Kitabı oxu: «Und wenn die Welt voll Teufel wär ...»
Heinrich Christian Rust
Und wenn die Welt voll Teufel wär …
Christen in der Auseinandersetzung mit dunklen Mächten

Zu diesem Buch
In den letzten Jahren erwachte ein neues Bewusstsein für die Existenz des Bösen. In diesem Buch zeichnet Heinrich Christian Rust ein Bild dieses realen Kampfes zwischen Gut und Böse.
Indem er die Aussagen der Bibel zur unsichtbaren Wirklichkeit wahr- und ernst nimmt, gelingt ihm eine nüchterne Bestandsaufnahme. Zwischen fundamentalistischer Schwarz-Weiß-Malerei, rationalistischer Leugnung und charismatischer Erfahrungs-Theologie findet Rust zu einer biblisch begründeten Position.
Dabei bleibt das Buch nicht theoretisch: Am Ende gibt der Autor auch handfeste Ratschläge für den Umgang mit dämonischen Belastungen in der Praxis.
„Ein wesentlicher und unentbehrlicher Beitrag zu einer Diskussion, der wir nicht länger ausweichen sollten.“
Dr. Roland Werner im Vorwort
Über den Autor
Dr. Heinrich Christian Rust, geboren 1953, ist Pastor einer Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde in Braunschweig. Er ist verheiratet mit Christiane und Vater von drei erwachsenen Kindern.
Nach dem Studium in Hamburg und Leuven/Belgien war er Landesjugendpastor in Niedersachsen, Gemeindepastor in Hannover und Referent für missionarische Gemeindedienste im Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden in Deutschland (EFG). Seit 2003 ist er Pastor einer Baptistengemeinde in Braunschweig.
Heiner Rust ist auch als Autor und Referent bekannt und war Sprecher des Kreises Charismatischer Leiter sowie Delegierter im Theologischen Ausschuss der Lausanner Bewegung. Er engagiert sich in zahlreichen Initiativen, darunter auch im Vorstand des Christlichen Gesundheitskongresses sowie im Institut für Gemeindebau und Weltmission Deutschland.
Weitere Veröffentlichungen von Dr. Heinrich Christian Rust (Auswahl):
Beten – 7 Gründe, warum ich es tue. Neufeld, Schwarzenfeld 2006
Charismatisch dienen – gabenorientiert leben. Oncken, Kassel 2006
Geist Gottes – Quelle des Lebens. Grundlagen einer missionalen Pneumatologie. Neufeld, Schwarzenfeld 22015
Gemeinde der Zukunft. Aufbrechen aus der Stagnation. Oncken, Kassel 2006
Gemeinde lieben – Gemeinde leiten. Oncken, Kassel 1999
Prophetisch leben – prophetisch dienen. Die Entdeckung einer vergessenen Gabe. SCM R. Brockhaus, Witten 2014
Relevante Gemeinde. Die Gemeinde von morgen beginnt heute. Oncken, Kassel 2009
Über allem die Liebe. Zehn Predigten. Oncken, Kassel 2011
Wie unser Christsein neu werden kann. Der 5x5-Kurs. Oncken, Kassel 2004
Impressum
Dieses Buch als E-Book:
ISBN 978-3-86256-763-8
Dieses Buch in gedruckter Form:
ISBN 978-3-937896-55-7, Bestell-Nummer 588 655
Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der
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Daten sind im Internet über www.d-nb.de abrufbar
Bibelzitate, soweit nicht anders angegeben, sind der Bibel, Revidierte Elberfelder Übersetzung, entnommen. © 1985/1991/2006 R. Brockhaus Verlag, Wuppertal. Verwendet mit freundlicher Genehmigung des Verlages
Umschlaggestaltung: spoon design, Olaf Johannson Umschlagbild:Shutterstock.com Satz: Neufeld Verlag
© 2007 Neufeld Verlag Schwarzenfeld
(Überarbeitete Neuauflage: Eine frühere Ausgabe dieses Buches erschien 2002 im Verlag Projektion J, Asslar)
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Inhaltsverzeichnis
Zu diesem Buch
Über den Autor
Impressum
Vorwort
Einleitung: Unerwartete Begegnungen
1 Eine Welt – oder viele Welten?
1. Von antiken Weltanschauungen zum rationalistisch-materialistischen Weltbild
2. Konfrontation mit der unsichtbaren Wirklichkeit
3. Biblische Grundaussagen zu einer ganzheitlichen Weltsicht
a) Es gibt (nur) einen Gott
b) Gott ist der Schöpfer der sichtbaren und unsichtbaren Welt
c) Die Realität des Bösen wird als antigöttliche Macht bezeugt
d) Der Mensch ist für die Gemeinschaft mit Gott und Menschen geschaffen
e) Die Sünde des Menschen und ihre Auswirkungen
f) Die Erlösung durch Jesus Christus
g) Das Reich Gottes und das Volk Gottes
h) Der neue Himmel und die neue Erde
i) Die Erkenntnis der biblischen Wirklichkeit
4. Plädoyer für ein zukunftsfähiges Weltbild
a) Die Notwendigkeit der Neu-Deutung biblischer Sprache
b) Die Notwendigkeit der Denkmöglichkeit biblischer Weltsicht
c) Die Notwendigkeit der theologischen Zuordnung satanischen Machtanspruchs
d) Die Notwendigkeit der Zuordnung von Kultur und Weltbild
2 Erfahrene Wirklichkeit und biblische Wahrheit
1. Das biblische Wort als Deuterahmen erfahrener Wirklichkeit
2. Erfahrungen und Erkenntnisse, die in der Bibel nicht bezeugt werden
a) Die Christus-Zentriertheit
b) Die Übereinstimmung mit dem biblischen Zeugnis
c) Die Beurteilung durch die Gemeinde
3. Sprache als Denkmuster
a) Die personhafte Sprache
b) Ontologische Sprache
c) Definitionen
4. Was bedeutet bibeltreu? Sieben Thesen
a) Die biblischen Texte haben sowohl historische Faktizität als auch metaphysischen Charakter.
b) Die Bibel beschreibt die eine Wirklichkeit, die nicht allein durch den Verstand wahrgenommen werden kann.
c) Im Zentrum der biblischen Wirklichkeit steht die Christusoffenbarung.
d) Die Autorität der biblischen Schriften ist begründet in ihrer Inspiriertheit durch den Heiligen Geist und der von der Kirche autorisierten Kanonbildung.
e) Es gibt eine ganze Reihe von metaphysischen Erfahrungen und Erkenntnissen, die in den Schriften der Bibel nicht bezeugt werden, die dennoch als real anerkannt werden müssen.
f) Der metaphysische Charakter biblischer Offenbarung zeigt auch Grenzen der Sprache auf.
g) Die unterschiedliche Begrifflichkeit der biblischen Texte macht eine sorgfältige Definition notwendig, um lehrmäßige Klarheit zu erzielen.
3 Der Einfluss des Bösen
1. Die Gestalt des Bösen
2. Die Erfahrungsebenen des Bösen
a) Die individuelle Ebene
b) Die gemeindliche Ebene
c) Die gesellschaftliche Ebene
d) Die kosmische Ebene
3. Das Wesen und die Taktik des Bösen
a) Der Versucher
b) Der Lügner
c) Der Mörder
d) Der »Engel des Lichtes«
e) Der Besiegte
4. Vom Ursprung des Bösen
a) Metaphysischer Dualismus
b) Monismus
c) Unerklärbarkeit
d) Das »Nichtige«
e) Resultat des Missbrauchs menschlicher Freiheit
f) Gefallener Engel
Fazit
5. Vom Ende des Bösen
a) Die große Drangsal (Offb. 7, 1–17)
b) Der Antichrist
c) Die Wiederkunft Jesu Christi und das Gericht über den Antichristen
d) Die Bindung Satans und das Tausendjährige Reich
e) Das endgültige Gericht über Satan
6. Die Hölle
a) Die Hölle ist nicht dasselbe wie das Totenreich
b) Der Feuerpfuhl
c) Die Ewigkeit der Verdammnis
4 Die Macht Gottes
1. Gott als alleiniger Schöpfer
2. Die Sendung Jesu Christi in die Welt
3. Der Sieg Jesu Christi durch Kreuz und Auferstehung
4. Die Macht des Heiligen Geistes
a) Der evangelistische Dienst des Heiligen Geistes
I. Der Nicht-Glaube an Jesus ist Sünde
II. Die Gerechtigkeit
III. Das Gericht
b) Der organisch-umgestaltende Dienst des Heiligen Geistes
c) Der charismatische Dienst des Heiligen Geistes
d) Der pädagogische Dienst des Heiligen Geistes
5. Der Dienst der Engel
a) Der Ursprung der Engel
b) Die Funktionen und das Wesen der Engel
5 Die Verantwortung des Menschen
1. Personsein und Freiheit – der Mensch als Gottes Ebenbild
2. Verlorene Freiheit – die Macht der Sünde
a) Die Sündenerkenntnis
b) Die Versuchung zur Sünde
c) Der gefallene Mensch – Die Lehre von der Erbsünde
I. Die Sünde ist unausweichlich
II. Die Sünde ist Schuld
III. Die Sünde verwirklicht sich in den Sünden
IV. Das Ausmaß der Sünde
3. Erlösung und Befreiung – die Neuschöpfung des Menschen
4. Leben mit Anfechtungen – Christen als Überwinder
a) Kenne den Feind!
b) Bleibe in der Liebe Gottes!
c) Sei stark in Christus!
d) Sei vom Geist erfüllt!
e) Sei aktiv im christlichen Zeugnis und Dienst!
f) Beeile dich, deine gestörten Beziehungen in Ordnung zu bringen!
g) Ziehe die Waffenrüstung Gottes an!
h) Sei beständig im Gebet!
i) Lobe Gott!
5. Macht- und Ohnmachtserfahrungen – die Frage nach einer möglichen Dämonisierung von Christen
a) Das Zeugnis der Bibel in dieser Frage ist nicht eindeutig zu beantworten.
b) Die Erfahrungen unzähliger Christen und Seelsorger bezeugen die Wirksamkeit dämonischer Kräfte im Leben von wiedergeborenen Christen.
c) Die Wirkungsweise der Dämonen ist zu berücksichtigen.
I. Satan wirkt in einer vielfachen Gestalt.
II. Auch Christen werden massiv vom Satan angegriffen.
III. Die Einflussnahme des Satans und seiner Dämonen kann unterschiedliche Auswirkungen haben.
6 Die Autorität der Gemeinde
1. Zwischen Angst und Oberflächlichkeit
2. Beauftragung und Bevollmächtigung
a) Vollmacht ist Teilhabe an Gottes Macht
b) Die Vollmacht Jesu Christi
c) Die Vollmacht der Gemeinde Jesu
d) Die gefährdete Vollmacht
e) Vollmacht und Liebe
f) Vollmacht und Souveränität
7 Die Befreiungsdienste der Gemeinde
1. Die Abwehr dämonischer Angriffe im Leben eines Christen
a) Bewusste neue Hingabe des Lebens an Jesus Christus
b) Vergebung
c) Dämonen gebieten
d) Bitte um Heilung, Stärkung und Erfüllung mit dem Heiligen Geist
2. Der Dienst an dämonisierten Menschen
3. Hilfen zur Diagnose bei Dämonisierungen
a) Sünde im Leben eines Menschen
b) Körperliche und seelische Symptome
c) Okkulte Praktiken
d) Belastung durch die Familiengeschichte oder durch Flüche
e) Identifizierung der Dämonen
f) Geisterunterscheidung
g) Der Rat von Humanwissenschaftlern
4. Der konkrete Vollzug der Befreiung
a) Vorbereitung
b) Bekennen und Lossagen
c) Vollmächtiges Gebieten
d) Dank und Annahme der Befreiung
e) Erfüllung mit dem Heiligen Geist
5. Wenn die Befreiung ausbleibt
8 Die Konfrontation mit überpersönlichen finsteren Mächten
1. Gibt es überpersönliche finstere Mächte?
2. Grundlagen und Strategien der so genannten geistlichen Kampfführung
a) Buße über den Sünden der Städte und Nationen
b) Versöhnungswege
c) Gebetsmärsche und nationale Gebetstage
d) Spiritual Mapping
e) Königin des Himmels
3. Würdigung und Kritik
a) Die Betonung der Evangelisation
b) Die Stärkung des Gebetes
c) Die Bedeutung der Einheit
d) Die Sensibilisierung für die geistliche Dimension der Kultur
e) Der Akzent der Buße
a) Mangelnde biblische Grundlage
b) Die Betonung der Identifizierung von Dämonen und Mächten
c) Sünden einer Nation können nicht vergeben werden
d) Gibt es eine Optimierung satanischer Präsenz in dieser Welt?
e) Es gibt keine Aufforderung zur offensiven Konfrontation
I. Die »Confronters« greifen die dämonischen Mächte direkt an und fordern sie heraus.
II. Die »Moderates« betonen zwar einige Aspekte der geistlichen Kampfführung, wie z. B. das Gebet oder auch die Einheit der Christen, sie bejahen auch die Existenz von überpersönlichen finsteren Mächten, sie reagieren jedoch nur, wenn sie dazu aufgefordert werden.
III. Als dritte Gruppe nennt Thomas White die Konservativen (Conservatives).
4. Ansätze zum weiteren Gespräch
Nachwort
Literaturverzeichnis
Stellungnahme der Consultation »Deliver Us From Evil« der Internationalen Lausanner Bewegung (Nairobi 2000)
Introduction
Origins
Common Ground
Theological Affirmations
Spiritual Conflict in Practice
Warnings
Areas of Tension
Frontiers That Need Ongoing Exploration
Über den Verlag
Meinem Vater Heinrich Rust in Dankbarkeit gewidmet
Ein feste Burg ist unser Gott,
ein gute Wehr und Waffen.
Er hilft uns frei aus aller Not,
die uns jetzt hat betroffen.
Der alt böse Feind
mit Ernst er’s jetzt meint;
groß Macht und viel List
sein grausam Rüstung ist,
auf Erd ist nicht seinsgleichen.
Mit unsrer Macht ist nichts getan,
wir sind gar bald verloren;
es streit’ für uns der rechte Mann,
den Gott hat selbst erkoren.
Fragst du, wer der ist?
Er heißt Jesus Christ,
der Herr Zebaoth,
und ist kein andrer Gott,
das Feld muss er behalten.
Und wenn die Welt voll Teufel wär
und wollt uns gar verschlingen,
so fürchten wir uns nicht so sehr,
es soll uns doch gelingen.
Der Fürst dieser Welt,
wie saur er sich stellt,
tut er uns doch nicht,
das macht, er ist gericht’.
Ein Wörtlein kann ihn fällen.
Aus: Ein feste Burg ist unser Gott
Martin Luther 1529
Vorwort
Zuerst einmal: Dies ist ein wichtiges Buch zur richtigen Zeit. Heinrich Christian Rust versucht, dem Phänomen des Bösen auf die Spur zu kommen. Und zwar nicht sensationsheischend oder spekulativ, sondern aus einer geistlich-theologischen Verantwortung heraus.
Dabei spannt er den Bogen weit: Ausgehend von einem geistesgeschichtlichen und theologiegeschichtlichen Abriss der verschiedenen Versuche, das Böse zu verstehen und zu deuten, über die gegenwärtige innerevangelikale Diskussion um die Fragen der so genannten »geistlichen Kampfführung« bis hin zu praktischen Ratschlägen für das Befreiungsgebet für Menschen, die unter den zerstörerischen Einfluss dämonischer Mächte geraten sind.
Deutlich wird dabei das ehrliche Bemühen, den verschiedenen Meinungen und Ansätzen gerecht zu werden, ohne die eigene Position zu verleugnen. Das ist wohltuend.
Wohltuend ist auch, dass im Hintergrund der ganzen Darstellung die Überzeugung zu spüren ist, dass Gott in Jesus den Sieg über das Böse und den Bösen schon längst errungen hat. Diese Gewissheit nimmt alle Überlegungen aus der halb-düsteren Atmosphäre von Neugier und ängstlichem Schauer heraus. Aus allen Ecken und Enden strahlt das helle Licht der Auferstehung von Jesus, die die Grundlage des Sieges über alle Gewalt des Teufels in seinen verschiedenen Formen und Fratzen ist. Diese Siegesgewissheit garantiert, dass wir es hier mit einer wahrhaft evangelischen, also dem Evangelium entsprechenden Darstellung zu tun haben.
Ein weiterer hilfreicher Aspekt bei diesem Buch ist, dass Heiner Rust in sich beides vereint: Die persönliche Erfahrung bei der Befreiung von dämonisch belasteten Menschen und die geisteswissenschaftlich-theoretische Reflexion. Das macht dieses Buch lesenswert sowohl für den Theologen, der um ein Weltbild ringt, das den Realitäten des multi-religiösen 21. Jahrhunderts angemessen ist, als auch für den Pastoren und Seelsorger, der mit den Nöten, Ängsten und Bedrängnissen der Menschen direkt konfrontiert wird.
»Und wenn die Welt voll Teufel wär …« – dieses Zitat aus dem bekannten Reformationslied fasst die glaubensvolle Weite und die seelsorgerische Konkretheit dieser Darstellung von Heiner Rust zusammen.
Ich wünsche diesem Buch eine weite Verbreitung. Es ist sicher nicht das letzte Wort, aber doch ein wesentlicher und unentbehrlicher Beitrag zu einer Diskussion, der wir in der Christenheit nicht länger ausweichen sollten.
Roland Werner, Marburg
Einleitung
Unerwartete Begegnungen
Wenn nun der Sohn euch freimachen wird, so werdet ihr wirklich frei sein. Johannes 8,36
Eigentlich habe ich mich nie sonderlich für den Teufel und seine Machenschaften interessiert. Irgendwie hatte ich auch den Eindruck, dass es für mich gefährlich werden könnte, obwohl ich in einem christlichen Elternhaus groß geworden bin. Aber komisch war es doch: Da bekam ich als kleiner Junge ein wunderschönes Kasperle-Theater geschenkt. Natürlich waren auch die putzigen Handpuppen dabei: Allen vorweg Kasperl, und dann der Polizist, die Gretel, ein Krokodil und schließlich ein grimmig dreinschauendes Teufelchen. Man schlüpfte einfach in die Puppen hinein und spielte mit ihnen. Kann und darf man eigentlich mit dem Teufel spielen? Klar, es war ja nur eine Plastikfigur meines Kasperletheaters – und dennoch, gerne habe ich mit dem Teufel nicht gespielt. Meist blieb er in der Ecke liegen.
Denke ich an die Predigten, die meine Kinder- und Jugendzeit geprägt haben, so war auch hier der Teufel »kein Thema«. In unserer kleinen Baptistengemeinde ging ich gerne zum Gottesdienst, und schon früh hörte ich aufmerksam zu, wenn die Pastoren das Wort Gottes verkündigten. Und dann gab es ja auch noch die speziellen Kindergottesdienste und Jungschargruppen. Schon bald hatte ich den Eindruck, dass ich die biblischen Geschichten von Jesus alle gut kannte. Vom Teufel und den Dämonen wurde – so weit ich mich erinnern kann – so gut wie gar nicht gesprochen. Alles lief nach dem Motto: »Wir halten uns an Jesus Christus! Mit diesen anderen Dingen wollen wir nichts zu tun haben!« – Man wusste wohl vom Widersacher Gottes, aber man sprach nicht darüber.
Typisch für diese Grundeinstellung war auch die kleine Geschichte, die man bis heute immer noch auf frommen Kalenderblättchen finden kann: Ein Schüler wird aufgefordert, einen Aufsatz über Gott und den Teufel zu schreiben. Da er aus dem Kindergottesdienst so viele Geschichten von Jesus kennt, schreibt er eifrig die Seiten voll. Schließlich ist die Zeit abgelaufen. Die Lehrerin fordert die Kinder auf, ihre Aufsätze abzugeben. Erschrocken darüber, dass die Zeit schon um ist, schreibt unser fromme Schuljunge folgenden Satz unter seinen Aufsatz: »Entschuldigung, ich bin nicht fertig geworden. Als ich anfing, über Jesus nachzudenken, hatte ich für den Teufel keine Zeit mehr!« So richtig diese Parole klingen mag, so scheint sie mir jedoch ebenfalls gefährlich zu sein.
Auch während meines Theologiestudiums erfuhr ich bei den Vorlesungen nicht viel anderes. Die These Karl Barths (1886–1968) von dem Bösen als dem eigentlich Nichtigen prägte auch in den meisten evangelikalen Seminaren die Diskussion. Doch dann wurde diese Harmlosigkeit erschüttert.
Ich hörte von den bewegenden Berichten einiger Missionare aus Indonesien oder auch aus Südafrika, von den Befreiungen dämonisch belasteter Menschen und dem Siegeszug Jesu in ganzen Landstrichen dieser Welt. Wie gerne wollte ich auch in der Mission meinen Dienst aufnehmen! Noch während meines Theologiestudiums bekam ich die Möglichkeit eines dreimonatigen Missionspraktikums in Sierra Leone, Afrika. Mit zwei weiteren Studenten machte ich mich auf die Reise. Wir kamen in ein Gebiet, wo es gerade einen geistlichen Aufbruch gegeben hatte. Eines Tages durften wir in ein weit entferntes Dorf gehen, um dort zu predigen und die gute Nachricht von Jesus zu verkündigen. Silvanus Valcacel, unser Begleiter, deutete auf einen Mann, der bislang zu den gefürchtetsten Männer der Gegend gehört habe. Er verstünde sich auf die Ferntötung von Menschen. Viele Frauen und Männer seien durch seine okkulte Machtausübung schon zu Tode gekommen. Mit großer Überzeugung fügte Silvanus dann aber hinzu: »Aber unser Herr Jesus Christus hat die Macht über alle finsteren Mächte! Halleluja!« – Mein »Halleluja« war etwas leiser als das meines afrikanischen Freundes. Irgendwie fand ich das schon sehr unheimlich!
Zurückgekehrt aus Afrika wurde ich ernstlich krank, so dass ich mehrfach ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Die Ärzte konnten meine Krankheit jedoch nicht diagnostizieren. Aus einer Darmverstimmung wurde eine Leberentzündung, aus einer Bauchentzündung wurde eine Tropenkrankheit, aus einer Immunsschwäche wurde schließlich sogar der Verdacht auf Leukämie. Nachdem die Blutwerte einigermaßen stabilisiert waren, entließ man mich aus dem Hospital. Ich war jedoch immer noch sehr schwach, so dass ich kaum laufen konnte.
In einem Gebetskreis berichtete ich von meiner Krankheit. Sicher, viele Menschen hatten in diesen schweren Monaten intensiv für mich gebetet, doch dieses Mal schien es anders zu sein. Die Leiterin des Gebetskreises meinte, es könne sich hierbei um einen dämonischen Angriff handeln, der mit meinem Afrikaaufenthalt zu tun habe. Wir sollten dämonischen Angriffen im Gebet und in der Macht Jesu Christi widerstehen. So schlossen wir uns im Gebet mutig zusammen, verkündeten Jesu Herrschaft in meinem Leben und wiesen die dämonischen Mächte zurück. Sofort spürte ich so etwas wie einen warmen, heilenden Strom, der meinen ganzen Körper durchdrang. Ich stand auf, war gestärkt und fühlte mich vollkommen geheilt! Sofort berichtete ich meinen Angehörigen und Freunden von diesem Wunder. Auch meine Mitstudenten und meine Lehrer im theologischen Seminar freuten sich mit mir. Unser sonst sehr zurückhaltender und wenig enthusiastischer Seminardirektor stieß sogar ein lautes: »Preist den Herrn!« aus, als er erfuhr, dass die Universitätsklinik in Göttingen meine vollkommene Heilung diagnostiziert hatte. Die Freude und Dankbarkeit war groß und ist immer noch groß, wenn ich an dieses Wunder denke, das ich am eigenen Körper erfahren habe.
Dennoch blieben Fragen: Warum hatten dämonische Mächte mich dermaßen attackieren können? Hatte ich die Macht des Bösen nicht richtig eingeschätzt? War ich zu blauäugig in den »geistlichen Kampf« gezogen? Immer wieder höre ich bis heute von den massiven Attacken Satans auf Missionare. Mancher kommt dabei zu Tode. Wieviel Macht hat der Böse?
Diese Erfahrungen haben mich in meinem Dienst als Pastor sensibel werden lassen für die Dimension der unsichtbaren Welt. In den ersten Jahren meines Dienstes hatte ich das große Vorrecht, desöfteren mit dem holländischen reformierten Theologen und Seelsorger Dr. Willem C. van Dam Zusammenarbeiten zu können. In vielen Seminaren und Tagungen habe ich seine nüchterne, biblisch gegründete Einschätzung der Fragen um den Einfluss Satans und die Macht Jesu kennen und schätzen gelernt. Ich habe meine ersten Erfahrungen im Befreiungsdienst in der Seelsorge gemacht; viele Menschen wurden von den Ketten der Finsternis befreit und erlebten innere und äußere Heilungen. In meinem 13-jährigen Gemeindedienst in der Baptistengemeinde in Hannover arbeitete ich mit Pastoren zusammen, die diese Sicht mit mir teilten. Sicher haben wir auch immer wieder Fehler gemacht; unter dem Strich jedoch glaube ich, dass auch in dieser Zeit unzähligen Menschen die Freiheit in Christus geschenkt wurde.
In der Gemeindepraxis wurde ich allerdings damit konfrontiert, dass Menschen nicht allein dämonisiert waren, sondern auch seelisch krank und zerbrochen, traurig und in Sünde lebten. Wo muss man da ansetzen? Muss ein Mensch erst befreit werden, bevor die Heilung geschehen kann? Muss erst Vergebung sein, bevor Heilung geschieht? Müssen im Befreiungsdienst bestimmte Gebete gesprochen werden? Können auch Christen unter dämonischem Einfluss stehen?
Offensichtlich waren wir mit unseren Fragen nicht allein. In den Jahren zwischen 1980 und 1990 erschienen viele hilfreiche Bücher auf dem christlichen Markt, die sich mit diesen komplexen seelsorgerlichen Fragen befassten. Die meisten stammten von amerikanischen Autoren. Einige Seelsorger berichteten von enorm beeindruckenden Erfahrungen und schlossen daraus, dass ihre Sicht der Dinge und auch ihre Form der Seelsorge »funktioniere« und womöglich die einzige oder zumindest die beste sei. Dieser Boom von seelsorgerlich geprägten »Rezeptbüchern«, die alle mehr oder weniger auf Erfahrung basierten, hatte aber auch negative Auswirkungen. So mancher Christ versuchte denn auch, Dämonen auszutreiben, wo es schlicht und einfach nur darum ging, im Gehorsam Jesus Christus nachzufolgen und der Sünde abzusagen. Auch die Zahl derer, die sich durch eine Überbetonung der unsichtbaren Welt schließlich nicht mehr in der sichtbaren Welt zurechtfanden und sogar krank wurden, nahm meines Erachtens zu.
Eine gute, solide theologische Basis und Gemeindelehre über diese Fragen ist auch heute noch der beste Weg, um den Gefahren und Missständen zu wehren. Suchte ich Hilfe und Orientierung bei meinen evangelikal-theologischen Freunden, so stieß ich allerdings häufig auf völliges Unverständnis, wenn es darum ging, dem Unsichtbaren mit einer klaren biblischen Grundhaltung zu begegnen. Alles, was irgendwie nicht »verwort-bar« war – alles, was nicht in die herkömmlichen Sprach- und Denkraster evangelikaler Theologie passte –, wurde mit großer Skepsis gesehen. Eine Erfahrung, die nicht auch an irgendeiner Stelle in der Bibel aufzufinden sei, konnte angeblich auch keinen besonderen Wert haben – oder sie wurde schlichtweg als »unbiblisch« degradiert und damit geradezu als ketzerisch entlarvt.
Besonders eisiger evangelikaler Gegenwind kam mir entgegen, als ich versuchte, die ekstatischen Erfahrungen im geistlichen Leben für zulässig zu erklären, die in den 1990er Jahren auch als »Toronto-Segen« bekannt geworden waren – so genannt nach der Toronto Airport Church, in der diese Erlebnisse erstmals verstärkt auftraten. Obwohl das biblische Zeugnis über Ekstase schmal ist, so konnte es meines Erachtens jedoch nicht völlig aus der Bibel gestrichen werden. Wie biblisch sind wir sogenannten bibeltreuen Theologen wirklich? Sind wir womöglich in einer rational geprägten Wahrnehmung und Deutung des Wortes Gottes so gefangen, dass wir große Teile der biblischen Offenbarung kaum wahrnehmen oder ausblenden?
Immer wieder, wenn es um den ganzen Bereich der unsichtbaren Welt geht, hört man bis heute meist nur Warnungen und Abgrenzungen. Neben dem bekannten englischen Altvater evangelikaler Theologie John Stott waren es in den vergangenen Jahren vor allem die Missiologen des amerikanischen evangelikalen Fuller-Seminars wie C. Peter Wagner, John Wimber oder auch Charles H. Kraft, die sich in die Diskussion einbrachten. Aber auch im deutschsprachigen Kulturraum ist man zurückhaltend. So weist z. B. der Gründer der evangelikalen und charismatischen Anskar-Kirche, Wolfram Kopfermann, in seinem 1995 erschienenen Buch »Macht ohne Auftrag« die Praxis der »geistlichen Kampfführung« deutlich in ihre Schranken. Die unsichtbare Wirklichkeit – auch in ihrer dämonischen Realität – wird hier zwar als gegeben vorausgesetzt, die sich ausbreitende Praxis des aktiven Widerstandes gegen »Territorialmächte« (dämonische Mächte, die ganze Landstriche prägen) aber energisch abgelehnt. Wiederum machte sich Hilflosigkeit in weiten Kreisen der charismatisch geprägten Christenheit breit. Auch hier – wie bereits auf der seelsorgerlichen Ebene der Auseinandersetzungen – stehen die faszinierenden Erfahrungsberichte anscheinend gegen das, was man in der Heiligen Schrift wiederfindet. Besonders herausfordernd waren die Berichte von James und Kim Stanton (Remnat Warrior Christian Ministries) oder auch dem Seelsorgeehepaar Ken und Sylvia Thornberg, die durch ihre Seminare zum Thema Befreiungsdienst in vielen charismatischen Kreisen und Werken in Deutschland eine Praxis an den Tag legten, die zwar in biblischer Hinsicht nur sehr schwach begründet war, jedoch offensichtlich häufig »zum Erfolg« führte. Aber kann das eine biblische Grundlage für einen so sensiblen Bereich der Seelsorge ersetzen?
Ich selber nahm mich in diesen Jahren zurück. Natürlich mochte ich nicht etwas praktizieren und vorantreiben, was womöglich gegen das Zeugnis der Heiligen Schrift ist. Mir fiel auf, dass nicht nur ich Zurückhaltung übte. Auch manche Fürbitter, die in den 1980er Jahren noch überzeugt »im geistlichen Kampf« standen und die freudig bei den aufkommenden Jesus-Märschen mitzogen, schwiegen nun lieber. Aber war das die Lösung? Während das Böse in immer neueren Fratzen auf der Bildfläche des gesellschaftlichen Lebens erscheint, haben wir keinen aktiven Widerstand zu leisten? Am 11. September 2001 wurde die Welt durch den terroristischen Anschlag auf das World Trade Center in New York geschockt. Die Zeitungsüberschriften der folgenden Tage machten deutlich, dass selbst säkularisierte Zeitgenossen von der Macht des Bösen und von satanischen Dimensionen sprechen. Sollen wir kämpfen gegen die Mächte der Finsternis, die sich in unseren Ländern ausbreiten, oder lieber nicht? Bei meinen Gesprächen mit vielen geistlichen Leitern im Land verstärkte sich mein Eindruck, dass dringend Orientierung nötig ist.
In anderen Ländern der Erde gibt es ähnliche Fragestellungen. Mit großem Gewinn nahm ich vom 16. bis 22. August 2000 an einer theologischen Studientagung der weltweiten Lausanner Bewegung in Nairobi/Kenia zum Thema: »Erlöse uns vom Bösen – Geistliche Kampfführung« teil. Die Begegnung mit den erfahrenen Schwestern und Brüdern aus anderen Ländern half mir, die eigene Glaubenspraxis besser zu reflektieren und die theologische Reflexion zum Thema zu vertiefen. Zudem wurde mir deutlich, dass wir in Deutschland auf eine Kirchengeschichte zurückblicken, die uns viele gute Impulse gibt – man denke nur an Martin Luther, an Johann Christoph Blumhardt oder auch an den geistlichen Kampf der Bekennenden Kirche zur Zeit des Dritten Reiches.
Die ganze Thematik der »geistlichen Kampfführung« muss auf einer breiten Basis angegangen werden. Deshalb habe ich mich entschlossen, das vorliegende Buch zu schreiben und die Diskussion auch in unserem Land wieder aufzunehmen. Dabei werde ich zunächst etwas über unser Weltbild nachdenken. Gleich am Anfang soll die Frage nach der Bedeutung der biblischen Aussagen behandelt werden. In den folgenden Kapiteln denke ich über Grundzüge einer biblischen Lehre vom Bösen nach, über die Macht Gottes und schließlich auch über die Verantwortung des Menschen in diesem Zusammenhang. Im letzten Teil des Buches befasse ich mich mit einigen Grundfragen der Gemeinde- und Seelsorgepraxis.
1
Eine Welt – oder viele Welten?
In der Welt habt ihr Bedrängnis; aber seid guten Mutes, ich habe die Welt überwunden. Johannes 16,33
»Wo soll das bloß noch alles enden?« Seufzend legte mein Großvater die Tageszeitung aus der Hand. Die Meldung von der Landung auf dem Mond hatte ihn erschüttert. In seiner Weltanschauung waren Mondlandungen nicht vorgesehen. Diese neuen technischen Errungenschaften machten ihm zudem Angst.
Heute sind es andere Meldungen, die uns die Wahrheit der jesuanischen Aussage von der »Bedrängnis in der Welt« vor Augen führen: Das explosionsartige Wachstum der Weltbevölkerung und die damit verbundenen Herausforderungen; die drastische Zunahme an Gewaltkonflikten im In- und Ausland; die unkalkulierbare Entwicklung der Informationstechnik und nicht zuletzt die stark umstrittenen Fortschritte in der Genforschung. Wo soll das bloß enden? Gibt es überhaupt ein Ende? Verbergen sich hinter den Meldungen aus dieser Welt noch andere Welten?
Spätestens dann, wenn wir die erschütternden Auswirkungen der beiden Weltkriege sehen, wenn wir im menschlichen Leben die Bosheit einer Bestie zu erkennen glauben, stellt sich die Frage nach dem Weltverständnis. Dazu kommen die unzähligen Entdeckungen und Offenbarungen, die wir mit einer von der Aufklärung geprägten Weltsicht nicht deuten können. Hilflosigkeit macht sich breit und endet häufig in einer Sprachlosigkeit oder auch in einer vom Intellekt abgehobenen Religiosität. Da, wo die unsichtbare Welt nicht zur realen Welt zählt, lauert die Gefahr des modernen Aberglaubens. Zudem bekommt sie etwas Exotisches; das Fremde interessiert und lockt die suchenden Geister an. Fallen wir nun zurück in ein Weltverständnis des Mittelalters? Welche Weltsicht vermittelt uns die Bibel?
1. Von antiken Weltanschauungen zum rationalistischmaterialistischen Weltbild
Wer heute noch von Himmel und Hölle, von Engeln und Dämonen und von der unsichtbaren Welt spricht, als sei sie selbstverständlich und begreifbar, der handelt sich schnell den Vorwurf ein, man wolle zurückfallen in den Aberglauben des Mittelalters. Wir wissen von den schrecklichen Folgen einer geradezu naiven Vorstellung von der unsichtbaren Welt. Zwischen 1450 und 1700 wurden allein über 100 000 Menschen als angebliche Hexen und Hexer auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Das so genannte »finstere Mittelalter« wurde deshalb so dunkel, weil immer mehr Menschen die Macht des Bösen überbetonten und schließlich hinter jedem Kritiker und hinter jeder übersinnlichen Macht den Bösen vermuteten.1 Die kirchliche Inquisition sah hinter all dem das kosmische Komplott Satans gegen die christliche Kirche und damit gegen die christliche Gesellschaft.
Grundlegend für diese Ansicht war das sogenannte »biblische Weltbild« (Empyreum) der frühen und mittelalterlichen Christenheit, das sich die Wirklichkeit mit Himmel, Erde und Hölle wie in drei Stockwerken gegliedert dachte. Da gibt es ein »oben« und ein »unten«; da bekommt das Unsichtbare Namen und Gestalt. Mittelalterliche Darstellungen vom Teufel und von Dämonen müssen geradezu als naiv betrachtet werden. Attribute wie Hörner, Pferdefuß und Schwanz sind Produkte menschlicher Phantasien, die mit der Wirklichkeit satanischer Existenz nichts zu tun haben. Diese Vorstellungen von einer jenseitigen räumlichen Welt des Bösen hielten sich bis in die Tage der Aufklärung erstaunlich hartnäckig. Man stellte sich vor, dass über bzw. unter unserer Welt das Jenseits lag, ein Raum, der naiv räumlich gedacht wurde und an dem sich Gottes Engelheere bzw. die dämonischen Heere des Teufels aufhielten.
Obwohl Nikolaus Kopernikus (1473–1543) durch seine Entdeckung, dass die Sonne und nicht die Erde den Mittelpunkt unseres Planetensystems darstellt, bereits eine grundlegende Änderung in der Weltsicht einläutete, stellte erst der italienische Philosoph Giordano Bruno (1548–1600) die Existenz eines Jenseits als Ort der unsichtbaren Welt völlig infrage. Die Vorstellung einer jenseitigen Welt mit Engeln, Dämonen und unsichtbaren Mächten wich einer Sicht, in der alles innerweltlich verstanden werden musste. Obwohl man Giordano Bruno nach siebenjähriger, schmählicher Haft schließlich als Ketzer auf dem Scheiterhaufen verbrannte, konnte die Kirche nicht mehr einfach in den traditionellen Denkschemata bleiben.2 Dennoch hielt sie an der Grundüberzeugung fest, dass es eine unsichtbare Welt gebe, wenngleich ihr Ort nicht mehr eindeutig auszumachen sei.
Die Reformatoren sprechen mit einer großen Selbstverständlichkeit von Engeln und Dämonen. Besonders Martin Luther ging in seiner Frömmigkeit und Theologie von der Existenz Satans aus. »Nullus diabolus, nullus redemptor« (Wo kein Teufel ist, braucht es auch keinen Erlöser!) – diese Einsicht prägte auch die Theologie der Reformatoren. Luther lehnte die »neuen Astrologen« ab, sah jedoch auch die Auffassung vom Empyreum kritisch, in der Christus als im Himmel thronend gedacht wurde. Von besonderer Aktualität dürfte ein Predigtausspruch von 1520 sein: »Wenn sie mit dem Kopf durch den Himmel bohren und sehen sich in dem Himmel um, da finden sie niemand; denn Christus liegt in der Krippe und in des Weibes Schoß.«3 So konnte sich die klassische Auffassung von einem dreistufigen Weltbild zwar nicht mehr richtig halten, doch auch das neu entstehende Weltverständnis der aufkeimenden Aufklärung hieß die Kirche zunächst nicht willkommen.
Dieses aufklärerische Weltbild wurde entscheidend von den Philosophen René Descartes (1596–1650) und Baruch Spinoza (1632–1677) definiert. Auch die Naturwissenschaftler Galileo Galilei (1564–1642), Robert Boyle (1626–1691) und Isaac Newton (1643–1727) trugen dazu bei, dass ein neues Weltverständnis Ausbreitung fand. Dieses neue Weltbild ließ die verschiedenartigsten weltanschaulichen bzw. religiösen Deutungen zu. Der Geltungs- und Wahrheitsprimat der biblischen Offenbarung wurde jedoch mehr und mehr eingeschränkt. So rückte, allgemein gesprochen, auf vielen Forschungsgebieten die Offenbarung immer mehr an die zweite Stelle hinter die Vernunft.
Ausgenommen von dieser Tendenz war die Theologie, besonders in Deutschland. Aber schon bald erschütterte der aufkeimende Deismus auch die Theologie. Der Deismus geht davon aus, dass der Mensch alles, was er zur rechten Erkenntnis Gottes und seines Willens benötigt, in seiner eigenen vernünftigen Natur finden könne; die biblische Offenbarung kann deshalb nichts anderes aussagen als das, was man ohnehin mit der Vernunft erkennen könne. Die deistische Denkweise wurde angeführt von Herbert von Cherbury (1583–1648), John Toland (1671–1722), Thomas Morgan (1680–1743) oder auch Matthew Tindal (1656–1733). Erst durch Gottfried W. Baron von Leibnitz (1646–1716) findet das »neue Denken« stärkeren Einfluss in der Theologie. Leibnitz verstand sich nicht ausschließlich als Theologe; er gab den theologischen Aussagen in seinen Werken jedoch ihre klare Platzanweisung. Auch Gott ist in seinen Offenbarungen in gewissen Grenzen zu sehen. Diese Grenzen werden von der Natur gesetzt. Alle Offenbarung ist demnach der Vernunft des Menschen zuzuordnen. Mit diesem Ansatz versucht Leibnitz letztlich, die biblische Offenbarung »verständlich« zu machen. In seiner Schule steht Christian Wolff (1679–1754), der, bahnbrechend für die rationalistische Wissenschaft, Methoden der Erkenntnis festschreibt. Immer noch ging es darum, nachzuweisen, dass die biblische Offenbarung letztlich mit der rationalen Erkenntnis der Wissenschaft in Übereinstimmung stehe.
Viel kirchenfeindlicher und radikaler waren die Ansätze der französischen Aufklärer Voltaire (1694–1778) oder auch Julien Offray de Lamettrie (1709–1751). In Deutschland setzte sich zunächst eine gemäßigte theologische Position durch, die versuchte, das Gegeneinander von Vernunft und Offenbarung durch eine wie auch immer geartete Zuordnung zu lösen. Die älteren Vertreter dieser als Neologie verstandenen theologischen Schule waren die Berliner Theologen Johannes Joachim Spalding (1714–1804) und August F. W. Sack (1703–1786). Es ließ sich jedoch nicht vermeiden: Christliche Theologie verstand sich immer mehr im Sinne des Rationalismus; das Christentum wurde zunehmend als eine Vernunftreligion definiert, in der das Übersinnliche, das nicht durch die Vernunft Erfassbare, verschwand. Diese Vernunftreligion war jedoch nicht ohne Werte. Der Schriftsteller und Philosoph und als »Liebhaber der Theologie« bekannte Gotthold Ephraim Lessing (1729–1781) und schließlich auch Immanuel Kant (1724–1804) ordneten der christlichen Vernunftreligion die »christliche« Moral zu. Im Mittelpunkt des Interesses stand der Mensch in seiner Entscheidung für gutes oder schlechtes Handeln, nicht aber die Auseinandersetzung mit einem biblischen Weltverständnis.4
Der im 18. und 19. Jahrhundert aufkeimende Liberalismus und Rationalismus führte schließlich zur Verbannung alles Überirdischen aus dem Weltverständnis unzähliger Denker, Philosophen und auch Theologen. Wenn man sich tatsächlich auf eine Welt festlegt, die durch Raum, Zeit und Bewusstsein begrenzt ist, dann ist es völlig unsinnig, über geistige Einwirkungen von jenseits dieser Grenzen zu sprechen. Die Aufklärung räumte denn auch kräftig auf und verwies alle neutestamentlichen Berichte über die Wirksamkeit geistiger Wesen, Engel oder Dämonen in den Bereich des Unbedeutenden. Genauso wird der Glaube an Träume, Visionen, Geistheilungen und ähnliche Erfahrungen wie die Existenz handelnder und wirksamer Wesensmächte als absurd betrachtet. Da, wo man die moralstiftende Religion als außermenschliche Macht erlebte und deutete, gab es zaghafte Ansätze zu einer neuen Weltbilddebatte (Johann Gottfried Herder, Johann Georg Hamann). Gegen die so genannte liberale Theologie setzten sich jedoch weder diese Ansätze noch der aufkeimende Pietismus oder die Erweckungsbewegungen des 18. und 19. Jahrhunderts durch. Die bekannten Erweckungsprediger (z. B. Charles Finney) sprachen zwar offen von Teufel und Hölle, hatten aber auf Kirche und besonders Theologie nur geringen Einfluss. Die liberale Theologie des 19. Jahrhunderts betrachtete alle biblischen Berichte über diese Dinge als nicht akzeptabel. Rudolf Bultmann (1884–1976) und seine Schüler nahmen eine systematische »Entmythologisierung« der Bibel vor. Das wurde zum Brennpunkt einer teilweise hoch erregten Diskussion, in welcher die zentralen Themen des christlichen Glaubens zur Verhandlung kamen. Die Bibel wurde immer dünner, je radikaler man sich einem rationalistischem Weltverständnis verpflichtet sah. Karl Barth setzte mit seiner dialektischen Theologie einen Kontrapunkt gegenüber den zunehmend liberalen Theologien. Seine Engellehre meidet jedoch jede metaphysische Sprache; die Welt der Dämonen scheint ihm völlig verschlossen zu sein. Er will auf diese Welt nur »einen kurzen, scharfen Blick« werfen, denn – so der berühmte Theologe: »Ich liebe die Engel, ich mag aber die Dämonen und die Dämonologie nicht!«5 Auch der reformierte Theologe Emil Brunner (1889–1966) ist in seiner Dogmatik zurückhaltend, wenngleich er einräumt, dass die rationalistische Weltsicht dem Zeugnis des Neuen Testamentes nicht gerecht wird:
»Der Rationalismus ist zu allen Zeiten mit dem Teufel rasch fertig geworden – in der Theorie wenigstens! … Die Aufklärung hat den Teufel ganz einfach als nichtexistent erklärt und den Teufelsglauben als eine Ausgeburt mythenbildender Phantasie gedeutet. In das optimistische Weltbild der Aufklärung passt natürlich die Macht der Finsternis nicht hinein. Der Hinweis auf den Teufelsspuk und Hexenwahn früherer Zeiten und der nicht ganz unberechtigte Stolz darüber, dass diese betrüblichen Erscheinungen durch den Geist der Aufklärung überwunden seien, mochten dieser rein negativen Beurteilung zu einem gewissen Ansehen verhelfen. Aber diese rationalistische Einstellung wird weder dem biblischen Zeugnis, in dem die Macht der Finsternis den notwendigen dunklen Hintergrund der Erlösungsbotschaft bildet, noch der reiferen christlichen Erfahrung gerecht. Wir können dabei jedenfalls nicht stehen bleiben.«6
Trotz dieses Appells bleibt die Beschäftigung mit dem Unsichtbaren suspekt. Es fehlen Sprache und Denkkategorien, um dem wissenschaftlichen Anspruch des Theologietreibens gerecht zu werden. Die Ablösung von einem antiken Weltverständnis war gründlich; die Auseinandersetzung mit der erfahrenen Wirklichkeit des Unsichtbaren blieb jedoch weitestgehend unbefriedigend.
Als der Soziologe Peter L. Berger 1969 sein Buch: »Auf den Spuren der Engel« veröffentlichte, da schüttelte die theologische Welt nur den Kopf. Theologen waren vielmehr damit beschäftigt, den »Tod Gottes« zu proklamieren und zum aktiven politischen Handeln aufzurufen. Die Zeit für eine neue Weltsicht war scheinbar nicht reif. Da unternahm jemand den Versuch, auf eine Wirklichkeit hinzuweisen, die unsere Alltagswelt transzendiert, d. h. überschreitet und von enormer Bedeutung für die Menschen ist. Berger forderte eine Wiederentdeckung der Transzendenz und eine »Offenheit der Wahrnehmung« gegenüber der Wirklichkeit.7 Die Herausforderung Bergers findet jedoch kaum Gehör. Der Theologe Ernst Benz beschreibt in seinem Standardwerk »Die Vision« die Situation treffend. Erfahrungen mit der Welt des Unsichtbaren, so Benz,
»verführen den wissenschaftlichen Betrachter von heute meist zu einer rein psychopathologischen Deutung und – wenn möglich – Behandlung. Unsere heutige Zeit schützt sich so ängstlich gegen alle Erschütterungen vom Transzendenten her, dass sie die zeitgenössischen Träger einer visionären Begabung zunächst einmal in die Nervenklinik einliefert, mit dem redlichen Ziel, sie dort von ihren visionären Störungen zu befreien, und auch die früheren Träger derartig ›anormaler‹ seelischer Fähigkeiten zu Psychopathen erklärt.«8
Unbeachtet der philosophischen und theologischen Deutung blieb das Böse in der Welt, und es mehrte sich. Um es zu begreifen, braucht man neue Kategorien. Schließlich versteht man Teufel und Dämonen vielfach nur als Begriffe, als Personifikationen des Bösen im Menschen oder auch in der Welt. Damit ordnet man die Auseinandersetzung dem Bereich der Ethik und Moral zu. Das Böse hatte nun keine offizielle Definition mehr, »es ist im Prozess der Neuzeit ins Unbewusste, Subjektive und Private abgesunken. Der einzelne ist mit seinem Bösen allein.«9
2. Konfrontation mit der unsichtbaren Wirklichkeit
Man sollte meinen, das »Böse« habe nun mithilfe der Aufklärung seine klare Platzanweisung erhalten, und nicht nur das »Böse«. Die Verneinung der Welt des Unsichtbaren führte ja unmittelbar zur Einsamkeit des Menschen mit seiner Diesseitigkeit. Alles musste nun irgendwie erklärbar werden.
Es waren nicht erst die beiden großen Weltkriege mit ihren entsetzlichen Auswüchsen des Bösen, die massiv an diesem scheinbar intakten aufklärerischen Weltbild rüttelten. Die Konfrontation mit der unsichtbaren Wirklichkeit war durch alle Zeiten gegeben. 200 Jahre nach der Französischen Revolution, einem Höhepunkt der Aufklärung, haben heute Okkultismus und Religionen aller Art wieder Hochkonjunktur. Unsere Zeit ist nicht nur geprägt von einer nicht enden wollenden Technisierung und radikalen Gottlosigkeit, sondern auch von einer intensiven Suche nach dem verlorengegangenen Jenseits. Mit jedem Triumph der Vernunft ist zugleich auch eine Gegenbewegung geboren. Die Ahnung, dass es da noch mehr »zwischen Himmel und Erde« gebe, ist auch den Menschen unserer Zeit nicht abhanden gekommen. Die kirchliche Theologie schaut dieser neuen Religiosität etwas hilflos zu. Einerseits muss sie sich eingestehen, dass mit der Verbannung der Unsichtbarkeit aus der Theologie die Kirche ungeheuer arm geworden ist. Wenn nicht die christliche Kirche etwas sagen kann zu Engeln, zu Geistwesen; zu Dämonen und Teufel – wer denn sonst? Zum anderen scheuen sich die christlichen Theologen, in eine »unvernünftige« Theologie zurückzufallen; nach wie vor lässt man nur rational Einsichtiges und »Beweisbares« als Lehre gelten. Theologie soll eben auch Wissenschaft sein, und zwar eine Wissenschaft für einen aufgeklärten Denker unserer Zeit.
Wo aber sollen dann die Menschen mit ihrer Suche nach dem Jenseits hin, wenn die christliche Kirche sich geradezu verweigert? Es ist schon auffallend, wie selbst in evangelikalen und pietistischen Kreisen die ganze Welt des Unsichtbaren mehr oder weniger als unwichtig angesehen wird. Man glaubt sich mit dem Wort: Visionen, Engel, Dämonen oder selbst der Heilige Geist sind Dinge, die nicht so gut in dieses von der Aufklärung geprägte Denken passen, in der Hand auf sicherem Terrain! Aber immer wieder hat es auch Denker und Philosophen gegeben, die aus diesem angeblich modernen Denkraster ausscherten.
Einer der ersten, der bei Anbruch der aufklärerischen Zeit von sich reden machte, war der schwedische Naturwissenschaftler Emanuel Swedenborg (1688–1772). Er wurde als Bischofssohn in Stockholm geboren. Als Naturwissenschaftler und Erfinder sowie als Politiker genoss er bereits in jungen Jahren hohes Ansehen. Mit 37 Jahren jedoch beendete er seine Tätigkeit als Wissenschaftler. Er begründete diesen sensationellen Schritt mit einer Christus-Vision, die ihm zuteil geworden sei. Durch weitere Offenbarungen erhielt er Einblick in die »Welt der Geister«. Damit machte er die Redeweise von der jenseitigen Geisterwelt auch in Wissenschaft, Philosophie und Theologie wieder zum Thema.10 Das Denken Swedenborgs übte in der Folgezeit enormen Einfluss aus. So sieht Immanuel Kant den Menschen als »Bürger zweier Welten«, wobei für ihn die wahre Welt die Geisterwelt ist. Zahlreiche Kant-Forscher haben darauf hingewiesen, dass die grundlegenden Themen des Philosophen sich an Swedenborgs Thesen entzündeten.11 Auch Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832) ließ sich durch Swedenborg inspirieren. Die Magie, der sich seine Figur Faust ergibt, ist eben der Verkehr mit der Geisterwelt, wie auch Swedenborg ihn pflegte. Für Goethe ist der schwedische Forscher zugleich ein »gewürdigter Seher unserer Zeiten«.12 Ansätze für eine neue Orientierung gab es auch bei pietistischen Lehrern wie z. B. dem schwäbischen Prälaten Friedrich Christoph Oetinger (1702–1782) u. a. Auf die Götterdämmerung zur Zeit der Aufklärung folgte zunehmend eine Dämmerung der Vernunft. Die Religion und damit auch die Hoffnung und Orientierung an einem unsichtbaren Jenseits wurde eben nicht durch eine von Vernunft geprägte Wissenschaft abgelöst; die Kirche erwies sich aufgrund ihrer wissenschaftlichen Verhaftung in der Theologie allerdings auch nicht als der geeignete Gesprächspartner für die neue Religiosität. So blieb der Mensch weitestgehend mit seinen religiösen Erfahrungen allein.
Die hohe Zeit der Psychologie nahm ihren Lauf. Zugleich entwickelte sich eine Art Kult der Humanität, der die Verehrung des Menschen als dem höchsten Wesen verpflichtet war. Selbst das Denken des einstigen sowjetischen Staatschefs Michail Gorbatschow steht noch ganz in dieser Tradition. »Wir sehen den Sozialismus als die Gesellschaftsordnung eines echten realen Humanismus an, in welchem der Mensch tatsächlich als das ›Maß aller Dinge‹ auftritt« – so definierte er auf dem Parteitag der KPdSU laut »Prawda« vom 29. Juni 1988 das Ziel der »Perestroika«. Im selben Jahr erklärte seine Partei, dass der Mensch die Religion durch Erziehung überwinden könne und damit die »Hinwendung zum Übernatürlichen nicht vonnöten« sei.13
Gerade der durch die Perestroika ausgelöste Zerfall der sowjetischen Ideologie führte neben der Götterdämmerung auch zu einer Dämmerung der Ideologien. Meiner Meinung nach führte dieser Zusammenbruch ideologischer Systeme zu einem Boom okkulter Religionen.
Die Kleinanzeigen der Tageszeitungen bringen es an den Tag: Esoterik, Wahrsagerei und jegliche Formen okkulter Praktiken sowie die offenkundige Einladung zu Zauberveranstaltungen, Hexenzusammenkünften oder Einführungskurse in meditative Praktiken sind an der Tagesordnung. Im Jahr 2000 bedienten allein 37 deutsche Zeitschriften mit Auflagenhöhen zwischen 10 000 und 60 000 Exemplaren diesen Markt. Laut einer Befragung des Dortmunder Forsa-Instituts glauben 63 Prozent der Männer und 55 Prozent der Frauen in Deutschland an übersinnliche Kräfte und Erscheinungen, das sind 59 Prozent der Gesamtbevölkerung. Einem Bericht der Zeitung »Die Woche« zufolge gab es 2000 in Deutschland rund 6 000 Astrologen, 10 000 Geistheiler und 90 000 Wahrsager, wohingegen die Kirchen insgesamt nur rund 40 000 hauptamtliche Geistliche und Seelsorger beschäftigten.14
Auf Esoterik-Messen suchen unzählige Menschen unserer Zeit den Rückzug in die Innerlichkeit, die mal mehr und mal weniger auch einen Ausflug ins Jenseits ansteuern. Dabei kommt es gar nicht so sehr darauf an, was sich dort in der Innerlichkeit auftut oder welche Art von Kraft mir im Jenseits begegnet. Allein die Tatsache, dass sich durch derartige Begegnungen irgendein Einfluss oder auch eine Verwandlung im Leben zeigt (Transformationen), allein dieses Faktum zählt. Es gehört zur neuen Religiosität, dass sie vagabundiert und sich auf dem Markt der Möglichkeiten umschaut. Die Wahrheitsfrage ist dabei nicht ausschlaggebend, allein das Erleben zählt. Mal ist die übersinnliche Kraft mehr in der Natur oder im Diesseits aufzuspüren, ein anderes Mal sind weite Wege des Zugangs zu gehen. Auch das Bewusstsein für eine differenzierte Wahrnehmung des Jenseits ist nicht sehr ausgeprägt. Das Böse als aktive Kraft wird in esoterischen Zirkeln eher skeptisch gesehen. Erleuchtung oder auch ein »höheres Bewusstsein« erlangt der Esoteriker durch Rituale und Techniken, die von »Meistern« vermittelt werden – denjenigen, die eine geistige Transformation vollzogen haben und ihr Leben im Einklang mit den kosmischen Kräften und Gesetzen meistern. Immer wieder geht es in der Esoterik um diese »göttliche Energie«, die geweckt werden soll.
Grundlegend für diese Praktiken ist die Auffassung, dass es zwischen »Geist« und »Stoff« keine grundsätzliche Differenzierung gibt, sondern lediglich Abstufungen. Geist und Materie sind verschiedene Erscheinungsformen; die Wirklichkeit wird als einziges geistig-energetisches Kraftfeld verstanden, in dem »Entwicklung« möglich ist. Vor allem das Zauberwort »Energie«, die Vorstellung von einer den ganzen Kosmos durchdringenden »Lebensenergie« fasziniert viele Menschen.
Eine derartige Vorstellung liegt auch dem Yoga zugrunde. Durch bestimmte unsichtbare »Energie-Zentren« (Chakren) kann der Mensch Lebenskraft aus dem Kosmos aufnehmen und auch einsetzen. Der Einfluss des Yoga auf nahezu alle esoterischen Zirkel der Gegenwart sowie auf die Mitte der 1960er Jahre entstandenen New-Age-Bewegung ist unübersehbar.
Während in vielen esoterischen Kreisen das Interesse näher am Zugang zu dieser Energie und an ihren Auswirkungen liegt, ist im Okkultismus ein größeres Interesse an der Quelle der Energie zu entdecken. Dennoch sind die Grenzen zwischen Esoterik und Okkultismus nur schwer zu ziehen. Hans-Jürgen Ruppert spricht von einem »esoterischen Okkultismus«:
»Schon von der Wortbedeutung her ist ›Okkultismus‹ eng mit dem Begriff ›Esoterik‹ verwandt. Das griechische Wort esoteros (= ›innerlich‹, ›verborgen‹) entspricht dem lateinischen occultus. Dieser Begriff bezieht sich vor allem auf die Geheimhaltung des okkulten Wissens und auf dementsprechende Praktiken und Rituale, wie sie seit jeher in Geheimbünden gepflegt werden. In der Antike bezeichnete man als occulta die Geheimnisse, die in den Mysterien überliefert wurden.«15
Die weltanschauliche Grundauffassung ist in der Esoterik und im Okkultismus gleich: Es geht um eine monistische Auffassung der Wirklichkeit; sichtbare und unsichtbare Welt korrespondieren miteinander. Die transzendente Wirklichkeit wird entweder als eine Art »kosmische Energie« verstanden oder sie wird wiederum unterteilt in anrufbare Mächte, die auch personhaft sein können. Das gesamte Spektrum ist geradezu unübersichtbar. Kurt Hutten, der frühere Leiter der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen, unterschied vier Kategorien von Okkultismus, die er als »Okkultkonfessionen« bezeichnete:16 den Spiritismus, die Astrologie, die esoterisch-gnostischen Weltdeutungen (Theosophie, Anthroposophie, moderne Rosenkreuzer) und die Ufologie. Als fünfte Okkultbewegung sieht Hans-Jürgen Ruppert die seit den 1960er Jahren in den USA entstandenen New-Age-Bewegungen an. In all diesen Bewegungen geht es immer mehr oder weniger um die Frage, wie man an Wissen und Informationen oder auch Kraft, Energie und Macht aus der unsichtbaren Welt gelangt. Diese Wissens- und Kraftenergien können dann in unterschiedlicher Weise gesteuert oder auch eingesetzt werden.
Der gegenwärtige Boom des Übersinnlichen ist schwer zu erfassen, da es so gut wie keine klaren Definitionen und Zuordnungen gibt. Geister, Mächte und Energien stehen nebeneinander; religiöse Sprache macht sich breit; Religionsstifter und »große Geister« stehen nebeneinander. Die spezifischen okkulten Praktiken, mit denen der Zugang zum Übersinnlichen geschafft werden soll, können vielfach noch klar definiert werden. Geradezu verbreitet sind die populären Formen wie Handlesen, Tisch- und Gläserrücken oder auch das Auspendeln von Botschaften. Immer beliebter werden auch die unterschiedlichen Formen des Spiritismus. Der Versuch, mit verstorbenen Menschen Kontakt aufzunehmen, um so »Botschaften« aus dem Jenseits zu erhalten, hat sich bis in hohe Bildungsschichten und Regierungskreise einiger westlicher Nationen verbreitet. Für einige ist der Einfluss gewisser Popgruppen, die mit ihrer Musik bewusst Satan verherrlichen wollen (z. B. Black Sabbath, Black Widow, Tyrannosaurus Rex oder andere Gruppen des Black Metal) nicht zu unterschätzen. Für immer mehr Menschen werden diese Praktiken zu einem Einstieg in das ganze Feld des Satanismus. Die Anhänger des Satanskultes heutiger Prägung mischen in ihren Riten religiöse Satanszeremonien mit sexuellen und okkulten Praktiken, die ausdrücklich im Namen Satans ausgeübt werden. Wieviele solcher organisierter Satanskulte es im deutschsprachigen Raum inzwischen gibt, ist nicht erfasst; die Zahl und Aktivität scheint jedoch zu steigen.
Wenn schon die Beschreibung der ganzen Szene des Okkulten schwierig ist, so ist die Deutung der unterschiedlichsten Praktiken und Aktivitäten um so schwieriger.
Obwohl der moderne Okkultismus in seinen unterschiedlichen Formen geradezu als Ersatzreligion der Postmoderne anzusehen ist, ist immer noch der Versuch verbreitet, diese okkulte Religiosität als Humbug oder Schwindel beiseite zu schieben. Die stärkste Ablehnung in diesem Sinn ist jedoch weniger bei Natur- und Geisteswissenschaftlern zu finden, sondern bei den Pädagogen der Nachkriegszeit, die ihr Weltbild weitestgehend noch in aufklärerischer Naivität besiegelt sehen wollen. Auch Kriminologen oder Zauberkünstler wehren sich gegen die Feststellung, dass es zwischen Himmel und Erde auch Phänomene gibt, die aufgrund von okkulter Kraft zustande kommen. Menschen, die so etwas für real halten, werden dann schnell als krank oder religiös verdreht eingestuft.17
Für den einen mag jegliche übersinnliche Erfahrung schon in den Bereich des Okkulten gehören; für den anderen ist eine Differenzierung hilfreich: Nicht alles, was übersinnlich ist, ist zugleich auch dämonisch und satanischen Ursprungs. So geht man in der Parapsychologie davon aus, dass viele übersinnlichen Erfahrungen zunächst auch völlig wertfrei erfassbar und erfahrbar sind. Reinhard König differenziert zwischen dem eigentlich Okkulten (Verborgenen) und dem Dämonischen und warnt vor einer Gleichsetzung.18 Wo aber liegen die Grenzen? Ab wann wird Okkultes zum Dämonischen? Unbestritten mag es eine ganze Reihe übersinnlicher Erfahrungen geben, die weder gut noch böse sind, die – anders ausgedrückt – nicht ideologisch besetzt und gedeutet werden müssen. Dennoch sind die Grenzen sehr schwer zu ziehen.
In dieser Popularisierung und Verharmlosung des Okkulten liegt eine große Gefahr. Das Feld der Parapsychologie erstreckt sich ja durchaus bis in die Bereiche der Magie und des Spiritismus. Wer meint, auf diesem Terrain als neutraler wissenschaftlicher Beobachter zu fungieren, täuscht sich in den meisten Fällen. Das Okkulte erweist sich eben in vielen Fällen als »der Okkulte«, als Satan mit einer attraktiven Maske.
Jeder, der heutzutage wachen Auges die geistesgeschichtliche Entwicklung in Europa verfolgt, wird eingestehen müssen, dass die Konfrontation mit den verschiedensten Formen und Ausprägungen der Esoterik sowie die zunehmende Verbreitung des modernen Okkultismus die Frage nach einem zukunftsfähigen Weltbild neu aufgeworfen hat.
Zudem wird von einer ganz anderen Seite die Auseinandersetzung mit der so genannten unsichtbaren Welt gefordert: Seit etwa fünf Jahrzehnten berichten Christen unterschiedlichster Konfessionen verstärkt von übersinnlichen Erfahrungen. Da es hierbei auch vielfach um Erlebnisse im Zusammenhang mit den Geistesgaben geht, sprechen wir auch von der »charismatischen Bewegung«. Gegenwärtig zählen sich etwa 600 Millionen Christen weltweit zu dieser Frömmigkeitsrichtung. Sie umspannt sowohl Christen in den bekannten großen Denominationen als auch in einer Vielzahl unabhängiger Gemeinden und Hauskirchen.
Es ist Aufgabe der Kirche und der Theologie, diese Erfahrungen zu deuten und zu einem biblisch fundierten Umgang damit zu verhelfen. Auf keinen Fall dürfen übersinnliche Erfahrungen einfach als ein Relikt mittelalterlichen Aberglaubens abgetan oder ignoriert werden. Die Welt, in der sich der heutige Mensch befindet, ist auch eine Welt mit übersinnlichen Erfahrungen.
3. Biblische Grundaussagen zu einer ganzheitlichen Weltsicht
Wie bereits desöfteren erwähnt, tun sich die meisten Theologen der Gegenwart schwer mit den durch die neue Religiosität aufbrechenden Fragen nach der Bedeutung des Unsichtbaren oder auch der übersinnlichen Erfahrungen. Die westliche Theologie hat sich in den letzten Jahrhunderten, spätestens jedoch seit der Aufklärung, in ihrer Sprache, ihren Werten und ihren Fragestellungen einer Weltsicht verpflichtet gesehen, die für Übersinnliches, Unsichtbares nur wenig Interesse hat. Welche Bedeutung aber hat diese Dimension der Wirklichkeit in der Bibel? Ist es überhaupt legitim, von einem Weltbild, einer Weltanschauung oder einer Weltsicht der Bibel zu sprechen? Vermittelt die Bibel ein eindeutiges Weltverständnis?
Zunächst einmal gilt es, klarer zu fassen, was wir meinen, wenn wir von einer Weltsicht sprechen. Verschiedene Philosophen und Autoren haben versucht, hierzu verbindliche Erklärungen zu geben. Der Anthropologe Paul G. Hiebert (1932–2007) ging davon aus, dass eine Weltsicht (worldview) die fundamentalen und wertenden gemeinsamen Ansichten einer Menschengruppe oder eines Volkes in einer bestimmten Kultur ausmache.19 Den kulturellen Hintergrund berücksichtigend, beschrieb er die moderne westliche, dualistische Weltsicht, in der sich Seele und Körper, Geist und Sache, Heiliges und Weltliches gegenüber stehen und getrennt voneinander beschrieben werden. Diese Wirklichkeit finde auf zwei Ebenen statt, die Hiebert als die höhere Ebene der Religion und die Basisebene der Wissenschaft beschrieb. Diese dualistische Weltsicht unterscheide sich nach Hiebert jedoch wesentlich von der nicht-westlicher Kulturen. Dort sei eine dreifache Sicht der Wirklichkeit anzutreffen: Neben der obersten Ebene der Religion und der Basisebene der Dinge und Fakten gebe es eine mittlere religiöse Ebene, die Hiebert als eine Ebene menschlicher Kultur und niedriger Religion bezeichnete (Folk and low religion). Diese Ebene der Wirklichkeitswahrnehmung und -deutung gehe davon aus, dass jede menschliche Existenz unmittelbar mit beeinflusst wird von Geistern, Mächten, Dämonen, Sternen oder anderen kulturell bedingten religiösen Überzeugungen. Außerdem – so der Anthropologe – werde in nicht-westlichen Kulturen eher davon ausgegangen, dass alle Ebenen der Wirklichkeit miteinander verbunden sind und auch aufeinander reagieren. Auch Pflanzen, Berge und Dinge könnten »beseelt« sein. Diese stärkere holistische (ganzheitliche) Sicht der Wirklichkeit sei inzwischen auch in den esoterischen Kreisen westlicher Kultur anzutreffen.
In ähnlicher Weise wie Hiebert definiert der Theologe Charles H. Kraft die Weltsicht als die Summe kulturell strukturierter Annahmen, Werte und Verpflichtungen, mit denen eine Menschengruppe die Wirklichkeit beschreibt.20 Kraft betont, dass es immer auch kulturell und zeitlich bedingte Anteile einer Weltauffassung geben wird. So gesehen erscheint es auch problematisch, von der Weltsicht der Bibel zu sprechen, da diese verschiedene kulturelle Zeitalter beschreibt. Dennoch sollte es auszumachen sein, dass Christen aus unterschiedlichsten Kulturen und Zeiten auch Gemeinsamkeiten in ihrer Weltwahrnehmung und -deutung haben. Dementsprechend muss es Aufgabe der Theologie sein, Basissätze für ein biblisch begründetes Weltbild zu formulieren. Diese Basissätze müssten übertragbar und interpretierbar in jede Kultur und in jedes Zeitalter sein. Ein solches Vorgehen setzt voraus, dass die Bibel selbst auch einem solchen Anspruch gerecht werden will, d. h. dass in dem biblisch dargelegten Wort Grundlagen eines Weltbildes gegeben werden, die für alle Menschen zu allen Zeiten Geltung haben.
Folgende Basissätze für ein derartig biblisch begründetes Weltbild sind meines Erachtens unverzichtbar:
a) Es gibt (nur) einen Gott
Die Verfasser der biblischen Schriften setzen voraus, dass es nur einen wahren Gott gibt. Er hat sich vorgestellt, geoffenbart als Gott-Vater, Gott-Sohn und Gott-Heiliger Geist und ist doch einer (Mt. 28,19; 2. Kor. 13,13); er ist der Heilige, der Liebende, der Ewige. Dadurch, dass Gott sich offenbart mit Namen, macht er sich erkennbar für den Menschen (2. Mo. 33,19). Wohl ist seine Existenz auch in der Existenz der Welt im Sinne einer natürlichen Gotteserkenntnis zu erahnen (Röm. 1,19); aber dieses Wissenkönnen um Gott ist nicht hinreichend, um sein Wesen auszumachen. Dazu bedarf es der Selbstkundwerdung durch sein Wort, seinen Geist und schließlich durch Jesus Christus (Hebr. 1,1–2).
b) Gott ist der Schöpfer der sichtbaren und unsichtbaren Welt
Ohne Zweifel belegt die Bibel von der ersten bis zur letzten Seite, dass diese Welt als eine Schöpfung Gottes zu verstehen ist. Sie ist nicht aus sich selber entstanden, sondern entspringt dem Willen und Wort Gottes (1. Mo. 1–2). Das bedeutet, dass diese Welt einen ganz konkreten Anfang genommen hat. Die Schöpfung geschieht durch den Gott, wie er sich in der Bibel offenbart, als Gott-Vater, Gott-Sohn und Gott-Heiliger Geist. Im Zentrum der Schöpfung steht Jesus Christus. »Er ist das Bild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene aller Schöpfung. Denn in ihm ist alles in den Himmeln und auf der Erde geschaffen worden, das Sichtbare und das Unsichtbare, es seien Throne oder Herrschaften oder Gewalten oder Mächte: alles ist durch ihn und zu ihm hin geschaffen; und er ist vor allem, und alles besteht durch ihn« (Kol. 1,15–17). Der Schöpfungsakt Gottes beinhaltet also nicht nur die sichtbare Welt, nicht nur die kosmische Dimension, sondern auch die unsichtbare Wirklichkeit. Dabei handelt es sich nicht nur um die unterschiedlichen Äonen der Wirklichkeit, wie sie etwa in Hebräer 1,2 beschrieben werden. Das biblische Zeugnis verpflichtet, das Sichtbare von den unsichtbaren Wirklichkeitssphären zu unterscheiden. Die unsichtbare Welt geistlicher Realitäten ist genauso wirklich wie die Welt der empirischen Wissenschaften. Beide Sphären der Wirklichkeit finden ihre Bestimmung und Deutung in Jesus Christus. In ihm werden sie erkannt, unterschieden und aufeinander bezogen. Die Wirklichkeit wird wahrgenommen in ihrer Beziehung zwischen unsichtbarer und sichtbarer, gegenständlicher und unanschaulicher, zeitlicher und ewiger Perspektive.
c) Die Realität des Bösen wird als antigöttliche Macht bezeugt
Die Bibel geht von der antigöttlichen Macht des Bösen aus. Sie wird unterschiedlich beschrieben. Jesus spricht vom Diabolos, dem Durcheinanderbringer, oder auch dem Satan, dem Ankläger. Der Satan ist der Feind Gottes, der sich gegen Gott und seinen Heilswillen auflehnt. Über den Ursprung dieser Macht wird in der Bibel nur andeutungsweise gesprochen (Hes. 28,1–17; Jes. 14,12–21); das Ende des Bösen wird hingegen in der Offenbarung des Johannes ausführlich dargelegt. Diese Macht des Bösen wirkt in unterschiedlicher Weise auf die Schöpfung Gottes ein. Die Aussagen der Bibel legen die Annahme nahe, dass dem Reich Gottes ein ganzes satanisches Machtsystem gegenübersteht (Eph. 6,1–10). Das Ausmaß dieser Einwirkung ist nicht zu unterschätzen, so dass der Satan auch als »Gott dieses Äons« dargestellt wird (2. Kor. 4,4). Primär versucht Satan, Menschen in seinen Machtbereich zu ziehen und für sich einzunehmen. Sein Machtanspruch wächst durch das Ausmaß der Sünde des Menschen. Erst durch die erlösende Macht Jesu Christi werden die Werke des Satans zerstört (1. Joh. 3,8). Die Macht Satans wird im biblischen Verständnis der Wirklichkeit niemals zu lösen sein von der Macht Gottes. Satan kann also nicht in einem für Gott unverfügbaren Machtvakuum agieren, sondern immer nur unter den »Augen« Gottes. Das Festhalten an der biblischen Sicht von Satan ist also nicht ein Zurückfallen in eine dualistische Weltsicht, die sich in gut und böse, in eine Welt Gottes und eine Welt Satans aufteilt, sondern sie bezeugt die souveräne Alleinherrschaft Gottes, der auch seinen letzten Feind überwunden hat.
d) Der Mensch ist für die Gemeinschaft mit Gott und Menschen geschaffen
Der Mensch ist nicht nur durch das Wort, sondern auch für das Wort und im Wort Gottes als ein geistleibliches Wesen geschaffen worden. Sein Personsein ist in seiner Verantwortlichkeit begründet. Seine Bestimmung ist es, sein Leben in einer Liebesbeziehung zu Gott und zu seinen Mitmenschen zu gestalten: »Du sollst den Herrn, deinen Gott lieben aus deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deiner ganzen Kraft und mit deinem ganzen Verstand und deinen Nächsten wie dich selbst« (Lk. 10,27). Der Mensch soll nach den Maßstäben Gottes leben und die Welt in der Verantwortung vor ihm gestalten: »Man hat dir mitgeteilt, o Mensch, was gut ist. Und was fordert der Herr von dir, als Recht zu üben und Güte zu lieben und demütig zu gehen mit deinem Gott?« (Mi. 6,8). Das Leben auf der Erde ist für den Menschen endlich und unwiederholbar (Hebr. 9,27).
e) Die Sünde des Menschen und ihre Auswirkungen
Mit »Sünde« ist in der Bibel nicht etwas Moralisches gemeint, sondern der Zustand der Erlösungsbedürftigkeit des natürlichen Menschen. Jeder Mensch findet sich vor in dieser Erlösungsbedürftigkeit, egal welchen moralischen Stand er verkörpert (Römer 3). Hinter der Sünde steht die Macht der verführerischen Kraft des Bösen, die aber nie Grund für die Sünde ist. Die Sünde kommt dadurch zustande, dass Menschen sich dieser Macht geöffnet haben. Je mehr sich der Mensch mit der Sünde einlässt, desto mehr gerät er unter die Herrschaft – nicht nur der Sünde, sondern auch der dämonischen, teuflischen Mächte (Joh. 8,34). Der Bericht vom Sündenfall (1. Mo. 3) berichtet von den verheerenden Folgen der Sünde in psychologischer (Vers 3–7), sozialer (Vers 11–16) und ökologischer Hinsicht (Vers 17–19). Der Mensch als Sünder steht unter dem Zorn Gottes. Dieser Zustand wird auch als Verlorenheit des Menschen bezeichnet (Mt. 18,11; Röm. 2,12; 2. Kor. 4,3). Subjektiv erlebt er diesen Zustand im bösen Gewissen oder auch in der Angst vor Gott. Die Gottesgemeinschaft ist zerstört und mit ihr auch das von Gott gewollte Menschsein. Die menschliche Freiheit ist gebrochen und nur noch eingeschränkt gegeben. Die Auswirkungen der Sünde können nicht nur einzelne Menschen, sondern ganze Völker, ja die ganze diesseitige Welt mit ihren Systemen erfassen. Krankheiten, Katastrophen, Unfälle, sozialpolitische Unordnungen, Kriege, wirtschaftliche Zusammenbrüche und vieles andere kann als göttliches Gericht, als satanische Aktivität oder auch als Äußerung der menschlichen Sünde oder als eine Art Kombination dieser Faktoren gedeutet werden. Als letzte Folge der Sünde steht die Vernichtung des Lebens, der Tod und ein Weiterexistieren in ewiger Gottesferne (Röm. 6,23; Offb. 21,15). Der einzelne Mensch und die Verantwortungsgemeinschaft, in der er lebte, werden von Gott selbst gemäß seines Standes und seines Lebens vor Gott im »Jüngsten Gericht« beurteilt (Offb. 20,11–15; Mt. 25,32).
f) Die Erlösung durch Jesus Christus
Der Mensch ist nicht nur in seiner Erlösungsbedürftigkeit verloren, sondern durch das Kommen des Erlösers Jesus Christus befreit zum ursprünglichen Leben in einer Liebesbeziehung zu Gott und Menschen. Der Mensch selbst ist nicht in der Lage, sich aus der Macht der Sünde zu befreien. Gott hat einen Weg aufgetan, indem er Jesus Christus als Mensch in diese Welt sandte. Auf diesen von Gott Gesandten legte Gott stellvertretend die ganze Sünde der Menschen (Joh. 1,29; Jes. 53). Durch seinen Tod sühnte Jesus die Schuld der Menschen: »Gott aber erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus, als wir noch Sünder waren, für uns gestorben ist. Vielmehr nun, da wir jetzt durch sein Blut gerechtfertigt sind, werden wir durch ihn vom Zorn gerettet werden. Denn wenn wir, als wir Feinde waren, mit Gott versöhnt wurden durch den Tod seines Sohnes, so werden wir viel mehr, da wir versöhnt sind, durch sein Leben gerettet werden« (Röm. 5,6–10).
Diese Möglichkeit zur Versöhnung mit Gott ist für alle Menschen gegeben (1. Tim. 2,4). Sie wird wirksam, indem der Mensch im Vertrauen auf Jesus darauf antwortet: »Denn so hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern ewiges Leben hat« (Joh. 3,16).
Die Erlösung des Menschen durch Jesus Christus beinhaltet nicht nur die Vergebung der Schuld des Menschen, sondern auch die Möglichkeit einer neuen Lebensqualität, die auch als »ewiges Leben« bezeichnet wird. »Der Lohn der Sünde ist der Tod, die Gnadengabe Gottes aber ewiges Leben in Christus Jesus, unserem Herrn« (Röm. 6,23). Dieses Leben wird bewusst empfangen durch die Umkehr des Menschen zu Gott (Buße), durch den Glauben des Menschen an Jesus Christus und durch den Empfang und Vollzug der Taufe sowie durch den Empfang der Gabe des Heiligen Geistes (Apg. 2,28). Der Heilige Geist bezeugt dem Christen seine Gotteskindschaft und die neue Autorität, mit der er auch der dämonischen Macht und missbrauchter menschlicher Autorität gegenüber auftreten kann.
»Denn so viele durch den Geist Gottes geleitet werden, die sind Söhne Gottes. Denn ihr habt nicht einen Geist der Knechtschaft empfangen, wieder zur Furcht, sondern einen Geist der Sohnschaft habt ihr empfangen, in dem wir rufen: Abba, Vater! Der Geist selbst bezeugt zusammen mit unserem Geist, dass wir Kinder Gottes sind. Wenn aber Kinder, so auch Erben, Erben Gottes und Miterben Christi, wenn wir wirklich mitleiden, damit wir auch mitverherrlicht werden« (Röm. 8,16–17).
Die neue Existenzweise des durch Christus erlösten Menschen entwickelt sich durch die Kraft des Heiligen Geistes und dadurch, dass der Mensch sich vollkommen in die Nachfolge Jesu Christi begibt. Die Transformation der menschlichen Existenz beginnt mit der Anfangserfahrung der Buße, der Taufe und des Geistempfangs und zieht sich durch das ganze weitere Leben. Der Christ lebt zunehmend in dem Bewusstsein, dass Jesus selber in ihm und durch ihn wirksam ist (Joh. 14–15). Der Heilige Geist entfacht in ihm Fähigkeiten und Gaben, die ihm durch das neue Leben geschenkt wurden und durch die er nunmehr das Wirken Jesu in dieser Welt weiterführen kann (Röm. 12,3ff; 1. Kor. 12). Dieses neue Leben kann dem Menschen nicht mehr genommen werden, es sei denn, er wendet sich selber bewusst und dauerhaft davon ab. Für die, die in Jesus Christus sind, gibt es »keine Verdammnis« mehr (Röm. 8,1). Im Endgericht wird ihnen ihr Glaube an Jesus Christus zur Gerechtigkeit gewertet, und sie werden in Ewigkeit mit Gott verbunden sein (Röm. 3,25; 1. Kor. 1,30; Offb. 19,8).
g) Das Reich Gottes und das Volk Gottes
Überall da, wo sich die Herrschaft Gottes ausbreitet, spricht die Bibel auch vom Reich Gottes. Damit ist nicht eine territoriale Ausbreitung gemeint, sondern die Einsetzung und Wirksamkeit des göttlichen Herrschaftsanspruches über die gesamte Schöpfung.
Gott erwählt sich das Volk Israel als ein Bundesvolk. Durch dieses Volk sollen alle Völker der Erde in den Herrschaftsbereich Gottes geführt werden und gesegnet sein (1. Mo. 12,1f). Dieser alttestamentliche Bund ist nach den Aussagen der Bibel durch das Neue Testament nicht aufgelöst. Gott jedoch nimmt eine »Erweiterung« seines Volkes vor, indem auch aus nichtisraelischen Völkern Menschen durch den Glauben an Jesus Christus zum Volk Gottes gehören (Röm. 9–11). Eine Deutung der Welt ohne die Berücksichtigung der gesonderten Stellung des Volkes Israel ist jedoch biblisch nicht möglich. Das Reich Gottes hat aber seinen Mittelpunkt nicht im Volk Israel, sondern in Jesus Christus.
Mit dem Kommen Jesu Christi in diese Welt ist auch das Reich Gottes zu den Menschen gekommen (Mt. 12,28). Die Herrschaft Gottes in dieser Welt wird deshalb immer auch mit dem Namen Jesu Christi verbunden sein. In seinem Namen wird gepredigt, geheilt, Dämonen werden ausgetrieben und Gefangene befreit. Dieses alles sind Zeichen des anbrechenden Reiches Gottes (Mt. 10). Dieses Reich Gottes wird zu seiner vollen Entfaltung kommen, wenn alle Macht des Bösen auf ewig gebunden ist (Mt. 16,28; Offb. 22). Aber auch jetzt schon wird es zeichenhaft sichtbar; geradezu ausschnittsweise wird erlebt, dass die Wirksamkeit des Bösen punktuell ausgeschaltet wird durch Heilungen, Totenauferweckungen oder andere Wunder (Mk. 16,15–20). Diese (An-)Zeichen des Reiches Gottes werden nicht nur in den Evangelien, der Apostelgeschichte und den neutestamentlichen Briefen bezeugt, sie gehören zur »normalen« Wirklichkeitserfahrung der Christenheit (1. Kor. 4,20; Apg. 2,22).
h) Der neue Himmel und die neue Erde
Es gehört zu den Basiselementen biblischer Weltsicht, dass die gegenwärtige Welt nicht für immer existieren wird. Sie wird vergehen (Mt. 24,35; 1. Kor. 7,31; Offb. 21,4) und die Erde wird verbrennen (2. Petr. 3,10). Vor diesem Ende wird es Anzeichen geben, u. a. auch eine Zunahme von Gottlosigkeit, von weltweiten Katastrophen oder auch von kosmischen Veränderungen (vgl. Mk. 13 par.).
Bevor Gott einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen wird, wird der Satan ein für alle Mal gebunden sein (Offb. 20,7–10). Die Aussagen der Offenbarung des Johannes sprechen auch davon, dass es zuvor eine zeitlich begrenzte Bindung der satanischen Mächte auf dieser Erde geben wird:
»Und ich sah einen Engel aus dem Himmel herabkommen, der den Schlüssel des Abgrundes und eine große Kette in seiner Hand hatte. Und er griff den Drachen, die alte Schlange, die der Teufel und der Satan ist, und er band ihn tausend Jahre und warf ihn in den Abgrund und schloss zu und versiegelte über ihm, damit er nicht mehr die Nationen verführe, bis die tausend Jahre vollendet sind. Nach diesem muss er für kurze Zeit losgelassen werden« (Offb. 20,1–3).
Auch das Welt-Endgericht wird der Schaffung des neuen Himmels und der neuen Erde vorangehen (Offb. 20,11–15). Dann jedoch bezeugt der Seher Johannes: »Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde waren vergangen, und das Meer ist nicht mehr« (Offb. 21,1–2).
i) Die Erkenntnis der biblischen Wirklichkeit
Die in der Bibel bezeugte Wirklichkeit der unsichtbaren Welt ist nicht ohne Weiteres mit dem menschlichen Verstand auszumachen. Wohl ist die sichtbare Welt erforschbar und erfassbar; die unsichtbare Welt ist jedoch mit den Mitteln wissenschaftlicher Erforschung nur in begrenzter Weise zu beurteilen. Das »Schauen des Unsichtbaren« (2. Kor. 4,18) ist nur mit den »erleuchteten Augen des Herzens« (Eph. 1,18) möglich. Der menschliche Verstand ist geradezu »verfinstert« oder auch »verblendet« (Eph. 4,18). Die Erkenntnis Gottes bedarf deshalb der besonderen Gnade der Offenbarung Gottes.
»Denn wer von den Menschen weiß, was im Menschen ist, als nur der Geist des Menschen, der in ihm ist? So hat auch niemand erkannt, was in Gott ist, als nur der Geist Gottes. Wir aber haben nicht den Geist der Welt empfangen, sondern den Geist, der aus Gott ist, damit wir die Dinge kennen, die uns von Gott geschenkt sind. Davon reden wir auch, nicht in Worten, gelehrt durch menschliche Weisheit, sondern in Worten, gelehrt durch den Geist, indem wir Geistliches durch Geistliches deuten. Ein natürlicher Mensch aber nimmt nicht an, was des Geistes Gottes ist, denn es ist ihm eine Torheit, und er kann es nicht erkennen, weil es geistlich beurteilt wird. Der geistliche dagegen beurteilt zwar alles, er selbst jedoch wird von niemand beurteilt. Denn wer hat den Sinn des Herrn erkannt, dass er ihn unterweisen könnte? Wir aber haben Christi Sinn« (1. Kor. 2,11–16).
Im Licht dieser Aussagen kann die Welt nicht einfach verstanden werden als ein Universum, das vorwiegend durch naturwissenschaftliche Methoden erfassbar gemacht werden kann. Vielmehr muss die Welt als ein offenes Universum begriffen werden, in dem natürliche und übernatürliche Gesetzmäßigkeiten miteinander korrespondieren und zusammenwirken. In einer solchen Welt, die Sichtbares und Unsichtbares einschließt, werden sogenannte übernatürliche Phänomene wie Gebetserhörungen, Wunderwirkungen, Engelerscheinungen, Dämonisierung, Befreiung von Dämonen, geistliche Begabungen, die Freisetzung des Heiligen Geistes usw. als etwas Natürliches anzusehen sein.
4. Plädoyer für ein zukunftsfähiges Weltbild
Vielleicht ist es symptomatisch für unsere Zeit: Die Diskussion um ein Weltbild scheint weniger erhitzt zu sein; vielmehr geht es um einen Dialog, um Wahrnehmungshilfen und um Aspekte für eine Weltdeutung. Die Welt des 21. Jahrhunderts scheint dermaßen komplex zu sein, dass eine schlichte oder ideologisch eingefärbte Weltsicht zwar noch Gehör findet, aber in ihrem Anspruch, eine Weltsicht für alle Menschen und Völker zu sein, wohl prinzipiell auf Ablehnung stoßen muss. So spricht man heutzutage auch bescheidener vom christlichen Beitrag zu einem zukunftsfähigen Weltbild oder auch vom Dialog zu Fragen der Weltanschauung. Aus einem derartigen weltanschaulichen »Leipziger Allerlei« wird sodann eine »Weltbild-Suppe« angeboten, die möglichst allen Menschen auf diesem Erdkreis munden soll. Die monotheistischen Religionen (Judentum, Christentum und Islam) bleiben zwar bei ihrem Anspruch, dass ihre Sicht der Welt auch für Menschen außerhalb ihrer Religion verbindlich ist, sie verweigern sich aber auch nicht dem Gespräch mit Andersdenkenden.
Die Diskussion um ein zukunftsfähiges Weltbild sollte also auf allen Ebenen geführt werden. Auch der Dialog mit den Naturwissenschaften und den sich wacker haltenden Vertretern des modernen Aufklärertums kann nur zur Schärfung der Sinne beitragen. Die Zeit, in der Christen ein einheitliches Weltverständnis in Europa vorausgesetzt haben, neigt sich deutlich dem Ende zu. Um so wichtiger scheint es zu sein, dass die Reflexion über die eigene Weltsicht, über die Basisaussagen der Bibel zum Weltbild intensiver geführt wird als bisher. Es erstaunt schon, dass gerade auch in so genannten »frommen Kreisen«, in Gemeinden und Gemeinschaften, in denen Menschen viele übersinnliche Erfahrungen machen, in denen Frauen und Männer und Kinder an die Kraft des Gebetes und des Wortes Gottes glauben, in denen das Bekenntnis zum dreieinen Gott nicht als Worthülse verstanden wird – dass gerade auch in jenen Kreisen eine eigentümliche Sprachlosigkeit eingesetzt hat. Vielfach weiß man sich innerlich einem Weltverständnis verpflichtet, das mehr oder weniger noch die aufklärerischen Voraussetzungen hat; Verunsicherung tritt ein, wo durch die postmoderne Religiosität das Übersinnliche und die unsichtbare Welt thematisiert werden. Allzu schnell kommt es zu verkürzten Positionen: Die einen »verteufeln« alles, was mit der verworteten Theologie nicht vereinbart werden kann – da ist es mehr oder weniger gefährlich, von Geisterfahrungen zu sprechen. Und die anderen surfen geradezu auf der neuen religiösen Welle und übernehmen mehr oder weniger unreflektiert das Vokabular und auch so manche Inhalte und Techniken der neuen Religiosität.
Wenn Christen sich profiliert an der Diskussion um ein zukunftsfähiges Weltbild beteiligen wollen, so brauchen sie zum einen eine klare Vorstellung von den Basisaussagen des biblischen Wortes und zum anderen die Fähigkeit, diese Vorstellungen auch in der Gegenwart zur Sprache zu bringen. Es hilft nicht viel weiter, wenn wir in der Sprache der Bibel unsere Glaubensüberzeugungen weitergeben, ohne dass diese auch verstanden werden, geschweige denn, dass dazu Denkhilfen geliefert werden.
Einige Aspekte für eine derartige Diskussion um ein zukünftiges Weltbild seien deshalb hierzu im Folgenden angeführt.
a) Die Notwendigkeit der Neu-Deutung biblischer Sprache
Es ist bereits deutlich geworden, dass die Sprache der Gegenwart mehr und mehr mit religiösen Begriffen angereichert wírd. Allein die neue Religiosität in den Bereichen der Esoterik oder auch in okkulten Dimensionen macht eine klare Zuordnung der Begriffe immer schwieriger. Was meint man, wenn man von Gott, von Geist, von Seele, von Wiedergeburt oder von Bekehrung spricht? Ich bin durchaus der Auffassung, dass die biblischen Begriffe nicht durch andere ersetzt werden sollten; aber sie müssen in einer heute verständlichen Sprache interpretiert werden. So reden wir z. B. davon, dass wir »an den Teufel glauben«. Damit meinen wir in der Regel, dass wir davon ausgehen, dass Satan existiert. Der Begriff »glauben« setzt aber eine Vertrauensbeziehung voraus. Wir glauben an Gott; Satan ist nicht das Objekt des christlichen Glaubens, sondern des Unglaubens! Wir glauben sozusagen gegen den Satan. Auch die personifizierte Redeweise von Satan legt dieses Vertrautsein zugrunde. Wir sprechen von »ihm«, als hätte er ein personhaftes Wesen. Es wäre jedoch korrekter, in einer nicht-personhaften Weise vom Bösen zu sprechen, da das Personsein immer auch mit der Gottesebenbildlichkeit in Verbindung steht.21
Dennoch sind diesem Bemühen durch die Unpässlichkeit menschlicher Sprache auch Grenzen gesetzt. Eine Sache oder ein Zusammenhang wird nicht allein dadurch klarer, dass ich dafür einen anderen Begriff wähle, den ich dann wiederum auch zu erklären habe. Hier sei lediglich festgestellt, dass das Ringen um Verständigung in der Diskussion um ein zukunftsfähiges Weltbild nicht einfach ausgeklammert werden darf. Sonst kann es schnell zu Synthesen kommen, die lediglich aufgrund der Begriffe zustande kommen, aber nicht aufgrund der Übereinstimmung der Inhalte, für die sie stehen.
b) Die Notwendigkeit der Denkmöglichkeit biblischer Weltsicht
Nur wenige Theologen des 20. Jahrhunderts haben sich die Mühe gemacht, den Dialog mit naturwissenschaftlichen Weltanschauungen zu führen. Herausragend ist jedoch nach wie vor der Physiker und Theologe Karl Heim (1874–1958). Alles, was Heim als Ertrag seines Lebens in den sechs Bänden: »Der Evangelische Glaube und das Denken der Gegenwart«22 vorgelegt hat, ist eine epochemachende Auseinandersetzung zwischen Philosophie, Naturwissenschaft und Theologie und damit zugleich eine überzeugende Konfrontation des Weltbildes der Aufklärung mit dem des biblisch begründeten Glaubens. Das Ziel der Auseinandersetzung ist die Überwindung der Alleinherrschaft, ja der Vergötzung eines gegenständlichen Weltbildes des Wissenschaftsglaubens. Wohl soll – gemäß Heim – das gegenständlich-wissenschaftliche Denken seinen eigenständigen Sinnraum behalten. Doch sein Totalitätsanspruch muss abgewiesen werden. Hinter aller sichtbaren Wirklichkeit ist die unsichtbare Wirklichkeit wahrzunehmen. Der Raumbegriff wird Heim dabei zum Schlüssel der Denkmöglichkeit. Er unterscheidet unterschiedliche Sinnräume, die sich gegenseitig durchdringen, deren Wirklichkeit aber nicht einfach in die gegenständliche Welt gepresst werden darf. So ermöglicht er ein Denken von unsichtbarer und sichtbarer Wirklichkeit, von Denken und Glauben, ein dynamisches Weltbild. Ähnliche Ansätze wagte Horst W. Beck in seinen Ausführungen für eine interdisziplinäre Theologie.23 Diese – vielfach sehr verschachtelten und kompliziert beschriebenen – Denkansätze können sich als hilfreich erweisen, wenn es um eine Darlegung christlicher Positionen zu einem zukunftsfähigen Weltbild geht. Die Zielstrebigkeit der Argumentation hat häufiger zu dem Vorwurf geführt, hier werde der Versuch unternommen, mit den Argumenten eines naturwissenschaftlichen Ansatzes eine Art Gottesbeweis vorzulegen. Ohne Zweifel setzen Heim und seine Schüler bei der Bemühung um eine Denkmöglichkeit des christlichen Glaubens an. Dieses bedeutet jedoch nicht, dass damit eine Denknotwendigkeit gegeben ist.
Ganz anders geprägt ist die Auseinandersetzung mit einem religiösen Weltverständnis der Postmoderne. Will man einen ähnlichen Dialog – wie Heim auf dem Gebiet der Naturwissenschaft – wagen, so sieht man sich nicht einem mehr oder weniger einheitlichen Denkansatz gegenübergestellt, sondern einer Vielzahl unterschiedlicher Denk- und Erkenntniszugänge. Zudem stellt sich die ernstzunehmende Frage, ob der Dialog überhaupt auf der Ebene der denkerischen Bewältigung geführt werden kann. Erkenntnis und Erlebnis liegen hier dichter beieinander als in der Auseinandersetzung mit naturwissenschaftlicher Weltsicht. Dennoch darf sich der Dialog nicht einfach auf eine Erlebnisebene oder eine Erweiterung des Weltbewusstseins beschränken. Auch Erfahrungen und Bewusstsein wollen beschrieben und denkerisch so weit wie möglich erfasst werden.
c) Die Notwendigkeit der theologischen Zuordnung satanischen Machtanspruchs
Wenn das Zeugnis der Bibel von der Wirklichkeit und Wirksamkeit des Satanischen spricht, müssen wir uns von vornherein darüber klar sein, dass damit eine Wahrheit ausgesprochen ist, die für unsere Erkenntnis einen unlösbaren Widerspruch bedeutet. Dieser Widerspruch ist nicht theologisch konstruiert. Zum einen ist Gott der souveräne Herrscher, der Schöpfer der sichtbaren und unsichtbaren Welt. Zum anderen wird Satan beschrieben als jemand, der Einfluss in dieser Welt ausüben kann. Es gehört zum Wesen Gottes, dass Gott alles in allem wirkt. Martin Luther bezeichnet deshalb den Teufel als »Gottes Teufel«, der nur unter der Herrschaft Gottes seine Macht entfalten darf und kann. Der Teufel ist aber nicht nur eine Art »Untertan« Gottes, sondern die zweite biblische Wahrheit muss ebenso deutlich gesagt werden: Satan hat das Ziel, Gott zu entthronen. Seine Macht ist nicht zu unterschätzen. – Diese denkerisch polare Spannung zwischen den beiden Aussagen muss auch ausgehalten werden und wird nur schwerlich zu erhellen sein. Gerade diese Spannung ist es ja, die im Kreuzesgeschehen, in Jesus Christus ihre Auflösung findet. Der angebliche Triumph Satans im Tod des Sohnes Gottes wird zur Thronbesteigung des Siegers von Golgatha: Jesus Christus.
Welchen Stellenwert hat angesichts der erneuten Ermächtigung des Sohnes Gottes aber nun noch der Satan und seine Gewalten? Was bedeutet es, dass der gesamte Kosmos unter der Herrschaft des Bösen steht (1. Joh. 5,19), oder dass Jesus den Satan als den »Fürsten dieses Welt« bezeichnet (Joh. 14,30)? Selbst eine differenzierte Darlegung der leidvollen inhaltlichen Verwobenheit von Teufel, Welt und Fleisch bzw. Sünde mildert die Schärfe der Fragestellung nicht ab. Eine stärkere Betonung der menschlichen Verankerung des Bösen, wie sie u. a. auch Sherwood G. Lingenfelter 24 oder der niederländische Theologe Hendrik Berkhof 25 sehen, kann nur wenig zur Aufklärung der Fragestellung beitragen. Festzuhalten bleibt, dass es wohl einen nicht zu unterschätzenden menschlichen Verantwortungsrahmen für die Wirksamkeit des Bösen gibt, dass jedoch auch eine handelnde, interpersonale Macht der Sünde existiert.
Deutlicher wird die Fragestellung angesichts der Ausbreitung des Bösen in Politik und Gesellschaft. Theologen aller Zeiten haben versucht, eine Antwort zu geben. Ein neuerlicher, viel beachteter Entwurf wird von dem Theologen Walter Wink in seiner Trilogie zum Thema vorgelegt.26 Winks Interesse ist es, die gesellschaftliche Dimension des Bösen in ihrer Auswirkung theologisch zuzuordnen. Er geht davon aus, dass jegliche Realität eine physikalische und spirituelle Seite hat. Diese spirituelle Seite bezeichnet er als Macht, die in ihrem Ursprung jedoch nicht schon böse sein muss, sondern erst durch die Anwendung böse wird. Erst wenn die Mächte dazu führen, dass ein Mensch oder auch ein System sich gegen Gott erhebt, werden diese Mächte gemäß Walter Wink zu bösen Mächten. Wenngleich dieser Gedanke in seiner Konsequenz von vielen evangelikalen Theologen nicht nachvollzogen wird, so liegt darin doch ein Akzent, der nicht übersehen werden darf. Es geht um die menschliche Verantwortung, die jeder Wirksamkeit des Bösen mit zugrundeliegt. Wenn ein ganzes Netzwerk derartiger Mächte und Gewalten zum Einsatz kommt, um Gott zu entthronen, so spricht Wink von einem »Domination System« (Macht-System), das durch eine entartete Kraft gesteuert wird, die in Anlehnung an Texte aus Offenbarung 13–17 als eine »babylonische Macht« gesehen wird. Wink charakterisiert diese Mächte und identifiziert sie als die in Kolosser 2 erwähnten kosmischen Mächte (soicheia thou kosmou). Durch das Christuszeugnis haben diese Mächte aber ihre eigentliche Kraft verloren; so können auch Machtsysteme gebrochen werden. Wink urteilt aus persönlicher Betroffenheit. Er selber hat sich für die Menschenrechte eingesetzt und sich aktiv an der Abschaffung des Apartheidsystems in Südafrika beteiligt. Sein Beitrag zu einem zukunftsfähigen Weltbild wird deshalb nicht nur bei Christen Gehör finden. Er erweist sich als relevant für die Deutung und Durchdringung gesellschaftspolitischer Zusammenhänge, die offensichtlich Züge des Bösen tragen.
d) Die Notwendigkeit der Zuordnung von Kultur und Weltbild
Wie bereits erwähnt, ist jede Weltanschauung aufs Engste verknüpft mit der jeweiligen Kultur. Die Basisaussagen eines biblischen Weltbildes lassen sich deshalb auch in den verschiedenen Kulturen wiederfinden. Sie können kulturprägend und kulturstiftend sein; sie sind aber kein Ersatz für Kultur. Was aber ist Bestandteil einer Kultur eines Landes und was ist möglicherweise ein Element einer antichristlichen Weltanschauung?
Gerade in dieser Frage ist die Diskussion in den vergangenen Jahren verstärkt aufgenommen worden. Federführend waren hier die Missiologen, die bemerkten, dass auch nach der Bekehrung von Menschen und Völkern in der Kultur Elemente blieben, die sie zunächst mit den Maßstäben westlicher Kulturvorstellungen als heidnisch bzw. antigöttlich oder dämonisch angesehen hatten. Grundlegend waren hier die Denkansätze Paul Hieberts.27 Hiebert ordnet viele religiöse Aktivitäten der jeweiligen Kultur zu und nicht der Ebene der Religion oder der Weltsicht im engeren Sinne. Damit verstärkt er die missiologischen Bemühungen um eine Kontextualisierung des Evangeliums. – Die Missiologen Charles H. und Marguerita Kraft warnen meines Erachtens zu Recht vor der Gefahr weiterbestehender Bindungen durch dämonischen Einfluss.28 Eine ausführliche Diskussion der Zusammenhänge würde an dieser Stelle den Rahmen der Ausführungen sprengen. Sie müsste jedoch einbezogen werden, wenn der christliche Beitrag zu einem zukunftsfähigen Weltbild Gehör finden soll.
Anmerkungen
1Vgl. Gottfried Holtz: Die Faszination der Zwänge. Aberglaube und Okkultismus. Göttingen 1984.
2Vgl. Giordano Bruno: De l’infinito, universo e mondi. 1583. Hervorragend schildert auch Thomas S. Kuhn den Weg, der zur kopernikanischen Wende führte, in seinem Buch: Die kopernikanische Revolution. Braunschweig 1981.
3Martin Luther: Werke. Kritische Gesamtausgabe (Weimarer Ausgabe). 26, S. 422.
4Vgl. Wolfgang Gericke: Theologie und Kirche im Zeitalter der Aufklärung. III/2. Kirchengeschichte in Einzeldarstellungen. Berlin 1989, S. 131–135.
5Karl Barth: Die kirchliche Dogmatik III/3. Z0llikon-Zürich 1932, S. 608.
6Emil Brunner: Dogmatik II. Die christliche Lehre von der Schöpfung und Erlösung. Zürich 1972, S. 151.
7Peter L. Berger: Auf den Spuren der Engel. Die moderne Gesellschaft und die Wiederentdeckung der Transzendenz. Frankfurt/Main 1969, S. 159.
8Ernst Benz: Die Vision. Erfahrungsformen und Bilderwelt. Stuttgart 1969, S. 17.
9Christof Gestrich: Die Wiederkehr des Glanzes in der Welt. Die christliche Lehre von der Sünde und ihrer Vergebung in gegenwärtiger Verantwortung. Tübingen 1989, S. 184.
10Vgl. Honore de Balzac: Buch der Mystik, zitiert nach Gottfried Hierzenberger: Erkundungen des Jenseits. Wien 1988, S. 167ff.
11Die Bedeutung Swedenborgs für die kantianische Philosophie und damit für das moderne Denken überhaupt wurde zusammengefasst von Wilhelm Lütgert: Die Religion des deutschen Idealismus und ihr Ende. Gütersloh 21923.
12Ebd. S. 209.
13Zitiert in Hans-Jürgen Ruppert: Okkultismus. Geisterwelt oder neuer Weltgeist. Wiesbaden 1990, S. 38.
14Vgl. ideaSpektrum 35/2000. Wetzlar 2000, S. 16.
15Hans-Jürgen Ruppert, a.a.O. S. 11.
16A.a.O. S. 47.
17Vgl. a.a.O. S. 21–24.
18Reinhard König: Sanfte Heilverfahren. Neuhausen-Stuttgart 1987, S. 179f. Vgl. hierzu auch die Ausführungen von Wolfgang J. Bittner: Heilung – Zeichen der Herrschaft Gottes. Schwarzenfeld 42007.
19Paul G. Hiebert: Anthropological Reflections on Missiological Issues. Grand Rapids 1994, S. 38.
20Charles H. Kraft: Christianity with Power. Your Worldview and Your Experience of the Supernatural. Ann Arbor 1989, S. 20.
21Auf diese sprachliche Schwierigkeit hat besonders Andrew Walker hingewiesen: Enemy Territory. London 1987, S. 10ff.
22Karl Heim: Der Evangelische Glaube und das Denken der Gegenwart. Grundzüge einer christlichen Lebensanschauung. Band 1–6. Tübingen 61973/Bad Liebenzell 2002.
23Horst W. Beck: Biblische Universalität und Wissenschaft. Stuttgart 1987.
24Sherwood G. Lingenfelter: Transforming Culture: A Challenge for Christian Mission. Grand Rapids 1992/1998.
25Hendrik Berkhof: The Christian Faith. Grand Rapids 1979, S. 208ff.
26Walter Wink: Naming the Powers (1984); Unmasking the Powers (1986) und Engaging the Powers (1992). Philadelphia.
27Paul Hiebert, a.a.O. Neuere Beiträge finden wir auch bei Klaus Berger: Wozu ist der Teufel da? Gütersloh 2001.
28Charles H. Kraft: Christian Animism or God-Given Authority? in Edward Rommen (Hrsg.): Spiritual Power and Mission. Pasadena. 1995. Marguerite G. Kraft: Understanding Spiritual Power. A Forgotten Dimension of Cross-Cultural Mission and Ministry. Pasadena 1995.
2
Erfahrene Wirklichkeit und biblische Wahrheit
Noch vieles habe ich euch zu sagen … Johannes 16,12
Während ich diese Zeilen schreibe, berät eine freikirchliche Gemeinde in meinem Wohnort, wie sie auf die Schmierereien an ihrem Gotteshaus reagieren soll. Die Meinungen sind unterschiedlich. Vor einigen Tagen entdeckte man an der schönen weißen Hausfassade eindeutig satanische Symbole. Die Bezeichnung »Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde« wurde übersprüht mit der Bezeichnung »Satanische Gemeinde«.
Wie soll sich eine bibeltreue Gemeinde angesichts solcher Erfahrungen verhalten?
Die einen plädieren dafür, derartige Anschläge einfach als pubertäre Auswüchse einiger Jugendlicher zu werten. Andere rufen zu einer Gebetsinitiative auf. Stecken dahinter lediglich Menschen, die sich einen Jux erlauben, oder hat diese Freikirche es mit einem satanischen Angriff zu tun? In der Bibel werden derartige Angriffe nicht ausdrücklich beschrieben.
Die Erfahrung dieser Gemeinde ist leider kein Einzelfall. Immer deutlicher zeigt der Teufel seine Fratzen und verzerrt die Realität. In der Seelsorge häufen sich die Fälle, in denen Menschen von okkulten Erfahrungen berichten.
Schon lange hat die Erfahrung unzähliger Menschen Fragen aufgeworfen, auf welche die Kirche heutzutage nur noch stammelnd antworten kann. Liegt das etwa daran, dass die Bibel zu dieser Thematik zu wenig sagt? Ich glaube kaum. Vielmehr habe ich den Eindruck, dass die häufig zu beklagende Sprachlosigkeit der Kirche in einer tiefsitzenden Vertrauenskrise in Bezug auf die Autorität der biblischen Offenbarung ihre Wurzeln hat. Leider sind allzu viele evangelikale Gemeinden ebenfalls davon betroffen. Die metaphysische Dimension der Gottesoffenbarung verunsichert so manchen »Worttheologen«. So stellt sich die Frage, inwiefern das biblische Zeugnis über die Existenz des Bösen und seiner Wirkungsweisen ebenso verbindlich ist wie die übrigen Aussagen.
1. Das biblische Wort als Deuterahmen erfahrener Wirklichkeit
Wer heutzutage seine Erfahrungen mit »dem Bösen« deuten will, der sucht häufig Orientierung bei den Humanwissenschaften, weniger bei den Theologen. Sie jedoch sollten gerade auf diesem Gebiet »Fachleute« sein und den Bereich des so genannten Übersinnlichen nicht den Humanwissenschaftlern oder den populären Esoterikschulen überlassen.
Nach wie vor sind viele Theologen, Pastoren und Seelsorger von der historisch-kritischen Forschung geprägt, welche das rationale Denken und Forschen in den Vordergrund der Theologie stellt. Damit wird die Frage unausweichlich, wie es mit der Beziehung dieser historisch-kritischen Vernunft zu den Aussagen des biblischen Offenbarungszeugnisses steht. Ist die kritische Vernunft allein der Maßstab für das, was als verbindliche Erkenntnisautorität akzeptiert wird, so wird die Bibel dünn. Der Theologe Gerhard Ebeling (1912–2001) stellte dazu fest: »Die Auswirkungen des geschichtlichen Wirklichkeitsverständnisses der Neuzeit trafen die Kirche vor allem im Blick auf ihr Verständnis der Heiligen Schrift, das dem Ansturm der historisch-kritischen Methode nicht standhielt.«1 Zum anderen ist heute festzuhalten, dass die historisch-kritische Forschung den skeptischen Anfragen metaphysischer Erfahrungswirklichkeit nicht standhält. Es hat den Anschein, dass die rationalistisch geprägte Worttheologie keinen Sensus für die Offenbarungswirklichkeit hat, sofern sie nicht durch die Methoden kritischer Geschichtsforschung bestätigt werden kann. Ernst Troeltsch (1865–1923) brachte die methodischen Möglichkeiten der historischen Forschung zum Ausdruck: Eine Wirklichkeit muss kritisch geprüft werden, dem Gesetz von Ursache und Wirkung (Kausalität) entsprechen und der Methode der Analogie (Vergleichung) und der Korrelation (Wechselwirkung) standhalten. So wird durch diese Denkmethodik der Zugang zum eigentlichen Offenbarungsgeschehen versperrt. Ich stimme Walter Künneth (1901–1997) zu, der behauptete, dass der Anspruch der historischen Vernunft auf Allgemeingültigkeit und damit ihr Angriff auf das biblische Zeugnis eine »grundsätzliche Begrenzung durch die Frage nach der Angemessenheit der historisch-kritischen Methoden in Bezug auf den Sach- und Wesensgehalt der biblischen Überlieferung« finde.2
Konsequenterweise ist zu fragen, welche Methodik denn »angemessen« wäre für das bessere Verständnis biblischer Texte. Um welche Wirklichkeit handelt es sich bei der biblischen Offenbarung?
Künneth nennt vier Charakteristika:
1. Die absolute Einmaligkeit, die Unvertauschbarkeit und Originalität des Ereignisses der Offenbarung. Damit ist der Grundsatz der Analogie infrage zu stellen.
2. Die geschichtliche »Tatsächlichkeit« des Offenbarungsereignisses, die eine historische Betrachtung erforderlich macht. Eine der biblischen Offenbarung angemessene »biblisch-historische Forschung« wird dementsprechend auch von vielen evangelikalen Theologen eingefordert.3
3. Die Mitteilungsgestalt der Offenbarung erfordert eine »sachgemäße« Verkündigung.
4. Die biblische Offenbarung hat »metaphysische Qualität«, d. h. ihrer Herkunft, ihrem Inhalt und ihrem Ziel nach kommt sie nicht aus der raum-zeitlichen Geschichtswelt, sondern aus der außergeschichtlichen Dimension Gottes. »Da es sich um eine neue, total andere Wirklichkeit handelt, ist sie im Vorstellungs- und Verstehenshorizont des Menschen unausdenkbar und einer rationalen Einordnung in den Rahmen eines Geschichtsbildes entzogen.«4
Gerade das letztgenannte Kriterium lässt aufhorchen. Die biblische Offenbarung hat »metaphysischen« Charakter. Die Bibel beschreibt eine Wirklichkeit, die nicht durch den Verstand allein wahrgenommen werden kann. Dementsprechend heißt es auch in 1. Korinther 2,14: »Ein natürlicher Mensch aber nimmt nicht an, was des Geistes Gottes ist, denn es ist ihm eine Torheit, und er kann es nicht erkennen, weil es geistlich beurteilt wird.«
Stellen wir also fest, dass die biblischen Aussagen sich nicht mit der gegenwärtigen historisch-rationalen Erkenntnis decken, so haben wir zu fragen, welche der Wahrnehmungen für uns verbindlich ist – oder wir entscheiden uns, dass es mehrere Wirklichkeiten gibt. Diese denkerische Hilfskonstruktion scheint absurd zu sein, dennoch finden wir selbst in frommsten Kreisen derartige Ansätze. Im Einklang mit kompetenten naturwissenschaftlich gebildeten Philosophen wie etwa Carl Friedrich von Weizsäcker (1912–2007) oder Sir Karl Popper (1902–1994) sollten wir uns dafür entscheiden, dass es nur eine Wirklichkeit gibt. Diese Wirklichkeit untergliederte Popper jedoch in unterschiedliche Erfahrungswelten, wobei die »trans-physische Subjektwelt« eine davon ist.5 In ähnlicher Weise interpretierte Karl Heim die Differenziertheit der einen Wirklichkeit, zu der auch der Raum der unsichtbaren Welt zählt. Eine Theologie, die von vornherein den metaphysischen Raum als unwirklich ausklammert und als Mythos oder Auswurf einer geschichtlichen Epoche ansieht, wird somit weder dem biblischen Zeugnis noch der Erfahrungswirklichkeit gerecht.
Bejahen wir jedoch die metaphysische Qualität der biblischen Offenbarung, so bleibt immer noch die Frage offen, ob die Bibel als verbindlicher Denkrahmen auch Vorgaben zur gesamten metaphysischen Welt macht. Die Autorität der Bibel steht zur Debatte. Mir fällt auf, dass ein Großteil der protestantischen Theologen wohl die Selbstoffenbarung Gottes in Christus als Zentrum der biblischen Offenbarung ansieht, aber weitere metaphysische Anteile der Bibel eher skeptisch betrachtet. Ich frage: Beinhaltet die Selbstoffenbarung Gottes in Christus nicht geradezu auch eine Offenbarung über die Welt des Bösen? Ist es nicht eine unaufgebbare Tatsache, dass gerade dazu Christus in diese Welt gekommen ist, um die Werke des Teufels zu zerstören (1. Joh. 3,8)? Die Christusoffenbarung beinhaltet auch eine Offenbarung, eine göttlich autorisierte Deutung des Satanischen. Die Aussagen der Bibel über das Satanische, das Böse, die zu überwindende Macht des Bösen, in welcher Gestalt sie auch immer erscheint, ist ebenso verbindlich wie die Aussagen der Schrift über den Todesüberwinder, den Christus. Es ist deshalb in sich unlogisch, wenn Theologen die Autorität der Bibel in Bezug auf die Christusoffenbarung betonen und ihre Aussagen zum Thema zugleich Satan anzweifeln oder gar ablehnen. Allein die Tatsache, dass wir von einem Erlöser, einem Retter sprechen, macht deutlich, dass es da auch eine Gegenseite gibt. So verbindlich, wie wir die Aussagen der Heiligen Schrift über Christus nehmen, sollten wir auch die Aussagen über das Böse nehmen.
Gehen wir also davon aus, dass die Bibel den Vorhang der metaphysischen Welt etwas lüftet, und zwar genau in dem Umfang und Maß, wie Gott es für den Menschen für hilfreich und sinnvoll hält, so stellt sich dennoch die letzte Frage nach der Begründung der Schriftautorität. Mit welchem Recht gehen wir davon aus, dass das biblische Zeugnis mehr Autorität hat als andere Ausführungen oder religiöse Texte? Dass man in der christlichen Kirche in einem Gespräch steht mit der Heiligen Schrift des Alten und Neuen Testamentes; dass man mit der Bibel kommuniziert, indem man sie auslegt, und zwar als Autorität, der man sich unterordnen will – das ist eine Tatsache, die wir nicht erst von irgendwoher abzuleiten haben. Aber freilich muss man fragen, warum dies geschieht. Warum ist die biblische Offenbarung höchste Autoritätsinstanz?
Zur Sicherung eines verbindlichen Erkenntnisprinzips hat die Theologie eine umfangreiche Lehre von der Autorität der Heiligen Schrift entfaltet. Dieses geschieht in der Regel in der Lehre der Hermeneutik (Schriftauslegung). Im Prinzip bestehen drei Möglichkeiten, die Autorität der Bibel näher zu bestimmen:
1. Man sieht den gesamten Text der Bibel als autoritativ an; d. h. jedes Wort der Bibel, jeder einzelne Satz sagt uneingeschränkt die Wahrheit und ist deshalb für den Menschen verbindlich.
2. Nur in gewissen Teilen, mit bestimmten Aussagen, sagt die Bibel verbindlich die Wahrheit. Nur dort ist sie Autorität. Der Rest ist menschliches Schrifttum, ist rein historisch-kritisch zu betrachten und für den Menschen unverbindlich.
3. In der Bibel durchdringen sich Zeitbedingtes und Letztgültiges. Gotteswort und Menschenwort sind ineinander verflochten. Jedoch ist die Bibel in ihrem Gesamtzeugnis Gottes Wort.6
Entscheidend für die Zuordnung wird auch die Auffassung von der Inspiriertheit der Bibel sein. Hierzu gibt es unterschiedliche Auffassungen der Inspiration. (Man bedenke, dass es sich dabei wiederum um einen metaphysischen Begriff handelt!) Auch die römisch-katholische Kirche, die neben der Schriftautorität besonders auch das Lehramt der Kirche betont, hält an dieser Inspiration fest. So heißt es im Vaticanum II:
»Die göttliche Offenbarung, die in der Heiligen Schrift geschrieben steht und vorliegt, ist unter dem Anhauch des Heiligen Geistes aufgezeichnet worden … Zur Abfassung der Bücher hat Gott Menschen erwählt, die er, indem sie ihre Fähigkeiten und Kräfte anwandten, dazu brauchte, alles das und nur das als echte Verfasser schriftlich weiterzugeben, was er – in ihnen und durch sie wirksam – geschrieben haben wollte. Da aber Gott in der Heiligen Schrift durch Menschen nach Menschenart gesprochen hat, muss der Schrifterklärer, um zu fassen, was Gott uns mitteilen wollte, sorgfältig nachforschen, was die heiligen Schriftsteller wirklich haben sagen wollen und was Gott mit ihren Worten kundzutun für gut befunden hat.«7
Neben dieser oder ähnlichen Auffassungen von der gottgeschenkten Inspiration der biblischen Texte stehen auch die Überlegungen zur Kanonbildung der Bibel. Mit welchem Recht bilden gerade die 66 biblischen Bücher den Gesamtkodex göttlicher Offenbarung? Die Juden schließen den Heiligen Schriftenkreis zu ihrem Kanon erst nach der Zerstörung Jerusalems (70 n. Chr.) auf der Synode von Jamnia (um 90 n. Chr.) ab. Die neutestamentlichen Schriften werden im Jahre 367 von Kirchenvater Athanasius in seinem 39. Osterbrief zu einem Kanon festgelegt. Dieser Kanon wird auf dem 3. Konzil von Karthago 397 für die griechische und lateinische Kirche bestätigt. Nur in Syrien bleibt noch ein kleinerer Kanon mit Tatians Evangeliensynopse in Gebrauch. Im Protestantismus legt Martin Luther eine Differenzierung zwischen Apokryphen und den Texten des AT fest.
Der Abschluss des Kanons zeigt auch an, was hinfort als verbindliche Autorität gelten soll und was nicht. Will man die Kanonbildung im Einzelnen logisch begründen, so stößt man an Grenzen. Ich halte die Kanonbildung selber für einen Teil der göttlichen Heilsgeschichte, die als von Gott gesetzt gelten soll. Auch die Schriftwerdung ist ein Teil des heilsgeschichtlichen Handelns Gottes. In der Inspiriertheit und in der von der Kirche autorisierten Kanonbildung liegt u. a. die begründete Autorität der biblischen Offenbarung.
Aus diesem Grund halten wir daran fest, dass das biblische Zeugnis verbindlich die eine umfassende und auch metaphysisch geprägte Wirklichkeit beschreibt. Alle Erfahrung muss sich an dem biblischen Zeugnis messen und ausrichten lassen.
2. Erfahrungen und Erkenntnisse, die in der Bibel nicht bezeugt werden
Eine heiße Diskussion entbrannte, als Charles H. Kraft, Professor am Fuller Theological Seminary in Pasadena/USA und zudem »Fachmann« in evangelikalen und charismatischen Kreisen, es auf den Punkt brachte: »Wir haben zur Kenntnis zu nehmen, dass es im Bereich der Dämonisierung von Menschen Erfahrungen gibt, die über das hinaus gehen, was in der Bibel bezeugt ist.«
Die Lausanner Bewegung hatte im Sommer des Jahres 2000 etwa 40 evangelikale Theologen aus aller Welt eingeladen, die unter dem Motto »Deliver us from Evil« (Erlöse uns vom Bösen) für mehr Klärung in diesem unwegsamen theologischen Gelände sorgen sollten. In vielen Punkten hatte man auch mehr Klarheit erzielt, jedoch kamen auch mit jedem weiteren Referat neue Fragen auf den Tisch. Können Christen dämonisiert sein? Charles Kraft und auch einige Teilnehmer dieser Tagung erzählten mehrere Beispiele, und selbst eine Teilnehmerin berichtete von einer Dämonisierung in ihrem Leben, obwohl sie bereits Christin gewesen war. Dennoch – die Bibel berichtet nicht von derartigen Erfahrungen.
Es scheint so zu sein, dass gerade auf diesem Gebiet so manche Erlebnisse gemacht werden, die im biblischen Zeugnis nicht vorkommen. Die Schriften der Bibel berichten nicht von den gegenwärtigen okkulten Praktiken, von Kartenlegern, von Satanskulten, von schwarzer oder weißer Magie, vom Gläserrücken oder langen spiritistischen Sitzungen. Sicher gibt es hier und da Hinweise, die darauf schließen lassen, dass die Praxis der Totenbeschwörung bekannt war. Aber der Leser der Bibel wird nicht in allen Einzelheiten informiert.
Betrachten wir die Phänomenologie, also die Erscheinungsweisen des Dämonischen und Bösen, so haben wir eine ähnliche Beobachtung zu machen. Die biblischen Beschreibungen sind verhältnismäßig zurückhaltend. Wohl hören wir davon, wie dämonisch beeinflusste Menschen hin- und hergerissen zu Boden stürzen, wie Krankheiten ausgelöst werden oder Menschen Kenntnisse aussprechen, die sie offensichtlich von »einem anderen Geist« als dem Geist Gottes empfangen haben. Lesen wir hingegen in der heutigen Literatur zum Thema, so begegnet uns eine ganze Auflistung von Phänomenen, die in der Bibel keine Erwähnung finden. Denken wir nur einmal daran, dass immer wieder davon gesprochen wird, dass dämonisierte Menschen bei einer Befreiung den Geist »heraushusten« bzw. »herausbrechen«8, dass Dämonen in einer Familie oder einer Gegend beheimatet seien9 und vieles andere mehr. Bücher über Bücher werden gefüllt mit haarsträubenden Erfahrungsberichten, mit Erlebnissen, die in der Bibel in dieser Weise nicht berichtet werden. Demzufolge werden diese Erfahrungen auch in »bibeltreuen« Kreisen mit großer Skepsis gesehen.
Ähnlich wie Charles Kraft verwirrte auch sein Kollege, der evangelikale Theologe C. Peter Wagner, als er öffentlich die These vertrat, einzelne Regionen, Ortschaften und Länder stünden unter dämonischen Territorialmächten (territorial spirits). Diese müssten zunächst durch Gebet vertrieben werden, damit eine effektive Evangelisierung einer Gegend geschehen kann. Wagner berichtet von einigen außergewöhnlichen Erfahrungen und Einsichten namhafter Theologen wie Michael Green, Oscar Cullmann, Paul Yonggi Cho, John Dawson, Roger Forster oder auch Larry Lea.
Der biblische Bezug zu diesen Erfahrungen scheint jedoch recht mager auszufallen, zudem Auslegungsfragen eine große Rolle spielen. Der alleinige Verweis auf die Begegnung Daniels mit den »Fürsten von Persien und Griechenland« (Dan. 10,20f) ist für viele Theologen unbefriedigend. So scheint es denn auch verständlich, wenn sich deutlicher Protest gegen derartige Lehren manifestiert. Ja, einige Theologen warnen und halten ihrerseits eine derartige Überziehung der biblischen Texte für eine dämonische Verführung der Christenheit. Man will biblisch sein und meint damit: Nur das ist für uns verbindliche Wirklichkeit, was uns auch in der Bibel bezeugt wird. Heißt das nun aber, dass all die Erfahrungen von Wagner und Kraft und die unzähliger anderer erstzunehmender evangelikaler Theologen einfach nicht sein dürfen, weil sie nicht in der Bibel erwähnt sind?
Um diesen Vorwurf abzuwehren, wurde immer wieder der Versuch gemacht, aus irgendeiner Passage der Heiligen Schrift doch noch eine Wirklichkeit herauszulesen, die aber kaum gemeint sein kann. Biblische Texte werden verbogen, missverstanden, uminterpretiert oder auch verkürzt. Da ist es mir schon lieber, wenn ein Charles Kraft sagt: Diese Erfahrungen finden wir in der Bibel nicht beschrieben, sie sind dennoch real.
Eigentlich handelt es sich dabei ja auch um eine offenkundige Tatsache: Wir machen heutzutage unzählige Erfahrungen, die in der Heiligen Schrift nicht berichtet sind; wir bauen auf Erkenntnisse und Wahrnehmungen, auf Erfahrungssätze, die mit keinem Wort in der Bibel bezeugt werden. Denken wir nur einmal an die Welt der Technik und Wissenschaften. Wo wird uns in der Bibel berichtet, wie Menschen unter dem Einsatz modernster Technik medizinische Operationen unternehmen, um Leben zu retten? Wo werden uns Modelle zur Bewältigung der Globalisierung empfohlen? Welche Worte der Heiligen Schrift beschreiben den Umgang mit Computern oder der Nanotechnologie? Kein einziges Wort darüber in den biblischen Schriften – wie könnte es auch sein? Und dennoch wird wohl niemand in Zweifel ziehen, dass sie real sind.
Denken wir an die breite Palette kirchlicher und gemeindlicher Praxis, die in der Bibel mit keinem Wort erwähnt wird, die jedoch Eingang in fast alle gemeindlichen Gruppen gefunden hat. Wir sprechen heute wie selbstverständlich von der Zielgruppenarbeit, sprich: der Kinder-, Jugend-, Seniorenarbeit usw. Ganze kirchliche Werke und Einrichtungen sind entstanden. In der Bibel finden wir jedoch keine Berichte und auch keine Beauftragung zu einer Zielgruppenarbeit, wie sie sich im kirchlichen Feld darstellt. Dennoch hat sie sich als nützlich erwiesen. Wir könnten fortfahren mit anderen Beispielen kirchlicher Praxis. Ich denke an die eingeschliffenen Gottesdienstformen, die wohl nur ansatzweise biblische Vorbilder haben; ich denke an die unterschiedlichen Formen und Inhalte der Seelsorge. Hier sind Erfahrungswerte eingeflossen, die sich vielfach zu einer guten kirchlichen Praxis entwickelt haben. Aber in der Bibel finden wir weder den Begriff »Seelsorge« noch den Begriff »Beichte«, wir finden keine Anleitung zum Aufbau von speziellen Seelsorgeausbildungen oder einen ausführlichen Praxisbericht über den Vorgang einer »inneren Heilung«.
Wir halten also fest: Es gibt unzählige Erfahrungen, Erkenntnisse und Anwendungen, die in unserer heutigen Welt und kirchlichen Praxis Eingang gefunden haben, die jedoch im biblischen Zeugnis nicht ausdrücklich erwähnt werden. Warum sollte das nicht auch für den Bereich gelten, mit dem wir es hier zu tun haben?
Hilfreich bei der Beantwortung dieser Frage wird uns die Überlegung sein, inwiefern derartige Erfahrungen, von denen z. B. Wagner und Kraft berichten, zu einer verbindlichen Lehre werden. Erfahrungen müssen beurteilt und zugeordnet werden, sie können durchaus mit dem biblischen Zeugnis konform gehen. Sie dürfen jedoch nicht den Anspruch erheben, dass es sich hierbei um eine verbindliche Wahrheit oder eine biblische Lehre handelt. Gerade hier liegt der schmale Grat, auf dem wir uns bewegen. Die fromme Literatur ist voll von Erfahrungssätzen, die den Eindruck erwecken, es handele sich hierbei um biblische Lehre, verbindliche Lehrsätze. Hierin liegt meines Erachtens eine Grenzüberschreitung. Erfahrungen dürfen nicht zu einer biblischen Lehre umgepolt werden.
Andererseits sollten Erfahrungen nicht von vornherein als »unbiblisch« betitelt werden, weil sie nicht in der Bibel erwähnt werden. Eine derartige Argumentation wird als »biblizistisch« bezeichnet, nach dem Motto: Alles, was in der Bibel Erwähnung findet, ist real; alles, was nicht vorkommt, darf auch nicht vorkommen. Es ist erstaunlich, wie derartige biblizistische Argumentationswege immer wieder angeführt werden – und zwar gerade dann, wenn es um metaphysische Erfahrungen geht. Der Biblizist wiegt sich auf »sicherem Terrain«, indem er seinen Kenntnis- und Erfahrungsradius gleichsetzt mit dem der biblischen Zeugen. Der Heilige Geist hat dann lediglich noch die Aufgabe, die in der Bibel bezeugte Wahrheit zu erläutern und zu erklären. Weitere Konkretionen oder Zuspitzungen wird es nicht geben.
Recht so, möchte man meinen, mahnt doch die Heilige Schrift uns selber, dass wir nichts dazureimen dürfen:
»Ich bezeuge jedem, der die Worte der Weissagung dieses Buches hört: Wenn jemand zu diesen Dingen hinzufügt, so wird Gott ihm die Plagen hinzufügen, die in diesem Buch geschrieben sind; und wenn jemand von den Worten des Buches dieser Weissagung wegnimmt, so wird Gott seinen Teil wegnehmen von dem Baum des Lebens und aus der heiligen Stadt, von denen in diesem Buch geschrieben ist« (Offb. 22,18–19).
Freilich, die Ausleger fragen zu Recht, ob sich diese Mahnung allein auf das letzte Buch der Bibel bezieht oder auf den gesamten biblischen Kanon. Hier soll darauf nicht näher eingegangen werden, allerdings ist festzuhalten, dass das inspirierte Wort Gottes nicht beliebig durch Offenbarungen oder Erfahrungssätze ergänzt, korrigiert oder verkürzt werden soll. Diese Mahnung bezieht sich vorrangig auch auf den Kern des Evangeliums, auf die Gottesoffenbarung in Jesus Christus. Der Schreiber des Hebräerbriefes betont: »Nachdem Gott vielfältig und auf vielerlei Weise ehemals zu den Vätern geredet hat in den Propheten, hat er am Ende dieser Tage zu uns geredet im Sohn, den er zum Erben aller Dinge eingesetzt hat« (Hebr. 1,1–2). Ohne Zweifel gilt auch hier der Grundsatz: Es gibt keine neue Gottesoffenbarung, die nach der Offenbarung in Jesus Christus geschehen ist. Diese in der Bibel bezeugte Offenbarung wird durch keine andere Erkenntnis übertroffen oder korrigiert oder ergänzt. Es gibt keinen anderen Weg des Heils als allein durch den Christus der Heiligen Schrift.
Es ist der Geist Gottes, der diese eine Wahrheit durch das biblische Zeugnis an den Menschen heranträgt. Dieser Geist Gottes ist es jedoch auch, der offenbar noch »mehr« zu sagen hat.
Jesus spricht mit seinen Jüngern bei seinem Abschied über dieses »mehr«:
»Noch vieles habe ich euch zu sagen, aber ihr könnt es jetzt nicht tragen. Wenn aber jener, der Geist der Wahrheit, gekommen ist, wird er euch in die ganze Wahrheit leiten; denn er wird nicht aus sich selbst reden, sondern was er hören wird, wird er reden, und das Kommende wird er euch verkündigen. Er wird mich verherrlichen, denn von dem Meinen wird er nehmen und euch verkündigen. Alles, was der Vater hat, ist mein, darum sagte ich, dass er von dem Meinen nimmt und euch verkündigen wird« (Joh. 16,12–15).
Betrachten wir diese Aussage Jesu, so liegen auch hier unterschiedliche Deutungen nahe:
a) Offenbart der Geist Gottes nach dem Weggang Jesu noch Dinge aus der »ganzen Wahrheit«, die möglicherweise in der Bibel nicht bezeugt werden oder über das biblische Zeugnis hinausgehen?
b) Nimmt Jesus hier Bezug auf die Schriften des Neuen Testamentes? Sie sind ja nach seiner Himmelfahrt entstanden. Die Apostel legen in ihren Schriften Erkenntnisse dar, die – in den biblischen Kanon aufgenommen – dem Wahrheitsanspruch entsprechen.
c) Handelt es sich bei dem Reden des Heiligen Geistes nach der Himmelfahrt Jesu Christi lediglich um Konkretionen dessen, was er bereits mitgeteilt hat bzw. was er als verkörperte Wahrheit selber darstellte? So würde es im übertragenen Sinne bedeuten: »Ihr habt noch nicht alles gesehen und gehört von dieser großen Wahrheit, die vor euch steht. Aber der Heilige Geist wird euch das noch erklären.« Es ginge also nicht um eine zusätzliche Wahrheit, sondern um diese eine Wahrheit, die uns in Jesus Christus begegnet. So wäre auch der Nachsatz verständlich, in dem Jesus betont, dass der Heilige Geist keine andere Wahrheit vertreten wird.
Ich bin der Auffassung, dass die erste Deutung Gefahren in sich birgt und die Tür zu ergänzenden Offenbarungen öffnet, die dann – in logischer Konsequenz – auch mit gleicher Autorität vertreten werden müssten wie die biblischen Aussagen. Diese Argumentation finden wir zunehmend in pseudochristlichen Sekten, deren Anführer sich auf besondere Offenbarungen des Heiligen Geistes beziehen. Nein, diese Auslegung der Abschiedsworte wäre ein überaus gefährliches Unternehmen. Ich halte daran fest, dass die Kanonbildung der biblischen Schriften unter der Regie des Heiligen Geistes stand und nur diese für uns den Anspruch christlicher Wahrheit erheben dürfen.
Der Geist Gottes wird immer wieder darauf Bezug nehmen, aber er wird auch Konkretionen offenbaren. Das Abschiedswort Jesu aus Johannes 16,12 kann also nicht als Beleg dafür herangezogen werden, dass Erfahrungen, die in der Bibel nicht bezeugt sind, nun ihrerseits durch den Heiligen Geist inspiriert seien und genau den gleichen Anspruch haben dürften wie die biblischen Lehren. Vielmehr deute ich gerade dieses Wort als einen jesuanischen Hinweis auf das Wunder der biblischen Kanonbildung.
So bleibt die Frage: Wie sind dann die Erfahrungen zu deuten, die nicht in der Heiligen Schrift erwähnt werden, die uns aber von glaubwürdigen Christuszeugen der Gegenwart berichtet werden?
Nach den bisherigen Darlegungen können wir folgendes festhalten:
a) Es gibt Erfahrungen und auch metaphysische Erlebnisse, die im biblischen Zeugnis keine Erwähnung finden.
b) Diese Erfahrungen dürfen nicht zu Lehrsätzen erhoben werden, die den biblischen Aussagen in ihrer Verbindlichkeit und Autorität gleichgestellt werden.
c) Die Erfahrungen sollten jedoch auch nicht von vornherein als »unbiblisch« gelten, in dem Sinne, dass sie dem biblischen Zeugnis zuwiderlaufen oder gar widersprechen. Eine derartige biblizistische Argumentation würde konsequenterweise einen Großteil kirchlicher Praxis infrage stellen.
d) Erfahrungen müssen deshalb an dem Gesamtzeugnis der Heiligen Schrift geprüft und gedeutet werden.
Wie können derartige Prüfungen und Zuordnungen aber geschehen? Hier seien drei Grundsätze genannt:
Pulsuz fraqment bitdi.