Kitabı oxu: «Schweinetango»

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Informationen zum Buch

Der Maskentanz in der Dorfkneipe ist derb. Und doch lassen sich beim »Schweinetango« zarte Bande knüpfen. Cord Krögers neue Geliebte aber hat nicht mehr lange zu leben...

Beim Dorftanz im »Wilden Jäger« lassen die Junggesellen gerne mal die Sau raus. So auch Cord Kröger, ein lediger Schweinezüchter in den besten Jahren, der beim »Schweinetango« die hübsche Jelena kennenlernt. Doch der gemeinsame Weg zu ihm wird vom Feuerteufel, der seit Wochen sein Unwesen treibt, jäh unterbrochen. Eine Scheune brennt. Cord Kröger greift beherzt ein. Erst rettet er die Bullen aus den Flammen – dann erobert er Jelenas Herz. Die Liebe zu der Deutsch-Russin trübt sich jedoch ein, als deren Brüder auf seinem Hof mit gestohlenen Luxusautos zu handeln beginnen. Und als sei das nicht schon genug, keimt in Kröger auch noch der Verdacht auf, dass der sechzehnjährige Björn, der bei ihm arbeitet und für den er väterliche Gefühle hegt, der Feuerteufel ist. Eines Nachts brennt Krögers eigene Scheune. In den ver kohlten Trümmern findet man die Leiche der schönen Jelena. Für Cord Kröger bricht eine Welt zusammen. Da läuft ihm sein Ziehsohn Björn über den Weg …

Informationen zum Autor

Heinrich Thies, Jahrgang 1953, studierte Germanistik, Politik, Philosophie und Journalistik. Er ist Reporter bei der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung und Autor der Bücher Geh aus, mein Herz, und suche Freud. Das Leben der Bäuerin Hanna sowie Wenn Hitler tot ist, tanzen wir. Das Leben der Hilde Heart.

Heinrich Thies

Schweinetango

Kriminalroman


Impressum

©2010 zu Klampen Verlag · Röse 21 · D-31832 Springe

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Herausgegeben von Susanne Mischke

Titelgestaltung: Angelika Konietzny (www.izwd.de), Hannover

Konvertierung: Konvertierung Koch, Neff & Volckmar GmbH,

KN digital – die digitale Verlagsauslieferung, Stuttgart

ISBN 978-3-86674-082-2

Das Werk ist in allen seinen Teilen urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig.

Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung in und Verarbeitung durch elektronische Systeme.

Bibliografische Information Der Deutschen Bibliothek

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über ‹http://dnb.ddb.de› abrufbar.

|5|1.

Düfte ganz unterschiedlicher Art waberten durch den Tanzsaal. Parfüm und Rasierwasser, Moschus und Lavendel mischten sich mit Rauch, Schweiß und Schnapsfahnen, während ein Schlager nach dem andern die zaghaften Gespräche übertönte: »Wenn es dich noch gibt, hüll’ dich nicht in Schweigen, ich lieb’ dich immer noch, willst du mir nicht verzeih’n …«

Single-Tanz im »Wilden Jäger«. Im Halbdunkel des gelblichen Kronleuchterlichts schlurften Paare über das Parkett, die eigentlich gar keine Paare waren – einsame Herzen, die in das Tanzlokal in Verden an der Aller geströmt waren, um gesellige Stunden zu erleben, vielleicht sogar ein kleines Abenteuer.

Rentner mit knallbunten Krawatten und Glitzerwesten krallten ihre Fingernägel in die nackten Oberarme aufgedonnerter Buchhalterinnen und führten in exakter Schrittfolge vor, dass alte Schule nicht gleichbedeutend mit Alteisen ist. Gute-Laune-Damen in Blümchenkleidern mit tiefen Ausschnitten ließen sich von gut situierten Herren in dunklen, engen Anzügen auf ihre Stöckelschuhe trampeln und kicherten dabei. Eine Dicke in weitem Abendkleid schob einen schmächtigen, deutlich kleineren Herrn im Klammergriff durch den Saal, und zwei verblühte Sekretärinnen mit akkurat frisierten Dauerwellen und weißen Rüschenblusen stellten tanzend unter Beweis, dass es auch ohne Männer geht.

Cord Kröger wischte sich den Schweiß von der Stirn, das Hemd klebte ihm am Rücken. Sein Herz tuckerte wie ein |6|Treckermotor. Der letzte Tanz hatte ihn mächtig erhitzt. So schenkte er es sich, seine Partnerin zu einem Glas Sekt einzuladen. Spazierte gleich zurück an seinen Platz, wo seine Kumpel hockten und Ausschau nach Damen hielten, Frischfleisch, wie sie sagten. Alles Berufskollegen – Bauern und Junggesellen wie er, zwischen 36 und 55, und seit ewigen Zeiten auf Brautschau: die »Gummistiefel-Gang«. Wegen ihrer berufsbedingten Frauenprobleme wurden sie im »Wilden Jäger« belächelt. Nicht-Landwirte spöttelten, dass sie nach Kuh- oder schlimmer noch Schweinestall rochen, und manche Frauen rümpften kokett die Nase und wandten sich geruchsärmeren Heiratskandidaten zu.

Dabei hatte Kröger schon seine vierzehn Milchkühe abgeschafft und die Viehhaltung auf computergesteuerte Schweinemast beschränkt, um mehr Zeit für »die schönen Seiten des Lebens« zu gewinnen, wie er zu sagen pflegte. Immer wieder mal hatte er sich auch eine Tanzpartnerin einen Abend lang warm gehalten, manchmal sogar zu sich nach Hause eingeladen. Aber nie war etwas Festes daraus geworden. Schon beim Frühstück war das Feuer meist erloschen. Dabei hatte er Abitur. Und für seine achtundvierzig Jahre hatte er sich gut gehalten: mittelgroß, mittelblond, kräftig gebaut, gut im Gebiss, nicht auf den Mund gefallen und von auffälligen Falten bisher verschont. Nur seine Stirnglatze zeugte vom Nahen des körperlichen Verfalls.

»Ich bin so schön, ich bin so toll, ich bin der Anton von Tirol …« Diskjockey Käpt’n Kuss schob nicht einfach nur CDs ein. Der Bärtige mit dem Bierbauch trällerte mit, feuerte an. »Wer nimmt es mit Anton auf?«, röhrte er wie ein Jahrmarktschreier in den laufenden Schlager hinein. »Na, na, man nicht so drängeln, die Herren. Sind genügend Damen da, aber ohne Fleiß kein Preis, hahaha.«

Tatsächlich saßen an den langen Tischen reihenweise Frauen, die ihre lidschattenschweren Blicke sehnsüchtig durch |7|den Saal schweifen ließen. Immer wieder mal trafen sich auch wirklich zwei Augenpaare, um sich wortlos zum Tanz zu verabreden.

Doch Kröger zog es vor, seine Augen auf das Tanzgetümmel zu richten. Zerstreut nahm er einen Schluck Bier.

»Siehst ja ganz schön ausgelu-lutscht aus, Chef«, stichelte Walter, genannt »Kneifzange«, ein drahtiger Mittvierziger mit einem Hang zum Stottern und einer entstellenden Narbe unterm linken Auge. Bei der Arbeit mit der Kreissäge war ihm ein Holzstück an den Kopf geknallt. Ebenfalls an der Kreissäge waren ihm Daumen und Zeigefinger der rechten Hand abhanden gekommen.

»Von nichts kommt nichts«, sagte Kröger. »Oder denkste, dir steigt die Frau fürs Leben aus’m Bierglas wie ’ne Seejungfrau?«

»Ach hör doch auf, F-frau fürs Le-le-leben.«

Walter ließ sein Feuerzeug aufflammen und zündete sich eine Zigarette an. Er nahm einen tiefen Zug. Man spürte, wie er sich aufblies, um den starken Max zu spielen. Denn im Grunde seines Herzens war er sehr schüchtern. Vor allem, wenn es um Frauen ging. Da es schon öfter vorgekommen war, dass sie wegen seines Sprachfehlers gegrinst hatten, traute er sich gar nicht mehr, eine anzusprechen. Heimlich hoffte er auf die Damenwahl.

»Du willst mir doch wohl nicht weismachen, dass Ro-rosi deine Frau fürs Leben ist, Kollege«, fuhr er keck fort. »Da muss man sich ja wohl nich so für a-abstrampeln. Die haben doch schon ganz a-andere getestet.«

»Du musst es ja wissen, du Walzerkönig. Dein Schwengel is doch längst eingerostet.«

»Sehr w-witzig. Spiel dich man b-bloß nich so auf, du Sch-schweineb-b-baron.«

»Fangt doch nich schon wieder an zu zanken, ihr Zombies«, fuhr Olaf dazwischen, der mit Ende dreißig der Jüngste in der |8|Runde war, wegen seines Übergewichts aber älter wirkte. Trotz Brille schielte er außerdem heftig. »Lasst uns lieber noch mal ’ne Lage Moorhexe bestellen.«

Beleidigt sog Walter mit zusammengekniffenen Augen an seiner Kippe, ließ den Rauch durch die Lungenflügel ziehen und in dünnen Schwaden durch die Nase entweichen.

Ein Handy klingelte. Mechanisch griffen die Landwirte in ihre Jackentaschen, um zu prüfen, ob der Anruf für sie war. Er war für Olaf.

»Hallo Mama. Is’n los?«

Walter zog die Augenbrauen hoch und blickte kopfschüttelnd zu Cord herüber.

»Was? Die Milchkühlung dröhnt?«

(…)

»Das ist normal, Mama, wirklich. Deswegen brauchst du doch hier nich …«

(…)

»Nein, Mama, ich hab noch nicht zu viel getrunken, ich …«

Verschämt wendete sich der dicke Olaf von seinen Berufskollegen ab, die das Gespräch aber trotz der lauten Musik weiter mit anhören konnten.

»Nein, verdammt. Ich pass schon auf, ich lass mir kein Kind andrehen.«

»Je-jetzt geht’s wieder zur Sache«, kommentierte Walter und fiel in den Refrain des gerade laufenden Schlagers ein: »Anita, Anita.«

»Was ist los? Was? Also, ich finde jetzt reicht’s. Also, Mama, Mama …«

(…)

Olaf schrie immer lauter gegen die Musik und seine Mutter an. Doch vergebens. Schließlich legte er das Handy entnervt auf den Tisch. Als es mit dem Geschnatter am anderen Ende der Leitung vorbei war, holte er sich das Telefon zurück.

»Also tschüss denn, bis morgen früh, tschü-hüss.«

|9|Mit dem Ausdruck der Erschöpfung stellte er das Handy ab und wandte sich wieder den Kumpels zu.

»O Mann ey, die Frau nervt.«

»D-das würd ich n-nicht so sehen«, entgegnete Walter. »D-deine M-mutter m-macht sich nur Sorgen um ihren Olaf.«

»Verarschen kann ich mich auch allein«, wehrte Olaf ab. Und dann lenkte er den Blick zurück auf die Tanzfläche.

»Guckt euch mal die beiden an. Die treiben es im Stehen.«

In der Tat hatte sich ein Paar derart ineinander verkeilt, dass von Tanzen nicht mehr die Rede sein konnte.

»Die müssen ja mächtig D-druck d-drauf haben, boh ey«, stotterte Walter Kneifzange und entlockte den Berufskollegen ein verbindendes glucksendes Lachen. Es schloss auch den »treuen Heinrich« ein, einen 55-jährigen Landwirt im grauen Anzug, der es im Allgemeinen vorzog zu schweigen und abzuwarten, was ihm die Damenwahl bescherte. Doch trotz des Frauenüberschusses ging er immer öfter leer aus. Sein Ruf als Schlaftablette hatte sich allmählich verfestigt.

»Wenn du mich noch liebst, hüll’ dich nicht in Schweigen, ich lieb’ dich immer noch, willst du mir nicht verzeih’n« Die Tanzfläche war plötzlich merkwürdig leer. Nur zwei Paare wirbelten durch den Saal. Eine dicke Frau in weitem Kleid tanzte allein, drehte sich um sich selbst.

Eine Parfümwolke streifte Cord Kröger. Der Duft von Vanille und Sandelholz ging von einer Frau aus, die in ihrem hochgeschlossenen dunkelgrünen Seidenkleid merkwürdig bieder wirkte, andererseits aber stark geschminkt war und einen auffallend prallen Busen spazieren führte. Ihr schulterlanges Haar war weißblond – wahrscheinlich gefärbt, ebenso unecht wie das Rouge auf ihren Wangen. Trotzdem: Kröger war wie gebannt. Er behielt die Dame im Blick.

»Die ha-hat es dir wohl angetan, Chef?«, sagte Walter, dem nicht entgangen war, welchen Eindruck die Blonde auf Cord |10|gemacht hatte. »Da-das ist die schöne Russin, ni-nimm dich ja in Acht vor der.«

»Ach, lass mich doch in Ruhe. Du kennst sie ja gar nicht.«

»Und ob ich die ke-kenne, Chef. Das ist Je-Je-lena. Wir haben schon so ma-manches Tä-tänzchen zusammen gemacht. Scharf wie Nachbars Fiffi.«

»Und warum hat sie dich dann abblitzen lassen?«

»Wer erzählt denn so-so-so ’n Scheiß?« Walter mimte Entrüstung. »Ich hab die No-notbremse gezogen, sonst hätt ich gleich die g-ganze Sippschaft auf’m Hof gehabt, mit diesen Ru-russlanddeutschen is nich zu spaßen.«

»Quatschkopp.«

Die drei Bauern setzten ihre Scheingefechte noch eine Weile fort. Danach gingen sie dazu über, die hohe Politik und die niedrigen Schweinepreise zu debattieren. Um sich gegen die Stimmungsmusik zu behaupten, schrien sie sich an. Schließlich bereitete die Damenwahl dem Palaver ein Ende. Cord Kröger war der Erste, der aufgefordert wurde. Die Briefträgerin aus seinem Nachbardorf war es, die ihn per Augenaufschlag zum Tanz bat – eine Frau in seinen Jahren, die immer wieder mal durchblicken ließ, dass ihr keine Arbeit zu schwer sei. Doch bei aller Sympathie war »Jutta von der Post« einfach nicht der Typ Frau, der Cords Fantasie beflügelte.

Während er mit der Briefträgerin tanzte, war er in Gedanken bei einer anderen, bei Jelena. Dummerweise hatte die sich bereits einen Tanzpartner geangelt.

Schon kurze Zeit später, Mitternacht war gerade vorüber, sollte es aber doch noch zu einer unverhofften Begegnung kommen. Es war beim »Schweinetango«, dem Höhepunkt im Single-Programm von Käpt’n Kuss. Schon die Ankündigung wurde mit dem üblichen Gejohle aufgenommen. Alles erhob sich von den Plätzen, scharte sich um die Tanzfläche. Käpt’n |11|Kuss stieg für das Vorspiel in Gummistiefel und verwandelte sich in einen Bauern mit speckigem Lederkäppi. Seine Lebensgefährtin mimte die vornehme Dame:

»Was für ein widerlicher Gestank«, mokierte sich die Lady. »Das riecht ja hier wie im Schweinestall. Ekelhaft.«

Daraufhin der Bauer theatralisch derb: »Verehrte Dame, Sie haben vollkommen recht. Das riecht hier nicht nur wie im Schweinestall, dies hier ist ein Schweinestall, eine einzige Sauerei, wenn Sie verstehen, was ich meine, hö, hö, hö.«

Obwohl der Sketch nicht neu war, sprang das Lachen gleich über. Die Männer schüttelten sich, die Frauen kicherten und kreischten.

Die vornehme Dame geziert: »Das ist ja schröcklich, wo bin ich hier nur hineingeraten.«

Der Bauer: »Ach, ich glaube, Sie passen hier ganz gut rein, Verehrteste.«

Die vornehme Dame entrüstet: »Wie soll ich das verstehen!?«

Der Bauer: »Na, das werden Sie gleich sehen. In unserm Schweinestall geht nämlich die Post ab. Hier tanzt der Eber mit der Sau.« Und zum Publikum gewandt stellte Käpt’n Kuss die Frage, die alle schon erwarteten: »Wollen wir es der Gnädigsten mal zeigen?«

Sofort erhob sich zustimmendes Gejohle, versetzt mit Zurufen wie »Ja, zeig’s ihr« oder »Besorg es der Lady«. Und während Grunzen und Quieken vom Band im Saal widerhallte, trippelte ein Dutzend Frauen mit Schweinemasken auf die Tanzfläche – wieder begrüßt von großem Gejohle. Wie gewohnt, hatten sich die »Freiwilligen« schon Stunden vorher für den Spaß gemeldet.

Der Bauer: »Herzlich willkommen, meine Lieben. Hallo Berta, hallo Paula, hallo Knuffi. Lasst sehen, wie viel Speck ihr in der letzten Woche angesetzt habt, und vor allem: Sucht euch einen starken Eberhard aus, hahaha.«

|12|Applaus und »Yeaah«-Rufe.

»Seid furchtbar und mehret euch.«

Im nächsten Moment stürzten sich die Schweinefrauen mit frivolem Grunzen auch schon auf die bereitstehenden Männer und zerrten sie auf die Tanzfläche. Auch Cord ereilte das Schicksal. Fast wäre er lang hingeschlagen, so eilig hatte es seine Schweinedame. Der legendäre Schweinetango nahm seinen Lauf:

»Der Eber sprach zu seiner Frau, komm her, du süße kleine Sau, wir machen heut ’ne Schweinerei und spielen wieder Nackedei. Ja Nackedei, Nackedei …«

Das war zwar streng genommen kein Tango, aber der Spaß war groß. Die Umstehenden grölten den Text mit und zeigten feixend auf die Tänzer. Da die Masken die Sicht behinderten, geriet manches Paar ins Schlingern und Stolpern. Besonders Cord Kröger hatte Probleme mit seiner Partnerin. Da er es versäumt hatte, die Führung zu übernehmen, zwang sie ihm ein Tempo auf, dem er nicht gewachsen war.

Er war froh, als der Tanz vorbei war. Doch es ging ja weiter. Die Schweinedamen nahmen ihre Masken ab und stülpten sie ihren Partnern über.

»Und jetzt wollen wir doch mal sehen, ob unsere Eber schon ihr Pulver verschossen haben oder noch genügend Power haben, um eine zweite Sau zu beglücken«, rief Käpt’n Kuss. »Auf zur zweiten Runde. Wer sich nicht sofort ein Schweinchen geangelt hat, schmeißt eine Lokalrunde.«

Jetzt war keine Zeit mehr, sich länger nach einer Wunschpartnerin umzusehen. Wahllos streckte Kröger einfach nur die Arme in Richtung einer Frauengruppe aus, die vor ihm stand. Doch sein Herz hüpfte vor Freude und Aufregung, als er unversehens diesen Duft erschnupperte, der ihn schon einmal gefangengenommen hatte. So ähnlich musste es wohl in einem tropischen Gewächshaus riechen, so süß und schwer.

|13|Er hatte sich nicht getäuscht: Es war der Duft der Russin mit den weißblonden Haaren.

»Na, dann, äh, wollen wir mal«, stammelte er, und ehe er es sich versah, hatte Jelena schon ihre Hände auf seine Schulter und Hüfte gelegt. Wie selbstverständlich übernahm sie die Führung, passte sich ihm aber geschmeidig an. Federleicht bewegte sie sich in seinen Armen. Warm und zart fühlte sie sich unter dem grünen Seidenkleid an. Kröger schwitzte unter seiner Schweinemaske.

»Legt der Eber mit der Sau einen Tango aufs Parkett, dauert es nicht lange mehr, bis der süße Bauch wird fett …« Schon lange hatte er einen Tanz nicht mehr so genossen. Am liebsten hätte er mitgesungen: »… mit der Sau ins Kuschelbett, bis der süße Bauch wird fett«.

Obwohl ihm wieder mächtig warm wurde, wünschte er sich, dass dieser Schweinetango nie zu Ende ginge. Aber dann kam der Schlussakkord, und ihm blieb nichts anderes übrig, als die Schweinemaske an seine Partnerin weiterzureichen.

»Hoffentlich wird dir nicht so warm darunter wie mir. Ich schwitze echt wie Sau«, sagte er, indem er Jelena die schweißfeuchte Kunststoffhaube in die Hand drückte. Es war beim »Single-Tanz« ungeschriebenes Gesetz, dass man sich duzte.

»Ich werde es schon überleben«, erwiderte Jelena. Und nachdem sie sich die Maske bereits übergezogen hatte, murmelte sie etwas, das Cord Kröger das Blut gefrieren ließ: »War schön.«

Wie erstarrt beobachtete er dann jedoch, dass Jelena sich einen anderen angelte.

Nachdem Bauer und vornehme Dame den »Schweinetango« mit ihrem üblichen Schlussgeplänkel ausklingen lassen hatten, setzte Kröger sich wieder zu seinen Berufskollegen.

»Na, d-d-da ha-haste ja genau die Sau erwischt, in d-d-die du dich verguckt hast«, sagte Walter.

|14|»Spinner.«

Cord war nun noch weniger in der Laune, sich auf das derbe Sprücheklopfen einzulassen. Er griff verstimmt nach seinem Bier.

»Was is denn los?«, setzte der dicke Olaf nach. »Is dir ’ne Laus über die Leber gelaufen? Als Schweinebaron musst du doch gerade in deinem Element gewesen sein.«

Der Dicke und Kneifzange schüttelten sich vor Lachen.

Doch Cord Kröger blieb ernst. Das Gefrotzel lief ins Leere, die beiden Berufskollegen wandten sich wieder paffend der Tanzfläche zu.

Kurze Zeit später forderte Käpt’n Kuss erneut zur Damenwahl auf. Kröger sah sich im Saal um. Plötzlich entdeckte er Jelena. Einige Tische entfernt saß sie zusammen mit mehreren Frauen. Er glaubte seinen Augen nicht zu trauen, als sie ihm ermutigend zunickte. Sofort folgte er dem stummen Lockruf.

»Jetzt müssen wir nicht mehr so schwitzen«, begrüßte sie ihn.

»Ja, ganz schön heiß unter der blöden Maske.« Zuerst ärgerte er sich noch über seine einfallslose Antwort, aber dann gab er sich dem Tanz hin. »Spanish Eyes«, ein langsamer Walzer. Es folgten schnellere Stücke.

Nach dem vierten Tanz kämpfte er schon mit dem Atem. »Ich glaube, ich brauch erst mal ’ne kleine Auszeit«, vertraute er seiner Partnerin an. »Wie wär’s mit ’nem Sekt?«

Jelena zuckte lächelnd die Schultern. »Warum nicht?«

Bereitwillig ließ sie sich zur Sektbar ziehen. Nach der körperlichen Nähe beim Tanz war es Kröger nicht schwergefallen, ihre Hand zu ergreifen. Weich und verschwitzt fühlten sich ihre Finger an.

»Na, denn Prost.«

»Prost.«

|15|»Ich hab lange nicht mehr mit ’ner Frau so gut zusammen getanzt wie gerade mit dir«, sagte Kröger, um seine aufkommende Unsicherheit niederzukämpfen.

»Ganz meinerseitig«, antwortete Jelena. »Ihr seid auch kein schlechter Tänzer.«

»Ach, danke für die Blumen. Sehr freundlich. Aber warum siezt du mich eigentlich? Ich heiße Cord.«

»Jelena«, sagte Jelena und nippte an ihrem Sekt. »Wir sind daheim so aufgezogen, dass wir uns den Männern nicht gleich in die Arme werfen.«

Cord lachte auf. »Wie, äh, wie lange bist du denn schon in Deutschland?«

»Wir sind vor vier Jahren herübergekommen, wir haben am Ural gelebt. Meine Brüder sind schon drei Jahre zuvor nach Deutschland gegangen, ich bin mit der Mutter nachgekommen.«

»Und habt ihr schon in Russland Deutsch gesprochen?«

»Na freilich. Man verlernt doch seine Heimatsprache nicht. Das hat schon meine Oma immer gesagt.«

Sie zündete sich eine Zigarette an. »Aber das war gar nicht so einfach. In der Schule mussten wir natürlich Russisch sprechen, und auch sonst durfte man kein Deutsch reden, nur daheim. Trotzdem waren wir für die Russen immer die Deutschen. Und hier in Deutschland sind wir die Russen.«

Kröger spürte, wie er rot wurde. In Gedanken war Jelena ja auch für ihn »die Russin«.

»Und, äh, was machst du so?«, fragte er, um den Gesprächsfaden nicht abreißen zu lassen.

»Das ist auch so ein Problem. In Russland habe ich im Forschungslabor geschafft, so Pflanzen und Düngemittel für die Landwirtschaft halt. Zuvor hab ich die Universität geendigt. Aber hier in Deutschland wolltens die Ausbildung nicht anerkennen. Darum schaff ich in einem Supermarkt. Da steh ich hinter der Fleischtheke und verkaufe Wurst und Schinken.« |16|Cord musste lächeln. »Können wir uns ja zusammentun. Ich mäste nämlich Schweine, weißt du. Da können wir Direktvermarktung machen.«

»Direkt …?«

»Direktvermarktung.«

»Direktvermarktung? Was ist Direktvermarktung?«

»Na, dann würde ich meine Schweine selber schlachten und du das Fleisch verkaufen. Aber war bloß ’n Witz.«

Niemand lachte. Jelena durchbrach das peinliche Schweigen.

»Meine Eltern hatten auch Schweine, aber nur drei an der Zahl. Die hat mein Vater auch selbst geschlachtet. Wir hatten auch zwei Kühe, paar Hühner und a bissel Land.«

Da Cord nur interessiert nickte, fragte sie nach: »Und du bist Bauer von Beruf? Reicht das denn zum Leben?«

»Man gibt sich Mühe. Viel Arbeit, wenig Geld, aber ich will nicht klagen.«

Sie nahm einen tiefen Lungenzug und hüstelte. Cord trank den Rest Sekt aus.

»Hab ich dir heute schon gesagt, dass ich dich liebe? Hab ich dir heute schon gesagt, wie schön du bist?«, schnulzte es aus den Lautsprecherboxen.

»Na, wollen wir es noch mal versuchen, was?«, fragte Cord. »Bin wieder einigermaßen bei Kräften.«

Jelena drückte ihre Zigarette aus. »Warum nicht?«

Schon im nächsten Moment schoben sie wieder über die Tanzfläche. Cord Kröger hatte nun keine Hemmungen mehr, ganz eng mit seiner Partnerin zu tanzen. Er spürte ihren Busen.

Als sie nach dem Tanz auf die Sektbar zusteuerten, winkte eine grell geschminkte Frau in schwarzem Ballkleid Jelena zu sich. Es war Natascha, die sie in ihrem Auto mitgenommen hatte. Die Freundin drängte zum Aufbruch. Es ging schließlich schon auf halb zwei zu.

|17|»Das is aber schade«, sagte Cord, als Jelena ihm Bericht erstattet hatte. »Ich kann dich doch auch nach Hause fahren?«

»O nein, das ist viel zu weit.«

»Wo wohnst du denn?«

»Wir wohnen in Kirchboitzen bei Walsrode, mindestens zwanzig Kilometer von hier, mindestens.«

»Kein Thema. Das liegt ja fast auf meiner Strecke, nur ’n kleiner Schlenker, echt. Also? Abgemacht?«

»Na, ich weiß nicht.«

»Keine Bange, ich tu dir schon nix.«

War es der Alkohol? War es die vorgerückte Stunde? Oder war es einfach der Charme dieser Frau im grünen Seidenkleid? Cord Kröger überwand seine letzten Hemmungen und drückte Jelena einen Kuss auf die Stirn.

|18|2.

Die Bässe gingen ihm durch und durch. Wie bei Faustschlägen und Peitschenhieben krümmte er sich unter den Technosalven und Lichtblitzen. Warf ergeben den Kopf zurück, um sich ganz diesem Wummern und Stampfen hinzugeben. Mit Leib und Seele.

»Ready to go?

One, two, three, four …«

Bam, bam, ba, ba, bam, bam …

Schneller, immer schneller kamen die Schläge. Der Gesang war so verzerrt wie die Musik. Sphärenklänge, die in ein Geschützfeuer übergingen. So laut, dass ihm das Trommelfell zu platzen drohte; Micky-Maus-Gequäke, Trompetenstoß und Eulenschrei – alles in einem. Er genoss es, sich zu verlieren in diesem Trommelfeuer. Hier war es nicht schlimm, allein zu sein, hier nicht.

»Stand up … Halleluja.«

Gegen zehn Uhr war er mit dem Mofa gestartet, über dunkle Feld- und Wiesenwege zum »Tempel« geknattert, der früheren Molkerei von Schwarmstedt, die nur vier Kilometer von seinem Wohnort Bothmer entfernt lag. Anfangs hatten noch die »Kinder« das Bild beherrscht, die 14- bis 16-Jährigen. Er selbst war immerhin schon siebzehn, sah aber mit seinem nahezu kahl rasierten Schädel und seiner Körpergröße von 1,83 Meter mindestens zwei Jahre älter aus. Bis Mitternacht war die Tanzfläche im Keller leer gewesen. Nur die mollige Bardame hatte hinter ihrem Tresen getänzelt. Ansonsten hatten die Diskobesucher gelangweilt vor ihren Bierflaschen oder Wodkagläsern gehockt, geraucht, Handy-Botschaften |19|ausgetauscht, gekichert und sich gegenseitig begutachtet. Björn hatte wie üblich seine drei Bacardi-Cola getrunken.

Zwischendurch hatte es oben an der Bar mal etwas gekracht. Irgendwelche Typen hatten sich in die Haare gekriegt, nichts Besonderes. Auch Björn war schon mal in eine Schlägerei verstrickt worden, ganz unversehens war er auf dem Weg zum Klo angepöbelt und geschubst worden. Mit seiner Körpergröße, seiner schlaksigen Gestalt und der Baseballmütze, die er meistens verkehrt herum trug, musste er irgendwie provozierend wirken, das war ihm schon seit Längerem klar. Als er sich gewehrt hatte, waren gleich mehrere über ihn hergefallen. Hatte ganz schön wehgetan. Seither ging er nur noch aufs Klo, wenn die Luft rein war. Und er vermied es auch sonst, in die Nähe der diskobekannten Schlägertypen zu kommen.

Nein, ihm stand nicht der Sinn nach Schlägen. Er ging in die Disko zum Abtanzen. Und er fand es toll, wenn sich kurz nach Mitternacht die Szenerie verwandelte und die Tanzfläche sich füllte und die Musik noch lauter und härter wurde. Dann mischte auch er sich unter die zuckenden Gestalten, dann fiel es nicht mehr auf, dass er allein war. Dann verlor er jedes Zeitgefühl, vergaß den ganzen Mist, den er sonst mit sich herumschleppte: den Ärger mit seinem Vater, der ihn aus dem Haus geprügelt hatte; die Enttäuschung über seine Mutter, die sich nur noch um seine jüngeren Geschwister kümmerte; die Schule, die er zum Glück seit einigen Wochen hinter sich hatte; den Stress mit Annika, die sich mir nichts, dir nichts einen andern gesucht hatte, die Clique, die nichts mehr von ihm wissen wollte – den ganzen Mist eben, die ganze Kacke.

»Wumm, wumm, wumm, wumm …

Ay, ay, ay, ay, ay, ay, ay …«

Tanz weg den Scheiß.

|20|Er warf den Kopf zurück, drehte die Handinnenflächen nach oben und genoss es, wie sich die Beats bis in die Gedärme hinein fortsetzten. Cool war das. Saugeil. Es konnte ihm gar nicht laut genug sein.

»Ready to go …«

Er verstand die merkwürdigen Befehle in diesem Gewummer gar nicht. Aber er wusste, was er zu tun hatte: tanzen, tanzen. Dabei spürte er nicht, wie er unter seiner umgedrehten Baseballmütze schwitzte, wie sich sein weißes T-Shirt in einen feuchten Lappen verwandelte, achtete nicht darauf, wer um ihn war.

Leider war es irgendwann vorbei. Musik aus, Schluss. Benommen torkelte er ins Freie. Die frische Luft haute ihn förmlich um. So viel Sauerstoff war er nach den vielen Stunden in dem verqualmten »Tempel« gar nicht mehr gewohnt. Auch ohne Musik pulste sein Blut noch weiter im Technotakt. Er spuckte aus und zündete sich eine Zigarette an, bevor er sein Mofa anwarf. Dankbar vertraute er sich dem Knattern des Zweitakters an. Das war zwar natürlich kein Vergleich mit den Maschinen, die um ihn herum aufbrausten, aber besser als zu Fuß laufen. Beim Wegfahren sah er, wie ein früherer Kumpel Arm in Arm mit einem Mädchen in ein Auto schlüpfte. Scheiß drauf, sagte er sich. So’n verbeulter Ford Escord. ’n Witz. Abfällig spuckte er aus, bevor er von der Hauptstraße abbog.

Der Morgen dämmerte schon. Wolkenfetzen trieben über den grauen Himmel. Er roch die Güllewolken, die von den Feldern aufstiegen. Er mochte diesen Geruch, war stolz darauf, dass er selbst schon zu seiner Verbreitung beigetragen hatte, selbst schon Schweinepisse fahren durfte, seitdem er vor zwei Jahren den Treckerführerschein gemacht hatte. Ja Treckerfahren, das konnte er. Pflügen, eggen, striegeln, drillen, Mist und Gülle fahren. Alles kein Thema. Cord konnte sich auf ihn verlassen, hatte ihn oft schon |21|gelobt und ihm nicht umsonst eine Lehrstelle auf dem Hof versprochen. Er gehörte ja bereits dazu, wohnte schon seit einem Vierteljahr bei Kröger auf dem Hof im alten Dorfkern von Bothmer – seitdem er nach dem großen Knatsch zu Hause ausgezogen war. Wie eine Oma bemutterte ihn die alte Frau Kröger, geizte nie damit, ihm ein paar Euro zuzustecken, wenn er in die Disko wollte. Nein, da konnte er nicht klagen. Das war anders als zu Hause, in diesem weiß geklinkerten Einfamilienhaus im Neuen Dorf, dieser öden Wohnsiedlung Bothmers, wo er ständig Terz mit seinem Vater gehabt hatte. Schön war es natürlich trotzdem nicht, sein Elternhaus zu verlieren. Wenn er ehrlich war, dann hatte er schon oft Heimweh – vor allem nach seiner Mutter, aber auch nach seiner Schwester Mareike, die zwei Jahre jünger war als er. Es stimmte ihn traurig, dass er nicht mehr dazugehörte. Mit seiner Mutter hatte er nie ernstliche Probleme gehabt. Aber es hatte ihn schwer getroffen, dass sie sich nicht auf seine Seite gestellt hatte, wenn sein Vater ihn im Suff mit dem Lederriemen vertrimmte. Natürlich hatte sie versucht, seinen Auszug zu verhindern. Aber da war es schon zu spät gewesen.

Zuweilen fühlte er sich wie ein Ausgestoßener. Das »schwarze Schaf der Familie«, so hatte ihn sein Vater genannt. Nur weil er mal beim Klauen im Supermarkt erwischt worden war. Machten doch alle. Im Gegensatz zu manch anderen hatte er sich aber immer bemüht, sich zusammenzureißen – immer Wert auf ordentliche Klamotten gelegt, nie mitgemacht bei den wüsten Besäufnissen. Und bei der Jugendfeuerwehr war er einer der Eifrigsten, da gab es nichts.

Im Morgengrauen lenkte er sein Mofa über die Landstraße. Er sah, wie auf einem Kornfeld drei Rehe ästen. In Gedanken entsicherte er ein Jagdgewehr, nahm den Bock ins Visier und feuerte einen Schuss ab. »Baff …« Cord hatte versprochen, |22|ihn mal mit zur Jagd zu nehmen. Darauf freute er sich schon. Und so bald wie möglich wollte er auch selbst den Jagdschein machen. Dann würde er allein auf die Pirsch gehen und bei der Treibjagd nicht nur die Hasen aufscheuchen, sondern selbst draufhalten.

Mehrmaliges Hupen riss ihn aus seinen Träumen. Er wurde von einem schwarzen Mercedes überholt, der voll besetzt war mit Jugendlichen, die sich mit lauter Rockmusik bedröhnten. Als sie vor ihm waren, stoppten sie, drehten das Seitenfenster herunter und schrien ihn an: »Bist du besoffen, du Wichser? Denkst du, die Straße gehört dir allein mit deiner lahmen Krücke? Wenn du nicht sofort zur Seite fährst, machen wir dich platt, Alter. Kapiert?«

»Spinner«, fauchte Björn zurück. »Ihr fühlt euch wohl sehr stark, was?«

»Auch noch frech werden?«, schrie einer aus dem Auto zurück. »Erst den ganzen Verkehr hier aufhalten und dann die Klappe aufreißen, was? Das haben wir gern. Ich glaube, wir müssen dir mal ’ne rote Karte verpassen.«

Björn schluckte. Er war sich im Klaren darüber, dass er es mit dem Trupp nicht aufnehmen konnte. Heftiger Zorn überkam ihn, als der Mercedes mit quietschenden Reifen und wummernden Bässen an ihm vorbeiraste und ihm jemand lachend den Stinkefinger aus dem Fenster entgegenstreckte.

»Arschgeigen«, fluchte er. »Verdammte Angeber, fickt euch.«

Er hätte am liebsten aufgeschrien vor Wut. Die Begegnung hatte ihm schlagartig die Laune verdorben. Er fühlte sich verhöhnt, gab Gas, dass das Mofa aufheulte; seine Hände verkrampften sich am Lenker. Aber das nützte nichts. Sein Mofa kroch genauso langsam dahin wie vorher.

|23|3.

Die Nacht war mild – eine Maiennacht wie geschaffen für frisch Verliebte. Am Himmel funkelten die Sterne, Nebelschleier hingen über den Wiesen. Doch Cord Kröger fuhr mit seinem Geländewagen Marke »Nissan« so schnell, dass er seine ganze Aufmerksamkeit auf die Straße zu richten hatte. Jetzt, da Jelena – wahrscheinlich erwartungsfroh – neben ihm saß, war sein Mut gesunken. Er war wie betäubt, wagte es nicht einmal, seine Hände zu seiner Begleiterin hinüberzustrecken. Natürlich wagte er es noch viel weniger, einfach nur den Mund zu halten. Und während Kirchboitzen näher rückte, redete er emsig gegen seine Angst an.

Er berichtete Jelena von seinem neuen Trecker, den er angeblich zu einem Spottpreis bekommen hatte – mit gefederten Vorderachsen, Stereo- und Klimaanlage, Super-Reifen, Vario-Getriebe und allen anderen Schikanen. Während sich Cord immer mehr in einen Begeisterungsschub hineinredete, gähnte Jelena gelangweilt. Sie steckte sich eine Zigarette nach der anderen an, sog daran, dass sie rot aufglühten. Schweigend blies sie den Rauch zur Autodecke.

»An der nächsten Kreuzung links«, sagte sie schließlich, nachdem die beiden das Dorf Südkampen passiert hatten.

»Gut«, bestätigte Cord. Doch schon im nächsten Moment wurde ihm der eisige Ton der Wegbeschreibung bewusst. Er war peinlich berührt und räusperte sich verlegen.

»Tschuldigung, dass ich hier so viel quassel. Das interessiert dich natürlich nicht die Bohne. Aber ich …«

Er brachte den Satz nicht zu Ende. Als er verstohlen zur Seite blickte, sah er, wie sich Jelenas Busen hob und senkte. Fast |24|im gleichen Augenblick schob sie ihre Hand zu seiner Hand herüber, die auf dem Steuerknüppel ruhte.

»Stolzer Bauersmann«, raunte sie ihm unvermittelt zu.

Cord stockte der Atem. Er spürte, wie Jelena ihm über den Handrücken strich. Daraufhin nahm er kurz entschlossen ihre Hand und drückte sie.

»Auuu«, stöhnte sie kokett. »Du zerdrückst mich ja.«

»Pardon, das wollt ich nicht.« Cord ließ sofort locker.

»Nicht so schlimm, besser, als wenn du im Geist auf deinem Traktor sitzt«, tröstete ihn Jelena.

»Tut mir leid.«

Sie antwortete, indem sie seine Hand losließ und mit ihren Fingern sanft über seine Oberschenkel fuhr. Cord Kröger war wie elektrisiert, traute sich aber nicht, seinen Empfindungen Ausdruck zu verleihen. Glücklicherweise ergriff Jelena wieder das Wort.

»Wie viele Pferdestärken hat dein Traktor denn?«

»150, aber davon wollen wir jetzt nicht mehr reden. Ich glaube, ich hab schon viel zu viel gelabert.«

Wonneschauer durchrieselten ihn, während Jelena mit leichtem Druck über seine Lenden streichelte.

»Du hast recht«, sagte sie. »Die Nacht ist nicht zum Reden da.«

»Zum Schlafen aber auch nicht.«

»Zum Schlafen schon«, verbesserte sie ihn. »Ich schlüpfe gleich ins Bett, wenn wir da sind.«

Ihre Hand übermittelte ihm eine andere Botschaft – und ermutigte ihn, die Initiative zu ergreifen.

»Vielleicht können wir ja noch ein Bier bei dir zusammen trinken?«

Sie schüttelte lächelnd den Kopf.

»Was soll denn Mutter sagen, wenn ich des Nachts mit einem fremden Mann ins Haus komme? Nein, leider, das geht nicht.«

|25|»Dann komm doch einfach mit zu mir, meine Mutter freut sich immer über Gäste«, erwiderte Cord in einem Anfall von Übermut. Fast hatte er schon befürchtet, dass sie entrüstet ihre Hand wegziehen würde. Doch im Gegenteil, sie ergriff erneut seine Hand.

»So stürmisch auf einmal, der Bauersmann«, spöttelte sie. »Wir kennen uns doch noch gar nicht.«

»Das kann sich aber ja ändern.«

Mit diesen Worten machte Cord Kröger seine Hand frei und strich seiner Nachbarin über den Schoß.

»Ich glaube, langsam wird’s ’n bisschen gefährlich«, sagte er. »Lass uns lieber mal anhalten.«

Da Jelena keinen Widerspruch erhob, bog Cord gleich in den nächsten Feldweg ein. Alle Schüchternheit war jetzt von ihm abgefallen. Kaum hatte er angehalten, schloss sie ihn auch schon in die Arme. Sie küsste ihm die Stirnglatze, die Wangen, den Mund, saugte sich förmlich an ihm fest. Die Küsse schmeckten nach Rauch und Lippenstift und machten Appetit auf mehr. Doch in dieser Hinsicht erwies sich Jelena als sittenstreng. Als Cord ihr den Busen streichelte, entlockte er ihr noch Laute des Wohlbehagens, als seine Hand dann aber weiter in Richtung Schamgegend wanderte, schob sie sie sanft, aber bestimmt zur Seite.

»Das tut man doch nicht im Auto«, hauchte sie ihm zu. »Ich bin eine anständige Frau.«

»Dann lass uns doch einfach zu mir nach Hause fahren. Ist gar nicht weit.«

Anstelle einer Antwort ließ sie wieder ihre Hände sprechen. Wie während der Fahrt strich sie ihm noch einmal über die Oberschenkel. Zur Bekräftigung gab sie ihm einen Kuss.

»War das die Antwort?«

Jelena blieb stumm und lächelte. Also legte er den Rückwärtsgang ein, wendete und fuhr rumpelnd und viel zu schnell auf die Hauptstraße zurück.

|26|Cord schob eine CD ein, Panflötenmusik, die CD hatte ihm mal eine Cousine geschenkt. Die schöne ruhige Musik hatte vor allem den Vorzug, dass man nicht miteinander reden musste. Denn das wäre ihm nun wieder schwergefallen. Es reichte ihm, Jelenas warme Hand zu halten.

Während er auf Klein Eilstorf zusteuerte, musste er an die abfällige Bemerkung denken, die Walter über die »Russin« gemacht hatte. Die üblichen miesen Sprüche, dachte er. Wahrscheinlich hat der nur einmal mit Jelena getanzt und dann den Mut verloren, der Angeber.

Cord war nicht mehr zu seinen Berufskollegen zurückgekehrt, hatte nur noch seine Jacke geholt und sich knapp verabschiedet.

»Herzliche Grüße an Ma-Madame Mortadella«, hatte Walter ihm beim Weggehen hinterhergestottert. Eine blöde Anspielung auf ihren Job hinter der Wursttheke. Aber er hatte sich gar nicht mehr darum gekümmert.

Es war nicht das erste Mal, dass er vom »Single-Tanz« in Damenbegleitung zurückkehrte. Vor einigen Jahren wäre es sogar fast ernst geworden. Fast drei Monate war er mit Angelika zusammengewesen, einer Krankenschwester mit starkem Kinderwunsch. Man hatte sogar schon den Termin für die Verlobung ins Auge gefasst. Doch dann hatte sich die Sache zerschlagen. Die Weizenernte war ihm dazwischengekommen. Von morgens bis abends hatte er auf dem Mähdrescher gehockt, und wenn er verstaubt und verschwitzt nach Hause gekommen war, mussten auch noch die Kühe gemolken werden.

Angelika war dabei zu kurz gekommen, ganz klar. »Ich glaube, es hat keinen Sinn mehr mit uns«, hatte sie ihm schließlich am Telefon gesagt. »Ich glaube auch, dass du in Wirklichkeit mit deinem Hof verheiratet bist und dich erst mal von deiner Mutter abnabeln musst, bevor du dir eine Frau suchst.«

|27|»Wenn du meinst«, hatte er nur betreten erwidert – und wenn er es auch nie zugegeben hätte, im Grunde seines Herzens wusste er doch, dass Angelika recht hatte. Ja, er war nicht nur mit dem Hof verheiratet, sondern irgendwie auch mit seiner Mutter. Im Alter von siebzehn Jahren hatte er ihr das Jawort gegeben.

Aber das war eine Ausnahmesituation gewesen damals, eine traurige Ausnahmesituation. Sein Vater war tödlich verunglückt. Aus heiterem Himmel war er an einem schönen Apriltag abgetreten von der Bildfläche. Mitten bei der Arbeit. Cord und seine Mutter hatten überall nach ihm gesucht. Schließlich hatte Cord ihn in der Jauchegrube gefunden. In der knöcheltiefen Gülle hatte er gelegen, ein lebloses Bündel Bauer in schwarzen Gummistiefeln. Feuerwehrmänner mit Atemschutzmasken mussten her, um ihn aus der stinkenden Brühe herauszuziehen.

Vermutlich war er ohnmächtig von den giftigen Gasen geworden, als er versucht hatte, ein Absaugrohr für die Güllepumpe in Stellung zu bringen. Wahrscheinlich hatte er kaum etwas gemerkt von seinem Tod, war sanft betäubt worden wie unter Narkose.

Für die Hinterbliebenen aber war es schlimm. Nicht nur, dass von einem Tag auf den anderen der Vater, Ehemann und Hofbetreiber nicht mehr da war. Zu Trauer, Schmerz und Zukunftssorgen kam auch noch die Peinlichkeit der unappetitlichen Todesursache. Vor allem Cord hatte unter Hohn und Spott zu leiden. Er ging ja noch zur Schule, besuchte die zwölfte Klasse des Gymnasiums.

»Ach du Scheiße«, hatte einer seiner Klassenkameraden gesagt, als er von dem Vorfall in der Güllegrube berichtet hatte. Und die anderen hatten sich prustend abgewendet und gelacht, wie blöde gelacht. »Tagelang hat es in der Kapelle noch gemüffelt«, wurde erzählt. Dabei hatte die Frau des |28|Bestattungsunternehmers den Leichnam mit Duftstoff eingerieben, um den Jauchegestank zu überdecken.

Der Tod war auf diese Weise zum Witz geworden, Kröger senior hatte nicht nur sein Leben, sondern auch seine Würde eingebüßt. Cord schämte sich für seinen Vater. Es war ihm, als würde ihm dieser elende Güllegeruch bis zum Ende seiner Tage anhaften und ihn in der Wahrnehmung aller anderen zu einem Ekelpaket machen, über den man die Nase rümpfte – einem Stinkstiefel in vollem Wortsinn.

Eine praktische Folge dieses Todesfalls war, dass Cord nun so bald wie möglich den Hof übernehmen musste. Denn der Betriebshelfer, den die Landwirtschaftliche Berufsgenossenschaft schickte, war keine Dauerlösung. Gleich nach dem Abitur sollte Cord in die Landwirtschaft einsteigen. Das hatte er seiner Mutter versprochen, hoch und heilig. Ganz durcheinander und verzweifelt war sie in der ersten Zeit gewesen.

Eigentlich hatte er andere Pläne gehabt, eigentlich wollte er nach Abitur und Bundeswehr Landwirtschaft studieren. Doch nun hatte er auf einmal alle Entfaltungsmöglichkeiten verloren. Die praktischen Herausforderungen waren stärker als sein Freiheitsdrang. Nach dem Abitur begann er eine landwirtschaftliche Lehre, und dank Sondergenehmigung musste er nur ein Jahr auf einem Lehrhof verbringen. In den restlichen zwei Jahren seiner Ausbildung war er schon Herr auf seinem eigenen Betrieb.

Gebäude und Geräte waren in miserablem Zustand. Sein Vater hatte nicht viel getan, um Anschluss an die moderne Landwirtschaft zu halten. Die beiden Trecker waren schrottreif, die Ställe feucht und einsturzgefährdet; vor der Haustür hatte sich ein Misthaufen aufgetürmt. Für die notwendigen Renovierungen und Neuanschaffungen musste er hohe Kredite aufnehmen. Um über die Runden zu kommen, pachtete er immer mehr Land dazu. Dadurch kam aber auch immer mehr Arbeit auf ihn zu. An die Anstellung einer Hilfskraft war |29|natürlich nicht zu denken. Nur in der Erntezeit ließ er sich tageweise helfen.

Seine Mutter war seine entscheidende Stütze. Ja, mehr als das. Sie hatte bereits zu Lebzeiten ihres Mannes den »Schreibkram«, wie sie es nannte, übernommen und die Übersicht über Ein- und Ausgaben gehabt. Daran hielt sie fest. Noch zwanzig Jahre blieb der Hof auf ihren Namen eingetragen. Und wenn Cord größere Anschaffungen oder Veränderungen plante, dann sprach Anna Kröger selbstverständlich in ihrem resoluten Befehlston mehr als ein Wörtchen mit.

Anfangs hatte sie zum Beispiel heftig dagegen angekämpft, als Cord die Kühe abschaffen wollte.

»Du bist wohl nicht mehr bei Trost«, hatte sie geschimpft. »Wenn wir die Kühe nicht gehabt hätten, dann wären wir doch längst in Schulden versunken.«

»Dann kann ich ja ’ne Kuh heiraten«, hatte er ärgerlich erwidert. Ein Argument, dem sich auch seine Mutter nicht verschließen konnte. Denn an der Verheiratung ihres Sohnes war auch sie interessiert. Wo sollten sonst die Enkelkinder herkommen? Der Hof sollte ja schließlich nicht an die Verwandtschaft fallen.

Nein, auch für seine Mutter war es ein Herzenswunsch, Großmutter zu werden. So ließ sie sich denn am Ende davon überzeugen, dass die Kühe eine unüberwindliche Hürde auf dem Weg zu den erwünschten Nachkommen darstellten und daher abgeschafft werden mussten. Mit Blick auf die ersehnten Enkelkinder unterstützte sie auch die Brautsuche ihres Sohnes – und zwar manchmal mehr als Cord lieb war.

Er fuhr die Abkürzung quer durch die Marschwiesen. Während er sein Auto auf die schmale Allerbrücke zwischen Bierde und Eilte lenkte, musste er daran denken, wie seine Mutter beim letzten Mal auf seine Nachtbekanntschaft eingeredet hatte. Sie hatte es übernommen, seinen Gast zu verwöhnen |30|und ein üppiges Frühstück mit Rührei und aufgebackenen Brötchen bereitet. Doch der Preis dafür war hoch: In einem fort hatte sie der Frau erzählt, wie schwer die Zeiten für die Landwirtschaft waren und was ihr Sohn (mit ihrer bescheidenen Hilfe) alles getan habe, um sich für die Zukunft zu rüsten. Hoffentlich, dachte Cord Kröger, hält sie diesmal die Klappe.

Seit dem Stopp auf dem Feldweg hatte er mit Jelena kein einziges Wort mehr gewechselt. Als er den Ort Ahlden passierte, wies er seine Begleiterin darauf hin, dass im Ahldener Schloss einst vor dreihundert Jahren eine hochwohlgeborene Prinzessin gefangen gehalten worden war, die ihren fürstlichen Gemahl mit einem Grafen betrogen hatte. »Interessant«, kommentierte Jelena und strich ihm übers Knie. Was sie sich wohl von mir erwartet, fragte sich Cord.

Büchten, Grethem, Gilten – sein Heimatdorf Bothmer rückte näher. Die Windmühle an der Leine zeichnete sich vor dem sternenklaren Himmel ab. Da entdeckte er plötzlich den Feuerschein am Himmel.

»Verdammte Scheiße, das darf doch nicht wahr sein«, stieß er hervor.

»Was ist denn?«

»Na, siehst du das nicht? Es brennt, verdammt! Bei uns im Dorf – schon wieder. Hoffentlich ist es nicht bei uns auf’m Hof.«

Je näher sie kamen, desto heller strahlte der Lichtschein. Schwarze Rauchwolken stiegen auf.

»So’n Mist«, fluchte Kröger. »Der Feuerteufel hat scheinbar wieder zugeschlagen. Vor einer Woche hat er erst bei unsern Nachbarn ’ne Scheune abgefackelt.«

Jelena sah ihn verwirrt an. »Furchtbar, da kriegt man ja Angst.«

|31|Cord schnaubte vor Aufregung, während er den Blick von der Straße auf den noch weit entfernten Feuerschein richtete.

»Das brennt in der Nähe von dem alten Schrottplatz, wahrscheinlich bei Baumanns. Da muss ich jetzt natürlich mal kurz hin. Wer weiß, was da los ist.«

Jelena seufzte. Die Liebesnacht hatte sich förmlich in Rauch aufgelöst.

Es knackte, knallte und prasselte, als er die Autotür öffnete. Eine Scheune stand in Flammen. Gewaltige Hitze schlug ihnen entgegen. Die Strohballen loderten auf wie Zeitungspapier. Überall auf dem Hof rannten Feuerwehrleute in rotweißen Westen mit Leuchtstreifen herum. Sie rollten Schläuche aus, schraubten Verbindungsstücke zusammen, schleppten Leitern an, zogen Absperrbänder. Unter den Feuerwehrleuten entdeckte Cord Kröger auch Björn, den Jungen, der ihm seit einigen Monaten auf dem Hof half. Der Jugendfeuerwehrmann war einer der Eifrigsten. Cord schämte sich, dass er tatenlos daneben stand, während der Junge mit seinen siebzehn Jahren bei den Löscharbeiten seinen Mann stand.

Plötzlich übertönte ein mächtiges Rumsen die Brandgeräusche. Jelena erschrak, blickte erst ängstlich in Cords Richtung und dann auf die brennende Scheune. Funken stoben auf, es krachte explosionsartig. Der Dachstuhl war zusammengesackt. Eine neue Hitzewelle stieg auf. Die Bauersfrau schlug entsetzt die Hände über die Augen. »Herrgott, die schöne Scheune«, wimmerte Erika Baumann. »Das Feuer frisst sich ja immer weiter. Warum macht denn die Feuerwehr nichts?«

»Ach was« erwiderte ihr Mann. »Lass bloß brennen den Mist. Lass bloß abfackeln. Was sollen wir mit den verkokelten Balken anfangen? Hauptsache, dass der Stall kein Feuer fängt. Da sind noch die Bullen drin, die kann ich doch nicht einfach rauslassen, die Viecher.«

|32|Die Feuerwehrleute schienen Baumanns Meinung zu teilen, nach kurzer, lautstark ausgetragener Debatte richteten sie den Wasserstrahl nur noch auf die Nachbargebäude.

Obwohl es noch nicht mal fünf Uhr war, hatte die Sirene viele Dorfbewohner aus den Betten gerissen. Sie bildeten eine Art Halbkreis um die Brandstelle. Manchen sah man an, dass sie ihre Bettbekleidung anbehalten hatten, provisorisch überdeckt durch Mäntel oder Pullover, was man so in der Eile gefunden hatte.

»Der äschert uns noch das ganze Dorf ein«, rief mit dramatischer Gebärde eine Nachbarin, die in ihrem Morgenmantel herausgestürmt war.

»Wer so was bloß macht? Wer so was bloß macht?«, klagte eine jüngere Frau.

»Bei dem ganzen Pack, das hier rumläuft, wundert mich gar nichts mehr«, lallte ein alter Mann mit Spazierstock, der offenbar in der Eile vergessen hatte, sein Gebiss einzusetzen.

»Ach, warte mal ab, das ist wahrscheinlich einer, an den überhaupt keiner denkt«, sagte der alte Zimmermann. »Meistens kommen doch diese Spitzbuben aus dem eigenen Dorf.«

»Gnade dem Gott, wenn ich den erwische«, knurrte ein stämmiger Bauer. »Der kann von Glück sagen, wenn die Polizei den hops nimmt.«

Auch Geister-Gertrud war unter den Schaulustigen, eine Lehrerwitwe, die sich einbildete, das zweite Gesicht zu haben, und viel wirres Zeug redete. »Das sind bloß erst die Vorboten«, sagte sie beschwörend. »Wenn der Himmel brennt, dann brennt es auch auf der Erde. Der Halleysche Komet kommt ja nun immer näher auf uns zu. Das kann doch jetzt jeder mit bloßem Auge sehen. Ich garantiere euch: Ehe der Sommer ins Land gegangen ist, ist es vorbei mit Mutter Erde.«

»Ach, hör doch auf zu spinnen, Gertrud«, fuhr der alte Schmied dazwischen. »Das Feuer hier ist bestimmt nicht vom |33|Himmel gefallen. Der Komet läuft hier wahrscheinlich irgendwo zwischen uns rum.«

Wieder stürzte ein Holzträger um. Funken tanzten über der Rauchsäule, die durch den durchgebrannten Dachstuhl stieg.

Cord fühlte sich unwohl in seinem Tanzkostüm. Es war ihm peinlich, dass Jelena neben ihm stand. Zum Glück konnte man in der Dunkelheit nicht erkennen, wie stark sie geschminkt war. Doch ihr Parfümduft behauptete sich auch noch gegen den Qualm. Sie schwieg verstört, wagte es nicht einmal, ihren Begleiter anzusprechen. Stattdessen wandte sich ein Nachbar Kröger zu.

»Na, prasselt ja wieder prächtig«, spottete der Mann. »Da wird einem doch richtig warm.« Nachdem er Cord Kröger näher in Augenschein genommen hatte, fügte er hinzu: »Bist wohl auch noch nicht im Bett gewesen, Kollege, was? Wo kommst du denn noch her so spät inner Nacht?«

Cord ließ die Frage unbeantwortet. Da stieß ihn der Nachbar kumpelhaft an, indem er einen kurzen Seitenblick auf Jelena warf. »Aber nicht schlecht die Dame, wirklich. Nicht von schlechten Eltern.«

Cord tat, als habe er nichts gehört. »Die hätten die Bullen da man rausholen sollen«, sagte er stattdessen, indem er seine Augen über den Rinderstall schweifen ließ. Tatsächlich drang Muhen und Blöken aus dem Fachwerkbau neben der brennenden Scheune. Die Tierlaute mischten sich mit dem Prasseln und Knacken des Feuers und dem Knattern des Wasserstrahls. Immer lauter tönte nun auch das Heulen eines Martinshorns. Offenbar näherte sich ein zweiter Feuerwehrzug. Auch ein Polizeiauto kam mit Sirenengeheul auf den Hof gerast.

Wieder krachten Balken zu Boden, Funken sprühten auf. Plötzlich stieg Rauch aus dem Bullenstall.

»Mensch, jetzt brennt es auch im Rinderstall«, rief Kröger aufgeregt. »Die Biester müssen raus, verdammt noch mal.«

|34|Im gleichen Atemzug rannte er auch schon auf das Stallgebäude zu, froh, der peinlichen Situation mit Jelena zu entkommen, endlich diese Tatenlosigkeit zu überwinden.

Er spürte, wie ihm die Hitze ins Gesicht schlug, als er vor der Stalltür stand. Brennende Strohhalme tanzten wie Glühwürmchen im Dämmerlicht. Er ignorierte die Warnrufe der Feuerwehrleute, schob den Riegel zur Seite, riss das Stalltor auf. Beißender Qualm wallte ihm entgegen. Die Bullen hatten sich ängstlich an die gegenüberliegende Mauer gedrängt. Er brach sich eine Latte von einer Trennwand, lief auf die Tiere zu und schlug mit der Latte auf sie ein, um sie in Richtung Ausgang zu treiben. »Raus hier, raus, ihr Biester!«, brüllte er. »Oder wollt ihr ersticken?«

Die verängstigten Tiere setzten sich in Bewegung, trotteten durch das geöffnete Tor ins Freie. Gott sei Dank! Endlich!

Gerade aber hatte der letzte Bulle den Stall verlassen, da krachte eine schwere Ladung von brennendem Heu und Balken durch den Dachboden und versperrte den Ausgang.

Cord Kröger stockte das Blut, das Atmen fiel ihm immer schwerer. Ich sitze hier fest, schoss es ihm durch den Kopf, gefangen. Ein Wasserstrahl knatterte gegen den brennenden Heuhaufen, löschte das Feuer, verstärkte aber gleichzeitig die Rauchentwicklung. Cord wurde schwindlig. Bloß nicht schlappmachen, stieß es ihm durch den Kopf. Bloß raus hier, bloß weg, verdammt. Er spürte, wie ihm die Beine weich wurde, wie er zu taumeln begann. Der Rauch brannte ihm so in den Augen, dass er sie gleich wieder zusammenkniff. Zwischen dem Knistern und Knacken hörte er das Blöken der Kühe, das Tatütata von Martinshörnern und unverständliche Schreie. Fast war ihm, als würde er auch Musik aus dem Klanginferno heraushören, Schlagerfetzen wie »Anita, Anita« – aber das war wohl nur das Martinshorn, wenn er nicht gar schon anfing zu fantasieren.

|35|Plötzlich riss ihn ein Knall aus seinem Dämmer. Entsetzt sah er, dass sich ein Topf mit Schmieröl in Brand gesetzt hatte, er spürte, wie ihn die Hitzewelle erfasste. Eine furchtbare Angst durchfuhr ihn, Todesangst. Doch sie lähmte ihn nicht, sie gab ihm einen letzten Schub, half ihm, sich aufzubäumen gegen das drohende Unheil. Panisch blickte er sich um.

Schließlich entdeckte er das Fenster. Die Hoffnung mobilisierte seine letzten Kräfte. Er torkelte auf das Fenster zu, zertrümmerte mit einer Latte Glas und Fensterrahmen und zwängte sich hinaus.

Er war wie benommen, als er sich hinter dem Stall im taufeuchten Gras wiederfand. Keuchend sog er die frische Nachtluft ein. Ihm wurde schwarz vor Augen. Feuerwehrleute stürmten auf ihn zu, fragten nach seinem Befinden. Obwohl er beteuerte, dass alles in Ordnung sei, bugsierten sie ihn zu einem Krankenwagen. Doch abgesehen von einigen Schürfwunden hatte er die brenzlige Situation im Stall unbeschadet überstanden.

Seine Kleidung allerdings hatte stark gelitten. Hemd und Hose waren verschmiert und zerrissen. Doch das allgemeine Schulterklopfen und die anerkennenden Blicke machten den Schaden mehr als wett. Er fühlte sich wie ein Held. Die Bäuerin fiel ihm um den Hals und dankte für die mutige Hilfe.

Auch der Ortsbrandmeister lobte ihn, wenn er auch einschränkend hinzufügte, dass es vielleicht besser gewesen wäre, wenn ein Feuerwehrmann mit Schutzkleidung den riskanten Einsatz übernommen hätte.

Cord hielt Ausschau nach Jelena. Seine Tanzpartnerin stand immer noch wie verloren in ihrem eleganten Seidenkleid inmitten der Schaulustigen.

»Was machst du für gefährliche Sachen«, begrüßte sie ihn. »Das Herz hat mir stillgestanden.«

|36|»Ach, sah schlimmer aus als es war«, wehrte er ab. »Aber jetzt bin ich wirklich bettreif, stehend k.o.« Er reichte ihr seine rußverschmierte Hand und zog sie in Richtung Auto.

Die Flammen waren inzwischen so gut wie gelöscht. Dennoch richteten die Feuerwehrleute ihren Wasserstrahl beharrlich auf die Reste der niedergebrannten Scheune, um einen möglichen Schwelbrand zu verhindern.

Auf dem Hof blökten die Bullen, die gerade mit viel Mühe in eine andere Scheune getrieben wurden. Drei waren schon ausgerissen, man wollte sie einfangen, wenn es richtig hell war.

Beim Weggehen sah Cord Kröger, wie Björn am Lattenzaun lehnte. In der einen Hand hielt er eine Zigarette, in der anderen seinen Feuerwehrhelm.

»Rauch nicht so viel, Björn«, rief er ihm zu.

Der junge Feuerwehrmann starrte ihn mit seinen müden Augen an, als sei er ganz woanders. Er benötigte einen Augenblick, bevor er zu einer Antwort ansetzen konnte.

»Alles in Ordnung, Chef.«

»Dann ist ja gut. Aber sieh mal zu, dass du langsam ins Bett kommst.«

Als Kröger seinen Nissan aufschloss, sah er, dass Morgenrot den Himmel färbte.

»Du bist ja ein richtiger Held«, sagte Jelena im Auto zu ihm. Zärtlich streichelte sie ihm über die verschmierte Hose. Die Lust keimte wieder in ihm auf. Aber gleichzeitig musste er gähnen.

|37|4.

Er war fix und fertig. Funken tanzten vor seinen Augen. Dabei war das Feuer längst gelöscht. Es räucherte zwar noch, und unter dem Schutt und der Asche glomm die Glut bei jedem Windstoß wieder auf. Aber die Gefahr war gebannt. Alles unter Kontrolle. Und er, Björn Bergmann, hatte einen wichtigen Beitrag bei den Löscharbeiten geleistet. O ja, er hatte verdammt noch mal allen Grund, stolz zu sein. Selbstzufrieden spuckte der Junge mit dem Baseballkäppi in Richtung Brandstelle. Gestandene Feuerwehrmänner hatten ihm anerkennend auf die Schulter geklopft, ein Bier in die Hand gedrückt oder eine Zigarette angeboten. Auch Cord Kröger hatte gesehen, wie er gekämpft hatte, auch Cord. Dass der sich als Retter im Rinderstall vor seiner wasserstoffblonden Tussi beweisen musste, verstand Björn. Er gönnte es seinem Chef.

Weniger toll fand er es, dass sein Vater angerückt war. Wie der ihn angeglotzt hatte, die ganze Zeit. Kein Wort hatte er zu ihm gesagt, aber die Blicke hatten Bände gesprochen. Grimmig, vorwurfsvoll, geradezu hasserfüllt hatte der ihn in seiner Feuerwehrkluft beäugt. Dabei war er damals seinem Vater zuliebe überhaupt erst in die Jugendfeuerwehr eingetreten und in den ersten Jahren immer auch sehr stolz gewesen, wenn er nach den Wettkämpfen mit Siegerurkunden nach Hause gekommen war. Doch damit war es vorbei, lange schon. Wahrscheinlich, dachte Björn, kann es der alte Saufkopf einfach nicht ertragen, dass ihn sein eigener Sohn übertrumpft. Möglicherweise aber spukt dem auch noch was anderes im Kopf herum.

|38|5.

Es klopfte. »Kaffee ist fertig, Cord«, rief eine Frauenstimme hinter der Schlafzimmertür. »Cord, Cor-hord. Warum antwortest du denn nicht? Das geht auf Mittag zu, du willst ja wohl nicht den ganzen Tag im Bett liegen.«

Er öffnete das linke Auge, gähnte, streckte sich und hoffte inständig, dass seine Mutter endlich Ruhe geben würde. Er fühlte sich bleischwer. Draußen rumorten die Vögel. Sonnenstrahlen stahlen sich durchs Fenster und schlugen durch das abgedunkelte Schlafzimmer eine Lichtschneise, in der Staubpartikel tanzten. Er versuchte, sich an seinen Traum zu erinnern. Doch das Nachtgespinst zerstob wie ein Regenbogen. Erst jetzt entdeckte er die Frau, die neben ihm im Bett lag. Jelena starrte ihn mit großen Augen an. Er hätte sich am liebsten wieder umgedreht und weitergeschlafen, um den Peinlichkeiten zu entfliehen, die dieser fortgeschrittene Morgen wahrscheinlich noch bereithielt. Aber was half das? »Scheiße« war das erste Wort, das ihm wie ein Stoßseufzer entfuhr.

»Guten Morgen«, flüsterte Jelena ihm zärtlich zu.

»Morgn.«

Schläfrig und mutlos klang dieser Morgengruß, den er eher verlegen als leidenschaftlich mit einem Kuss untermauerte.

»Cord, das Ei wird kalt«, tönte erneut die Frauenstimme hinter der Tür, diesmal schon sehr ungeduldig, fast beleidigt. Als die Antwort immer noch ausblieb, setzte die Frau besorgt nach: »Cord, Cor-hord. Dir is ja wohl nichts zugestoßen letzte Nacht?«

|39|»Jetzt hör doch mal endlich auf mit dem Geschrei, ist ja schrecklich«, erwiderte der Angerufene. »Ich komm schon, verdammt noch mal.«

Damit schlug er die Federdecke zurück und stieg gähnend aus dem Bett. Jelena blickte zur Seite, während er stöhnend damit begann, die auf dem Boden liegenden Socken und die Unterhose vom Vortag anzuziehen. Hastig angelte er sich Hemd und Hose aus dem Kleiderschrank.

»Bis gleich.«

Damit war er auch schon aus dem Raum geschlurft.

Als seine Mutter ihn mit ihrer Sicht des nächtlichen Brandes bestürmen wollte, unterbrach er sie und bat sie kleinlaut, noch ein Frühstücksgedeck dazuzustellen. »Ich hab da vom Tanzen ’ne Frau mitgebracht. Ich wollte sie eigentlich noch nach Hause fahren, aber bei dem Feuer und dem ganzen Terz heute Nacht sind wir drüber weggekommen.«

Seine Mutter atmete tief durch und zog vorwurfsvoll die Augenbrauen hoch. »Da hätteste auch mal früher was von sagen können, da reicht der Kaffee ja gar nicht. Aber ich setz eben noch welchen auf.«

Mit diesen Worten trottete sie kopfschüttelnd in die Küche.

Nach einer Weile tauchte Jelena vollständig bekleidet aus dem Schlafzimmer auf, um gleich darauf wieder mit ihrer Handtasche für zwanzig Minuten im Badezimmer zu verschwinden. Cord erhielt von seiner Mutter den Auftrag, sie zu fragen, ob sie ihr Ei gekocht oder gebraten wünsche. Und wenn gebraten, ob als Rühr- oder Spiegelei zubereitet. »Ohne Ei is für meine Mutter kein Sonntag, weißte«, fügte er entschuldigend hinzu.

Aber Jelena wollte überhaupt kein Ei – eine Mitteilung, die Anna Kröger wie eine böse Zurückweisung aufnahm. Eingeschnappt wandte sie ihren Kopf zur Seite.

|40|Dennoch ließ sie sich nicht davon abhalten, kurze Zeit später dem Gast den Kaffee persönlich einzuschenken. Obwohl sie gerade achtzig geworden war und schon reichlich gebückt ging, achtete die weißhaarige Bauersfrau immer noch auf ihr Äußeres. Regelmäßig ließ sie beim Friseur ihre Dauerwelle erneuern. Und ihre Körperfülle verbarg sie geschickt unter weiten Kleidern. An diesem Morgen allerdings trug sie – wie meist im Haus – eine geblümte Kittelschürze.

Anders als ihr Sohn hatte sie keine Probleme, mit fremden Menschen ins Gespräch zu kommen. So war es auch an diesem Mittag. Der nächtliche Brand feuerte ihre Redseligkeit zusätzlich an.

»Ist das nicht furchtbar? Ist das nicht furchtbar?«, lamentierte sie, ohne mit einer Antwort zu rechnen. »Lange macht mein Herz das nicht mehr mit. Als heute Nacht die Sirenen gegangen sind, hab ich wieder solche Stiche gekriegt, dass ich Tabletten nehmen musste. Nee, nee, wo das noch hinführen soll. Man traut sich gar nicht mehr einzuschlafen. Und immer am Wochenende. Jetzt ist es schon das siebte Mal. Zwei Wochen vor Ostern ist es losgegangen. Da hat man ja noch gedacht, dass es ’n Kabelbrand war oder so was. Aber als dann eine Woche später schon wieder die Sirenen geheult haben, da war natürlich der Fall klar. Jetzt läuft im ganzen Dorf die Polizei rum. Aber die finden auch nichts. Manch einer traut sich schon gar nicht mehr aus dem Haus. Jeder hat doch Angst, dass er sich verdächtig macht. Cord, erzähl doch mal, wie sie dich neulich nachts kontrolliert haben.«

»Kontrolliert is wohl nicht der richtige Ausdruck.« Er musste sich räuspern, bevor er fortfahren konnte. »Ja, äh, das war wirklich ’ne komische Sache. Ich konnte nicht schlafen. Deshalb bin ich noch mal ’n bisschen vor die Tür gegangen und habe ’ne Runde um den Hof gedreht. Und auf einmal kommt da so ’n Auto, kein Streifenwagen, sondern ’n ganz normales Auto kommt da langsam auf mich zu. Ich hab |41|mich natürlich total erschrocken und gedacht, dass mein letztes Stündlein geschlagen hätte. Aber dann dreht auf einmal einer von den beiden im Auto das Seitenfenster runter und ruft: ›Polizei, können wir bitte mal Ihren Ausweis sehen?‹ Ich hatte natürlich keinen Ausweis dabei, hatte mir ja nur schnell meine Jacke über den Schlafanzug gezogen. Und als ich ihnen dann gesagt habe, was Sache ist, da hat einer einen Block gezückt und sich alles aufgeschrieben: Name, Alter, Wohnort, Beruf und so. Dabei hat der mich die ganze Zeit angeglotzt, als ob er mich längst durchschaut hätte.«

»Zum Glück hast du diesmal eine Bezeugerin, dass du unschuldig bist«, warf Jelena schüchtern ein.

»Bezeugerin ist gut. Aber wer weiß, was denen durch den Kopp geht«, erwiderte Cord. »Auf jeden Fall hab ich mir ganz schön Hemd und Hose versaut, als ich da heute Nacht durchs Stallfenster gekrabbelt bin. War wirklich Rettung in letzter Minute – für mich und für die Bullen.«

An dieser Stelle horchte auch seine Mutter auf und fragte ausnahmsweise nach, sodass er Gelegenheit erhielt, seine nächtliche Heldentat in aller Breite zum Besten zu geben.

»Junge, Junge, sich so in Gefahr zu begeben«, sagte die Bäuerin kopfschüttelnd. »Das wären die Rinder doch nicht wert gewesen, dass man dafür sein Leben riskiert.« Sie seufzte. »Schlimm. Als es hier vor vier Wochen nebenan gebrannt hat, hab ich’s auch mit der Angst gekriegt.«

Eine Fliege landete auf dem Küchentisch. Anna Kröger hielt den Atem an, holte aus und fing das Insekt mit der rechten Hand. Während sie die Fliege zerdrückte und in den Abfalleimer warf, kaute ihr Sohn an einem Brötchen herum. Jelena dagegen setzte die Kaffeetasse, die sie gerade noch zum Mund führen wollte, ab und blickte irritiert auf die Tischkante.

Nach der Fliegenbeseitigung ergriff Anna Kröger wieder das Wort. In allen Einzelheiten erzählte sie von dem Brand, |42|den sie selbst beobachtet hatte. Jelena schmierte sich nach der kurzen Verstörung ein Marmeladenbrötchen und nippte an ihrem Kaffee. Schweigend fand sie sich damit ab, dass die alte Frau an ihrer Person kein Interesse zeigte. Cord war nicht entgangen, dass Jelena sich nach dem Aufstehen ein dezentes Make-up aufgelegt hatte. Er schämte sich vor ihr. Nicht nur, weil seine Mutter das Gespräch so hemmungslos an sich riss und fortfuhr, nebenbei Fliegen zu fangen, sondern auch wegen der zurückliegenden Nacht. Kaum hatte er sich ins Bett gelegt, war er auch schon eingenickt. Diese Russin musste ihn für einen Versager halten, für ein impotentes Muttersöhnchen.

Björn kam zur Tür herein. Der hoch aufgeschossene Junge war bereits wieder in Feuerwehruniform und brachte einen intensiven Rauchgeruch mit in die Küche. Schüchtern grüßte er in Jelenas Richtung.

»Ich geh dann noch mal wieder hin«, teilte er seinem Chef mit. »Am besten, ich nehm gleich den alten Fendt mit, dann kann ich vielleicht mit dem Frontlader bisschen beim Aufräumen helfen. Geht doch klar, Cord, oder?«

»Ja, mach man, Björn«, sagte Cord. »Sieht auch besser aus, wenn wenigstens einer vom Hof da die Stellung hält.«

»Ganz fleißiger Junge«, sagte Anna Kröger, als Björn wieder hinausgeschlurft war. »Der ist erst gegen sechs nach Hause gekommen, und um zehn ist er schon wieder raus aus den Federn. Ganz feiner Junge, wenn er bloß nicht immer so viel spucken würde.«

Cord erklärte seiner Besucherin, dass der Junge ein Zimmer auf seinem Hof bezogen habe. Mit seinen Eltern sei er schon längere Zeit »über quer«. Sein Vater, ein dorfbekannter Säufer, habe ihn oft geschlagen. Nach den Sommerferien werde Björn eine landwirtschaftliche Lehre bei ihm beginnen.

|43|»Wenn du dich angestrengt hättest, hättest du auch schon so ’n Jungen in dem Alter haben können, Cord«, scherzte seine Mutter und lächelte herausfordernd. »Aber heutzutage«, fuhr sie mit Blick auf Jelena fort, »heutzutage findet ja eher ein Strauchdieb ’ne Braut als ein rechtschaffener Bauer.«

»Ach, Mama, jetzt fang doch nicht wieder mit der alten Leier an.«

»Das is ja wohl nichts Unrechtes, he, he, he.« Die alte Frau kicherte in sich hinein. »So jung bin ich ja leider auch nicht mehr, dass ich noch jahrelang auf Enkelkinder warten könnte. Aber noch is nicht aller Tage Abend, he, he, he.«

Jelena senkte verschämt den Blick. Peinliches Schweigen legte sich über die Frühstücksgesellschaft. Schließlich ergriff die Bäuerin wieder das Wort. »Noch ’n bisschen Kaffee?«

Jelena lächelte gequält und schüttelte den Kopf. Dann bat sie Cord, sie bald nach Hause zu fahren. »Meine Mutter weiß ja gar nicht, wo ich bin.«

Das Angebot, kurz zu Hause anzurufen, lehnte sie jedoch ab.

Cord bemühte sich erst gar nicht, sie zum Bleiben aufzufordern. Als habe er nur auf ein Stichwort gewartet, sprang er sofort auf. »Ich muss heut Nachmittag auch noch spritzen«, murmelte er vor sich hin. Jelena unterließ es nachzufragen, was er damit meinte. Denn sie verstand nicht, dass es darum ging, das Getreide gegen Unkraut, Pilze und Schädlinge mit Pflanzenschutzmittel zu besprühen.

Immer noch hing Rauchgeruch in der Luft. Herbert begann zu kläffen, Cords Jagdhund, ein Deutsch Drahthaar mit graubraunem Fell, war in der großen Diele eingesperrt. Er sprang an seinem Herrchen hoch und jaulte und winselte, als wollte er sich über die lange Vernachlässigung beklagen. »Is ja gut, alter Junge«, redete Cord auf ihn ein, während er ihm das struppige Fell massierte. Dann schoss Herbert auch auf Jelena zu, sprang ebenfalls an ihr hoch und versuchte sie zu beschnüffeln. Jelena wich ängstlich zurück. »Platz«, kommandierte |44|Cord Kröger. Sofort legte sich Herbert seinem Herrn ergeben zu Füßen.

Auf dem Weg zum Auto zeigte Kröger seiner Besucherin kurz den Hof. Unter dem Scheunenvordach stand sein Prunkstück: der neue Trecker – ein imposantes Gefährt mit grüngrauer Metalliclackierung, Hightechkabine und wuchtigen Reifen.

»Das is er.« Kröger mühte sich redlich, seinen Stolz im Zaum zu halten, denn das Gerede der vergangenen Nacht war ihm mittlerweile peinlich. Jelena aber spielte nun mit.

»Na, das ist wirklich ein schöner Traktor, da würde ich auch gern einmal mitfahren und die weite Aussicht genießen«, sagte sie.

»Warum nicht? Musik gibt’s da oben auch.«

Eingedenk seiner nächtlichen Lobpreisung sah er keine Veranlassung mehr, technische Einzelheiten vorzuführen.

Bevor er seine Besucherin zum Auto führte, zeigte er ihr aber noch seine Schweineställe – fensterlose Flachbauten mit grün lackiertem Stahlblech verkleidet.

»Alles vollautomatisch. Das ganze Füttern steuert der Computer. Ich muss nur alle drei Tage mit dem Frontlader bisschen Mais und so nachfüllen, und dann holt sich der Computer, was er für die Futtermischung braucht: Schrot, Kraftfutter, Wasser und der ganze Mist wird automatisch zusammengerührt.«

Jelena staunte. »Aber wie kommt das denn zu den Tieren hinein?«

»Das wird durch Rohre gepumpt und landet am Ende in den Buchten. Ich kann ganz genau eingeben, wie viele Schweine versorgt werden müssen, und dann verteilt der Computer das Zeug. Genau nach Diätplan – dreimal am Tag ist Raubtierfütterung. Du kannst es dir ja mal angucken …«

Mit diesen Worten lotste er seine Besucherin auch schon zum ersten Stall. In den Buchten war es stockdunkel. Das |45|änderte sich erst, als er den Lichtschalter betätigte. Geblendet von dem ockerfarbenen Licht grunzten die Schweine in ihren engen Buchten auf und starrten die Besucher an.

»Ist es immer so finster hier?«, fragte Jelena beklommen.

»Ja, meistens. Is doch klar: Je dunkler, desto weniger bewegen sich die Viecher. Und je weniger die sich bewegen, desto schneller werden sie fett, das ist wie bei den Menschen. Paar Stunden am Tag schaltet sich das Licht natürlich an, denn zum Fressen brauchen die Tiere natürlich Licht. Sonst gehen die nicht ran an das Futter, und wenn sie nicht fressen, dann werden sie nicht fett. Nach spätestens sechs Monaten müssen die schlachtreif sein, sonst zahl ich drauf.«

»Die armen Schweine.«

»Na ja, klingt vielleicht brutal, aber ich muss natürlich auch leben. Schweinehaltung ist heute ein knapp kalkuliertes Geschäft. Da bewegt man sich immer haarscharf über der Verlustzone und manchmal auch darunter. Du weißt doch selbst, wie wenig ein Kilo Koteletts heute kostet und dass die Supermärkte sich mit ihren Scheiß-Sonderangeboten gegenseitig unterbieten. Ich sag immer: Wer nicht mehr als fünf Euro für ein Kilo Schnitzel bezahlen will, der hat auch kein Recht, sich als Tierschützer aufzuspielen.«

»Und wir setzen uns eine Maske auf und tanzen Schweinetango«, sagte Jelena. »Nach Tanzen ist deinen Schweinchen bestimmt nicht zumute.«

»Dafür müssen die Schweinchen auch nicht so schwitzen.«

Er führte Jelena in weitere Ställe. Einen früheren Rinderstall hatte er für Jungschweine zur sogenannten Vormast umgebaut. Dies war die erste Station, in die die Ferkel kamen, die Cord Kröger im Alter von acht Wochen von den Züchtern aufkaufte. Hier drang durch die geöffneten Tore immerhin noch Tageslicht zu den Tieren vor, und anstelle der sonst üblichen Spaltenböden war der Stall mit Stroh ausgestreut.

|46|»Dass sie erst mal ’n bisschen zu Kräften kommen.«

Ein anderer Stall war nahezu leer. Nur wenige Schweine bewegten sich dickbäuchig und schwerfällig durch einen Gang oder standen teilnahmslos in ihren Buchten. »Die andern sind vorgestern weggegangen. Die landen morgen schon bei dir inner Fleischtheke«, erklärte er grinsend. »Diese hier müssen noch ’n paar Tage, aber spätestens Ende der Woche gehen die auch weg.«

Der Himmel hatte sich bezogen, als die beiden wieder ins Freie traten. Doch es war immer noch mild. Aus der Marsch rief ein Kuckuck, so durchdringend, dass es wie Bellen klang. Jelena sog die frische Frühlingsluft tief ein. »Da kann man doch froh sein, dass man als Mensch geboren ist«, sagte sie.

»Da is was dran. Aber manchmal hat man es als Mensch auch nicht so leicht.«

Jelena ließ ihren Blick über den Hof schweifen – über die große Scheune, die Schuppen, über den großen neuen Trecker, den Anhänger, die Pflüge, Eggen und den Gülletankwagen, über die stattliche Hofkastanie, die mit ihren blühenden Kerzen aussah wie ein riesiger Christbaum. Ihre Augen wanderten über die Eichen, die Holunderbüsche, den verwilderten Garten, der fast ganz von Brennnesseln und Brombeerranken eingenommen war, über die Tränenden Herzen und verblühten Stiefmütterchen vor dem Wohnhaus, über den durch Treckerspuren zerfurchten Hofplatz mit den ausgetrockneten Regenpfützen.

Jelena war beeindruckt. »Na, das ist ja so groß hier bei dir wie bei einem Grafen, da kann man sich ja verlaufen.«

»Viel zu groß«, wehrte Cord ab. »Das kann man natürlich nicht alles so in Schuss halten wie in so ’nem kleinen Vorgarten. Da bleibt viel liegen.«

»Da fehlt eine junge Frau auf dem Hof.« Jelena lächelte. Doch als ihr der Hintersinn ihrer Worte aufging, schoss ihr das Blut in die Wangen.

Pulsuz fraqment bitdi.

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23 dekabr 2023
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