Kitabı oxu: «Eugénie oder Die Bürgerzeit»

Şrift:

Heinrich Mann

Eugénie oder Die Bürgerzeit

Saga

Eugénie oder Die Bürgerzeit

Coverbild/Illustration: Shutterstock

Copyright © 1928, 2021 SAGA Egmont

Alle Rechte vorbehalten

ISBN: 9788726885699

1. E-Book-Ausgabe

Format: EPUB 3.0

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Dieses Werk ist als historisches Dokument neu veröffentlicht worden. Die Sprache des Werkes entspricht der Zeit seiner Entstehung.

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Erstes Kapitel

1873 eines Nachmittags im Sommer erhob die Luft sich leicht und so hell wie Perlen über den Gärten vor der Stadt. Die Fahrstraße stand leer. Sie war eine Lindenallee und zog dahin, bis der Blick sich unter den Baumkronen verlor. Wer anhielt vor dem Landhause des Konsuls West, sah seitwärts bis in die Tiefe seines Gartens. Man sah darin klar und schleierlos hingezeichnet die Gestalten, ihre Bewegungen beim Krocketspiel, sah Falbeln und Spitzen flüchtig aufwehen. Das glückliche junge Lachen der Konsulin war einmal genau zu hören.

Sie gewann. Denn Leutnant von Kühn schob seinen Ball absichtlich derart, daß er der Konsulin zum Fortbringen des ihren diente. Sowohl ihre Kusine als auch Leutnant von Kessel widersprachen entschieden. Kessel tat es aus Eifersucht, Emmy Nissen nur, um zu zeigen, daß sie alles durchschaute. Nicht älter als Gabriele West, hatte sie mit zweiundzwanzig Jahren doch schon Schärfe in Ton und Gesicht. Eine mißglückte Heirat lag hinter ihr. Sie hätte, wäre nicht Gabriele dazwischengekommen, Konsul West geheiratet.

Emmy hielt Gabriele für leichtsinnig. Die junge Frau war halb fremd hier. Als noch Unerwachsene, wenigstens Emmy erinnerte sich, verwechselte sie beim Sprechen eine Menge Worte. Seither hatte sie, wie ein kleines Kind, wieder von ihrer ersten Sprache das meiste verlernt. Sie war gefallsüchtig, wohl nicht anders, als alle dort unten; aber keine wendete nun einmal hierzulande den Kopf nach einem Herrn, wie sie nach Kühn gerade jetzt.

Wäre sie nicht auch so liebenswürdig gewesen! Emmy warf es sich vor, wieviel sie selbst an Nachsicht gewährte – dem eigensüchtigen Kind, das niemanden liebte. Für ihren Vetter Jürgen fürchtete Emmy, daß Gabriele ihn vor allem geheiratet habe, um aus dem Mädchenpensionat herauszukommen. Mit den Offizieren spielte sie nur. Hätte sie wenigstens Herz für ihr Söhnchen gehabt! Auch das nicht. Die gleichaltrige Emmy seufzte, als trüge sie Verantwortung.

Neben ihr seufzte Leutnant von Kessel. »Beherrschen Sie sich, mein Lieber!« riet Emmy ihm. Er sagte mit Schwermut – und sie war echt, mußte ihn freilich auch entschuldigen, wenn er Unerlaubtes dachte:

»Wie Ihre Kusine bewundernswürdig das Kleid trägt! Es wäre leicht für die Gestalten, schön zu sein, wenn der Stoff sie nur abformen, sie einfach zeigen dürfte! Hier dagegen: fünf Lagen Rüschen, gebauschte Tunika, dennoch aber siegen die jungen Glieder. Die größte Robe wird lebend, wird durchsichtig und spielt um sie wie ein Quell.«

Emmy war errötet; sogleich rief sie: »Gabriele!«

Die Konsulin wollte laufend dort hinten im Gebüsch verschwinden, Leutnant von Kühn ihr nach. Beide hielten an.

»Gabriele, Herr von Kessel wünschte sehr, eure Sonate mit dir zu spielen.«

»Ich will aber schaukeln«, rief Gabriele zurück.

Da war, schneller als jemand es denken konnte, der schwermütige Kessel ins Gebüsch gesprungen. Kaum, daß die langen Schöße seines Interim-Uniformrockes noch einmal hervorflatterten, fort war er. Die anderen fanden seine flache Infanteristenmütze im Grase liegen, wie nach einem Gefecht. Sie folgten ihm durch die bitter duftende Hecke, schon hatte er sich der Schaukel bemächtigt, schon der Dame die Kissen geordnet. Auch hielt er die Hände unter ihren Fuß, damit sie aufsteige. Zwei ihrer gespreizten Finger zupften am Kleid ein wenig, ihr Fuß erschien. Emmy errötete, Leutnant von Kühn verneigte sich.

Er verneigte sich, sooft die Schaukelnde aus den schwankenden Wipfeln herab und auf ihn zu fuhr. Der Wind von ihren aufrauschenden Röcken bewegte seinen Schnurrbart. In seinem roten Gesicht blinzelten die hellen Wimpern. Er fragte:

»Was hat davon nun Kessel, daß er sie schaukeln darf?«

»Er hat die Ehre, mir Vergnügen zu machen«, sagte aus den Wipfeln die Konsulin.

Ihre Kusine drunten sagte zu Leutnant von Kühn: »Wollen Sie mir, bitte, mein Album holen?«

Er ging ohne Zögern. Er behauptete: »Es ist mir eine Auszeichnung«, – obwohl er schwer den Platz räumte. Inzwischen fragte Emmy:

»Gabriele, würdest du Herrn von Kessel erlauben, daß er mir den Tisch aufstellt?«

Die Konsulin lachte droben wie ein Kind, das begreift. »Wenn du mir nun alle meine Kavaliere weggenommen hast, was wirst du dann anfangen?«

»Dich zeichnen, weil du hübsch aussiehst«, sagte die Kusine, schon kam Kühn mit dem Album. Sie machte einige Striche. »Ist es so?« fragte sie ihn. Es waren aber Buchstaben. Er las: »Sie werden sich zu mir setzen und uns von den Manövern unterhalten.«

»Es ist so«, bestätigte er. Dann rief er aber Kessel, auch der Kamerad mußte den Befehl lesen.

Die Manöver standen für den nächsten Monat bevor. Sie sollten weit fort in der Heimatprovinz der beiden Offiziere sein. »Warum nicht hier?« fragte Gabriele, gab ihrer Schaukel noch mehr Schwung, und dazu jauchzte sie. Ihre Stimme war melodisch und klein.

»Das fehlte noch«, murmelte die zeichnende Kusine.

Die Konsulin verlangte:

»Daß die Herren mir nur pünktlich zum Herbst wieder da sind! An die Kostüme für unseren Maskenball können wir nicht früh genug denken.«

Hierauf schwiegen beide Leutnants so lange, bis Gabriele erstaunte.

»Warum auf einmal so still, und niemand schaukelt mich mehr?«

Diesmal war Kühn der Schnellere. Um sie in Bewegung zu setzen, umspannte er von hinten ihre ganze Taille. »Der oder jener kann versetzt werden nach den Manövern«, sagte er, als sie aus der Luft in seine Hände zurückkehrte.

»Ohne daß ich gefragt werde?« bemerkte die Konsulin, wieder auffliegend.

Leutnant von Kessel betrachtete, was die Kusine zeichnete. Er lobte es, indes er aber dachte, es sei vergebens. ›Wer gab die Leichtbeschwingtheit wieder, dem Unglück fremd und abgeneigt. Wem gelang unter dem hohen, weichglänzenden Haar, das der Zopf krönte, dies ovale Gesicht, seine noch unbeschattete Helligkeit und freundlich ungeprüfte Lust‹ – dachte Kessel. ›Goldene Augen, leise gelöst der Mund mit Perlenreihe‹, dachte Kessel, ›wer sagt eure ganze zutrauliche Freundschaft zum Leben. Euren heiteren Himmel!‹

Ihn hielt es nicht länger, er stürzte dorthin, wo sie durch die Luft schwang, wo sie lebte! Einige Worte an den Kameraden, er war mit der Herrlichen allein, er wollte sprechen. Sie sagte aber im Davonfliegen: »Bei euch drunten ist keine Sonne!« Denn bei jedem Aufflug, zugewendet den durchsonnten Wipfeln, glaubte sie dahinter den Himmel ihrer ersten Heimat zu erblicken. Das Blau ward so dunkel zwischen den Zweigen.

Als sie zurückkehrte, schwärmte Kessel: »Die Sonne geht von Ihrem Antlitz aus«, – worüber sie lachte.

Schnell brachte er noch vor:

»Sie fragen nicht einmal, wer so unglücklich ist, versetzt zu werden?«

Sie antwortete hoch oben, auch die Kusine und der Kamerad konnten es hören:

»Vom Unglück spricht man nicht.«

Kusine Emmy rief plötzlich: »Das Kind weint!« Sofort wollte Gabriele angehalten sein, Kühn breitete schon seine Hände hin, sie sprang ab, sie lief. »Jürgen! Mein kleiner Jürgen!« rief ihre zarte Stimme.

Gabriele, der alle folgten, wehte über den Rasen dem Haus zu. Es hatte hinten die offene, breite Galerie aus Holz. Sie eilte hinan, durch das große Schlafzimmer fort in den Wohnraum, hinaus vorn auf die Steinterrasse. Kein Jürgen. Sie lief zurück um das Haus, sie war schnell. Schon langte sie wieder beim hinteren Eingang an. Als sie ihn wieder betrat, verschwanden die drei anderen grade erst vorn.

Gabriele drückte sich im Schlafzimmer neben der hohen Kommode an die Wand, sie sollten vorbeilaufen und sie nicht sehen, ihr klopfte das Herz. Sie nahten denn auch, nach ihr rufend, sie machten die ganze Runde nochmals.

Nur Leutnant von Kessel nicht, er blieb zurück, er hatte sie entdeckt. »Gabriele!« stammelte er in der Überraschung. Aber vor ihrem tief erschrockenen Gesicht sagte er sofort: »Frau Konsul.«

Er sagte:

»Frau Konsul, ich darf nach dem Manöver nicht mehr wiederkehren, weil ich heiraten soll. Ich kann mich nicht wehren, meine Eltern wollen es. Aber ich liebe jenes Mädchen nicht.« Viel leiser: »Wie könnte ich!« Schnell schnitt sie ab.

»Das glauben Sie nur«, erwiderte sie.

Ihr Herz klopfte noch von der Überraschung. Ihre Stimme versuchte vielmehr, gnädig zu sein angesichts des romantischen Vorganges, blieb aber nicht ganz fest. Dies war nun das Erlebnis der verheirateten Frau. Sie hatte es herausgefordert, ohne an seinen Eintritt zu glauben. Jetzt war es da, war schmeichelhaft, erregte die Neugier und konnte doch immer, wer weiß wie, ausgehn.

»Haben Sie aber erst Ihre eigene Frau, ist alles andere vergessen«, sagte sie, ängstlich gespannt, ob mehr geschähe. Nun geschah aber, daß er schluchzte. Hier faßte sie sich völlig, sie ward die Überlegene, bereit, den romantischen Vorgang zu ihrem Vorteil zu lenken.

»So weit fort«, schluchzte er, »werde ich leben müssen von hier, wo ich ewig sein möchte.«

»Sie tun es für mich«, bestimmte sie. Da verklärte sich sein Schmerz.

Sie fragte:

»Möchte ich selbst denn hier sein? Ich war einstmals zu Hause noch viel weiter fort«, erklärte sie, stolz auf ihr fremdes Stück Leben, das Stück, das ihr allein gehörte. Als er wieder unruhig werden wollte, bemerkte sie strafend:

»Und Sie sind im Krieg gewesen!«

Mütterlich fragte sie weiter: »Wie alt waren Sie eigentlich im Krieg? ... Zweiundzwanzig, so alt wie ich heute. Auch jetzt sind Sie erst fünfundzwanzig, Herr von Kessel. Mein Mann fünfunddreißig, so ist alles in Ordnung. Machen Sie ein freundliches Gesicht!« Sie öffnete das Schränkchen auf der hohen Kommode.

Sie nahm aus einem Behälter den Fächer. Der Leutnant inzwischen strich mit der Hand über das schöne, glatte Möbelstück, statt über die Gestalt, die ewig unberührbar blieb. Sie fächelte ihn, denn er schien erhitzt. Dankbar und hingegeben schloß er die Augen. Da hörten sie näher als vorher die Stimme Emmys, die »Jürgen« rief.

»O Gott! Das Kind!« flüsterte Gabriele, die Faust an der Wange, aber der Unterbrechung im Grunde froh. Sie war ein unheimliches Gefühl während des ganzen Vorganges nicht losgeworden, als wäre es nicht sicher, wie sie im nächsten Augenblick sich verhalten werde ... Gottlob, der Leutnant verschwand eilends nach hinten.

Vorn auf der Steinterrasse erschien die Kusine, hatte sie ihn noch gesehen? Gabriele lief ihr entgegen. Jürgen? Der ganze Garten schon abgesucht. War denn das Kind hinausgelaufen? Gleichwohl brachte Leutnant von Kessel es fast augenblicklich zurück. Es hatte sich versteckt – wie vorhin die Mutter, sagte ihr ein Blick, der nur noch neckend war.

Schon hatte Kessel jene Trauer ganz vergessen. In seiner Art haftete sie am Ende so wenig wie bei dem kleinen Jürgen. Auch der war wegen eines Schmerzes in den Busch gekrochen. Jetzt jagten die beiden einander. Daraus wurde ein Spiel für alle. Sie erfüllten den Vorgarten mit ihren Sprüngen, ihrem Gelächter.

Plötzlich fühlten sie, jemand sehe zu.

Zweites Kapitel

Gabriele, die anhielt, weil die anderen schon still waren, unterdrückte einen Schrei. Dort stand der Schwarze über seinem Stock – die Kleidung schwarz, das Haar von schwarzer Glätte und zwischen schwarzen Backenbärten dies gelbgefärbte, teuflische Gesicht! Gleich darauf sah sie, daß es nur der Nachbar war.

»Herr Pidohn!« rief sie. »Wen stellen Sie vor?«

Der Mann nahm dies als Einladung, er öffnete die Pforte und trat ein. »Da bin ich«, verkündete er dumpf, noch in der Rolle der Schreckensgestalt.

»Komödiant!« sagte Gabriele, – worauf er lachte. Seine schwarzen Brauen trennten sich, sie schnellten an den Rändern der Stirn spitz hinauf.

»Ich fuhr spazieren ... Pidohn ist mein Name«, sagte er zu den Offizieren, denn Emmy Nissen kannte er.

»Immer fahren Sie spazieren«, hielt Gabriele ihm vor. »Hu! was Sie für einen Wagen haben.«

Eine zu große Karosse, über hohen Rädern schwankend, zog mit Ächzen auf der Straße vorüber im Trauerschritt der Pferde, die schwarz wie der Kutscher waren.

»Obwohl er nur einfach vom Lohnkutscher Pagels ist«, ergänzte Gabriele.

Emmy Nissen bemerkte:

»Natürlich sind alle Herren der Stadt um diese Tageszeit in den Kontoren. Darum ist es ausnahmsweise«, dies betont, »doch herrlich durch die Wälder zu fahren, vielleicht bis ans Meer.«

»Ich bin die Ausnahme«, verkündete Herr Pidohn. Er konnte schalkhaft die weißen Zähne zeigen. Nur der kühne Blick mußte düster weiter glänzen. Da er grade auf Leutnant von Kühn traf, fühlte Leutnant von Kühn sich verpflichtet, zu sagen, daß Spazierenfahren das Ideal sei: so unwiderstehlich wirkte der Blick.

Leutnant von Kessel, den kein Blick getroffen hatte, meinte spöttisch, unter Bäumen sei gut träumen.

»Denken!« berichtigte jener. »Spekulieren!« sagte er, schon hatte Kessel bescheiden den Atem angehalten. Der Mann aber stand nicht mehr über dem Stock, er hatte Körper und Kopf zurückgeworfen, er sprach von oben.

»Konsul West inzwischen sitzt auf seinem Schemel an der Spitze eines langen Pultes, wo noch sechs andere sitzen, und schreibt. Auf dem Exerzierplatz hingegen üben sich Leute wie Sie«, sagte er zu den beiden Offizieren, die einander ansahen, warum in aller Welt sie dies nur ruhig hinnähmen.

»Sie alle haben keine Zeit, ihr Feld ist der Augenblick. Meines –« er wuchs noch, »die Ferne.« Er wuchs. »Das Grenzenlose.«

»Weil Sie an der Börse spielen?« fragte Emmy Nissen nur wenig eingeschüchtert.

Seine Brauen verschränkten sich. »Der Spekulant kann stürzen«, entschied er. »Der Spekulant kennt die Gefahr, ihn bedrohen die Zukunft und der, dem die Zukunft gehört.«

»Wer ist das?« fragte Gabriele unschuldig.

»Sind Sie nicht Christin?« fragte Pidohn selbst ... Er wartete ihr Erstaunen ab. »Denken Sie an die heiligen Frauen, – die alle Sünderinnen waren«, sagte er anzüglich, sah aber fort. »Sie wurden groß durch das Unglück.«

Mit ungewöhnlich schöner, ernster Stimme fragte er:

»Riefen Sie das Unglück noch nie herbei?«

Da Gabriele heftig den Kopf schüttelte:

»Verleugnen Sie es nicht! Das Unglück ist mitten im strahlendsten Glück unsere heimliche Lockung. Wir wissen von ihm nicht, schon ist es unser merkwürdigster Besitz.«

Da alle ihn nur betrachteten, ward ihm wohl bewußt, daß er abweiche, ja, sich dadurch wieder einmal schade. Denn unvermittelt ward er ein Mensch wie andere, ein Börsenbesucher voll Leutseligkeit und mit gefärbtem Haar.

»Womit nicht gesagt sein soll, daß wir es schon satt hätten, zu gewinnen. Nie im Leben!«

Er lachte geräuschvoll. Zu den Offizieren besonders sagte er:

»Sieger wie wir! Wann könnte es uns fehlen!«

Sie wußten auch diesmal nicht, wie sich verhalten. Ermunternd rief Pidohn noch:

»Stürzen wir uns in neue Schlachten!«

Grade hier erblickte er Konsul West, den noch niemand kommen sah.

Er nahte mit wiegenden, schnellen Schritten, in hellen Beinkleidern, dunklem Rock, und über einem Arm lag sein Mäntelchen, mit dem seidenen Futter nach außen. Er hielt den steifen, grauen Hut in der Hand. Aus dem Hause lief ein Dienstmädchen und nahm ihm beides ab. Er begrüßte die Gesellschaft mit Würde und Leichtigkeit. Seine Frau küßte er auf die Wange, dann hob er seinen Jungen zu sich auf. Der Fünfjährige mußte berichten, womit er den Tag verbracht habe. Er wurde gefragt, wer in der Stadt drinnen, rechts und links von ihrem Stadthause und die ganze Straße entlang ihre Nachbarn seien.

»Und hier draußen, junger Freund, im Sommer?« fragte seinerseits Herr Pidohn.

Es fiel auf, daß er sich vordrängte. Der Konsul begegnete ihm gemessen, mit schwer erkennbarem Spott. Nur Gabriele verstand den Ausdruck ihres Mannes genau. Pidohn war eine Persönlichkeit, die noch geschont werden mußte, im Grunde achtbar war er nicht.

Beiseite sagte sie dem Mädchen: »Decken Sie den Tisch für fünf Personen. Unser Nachbar kann nicht bleiben.«

Inzwischen gelang es diesem, den Konsul von den übrigen abzutrennen. Sogleich teilten die beiden jungen Offiziere einander ihre Zweifel mit. War es von der Ehre geboten, jenen Herrn wegen seiner auffallenden Äußerungen zur Rede zu stellen? Fräulein Nissen, die es hören konnte, deutete eifrig und stumm auf ihre Stirn, aber sie wollten ihr nicht glauben. Erst Frau Konsul West, die zurückkehrte, brachte durch ihre lustige Nachahmung des Sonderlings die Herren zum Lachen. Sie rückte wichtig den Kopf umher; bei ihr freilich war es mehr ein Vögelchen, das getrunken hat, als der großartige Mann. Gleichviel, sie lachten gern und blickten von ihr zu ihm. Dort drüben entfaltete Pidohn sich vor dem Konsul.

Er fing klein an, befangen sogar – versuchte, sein Gegenüber am Knopf zu fassen, was aber der Konsul geschickt vereitelte. Gabriele lachte lauter, ihr Gatte verständigte sich mit ihr von fern durch die Augen. Er hatte blaue, sehr klare Augen, sie blickten selbstbewußt und heiter. Das runde Gesicht zeigte noch Jugendblässe. Die dunkelblonden Haare schlugen über der Stirn eine Welle, an den Schläfen stießen sie in zwei dichten Büscheln nach vorn. Sein Schnurrbart endete in lang ausgezogene Spitzen.

Er konnte auf seinem niedrigen, umgelegten Kragen den Kopf ein wenig schräg tragen, so wirkte er vollends romantisch. Das hatte, als sie ihn kennen lernte, auch Gabriele gewonnen, sie selbst nach vielen anderen. Seine Erfolge hatten ihm bei ihr nur genützt, besonders aber, wie er sie trug, seine Selbstverständlichkeit, sein Takt. Sie sah in ihm den schönsten Mann, ohne je zu vergleichen, und das Unangemessene Glück, obwohl sie kein schlechteres in Betracht zog. Auch der liebliche Tag um sie her war da, und sie atmete ihn einfach.

Wie liebenswürdig und in der Form wie sicher blieb Konsul West bis jetzt gegenüber den Zumutungen des Spekulanten. Er schien mehr oder weniger besorgt um ihn, vielleicht auch um die von jenem verletzten Konventionen. So verhielt sich ein wohlgeratener, vom sicheren Geschick getragener Mann zu einer verdächtigen Existenz, die gegen das hergebrachte Wahrscheinliche ging.

Es trat deutlich hervor, sogar für die beiden Leutnants. Emmy Nissen erinnerte unter dem Eindruck an dunkle Hintergründe, die Herrn Pidohn nachgesagt wurden. Er sollte in abgelegenen Teilen der Stadt unter falschem Namen bekannt sein, ja, nicht einmal mehr die äußere Maske des ehrbaren Kaufmanns wahrte er dort. Die Echtheit seiner dicken, schwarzen Backenbärte ward aus solchen Gründen angefochten.

Die Gruppe der Beobachter versenkte sich in ihr spannendes Gespräch. Wie aber, als sie wieder hinsahen? Das Bild der beiden war verändert, es veränderte sich noch vor aller Augen. Der eine wuchs jetzt, er wollte wieder so hoch wachsen, wie in seinen anmaßendsten Augenblicken. Der andere ward im Gegenteil kleiner. ›Nein!‹ fühlte Gabriele, ›nicht kleiner. Aber er sieht nicht mehr her, er hält die Hand am Schnurrbart, senkt den Kopf, und Pidohn hat ihn, wo er will. Jürgen ist in Versuchung.‹

Sie fühlte dies ohne Worte. Ihr kam Angst, sie wußte nicht woher. Was jener dort redete, verstand sie nicht; statt dessen hörte sie, deutlich wie vorhin, seine verschönte, ernste Stimme sagen:

›Denken Sie an die heiligen Frauen, die alle Sünderinnen waren! Sie wurden groß durch das Unglück.‹

Es klang ihr abscheulich. Sie empörte sich, weil sie es noch einmal ertragen sollte. Daher ging sie hin und stellte sich an die Seite ihres Mannes.

»Herr Pidohn!« befahl Gabriele. »Mein Mann spricht mit mir niemals von Geschäften. Was aber Sie ihm jetzt sagen, will ich wissen.«

Vergebens versuchte Konsul West, sie zu besänftigen.

»Sie sagen ihm sicher abscheuliche Dinge!« rief sie zornig und melodisch. »Auch zu mir haben Sie etwas gesprochen, das ich noch jetzt höre und will es doch nicht. Sie sind ein Mann, der nicht hierher gehört. Ich hasse Sie!«

Dies waren nun Worte, die niemand mehr begriff. Man stand betreten. »Aber Gabriele!« murmelte der Konsul. Der Angegriffene selbst schrumpfte sofort zu seinen gewöhnlichen Maßen zusammen, ward eine Person wie jede andere und sagte:

»Das tut mir leid, Frau Konsul. Das tut mir innig leid. Gehaßt werden, das will ich nicht ...«

Er verbeugte sich, ging, wiederholte aber noch den ganzen Gartenweg entlang:

»Das war nicht meine Absicht, gehaßt zu werden. Bei Gott, das nicht.«

Alle sahen ihm nach, – wobei sie zum erstenmal bemerkten, daß es dunkel ward. Schon lange dämmerte es, die lange nordische Dämmerung. Aber selbst der Schatten blieb durchsichtig.

Der Abgehende hatte die Pforte erreicht, da mußte er in seinem Schmerz an noch jemand vorbei. Jemand stand dahinter.

Man erkannte ihn an seinem hohen Schlapphut und dem gefalteten Plaid über der Schulter. Jeder hätte ihn erkannt.

»Professor von Heines«, raunte Konsul West seiner Frau zu.

»O Gott!« rief sie gedämpft. »Will er denn zu uns?«

Sie grüßten ihn wohl auf der Straße; die ganze Stadt grüßte in dem alten Dichter ihren eigenen Ruhm. Aber er verkehrte bei ihnen nicht. Auf einmal stand er draußen, ja, wartete, daß sie ihn hereinholten. Hier half Emmy, dank ihren Beziehungen zur Kunstwelt.

»Herr Professor«, begann sie mit tiefem Knicks. Schon war auch der Konsul angelangt und erbat weltmännisch die große Ehre. Heines trat ein.

»Ich war auf einem Abendgang begriffen«, erklärte er, »als gewisse Beschwerden des Alters mich nötigten, zu rasten. Eine glückliche Fügung erlaubt, daß es geschehen darf im Licht der schönsten Jugend.«

»Ah!« machte der Konsul aus wahrer Bewunderung. Die Konsulin sah mit groß geöffneten Augen, ob ehrfürchtig oder befremdet, in die des Dichters, – bis er sich über ihre Hände beugte.

Er kam aus Ländern, wo man Damen die Hände küßte! Dort hatte er sein Leben verbracht, nur sein Alter gehörte der entlegenen Heimatstadt. Sie blieb im Grunde mit ihm unvertraut, sie hätte vergebens erraten wollen, welche Abenteuer, welcher Glanz oder unbekannte Schmerz fern hinter ihm verdämmerten. Seine Haltung drückte aus, daß er viel erfahren habe, aber stolz und keusch davon schweige. Sie drückte Abstand aus. Sein Gedicht und Geschick, das alle in Liedern lasen oder sangen, samt seiner Rolle als Herold der sich einenden Nation, alles erlebte er öffentlich und für ein Volk, nur war es keins in Atemnähe, es war ein innen angeschautes. Vor dem Leben hielt er zurück.

In den schönen Augen dieser Dame aber hatte er die Spur von Tränen erblickt, vergossen um jenen abgehenden Mann, der gleichfalls weinte. Der Mann war vom Unglück gezeichnet, die Dame schön und jung. Nur der Dichter sah und verband, was anderen ohne Sinn blieb.

Er dachte sich diesen Garten voll besonnten Jugendglückes, erst mit der Dämmerung schlich das Unglück sich ein, griff an und fand Entgegenkommen. Der alte Dichter wußte: Unglück wie Laster zogen an, sie lockten ungesund. Man ward wohl heftig, wie vorhin die junge Konsulin, im Grunde aber war man versucht. Das hatte gute Weile, noch gehst du, schöne Dame, und trägst den Kopf hoch. Für den Wissenden bist du dennoch gefährdet.

Alle erstiegen die Terrasse, wo Windlichter brannten. Der Dichter ergriff das eine, er näherte es dem schönen Gesicht.

»Ich schrieb noch kürzlich in ein südliches Land«, sprach er sorgfältig, »auch unter unserem Himmel wüchsen Helden und göttliche Frauen, er sei gefährlich wie irgendeiner.«

»Danke, Herr Professor, danke«, erwiderten einstimmig die Leutnants, denn mit Recht bezogen sie dies auch auf sich. Sie nahmen die Absätze zusammen. In allem lag, daß sie ihre Pflichten gegen den Dichter kannten, wie er gegen sie die seinen. Unterdrückt lag auch noch Spott darin – zugleich mit Unsicherheit. Der Dichter warf den Kopf, sein weißer Knebelbart ward stolz gehoben, der Blick bekam Pathos.

Der Konsul wünschte dem berühmten Gast seinen Sohn zu zeigen. Der Mutter fiel das Kind erst jetzt wieder ein. »Wo ist er? Jürgen!« Wieder begann das große Suchen. Der Junge war noch immer nicht zu Bett, keins der Mädchen kannte sein Versteck. Im Garten? Er fürchtete das Dunkel. Dennoch ward er dort zuletzt entdeckt, auch diesmal fand Leutnant von Kessel das Kind. Es lag auf dem Rasen, mit dem Gesicht im Hyazinthenbeet. Die Pflanzen dufteten nächtlich stark. Reglos lag es und atmete nur.

»Sofort hierher!« rief der Konsul drohend. Als Jürgen aber kam, ward ihm vom Vater die Backe nur gestrichen, wie im Spiel. Der Vater lachte dabei wohlwollend. Ungeduldig war nachgerade die Mutter.

»Ich kenne dich, du willst, daß ich mich ängstige!«

Sie übergab das Kind dem Mädchen, damit es nur wegkomme.

Einzig der alte Dichter hielt es an der Hand noch zurück. Er sah ihm streng in die Augen, dies Kind gefiel ihm nicht.

»So lagest du und berauschtest dich?« fragte er – ließ das Kind aber los, bevor es antworten konnte; es verschwand gedemütigt.

Konsul West und seine Gattin luden eindringlich zum Abendessen, dennoch überlegte der Dichter, ob hier seines Bleibens sei. Das Kind war sinnlichem Überschwang zugeneigt, der Verderbnis vielleicht bestimmt. Ihm drohte für die Zukunft ein Weg: ach! seine schöne Mutter betrat ihn schon. Verdächtige Gäste klopften hier an. Warum näherten frische junge Krieger sich den wankenden Mauern dieses Hauses? Tragisch war das Los des tätigen Mannes, der es errichtet hatte mit eigener Kraft, und dies Ende eines ganzen tüchtigen Bürgerstammes! Der Dichter war voll Eifer und Reinheit für die Dauer des Bürgertums, aller seiner Stämme. Er tat auch hier seine Pflicht. ›Dies Haus sei von den Göttern preisgegeben. Gleichviel, ich bleibe.‹

Außerdem drängte sein altes Leiden ihn, noch zu verweilen. Er nannte es nicht, erklärte nur: »Ich holte es mir auf meinen Sängerfahrten«, und bat, sich für kurze Zeit zurückziehen zu dürfen.

»Heines ist sonderbar«, sagte alsbald die Konsulin.

Der Konsul lächelte. »Ihn wandeln menschliche Gefühle an.«

Hierüber verzogen beide Damen das Gesicht, es war gewagt. Der Konsul konnte gewagt sein. Die Offiziere erlaubten sich nicht, zu lachen.

Gabriele hatte nur sagen wollen, daß Heines trotz allem sich wichtiger nehme, als sie je geglaubt hätte. Freilich versicherte grade ihre unüberwindliche Befangenheit sie, daß er recht habe. Er wäre, für sich allein genommen, lächerlich gewesen, mit Glatze, Kopfrücken, erhabenem Blick. Aber hinter ihm gab es Welten,– er hatte sie gekannt, und sie verlor man nicht. Gabriele wußte es. Vor ihrem Innern erschienen zwei mit Standbildern gekrönte alte Säulen an einem besonnten, breiten Fluß.

»Ich würde dich bitten, jetzt nicht zu träumen«, – der Konsul zog nur die eine seiner blonden Brauen hinan.

Der Tisch war vorzubereiten. Während auch sie selbst dabei half, unterrichtete Fräulein Emmy Nissen doch die drei Herren über Eigenheiten des Ehrengastes. Sie war ihm in anderen Häusern begegnet; so weit entfernt die Ehrenplätze dort von dem ihren lagen, sie hatte sich umgesehen. Professor von Heines aß dies und jenes nicht, er trank vor allem keinen weißen Wein. »Sehr vernünftig«, bemerkte der Konsul.

»So nennst du ihn nicht mehr lange«, verhieß seine Kusine ihm. Hierauf erwähnte sie noch auffallendere Eigenheiten Heines'.

Der alte Dichter war empfindlich über jedes gewohnte Maß. Sie bat ihren Vetter dringend, seine Neigung für Gewagtes ganz zu unterdrücken.

»Vor allem aber darfst du nie bezweifeln, daß alles, was er aus seinem Leben erzählt, auch wahr ist.«

»Du glaubst doch nicht, daß er lügt?« fragte Gabriele, die geschlossene Hand an ihrer schmalen Wange.

Emmy zuckte die Achseln.

»Er dichtet, – und versteht mich alle wohl! Nichts anderes steht in der Welt für ihn obenan, einzig das Dichten.«

Die Konsulin verzog den Mund. Aber der Konsul sagte:

»Der Ansicht kann man sein.«

Drittes Kapitel

Die Tür ging auf, eins der Mädchen hielt eine Lampe hoch, damit der Professor von Heines die Schwelle sehe. Seine Miene zeigte gefaßten Schmerz, sie sollten es für die Spur vergangener Seelenkämpfe halten, statt für alltägliches Leiden seines Leibes. Ihre Gesichter wurden denn auch achtungsvoll.

Der gedeckte Tisch stand nahe der weit offenen Gartentür. Der Alte sah es mit Besorgnis. Da erblickte er den Kamin, das leichte Holzfeuer, – er machte einen schnelleren Schritt, er hob seinen langen grauen Rock auf und ließ sich von rückwärts die Beine wärmen.

»Sie kennen den Süden«, sagte die Konsulin und legte hin, was sie in der Hand hielt.

Sie gab ihm den Platz beim Kamin, eigenhändig wickelte sie ihm sein Plaid um die Knie. Er hatte die Hausfrau rechts, zu seiner Linken die andere Dame. Die drei Herren saßen der Tür zu, der Tisch war rund. Er trug zwei silberne Kandelaber mit Kerzen, der Kamin die beiden chinesischen Lampen aus Porzellan. Es war hell, warm, ins Zimmer duftete der Garten. Alle betrachteten einander erwartungsvoll und mit Wohlwollen.

Die Mädchen in weißen Häubchen reichten Krebse, Spargel und russische Rebhühner, eine Seltenheit, mitgebracht von einem Kapitän der Firma. Die Gesellschaft sprach aber, sie aß nicht, obwohl die Speisen verschwanden. Es geschah nebenher, sie schienen nicht darauf zu achten. Professor von Heines unterbrach die Reden einzig, um den Wein zu loben. Konsul West hatte beide Weine zugleich anbieten lassen. Der alte Dichter ward warm von seinem Léoville und dem Kaminfeuer, er sagte aber: von Erinnerungen an Griechenland, die er ablese aus den wundervollen Augen der Hausfrau.

Sogleich war er versetzt in Ölwälder, wo Hirten die Schalmei bliesen, ihm träumte dabei vom Flötenspiel des großen Pan. Er war versetzt unter Bogentore, um die ein wilder Rosenbusch rankte. Zwischen Säulen stieg und fiel der Brunnen, gefaßt von Porphyr. Er rundete den Namen Porphyr, die Namen Kephissia, Lorbeer, Opal. Wenige Worte: drei Palmen, Geklüfte und blaues Meer weiteten durch seinen Mund sich zur Landschaft, dorthinaus starrten alle geblendet, indes sie um diesen Tisch doch nur in das Kerzenlicht blinzelten.

Gabriele fragte zuerst. Sie fragte nach den Frauen Griechenlands, sie hatte bisher fast nur von den Knaben gehört.

Noch einmal erweckte er eine Stadt aus Marmor, die Treppe, das Portal. Darunter stand das Mädchen, Abendröte umspielte ihr Haar.

»Wie war sie gekleidet?« fragte die Konsulin.

Emmy Nissen begriff, daß sie an ein Maskenkostüm für den Winter dachte. Sie sollten es nicht erfahren.

»Da sah ich dich zum ersten Male«, sagte statt dessen der Greis – verriet auch, daß er ein Weib von jenes Landes gottähnlichem Geschlechte fast gefreit hätte. Ihn hinderte seine Sprache, sein Lied, bei dem dort drüben niemand aufhorchte. Ja, auch Kampf und Schicksal seines Volkes riefen ihn ab. Hier erhob er sein Glas gegen die beiden Leutnants.

Der Konsul nickte seiner Frau zu. »Ähnlich schwer ward es uns nicht gemacht«, sagte er.

So erfuhr der Dichter, daß auch sie eine Fremde sei. Er habe es gewußt, behauptete er. Ihr beglänzter Blick verrate es ihm, ihr leichter Schritt. Er erkenne die Tochter des Südens wie eine Verwandte.

Emmy Nissen dachte: ›Jeder hat ihm gesagt, woher sie ist.‹ Dennoch staunte auch sie ... Gabriele aber begann zu sprechen.

»Als Kind lebte ich in Bordeaux. Wir wohnten beim öffentlichen Garten, in einer kurzen Straße mit Bäumen, Cours de Gourgue, Sie kennen sie?«

»Auch dorthin trugen mich meine Sängerfahrten. Die alten Häuser werden von Bäumen beschattet«, wiederholte der Dichter. Er warf den Kopf, sein Blick sah Erhabenes.

»Den öffentlichen Garten säumen lange Terrassen mit stolzen Palästen. Ein stärkerer Himmel dunkelt über der Orangerie, den tiefen Alleen.«

So war es; sie mußte wohl sein Glas, das er hinhielt, mit dem ihren streifen. Sie war beglückt, wenngleich eifersüchtig auf sein Wissen. Seltsam, seine durchdringenden Worte entfernten sie auch von Haus und Mann, die ihr gehörten. War ihre arme Mutter dort unten gestorben, der Vater hatte sie doch aus einer anderen Heimat in diese gebracht, und die war wieder ihr. Sie entgegnete:

»Am Hafen dort roch es genau wie hier am Hafen.«

Es hieß: ›Ich habe die Heimat nie verloren. Hier ist sie wieder.‹

Ihr Gatte sagte: »Natürlich. Dieselben Schiffe fahren hin und her.«

Da lächelte sie ihn dankbar an.

Hier kehrte das Gespräch, niemand sah klar warum, aus der Welt in die Nähe zurück. Der Konsul erwähnte Pidohn.

»Ich weiß, wer er ist«, sagte der Konsul. »Ich kenne seine Existenz, ich kann sogar berechnen, wie lange er sich beiläufig noch hält. Dennoch hatte er mich von seinen sinnlosen Hirngespinsten einen Augenblick lang beinahe überzeugt. Haben Sie dafür eine Erklärung, Herr Professor?«

»Er ist ein Spekulant, müssen Sie wissen«, bemerkte die Konsulin wichtig. »Ich habe sogar gehört, daß er alles Getreide der Welt kauft, damit das Brot ganz billig wird ... Oder ganz teuer?« fragte sie, unsicher geworden.

Der Konsul lachte leise, aber so heftig, daß es ihn schüttelte. Ohne Übergang ward er völlig ernst. »Er weiß es selbst nicht. Er sieht nur, daß durch Spekulation jetzt häufiger Vermögen entstehen, als mit gediegener Arbeit. Merkt er nicht auch, daß die Rückschläge schon häufiger werden – und uns näherkommen?« fragte der Konsul sichtlich nur sich selbst. Dann fielen ihm seine Zuhörer wieder ein. »Solchen Leuten fehlt die klare Vorstellung ihrer Grenzen. Auch ihrer Pflichten«, ergänzte er streng.

Kusine Emmy bestätigte es, nicht weniger streng. »Seine Frau lebt meistens bei ihren uralten Eltern, so sehr leidet sie unter ihm. Die Söhne meiden ihn tunlichst, die Villa gehört der Frau.«

»Jedenfalls führte der Herr unzulässige Reden«, behauptete Leutnant von Kühn. Sein Kamerad Kessel schloß:

»Eigentlich hätten wir ihn zur Verantwortung ziehen müssen.«

»Verantwortung!« rief der Konsul. »Daran liegt es grade. Er ist ihrer unfähig, sonst hätte er sich längst darauf besonnen, daß wir Kaufleute nicht nur da sind, unbegrenzt Geld zu verdienen. Wir sind Teile eines Ganzen, das in noch höherem Maße unsere Sorge sein muß als das eigene Wohl. Um so sicherer gedeihen auch wir.«

Er sagte dies mit noch helleren Augen, weil es nicht mehr ganz so wie früher die reine Wahrheit war – für andere nicht und bald auch für ihn.

Er versicherte sich, daß der verehrungswürdige Gast ihm zuhörte. Ein solcher Tischgenosse regte ihn an, seine Grundgedanken zu äußern, zu vertreten, was ihn bisher noch sicher und stolz machte. Ein letzter Nachdruck war seiner Rede noch zu geben.

»Der große Schlag, den Pidohn vor hat, kann ihn selbst zum Bettler machen. Es ist das Wahrscheinliche und es wäre verdient. Mit ihm gehen Ungezählte zugrunde, gut, ihre Sache. Und wenn er gewinnt? Auch dann. Er aber ist dann reicher, als man sein darf. Zu großer Reichtum ist selten achtbar«, endigte Konsul West.

Der Dichter nickte um so verständnisvoller, je weniger er alles dies jemals bedacht hatte. Er bekundete aber, was er wirklich wußte:

»Jener Mensch ist ein Unglücklicher. Noch sehe ich ihn, schattendunkler als natürlich schien, in der Dämmerung den Gartenweg entlang kommen«, sagte er im Ton seiner griechischen Gesichte. Jetzt erhob er Stimme und Blick. »Das war die Miene des Unglücks schon. Das war schon der Morgen von Sedan.«

Die Offiziere nickten. Das Wort war eindrucksvoll, den Konsul überlief ein Schauder. Einen Augenblick vor einer Stunde oder mehr war er trotz allem in Versuchung gewesen!

Gabriele fühlte es traurig werden, ja, sie selbst hätte fast schon wieder jene drohenden Laute gehört, von den heiligen Frauen, die das Unglück suchen. Schnell übertönte sie alles, lachte hoch auf und fragte, warum man durchaus ernst sein wolle. »Dieser Tag war so heiter gewesen«, sagte sie bittend, damit ihre jungen Spielgefährten sich darauf besännen.

»Auch morgen ist wieder schönes Wetter und Frau Konsul lassen sich schaukeln«, verhieß der arme Kessel, schwermütiger als er selbst wußte. Nur der Dichter verstand ihn. Er ahnte einen demütigen und reinen Frauendienst, ihm ging von eigenen Erinnerungen das Herz auf. Kaum bedacht, schlug er an sein Glas, stand auf und sprach.

Er habe fremde Menschenart erfahren, viel Buntes, Wildes auf seinen Sängerfahrten. Blicke seien ihm eröffnet worden in die Abgründe violetter Meere und auch in Herzen, nicht weniger finster und stürmisch. Am Ende von allem aber wolle er allein noch seine Heimat kennen. Hier wirke Rechtlichkeit, heller Sinn, hier werde Maß gehalten, Gesundheit des Leibes und der Seele verbürge hier so Dauer wie Glück. Sie betrachteten ihn, sie wunderten sich, daß er es nicht in Versen sagte. Denn seine Augen leuchteten weihevoll, der Ton schwang sich hinan oder grollte. Freilich warf er den Kopf auch wie ein Schwan, sein blütenweißer Knebelbart stieg in die Luft, um seine Glatze tanzten vom Luftzug weiße Büschel. Im Grunde belächelten die Zuschauer ihn milde, nur wußten sie es selbst kaum bei ihrer Befangenheit. Sie blieben vor ihm befangen: sie dachten, weil er berühmt sei. Aber was ihre Geister ihm gefügig machte, saß tief, wie ein Glaube, der Glaube mehrerer Geschlechter an ihre Dichter.

Seine Rede inzwischen näherte sich ihnen, sie betrat dies Bürgerhaus selbst, atmete seinen Frieden, seine Zuversicht, sie ruhte in der Anmut grade dieser Frauen, und der Mut dieser Männer belebte sie. Dem Dichter ward das Auge feucht. Er verschmolz mit den Seinen, und sein waren alle, hier angefangen das Land auf und ab. Ihnen hatte er lange gesungen, ihnen schon vorzeiten ihr gemeinsames Schicksal gedeutet, vorhergesagt am Leibe Deutschlands die blutigen Einschnitte und den endlichen Sieg.

Der Sieg errungen, die deutsche Einheit heimgebracht, was blieb dem Alten übrig, als in die Hände der Jungen sein Amt zu legen. »Ich führte das Schwert wie ihr«, sagte er zu den jungen Kriegern ihm gegenüber. »Ich erhielt es so lange rein und stark, bis ihr den letzten Streich tatet.« Auch hierzu nickten die Offiziere.

Im stillen zweifelten sie, ob er nicht ein Wort zu viel sagte. Die Schlachten hatten sie allein geschlagen, beim Ernstfall hatte der Dichter immerhin gefehlt!

Er widerlegte ihre Gedanken auf der Stelle. Was war der Sieg – wenn nicht die Frucht und der Segen des Glaubens an unser Volk! Den Glauben hatte auch er selbst verbreitet. Ohne, daß für uns der Gedanke stritt, wo wären wir!

Jenes Schreckensbeispiel hatten wir vor Augen. Ein Krieg, den kein Geist und Dichter mitgekämpft hatte, nahm unserem geschlagenen Gegner sein Reich, er mußte den Weg des Elends ziehn.

»Ja, als Verbannter, verzweifelt schied er dahin am Anfang dieses Jahres!«

Hier horchten alle neu auf. Die Rede endete, bevor sie eine solche Höhe verlassen hätte. Der Trinkspruch umfaßte dies Haus, seine Herrin, die Freunde, die es hatte, besonders aber sein Land, das Land, das dem Hause Frieden und Wohlstand verbürgte. Er beschwor das Glück. Bleibe ihnen treu, o Glück, denn sie selbst, Haus und Land, sind treu.

Konsul West antwortete leicht, sogar witzig. Als er den Dichter stutzen sah, entschuldigte er sich. Wie hätte er nach einem solchen Redner noch aufstehen dürfen, außer um nichts zu sagen! Denn er war zum Sprechen vom Stuhl aufgestanden, damit nicht der Alte allein feierlich gewesen sei. Der Konsul trank auf den Ruhm. Er sagte, vollkommen ernst geworden, daß in der Welt, wie er sie kenne, das zugleich Geheimnisvollste und Glänzendste der Ruhm sei. Hier streckte er sein Glas dem Gast entgegen.

Blieb im reizbaren Gemüt des Dichters noch ein Schatten? Die Konsulin hielt ihm sein Bild entgegen, Kusine Emmy hatte es während seiner Rede entworfen. Er erkannte seinen Knebelbart, sonst nichts. Nachsicht mit der Armen stimmte ihn um. Er war schon halb im Aufbruch gewesen. Jetzt blieb er noch, und Leutnant von Kühn stellte die Frage, die vorhin in ihrem Innern alle erhoben hatten.

»Ist Napoleon wirklich tot?«

Professor von Heines setzte sich wieder. »Der Kaiser starb diesen 9. Januar 1873 zu Chislehurst in England. Schon auf der Höhe seiner Macht hatte ein Unbekannter ihm das Haus eingerichtet, wenn er stürzte. Wirklich ist er dort gestorben. Aber Sie haben es vergessen. So wird auch der Ruhm vergessen«, sagte er nicht ohne Vorwurf zu dem Konsul, der aber die Achseln zuckte.

»Man erinnerte sich wirklich des Mannes kaum noch«, meinte der Konsul.

»Nur er selbst erinnerte sich an alles«, sagte Heines. »Zuletzt hielt er die Hand seines Arztes und stöhnte: ›Sie waren mit bei Sedan.‹«

Der Dichter beschattete die Stirn, als sähe er zuviel. »Der Sterbende«, sagte er, »gedachte nicht der Tuilerien, nicht der Feste, auch seiner Siege nicht. Wir sterben, und als letztes haftet in unserem Geist das Unglück.«

Dies überraschte. Man hörte nachträglich noch immer den Dichter seine unbegrenzte Verehrung des Glückes bekunden. Jetzt nannte er das Unglück mächtiger.

»Seine Frau war nicht im Zimmer«, sagte Gabriele. Es schien ihr die natürliche Erklärung.

»Doch. Sie war zugegen.«

Da wußte auch Gabriele keine Erklärung mehr. Professor von Heines berichtete, getragen, wie er von seinem Leben sprach:

»Einst trat ich als Gast vor das kaiserliche Paar in seiner Größe –«

»War es ein Maskenball?« rief Gabriele sogleich. »Was trug Eugénie? Nun? Wie schade. Ich hätte mir gewünscht, daß Sie uns neue Maskenkostüme beschrieben. Wir kennen nur immer dieselben.« Sie verzog den Mund. »Zigeunerin, Odaliske, was noch?«

Die anderen waren belustigt, gewiß durch Gabriele, aber auch über Heines. Nicht einmal die Griechinnen, die er doch geliebt hatte, konnte er in seinen Gesichten von Kopf bis Fuß beschreiben, – sie aber verlangte von ihm die Trachten des Pariser Hofes!

Er entschuldigte sich übrigens für seine Unwissenheit, denn er lobte die Fragende.

»Ihr eigener länglicher Gesichtsschnitt, Madame, ja, das Blond Ihrer Haare ist das Ihrer früheren Kaiserin, – die aber nicht Ihre großen Augen hat«, schloß er mit Verbeugung.

Der Konsul dagegen fragte, als sei ein großer Arzt zugegen:

»Ist sie so kindlich nur geblieben, weil sie von dort unten kommt? Hat es denselben Grund, daß ich ihr immer nur gute Nachrichten bringen darf?« fragte er über den Tisch gebeugt, hinter der Hand.

Der Dichter aber antwortete öffentlich. Er wandte sich geradezu an die Dame selbst.

»Ihre schöne Kaiserin, der Sie ähnlich sehen, war keine schlechte Natur. Sie war von Grund aus unschuldig, war nicht ohne Freundlichkeit. Selbst ihre Gefallsucht glich dem Wunsch, zu erfreuen. Freilich verwandelte die mächtige Stellung, die sie einnahm, all dies nur zu bald in Herrschsucht. Das Spiel mit wechselnden Masken begünstigte ihre Launenhaftigkeit. Um sie her verfielen die Sitten.«

»Hu!« machte Gabriele.

»Auch die Angelegenheiten des Staates hielt sie bald nur noch für ihr Kostüm und ihre Laune, ja, sogar bei höchster Gefahr. So wurde sie der böse Geist ihres Gatten.«

Alle stimmten zu, denn es war bekannt, Eugénie habe den Krieg gewollt.

Die Konsulin bewegte die Schultern wegwerfend. »Laßt doch den Krieg! Sie hat ihn verloren, eure Eugénie, wir haben ihn gewonnen. Jetzt stellt sie keine lebenden Bilder mehr, wir aber könnten sie stellen!« rief sie hocherfreut.

Man mußte lachen über so viel Unbelehrbarkeit, – auch Professor von Heines lachte. Zu ihrem Gatten sagte er, wie vor einer Person, die ihn nicht verstände:

»Hätten sie drüben den Krieg gewonnen, wäre sie jetzt Französin. So ist Ihre Frau. Sich selbst rechnet sie immer dorthin, wo das Glück ist.«

So kannte der Konsul sie, es machte ihm manchmal Bedenken. Um so leichter klang seine Antwort.

»Versuchen Sie mit ihr fertig zu werden, Herr Professor!«

»Wollen Sie es?« fragte Heines. »Verlangen Sie es geradezu? Dann passen Sie auf!«

Viertes Kapitel

»Ich sehe jemanden kommen«, sagte Professor von Heines, er spähte angelegentlich in den dunklen Garten. Man erschrak, wenn man ihm zusah.

»Schon wieder Herrn Pidohn?« fragte die junge Hausfrau.

»Nein, den toten Kaiser Napoleon«, sagte er, – und als sie aufschreien wollte, befahl er:

»Still! Sie selbst sind seine Gemahlin.«

»Ach so, Sie dichten«, bemerkte Gabriele mit Erleichterung.

»Sie treffen ihn nach der Niederlage bei Sedan.«

»Dann war es doch vielleicht unser Pidohn?« schlug der Konsul vor. »Denn das kaiserliche Paar ist sich nach Sedan nicht begegnet.«

Heines war aufgestanden. Er ging zuerst nur durch den Hintergrund des Zimmers. Allmählich drang er bis zur halboffenen Gartentür vor. Er schien die Nachtluft nicht mehr zu fühlen. Übrigens war sie warm und duftete. Der Dichter beschloß:

»Das tragische Paar wäre einzig und allein auf Schloß Wilhelmshöhe zusammenzuführen.«

Er rang es sich ab, selbst schon gespannt durch sein Wagnis.

»Eugénie gelangt bis zu dem Gefangenen nach Deutschland. Wie? Verkleidet? Mit falschen Pässen? Vielmehr, weil ein Mächtigerer sie begünstigt – sie benutzt für seine eigenen Pläne?«

Er hielt an und sann. Dies währte so lange, daß jemand, ohne es selbst zu merken, fragte:

»Wer mag das sein?«

Der Dichter beschloß:

»Es kann nur Kaiser Wilhelm sein.«

Den Namen hörten die beiden Offiziere und rückten sich gerade.

»Oder glauben Sie«, fragte der Dichter sie besonders, »daß Kaiser Wilhelm, was auch vorhergegangen sei, den andern gern stürzen sah? Auch dort hatte ein Thron gestanden.«

Er unterbrach sich. »Herr Leutnant von Kühn, Sie spielen Kaiser Wilhelm.«

»Zu Befehl«, rief Kühn, sprang auf und setzte sich wieder. Die Augen des alten Dichters blitzten, er schien eine Schlacht zu lenken. Man mußte gehorchen.

Die Konsulin sah alle nacheinander an. »Das wird ein Stück! Wir wollen ein Stück spielen!«

Sie klatschte in die Hände. Der Dichter hielt auf ihr seinen leuchtenden Blick an, sie nahm es für Tadel. Er fand aber grade bei ihrem Anblick, was er brauchte.

»Sie ist trotz allem Erlebten nicht bis in ihren Seelengrund ernst. Noch immer könnte die Unglückliche lachen. Sie fühlt sich in ihrem Herzen nach wie vor erhaben über das Unglück. In ihrem ersten Auftritt mit Napoleon behandelt sie nur ihn, nicht aber sich selbst wie das Opfer.«

»Sie hätte sogar gewollt«, bemerkte jemand, »daß er bei Sedan fiel.«

»Jetzt«, rief der Dichter, »weiß sie etwas Besseres. Ihn zurückzuführen nach Paris! Mit Hilfe des bisherigen Feindes die Revolution besiegen! ... Furchtbares, liebe Freunde –« der Dichter kam dem Tisch näher mit Schritten, deren jeder eine große Nachricht brachte, »Furchtbares bereitet sich vor. Eugénie tritt vor Wilhelm.«

»Geben Sie mir den Kaiser heraus!« rief Gabriele und sprang schon auf.

»Die Ehre des deutschen Namens verbietet es mir!« antwortete er begeistert.

»Ich will es. Einst fanden Sie mich liebenswürdig.«

»Sie sind es mehr als je. Hörte ich auf meine Wünsche, ich behielte auch Sie gleich hier.«

»Führen Sie mich doch lieber mit Ihrer Armee nach Paris! Es wird zugleich Ihrem Vergnügen und Ihrer Größe dienen«, behauptete sie sowohl girrend als stolz. Sie umkreiste ihn fieberhaft.

»Bravo«, riefen die Zuschauer. Der Dichter gebot Ruhe.

»Jetzt müssen Sie mir drohen«, raunte er seiner Partnerin zu. »Sie haben einen Begleiter. Er war bei der kaiserlichen Polizei.«

»Sie weigern sich?« rief Gabriele schon. »Sie wagen, mich herauszufordern. Sie halten mich für schutzlos. Aber hier habe ich jemand, auf den ich rechnen kann.«

Sie zog Leutnant von Kessel hervor.

»Er liebt mich heimlich«, versicherte sie mit flammendem Blick, »für mich ist er alles imstande. Wissen Sie, daß er eine Frau, die meinem Gatten gefährlich wurde, kurzweg getötet hat?«

Der arme Kessel war blutrot. ›Verlegenheit‹, dachten die anderen, ›so plötzlich in die Sache hineingezogen zu sein.‹

»Beobachten Sie mich gut«, sagte Professor Heines zu Leutnant von Kühn. »So sollen Sie König Wilhelm spielen.«

Alle aber hatten Augen nur für Gabriele gehabt. Ihr so unerwartet entdecktes Talent stieg ihr selbst zu Kopf.

»Jetzt brauche ich Pidohn«, rief sie. »Für meine große Szene mit Napoleon ... Herr Pidohn!« rief sie durch die hohlen Hände in den Garten hinaus. »Herr Pidohn!«

»Wenn er nun wirklich erschiene?« fragte Kusine Emmy, als dächten beide an eine wahre Teufelsgestalt, grausig, wenn auch nur erfunden.

»Er ist nur unglücklich«, sagte hier der Dichter. »Er leidet furchtbare Schmerzen, hat alles verloren, seine Kraft ist allein die Ergebung in das Unvermeidliche.«

»Davon habe ich nichts bemerkt bei Pidohn«, versicherte der Konsul.

»Ich spreche von Napoleon«, berichtigte der Dichter. »Die Gatten sind allein.«

Jetzt stand er vor seiner Partnerin als Tiefgebeugter, mit Leidenszügen, sichtlich gealtert, seitdem er nicht mehr der siegreiche Wilhelm war.

»Ihre Wandlung!« raunte er ihr zu. »Sie sehen einen Kranken. Dies haben Sie aus ihm gemacht. Es ist Ihre Schuld.«

»Ach! Schuld?« warf Gabriele hin. Er streckte den Finger aus:

»So ist der Ton. Noch zweifeln Sie. Aber endlich wandeln Sie sich.«

»Das langweilt mich«, sagte sie kalt.

»Wie denn? Was ich erfinde, langweilt Sie?«

»Es liegt mir nicht.«

»Hören Sie! Begreifen Sie!«

Der alte Mann beschwor dies leichte Wesen, das sich ihm widersetzte. Er kämpfte, man verstand nicht ganz, um was.

»Die Sache ist, daß Sie endlich doch vom Unglück überzeugt sind. Verstehen Sie? Überzeugt, daß auch das Unglück kostbar, sogar liebenswert ist. Verwandelt, ihm hingegeben, erlöst durch das Unglück.«

»Ich liebe Napoleon?« fragte sie ungläubig. »Auch noch, wenn er im Unglück ist?«

»So wie mich, wenn ich geschäftliche Schwierigkeiten hätte«, sagte der Konsul aufgeräumt.

»Nein. Die hat Pidohn«, sagte Gabriele.

Den Dichter verdrossen die Vergleiche. »Meine tragischen Personen«, murmelte er gekränkt und weggewendet.

In der eingetretenen Stille fragte die Kusine:

»Wer soll den Napoleon spielen?«

Es war die einfachste Frage, aber sie fiel in die Stille. Niemand wollte den Vorschlag kennen, an den alle dachten.

Der Konsul begann:

»Darf ich bemerken, Herr Professor, daß Sie noch vor kurzem das Unglück als eine Art Schande anzusehen schienen, oder es doch verkörperten in einer düsteren und fragwürdigen Abenteurergestalt, die in kein gutes Haus sollte eindringen dürfen?«

Dies war der allgemeine Eindruck. Man schwieg, denn man fühlte wie der Konsul. Dieselbe Gestalt stand vor allen.

Auch der alte Dichter war betroffen von seinen eigenen Widersprüchen. Jene junge Dame dort sollte vom Übermut und der Unwissenheit geheilt werden durch seine Erfindung. Es war eine Art Verabredung gewesen. So tragisch war es denn doch nicht gemeint. Er war unzufrieden. Hinzu kam, daß er seine Kräfte plötzlich erschöpft fand, daß es spät war und der für ihn bestellte Wagen ausblieb. Dies stieß ihm zu, eine halbe Stunde vor der Stadt, dreiviertel von seinem Haus!

Die Luft war noch milder geworden, ein Regen schien nahe. Alle standen auf der dunklen Steinterrasse. Die Straße blieb leer, sie horchten. Weit entferntes Knarren und Kreischen – »es kommt von der andern Seite. Bauernwagen mit Gemüse, die Fischerkarren aus Suturp, sie fahren schon in der Nacht zur Stadt, denn morgen ist Markttag.«

»Sie werden sich nicht zu den Kohlköpfen setzen wollen, Herr Professor«, äußerte der Konsul. »Dann bleibt nur übrig, daß Sie hier schlafen.«

»Ihr Zimmer ist bereit«, versicherte seine Frau.

Der Dichter antwortete ihnen nicht, oder sie verstanden nicht, was er etwa murmelte. Seine Laune ward immer schlechter. Er begriff nicht mehr, warum er hier den Abend verbracht, wozu sich erhitzt, überanstrengt, den Leuten ein Schauspiel geboten hatte. Jetzt war er ausgeliefert ihren Übergriffen und unzarten Scherzen. Sie weiter ertragen oder die Fahrt unternehmen auf einem holprigen Karren, der sein Tod sein konnte! ... Hier fuhr plötzlich sein Wagen vor. Im Geräusch der vielen Räder hatte man diese überhört.

Alle verabschiedeten sich von ihm. Die Kusine bat ihn um eine Rolle in dem Stück, aber er antwortete nicht. Sie wohnte noch weiter draußen, die beiden Offiziere begleiteten sie. Er war erleichtert, es wäre noch gut gegangen. Da fiel aber vom Dach eine Katze. Sie hatte droben eine unliebsame Begegnung gehabt, soeben zischte sie noch drohend. Plötzlich rutschte sie hier auf dem Steinboden auseinander, als sei sie nur noch Fell. Schon aber tat das Tier einen Satz über das Geländer und verschwand im Dunkeln. Etwas verspätet, weil es zu schnell fort war, sagte der Konsul:

»So stürze jeder Feind des deutschen Namens.«

Es war aus einem Drama seines Gastes oder es konnte daraus sein. Der Konsul sprach es nicht besonders gehoben, fast ohne ironische Absicht, nur froh, daß es ihm so pünktlich eingefallen war. Die Verstimmung des Dichters, unverständlich wie sie war, ließ sich vielleicht doch mildern, wenn man ihn zitierte?

Statt dessen zuckte Professor von Heines auf wie gestochen, er stieß einen Fluch aus und war von der Terrasse verschwunden, man dachte an den Sprung der Katze. Die Windlichter kamen ihm so schnell nicht nach, er gelangte im Dunkeln zu dem Wagen, er stolperte hinein.

›Meine Verse und eine Katze!‹ fühlte er, und mit Knirschen: ›Auch noch falsch zitiert.‹

Damit fuhr er ab.

Fünftes Kapitel

Die andern folgten bis an das Gartengitter, sie verharrten dort eine Weile schweigend. Was war geschehen?

»Siehst du, man darf nicht zitieren«, erklärte die Konsulin, als wäre ihr dies von jeher bekannt gewesen.

»Das Stück wird er uns jetzt wohl nicht mehr schreiben«, vermutete Emmy Nissen.

Leutnant von Kühn sagte zuversichtlich: »Dann machen wir es selbst.«

»Schade doch.« Gabriele senkte den Kopf. Wer ihre Traurigkeit am schwersten mit ansah, war Leutnant von Kessel.

»Ich gehe zu Herrn Professor von Heines«, versprach er ohne Besinnen. »Ich erweiche ihn.«

Er zögerte, entschloß sich aber:

»Befehlen Sie, Frau Konsul, daß ich auch Herrn Pidohn bitte?«

»Um was?« fragte Gabriele hart. Er verlor sofort die Fassung.

»Daß er den Napoleon spielt –?« sagte er zweifelnd.

»Davon war nie die Rede.« Gabriele sah ihm in die Augen, wie weit er gehen werde. Ach, der Arme stammelte nur noch.

»Mir schien, es ward an ihn gedacht.«

Schon stockte Kessel. Gabriele ließ ihn stehn.

Die Kusine wies darauf hin, daß es wetterleuchte.

»Bei drohendem Gewitter sind alle Meinungsverschiedenheiten erklärt«, sagte sie zum Zweck der Versöhnung, worauf sie heimging im Schutz ihrer Herren. Das Ehepaar blieb allein.

Der Konsul gähnte. Seine Frau fühlte zu gut, daß die Müdigkeit Maske, Jürgen aber unzufrieden war. Gleich beim Betreten des Hauses fing er an. Er blieb plötzlich stehen und sagte:

»Das soll nun der Gipfel von allem sein?«

»Was?« fragte die Frau, schon auf ihrer Hut.

»Ein alter Mann«, – der Konsul blies durch die Nase, »erzählt Intimitäten von Leuten, die er nicht näher gekannt hat, macht aus ihnen etwas, das sie selbst nicht mehr verstehen würden, – und führt sich dabei auf wie verrückt.«

»Du ärgerst dich, weil du ihn verstimmt hast«, antwortete die Frau, und sie betraten das Schlafzimmer.

»Darf er, dessen ganze Tätigkeit taktlos ist, selbst so reizbar sein? Nun gut, er ist, was er ist. Wir sind nicht undankbar. Mag sein, als Fünfzehnjähriger –«. Er lauschte in die Luft. Durch seinen Kopf ging, schon vor Zeiten empfangen, eine überaus süße Wortmelodie.

»Siehst du«, entschied Gabriele, nur damit er auch von allem übrigen, das noch kommen sollte, still sei, »Kessel kann aus seiner Elektra wenigstens zehn Seiten auswendig, es ist sogar langweilig.«

Dies hätte sie nicht sagen dürfen. Der Mann bekam auf einmal freie Bahn.

»Um die zweihundert Verse aufzusagen, muß er länger bei dir sitzen, als ich für richtig hielte.« Er sprach sehr höflich, dennoch belehrend, sogar strafend, den Ton ertrug sie nie.

»Du kannst mir nichts vorwerfen. Du weißt, daß ich mich langweile, und du läßt mich allein. Mach mir wenigstens das Kleid auf!«

Er tat es, dabei war er in keiner Stellung mehr, die große Strenge erlaubte. Die Kerzen zu beiden Seiten des Ankleidespiegels brannten, ihr Licht floß weich wie je über den zarten Rücken Gabrieles. Es hätte ihn auch diesmal bezaubert. Sie sagte aber nicht ohne Härte:

»Mir immer meine Geselligkeit vorzuwerfen! Du hast gewußt, woher ich komme, was ich gewohnt bin.«

»Gut, mein Kind« – schon ließ er sie los und trat fort. »Du bist es so gewöhnt, denn ihr lebtet auf einem großen Fuß. Daher hat dein Vater auch seine Geschäfte verkleinern müssen. Erlaube mir, dir zu sagen, daß ich es soweit nicht kommen lassen will.«

Sie wußte keine Antwort, stampfte aber auf. Nur deshalb ward er noch schärfer, denn im Grunde bereute er, was er sagte, im voraus.

»Du läßt dich von mir nicht lenken und hältst es für ein Verdienst; aber bei uns fällst du auf. Man spricht über dich.«

Hier erbleichte sie, lachte aber.

»Lache nicht!« befahl er. »Ich will nicht im Munde der Leute sein.«

Jetzt erschrak sie ernstlich. Ihm schaden, das hatte sie nicht bedacht. Er war ehrgeizig, er wünschte seinen Mitbürgern zu gefallen. Es waren Züge, die sie begriff. Sie fürchtete, sich ihm verhaßt zu machen. Sie suchte seinen Blick, er aber bewegte sich schnell im ganzen Zimmer, er sah sie nicht. Um so stiller setzte sie sich in den Lehnstuhl neben dem Bett. Sie bedeckte sich sogar mit dem Kleide, das sie ausgezogen hatte, so sehr fühlte sie sich von ihm getrennt. Aber wohin er sich wendete, blickte sie ihm nach.

Er stieß hervor:

»Wenn es auch mich einmal träfe –. Eine geschäftliche Krise ist immer möglich. In diesen Zeiten, wo für so viele die Schwierigkeiten anfangen, – ich bin nicht gefeit. Willst du es wissen? Mir drohen Verluste, nur darum war ich beinahe versucht, auf Pidohn zu hören.«

Er zitterte – doch nicht im Gedanken an Pidohn? Er fragte es sich.

Hatte sie geantwortet, sogar gelacht? Er sah sich nach ihrem aus Ängstlichkeit zart lächelnden Gesicht mit Empörung um.

»Wenn ich einmal allein stände, ich weiß niemand –«

Schon wieder brach er ab, schluckte, sagte noch:

»Vom Unglück darf hier nicht einmal die Rede sein.« Jetzt wußte er es: Heines war es. Heines und seine Erfindungen zitterten in ihm nach.

Sie wäre jetzt aufgestanden und in das andere Zimmer gegangen, vielleicht sogar hinauf zum Kinde – nur fort. Sie war verstört, als werde eine neue, verhängnisvolle Hingabe von ihr verlangt. Sie fühlte: das geht nicht. Ich will es nicht. Das ist meine Sache nicht, dem bin ich nicht gewachsen.

Er sah sie an, wieviel sah er? – und sagte: »Du hast im Kopf nur deine Maskerade. Wenn du aber glaubst, daß du noch lange mit Geld umherwirfst und dir den Hof machen läßt –. Geh lieber gleich zu dem Tor hinaus, durch das du in die Stadt gekommen bist.«

Sie sprang auf. »Schäme dich!«

Es klang hart, obwohl leise.

»Du kannst nur immer verhindern und mich abschließen. So seid ihr wohl hier. Das sollte bei uns ein Gatte wagen! Aber was willst du, im Grunde ärgerst du dich über dich selbst, denn jetzt wird aus unserer Aufführung nichts, du hast Heines beleidigt.«

Er drehte sich heftig weg, stieß die Tür zu der hinteren Veranda auf und war schon verschwunden. Sie lachte höhnisch hinterher, sie schlug mit den Armen großartig durch die Luft. Darauf glitt sie im Gegenteil ganz still ins Bett. Sie löschte ihre Kerze, zündete sie aber wieder an. Ihr war das Herz schwer. Sie fand das Leben empörend. Dann kamen ihr jedesmal Bilder von früher, – als hätte es ihr damals noch nichts versagt, nichts in den Weg gelegt.

Sie sah den Salon im Hause ihrer Eltern am Cours de Gourgue zu Bordeaux. Die Möbel waren grüner Rips und mit Bronze beschlagen. Ihre Freundinnen ergingen sich dazwischen. Mehrere hatten Brüder mitgebracht, es ergab Paare, die sich mit den Augen suchten, indes alle, wohlerzogen und leicht, ihre Spiele miteinander trieben. Es war Sommer, in den Bildern Gabrieles war unverwandt Sommer. Die Läden blieben halb geschlossen, die Gesichtsfarbe der kaum erwachsenen Knaben war von edler gelber Blässe. Dem, der auch singen konnte, fiel eine glänzend schwarze Locke über das linke Auge.

Ja, er stand neben dem Flügel, den ihre Freundin anschlug, sang die Romanze vom Friedhof, dem Gespenst, und fand, während beiden süß schauderte, die Augen Gabrieles.

›Habe ich nicht doch ihn, nur ihn geliebt?‹

Gleich darauf vergaß sie ihn, denn ihre Mutter trat ein, sie selbst mit dem Tablett. Gabriele lief hin, sie nahm es ihr ab. Gabriele allein hier in ihrem Bett hatte ihre Mutter zurück, wußte nicht mehr, daß sie tot war, nahm ihr einfach das Tablett mit den Erfrischungen ab.

Schon sah sie auch die Mutter nicht mehr. Sie stand als Kind neben der Magd bei einem Brunnen, aus dem sie beide Wasser holten. Es war ein Brunnen mit einer großen, steinernen Frau, die auf einem Knie ruhte, und mit Türen aus Schmiedeeisen. Man kam dorthin durch eine enge Gasse. Einst, als die Magd bei anderen schwatzte, ging Gabriele, das Kind, allein davon. Es war das erstemal, sie gelangte zuerst auf jene weite Terrasse, wo über dem Hafen die beiden Säulen ragen. Schiffsschnäbel stehen aus ihnen vor und die Plattform einer jeden behauptet ein stolzer Römer, – als führe er schwelgerisch droben durch den Himmel, der Meeresbläue hat. Es ist im Traum nicht schöner, als es damals war.

Wäre das Kind nur nicht weitergelaufen bis auf die große Garonne-Brücke, die kein Ende nimmt. Die Weite ängstet es, und daß alle Menschen taub bleiben, obwohl es schreit. »Mama! Mama!« ruft die schlafende Gabriele ... Ach! Die Kathedrale. Plötzlich findet das Kind sich im Umkreis der großen Kirche, Gabriele in ihrem Bett sieht das Licht und den Schatten. Eine Straße dringt vom Dom her schmal in die Tiefen der Stadt, die Schatten fallen über die Häuser treppenförmig und so schroff, daß eine hellgebliebene Mauer sie blendet.

Gabriele in ihrem Bett ist innen geblendet. Sie sucht auf den Vorsprüngen der Kathedrale ihre alten Bekannten, die steinernen Tiere. Vergebens blinzelt sie nach den launischen Gebilden, die schon ihre Kinderaugen erlernten. Fledermäuse, Katzen, dort hockt ihr, zeigt euch! Nein? So seid ihr. Ihr versteckt euch. In den vielen bemoosten Winkeln der alten Kirchenmauer verstecke ich mich selbst, Mama soll mich finden. »Mama!« Gabriele ruft es auch hier wieder. Aber es ist nur noch ein Hauch. Sie atmet langsamer und tiefer. Frau Konsul West ist eingeschlafen, sie hat den Streit mit ihrem Mann für den Augenblick vergessen.

Konsul West draußen auf der hölzernen Veranda rauchte Zigaretten. Er hielt sich vor, daß er der Klügere sei und die Dinge in Ruhe ansehen müsse, indes die Frau sie aber nur noch in der Stille des Traumes betrachtete. Wie dumm fand er jetzt sein Wort von dem Tor, durch das sie gekommen sei und wieder gehn könne! In Wirklichkeit war er stolzer auf ihr fremdes Gesicht, als auf alle seine gefüllten Speicher.

Ihre Leichtigkeit, diese schmalen Augen, die groß und sonnig wurden bei allem, was sie bestaunte, und das war viel: ja, schon der kupferne Schimmer auf ihrem noch immer nachdunkelnden Haar zeichnete sie in jeder Gesellschaft als einzig und nur sein. Er war da, er stand für sie ein. Sie war sein sichtbar gewordenes Glück. Sie beide waren im Munde der Leute? Viel schlimmer, wenn sie es nicht gewesen wären!

Gewiß blieb dies Wesen immer so unschuldig, daß er ihr mit dem heraufziehenden Ernst der Dinge nie kommen durfte. Auch dies war, wie er es wollte. Nur ward es nachgerade gewagt in diesen Tagen der sich nähernden Zusammenbrüche. Sie erreichten ihn schon manchmal, wie die Flut den Fuß. Er verlor schon, weil andere die Zahlungen einstellten.

Ihn selbst machte der Zustand unsicher, daher seine Fehler, dieser Streit. Die Wahrheit war ihm schließlich entfahren im Streit, wie sollte die Frau sie fassen. Unsicherheit hatte ihn auch bei den Zumutungen Pidohns befallen. Warum? Stand es mit ihm nicht mehr so fest und klar, wie er es dem Professor von Heines noch ausgemalt hatte? Blieb er von der Spekulation in seiner wahren Natur so unberührt nicht, wie seine strengeren, weil unversuchteren Väter? Wozu dann heucheln, sich sperren.

Pidohn spekulierte glücklich, er war im Begriff, der große Mann zu werden, den die ganze Stadt grüßt. Sogar Heines blieb unbeachtet, wo Pidohn auftrat. Den Augenblick nützen! Die Geschäftsverbindung nicht von der Hand weisen! So stand es nicht, daß man das durfte.

›Wie kam ich eigentlich dazu, seine Annäherungsversuche auszuschlagen?‹ fragte Konsul West sich unwillig erstaunt. ›Ein unüberlegtes Wort von mir war nicht die richtige Antwort auf die wohlerwogenen Vorschläge des Mannes. Er kennt unsere Chancen beiderseits, nicht umsonst kommt er grade zu mir. Ich vertrete, wenn wir zusammengehen, die Solidität und Vertrauenswürdigkeit.‹

Ja, Konsul West berechnete schon, daß in seinem Gefolge die Leute leichter ihr Geld wagen würden als wegen Pidohn. Er bemerkte selbst, bis wohin seine Gedanken führten. ›Wird das Wagnis zu groß‹, so beschloß er, ›ziehe ich mich rechtzeitig heraus und warne alle anderen.‹

Die Gelegenheit durfte nicht endgültig versäumt sein. Pidohn mußte herangeholt werden. Nach dem Geschehenen war es nicht mehr leicht. Seinesgleichen will eine Rolle spielen. Gut, er sollte sie in dem Stück des alten Heines spielen, so beschloß der Konsul. Auch der Dichter war deshalb zu versöhnen. Abgemacht? Er antwortete: »Abgemacht«, – womit er schon die Tür ins Schlafzimmer öffnete.

Die Kerze brannte, er erklärte sofort:

»Das Stück wird aufgeführt, und zwar auf der hinteren Veranda. Ich habe mich überzeugt, sie ist durchaus geeignet. Die Zuschauer werden im Garten sitzen, wir laden alles ein. Bist du zufrieden?« schloß er leicht und beugte sich über das Bett.

Schlief sie? Ihr Gesicht lag in den verschränkten Armen. Die zarten Arme waren naß von Tränen. Er horchte; nein, sie schlief nicht.

Sie war erwacht. Sie hatte lange, lange in einem äußeren Mauerwinkel der Kathedrale von Bordeaux auf ihre Mutter gewartet, die sie abholen sollte. Ihre Mutter war nicht gekommen. Angst hatte sie befallen, und mit Angst war sie erwacht. Was sie vorfand, war schlimm: die Mutter tot, ihr Mann im Zorn von ihr gegangen. Wen auf der ganzen Welt hatte Gabriele?

Dies grade fühlte, über sie gebeugt, auch der Konsul. Er fühlte: ›Sie ist weit her, eine kleine Fremde. Sie hat hier keine Verwandten, die mitzählen; und wenn sie auch vor den Leuten aus der Stadt so spricht, als gehörte sie zu ihnen, wer bleibt ihr, falls es ernst wird? Nur ich ... Ich ganz allein‹, fühlte er innig und küßte ihr Gesicht, den Streifen der Wange, der freilag.

Sie rührte sich nicht, obwohl sie jetzt gern bei ihm geweint, gern seinen Trost genommen hätte. Aber es war auch gut, ihn bitten zu lassen.

›Er kommt schon wieder‹, dachte ihr in die Arme gewühltes Köpfchen, indes die Kerze den warmen blonden Schein darüber spielte. ›Er muß merken, daß man sich so nicht benimmt. Das hat man davon.‹

Hiermit meinte sie nicht mehr nur ihren Mann, auch alle anderen Menschen, ja, das Leben. Es hatte keineswegs das Recht auf Unebenheiten oder Verfehlungen. Es mußte glatt und folgsam sein, sonst strafte dies Köpfchen es mit Verachtung.

Es war schwer genug, Gabriele mit der Aufführung des Heines'schen Stückes jetzt noch zu befreunden. Der Konsul nannte es eine Aufführung und sah darin eine Ehrung des Dichters. Für seine Frau gehörte es einfach zu den Maskeraden, von denen sie nach allen seinen Vorwürfen nichts mehr hören wollte. Er wußte natürlich, daß sie tief unglücklich gewesen wäre, hätte er ihr nachgegeben. Er hütete sich, er ließ nicht ab.

Sie machte immer neue Schwierigkeiten. Leutnant von Kessel sei vielleicht schon bei Professor von Heines gewesen, wenigstens habe er sich dazu erboten. Mit seiner Unerfahrenheit war er imstande, ihn noch mehr zu reizen; wer konnte wissen, ob er nicht alles endgültig verdorben hatte. Den Leutnant mußte sie vor allem zu sich bescheiden. Es geschah eines Tages, aber Kessel hatte nichts unternommen.

Zum ersten Male kam er in die Westsche Villa ohne seinen Freund Kühn, ja, am Vormittag zwischen zwei dienstlichen Pflichten. Gabriele war allein; der kleine Jürgen, der sie hätte schützen können, blieb unauffindbar. Sie empfing Leutnant von Kessel im vorderen Garten, von der Straße durfte jeder ihnen zusehn. Aber beobachtete man sie nicht vielleicht auch aus den Fenstern drüben? Hinter den dichtbelaubten Bäumen wohnten ältere Damen, die den harmlosesten Anblick zu interessant gefunden hätten. Sie ging mit Kessel ins Haus.

Ihre Besorgnisse wegen Professor von Heines hatte er mit einem Wort zerstreut, um so schwerer fiel ihr auf das Herz der Gang zu Pidohn. Sie sprach davon mit Überwindung. Der Leutnant erschrak.

»Sie, Frau Konsul, zu Herrn Pidohn!«

Sie klagte:

»Ich muß alles allein tun. Die Herren haben die Ausrede, daß sie beschäftigt sind. Liebhabertheater ist keinem wichtig genug.«

»Mir!« behauptete Kessel. Denn ihre Wünsche seien ihm wichtiger als alles. Jetzt vermaß er sich ernstlich, sowohl den Dichter als den Hauptdarsteller herbeizuschaffen. Sofort bekam sie ihren ganzen Hochmut zurück.

»Glauben Sie denn wirklich, daß ich bei dem Dichter noch jemand brauche? Ein Mensch, der den Kopf voll angeblich schöner Griechinnen hat! ... Nur ihre Schneiderin kennt er nicht!« sprach sie beiseite.

Der Offizier bewunderte im Gegenteil grade ihr Kleid, das weite, blütengleiche Gebilde aus Spitzen. Es bedeckte ausgebreitet den ganzen großen Sessel, aber viele ersehnte Schönheiten ließ es heimlich ahnen, verriet sie fast. Ein heißer Morgen endete, auch ihre Sorgen erschlafften die junge Frau, ihre Formen blieben unbewachter als üblich. Er war im Zweifel, ob unter dem Kleid ihre Füße sich nicht kreuzten und aneinanderschmiegten. Dieser von der Schwüle mattweiße Vorderarm jedenfalls hing aus zurückgefallenem Ärmel über der ovalen Lehne. Der Hals, die Schultern zeigten sich frei, der junge Mann wagte nicht hinzusehn. Aber sogar hinter geschlossenen Lidern hätte er deutlich jede der leichten Rundungen samt ihrem genauen Schimmer erkannt.

Er hörte sie wieder Pidohn nennen. Er habe wohl recht, sie wage sich nicht in das eigene Haus Pidohns. Was aber sonst? Sie wisse es nicht, sie müsse es finden, es koste was immer. Sie sprach wie in Verwirrung, die abergläubischste Furcht hatte sie sichtlich befallen.

Der junge Leutnant entrüstete sich innerlich über Konsul West, der seine zarte Frau solchen Qualen aussetzte. Er selbst betonte sogleich seine Ritterpflicht.

»Frau Konsul, mir ganz allein obliegt es, jenen Herrn wieder umzustimmen, wie ich und mein Kamerad ihn zuerst auch verstimmt haben. Das kann nicht Aufgabe einer Dame sein.«

»Möglich«, erwiderte sie nur. »Aber ich muß selbst mit ihm sprechen.«

Er sah, daß ihre Augen weiter wurden, sie schien sogar zu zittern. Dies gab seiner eigenen Person ein nie dagewesenes Gewicht. Er stand auf.

»Ich erlaube es nicht«, sagte er. »Ist jener Herr überhaupt unerläßlich? Mag doch der Dichter in Person die Rolle ausüben.«

»Wohin denken Sie?« fragte Gabriele. Plötzlich lächelte sie. »Er mit seinem Plaid!«

Ihn enttäuschte es, daß sie scherzte. Ihre Eindrücke wechselten rasch; zu fürchten war, sie möchte sogleich von etwas anderem anfangen. Dem jungen Mann lag viel daran, sie festzuhalten bei dem spannenden und ergiebigen Gegenstand.

»Ich selbst«, rief er, »würde sogar die größte Rolle des Stückes nicht eintauschen wollen für meinen Bravo. Sie entsinnen sich doch?« fragte er eindringlich. »Ich spiele Ihren Begleiter, ich bin der treueste aller Treuen und schrecke auch nicht davor zurück, Ihnen jeden Feind zu opfern.«

Ihr fiel doch auf, wie betont, ja dringlich der arme Knabe dies vorbrachte. Flüchtig bedachte sie wohl, in welchem ungewöhnlichen Zustand er sein müsse. Gleich darauf sah er in ihrem Blick, der nicht mehr hier war, daß sie jetzt wieder einzig bei dem Feinde Pidohn weilte. Nur an den Feind hatte er sie erinnern können, anstatt an sich selbst!

Vor Ärger trat er zurück, stellte sich hinter sie und sprach nicht mehr. Aber auch sie schwieg; es dauerte zu lange. Ihr unbedeckter Nacken lag zu lange reglos und selbstvergessen unter seinen Augen, die nicht mehr den Mut fanden, ihn zu fliehen. Das schwere, blond erfüllte Haarnetz küßte den Nacken. Plötzlich machte Leutnant von Kessel eine Bewegung, die er nicht gewollt, nicht vorhergesehen, unter keinen Umständen sich zugetraut hatte. Schon war sie aufgesprungen.

»Das – das –« stammelte sie, »haben Sie getan?«

Die Tränen des Zornes funkelten, der Leutnant war erstarrt, er atmete nicht.

»Sie können es nie wieder gutmachen. Nie will ich Sie wiedersehn.«

Leidenschaftlich aufgerichtet ging sie, kam aber nur bis zu dem Vorhang, der die Tür ins Schlafzimmer bedeckte. Hier fiel ihr ein:

»Sie haben es an Achtung gegen mich fehlen lassen. Sehen Sie zu, ob es Ihnen je gelingt, sich zu rechtfertigen!«

Das war die Zurücknahme des Verbannungsurteils, um so härter sprach sie die Worte. Auch schien sie zu schwanken und griff in den Vorhang.

»Alles, was Sie wollen«, versuchte er noch zu rufen, der dunkle Samt war über ihr schon zugefallen. Die Tür klappte.

Etwas später öffnete Gabriele lautlos einen Spalt. Leutnant von Kessel bot ein Bild des Jammers. Er schien am Fleck versunken, zumindest kleiner geworden und so gut wie gelähmt. Befriedigt wartete sie. Er nahm geistesabwesend, ja, mit wackelndem Kopf seine Sachen an sich, hängte den Degen ein, setzte den Helm auf, – jetzt erst ward sein Rücken wieder grade. Er gab sich einen sichtbaren Ruck und schnellte aus der Gartentür. Sie sah ihn fortmarschieren über die Terrasse.

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Litresdə buraxılış tarixi:
05 may 2025
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9788726885699
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