Kitabı oxu: «Grenzgänger»
Grenzgänger
1 Titel Seite
2 Bildernachweis:
3 Vorwort
4 Einleitung
5 Anreise (17.07.2018): Von Hof nach Raitschin
6 Tag 1 (18.07.2018): Von Raitschin zur Juchhöh
7 Tag 2 (19.07.2018): Von Juchhöh bis Nordhalben
8 Tag 3 (20.07.2018): Von Nordhalben nach Tettau
9 Tag 4 (21.07.18): Von Tettau nach Sonneberg.
10 Tag 5 (22.07.2018): Von Sonneberg nach Eisfeld.
11 Tag 6 (23.07.2018): Von Eisfeld nach Einöd
12 Tag 7 (24.07.2018): Von Einöd nach Rieth
13 Tag 8 (25.05.2018): Von Rieth nach Irmelshausen
14 Titel
15 Titel - 1
16 Titel - 2
17 Titel - 3
18 Titel - 4
19 Titel - 5
20 Titel - 6
21 Titel - 7
22 Titel - 8
23 Tag 19 (05.08.2018): Heilbad Heiligenstadt
24 Tag 20 (06.08.2018): Heilbad Heiligenstadt
25 Titel - 9
26 Titel - 10
27 Titel - 11
28 Tag 24 (10.08.2018): Von Sickenberg nach Bremke
29 Titel - 12
30 Tag 27 (13.08.2018): Von Bremke nach Duderstadt
31 Titel - 13
32 Titel - 14
33 Tag 30 (16.08.2018): Von Zorge nach Schierke
34 Titel - 15
35 Titel - 16
36 Titel - 17
37 Titel - 18
38 Tag 36 (22.08.2018): Von Oebisfelde nach Salzwedel
39 Titel - 19
40 Titel - 20
41 Tag 39 (25.08.18): Von Gorleben nach Hitzacker
42 Tag 40 (26.08.2018): Von Hitzacker nach Zarrentin
43 Tag 41 (27.08.2018): Von Zarrentin nach Ratzeburg
44 Tag 42 (28.08.2018): Von Ratzeburg nach Dassow
45 Titel - 21
46 Anhang
47 Titel - 22
48 Anhang 2: Grenzmuseen (Auswahl)
49 Anhang 3: Linkliste (Auswahl)
50 Titel - 23
51 Titel - 24
52 Titel - 25
53 erlebnis-gruenes-band.html)
54 Titel - 26
55 Titel - 27
56 Titel - 28
57 Titel - 29
58 (www.erinnerungslandschaften-am-gruenen-band.de)
59 Titel - 30
60 Titel - 31
61 Titel - 32
62 Titel - 33
63 Titel - 34
64 (hdg.de/lemo/kapitel/deutsche-einheit.html)
65 Titel - 35
66 Titel - 36
67 Anhang 4: Literaturliste (Auswahl)
68 Titel - 37
69 Titel - 38
70 Titel - 39
71 Titel - 40
72 Titel - 41
73 Titel - 42
74 Titel - 43
75 Titel - 44
76 Titel - 45
77 Titel - 46
78 Titel - 47
79 Titel - 48
80 Danksagung
81 Über den Autor
Titel Seite


Hober Verlag
Heinrich Pingel
Grenzgänger
Mit dem E-Bike 1.500 km auf dem Grünen Band
Eine lebensgeschichtliche Reise
von Ost nach West und zurück
Mit 128 Farbfotos und 5 Skizzen
Mit einem Vorwort von
Dr. Liana Geidezis (BUND)
Hober Verlag
Hamburger Straße 6
32760 Detmold
www.hober-verlag.de
Bildernachweis:
Sämtliche Fotos, soweit keine andere Angaben
vorliegen, sind vom Autor gemacht worden.
Druck:
WmD GmbH
71522 Backnang
Copyright:
Hober Verlag 2019

| InhaltsverzeichnisVorwort Dr. Liana Geidezis (BUND) | |
| Einleitung | |
| Anreise: Von Hof nach Raitschin | |
| Tag 1: Von Raitschin nach Juchhöh | |
| Tag 2: Von Juchhöh nach Nordhalben | |
| Tag 3: Von Nordhalben nach Tettau | |
| Tag 4: Von Tettau nach Sonneberg | |
| Tag 5: Von Sonneberg nach Eisfeld | |
| Tag 6: Von Eisfeld nach Einöd | |
| Tag 7: Von Einöd nach Rieth | |
| Tag 8: Von Rieth nach Irmelshausen | |
| Tag 9: Von Irmelshausen nach Weimarschmieden | |
| Tag 10: Von Weimarschmieden nach Hilders | |
| Tag 11: Von Hilders über Tann, Kleinfischbach zurück nach Hilders | |
| Tag 12: Hilders | |
| Tag 13: Von Hilders nach Philippsthal | |
| Tag 14: Von Philippsthal nach Berka/Werra | |
| Tag 15: Von Berka/Werra nach Creuzburg | |
| Tag 16: Von Creuzburg nach Großburschla | |
| Tag 17: Von Großburschla nach Heilbad Heiligenstadt | |
| Tag 18: Heilbad Heiligenstadt | |
| Tag 19: Heilbad Heiligenstadt | |
| Tag 20: Heilbad Heiligenstadt | |
| Tag 21: Von Heilbad Heiligenstadt nach Beuren und zurück. | |
| Tag 22: Von Heilbad Heiligenstadt nach Röhrig und zurück. | |
| Tag 23: Von Heilbad Heiligenstadt nach Sickenberg | |
| Tag 24: Von Sickenberg nach Bremke | |
| Tag 25: Bremke | |
| Tag 26: Bremke | |
| Tag 27: Von Bremke nach Duderstadt | |
| Tag 28: Von Duderstadt nach Osterhagen | |
| Tag 29: Von Osterhagen nach Zorge im Harz | |
| Tag 30: Von Zorge im Harz nach Schierke | |
| Tag 31: Von Schierke über den Brocken nach Stapelburg | |
| Tag 32: Stapelburg | |
| Tag 33: Stapelburg | |
| Tag 34: Von Stapelburg nach Schöningen | |
| Tag 35: Von Schöningen nach Oebisfelde | |
| Tag 36: Von Oebisfelde nach Salzwedel | |
| Tag 37: Von Salzwedel nach Binde/Arendsee | |
| Tag 38: Von Binde/Arendsee nach Gorleben | |
| Tag 39: Von Gorleben nach Hitzacker | |
| Tag 40: Von Hitzacker nach Zarrentin | |
| Tag 41: Von Zarrentin nach Ratzeburg | |
| Tag 42: Von Ratzeburg nach Dassow | |
| Tag 43: Von Dassow nach Priwall / Travemünde (Ostsee) – Ende Anhang 1: Zeittafel deutsch-deutsche Grenze (Auswahl) Anhang 2: Grenzmuseen (Auswahl)Anhang 3: Linkliste (Auswahl)Anhang 4: Literaturliste (Auswahl)Anhang 5: Zeitungsbericht Volksstimme (18.06.2019)Danksagung |
Vorwort
Das Grüne Band entlang der einstigen innerdeutschen Grenze bietet auf 1.393 Kilometern eine große Vielzahl von gefährdeten Tier- und Pflanzenarten eine Heimat. Es ist der einzige existierende länderübergreifende Lebensraumverbund in Deutschland und ein lebendiges Denkmal an die überwundene deutsche Teilung, ein Mahnmal an die Opfer dieser grausamen Grenze. Es verbindet Ost und West und lädt zur Begegnung ein: Zum Erfahren und Begreifen unserer gemeinsamen Geschichte und unseres gemeinsamen Naturerbes.
Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland e.V. (BUND) engagiert sich seit 1989 federführend für den Schutz des innerdeutschen Grünen Bandes: Bereits eineinhalb Jahrzehnte vor der Grenzöffnung hatten junge Ehrenamtliche des BUND im bayerisch-südthüringischen Raum mit der Datensammlung über die Arten im Grenzstreifen begonnen. Auch den Naturschützern auf der Ostseite war der Naturreichtum des Grenzbereichs schon früh bewusst. Doch sie konnten, anders als ihre westdeutschen Kolleg*innen, nicht direkt bis an die Grenzanlagen.
Aber die Natur hat schon damals über Grenzen hinweg verbunden: Über Briefwechsel wurde ausgetauscht, welche Vögel man beobachtet hatte und welche Flugbewegungen es gab. Als dann 1989 die Grenze fiel, ergriff der BUND sofort die Gelegenheit und lud Natur- und Umweltschützer aus Ost und West zum ersten gesamtdeutschen Naturschutztreffen ins oberfränkische Hof ein – am 9. Dezember 1989, wenige Wochen nach der Wende. Gekommen sind statt der erwarteten 20 Naturschützer fast 400 aus der ganzen DDR! Außer Frage stand schon damals, dass der Grenzstreifen naturnah bleiben und zum ökologischen Rückgrat Mitteleuropas werden müsse. So verabschiedete die Versammlung die erste Resolution zum Grünen Band Deutschland und hob das erste gesamtdeutsche Naturschutzprojekt aus der Taufe. Festgehalten wurde hier die Schutzidee, der vom heutigen BUND-Artenschutzreferenten Kai Frobel geprägte Name „Grünes Band“ und dass die naturschutzfachlichen Forderungen „keine nachträgliche Rechtfertigung der Grenze“ sind.
Seit dieser Zeit nimmt sich der BUND des Grünen Bands federführend an, in Zusammenarbeit mit vielen Partnern: Bundes- und Länderbehörden, Kommunen, Kreisen, Verbänden und Stiftungen, Landwirten sowie zahlreichen Aktiven vor Ort. Doch gerade in der Nachwendezeit war das Grüne Band alles andere als ein Selbstläufer! Innerhalb von kurzer Zeit verschwanden auf fast 2.000 Hektar Biotope und Grenzrelikte im Grünen Band und wurden zu Acker umgewandelt. Hinzu kam, dass ab Mitte der 1990er Jahre die Flächen, die im Eigentum der Bundesrepublik lagen, immerhin fast die Hälfte des Grünen Bandes, auf dem freien Grundstücksmarkt verkauft werden konnten. Der BUND forderte damals, diese mit Zweckbestimmung Naturschutz als Teil des Nationalen Naturerbes an die Bundesländer zu übertragen. Es bedurfte 12 Jahre an Hartnäckigkeit, Geduld und Kreativität, bis dies tatsächlich geschah und wurde zu einem Meilenstein für die Sicherung des Grünen Bandes. Im Herbst 2018 konnte ein weiterer großer Erfolg gefeiert werden. Als erstes Bundesland schützte Thüringen seinen gesamten Anteil am Grünen Band (über die Hälfte der Länge des Grünen Bandes Deutschland) zusammenhängend als „Nationales Naturmonument“!
Trotz aller Erfolge bleibt aber noch viel zu tun. Der BUND setzt sich dafür ein, die Lücken im Grünen Band zu schließen und ökologische Quervernetzungen zu entwickeln. Seit fast 20 Jahren kaufen wir – unterstützt durch viele Spender*innen– Flächen (bisher über 1.000 Hektar) an und setzen dort umfangreiche Naturschutzmaßnahmen um. Dies trägt auch dazu bei, das historische Erbe für die kommenden Generationen zu sichern. Nur dort, wo das Grüne Band als Spur in der Landschaft erfahrbar ist, wird die Erinnerung an eines der prägendsten Kapitel der deutschen Geschichte erhalten.
Das Grüne Band lässt uns jedoch auch weit über den nationalen Tellerrand hinausblicken. Denn auch in anderen Regionen Europas richtete sich die Aufmerksamkeit schon früh auf die Schätze der Grenznatur entlang des Eisernen Vorhangs. Aus einzelnen Aktivitäten der anliegenden 24 Staaten wurde 2003 eine gemeinsame europäische Initiative zum Grünen Band geformt. Heute schlängelt sich das Grüne Band Europa von der Barentssee bis zum Schwarzen Meer und zur Adria. Es steht für grenzübergreifenden Erhalt des gemeinsamen historischen Erbes und ist zu einem einzigartigen Symbol für zukunftsweisenden und internationalen Naturschutz geworden.
Wir freuen uns daher außerordentlich, dass die Lebenslinie Grünes Band für viele Menschen in ganz Europa zur Herzensangelegenheit geworden ist. Viele wandernde Botschafter*innen für die Grüne Band-Idee verbinden auf einmalige Weise Natur und Geschichte und treten mit den Menschen vor Ort am Grünen Band in den Dialog. Auch Dr. Heinrich Pingel macht in diesem Buch die besondere Bedeutung des Grünen Bandes als Begegnungsraum von Menschen mit Menschen und mit der Natur deutlich. Ganz nach dem Motto „Grenzen trennen – Natur verbindet“.
Dr. Liana Geidezis
Leiterin BUND-Fachbereich Grünes Band
Nürnberg, im Juni 2019
Einleitung
Meine Geschichte bewegt mich immer noch. Als ehemaliges DDR-Flüchtlingskind begebe ich mich im Juli 2018 – wenige Monate vor meinem 70. Geburtstag, zehn Jahre nach einer niederschmetternden Diagnose – mit dem E-Bike auf eine Reise in die eigene Vergangenheit entlang des Grünen Bandes, der früheren deutsch-deutschen Grenze. Geboren in Thüringen im katholischen Eichsfeld, als es noch die sowjetische Besatzungszone gab, eingeschult in der jungen DDR und – nach der Flucht mit meinem Vater in den Westen – groß geworden in der Bundesrepublik Deutschland, ziehe ich dabei meine persönliche Bilanz.
Auf der Fahrt vom Dreiländereck Bayern-Sachsen-Tschechien durch den Frankenwald, den Thüringer Wald, die Rhön, entlang der Werra, durch das Eichsfeld, über den Harz samt Brocken, an der Elbe und malerischen Seen bis hin zur Ostsee werde ich auf Menschen treffen, die diesseits und jenseits der ehemaligen Grenze gelebt haben bzw. noch oder wieder dort leben. In vielen Gesprächen berichten sie mir aus ihrem Blickwinkel von der jahrzehntelangen Teilung Deutschlands und ihrem Leben an der Zonen- bzw. DDR-Staatsgrenze West. So werden Erfahrungen, Wünsche und Hoffnungen vor und nach 1989 sichtbar und natürlich auch die Enttäuschungen. Was ist nahezu 30 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer und der Beseitigung des Stacheldrahts zwischen Ost und West aus den Menschen geworden? Existieren die Mauern und Gräben in den Köpfen immer noch oder schon wieder? Gab es und gibt es unterschiedliche Mentalitäten? Wie gehen die verschiedenen Generationen mit der deutschen Teilung und mit der Wiedervereinigung um?
Diese Fragen beschäftigen mich. Gleichzeitig sind die mehr als 1.500 Kilometer an der früheren Grenze eine Reise in meine eigene Vergangenheit, aber auch ein Blick in Gegenwart und Zukunft. 1956: Trennung von der in der DDR verbliebenen Mutter und den Brüdern. Dann die ersten Jahre in der Bundesrepublik als Zirkuskind. Später die 60er Jahre als Gymnasiast in einer verstaubten niedersächsischen Kleinstadt. Diese Umstände prägen meine Kindheit und Jugend. Die Reisen per Moped und als Tramper quer durch Europa, die Jahre als Zeitsoldat bei der Bundeswehr, das Studium für das Lehramt, die Arbeit in einer Spedition als Fernfahrer und Lagerarbeiter sowie die politischen Aktivitäten in der zweiten Hälfte der 60er und 70er Jahren lassen mich nach und nach erwachsen werden. In all diesen Jahren halte ich Kontakt zu meiner Verwandtschaft in der DDR und besuche diese, so oft es geht. Nach mehrjährigen Studien- und Forschungsaufenthalten in der Sowjetunion und den USA kehre ich Anfang der 80er Jahre nach Deutschland zurück.
Die folgenden drei Jahrzehnte in einer ostwestfälischen Kleinstadt sind geprägt durch meine Tätigkeit als Pädagoge und Historiker, das Auf und Ab in der Familie, die Verantwortung für drei Kinder, DDR-Besuche bei der Mutter und den Brüdern vor und nach dem Fall der Berliner Mauer, aber auch durch mein Engagement in zahlreichen europäischen Projekten. Nach und nach wächst in mir die Erkenntnis, dass die Verletzungen und Traumata der Kindheit mich einholen. Als ich eine schockierende Diagnose erhalte, die mich eine Zeit lang aus der Bahn wirft, beginne ich mein Leben neu zu ordnen …
Auf meiner Reise entlang der alten innerdeutschen Grenze gelange ich wieder in das thüringische Eichsfeld, wo ich mit den guten wie schlechten Kindheitserinnerungen konfrontiert werde. In meinem Geburtsort Heilbad Heiligenstadt suche ich den Gedenkstein für meinen zu DDR-Zeiten von einem Mitglied der SED-Kreisleitung auf der Jagd erschossenen Großvater. Dort verpflichte ich mich, den genaueren Umständen seines Todes nachzugehen …
Auf dem Weg, einer wochenlangen Fahrradreise durch eine eindrucksvolle Natur, zwischendurch immer wieder konfrontiert mit körperlichen und psychischen Herausforderungen, werden so aus dem Blickwinkel eines ehemaligen Flüchtlingskindes, eines Wanderers zwischen Ost und West, nahezu sieben Jahrzehnte persönlicher und deutsch-deutscher Geschichte gegenwärtig.
Dieses Buch basiert auf dem während der Reise entstandenen Reiseblog www.grenzgaengertour2018.de, in dem der/die Leser/in durch entsprechende Links weitere Informationen erhalten kann.
Nicht zuletzt soll mit der vorliegenden Veröffentlichung angesichts eines immer deutlicher werdenden Klimawandels und jährlich neuer Rekordtemperaturen der Blick auf Möglichkeiten des alternativen, naturnahen Reisens mit dem (Elektro-) Fahrrad, auch im fortgeschrittenen Alter, gelegt werden. Das Buch soll ebenso Interesse an der Durchquerung Deutschlands von Süd nach Nord, an Menschen und Landschaften sowie zeitgeschichtlichen Entwicklungen wecken.
Los geht´s.
Vom Dreiländereck Bayern – Sachsen - Tschechien durch den Frankenwald bis in die Rhön

Anreise (17.07.2018): Von Hof nach Raitschin
km: 1- 19
Endlich!!!
Es kann beginnen. Nach monatelangen Vorbereitungen, dem Studium vieler Bücher über das Grüne Band, die ehemalige deutsch-deutsche Grenze. Der schwere Autounfall mit gebrochenem Brustbein Ende März auf der A 10 bei Berlin war noch einmal ein Wink mit dem Zaunpfahl. Schiebe im 70. Lebensjahr (mehr als sechs Jahrzehnte nach der Flucht mit meinem Vater von Ost nach West) nicht mehr so viel vor dir her, was du vielleicht noch machen, erleben möchtest! Wer weiß, wie lange es dir noch gegönnt ist …
Mit meinem Freund und früheren Kollegen Dors Prokob treffe ich mich morgens um 9 Uhr am Bahnhof in Karlsruhe. Ungläubig schauen wir uns an. Wollen wir es wirklich wagen? Zwei Typen, auf die Siebzig zuschleudernd, begeben sich auf große Fahrt. Standes- und altersgemäß mit dem Elektro-Bike wollen wir zum Startpunkt unserer Radtour: das Grüne Band am Dreiländereck Bayern-Tschechien-Sachsen.
Die Fahrräder kommen hinten auf den Bike-Träger und es kann losgehen. Ein bisschen Abenteuer-Feeling ist auch dabei. Der A 5, A 6 und A 9 folgend, ist unser erstes Ziel heute das bayrische Hof. An der Autobahnkirche Himmelkron legen wir einen Zwischenstopp ein. Ganz ohne spirituelle Unterstützung geht es nun auch nicht. Die Christophorus-Kirche ist ein beeindruckender sakraler Bau, man kommt sich verloren vor, winzig, aber der Blick richtet sich nach oben ….wie so oft, wenn ich eine katholische oder orthodoxe Kirche betrete, zünde ich drei Kerzen an ….und verweile einen Augenblick in Stille …, 1399 Kilometer an der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze: das ist ein langer Weg.
Es ist Mittag und schon relativ heiß. Das Auto kommt in den Schatten und wir wenden uns profaneren Dingen zu. Hotel „Opel “ : Leberknödelsuppe und Pfirsich-Maracuja-Torte. Schmeckt alles nicht besonders. Hatten uns mehr davon versprochen. In Hof suchen wir den Bahnhof. In der Bahnhofstraße stellt Dors sein Auto ab, damit er mit dem Zug nach einigen Tagen wieder an den Ausgangspunkt unseres Unternehmens zurückkehren kann. Die Fahrräder, das ganze Gepäck wird abgeladen, auf dem Bürgersteig verstreut …, die Passanten schauen ungläubig zu. Und tatsächlich: Wir bekommen alles in unseren Packtaschen unter. Das Zelt, die Liegematratze und der Schlafsack dürfen natürlich auch nicht fehlen, man weiß ja nie. Ein freundlicher älterer Herr kommt gerade von einem Nachmittag mit Flüchtlingskindern und fragt uns, wohin wir denn wollen. Gaststätte „Eisteich“, antworte ich. Diese Gaststätte ist unser erstes Ziel, denn sie repräsentiert den Anfang von Allem. Hier ist der Ausgangspunkt des Grünen Bandes (www.bund.net/gruenes-band). Hier haben sich Anfang Dezember 1989 Naturschützer aus Ost und West auf Einladung des BUND-Aktivisten und promovierten Geoökologen Kai Frobel getroffen und das Grüne Band aus der Taufe gehoben. 28 Umweltschützer aus der DDR wurden eingeladen, ca. 400 Naturschützer aus Ost und West kamen. Unglaublich, wie groß muss die Begeisterung kurz nach dem Fall der Mauer und der Öffnung der Grenzen gewesen sein?
Das Grüne Band, eine Erinnerungslandschaft im wahrsten Sinne des Wortes, für die Besucher, vor allem aber für mich, ehemaliger Flücht-lingsjunge aus dem thüringischen Eichsfeld. Für jeden etwas: eine Kombination vor allem aus oft noch unzerstörter Natur, aber auch als Denkmal der deutschen Teilung. Die von Tschechien bis an die Ostsee verlaufende Trennungslinie, die mehr als 40 Jahre Bestand hatte und die sich im November/Dezember 1989 im Nu auflöste, unvorstellbar in den langen Jahrzehnten der deutschen Teilung.
Unsere ersten Kilometer mit dem Fahrrad, alles etwas ungewohnt. Kurz darauf stehen wir vor der geschlossenen Gaststätte: Hier soll alles angefangen haben? Irgendwie unwahr. Ich komme mir verloren vor. Angesichts der Bedeutung des Grünen Bandes, der Grenze zwischen Ost und West, ist hier alles etwas unspektakulär. Nach dieser ersten, leichten Enttäuschung kann es nun endlich losgehen: Entlang der Saale fahren wir über Landstraßen nach Regnitzlosau, dann weiter nach Raitschin.

Hof: Gaststätte „Eisteich“ – Gründungsort des Grünen Bandes
Ich denke mir bei all dem Gepäck: Fahrrad und Beladung werden wohl sicherlich 45 bis 50 Kilo haben: Ein Glück, dass ich ein E-Bike habe. Dors dagegen: „ Das hätte ich noch mit einem guten Rad gepackt, auch ohne eine ‚Elektroschlampe‘ zu sein .“ Nach knapp 20 Kilometern und zweistündiger Fahrt kommen wir im `Gasthof Raitschin´ an und sind positiv überrascht.
Nach dem Duschen geht‘s in den Biergarten. Im Gegensatz zu Ostwestfalen setzen sich noch andere Gäste an den Tisch dazu. Eine stattliche Dame, die sich mit ihrem Mann und einem weiteren Gast zu uns an den großen Tisch gesetzt hat, ist in Schwesendorf, wenige Kilometer von Raitschin entfernt und direkt an der früheren Grenze liegend, geboren. Im Prinzip ohne Vater groß geworden, erzählt sie von ihrem beruflichen Werdegang. Die 72-Jährige war früher Gold-Malerin in der Porzellan-Industrie bei der Fa. Hutschenreuther in Selb. Sie hat sich, so erzählt sie stolz, als erste Frau in den sechziger Jahren in einem traditionellen Männerberuf behauptet. Eine aktive Gewerkschafterin und Betriebsrätin, ein sehr sozialer und kommunikativer Mensch. Ihr Mann, ein paar Jahre älter, bleibt recht still.
Wir diskutieren über die Grenze, wie es früher vor 1989 war und wie es heute ist. „ Wir haben heute ein gutes Verhältnis zwischen den Bayern und Sachsen. “ Eheschließungen zwischen Ost und West seien keine Ausnahme. Zugezogene aus der ehemaligen DDR vollkommen integriert. So vergeht der Abend wie im Fluge, ein paar Gläser Williams Christ Birne lösen die Zungen … Werden wir noch andere Menschen treffen, die uns so bereitwillig Auskunft über ihr Leben an der früheren Zonengrenze bzw. DDR-Staatsgrenze West geben werden? Kann es vielleicht sein, dass Menschen in Ost und West die Geschichte der deutschen Teilung, die Ereignisse des Jahres 1989 und vor allem der Nachwendezeit heute, nach drei Jahrzehnten, unterschiedlich bewerten?
Tag 1 (18.07.2018): Von Raitschin zur Juchhöh
km: 19 – 55
Nachts schlafe ich schlecht. Um drei Uhr wache ich auf. Schmerzen im linken Fuß. Zwei Stunden lang geht mir vieles durch den Kopf: Schaffe ich die 1.400 Kilometer entlang des Grünen Bandes bergauf und bergab? Was tue ich mir hier eigentlich an? Wie soll das die nächsten Wochen weitergehen, wenn ich schon nach 20 Kilometern körperliche Probleme bekomme? Was hat mich eigentlich dazu getrieben, diese Reise in die eigene Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu unternehmen? Nach zwei Stunden ausgefüllt mit Schmerzen und Fragen schlafe ich wieder ein.
Gutes Frühstück im Gasthaus Raitschin: Ei, frisches Obst, Cappuccino etc. Gegen halb neun voll bepackt losgekommen.
Wir fahren nach Schwesendorf. Nach weiteren, wenigen Kilometern gelangen wir zum Dreiländereck (tschechisch: Trijmezi) mit einer Staatsgrenze -Tafel, tschechischen Hoheitsschildern und Wappen ( Ceska Republika ), deutschem Fähnlein, das jemand in der Mitte kreisrund ausgeschnitten und an einen Baum geklemmt hat. Grenzsteine von 1844, mit einem nachgemalten „D“ darauf. Geschichtsfälschung? Die tschechische Seite ist dagegen sehr gut mit Informationstafeln und Ähnlichem ausgestattet.

Start: Dreiländereck Tschechien- Bayern – Sachsen
Hier beginnt also der deutsche Teil des so genannten Eisernen Vorhangs, der sich von Nord nach Südost durch ganz Europa zog. Deutsche Teilung auf 1.400 km. Ein Ergebnis des Überfalls Nazi-Deutschlands auf Polen im September 1939, des 2. Weltkrieges mit ca. 50 Millionen Toten und der Beschlüsse der Alliierten Siegermächte, dokumentiert im Potsdamer Abkommen Anfang August 1945. Die Aufteilung Deutschlands in vier Besatzungszonen, der Kalte Krieg in den ersten Nachkriegsjahren, der in die Gründung der Bundesrepublik Deutschland am 23. Mai 1949 und der Deutschen Demokratischen Republik am 7. Oktober desselben Jahres mündete. Eine Grenze, die in den 50er Jahren immer undurchlässiger wurde, bis dann am 13. August 1961 mit dem Bau der Mauer in Berlin die deutsche Teilung im wahrsten Sinne des Wortes für die nächsten knapp vier Jahrzehnte zementiert oder besser gesagt einbetoniert wurde.
Doch zurück zur Gegenwart. Wir entscheiden uns für die harte Tour und folgen dem direkten Grenzverlauf: auf einem kleinen Steg über den Grenzbach und die Fahrräder über zwei Haine hinweg- bzw. durchgeschoben. Dort stoßen wir zum ersten Mal auf die DDR-KFZ-Sperre mit Betonteilen, die gerade noch zu erkennen ist.

Die ersten 25 km nach Mödlareuth
Dann unsere erste Fahrt auf dem ehemaligen Kolonnenweg, ausgelegt mit löchrigen Betonplatten, alles sehr holprig. Es macht sich bezahlt, dass wir Trekkingräder mit breiten Reifen haben. Dazu habe ich auch noch eine gute Federgabel vorn und unter dem Sattel ein Federparallelogramm.
Nach ca. einer Stunde Ende Gelände: das Gras ist so hoch, dass es sich in der Kettenschaltung meines Fahrrads festsetzt und an ein Weiterfahren nicht mehr zu denken ist.
Es fängt ja gut an!

Über Stoppelfelder nach Posseck
Mit vereinten Kräften befreien wir die Zahnritzel von den Gräsern. Dann geht die Fahrt weiter über das gerade abgeerntete Feld kilometerweit, holpernd weiter Richtung Posseck, einem ehemaligen Grenzort auf DDR-Seite.
An einer Gasstation, wenige Meter von dem früheren Grenzverlauf entfernt, treffen wir auf zwei Monteure, die sich in der Mittagspause ein bisschen sonnen. Sie berichten von ihren Erfahrungen vom November 1989. Sie fuhren mit dem Trabbi nach Hof, wo alle Straßen verstopft waren. Sie hätten sich an den vollen Schaufenstern die Nasen plattgedrückt. Nein, heute gebe es keine großen Unterschiede mehr zwischen Bayern und Sachsen, Fachkräfte würden überall gesucht. Im Vogtland gibt es anscheinend nur 6 Prozent Arbeitslosigkeit. Hat sich in den letzten drei Jahrzehnten seit dem Fall der Mauer in der ehemaligen DDR doch alles normalisiert und verbessert?

Mödlareuth – „Little Berlin“
Nach den vorherigen Erfahrungen mit dem Kolonnenweg folgen wir ab Posseck meist den Landstraßen der Grenztour 3. Es geht durch kleine Orte, wir treffen auf freundliche Leute, die Antwort geben, wenn man nach dem Weg fragt. Aber so langsam wird es anstrengend. Kurze, wohltuende Pause auf einer Bank am Waldrand mit Blick auf eine schöne Kirche (St. Clara, Heinersgrün) Danach wird es richtig schön proppenheiß, aber der Akku bringt den E-Motor in Schwung und wir kommen die Hügel gut hoch.
Über Münchenreuth geht es nach Mödlareuth – die Amerikaner nannten es „Little Berlin“ -, dem ehemals zweigeteilten Ort, der Vorbild für die ZDF-Serie „Tannbach“ war.
Gespräch mit einem ehemaligen Grenzsoldaten, der 1964 ein paar Monate Dienst bei den DDR-Grenztruppen abgeleistet hat. Alles sei relativ easy gewesen. Ja, es habe sogar Kontakte zwischen West und Ost gegeben. Eine West-Frau aus Mödlareuth, die Bierflaschen trug, wurde von DDR-Grenzern angesprochen, sie solle doch mal ein paar Bier rüberbringen. Die Flaschen seien doch leer, antwortete sie. „ Dann bring uns nachher auf dem Rückweg doch ein paar volle mit.“ Gesagt, getan. Kein Problem. – Kleiner (inoffizieller) innerdeutscher Grenzverkehr.
Später ergibt sich eine Diskussion mit einer Frau auf dem Museumsgelände. Die Entwicklung und die Ereignisse nach der Wende beschämen sie. Zuerst fand sie Arbeit im schwäbischen Backnang, weil die eigene Lederfabrik in Hirschberg stillgelegt worden war. Nach zwei Jahren im Westen war allerdings auch in Backnang Schluss. Viele Leute wussten zu DDR-Zeiten, wie es im Westen aussah, aber sie hätten sich blenden lassen. Damals hätten sie geschimpft und heute wieder. „ Andererseits: Die Politiker hören ja nicht auf uns!“ Sie hat große Zweifel, wenn sie betrachtet, wie der NSU-Prozess in München verläuft.
In der Gaststätte „Grenzgänger“ auf der thüringischen Seite genießen wir leckeren Kuchen und Radler. Dors ist froh, dass er seinen, sorry, den Akku seines Fahrrades aufladen kann.
Beim Besuch des Museums auf der bayrischen Seite sehen wir eine Filmdoku und viele alte Fahrzeuge, die beiderseits der Grenze zum Einsatz kamen. Eine Freianlage mit Beton-Mauer und Grenztürmen sowie dem Sperrzaun haben wir vorher auf der DDR-Seite besichtigt.

Grenzmuseum Mödlareuth
Gegen Ende des Nachmittags geht es weiter zum Gasthaus „Juchhöh“. Dort werden wir durch die Wirtsleute freundlich empfangen. Beim Unterstellen der Fahrräder gibt es einen ersten Austausch mit dem Wirt: Er habe kein Mitleid mit den Leuten, die an der Grenze umgekommen sind. Alle zweihundert Meter hätten ja entsprechende Warnschilder gestanden! Ich bin sprachlos angesichts der mehreren hundert Toten, die bei Fluchtversuchen aus der DDR in den Westen an der Grenze umgekommen sind.
Wir erhalten zwei einfache Zimmer und zum Abendbrot einen gut schmeckende Strammen Max, obwohl die Küche eigentlich geschlossen ist.
Unser Gasthaus war faktisch das Freizeitzentrum für die Reservisten der Nationalen Volksarmee (NVA), die in der Nachbarschaft in einer öden Kaserne untergebracht waren. Der Wirt war auch eine Zeit lang im Einsatz dort und konnte offenbar den nachfolgenden Jahrgängen in seiner Kneipe in den dienstfreien Stunden attraktive Zerstreuung bieten. Die holprig gereimten Gruß-Devotionalien ganzer Kompanien an den Wänden aus den Siebziger und Achtziger Jahren bezeugen dies.
Im Zimmer, einfach, aber sauber, erstmal Wäsche gewaschen. Schwertransporter und große Laster donnern im Affentempo am Haus und meinem Fenster vorbei. Starke Geräuschbelästigung. Schlimmer als auf einem Autobahnparkplatz. Egal, um kurz vor zehn geht es ins Bett. Total kaputt und geschafft.
Tag 2 (19.07.2018): Von Juchhöh bis Nordhalben
km: 55 – 92
Die Nacht im Gasthaus „Juchhöh“ habe ich besser geschlafen als die erste Nacht in Raitschin, trotz starker Geräuschkulisse: Schwerlasttransporter, die auf der Straße vorbeigebrettert sind.
Sehr gutes Frühstück von den Wirtsleuten zubereitet. Der Wirt zeigt uns das Fotoalbum eines ehemaligen Offiziers der DDR-Grenztruppen mit Fotos der Bauarbeiten des Autobahnübergangs 1985-1987. Die west-deutsche Baufirma HOCHTIEF hat mitgebaut.
Start um 8.30 Uhr nach Hirschberg. Serpentinen mit vielen Kanalschächten. Genau wie zwischen Kassel und Landwehrhagen. Erinnerung an meine Bundeswehrzeit Ende der Sechziger Jahre in Kassel. Habe damals keine Sicherheitsstufe bei der Bundeswehr wegen meiner DDR-Verwandtschaft Ersten Grades bekommen.
Hirschberg: ehemalige Lederwarenstadt. Fast das ganze Fabrikareal wurde nach 1990 platt gemacht. Nazikunst aus 1937 in Form von drei überlebensgroßen Arbeiterstatuen sind vor dem Museum ausgestellt.
Fahrt entlang der Saale an Schieferabbau vorbei. Landschaftlich sehr schön. Überquerung der Autobahn bei Rudolfstein, Weiterfahrt über Sparnberg nach Pottiga. Gespräch mit einer älteren Frau: ehemalige Grenzer von Ost und West treffen sich alle 4 Wochen. Herr Oe. aus der BRD organisiere das.

Blick auf die Saale bei Sparnberg
Skywalk-Aussichtsplattform: Gespräch mit W. aus Naila. Sportlicher 80-Jähriger mit E-Mountainbike, früher in der Laufszene aktiv, Berlin Marathon, erzählt von den ersten sieben Zügen mit Flüchtlingen aus der Prager Botschaft („ 260 Menschen in einem Waggon, 6 in jeder Toilette“ ), die er als Eisenbahner Anfang Oktober in Hof hat eintreffen sehen.
Danach eine etwas kürzere Begegnung mit einem ehemaligen DDR-Bürger, der im November 1989 an den Demonstrationen in Plauen teilgenommen hat. Mit Fahne, eher unpolitisch, aber: „ Mielke und die anderen führenden DDR-Politiker hätte man an die Wand stellen sollen!“
Jahre vorher habe ein Freund versucht in den Westen zu fliehen, ein halbes Jahr Haft in Chemnitz, danach Bautzen. Später freigekauft von der BRD. Lange Zeit vorher war er mal in einer Kneipe, als ein 15-Jähriger sagte, dass sie sich demnächst in München bei der Olympiade 1972 treffen würden. Danach musste er zur Staatssicherheit (Stasi) nach Plauen, wo man u.a. versuchte ihn anzuwerben. Später wurde dann das Verfahren eingestellt.

Gespräch mit einem 80-jährigen Zeitzeugen
Fahrt in Pottiga den steilen Berg hoch und dann hinunter nach Blankenstein. Unterwegs am alten DDR-Kino mit großer Deutschland-Fahne vor-bei. Die Zeit scheint stehen geblieben zu sein.
Blankenstein: Beginn des Rennsteigs. Den Berg hoch nach Schlegel, an der Wegespinne aber nach Seibitz ins nächste Tal, mit dem Ergebnis, dass wir Richtung Krötenmühle die Räder einen Berg hochschieben müssen. Durch Wiese und Wald bis an den Kolonnenweg und durch Matsch auf die Westseite zur Krötenmühle. Dort ein Schild mit klarem Hinweis: „ Durchgang auf eigene Gefahr .“ Überall auch Hinweise auf Minen. Ein Mann kommt uns entgegen und weist uns darauf hin, dass wir uns auf Privatgelände befinden. Man kenne sich in der Gegend aber nicht so recht aus. Er kommt aus Stuttgart, wohnt hier seit sechs Jahren. Ich sage nur: „ Du bist also auch ein Flüchtling .“ – Er nickt.
…Dann zurück, eine Stunde weiter auf dem Kolonnenweg Richtung Titschendorf, aber zur Sicherheit biegen wir nach einiger Zeit wieder ab auf die bayrische Landstraße. Dors gewinnt Tsching-Tschong-Tschang. Wieder Berg hoch nach Carlsgrün. Eine freundliche Frau, die uns die Richtung nach Langenbach zeigt. Eigentlich wollen wir heute noch bis Tettau kommen.

Blick aufs malerische Saaletal bei Pottiga
Langenbach: Die Sonne brezelt fürchterlich. 26 Grad im Schatten. Gegen drei bin ich total fertig und muss mich im Schatten erstmal ausruhen. Wir sagen erstmal sicherheitshalber bei Dietrich in Tettau, unserem eigentlichen Ziel heute, ab.
Weiter! Kneipe oben links im Dorf: dort eine radebrechende Brasilianerin, die uns wegen Kuchen zur Bäckerei schickt. Die erweist sich allerdings als geschlossen. „ Obrigado“ und ein Lächeln ist auf ihrem Gesicht zu sehen.
In Heinersberg keine Kneipe, aber ein Ausländer vom Balkan, der sein Auto mit Münchner Kennzeichen belädt, gibt uns sehr nett Auskunft. Die Bevölkerung in Deutschland hat sich halt in den letzten 50 Jahren im Westen verändert. Auf thüringischer und sächsischer Seite gibt es keine Ausländer, höchstens welche aus München …, Leute, die sich nach der Wende im Osten preiswert Haus und Grundstück gekauft haben.

„Achtung Minen“- Hinweisschild bei Klösterle
In Nordhalben am Bahnhof im Tal steht ein Triebwagen wie früher zwischen Kassel und Hannoversch Münden. Erinnerung an die Schulzeit in den 60er Jahren. 10 Minuten, zweieinhalbmal Skat gespielt. Keine Smartphones und gar nichts. Wie haben wir das bloß ausgehalten …?
Dors: „ Hast du keinen Sprit mehr?“ Ich: „ 15 % Steigung schaffe ich nicht mehr.“ Dann aber doch das E-Bike auf Turbo gestellt und ab geht die Post den Berg hoch. Oben kaputt bei der Bäckerin angekommen. Stolz erzählt sie uns von den Aufnahmen zum Film „Der Ballon“ mit Regisseur Bully Herbig, der mit vielen Leuten vom Set in ihrem Café verkehrte. Der Film erzählt die Geschichte der Flucht zweier Familien aus der DDR, die Ende der Siebziger Jahre mit einem Heißluftballon hinüber in den Westen gelangt sind. In der nächsten Zeit soll er in die Kinos kommen.
Wir finden gegen fünf Uhr nachmittags Unterkunft in der „Post“ in Nordhalben. Ich bin richtig kaputt und schlafe erst einmal ein. Dors weckt mich. Ein kaltes Bier und dann gegen Abend, als es etwas frischer wird, über Stock und Stein durch den Wald hinauf nach Titschendorf. Dort begegnen wir einem Mann, der gerade grillen will. Er gibt eine nette, zunächst recht knappe Antwort. Später fängt er an zu erzählen: Er war selbst DDR-Grenzer, 1967 bei den Grenztruppen in Titschendorf, das wie in einem fast zugebundenen Sack umzingelt war, nach drei Seiten ringsum die BRD. Er berichtet von seiner Zeit bei der Armee.
Ich kann mich gut in ihn hineinversetzen, weil ich 1967 auch beim Militär war, allerdings bei der Bundeswehr. Er erzählt von der harten Grundausbildung und einem DDR-Grenztruppenoffizier, der mit dem System nicht mehr klarkam und geflohen ist. Bei dem Versuch, kurze Zeit später seine Familie nachzuholen, wurde er von den Grenztruppen festgenommen und verurteilt, 1960 dann soll er in Leipzig geköpft worden sein. Wie mag es der Familie wohl gegangen sein? Eine deutliche, brutale Warnung für andere, die mit dem Gedanken an eine Republikflucht spielten. Es folgte ein längeres Gespräch vor seiner Haustür über die Jahre in Ost und West. Nach der Wende hat dann mein Gesprächspartner in Nordhalben in der Metzgerei gegenüber dem Gasthaus, in dem wir Unterkunft gefunden haben, 20 Jahre lang gearbeitet.
Danach zurück zur „Post“: Schaschlik-Tag. Es schmeckt uns gut. Ein fränkischer Rotwein und eine Flasche Wasser dazu. Ausgleich des Flüssigkeitsverlusts. – Gespräch über den 1. FC Nürnberg, die Clubberer, und Arminia Bielefeld mit einem Mann vom Nachbartisch, jedoch auch über DDR-Geschichte. Geschichtsunterricht etc. („ Thälmann: ja, wurde behandelt. Judenverfolgung im 3. Reich: nein“ ). Der 63-jährige Mann arbeitet bei der Bank und ist ein passionierter Fahrradfahrer. Würde gerne auch mal so eine Tour machen. Zum Thema Flüchtlinge: in seiner evangelischen Gemeinde wurde schon viermal Kirchenasyl gewährt. „ Menschlichkeit ist notwendig in den heutigen Zeiten. Die aktuelle Völkerwanderung werden wir eh nicht stoppen können. “
Ein anderer Gast, ursprünglich aus Cottbus (dem „ Mittelpunkt des früheren deutschen Reiches“ ), hat sieben Jahre in der Nähe von Böblingen bei Stuttgart gearbeitet, ist aber auf Dauer mit der Mentalität der Schwaben nicht zurechtgekommen und dort immer ein Fremder geblieben. Deshalb ist er mit Frau und siebenjährigem Kind nach Nordhalben gezogen und hat ein Haus direkt neben der Gaststätte gekauft. „ Preiswert im Verhältnis zu Stuttgart !“ Er gehe gerne auf Menschen zu, spricht auch von seinem Besuch beim Fanklub der Münchner Löwen. Dann folgt eine kontroverse und emotionale Diskussion zwischen den beiden Männern über die heutige Flüchtlingspolitik. Die SPD wolle den Kapitän eines Rettungsschiffes ehren. – Totales Unverständnis und Ablehnung.
Tag 3 (20.07.2018): Von Nordhalben nach Tettau
km: 92 – 156
Im Gasthaus „Zur Post“ habe ich gut geschlafen. Es war eine Wohltat im Gegensatz zur vorangegangenen Nacht in Juchhöh. Obwohl es den Charme der 80er Jahre hatte, war es sehr ruhig. Am Morgen beobachte ich, wie sich eine ältere Frau aus Nordhalben mit einer Flüchtlingsmutter mit Kind unterhält und versucht ihr zu erklären, was auf dem Informationszettel steht. Sobald wir in den Westen kommen, merken wir, dass in diesem ländlichen Raum die soziale Zusammensetzung offenbar anders ist als auf der Ost-Seite: Es gibt Gastarbeiter und Flüchtlinge.
Wir fahren entlang der Erlebnisstraße der deutschen Einheit, genießen die kleinen Landstraßen mit mäßigen Steigungen, kommen an einer Kuhherde mit einem Bullen, der äußerst schwer an der Last seiner Hoden zu tragen hat, vorbei. So etwas sieht man bei uns nicht.
Kurz vor Lehesten gelangen wir zu einem auffälligen Denkmal: Der Altvaterturm ist eine Wallfahrtsstätte der Vertriebenenverbände. Erika Steinbach, die frühere CDU-Politikern und jetzige Vorsitzende einer AfD-nahen Stiftung, ist auf den ausgehängten Fototafeln zu sehen. Auf mehreren Etagen wird an die Vertreibung der deutschen Bevölkerung aus dem Sudetenland, dem Erzgebirge, aus Schlesien und der Altvaterregion im heutigen Tschechien erinnert. Natürlich auch an die Gräueltaten, die an der deutschen Bevölkerung in den Jahren 1945-1947 begangen worden sind. Benesch-Dekrete. Allerdings kein einziges Wort über die Vorgeschichte und die Ursachen der Vertreibung, die Gräueltaten während der deutschen Besatzungszeit, vom Holocaust ganz zu schweigen.
Ich denke an die rechtzeitige Flucht von Wilma Iggers und ihrer Familie aus Bischofteinitz / Horsovsky Tyn im Jahr 1938, an ihre Verwandten, die nicht emigrieren konnten und folglich umgekommen sind und die multimediale Dokumentation im Rahmen des Projektes „ Zwei Seiten der Geschichte – Erinnern für eine gemeinsame Zukunft “ ( www.zweiseitendergeschichte.de ). An diesem Projekt des Herforder gemeinnützigen Vereins Brücken Bauen e. V. – Verein zur Förderung von interkultureller Verständigung verbringe ich seit mehr als eineinhalb Jahrzehnten einen gewissen Teil meiner Freizeit gemeinsam mit den Freund/innen und Kolleg/innen des Vereins.
Gespräch mit einem ehemaligen Maurer über das Leben im Osten und Westen, früher und heute. Früher habe es im Osten mehr sozialen Zusammenhalt gegeben.
…Durch einen Tannenwald geht es bergab. Der kleine Pfad ist mit Steinen und Wurzeln übersät. So lege ich mich zum ersten Mal mit dem Fahrrad hin. Ich stürze vom Rad, rolle gekonnt wie ein Stuntman ein paar Meter den Waldboden herunter – nichts passiert! Dors macht ein Foto zur Dokumentation des Sturzes… und schmunzelt.

Altvaterturm: Sturz - Das ging schief bei der Abfahrt
In Lehesten kommen wir an dem Historischen Schieferbergbau, einem technischen Denkmal, vorbei. Dors ist wieder in seinem Element. Leider ist eine Führung erst um 14.00 Uhr möglich. Ich kaufe mir eine kleine Schiefertafel mit Schwamm und Lappen. Erinnerungen werden wach an die Einschulung im Herbst 1955 in Röhrig, als wir unsere ersten Schreibversuche auch noch auf der Schiefertafel unternahmen. Lappen zum Abwischen der Buchstaben nicht zu vergessen.
In Steinbach an der Haide fällt uns mitten im Ort der wunderschöne und große Blumengarten ins Auge, dessen Parzellen sich die Dorfbewohner teilen. Andreas Kieling hat ihn, glaube ich, auf seiner Reise entlang der deutsch-deutschen Grenze in seinem Buch `Ein deutscher Wandersommer´ ebenfalls beschrieben. Ich spreche mit einer älteren Dame. Die Nachbarin, eine Frau – ist es die, die er in seinem Buch abbildet? – gibt bei unserem Anblick Fersengeld.

Blick auf Schiefersee in der Nähe von Lehesten
Wir fahren runter bis ins Tal zur Einöde Falkenstein, wo sich bis in die sechziger Jahre die Bayrische Bierbrauerei Karl Schneider befand. Mitten durch den Gebäudekomplex verlief die Grenze zwischen BRD und DDR. Ein rotes Auto steht auf der Veranda. Wie ist es da hingekommen und haben wir es hier mit Kunst am Bau zu tun? Ein Gedenkstein erinnert an die Öffnung der Mauer im Jahre 1989.
Parallel zu Straße und Bahn, auf Radwegen fahrend, kommen wir nach Probstzella. Das Grenzmuseum im Bahnhof ist geschlossen, nur noch mittwochs sowie samstags und sonntags geöffnet. Ein Symbol für das nachlassende Interesse an der deutsch-deutschen Geschichte? Dors erfährt von einem coolen Jugendlichen, dass das `Haus des Volkes´ in Probstzella zwar ein Hotel sei, aber dass er da wohl nicht reinkommen würde. Ein beeindruckendes Gebäude im Bauhausstil. Wir trinken Kaffee und essen verschiedene Sorten Kuchen. Noch geht es uns gut.

Haus des Volkes in Probstzella – Bauhausstil
Nun treten wir gegen halb vier den Rest unserer Tagesreise nach Tettau zu Dietrich Schütze und seiner Frau Angelika an. Wir verpassen den Weg zur Burg Lauenstein und fahren vom Ort Lauenstein eine 13-prozentige Steigung 5 Kilometer weit rauf. Ich im Turbo. Dors schiebt mindestens den halben Weg. Er kommt in einem erbärmlichen Zustand auf der Bank mit der schönen Aussicht, wo ich es mir gemütlich gemacht habe, an. Mein Akku ist dafür fast leer. Wir fahren bzw. schieben weiter. Im Wald muss ich etwas ausruhen … Ich lege mich am Straßenrand auf ein Stück Rasen und strecke alle Viere von mir. Ich bin total platt…
An der nächsten Weggabelung fahren wir in Richtung Thüringer Warte in der Hoffnung, die Gaststätte „Zum Löwen “ zu finden. Akku aufladen! Es ist aber die verkehrte Richtung. Also zurück! Mit letzter Kraft, zum Glück rollt es bergab, kommen wir auf einem modernen Gehöft bei Ebersdorf an, wo uns eine junge Bäuerin Strom-Asyl gewährt. Eine Stunde Zwischenstopp und viele Informationen über Viehwirtschaft. Die 14 Tage alten Kälbchen saugen an den Fingern. Das kitzelt fürchterlich! Bin ich das Ersatzmuttertier?

Lauenstein: 13 Prozent Steigung auf 5 km – Wir sind beide total fertig
Dann geht es noch einmal für einige Kilometer bei 11 Prozent Steigung die Frankenwaldhochstraße bergauf, bis wir auf der Höhe sind. Ein großes Kreuz mit Stacheldraht. Daneben am Rennsteigweg Hinweisschilder auf ein Gehöft, das sowohl zur DDR als auch zur BRD gehörte. Bewohner hatten wohl beide Ausweise. Irgendwann wurde es geschleift, abgerissen.
Über Klein-Tettau strampeln wir nach Tettau. Es ist mittlerweile kurz nach acht Uhr. Noch einmal 16 Prozent Steigung, allerdings zum Glück nur 1,5 Kilometer, und wir sind endlich auf dem Wildberg 18 angelangt! Begrüßung durch Dietrich. Hier war ich mit Otto Buchholz, meinem leider viel zu früh verstorbenen Freund und Kollegen, im Jahre 1992 schon einmal, als wir von Eisenach den Rennsteig entlanggewandert sind.
Erinnerungen an gemeinsame Zeiten mit Otto Buchholz. Weshalb Dietrich und Angelika sowie eine Reihe anderer alternativer, linker Aussteiger aus dem Rhein-Main-Gebiet 1975 hier in die Einöde, in die Wildnis, keine 50 Meter von der Grenze entfernt, gegangen sind… – sehr spannend und beeindruckend. Natürlich fragen wir ihn auch nach den Ereignissen im November und Dezember 1989. Nähere Einzelheiten erfahren wir auch aus dem Brief an seine Geschwister, geschrieben im Dezember 1989, in dem er die großen Veränderungen detailliert und in beeindruckender Weise aus persönlicher Sicht beschreibt. Ein wirklich zeitgeschichtliches Dokument der Wendezeit.
Am Abend lassen wir uns dann im „Anno Domino “ unten im Ort eine herrliche Pizza schmecken und führen ein sehr interessantes und differenziertes Gespräch mit der jungen Kellnerin. Sie ist in Lehesten geboren und im Alter von 7 Jahren mit ihrer Mutter hier nach Tettau in den Westen gekommen. Bei den jungen Leuten gebe es keine Unterschiede, sagt sie. Kinder aus Tettau gingen in das thüringische Neustadt bzw. Sonneberg in die weiterführenden Schulen und nicht in das bayrische Kronach.
Die Pizza war wohl doch zu fettig: mitten in der Nacht Sodbrennen. Die Knochen tun weh, die Muskeln sind angespannt. Das war bisher der körperlich härteste Tag – 60 km Berg hoch und Berg runter. Wir fahren zukünftig immer mit der Angst, dass der Akku nicht lang genug hält.
Tag 4 (21.07.18): Von Tettau nach Sonneberg.
km: 156 -192
Morgens muss es schnell gehen. Ich hänge mit meinen Tagebuchaufzeichnungen hinterher – wie so oft mit vielen Dingen in meinem Leben. Ich versuche immer zu viele Sachen gleichzeitig zu erledigen. Vollgestopft mit Erlebnissen und Eindrücken, körperlich abends so richtig schön ausgelaugt, dass es nur für ein Bier und ein kräftiges Essen reicht. Total ermattet falle ich dann ins Bett, das sich mir gerade anbietet. An Tagebuch schreiben nicht mehr zu denken.
Am nächsten Morgen Frühstück mit Dietrich Schütze, der aus seinem bewegtem Leben erzählt, von den Anfängen der Kommune Wildberg in Tettau, der Zeit in Frankfurt im Revolutionären Kampf , von dem Leben in der Kommune, wechselnden, aber auch stabilen Beziehungen, die das ganze Leben bestehen und gegenseitigen Halt geben. Vor ein paar Monaten sind auch Beiträge über die Anfangszeit und Geschichte der Wildberg-Kommune erschienen, die u. a. der FOCUS Online nachgedruckt hat, so z.B. „ Auch Revoluzzer werden älter: So erging es den Bewohnern, als sie aus der Kommune auszogen “ (19.04.2018) und „ Sex´n´Drugs´n Rock and Roll in der Provinz? Als die Studenten auf dem Land Kommunen gründeten “ (20.04.2018) So werden die 70er und 80er Jahre im Frankenwald noch einmal lebendig.
Wir treffen am Morgen auch Angelika, Dietrichs Frau, die uns ihre mehr als dreißig gewebten Wandteppiche und ihren Webstuhl zeigt. Sie gibt mir einen Einblick in ihre Denk- und Arbeitsweise. Es entwickelt sich ein sehr persönliches Gespräch über unser beider Leben, die Erfahrungen der Kindheit und der Jugend. Sie überreicht mir ein Geschenk: ihren Gedichtband „ … ob es mir denn entgangen, dass ich geweint hab …“ (amicus verlag, 2010) mit einer sehr persönlichen Widmung und guten Wünschen für die weitere Reise. Ich bin berührt.
Dietrich führt uns im anderen Teil des sehr großen Bauernhauses durch die verschiedenen Räume, in denen sich viele seiner selbst gemauerten Kachelöfen befinden. Der untere Teil ist als Café vermietet und läuft anscheinend gut. Eine urige Atmosphäre. Erinnerungen an gemeinsame politische Theateraufführungen mit Otto Buchholz aus Herford, der uns immer und immer wieder in unseren Gesprächen begleitet.
Dietrich hat zahlreiche zeitgenössische Dokumente gesammelt. Fotos aus den 70er Jahren. Zeitungsberichte von der Öffnung der Grenze. Wir sprechen über die Zeit vor 1989 (Probleme mit den US-Truppen, die durch den Hof fahren wollten, um die Grenze zu kontrollieren). Die Bewohner der Kommune haben kurzerhand mal Barrikaden aufgestellt. Auseinandersetzung mit den Ämtern und dem Bürgermeister. „ Kein Wunder, dass wir manchmal einen auf die Fresse bekommen haben, so wie wir uns manchmal verhalten haben .“

Angelika und Dietrich Schütze mit uns auf dem Wildberghof bei Tettau
Der restliche Tag ist relativ schnell erzählt: Fahrt talabwärts zuerst durch den Wald, dann durch ein schönes Tal nach Pressig. Unterwegs eine alte NVA-Kaserne, die nun als Paint-Ball-Eldorado mit allerlei DDR-Militaria ausgerüstet ist. NVA-Fahne, die kopfüber aufgehängt ist. Ostalgie der Jugend?
Es regnet und regnet. Wir quälen uns den Berg zu dem thüringischen Sonneberg hoch und dann wieder runter. Dors‘ Brille beschlägt und es wird so langsam auf der Straße gefährlich. Ich empfinde den Regen zunächst als Befreiung nach all den Tagen der Hitze. Wir kommen nach Sonneberg, eigentlich gießt es so, dass es Regenberg heißen müsste.
In einer Bäckereifiliale unterhalten wir uns sehr nett mit der Verkäuferin, die uns erstmal Kaffee, Bratwürste und Kuchen anbietet. „ Wer Arbeit will, bekommt welche. “ Die Tochter hat BWL mit Schwerpunkt Personal studiert, in Bayern gearbeitet und freut sich jetzt nach der Babypause, dass sie im thüringischen Sonneberg in einem neuen Betrieb anfangen kann. Eine Frage der Mentalität!? – Die Antwort: „ Ja “

Ehemalige DDR-Grenzkaserne.
Jetzt Paintball-Gelände mit DDR-Emblemen und -Militärfahrzeugen
Wir entscheiden uns heute nach km 192 insgesamt und nur knapp zwei Stunden Fahrzeit schnell eine trockene Unterkunft zu besorgen und beziehen kleine Einzelzimmer im Hotel zur Schönen Aussicht . Was schön sein soll beim Blick auf die befahrene Straße, ist mir schleierhaft. Beide verfallen wir kurz nach Mittag erst einmal in eine Art Komaschlaf und setzen uns am Nachmittag zusammen und versuchen – vergeblich – die von mir schon mal angefangenen Blogs bei VAKANTIO und JIMDO zum Laufen zu bringen. Wir, besser gesagt Dors, entscheidet sich für einen Blog, der bei wordpress.org gehostet wird.
Abends dann ein Rostbrätl in einer urigen Thüringer Kneipe. Denise, die sehr junge Bedienung, spricht uns mit „ Du“ an, Dors ist ein wenig pikiert, es erinnert ihn an seine Kindheit im Ruhrpott. Wir sprechen über mein „ Du“ ’, wenn ich hier während der Reise mit fremden Leuten, vor allem Männern, spreche. Es ist Teil des „Erbes“ aus alten Zeiten auf dem Bau, als Bier- und Fernfahrer. Es folgen sehr persönliche Gespräche über die Siebziger Jahre, Beziehungen in der DDR etc.
Ergänzung:
Hans Wenzel, Wissenschaftler aus Berlin, den ich während meiner Zeit von 2013 bis 2015 in Moldawien an der Akademie der Wissenschaften kennengelernt habe, hat mir freundlicherweise noch ein E-Mail mit eigenen Erinnerungen geschickt. Er ist in Sonneberg geboren und beschreibt auch das Schicksal seines Vaters, des Leiters der dortigen Sternwarte, nach der Wende. Ich zitiere mit seinem Einverständnis aus seiner E-Mail vom 16.08.18 an mich:
„ Ich bin in Sonneberg aufgewachsen (geboren 1960), wo noch immer mein Vater lebt. Ich kenne daher das dortige Grenzgebiet sehr gut, sowohl aus DDR-Zeiten (natürlich nur die Thüringer Seite) als auch danach. Die Klößerei in Ketschenbach ist mir sehr gut bekannt! Es gibt auch in Sonneberg eine Ausgabestelle der Klößerei ….
Ich könnte viele Grenzerlebnisse berichten. Unvergessen sind für mich die Zugfahrten von Sonneberg nach Saalfeld über Probstzella mit der Dampflok entlang des Todesstreifens, begleitet von Hunden, welche an gespannten Stahlseilen entlang der Grenze liefen, und die gefürchteten Ausweis-Kontrollen durch die „Trapo“ (Transportpolizei, blaue Uniformen). Die Hunde wurden übrigens nach der Wende an Privatpersonen in Ost und West vermittelt, wobei sie nicht immer ein besseres Leben als vorher hatten (meistens wahrscheinlich aber schon).
Mein Vater war wissenschaftlicher Leiter der Sternwarte Sonneberg-Neufang. Obwohl selbst SED-Mitglied, wurde er von der Stasi überwacht und drangsaliert, weil er einige Entwicklungen in der DDR als überzeugter Kommunist ablehnte.
Leider musste die Sternwarte nach der Wende auf Empfehlung des Wissenschaftsrates die wissenschaftliche Arbeit fast vollständig einstellen, sodass mein Vater sich arbeitslos melden musste (später arbeitete er noch an einem DFG-Projekt mit, was ein Kollege aus einem Max-Planck-Institut für ihn beantragte).
Ein typisches Beispiel, dass im Osten nach der Wende viel ohne Sinn und Verstand platt gemacht wurde, aber auch von westdeutscher Solidarität.
Ich habe eine kurze Biographie meines Vater auf Wikipedia geschrieben: https://de.wikipedia.org/wiki/Wolfgang Wenzel . Ein nicht ganz typisches ostdeutsches Wissenschaftlerleben.“
Vielen Dank an Hans Wenzel für diese Information und persönlichen Anmerkungen, die auch ein differenziertes Licht auf die Zeit nach 1989 werfen.
Tag 5 (22.07.2018): Von Sonneberg nach Eisfeld.
km: 184 – 222
Der Tag fängt mit Regen an, der Himmel weint: Dors will heute wieder Richtung Heimat. Vor der ‘Schönen Aussicht’ treffen sich die Sonneberger Mittdreißiger, eher wohl Mittvierziger, im durchgestylten Fahrrad-Outfit … Wenn die wüssten.
Nach dem Frühstück hilft mir Dors noch schnell den Computer bzw. ein paar Programme auf Vordermann zu bringen, damit das ganze Ding schneller läuft. Das Zimmer ist übersät mit Klamotten, die in die beiden Packtaschen und in die Vordertasche passen müssen, dazu noch Zelt, Isomatte und Kamera-Stativ. Voll bepackt wie ein Esel.
Schnell noch etwas Geld von der Sparkasse geholt. Im Osten wie im Westen Paläste. Die Kommunen haben es ja … Dann zum Bahnhof und Dors verabschiedet. Der Himmel weint, leise tropft es auf den Sattel.
Im Regen durch Sonneberg, alles relativ gepflegt, kurz vor der Grenze eine syrische (?), junge Familie auf dem Bahnhof, also doch, es gibt sie auch hier im Osten, zum Glück noch keine ausländerfreien Zonen. Im Zug noch ein kurzein Interview mit Dors über seine bisherigen Eindrücke.

Ketschenbach bei Neustadt b. Coburg: Gaststätte Klößerei
Männer holen den Sonntagsbraten
Richtung Neustadt bei Coburg noch ein Gespräch mit zwei Arbeitern, die sonntags (?) an einer Waschanlage Ausbesserungsarbeiten durchführen. Sie kommen aus dem Westen und arbeiten im Osten. Wohl kein Einzelfall, wie sich in den nächsten Tagen herausstellen sollte. Der „Marktkauf“ lässt in einiger Entfernung grüßen: Subvention Ost?
In Neustadt bei Coburg fällt mir als erstes der türkische Fußballverein auf. Die Häuser machen einen nicht so gepflegten Eindruck wie im thüringischen Sonneberg. Einbildung, Vorurteil? Auf dem Marktplatz ein Gespräch mit einem ca. 55-jährigen Frührentner, der seinen kleinen Hund Gassi führt. „ Schauen Sie sich doch mal den Marktplatz hier an! Nichts mehr los hier, alles runtergekommen .“ Berichtet von seinen Fahrten in den 70er und 80er Jahren zu den Verwandten in die Sperrzone, Treffen in Sonneberg. Die Stasi hörte immer zu.
Tour de Neustadt, einmal im Kreis gefahren – das einzig Gute war, dass ich durch Zufall an der Kultgaststätte, die ich schon aus der Grünen-Band-Literatur kenne, „Klößerei“, dem Gasthaus „Lindenhof“, vorbeikomme. Die Männer stehen in Schlangen vor dem Ausgabefenster und holen in ihren Kochtöpfen den sonntäglichen Braten und die Klöße. Drinnen ist die Hölle los. Ich bestelle mir eine Riesenportion Sauerbraten. Natürlich mit Klößen. Mit vollem Magen geht es weiter: die Karte in Stefan Essers sehr nützlichem Buch ` Radtouren am Grünen Band ´ lügt nicht. Einmal unfreiwillig Neustadt b. Coburg Ortsumgehung. Schließlich finde ich mit Hilfe von Einheimischen raus aus dem Gewirr Richtung Eisfeld. Der nächste Berg wartet. Wie wird der Akku das heute schaffen?
Am Froschgrundsee ein nettes Ehepaar, fitte Radler im Rentenalter: „ Nein, E-Bikes brauchen wir noch nicht.“ Sie wünschen mir eine gute Fahrt. Ein Fahrrad-Haudegen, locker über 70, rät mir von der Nebenstrecke Richtung Eisfeld ab: „ zu viel Berge!“.
In Schalkau versuche ich einen Chai in dem türkischen Imbiss zu bekommen. Ayran? Fehlanzeige. Tote Hose in dem Laden, aber nachher kommen doch noch ein paar Jugendliche und holen sich etwas zu essen.
Fahrt nach Görsdorf, wo wohl noch ein Rest der Grenzanlagen stehen soll. Unterwegs mit einem 30-Jährigen über E-Bikes gefachsimpelt. Er war mit seinen Eltern schon überall in Deutschland, Österreich und hat sogar eine Mountainbike-Tour nach Luxemburg gemacht. Die DDR? Nur vom Hörensagen. Die junge Generation geht offensichtlich anders damit um.
Am Ortseingang von Görsdorf noch kurze Diskussion mit einem Ehepaar meines Alters. „ Wie war das hier an der Grenze im Sperrgebiet“, frage ich. „ Alles ok, man hat sich halt daran gewöhnt. Nur bei Verwandtenbesuchen war es schwierig.“ In Steinwurfweite war der Westen. Fotosession an den Überresten der Mauer. Mein Stativ kommt zum ersten Mal zum Einsatz. In die Mauer haben Leute ein Loch reingeklopft. Symbolik.
Über Umwege auf der westdeutschen Seite nach Eisfeld. Oben auf dem Berg befindet sich die GüSt Rottenbach-Eisfeld. Relativ kaputt frage ich in der großen Tankstelle nach, wo man hier übernachten kann. „Waldhotel Hubertus“ – Großes Hotel: Essen bitte bis 19.30 Uhr bestellen.
Viele Tische mit Reserviert- Schildern, wie früher zu DDR-Zeiten.

Blick auf den Froschgrundsee

Mauerüberreste bei Görsdorf
Nach dem Essen (Thüringer Rostbratwürste mit Sauerkraut) falle ich mit vollem Magen ins Bett. Die Schulter schmerzt gewaltig. Die Füße freuen sich, in die Badelatschen zu kommen. Von 9 bis kurz nach 11 Uhr abends im Koma gelegen. Ist es wohl alles zu viel? Was wird wohl Dors machen?
Tag 6 (23.07.2018): Von Eisfeld nach Einöd
km: 222 – 255
Beim Aufstehen tun meine Knochen mal wieder weh. Frühstück ok. Ein Paar, über 60, sportliches Radler-Outfit, fährt die Werra runter bis nach Hann. Münden. Ich richte Grüße aus. Die Stadt, in der ich in den 60er Jahren zur Schule gegangen bin und einen rücksichtsvollen, jungen Klassenlehrer (Mathe und Physik) hatte. Er hat mich durchs Abi geschleust. Nach der Fünf in Englisch (Klasse 10) und der Fünf in Französisch (Klasse 12) durfte ich keine weitere haben. Natürlich auch vielen Dank an den leider nicht mehr unter uns weilenden Klassenkameraden Ulrich N., der mich nicht nur oft mit Hausaufgaben, sondern auch während der Physik-Klausur unterstützt hat…
In Ahlstadt steht eine wunderschöne Kirche. Ich komme mit H. ins Gespräch. Frührentner, früher Bauer, jetzt trägt er mit seiner Frau morgens ab halb drei Zeitungen aus. Unterstützung bekommt er nicht angesichts seines Besitzes an Ackerflächen. Früher war es hier ruhig, total ruhig. Das einzige, was gestört hat, waren die Amerikaner mit ihren Jeeps und Panzern, aber kein Problem. Flurschäden wurden großzügig reguliert. „ Nach 1989 musste man hier alles abschließen. Im November sind die DDR-Bürger mit den Trabbis gekommen. Kilometerlange Schlangen .“ Heute jedoch keine Ressentiments, nur vereinzelt.
Er erzählt von seiner Krankheit, Morphium, Rückenschmerzen. Keine Perspektiven und das mit Mitte Fünfzig. Das Gespräch macht mich sehr nachdenklich. Ich vergleiche seine und meine gesundheitliche Situation. Ich empfinde große Dankbarkeit.

Grenzübergangsstelle Rottenbach – Eisfeld: Grenzturm mit Museum
In Grattstadt mache ich eine Vesperpause unter einem schönen Nussbaum. Ab und an kommt ein Auto vorbei. Fast wie in den 60er Jahren in den kleinen Dörfern.
Über Heldritt fahre ich nach Bad Rodach . Die italienische Eisdiele am Marktplatz gehört mir: ein Eiskaffee. Am Nachbartisch eine relativ (wohlhabende) ausländische Familie, vermutlich Flüchtlinge (aus Syrien?), fährt nachher mit dem großen, gebrauchten Volvo weg. Das deutsche Ehepaar mittleren Alters am Nachbartisch schaut mit großen Augen hinterher. Im „Netto“ kaufe ich mir eine Banane, Zahncreme und Zahnbürste, die ich bei Dietrich liegen gelassen habe. Alles ist so vertraut (im Westen).
Auf dem Weg zur Burgruine Straufhain treffe ich einen Kollegen, einen Haibike -Fahrer aus dem Osten, der sich noch gut an die Zeiten vor der Wende erinnern kann. Alles war in den Grenzdörfern ruhig, man konnte auf der Straße spielen. „ Heute muss ich die Kinder zur Vorsicht aufrufen .“

Auf der Fahrt nach Ahlstadt – Landschaft pur
Kurz nach Straufdorf (das Museum ist geschlossen) treffe ich X. Weshalb habe ich wohl den Namen vergessen? Jahrgang 45, er erzählt mir eine Schauergeschichte, wie er im November 89 mit einem Kumpel beim illegalen Grenzübertritt vom Westen in den Osten von den Amerikanern und dem Bundesgrenzschutz festgehalten wurde. Im Laufe des Gesprächs („ Merkel hat einen jüdischen Polen als Vater… “) stellt sich heraus, dass er 1988 bei einem Verwandtenbesuch gemeinsam mit seiner Frau im Westen geblieben ist. Die Kinder blieben zurück im Osten.
„ Vater war bei der SS, er musste ja irgendwo mitmachen.“ „UK (unabkömmlich, HP) als LKW-Besitzer, …die Russen haben uns dann alles weggenommen, aber Putin ist in Ordnung.“ „Die Krimbesetzung war richtig“. „Die Franzosen und die Tommys waren am Zweiten Weltkrieg schuld.“ Ein Alt- bzw. Jung-Nazi wie aus dem Buche. Anscheinend hat er aber einen Narren an mir gefressen, weil ich mich halbwegs in der Geschichte auskenne. Er begleitet mich einen Teil des Weges zur Burgruine. Verabschiedung: „ Zu guten Freunden sage ich: Sieg Heil und immer dicke, fette Beute“. An dieser Stelle wird es mir zu viel: „ Auf Sieg Heil kann ich verzichten …!“ Irgendwer muss ja die AFD oder die NPD wählen …

Blick von der Burgruine Staufhain
Im Turbogang des E-Bikes geht es zur Burgruine hoch. Fantastischer Ausblick. Mit dem Stativ mache ich „repräsentative“ Fotos mit Blick in alle Richtungen. Ein sportlicher Opa, ca. Anfang bis Mitte 50, kommt mit seiner Frau und den zwei Enkeln aus Hannover den Berg hoch. Alles vorbereitet: Schatzsuche und Orientierungsaufgaben mit dem Kompass. Ein Erlebnis für die Enkelkinder. Der sportliche Opa hat mit dem Fahrrad auch schon viele Touren in Deutschland etc. gemacht, allerdings ohne E-Bike, wie er stolz betont. „ Früher war alles ruhig in unserem Ort im Sperrgebiet.“
Trauert er der alten DDR-Zeit nach? – Ich glaube eher nicht.
Eigentlich will ich da oben die Nacht verbringen (weshalb habe ich überhaupt das Zelt mitgenommen?). Aber dann habe ich doch Manschetten bekommen und auch nicht genügend Wasser dabeigehabt. Also, den steilen Berg wieder runter und auf die Suche nach einer Unterkunft. Es ist mittlerweile sechs Uhr und der Asphalt der Landstraße reflektiert die Hitze des Tages (gut über 30 Grad). Die Autofahrer von West nach Ost (HBN – Hildburghausen) rasen nach Hause. Für mich noch alles etwas unwirklich, wenn man 40 Jahre lang die Grenze als nahezu undurchlässig erfahren hat.
Auf der letzten Rille komme ich in der Country-Scheune in Einöd mit seinen laut Wikipedia 43 Einwohnern an. In einem Haus an der Landstraße haben sie noch ein kleines Zimmer unter dem Dach. Als das Haus gebaut wurde, war Dachisolierung wohl noch ein Fremdwort… es ist brütend heiß. Dafür ist das Essen reichhaltig und mächtig, aber es liegt mir im Magen. Ich bin am Abend mal wieder so richtig kaputt und das Laufen tut weh.
Tag 7 (24.07.2018): Von Einöd nach Rieth
km: 255 – 292
Um 9 Uhr, als ich frühstücke, ist es schon wieder unerträglich warm. Mal wieder ein Tag mit weit über 30 Grad! Das Packen der tausend Sachen in die beiden gelben Ortlieb -Packtaschen, rechts und links am Hinterrad, ist immer mit mühseliger Arbeit verbunden. Hinzu kommt die blaue Lenkertasche, in der das Wichtigste verstaut wird: Handy, Ladegerät, kleine Wasserflasche, Fotoapparat, Verbandskasten, gelbes Hals- / Kopftuch, Fototasche und vor allem das Sonnenschutzmittel, Faktor 50. Meine Hautärztin und die zahlreichen ambulanten Beseitigungen von gefährdeten Hautstellen lassen grüßen! Den gelben Plastiküberzug für den Sturzhelm habe ich meistens auf dem Helm. Sieht klobig und bullig aus, aber ich fühle mich wohler auf der Landstraße. Passive Sicherheit. – Das Schicksal von Otto Buchholz, der sich mit dem Fahrrad zu Tode gestürzt hat, ist immer im Hinterkopf!
Ich verlasse Einöd in Richtung Poppenhausen und komme an einem gepflegten Denkmal für 20 erhängte polnische KZ-Insassen vorbei. Es waren wohl zufällig ausgewählte Buchenwald-Häftlinge, die als Racheaktion für den Tod eines deutschen Bauern durch einen polnischen Zwangsarbeiter ihr Leben lassen mussten. Es ist, wie ich später erfahre, der Initiative eines Ehepaares aus Poppenhausen zu verdanken, dass dieses Mahnmal in den 90er Jahren errichtet wurde. Blumenschmuck der umliegenden Gemeinden lässt vermuten, dass es regelmäßig gepflegt wird. Ich würde diese Menschen gerne kennenlernen, aber irgendwie bin ich noch der Meinung, ich müsse vorankommen auf dem Weg entlang der Grenze und der eigenen Geschichte.

Mahnmal für die 20 ermordeten polnischen KZ-Häftlinge
In Poppenhausen erfahre ich von einem Ehepaar mittleren Alters, dass direkt hinter dem Dorf früher der 500 Meter-Sperrzaun stand und man daher nicht oder nur in Ausnahmefällen den Ort des Grauens zu DDR-Zeiten besuchen konnte. Dieses Ehepaar berichtet mir auch von der Zeit vor der Wende. Alles war ruhig und man habe sich eingerichtet. Später geht die Frau mit mir in die protestantische Kirche, die im Wesentlichen mit finanzieller Eigenleistung und durch freiwilligen Arbeitseinsatz wieder vorbildlich restauriert wurde. Es ist bemerkenswert, weil der Ort nur 99 Einwohner hat. Das Verhältnis zu den bayrischen Nachbargemeinden ist unproblematisch. Seit 20 Jahren arbeitet die Frau im Schichtbetrieb im Bayrischen. Das Dorf Poppenhausen feiert alle zwei Jahre mit zwei anderen Gemeinden gleichen Namens.
Ich folge dem Kolonnenweg und in Käßlitz, dem südlichsten Ort der ehemaligen DDR, erwischt es mich in sengender Hitze: Ein Platten im Vorderreifen. Mühselig hole ich das Flickreparatur-Set hervor und borge mir Wasser beim etwas unwilligen Nachbarn, damit ich feststellen kann, wo sich das Loch im Schlauch befindet.

Kolonnenweg bei Poppenhausen: Wer liebt, der schiebt…
Nach einer Stunde habe ich es vollbracht, allerdings bekomme ich mit meiner Luftpumpe nicht genügend Luft auf den Vorderreifen. Mit der westlichsten Stelle der DDR am Plattenweg wird es also nichts.

Käßlitz: südlichstes Dorf der ehemaligen DDR
Schlauchreparatur in der Mittagshitze
Ich komme an einem in der Hitze penetrant riechenden Schweinestall vorbei und freue mich im nahegelegenen Wald über den Schatten und die springenden Forellen in dem Teich. Ein Fischreiher schreckt bei meiner Weiterfahrt auf. Ein Opa mit seinem Enkelkind erzählt mir von Fürsorgezöglingen, die in einem bayrischen Steinbruch arbeiten mussten und in den 60er oder 70er Jahren versuchten, über die Grenze in die DDR zu fliehen. Einer verlor durch eine Mine dabei ein Teil seines Beines.
Über Schweickershausen geht es auf der Landstraße nach Rieth, einem Ortsteil von Hellingen, wo ich im Gasthaus „Beyersdorfer“ ein Zimmer und etwas Gutes zu essen bekomme. Rostbrätl. Die Männer am Stammtisch diskutieren natürlich über die Hitze, den Fall Özil und dass Hoeneß mit seiner Kritik an dem Fußballspieler mit türkischen Wurzeln vollkommen Recht habe. Es fällt mir auf, dass die Menschen hier in Thüringen einen fränkischen Dialekt sprechen.
Später berichtet ein Polier davon, wie er mit den polnischen und rumänischen Bauarbeitern auf seinen Baustellen zurechtkommt. Mir drängt sich der Vergleich mit den Zwangs- und Fremdarbeitern der Kriegszeit auf. Menschen 2. Klasse?

Wegemarkierung Bayern - Thüringen
Das Zimmer ist okay, aber dass man durch die Tür sehen kann, ob jemand auf der Toilette sitzt, ist nicht so prickelnd …
Pulsuz fraqment bitdi.