Kitabı oxu: «Sturm im Zollhaus»

Şrift:

Heike Gerdes

Sturm im Zollhaus

Ostfriesland-Krimi


Zum Autor

Heike Gerdes, geboren 1964, lebt in Ostfriesland. Nach einem Redaktionsvolontariat und jahrelangem Redakteursdasein bei verschiedenen Tageszeitungen in Niedersachsen arbeitete sie als freie Mitarbeiterin bei Zeitungen, Zeitschriften und einem Internetmagazin. Sie ist Mitglied im SYNDIKAT. Seit November 2011 ist Heike Gerdes Inhaberin der Krimibuchhandlung „Tatort Taraxacum“ in Leer, mit der sie schon zweimal den Deutschen Buchhandlungspreis gewonnen hat.

Impressum

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

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Alle Rechte vorbehalten

(Originalausgabe erschienen 2008 im Leda-Verlag)

Herstellung: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: Katrin Lahmer

unter Verwendung eines Fotos von: © Sollermann/pixabay.com

ISBN 978-3-8392-6524-6

Dienstag

1.

Offenbar war er doch eingeschlafen. Eben war da noch das schläfrige Piepsen der halbwüchsigen Blässhühner gewesen, die kleine Falten in das glatt gebügelte Wasser des Hafens plätscherten, und das leise Lachen und lautere Quietschen von der nahen Wiese, auf der eine Handvoll bunthaariger Halbwüchsiger Maumau spielten. Jetzt waberte ein anderer Ton in Romans Ohren, brachte kein angenehmes Auftauchen aus dem Tiefschlaf in den konturlosen Dämmer des Aufwachens, sondern Adrenalinflut und Herzklopfen.

Mit einem Ruck setzte Roman Sturm sich auf und stieß sich schmerzhaft den Ellenbogen. Was war das für ein Klang? Krankenwagen? Polizei? Nein, unverkennbar Feuerwehr. Stöhnend erhob Roman sich, registrierte mit kurzer Verwunderung und langsamem Erinnern, dass er in der Plicht des schmucken Plattbodenschiffchens stand, auf dem er sich vorhin träumend ein bisschen Seglerromantik geborgt hatte und dabei auf der hölzernen Bank eingeschlafen war. Die Nacht war hellblau – noch oder schon wieder? Er suchte den Mond, fand ihn nicht mehr und sah am Bugspriet vorbei eine dunkle Rauchfahne vor dem Blaugrau des Himmels. Ein langer Schritt brachte Roman aus der Illegalität seines Nachtlagers zurück auf die ausgedörrten Planken der Uferpromenade. Er strich sich die langen, schwarzen Haare aus dem Gesicht, die wie seine milchkaffeebraune Haut ein Erbstück seines hawaiianischen Großvaters waren, und denen er haltbare Spitznamen wie Mowgli oder Winnetou verdankte. Manchmal auch weniger nett gemeinte.

Dann grub er mit noch immer kribbelnden Fingern in seiner Hosentasche und fand schließlich den Schlüssel für sein Fahrrad, das er am Geländer der Promenade angeschlossen hatte. Eben gucken, was da brannte.

Der Rauchgeruch wurde intensiver, je mehr Roman sich dem Postamt näherte. Als er um die Ecke bog, sah er das Löschfahrzeug und einen Streifenwagen auf dem Schotterstreifen neben dem massigen Zollhaus stehen. Der alte Backsteinbau trug heute einen rauchgrauen Schleier. Gegen den heller werdenden Himmel zeichneten sich dunklere Wellen ab, malten exakt die Struktur der Dachpfannen nach und zerfaserten leicht an den Kanten zwischen den turmartigen Zinnen. Beinahe ehrfürchtig verharrte Roman, ehe er sein Fahrrad an den Parkscheinautomaten lehnte und durch die Rabatten mit langen Schritten auf das Zollhaus zuging.

Rund um den Feuerwehrwagen herrschte zwar geschäftiges Treiben, aber keine besondere Aufregung. Denkmalschutz hin oder her – der alte Kasten war zumindest unbewohnt und außer bei den vielen Veranstaltungen und heftigen Parties am Wochenende war nur tagsüber Betrieb. Dass an so einem lauen Sommermorgen jetzt doch ein Krankenwagen gemächlich die schwarzgelbe Gefahrentonne auf dem Bahnhofskreisel umkurvte und auf den Parkplatz einbog, war reine Routine. Fein. So konnte Roman den Budenzauber zum unverhofft frühen Dienstbeginn wenigstens genießen.

»Roman. So früh schon zu Bein?«

In seiner Verkleidung mit der orange leuchtenden Jacke und dem kränklich hellgrünen Helm hätte er den stämmigen Ahrend Berghaus beinahe nicht erkannt.

»Ja, du. Muss ja.« Warum viele Worte machen. »Wollt ihr nicht langsam mal löschen? Obwohl: Sieht ja auch schön aus.« Berghaus erwiderte Romans Grinsen. »Geht gleich los. Sobald ich den Schlüssel habe. War gestern hier ’ne heiße Fete oder warum kokelt die Bude? – Nu mach ma hinne«, raunzte er in Richtung Auto, in dessen Handschuhfach ein anderer Helmträger kramte. »Wollen das Teil doch nicht zu heiß werden lassen.«

So früh kann es gar nicht sein, dass so ein nettes, kleines Feuer ohne Publikum stattfindet, dachte Roman. Eben war zwischen Bahnhof und Post noch tote Hose, jetzt standen mindestens ein Dutzend Leute je nach Schamgrenze unterschiedlich dicht ums Zollhaus und immer noch kamen Gäste. Bunte Mischung. Ein paar Pendler mit Aktentaschen, ein dicklicher schwarzgelockter Junge mit schwarz-rot geflammtem Hemd über der Jeans, Frau Nachbarin mit Dackel und diverse Motorboottouristen mit Klapprädern und bunten ballonseidenen Jogginganzügen. Die Bahnhofspunks waren mitsamt ihren schwarzen Hunden auch plötzlich aufgetaucht und hielten sich cool im Hintergrund beim Brunnen.

Man sollte ein Kassenhäuschen aufstellen, dachte Roman.

Der Motor des Löschfahrzeugs röhrte lauter, anscheinend war der Schlüssel aufgetaucht und das Löschen konnte losgehen. Berghaus, inzwischen mit Atemschutzmaske noch schlechter zu erkennen, verschwand durch die endlich offene grüne Stahltür im Zollhaus. Die Fenster im zweiten Stock wiesen nach Westen, doch jetzt leuchteten sie orangerot auf, als spiegelte sich die Morgensonne darin.

Roman winkte den uniformierten Kollegen heran, der rauchend an der geöffneten Autotür lehnte.

»Wir sind heute mal wieder interaktiv«, verkündete er. »Lass uns das Publikum ins Theater einbeziehen, ist schließlich ein Kulturzentrum, das hier brennt.«

Der Lange trat die Kippe aus, rückte die Mütze zurecht und steuerte die Gruppe auf dem Parkplatz an. Der Junge im Flammenhemd, der eben noch gebannt auf das brennende Haus gestarrt hatte, wich zurück, löste sich aus der Menge und schwang sich auf ein Fahrrad, das am Parkscheinautomaten lehnte.

Es dauerte die entscheidende Sekunde zu lange, bis Roman reagierte. »Hey! Mein Rad!« Er setzte zum Spurt an.

Der laute Ruf »Einen Arzt!« stoppte ihn, als wäre er gegen eine Wand gelaufen. Aus dem Augenwinkel sah er sein Fahrrad noch über den Bahnhofskreisel verschwinden, als er sich bereits umwandte und zurück über den Schotterplatz rannte.

»Wir brauchen sofort einen Arzt!« Ahrend Berghaus war in der Tür aufgetaucht. Seine Stimme klang verzerrt, was nicht nur an der Sprechmembran der Atemmaske lag. In seinen Armen hielt er ein Bündel. Fassungslos starrte Roman auf das rosige Gesicht und die schweißverklebten dunklen Haare des kleinen Jungen, den Berghaus jetzt behutsam auf eine Trage gleiten ließ.

Während die Sanitäter eine Decke über den leblosen Körper breiteten und eine Sauerstoffmaske auf Mund und Nase des Kindes drückten, überschlugen sich die Gedanken in Romans Kopf. Spielende Kinder hatten schon manchen Brand gelegt, das war nichts Ungewöhnliches. Wirklich ungewöhnlich war, dass der Junge einen weißen Schlafanzug mit braunen Teddybären trug.

*

»Stopp!« Berghaus packte Roman, der an ihm vorbei ins Haus stürmen wollte, am Arm. »Mit der Brandermittlung wartest du schön, bis wir hier fertig sind.«

»Aber verstehst du denn nicht?« Ärgerlich schüttelte Roman die Hand seines Freundes ab. »Der Kleine trägt einen Schlafanzug!«

In Berghaus’ Augen hinter dem Visier dämmerte Begreifen. So unbewohnt, wie sie geglaubt hatten, war das Zollhaus offenbar doch nicht.

»So gehst du da aber nicht rein.« Energisch drückte er Roman Sturm einen orangeroten Packen vor die Brust und widerwillig zog der die steife Schnittschutzhose und die hitzefeste Jacke über seine Cargoshorts und das T-Shirt. Der Helm war ein wenig zu groß, aber da konnte man jetzt nichts dran ändern. Berghaus half Roman, die Pressluftflasche auf den Rücken zu schnallen, und koppelte das Schlauchstück an die Maske. »Beeil dich aber. Wir haben nicht viel Zeit.«

»Wie lange reicht die Luft?«

»Eine halbe Stunde, aber das ist nicht das Problem. Der Bau …«

»Ja, ja, ist ja gut«, kappte Roman ungeduldig den Vortrag. »Los jetzt.«

Das Zollhaus war riesig. Siebzig Meter lang, fünfzehn breit, drei Stockwerke hoch. Wenn sie da drin Menschen finden wollten, kam es wirklich auf jede Minute an. Keine Zeit, umzukehren und die vergessenen Stiefel anzuziehen. Im Laufen zog Roman Sturm die Schutzhandschuhe an, dann folgte er Ahrend Berghaus durch die grüne Stahltür und stand unvermittelt in graugelbem Nebel. Das Treppenhaus am Nordende des Zollhauses war schon unter normalen Bedingungen düster, jetzt aber war die Finsternis nahezu undurchdringlich. Unwillkürlich hielt Sturm den Atem an, als sich im Schein seiner Taschenlampe fettige Rauchschwaden vor dem schlierigen Visier seines Helms ballten. Dann erinnerte er sich an die Pressluftflasche und atmete mühsam gegen den Widerstand des Ventils an.

Er versuchte, sich an seinen letzten Besuch im Zollhaus zu erinnern. Mindestens achthundert schwitzende Leiber. Dazu eine der bekanntesten Deutschrock-Bands, die aus Spaß bisweilen unter dem Pseudonym Nackt unter Kannibalen auftrat. Lange her. Wie viele Stufen waren es bis zum ersten Stock mit dem langgestreckten Saal? Er glaubte, sich an vierzehn zu erinnern, stolperte aber schon bei zwölf ins Leere.

Ahrend Berghaus war längst außer Sicht, hören konnte Roman nichts außer dem Zischen der Pressluft und dem Pochen des Pulsschlags in seinen Ohren. Sein nackter Fuß in der offenen Trekkingsandale stieß gegen etwas Weiches. Roman zuckte zusammen, der Schweiß explodierte schmerzhaft prickelnd aus allen Poren. Darf einem Kriminalkommissar der Angstschweiß ausbrechen? Wen schert das. Widerstrebend bückte er sich. Hund, Katze, Maus, Pferd? Erleichtert erkannte er einen kleinen Plüschbären. Er hob ihn auf und schob ihn in die Jackentasche.

Wo sollte er suchen? Wo würde er schlafen, wenn er ungestört im Zollhaus übernachten wollte? Im Untergeschoss eher nicht, dort waren außer der Theke und der Bühne nur die Garderoben des Backstage-Bereichs. Außerdem kamen Berghaus und die anderen dort vor Roman hin, denn dort hing auch der Löschschlauch.

Im ersten Stock waren am einen Ende das Café und am anderen die Druckwerkstatt der grafischen Gesellschaft untergebracht, die Halle dazwischen wurde für Kunstausstellungen genutzt. Rückzugsmöglichkeiten bot diese Etage nicht.

Die Schlussfolgerung gefiel Roman ganz und gar nicht. Er musste am brennenden Mittelgeschoss vorbei ganz nach oben. Nur dort unter dem Dach lagen kleinere Räume, die selten genutzt wurden, denn die aufwendige Sanierung des alten Kastens hatte noch nicht jeden Winkel erreicht.

Jemand rempelte Roman unsanft beiseite, zwei Schemen verschwanden im orangegrauen Schein, der aus dem Café drang, hinter ihm verschmolz der Wasserschlauch mit dem Dunkel des verqualmtem Treppenhauses.

Roman quälte sich weiter, Schweiß biss in seinen Augen und kitzelte unter den Achseln, das Atmen wurde immer schwieriger. Er zwang sich Stufe um Stufe nach oben, leuchtete mit der Taschenlampe jeden Schritt aus, war teils enttäuscht, teils erleichtert, dass er noch immer niemanden fand. Endlich hatte er das obere Ende der Treppe erreicht. Rechts von ihm war eine Tür. Toiletten. Kein Mensch darin. Der Rauch war hier oben so dicht, als sei zwischen den Partikeln kein Platz mehr für Sauerstoffmoleküle. Der Lichtstrahl der Taschenlampe zeichnete eine gelblichweiße Spur von nicht mehr als zwei Armlängen und wurde dann verschluckt. Roman erinnerte sich an Autofahrten zwischen ostfriesischen Dörfern in seinem alten Wagen ohne Nebelscheinwerfer. Das Fernlicht mauerte dann eine gelbe Wattewand vor die Scheibe und man hatte ohne die blendenden Lampen bessere Chancen, nicht in einem der schnurgeraden Kanäle links und rechts der Straße abzutauchen. Er knipste die Lampe aus, steckte sie ein und tastete sich weiter.

Ein Piepen im Helm lenkte Romans Aufmerksamkeit auf das Kästchen an seinem Gürtel, das den Luftvorrat überwachte. Wie viel Zeit blieb ihm, bis … was geschah? Kurz wünschte sich Roman, er hätte Ahrend Berghaus ausreden lassen. Aber letztlich spielte es keine Rolle. Wenn hier oben noch die Familie des kleinen Jungen war, den Berghaus im Treppenhaus aufgelesen hatte, musste Roman versuchen, sie zu finden. So einfach war das. Und so schwer.

Seine Schienbeine stießen unvermittelt an eine harte Kante. Rechts und links bot sich seinen tastenden Händen ebenfalls Widerstand. Ach ja, das Theater. Die Rückenlehnen der Besucherstühle stellten sich ihm in den Weg, schienen sich im Schutz der Nebelmasse hin und her zu schieben, um ein Vorbeikommen unmöglich zu machen. Blind tastete sich Roman an der Stuhlreihe entlang, bis er endlich freien Raum erreichte.

Wieder ein Hindernis, weich diesmal, nachgiebig. Roman zog einen Handschuh aus und ertastete Stoff, Stangen, die fedrige Weichheit einer Stola. Er stand im Fundus des Theaters, hier war Sackgasse. Roman unterdrückte einen Fluch und wandte sich um, zurück Richtung Zuschauerraum. Übermäßig ordentlich schien die Theatergruppe nicht zu sein, selbst auf dem Fußboden lagen Kleider und Perücken verstreut. Mit dem Fuß wollte Roman ein Kostüm beiseite schieben, doch das war überraschend schwer.

Erst als er sich niederkauerte und mit der bloßen Hand weiche Locken fühlte und glatte Haut, wurde ihm klar, dass hier keine Theaterrequisiten verstreut lagen. Vor ihm auf den staubigen Dielenbrettern lag ein Kind. Ein Mädchen mit langen Locken. Offenbar hatte er die Schwester des bewusstlosen Jungen gefunden. Sie regte sich nicht.

Romans Herz raste, das Pressluftzischen schnitt in seine Ohren. Als er den schlaffen Körper des Mädchens vom Boden aufhob, überflutete ihn die Erschöpfung in einer heißen Welle. Wie lange konnte er die ungewohnte Anstrengung durchstehen? Die Hitze, das mühsame Atmen durch die Maske, die steife Schutzkleidung. So musste sich ein Taucher fühlen, in einem verschlickten Hafenbecken oder einem Klärtank. Vielleicht auch ein Astronaut. Weltraumspaziergang auf einem Planeten mit vielfacher Erdmasse. Sonnenseite. Bescheuert, dass er jetzt an so etwas dachte.

Luft. Er brauchte endlich wieder Luft. Mühsam kämpfte Roman gegen den Zwang, sich den Helm vom Kopf zu reißen, die Maske vom Gesicht zu zerren, tief durchzuatmen. Seine Beine zitterten, das Vibrieren schien sich über seine Füße bis auf den hölzernen Dielenboden zu übertragen. Er ließ das Kind zurück auf den Boden gleiten.

Die Kleine brauchte Luft, dringender noch als er selbst. So schnell wie möglich raus mit ihr. Nein. Sauerstoff. Jetzt zerrte er sich die Maske doch vom Gesicht, keuchte und hustete, als der Rauch in seine Nase kroch, in seine Kehle biss wie ein hungriges Raubtier. Doch der Taucher, James Bond wahrscheinlich. Rettet das hilflose Opfer mit der Luft aus der eigenen Flasche, echt heldenhaft. Aber bei dieser Scheißmaske funktionierte das nicht, da musste man die Luft raussaugen, und das Mädchen atmete nicht oder nur schwach. Ehe ihm schwarz vor Augen wurde, drückte Sturm sich die Maske wieder selbst auf das schweißnasse Gesicht, atmete gierig ein. Er füllte so viel Sauerstoff in seine Lunge, wie er irgend konnte, dann hielt er die Luft an und beugte sich über das Kind. Er bog den Lockenkopf der Kleinen in den Nacken, um die Atemwege freizubekommen, legte seinen Zeigefinger von unten gegen ihre Unterlippe und presste seinen Mund fest über die kleine Kindernase. Seine Lungen fühlten sich an, als würden sie platzen und es war eine Erleichterung, die gestaute Luft endlich abzugeben. Bloß nicht zu viel Druck, dachte Roman, ihre Lunge ist ja viel kleiner als meine.

Der Brustkorb des Kindes hob sich leicht. Roman Sturm kämpfte gegen den Reflex, sofort wieder einzuatmen, und schob sich erst das Schlauchstück der Atemmaske wieder in den Mund. Noch mal das Ganze. Sein Herz klopfte, er war am ganzen Körper nass. So hatte das keinen Zweck, wenn sein Kreislauf schlappmachte, kamen weder das Kind noch er selbst hier lebendig heraus. Er setzte die Atemmaske wieder auf. Dann schob er den linken Arm unter die Schulter des leblosen Mädchens, den rechten in die Kniekehlen, und richtete sich taumelnd auf.

Das Kind in den Armen an sich gepresst, stolperte Roman aus dem Theaterraum zurück ins Treppenhaus. Betonstufen, eine nach der anderen. Die letzten Stufen fiel er fast hinab, als das Zittern seiner Knie das alte Zollhaus hinter ihm einstürzen ließ wie ein Kartenhaus.

2.

Im Büro zischelte und röchelte die Kaffeemaschine. Es roch nach Rauch, aber das lag an Lükkas Filterzigarette. Der schmucklose Raum barg noch immer die Reste der Wärme von gestern oder schon die Hitze des neuen Tages. Trotzdem hatte das karge Büro heute etwas Anheimelndes für Roman.

»Na, auch schon da?« Lükka drehte sich nicht um, sondern klickte sich durch ihre Mailbox. »War’s ne heiße Nacht gestern?«

Morgenroutine mit Lükka Tammling. Im Dienst stets gründlich und mit vollem Einsatz bei der Sache, nach Feierabend offenbar immer auf Achse – nach dem, was sie so erzählte, mal mit Nachbarn, mal mit Freundinnen aus dem Handballverein. Immer was zu berichten bei Dienstbeginn und immer begierig, von Roman zu hören, was bei ihm abging. So ging das seit Jahren, seit sie zusammen in diesem Büro saßen. Je nach Stimmung absorbierte Roman ihre lebhaften Schilderungen oder er fuhr die Schilde hoch und ließ das Plaudern daran abgleiten wie Phaserbeschuss. Heute tat er ihr nicht einmal den Gefallen, freundlich zu brummen, sondern widmete sich der spuckenden Kaffeemaschine.

Erst als Lükka das bewusst wurde, drehte sie den braunen Wuschelkopf, stieß sich mit dem linken Fuß leicht ab und drehte den quietschenden Bürostuhl mit elegantem Hüftschwung um hundertachtzig Grad. Ihre kräftigen, geschwungenen Augenbrauen hoben sich, als sie den Kollegen mit wachsendem Erstaunen musterte.

»Warst du grillen?« Sie schnupperte. »Und wie siehst du überhaupt aus? Hast du in deinen Klamotten geschlafen?«

Roman goss sich bedächtig Kaffee ein, ließ zwei Würfel Zucker in den bedruckten Porzellanbecher gleiten. Spock und Kirk hatten auch schon bessere Tage gesehen. Irgendein Depp hatte seinen Becher in die Spülmaschine gestellt. Die Föderationsuniformen waren verblasst und an Spocks linkem Ohr blätterte die Farbe. Misstrauisch roch Roman an der Milchdose, die schon seit ein paar Tagen offen auf dem Regal stand, und molk daraus fünf kräftige Strahlen in den Pott. Erst als er seinen Kaffee umgerührt hatte, konzentriert, als gäbe es keine anspruchsvollere Aufgabe, und der erste Schluck brennend die Speiseröhre passiert hatte, erwiderte er Lükkas Blick.

Jetzt einfach sagen: Mir hat einer das Fahrrad geklaut. Verlegen grinsen, Lükkas gutmütigen Spott ertragen. Ostfriesischer Volkssport und so. Wohl bei Urlaubsbeginn nicht genug Akten von den Kollegen aus der Soko Rad auf den Tisch gekriegt. Wär schön.

»Nein. Nicht gegrillt. Und ja. In den Klamotten geschlafen irgendwie schon.« Er nahm noch einen Schluck Kaffee, dann schob er einen Stapel der staubgrauen, pissegelben und schnitzelrosa Pappendeckel beiseite, die seine Kollegen vor Urlaubsantritt beim ihm deponiert hatten. Sie würden sich nicht freuen, wenn sie all ihre Pappendeckel unbearbeitet wieder zurückbekämen, das war sicher. Aber ebenso sicher hätten sie sich eh nicht bedankt und ohnehin hatte der Brand die Langeweile des ostfriesischen Sommers verzehrt und damit die Pflicht, Ordnung in die unerledigten Papiere der Kollegen zu bringen. Wenigstens etwas.

Roman platzierte die linke Hinterbacke auf der Ecke seines überfüllten Schreibtischs. Dabei sah er an sich hinunter. Kein Wunder, dass Lükkas Augenbrauen fast im Haaransatz verschwanden. Er sah selbst für seine Verhältnisse übel aus. Die knielange Hose war zerknittert und fleckig, auf dem kaffeebraunen Schienbein schillerte ein flächiger Bluterguss. Er drehte seinen Fuß. Aua, deshalb feuerten seine Füße so – die Zehen schienen nur noch aus Brandblasen zu bestehen. An feste Schuhe brauchte er in den nächsten Tagen nicht zu denken. Das war ein Problem, denn mit seinen Sandalen war nicht mehr viel Staat zu machen. Die Sohlen waren angeschmolzen, die vorderen Ränder von der Hitze gewellt. Roman klammerte sich einige Augenblicke an diesen Gedanken, aber es half nichts und er riss sich zusammen.

»Ich war im Zollhaus«, sagte er endlich und wunderte sich, dass seine Stimme halbwegs vertraut klang.

Wenn das möglich war, wanderten Lükkas Augenbrauen noch ein paar Zentimeter höher.

»Da war doch gestern gar kein Programm.« Informiert wie immer, wenn es um Action ging. »Die nächste Party ist am Freitag.«

»Die wird wohl abgesagt«, entgegnete Roman trocken. Er gab ihr eine Kurzversion der Ereignisse.

Lükkas hörte ernüchtert zu, notierte sich hin und wieder Stichpunkte in ihrer sauberen, kleinen Schrift, effizient wie immer.

»Und ihr habt keinen Hinweis darauf gefunden, wer diese Kinder sind?«, fragte sie, als Roman seinen Bericht abgeschlossen hatte. Sie ging hinüber zu dem niedrigen Regal, um sich einen frischen Kaffee zu holen, und schob unterwegs automatisch Romans Schreibtischschublade zu, die mal wieder zwei Fingerbreit offen stand.

Roman schüttelte den Kopf. »Nichts bisher. Außer, dass sie anscheinend keine Deutschen sind, sondern Türken, Kurden oder so. Was unter dem Schutt noch an Hinweisen zum Vorschein kommt, müssen wir abwarten.«

Allzu viel würde es vermutlich nicht sein. Nach dem Einsturz des Gebäudes hatten die Flammen den frischen Sauerstoff gierig aufgesogen und sich mit neuer Wut auf Holz, Papier und Stoff gestürzt. Ahrend Berghaus und seine Kollegen hatten es glücklicherweise geschafft, das Haus zu verlassen, ehe die gusseisernen Stützen der Innenkonstruktion der Hitze nachgegeben hatten und das Zollhaus in sich zusammengefallen war. Aus den Trümmern hatten sie die Leiche eines älteren Jungen geborgen, vielleicht zwölf Jahre alt. Auch für das Mädchen war Romans Hilfe zu spät gekommen.

»Hoffentlich kommt der Kleine durch, den Ahrend zuerst im Treppenhaus gefunden hat. Dann erfahren wir wenigstens, wer er ist und wo seine Eltern sind.«

Erwachsene hatten sie trotz gründlicher Suche nicht entdeckt. Roman rieb sich die stoppelige Wange und fuhr sich mit den gespreizten Fingern durch die Haare. Ascheflöckchen rieselten auf den Schreibtisch, die Spitzen der gut schulterlangen Strähnen waren gekräuselt und verschmolzen.

Er wühlte in der großen Hosentasche nach seinem Haargummi, um die versengte Mähne in einem Pferdeschwanz zu bändigen, und hielt das Plüschtier in der Hand, das er im Zollhaus gefunden und nach dem Umziehen zusammen mit der Taschenlampe in die geräumige Tasche seiner Shorts geschoben hatte. Ein kleiner Eisbär war es, knapp zwanzig Zentimeter lang, mit einer blauen Schleife um den Hals und leicht verpeiltem Gesichtsausdruck, als hätte ihm gerade einer die Eisbärin unter dem pelzigen Bauch weggeklaut. Fürsorglich pustete Roman die Asche aus dem weichen Fell. »Schwer entflammbar«, las er mit schiefem Grinsen vor, ehe er das Spielzeug auf den obersten Aktendeckel setzte. »Unser bisher wichtigster Zeuge. Möchten Sie zur Sache aussagen? Ich würde gerne ein Tonband mitlaufen lassen.«

Lükka atmete verstohlen auf und erwiderte das Lächeln. Kriminalkommissar Roman Sturm war auf dem Weg der Besserung.

3.

»Über zehn Jahre Arbeit – alles zum Teufel.« Die kräftige Frau mit den kurzen braunen Haaren war sichtlich erschüttert. »Sie glauben gar nicht, was wir hier alles an Arbeit reingesteckt haben. Und an Geld natürlich auch.«

Roman Sturm glaubte es durchaus, denn er hatte das Zollhaus gesehen, als die Sanierung nach fünfzehn Jahren Leerstand eben erst begonnen hatte. Hunderttausende waren verbaut worden, bis man das Dach neu gedeckt, Klos und Bühnen eingebaut und überhaupt alles so weit hergerichtet hatte, dass in dem denkmalgeschützten Gründerzeitbau gefahrloses Leben und Feiern denkbar war. Anfangs hatte es in dem siebzig Meter langen Gebäude nur einen einzigen Wasserhahn gegeben. Allein das gläserne Foyer und der Fahrstuhl im Kranturm hatten fast hundertzwanzigtausend Euro gekostet. Eine beachtliche Leistung, sicher, aber Roman hatte keine Lust, jetzt die gesamte Umbaugeschichte über sich ergehen zu lassen. Zum Glück kriegte Vera Reifschneider die Kurve.

»Wer hat uns das bloß angetan? Haben Sie schon eine Spur?«

Sie schien so felsenfest von einer Brandstiftung überzeugt, dass Roman überrascht die Stirn runzelte.

»Es kann sich genauso gut um einen technischen Defekt …«, begann er, doch die Vertreterin des Zollhausvereins schnitt ihm das Wort ab.

»Wir haben alle Brandschutzbestimmungen erfüllt, fragen Sie im Rathaus nach! Bis auf die Rauchabzugsklappen im Dach war alles fertig.«

Genau diese Klappen hätten vielleicht verhindert, dass das Treppenhaus zur Todesfalle wurde, dachte Roman. Vielleicht hätten sie aber auch die Luftzirkulation so angekurbelt, dass der Brand noch schneller und noch heißer gelodert hätte. Die Kinder wären dann nicht erstickt, sondern verbrannt.

Roman dachte an den Eisbären und seinen kleinen Besitzer, der im Kreiskrankenhaus noch immer bewusstlos auf der Intensivstation lag, und spürte Wut hinter seinen Lidern prickeln. Scharf fragte er: »Und Sie wollen mir tatsächlich weismachen, Sie hätte nicht gewusst, dass eine mehrköpfige Familie in Ihrem Fetenschuppen wohnte?«

Lükka warf ihm einen warnenden Blick zu. »Frau Reifschneider ist zwar Mitglied im Vorstand des Zollhausvereins, aber nicht die Einzige, die fürs Zollhaus zuständig ist. Ich meine: war«, sagte sie ruhig.

»Das hätte ich nicht treffender formulieren können«, konterte die Frau spitz. »Nein, ich hatte keine Ahnung«, wandte sie sich wieder an Roman. »Wahrscheinlich wusste auch sonst keiner von uns was davon. Sie müssen unbemerkt ins Haus gekommen sein.«

Schwer vorstellbar, fand Roman. Bei Wüstenspringmäusen war das möglich und auch schon geschehen. Aber Kinder? Und dann gleich so viele? Eher nicht.

»Wir haben zwei der Kinder im Dachgeschoss gefunden«, berichtete er.

Vera Reifschneider schob die Unterlippe vor. »Da oben ist das Radio untergebracht und natürlich unser Theater und die Besuchertoiletten.« Sie hatte sich eindeutig noch nicht mit der Vergangenheitsform abgefunden. »Und nach hinten raus haben wir die Seminarräume eingerichtet. Die werden jetzt in den Ferien natürlich nicht genutzt. Sonst ist da nur noch unsere Rumpelkammer mit Gerümpel und Requisite.« Sie überlegte. »Wenn ich irgendwo unterschlüpfen wollte, würde ich da wahrscheinlich reingehen. Wir wollten in den Räumen irgendwann eine Hausmeisterwohnung einrichten.«

Lükka hatte mitgeschrieben und klappte ihr Notizbuch zu. Als hätte sie nur auf dieses Signal gewartet, erhob sich Vera Reifschneider. »Wenn wir so weit durch sind, gehe ich jetzt wieder an die Arbeit. Sie haben sicher Verständnis – ich habe noch viel zu regeln. Unsere Chefin und die anderen Vorstandsmitglieder müssen informiert werden, sofern sie nicht noch im Urlaub sind. Den überregionalen Zeitungen muss ich mitteilen, dass die Thedighausen-Ausstellung nicht stattfindet, und mir überlegen, was ich mit den Leuten mache, die schon Karten für die nächste Veranstaltung gekauft haben.«

Sie eilte aus dem Zimmer und Roman sah ihr nach, das Kinn auf die zur Faust geballte Linke gestützt.

»Warum lässt du mich so auflaufen?«, fragte er und funkelte Lükka aus seinen mandelförmigen Augen an, die vor Ärger fast schwarz wirkten. Seine schwarzen Haare, die er in der Mittagspause nach dem Duschen mit der Papierschere von den verkohlten Spitzen befreit und damit auf Schulterlänge gestutzt hatte, umrahmten sein dunkles Gesicht. Lükka hatte einen Moment lang die Vision eines Apachen, der gleich das Kriegsbeil ausgraben würde oder wenigstens den Klappstuhl wie Comanchen-Häuptling Listiger Lurch im Schuh des Manitou. Dabei waren seine Vorfahren keine Indianer. Er hatte ihr mal erzählt, dass sein Großvater von Hawaii stammte und als amerikanischer Soldat in Deutschland stationiert war. Da hatte er offenbar mit einer Ostfriesin angebandelt. Mittlerweile kannte sie Roman gut genug, um sich von seinem finsteren Blick nicht einschüchtern zu lassen. Sie wusste auch, dass sie seine Frage nicht zu beantworten brauchte, denn im Grunde kannte er die Antwort. Er war unnötig scharf zu einer Zeugin gewesen, die gerade buchstäblich vor den Trümmern ihrer Existenz gestanden hatte.

Trotzdem hätte sie mehr Interesse an den Kindern zeigen können als an ihrem verdammten Kulturzentrum. Aber vielleicht stand sie ja unter Schock.

4.

Wer hat einen Vorteil? Wenn du einen Täter suchst und er dir nicht den Gefallen tut, dir gleich vor die Füße zu stolpern, ist das die wichtigste Frage. Hast du das Motiv, kannst du meistens deinen Kunden bald einsacken. Schulbuchwissen aus dem ersten Semester Fachhochschule, sicher, aber Roman hatte das schon oft bestätigt gefunden. Und die verbreitetsten Motive waren Eifersucht und Habgier, bei Brandstiftung gern in der Form von Versicherungsbetrug. War das denkbar? Roman beschloss, sich zunächst um diese Frage zu kümmern und das Projekt »Zollhaus« und die Situation des Vereins unter die Lupe zu nehmen, während Lükka sich durch die Vermisstenkartei klickte.

Auf den ersten Blick deutete nichts darauf hin, dass der Verein sich durch einen warmen Abbruch aus der Gülle ziehen wollte. Finanzielle Probleme hatte es in der Vergangenheit genügend gegeben; um das herauszufinden, war nicht viel Recherche nötig, nur ein Blättern im Zeitungsarchiv. In der letzten Zeit hatte das landesweite Rauchverbot auch die Zollhausumsätze geschmälert. Der Versuch, alle Türen aufzumachen und dadurch den Raum zu einer überdachten Freifläche zu machen, war vom Ordnungsamt rasch beendet worden.

Trotzdem lief seit der letzten Bürgermeisterwahl offenbar alles rund. Der Verein hatte der Stadt den alten Kasten abgekauft und bezahlte jetzt die Kreditraten, die Finanzlöcher wurden alljährlich mit satten Zuschüssen aus dem städtischen Haushalt gestopft und die vielen Großfeten spülten anscheinend genug Geld in die Kasse, um die Kultur zu finanzieren, mit der Vera Reifschneider so gerne begründete, warum das Zollhaus mit Steuergeldern gefördert werden musste. Roman seufzte, es wäre ja auch zu einfach gewesen.

Dirk Baukloh roch er, bevor der Kollege vom Rauschgift sich durch die Tür schob und »Moin, Kollegen« trompetete, denn Baukloh war vor Dienstbeginn wie üblich in einen Bottich mit Rasierwasser gefallen. Entweder waren seine Geruchsnerven durch den Dauerkontakt mit Marihuana und anderem Dope abgestumpft oder er war Opfer des Werbefernsehens und versprach sich von der chemisch-animalischen Note eine höhere Trefferquote bei Frauen.

»Seid ihr an dieser Brandsache dran oder surft ihr nur wieder im Internet?« Baukloh beugte sich über Lükkas Schulter und lehnte sich wie unabsichtlich gegen sie. Lükka drehte ihren Stuhl gerade so weit, dass Dixi Baukloh aus dem Gleichgewicht geriet. Auf seinen Wangenknochen erblühten scharlachrote Flecken, die überhaupt nicht zu seinen kupferfarbenen Locken passten, aber er schlenderte betont lässig zum Regal hinüber. »Ist doch ganz easy, wieso haltet ihr euch überhaupt so lange mit dieser Kiste auf?«

»Erleuchte uns, oh Allwissender!« Roman verschränkte die Hände hinter dem Kopf und lehnte sich bequem zurück. Das war das Schöne an diesem Stinker: Er war er immer für unterhaltsame zehn Minuten gut. Schließlich war Dixi Baukloh der Größte, der Superbulle aus der großen Stadt und überhaupt nur deshalb noch nicht beim LKA, weil er die Provinzkollegen nicht so nahe der holländischen Grenze mit den Drogenschmugglern alleine lassen konnte. Na gut, eine Nase für Shit hatte er, aber die hatte der Cockerspaniel Hermann schließlich auch und der kam bei den Kolleginnen zudem deutlich besser an.

»Die kleinen Eselstreiber haben es sich da drin richtig gemütlich gemacht wie zu Hause in Anatolien oder wo diese Ölaugen auch immer herkommen«, verkündete Baukloh. »Und dann haben sie ein Lagerfeuer angezündet, um eine Familienportion Hammelhoden zu grillen. Und dann – baff.« Beifallheischend sah er sich um. »Ist doch klar, oder?«

»Sonnenklar«, entgegnete Lükka, die gerade den Posteingang ihrer Mailbox studierte. »Und weil das in Anatolien so üblich ist, haben sie das Feuerchen mit ein paar Litern Nitroverdünner angezündet. Deswegen haben Katenhusen und Müller auch eben gemailt, dass sie im Schutt größere Mengen Brandbeschleuniger nachgewiesen haben.« Sie schlug sich auf die Oberschenkel, griff ihre Zigarettenschachtel und erhob sich. »Ich für meinen Teil brauche dringend ein bisschen frische Luft!«

5.

Als Roman die Wohnungstür hinter sich zuzog, fühlte er sich wie ein Hähnchen im Backofen. Noch auf dem Weg zur Balkontür zog er das durchgeschwitzte T-Shirt aus und ließ es achtlos fallen. Er streifte die verschmorten Sandalen ab und fühlte den stacheligen Nadelfilz des Teppichbodens unter seinen Füßen, die in einem wenig besseren Zustand als die Schuhe waren. Fast kam es ihm vor, als kräuselten sich die Haare auf seinen Armen in der Hitze, und die Haut in seinem Gesicht schien sich in prickelnden Blasen abzulösen, sogar den Duft von gebratenem Fleisch glaubte er zu riechen.

Er schüttelte sich und die Blasen verwandelten sich gnädig in beißende Schweißtropfen, die in seine Augen rannen. Hastig zog er die Rollläden hoch, mit denen er wie jeden Tag vergeblich versucht hatte, die Hitze auszusperren, und öffnete die Balkontür. Was hatte er anderes erwartet? Im Sommer war es in dieser Wohnung unter dem Dach nicht auszuhalten. Schon ein paar Sonnentage reichten, um die Raumtemperatur auf fiebrige vierzig Grad hochzutreiben. Nur vergaß er das regelmäßig, während er im Büro schmorte und sich seine zwei Zimmer mit Küche und Bad kühlträumte.

Aber er kam zumindest regelmäßig an die Luft, frisch oder nicht.

Unterm Dach in der Rumpelkammer des Zollhauses war es bestimmt nicht weniger heiß gewesen. Wie hatten die Kinder das ausgehalten? Und wie lange? Weder er selbst noch Lükka waren heute einen Schritt weitergekommen. Die Vermisstenkartei hatte nichts hergegeben, nicht in Niedersachsen und auch nicht in den anderen Bundesländern. Vor Dienstschluss hatten sie noch eine Anfrage an die niederländische Polizei abgeschickt, aber ohne große Hoffnung. Niemand schien die drei Kinder zu vermissen, niemand auch nur von ihrer Existenz zu wissen.

Angenommen, sie waren tatsächlich unbemerkt ins Zollhaus gekommen. Weiter angenommen, sie hätten sich wirklich da oben auf dem Dachboden zwischen eingestaubten Möbeln und alten Klamotten mucksmäuschenstill verhalten, was für so kleine Kinder eine reife Leistung wäre, so blieb doch eine Frage offen: Wovon hatten sie gelebt?

Wasser war weiter kein Problem, das konnten sie auf der Besuchertoiletten des Theaters holen. Aber irgendjemand musste sie mit Essen versorgt haben, ob mit Dirk Bauklohs Hammelhoden, mit Dosenravioli oder auch nur mit Brot und Käse.

Roman bemerkte auf einmal, wie hungrig er war. Der Bratengeruch, den er seit dem Betreten seines Wohnofens in der Nase hatte, war real. Er drang aus der Küche des Restaurants im Erdgeschoss nach oben, das Gyros und Souflaki für den Abend auf Vorrat produzierte, und Romans Magen knurrte. Der Kühlschrank gab willkommene Kälte frei, die Roman länger genoss, als die Inspektion seiner Vorräte es rechtfertigte. Drei kaum verschrumpelte Knoblauchzehen. Ein Eckchen Camembert, das Roman nach kurzer Betrachtung in den Mülleimer fallen ließ. Ein Becher Joghurt, immerhin, nur eine Woche überfällig, dafür mit einem Aludeckel, dessen Wölbung eine kurz bevorstehende Explosion verhieß. Trotzdem öffnete Roman den Becher und tunkte die Fingerspitze in die weiße Pampe. Das Zeug prickelte auf der Zunge und gesellte sich ohne weitere Umwege zum Käse.

Also zwei Optionen: Bis acht mit knurrendem Magen warten und dann unten in einen Grillteller investieren oder doch noch einkaufen. Roman entschied sich fürs Einkaufen, zumal auch der Kaffeevorrat für morgen früh nur noch eine dünne Plörre hergeben würde. Romans Laune verschlechterte sich. Ohne Fahrrad würde das eine echte Expedition werden, denn Leer hatte die vermutlich einzige Innenstadt, in der es seit Jahren keinen Supermarkt mehr gab. Romans Auto stand passenderweise gerade in der Werkstatt und wartete auf ein neues Getriebe.

Nach drei Kilometern zu Fuß, mit einem halben Dutzend leerer Flaschen im Rucksack, hatte Roman im Geist alle Varianten schwarzer Pädagogik durchgespielt bis hin zur Prügelstrafe für Fahrraddiebe. Seine finsteren Gedanken mussten ihm anzusehen sein, denn der rundliche Junge in der Leergutannahme zuckte zusammen und starrte ihn mit großen, erschrockenen Augen an, als Roman die Flaschen auf den Tresen stellte.

Romans Gewissen regte sich, legte sich aber sofort wieder ins Körbchen, als er unter dem blauen Kittel einen rotgeflammten Hemdkragen hervorblitzen sah. Sieh mal einer an, das war doch der kleine Mistkerl von heute früh, der sein Fahrrad geklaut hatte! Mit einiger Anstrengung unterdrückte Roman den Impuls, den Burschen am Kragen zu packen und kräftig zu schütteln. Statt dessen fragte er ganz ruhig: »Wo ist mein Rad?«

»Draußen im Fahrradständer.« Der Junge richtete sich auf und sah Roman halb schuldbewusst, halb trotzig an. »Ich wollte es heute Abend zurückbringen. Wirklich. Ich bin doch kein Dieb!«

»Ach nein? Deswegen hast du mir auch das Fahrrad geklaut, weil du so ein braver Junge bist.«

»Ich hatte es eilig.«

Genau das war der Punkt, der Roman interessierte, aber hinter ihm ballte sich inzwischen eine Traube von Einkaufswagen und darin begann es ungeduldig zu grummeln. Sichtlich erleichtert reichte der Junge Roman den Pfandbon und wandte sich den Bierkästen des Blümchenkleides zu, das sich jetzt unnachgiebig wogend zwischen Roman und den Tresen drängte.

Achselzuckend drehte Roman sich um und schlängelte sich zwischen den anderen Wartenden hindurch. Um den Jungen würde er sich später kümmern, er wusste ja jetzt, wo er ihn finden konnte. Und dann würde er ihn nicht nur nach dem Fahrradklau fragen. Bevor der Polizist heute früh auf den Jungen zugesteuert war, hatte der es schließlich gar nicht eilig gehabt, sondern mit den anderen Gaffern das Feuer beobachtet. Entweder wusste er etwas über den Brand oder er hatte etwas anderes ausgefressen, denn an einer Uniformallergie litt er vermutlich nicht.

Im Markt war noch erstaunlich viel los, die Verlängerung der Öffnungszeit bis neun Uhr zahlte sich offenbar aus. Immerhin hatte der Inhaber des Ladens schon mal davon gehört, dass Eigentum verpflichtet, und steckte einiges in soziale Projekte, kümmerte sich um Kinderschutz, Behinderte und Kultur. Gehörte er nicht sogar dem Zollhausverein an? Doch, ziemlich sicher sogar.

Auf dem Weg durch den Supermarkt ließ Roman den Blick durch die Gänge schweifen, aber ausgerechnet heute war der Chef nicht zu sehen, nicht einmal in der Weinabteilung.

Dafür sah er den Jungen wieder, der mit einer großen Plastiktüte den Stand mit den türkischen Spezialitäten verließ. Wenigstens hatte er ihm nicht auch noch das letzte Fladenbrot vor der Nase weggeschnappt, wie Roman beruhigt sah. Das packte ihm der nette Iraker bedächtig wie immer in eine Tüte, füllte ein Schälchen mit Zaziki und wartete gelassen, bis Roman sich für eine besonders rücksichtslose Olivensorte entschieden hatte – gefüllt mit ganzen Knoblauchzehen, Lükka würde sich morgen nicht freuen.

»Da habe ich heute ja gerade noch Glück gehabt.« Er schenkte dem Iraker sein freundlichstes Strahlen. »Ich dachte schon, der Junge aus der Flaschenannahme hätte das letzte Brot geholt. Wie heißt er noch mal? Ahmed, oder?«

Der älteste Trick, aber der Händler fiel darauf rein, obwohl er, wie Roman wusste, in seiner Heimat zwanzig Jahre lang als Lehrer gearbeitet hatte. Trainingsrückstand, eindeutig.

»Chalid? Nein, der hat nur ein Brot mitgenommen.« Er hatte den Beutel mit Romans Einkäufen ordentlich zugeknotet, knipste den Kassenzettel an die Tüte und reichte sie über die Theke.

»Wissen Sie, wo ich ihn erreiche, wenn er nicht arbeitet?«, fragte Roman im Plauderton. Der andere blickte ihn scharf an, dann lächelte er entschuldigend, sagte freundlich: »Ich spreche nicht gut Deutsch, Herr Kommissar«, wünschte einen schönen Abend und machte sich geschäftig daran, die Reste seiner Waren zusammenzupacken.

*

Der große Platz neben dem Postamt war nicht wiederzuerkennen. Das ganze Gelände umgab ein zwei Meter hoher Bauzaun aus rostigen Eisengittern, hinter dem die Spurensicherung den Tag über im Schutt gewühlt hatte, um zwischen Unmengen von Ziegelsteinen, verbogenen Eisenträgern, verschmorten Möbeln und Elektronik alles auszugraben, was sie der Brandursache und dem Brandstifter ein Stück näher bringen konnte. Roman wagte keine Prognose, wie lange es dauern würde, alles auszuwerten. Schon ein ganz normales Wohnhaus brauchte seine Zeit, und die Reste des Zollhauses waren entmutigend.

Detlev Katenhusen, der sich eben aus seinem weißen Papieranzug schälte, sah Roman aus rotgeränderten Augen an und schüttelte auf die Frage nach neuen Erkenntnissen müde den Kopf.

»Du kannst keine Wunder erwarten, mehr als arbeiten können wir nicht.« Er wies auf den riesigen Schuttberg. »Dass wir Brandbeschleuniger entdeckt haben, weißt du ja schon. Aber das ist ja eine unserer leichtesten Übungen. Was es genau war, findet das Labor in den nächsten Tagen heraus. Auf alle Fälle haben wir an verschiedenen Stellen was gefunden. Geht gleich morgen früh mit dem Kurier nach Hannover.«

»Also gibt es keinen Zweifel, dass das Feuer gelegt wurde«, stellte Roman fest, während er Katenhusen half, Werkzeug und Spurenkoffer im Auto zu verstauen.

»Wahrscheinlich nicht. Aber drüben auf der Südseite sind auch noch Farbdosen und so’n Scheiß.«

Die grafische Werkstatt, erinnerte sich Roman. »Kann so was auch von alleine zu brennen anfangen?«

»Klar, möglich ist alles. Wenn es warm genug ist, geht auch mal ein Putzlappen voll Firnis ab wie ein Molli.« Katenhusen ließ sich auf den Fahrersitz fallen und schlug die Tür zu. »Wenn wir was Neues rausfinden, erfährst du es, versprochen. Aber für heute habe ich die Schnauze voll, ich brauch auch mal Feierabend. Mein Sohn nennt mich schon Onkel, so selten bin ich zu Hause.« Er drehte den Zündschlüssel und ließ den Motor an. »Vielleicht gibt es ja in Leer militante Kunstgegner oder eine autonome Gruppe zur Reinhaltung ostfriesischer Kultur.« Aus einer Klappkiste, die auf dem Beifahrersitz stand, zog er einen beschrifteten Plastikbeutel. Der Stofffetzen darin war mit etwas Fantasie als Rest einer Leinwand zu erkennen. Noch mehr Fantasie brauchte Roman, um das blaurosa Farbgewimmel als Teil eines Bildes zu identifizieren. Vage fühlte er sich an Aufnahmen des Hubbleteleskops erinnert, wenngleich Hubble vermutlich noch keinen Spiralnebel fotografiert hatte, der einem Paar kopulierender Schweine so ähnlich sah.

»Verrat mir eins«, forderte Katenhusen im Wegfahren. »Wer malt bloß so was?«

Mittwoch

6.

Das Haus war leicht zu finden, in dem Joachim Thedinghausen das herstellte, was Vera Reifschneider mit ehrlicher Begeisterung als »kompromisslose, tief empfundene Kunst« geschildert hatte, »transzendental, vor allem in der Farbgebung, doch von einer geradezu bestürzenden Diesseitigkeit.«

Bestürzend fand Roman zunächst vor allem, wie stinknormal das Domizil des gefeierten Künstlers in der Nähe des Ditzumer Hafens wirkte. Unter den blütenweißen Halbgardinen standen Geranientöpfe auf den weißlackierten Fensterbrettern, mit leuchtend roten Blüten, die auf den ersten Blick beinahe echt wirkten. An den Wänden hingen keine kompromittierenden Spiralnebel, sondern kolorierte Drucke, die bei näherer Betrachtung verdächtig nach Kalenderblättern aussahen. Irmgard Thedinghausen, die Lükka und Roman tatsächlich Tee aus einer bauchigen Kanne mit Ostfriesenrose eingoss, trug zwar weder Dutt noch Kittelschürze, sondern ein beiges Leinenkostüm und einen schwarzen Pagenkopf, in dem eine breite weiße Strähne ihr das Aussehen einer Dohle gab, dafür knisterte der Kandis vorschriftsmäßig in den kleinen, dünnwandigen Tässchen.

»Sie können sich überhaupt nicht vorstellen, was dieses schreckliche Unglück für meinen Mann bedeutet«, sagte sie leise. »Ich mache mir große Sorgen um ihn. Seit er von dem Feuer erfahren hat, habe ich ihn kaum noch zu Gesicht bekommen. Er vergräbt sich richtig in seinem Atelier.«

»Sie haben ihm doch gesagt, dass wir hier sind?«, fragte Lükka zur Sicherheit, denn Thedinghausen ließ sich immer noch nicht blicken. »Am besten zeigen Sie uns, wo wir ihn finden.« Sie erhob sich.

»Vielleicht haben Sie recht. Obwohl er es gar nicht mag, wenn Fremde ihn bei der Arbeit stören …« Zögernd stand Irmgard Thedinghausen auf und führte ihre Besucher durch die ordentliche Küche in einen kleinen, dunklen Flur. »Vorsicht, Stufe«, warnte sie und stieß eine grün gestrichene Holztür auf.

Staunend trat Roman in einen weißgekalkten Raum, geräumig wie ein Wohnzimmer, aber bei weitem nicht so anheimelnd. Die Fenster waren klein und altersblind und ließen wenig Licht herein. Von der hohen Decke baumelte ein daumendickes Seil aus gedrehtem Stahl, an dessen unterer Schlaufe ein S-förmiger Haken in Augenhöhe gefährlich blinkte. Das Seil führte zu einer großen Winde an der Stirnseite, neben der aufgerollt ein altmodischer roter Gartenschlauch hing. Eine fußbreite Rinne zog sich durch die ganze Länge des Raumes bis zu einem Gully an der Rückwand. An einem armdicken runden Balken, den zwei starke Ketten etwas über Kopfhöhe hielten, gab es noch mehr dieser spitzen Haken. Die meisten waren leer, doch mitten im Raum hing ein blitzendes Beil, dessen Klinge so lang war wie Romans Unterarm. Unwillkürlich zog er den Kopf ein.

»Was in aller Welt ist das hier?«, entfuhr es Lükka. »Ihre private Folterkammer?« Angewidert sah sie hinüber zu einem großen, grob gezimmerten Holztisch, auf dessen speckig glänzender Platte weitere Messer lagen.

»Gruselig, nicht wahr?« Irmgard Thedinghausen lächelte halb stolz, halb verlegen. »Normalerweise hängen hier im Schlachthaus die Bilder meines Mannes. Aber jetzt hat er sie ja alle nach Leer gebracht zu dieser unglückseligen Ausstellung. Meinen Sie, die Kunstwerke sind noch zu retten?«

Roman dachte an Katenhusens Sammlung von Plastikbeuteln, stellte sich die Reste der Nebelschweine hier an den Fleischerhaken vor und wandte sich ab, um ein sehr unpassendes Grinsen zu verbergen. Lükka hatte es natürlich trotzdem bemerkt und räusperte sich.

»Ich würde mir da keine allzu großen Hoffnungen machen«, sagte sie vorsichtig und Roman flüchtete sich in einen Hustenanfall, der ihm die Tränen in die Augen trieb.

»Ja ja, im Sommer erkältet man sich leicht! Kommen Sie mal schnell weiter, hier zieht es immer so.« Durch die Tür am anderen Ende des Schlachthauses ging Irmgard Thedinghausen voraus auf einen sauber gepflasterten Hof. Gegenüber stand ein kleines gläsernes Gewächshaus, aber sie wies nach links hinüber zu einem Nebengebäude. »Da ist das Atelier, gehen Sie ruhig rein.« Sie verschwand so schnell wieder im Haus, als habe ihr Mann die üble Angewohnheit, Eindringlinge mit der Schrotflinte auf Distanz zu halten. Entsprechend überrascht war Roman, in dem geräumigen Stallgebäude, dessen Dach überwiegend aus Glas zu bestehen schien, einen zierlichen, grauhaarigen Mann anzutreffen, der sie müde, aber freundlich anlächelte. Er erhob sich aus einem bequemen Bürostuhl, der vor einem großen, hellen Kieferntisch stand, und schüttelte den Polizisten nacheinander die Hand wie lang ersehnten Gästen. Er ließ ihnen Zeit, sich in dem lichtdurchfluteten Raum umzusehen. Auf hellen Regalen standen Flaschen mit Farbe, aus einem alten Gurkenglas ragte ein Büschel verschieden dicker Pinsel und bunter Zahnbürsten mit farbverklebten Borsten, ringsum an den Wänden und den Mäuerchen ehemaliger Schweinekoben lehnten Leinwände und bemalte Sperrholzbretter jeder Größe. Nicht auf einem erkannte Roman etwas, das auch nur entfernt an paarungsbereite Spiralnebel erinnerte. Er trat näher an eine Staffelei, auf der das Bild eines Kutters im Ditzumer Hafen zu sehen war.

»Hübsch«, sagte Lükka.

Thedinghausen nickte, wirkte aber nicht geschmeichelt.

»Ja, hübsch. Mehr aber auch nicht.« Er lächelte entschuldigend. »Die Kunst geht nach Brot, wie man so sagt. Diese Auftragsarbeiten bringen die Butter aufs Brot, aber das Eigentliche, das, was wirklich zählt, ist das hier.« Er deutete auf den Schreibtisch. »Sie sehen, ich schwelge in Erinnerungen.« Er nahm einen Packen Fotos und breitete sie vor Lükka und Roman auf dem Tisch aus. »Das ist alles, was mir von meinem Lebenswerk geblieben ist.« In allen Farbschattierungen zwischen Nachtblau, Violett und strahlendem Rosa schillerten auf den Fotografien Sternenhaufen und Galaxien, schwarzbunte Kühe grasten am Rande der Milchstraße, grotesk verdrehte Mühlenflügel verwirbelten Spiralnebel, das Schweinepärchen vergnügte sich im Schwarzblau eines fernen Sonnensystems. Lükka Tammling erbleichte.

Auch wenn er die Bilder schauderhaft fand, war Roman doch fasziniert von der skrupellosen Verbindung, die Thedinghausen zwischen dem unendlichen Weltall und seiner ostfriesischen Umgebung geschaffen hatte.

»Ja, Sie spüren es, das merke ich sofort«, stellte der Künstler befriedigt fest. »Wir alle sind ein Teil des großen Ganzen, des allumfassenden Kosmos, der sich ständig selbst neu erschafft.« Versonnen betrachtete er eine Gruppe von Staphylokokken, die gemeinsam mit dem großen Bären um den Polarstern kreisten.

»Womit malen Sie eigentlich?«, fragte Roman, teils aus Mitleid mit Lükka Tammling, deren Blässe jetzt eine leicht grünliche Note angenommen hatte, teils aus echtem Interesse. Er war schon in einigen Künstlerateliers gewesen, und in jedem hatte es intensiv nach Leinöl und Terpentin gerochen. Warum roch es hier einfach nach frisch gestrichener Wohnung?

»Ach, das ist ganz verschieden«, erklärte Thedinghausen. »Für das Zeug da drüben«, er zeigte mit einer weit ausholenden Handbewegung auf die Staffelei und die anderen Bilder, »nehme ich oft Pastellkreide, manchmal wollen die Leute auch lieber ein Aquarell haben. Aber am liebsten male ich mit Acryl, das ergibt einfach das schönste Leuchten.«

»Kein Öl?«, fragte Roman überrascht.

Thedinghausen schüttelte indigniert den Kopf. »Manche mögen das ja. Aber das nimmt einem Künstler jegliche Spontaneität. Ewig muss man die Farben und Malmittel anmischen, dann wochenlang warten, bis eine Schicht durchgetrocknet ist, ehe man weitermalen kann. Ganz zu schweigen von der Sauerei, bis man alles wieder saubergemacht hat.« Er lachte. »Und meine liebe Frau würde sich bedanken, wenn ihr ganzes Haus nach Terpentin und Verdünnung stinken würde!«

Lükka hatte ihren Blick inzwischen an einem Aquarell festgehakt, das ganz diesseitig zwei Windmühlen vor strahlend blauem Sommerhimmel zeigte, und sich dabei genug erholt, um Thedinghausen zu fragen, ob er sich vorstellen könnte, wie es zu dem Feuer gekommen war.

Erwartungsgemäß schüttelte der Maler den Kopf. »Nicht jeder mag meine Bilder.« Er sah Lükka etwas vorwurfsvoll an. »Aber sie zu verbrennen – wer sollte so weit gehen?«

Die Kommissarin sah aus, als fielen ihr dazu eine Menge Leute ein, aber sie sagte nur: »Vielleicht ging es ja gar nicht um Ihre Ausstellung. Wer kann etwas gegen das Zollhaus selbst gehabt haben?«

»Ach so.« Thedinghausen überlegte. Offenbar war er noch nicht auf die Idee gekommen, der Brandanschlag könnte etwas weniger Wichtigem als seiner Kunst gegolten haben. »Nun ja, Künstler haben immer Gegner. Und Erfolg lockt die Neider an wie ein Misthaufen die Fliegen. Und Frau Reifschneider hat Erfolg mit ihrem Projekt. Auf das Gebäude waren ja damals auch andere Leute scharf. Fragen Sie die doch mal, wo sie vorletzte Nacht waren.«

Roman nickte. Er erinnerte sich an das lange Tauziehen um die Zukunft des Zollhauses. Manches war einfach nur noch ein Stück aus dem Tollhaus gewesen. Der hartnäckigste Konkurrent hatte während der Renovierung den Dachdeckern die Schieferplatten quasi unter dem Hintern weggeklaut, um sie für später einzulagern. Wann immer es Zoff ums Zollhaus gab, sprang Ferdinand Bungeroth unweigerlich aus der Deckung, um sein Interesse am Kauf des Hauses anzumelden.

»Nicht, dass ich irgendjemandem die Schuld in die Schuhe schieben will«, beteuerte der Maler. »Aber wenn Sie sagen, dass es Brandstiftung war, muss es ja einer gewesen sein, oder?«

Er sah Roman Sturm an, von dem er sich sichtlich mehr Verständnis erhoffte als von seiner Kollegin, die dekorativen Kommerzkitsch der wahren Kunst vorzog.

»Sicher, wenn es Brandstiftung war, hat jemand das Feuer gelegt«, bestätigte Roman. »Aber meine Kollegin hat nichts davon gesagt. Sie wollte nur wissen, ob Sie sich erklären können, wie das Feuer entstanden ist, mehr nicht.« Mit leiser Genugtuung registrierte er Thedinghausens verblüffte Miene. Er ließ ihm keine Zeit, sich davon zu erholen, sondern setzte nach: »Wo waren Sie eigentlich vorletzte Nacht?«

»Vorletzte Nacht? Sie meinen: Von Montag auf Dienstag? Da war ich oben an der Küste, auf Motivsuche. Montagvormittag habe ich noch die letzten Arbeiten an der Ausstellung erledigt. Anschließend habe ich dann zu Hause das Wohnmobil abgeholt und bin nach Norddeich gefahren. Fragen Sie meine Frau. Gestern Mittag hatte ich dann noch einen Termin in Greetsiel.«

»Mit wem?« Lükka hatte mitgeschrieben und notierte jetzt die Adresse eines Greetsieler Fischers, der vielleicht seinen Kutter porträtieren lassen wollte.

»Aber nur, wenn die Granatpreise wieder steigen, hat er gesagt«, ergänzte Thedinghausen wenig zuversichtlich.

Roman fand die Granatpreise eigentlich hoch genug, aber das hing wahrscheinlich davon ab, ob man ein Krabbenbrötchen kaufen wollte oder mit dem Fang seine Familie ernähren musste.

7.

»Was hältst du davon?«, fragte Roman, während sie die Sielstraße hinunter in Richtung Hafen schlenderten, wo sie den Wagen abgestellt hatten. Die Sonne schien immer noch heiß und sie hielten sich im schmalen Schattenband der eng stehenden Häuser, bis sie die Hafenmauer erreichten. Mit der Nase zur Kaimauer lag der rot-weiße Kutter von Thedinghausens Staffelei.

»Meinst du den weinerlichen Maler oder seine schauderhaften Bilder?« Lükka blieb stehen, um sich eine Zigarette anzuzünden. »Ich weiß nicht, was schlimmer war!«

Unten am Anleger hatte gerade die Fähre aus Petkum festgemacht. Die beiden warteten oben auf der Mauer über dem Sieltor, um den Schwarm bunter Fahrradurlauber abfließen zu lassen, die nach der aufregenden Reise über die Ems erst einmal die Ditzumer Hafenrestaurants ansteuerten, aus denen fettiger Fischgeruch durchs Dorf schwappte.

Roman hatte trotzdem Hunger. »Lass uns eben was essen«, schlug er vor, aber Lükka winkte ab. »Du kannst dir gerne einen toten Fisch holen. Aber mir ist von diesen Bildern übel genug.«

Roman lachte. »Du bist ganz schön hart. Der Kerl kann einem doch wirklich leid tun. Seine ganzen Bilder, einfach futsch. Für ihn war das echte Kunst, bestimmt mit viel Herzblut gemalt …«

»Dunkelblau und rosa.« Lükkas Gesicht war todernst, nur ihre grauen Augen funkelten.

»Ach, Mensch, du weißt doch, was ich meine«, sagte Roman. »Da hat er jahrelang dran rumgepinselt, ein Vermögen an Farbe auf die Leinwand getüncht, offenbar ohne dass ein Aas ihm was abgekauft hat. Verkaufen kann er nur das Zeug, von dem er selber nichts hält, und dann auch nur, wenn die Krabben nicht zu billig sind. Sein Geld verdient er also nicht mit dem, was er mag, sondern mit etwas, das ihn sichtlich ankotzt.«

»Mir kommen gleich die Tränen. Na und? Wem geht’s denn besser? Frag doch mal den Bandarbeiter bei VW, ob er den Job so liebt, der ihm Kohle bringt. Oder die Frauen, die in der Hähnchenschlachterei die Kadaver ausnehmen.« Lükka hatte sich in Rage geredet. »Die haben vielleicht ein Recht, sich zu beschweren, aber doch nicht dieser Thedinghausen mit seinem Häuschen in Ditzum, dem schnieken Atelier und dem großen Campingwagen!« Sie hob grüßend die Hand, als vom Fähranleger her ein großer, kräftiger Mann heftig herüberwinkte. »Der da drüben kann dir schon eher leid tun, wenn du so auf erfolglose Künstler stehst. Paule malt auch, aber das Geld für seine Tuschfarben verdient er sich, indem er hier den Dreck vom Deich sammelt oder für ein paar Kröten auf Baustellen oder bei der Werft Hilfsarbeiten erledigt. Aber ihn habe ich noch nie über einen frustrierenden Job jammern gehört.«

Sie hatten den Parkplatz erreicht und Paule kam strahlend auf sie zu, um Lükka zu begrüßen. Lükka stellte Roman vor und wechselte ein paar Worte mit dem freundlichen Riesen. Seine Einladung, eben mitzukommen und sich seine Bilder anzuschauen – »Zweitausend inzwischen!«, verkündete er stolz – lehnte sie allerdings nachdrücklich ab und beeilte sich, das Auto aufzuschließen.

»Eigentlich wollte ich auch nicht deine Meinung über Thedinghausens Bilder hören«, nahm Roman den Faden wieder auf, während Lükka den Wagen über die schmale Allee steuerte. »Ich meinte eher seine Anspielung auf Bungeroth. Meinst du, da könnte was dran sein?«

So richtig glaubte er nicht daran, dass der verhinderte Erlebnisgastronom das Zollhaus in Brand gesteckt haben könnte, auch wenn der dafür bekannt war, mit harten Bandagen zu kämpfen. Es war ihm zwar nicht nachzuweisen, aber dass der Verein immer wieder Ärger bekam, weil Schankkonzessionen für die großen Parties fehlten, auf die Einnahmen keine Vergnügungssteuer abgeführt wurde oder Zweckmäßigkeit bisweilen wichtiger genommen wurde als der Denkmalschutz, schrieb Roman auf Bungeroths Rechnung. Es war mit großer Wahrscheinlichkeit auch dessen Verdienst, dass eine wahre Goldgrube von Altstadtcafé dichtmachen musste, weil im Rathaus nach mehr als zwanzig Jahren ganz plötzlich jemand bemerkt hatte, dass für die Größe des Lokals nicht genügend Parkplätze ausgewiesen waren. Bungeroth war ein neidisches Aas, aber blöd war er nicht. Wenn der Unternehmer das Zollhaus kaufen und zu einem Multifunktionslokal mit zugkräftigen Shows, teurem Essen und exklusiven Boutiquen umbauen wollte, hatte er jetzt eindeutig sein Ziel verfehlt.

Offensichtlich waren Lükkas Gedanken in dieselbe Richtung gegangen. »Ist ja nicht mehr viel übrig, was er kaufen könnte. Aber wer weiß, vielleicht wollte er mit der Aktion die Zollhausleute nur so mürbe machen, dass sie die Lust verlieren. Und dann hat er es beim Zündeln etwas übertrieben und ärgert sich jetzt die Pest an den Hals.«

Roman nickte nachdenklich. Möglich war das und besser als nichts allemal.

Donnerstag

8.

»Bis auf deinen kleinen Fahrraddieb haben wir jetzt alle zu packen gekriegt, die an dem Morgen beim Zollhaus waren. Rausgekommen ist dabei allerdings nichts. Sieh zu, dass du den Knaben möglichst bald ausfragst, warum er es so eilig hatte. Vielleicht bringt uns das ja weiter.«

Roman war dankbar für Lükkas Gelassenheit. Sein Besuch im Supermarkt war am Morgen ein glatter Reinfall gewesen. Chalid hatte frei, am Spezialitätenstand war ein jüngerer Mann, aus dem außer Chalids Nachnamen nichts rauszubekommen war, und Supermarktchef Eigenbrood war auch nicht im Haus.

Lükka machte Roman keine Vorwürfe, weil er den Jungen gestern nicht gleich in der Flaschenannahme festgenagelt hatte, statt sich um sein eigenes Abendbrot zu kümmern, aber das war auch gar nicht nötig. Niemand war besser darin, Roman Sturm seine Fehler unter die Nase zu reiben als er selbst, allerhöchstens der Leiter des Fachkommissariats, aber Hauptkommissar Stahnke hatte zum Glück Urlaub.

Verbissen hackte Roman den Namen »Chalid Bihal« in alle zugänglichen Datenbanken, aber der Computer kannte weder den Jungen noch irgendeinen Angehörigen. Roman besuchte sogar Dirk Baukloh, der zwischen seinen Regalen voller konfiszierter Bongs und Pfeifen hockte wie in einem Secondhandladen für Kiffer. Dixis Aftershave war nicht völlig verdunstet, hatte es aber schwer, gegen den Schweißgeruch anzustinken. Roman war nicht sicher, ob der aus Bauklohs Poren dünstete oder von den Platten Cannabisharz stammte, die Dixi gerade abwog und deren Gewicht er in eine Liste eintrug.

Ohne etwas über Chalid erfahren zu haben, stand Sturm kurz darauf wieder in dem Büro, das er sich mit Lükka teilte, und atmete erst mal tief durch, obwohl die Kollegin seine Abwesenheit offenbar dazu genutzt hatte, eine halbe Schachtel Zigaretten durch die Bronchien zu jagen.

»Baukloh hat auch keinen Kunden, der Bihal heißt oder auf den die Beschreibung passt«, berichtete er. »Wenn ich bei dem war, bin ich heilfroh, beim 1. FK zu sein und nicht beim Rauschgift. Der Gestank da ist einfach unschlagbar.«

»Du warst zu lange nicht bei einer Obduktion. Danach denkst du bestimmt anders.«

»Oh nein, bitte nicht.« Roman starrte Lükka an, die sich angelegentlich einen Fussel vom Ärmel zupfte. Wie schaffte sie es bloß, bei dieser Hitze in einer langärmeligen schwarzen Bluse herumzulaufen und trotzdem so frischgeduscht zu wirken? »Sag nicht, dass ich nach Oldenburg muss.«

Sturm hatte schon bei vielen Leichenöffnungen die Staatsanwaltschaft vertreten müssen, aber daran gewöhnt hatte er sich immer noch nicht. Es gab Kollegen, die Bilder von Verbrechensopfern, die auf dem kalten Granittisch ihre letzten Geheimnisse preisgaben, nach Feierabend abschalten konnten wie eine DVD, aber Roman hatte jedes Mal in den Nächten danach seine ganz private Kinovorführung. Horrorfilme aus der untersten Schublade unterm Ladentisch und keinen Pfennig dazubezahlt. »Eigentlich will ich heute …«, er überlegte fieberhaft, wie er diesmal den Knochenjob an Lükka abdrücken könnte. Ach ja! »… noch zum Landkreis. Vielleicht hat die Ausländerbehörde irgendetwas über die Kinder in den Akten.« Das konnte klappen, denn Lükka Tammling stand mit Wilma Poppen vom Ausländeramt schon seit der Schulzeit auf Kriegsfuß. Angeblich, weil für die große Blonde der Name schon früh Programm geworden war. Gute Chancen also, dass Lükka den Termin in der Gerichtsmedizin vorziehen würde.

»Außerdem ist mein Wagen in der Werkstatt«, zog Roman noch einen Trumpf aus dem Ärmel.

»Da habe ich gute Neuigkeiten. Oder schlechte – je nachdem. Deine Karre ist fertig und so fahrbereit, wie sie nur sein kann. Wenn sie das überhaupt jemals war. Ich übernehme Wilma Poppen, du den netten Onkel Doktor, so haben wir heute Nachmittag beide unseren Spaß.«

Ein energisches Klopfen an der Bürotür vereitelte Romans Versuch, eine neue Verhandlungsrunde zu starten. Wer so aussah wie der Mann, der nach Lükkas »Ja, bitte« im Raum erschien, suchte das Fachkommissariat für Todesermittlung in der Regel nicht persönlich auf, sondern wartete auf einen Hausbesuch. Das freundliche Lächeln, das die fensterlederartige, bleiche Haut spannte, vertiefte die Schatten um die tiefliegenden Augen, die hinter der getönten Brille fiebrig leuchteten. Volker Noormann, so stellte der Spuk sich mit überraschend kräftiger Stimme vor, pflegte allerdings ein höchst lebendiges Hobby: Er fotografierte. Seinen Motiven stellte er regelmäßig nach, genau nach Fahrplan, und an ausgefahrenen Gleisen. Gegenüber einem Tierfotografen war er als passionierter Eisenbahnknipser eindeutig im Vorteil, denn anders als Waschbären oder Blaukehlchen ließen die Züge der deutschen Bahn höchstens mal eine Stunde auf sich warten und waren deutlich spurtreuer. Vergleichsweise leichte Beute also. Für Roman reichte das allein nicht aus, um die Faszination zu erklären, die einen Menschen dazu brachte, seine Tage an staubigen Schotterbetten zu verbringen. Aber einen Vorteil lernte er schätzen, als Noormann den obersten Reißverschluss seiner großen, schwarzen Kameratasche aufzog und einen Packen Fotos auf den Tisch legte. Züge hielten sich gewohnheitsmäßig auf den Schienen zwischen zwei Bahnhöfen auf und traten an solchen Orten mehr oder weniger so zuverlässig auf wie die Tapire an der Tränke. Deshalb war auch Noormann gerne am Bahnhof und hatte im ersten Büchsenlicht des frühen Dienstagmorgens auf der Lauer gelegen. Direkt gegenüber vom Zollhaus. Am Dienstagmorgen war aber der Regionalexpress nach Münster nicht planmäßig um 5.02 Uhr gekommen, so dass Noormann die erhoffte Begegnung des RE 14103 mit der Regionalbahn RB 34530 entgangen war.

Nicht entgangen war ihm aber, dass sich jemand am Zollhaus herumgedrückt hatte. Die Fotos, die Noormann geschossen hatte, waren trotz des Dämmerlichts erstaunlich scharf, die Anschaffung eines lichtstarken Objektivs hatte sich zumindest aus Sicht der Kripo gelohnt.

»Ein bisschen weit weg ist es ja.« Zweifelnd nahm Lükka das klarste der Fotos in die Hand, drehte es um und hielt es verkehrt herum gegen das strahlende Sonnenlicht, das durch die fleckige Fensterscheibe fiel, um die Schärfe und den Kontrast einzuschätzen. »Aber vielleicht kann ich in unserem Bildbearbeitungsprogramm genug rauskitzeln, damit es für ein Fahndungsfoto reicht. Haben Sie die Bilder auf CD dabei oder können Sie uns den Speicherchip Ihrer Kamera hierlassen?«

Noormann sah sie gekränkt an. Einen Speicherchip? Seine Kamera? Nicht doch! »Ich fotografiere noch richtig. Digitalbilder haben doch überhaupt keinen künstlerischen Wert.«

Lükka seufzte leise und Roman konnte das gut verstehen. Ein Dinosaurier mit Kleinbildfilm. Den Nachmittag würde sie also nicht nur damit verbringen, Wilma Poppen ein paar Informationen zu entlocken, sondern auch mit dem Einscannen von Volker Noormanns hochkünstlerischen Technikidyllen. »Trotzdem vielen Dank. Sie haben uns sehr geholfen.«

9.

Brummend mühte sich der Lichtbalken unter der Glasplatte entlang, während der Scanner das Negativ Zeile für Zeile abtastete. Den Papierabzug des Fotos einzulesen, war reine Zeitverschwendung gewesen. Auch in der höchsten Auflösung konnte Lükka auf dem Bildschirm nicht mehr erkennen, als dass eine schlanke Gestalt mit langen, offenbar blonden Haaren beim Zollhaus herumgelaufen war. Lükka vermochte nicht einmal zu sagen, ob die Aufnahme einen Mann oder eine Frau zeigte. Direkt vom Negativ konnte sie hoffentlich mehr Details herauskitzeln, sonst brauchten sie erst gar keine Fahndung anzuleiern. Such mal in Ostfriesland einen bestimmten Blonden …

Das Brummen stoppte, der Abtastbalken fuhr zurück in seine Ausgangsposition und das Foto baute sich langsam im Bildbearbeitungsprogramm auf. Na, mal schauen. Lükka markierte den hellen Fleck, an dem sie das Gesicht des – oder der – Unbekannten vermuten durfte, und vergrößerte ihn, bis er den Bildschirm beinahe ausfüllte.

Fehlanzeige. Ein Gesicht war es wohl, aber die Darstellung war noch immer viel zu pixelig. Aus diesen unterschiedlich hellen Vierecken war nichts Verwertbares zu erkennen. Also noch mal.

Die Arbeitsteilung heute war schon in Ordnung. Roman Sturm war am Seziertisch nicht schlechter aufgehoben als Lükka, aber am Computer war Lükka Tammling eindeutig die bessere Besetzung. Auch diesmal bereitete ihr der Kampf mit der Technik ein grimmiges Vergnügen. Ein Computer konnte ein hartnäckiger Gegner sein, aber in den meisten Fällen behielt die Kommissarin die Oberhand.

Sie ließ den Ausschnitt wie beim vorigen Mal, stellte dafür aber die Auflösung doppelt so hoch ein. Vergrößerung 300 Prozent, Auflösung 1200 dpi, allerfeinste Druckqualität. Das Scanprogramm drohte mit einer enormen Dateigröße und bot eine geringere Auflösung an.

»Denkste«, brummte Lükka. Sie klickte die Warnung weg und wählte stattdessen Scan akzeptieren. Die Mechanik ließ ein sonores Brummen hören. Lükka legte die Hand auf die Abdeckplatte des Scanners und das Vibrieren übertrug sich über ihren Arm in den ganzen Körper, bis es den Magen erreichte. Dort vereinte es sich mit dem Hunger, der sich schon seit geraumer Zeit zu Wort meldete. Mittag war vorbei, das Frühstück hatte sie ausfallen lassen. Auch jetzt hatte sie eigentlich keinen Appetit. Trotzdem zog Lükka einen Apfel aus der Tasche und legte ihn vor sich auf ihren Schreibtisch, der deutlich übersichtlicher war als der ihres Kollegen. Ein Wunder, dass Roman Sturm nicht alle Nase lang wichtige Dinge verschlampte.

Das Brummen des Scanners stoppte und langsam, Zeile für Zeile, baute sich das Foto auf dem Bildschirm auf. Ein bisschen unscharf war es noch immer, aber die Gestalt hatte jetzt ein Gesicht, ziemlich sicher ein Männergesicht. Na also. Lükka speicherte das Bild und bereitete eine Rundmail mit dem Fahndungsaufruf an alle Dienststellen vor. Dann schob sie den Apfel an die Seite. Er musste warten. Jetzt fühlte sie sich bestens gewappnet für ein Telefongespräch mit Wilma Poppen.

10.

»Feierabend!«

Sturm schaffte es, keine Miene zu verziehen und dem schnauzbärtigen Mann, der ihn erwartungsfroh anstrahlte, ungerührt die Hand zum Gruß entgegenzustrecken. Dr. med. Feierabend bewies seinerseits trotz seiner knappen einssechzig wahre Größe: Er ließ sich die Enttäuschung darüber nicht anmerken, dass der Kommissar nicht auf seinen Köder anbiss, weder überrascht die Augenbrauen hob, noch erstaunt fragte, ob er zu spät gekommen sei oder sich im Termin versehen hätte.

»Kann gleich losgehen, Moment noch.« Mit einladender Handbewegung lotste der Gerichtsmediziner Sturm in sein Büro. Während Feierabend aus einer Plastikdose auf seinem Schreibtisch ein handfestes Leberwurstbrot nahm und herzhaft hineinbiss, sah sich der Kommissar in dem großen, dunkel möblierten Raum um. Von den deckenhohen Regalen erwiderten rund sechzig Paar Augenhöhlen seine Blicke. In der scheinbaren Gleichförmigkeit des fleischlosen Grinsens entdeckte Roman auf den zweiten Blick erstaunliche Vielfalt, kein Schädel glich dem anderen. Nicht nur die Größen zeigten deutliche Unterschiede, auch die Farben variierten zwischen einem hellen Elfenbeinton und dunkel rötlichem Graubraun. Glatte Oberflächen wechselten sich mit spröde abblätternder Struktur ab. Kantige Kiefer bleckten neben schmalen Gebissreihen. Hohe, gerade Stirnen sah Roman ebenso wie ausgeprägte Augenbrauenwülste. Von wegen: Der Tod macht alles gleich.

Auf Augenhöhe lag neben einem der helleren Schädel ein Gegenstand im Regal. Roman ging näher heran und erkannte einen Zimmermannshammer.

»Eines unserer schönsten Stücke.« Feierabend war auf leisen Sohlen neben Roman getreten und nahm nicht den Hammer, sondern den daneben liegenden Schädel vom Bord. »Hier, sehen Sie!« Er drehte die knöcherne Schale und deutete auf ein trapezförmiges Loch oberhalb der Hutkrempenlinie. »Das Loch hier ist ganz charakteristisch für das Tatwerkzeug, diesen Zimmermannshammer hier. Als Ihre Kollegen nach der Obduktion die Waffe kannten, hatten sie auch ganz rasch den Täter.«

Roman brummte anerkennend und nickte. Er versprach sich von seinem heutigen Besuch keinen so unmittelbaren Erfolg. Er wollte diesen Pflichttermin im gerichtsmedizinischen Institut einfach nur möglichst schnell hinter sich bringen und war froh, dass Feierabend sich jetzt zur Tür wandte und ihm bedeutete mitzukommen. Na ja, ungefähr so froh, wie wenn eine Zahnarzthelferin ihn ins Behandlungszimmer bat.

Auf dem Granittisch in der Mitte des neonhellen Raumes hatten der Präparator und die assistierende Ärztin schon einen entkleideten Körper bereitgelegt. Feierabend legte seine Tupperdose auf ein Regal, streifte ein Paar Latexhandschuhe über und holte ein Diktiergerät aus der Schublade.

»Am besten unterschreiben Sie gleich, dass Sie bei der Leichenöffnung dabei waren«, empfahl er Sturm. »Wer weiß, ob Sie später noch einen Stift halten können.« Er wies mit einer Kopfbewegung auf ein Formular und Roman unterschrieb sofort, ohne gekränkt zu sein. Feierabend hatte sich bereits dem Toten zugewandt, während Roman sich noch ein paar Tropfen japanischen Heilpflanzenöls unter die Nase tupfte. »Männlicher Leichnam, Name: unbekannt. Geburtsdatum: unbekannt. Alter ungefähr zwölf bis vierzehn. Sterbedatum.« Er nannte das Datum des Brandes, diktierte Kommata und Doppelpunkte akribisch mit.

Sturm wandte sich ab und lehnte sich an einen Schrank nahe der Tür. Es langte ihm völlig, von oberflächlicher Karbonisation der epidermalen Schichten, von Verbrennungen ersten, zweiten und dritten Grades und postmortalen Verletzungen zu hören. Sehen mochte er sie nicht auch noch.

Auf ein Kommando des Gerichtsmediziners drehten der Präparator und die Ärztin den Körper des toten Jungen um.

»Zweifellos hat er bei Brandausbruch noch gelebt.« Feierabend wandte sich jetzt direkt an Sturm und winkte ihn heran. »Hier sehen Sie deutlich die Krähenfüße. Sie entstehen durch das feste Zusammenkneifen der Augen. Die Hautfalten, die sich dabei bilden, verbrennen nicht und sind auch nicht rußig. Und hier: Die Wimpern sind nur an den äußersten Spitzen versengt – noch ein vitales Zeichen.« Er unterbrach sich und sah Roman Sturm an, dessen Kiefermuskulatur sich verkrampft hatte. »Ich dachte, das wollten Sie wissen.«

Roman nickte wenig überzeugend. Dass die Opfer noch gelebt hatten, als das Zollhaus zu brennen begann, hatte er ohnehin nie bezweifelt. Aber nun hatte er es offiziell, wunderbar.

»Ob Brandbeschleunigungsmittel eingesetzt wurden und wenn ja, welche, steht hinterher im Bericht«, fuhr der Gerichtsmediziner fort.»Dazu müssen wir erst das Lungengewebe durch den Gaschromatographen jagen. – Außen sind wir fertig, lasst uns mal nachsehen, wie’s drinnen aussieht.«

Die Ärztin setzte das Skalpell an der Halsgrube an und zog einen feinen, geraden Schnitt in Richtung Nabel. Der Präparator am Kopfende des Steintisches ließ den Elektromotor seiner Säge summen und der Kommissar murmelte eine Entschuldigung, ehe er auf den Flur stürmte.

»Den Gang runter, dritte Tür links!«, erinnerte ihn Feierabend.

Als Roman zurückkam, mümmelte Feierabend bereits wieder an seinem Leberwurstbrot, während die junge Ärztin dabei war, Lunge und Leber des Toten zu wiegen und Probenbehälter zu beschriften. Der Gerichtsmediziner hob die Hand mit der angebissenen Stulle und winkte in Romans Richtung. »Sorry«, nuschelte er mit vollem Mund, als er Romans Blick bemerkte. »Zu Hause darf ich keine Wurst essen, höchstens heimlich auf dem Lokus.«

»Sie kommen genau richtig zum zweiten Gang«, verkündete der Präparator. Er hatte den Steintisch gereinigt und wandte sich der Tür zum Nebenraum zu, um die fahrbare Liege mit dem zugedeckten Körper in die Kühlung zurückzubringen.

Er verschwand mit der Liege, kam aber nur Augenblicke später mit einer weiteren zurück. Das Tuch darauf hatte einen wesentlich kleineren Berg und Roman spürte, wie sich sein Zwerchfell zusammenzog und seine Kiefer sich wieder verkrampften. Den Jungen hatte er hier in der Gerichtsmedizin zum ersten Mal gesehen. Das Mädchen mit den weichen Locken aber hatte noch gelebt. Er hatte die Kleine in ihrem dunkelblauen Schlafanzug mit den gelben Sternen aus dem brennenden Zollhaus getragen und hatte daneben gestanden, als der Notarzt ihr die Sauerstoffmaske über Mund und Nase gehalten hatte, hatte das bedauernde Achselzucken des Arztes gesehen, der den Kampf um das Leben dieses Kindes verloren hatte. Roman zwang sich zu einem tiefen Atemzug, ließ die Luft bewusst durch die Nase bis in den Bauch strömen und durch den Mund entweichen. Das Pfefferminzöl brannte sich dabei durch die Atemwege und trieb ihm die Tränen in die Augen, aber seine verkrampften Muskeln lösten sich nach dem dritten Atemzug.

Der Präparator sah Roman mitfühlend an.

»Ich mach diesen Job jetzt fast zwanzig Jahre«, sagte er. »Aber bei Kindern ist es immer noch schlimm. Ich sag mir dann immer: Ich mach das, um zu helfen, damit ihr den Täter findet.«

Roman nickte wortlos. Es war Unsinn, dass er sich schuldig fühlte. Er hätte nicht mehr tun können, um das Mädchen zu retten. Und trotzdem blieb dieses Nagen, das quälende Gefühl, er hätte schneller sein müssen.

An seinem rechten Oberschenkel spürte er ein Brummen, unmittelbar danach lärmte seine Hosentasche. Roman brauchte einen Moment, um das Geräusch seinem Handy zuzuordnen und das kleine Gerät herauszufummeln. »Ja?«

»Bist du es, Roman?«

»Lükka. Was gibt’s?«

»Ich weiß, dass du zu tun hast. Aber wenn du in Oldenburg fertig bist, solltest du besser schnell herkommen. Ich weiß jetzt, wer die Kinder sind.«

Pulsuz fraqment bitdi.

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25 may 2021
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