ging das Weben in die Hände der Hopi-Männer über – was eine Ausnahme darstellt.8
Von 1100–1300 erreichten die Pueblo-Kulturen ihren Höhepunkt. Zahlreiche kleine Stadtsiedlungen wurden teils im freien Gelände angelegt, wie im weiten, offenen Chaco Canyon, teils in den Höhlen und Spalten von Felswänden, wie in Mesa Verde und im Canyon de Chelly (Abb. 12). Künstliche Bewässerungssysteme, die sich über mehr als hundert Kilometer hinziehen, wurden gebaut; Handwerk, Handel und Kunst blühten, das Gesellschaftsleben war reich. Kivas für die religiösen Zeremonien mit schön bemalten Wänden waren in Fülle vorhanden. Alle diese Phasen der Pueblo-Kultur hinterließen in den Fels geritzte, abstrakte und bildliche Zeichnungen im gesamten Gebiet der Anasazi-Kultur. Sie zieren die Wände von Canyons an Stellen, die einst als offene Naturheiligtümer dienten, dementsprechend sind die meisten Themen dieser Felskunst religiöser Art. Darstellungen von Kriegshandlungen fehlen völlig, auch hochgestellte Persönlichkeiten, wie Könige, Adlige oder eine religiöse Elite, sind nicht vorhanden. Daraus haben die Forscher geschlossen, dass die Pueblo-Kulturen ausnehmend friedfertig und egalitär waren, denn sie besaßen kein Klassen-System – ein Merkmal, das sie bis in die Gegenwart kennzeichnet.9
Diese Periode der kulturellen Blüte wurde jäh beendet durch die große Dürre von 1276–1299. Aus Regenmangel zur Abwanderung gezwungen zogen die Pueblo-Leute nun nach Osten, wo sie ihre Siedlungen am wasserreichen Rio Grande neu errichteten. Das Colorado-Plateau leerte sich, allein die Hopi blieben an ihren alten Wohnorten, begünstigt durch die Quellen von der Black Mesa. Ihre Siedlungen vergrößerten sich, weil sie viele heimatlos gewordene Pueblo-Indianer aufnahmen. Bis zur Ankunft der Europäer erlebte die Pueblo-Kultur bei ihnen und bei den Volksgruppen am Rio Grande eine Renaissance (1300–1600).10 Die verlassenen Gebiete der Anasazi-Kultur blieben bis ca. 1500 unbesiedelt, dann drangen die Navajo-Apachen mit ihrer nomadisierenden Lebensweise ein und nutzten die versteppten Böden für ihre Schafzucht.11
In allen diesen Epochen waren die Frauen offenbar die Architektinnen und Baumeisterinnen der Häuser und Pueblos. Denn die ersten spanischen Missionare bezeugen, dass – als sie sich bei den Pueblo-Indianern am Rio Grande niederließen – bis dahin kein Mann jemals seine Hand an die Errichtung eines Hauses gelegt hatte. Als ein indigener Mann von den ahnungslosen Priestern aufgefordert wurde eine Mauer zu bauen, war dieser verwirrt und bald von einer Menge von Frauen und Kindern umringt, die laut kreischten und lachten: Sie hielten es für die albernste Sache der Welt, dass ein Mann ein Haus bauen sollte! Tatsächlich sind die großen Höfe und Kirchen dieser Missionare nach ihren Berichten ausschließlich von den Frauen mit ihren Kindern gebaut worden, während es männliches Handwerk war zu weben, Feldarbeit zu machen und auf die Jagd zu gehen und notfalls zu kämpfen. Bis an den Rand der Gegenwart blieb bei den Hopi und Zuñi der Hausbau, bis auf das schwere Balkenwerk fürs Dach, reine Frauensache.12
Im Jahr 1540 fand laut Berichten der erste Kontakt zwischen den Hopi, die nun einsam weitab in der westlichen Wüste wohnten, und einer kleinen spanischen Abordnung statt, was jedoch ohne Folgen blieb. Im Jahr 1598 wurden sie dann für die spanische Krone vereinnahmt und 1629 tauchten die ersten Missionare bei ihnen auf; vier Jahre später wurde einer von diesen vergiftet. Während der Revolte der zahlreichen Pueblos am Rio Grande im Jahr 1680 wurden alle Missionare getötet. Nach dem Aufstand nahmen die Hopi die Flüchtlinge aus diesen östlichen Pueblos bei sich auf, und 1700 zerstörten sie eins ihrer eigenen Dörfer, Awatovi, und töteten dort alle Hopi-Christen, die sich der verhassten »Sklavenkirche« der Weißen angeschlossen hatten.

Abb. 12: Verfallene Pueblo-Siedlung in Mesa Verde (»Cliff Palace«) (aus: Philip Kopper: The Smithsonian Book of North American Indians, Washington D.C. 1986, Smithsonian Institution, S. 237)
Gleichzeitig verlegten sie ihre Dörfer auf die Höhen der drei steilen Klippen der Black Mesa, wo vorher nur ihr ältester Ort Oraibi (gegründet 1150) hoch oben gethront hatte. Dabei folgten sie wie schon früher einem bestimmten Siedlungsmuster: Wenn ein Dorf zu groß wurde, teilte sich das »Mutterdorf«, einige Familien zogen aus um ein »Tochterdorf« zu gründen; eine dritte Siedlung übernahm die Aufgabe des »Wächterdorfes« am Aufgang zu der Mesa-Rippe. So ist auf der ersten Mesa-Rippe Walpi das Mutterdorf, Sichomovi das Tochterdorf und Hano das Wächterdorf, während auf der zweiten Mesa-Rippe die Reihenfolge Schongopovi, Schipaulovi und Mischongnovi ist. Auf der dritten Mesa-Rippe stellt Oraibi das Mutterdorf dar, Unter-Moenkopi das Tochterdorf und Hotevilla das Wächterdorf. Zwischen den Dörfern bestanden und bestehen noch immer rituelle Verbindungen, welche die genannten Relationen ausdrücken.13 An dieser geschickten Organisation scheiterten zwei Strafexpeditionen der Spanier, die den wie Trutzburgen auf den Felsen hockenden Dörfern nicht beikommen konnten. Dennoch erreichten die »Segnungen« der neuen Herren die Hopi als Pockenepidemie, so dass um 1780 nur noch 800 von ihnen übrigblieben. Viele andere von ihnen waren zu den Zuñi weggezogen, wo sie nun ihrerseits bereitwillig aufgenommen wurden.
Zu Beginn des nächsten Jahrhunderts begannen die nie mehr endenden Streitereien mit den Navajo und anderen Apachenstämmen, die von Norden her in diese Gegend eingewandert waren und hier als Nomaden lebten (heute 90.000 Menschen gegenüber 5.000 Hopi). Im Jahr 1834 traten nach dem Zusammenbruch der spanischen Herrschaft die Anglo-Amerikaner als neue Herren auf, mit denen die Hopi sich von Anfang an gut zu stellen versuchten. Doch der »Schutz« der neuen Regierung bestand in der Einrichtung von einem Handelsposten, der Indianer-Agentur und einer Internatsschule für Hopi-Kinder, wo sie in der Lebensweise der Weißen unterrichtet wurden. Ein sogenannter »Stammesrat« wurde eingerichtet, den die amerikanische Regierung erfunden hatte und mit abhängigen Hopi-Führern besetzte, die sie überwachte. Die Hopi kannten eine solche Institution nicht, denn ihre Dörfer wurden als autonome Dorfrepubliken geführt. Dieser aufgezwungene »Stammesrat« funktioniert nach amerikanischem Recht und handelt über die Köpfe der Leute hinweg nach Grundsätzen, die konträr zur Hopi-Kultur sind.14 Dies alles untergrub in den folgenden 160 Jahren ihre alte Kultur, spaltete die Dörfer und amerikanisierte die Lebensweise der Menschen. Heute leben die meisten Hopi unterhalb der Mesa an der Straße in billigen amerikanischen Fertighäusern mit Elektrizität, Fernwasser und Telefon und fahren Auto. Ihr eigenes Sippenland wurde ihnen als »Privatbesitz« zurückgegeben und Steuern darauf erhoben. Die traditionellen Hopi-Dörfer auf den Felsenrippen dienen nur noch für religiöse Zeremonien. Ihre eigene Sprache droht zu erlöschen.15
Den längsten Widerstand leistete das Dorf Hotevilla mit seinen Traditionalisten, das im Jahr 1906 von Oraibi-Dissidenten gegründet wurde. Diese mutigen Leute waren heftigen Repressalien vonseiten der amerikanischen Regierung ausgesetzt, wie Gefängnis für die Führer als »Rebellen«, Entführung der Kinder und Zwangseinschulung in Internaten, Zerstörung heiliger Plätze für die unerwünschte Asphaltstraße und die überflüssigen Strommasten (1968). Dennoch hielten sie ihre traditionelle Lebensweise aufrecht und feierten ihre uralten Zeremonien weiter.16 Von 1881–1944 weilten hervorragende Ethnologen bei den Hopi, so dass für diesen Zeitraum wenigstens noch das Bild ihrer traditionellen Kultur aufgezeichnet werden konnte, die jetzt im Untergang begriffen ist. Auf diese Forschungen bezieht sich meine Darstellung der matriarchalen Sozialordnung und Religiosität dieses Volkes, ebenso auf die Aussagen traditioneller Hopi.17 –
Bereits in der Architektur spiegelt die Pueblo-Bauweise der Hopi ihre matrilokale Familien- und Clanordnung. Nicht nur, dass die Häuser ausschließlich den Frauen gehören, die sie auch weitgehend selbst errichten, sondern die Wohnungen für die Töchter werden neben oder auf dem Mutterhaus angebaut. Das Ergebnis sind jene für die Pueblos typischen nebeneinander und übereinander gebauten Würfel, deren organisches, unregelmäßiges Wachstum dem Wachstum der weiblichen Clans entspricht.18 Zu dieser Form der Matrilokalität tritt die klare Matrilinearität als Namengebung in weiblicher Linie, das heißt, die Kinder gehören zum Clan der Mutter. Wenn ein Mann von »seinem Haus« spricht, meint er das Haus seiner Mutter.19 Bis zu dieser Zeit, als die spanischen Missionare die Pueblo-Leute zu beeinflussen begannen, lebten die Männer und pubertierenden Knaben nicht in den Häusern der Frauen, sondern sie arbeiteten tags auf den Feldern und schliefen nachts in den Kivas, von denen ursprünglich jeder Clan seine eigene hatte.20 Die Begegnungsform zwischen den Geschlechtern war demnach die matriarchale Besuchsehe gewesen.
Diese Verhältnisse wurden von den Missionaren heftig kritisiert und schließlich abgeschafft, so dass die Hopi wie alle Pueblo-Völker mittlerweile monogam leben. Der Begriff »Vater« und die individuelle Vaterschaft des Mannes kamen damit in ihrer Kultur auf, ebenso mussten sie ein »ordentliches Familienleben« in dem Sinne führen, dass der Gatte nun statt in der Kiva im Haus der Gattin wohnt (uxorilokale Residenz). Aber sie blieben ihrem matriarchalen Erbe treu, denn der Gatte ist nach wie vor Gast im Haus der Frau, die Kinder heißen nicht nach ihm, sondern die Mutterlinie gilt. Scheidung ist leicht, ohne dem Ruf der Frau zu schaden, ihre Lebensbasis ist noch immer ihr mütterlicher Clan.
Dieser matriarchale Clan ist bei den Hopi die soziale Grundlage geblieben und die älteste Frau steht ihm vor. Zum Clan gehören die Matriarchin, ihre Schwestern und Brüder, ihre Töchter, bei den verheirateten Töchtern auch die Ehegatten, ebenso ihre unverheirateten Söhne, die Enkelkinder und gegebenenfalls die Ur-Enkelkinder. Die Schwestern in einem Clan ziehen die Kinder gemeinsam groß, sie werden alle von den Kindern mit demselben Wort für »Mutter« angesprochen. Erwachsene wissen manchmal nicht, welche davon die leibliche Mutter ist. Beim Tod einer Schwester adoptieren die anderen Schwestern sofort deren Kinder, was kaum eine Änderung im Haushalt mit sich bringt.21 Mehrere schwesterliche Abstammungslinien verbinden sich im Clan, und die Clanmutter, die »So’o«, ist die älteste Frau der ältesten Linie. Sie wird sehr geachtet und von ihren Töchtern unterstützt und bedient. Die Gatten der Töchter unterstützen ihre Gattinnen ökonomisch, und auf Abruf stehen auch die Brüder zur Verfügung, die in anderen Ehe-Haushalten leben.
Die Clanmutter ist Anweisungs- und Ratgeberin für den ganzen Clan und garantiert seine Identität, indem sie die zeremoniellen Gegenstände und Symbole des Clans hütet. Aus ihrer Hand empfängt sie der Mutterbruder, der älteste Mann der Sippe, für die Feier der öffentlichen Zeremonie des Clans. Denn seine Aufgabe ist es, die besondere Zeremonie, die seinem Clan zugehört, auszuführen, und dafür ist er mit allen Männern seines Clans in einem Kultbund organisiert. Auf dem Dorfplatz tritt er dann als »Vater der Kachinas« auf, das heißt, der Gottheiten und Ahnenwesen des Clans, die von seinen männlichen Verwandten in einem Maskentanz auf dem Dorfplatz dargestellt werden. Es kennzeichnet die sozio-religiöse Organisation der Hopi, dass jeder Clan seine eigene Zeremonie mit besonderem Tanz im Verlauf der agrarischen Jahreszeitenfeste hat und seine eigenen medizinischen Riten für bestimmte Krankheiten besitzt. Früher war jeder Clan daher auch sein eigener heiliger Kultbund mit dazugehöriger Kiva; heute sind die Verhältnisse vermischt, denn mehrere Clans teilen sich in einen Kultbund und eine Kiva. Denn früher geschah es manchmal, dass eine Zeremonie, wenn ein Clan, dem sie zugehörte, wegen fehlender weiblicher Mitglieder ausstarb, ebenfalls erlosch. Das wurde als ernste Krise betrachtet, weil jede Zeremonie im jahreszeitlichen Zyklus der Feste notwendig war. Später wurde dieser Gefahr entgegengewirkt, indem nun mehrere Clans an je einer Zeremonie teilhaben.22 So sind die Clans durch die geteilte Verantwortlichkeit für die Zeremonien im Jahreszeitenzyklus aufeinander angewiesen, und auf diese Weise ist die Gesellschaft der Hopi nach religiösen Prinzipien organisiert.
Pulsuz fraqment bitdi.