Kitabı oxu: «Die bekanntesten Theaterstücke»

Şrift:

Heinrich von Kleist

Die bekanntesten Theaterstücke


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musaicumbooks@okpublishing.info

2017 OK Publishing

ISBN 978-80-272-2052-6

Inhaltsverzeichnis

Die Familie Schroffenstein

Amphitryon

Der zerbrochne Krug

Penthesilea

Das Käthchen von Heilbronn oder Die Feuerprobe

Die Hermannsschlacht

Robert Guiskard

Prinz Friedrich von Homburg

Heinrich von Kleist: Ein Bild seines Lebens und Wirkens (Rudolf Genée)

Die Familie Schroffenstein

Ein Trauerspiel in fünf Aufzügen

Inhaltsverzeichnis

Personen

Erster Aufzug

Erste Szene

Zweite Szene

Zweiter Aufzug

Erste Szene

Zweite Szene

Dritte Szene

Dritter Aufzug

Erste Szene

Zweite Szene

Vierter Aufzug

Erste Szene

Zweite Szene

Dritte Szene

Vierte Szene

Fünfte Szene

Fünfter Aufzug

Erste Szene

Personen

Inhaltsverzeichnis

RUPERT, Graf von SCHROFFENSTEIN, aus dem Hause ROSSITZ

EUSTACHE, seine Gemahlin

OTTOKAR, ihr Sohn

JOHANN, Ruperts natürlicher Sohn

SYLVIUS, Graf von SCHROFFENSTEIN, aus dem Hause WARWAND

SYLVESTER, sein Sohn, regierender Graf

GERTRUDE, Sylvesters Gemahlin, Stiefschwester der Eustache

AGNES, ihre Tochter

JERONIMUS von SCHROFFENSTEIN, aus dem Hause WYK

ALDÖBERN, SANTING und FINTENRING, Vasallen Ruperts

THEISTINER, Vasall Sylvesters

URSULA, eine Totengräberswitwe

BARNABE, ihre Tochter

EINE KAMMERJUNGFER DER EUSTACHE

EIN KIRCHENVOGT

EIN GÄRTNER

ZWEI WANDERER

RITTER, GEISTLICHE, HOFGESINDE

(Das Stück spielt in Schwaben)

Erster Aufzug

Inhaltsverzeichnis

Erste Szene

Inhaltsverzeichnis

Rossitz. Das Innere einer Kapelle. Es steht ein Sarg in der Mitte; um ihn herum Rupert, Eustache, Ottokar, Jeronimus, Ritter, Geistliche, das Hofgesinde und ein Chor von Jünglingen und Mädchen. Die Messe ist soeben beendigt.

CHOR DER MÄDCHEN (mit Musik):

Niedersteigen,

Glanzumstrahlet,

Himmelshöhen zur Erd herab,

Sah ein Frühling

Einen Engel.

Nieder trat ihn ein frecher Fuß.

CHOR DER JÜNGLINGE:

Dessen Thron die weiten Räume decken,

Dessen Reich die Sterne Grenzen stecken,

Dessen Willen wollen wir vollstrecken,

Rache! Rache! Rache! schwören wir.

CHOR DER MÄDCHEN:

Aus dem Staube

Aufwärts blickt' er

Milde zürnend den Frechen an;

Bat, ein Kindlein,

Bat um Liebe.

Mörders Stahl gab die Antwort ihm.

CHOR DER JÜNGLINGE (wie oben):

CHOR DER MÄDCHEN:

Nun im Sarge,

Ausgelitten,

Faltet blutige Händlein er,

Gnade betend

Seinem Feinde.

Trotzig stehet der Feind und schweigt.

CHOR DER JÜNGLINGE (wie oben):

(Während die Musik zu Ende geht, nähert sich die Familie und ihr Gefolge dem Altar.)

RUPERT:

Ich schwöre Rache! Rache! auf die Hostie,

Dem Haus Sylvesters, Grafen Schroffenstein.

(Er empfängt das Abendmahl.)

Die Reihe ist an dir, mein Sohn.

OTTOKAR: Mein Herz

Trägt wie mit Schwingen deinen Fluch zu Gott.

Ich schwöre Rache, so wie du.

RUPERT: Den Namen,

Mein Sohn, den Namen nenne.

OTTOKAR: Rache schwör ich,

Sylvestern Schroffenstein!

RUPERT: Nein irre nicht:

Ein Fluch, wie unsrer, kömmt vor Gottes Ohr

Und jedes Wort bewaffnet er mit Blitzen.

Drum wäge sie gewissenhaft. - Sprich nicht

Sylvester, sprich sein ganzes Haus, so hast

Dus sichrer.

OTTOKAR: Rache! schwör ich, Rache!

Dem Mörderhaus Sylvesters.

(Er empfängt das Abendmahl.)

RUPERT: Eustache,

Die Reihe ist an dir.

EUSTACHE: Verschone mich,

Ich bin ein Weib –

RUPERT: Und Mutter auch des Toten.

EUSTACHE:

O Gott! Wie soll ein Weib sich rächen?

RUPERT: In

Gedanken. Würge

Sie betend. (Sie empfängt das Abendmahl.)

(Rupert führt Eustache in den Vordergrund. Alle folgen.)

RUPERT:

Ich weiß, Eustache, Männer sind die Rächer –

Ihr seid die Klageweiber der Natur.

Doch nichts mehr von Natur.

Ein hold ergötzend Märchen ists der Kindheit,

Der Menschheit von den Dichtern, ihren Ammen,

Erzählt. Vertrauen, Unschuld, Treue, Liebe,

Religion, der Götter Furcht sind wie

Die Tiere, welche reden. – Selbst das Band,

Das heilige, der Blutsverwandtschaft riß,

Und Vettern, Kinder eines Vaters, zielen,

Mit Dolchen zielen sie auf ihre Brüste.

Ja sieh, die letzte Menschenregung für

Das Wesen in der Wiege ist erloschen.

Man spricht von Wölfen, welche Kinder säugten,

Von Löwen, die das Einzige der Mutter

Verschonten. – Ich erwarte, daß ein Bär

An Oheims Stelle tritt für Ottokar.

Und weil doch alles sich gewandelt, Menschen

Mit Tieren die Natur gewechselt, wechsle

Denn auch das Weib die ihrige – verdränge

Das Kleinod Liebe, das nicht üblich ist,

Aus ihrem Herzen, um die Folie,

Den Haß, hineinzusetzen.

Wir

Indessen tuns in unsrer Art. Ich biete

Euch, meine Lehensmänner, auf, mir schnell

Von Mann und Weib und Kind, und was nur irgend

Sein Leben lieb hat, eine Schar zu bilden.

Denn nicht ein ehrlich offner Krieg, ich denke,

Nur eine Jagd wirds werden, wie nach Schlangen.

Wir wollen bloß das Felsenloch verkeilen,

Mit Dampfe sie in ihrem Nest ersticken,

– Die Leichen liegen lassen, daß von fernher

Gestank die Gattung schreckt, und keine wieder

In einem Erdenalter dort ein Ei legt.

EUSTACHE:

O Rupert, mäßge dich! Es hat der frech

Beleidigte den Nachteil, daß die Tat

Ihm die Besinnung selbst der Rache raubt,

Und daß in seiner eignen Brust ein Freund

Des Feindes aufsteht wider ihn, die Wut –

Wenn dir ein Garn Sylvester stellt, du läufst

In deiner Wunde blindem Schmerzgefühl

Hinein. – Könntst du nicht prüfen mindestens

Vorher, aufschieben noch die Fehde. – Ich

Will nicht den Arm der Rache binden, leiten

Nur will ich ihn, daß er so sichrer treffe.

RUPERT:

So, meinst du, soll ich warten, Peters Tod

Nicht rächen, bis ich Ottokars, bis ich

Auch deinen noch zu rächen hab – Aldöbern!

Geh hin nach Warwand, kündge ihm den Frieden auf.

– Doch sags ihm nicht so sanft, wie ich, hörst du?

Nicht mit so dürren Worten – Sag daß ich

Gesonnen sei, an seines Schlosses Stelle

Ein Hochgericht zu bauen. – Nein, ich bitte,

Du mußt so matt nicht reden – Sag ich dürste

Nach sein und seines Kindes Blute, hörst du?

Und seines Kindes Blute.

(Er bedeckt sich das Gesicht; ab, mit Gefolge, außer Ottokar und Jeronimus.)

JERONIMUS:

Ein Wort, Graf Ottokar.

OTTOKAR: Bist dus, Jerome?

Willkommen! Wie du siehst, sind wir geschäftig,

Und kaum wird mir die Zeit noch bleiben, mir

Die Rüstung anzupassen. – Nun, was gibts?

JERONIMUS:

Ich komm aus Warwand.

OTTOKAR: So? Aus Warwand? Nun?

JERONIMUS:

Bei meinem Eid, ich nehme ihre Sache.

OTTOKAR:

Sylvesters? Du?

JERONIMUS: Denn nie ward eine Fehde

So tollkühn rasch, so frevelhaft leichtsinnig

Beschlossen, als die eur'.

OTTOKAR: Erkläre dich.

JERONIMUS:

Ich denke, das Erklären ist an dir.

Ich habe hier in diesen Bänken wie

Ein Narr gestanden,

Dem ein Schwarzkünstler Faxen vormacht.

OTTOKAR: Wie?

Du wüßtest nichts?

JERONIMUS: Du hörst, ich sage dir,

Ich komm aus Warwand, wo Sylvester, den

Ihr einen Kindermörder scheltet,

Die Mücken klatscht, die um sein Mädchen summen.

OTTOKAR:

Ja so, das war es. – Allerdings, man weiß,

Du giltst dem Hause viel, sie haben dich

Stets ihren Freund genannt, so solltest du

Wohl unterrichtet sein von ihren Wegen.

Man spricht, du freitest um die Tochter – Nun,

Ich sah sie nie, doch des Gerüchtes Stimme

Rühmt ihre Schönheit! Wohl. So ist der Preis

Es wert. –

JERONIMUS: Wie meinst du das?

OTTOKAR: Ich meine, weil –

JERONIMUS:

Laß gut sein, kann es selbst mir übersetzen.

Du meinest, weil ein seltner Fisch sich zeigt

Der doch zum Unglück bloß vom Aas sich nährt,

So schlüg ich meine Ritterehre tot,

Und hing' die Leich an meiner Lüste Angel

Als Köder auf –

OTTOKAR: Ja, grad heraus, Jerome!

Es gab uns Gott das seltne Glück, daß wir

Der Feinde Schar leichtfaßlich, unzweideutig,

Wie eine runde Zahl erkennen. Warwand,

In diesem Worte liegts, wie Gift in einer Büchse;

Und weils jetzt drängt, und eben nicht die Zeit,

Zu mäkeln, ein zweideutig Körnchen Saft

Mit Müh herauszuklauben, nun so machen

Wirs kurz, und sagen: du gehörst zu Warwand.

JERONIMUS:

Bei meinem Eid, da habt ihr recht. Niemals

War eine Wahl mir zwischen euch und ihnen;

Doch muß ich mich entscheiden, auf der Stelle

Tu ichs, wenn so die Sachen stehn. Ja sieh,

Ich spreng auf alle Schlösser im Gebirg,

Empöre jedes Herz, bewaffne, wo

Ichs finde, das Gefühl des Rechts, den frech

Verleumdeten zu rächen.

OTTOKAR: Das Gefühl

Des Rechts! O du Falschmünzer der Gefühle!

Nicht einen wird ihr blanker Schein betrügen;

Am Klange werden sie es hören, an

Die Tür zur Warnung deine Worte nageln. –

Das Rechtgefühl! – Als obs ein andres noch

In einer andern Brust, als dieses, gäbe!

Denkst du, daß ich, wenn ich ihn schuldlos glaubte,

Nicht selbst dem eignen Vater gegenüber

Auf seine Seite treten würde? Nun,

Du Tor, wie könnt ich denn dies Schwert, dies gestern

Empfangne, dies der Rache auf sein Haupt

Geweihte, so mit Wollust tragen? – Doch

Nichts mehr davon, das kannst du nicht verstehn.

Zum Schlusse – wir, wir hätten, denk ich, nun

Einander wohl nichts mehr zu sagen?

JERONIMUS: – Nein.

OTTOKAR:

Leb wohl!

JERONIMUS: Ottokar!

Was meinst du? Sieh, du schlägst mir ins Gesicht,

Und ich, ich bitte dich mit mir zu reden –

Was meinst du, bin ich nicht ein Schurke?

OTTOKAR: Willst

Dus wissen, stell dich nur an diesen Sarg.

(Ottokar ab. Jeronimus kämpft mit sich, will ihm nach, erblickt dann den Kirchenvogt.)

JERONIMUS:

He, Alter!

KIRCHENVOGT: Herr!

JERONIMUS: Du kennst mich?

KIRCHENVOGT: Warst du schon

In dieser Kirche?

JERONIMUS: Nein.

KIRCHENVOGT: Ei, Herr, wie kann

Ein Kirchenvogt die Namen aller kennen,

Die außerhalb der Kirche?

JERONIMUS: Du hast recht:

Ich bin auf Reisen, hab hier angesprochen,

Und finde alles voller Leid und Trauer.

Unglaublich dünkts mich, was die Leute reden,

Es hab der Oheim dieses Kind erschlagen.

Du bist ein Mann doch, den man zu dem Pöbel

Nicht zählt, und der wohl hie und da ein Wort

Von höhrer Hand erhorchen mag. Nun, wenns

Beliebt, so teil mir, was du wissen magst,

Fein ordentlich und nach der Reihe mit.

KIRCHENVOGT:

Seht, Herr, das tu ich gern. Seit alten Zeiten

Gibts zwischen unsern beiden Grafenhäusern,

Von Rossitz und von Warwand einen Erbvertrag,

Kraft dessen nach dem gänzlichen Aussterben

Des einen Stamms, der gänzliche Besitztum

Desselben an den andern fallen sollte.

JERONIMUS:

Zur Sache, Alter! das gehört zur Sache nicht.

KIRCHENVOGT:

Ei, Herr, der Erbvertrag gehört zur Sache.

Denn das ist just als sagtest du, der Apfel

Gehöre nicht zum Sündenfall.

JERONIMUS: Nun denn,

So sprich.

KIRCHENVOGT: Ich sprech! Als unser jetzger Herr

An die Regierung treten sollte, ward

Er plötzlich krank. Er lag zwei Tage lang

In Ohnmacht; alles hielt ihn schon für tot,

Und Graf Sylvester griff als Erbe schon

Zur Hinterlassenschaft, als wiederum

Der gute Herr lebendig ward. Nun hätt

Der Tod in Warwand keine größre Trauer

Erwecken können, als die böse Nachricht.

JERONIMUS:

Wer hat dir das gesagt?

KIRCHENVOGT: Herr, zwanzig Jahre sinds,

Kanns nicht beschwören mehr.

JERONIMUS: Sprich weiter.

KIRCHENVOGT: Herr,

Ich spreche weiter. Seit der Zeit hat der

Sylvester stets nach unsrer Grafschaft her

Geschielt, wie eine Katze nach dem Knochen,

An dem der Hund nagt.

JERONIMUS: Tat er das!

KIRCHENVOGT: Sooft

Ein Junker unserm Herrn geboren ward,

Soll er, spricht man, erblaßt sein.

JERONIMUS: Wirklich?

KIRCHENVOGT: Nun,

Weil alles Warten und Gedulden doch

Vergebens war, und die zwei Knaben wie

Die Pappeln blühten, nahm er kurz die Axt,

Und fällte vorderhand den einen hier,

Den jüngsten, von neun Jahren, der im Sarg.

JERONIMUS:

Nun das erzähl, wie ist das zugegangen?

KIRCHENVOGT:

Herr, ich erzähls dir ja. Denk dir, du seist

Graf Rupert, unser Herr, und gingst an einem Abend

Spazieren, weit von Rossitz, ins Gebirg;

Nun denke dir, du fändest plötzlich dort

Dein Kind, erschlagen, neben ihm zwei Männer

Mit blutgen Messern, Männer, sag ich dir

Aus Warwand. Wütend zögst du drauf das Schwert

Und machtst sie beide nieder.

JERONIMUS: Tat Rupert das?

KIRCHENVOGT:

Der eine, Herr, blieb noch am Leben, und

Der hats gestanden.

JERONIMUS: Gestanden?

KIRCHENVOGT:

Ja, Herr, er hats rein h'raus gestanden.

JERONIMUS: Was

Hat er gestanden?

KIRCHENVOGT: Daß sein Herr Sylvester

Zum Morde ihn gedungen und bezahlt.

JERONIMUS:

Hast dus gehört? Aus seinem Munde?

KIRCHENVOGT: Herr,

Ich habs gehört aus seinem Munde, und die ganze

Gemeinde.

JERONIMUS: Höllisch ists! – Erzähls genau:

Sprich, wie gestand ers?

KIRCHENVOGT: Auf der Folter.

JERONIMUS: Auf

Der Folter? Sag mir seine Worte.

KIRCHENVOGT: Herr,

Die hab ich nicht genau gehöret, außer eins.

Denn ein Getümmel war auf unserm Markte,

Wo er gefoltert ward, daß man sein Brüllen

Kaum hören konnte.

JERONIMUS: Außer eins, sprachst du;

Nenn mir das eine Wort, das du gehört.

KIRCHENVOGT:

Das eine Wort, Herr, war: Sylvester.

JERONIMUS:

Sylvester! – – Nun, und was wars weiter?

KIRCHENVOGT:

Herr, weiter war es nichts. Denn bald darauf

Als ers gestanden hatt, verblich er.

JERONIMUS: So?

Und weiter weißt du nichts?

KIRCHENVOGT: Herr, nichts.

(Jeronimus bleibt in Gedanken stehn.)

EIN DIENER (tritt auf): War nicht

Graf Rupert hier?

JERONIMUS: Suchst du ihn? Ich geh mit dir.

(Alle ab. Ottokar und Johann treten von der andern Seite auf)

OTTOKAR:

Wie kamst du denn zu diesem Schleier? Er

Ists, ists wahrhaftig – Sprich – Und so in Tränen?

Warum denn so in Tränen? So erhitzt?

Hat dich die Mutter Gottes so begeistert,

Vor der du knietest?

JOHANN: Gnädger Herr – als ich

Vorbeiging an dem Bilde, riß es mich

Gewaltsam zu sich nieder. –

OTTOKAR: Und der Schleier?

Wie kamst du denn zu diesem Schleier, sprich?

JOHANN:

Ich sag dir ja, ich fand ihn.

OTTOKAR: Wo?

JOHANN: Im Tale

Zum heilgen Kreuz.

OTTOKAR: Und kennst nicht die Person,

Die ihn verloren?

JOHANN: – Nein.

OTTOKAR: Gut. Es tut nichts;

Ist einerlei. – Und weil er dir nichts nützet,

Nimm diesen Ring, und laß den Schleier mir.

JOHANN:

Den Schleier –? Gnädger Herr, was denkst du? Soll

Ich das Gefundene an dich verhandeln?

OTTOKAR:

Nun, wie du willst. Ich war dir immer gut,

Und wills dir schon so lohnen, wie dus wünschest.

(Er küßt ihn, und will gehen.)

JOHANN:

Mein bester Herr – O nicht – o nimm mir alles,

Mein Leben, wenn du willst. –

OTTOKAR: Du bist ja seltsam.

JOHANN:

Du nähmst das Leben mir mit diesem Schleier.

Denn einer heiligen Reliquie gleich

Bewahrt er mir das Angedenken an

Den Augenblick, wo segensreich, heilbringend,

Ein Gott ins Leben mich, ins ewge führte.

OTTOKAR:

Wahrhaftig? – Also fandst du ihn wohl nicht?

Er ward dir wohl geschenkt? Ward er? Nun sprich.

JOHANN:

Fünf Wochen sinds – nein, morgen sinds fünf Wochen,

Als sein gesamt berittnes Jagdgefolge

Dein Vater in die Forsten führte. Gleich

Vom Platz, wie ein gekrümmtes Fischbein, flog

Das ganze Roßgewimmel ab ins Feld.

Mein Pferd, ein ungebändigt tückisches,

Von Hörnerklang, und Peitschenschall, und Hund-

Geklaff verwildert, eilt ein eilendes

Vorüber nach dem andern, streckt das Haupt

Vor deines Vaters Roß schon an der Spitze –

Gewaltig drück ich in die Zügel; doch,

Als hätts ein Sporn getroffen, nun erst greift

Es aus, und aus dem Zuge, wie der Pfeil

Aus seinem Bogen, fliegts dahin – Rechts um

In einer Wildbahn reiß ich es, bergan;

Und weil ich meinen Blicken auf dem Fuß

Muß folgen, eh ich, was ich sehe, wahr

Kann nehmen, stürz ich, Roß und Reiter, schon

Hinab in einen Strom. –

OTTOKAR: Nun, Gott sei Dank,

Daß ich auf trocknem Land dich vor mir sehe.

Wer rettete dich denn?

JOHANN: Wer, fragst du? Ach,

Daß ich mit einem Wort es nennen soll!

– Ich kanns dir nicht so sagen, wie ichs meine,

Es war ein nackend Mädchen.

OTTOKAR:

Wie? Nackend?

JOHANN: Strahlenrein, wie eine Göttin

Hervorgeht aus dem Bade. Zwar ich sah

Sie fliehend nur in ihrer Schöne – Denn

Als mir das Licht der Augen wiederkehrte,

Verhüllte sie sich. –

OTTOKAR: Nun?

JOHANN: Ach, doch ein Engel

Schien sie, als sie verhüllt nun zu mir trat;

Denn das Geschäft der Engel tat sie, hob

Zuerst mich Hingesunknen – löste dann

Von Haupt und Nacken schnell den Schleier, mir

Das Blut, das strömende, zu stillen.

OTTOKAR: O

Du Glücklicher!

JOHANN: Still saß ich, rührte nicht ein Glied,

Wie eine Taub in Kindeshand.

OTTOKAR: Und sprach sie nicht?

JOHANN:

Mit Tönen wie aus Glocken – fragte, stets

Geschäftig, wer ich sei? woher ich komme?

– Erschrak dann lebhaft, als sie hört', ich sei

Aus Rossitz.

OTTOKAR: Wie? Warum denn das?

JOHANN: Gott weiß:

Doch hastig fördernd das Geschäft, ließ sie

Den Schleier mir, und schwand.

OTTOKAR: Und sagte sie

Dir ihren Namen nicht?

JOHANN: Dazu war sie

Durch Bitten nicht, nicht durch Beschwören zu

Bewegen.

OTTOKAR: Nein, das tut sie nicht.

JOHANN: Wie? kennst

Du sie?

OTTOKAR: Ob ich sie kenne? Glaubst du Tor,

Die Sonne scheine dir allein?

JOHANN: Wie meinst

Du das? – Und kennst auch ihren Namen?

OTTOKAR: Nein,

Beruhge dich. Den sagt sie mir so wenig

Wie dir, und droht mit ihrem Zorne, wenn

Wir unbescheiden ihn erforschen sollten.

Drum laß uns tun, wie sie es will. Es sollen

Geheimnisse der Engel Menschen nicht

Ergründen. Laß – ja laß uns lieber, wie

Wir es mit Engeln tun, sie taufen. Möge

Die Ähnliche der Mutter Gottes auch

Maria heißen – uns nur, du verstehst;

Und nennst du im Gespräch mir diesen Namen,

So weiß ich wen du meinst. Ich habe lange

Mir einen solchen Freund gewünscht. Es sind

So wenig Seelen in dem Hause, die

Wie deine, zartbesaitet,

Vom Atem tönen.

Und weil uns nun der Schwur der Rache fort

Ins wilde Kriegsgetümmel treibt, so laß

Uns brüderlich zusammenhalten; kämpfe

Du stets an meiner Seite.

JOHANN: – Gegen wen?

OTTOKAR:

Das fragst du hier an dieser Leiche? Gegen

Sylvesters frevelhaftes Haus.

JOHANN: O Gott,

Laß ihn die Engellästrung nicht entgelten!

OTTOKAR:

Was? Bist du rasend?

JOHANN: Ottokar – Ich muß

Ein schreckliches Bekenntnis dir vollenden –

Es muß heraus aus dieser Brust – denn gleich

Den Geistern ohne Rast und Ruhe, die

Kein Sarg, kein Riegel, kein Gewölbe bändigt,

So mein Geheimnis. –

OTTOKAR: Du erschreckst mich, rede!

JOHANN:

Nur dir, nur dir darf ichs vertraun – Denn hier

Auf dieser Burg – mir kommt es vor, ich sei

In einem Götzentempel, sei, ein Christ,

Umringt von Wilden, die mit gräßlichen

Gebärden mich, den Haaresträubenden,

Zu ihrem blutgen Fratzenbilde reißen –

– Du hast ein menschliches Gesicht, zu dir,

Wie zu dem Weißen unter Mohren, wende

Ich mich – Denn niemand, bei Gefahr des Lebens,

Darf außer dir des Gottes Namen wissen,

Der mich entzückt. –

OTTOKAR: O Gott! – Doch meine Ahndung?

JOHANN:

Sie ist es.

OTTOKAR (erschrocken): Wer?

JOHANN: Du hasts geahndet.

OTTOKAR: Was

Hab ich geahndet? Sagt ich denn ein Wort?

Kann ein Vermuten denn nicht trügen? Mienen

Sind schlechte Rätsel, die auf vieles passen,

Und übereilt hast du die Auflösung.

Nicht wahr, das Mädchen, dessen Schleier hier,

Ist Agnes nicht, nicht Agnes Schroffenstein?

JOHANN:

Ich sag dir ja, sie ist es.

OTTOKAR: O mein Gott!

JOHANN:

Als sie auf den Bericht, ich sei aus Rossitz,

Schnell fortging, folgt ich ihr von weitem

Bis Warwand fast, wo mirs ein Mann nicht einmal,

Nein zehenmal bekräftigte.

OTTOKAR: O laß

An deiner Brust mich ruhn, mein lieber Freund.

(Er lehnt sich auf Johanns Schulter. Jeronimus tritt auf)

JERONIMUS: Ich soll

Mich sinngeändert vor dir zeigen, soll

Die schlechte Meinung dir benehmen, dir,

Wenns möglich, eine beßre abgewinnen,

– Gott weiß das ist ein peinliches Geschäft.

Laß gut sein, Ottokar. Du kannst mirs glauben,

Ich wußte nichts von allem, was geschehn.

(Pause; da Ottokar nicht aufsieht.)

Wenn dus nicht glaubst, ei nun, so laß es bleiben.

Ich hab nicht Lust mich vor dir weiß zu brennen.

Kannst dus verschmerzen, so mich zu verkennen,

Bei Gott so kann ich das verschmerzen.

OTTOKAR (zerstreut):

Was sagst du, Jeronimus?

JERONIMUS:

Ich weiß, was dich so zäh macht in dem Argwohn.

's ist wahr, und niemals werd ichs leugnen, ja,

Ich hatt das Mädel mir zum Weib erkoren.

Doch eh ich je mit Mördern mich verschwägre,

Zerbreche mir die Henkershand das Wappen.

OTTOKAR (fällt Jeronimus plötzlich um den Hals):

JERONIMUS:

Was ist dir, Ottokar? Was hat so plötzlich

Dich und so tief bewegt?

OTTOKAR: Gib deine Hand,

Verziehn sei alles.

JERONIMUS: – Tränen? Warum Tränen?

OTTOKAR:

Laß mich, ich muß hinaus ins Freie.

(Ottokar schnell ab; die andern folgen.)

Zweite Szene

Inhaltsverzeichnis

Warwand. Ein Zimmer im Schlosse. Agnes führt Sylvius in einen Sessel.

SYLVIUS:

Agnes, wo ist Philipp?

AGNES:

Du lieber Gott, ich sags dir alle Tage,

Und schriebs dir auf ein Blatt, wärst du nicht blind.

Komm her, ich schreibs dir in die Hand.

SYLVIUS: Hilft das?

AGNES:

Es hilft, glaub mirs.

SYLVIUS: Ach, es hilft nicht.

AGNES: Ich meine,

Vor dem Vergessen.

SYLVIUS: Ich, vor dem Erinnern.

AGNES:

Guter Vater.

SYLVIUS:

Liebe Agnes.

AGNES:

Fühl mir einmal die Wange an.

SYLVIUS: Du weinst?

AGNES:

Ich weiß es wohl, daß mich der Pater schilt,

Doch glaub ich, er versteht es nicht. Denn sieh,

Wie ich muß lachen, eh ich will, wenn einer

Sich lächerlich bezeigt, so muß ich weinen,

Wenn einer stirbt.

SYLVIUS: Warum denn, meint der Pater,

Sollst du nicht weinen?

AGNES: Ihm sei wohl, sagt er.

SYLVIUS: Glaubst dus?

AGNES: Der Pater freilich solls verstehn,

Doch glaub ich fast, er sagts nicht, wie ers denkt.

Denn hier war Philipp gern, wie sollt er nicht?

Wir liebten ihn, es war bei uns ihm wohl;

Nun haben sie ihn in das Grab gelegt –

Ach, es ist gräßlich. – Zwar der Pater sagt,

Er sei nicht in dem Grabe. – Nein, daß ichs

Recht sag, er sei zwar in dem Grabe – Ach,

Ich kanns dir nicht so wiederbeichten. Kurz,

Ich seh es, wo er ist, am Hügel. Denn

Woher, der Hügel?

SYLVIUS: Wahr! Sehr wahr!

– Agnes, der Pater hat doch recht. Ich glaubs

Mit Zuversicht.

AGNES: Mit Zuversicht? Das ist

Doch seltsam. Ja, da möcht es freilich doch

Wohl anders sein, wohl anders. Denn woher

Die Zuversicht?

SYLVIUS: Wie willst dus halten, Agnes?

AGNES:

Wie meinst du das?

SYLVIUS: Ich meine, wie dus gläubest?

AGNES:

Ich wills erst lernen, Vater.

SYLVIUS: Wie? du bist

Nicht eingesegnet? Sprich, wie alt denn bist du?

AGNES:

Bald funfzehn.

SYLVIUS: Sieh, da könnte ja ein Ritter

Bereits dich vor den Altar führen.

AGNES: Meinst du?

SYLVIUS:

Das möchtest du doch wohl?

AGNES: Das sag ich nicht.

SYLVIUS:

Kannst auch die Antwort sparen. Sags der Mutter,

Sie soll den Beichtger zu dir schicken.

AGNES: Horch!

Da kommt die Mutter.

SYLVIUS: Sags ihr gleich.

AGNES Nein, lieber

Sag du es ihr, sie möchte ungleich von

Mir denken.

SYLVIUS: Agnes, führe meine Hand

Zu deiner Wange.

AGNES (ausweichend): Was soll das?

(Gertrude tritt auf)

SYLVIUS:

Gertrude, hier das Mädel klagt dich an,

Es rechne ihr das Herz das Alter vor,

Ihr blühend Leben sei der Reife nah

Und knüpft' ihn einer nur, so würde, meint sie,

Ihr üppig Haupthaar einen Brautkranz fesseln –

Du aber hättst ihr noch die Einsegnung,

Den Ritterschlag der Weiber, vorenthalten.

GERTRUDE:

Hat dir Jerome das gelehrt?

SYLVIUS: Gertrude,

Sprich, ist sie rot?

GERTRUDE: Ei nun, ich wills dem Vater sagen:

Gedulde dich bis morgen, willst du das?

(Agnes küßt die Hand ihrer Mutter.)

Hier, Agnes, ist die Schachtel mit dem Spielzeug.

Was wolltest du damit?

AGNES: Den Gärtnerkindern,

Den hinterlaßnen Freunden Philipps schenk

Ich sie.

SYLVIUS: Die Reuter Philipps? Gib sie her:

(Er macht die Schachtel auf)

Sieh, wenn ich diese Puppen halt, ist mirs,

Als säße Philipp an dem Tisch. Denn hier

Stellt' er sie auf, und führte Krieg, und sagte

Mir an, wies abgelaufen.

AGNES: Diese Reuter,

Sprach er, sind wir, und dieses Fußvolk ist

Aus Rossitz.

SYLVIUS: Nein, du sagst nicht recht. Das Fußvolk

War nicht aus Rossitz, sondern war der Feind.

AGNES:

Ganz recht, so mein ich es, der Feind aus Rossitz.

SYLVIUS:

Ei nicht doch, Agnes, nicht doch. Denn wer sagt dir,

Daß die aus Rossitz unsre Feinde sind?

AGNES:

Was weiß ich. Alle sagens.

SYLVIUS: Sags nicht nach:

Sie sind uns ja die nahverwandten Freunde.

AGNES:

Wie du nur sprichst! Sie haben dir den Enkel,

Den Bruder mir vergiftet, und das sollen

Nicht Feinde sein!

SYLVIUS: Vergiftet! Unsern Philipp!

GERTRUDE:

Ei Agnes, immer trägt die Jugend das Geheimnis

Im Herzen, wie den Vogel in der Hand.

AGNES:

Geheimnis! Allen Kindern in dem Schlosse

Ist es bekannt! Hast du, du selber es

Nicht öffentlich gesagt?

GERTRUDE: Gesagt? Und öffentlich?

Was hätt ich öffentlich gesagt? Dir hab

Ich heimlich anvertraut, es könnte sein,

Wär möglich, hab den Anschein fast –

SYLVIUS: Gertrude,

Du tust nicht gut daran, daß du das sagst.

GERTRUDE:

Du hörst ja, ich behaupte nichts, will keinen

Der Tat beschuldgen, will von allem schweigen.

SYLVIUS:

Der Möglichkeit doch schuldigst du sie an.

GERTRUDE:

Nun, das soll keiner mir bestreiten. – Denn

So schnell dahin zu sterben, heute noch

In Lebensfülle, in dem Sarge morgen.

– Warum denn hätten sie vor sieben Jahren,

Als mir die Tochter starb, sich nicht erkundigt?

War das ein Eifer nicht! Die Nachricht bloß

Der Krankheit konnte kaum in Rossitz sein,

Da flog ein Bote schon herüber, fragte

Mit wildverstörter Hast im Hause, ob

Der Junker krank sei? – Freilich wohl, man weiß,

Was so besorgt sie macht', der Erbvertrag,

Den wir schon immer, sie nie lösen wollten.

Und nun die bösen Flecken noch am Leibe,

Der schnelle Übergang in Fäulnis – Still!

Doch still! der Vater kommt. Er hat mirs streng

Verboten, von dem Gegenstand zu reden.

(Sylvester und der Gärtner treten auf)

SYLVESTER:

Kann dir nicht helfen, Meister Hans. Geb zu,

Daß deine Rüben süß wie Zucker sind. –

GÄRTNER:

Wie Feigen, Herr.

SYLVESTER: Hilft nichts. Reiß aus, reiß aus –

GÄRTNER:

Ein Gärtner, Herr, bepflanzt zehn Felder lieber

Mit Buchsbaum, eh er einen Kohlstrunk ausreißt.

SYLVESTER:

Du bist ein Narr. Ausreißen ist ein froh Geschäft,

Geschiehts um etwas Besseres zu pflanzen.

Denk dir das junge Volk von Bäumen, die,

Wenn wir vorbeigehn, wie die Kinder tanzen,

Und uns mit ihren Blütenaugen ansehn.

Es wird dich freuen, Hans, du kannsts mir glauben.

Du wirst sie hegen, pflegen, wirst sie wie

Milchbrüder deiner Kinder lieben, die

Mit ihnen Leben ziehn aus deinem Fleiße.

Zusammen wachsen wirst du sie, zusammen

Sie blühen sehn, und wenn dein Mädel dir

Den ersten Enkel bringt, gib acht, so füllen

Zum Brechen unsre Speicher sich mit Obst.

GÄRTNER:

Herr, werden wirs erleben?

SYLVESTER: Ei, wenn nicht wir,

Doch unsre Kinder.

GÄRTNER: Deine Kinder? Herr,

Ich möchte lieber eine Eichenpflanzung

Groß ziehen, als dein Fräulein.

SYLVESTER: Wie meinst du das?

GÄRTNER:

Denn wenn sie der Nordostwind nur nicht stürzt,

So sollt mir mit dem Beile keiner nahn,

Wie Junker Philipp'n.

SYLVESTER: Schweig! Ich kann das alberne

Geschwätz im Haus nicht leiden.

GÄRTNER: Nun, ich pflanz

Die Bäume. Aber eßt Ihr nicht die Früchte,

Der Teufel hol mich, schick ich sie nach Rossitz.

(Gärtner ab; Agnes verbirgt ihr Gesicht an die Brust ihrer Mutter.)

SYLVESTER:

Was ist das? Ich erstaune – O daran ist,

Beim Himmel! niemand schuld als du, Gertrude!

Das Mißtraun ist die schwarze Sucht der Seele,

Und alles, auch das Schuldlos-Reine, zieht

Fürs kranke Aug die Tracht der Hölle an.

Das Nichtsbedeutende, Gemeine, ganz

Alltägliche, spitzfündig, wie zerstreute

Zwirnfäden, wirds zu einem Bild geknüpft,

Das uns mit gräßlichen Gestalten schreckt.

Gertrude, o das ist sehr schlimm. –

GERTRUDE: Mein teurer

Gemahl! –

SYLVESTER: Hättst du nicht wenigstens das Licht,

Das, wie du vorgibst, dir gezündet ward,

Verbergen in dem Busen, einen so

Zweideutgen Strahl nicht fallen lassen sollen

Auf diesen Tag, den, hätt er was du sagst

Gesehn, ein mitternächtlich Dunkel ewig,

Wie den Karfreitag, decken müßte.

GERTRUDE: Höre

Mich an. –

SYLVESTER: Dem Pöbel, diesem Starmatz – diesem

Hohlspiegel des Gerüchtes – diesem Käfer

Die Kohle vorzuwerfen, die er spielend

Aufs Dach des Nachbars trägt –

GERTRUDE: Ihm vorgeworfen?

O mein Gemahl, die Sache lag so klar

Vor aller Menschen Augen, daß ein jeder,

Noch eh man es verbergen konnte, schon

Von selbst das Rechte griff.

SYLVESTER: Was meinst du? Wenn

Vor achtzehn Jahren, als du schnell nach Rossitz

Zu deiner Schwester eiltest, bei der ersten

Geburt ihr beizustehn, die Schwester nun,

Als sie den neugebornen Knaben tot

Erblickte, dich beschuldigt hätte, du,

Du hättest – du verstehst mich – heimlich ihm,

Verstohlen, während du ihn herztest, küßtest,

Den Mund verstopft, das Hirn ihm eingedrückt –

GERTRUDE:

O Gott, mein Gott, ich will ja nichts mehr sagen,

Will niemand mehr beschuldgen, wills verschmerzen,

Wenn sie dies Einzge nur, dies Letzte uns nur lassen. –

(Sie umarmt Agnes mit Heftigkeit.)

EIN KNAPPE (tritt auf):

Es ist ein Ritter, Herr, am Tore.

SYLVESTER: Laß ihn ein.

SYLVIUS:

Ich will aufs Zimmer, Agnes, führe mich.

(Sylvius und Agnes ab.)

GERTRUDE:

Soll ich ihm einen Platz an unserm Tisch

Bereiten?

SYLVESTER: Ja, das magst du tun. Ich will

Indessen Sorge tragen für sein Pferd.

(Beide ab; Agnes tritt auf, sieht sich um, schlägt ein Tuch über, setzt einen Hut auf, und geht ab. Sylvester und Aldöbern treten auf)

SYLVESTER:

Aus Rossitz, sagst du?

ALDÖBERN: Ritter Aldöbern

Aus Rossitz. Bin gesandt von meinem Herrn,

Dem Rupert, Graf von Schroffenstein, an dich,

Sylvester, Grafen Schroffenstein.

SYLVESTER: Die Sendung

Empfiehlt dich, Aldöbern; denn deines Herrn

Sind deine Freunde. Drum so laß uns schnell

hinhüpfen über den Gebrauch; verzeih

Daß ich mich setze, setz dich zu mir, und

Erzähle alles, was du weißt, von Rossitz.

Denn wie, wenn an zwei Seegestaden zwei

Verbrüderte Familien wohnen, selten,

Bei Hochzeit nur, bei Taufe, Trauer, oder

Wenns sonst was Wichtges gibt, der Kahn

Herüberschlüpft, und dann der Bote vielfach,

Noch eh er reden kann, befragt wird, was

Geschehn, wies zuging, und warum nicht anders,

Ja selbst an Dingen, als, wie groß der Ältste,

Wie viele Zähn der Jüngste, ob die Kuh

Gekalbet, und dergleichen, das zur Sache

Doch nicht gehöret, sich erschöpfen muß –

Sieh, Freund, so bin ich fast gesonnen, es

Mit dir zu machen. – Nun, beliebts so setz dich.

ALDÖBERN:

Herr, kann es stehend abtun.

SYLVESTER: Ei, du Narr,

Stehn und Erzählen, das gehört zusammen,

Wie Reiten fast und Küssen.

ALDÖBERN: Meine Rede

Wär fertig, Herr, noch eh ich niedersitze.

SYLVESTER:

Willst du so kurz sein? Ei, das tut mir leid;

Doch wenns so drängt, ich wills nicht hindern. Rede.

ALDÖBERN:

Mich schickt mein Herr, Graf Rupert Schroffenstein,

Dir wegen des an seinem Sohne Peter

Verübten Mords den Frieden aufzukünden. –

SYLVESTER:

Mord?

ALDÖBERN:

Mord.

Doch soll ich, meint er, nicht so frostig reden,

Von bloßem Zwist und Streit und Kampf und Krieg,

Von Sengen, Brennen, Reißen und Verheeren.

Drum brauch ich lieber seine eignen Worte,

Die lauten so: Er sei gesonnen, hier

Auf deiner Burg ein Hochgericht zu bauen;

Es dürste ihm nach dein und deines Kindes –

Und deines Kindes Blute – wiederholt' er.

SYLVESTER (steht auf, sieht ihm steif ins Gesicht):

Ja so – Nun setz dich, guter Freund. – (Er holt einen Stuhl.) Du bist

Aus Rossitz nicht, nicht wahr? – Nun setz dich. Wie

War schon dein Name? Setz dich, setz dich. – Nun,

Sag an, ich habs vergessen, wo, wo bist

Du her?

ALDÖBERN: Gebürtig? Herr, aus Oppenheim:

– Was soll das?

SYLVESTER: So, aus Oppenheim – nun also

Aus Rossitz nicht. Ich wußt es wohl, nun setz dich.

(Er geht an die Tür.)

Gertrude! (Gertrude tritt auf) Laß mir doch den Knappen rufen

Von diesem Ritter, hörst du? (Gertrude ab.) Nun, so setz dich

Doch, Alter – Was den Krieg betrifft, das ist

Ein lustig Ding für Ritter; sieh, da bin ich

Auf deiner Seite. –

ALDÖBERN: Meiner Seite?

SYLVESTER: Ja,

Was Henker denkst du? Hat dir einer Unrecht,

Beschimpfung, oder sonst was zugefügt,

So sag dus mir, sags mir, wir wollens rächen.

ALDÖBERN:

Bist du von Sinnen, oder ists Verstellung?

(Gertrude, der Knappe und ein Diener treten auf)

SYLVESTER:

Sag an, mein Sohn, wer ist dein Herr? Es ist

Mit ihm wohl – nun du weißt schon, was ich meine. –

ALDÖBERN:

Den Teufel bin ich, was du meinst. Denkst du

Mir sei von meiner Mutter so viel Menschen-

Verstand nicht angeboren, als vonnöten,

Um einzusehn, du seist ein Schurke? Frag

Die Hund auf unserm Hofe, sieh, sie riechens

Dir an, und nähme einer einen Bissen

Aus deiner Hand, so hänge mich. – Zum Schlusse

So viel noch. Mein Geschäft ist aus. Den Krieg

Hab ich dir Kindesmörder angekündigt. (Will ab.)

SYLVESTER (hält ihn):

Nein, halte – Nein, bei Gott du machst mich bange.

Denn deine Rede, wenn sie gleich nicht reich,

Ist doch so wenig arm an Sinn, daß michs

Entsetzet. – Einer von uns beiden muß

Verrückt sein; bist dus nicht, ich könnt es werden. Die Unze Mutterwitz, die dich vom Tollhaus Errettet, muß, es kann nicht anders, mich Ins Tollhaus führen. – Sieh, wenn du mir sagtest, Die Ströme flössen neben ihren Ufern Bergan, und sammelten auf Felsenspitzen In Seen sich, so wollt – ich wollts dir glauben; Doch sagst du mir, ich hätt ein Kind gemordet, Des Vetters Kind –

GERTRUDE: O großer Gott, wer denn

Beschuldiget dich dieser Untat? Die aus Rossitz,

Die selbst, vor wenig Monden –

SYLVESTER: Schweig. Nun wenns

Beliebt, so sags mir einmal noch. Ists wahr,

Ists wirklich wahr? Um eines Mordes willen

Krieg wider mich?

ALDÖBERN: Soll ichs dir zehenmal

Und wieder zehnmal wiederkäun?

SYLVESTER: Nun gut:

Franz, sattle mir mein Pferd. – Verzeih mein Freund,

Wer kann das Unbegreifliche begreifen?

– Wo ist mein Helm, mein Schwert? – Denn hören muß

Ichs doch aus seinem Munde, eh ichs glaube.

– Schick zu Jeronimus, er möchte schnell

Nach Warwand kommen. –

ALDÖBERN: Leb denn wohl.

SYLVESTER: Nein, warte;

Ich reite mit dir, Freund.

GERTRUDE: Um Gotteswillen,

In deiner Feinde Macht gibst du dich selbst?

SYLVESTER:

Laß gut sein.

ALDÖBERN: Wenn du glaubst, sie werden schonend

In Rossitz dich empfangen, irrst du dich.

SYLVESTER (immer beim Anzuge beschäftigt):

Tut nichts, tut nichts; allein werd ich erscheinen.

Ein einzelner tritt frei zu seinen Feinden.

ALDÖBERN:

Das Mildeste, das dir begegnen mag,

Ist, daß man an des Kerkers Wand dich fesselt.

SYLVESTER:

Es ist umsonst. – Ich muß mir Licht verschaffen,

Und sollt ichs mir auch aus der Hölle holen.

ALDÖBERN:

Ein Fluch ruht auf dein Haupt, es ist nicht einer

In Rossitz, dem dein Leben heilig wäre.

SYLVESTER:

Du schreckst mich nicht. – Mir ist das ihre heilig,

Und fröhlich kühn wag ich mein einzelnes.

Nun fort! (Zu Gertrude.) Ich kehre unverletzt zurück,

So wahr der Gottheit selbst die Unschuld heilig.

(Wie sie abgehen wollen, tritt Jeronimus auf)

JERONIMUS:

Wohin?

SYLVESTER: Gut, daß du kommst. Ich bitte dich,

Bleib bei den Weibern, bis ich wiederkehre.

JERONIMUS:

Wo willst du hin?

SYLVESTER: Nach Rossitz.

JERONIMUS: Lieferst du

Wie ein bekehrter Sünder selbst dich aus?

SYLVESTER:

Was für ein Wort –?

JERONIMUS: Ei nun, ein schlechtes Leben

Ist kaum der Mühe wert, es zu verlängern.

Drum geh nur hin, und leg dein sündig Haupt

In christlicher Ergebung auf den Block.

SYLVESTER:

Glaubst du, daß ich, wenn eine Schuld mich drückte,

Das Haupt dem Recht der Rache weigern würde?

JERONIMUS:

O du Quacksalber der Natur! Denkst du,

Ich werde dein verfälschtes Herz auf Treu

Und Glauben zweimal als ein echtes kaufen?

Bin ich ein blindes Glied denn aus dem Volke,

Daß du mit deinem Ausruf an der Ecke

Mich äffen willst, und wieder äffen willst?

– Doch nicht so vielen Atem bist du wert,

Als nur dies einzge Wort mir kostet: Schurke!

Ich will dich meiden, das ist wohl das Beste.

Denn hier in deiner Nähe stinkt es, wie

Bei Mördern.

(Sylvester fällt in Ohnmacht.)

GERTRUDE: Hülfe! Kommt zu Hülfe! Hülfe!

(Der Vorhang fällt.)

Zweiter Aufzug

Inhaltsverzeichnis

Erste Szene

Inhaltsverzeichnis

Gegend im Gebirge. Im Vordergrunde eine Höhle. Agnes sitzt an der Erde und knüpft Kränze. Ottokar tritt auf, und betrachtet sie mit Wehmut. Dann wendet er sich mit einer schmerzvollen Bewegung, während welcher Agnes ihn wahrnimmt, welche dann zu knüpfen fortfährt, als hätte sie ihn nicht gesehen.

AGNES:

's ist doch ein häßliches Geschäft: belauschen;

Und weil ein rein Gemüt es stets verschmäht,

So wird nur dieses grade stets belauscht.

Drum ist das Schlimmste noch, daß es den Lauscher,

Statt ihn zu strafen, lohnt. Denn statt des Bösen,

Das er verdiente zu entdecken, findet

Er wohl sogar ein still Bemühen noch

Für sein Bedürfnis, oder seine Laune.

Da ist, zum Beispiel, heimlich jetzt ein Jüngling

– Wie heißt er doch? Ich kenn ihn wohl. Sein Antlitz

Gleicht einem wilden Morgenungewitter,

Sein Aug dem Wetterleuchten auf den Höhn,

Sein Haar den Wolken, welche Blitze bergen,

Sein Nahen ist ein Wehen aus der Ferne,

Sein Reden wie ein Strömen von den Bergen

Und sein Umarmen – Aber still! Was wollt

Ich schon? ja, dieser Jüngling, wollt ich sagen,

Ist heimlich nun herangeschlichen, plötzlich,

Unangekündigt, wie die Sommersonne,

Will sie ein nächtlich Liebesfest belauschen.

Nun wär mirs recht, er hätte was er sucht,

Bei mir gefunden, und die Eifersucht,

Der Liebe Jugendstachel, hätte, selbst

Sich stumpfend, ihn hinaus gejagt ins Feld,

Gleich einem jungen Rosse, das zuletzt

Doch heimkehrt zu dem Stall, der ihn ernährt.

Statt dessen ist kein andrer Nebenbuhler

Jetzt grade um mich, als sein Geist. Und der

Singt mir sein Lied zur Zither vor, wofür

Ich diesen Kranz ihm winde. (Sie sieht sich um.) Fehlt dir was?

OTTOKAR:

Jetzt nichts.

AGNES: So setz dich nieder, daß ich sehe,

Wie dir der Kranz steht. Ist er hübsch?

OTTOKAR: Recht hübsch.

AGNES:

Wahrhaftig? Sieh einmal die Finger an.

OTTOKAR:

Sie bluten. –

AGNES: Das bekam ich, als ich aus den Dornen

Die Blumen pflückte.

OTTOKAR: Armes Kind.

AGNES: Ein Weib

Scheut keine Mühe. Stundenlang hab ich

Gesonnen, wie ein jedes einzeln Blümchen

Zu stellen, wie das unscheinbarste selbst

Zu nutzen sei, damit Gestalt und Farbe

Des Ganzen seine Wirkung tue. – Nun,

Der Kranz ist ein vollendet Weib. Da, nimm

Ihn hin. Sprich: er gefällt mir; so ist er

Bezahlt. (Sie sieht sich wieder um.)

Was fehlt dir denn?

(Sie steht auf; Ottokar faßt ihre Hand.)

Du bist so seltsam,

So feierlich – bist unbegreiflich mir.

OTTOKAR:

Und mir du.

AGNES: Liebst du mich, so sprich sogleich

Ein Wort, das mich beruhigt.

OTTOKAR: Erst sprich du:

Wie hast dus heute wagen können, heute,

Von deinem Vaterhaus dich zu entfernen?

AGNES:

Von meinem Vaterhause? Kennst dus denn?

Hab ich nicht stets gewünscht, du möchtest es

Nicht zu erforschen streben?

OTTOKAR: O verzeih!

Nicht meine Schuld ists, daß ichs weiß.

AGNES: Du weißts?

OTTOKAR:

Ich weiß es, fürchte nichts! Denn deinem Engel

Kannst du dich sichrer nicht vertraun, als mir.

Nun sage mir, wie konntest du es wagen,

So einsam dies Gebirge zu betreten,

Da doch ein mächtger Nachbar all die Deinen

In blutger Rachefehd verfolgt?

AGNES: In Fehde?

In meines Vaters Sälen liegt der Staub

Auf allen Rüstungen, und niemand ist

Uns feindlich, als der Marder höchstens, der

In unsre Hühnerställe bricht.

OTTOKAR: Wie sagst du?

Ihr wärt in Frieden mit den Nachbarn? Wärt

In Frieden mit euch selbst?

AGNES: Du hörst es, ja.

OTTOKAR:

O Gott! Ich danke dir mein Leben nur

Um dieser Kunde! – Mädchen! Mädchen! O

Mein Gott, so brauch ich dich ja nicht zu morden!

AGNES: Morden?

OTTOKAR:

O komm! (Sie setzen sich.) Nun will ich heiter, offen, wahr,

Wie deine Seele mit dir reden. Komm!

Es darf kein Schatten mehr dich decken, nicht

Der mindeste, ganz klar will ich dich sehen.

Dein Innres ists mir schon, die neugebornen

Gedanken kann ich wie dein Gott erraten.

Dein Zeichen nur, die freundliche Erfindung

Mit einer Silbe das Unendliche

Zu fassen, nur den Namen sage mir.

Dir sag ich meinen gleich; denn nur ein Scherz

War es, dir zu verweigern, was du mir.

Ich hätte deinen längst erforscht, wenn nicht

Sogar dein unverständliches Gebot

Mir heilig. Aber nun frag ich dich selbst.

Nichts Böses bin ich mir bewußt, ich fühle

Du gehst mir über alles Glück der Welt,

Und nicht ans Leben bin ich so gebunden,

So gern nicht, und so fest nicht, wie an dich.

Drum will ich, daß du nichts mehr vor mir birgst,

Und fordre ernst dein unumschränkt Vertrauen.

AGNES:

Ich kann nicht reden, Ottokar. –

OTTOKAR: Was ängstigt dich?

Ich will dir jeden falschen Wahn benehmen.

AGNES:

– Du sprachst von Mord.

OTTOKAR: Von Liebe sprach ich nur.

AGNES:

Von Liebe, hör ich wohl, sprachst du mit mir,

Doch sage mir, mit wem sprachst du vom Morde?

OTTOKAR:

Du hörst es ja, es war ein böser Irrtum,

Den mir ein selbst getäuschter Freund erweckt.

(Johann zeigt sich im Hintergrunde.)

AGNES:

Dort steht ein Mensch, den kenn ich.

(Sie steht auf)

OTTOKAR: Kennst du ihn?

AGNES:

Leb wohl.

OTTOKAR: Um Gotteswillen, nein, du irrst dich.

AGNES:

Ich irre nicht. – Laß mich – Wollt ihr mich morden?

OTTOKAR:

Dich morden? – Frei bist du, und willst du gehen,

Du kannst es unberührt, wohin du willst.

AGNES:

So leb denn wohl.

OTTOKAR: Und kehrst nicht wieder?

AGNES: Niemals,

Wenn du nicht gleich mir deinen Namen sagst.

OTTOKAR:

Das soll ich jetzt – vor diesem Fremden –

AGNES: So

Leb wohl auf ewig.

OTTOKAR: Maria! Willst du nicht besser von

Mir denken lernen?

AGNES: Zeigen kann ein jeder

Gleich, wer er ist.

OTTOKAR: Ich will es heute noch. Kehr wieder.

AGNES:

Soll ich dir traun, wenn du nicht mir?

OTTOKAR: Tu es

Auf die Gefahr.

AGNES: Es sei! Und irr ich mich,

Nicht eine Träne kosten soll es mich. (Ab.)

OTTOKAR:

Johann, komm her, du siehst sie ist es wohl,

Es ist kein Zweifel mehr, nicht wahr?

JOHANN: Es mag

Wies scheint, dir wohl an keinem Aufschluß mangeln,

Den ich dir geben könnte.

OTTOKAR: Wie dus nimmst:

Zwei Werte hat ein jeder Mensch: den einen

Lernt man nur kennen aus sich selbst, den andern

Muß man erfragen.

JOHANN: Hast du nur den Kern,

Die Schale gibt sich dann als eine Zugab.

OTTOKAR:

Ich sage dir, sie weigert mir, wie dir,

Den Namen, und wie dich, so flieht sie mich

Schon bei der Ahndung bloß, ich sei aus Rossitz.

Du sahst es selbst, gleich einem Geist erscheint

Und schwindet sie uns beiden.

JOHANN: Beiden? Ja:

Doch mit dem Unterschied, daß dir das eine

Talent geworden, ihn zu rufen, mir

Das andre bloß, den Geist zu bannen.

OTTOKAR: Johann!

JOHANN:

Pah! – Die Schuld liegt an der Spitze meiner Nase

Und etwa noch an meinen Ohrenzipfeln.

Was sonst an mir kann so voll Greuel sein,

Daß es das Blut aus ihren Wangen jagt

Und, bis aufs Fliehen, jede Kraft ihr nimmt?

OTTOKAR:

Johann, ich kenne dich nicht mehr.

JOHANN: Ich aber dich.

OTTOKAR:

Ich will im voraus jede Kränkung dir

Vergeben, wenn sie sich nur edel zeigt.

JOHANN:

Nicht übern Preis will ich dir zahlen. – Sprich.

Wenn einer mir vertraut', er wiss ein Roß,

Das ihm bequem sei, und er kaufen wolle,

Und ich, ich ginge heimlich hin und kaufts

Mir selbst – was meinst du, wäre das wohl edel?

OTTOKAR:

Sehr schief wählst du dein Gleichnis.

JOHANN: Sage bitter;

Und doch ists Honig gegen mein Gefühl.

OTTOKAR:

Dein Irrtum ist dir lieb, weil er mich kränkt.

JOHANN:

Kränkt? Ja, das ist mir lieb, und ists ein Irrtum,

Just darum will ich zähe fest ihn halten.

OTTOKAR:

Nicht viele Freude wird dir das gewähren,

Denn still verschmerzen werd ich, was du tust.

JOHANN:

Da hast du recht. Nichts würd mich mehr verdrießen,

Als wenn dein Herz wie eine Kröte wär,

Die ein verwundlos steinern Schild beschützt,

Denn weiter keine Lust bleibt mir auf Erden,

Als einer Bremse gleich dich zu verfolgen.

OTTOKAR:

Du bist weit besser als der Augenblick.

JOHANN:

Du Tor! Du Tor! Denkst du mich so zu fassen?

Weil ich mich edel nicht erweise, nicht

Erweisen will, machst du mir weis, ich seis,

Damit die unverdiente Ehre mich

Bewegen soll, in ihrem Sinn zu handeln?

Vor deine Füße werf ich deine Achtung. –

OTTOKAR:

Du willst mich reizen, doch du kannst es nicht;

Ich weiß, du selbst, du wirst mich morgen rächen.

JOHANN:

Nein, wahrlich, nein, dafür will ich schon sorgen.

Denn in die Brust schneid ich mir eine Wunde,

Die reiz ich stets mit Nadeln, halte stets

Sie offen, daß es mir recht sinnlich bleibe.

OTTOKAR:

Es ist nicht möglich, ach, es ist nicht möglich!

Wie könnte dein Gemüt so häßlich sein,

Da du doch Agnes, Agnes lieben kannst!

JOHANN:

Und daran noch erinnerst du mich, o

Du Ungeheuer!

OTTOKAR: Lebe wohl, Johann.

JOHANN:

Nein, halt! Du denkst, ich habe bloß gespaßt.

OTTOKAR:

Was willst du?

JOHANN: Gerad heraus. Mein Leben

Und deines sind wie zwei Spinnen in der Schachtel.

Drum zieh! (Er zieht.)

OTTOKAR: Gewiß nicht. Fallen will ich anders

Von deiner Hand nicht, als gemordet.

JOHANN: Zieh,

Du Memme! Nicht nach deinem Tod, nach meinem,

Nach meinem nur gelüstets mir.

OTTOKAR (umarmt ihn): Johann!

Mein Freund! Ich dich ermorden.

JOHANN (stößt ihn fort): Fort, du Schlange!

Nicht stechen will sie, nur mit ihrem Anblick

Mich langsam töten. – Gut. (Er steckt das Schwert ein.)

Noch gibts ein andres Mittel.

(Beide von verschiedenen Seiten ab.)

Zweite Szene

Inhaltsverzeichnis

Warwand, Zimmer im Schlosse. Sylvester auf einem Stuhle, mit Zeichen der Ohnmacht, die nun vorüber. Um ihn herum Jeronimus, Theistiner, Gertrude und ein Diener.

GERTRUDE:

Nun, er erholt sich, Gott sei Dank. –

SYLVESTER: Gertrude –

GERTRUDE:

Sylvester, kennst du mich, kennst du mich wieder?

SYLVESTER:

Mir ist so wohl, wie bei dem Eintritt in

Ein andres Leben.

GERTRUDE: Und an seiner Pforte

Stehn deine Engel, wir, die Deinen, liebreich

Dich zu empfangen.

SYLVESTER: Sage mir, wie kam

Ich denn auf diesen Stuhl? Zuletzt, wenn ich

Nicht irre, stand ich – nicht?

GERTRUDE: Du sankest stehend

In Ohnmacht.

SYLVESTER: Ohnmacht? Und warum denn das?

So sprich doch. – Wie, was ist dir denn? Was ist

Euch denn? (Er sieht sich um; lebhaft..

Fehlt Agnes? Ist sie tot?

GERTRUDE: O nein,

O nein, sie ist in ihrem Garten.

SYLVESTER: Nun,

Wovon seid ihr denn alle so besessen?

Gertrude sprich. – Sprich du, Theistiner. – Seid

Ihr stumm, Theistin, Jero – – Jeronimus!

Ja so – ganz recht – nun weiß ich. –

GERTRUDE: Komm ins Bette,

Sylvester, dort will ichs dir schon erzählen.

SYLVESTER:

Ins Bett? O pfui! Bin ich denn – sage mir,

Bin ich in Ohnmacht wirklich denn gefallen?

GERTRUDE:

Du weißt ja, wie du sagst, sogar warum?

SYLVESTER:

Wüßt ichs? O pfui! O pfui! Ein Geist ist doch

Ein elend Ding.

GERTRUDE: Komm nur ins Bett, Sylvester,

Dein Leib bedarf der Ruhe.

SYLVESTER Ja, 's ist wahr,

Mein Leib ist doch an allem schuld.

GERTRUDE: So komm.

SYLVESTER:

Meinst du, es wäre nötig?

GERTRUDE: Ja, durchaus

Mußt du ins Bette.

SYLVESTER: Dein Bemühen

Beschämt mich. Gönne mir zwei Augenblicke,

So mach ich alles wieder gut, und stelle

Von selbst mich her.

GERTRUDE: Zum mindsten nimm die Tropfen

Aus dem Tirolerfläschchen, das du selbst

Stets als ein heilsam Mittel mir gepriesen.

SYLVESTER:

An eigne Kraft glaubt doch kein Weib, und traut

Stets einer Salbe mehr zu als der Seele.

GERTRUDE:

Es wird dich stärken, glaube mir. –

SYLVESTER: Dazu

Brauchts nichts als mein Bewußtsein. (Er steht auf) Was mich freut,

Ist, daß der Geist doch mehr ist, als ich glaubte,

Denn flieht er gleich auf einen Augenblick,

An seinen Urquell geht er nur, zu Gott,

Und mit Heroenkraft kehrt er zurück.

Theistiner! 's ist wohl viele Zeit nicht zu

Verlieren. – Gertrud! Weiß ers?

GERTRUDE: Ja.

SYLVESTER: Du weißts? Nun, sprich,

Was meinst du, 's ist doch wohl ein Bubenstück?

's ist wohl kein Zweifel mehr, nicht wahr?

THEISTINER: In Warwand

Ist keiner, ders bezweifelt, ist fast keiner,

Ders, außer dir, nicht hätt vorhergesehen,

Wies enden müsse, sei es früh, seis spät.

SYLVESTER:

Vorhergesehen? Nein, das hab ich nicht.

Bezweifelt? Nein, das tu ich auch nicht mehr.

– Und also ists den Leuten schon bekannt?

THEISTINER:

So wohl, daß sie das Haupt sogar besitzen,

Das dir die Nachricht her aus Rossitz brachte.

SYLVESTER:

Wie meinst du das? Der Herold wär noch hier?

THEISTINER:

Gesteinigt, ja.

SYLVESTER: Gesteiniget?

THEISTINER: Das Volk

War nicht zu bändigen. Sein Haupt ist zwischen

Den Eulen an den Torweg festgenagelt.

SYLVESTER:

Unrecht ists,

Theistin, mit deinem Haupt hättst du das seine,

Das heilige, des Herolds, schützen sollen.

THEISTINER:

Mit Unrecht tadelst du mich, Herr, ich war

Ein Zeuge nicht der Tat, wie du wohl glaubst.

Zu seinem Leichnam kam ich – diesen hier

Jeronimus, wars just noch Zeit zu retten.

SYLVESTER:

– Ei nun, sie mögens niederschlucken. Das

Geschehne muß stets gut sein, wie es kann.

Ganz rein, seh ich wohl ein, kanns fast nicht abgehn,

Denn wer das Schmutzge anfaßt, den besudelts.

Auch, find ich, ist der Geist von dieser Untat

Doch etwas wert, und kann zu mehr noch dienen.

Wir wollens nützen. Reite schnell ins Land,

Die sämtlichen Vasallen biete auf,

Sogleich sich in Person bei mir zu stellen,

Indessen will ich selbst von Männern, was

Hier in der Burg ist, sammeln, Reden brauchts

Nicht viel, ich stell mein graues Haupt zur Schau,

Und jedes Haar muß einen Helden werben.

Das soll den ersten Bubenanfall hemmen,

Dann, sind wir stärker, wenden wir das Blatt,

In seiner Höhle suchen wir den Wolf,

Es kann nicht fehlen, glaube mirs, es geht

Für alles ja, was heilig ist und hehr,

Für Tugend, Ehre, Weib und Kind und Leben.

THEISTINER:

So geh ich, Herr, noch heut vor Abend sind

Die sämtlichen Vasallen hier versammelt.

SYLVESTER: 's ist gut. (Theistiner ab.)

Franziskus, rufe mir den Burgvogt.

– Noch eins. Die beiden Waffenschmiede bringe

Gleich mit. (Der Diener ab).

(Zu Jeronimus.) Dir ist ein Unglimpf widerfahren,

Jeronimus, das tut mir leid. Du weißt ich war

Im eigentlichsten Sinn nicht gegenwärtig.

Die Leute sind mir gut, du siehsts, es war

Ein mißverstandner Eifer bloß der Treue.

Drum mußt dus ihnen schon verzeihn. Fürs Künftge

Versprech ich, will ich sorgen. Willst du fort

Nach Rossitz, kannst dus gleich, ich gebe dir

Zehn Reis'ge zur Begleitung mit.

Ich kanns

Nicht leugnen fast, daß mir der Unfall lieb,

Versteh mich, bloß weil er dich hier verweilte,

Denn sehr unwürdig hab ich mich gezeigt,

– Nein, sage nichts. Ich weiß das. Freilich mag

Wohl mancher sinken, weil er stark ist. Denn

Die kranke abgestorbne Eiche steht

Dem Sturm, doch die gesunde stürzt er nieder,

Weil er in ihre Krone greifen kann.

– Nicht jeden Schlag ertragen soll der Mensch,

Und welchen Gott faßt, denk ich, der darf sinken,

– Auch seufzen. Denn der Gleichmut ist die Tugend

Nur der Athleten. Wir, wir Menschen fallen

Ja nicht für Geld, auch nicht zur Schau. – Doch sollen

Wir stets des Anschauns würdig aufstehn.

Nun

Ich halte dich nicht länger. Geh nach Rossitz

Zu deinen Freunden, die du dir gewählt.

Denn hier in Warwand, wie du selbst gefunden,

Bist du seit heute nicht mehr gern gesehn.

JERONIMUS:

– Hast recht, hast recht – bins nicht viel besser wert,

Als daß du mir die Türe zeigst. – Bin ich

Ein Schuft in meinen Augen doch, um wie

Viel mehr in deinen. – Zwar ein Schuft, wie du

Es meinst, der bin ich nicht. – Doch kurz und gut,

Glaubt was ihr wollt. Ich kann mich nicht entschuldgen,

Mir lähmts die Zung, die Worte wollen, wie

Verschlagne Kinder, nicht ans Licht. – Ich gehe,

Nur so viel sag ich dir, ich gehe nicht

Nach Rossitz, hörst du? Und noch eins. Wenn du

Mich brauchen kannst, so sags, ich laß mein Leben

Für dich, hörst du, mein Leben. (Ab.)

GERTRUDE: Hör, Jerome!

– Da geht er hin. – Warum riefst du ihm nicht?

SYLVESTER:

Verstehst du was davon, so sag es mir.

Mir ists noch immer wie ein Traum.

GERTRUDE: Ei nun,

Er war gewonnen von den Rossitzschen.

Denn in dem ganzen Gau ist wohl kein Ritter,

Den sie, wenns ging, uns auf den Hals nicht hetzten.

SYLVESTER:

Allein Jeronimus! – Ja, wärs ein andrer,

So wollt ichs glauben, doch Jeronimus!

's ist doch so leicht nicht, in dem Augenblick

Das Werk der Jahre, Achtung, zu zerstören.

GERTRUDE:

O 's ist ein teuflischer Betrug, der mich,

Ja dich mißtrauisch hätte machen können.

SYLVESTER:

Mich selbst? Mißtrauisch gegen mich? Nun laß

Doch hören.

GERTRUDE: Ruperts jüngster Sohn ist wirklich

Von deinen Leuten im Gebirg erschlagen.

SYLVESTER:

Von meinen Leuten?

GERTRUDE: O das ist bei weitem

Das Schlimmste nicht. Der eine hats sogar

Gestanden, du hättst ihn zu Mord gedungen.

SYLVESTER:

Gestanden hätt er das?

GERTRUDE: Ja, auf der Folter,

Und ist zwei Augenblicke drauf verschieden.

SYLVESTER:

Verschieden? – Und gestanden? – Und im Tode,

Wär auch das Leben voll Abscheulichkeit,

Im Tode ist der Mensch kein Sünder. – Wer

Hats denn gehört, daß ers gestanden?

GERTRUDE:

Ganz Rossitz. Unter Volkes Augen, auf

Dem öffentlichen Markt ward er gefoltert.

SYLVESTER:

Und wer hat dir das mitgeteilt?

GERTRUDE: Jerome,

Er hat sich bei dem Volke selbst erkundigt.

SYLVESTER:

– Nein, das ist kein Betrug, kann keiner sein.

GERTRUDE:

Um Gotteswillen, was denn sonst?

SYLVESTER: Bin ich

Denn Gott, daß du mich frägst?

GERTRUDE: Ists keiner, so

O Himmel! fällt ja der Verdacht auf uns.

SYLVESTER:

Ja, allerdings fällt er auf uns.

GERTRUDE: Und wir,

Wir müßten uns dann reinigen?

SYLVESTER: Kein Zweifel,

Wir müssen es, nicht sie.

GERTRUDE: O du mein Heiland,

Wie ist das möglich?

SYLVESTER: Möglich? ja, das wärs,

Wenn ich nur Rupert sprechen könnte.

GERTRUDE: Wie?

Das könntest du dich jetzt getraun, da ihn

Des Herolds Tod noch mehr erbittert hat?

SYLVESTER:

's ist freilich jetzt weit schlimmer. – Doch es ist

Das einzge Mittel, das ergreift sich leicht.

– Ja recht, so gehts. – Wo mag Jerome sein?

Ob er noch hier? Der mag mich zu ihm führen.

GERTRUDE:

O mein Gemahl, o folge meinem Rate. –

SYLVESTER:

Gertrude – Laß mich – das verstehst du nicht.

(Beide ab.)

Dritte Szene

Inhaltsverzeichnis

Platz vor den Toren von Warwand.

AGNES (tritt in Hast aus.)

Zu Hülfe! Zu Hülfe!

JOHANN (ergreift sie): So höre mich doch, Mädchen!

Es folgt dir ja kein Feind, ich liebe dich,

Ach, lieben! Ich vergöttre dich!

AGNES:

Fort, Ungeheuer, bist du nicht aus Rossitz?

JOHANN:

Wie kann ich furchtbar sein? Sieh mich doch an,

Ich zittre selbst vor Wollust und vor Schmerz

Mit meinen Armen dich, mein ganzes Maß

Von Glück und Jammer zu umschließen.

AGNES:

Was willst du, Rasender, von mir?

JOHANN: Nichts weiter:

Mir bist du tot, und einer Leiche gleich,

Mit kaltem Schauer drück ich dich ans Herz.

AGNES:

Schützt mich, ihr Himmlischen, vor seiner Wut!

JOHANN:

Sieh, Mädchen, morgen lieg ich in dem Grabe,

Ein Jüngling, ich – nicht wahr das tut dir weh?

Nun, einem Sterbenden schlägst du nichts ab,

Den Abschiedskuß gib mir. (Er küßt sie.)

AGNES: Errettet mich,

Ihr Heiligen!

JOHANN: – Ja, rette du mich, Heilge!

Es hat das Leben mich wie eine Schlange,

Mit Gliedern, zahnlos, ekelhaft, umwunden.

Es schauert mich, es zu berühren. – Da,

Nimm diesen Dolch. –

AGNES: Zu Hülfe! Mörder! Hülfe!

JOHANN (streng):

Nimm diesen Dolch, sag ich. – Hast du nicht einen

Mir schon ins Herz gedrückt?

AGNES: Entsetzlicher!

(Sie sinkt besinnungslos zusammen.)

JOHANN (sanft):

Nimm diesen Dolch, Geliebte – Denn mit Wollust,

Wie deinem Kusse sich die Lippe reicht,

Reich ich die Brust dem Stoß von deiner Hand.

JERONIMUS (tritt mit Reisigen aus dem Tore):

Hier war das Angstgeschrei – – Unglücklicher!

Welch eine Tat – Sie ist verwundet – Teufel!

Mit deinem Leben sollst dus büßen.

(Er verwundet Johann; der fällt. Jeronimus faßt Agnes auf)

Agnes! Agnes!

Ich sehe keine Wunde. – Lebst du, Agnes?

(Sylvester und Gertrude treten aus dem Tore.)

SYLVESTER:

Es war Jeronimus' Entsetzensstimme,

Nicht Agnes. – – O mein Gott!

(Er wendet sich schmerzvoll.)

GERTRUDE: O meine Tochter,

Mein einzig Kind, mein letztes. –

JERONIMUS: Schafft nur Hülfe,

Ermordet ist sie nicht.

GERTRUDE: Sie rührt sich – horch?

Sie atmet – ja sie lebt, sie lebt!

SYLVESTER: Lebt sie?

Und unverwundet?

JERONIMUS: Eben wars noch Zeit,

Er zückte schon den Dolch auf sie, da hieb

Ich den Unwürdgen nieder.

GERTRUDE: Ist er nicht

Aus Rossitz?

JERONIMUS: Frage nicht, du machst mich schamrot, – ja.

SYLVESTER: Gib mir die Hand, Jerome, wir verstehn

Uns.

JERONIMUS: Wir verstehn uns.

GERTRUDE: Sie erwacht, o seht,

Sie schlägt die Augen auf, sie sieht mich an.

AGNES:

Bin ich von dem Entsetzlichen erlöst?

GERTRUDE:

Hier liegt er tot am Boden, fasse dich.

AGNES:

Getötet? Und um mich? Ach, es ist gräßlich. –

GERTRUDE:

Jerome hat den Mörder hingestreckt.

AGNES:

Er folgte mir weit her aus dem Gebirge,

– Mich faßte das Entsetzen gleich, als ich

Von weitem nur ihn in das Auge faßte.

Ich eilte – doch ihn trieb die Mordsucht schneller

Als mich die Angst – und hier ergriff er mich.

SYLVESTER:

Und zückt' er gleich den Dolch? Und sprach er nicht?

Kannst du dich dessen nicht entsinnen mehr?

AGNES:

So kaum – denn vor sein fürchterliches Antlitz

Entflohn mir alle Sinne fast. Er sprach,

– Gott weiß, mir schiens fast, wie im Wahnsinn – sprach

Von Liebe – daß er mich vergöttre – nannte

Bald eine Heilge mich, bald eine Leiche.

Dann zog er plötzlich jenen Dolch, und bittend,

Ich möchte, ich, ihn töten, zückt' er ihn

Auf mich. –

SYLVESTER: Lebt er denn noch? Er scheint verwundet bloß,

Sein Aug ist offen. (Zu den Leuten.) Tragt ihn in das Schloß,

Und ruft den Wundarzt. (Sie tragen ihn fort.) Einer komme wieder

Und bring mir Nachricht.

GERTRUDE: Aber, meine Tochter,

Wie konntest du so einsam und so weit

Dich ins Gebirge wagen?

AGNES: Zürne nicht,

Es war mein Lieblingsweg.

GERTRUDE: Und noch so lange

Dich zu verweilen!

AGNES: Einen Ritter traf

Ich, der mich aufhielt.

GERTRUDE: Einen Ritter? Sieh

Wie du in die Gefahr dich wagst! Kanns wohl

Ein andrer sein fast, als ein Rossitzscher?

AGNES:

– Glaubst du, es sei ein Rossitzscher?

JERONIMUS: Ich weiß,

Daß Ottokar oft ins Gebirge geht.

AGNES:

Meinst du den –?

JERONIMUS: Ruperts ältsten Sohn:

– Kennst du ihn nicht?

AGNES: Ich hab ihn nie gesehen.

JERONIMUS:

Ich habe sichre Proben doch, daß er

Dich kennt?

AGNES: Mich?

GERTRUDE: Unsre Agnes? Und woher?

JERONIMUS: Wenn ich nicht irre, sah ich einen Schleier,

Den du zu tragen pflegst, in seiner Hand.

AGNES (verbirgt ihr Haupt an die Brust ihrer Mutter):

Ach, Mutter. –

GERTRUDE: O um Gotteswillen, Agnes,

Sei doch auf deiner Hut. – Er kann dich mit

Dem Apfel, den er dir vom Baume pflückt,

Vergiften.

JERONIMUS: Nun, das möcht ich fast nicht fürchten

Vielmehr – Allein wer darf der Schlange traun.

Er hat beim Nachtmahl ihr den Tod geschworen.

AGNES: Mir?

Den Tod?

JERONIMUS: Ich hab es selbst gehört.

GERTRUDE: Nun sieh,

Ich werde wie ein Kind dich hüten müssen.

Du darfst nicht aus den Mauern dieser Burg,

Darfst nicht von deiner Mutter Seite gehn.

EIN DIENER (tritt auf):

Gestrenger Herr, der Mörder ist nicht tot.

Der Wundarzt sagt, die Wunde sei nur leicht.

SYLVESTER:

Ist er sich sein bewußt?

EIN DIENER: Herr, es wird keiner klug

Aus ihm. Denn er spricht ungehobelt Zeug,

Wild durcheinander, wie im Wahnwitz fast.

JERONIMUS:

Es ist Verstellung offenbar.

SYLVESTER: Kennst du

Den Menschen?

JERONIMUS: Weiß nur so viel, daß sein Namen

Johann, und er ein unecht Kind des Rupert,

– Daß er den Ritterdienst in Rossitz lernte,

Und gestern früh das Schwert empfangen hat.

SYLVESTER:

Das Schwert empfangen, gestern erst – und heute

Wahnsinnig – sagtest du nicht auch, er habe

Beim Abendmahl den Racheschwur geleistet?

JERONIMUS:

Wie alle Diener Ruperts, so auch er.

SYLVESTER:

Jeronimus, mir wird ein böser Zweifel

Fast zur Gewißheit, fast. – Ich hätts entschuldigt,

Daß sie Verdacht auf mich geworfen, daß

Sie Rache mir geschworen, daß sie Fehde

Mir angekündigt – ja hätten sie

Im Krieg mein Haus verbrannt, mein Weib und Kind

Im Krieg erschlagen, noch wollt ichs entschuldgen.

Doch daß sie mir den Meuchelmörder senden,

– Wenns so ist –

GERTRUDE: Ists denn noch ein Zweifel? Haben

Sie uns nicht selbst die Probe schon gegeben?

SYLVESTER:

Du meinst an Philipp –?

GERTRUDE: Endlich siehst dus ein!

Du hast mirs nie geglaubt, hast die Vermutung,

Gewißheit, wollt ich sagen, stets ein Deuteln

Der Weiber nur genannt, die, weil sies einmal

Aus Zufall treffen, nie zu fehlen wähnen.

Nun weißt dus besser. – Nun, ich könnte dir

Wohl mehr noch sagen, das dir nicht geahndet. –

SYLVESTER:

Mehr noch?

GERTRUDE: Du wirst dich deines Fiebers vor

Zwei Jahren noch erinnern. Als du der

Genesung nahtest, schickte dir Eustache

Ein Fläschchen eingemachten Ananas.

SYLVESTER:

Ganz recht, durch eine Reutersfrau aus Rossitz.

GERTRUDE:

Ich bat dich unter falschem Vorwand, nicht

Von dem Geschenke zu genießen, setzte

Dir selbst ein Fläschchen vor aus eignem Vorrat

Mit eingemachtem Pfirsich – aber du

Bestandst darauf, verschmähtest meine Pfirsich,

Nahmst von der Ananas, und plötzlich folgte

Ein heftiges Erbrechen. –

SYLVESTER: Das ist seltsam;

Denn ich besinne mich noch eines Umstands –

– Ganz recht. Die Katze war mir übers Fläschchen

Mit Ananas gekommen, und ich ließ

Von Agnes mir den Pfirsich reichen. – Nicht?

Sprich, Agnes.

AGNES: Ja, so ist es.

SYLVESTER: Ei, so hätte

Sich seltsam ja das Blatt gewendet. Denn

Die Ananas hat doch der Katze nicht

Geschadet, aber mir dein Pfirsich, den

Du selbst mir zubereitet –?

GERTRUDE: – Drehen freilich

Läßt alles sich. –

SYLVESTER: Meinst du? Nun sieh, das mein

Ich auch, und habe recht, wenn ich auf das,

Was du mir drehst, nicht achte. – Nun, genug.

Ich will mit Ernst, daß du von Philipp schweigst.

Er sei vergiftet oder nicht, er soll

Gestorben sein und weiter nichts. Ich wills.

JERONIMUS:

Du solltst, Sylvester, doch den Augenblick

Der jetzt dir günstig scheinet, nützen. Ist

Der Totschlag Peters ein Betrug, wie es

Fast sein muß, so ist auch Johann darin

Verwebt.

SYLVESTER: Betrug? Wie wär das möglich?

JERONIMUS:

Ei möglich wär es wohl, daß Ruperts Sohn,

Der doch ermordet sein soll, bloß gestorben,

Und daß, von der Gelegenheit gereizt,

Den Erbvertrag zu seinem Glück zu lenken,

Der Vater es verstanden, deiner Leute,

Die just vielleicht in dem Gebirge waren,

In ihrer Unschuld so sich zu bedienen,

Daß es der Welt erscheint, als hätten wirklich

Sie ihn ermordet – um mit diesem Scheine

Des Rechts sodann den Frieden aufzukünden,

Den Stamm von Warwand auszurotten, dann

Das Erbvermächtnis sich zu nehmen.

SYLVESTER: – Aber

Du sagtest ja, der eine meiner Leute

Hätts in dem Tode noch bekannt, er wäre

Von mir gedungen zu dem Mord.

(Stillschweigen.)

JERONIMUS:

Der Mann, den ich gesprochen, hatte nur

Von dem Gefolterten ein Wort gehört.

SYLVESTER:

Das war?

JERONIMUS: Sylvester:

(Stillschweigen.) Hast du denn die Leute,

Die sogenannten Mörder nicht vermißt?

Von ihren Hinterlaßnen müßte sich

Doch mancherlei erforschen lassen.

SYLVESTER (zu den Leuten): Rufe

Den Hauptmann einer her!

JERONIMUS: Von wem ich doch

Den meisten Aufschluß hoffe, ist Johann.

SYLVESTER:

'S ist auch kein sichrer.

JERONIMUS: Wie? Wenn er es nicht

Gestehen will, macht mans wie die von Rossitz,

Und wirft ihn auf die Folter.

SYLVESTER: Nun? Und wenn

Er dann gesteht, daß Rupert ihn gedungen?

JERONIMUS:

So ists heraus, so ists am Tage. –

SYLVESTER: So?

Dann freilich bin ich auch ein Mörder.

(Stillschweigen.)

JERONIMUS:

Aus diesem Wirrwarr finde sich ein Pfaffe!

Ich kann es nicht.

SYLVESTER: Ich bin dir wohl ein Rätsel?

Nicht wahr? Nun, tröste dich, Gott ist es mir.

JERONIMUS:

Sag kurz, was willst du tun?

SYLVESTER: Das beste wär

Noch immer, wenn ich Rupert sprechen könnte.

JERONIMUS:

– 's ist ein gewagter Schritt. Bei seiner Rede

Am Sarge Peters schien kein menschliches,

Kein göttliches Gesetz ihm heilig, das

Dich schützt.

SYLVESTER: Es wäre zu versuchen. Denn

Es wagt ein Mensch oft den abscheulichen

Gedanken, der sich vor der Tat entsetzt.

JERONIMUS:

Er hat dir heut das Beispiel nicht gegeben.

SYLVESTER:

Auch diese Untat, wenn sie häßlich gleich,

Doch ists noch zu verzeihn, Jeronimus.

Denn schwer war er gereizt. – Auf jeden Fall

Ist mein Gesuch so unerwarteter;

Und öfters tut ein Mensch, was man kaum hofft,

Weil mans kaum hofft.

JERONIMUS: Es ist ein blinder Griff,

Man kann es treffen.

SYLVESTER: Ich wills wagen. Reite

Nach Rossitz, fordre sicheres Geleit,

Ich denke, du hast nichts zu fürchten.

JERONIMUS: – Nein;

Ich wills versuchen. (Ab ins Tor.)

SYLVESTER: So leb wohl.

GERTRUDE: Leb wohl,

Und kehre bald mit Trost zu uns zurück.

(Sylvester, Gertrude und Agnes folgen.)

AGNES (hebt im Abgehen den Dolch auf):

Es gibt keinen. –

GERTRUDE (erschrocken):

Den Dolch – er ist vergiftet, Agnes, kann

Vergiftet sein. – Wirf gleich, sogleich ihn fort.

(Agnes legt ihn nieder.)

Du sollst mit deinen Händen nichts ergreifen,

Nichts fassen, nichts berühren, das ich nicht

Mit eignen Händen selbst vorher geprüft.

(Alle ab. Der Vorhang fällt.)

Dritter Aufzug

Inhaltsverzeichnis

Erste Szene

Inhaltsverzeichnis

Gegend im Gebirge. Agnes sitzt im Vordergrunde der Höhle in der Stellung der Trauer. Ottokar tritt auf, und stellt sich ungesehen nahe der Höhle. Agnes erblickt ihn, tut einen Schrei, springt auf und will entfliehen.

AGNES (da sie sich gesammelt hat):

Du bists. –

OTTOKAR: Vor mir erschrickst du?

AGNES: Gott sei Dank.

OTTOKAR:

Und wie du zitterst. –

AGNES: Ach es ist vorüber.

OTTOKAR:

Ists wirklich wahr, vor mir wärst du erschrocken?

AGNES:

Es ist mir selbst ein Rätsel. Denn soeben

Dacht ich noch dran, und rief den kühnen Mut,

Die hohe Kraft, die unbezwingliche

Standhaftigkeit herbei, mir beizustehn

– Und doch ergriffs mich, wie unvorbereitet,

– – Nun, ists vorbei. –

OTTOKAR: O Gott des Schicksals! Welch ein schönes,

Welch ruhiges Gemüt hast du gestört!

AGNES:

– Du hast mich herbestellt, was willst du?

OTTOKAR: Wenn

Ichs dir nun sage, kannst du mir vertraun,

Maria?

AGNES: Warum nennst du mich Maria?

OTTOKAR:

Erinnern will ich dich mit diesem Namen

An jenen schönen Tag, wo ich dich taufte.

Ich fand dich schlafend hier in diesem Tale,

Das einer Wiege gleich dich bettete.

Ein schützend Flordach webten dir die Zweige,

Es sang der Wasserfall ein Lied, wie Federn

Umwehten dich die Lüfte, eine Göttin

Schien dein zu pflegen. – Da erwachtest du,

Und blicktest wie mein neugebornes Glück

Mich an. – Ich fragte dich nach deinem Namen;

Du seist noch nicht getauft, sprachst du. – Da schöpfte

Ich eine Hand voll Wasser aus dem Quell,

Benetzte dir die Stirn, die Brust, und sprach:

Weil du ein Ebenbild der Mutter Gottes,

Maria tauf ich dich.

(Agnes wendet sich bewegt.)

Wie war es damals

Ganz anders, so ganz anders. Deine Seele

Lag offen vor mir, wie ein schönes Buch,

Das sanft zuerst den Geist ergreift, dann tief

Ihn rührt, dann unzertrennlich fest ihn hält.

Es zieht des Lebens Forderung den Leser

Zuweilen ab, denn das Gemeine will

Ein Opfer auch; doch immer kehrt er wieder

Zu dem vertrauten Geist zurück, der in

Der Göttersprache ihm die Welt erklärt,

Und kein Geheimnis ihm verbirgt, als das

Geheimnis nur von seiner eignen Schönheit,

Das selbst ergründet werden muß.

Nun bist

Du ein verschloßner Brief. –

AGNES (wendet sich zu ihm): Du sagtest gestern,

Du wolltest mir etwas vertraun.

OTTOKAR: Warum

Entflohest du so schleunig?

AGNES: Das fragst du?

OTTOKAR:

Ich kann es fast erraten – vor dem Jüngling,

Der uns hier überraschte; denn ich weiß,

Du hassest alles, was aus Rossitz ist.

AGNES:

Sie hassen mich.

OTTOKAR: Ich kann es fast beschwören,

Daß du dich irrst. – Nicht alle wenigstens;

Zum Beispiel für den Jüngling steh ich.

AGNES: Stehst du. –

OTTOKAR:

Ich weiß, daß er dich heftig liebt. –

AGNES: Mich liebt. –

OTTOKAR:

Denn er ist mein vertrauter Freund. –

AGNES: Dein Freund –?

OTTOKAR:

– Was fehlt dir, Agnes?

AGNES: Mir wird übel:

(Sie setzt sich.)

OTTOKAR: Welch

Ein Zufall – wie kann ich dir helfen?

AGNES: Laß

Mich einen Augenblick. –

OTTOKAR: Ich will dir Wasser

Aus jener Quelle schöpfen. (Ab.)

AGNES (steht auf): Nun ists gut:

Jetzt bin ich stark. Die Krone sank ins Meer,

Gleich einem nackten Fürsten werf ich ihr

Das Leben nach. Er bringe Wasser, bringe

Mir Gift, gleichviel, ich trink es aus, er soll

Das Ungeheuerste an mir vollenden.

(Sie setzt sich.)

OTTOKAR (kommt mit Wasser in dem Hute):

Hier ist der Trunk – fühlst du dich besser?

AGNES: Stärker

Doch wenigstens.

OTTOKAR: Nun, trinke doch. Es wird

Dir wohltun.

AGNES: Wenns nur nicht zu kühl.

OTTOKAR: Es scheint

Mir nicht.

AGNES: Versuchs einmal.

OTTOKAR: Wozu? Es ist

Nicht viel.

AGNES: – Nun, wie du willst, so gib.

OTTOKAR: Nimm dich

In acht, verschütte nichts.

AGNES: Ein Tropfen ist

Genug. (Sie trinkt, wobei sie ihn unverwandt ansieht.)

OTTOKAR: Wie schmeckt es dir?

AGNES: 's ist kühl:

(Sie schauert.)

OTTOKAR: So trinke

Es aus.

AGNES: Soll ichs ganz leeren?

OTTOKAR: Wie du willst,

Es reicht auch hin.

AGNES: Nun, warte nur ein Weilchen,

Ich tue alles, wie dus willst.

OTTOKAR: Es ist

So gut, wie Arzenei.

AGNES: Fürs Elend.

OTTOKAR: – Wie?

AGNES:

Nun, setz dich zu mir, bis mir besser worden.

Ein Arzt, wie du, dient nicht für Geld, er hat

An der Genesung seine eigne Freude.

OTTOKAR:

Wie meinst du das – für Geld –

AGNES: Komm, laß uns plaudern,

Vertreibe mir die Zeit, bis ichs vollendet,

Du weißt, es sind Genesende stets schwatzhaft.

OTTOKAR:

– Du scheinst so seltsam mir verändert –

AGNES: Schon?

Wirkt es so schnell! So muß ich, was ich dir

Zu sagen habe, wohl beschleunigen.

OTTOKAR:

Du mir zu sagen –

AGNES: Weißt du, wie ich heiße?

OTTOKAR:

Du hast verboten mir, danach zu forschen.

AGNES:

Das heißt, du weißt es nicht. Meinst du,

Daß ich dirs glaube?

OTTOKAR: Nun, ich wills nicht leugnen. –

AGNES:

Wahrhaftig? Nun ich weiß auch, wer du bist!

OTTOKAR:

Nun?

AGNES: Ottokar von Schroffenstein.

OTTOKAR: Wie hast

Du das erfahren?

AGNES: Ist gleichviel. Ich weiß noch mehr:

Du hast beim Abendmahle mir den Tod

Geschworen.

OTTOKAR: Gott! O Gott!

AGNES: Erschrick doch nicht:

Was macht es aus, ob ichs jetzt weiß? Das Gift

Hab ich getrunken, du bist quitt mit Gott.

OTTOKAR:

Gift?

AGNES: Hier ists übrige, ich will es leeren.

OTTOKAR:

Nein, halt! – Es ist genug für dich. Gib mirs,

Ich sterbe mit dir. (Er trinkt.)

AGNES: Ottokar!

(Sie fällt ihm um den Hals.)

Ottokar!

O wär es Gift, und könnt ich mit dir sterben!

Denn ist es keins, mit dir zu leben, darf

Ich dann nicht hoffen, da ich so unwürdig

An deiner Seele mich vergangen habe.

OTTOKAR:

Willst dus?

AGNES: Was meinst du?

OTTOKAR: Mit mir leben?

Fest an mir halten? Dem Gespenst des Mißtrauns,

Das wieder vor mir treten könnte, kühn

Entgegenschreiten? Unabänderlich,

Und wäre der Verdacht auch noch so groß,

Dem Vater nicht, der Mutter nicht so traun,

Als mir?

AGNES: O Ottokar! Wie sehr beschämst

Du mich.

OTTOKAR: Willst dus? Kann ich dich ganz mein nennen?

AGNES:

Ganz deine, in der grenzenlosesten

Bedeutung.

OTTOKAR: Wohl, das steht nun fest und gilt

Für eine Ewigkeit. Wir werdens brauchen.

Wir haben viel einander zu erklären,

Viel zu vertraun. – Du weißt mein Bruder ist –

Von deinem Vater hingerichtet.

AGNES: Glaubst dus?

OTTOKAR:

Es gilt kein Zweifel, denk ich, denn die Mörder

Gestandens selbst.

AGNES: So mußt dus freilich glauben.

OTTOKAR:

Und nicht auch du?

AGNES: Mich überzeugt es nicht:

Denn etwas gibts, das über alles Wähnen,

Und Wissen hoch erhaben – das Gefühl

Ist es der Seelengüte andrer.

OTTOKAR: Höchstens

Gilt das für dich. Denn nicht wirst du verlangen,

Daß ich mit deinen Augen sehen soll.

AGNES:

Und umgekehrt.

OTTOKAR: Wirst nicht verlangen, daß

Ich meinem Vater weniger, als du

Dem deinen, traue.

AGNES: Und so umgekehrt.

OTTOKAR:

O Agnes, ist es möglich? Muß ich dich

So früh schon mahnen? Hast du nicht versprochen,

Mir deiner heimlichsten Gedanken keinen

Zu bergen? Denkst du, daß ich darum dich

Entgelten lassen werde, was dein Haus

Verbrach? Bist du dein Vater denn?

AGNES: So wenig,

Wie du der deinige – sonst würd ich dich

In Ewigkeit wohl lieben nicht.

OTTOKAR: Mein Vater?

Was hat mein Vater denn verbrochen? Daß

Die Untat ihn empört, daß er den Tätern

Die Fehde angekündigt, ists zu tadeln?

Mußt ers nicht fast?

AGNES: Ich wills nicht untersuchen:

Er war gereizt, 's ist wahr. Doch daß er uns

Das Gleiche, wie er meint, mit Gleichem gilt,

Und uns den Meuchelmörder schickt, das ist

Nicht groß, nicht edel.

OTTOKAR: Meuchelmörder? Agnes!

AGNES:

Nun, das ist, Gott sei Dank, nicht zu bezweifeln,

Denn ich erfuhr es selbst an meinem Leibe.

Er zückte schon den Dolch, da hieb Jerome

Ihn nieder – und er liegt nun krank in Warwand.

OTTOKAR: Wer tat das?

AGNES: Nun, ich kann dir jetzt ein Beispiel

Doch geben, wie ich innig dir vertrauen

Der Mörder ist dein Freund.

OTTOKAR: Mein Freund?

AGNES: Du nanntest

Ihn selbst so, und das war es, was vorher

Mich irrte.

OTTOKAR: 's ist wohl möglich nicht – Johann?

AGNES: Derselbe,

Der uns auf diesem Platze überraschte.

OTTOKAR:

O Gott, das ist ein Irrtum – sieh, das weiß,

Das weiß ich.

AGNES: Ei, das ist doch seltsam. Soll

Ich nun mit deinen Augen sehn?

OTTOKAR: Mein Vater!

Ein Meuchelmörder! Ist er gleich sehr heftig,

Nie hab ich anders doch ihn, als ganz edel

Gekannt.

AGNES: Soll ich nun deinem Vater mehr,

Als du dem meinen traun?

(Stillschweigen.)

OTTOKAR: In jedem Falle,

War zu der Tat Johann von meinem Vater

Gedungen nicht.

AGNES: Kann sein. Vielleicht so wenig,

Wie von dem meinigen die Leute, die

Den Bruder dir erschlugen.

(Stillschweigen.)

OTTOKAR: Hätte nur

Jeronimus in seiner Hitze nicht

Den Menschen mit dem Schwerte gleich verwundet

Es hätte sich vielleicht das Rätsel gleich

Gelöst.

AGNES: Vielleicht – so gut, wie wenn dein Vater

Die Leute nicht erschlagen hätte, die

Er bei der Leiche deines Bruders fand.

(Stillschweigen.)

OTTOKAR:

Ach, Agnes, diese Tat ist nicht zu leugnen,

Die Mörder habens ja gestanden. –

AGNES: Nun,

Wer weiß, was noch geschieht. Johann ist krank,

Er spricht im Fieber manchen Namen aus,

Und wenn mein Vater rachedürstend wäre,

Er könnte leicht sich einen wählen, der

Für sein Bedürfnis taugt.

OTTOKAR: O Agnes! Agnes!

Ich fange an zu fürchten fast, daß wir

Doch deinem Vater wohl zu viel getan.

AGNES:

Sehr gern nehm ichs, wie all die Meinigen,

Zurück, wenn wir von deinem falsch gedacht.

OTTOKAR:

Für meinen steh ich.

AGNES: So, wie ich, für meinen.

OTTOKAR:

Nun wohl, 's ist abgetan. Wir glauben uns.

– O Gott, welch eine Sonne geht mir auf!

Wenns möglich wäre, wenn die Väter sich

So gern, so leicht, wie wir, verstehen wollten!

– Ja könnte man sie nur zusammenführen!

Denn einzeln denkt nur jeder seinen einen

Gedanken, käm der andere hinzu,

Gleich gäbs den dritten, der uns fehlt.

– Und schuldlos, wie sie sind, müßt ohne Rede

Sogleich ein Aug das andere verstehn.

– Ach, Agnes, wenn dein Vater sich entschlösse!

Denn kaum erwarten läßts von meinem sich.

AGNES:

Kann sein, er ist schon auf dem Wege.

OTTOKAR: Wie?

Er wird doch nicht? Unangefragt, und ohne

Die Sicherheit des Zutritts?

AGNES: Mit dem Herold

Gleich wollt er fort nach Rossitz.

OTTOKAR: – O das spricht

Für deinen Vater weit, weit besser, als

Das Beste für den meinen. –

AGNES: Ach, du solltest

Ihn kennen, ihn nur einmal handeln sehn!

Er ist so stark und doch so sanft. – Er hat es längst

Vergeben. –

OTTOKAR: Könnt ich das von meinem sagen!

Denn niemals hat die blinde Rachsucht, die

Ihn zügellos-wild treibt, mir wohlgetan.

Ich fürchte viel von meinem Vater, wenn

Der deinige unangefragt erscheint.

AGNES:

Nun, das wird jetzt wohl nicht geschehn, ich weiß,

Jeronimus wird ihn euch melden.

OTTOKAR: Jerome?

Der ist ja selbst nicht sicher.

AGNES: Warum das?

OTTOKAR:

Wenn er Johann verwundet hat, in Warwand

Verwundet hat, das macht den Vater wütend.

AGNES:

– Es muß ein böser Mensch doch sein, dein Vater.

OTTOKAR:

Auf Augenblicke, ja. –

AGNES: So solltest du

Doch lieber gleich zu deinem Vater eilen,

Zu mildern wenigstens, was möglich ist.

OTTOKAR:

Ich mildern? Meinen Vater? Gute Agnes,

Er trägt uns, wie die See das Schiff, wir müssen

Mit seiner Woge fort, sie ist nicht zu

Beschwören. – Nein ich wüßte wohl was Bessers.

– Denn fruchtlos ist doch alles, kommt der Irrtum

Ans Licht nicht, der uns neckt. – Der eine ist,

Von jenem Anschlag auf dein Leben, mir

Schon klar. – Der Jüngling war mein Freund, um seine

Geheimste Absicht kann ich wissen. – Hier

Auf dieser Stelle, eifersuchtgequält,

Reizt' er mit bittern Worten mich, zu ziehen

– Nicht mich zu morden, denn er sagt' es selbst,

Er wolle sterben.

AGNES: Seltsam! Gerade das

Sagt' er mir auch.

OTTOKAR: Nun sieh, so ists am Tage.

AGNES:

Das seh ich doch nicht ein – er stellte sich

Wahnsinnig zwar, drang mir den Dolch auf, sagte,

Als ich mich weigerte, ich hätt ihm einen

Schon in das Herz gedrückt. –

OTTOKAR: Nun, das brauch ich

Wohl dir nicht zu erklären. –

AGNES: Wie?

OTTOKAR: Sagt ich

Dir nicht, daß er dich heftig liebe?

AGNES: – O

Mein Gott, was ist das für ein Irrtum. – Nun

Liegt er verwundet in dem Kerker, niemand

Pflegt seiner, der ein Mörder heißt, und doch

Ganz schuldlos ist. – Ich will sogleich auch gehen.

OTTOKAR:

Nur einen Augenblick noch. – So wie einer,

Kann auch der andre Irrtum schwinden. – Weißt

Du, was ich tun jetzt werde? Immer ists

Mir aufgefallen, daß an beiden Händen

Der Bruderleiche just derselbe Finger,

Der kleine Finger fehlte. – Mördern, denk

Ich, müßte jedes andre Glied fast wichtger

Doch sein, als just der kleine Finger. Läßt

Sich was erforschen, ists nur an dem Ort

Der Tat. Den weiß ich. Leute wohnen dort,

Das weiß ich auch. – Ja recht, ich gehe hin.

AGNES:

So lebe wohl denn.

OTTOKAR: Eile nur nicht so;

Wird dir Johann entfliehn? – Nun pfleg ihm nur,

Und sag ihm, daß ich immer noch sein Freund.

AGNES:

Laß gut sein, werd ihn schon zu trösten wissen,

OTTOKAR:

Wirst du? Nun einen Kuß will ich ihm gönnen.

AGNES:

Den andern gibt er mir zum Dank.

OTTOKAR: Den dritten

Krieg ich zum Lohn für die Erlaubnis.

AGNES: Von

Johann?

OTTOKAR: Das ist der vierte.

AGNES: Ich versteh

Versteh schon. Nein, daraus wird nichts.

OTTOKAR: Nun gut;

Das nächstemal geb ich dir Gift.

AGNES (lacht): Frisch aus

Der Quelle, du trinkst mit.

OTTOKAR (lacht): Sind wir

Nicht wie die Kinder? Denn das Schicksal zieht

Gleich einem strengen Lehrer, kaum ein freundlich

Gesicht, sogleich erhebt der Mutwill wieder

Sein keckes Haupt.

AGNES: Nun bin ich wieder ernst,

Nun geh ich.

OTTOKAR: Und wann kehrst du wieder?

AGNES: Morgen.

(Ab von verschiedenen Seiten.)

Zweite Szene

Inhaltsverzeichnis

Rossitz. Ein Zimmer im Schlosse. Rupert, Santing und Eustache treten auf

RUPERT: Erschlagen, sagst du?

EUSTACHE: Ja, so spricht das Volk.

RUPERT:

Das Volk – ein Volk von Weibern wohl?

EUSTACHE: Mir hats

Ein Mann bekräftigt.

RUPERT: Hats ein Mann gehört?

SANTING:

Ich habs gehört, Herr, und ein Mann, ein Wandrer,

Der her aus Warwand kam, hats mitgebracht.

RUPERT:

Was hat er mitgebracht?

SANTING: Daß dein Johann

Erschlagen sei.

EUSTACHE: Nicht doch, Santing, er sagte

Nichts von Johann, vom Herold sagt' er das.

RUPERT:

Wer von euch beiden ist das Weib?

SANTING: Ich sage,

Johann; und ists der Herold, wohl, so steckt

Die Frau ins Panzerhemd, mich in den Weibsrock.

RUPERT:

Mit eignen Ohren will ichs hören. Bringt

Den Mann zu mir.

SANTING: Ich zweifle, daß er noch

Im Ort.

EUSTACHE (sieht ihn an): Er ist im Hause.

RUPERT: Einerlei:

Bringt ihn.

(Santing und Eustache ab.)

RUPERT (pfeift; zwei Diener erscheinen):

Ruft gleich den Grafen Ottokar!

EIN DIENER:

Es soll geschehn, Herr. (Bleibt stehen,)

RUPERT: Nun? was willst du?

DER DIENER: Herr,

Wir haben eine Klingel hier gekauft,

Und bitten dich, wenn du uns brauchst, so klingle.

(Er setzt die Klingel auf den Tisch.)

RUPERT:

's ist gut.

DER DIENER: Wir bitten dich darum, denn wenn

Du pfeifst, so springt der Hund jedwedes Mal

Aus seinem Ofenloch, und denkt, es gelte ihm.

RUPERT: – 's ist gut.

(Diener ab. Eustache und ein Wanderer treten auf)

EUSTACHE: Hier ist der Mann. – Hör es nun selbst,

Ob ich dir falsch berichtet.

RUPERT: Wer bist du, mein Sohn?

DER WANDERER:

Bin Hans Franz Flanz von Namen, Untertan

Aus deiner Herrschaft, komm vom Wandern in

Die Heimat heut zurück.

RUPERT: Du warst in Warwand;

Was sahst du da?

DER WANDERER: Sie haben deinen Herold

Erschlagen.

RUPERT: Wer tat es?

DER WANDERER: Herr, die Namen gingen

Auf keine Eselshaut. Es waren an

Die Hundert über einen, alle Graf

Sylvesters Leute.

RUPERT: War Sylvester selbst dabei?

DER WANDERER:

Er tat, als wüßt ers nicht, und ließ sich bei

Der Tat nicht sehen. Nachher, als die Stücken

Des Herolds auf dem Hofe lagen, kam er

Herunter.

RUPERT: Und was sagt' er da?

DER WANDERER: Er schalt und schimpfte

Die Täter tüchtig aus, es glaubt' ihm aber keiner.

Denn 's dauerte nicht lang, so nannt er seine

Getreuen Untertanen sie.

RUPERT (nach einer Pause):

O listig ist die Schlange – 's ist nur gut,

Daß wir das wissen, denn so ist sies nicht Für uns.

EUSTACHE (zum Wanderer): Hat denn der Herold ihn beleidigt?

RUPERT:

Beleidigen! Ein Herold? Der die Zange

Nur höchstens ist, womit ich ihn gekniffen.

EUSTACHE:

So läßt sichs fast nicht denken, daß die Tat

Von ihm gestiftet; denn warum sollt er

So zwecklos dich noch mehr erbittern wollen?

RUPERT:

Er setzet die Erfindungskraft vielleicht

Der Rache auf die Probe – nun wir wollen

Doch einen Henker noch zu Rate ziehen.

(Santing und ein zweiter Wanderer treten auf)

SANTING:

Hier ist der Wandrer, Herr, er kann dir sagen,

Ob ich ein Weib, ob nicht.

RUPERT (wendet sich): Es ist doch nicht

Die Höll in seinem Dienst –

ZWEITER WANDERER: Ja, Herr, Johann

So heißt der Rittersmann, den sie in Warwand

Erschlagen. –

RUPERT (dreht sich zu ihm, schnell): Und also wohl den Herold nicht?

ZWEITER WANDERER:

Herr, das geschah früher.

RUPERT (nach einer Pause): Tretet ab – bleib du, Santing.

(Die Wanderer und Eustache ab.)

RUPERT:

Du siehst die Sache ist ein Märchen. Kannst

Du selbst nicht an die Quelle gehn nach Warwand,

So glaub ichs keinem.

SANTING: Herr, du hättst den Mann

Doch hören sollen. In dem Hause war,

Wo ich ihn traf, ein andrer noch, der ihm

Ganz fremd, und der die Nachricht mit den Worten

Fast sagt', als hätt er sie von ihm gelernt.

RUPERT:

Der Herold, seis – das wollt ich glauben – doch

Johann! Wie käm denn der nach Warwand?

SANTING: Wie

Die Männer sprachen, hat er Agnes,

Sylvesters Tochter, morden wollen.

RUPERT: Morden!

Ein Mädchen! Sind sie toll? Der Junge ist

Verliebt in alles, was in Weiberröcken.

SANTING:

Er soll den Dolch auf sie gezückt schon haben,

Da kommt Jeronimus, und haut ihn nieder.

RUPERT:

Jeronimus – wenns überhaupt geschehn,

Daß ers getan, ist glaublich, denn ich weiß, Der graue Geck freit um die Tochter. – Glaubs Trotz allem nicht, bis dus aus Warwand bringst.

SANTING:

So reit ich hin – und kehr ich heut am Tage

Nach Rossitz nicht zurück, so ists ein Zeichen

Von meinem Tode auch.

RUPERT: Auf jeden Fall

Will ich den dritten sprechen, der dirs sagte.

SANTING:

Herr, der liegt krank im Haus.

RUPERT: So führe mich zu ihm.

(Beide ab; Jeronimus und Eustache treten im Gespräch von der andern Seite auf)

EUSTACHE:

Um Gotteswillen, Ritter –

JERONIMUS: Ihm den Mörder

Zu senden, der ihm hinterrücks die Tochter

Durchbohren soll, die Schuldlosreine, die

Mit ihrem Leben nichts verbrach, als dieses

Nur, daß just dieser Vater ihr es gab.

EUSTACHE:

Du hörst mich nicht. –

JERONIMUS: Was seid ihr besser denn

Als die Beklagten, wenn die Rache so

Unwürdig niedrig ist, als die Beleidigung?

EUSTACHE:

Ich sag dir ja –

JERONIMUS: Ist das die Weis in diesem

Zweideutig bösen Zwist dem Rechtgefühl

Der Nachbarn schleunig anzuweisen, wo

Die gute Sache sei? Nein, wahrlich, nein,

Ich weiß es nicht, und soll ichs jetzt entscheiden,

Gleich zu Sylvester wend ich mich, nicht euch.

EUSTACHE:

So laß mich doch ein Wort nur sprechen – sind

Wir denn die Stifter dieser Tat?

JERONIMUS: Ihr nicht

Die Stifter? Nun, das nenn ich spaßhaft! Er,

Der Mörder, hat es selbst gestanden. –

EUSTACHE: Wer

Hat es gestanden?

JERONIMUS: Wer fragst du? Johann.

EUSTACHE:

O welch ein Scheusal ist der Lügner. – Ich

Erstaun, Jeronimus, und wage kaum

Zu sagen, was ich von dir denke. Denn

Ein jedes unbestochnes Urteil müßte

Schnell frei uns sprechen.

JERONIMUS: Schnell? Da hast du unrecht:

Als ich Sylvester hörte, hab ich schnell

Im Geist entschieden, denn sehr würdig wies

Die Schuld er von sich, die man auf ihn bürdet.

EUSTACHE:

Ists möglich, du nimmst ihn in Schutz?

JERONIMUS: Haut mir

Die Hand ab, wenn ich sie meineidig hebe;

Unschuldig ist Sylvester!

EUSTACHE: Soll ich dir

Mehr glauben, als den Tätern, die es selbst

Gestanden?

JERONIMUS: Nun, das nenn ich wieder spaßhaft;

Denn glauben soll ich doch von euch, daß ihr

Unschuldig, ob es gleich Johann gestanden.

EUSTACHE:

Nun über jedwedes Geständnis geht

Mein innerstes Gefühl doch. –

JERONIMUS: Gerad so spricht Sylvester,

Doch mit dem Unterschied, daß ichs ihm glaube.

EUSTACHE:

Wenn jene Tat wie diese ist beschaffen –

JERONIMUS:

Für jene, für Sylvesters Unschuld, steh ich.

EUSTACHE:

Und nicht für unsre?

JERONIMUS: Reinigt euch.

EUSTACHE: – Was hat

Der Knabe denn gestanden?

JERONIMUS: Sag mir erst,

Was hat der Mörder ausgesagt, den man

Gefoltert – wörtlich will ichs wissen.

EUSTACHE: Ach,

Jeronimus, soll ich mich wahr dir zeigen,

Ich weiß es nicht. Denn frag ich, heißt es stets:

Er hats gestanden; will ichs wörtlich wissen,

So hat, vor dem Geräusch ein jeder nur,

Selbst Rupert nur ein Wort gehört: Sylvester.

JERONIMUS:

Selbst Rupert? Ei, wenns nur dies Wort bedurfte

So wußte ers wohl schon vorher, nicht wahr?

So halb und halb?

EUSTACHE: Gewiß hat ers vorher

Geahndet. –

JERONIMUS: Wirklich? Nun so war auch wohl

Dies Wort nicht nötig, und ihr hättet euch

Mit einem Blick genügt.

EUSTACHE: Ach, mir hats nie

Genügt – doch muß die Flagge wehn wohin

Der Wind. – Ich werde nie den Unglückstag

Vergessen – und es knüpft, du wirst es sehn,

Sich eine Zukunft noch von Unglück an.

– Nun sag mir nur, was hat Johann bekannt?

JERONIMUS:

Johann? Dasselbe. Er hat euren Namen

Genannt.

EUSTACHE: Und weiter nichts?

JERONIMUS: Das wäre schon

Wenn nicht Sylvester edel wär, genug.

EUSTACHE:

So glaubt ers also nicht?

JERONIMUS: Er ist der einzge

In seinem Warwand fast, der euch entschuldigt.

EUSTACHE:

– Ja, dieser Haß, der die zwei Stämme trennt,

Stets grundlos schien er mir, und stets bemüht

War ich, die Männer auszusöhnen – doch

Ein neues Mißtraun trennte stets sie wieder

Auf Jahre, wenn so kaum ich sie vereinigt.

– Nun, weiter hat Johann doch nichts bekannt.

JERONIMUS:

Auch dieses Wort selbst sprach er nur im Fieber

– Doch wie gesagt, es wär genug.

EUSTACHE: So ist

Er krank?

JERONIMUS: Er phantasiert sehr heftig, spricht

Das Wahre und das Falsche durcheinander.

– Zum Beispiel, im Gebirge sei die Hölle

Für ihn, für Ottokar und Agnes doch

Der Himmel.

EUSTACHE: Nun, und was bedeutet das?

JERONIMUS:

Ei, daß sie sich so treu wie Engel lieben.

EUSTACHE:

Wie? Du erschreckst mich, Ottokar und Agnes?

JERONIMUS:

Warum erschrickst du? Denk ich doch, du solltest

Vielmehr dich freun. Denn fast kein Minnesänger

Könnt etwas Besseres ersinnen, leicht

Das Wildverworrene euch aufzulösen,

Das Blutig-angefangne lachend zu

Beenden, und der Stämme Zwietracht ewig

Mit seiner Wurzel auszurotten, als

– Als eine Heirat.

EUSTACHE: Ritter, du erweckst

Mir da Gedanken. – Aber wie? Man sagte,

– Wars ein Gerücht nur bloß? – du freitest selbst

Um Agnes?

JERONIMUS: Ja, 's ist wahr. Doch untersucht

Es nicht, ob es viel Edelmut, ob wenig

Beweise, daß ich deinem Sohn sie gönne,

– Denn kurz, das Mädel liebt ihn.

EUSTACHE: Aber sag

Mir nur, wie sie sich kennen lernten? Seit

Drei Monden erst ist Ottokar vom Hofe

Des Kaisers, dessen Edelknab er war,

Zurück. In dieser Zeit hat er das Mädchen,

In meinem Beisein mindstens nicht gesehn.

JERONIMUS:

Doch nicht in deinem Beisein um so öfter. Noch heute waren beid in dem Gebirge.

EUSTACHE:

– Nun freilich, glücklich könnte sichs beschließen,

Sylvester also wär bereit?

JERONIMUS: Ich bin

Gewiß, daß er das Mädchen ihm nicht weigert,

Obschon von ihrer Lieb er noch nichts weiß.

– Wenn Rupert nur –

EUSTACHE: 's ist kaum zu hoffen, kaum,

– Versuchen will ichs. – Horch! Er kommt! Da ist er!

(Rupert und Santing treten auf; Rupert erblickt Jeronimus, erblaßt, kehrt um.)

RUPERT (im Abgehen): Santing! (Beide ab.)

JERONIMUS:

Was war das?

EUSTACHE: Hat er dich denn schon gesehen?

JERONIMUS:

Absichtlich hab ich ihn vermieden, um

Mit dir vorher mich zu besprechen. – Wie

Es scheint, ist er sehr aufgebracht.

EUSTACHE: Er ward

Ganz blaß als er dich sah – das ist ein Zeichen

Wie matte Wolkenstreifen stets für mich;

Ich fürchte einen bösen Sturm.

JERONIMUS: Weiß er

Denn, daß Johann von meiner Hand gefallen?

EUSTACHE:

Noch wußt ers nicht, doch hat er eben jetzt

Noch einen dritten Wanderer gesprochen.

JERONIMUS:

Das ist ein böser Strich durch meinen Plan.

RUPERT (tritt auf):

Laß uns allein, Eustache.

EUSTACHE (halblaut zu Jeronimus): Hüte dich,

Um Gotteswillen. (Ab.)

JERONIMUS: Sei gegrüßet!

RUPERT: Sehr

Neugierig bin ich zu erfahren, was

Zu mir nach Rossitz dich geführt. – Du kommst

Aus Warwand – nicht?

JERONIMUS: Unmittelbar von Hause,

Doch war ich kürzlich dort.

RUPERT: So wirst du wissen,

Wir Vettern sind seit kurzer Zeit ein wenig

Schlimm übern Fuß gespannt. – Vielleicht hast du

Aufträg an mich, kommst im Geschäft des Friedens,

Stellst selbst vielleicht die heilige Person

Des Herolds vor -?

JERONIMUS: Des Herolds? – Nein. Warum?

– Die Frag ist seltsam. – Als dein Gast komm ich.

RUPERT:

Mein Gast – und hättst aus Warwand keinen Auftrag?

JERONIMUS:

Zum mindsten keinen andern, dessen ich

Mich nicht als Freund des Hauses im Gespräch

Gelegentlich entledgen könnte.

RUPERT: Nun,

Wir brechen die Gelegenheit vom Zaune;

Sag an.

JERONIMUS: – Sylvester will dich sprechen.

RUPERT: Mich;

Mich sprechen?

JERONIMUS: Freilich seltsam ist die Fordrung,

Ja unerhört fast – dennoch gäbs ein Zeichen,

Ein sichres fast, von seiner Unschuld, wär

Es dieses.

RUPERT: Unschuld?

JERONIMUS: Ja, mir ists ein Rätsel,

Wie dir, da es die Mörder selbst gestanden.

Zwar ein Geständnis auf der Folter ist

Zweideutig stets – auch war es nur ein Wort,

Das doch im Grunde stets sehr unbestimmt.

Allein, trotz allem, der Verdacht bleibt groß,

Und fast unmöglich scheints – zum wenigsten

Sehr schwer, doch sich davon zu reinigen.

RUPERT:

Meinst du?

JERONIMUS: Doch, wie gesagt, er hälts für möglich:

Er glaubt, es steck ein Irrtum wo verborgen.

RUPERT:

Ein Irrtum?

JERONIMUS: Den er aufzudecken, nichts

Bedürfe, als nur ein Gespräch mit dir.

RUPERT:

– Nun, meinetwegen.

JERONIMUS: Wirklich? Willst dus tun?

RUPERT:

Wenn du ihn jemals wiedersehen solltest. –

JERONIMUS:

– Jemals? Ich eile gleich zu ihm.

RUPERT: So sags

Daß ich mit Freuden ihn erwarten würde.

JERONIMUS:

O welche segensreiche Stunde hat

Mich hergeführt. – Ich reite gleich nach Warwand,

Und bring ihn her. – Möcht er dich auch so finden,

So freundlich, und so mild, wie ich. – Machs ihm

Nicht schwer, die Sache ist verwickelt, blutig

Ist die Entscheidung stets des Schwerts, und Frieden

Ist die Bedingung doch von allem Glück.

Willst du ihn nur unschuldig finden, wirst

Dus auch. – Ich glaubs, bei meinem Eid, ich glaubs,

Ich war wie du von dem Verdacht empört,

Ein einzger Blick auf sein ehrwürdig Haupt,

Hat schnell das Wahre mich gelehrt. –

RUPERT: Dein Amt

Scheint aus, wenn ich nicht irre.

JERONIMUS: Nur noch zur

Berichtigung etwas von zwei Gerüchten,

Die bös verfälscht, wie ich fast fürchte, dir

Zu Ohren kommen möchten. –

RUPERT: Nun?

JERONIMUS: Johann

Liegt krank in Warwand.

RUPERT: Auf den Tod, ich weiß.

JERONIMUS:

Er wird nicht sterben.

RUPERT: Wie es euch beliebt.

JERONIMUS:

Wie?

RUPERT: Weiter – Nun, das andere Gerücht?

JERONIMUS:

Ich wollt dir sagen noch, daß zwar Johann

Den Dolch auf Agnes –

RUPERT: Ich hatt ihn gedungen.

JERONIMUS:

Wie sagst du?

RUPERT: Könnts mir doch nichts helfen, wenn

Ichs leugnen wollte, da ers ja gestanden.

JERONIMUS:

Vielmehr das Gegenteil – aus seiner Rede

Wird klar, daß dir ganz unbewußt die Tat.

RUPERT:

Sylvester doch ist überzeugt, wie billig,

Daß ich so gut ein Mörder bin, wie er?

JERONIMUS:

Vielmehr das Gegenteil – der Anschein hat

Das ganze Volk getäuscht, doch er bleibt stets

Unwandelbar und nennt dich schuldlos.

RUPERT:

O List der Hölle, von dem bösesten

Der Teufel ausgeheckt!

JERONIMUS: Was ist das? Rupert!

RUPERT (faßt sich):

Das war das eine. – Nun, sprich weiter, noch

Ein anderes Gerücht wolltst du berichtgen.

JERONIMUS:

Gib mir erst Kraft und Mut, gib mir Vertraun.

RUPERT:

Sieh zu, wies geht – sag an.

JERONIMUS: Der Herold ist –

RUPERT:

Erschlagen, weiß ich – doch Sylvester ist

Unschuldig an dem Blute.

JERONIMUS: Wahrlich, ja,

Er lag in Ohnmacht während es geschah.

Es hat ihn tief empört, er bietet jede

Genugtuung dir an, die du nur forderst.

RUPERT:

Hat nichts zu sagen. –

JERONIMUS: Wie?

RUPERT: Was ist ein Herold?

JERONIMUS:

Du bist entsetzlich. –

RUPERT: Bist du denn ein Herold? -?

JERONIMUS:

Dein Gast bin ich, ich wiederhols. – Und wenn

Der Herold dir nicht heilig ist, so wirds

Der Gast dir sein.

RUPERT: Mir heilig? Ja. Doch fall

Ich leicht in Ohnmacht.

JERONIMUS: Lebe wohl. (Schnell ab.)

(Pause; Eustache stürzt aus dem Nebenzimmer herein.)

EUSTACHE:

Um Gotteswillen, rette, rette (Sie öffnet das Fenster.) Alles

Fällt über ihn – Jeronimus! – das Volk

Mit Keulen – rette, rette ihn – sie reißen

Ihn nieder, nieder liegt er schon am Boden –

Um Gotteswillen, komm ans Fenster nur,

Sie töten ihn. – Nein wieder steht er auf,

Er zieht, er kämpft, sie weichen. – Nun, ists Zeit,

O Rupert, ich beschwöre dich. – Sie dringen

Schon wieder ein, er wehrt sich wütend. – Rufe

Ein Wort, um aller Heilgen willen nur

Ein Wort aus diesem Fenster. – – Ah! jetzt fiel

Ein Schlag – – er taumelt, Ah! noch einer. – – Nun

Ists aus. – Nun fällt er um. – Nun ist er tot. – –

(Pause; Eustache tritt vor Rupert.)

O welch entsetzliche Gelassenheit – –

– Es hätte dir ein Wort gekostet, nur

Ein Schritt bis zu dem Fenster, ja, dein bloßes

Gebieterantlitz hätte sie geschreckt. –

– Mög einst in jener bittern Stunde, wenn

Du Hülfe Gottes brauchest, Gott nicht säumen,

Wie du, mit Hülfe vor dir zu erscheinen.

SANTING (tritt auf):

's ist abgetan, Herr.

EUSTACHE: Abgetan? Wie sagst

Du, Santing – Rupert, abgetan?

(Rupert wendet sich verlegen.) O jetzt

Ists klar. – Ich Törin, die ich dich zur Rettung

Berief! – O pfui! Das ist kein schönes Werk,

Das ist so häßlich, so verächtlich, daß

Selbst ich, dein unterdrücktes Weib, es kühn

Und laut verachte. Pfui! O pfui! Wie du

Jetzt vor mir sitzest und es leiden mußt,

Daß ich in meiner Unschuld hoch mich brüste.

Denn über alles siegt das Rechtgefühl,

Auch über jede Furcht und jede Liebe,

Und nicht der Herr, der Gatte nicht, der Vater

Nicht meiner Kinder ist so heilig mir,

Daß ich den Richterspruch verleugnen sollte,

Du bist ein Mörder.

RUPERT (steht auf): Wer zuerst ihn tödlich

Getroffen hat, der ist des Todes!

SANTING: Herr,

Auf dein Geheiß. –

RUPERT: Wer sagt das?

SANTING: 's ist ein Faustschlag

Mir ins Gesicht.

RUPERT: Stecks ein:

(Er pfeift; zwei Diener erscheinen.)

Wo sind die Hunde wenn

Ich pfeife? – Ruft den Grafen auf mein Zimmer.

(Der Vorhang fällt.)

Vierter Aufzug

Inhaltsverzeichnis

Erste Szene

Inhaltsverzeichnis

Rossitz. Zimmer im Schlosse. Rupert und Santing treten auf

RUPERT:

Das eben ist der Fluch der Macht, daß sich

Dem Willen, dem leicht widerruflichen,

Ein Arm gleich beut, der fest unwiderruflich

Die Tat ankettet. Nicht ein Zehnteil würd

Ein Herr des Bösen tun, müßt er es selbst

Mit eignen Händen tun. Es heckt sein bloßer

Gedanke Unheil aus, und seiner Knechte

Geringster hat den Vorteil über ihn,

Daß er das Böse wollen darf.

SANTING: Ich kann

Das Herrschen dir nicht lehren, du nicht das

Gehorchen mir. Was Dienen ist, das weiß

Ich auf ein Haar. Befiehl, daß ich dir künftig

Nicht mehr gehorche, wohl, so will ich dir

Gehorchen.

RUPERT: Dienen! Mir gehorchen! Dienen!

Sprichst du doch wie ein Neuling. Hast du mir

Gedient? Soll ich dir erklären, was

Ein Dienst sei? Nützen, nützen, nützen soll er. – Was

Denn ist durch deinen mir geworden, als

Der Reue ekelhaft Gefühl?

Es ist

Mir widerlich, ich wills getan nicht haben. –

Auf deine Kappe nimms – ich steck dich in

Den Schloßturm. –

SANTING: Mich?

RUPERT: Kommst du heraus, das schöne

Gebirgslehn wird dir nicht entgehn.

(Eustache tritt auf)

RUPERT (steht auf, zu Santing, halblaut): Es bleibt

Dabei. In vierzehn Tagen bist du frei. (Zu Eustache.)

Was willst du?

EUSTACHE: Stör ich?

RUPERT (zu Santing): Gehe! Meinen Willen

Weißt du. Solange ich kein Knecht, soll mir

Den Herrn ein andrer auf der Burg nicht spielen.

Den Zügel hab ich noch, sie sollen sich

Gelassen dran gewöhnen, müßten sie

Die Zähne sich daran zerreißen. Der

Zuerst den Herold angetastet, hat

Das Beil verwirkt. – Dich steck ich in den Schloßturm.

– Kein Wort, sag ich, wenn dir dein Leben lieb!

Du hast ein Wort gedeutet, eigenmächtig,

Rebellisch deines Herren Willen mißbraucht –

– Ich schenk dirs Leben. Fort! Tritt ab. (Santing ab.)

(Zu Eustache.)

Was willst du?

EUSTACHE: Mein Herr, und mein Gemahl –

RUPERT: Wenn du

Die Rede, die du kürzlich hier begonnen,

Fortsetzen willst, so spar es auf; du siehst,

Ich bin soeben nicht gestimmt, es an

Zu hören.

EUSTACHE: Wenn ich Unrecht dir getan –

RUPERT:

So werd ich mich vor dir wohl reinigen müssen?

Soll ich etwa das Hofgesinde rufen,

Und öffentlich dir Rede stehn?

EUSTACHE: O mein

Gemahl, ein Weib glaubt gern an ihres Mannes

Unschuld, und küssen will ich deine Hand

Mit Tränen, Freudentränen, wenn sie rein

Von diesem Morde.

RUPERT: Wissen es die Leute,

Wies zugegangen?

EUSTACHE: Selber spricht die Tat:

Das Volk war aufgehetzt von Santing.

RUPERT: Daß

Ich auf dein Rufen an das Fenster nicht

Erschienen, ist mir selber unerklärlich,

Sehr schmerzhaft ist mir die Erinnerung.

EUSTACHE:

Es würde fruchtlos doch gewesen sein.

Er sank so schleunig hin, daß jede Rettung,

Die schnellste selbst, zu spät gekommen wäre.

Auch ganz aus seiner Schranke war das Volk,

Und hätte nichts von deinem Wort gehört.

RUPERT:

Doch hätt ich mich gezeigt –

EUSTACHE: Nun freilich wohl.

DIE KAMMERZOFE (stürzt herein, umfaßt Eustachens Füße):

Um deine Hülfe, Gnädigste! Erbarmung,

Gebieterin! Sie führen ihn zum Tode,

Errettung von dem Tod! Laß ihn, laß mich,

Laß uns nicht aufgeopfert werden!

EUSTACHE: Dich?

Bist du von Sinnen?

DIE KAMMERZOFE: Meinen Friedrich. Er

Hat ihn zuerst getroffen.

EUSTACHE: Wen?

DIE KAMMERZOFE: Den Ritter,

Den dein Gemahl geboten zu erschlagen.

RUPERT:

Geboten – ich! Den Teufel hab ich. – Santing

Hats angestiftet!

DIE KAMMERZOFE (steht auf):

Santing hats auf dein

Geheiß gestiftet.

RUPERT: Schlange, giftige!

Aus meinen Augen, fort!

DIE KAMMERZOFE: Auf dein Geheiß

Hats Santing angestiftet. Selbst hab ichs

Gehört, wie dus dem Santing hast befohlen.

RUPERT:

– Gehört? – Du selbst?

DIE KAMMERZOFE: Ich stand im Schloßflur, stand

Dicht hinter dir, ich hörte jedes Wort,

Doch du warst blind vor Wut, und sahst mich nicht.

Es habens außer mir noch zwei gehört.

RUPERT: – 's ist gut. Tritt ab.

DIE KAMMERZOFE: So schenkst du ihm das Leben?

RUPERT:

's soll aufgeschoben sein.

DIE KAMMERZOFE: O Gott sei Dank!

Und dir sei Dank, mein bester Herr, es ist

Ein braver Bursche, der sein Leben wird

An deines setzen.

RUPERT: Gut, sag ich. Tritt ab.

(Kammerzofe ab.)

(Rupert wirft sich auf einen Sessel; Eustache nähert sich ihm, Pause.)

EUSTACHE:

Mein teurer Freund. –

RUPERT: Laß mich allein, Eustache.

EUSTACHE:

O laß mich bleiben. – O dies menschlich schöne

Gefühl, das dich bewegt, löscht jeden Fleck,

Denn Reue ist die Unschuld der Gefallnen.

An ihrem Glanze weiden will ich mich,

Denn herrlicher bist du mir nie erschienen,

Als jetzt.

RUPERT: Ein Elender bin ich. –

EUSTACHE: Du glaubst

Es. – Ah! Der Augenblick nach dem Verbrechen

Ist oft der schönste in dem Menschenleben,

Du weißts nicht – ach, du weißt es nicht und grade

Das macht dich herrlich. Denn nie besser ist

Der Mensch, als wenn er es recht innig fühlt,

Wie schlecht er ist.

RUPERT: Es kann mich keiner ehren,

Denn selbst ein Ekel bin ich mir.

EUSTACHE: Den soll

Kein Mensch verdammen, der sein Urteil selbst

Sich spricht. O hebe dich! Du bist so tief

Bei weitem nicht gesunken, als du hoch

Dich heben kannst.

RUPERT: Und wer hat mich so häßlich

Gemacht? O hassen will ich ihn. –

EUSTACHE: Rupert!

Du könntest noch an Rache denken?

RUPERT: Ob

Ich an die Rache denke? – Frage doch,

Ob ich noch lebe?

EUSTACHE: Ist es möglich? O

Nicht diesen Augenblick zum wenigsten

Wirst du so bös beflecken – Teufel nicht

In deiner Seele dulden, wenn ein Engel

Noch mit mir spricht aus deinen Zügen.

RUPERT: Soll

Ich dir etwa erzählen, daß Sylvester

Viel Böses mir getan? Und soll ichs ihm

Verzeihn, als wär es nur ein Weiberschmollen?

Er hat mir freilich nur den Sohn gemordet,

Den Knaben auch, der lieb mir wie ein Sohn. –

EUSTACHE:

O sprichs nicht aus! Wenn dich die Tat gereut,

Die blutige, die du gestiftet, wohl,

So zeigs, und ehre mindestens im Tode

Den Mann mit dessen Leben du gespielt.

Der Abgeschiedene hat es beschworen:

Unschuldig ist Sylvester!

(Rupert sieht ihr starr ins Gesicht.)

So unschuldig

An Peters Mord, wie wir an jenem Anschlag

Auf Agnes' Leben.

RUPERT: Über die Vergleichung!

EUSTACHE:

Warum nicht mein Gemahl? Denn es liegt alles

Auf beiden Seiten gleich, bis selbst auf die

Umstände noch der Tat. Du fandst Verdächtge

Bei deinem toten Kinde, so in Warwand;

Du hiebst sie nieder, so in Warwand; sie

Gestanden Falsches, so in Warwand; du

Vertrautest ihnen, so in Warwand. – Nein,

Der einzge Umstand ist verschieden, daß

Sylvester selber doch dich freispricht.

RUPERT: O

Gewendet, listig, haben sie das ganze

Verhältnis, mich, den Kläger, zum Verklagten

Gemacht. – Und um das Bubenstück, das mich

Der ganzen Welt als Mörder zeigt, noch zu

Vollenden, so verzeiht er mir. –

EUSTACHE: Rupert!

O welch ein häßlicher Verdacht, der schon

Die Seele schändet, die ihn denkt.

RUPERT: Verdacht

Ists nicht in mir, es ist Gewißheit. Warum

Meinst du, hätt er mir wohl verziehen, da

Der Anschein doch so groß, als nur, damit

Ich gleich gefällig mich erweise? Er

Kann sich nicht reinigen, er kann es nicht,

Und nun, damit ichs ihm erlaß, erläßt

Ers mir. – Nun, halb zum wenigsten soll ihm

Das Bubenstück gelingen nur. Ich nehme

Den Mord auf mich – und hätt der Jung das Mädchen

Erschlagen, wärs mir recht.

EUSTACHE: Das Mädchen? O

Mein Gott, du wirst das Mädchen doch nicht morden?

RUPERT:

Die Stämme sind zu nah gepflanzet, sie

Zerschlagen sich die Äste.

EUSTACHE (zu seinen Füßen): O verschone,

Auf meinen Knien bitt ich dich verschone

Das Mädchen – wenn dein eigner Sohn dir lieb,

Wenn seine Liebe lieb dir, wenn auf immer

Du seinen Fluch dir nicht bereiten willst,

Verschone Agnes. –

RUPERT: Welche seltsame

Anwandlung? Mir den Fluch des Sohnes?

EUSTACHE: Ja,

Es ist heraus – auf meinen Knien beschwöre

Ich dich, bei jener ersten Nacht, die ich

Am Tage vor des Priesters Spruch dir schenkte,

Bei unserm einzgen Kind, bei unserm letzten

Das du hinopferst, und das du doch nicht

Geboren hast, wie ich, o mache diesem

Unselig-bösen Zwist ein Ende, der

Bis auf den Namen selbst den ganzen Stamm

Der Schroffensteine auszurotten droht.

Gott zeigt den Weg selbst zur Versöhnung dir.

Die Kinder lieben sich, ich habe sichre

Beweise. –

RUPERT: Lieben?

EUSTACHE: Unerkannt hat Gott

In dem Gebirge sie vereint.

RUPERT: Gebirg?

EUSTACHE:

Ich weiß es von Jeronimus, der Edle!

Vortreffliche! Sein eigner Plan war es

Die Stämme durch die Heirat zu versöhnen,

Und selbst sich opfernd, trat er seine Braut

Dem Sohne seines Freundes ab. – O ehre

Im Tode seinen Willen, daß sein Geist

In deinen Träumen dir nicht mit Entsetzen

Begegne. – Sprich, o sprich den Segen aus!

Mit Tränen küß ich deine Kniee, küsse

Mit Inbrunst deine Hand, die ach! noch schuldig

Was sie am Altar mir versprach – o brauche

Sie einmal doch zum Wohltun, gib dem Sohne

Die Gattin, die sein Herz begehrt, und dir

Und mir und allen Unsrigen den Frieden. –

RUPERT:

Nein, sag mir, hab ich recht gehört, sie sehen

Sich im Gebirge, Ottokar und Agnes?

EUSTACHE (steht auf):

O Gott, mein Heiland, was hab ich getan?

RUPERT (steht auf):

Das freilich ist ein Umstand von Bedeutung.

(Er pfeift; zwei Diener erscheinen.)

EUSTACHE:

Wärs möglich? Nein. – O Gott sei Dank! Das wäre

Ja selbst für einen Teufel fast zu boshaft.

RUPERT (zu den Dienern):

Ist noch der Graf zurück nicht vom Spaziergang?

EIN DIENER:

Nein, Herr.

RUPERT: Wo ist der Santing?

EIN DIENER: Bei der Leiche.

RUPERT:

Führ mich zu ihm. (Ab.)

EUSTACHE (ihm nach): Rupert! Rupert! O höre.

(Alle ab.)

Zweite Szene

Inhaltsverzeichnis

Warwand Zimmer im Schlosse. Sylvester tritt auf, öffnet ein Fenster, und bleibt mit Zeichen einer tiefen Bewegung davor stehen. Gertrude tritt auf, und nähert sich ihm mit verdecktem Gesicht.

GERTRUDE:

Weißt du es?

AGNES (tritt auf, noch an der Tür halblaut):

Mutter! Mutter!

(Gertrude sieht sich um, Agnes nähert sich ihr.)

Weißt du die

Entsetzenstat? Jerome ist erschlagen.

(Gertrude gibt ihr ein bejahendes Zeichen.)

Weiß ers?

GERTRUDE (wendet sich zu Sylvester):

Sylvester!

SYLVESTER (ohne sich umzusehen):

Bist du es Gertrude?

GERTRUDE: Wenn

Ich wüßte, wie du jetzt gestimmt, viel hätt ich

Zu sagen dir.

SYLVESTER: Es ist ein trüber Tag

Mit Wind und Regen, viel Bewegung draußen. –

Es zieht ein unsichtbarer Geist, gewaltig,

Nach einer Richtung alles fort, den Staub,

Die Wolken, und die Wellen. –

GERTRUDE: Willst du mich,

Sylvester, hören?

SYLVESTER: Sehr beschäftigt mich

Dort jener Segel – siehst du ihn? Er schwankt

Gefährlich, übel ist sein Stand, er kann

Das Ufer nicht erreichen. –

GERTRUDE: Höre mich,

Sylvester, eine Nachricht hab ich dir

Zu sagen von Jerome.

SYLVESTER: Er, er ist

Hinüber – (Er wendet sich.) ich weiß alles.

GERTRUDE: Weißt dus? Nun

Was sagst du?

SYLVESTER: Wenig will ich sagen. Ist

Theistin noch nicht zurück?

GERTRUDE: So willst du nun

Den Krieg beginnen?

SYLVESTER: Kenn ich doch den Feind.

GERTRUDE:

Nun freilich wie die Sachen stehn, so mußt

Dus wohl. Hat er den Vetter hingerichtet,

Der schuldlos war, so wird er dich nicht schonen.

Die Zweige abzuhaun des ganzen Stammes,

Das ist sein überlegter Plan, damit

Das Mark ihm seinen Wipfel höher treibe.

SYLVESTER:

Den Edelen, der nicht einmal als Herold

Gekommen, der als Freund nur das Geschäft

Betrieb des Friedens, preiszugeben – ihn Um sich an mir zu rächen, preiszugeben Dem Volke. –

GERTRUDE: Nun doch, endlich wirst du ihn

Nicht mehr verkennen?

SYLVESTER: Ihn hab ich verkannt,

Jeronimus – hab ihn der Mitschuld heute

Geziehen, der sich heut für mich geopfert.

Denn wohl geahndet hat es ihm – mich hielt

Er ab, und ging doch selbst nach Rossitz, der

Nicht sichrer war, als ich. –

GERTRUDE: Konnt er denn anders?

Denn weil du Rupert stets mit blinder Neigung

Hast freigesprochen, ja sogar gezürnt,

Wenn man es nur gewagt ihm zu mißtraun,

So mußt er freilich zu ihm gehen. –

SYLVESTER: Nun,

Beruhge dich – fortan kein anderes

Gefühl als nur der Rache will ich kennen,

Und wie ich duldend, einer Wolke gleich

Ihm lange überm Haupt geschwebt, so fahr

Ich einem Blitze gleich jetzt über ihn.

THEISTINER (tritt auf):

Hier bin ich wieder, Herr, von meinem Zuge,

Und bringe gleich die fünf Vasallen mit.

SYLVESTER (wendet sich schnell):

Wo sind sie?

THEISTINER: Unten in dem Saale. Drei,

Der Manso, Vitina, Paratzin, haben

Auf ihren Kopf ein dreißig Männer gleich

Nach Warwand mitgebracht.

SYLVESTER: Ein dreißig Männer?

– Ein ungesprochner Wunsch ist mir erfüllt.

– Laßt mich allein ihr Weiber.

(Die Weiber ab.) Wenn sie so

Ergeben sich erweisen, sind sie wohl

Gestimmt, daß man sie schleunig brauchen kann?

THEISTINER:

Wie den gespannten Bogen, Herr; der Mord

Jeromes hat ganz wütend sie gemacht.

SYLVESTER:

So wollen wir die Witterung benutzen.

Er will nach meinem Haupte greifen, will

Es – nun, so greif ich schnell nach seinem. Dreißig

Sagst du, sind eben eingerückt, ein Zwanzig

Bring ich zusammen, das ist mit dem Geiste,

Der mit uns geht, ein Heer – Theistin, was meinst du?

Noch diese Nacht will ich nach Rossitz.

THEISTINER: Herr,

Gib mir ein Funfzehn von dem Trupp, spreng ich

Die Tore selbst und öffne dir den Weg.

Ich kenn das Nest als wärs ein Dachsloch – noch

Erwarten sie von uns nichts Böses, ich

Beschwörs, die sieben Bürger halten Wache

Noch, wie in Friedenszeiten.

SYLVESTER: So bleibts dabei:

Du nimmst den Vortrab. Wenn es finster, brechen

Wir auf. Den ersten Zugang überrumpelst

Du, selber folg ich auf dem Fuße, bei

Jeromes Leiche sehen wir uns wieder.

Ich will ihm eine Totenfeier halten,

Und Rossitz soll wie Fackeln sie beleuchten.

Nun fort zu den Vasallen.

(Beide ab.)

Dritte Szene

Inhaltsverzeichnis

Bauernküche. Barnabe am Herd. Sie rührt einen Kessel, der über Feuer steht.

BARNABE:

Zuerst dem Vater:

Ruh in der Gruft: daß ihm ein Frevlerarm nicht

Über das Feld trage die Knochen umher.

Leichtes Erstehn: daß er hoch jauchzend das Haupt

Dränge durchs Grab, wenn die Posaune ihm ruft.

Ewiges Glück: daß sich die Pforte ihm weit

Öffne, des Lichts Glanzstrom entgegen ihm wog.

URSULA (außerhalb der Szene):

Barnabe! Barnabe!

Rührst du den Kessel?

BARNABE: Ja doch, ja, mit beiden Händen;

Ich wollt ich könnt die Füß auch brauchen.

URSULA: Aber

Du sprichst nicht die drei Wünsche. –

BARNABE: Nun, das gesteh ich!

Wenn unser Herrgott taub, wie du, so hilft

Es alles nichts. – Dann der Mutter:

Alles Gedeihn: daß ihr die Landhexe nicht

Giftigen Blicks töte das Kalb in der Kuh.

Heil an dem Leibe: daß ihr der Krebs mit dem Blut-

Läppchen im Schutt schwinde geschwinde dahin.

Leben im Tod: daß ihr kein Teufel die Zung

Strecke heraus, wenn sie an Gott sich empfiehlt.

Nun für mich:

Freuden vollauf: daß mich ein stattlicher Mann

Ziehe mit Kraft kühn ins hochzeitliche Bett.

Gnädiger Schmerz: daß sich –

URSULA:

Barnabe! Böses Mädel! Hast den Blumenstaub

Vergessen und die Wolfkrautskeime.

BARNABE: Nein

Doch, nein, 's ist alles schon hinein. Der Brei

Ist dick, daß schon die Kelle stehet.

URSULA: Aber

Die ungelegten Eier aus dem Hechtsbauch?

BARNABE:

Schneid ich noch einen auf?

URSULA: Nein, warte noch:

Ich will erst Fliederblüte zubereiten.

Laß du nur keinen in die Küche, hörst du?

Und rühre fleißig, hörest du? Und sag

Die Wünsche, hörst du?

BARNABE: Ja doch, ja. – Wo blieb

Ich stehn? Freuden vollauf – Nein, das ist schon vorbei.

Gnädiger Schmerz: daß sich die liebliche Frucht

Winde vom Schoß o nicht mit Ach! mir und Weh!

Weiter mir nichts, bleibt mir ein Wünschen noch frei,

Gütiger Gott mache die Mutter gesund.

(Sie hält wie ermüdet inne.)

Ja, lieber Gott! – Wenns Glück so süß nicht wär,

Wer würd so sauer sich darum bemühn?

Von vorn. Zuerst dem Vater:

Ruh in der Gruft: daß ihm ein Frevlerarm nicht

Über das Feld – – Ah!

(Sie erblickt Ottokar, der bei den letzten Worten hereingetreten ist.)

OTTOKAR: Was sprichst du mit

Dem Kessel, Mädchen? Bist du eine Hexe,

Du bist die lieblichste, die ich gesehn,

Und tust, ich wette, keinem Böses, der

Dir gut.

BARNABE: Geh h'raus, Du lieber Herr, ich bitte dich:

In dieser Küche darf jetzt niemand sein,

Die Mutter selbst nicht, außer ich.

OTTOKAR: Warum

Denn just nur du?

BARNABE: Was weiß ich? Weil ich eine Jungfrau bin.

OTTOKAR:

Ja darauf schwör ich. Und wie heißt du denn,

Du liebe Jungfrau?

BARNABE: Barnabe.

OTTOKAR: So? Deine Stimme

Klingt schöner, als dein Name.

URSULA: Barnabe! Barnabe!

Wer spricht denn in der Küch?

(Ottokar macht ein bittend Zeichen.)

BARNABE: Was sagst du, Mutter?

URSULA:

Bist du es? Sprichst du die drei Wünsche?

BARNABE: Ja doch, ja,

Sei doch nur ruhig.

(Sie fängt wieder an, im Kessel zu rühren.)

Aber nun geh fort,

Du lieber Herr. Denn meine Mutter sagt,

Wenn ein Unreiner zusieht, taugt der Brei nicht.

OTTOKAR:

Doch wenn ein Reiner zusieht, wird er um

So besser.

BARNABE: Davon hat sie nichts gesagt.

OTTOKAR:

Weils sich von selbst ergibt.

BARNABE: Nun freilich wohl,

Es scheint mir auch. Ich will die Mutter fragen.

OTTOKAR:

Wozu? Das wirst du selber ja verstehn.

BARNABE:

Nun, störe mich nur nicht. 's ist unser Glücksbrei,

Und ich muß die drei Wünsche dazu sagen.

OTTOKAR:

Was kochst du denn?

BARNABE: Ich? – Einen Kindesfinger:

Ha! ha! Nun denkst du, ich sei eine Hexe.

OTTOKAR:

Kin – Kindesfinger?

URSULA: Barnabe! Du böses Mädel!

Was lachst du?

BARNABE: Ei, was lach ich? Ich bin lustig,

Und sprech die Wünsche.

URSULA: Meinen auch vom Krebse?

BARNABE:

Ja, ja. Auch den vom Kalbe.

OTTOKAR: Sag mir -? Hab

Ich recht gehört –?

BARNABE: Nein sieh, ich plaudre nicht:

Ich muß die Wünsche sprechen, laß mich sein.

Sonst schilt die Mutter und der Brei verdirbt.

OTTOKAR:

Hör, weißt du was? Bring diesen Beutel deiner Mutter,

Er sei dir auf den Herd gefallen, sprich,

Und komm schnell wieder.

BARNABE: Diesen Beutel? 's ist

Ja Geld darin. –

OTTOKAR: Gibs nur der Mutter dreist,

Jedoch verschweigs, von wem er kommt. Nun geh.

BARNABE:

Du lieber Gott, bist du ein Engel?

OTTOKAR: Fort! Und komm bald wieder:

(Er schiebt sie sanft ins Nebenzimmer; lebhaft auf und nieder gehend)

Ein Kindesfinger! Wenns der kleine wäre!

Wenns Peters kleiner Finger wäre! Wiege

Mich, Hoffnung, einer Schaukel gleich, und gleich

Als spielt' geschloßnen Auges schwebend mir

Ein Windzug um die offne Brust, so wende

Mein Innerstes sich vor Entzücken. – Wie

Gewaltig, Glück, klopft deine Ahndung an

Die Brust! Dich selbst, o Übermaß, wie werd

Ich dich ertragen. – Horch! Sie kommt! Jetzt werd ichs hören!

(Barnabe tritt auf, er geht ihr entgegen und führt sie in den Vordergrund.)

Nun sage mir, wie kommt ihr zu dem Finger?

BARNABE:

Ich hab mit Muttern kürzlich ihn gefunden.

OTTOKAR:

Gefunden bloß? Auf welche Art?

BARNABE: Nun dir

Will ichs schon sagen, wenns gleich Mutter mir

Verboten.

OTTOKAR: Ja, das tu.

BARNABE: Wir suchten Kräuter

Am Waldstrom im Gebirg, da schleifte uns

Das Wasser ein ertrunken Kind ans Ufer.

Wir zogens drauf heraus, bemühten viel

Uns um das arme Wurm; vergebens, es

Blieb tot. Drauf schnitt die Mutter, die's versteht,

Dem Kinde einen kleinen Finger ab;

Denn der tut nach dem Tod mehr Gutes noch,

Als eines Auferwachsnen ganze Hand

In seinem Leben. – Warum stehst du so

Tiefsinnig? Woran denkest du?

OTTOKAR: An Gott:

Erzähle mehr noch. Du und deine Mutter –

War niemand sonst dabei?

BARNABE: Gar niemand.

OTTOKAR: Wie?

BARNABE: Als wir den Finger abgelöset, kamen

Zwei Männer her aus Warwand, welche sich

Den von der Rechten lösen wollten. Der

Hilft aber nichts, wir machten uns davon,

Und weiter weiß ich nichts.

OTTOKAR: Es ist genug:

Du hast gleich einer heilgen Offenbarung

Das Unbegriffne mir erklärt. Das kannst

Du nicht verstehn, doch sollst dus bald. – Noch eins.

In Warwand ist ein Mädchen, dem ich auch

So gut, wie dir. Die spräch ich gern noch heut

In einer Höhle, die ihr wohlbekannt.

Die Tochter ist es auf dem Schlosse, Agnes,

Du kannst nicht fehlen.

BARNABE: Soll ich sie dir rufen?

Nun ja, es wird ihr Freude machen auch.

OTTOKAR:

Und dir. Wir wollens beide dir schon lohnen.

Doch mußt dus selbst ihr sagen, keinem andern

Vertraun, daß dich ein Jüngling abgeschickt,

Verstehst du? Nun, das weißt du wohl. – Und daß

Du Glauben finden mögest auch bei ihr,

Nimm dieses Tuch, und diesen Kuß gib ihr. (Ab.)

(Barnabe sieht ihm nach, seufzt und geht ab.)

Vierte Szene

Inhaltsverzeichnis

Eine andere Gegend im Gebirge. Rupert und Santing treten auf

SANTING:

Das soll gewöhnlich sein Spaziergang sein,

Sagt mir der Jäger. Selber hab ich ihn

Zweimal und sehr erhitzt, auf dieser Straße

Begegnet. Ist er im Gebirg, so ists

Auch Agnes, und wir fangen beid zugleich.

RUPERT (setzt sich auf einen Stein):

Es ist sehr heiß mir, und die Zunge trocken.

SANTING:

Der Wind geht kühl doch übers Feld.

RUPERT: Ich glaub,

's ist innerlich.

SANTING: Fühlst du nicht wohl dich?

RUPERT: Nein:

Mich dürstet.

SANTING: Komm an diesen Quell.

RUPERT: Löscht er

Den Durst?

SANTING: Das Wasser mindestens ist klar,

Daß du darin dich spiegeln könntest. Komm!

RUPERT (steht auf, geht zum Quell, neigt sich über ihn, und plötzlich mit der Bewegung des Abscheus wendet er sich):

SANTING: Was fehlt dir?

RUPERT: Eines Teufels Antlitz sah

Mich aus der Welle an.

SANTING (lachend): Es war dein eignes.

RUPERT:

Skorpion von einem Menschen.

(Setzt sich wieder.)

BARNABE (tritt auf):

Hier gehts nach Warwand doch, gestrenger Ritter?

SANTING:

Was hast du denn zu tun dort, schönes Kind?

BARNABE:

Bestellungen an Fräulein Agnes.

SANTING: So?

Wenn sie so schön wie du, so möcht ich mit dir gehn.

Was wirst du ihr denn sagen?

BARNABE: Sagen? Nichts,

Ich führe sie bloß ins Gebirg.

SANTING: Heut noch?

BARNABE:

Kennst du sie?

SANTING: Wen'ger noch, als dich,

Und es betrübt mich wen'ger. – Also heute noch?

BARNABE:

Ja gleich. – Und bin ich auf dem rechten Weg?

SANTING:

Wer schickt dich denn?

BARNABE: Wer? – Meine Mutter.

SANTING: So?

Nun, geh nur, geh auf diesem Wege fort,

Du kannst nicht fehlen.

BARNABE: Gott behüte euch. (Ab.)

SANTING:

Hast dus gehört Rupert? Sie kommt noch heut

In das Gebirg. Ich wett, das Mädchen war

Von Ottokar geschickt.

RUPERT (steht auf): So führ ein Gott,

So führ ein Teufel sie mir in die Schlingen,

Gleichviel! Sie haben mich zu einem Mörder

Gebrandmarkt boshaft, im voraus. – Wohlan,

So sollen sie denn recht gehabt auch haben.

– Weißt du den Ort, wo sie sich treffen?

SANTING: Nein,

Wir müssen ihnen auf die Fährte gehn.

RUPERT: So komm.

(Beide ab.)

Fünfte Szene

Inhaltsverzeichnis

Rossitz. Ein Gefängnis im Turm. Die Tür öffnet sich, Fintenring tritt auf

OTTOKAR (noch draußen):

Mein Vater hats befohlen?

FINTENRING: In der eigenen

Person, du möchtest gleich bei deinem Eintritt

Ins Tor uns folgen nur, wohin wir dich

Zu führen haben. Komm, du alter Junge,

Komm h'rein.

OTTOKAR: Hör, Fintenring, du bist mit deinem

Satyrngesicht verdammt verdächtig mir.

Nun, weil ich doch kein Mädchen, will ichs tun.

(Er tritt auf, der Kerkermeister folgt ihm.)

FINTENRING:

Der Ort ist, siehst du, der unschuldigste.

Denn hier auf diesen Quadersteinen müßts

Selbst einen Satyr frieren.

OTTOKAR: Statt der Rosen

Will er mit Ketten mich und Banden mich

Umwinden – denn die Grotte merk ich wohl

Ist ein Gefängnis.

FINTENRING: Hör, das gibt vortreffliche

Gedanken, morgen, wett ich, ist dein Geist

Fünf Jahre älter, als dein Haupt.

OTTOKAR: Wär ich

Wie du, ich nähm es an. Denn deiner straft

Dein graues Haupt um dreißig Jahre Lügen.

– Nun komm, ich muß zum Vater.

FINTENRING (tritt ihm in den Weg): Nein, im Ernst,

Bleib hier, und sei so lustig, wie du kannst.

OTTOKAR:

Bei meinem Leben, ja, das bin ich nie

Gewesen so wie jetzt, und möchte dir

Die zähnelosen Lippen küssen, Alter.

Du ziehst auch gern nicht in den Krieg, nun, höre,

Sag deinem Weibe nur, ich bring den Frieden.

FINTENRING:

Im Ernste?

OTTOKAR: Bei meinem Leben, ja.

FINTENRING: Nun morgen

Mehr. Lebe wohl. (Zum Kerkermeister.) Verschließe hinter mir

Sogleich die Türe.

(Zu Ottokar, da dieser ihm folgen will.)

Nein, bei meinem Eid

Ich sag dir, auf Befehl des Vaters bist

Du ein Gefangner.

OTTOKAR: Was sagst du?

FINTENRING: Ich soll

Dir weiter gar nichts sagen, außer dies.

OTTOKAR:

Nun?

FINTENRING: Ei, daß ich nichts sagen soll.

OTTOKAR: O bei

Dem großen Gott des Himmels, sprechen muß

Ich gleich ihn – eine Nachricht von dem höchsten

Gewicht, die keinen Aufschub duldet, muß

Ich mündlich gleich ihm hinterbringen.

FINTENRING: So

Kannst du dich trösten mindestens, er ist

Mit Santing fort, es weiß kein Mensch wohin.

OTTOKAR:

Ich muß sogleich ihn suchen, laß mich. –

FINTENRING (tritt ihm in den Weg): Ei

Du scherzest wohl.

OTTOKAR: Nein laß mich, nein, ich scherze

Bei meiner Ritterehre nicht mit deiner.

's ist plötzlich mir so ernst zu Mut geworden,

Als wäre ein Gewitter in der Luft.

Es hat die höchste Eil mit meiner Nachricht,

Und läßt du mich gutwillig nicht, so wahr

Ich leb ich breche durch.

FINTENRING: Durchbrechen, du?

Sprichst doch mit mir gleich wie mit einem Weibe!

Du bist mir anvertraut auf Haupt und Ehre,

Tritt mich mit Füßen erst, dann bist du frei.

– Nein, hör, ich wüßte was Gescheuteres.

Gedulde dich ein Stündchen, führ ich selbst

Sobald er rückkehrt deinen Vater zu dir.

OTTOKAR:

Sag mir ums Himmelswillen nur, was hab

Ich Böses denn getan?

FINTENRING: Weiß nichts. – Noch mehr:

Ich schick dem Vater Boten nach, daß er

So früher heimkehrt.

OTTOKAR: Nun denn, meinetwegen.

FINTENRING:

So lebe wohl. (Zum Kerkermeister.) Und du tust deine Pflicht.

(Fintenring und der Kerkermeister ab; die Tür wird verschlossen.)

OTTOKAR (sieht ihnen nach):

Ich hätte doch nicht bleiben sollen. – Gott

Weiß, wann der Vater wiederkehrt. – Sie wollten

Ihn freilich suchen. – Ach, es treibt der Geist

Sie nicht, der alles leistet. – – Was zum Henker,

Es geht ja nicht, ich muß hinaus, ich habe

Ja Agnes ins Gebirg beschieden. – Fintenring!

Fintenring! (An die Türe klopfend.) Daß ein Donner, Tauber, das

Gehör dir öffnete! Fintenring! – – Schloß

Von einem Menschen, den kein Schlüssel schließt,

Als nur sein Herr. Dem dient er mit stockblinder

Dienstfertigkeit, und wenn sein Dienst auch zehnmal

Ihm Schaden brächt, doch dient er ihm. – Ich wollt

Ihn doch gewinnen, wenn er nur erschiene.

Denn nichts besticht ihn, außer daß man ihm

Das sagt. – – Zum mindsten wollt ich ihn doch eher

Gewinnen, als die tauben Wände! Himmel

Und Hölle! Daß ich einem Schäfer gleich

Mein Leid den Felsen klagen muß! – – So will

Ich mich, Geduld, an dir, du Weibertugend üben.

– 's ist eine schnöde Kunst, mit Anstand viel

Zu unterlassen – und ich merk es schon,

Es wird mehr Schweiß mir kosten, als das Tun.

(Er will sich setzen.)

Horch! Horch! Es kommt.

(Der Kerkermeister öffnet Eustachen die Türe.)

EUSTACHE (zu diesem): Ich werd es dir Vergelten

OTTOKAR:

Ach, Mutter!

EUSTACHE: Hör, mein Sohn, ich habe dir

Entsetzliches zu sagen.

OTTOKAR: Du erschreckst mich –

– Wie bist du so entstellt?

EUSTACHE: Das eine wirst

Du wissen schon, Jerome ist erschlagen.

OTTOKAR:

Jeronimus? O Gott des Himmels! Wer

Hat das getan?

EUSTACHE: Das ist nicht alles. Rupert

Kennt deine Liebe. –

OTTOKAR: Wie? Wer konnt ihm die

Entdecken?

EUSTACHE: Frage nicht – o deine Mutter,

Ich selbst. Jerome hat es mir vertraut,

Mich riß ein übereilter Eifer hin,

Der Wütrich, den ich niemals so gekannt –

OTTOKAR:

Von wem sprichst du?

EUSTACHE: O Gott, von deinem Vater.

OTTOKAR:

Noch faß ich dich nur halb – doch laß dir sagen

Vor allen Dingen, alles ist gelöset,

Das ganze Rätsel von dem Mord, die Männer,

Die man bei Peters Leiche fand, sie haben

Die Leiche selbst gefunden, ihr die Finger

Aus Vorurteil nur abgeschnitten. – Kurz,

Rein, wie die Sonne, ist Sylvester.

EUSTACHE: O

Jesus! Und jetzt erschlägt er seine Tochter. –

OTTOKAR:

Wer?

EUSTACHE: Rupert. Wenn sie in dem Gebirge jetzt,

Ist sie verloren, er und Santing sucht sie.

OTTOKAR (eilt zur Türe):

Fintenring! Fintenring! Fintenring!

EUSTACHE: Höre

Mich an, er darf dich nicht befrein, sein Haupt

Steht drauf. –

OTTOKAR: Er oder ich. – Fintenring!

(Er sieht sich um.) Nun

So helfe mir die Mutter Gottes denn.

(Er hängt einen Mantel um, der auf dem Boden lag.)

Und dieser Mantel bette meinem Fall.

(Er klettert in ein unvergittert Fenster.)

EUSTACHE:

Um Gotteswillen, springen willst du doch

Von diesem Turm nicht? Rasender! Der Turm

Ist funfzig Fuß hoch, und der ganze Boden

Gepflastert. – Ottokar! Ottokar!

OTTOKAR (von oben):

Mutter! Mutter! Sei wenn ich gesprungen

Nur still, hörst du? Ganz still, sonst fangen sie

Mich.

EUSTACHE (sinkt auf die Knie): Ottokar! Auf meinen Knieen bitte,

Beschwör ich dich, geh so verächtlich nicht

Mit deinem Leben um, spring nicht vom Turm.

OTTOKAR:

Das Leben ist viel wert, wenn mans verachtet.

Ich brauchs. – Leb wohl. (Er springt.)

EUSTACHE (steht auf): Zu Hülfe! Hülfe! Hülfe!

(Der Vorhang fällt.)

Fünfter Aufzug

Inhaltsverzeichnis

Erste Szene

Inhaltsverzeichnis

Das Innere einer Höhle. Es wird Nacht. Agnes mit einem Hute, in zwei Kleidern. Das Überkleid ist vorne mit Schleifen zugebunden. Barnabe. Beide stehen schüchtern an einer Seite des Vordergrundes.

AGNES:

Hättst du mir früher das gesagt! Ich fühle

Mich sehr beängstigt, möchte lieber, daß

Ich nicht gefolgt dir wäre. – Geh noch einmal

Hinaus, du Liebe, vor den Eingang, sieh,

Ob niemand sich der Höhle nähert.

BARNABE (die in den Hintergrund gegangen ist): Von

Den beiden Rittern seh ich nichts.

AGNES (mit einem Seufzer): Ach Gott!

– Hab Dank für deine Nachricht.

BARNABE: Aber von

Dem schönen Jüngling seh ich auch nichts.

AGNES: Siehst

Du wirklich nichts? Du kennst ihn doch?

BARNABE: Wie mich.

AGNES:

So sieh nur scharf hin auf den Weg.

BARNABE: Es wird

Sehr finster schon im Tal, aus allen Häusern

Seh ich schon Lichter schimmern und Kamine.

AGNES:

Die Lichter schon? So ists mir unbegreiflich.

BARNABE:

Wenn einer käm, ich könnt es hören, so

Geheimnis-still gehts um die Höhen.

AGNES:

Ach, nun ists doch umsonst. Ich will nur lieber

Heimkehren. Komm. Begleite mich.

BARNABE: Still! Still!

Ich hör ein Rauschen – wieder. – – Ach, es war

Ein Windstoß, der vom Wasserfalle kam.

AGNES:

Wars auch gewiß vom Wasserfalle nur?

BARNABE:

Da regt sich etwas Dunkles doch im Nebel. –

AGNES:

Ists einer? Sind es zwei?

BARNABE: Ich kann es nicht

Genau erkennen. Aber menschliche

Gestalten sind es – – Ah!

(Beide Mädchen fahren zurück. Ottokar tritt auf, und fliegt in Agnes' Arme.)

OTTOKAR:

O Dank, Gott! Dank für deiner Engel Obhut!

So lebst du Mädchen?

AGNES: Ob ich lebe?

OTTOKAR: Zittre

Doch nicht, bin ich nicht Ottokar?

AGNES: Es ist

So seltsam alles heute mir verdächtig,

Der fremde Bote, dann dein spät Erscheinen,

Nun diese Frage. – Auch die beiden Ritter,

Die schon den ganzen Tag um diese Höhle

Geschlichen sind.

OTTOKAR: Zwei Ritter?

AGNES: Die sogar

Nach mir gefragt.

OTTOKAR: Gefragt? Und wen?

AGNES: Dies Mädchen,

Die es gestanden, daß sie ins Gebirg

Mich rufe.

OTTOKAR (zu Barnabe):

Unglückliche!

AGNES: Was sind denn das

Für Ritter?

OTTOKAR (zu Barnabe): Wissen sie, daß Agnes hier

In dieser Höhle?

BARNABE: Das hab ich nicht gestanden.

AGNES:

Du scheinst beängstigt, Ottokar, ich werd

Es doppelt. Kennst du denn die Ritter?

OTTOKAR (steht in Gedanken):

AGNES: Sind sie –

– Sie sind doch nicht aus Rossitz? Sind doch nicht

Geschickt nach mir? Sind keine Mörder doch?

OTTOKAR (mit einem plötzlich heitern Spiel):

Du weißt ja, alles ist gelöst, das ganze

Geheimnis klar, dein Vater ist unschuldig. –

AGNES:

So wär es wahr –?

OTTOKAR: Bei diesem Mädchen fand

Ich Peters Finger, Peter ist ertrunken,

Ermordet nicht. – Doch künftig mehr. Laß uns

Die schöne Stunde innig fassen. Möge

Die Trauer schwatzen, und die Langeweile,

Das Glück ist stumm.

(Er drückt sie an seine Brust.)

Wir machen diese Nacht

Zu einem Fest der Liebe, willst du? Komm.

(Er zieht sie auf einen Sitz.)

In kurzem, ist der Irrtum aufgedeckt,

Sind nur die Väter erst versöhnt, darf ich

Dich öffentlich als meine Braut begrüßen.

– Mit diesem Kuß verlobe ich mich dir.

(Er steht auf, zu Barnabe heimlich.)

Du stellst dich an den Eingang, hörst du? Siehst

Du irgend jemand nahe, so rufst du gleich.

– Noch eins. Wir werden hier die Kleider wechseln,

In einer Viertelstunde führst du Agnes

In Männerkleidern heim. Und sollte man

Uns überraschen, tust dus gleich. – Nun geh.

(Barnabe geht in den Hintergrund. Ottokar kehrt zu Agnes zurück.)

AGNES:

Wo geht das Mädchen hin?

OTTOKAR (setzt sich): Ach! Agnes! Agnes!

Welch eine Zukunft öffnet ihre Pforte!

Du wirst mein Weib, mein Weib! weißt du denn auch

Wie groß das Maß von Glück?

AGNES (lächelnd): Du wirst es lehren.

OTTOKAR:

Ich werd es! O du Glückliche! Der Tag,

Die Nacht vielmehr ist nicht mehr fern. Es kommt, du weißt,

Den Liebenden das Licht nur in der Nacht

– Errötest du?

AGNES: So wenig schützt das Dunkel?

OTTOKAR:

Nur vor dem Auge, Törin, doch ich sehs

Mit meiner Wange, daß du glühst. – Ach, Agnes!

Wenn erst das Wort gesprochen ist, das dein

Gefühl, jetzt eine Sünde, heiligt – – Erst

Im Schwarm der Gäste, die mit Blicken uns

Wie Wespen folgen, tret ich zu dir, sprichst

Du zwei beklemmte Worte, wendest dann

Viel schwatzend zu dem Nachbar dich. Ich zürne

Der Spröden nicht, ich weiß es besser wohl.

Denn wenn ein Gast, der von dem Feste scheidet,

Die Türe zuschließt, fliegt, wo du auch seist,

Ein Blick zu mir herüber, der mich tröstet.

Wenn dann der Letzte auch geschieden, nur

Die Väter und die Mütter noch beisammen –

– »Nun, gute Nacht, ihr Kinder!« – Lächelnd küssen

Sie dich, und küssen mich – wir wenden uns,

Und eine ganze Dienerschaft mit Kerzen

Will folgen. »Eine Kerze ist genug,

Ihr Leute«, ruf ich, und die nehm ich selber,

Ergreife deine, diese Hand. (Er küßt sie.)

– Und langsam steigen wir die Treppe, stumm,

Als wär uns kein Gedanke in der Brust,

Daß nur das Rauschen sich von deinem Kleide,

Noch in den weiten Hallen hören läßt.

Dann – – Schläfst du, Agnes?

AGNES: – Schlafen?

OTTOKAR: Weil du plötzlich

So still. – Nun weiter. Leise öffne ich

Die Türe, schließe leise sie, als wär

Es mir verboten. Denn es schauert stets

Der Mensch, wo man als Kind es ihm gelehrt.

Wir setzen uns. Ich ziehe sanft dich nieder,

Mit meinen Armen stark umspann ich dich,

Und alle Liebe sprech ich aus mit einem, Mit diesem Kuß. (Er geht schnell in den Hintergrund; zu Barnabe heimlich.) So sahst du niemand noch?

BARNABE:

Es schien mir kürzlich fast, als schlichen zwei

Gestalten um den Berg.

(Ottokar kehrt schnell zurück.)

AGNES: Was sprichst du denn

Mit jenem Mädchen stets?

OTTOKAR (hat sich wieder gesetzt): Wo blieb ich stehen?

Ja, bei dem Kuß. – Dann kühner wird die Liebe,

Und weil du mein bist – bist du denn nicht mein?

So nehm ich dir den Hut vom Haupte (er tuts), störe

Der Locken steife Ordnung (er tuts), drücke kühn

Das Tuch hinweg (er tuts), du lispelst leis: o lösche

Das Licht! Und plötzlich, tief verhüllend, webt

Die Nacht den Schleier um die heilge Liebe,

Wie jetzt.

BARNABE (aus dem Hintergrunde):

O Ritter! Ritter!

AGNES (sieht sich ängstlich um):

OTTOKAR (Fällt ihr ins Wort): Nun entwallt

Gleich einem frühling-angeschwellten Strom

Die Regung ohne Maß und Ordnung – schnell

Lös ich die Schleife, schnell noch eine (er tuts), streife dann

Die fremde Hülle leicht dir ab (er tuts).

AGNES: O Ottokar,

Was machst du? (Sie fällt ihm um den Hals.)

OTTOKAR (an dem Überkleide beschäftigt):

Ein Gehülfe der Natur

Stell ich sie wieder her. Denn wozu noch

Das Unergründliche geheimnisvoll

Verschleiern? Alles Schöne, liebe Agnes,

Braucht keinen andern Schleier, als den eignen,

Denn der ist freilich selbst die Schönheit.

BARNABE: Ritter! Ritter!

Geschwind!

OTTOKAR (schnell auf, zu Barnabe):

Was gibts?

BARNABE: Der eine ging zweimal

Ganz nah vorbei, ganz langsam.

OTTOKAR: Hat er dich gesehn?

BARNABE:

Ich fürcht es fast.

(Ottokar kehrt zurück.)

AGNES (die aufgestanden ist): Was rief das Mädchen denn

So ängstlich?

OTTOKAR: Es ist nichts.

AGNES: Es ist etwas.

OTTOKAR:

Zwei Bauern ja, sie irrten sich. – Du frierst,

Nimm diesen Mantel um.

(Er hängt ihr seinen Mantel um.)

AGNES: Du bist ja seltsam.

OTTOKAR:

So, so. Nun setze dich.

AGNES (setzt sich): Ich möchte lieber gehn.

OTTOKAR (der vor ihr steht):

Wer würde glauben, daß der grobe Mantel

So Zartes deckte, als ein Mädchenleib!

Drück Ich dir noch den Helm auf deine Locken,

Mach ich auch Weiber mir zu Nebenbuhlern.

BARNABE (kommt zurück, eilig):

Sie kommen! Ritter! Sie kommen!

(Ottokar wirft schnell Agnes' Oberkleid über, und setzt ihren Hut auf.)

AGNES:

Wer soll denn kommen? – Ottokar, was machst du?

OTTOKAR (im Ankleiden beschäftigt):

Mein Vater kommt. –

AGNES: O Jesus! (Will sinken.)

OTTOKAR (faßt sie): Ruhig. Niemand

Fügt dir ein Leid, wenn ohn' ein Wort zu reden,

Du dreist und kühn in deiner Männertracht

Hinaus zur Höhle gehst. Ich bleibe. – Nein,

Erwidre nichts, ich bleib. Es ist nur für

Den ersten Anfall.

(Rupert und Santing erscheinen.)

Sprecht kein Wort und geht sogleich.

(Die Mädchen gehen.)

RUPERT (tritt Agnes in den Weg):

Wer bist du? Rede!

OTTOKAR (tritt vor, mit verstellter Stimme):

Sucht ihr Agnes? Hier bin ich.

Wenn ihr aus Warwand seid, so führt mich heim.

RUPERT (während die Mädchen nun abgehen):

Ich fördre dein Gespenst zu deinem Vater!

(Er ersticht Ottokar; der fällt ohne Laut. Pause.)

RUPERT (betrachtet starr die Leiche):

Santing! Santing! – Ich glaube, sie ist tot.

SANTING:

Die Schlange hat ein zähes Leben. Doch

Beschwör ichs fast. Das Schwert steckt ihr im Busen.

RUPERT (fährt sich mit der Hand übers Gesicht):

Warum denn tat ichs, Santing? Kann ich es

Doch gar nicht finden im Gedächtnis. –

SANTING: Ei,

Es ist ja Agnes.

RUPERT: Agnes, ja, ganz recht,

Die tat mir Böses, mir viel Böses, o

Ich weiß es wohl. – – Was war es schon?

SANTING: Ich weiß

Nicht, wie dus meinst. Das Mädchen selber hat

Nichts Böses dir getan.

RUPERT: Nichts Böses? Santing!

Warum denn hätt ich sie gemordet? Sage

Mir schnell, ich bitte dich, womit sie mich

Beleidigt, sags recht hämisch – Basiliske,

Sieh mich nicht an, sprich, Teufel, sprich, und weißt

Du nichts, so lüg es!

SANTING: Bist du denn verrückt?

Das Mädchen ist Sylvesters Tochter.

RUPERT: So,

Sylvesters. – Ja, Sylvesters, der mir Petern

Ermordet hat. –

SANTING: Den Herold und Johann.

RUPERT:

Johann, ganz recht – und der mich so infam

Gelogen hat, daß ich es werden mußte.

(Er zieht das Schwert aus dem Busen Ottokars.)

Rechtmäßig wars. –

Gezücht der Otter!

(Er stößt den Körper mit dem Fuße.)

SANTING (an dem Eingang):

Welch eine seltsame Erscheinung, Herr!

Ein Zug mit Fackeln, gleich dem Jägerheer,

Zieht still von Warwand an den Höhn herab.

RUPERT:

Sie sind, wies scheint, nach Rossitz auf dem Wege.

SANTING:

Das Ding ist sehr verdächtig.

RUPERT: Denkst du an

Sylvester?

SANTING: Herr, ich gebe keine Nuß

Für eine andre , Meinung. Laß uns schnell

Heimkehren, in zwei Augenblicken wärs

Nicht möglich mehr.

RUPERT: Wenn Ottokar nur ihnen

Nicht in die Hände fällt. – Ging er nicht aus

Der Höhle, als wir kamen?

SANTING: Und vermutlich

Nach Haus; so finden wir ihn auf dem Wege. Komm!

(Beide ab. Agnes und Barnabe lassen sich am Eingange sehen.)

AGNES:

Die Schreckensnacht! Entsetzlich ist der Anblick!

Ein Leichenzug mit Kerzen, wie ein Traum

Im Fieber! Weit das ganze Tal erleuchtet

Vom blutig-roten Licht der Fackeln. Jetzt

Durch dieses Heer von Geistern geh ich nicht

Zu Hause. Wenn die Höhle leer ist, wie

Du sagst –

BARNABE: Soeben gingen die zwei Ritter

Heraus.

AGNES: So wäre Ottokar noch hier?

Ottokar! – – Ottokar!

OTTOKAR (mit matter Stimme): Agnes!

AGNES:

Wo bist du? – Ein Schwert – im Busen – Heiland!

Heiland der Welt! Mein Ottokar! (Sie fällt über ihn.)

OTTOKAR: Es ist –

Gelungen. – Flieh! (Er stirbt.)

BARNABE: O Jammer! Gott des Himmels!

Mein Fräulein! Sie ist sinnlos! Keine Hülfe!

Ermanne dich, mein Fräulein! – Gott! Die Fackeln!

Sie nahen! Fort, Unglückliche! Entflieh! (Ab.)

(Sylvester und Theistiner treten auf; eine Fackel folgt.)

SYLVESTER:

Der Zug soll halten. (Zu Theistiner.) Ist es diese Höhle?

THEISTINER:

Ja, Herr, von dieser sprach Johann, und darf

Man seiner Rede traun, so finden wir

Am sichersten das Fräulein hier.

SYLVESTER: Die Fackel vor!

THEISTINER: Wenn ich nicht irre, seh ich Ottokar

Dort liegt auch Agnes!

SYLVESTER: Am Boden! Gott der Welt!

Ein Schwert im Busen meiner Agnes!

AGNES (richtet sich auf):

Wer ruft?

SYLVESTER: Die Hölle ruft dich, Mörder!

(Er ersticht sie.)

AGNES: Ach! (Sie stirbt.)

(Sylvester läßt sich auf ein Knie neben der Leiche Ottokars nieder.)

THEISTINER (nach einer Pause):

Mein bester Herr, verweile nicht in diesem

Verderblich dumpfen Schmerz! Erhebe dich!

Wir brauchen Kraft, und einem Kinderlosen

Zerreißt der Schreckensanblick das Gebein.

SYLVESTER:

Laß einen Augenblick mich ruhn. Es regt

Sich sehr gewaltig die Natur im Menschen,

Und will, daß man, gleich einem einzgen Gotte,

Ihr einzig diene, wo sie uns erscheint.

Mich hat ein großer Sturm gefaßt, er beugt

Mein wankend Leben tief zur Gruft. Wenn es

Nicht reißt, so steh ich schrecklich wieder auf,

Ist der gewaltsam erste Anfall nur

Vorüber.

THEISTINER: Doch das Zögern ist uns sehr

Gefährlich – – Komm! Ergreif den Augenblick!

Er wird so günstig niemals wiederkehren.

Gebeut die Rache und wir wettern wie

Die Würgeengel über Rossitz hin!

SYLVESTER:

Des Lebens Güter sind in weiter Ferne,

Wenn ein Verlust so nah, wie diese Leiche,

Und niemals ein Gewinst kann mir ersetzen,

Was mir auf dieser Nummer fehlgeschlagen.

Sie blühte wie die Ernte meines Lebens,

Die nun ein frecher Fußtritt mir zertreten,

Und darben werd ich jetzt, von fremden Müttern

Ein fremdes Kind zum Almos mir erflehen.

THEISTINER:

Sylvester, hör mich! Säume länger nicht!

SYLVESTER:

Ja, du hast recht! es bleibt die ganze Zukunft

Der Trauer, dieser Augenblick gehört

Der Rache. Einmal doch in meinem Leben

Dürst ich nach Blut, und kostbar ist die Stimmung.

Komm schnell zum Zuge.

(Man hört draußen ein Geschrei: Holla! Herein! Holla!)

THEISTINER: Was bedeutet das?

(Rupert und Santing werden von Rittern Sylvesters gefangen aufgeführt.)

EIN RITTER:

Ein guter Fund, Sylvester! Diese saubern

Zwei Herren, im Gesträuche hat ein Knappe,

Der von dem Pferd gestiegen, sie gefunden.

THEISTINER:

Sylvester! Hilf mir sehn, ich bitte dich!

Er ists! Leibhaftig! Rupert! Und der Santing.

SYLVESTER (zieht sein Schwert):

Rupert!

THEISTINER: Sein Teufel ist ein Beutelschneider,

Und führt in eigener Person den Sünder

In seiner Henker Hände.

SYLVESTER: O gefangen!

Warum gefangen? Gott der Gerechtigkeit!

Sprich deutlich mit dem Menschen, daß ers weiß

Auch, was er soll!

RUPERT (erblickt Agnes' Leiche): Mein Sohn! Mein Sohn! Ermordet!

Zu meinem Sohne laßt mich, meinem Sohne!

(Er will sich losreißen, die Ritter halten ihn.)

SYLVESTER:

Er trägt sein eigen schneidend Schwert im Busen.

(Er steckt ein.)

Laßt ihn zu seinem Sohne.

RUPERT (stürzt über Agnes Leichnam hin): Ottokar!

GERTRUDE (tritt auf):

Ein Reuter flog durch Warwand, schreiend, Agnes

Sei tot gefunden in der Höhle. Ritter,

Ihr Männer! Ist es wahr? Wo ist sie? Wo?

(Sie stürzt über Ottokars Leichnam..

O heilge Mutter Gottes! O mein Kind!

Du Leben meines Lebens!

EUSTACHE (tritt auf): Seid ihr Männer,

So laßt ein Weib unangerührt hindurch,

Gebeuts, Sylvester, ich, die Mutter des

Erschlagnen, will zu meines Sohnes Leiche.

SYLVESTER:

Der Schmerz ist frei. Geh hin zu deinem Sohn.

EUSTACHE:

Wo ist er? – Jesus! Deine Tochter auch? –

Sie sind vermählt.

(Sylvester wendet sich. Eustache läßt sich auf ein Knie vor Agnes' Leiche nieder. Sylvius, von Johann geführt, treten auf. Der letzte mit Zeichen der Verrückung.)

SYLVIUS: Wohin führst du mich, Knabe?

JOHANN:

Ins Elend, Alter, denn ich bin die Torheit.

Sei nur getrost! Es ist der rechte Weg.

SYLVIUS:

Weh! Weh! Im Wald die Blindheit, und ihr Hüter

Der Wahnsinn! Führe heim mich, Knabe, heim!

JOHANN:

Ins Glück? Es geht nicht, Alter. 's ist inwendig

Verriegelt. Komm. Wir müssen vorwärts.

SYLVIUS: Müssen wir?

So mögen sich die Himmlischen erbarmen.

Wohlan. Ich folge dir.

JOHANN: Heißa lustig!

Wir sind am Ziele.

SYLVIUS: Am Ziele schon? Bei meinem

Erschlagnen Kindeskind? Wo ist es?

JOHANN: Wär ich blind,

Ich könnt es riechen, denn die Leiche stinkt schon.

Wir wollen uns dran niedersetzen, komm,

Wie Geier ums Aas.

(Er setzt sich bei Ottokars Leiche.)

SYLVIUS: Er raset. Weh! Hört denn

Kein menschlich Ohr den Jammer eines Greises,

Der blind in pfadelosen Wäldern irrt?

JOHANN:

Sei mir nicht bös, ich mein es gut mit dir.

Gib deine Hand, ich führe dich zu Agnes.

SYLVIUS:

Ist es noch weit?

JOHANN: Ein Pfeilschuß. Beuge dich.

SYLVIUS (indem er die Leiche betastet):

Ein Schwert – im Busen – einer Leiche. –

JOHANN: Höre, Alter,

Das nenn ich schauerlich. Das Mädchen war

So gut, und o so schön.

SYLVIUS: Das ist nicht Agnes!

– Das wäre Agnes, Knabe? Agnes' Kleid,

Nicht Agnes! Nein bei meinem ewgen Leben,

Das ist nicht Agnes!

JOHANN (die Leiche belastend): Ah! Der Skorpion!

's ist Ottokar!

SYLVESTER: Ottokar!

GERTRUDE:

So wahr ich Mutter, das ist meine Tochter

Nicht. (Sie steht auf)

SYLVESTER: Fackeln her! – Nein, wahrlich, nein! Das ist

Nicht Agnes!

EUSTACHE (die herbeigeeilt): Agnes! Ottokar! Was soll

Ich glauben –? O ich Unheilsmutter! Doppelt

Die Leiche meines Sohnes! Ottokar!

SYLVESTER:

Dein Sohn in meiner Agnes Kleidern? Wer

Denn ist die Leiche in der Männertracht?

Ist es denn – Nein, es ist doch nicht –?

SYLVIUS: Sylvester!

Wo ist denn Agnes' Leiche? Führ mich zu ihr.

SYLVESTER:

Unglücklicher! Sie ist ja nicht ermordet?

JOHANN:

Das ist ein Narr. Komm, Alter, komm. Dort ist

Noch eine Leich, ich hoffe, die wirds sein.

SYLVIUS:

Noch eine Leiche? Knabe! Sind wir denn

In einem Beinhaus?

JOHANN: Lustig, Alter!

Sie ists! 's ist Agnes!

SYLVESTER (bedeckt sich das Gesicht):

Agnes!

JOHANN: Faß ihr ins Gesicht,

Es muß wie fliegender Sommer sein.

(Zu Rupert.) Du Scheusal! Fort!

RUPERT (richtet sich halb auf):

Bleibt fern, ich bitt euch. – Sehr gefährlich ists,

Der Ohnmacht eines Rasenden zu spotten.

Ist er in Fesseln gleich geschlagen, kann

Er euch den Speichel noch ins Antlitz spein,

Der seine Pest euch einimpft. Geht, und laßt

Die Leiche mindstens mir von Ottokar.

JOHANN:

Du toller Hund! Geh gleich fort! Ottokar

Ist dort – komm, Alter, glaub mir hier ist Agnes.

SYLVIUS:

O meine Agnes! O mein Kindeskind!

EUSTACHE:

O meine Tochter! Welch ein Irrtum! Gott!

RUPERT (sieht Agnes' Leiche genauer an, steht auf, geht schnell zur Leiche Ottokars, und wendet sich mit Bewegung des Entsetzens):

Höllisch Gesicht! Was äffst du mich?

(Er sieht die Leiche wieder an.) Ein Teufel

Blöckt mir die Zung heraus.

(Er sieht sie wieder an und führt mit den Händen in seinen Haaren.)

Ich selbst! Ich selbst!

Zweimal die Brust durchbohrt! Zweimal die Brust.

URSULA (tritt auf):

Hier ist der Kindesfinger! (Sie wirft einen Kindesfinger in die Mitte der Bühne und verschwindet.)

ALLE:

Was war das? Welche seltsame Erscheinung?

EUSTACHE: Ein Kindesfinger?

(Sie sucht ihn auf)

RUPERT: Fehlte Petern nicht

Der kleine Finger an der linken Hand?

SYLVESTER:

Dem Peter? Dem erschlagnen Knaben? Fangt

Das Weib mir, führet mir das Weib zurück!

(Einige Ritter ab.)

EUSTACHE:

Wenn eine Mutter kennt, was sie gebar,

So ist es Peters Finger.

RUPERT: Peters Finger?

EUSTACHE:

Er ists! Er ists! An dieser Blatternarbe,

Der einzigen auf seinem ganzen Leib,

Erkenn ich es! Er ist es!

RUPERT: Unbegreiflich!

URSULA (wird aufgeführt):

Gnade! Gnade! Gnade!

SYLVESTER:

Wie kamst du, Weib, zu diesem Finger?

URSULA: Gnade!

Das Kind, dem ich ihn abgeschnitten, ist

Ermordet nicht, war ein ertrunkenes,

Das ich selbst leblos fand.

RUPERT: Ertrunken?

SYLVESTER:

Und warum schnittst du ihm den Finger ab?

URSULA:

Ich wollt ihn unter meine Schwelle legen,

Er wehrt dem Teufel. Gnade! Wenns dein Sohn ist,

Wie meine Tochter sagt, ich wußt es nicht.

RUPERT:

Dich fand ich aber bei der Leiche nicht.

Ich fand zwei Reisige aus Warwand.

URSULA:

Die kamen später zu dem Kind als ich,

Ihm auch den rechten Finger abzulösen.

(Rupert bedeckt sich das Gesicht.)

JOHANN (tritt vor Ursula):

Was willst du, alte Hexe?

URSULA: 's ist abgetan, mein Püppchen:

Wenn ihr euch totschlagt, ist es ein Versehen.

JOHANN:

Versehen? Ein Versehen? Schade! Schade!

Die arme Agnes! Und der Ottokar!

RUPERT:

Johann! Mein Knäblein! Schweige still, dein Wort

Ist schneidend wie ein Messer.

JOHANN: Seid nicht böse:

Papa hat es nicht gern getan, Papa

Wird es nicht mehr tun. Seid nicht böse.

RUPERT:

Sylvester! Dir hab ich ein Kind genommen,

Und biete einen Freund dir zum Ersatz.

(Pause.)

Sylvester! Selbst bin ich ein Kinderloser!

(Pause.)

Sylvester! Deines Kindes Blut komm über

Mich – kannst du besser nicht verzeihn, als ich?

(Sylvester reicht ihm mit abgewandtem Gesicht die Hand; Eustache und Gertrude umarmen sich.)

JOHANN:

Bringt Wein her! Lustig! Wein! Das ist ein Spaß zum

Totlachen! Wein! Der Teufel hatt im Schlaf die beiden

Mit Kohlen die Gesichter angeschmiert,

Nun kennen sie sich wieder. Schurken! Wein!

Wir wollen eins drauf trinken!

URSULA: Gott sei Dank!

So seid ihr nun versöhnt.

RUPERT: Du hast den Knoten

Geschürzt, du hast ihn auch gelöst. Tritt ab.

JOHANN:

Geh, alte Hexe, geh. Du spielst gut aus der Tasche,

Ich bin zufrieden mit dem Kunststück. Geh.

(Der Vorhang fällt.)

Amphitryon

Ein Lustspiel nach Molière

Inhaltsverzeichnis

Personen

Erster Akt

Erste Szene

Zweite Szene

Dritte Szene

Vierte Szene

Fünfte Szene

Zweiter Akt

Erste Szene

Zweite Szene

Dritte Szene

Vierte Szene

Fünfte Szene

Sechste Szene

Dritter Akt

Erste Szene

Zweite Szene

Dritte Szene

Vierte Szene

Fünfte Szene

Sechste Szene

Siebente Szene

Achte Szene

Neunte Szene

Zehnte Szene

Elfte Szene

Personen

Inhaltsverzeichnis

Jupiter, in der Gestalt des Amphitryon.

Merkur, in der Gestalt des Sosias.

Amphitryon, Feldherr der Thebaner.

Sosias, sein Diener.

Alkmene, Gemahlin des Amphitryon.

Charis, Gemahlin des Sosias.

Feldherren.

Die Szene ist in Theben vor dem Schlosse des Amphitryon.

Erster Akt

Inhaltsverzeichnis

Erste Szene

Inhaltsverzeichnis

SOSIAS: tritt mit einer Laterne auf. Heda! Wer schleicht da? Holla! – Wenn der Tag Anbräche, wär mir's lieb; die Nacht ist – Was? Gut Freund, ihr Herrn! Wir gehen eine Straße – Ihr habt den ehrlichsten Geselln getroffen, Bei meiner Treu, auf den die Sonne scheint – Vielmehr der Mond jetzt, wollt ich sagen – Spitzbuben sind's entweder, feige Schufte, Die nicht das Herz, mich anzugreifen, haben: Oder der Wind hat durch das Laub gerasselt. Jedweder Schall hier heult in dem Gebirge. – Vorsichtig! Langsam! – Aber wenn ich jetzt Nicht bald mit meinem Hut an Theben stoße So will ich in den finstern Orkus fahren. Ei, hol's der Henker! ob ich mutig bin, Ein Mann von Herz; das hätte mein Gebieter Auf anderm Wege auch erproben können. Ruhm krönt ihn, spricht die ganze Welt, und Ehre, Doch in der Mitternacht mich fortzuschicken, Ist nicht viel besser, als ein schlechter Streich. Ein wenig Rücksicht wär, und Nächstenliebe, So lieb mir, als der Keil von Tugenden, Mit welchem er des Feindes Reihen sprengt. Sosias, sprach er, rüste dich mein Diener, Du sollst in Theben meinen Sieg verkünden Und meine zärtliche Gebieterin Von meiner nahen Ankunft unterrichten. Doch hätte das nicht Zeit gehabt bis morgen, Will ich ein Pferd sein, ein gesatteltes! Doch sieh! Da zeigt sich, denk ich, unser Haus! Triumph, du bist nunmehr am Ziel, Sosias, Und allen Feinden soll vergeben sein. Jetzt, Freund, mußt du an deinen Auftrag denken; Man wird dich feierlich zur Fürstin führen, Alkmen', und den Bericht bist du ihr dann, Vollständig und mit Rednerkunst gesetzt Des Treffens schuldig, das Amphitryon Siegreich fürs Vaterland geschlagen hat. – Doch wie zum Teufel mach ich das, da ich Dabei nicht war? Verwünscht. Ich wollt: ich hätte Zuweilen aus dem Zelt geguckt, Als beide Heer im Handgemenge waren. Ei was! Vom Hauen sprech ich dreist und Schießen, Und werde schlechter nicht bestehn, als andre, Die auch den Pfeil noch pfeifen nicht gehört. – Doch wär es gut, wenn du die Rolle übtest? Gut! Gut bemerkt, Sosias! Prüfe dich. Hier soll der Audienzsaal sein, und diese Latern Alkmene, die mich auf dem Thron erwartet.

Er setzt die Laterne auf den Boden.

Durchlauchtigste! mich schickt Amphitryon,

Mein hoher Herr und Euer edler Gatte,

Von seinem Siege über die Athener

Die frohe Zeitung Euch zu überbringen.

– Ein guter Anfang! – »Ach, wahrhaftig, liebster

Sosias, meine Freude mäßg' ich nicht,

Da ich dich wiedersehe.« – Diese Güte,

Vortreffliche, beschämt mich, wenn sie stolz gleich

Gewiß jedweden andern machen würde.

– Sieh! das ist auch nicht übel! – »Und dem teuren

Geliebten meiner Seel Amphitryon,

Wie geht's ihm?« – Gnäd'ge Frau, das faß ich kurz:

Wie einem Mann von Herzen auf dem Feld des Ruhms.

– Ein Blitzkerl! Seht die Suade! – »Wann denn kommt er?«

Gewiß nicht später, als sein Amt verstattet,

Wenngleich vielleicht so früh nicht, als er wünscht.

– Potz, alle Welt! – »Und hat er sonst dir nichts

Für mich gesagt, Sosias?« – Er sagt wenig,

Tut viel, und es erbebt die Welt vor seinem Namen.

– Daß mich die Pest! Wo kömmt der Witz mir her?

»Sie weichen also, sagst du, die Athener?«

– Sie weichen, tot ist Labdakus, ihr Führer,

Erstürmt Pharissa, und wo Berge sind,

Da hallen sie von unserm Siegsgeschrei. –

»O teuerster Sosias! Sieh, das mußt du

Umständlich mir, auf jeden Zug, erzählen.«

– Ich bin zu Euern Diensten, gnäd'ge Frau.

Denn in der Tat kann ich von diesem Siege

Vollständ'ge Auskunft, schmeichl ich mir, erteilen:

Stellt Euch, wenn Ihr die Güte haben wollt,

Auf dieser Seite hier –

Er bezeichnet die Örter auf seiner Hand –.

Pharissa vor

– Was eine Stadt ist, wie Ihr wissen werdet,

So groß im Umfang, praeter propter,

Um nicht zu übertreiben, wenn nicht größer,

Als Theben. Hier geht der Fluß. Die Unsrigen

In Schlachtordnung auf einem Hügel hier;

Und dort im Tale haufenweis der Feind.

Nachdem er ein Gelübd zum Himmel jetzt gesendet,

Daß Euch der Wolkenkreis erzitterte,

Stürzt, die Befehle treffend rings gegeben,

Er gleich den Strömen brausend auf uns ein.

Wir aber, minder tapfer nicht, wir zeigten

Den Rückweg ihm, – und Ihr sollt gleich sehn, wie?

Zuerst begegnet' er dem Vortrab hier;

Der wich. Dann stieß er auf die Bogenschützen dort;

Die zogen sich zurück. Jetzt dreist gemacht, rückt er

Den Schleudrern auf den Leib; die räumten ihm das Feld

Und als verwegen jetzt dem Hauptkorps er sich nahte,

Stürzt dies – halt! Mit dem Hauptkorps ist's nicht richtig.

Ich höre ein Geräusch dort, wie mir deucht.

Zweite Szene

Inhaltsverzeichnis

Merkur tritt in der Gestalt des Sosias aus Amphitryons Haus. Sosias.

MERKUR: für sich. Wenn ich den ungerufnen Schlingel dort Beizeiten nicht von diesem Haus entferne, So steht, beim Styx, das Glück mir auf dem Spiel, Das in Alkmenens Armen zu genießen, Heut in der Truggestalt Amphitryons Zeus der Olympische, zur Erde stieg.

SOSIAS: ohne den Merkur zu sehn. Es ist zwar nichts und meine Furcht verschwindet, Doch um den Abenteuern auszuweichen, Will ich mich vollends jetzt zu Hause machen, Und meines Auftrags mich entledigen.

MERKUR: für sich. Du überwindest den Merkur, Freund, oder Dich werd ich davon abzuhalten wissen.

SOSIAS:

Doch diese Nacht ist von endloser Länge.

Wenn ich fünf Stunden unterwegs nicht bin,

Fünf Stunden nach der Sonnenuhr von Theben,

Will ich stückweise sie vom Turme schießen.

Entweder hat in Trunkenheit des Siegs

Mein Herr den Abend für den Morgen angesehn,

Oder der lockre Phöbus schlummert noch,

Weil er zu tief ins Fläschchen gestern guckte.

MERKUR:

Mit welcher Unehrbietigkeit der Schuft

Dort von den Göttern spricht. Geduld ein wenig;

Hier dieser Arm bald wird Respekt ihm lehren.

SOSIAS: erblickt den Merkur. Ach bei den Göttern der Nacht! Ich bin verloren. Da schleicht ein Strauchdieb um das Haus, den ich Früh oder spät am Galgen sehen werde. – Dreist muß ich tun, und keck und zuversichtlich.

Er pfeift.

MERKUR: laut. Wer denn ist jener Tölpel dort, der sich Die Freiheit nimmt, als wär er hier zu Hause, Mit Pfeifen mir die Ohren vollzuleiern? Soll hier mein Stock vielleicht ihm dazu tanzen?

SOSIAS:

– Ein Freund nicht scheint er der Musik zu sein.

MERKUR:

Seit der vergangnen Woche fand ich keinen,

Dem ich die Knochen hätte brechen können.

Mein Arm wird steif, empfind ich, in der Ruhe,

Und einen Buckel von des deinen Breite,

Ihn such ich just, mich wieder einzuüben.

SOSIAS:

Wer, Teufel, hat den Kerl mir dort geboren?

Von Todesschrecken fühl ich mich ergriffen,

Die mir den Atem stocken machen.

Hätt ihn die Hölle ausgeworfen,

Es könnt entgeisternder mir nicht sein Anblick sein.

– Jedoch vielleicht geht's dem Hanswurst wie mir,

Und er versucht den Eisenfresser bloß,

Um mich ins Bockshorn schüchternd einzujagen.

Halt, Kauz, das kann ich auch. Und überdies,

Ich bin allein, er auch; zwei Fäuste hab ich,

Doch er nicht mehr; und will das Glück nicht wohl mir,

Bleibt mir ein sichrer Rückzug dort – Marsch also!

MERKUR: vertritt ihm den Weg. Halt dort! Wer geht dort?

SOSIAS:

Ich.

MERKUR:

Was für ein Ich?

SOSIAS:

Meins mit Verlaub. Und meines, denk ich, geht

Hier unverzollt gleich andern. Mut Sosias!

MERKUR:

Halt! mit so leichter Zech entkommst du nicht.

Von welchem Stand bist du?

SOSIAS:

Von welchem Stande?

Von einem auf zwei Füßen, wie Ihr seht.

MERKUR:

Ob Herr du bist, ob Diener, will ich wissen?

SOSIAS:

Nachdem Ihr so mich, oder so betrachtet,

Bin ich ein Herr, bin ich ein Dienersmann.

MERKUR:

Gut. Du mißfällst mir.

SOSIAS:

Ei das tut mir leid.

MERKUR:

Mit einem Wort, Verräter, will ich wissen,

Nichtswürd'ger Gassentreter, Eckenwächter,

Wer du magst sein, woher du gehst, wohin,

Und was du hier herum zu zaudern hast?

SOSIAS:

Darauf kann ich Euch nichts zur Antwort geben

Als dies: ich bin ein Mensch, dort komm ich her,

Da geh ich hin, und habe jetzt was vor,

Das anfängt, Langeweile mir zu machen.

MERKUR:

Ich seh dich witzig, und du bist im Zuge,

Mich kurzhin abzufertigen. Mir aber kommt

Die Lust an, die Bekanntschaft fortzusetzen,

Und die Verwicklung einzuleiten, werd ich

Mit dieser Hand hier hinters Ohr dir schlagen.

SOSIAS:

Mir?

MERKUR:

Dir, und hier bist dessen du gewiß.

Was wirst du nun darauf beschließen.

SOSIAS:

Wetter!

Ihr schlagt mir eine gute Faust, Gevatter.

MERKUR:

Ein Hieb von mittlern Schrot. Zuweilen treff ich

Noch besser.

SOSIAS:

Wär ich auch so aufgelegt,

Wir würden schön uns in die Haare kommen.

MERKUR:

Das wär mir recht. Ich liebe solchen Umgang.

SOSIAS:

Ich muß, jedoch, Geschäfts halb, mich empfehlen.

Er will gehn.

MERKUR: tritt ihm in den Weg. Wohin?

SOSIAS:

Was geht's dich an, zum Teufel?

MERKUR:

Ich will wissen,

Sag ich dir, wo du hingehst?

SOSIAS:

Jene Pforte

Will ich mir öffnen lassen. Laß mich gehn.

MERKUR:

Wenn du die Unverschämtheit hast, dich jener

Schloßpforte dort zu nähern, sieh, so rasselt

Ein Ungewitter auf dich ein von Schlägen.

SOSIAS:

Was? soll ich nicht nach Hause gehen dürfen?

MERKUR:

Nach Hause? sag das noch einmal.

SOSIAS:

Nun ja.

Nach Haus.

MERKUR:

Du sagst von diesem Hause dich?

SOSIAS:

Warum nicht? Ist es nicht Amphitryons Haus?

MERKUR:

Ob dies Amphitryons Haus ist? Allerdings,

Halunk, ist dies das Haus Amphitryons,

Das Schloß des ersten Feldherrn der Thebaner.

Doch welch ein Schluß erfolgt? –

SOSIAS:

Was für ein Schluß?

Daß ich hineingehn werd. Ich bin sein Diener.

MERKUR:

Sein Die –?

SOSIAS:

Sein Diener.

MERKUR:

Du?

SOSIAS:

Ich, ja.

MERKUR:

Amphitryons Diener?

SOSIAS:

Amphitryons Diener, des Thebanerfeldherrn.

MERKUR:

– Dein Name ist?

SOSIAS:

Sosias.

MERKUR:

So –?

SOSIAS:

Sosias.

MERKUR:

Hör, dir zerschlag ich alle Knochen.

SOSIAS:

Bist du

Bei Sinnen?

MERKUR:

Wer gibt das Recht dir, Unverschämter,

Den Namen des Sosias anzunehmen?

SOSIAS:

Gegeben wird er mir, ich nehm ihn nicht.

Mag es mein Vater dir verantworten.

MERKUR:

Hat man von solcher Frechheit je gehört?

Du wagst mir schamlos ins Gesicht zu sagen,

Daß du Sosias bist?

SOSIAS:

Ja, allerdings.

Und das aus dem gerechten Grunde, weil es

Die großen Götter wollen; weil es nicht

In meiner Macht steht, gegen sie zu kämpfen,

Ein andrer sein zu wollen als ich bin;

Weil ich muß Ich, Amphitryons Diener sein,

Wenn ich auch zehenmal Amphitryon,

Sein Vetter lieber, oder Schwager wäre.

MERKUR:

Nun, wart! Ich will dich zu verwandeln suchen.

SOSIAS:

Ihr Bürger! Ihr Thebaner! Mörder! Diebe!

MERKUR:

Wie du Nichtswürdiger, du schreist noch?

SOSIAS:

Was?

Ihr schlagt mich, und nicht schreien soll ich dürfen?

MERKUR:

Weißt du nicht, daß es Nacht ist, Schlafenszeit

Und daß in diesem Schloß Alkmene hier,

Amphitryons Gemahlin, schläft?

SOSIAS:

Hol Euch der Henker!

Ich muß den kürzern ziehen, weil Ihr seht,

Daß mir zur Hand kein Prügel ist, wie Euch.

Doch Schläg erteilen, ohne zu bekommen,

Das ist kein Heldenstück. Das sag ich Euch:

Schlecht ist es, wenn man Mut zeigt gegen Leute,

Die das Geschick zwingt, ihren zu verbergen.

MERKUR:

Zur Sach also. Wer bist du?

SOSIAS: für sich. Wenn ich dem Entkomme, will ich eine Flasche Wein Zur Hälfte opfernd auf die Erde schütten.

MERKUR:

Bist du Sosias noch?

SOSIAS:

Ach laß mich gehn.

Dein Stock kann machen, daß ich nicht mehr bin;

Doch nicht, daß ich nicht Ich bin, weil ich bin. Der einz'ge Unterschied ist, daß ich mich Sosias jetzo der geschlagne, fühle.

MERKUR:

Hund, sieh, so mach ich kalt dich.

Er droht.

SOSIAS:

Laß! Laß!

Hör auf, mir zuzusetzen.

MERKUR:

Eher nicht,

Als bis du aufhörst –

SOSIAS:

Gut, ich höre auf.

Kein Wort entgegn ich mehr, recht sollst du haben,

Und allem, was du aufstellst, sag ich ja.

MERKUR:

Bist du Sosias noch, Verräter?

SOSIAS:

Ach!

Ich bin jetzt, was du willst. Befiehl, was ich

Soll sein, dein Stock macht dich zum Herren meines Lebens.

MERKUR:

Du sprachst, du hättest dich Sosias sonst genannt?

SOSIAS:

Wahr ist's, daß ich bis diesen Augenblick gewähnt,

Die Sache hätte ihre Richtigkeit.

Doch das Gewicht hat deiner Gründe mich

Belehrt: ich sehe jetzt, daß ich mich irrte.

MERKUR:

Ich bin's, der sich Sosias nennt.

SOSIAS:

Sosias –?

Du –?

MERKUR:

Ja Sosias. Und wer Glossen macht,

Hat sich vor diesen Stock in acht zu nehmen.

SOSIAS: für sich. Ihr ew'gen Götter dort! So muß ich auf Mich selbst Verzicht jetzt leisten, mir von einem Betrüger meinen Namen stehlen lassen?

MERKUR:

Du murmelst in die Zähne, wie ich höre?

SOSIAS:

Nichts, was dir in der Tat zu nahe träte,

Doch bei den Göttern allen Griechenlands

Beschwör ich dich, die dich und mich regieren,

Vergönne mir, auf einen Augenblick,

Daß ich dir offenherz'ge Sprache führe.

MERKUR:

Sprich.

SOSIAS:

Doch dein Stock wird stumme Rolle spielen?

Nicht von der Unterhaltung sein? Versprich mir,

Wir schließen Waffenstillstand.

MERKUR:

Gut, es sei.

Den Punkt bewillg' ich.

SOSIAS:

Nun so sage mir,

Wie kommt der unerhörte Einfall dir,

Mir meinen Namen schamlos wegzugaunern?

Wär es mein Mantel, wär's mein Abendessen;

Jedoch ein Nam! Kannst du dich darin kleiden?

Ihn essen? trinken? oder ihn versetzen?

Was also nützet dieser Diebstahl dir?

MERKUR:

Wie? Du – du unterstehst dich?

SOSIAS:

Halt! halt! sag ich.

Wir schlossen Waffenstillstand.

MERKUR:

Unverschämter!

Nichtswürdiger!

SOSIAS:

Dawider hab ich nichts.

Schimpfwörter mag ich leiden, dabei kann ein

Gespräch bestehen.

MERKUR:

Du nennst dich Sosias?

SOSIAS:

Ja, ich gesteh's, ein unverbürgtes

Gerücht hat mir –

MERKUR:

Genug. Den Waffenstillstand

Brech ich, und dieses Wort hier nehm ich wieder.

SOSIAS:

Fahr in die Höll! Ich kann mich nicht vernichten,

Verwandeln nicht, aus meiner Haut nicht fahren,

Und meine Haut dir um die Schultern hängen.

Ward, seit die Welt steht, so etwas erlebt?

Träum ich etwa? Hab ich zur Morgenstärkung

Heut mehr, als ich gewöhnlich pfleg, genossen?

Bin ich mich meiner völlig nicht bewußt?

Hat nicht Amphitryon mich hergeschickt,

Der Fürstin seine Rückkehr anzumelden?

Soll ich ihr nicht den Sieg, den er erfochten,

Und wie Pharissa überging, beschreiben?

Bin ich soeben nicht hier angelangt?

Halt ich nicht die Laterne? Fand ich dich

Vor dieses Hauses Tür herum nicht lungern,

Und als ich mich der Pforte nähern wollte,

Nahmst du den Stock zur Hand nicht, und zerbläutest

Auf das unmenschlichste den Rücken mir,

Mir ins Gesicht behauptend, daß nicht ich,

Wohl aber du Amphitryons Diener seist.

Das alles, fühl ich, leider, ist zu wahr nur;

Gefiel's den Göttern doch, daß ich besessen wäre.

MERKUR:

Halunke, sieh, mein Zorn wird augenblicklich,

Wie Hagel wieder auf dich niederregnen!

Was du gesagt hast, alles, Zug vor Zug,

Es gilt von mir: die Prügel ausgenommen.

SOSIAS:

Von dir? – Hier die Laterne, bei den Göttern,

Ist Zeuge mir –

MERKUR:

Du lügst, sag ich, Verräter.

Mich hat Amphitryon hieher geschickt.

Mir gab der Feldherr der Thebaner gestern,

Da er vom Staub der Mordschlacht noch bedeckt,

Dem Temp'l enttrat, wo er dem Mars geopfert,

Gemeßnen Auftrag, seinen Sieg in Theben,

Und daß der Feinde Führer Labdakus

Von seiner Hand gefallen, anzukünd'gen;

Denn ich bin, sag ich dir, Sosias,

Sein Diener, Sohn des Davus, wackern Schäfers

Aus dieser Gegend, Bruder Harpagons,

Der in der Fremde starb, Gemahl der Charis,

Die mich mit ihren Launen wütend macht;

Sosias, der im Türmchen saß, und dem man

Noch kürzlich funfzig auf den Hintern zählte,

Weil er zu weit die Redlichkeit getrieben.

SOSIAS: für sich. Da hat er recht! Und ohne daß man selbst Sosias ist, kann man von dem, was er Zu wissen scheint, nicht unterrichtet sein. Man muß, mein Seel, ein bißchen an ihn glauben. Zudem, da ich ihn jetzt ins Auge fasse, Hat er Gestalt von mir und Wuchs und Wesen Und die spitzbüb'sche Miene, die mir eigen. – Ich muß ihm ein paar Fragen tun, die mich Aufs Reine bringen.

Laut.

Von der Beute,

Die in des Feindes Lager ward gefunden,

Sagst du mir wohl, wie sich Amphitryon

Dabei bedacht, und was sein Anteil war?

MERKUR:

Das Diadem ward ihm des Labdakus,

Das man im Zelt desselben aufgefunden.

SOSIAS:

Was nahm mit diesem Diadem man vor?

MERKUR:

Man grub den Namenszug Amphitryons

Auf seine goldne Stirne leuchtend ein.

SOSIAS:

Vermutlich trägt er's selber jetzt –?

MERKUR:

Alkmenen

Ist es bestimmt. Sie wird zum Angedenken

Des Siegs den Schmuck um ihren Busen tragen.

SOSIAS:

Und zugefertigt aus dem Lager wird

Ihr das Geschenk –?

MERKUR:

In einem goldnen Kästchen,

Auf das Amphitryon sein Wappen drückte.

SOSIAS: für sich. Er weiß um alles. – Alle Teufel jetzt! Ich fang im Ernst an mir zu zweifeln an. Durch seine Unverschämtheit ward er schon Und seinen Stock, Sosias, und jetzt wird er, Das fehlte nur, es auch aus Gründen noch. Zwar wenn ich mich betaste, wollt ich schwören, Daß dieser Leib Sosias ist. – Wie find ich nun aus diesem Labyrinth? – Was ich getan, da ich ganz einsam war, Was niemand hat gesehn, kann niemand wissen, Falls er nicht wirklich Ich ist, so wie ich. – Gut, diese Frage wird mir Licht verschaffen. Was gilt's? Dies fängt ihn – nun wir werden sehn.

Laut.

Als beide Heer im Handgemenge waren,

Was machtest du, sag an, in den Gezelten,

Wo du gewußt, geschickt dich hinzudrücken?

MERKUR:

Von einem Schinken –

SOSIAS: für sich. Hat den Kerl der Teufel –?

MERKUR:

Den ich im Winkel des Gezeltes fand,

Schnitt ich ein Kernstück mir, ein saftiges,

Und öffnete geschickt ein Flaschenfutter,

Um für die Schlacht, die draußen ward gefochten,

Ein wenig Munterkeit mir zu verschaffen.

SOSIAS: für sich. Nun ist es gut. Nun wär's gleichviel, wenn mich Die Erde gleich von diesem Platz verschlänge, Denn aus dem Flaschenfutter trinkt man nicht, Wenn man, wie ich, zufällig nicht im Sacke Den Schlüssel, der gepaßt, gefunden hätte.

Laut.

Ich sehe, alter Freund, nunmehr, daß du

Die ganze Portion Sosias bist,

Die man auf dieser Erde brauchen kann.

Ein mehreres scheint überflüssig mir.

Fern sei mir, den Zudringlichen zu spielen,

Und gern tret ich vor dir zurück. Nur habe die

Gefälligkeit für mich, und sage mir,

Da ich Sosias nicht bin, wer ich bin? Denn etwas, gibst du zu, muß ich doch sein.

MERKUR:

Wenn ich nicht mehr Sosias werde sein,

Sei du's, es ist mir recht, ich will'ge drein.

Jedoch solang ich's bin, wagst du den Hals,

Wenn dir der unverschämte Einfall kommt.

SOSIAS:

Gut, gut. Mir fängt der Kopf zu schwirren an,

Ich sehe jetzt, mein Seel, wie sich's verhält,

Wenn ich's auch gleich noch völlig nicht begreife.

Jedoch – die Sache muß ein Ende nehmen;

Und das Gescheiteste, zum Schluß zu kommen,

Ist, daß ich meiner Wege geh. – Leb wohl.

Er geht dem Hause zu.

MERKUR: stößt ihn zurück. Wie, Galgenstrick! So muß ich alle Knochen Dir lähmen?

Er schlägt ihn.

SOSIAS:

Ihr gerechten Götter!

Wo bleibt mir euer Schutz? Mein Rücken heilt

In Wochen nicht, wenn auch Amphitryon

Den Stock nicht rührt. Wohlan! Ich meide denn

Den Teufelskerl, und geh zurück ins Lager,

So finster diese Höllennacht auch glotzt. –

Das war mir eine rühmliche Gesandtschaft!

Wie wird dein Herr, Sosias, dich empfangen?

Ab.

Dritte Szene

Inhaltsverzeichnis

MERKUR:

Nun, endlich! Warum trolltest du nicht früher?

Du hättst dir böse Risse sparen können. –

Denn daß ihn eines Gottes Arm getroffen,

Die Ehre kümmert den Halunken nicht:

Ich traf ihn wie der beste Büttel auch.

Nun, mag es sein. Gesündigt hat er gnug,

Verdient, wenn auch nicht eben heut, die Prügel;

Er mag auf Abschlag sie empfangen haben. –

Wenn mir der Schuft mit seinem Zeterschrei,

Als ob man ihn zum Braten spießen wollte,

Nur nicht die Liebenden geweckt! – So wahr ich lebe,

Zeus bricht schon auf. Er kommt, der Göttervater,

Und zärtlich gibt Alkmen', als wär's ihr teurer

Gemahl Amphitryon, ihm das Geleit.

Vierte Szene

Inhaltsverzeichnis

Jupiter in der Gestalt Amphitryons. Alkmene; Charis; Merkur; Fackeln.

JUPITER:

Laß, meine teuerste Alkmene, dort

Die Fackeln sich entfernen. Zwar sie leuchten

Dem schönsten Reiz, der auf der Erde blüht,

Und keiner der Olympier sah ihn schöner;

Jedoch – wie sag ich? Sie verraten den,

Den dieser Reiz hieher gelockt, Geliebte,

Und besser wird es ein Geheimnis bleiben,

Daß dein Amphitryon in Theben war,

Sie sind dem Krieg geraubt, die Augenblicke,

Die ich der Liebe opfernd dargebracht;

Die Welt könnt ihn mißdeuten, diesen Raub;

Und gern entbehrt ich andre Zeugen seiner,

Als nur die eine, die ihn mir verdankt.

ALKMENE:

Amphitryon! So willst du gehn? Ach, wie

So lästig ist so vieler Ruhm, Geliebter!

Wie gern gäb ich das Diadem, das du

Erkämpft, für einen Strauß von Veilchen hin,

Um eine niedre Hütte eingesammelt.

Was brauchen wir, als nur uns selbst? Warum

Wird so viel Fremdes noch dir aufgedrungen,

Dir eine Krone und der Feldherrnstab?

Zwar wenn das Volk dir jauchzt, und sein Entzücken

In jedem großen Namen sich verschwendet,

Ist der Gedanke süß, daß du mir angehörst;

Doch dieser flücht'ge Reiz, kann er vergelten,

Was ich empfinde, wenn im wilden Treffen

Der Pfeil auf diesen teuern Busen zielt.

Wie öd ist, ohne dich, dies Haus! Wie träge,

Bist du mir fern, der muntre Reihn der Stunden,

Wenn sie den Tag herauf mir führen sollen!

Ach was das Vaterland mir alles raubt,

Das fühl ich, mein Amphitryon, erst seit heute,

Da ich zwei kurze Stunden dich besaß.

JUPITER:

Geliebte! Wie du mich entzückst! Doch eine

Besorgnis auch erregst du mir, die ich,

So scherzhaft sie auch klingt, dir nennen muß.

Du weißt, daß ein Gesetz der Ehe ist,

Und eine Pflicht, und daß, wer Liebe nicht erwirbt,

Noch Liebe vor dem Richter fordern kann.

Sieh dies Gesetz, es stört mein schönstes Glück.

Dir möcht ich, deinem Herzen, Teuerste, Jedwede Gunst verdanken, möchte gern Nicht, daß du einer Förmlichkeit dich fügtest, Zu der du dich vielleicht verbunden wähnst. Wie leicht verscheuchst du diese kleinen Zweifel? So öffne mir dein Innres denn, und sprich, Ob den Gemahl du heut, dem du verlobt bist, Ob den Geliebten du empfangen hast?

ALKMENE:

Geliebter und Gemahl! Was sprichst du da?

Ist es dies heilige Verhältnis nicht,

Das mich allein, dich zu empfahn, berechtigt?

Wie kann dich ein Gesetz der Welt nur quälen,

Das weit entfernt, beschränkend hier zu sein,

Vielmehr den kühnsten Wünschen, die sich regen,

Jedwede Schranke glücklich niederreißt?

JUPITER:

Was ich dir fühle, teuerste Alkmene,

Das überflügelt, sieh, um Sonnenferne,

Was ein Gemahl dir schuldig ist. Entwöhne,

Geliebte, von dem Gatten dich,

Und unterscheide zwischen mir und ihm.

Sie schmerzt mich, diese schmähliche Verwechslung,

Und der Gedanke ist mir unerträglich,

Daß du den Laffen bloß empfangen hast,

Der kalt ein Recht auf dich zu haben wähnt.

Ich möchte dir, mein süßes Licht, Dies Wesen eigner Art erschienen sein, Besieger dein, weil über dich zu siegen, Die Kunst, die großen Götter mich gelehrt. Wozu den eitlen Feldherrn der Thebaner Einmischen hier, der für ein großes Haus Jüngst eine reiche Fürstentochter freite? Was sagst du? Sieh, ich möchte deine Tugend Ihm, jenem öffentlichen Gecken, lassen, Und mir, mir deine Liebe vorbehalten.

ALKMENE:

Amphitryon! Du scherzest. Wenn das Volk hier

Auf den Amphitryon dich schmähen hörte,

Es müßte doch dich einen andern wähnen,

Ich weiß nicht wen? Nicht, daß es mir entschlüpft

In dieser heitern Nacht, wie, vor dem Gatten,

Oft der Geliebte aus sich zeichnen kann;

Doch da die Götter eines und das andre

In dir mir einigten, verzeih ich diesem

Von Herzen gern, was der vielleicht verbrach.

JUPITER:

Versprich mir denn, daß dieses heitre Fest,

Das wir jetzt frohem Wiedersehn gefeiert,

Dir nicht aus dem Gedächtnis weichen soll;

Daß du den Göttertag, den wir durchlebt,

Geliebteste, mit deiner weitern Ehe

Gemeinen Tag' lauf nicht verwechseln willst.

Versprich, sag ich, daß du an mich willst denken,

Wenn einst Amphitryon zurücke kehrt –?

ALKMENE:

Nun ja. Was soll man dazu sagen?

JUPITER:

Dank dir!

Es hat mehr Sinn und Deutung, als du glaubst.

Leb wohl, mich ruft die Pflicht.

ALKMENE:

So willst du fort?

Nicht diese kurze Nacht bei mir, Geliebter,

Die mit zehntausend Schwingen fleucht, vollenden?

JUPITER:

Schien diese Nacht dir kürzer als die andern?

ALKMENE:

Ach!

JUPITER:

Süßes Kind! Es konnte doch Aurora

Für unser Glück nicht mehr tun, als sie tat.

Leb wohl. Ich sorge, daß die anderen

Nicht länger dauern, als die Erde braucht.

ALKMENE:

Er ist berauscht, glaub ich. Ich bin es auch.

Ab.

Fünfte Szene

Inhaltsverzeichnis

Merkur. Charis.

CHARIS: für sich. Das nenn ich Zärtlichkeit mir! Das mir Treue! Das mir ein artig Fest, wenn Eheleute Nach langer Trennung jetzt sich wiedersehn! Doch jener Bauer dort, der mir verbunden, Ein Klotz ist just so zärtlich auch, wie er.

MERKUR: für sich. Jetzt muß ich eilen und die Nacht erinnern, Daß uns der Weltkreis nicht aus aller Ordnung kommt. Die gute Göttin Kupplerin verweilte Uns siebzehn Stunden über Theben heut; Jetzt mag sie weiterziehn, und ihren Schleier Auch über andre Abenteuer werfen.

CHARIS: laut. Jetzt seht den Unempfindlichen! da geht er.

MERKUR:

Nun soll ich dem Amphitryon nicht folgen?

Ich werde doch, wenn er ins Lager geht,

Nicht auf die Bärenhaut mich legen sollen?

CHARIS:

Man sagt doch was.

MERKUR:

Ei was! Dazu ist Zeit. –

Was du gefragt, das weißt du, damit basta.

In diesem Stücke bin ich ein Lakoner.

CHARIS:

Ein Tölpel bist du. Gutes Weib, sagt man,

Behalt mich lieb, und tröst dich, und was weiß ich?

MERKUR:

Was, Teufel, kommt dir in den Sinn? Soll ich

Mit dir zum Zeitvertreib hier Fratzen schneiden?

Eilf Ehstandsjahr erschöpfen das Gespräch,

Und schon seit Olims Zeit sagt ich dir alles.

CHARIS:

Verräter, sieh Amphitryon, wie er,

Den schlechtsten Leuten gleich, sich zärtlich zeigt,

Und schäme dich, daß in Ergebenheit

Zu seiner Frau, und ehelicher Liebe

Ein Herr der großen Welt dich übertrifft.

MERKUR:

Er ist noch in den Flitterwochen, Kind.

Es gibt ein Alter, wo sich alles schickt.

Was diesem jungen Paare steht, das möcht ich

Von weitem sehn, wenn wir's verüben wollten.

Es würd uns lassen, wenn wir alten Esel

Mit süßen Brocken um uns werfen wollten.

CHARIS:

Der Grobian! Was das für Reden sind.

Bin ich nicht mehr im Stand? –

MERKUR:

Das sag ich nicht,

Dein offner Schaden läßt sich übersehen,

Wenn's finster ist, so bist du grau; doch hier

Auf offnem Markt würd's einen Auflauf geben,

Wenn mich der Teufel plagte, zu scharwenzeln.

CHARIS:

Ging ich nicht gleich, sowie du kamst, Verräter,

Zur Plumpe? Kämmt ich dieses Haar mir nicht?

Legt ich dies reingewaschne Kleid nicht an?

Und das, um ausgehunzt von dir zu werden.

MERKUR:

Ei was ein reines Kleid! Wenn du das Kleid

Ausziehen könntest, das dir von Natur ward,

Ließ ich die schmutz'ge Schürze mir gefallen.

CHARIS:

Als du mich freitest, da gefiel dir's doch.

Da hätt es not getan, es in der Küche

Beim Waschen und beim Heuen anzutun.

Kann ich dafür, wenn es die Zeit genutzt?

MERKUR:

Nein, liebstes Weib. Doch ich kann's auch nicht flicken.

CHARIS:

Halunke, du verdienst es nicht, daß eine

Frau dir von Ehr und Reputation geworden.

MERKUR:

Wärst du ein wenig minder Frau von Ehre,

Und rissest mir dafür die Ohren nicht

Mit deinen ew'gen Zänkereien ab.

CHARIS:

Was? so mißfällt's dir wohl, daß ich in Ehren

Mich stets erhielt, mir guten Ruf erwarb?

MERKUR:

Behüt der Himmel mich. Pfleg deiner Tugend,

Nur führe sie nicht, wie ein Schlittenpferd,

Stets durch die Straße läutend, und den Markt.

CHARIS:

Dir wär ein Weib gut, wie man sie in Theben

Verschmitzt und voller Ränke finden kann,

Ein Weib, das dich in süße Wort' ertränkte,

Damit du ihr den Hahnrei niederschluckst.

MERKUR:

Was das betrifft, mein Seel, da sag ich dir:

Gedankenübel quälen nur die Narren,

Den Mann vielmehr beneid ich, dem ein Freund

Den Sold der Ehe vorschießt; alt wird er,

Und lebt das Leben aller seiner Kinder.

CHARIS:

Du wärst so schamlos, mich zu reizen? Wärst

So frech, mich förmlich aufzufordern, dir

Den freundlichen Thebaner, welcher abends

Mir auf der Fährte schleicht, zu adjungieren?

MERKUR:

Hol mich der Teufel, ja. Wenn du mir nur

Ersparst, Bericht darüber anzuhören.

Bequeme Sünd ist, find ich, so viel wert,

Als läst'ge Tugend; und mein Wahlspruch ist,

Nicht so viel Ehr in Theben, und mehr Ruhe –

Fahr wohl jetzt, Charis, Schatzkind! Fort muß ich.

Amphitryon wird schon im Lager sein.

Ab.

CHARIS:

Warum, um diesen Niederträchtigen

Mit einer offenbaren Tat zu strafen,

Fehlt's an Entschlossenheit mir? O ihr Götter!

Wie ich es jetzt bereue, daß die Welt

Für eine ordentliche Frau mich hält!

Zweiter Akt

Inhaltsverzeichnis

Erste Szene

Inhaltsverzeichnis

Amphitryon. Sosias.

AMPHITRYON:

Steh, Gaudieb, sag ich, mir, vermaledeiter

Halunke! Weißt du, Taugenichts, daß dein

Geschwätz dich an den Galgen bringen wird?

Und daß, mit dir nach Würden zu verfahren,

Nur meinem Zorn ein tücht'ges Rohr gebricht?

SOSIAS:

Wenn Ihr's aus diesem Ton nehmt, sag ich nichts.

Befehlt, so träum ich, oder bin betrunken.

AMPHITRYON:

Mir solche Märchen schamlos aufzubürden!

Erzählungen, wie unsre Ammen sie

Den Kindern abends in die Ohren lullen. –

Meinst du, ich werde dir die Possen glauben?

SOSIAS:

Behüt! Ihr seid der Herr und ich der Diener,

Ihr werdet tun und lassen, was Ihr wollt.

AMPHITRYON:

Es sei. Ich unterdrücke meinen Zorn,

Gewinne die Geduld mir ab, noch einmal

Vom Ei den ganzen Hergang anzuhören.

– Ich muß dies Teufelsrätsel mir entwirren,

Und nicht den Fuß ehr setz ich dort ins Haus.

– Nimm alle deine Sinne wohl zusammen,

Und steh mir Rede, pünktlich, Wort für Wort.

SOSIAS:

Doch, Herr, aus Furcht, vergebt mir, anzustoßen,

Ersuch ich Euch, eh wir zur Sache schreiten,

Den Ton mir der Verhandlung anzugeben.

Soll ich nach meiner Überzeugung reden,

Ein ehrlicher Kerl, versteht mich, oder so,

Wie es bei Hofe üblich, mit Euch sprechen?

Sag ich Euch dreist die Wahrheit, oder soll ich

Mich wie ein wohlgezogner Mensch betragen?

AMPHITRYON:

Nichts von den Fratzen. Ich verpflichte dich,

Bericht mir unverhohlen abzustatten.

SOSIAS:

Gut. Laßt mich machen jetzt. Ihr sollt bedient sein.

Ihr habt bloß mir die Fragen auszuwerfen.

AMPHITRYON:

Auf den Befehl, den ich dir gab –?

SOSIAS:

Ging ich

Durch eine Höllenfinsternis, als wäre

Der Tag zehntausend Klaftern tief versunken,

Euch allen Teufeln, und den Auftrag gebend,

Den Weg nach Theben, und die Königsburg.

AMPHITRYON:

Was, Schurke, sagst du?

SOSIAS:

Herr, es ist die Wahrheit.

AMPHITRYON:

Gut. Weiter. Während du den Weg verfolgtest –?

SOSIAS:

Setzt ich den Fuß stets einen vor den andern,

Und ließ die Spuren hinter mir zurück.

AMPHITRYON:

Was! Ob dir was begegnet, will ich wissen!

SOSIAS:

Nichts, Herr, als daß ich salva venia

Die Seele voll von Furcht und Schrecken hatte.

AMPHITRYON:

Drauf eingetroffen hier –?

SOSIAS:

Übt ich ein wenig

Mich auf den Vortrag, den ich halten sollte,

Und stellte witzig die Laterne mir,

Als Eure Gattin, die Prinzessin, vor.

AMPHITRYON:

Dies abgemacht –?

SOSIAS:

Ward ich gestört. Jetzt kömmt's.

AMPHITRYON:

Gestört? Wodurch? Wer störte dich?

SOSIAS:

Sosias.

AMPHITRYON:

Wie soll ich das verstehn?

SOSIAS:

Wie Ihr's verstehn sollt?

Mein Seel! Da fragt Ihr mich zu viel.

Sosias störte mich, da ich mich übte.

AMPHITRYON:

Sosias! Welch ein Sosias! Was für

Ein Galgenstrick, Halunke, von Sosias,

Der außer dir den Namen führt in Theben,

Hat dich gestört, da du dich eingeübt?

SOSIAS:

Sosias! Der bei Euch in Diensten steht,

Den Ihr vom Lager gestern abgeschickt,

Im Schlosse Eure Ankunft anzumelden.

AMPHITRYON:

Du? Was?

SOSIAS:

Ich, ja. Ein Ich, das Wissenschaft

Von allen unsern Heimlichkeiten hat,

Das Kästchen und die Diamanten kennt,

Dem Ich vollkommen gleich, das mit Euch spricht.

AMPHITRYON:

Was für Erzählungen?

SOSIAS:

Wahrhaftige.

Ich will nicht leben, Herr, belüg ich Euch.

Dies Ich war früher angelangt, als ich,

Und ich war hier, in diesem Fall, mein Seel,

Noch eh ich angekommen war.

AMPHITRYON:

Woher entspringt dies Irrgeschwätz? Der Wischwasch?

Ist's Träumerei? Ist es Betrunkenheit?

Gehirnverrückung? Oder soll's ein Scherz sein?

SOSIAS:

Es ist mein völl'ger Ernst, Herr, und Ihr werdet,

Auf Ehrenwort, mir Euren Glauben schenken,

Wenn Ihr so gut sein wollt. Ich schwör's Euch zu,

Daß ich, der einfach aus dem Lager ging,

Ein Doppelter in Theben eingetroffen;

Daß ich mir glotzend hier begegnet bin;

Daß hier dies eine Ich, das vor Euch steht,

Vor Müdigkeit und Hunger ganz erschöpft,

Das andere, das aus dem Hause trat,

Frisch, einen Teufelskerl, gefunden hat;

Daß diese beiden Schufte, eifersüchtig

Jedweder, Euern Auftrag auszurichten,

Sofort in Streit gerieten, und daß ich

Mich wieder ab ins Lager trollen mußte,

Weil ich ein unvernünft'ger Schlingel war.

AMPHITRYON:

Man muß von meiner Sanftmut sein, von meiner

Friedfertigkeit, von meiner Selbstverleugnung,

Um einem Diener solche Sprache zu gestatten.

SOSIAS:

Herr, wenn Ihr Euch ereifert, schweig ich still.

Wir wollen von was andern sprechen.

AMPHITRYON:

Gut. Weiter denn. Du siehst, ich mäß'ge mich.

Ich will geduldig bis ans End dich hören.

Doch sage mir auf dein Gewissen jetzt,

Ob das, was du für wahr mir geben willst,

Wahrscheinlich auch nur auf den Schatten ist.

Kann man's begreifen? reimen? Kann man's fassen?

SOSIAS:

Behüte! Wer verlangt denn das von Euch?

Ins Tollhaus weis ich den, der sagen kann,

Daß er von dieser Sache was begreift.

Es ist gehauen nicht und nicht gestochen,

Ein Vorfall, koboldartig, wie ein Märchen,

Und dennoch ist es, wie das Sonnenlicht.

AMPHITRYON:

Falls man demnach fünf Sinne hat, wie glaubt man's.

SOSIAS:

Mein Seel! Es kostete die größte Pein mir,

So gut, wie Euch, eh ich es glauben lernte.

Ich hielt mich für besessen, als ich mich

Hier aufgepflanzt fand lärmend auf dem Platze,

Und einen Gauner schalt ich lange mich.

Jedoch zuletzt erkannt ich, mußt ich mich,

Ein Ich, so wie das andre, anerkennen.

Hier stand's, als wär die Luft ein Spiegel vor mir,

Ein Wesen völlig wie das meinige,

Von diesem Anstand, seht, und diesem Wuchse,

Zwei Tropfen Wasser sind nicht ähnlicher.

Ja, wär es nur geselliger gewesen,

Kein solcher mürr'scher Grobian, ich könnte,

Auf Ehre, sehr damit zufrieden sein.

AMPHITRYON:

Zu welcher Überwindung ich verdammt bin!

– Doch endlich, bist du nicht ins Haus gegangen?

SOSIAS:

Ins Haus! Was! Ihr seid gut! Auf welche Weise?

Litt ich's? Hört ich Vernunft an? Untersagt ich

Nicht eigensinnig stets die Pforte mir?

AMPHITRYON:

Wie? Was? Zum Teufel!

SOSIAS:

Wie? Mit einem Stocke,

Von dem mein Rücken noch die Spuren trägt.

AMPHITRYON:

So schlug man dich?

SOSIAS:

Und tüchtig.

AMPHITRYON:

Wer – wer schlug dich?

Wer unterstand sich das?

SOSIAS:

Ich.

AMPHITRYON:

Du? Dich schlagen?

SOSIAS:

Mein Seel, ja, ich! Nicht dieses Ich von hier,

Doch das vermaledeite Ich vom Hause,

Das wie fünf Ruderknechte schlägt.

AMPHITRYON:

Unglück verfolge dich, mit mir also zu reden!

SOSIAS:

Ich kann's Euch dartun, Herr, wenn Ihr's begehrt.

Mein Zeuge, mein glaubwürdiger, ist der

Gefährte meines Mißgeschicks, mein Rücken.

– Das Ich, das mich von hier verjagte, stand

Im Vorteil gegen mich; es hatte Mut

Und zwei geübte Arme, wie ein Fechter.

AMPHITRYON:

Zum Schlusse. Hast du meine Frau gesprochen?

SOSIAS:

Nein.

AMPHITRYON:

Nicht! Warum nicht?

SOSIAS:

Ei! Aus guten Gründen.

AMPHITRYON:

Und wer hat dich, Verräter, deine Pflicht

Verfehlen lassen? Hund, Nichtswürdiger!

SOSIAS:

Muß ich es zehn und zehnmal wiederholen?

Ich, hab ich Euch gesagt, dies Teufels-Ich,

Das sich der Türe dort bemächtigt hatte;

Das Ich, das das allein'ge Ich will sein;

Das Ich vom Hause dort, das Ich vom Stocke,

Das Ich, das mich halbtot geprügelt hat.

AMPHITRYON:

Es muß die Bestie getrunken haben,

Sich vollends um das bißchen Hirn gebracht.

SOSIAS:

Ich will des Teufels sein, wenn ich heut mehr

Als meine Portion getrunken habe.

Auf meinen Schwur, mein Seel, könnt Ihr mir glauben.

AMPHITRYON:

– So hast du dich unmäß'gem Schlaf vielleicht

Ergeben? – Vielleicht daß dir ein böser Traum

Den aberwitz'gen Vorfall vorgespiegelt,

Den du mir hier für Wirklichkeit erzählst –?

SOSIAS:

Nichts, nichts von dem. Ich schlief seit gestern nicht

Und hatt im Wald auch gar nicht Lust zu schlafen,

Ich war erwacht vollkommen, als ich eintraf,

Und sehr erwacht und munter war der andre

Sosias, als er mich so tüchtig walkte.

AMPHITRYON:

Schweig. Was ermüd ich mein Gehirn? Ich bin

Verrückt selbst, solchen Wischwasch anzuhören.

Unnützes, marklos-albernes Gewäsch,

In dem kein Menschensinn ist, und Verstand.

Folg mir.

SOSIAS: für sich. So ist's. Weil es aus meinem Munde kommt, Ist's albern Zeug, nicht wert, daß man es höre. Doch hätte sich ein Großer selbst zerwalkt, So würde man Mirakel schrein.

AMPHITRYON:

Laß mir die Pforte öffnen. – Doch was seh ich?

Alkmene kommt. Es wird sie überraschen,

Denn freilich jetzt erwartet sie mich nicht.

Zweite Szene

Inhaltsverzeichnis

Alkmene. Charis. Die Vorigen.

ALKMENE:

Komm, meine Charis. Laß den Göttern uns

Ein Opfer dankbar auf den Altar legen.

Laß ihren großen, heil'gen Schutz noch ferner

Mich auf den besten Gatten niederflehn.

Da sie den Amphitryon erblickt.

O Gott! Amphitryon!

AMPHITRYON:

Der Himmel gebe,

Daß meine Gattin nicht vor mir erschrickt,

Nicht fürcht ich, daß nach dieser flücht'gen Trennung

Alkmene minder zärtlich mich empfängt,

Als ihr Amphitryon zurücke kehrt.

ALKMENE:

So früh zurück –?

AMPHITRYON:

Was! dieser Ausruf,

Fürwahr, scheint ein zweideutig Zeichen mir,

Ob auch die Götter jenen Wunsch erhört.

Dies: »Schon so früh zurück!« ist der Empfang,

Beim Himmel, nein! der heißen Liebe nicht.

Ich Törichter! Ich stand im Wahn, daß mich

Der Krieg zu lange schon von hier entfernt;

Zu spät, war meine Rechnung, kehrt ich wieder.

Doch du belehrst mich, daß ich mich geirrt,

Und mit Befremden nehm ich wahr, daß ich

Ein Überläst'ger aus den Wolken falle.

ALKMENE:

Ich weiß nicht –

AMPHITRYON:

Nein, Alkmene,

Verzeih. Mit diesem Worte hast du Wasser

Zu meiner Liebe Flammen hingetragen.

Du hast, seit ich dir fern, die Sonnenuhr

Nicht eines flücht'gen Blicks gewürdigt.

Hier ward kein Flügelschlag der Zeit vernommen,

Und unter rauschenden Vergnügen sind

In diesem Schloß fünf abgezählte Monden

Wie soviel Augenblicke hingeflohn.

ALKMENE:

Ich habe Müh, mein teurer Freund, zu fassen,

Worauf du diesen Vorwurf gründen magst.

Beklagst du über meine Kälte dich,

So siehst du mich verlegen, wie ich dich

Befried'gen soll. Ich denke gestern, als

Du um die Abenddämmrung mir erschienst,

Trug ich die Schuld, an welche du mich mahnst,

Aus meinem warmen Busen reichlich ab.

Kannst du noch mehr dir wünschen, mehr begehren,

So muß ich meine Dürftigkeit gestehn:

Ich gab dir wirklich alles, was ich hatte.

AMPHITRYON:

Wie?

ALKMENE:

Und du fragst noch! Flog ich gestern nicht,

Als du mich heimlich auf den Nacken küßtest,

Ich spann, ins Zimmer warst du eingeschlichen,

Wie aus der Welt entrückt, dir an die Brust?

Kann man sich inn'ger des Geliebten freun?

AMPHITRYON:

Was sagst du mir?

ALKMENE:

Was das für Fragen sind!

Du selber warst unmäß'ger Freude voll,

Dich so geliebt zu sehn; und als ich lachte,

Inzwischen mir die Träne floß, schwurst du

Mit seltsam schauerlichen Schwur mir zu,

Daß nie die Here so den Jupiter beglückt.

AMPHITRYON:

Ihr ew'gen Götter!

ALKMENE:

Drauf als der Tag erglühte,

Hielt länger dich kein Flehn bei mir zurück.

Auch nicht die Sonne wolltest du erwarten.

Du gehst, ich werfe mich aufs Lager nieder,

Heiß ist der Morgen, schlummern kann ich nicht,

Ich bin bewegt, den Göttern will ich opfern,

Und auf des Hauses Vorplatz treff ich dich!

Ich denke, Auskunft, traun, bist du mir schuldig,

Wenn deine Wiederkehr mich überrascht,

Bestürzt auch, wenn du willst; nicht aber ist

Ein Grund hier, mich zu schelten, mir zu zürnen.

AMPHITRYON:

Hat mich etwan ein Traum bei dir verkündet,

Alkmene? Hast du mich vielleicht im Schlaf

Empfangen, daß du wähnst, du habest mir

Die Forderung der Liebe schon entrichtet?

ALKMENE:

Hat dir ein böser Dämon das Gedächtnis

Geraubt, Amphitryon? hat dir vielleicht

Ein Gott den heitern Sinn verwirrt, daß du

Die keusche Liebe deiner Gattin, höhnend,

Von allem Sittlichen entkleiden willst?

AMPHITRYON:

Was? Mir wagst du zu sagen, daß ich gestern

Hier um die Dämmrung eingeschlichen bin?

Daß ich dir scherzend auf den Nacken – Teufel!

ALKMENE:

Was? Mir wagst du zu leugnen, daß du gestern

Hier um die Dämmrung eingeschlichen bist?

Daß du dir jede Freiheit hast erlaubt,

Die dem Gemahl mag zustehn über mich?

AMPHITRYON:

– Du scherzest. Laß zum Ernst uns wiederkehren,

Denn nicht an seinem Platz ist dieser Scherz.

ALKMENE:

Du scherzest. Laß zum Ernst uns wiederkehren,

Denn roh ist und empfindlich dieser Scherz.

AMPHITRYON:

– Ich hätte jede Freiheit mir erlaubt,

Die dem Gemahl mag zustehn über dich? –

War's nicht so? –

ALKMENE:

Geh, Unedelmütiger!

AMPHITRYON:

O Himmel! Welch ein Schlag trifft mich! Sosias!

Mein Freund!

SOSIAS:

Sie braucht fünf Grane Niesewurz;

In ihrem Oberstübchen ist's nicht richtig.

AMPHITRYON:

Alkmene! Bei den Göttern! du bedenkst nicht,

Was dies Gespräch für Folgen haben kann.

Besinne dich. Versammle deine Geister.

Fortan werd ich dir glauben, was du sagst.

ALKMENE:

Was auch daraus erfolgt, Amphitryon,

Ich will's, daß du mir glaubst, du sollst mich nicht

So unanständ'gen Scherzes fähig wähnen.

Sehr ruhig siehst du um den Ausgang mich.

Kannst du im Ernst ins Angesicht mir leugnen,

Daß du im Schlosse gestern dich gezeigt,

Falls nicht die Götter fürchterlich dich straften,

Gilt jeder andre schnöde Grund mir gleich.

Den innern Frieden kannst du mir nicht stören,

Und auch die Meinung, hoff ich, nicht der Welt:

Den Riß bloß werd ich in der Brust empfinden,

Daß mich der Liebste grausam kränken will.

AMPHITRYON:

Unglückliche! Welch eine Sprach! – Und auch

Schon die Beweise hast du dir gefunden?

ALKMENE:

Ist es erhört? die ganze Dienerschaft

Ist, dieses Schlosses, Zeuge mir; es würden

Die Steine mir, die du betratst, die Bäume,

Die Hunde, die deine Knie umwendeten,

Von dir mir Zeugnis reden, wenn sie könnten.

AMPHITRYON:

Die ganze Dienerschaft? Es ist nicht möglich!

ALKMENE:

Soll ich, du Unbegreiflicher, dir den

Beweis jetzt geben, den entscheidenden?

Von wem empfing ich diesen Gürtel hier?

AMPHITRYON:

Was, einen Gürtel? du? Bereits? Von mir?

ALKMENE:

Das Diadem, sprachst du, des Labdakus,

Den du gefällt hast in der letzten Schlacht.

AMPHITRYON:

Verräter dort! Was soll ich davon denken?

SOSIAS:

Laßt mich gewähren. Das sind schlechte Kniffe,

Das Diadem halt ich mit meinen Händen.

AMPHITRYON:

Wo?

SOSIAS:

Hier.

Er zieht ein Kästchen aus der Tasche.

AMPHITRYON:

Das Siegel ist noch unverletzt!

Er betrachtet den Gürtel an Alkmenes Brust.

Und gleichwohl – trügen mich nicht alle Sinne –

Zu Sosias.

Schnell öffne mir das Schloß.

SOSIAS:

Mein Seel, der Platz ist leer.

Der Teufel hat es wegstipitzt, es ist

Kein Diadem des Labdakus zu finden.

AMPHITRYON:

O ihr allmächt'gen Götter, die die Welt

Regieren! Was habt ihr über mich verhängt?

SOSIAS:

Was über Euch verhängt ist? Ihr seid doppelt,

Amphitryon vom Stock ist hier gewesen,

Und glücklich schätz ich Euch, bei Gott –

AMPHITRYON:

Schweig Schlingel!

ALKMENE: zu Charis. Was kann in aller Welt ihn so bewegen? Warum ergreift Bestürzung ihn, Entgeisterung, Bei dieses Steines Anblick, den er kennt?

AMPHITRYON:

Ich habe sonst von Wundern schon gehört,

Von unnatürlichen Erscheinungen, die sich

Aus einer andern Welt hieher verlieren;

Doch heute knüpft der Faden sich von jenseits

An meine Ehre und erdrosselt sie.

ALKMENE: zu Amphitryon. Nach diesem Zeugnis, sonderbarer Freund, Wirst du noch leugnen, daß du mir erschienst Und daß ich meine Schuld schon abgetragen?

AMPHITRYON:

Nein; doch du wirst den Hergang mir erzählen.

ALKMENE:

Amphitryon!

AMPHITRYON:

Du hörst, ich zweifle nicht.

Man kann dem Diadem nicht widersprechen.

Gewisse Gründe lassen bloß mich wünschen,

Daß du umständlich die Geschichte mir

Von meinem Aufenthalt im Schloß erzählst.

ALKMENE:

Mein Freund, du bist doch krank nicht?

AMPHITRYON:

Krank – krank nicht.

ALKMENE:

Vielleicht daß eine Sorge dir des Krieges

Den Kopf beschwert, dir, die zudringliche,

Des Geistes heitre Tätigkeit befangen? –

AMPHITRYON:

Wahr ist's. Ich fühle mir den Kopf benommen.

ALKMENE:

Komm, ruhe dich ein wenig aus.

AMPHITRYON:

Laß mich.

Es drängt nicht. Wie gesagt, es ist mein Wunsch,

Eh ich das Haus betrete, den Bericht

Von dieser Ankunft gestern – anzuhören.

ALKMENE:

Die Sach ist kurz. Der Abend dämmerte,

Ich saß in meiner Klaus und spann, und träumte

Bei dem Geräusch der Spindel mich ins Feld,

Mich unter Krieger, Waffen hin, als ich

Ein Jauchzen an der fernen Pforte hörte.

AMPHITRYON:

Wer jauchzte?

ALKMENE:

Unsre Leute.

AMPHITRYON:

Nun?

ALKMENE:

Es fiel

Mir wieder aus dem Sinn, auch nicht im Traume

Gedacht ich noch, welch eine Freude mir

Die guten Götter aufgespart, und eben

Nahm ich den Faden wieder auf, als es

Jetzt zuckend mir durch alle Glieder fuhr.

AMPHITRYON:

Ich weiß.

ALKMENE:

Du weißt es schon.

AMPHITRYON:

Darauf?

ALKMENE:

Darauf

Ward viel geplaudert, viel gescherzt, und stets

Verfolgten sich und kreuzten sich die Fragen.

Wir setzten uns – und jetzt erzähltest du

Mit kriegerischer Rede mir, was bei

Pharissa jüngst geschehn, mir von dem Labdakus,

Und wie er in die ew'ge Nacht gesunken

– Und jeden blut'gen Auftritt des Gefechts.

Drauf – ward das prächt'ge Diadem mir zum

Geschenk, das einen Kuß mich kostete;

Viel bei dem Schein der Kerze ward's betrachtet

– Und einem Gürtel gleich verband ich es,

Den deine Hand mir um den Busen schlang.

AMPHITRYON: für sich. Kann man, frag ich, den Dolch lebhafter fühlen?

ALKMENE:

Jetzt ward das Abendessen aufgetragen,

Doch weder du noch ich beschäftigten

Uns mit dem Ortolan, der vor uns stand,

Noch mit der Flasche viel, du sagtest scherzend,

Daß du von meiner Liebe Nektar lebtest,

Du seist ein Gott, und was die Lust dir sonst,

Die ausgelaßne, in den Mund dir legte.

AMPHITRYON:

– Die ausgelaßne in den Mund mir legte!

ALKMENE:

– Ja, in den Mund dir legte. Nun – hierauf –

Warum so finster, Freund?

AMPHITRYON:

Hierauf jetzt –?

ALKMENE:

Standen

Wir von der Tafel auf; und nun –

AMPHITRYON:

Und nun?

ALKMENE:

Nachdem wir von der Tafel aufgestanden –

AMPHITRYON:

Nachdem ihr von der Tafel aufgestanden –

ALKMENE:

So gingen –

AMPHITRYON:

Ginget –

ALKMENE:

Gingen wir – – – nun ja!

Warum steigt solche Röt ins Antlitz dir?

AMPHITRYON:

O dieser Dolch, er trifft das Leben mir!

Nein, nein, Verräterin, ich war es nicht!

Und wer sich gestern um die Dämmerung

Hier eingeschlichen als Amphitryon,

War der nichtswürdigste der Lotterbuben!

ALKMENE:

Abscheulicher!

AMPHITRYON:

Treulose! Undankbare! –

Fahr hin jetzt Mäßigung, und du, die mir

Bisher der Ehre Fordrung lähmtest, Liebe,

Erinnrung fahrt, und Glück und Hoffnung hin,

Fortan in Wut und Rache will ich schwelgen.

ALKMENE:

Fahr hin auch du, unedelmüt'ger Gatte,

Es reißt das Herz sich blutend von dir los.

Abscheulich ist der Kunstgriff, er empört mich.

Wenn du dich einer andern zugewendet,

Bezwungen durch der Liebe Pfeil, es hätte

Dein Wunsch, mir würdig selbst vertraut, so schnell dich

Als diese feige List zum Ziel geführt.

Du siehst entschlossen mich das Band zu lösen,

Das deine wankelmüt'ge Seele drückt;

Und ehe noch der Abend sich verkündet,

Bist du befreit von allem, was dich bindet.

AMPHITRYON:

Schmachvoll, wie die Beleid'gung ist, die sich

Mir zugefügt, ist dies das mindeste,

Was meine Ehre blutend fordern kann.

Daß ein Betrug vorhanden ist, ist klar,

Wenn meine Sinn auch das fluchwürdige

Gewebe noch nicht fassen. Zeugen doch

Jetzt ruf ich, die es mir zerreißen sollen.

Ich rufe deinen Bruder mir, die Feldherrn,

Das ganze Heer mir der Thebaner auf,

Aus deren Mitt ich eher nicht gewichen,

Als mit des heut'gen Morgens Dämmerstrahl.

Dann werd ich auf des Rätsels Grund gelangen,

Und Wehe! ruf ich, wer mich hintergangen!

SOSIAS:

Herr, soll ich etwa –?

AMPHITRYON:

Schweig, ich will nichts wissen.

Du bleibst, und harrst auf diesem Platze mein.

Ab.

CHARIS:

Befehlt Ihr Fürstin?

ALKMENE:

Schweig, ich will nichts wissen,

Verfolg mich nicht, ich will ganz einsam sein.

Ab.

Dritte Szene

Inhaltsverzeichnis

Charis. Sosias.

CHARIS:

Was das mir für ein Auftritt war! Er ist

Verrückt, wenn er behaupten kann, daß er

Im Lager die verfloßne Nacht geschlafen. –

Nun wenn der Bruder kommt, so wird sich's zeigen.

SOSIAS:

Dies ist ein harter Schlag für meinen Herrn.

– Ob mir wohl etwas Ähnliches beschert ist?

Ich muß ein wenig auf den Strauch ihr klopfen.

CHARIS: für sich. Was gibt's? Er hat die Unverschämtheit dort, Mir maulend noch den Rücken zuzukehren.

SOSIAS:

Es läuft, mein Seel, mir übern Rücken, da ich

Den Punkt, den kitzlichen, berühren soll.

Ich möchte fast den Vorwitz bleibenlassen,

Zuletzt ist's doch so lang wie breit,

Wenn man's nur mit dem Licht nicht untersucht. –

Frisch auf, der Wurf soll gelten, wissen muß ich's!

– Helf dir der Himmel Charis!

CHARIS:

Was? du nahst mir noch,

Verräter? Was? du hast die Unverschämtheit,

Da ich dir zürne, keck mich anzureden?

SOSIAS:

Nun, ihr gerechten Götter, sag, was hast denn du?

Man grüßt sich doch, wenn man sich wieder sieht.

Wie du gleich über nichts die Fletten sträubst.

CHARIS:

Was nennst du über nichts? Was nennst du nichts?

Was nennst du über nichts? Unwürd'ger! Was?

SOSIAS:

Ich nenne nichts, die Wahrheit dir zu sagen,

Was nichts in Prosa wie in Versen heißt,

Und nichts, du weißt, ist ohngefähr so viel,

Wie nichts, versteh mich, oder nur sehr wenig –

CHARIS:

Wenn ich nur wüßte, was die Hände mir

Gebunden hält. Es kribbelt mir, daß ich's

Kaum mäß'ge, dir die Augen auszukratzen,

Und was ein wütend Weib ist, dir zu zeigen.

SOSIAS:

Ei, so bewahr der Himmel mich, was für ein Anfall!

CHARIS:

Nichts also nennst du, nichts mir das Verfahren,

Das du dir schamlos gegen mich erlaubt?

SOSIAS:

Was denn erlaubt ich mir? Was ist geschehn?

CHARIS:

Was mir geschehn? Ei seht! Den Unbefangenen!

Er wird mir jetzo, wie sein Herr, behaupten,

Daß er noch gar in Theben nicht gewesen.

SOSIAS:

Was das betrifft, mein Seel! Da sag ich dir,

Daß ich nicht den Geheimnisvollen spiele.

Wir haben einen Teufelswein getrunken,

Der die Gedanken rein uns weggespült.

CHARIS:

Meinst du, mit diesem Pfiff mir zu entkommen?

SOSIAS:

Nein Charis. Auf mein Wort. Ich will ein Schuft sein,

Wenn ich nicht gestern schon hier angekommen.

Doch weiß ich nichts von allem, was geschehn,

Die ganze Welt war mir ein Dudelsack.

CHARIS:

Du wüßtest nicht mehr, wie du mich behandelt,

Da gestern abend du ins Haus getreten?

SOSIAS:

Der Henker hol es! Nicht viel mehr, als nichts.

Erzähl's, ich bin ein gutes Haus, du weißt,

Ich werd mich selbst verdammen, wenn ich fehlte.

CHARIS:

Unwürdiger! Es war schon Mitternacht,

Und längst das junge Fürstenpaar zur Ruhe,

Als du noch immer in Amphitryons

Gemächern weiltest, deine Wohnung noch

Mit keinem Blick gesehn. Es muß zuletzt

Dein Weib sich selber auf die Strümpfe machen,

Dich aufzusuchen, und was find ich jetzt?

Wo find ich jetzt dich, Pflichtvergessener?

Hin auf ein Kissen find ich dich gestreckt,

Als ob du, wie zu Haus, hier hingehörtest.

Auf meine zartbekümmerte Beschwerde,

Hat dies dein Herr, Amphitryon, befohlen,

Du sollst die Reisestunde nicht verschlafen,

Er denke früh von Theben aufzubrechen,

Und was dergleichen faule Fische mehr.

Kein Wort, kein freundliches, von deinen Lippen.

Und da ich jetzt mich niederbeuge, liebend,

Zu einem Kusse, wendest du, Halunke,

Der Wand dich zu, ich soll dich schlafen lassen.

SOSIAS:

Brav, alter, ehrlicher Sosias!

CHARIS:

Was?

Ich glaube gar du lobst dich noch? Du lobst dich?

SOSIAS:

Mein Seel, du mußt es mir zugute halten.

Ich hatte Meerrettich gegessen, Charis,

Und hatte recht, den Atem abzuwenden.

CHARIS:

Ei was! Ich hätte nichts davon gespürt,

Wir hatten auch zu Mittag Meerrettich.

SOSIAS:

Mein Seel. Das wußt ich nicht. Man merkt's dann nicht.

CHARIS:

Du kömmst mit diesen Schlichen mir nicht durch.

Früh oder spät wird die Verachtung sich,

Mit der ich mich behandelt sehe, rächen.

Es wurmt mich, ich verwind es nicht, was ich

Beim Anbruch hier des Tages hören mußte,

Und ich benutze dir die Freiheit noch,

Die du mir gabst, so wahr ich ehrlich bin.

SOSIAS:

Welch eine Freiheit hab ich dir gegeben?

CHARIS:

Du sagtest mir und warst sehr wohl bei Sinnen,

Daß dich ein Hörnerschmuck nicht kümmern würde,

Ja daß du sehr zufrieden wärst, wenn ich

Mit dem Thebaner mir die Zeit vertriebe,

Der hier, du weißt's, mir auf der Fährte schleicht.

Wohlan, mein Freund, dein Wille soll geschehn.

SOSIAS:

Das hat ein Esel dir gesagt, nicht ich.

Spaß hier beiseit. Davon sag ich mich los.

Du wirst in diesem Stück vernünftig sein.

CHARIS:

Kann ich es gleichwohl über mich gewinnen?

SOSIAS:

Still jetzt, Alkmene kommt, die Fürstin.

Vierte Szene

Inhaltsverzeichnis

Alkmene. Die Vorigen.

ALKMENE:

Charis!

Was ist mir, Unglücksel'gen, widerfahren?

Was ist geschehn mir, sprich? Sieh dieses Kleinod.

CHARIS:

Was ist dies für ein Kleinod, meine Fürstin?

ALKMENE:

Das Diadem ist es, des Labdakus,

Das teure Prachtgeschenk Amphitryons,

Worauf sein Namenszug gegraben ist.

CHARIS:

Dies? Dies das Diadem des Labdakus?

Hier ist kein Namenszug Amphitryons.

ALKMENE:

Unselige, so bist du sinnberaubt?

Hier stünde nicht, daß man's mit Fingern läse,

Mit großem, goldgegrabnen Zug ein A?

CHARIS:

Gewiß nicht, beste Fürstin. Welch ein Wahn?

Hier steht ein andres fremdes Anfangszeichen.

Hier steht ein J.

ALKMENE:

Ein J?

CHARIS:

Ein J.

Man irrt nicht.

ALKMENE:

Weh mir sodann! Weh mir! Ich bin verloren.

CHARIS:

Was ist's, erklärt mir, das Euch so bewegt?

ALKMENE:

Wie soll ich Worte finden, meine Charis,

Das Unerklärliche dir zu erklären?

Da ich bestürzt mein Zimmer wieder finde,

Nicht wissend, ob ich wache, ob ich träume,

Wenn sich die rasende Behauptung wagt,

Daß mir ein anderer erschienen sei;

Da ich gleichwohl den heißen Schmerz erwäg

Amphitryons, und dies sein letztes Wort,

Er geh den eignen Bruder, denke dir!

Den Bruder wider mich zum Zeugnis aufzurufen;

Da ich jetzt frage, hast du wohl geirrt?

Denn einen äfft der Irrtum doch von beiden,

Nicht ich, nicht er, sind einer Tücke fähig;

Und jener doppelsinn'ge Scherz mir jetzt

Durch das Gedächtnis zuckt, da der Geliebte,

Amphitryon, ich weiß nicht, ob du's hörtest,

Mir auf Amphitryon den Gatten schmähte,

Wie Schaudern jetzt, Entsetzen mich ergreift

Und alle Sinne treulos von mir weichen, –

Faß ich, o du Geliebte, diesen Stein,

Das einzig, unschätzbare, teure Pfand,

Das ganz untrüglich mir zum Zeugnis dient.

Jetzt faß ich's, will den werten Namenszug,

Des lieben Lügners eignen Widersacher,

Bewegt an die entzückten Lippen drücken:

Und einen andern fremden Zug erblick ich,

Und wie vom Blitz steh ich gerührt – ein J!

CHARIS:

Entsetzlich! solltet Ihr getäuscht Euch haben?

ALKMENE:

Ich mich getäuscht!

CHARIS:

Hier in dem Zuge, mein ich.

ALKMENE:

Ja in dem Zug meinst du – so scheint es fast.

CHARIS:

Und also –?

ALKMENE:

Was und also –?

CHARIS:

Beruhigt Euch.

Es wird noch alles sich zum Guten wenden.

ALKMENE:

O Charis! – Eh will ich irren in mir selbst!

Eh will ich dieses innerste Gefühl,

Das ich am Mutterbusen eingesogen,

Und das mir sagt, daß ich Alkmene bin,

Für einen Partner oder Perser halten.

Ist diese Hand mein? Diese Brust hier mein?

Gehört das Bild mir, das der Spiegel strahlt?

Er wäre fremder mir, als ich! Nimm mir

Das Aug, so hör ich ihn; das Ohr, ich fühl ihn;

Mir das Gefühl hinweg, ich atm ihn noch;

Nimm Aug und Ohr, Gefühl mir und Geruch,

Mir alle Sinn und gönne mir das Herz:

So läßt du mir die Glocke, die ich brauche,

Aus einer Welt noch find ich ihn heraus.

CHARIS:

Gewiß! Wie konnt ich auch nur zweifeln, Fürstin?

Wie könnt ein Weib in solchem Falle irren?

Man nimmt ein falsches Kleid, ein Hausgerät,

Doch einen Mann greift man im Finstern.

Zudem, ist er uns allen nicht erschienen?

Empfing ihn freudig an der Pforte nicht

Das ganze Hofgesind, als er erschien?

Tag war es noch, hier müßten tausend Augen

Mit Mitternacht bedeckt gewesen sein.

ALKMENE:

Und gleichwohl dieser wunderliche Zug!

Warum fiel solch ein fremdes Zeichen mir,

Das kein verletzter Sinn verwechseln kann,

Warum nicht auf den ersten Blick mir auf?

Wenn ich zwei solche Namen, liebste Charis,

Nicht unterscheiden kann, sprich, können sie

Zwei Führern, ist es möglich, eigen sein,

Die leichter nicht zu unterscheiden wären?

CHARIS:

Ihr seid doch sicher, hoff ich, beste Fürstin? –

ALKMENE:

Wie meiner reinen Seele! Meiner Unschuld!

Du müßtest denn die Regung mir mißdeuten,

Daß ich ihn schöner niemals fand, als heut.

Ich hätte für sein Bild ihn halten können,

Für sein Gemälde, sieh, von Künstlershand,

Dem Leben treu, ins Göttliche verzeichnet.

Er stand, ich weiß nicht, vor mir, wie im Traum,

Und ein unsägliches Gefühl ergriff

Mich meines Glücks, wie ich es nie empfunden,

Als er mir strahlend, wie in Glorie, gestern

Der hohe Sieger von Pharissa nahte.

Er war's, Amphitryon, der Göttersohn!

Nur schien er selber einer schon mir der

Verherrlichten, ich hätt ihn fragen mögen,

Ob er mir aus den Sternen niederstiege.

CHARIS:

Einbildung, Fürstin, das Gesicht der Liebe.

ALKMENE:

Ach, und der doppeldeut'ge Scherz, o Charis,

Der immer wiederkehrend zwischen ihm

Und dem Amphitryon mir unterschied.

War er's, dem ich zu eigen mich gegeben,

Warum stets den Geliebten nannt er sich,

Den Dieb nur, welcher bei mir nascht? Fluch mir,

Die ich leichtsinnig diesem Scherz gelächelt,

Kam er mir aus des Gatten Munde nicht.

CHARIS:

Quält Euch mit übereiltem Zweifel nicht.

Hat nicht Amphitryon den Zug selbst anerkannt?

Als Ihr ihm heut das Diadem gezeigt?

Gewiß, hier ist ein Irrtum, beste Fürstin.

Wenn dieses fremde Zeichen ihn nicht irrte,

So folgt, daß es dem Steine eigen ist,

Und Wahn hat gestern uns getäuscht, geblendet; Doch heut ist alles, wie es soll.

ALKMENE:

Und wenn er's flüchtig nur betrachtet hätte,

Und jetzt mit allen Feldherrn wiederkehrte,

Und die Behauptung rasend wiederholte,

Daß er die Schwelle noch des Hauses nicht betrat!

Nicht nur entblößt bin ich von jedem Zeugnis, Ein Zeugnis wider mich ist dieser Stein. Was kann ich, ich Verwirrte, dem entgegnen? Wohin rett ich vor Schmerz mich, vor Vernichtung, Wenn der Verdacht der Männer ihn geprüft? Muß ich nicht eingestehn, daß dieser Zug Der Namenszug nicht des Amphitryon? Nicht eingestehn, daß ein Geschenk mir nicht Mit fremden Zeichen von ihm kommen kann? Ja, schwör ich auf den Altar gleich, daß er Mir das Gestein selbst gestern überreicht, Bin ich wohl sicher, sprich, daß ich auch gestern Das Zeichen, das hier steht, von ihm empfing?

CHARIS:

Faßt Euch. Hier ist er selbst. Jetzt wird sich's lösen.

Fünfte Szene

Inhaltsverzeichnis

Jupiter. Die Vorigen.

ALKMENE:

Mein Herr und mein Gemahl! Vergönne mir,

Daß ich dir knieend dieses Kleinod reiche.

Ich lege treu mein Leben dir zu Füßen,

Hast du mir diesen Stein, betracht ihn wohl,

Mit eines fremden Namens Zug gegeben,

So küß ich ihn vor Lust und wein auf ihn;

Gabst du ihn nicht, und leugnest du ihn mir,

Verleugnest ihn, so sei der Tod mein Los

Und ew'ge Nacht begrabe meine Schmach.

JUPITER:

Mein schönes Weib! Werd ich den Stein ergreifen,

Da solch ein Wert vor mir im Staube liegt.

Erhebe dich. Was willst du? Fasse dich.

ALKMENE:

Mein zuversichtlich Wort hat dich beleidigt,

Ich fühlte damals schuldlos mich und stark.

Doch seit ich diesen fremden Zug erblickt,

Will ich dem innersten Gefühl mißtrauen:

Ich glaub's – daß mir – ein anderer – erschienen,

Wenn es dein Mund mir noch versichern kann.

JUPITER:

Mein großes Weib! Wie sehr beschämst du mich.

Welch eine Lüg ist deiner Lipp entflohen?

Wie könnte dir ein anderer erscheinen?

Wer nahet dir, o du, vor deren Seele

Nur stets des Ein- und Ein'gen Züge stehn?

Du bist, du Heilige, vor jedem Zutritt

Mit diamantnem Gürtel angetan.

Auch selbst der Glückliche, den du empfängst,

Entläßt dich schuldlos noch und rein, und alles,

Was sich dir nahet, ist Amphitryon.

ALKMENE:

O mein Gemahl! Kannst du mir gütig sagen,

Warst du's, warst du es nicht? O sprich! du warst's!

JUPITER:

Ich war's. Sei's wer es wolle. Sei – sei ruhig,

Was du gesehn, gefühlt, gedacht, empfunden,

War ich: wer wäre außer mir, Geliebte?

Wer deine Schwelle auch betreten hat,

Mich immer hast du, Teuerste, empfangen,

Und für jedwede Gunst, die du ihm schenktest,

Bin ich dein Schuldner, und ich danke dir.

ALKMENE:

Nein, mein Amphitryon, hier irrst du dich.

Jetzt lebe wohl auf ewig, du Geliebter,

Auf diesen Fall war ich gefaßt.

JUPITER:

Alkmene!

ALKMENE:

Leb wohl! Leb wohl!

JUPITER:

Was denkst du?

ALKMENE:

Fort, fort, fort –

JUPITER:

Mein Augenstern!

ALKMENE:

Geh, sag ich.

JUPITER:

Höre mich.

ALKMENE:

Ich will nichts hören, leben will ich nicht,

Wenn nicht mein Busen mehr unsträflich ist.

JUPITER:

Mein angebetet Weib, was sprichst du da?

Was könntest du, du Heilige, verbrechen?

Und wär ein Teufel gestern dir erschienen,

Und hätt er Schlamm der Sünd, durchgeiferten,

Aus Höllentiefen über dich geworfen,

Den Glanz von meines Weibes Busen nicht

Mit einem Makel fleckt er! Welch ein Wahn!

ALKMENE:

Ich Schändlich-Hintergangene!

JUPITER:

Er war Der Hintergangene, mein Abgott! Ihn Hat seine böse Kunst, nicht dich getäuscht, Nicht dein unfehlbares Gefühl! Wenn er In seinem Arm dich wähnte, lagst du an Amphitryons geliebter Brust, wenn er Von Küssen träumte, drücktest du die Lippe Auf des Amphitryon geliebten Mund. O Stachel trägt er, glaub es mir, Den aus dem liebeglühnden Busen ihm Die ganze Götterkunst nicht reißen kann.

ALKMENE:

Daß ihn Zeus mir zu Füßen niederstürzte!

O G: ott! Wir müssen uns auf ewig trennen.

JUPITER:

Mich fester hat der Kuß, den du ihm schenktest,

Als alle Lieb an dich, die je für mich

Aus deinem Busen loderte, geknüpft.

Und könnt ich aus der Tage fliehndem Reigen

Den gestrigen, sieh, liebste Frau, so leicht

Wie eine Dohl aus Lüften niederstürzen,

Nicht um olymp'sche Seligkeit wollt ich,

Um Zeus' unsterblich Leben, es nicht tun.

ALKMENE:

Und ich, zehn Toden reicht ich meine Brust.

Geh! Nicht in deinem Haus siehst du mich wieder.

Du zeigst mich keiner Frau in Hellas mehr.

JUPITER:

Dem ganzen Kreise der Olympischen,

Alkmene! – Welch ein Wort? Dich in die Schar

Glanzwerfend aller Götter führ ich ein.

Und wär ich Zeus, wenn du dem Reigen nahtest,

Die ew'ge Here müßte vor dir aufstehn,

Und Artemis, die strenge, dich begrüßen.

ALKMENE:

Geh, deine Güt erdrückt mich. Laß mich fliehn.

JUPITER:

Alkmene!

ALKMENE:

Laß mich.

JUPITER:

Meiner Seelen Weib!

ALKMENE:

Amphitryon, du hörst's! Ich will jetzt fort.

JUPITER:

Meinst du, dich diesem Arme zu entwinden?

ALKMENE:

Amphitryon, ich will's, du sollst mich lassen.

JUPITER:

Und flöhst du über ferne Länder hin,

Dem scheußlichen Geschlecht der Wüste zu,

Bis an den Strand des Meeres folgt ich dir,

Ereilte dich, und küßte dich, und weinte,

Und höbe dich in Armen auf, und trüge

Dich im Triumph zu meinem Bett zurück.

ALKMENE:

Nun dann, weil du's so willst, so schwör ich dir,

Und rufe mir der Götter ganze Schar,

Des Meineids fürchterliche Rächer auf:

Eh will ich meiner Gruft, als diesen Busen,

Solang er atmet, deinem Bette nahn.

JUPITER:

Den Eid, kraft angeborner Macht, zerbrech ich

Und seine Stücken werf ich in die Lüfte.

Es war kein Sterblicher, der dir erschienen,

Zeus selbst, der Donnergott, hat dich besucht.

ALKMENE:

Wer?

JUPITER:

Jupiter.

ALKMENE:

Wer, Rasender, sagst du?

JUPITER:

Er, Jupiter, sag ich.

ALKMENE:

Er Jupiter?

Du wagst, Elender –?

JUPITER:

Jupiter sagt ich,

Und wiederhol's. Kein anderer, als er,

Ist in verfloßner Nacht erschienen dir.

ALKMENE:

Du zeihst, du wagst es, die Olympischen

Des Frevels, Gottvergeßner, der verübt ward?

JUPITER:

Ich zeihe Frevels die Olympischen?

Laß solch ein Wort nicht, Unbesonnene,

Aus deinem Mund mich wieder hören.

ALKMENE:

Ich solch ein Wort nicht mehr –? Nicht Frevel wär's –?

JUPITER:

Schweig, sag ich, ich befehl's.

ALKMENE:

Verlorner Mensch!

JUPITER:

Wenn du empfindlich für den Ruhm nicht bist,

Zu den Unsterblichen die Staffel zu ersteigen,

Bin ich's: und du vergönnst mir, es zu sein.

Wenn du Kallisto nicht, die herrliche,

Europa auch und Leda nicht beneidest,

Wohlan, ich sag's, ich neide Tyndarus,

Und wünsche Söhne mir, wie Tyndariden.

ALKMENE:

Ob ich Kallisto auch beneid? Europa?

Die Frauen, die verherrlichten, in Hellas?

Die hohen Auserwählten Jupiters?

Bewohnerinnen ew'gen Ätherreichs?

JUPITER:

Gewiß! Was solltest du sie auch beneiden?

Du, die gesättigt völlig von dem Ruhm,

Den einen Sterblichen zu Füßen dir zu sehn.

ALKMENE:

Was das für unerhörte Reden sind!

Darf ich auch den Gedanken nur mir gönnen?

Würd ich vor solchem Glanze nicht versinken?

Würd ich, wär er's gewesen, noch das Leben

In diesem warmen Busen freudig fühlen?

Ich, solcher Gnad Unwürdg'? Ich, Sünderin?

JUPITER:

Ob du der Gnade wert, ob nicht, kömmt nicht

Zu prüfen dir zu. Du wirst über dich, Wie er dich würdiget, ergehen lassen. Du unternimmst, Kurzsicht'ge, ihn zu meistern, Ihn, der der Menschen Herzen kennt?

ALKMENE:

Gut, gut, Amphitryon. Ich verstehe dich,

Und deine Großmut rührt mich bis zu Tränen,

Du hast dies Wort, ich weiß es, hingeworfen,

Mich zu zerstreun – doch meine Seele kehrt

Zu ihrem Schmerzgedanken wiederum zurück.

Geh du, mein lieber Liebling, geh, mein Alles,

Und find ein andres Weib dir, und sei glücklich,

Und laß des Lebens Tage mich durchweinen,

Daß ich dich nicht beglücken darf.

JUPITER:

Mein teures Weib! Wie rührst du mich?

Sieh doch den Stein, den du in Händen hältst.

ALKMENE:

Ihr Himmlischen, schützt mich vor Wahn!

JUPITER:

Ist's nicht sein Nam. Und war's nicht gestern meiner?

Ist hier nicht Wunder alles, was sich zeigt?

Hielt ich nicht heut dies Diadem noch in

Versiegeltem Behältnis eingeschlossen?

Und da ich's öffne, dir den Schmuck zu reichen,

Find ich die leere Spur nicht in der Wolle?

Seh ich's nicht glänzend an der Brust dir schon?

ALKMENE:

So soll's die Seele denken? Jupiter?

Der Götter ew'ger, und der Menschen, Vater?

JUPITER:

Wer könnte dir die augenblickliche

Goldwaage der Empfindung so betrügen?

Wer so die Seele dir, die weibliche,

Die so vielgliedrig fühlend um sich greift,

So wie das Glockenspiel der Brust umgehn,

Das von dem Atem lispelnd schon erklingt?

ALKMENE:

Er selber! Er!

JUPITER:

Nur die Allmächt'gen mögen

So dreist, wie dieser Fremdling, dich besuchen,

Und solcher Nebenbuhler triumphier ich!

Gern mag ich sehn, wenn die Allwissenden

Den Weg zu deinem Herzen finden, gern,

Wenn die Allgegenwärtigen dir nahn:

Und müssen nicht sie selber noch, Geliebte,

Amphitryon sein, und seine Züge stehlen,

Wenn deine Seele sie empfangen soll?

ALKMENE:

Nun ja.

Sie küßt ihn.

JUPITER:

Du Himmlische!

ALKMENE:

Wie glücklich bin ich!

Und o wie gern, wie gern noch bin ich glücklich!

Wie gern will ich den Schmerz empfunden haben,

Den Jupiter mir zugefügt,

Bleibt mir nur alles freundlich wie es war.

JUPITER:

Soll ich dir sagen, was ich denke?

ALKMENE:

Nun?

JUPITER:

Und was, wenn Offenbarung uns nicht wird,

So gar geneigt zu glauben ich mich fühle?

ALKMENE:

Nun? Und? du machst mir bang –

JUPITER:

Wie, wenn du seinen

Unwillen – du erschrickst dich nicht, gereizt?

ALKMENE:

Ihn? Ich? gereizt?

JUPITER:

Ist er dir wohl vorhanden?

Nimmst du die Welt, sein großes Werk, wohl wahr?

Siehst du ihn in der Abendröte Schimmer,

Wenn sie durch schweigende Gebüsche fällt?

Hörst du ihn beim Gesäusel der Gewässer,

Und bei dem Schlag der üpp'gen Nachtigall?

Verkündet nicht umsonst der Berg ihn dir

Getürmt gen Himmel, nicht umsonst ihn dir

Der felszerstiebten Katarakten Fall?

Wenn hoch die Sonn in seinen Tempel strahlt

Und von der Freude Pulsschlag eingeläutet,

Ihn alle Gattungen Erschaffner preisen,

Steigst du nicht in des Herzens Schacht hinab

Und betest deinen Götzen an?

ALKMENE:

Entsetzlicher! Was sprichst du da? Kann man

Ihn frömmer auch, und kindlicher, verehren?

Verglüht ein Tag, daß ich an seinem Altar

Nicht für mein Leben dankend, und dies Herz,

Für dich auch du Geliebter, niedersänke?

Warf ich nicht jüngst noch in gestirnter Nacht

Das Antlitz tief, inbrünstig, vor ihm nieder,

Anbetung, glühnd, wie Opferdampf, gen Himmel

Aus dem Gebrodel des Gefühls entsendend?

JUPITER:

Weshalb warfst du aufs Antlitz dich? – War's nicht, Weil in des Blitzes zuckender Verzeichnung Du einen wohlbekannten Zug erkannt?

ALKMENE:

Mensch! Schauerlicher! Woher weißt du das?

JUPITER:

Wer ist's, dem du an seinem Altar betest?

Ist er's dir wohl, der über Wolken ist?

Kann dein befangner Sinn ihn wohl erfassen?

Kann dein Gefühl, an seinem Nest gewöhnt,

Zu solchem Fluge wohl die Schwingen wagen.

Ist's nicht Amphitryon, der Geliebte stets,

Vor welchem du im Staube liegst?

ALKMENE:

Ach, ich Unsel'ge, wie verwirrst du mich.

Kann man auch Unwillkürliches verschulden?

Soll ich zur weißen Wand des Marmors beten?

Ich brauche Züge nun, um ihn zu denken.

JUPITER:

Siehst du? Sagt ich es nicht? Und meinst du nicht, daß solche

Abgötterei ihn kränkt? Wird er wohl gern

Dein schönes Herz entbehren? Nicht auch gern

Von dir sich innig angebetet fühlen?

ALKMENE:

Ach, freilich wird er das. Wo ist der Sünder,

Dess' Huld'gung nicht den Göttern angenehm.

JUPITER:

Gewiß! Er kam, wenn er dir niederstieg, Dir nur, um dich zu zwingen ihn zu denken, Um sich an dir, Vergessenen, zu rächen.

ALKMENE:

Entsetzlich!

JUPITER:

Fürchte nichts. Er straft nicht mehr dich,

Als du verdient. Doch künftig wirst du immer

Nur ihn, versteh, der dir zu Nacht erschien,

An seinem Altar denken, und nicht mich.

ALKMENE:

Wohlan! Ich schwör's dir heilig zu! Ich weiß

Auf jede Miene, wie er ausgesehn,

Und werd ihn nicht mit dir verwechseln.

JUPITER:

Das tu. Sonst wagst du, daß er wiederkömmt.

Sooft du seinen Namenszug erblickst,

Dem Diadem verzeichnet, wirst du seiner

Erscheinung auf das innigste gedenken;

Dich der Begebenheit auf jeden Zug erinnern;

Erinnern, wie vor dem Unsterblichen

Der Schreck am Rocken dich durchzuckt; wie du

Das Kleinod von ihm eingetauscht; wer dir

Beim Gürten hülfreich war, und was

Beim Ortolan geschehn. Und stört dein Gatte dich,

So bittest du ihn freundlich, daß er dich

Auf eine Stunde selbst dir überlasse.

ALKMENE:

Gut, gut, du sollst mit mir zufrieden sein.

Es soll in jeder ersten Morgenstunde

Auch kein Gedanke fürder an dich denken:

Jedoch nachher vergeß ich Jupiter.

JUPITER:

Wenn also jetzt in seinem vollen Glanze,

Gerührt durch so viel Besserung,

Der ewg' Erschütterer der Wolken sich dir zeigte,

Geliebte! sprich, wie würdest du dich fassen?

ALKMENE:

Ach, der furchtbare Augenblick! hätt ich

Doch immer ihn gedacht nur beim Altar,

Da er so wenig von dir unterschieden.

JUPITER:

Du sahst noch sein unsterblich Antlitz nicht,

Alkmene. Ach, es wird das Herz vor ihm

In tausendfacher Seligkeit dir aufgehn.

Was du ihm fühlen wirst, wird Glut dir dünken,

Und Eis, was du Amphitryon empfindest.

Ja, wenn er deine Seele jetzt berührte,

Und zum Olymp nun scheidend wiederkehrt,

So wirst du das Unglaubliche erfahren,

Und weinen, daß du ihm nicht folgen darfst.

ALKMENE:

Nein, nein, das glaube nicht, Amphitryon.

Und könnt ich einen Tag zurücke leben,

Und mich vor allen Göttern und Heroen

In meine Klause riegelfest verschließen,

So willigt ich –

JUPITER:

Wahrhaftig? tätst du das?

ALKMENE:

So willigt ich von ganzem Herzen ein.

JUPITER: für sich. Verflucht der Wahn, der mich hieher gelockt!

ALKMENE:

Was ist dir? zürnst du? Kränkt ich dich, Geliebter?

JUPITER:

Du wolltest ihm, mein frommes Kind,

Sein ungeheures Dasein nicht versüßen?

Ihm deine Brust verweigern, wenn sein Haupt,

Das weltenordnende, sie sucht,

Auf seinen Flaumen auszuruhen? Ach Alkmene!

Auch der Olymp ist öde ohne Liebe.

Was gibt der Erdenvölker Anbetung

Gestürzt in Staub, der Brust, der lechzenden?

Er will geliebt sein, nicht ihr Wahn von ihm. In ew'ge Schleier eingehüllt, Möcht er sich selbst in einer Seele spiegeln, Sich aus der Träne des Entzückens widerstrahlen. Geliebte, sieh! So viele Freude schüttet Er zwischen Erd und Himmel endlos aus; Wärst du vom Schicksal nun bestimmt So vieler Millionen Wesen Dank, Ihm seine ganze Fordrung an die Schöpfung In einem einz'gen Lächeln auszuzahlen, Würdst du dich ihm wohl – ach! ich kann's nicht denken, Laß mich's nicht denken – laß –

ALKMENE:

Fern sei von mir,

Der Götter großem Ratschluß mich zu sträuben.

Ward ich so heil'gem Amte auserkoren,

Er, der mich schuf, er walte über mich,

Doch –

JUPITER:

Nun? –

ALKMENE:

Läßt man die Wahl mir –

JUPITER:

Läßt man dir –?

ALKMENE:

Die Wahl, so bliebe meine Ehrfurcht ihm,

Und meine Liebe dir, Amphitryon.

JUPITER:

Wenn ich nun dieser Gott dir wär –?

ALKMENE:

Wenn du

– Wie ist mir denn? Wenn du mir dieser Gott wärst

– – Ich weiß nicht, soll ich vor dir niederfallen,

Soll ich es nicht? Bist du's mir? Bist du's mir?

JUPITER:

Entscheide du. Amphitryon bin ich.

ALKMENE:

Amphitryon –

JUPITER:

Amphitryon, dir ja.

Doch wenn ich, frag ich, dieser Gott dir wäre,

Dir liebend vom Olymp herabgestiegen,

Wie würdest du dich dann zu fassen wissen?

ALKMENE:

Wenn du mir, Liebster, dieser Gott wärst – ja,

So wüßt ich nicht, wo mir Amphitryon wäre,

So würd ich folgen dir, wohin du gehst,

Und wär's auch, wie Eurydike, zum Orkus.

JUPITER:

Wenn du nicht wüßtest, wo Amphitryon wäre.

Doch wie, wenn sich Amphitryon jetzt zeigte?

ALKMENE:

Wenn sich Amphitryon mir – ach, du quälst mich.

Wie kann sich auch Amphitryon mir zeigen,

Da ich Amphitryon in Armen halte?

JUPITER:

Und dennoch könntst du leicht den Gott in Armen halten,

Im Wahn, es sei Amphitryon.

Warum soll dein Gefühl dich überraschen?

Wenn ich, der Gott, dich hier umschlungen hielte,

Und jetzo dein Amphitryon sich zeigte,

Wie würd dein Herz sich wohl erklären?

ALKMENE:

Wenn du, der Gott, mich hier umschlungen hieltest

Und jetzo sich Amphitryon mir zeigte,

Ja – dann so traurig würd ich sein, und wünschen,

Daß er der Gott mir wäre, und daß du

Amphitryon mir bliebst, wie du es bist.

JUPITER:

Mein süßes, angebetetes Geschöpf!

In dem so selig ich mich, selig preise!

So urgemäß, dem göttlichen Gedanken,

In Form und Maß, und Sait und Klang,

Wie's meiner Hand Äonen nicht entschlüpfte!

ALKMENE:

Amphitryon!

JUPITER:

Sei ruhig, ruhig, ruhig!

Es wird sich alles dir zum Siege lösen.

Es drängt den Gott Begier, sich dir zu zeigen,

Und ehe noch des Sternenheeres Reigen

Herauf durchs stille Nachtgefilde zieht,

Weiß deine Brust auch schon, wem sie erglüht –

Sosias!

SOSIAS:

Herr!

JUPITER:

Auf jetzt, mein treuer Diener,

Auf daß sich dieser Tag verherrliche!

Alkmene hat sich liebend mir versöhnt:

Und du, du gehst, und rufst zu einem Feste

Im Lager mir, wo du sie triffst, die Gäste.

Beide ab.

Sechste Szene

Inhaltsverzeichnis

Charis. Sosias.

CHARIS: für sich. Was hast du da gehört, Unselige? Olymp'sche Götter wären es gewesen? Und der sich für Sosias hier mir gibt, Der wäre einer der Unsterblichen, Apollon, Hermes, oder Ganymed?

SOSIAS: für sich. Der Blitzgott! Zeus soll es gewesen sein.

CHARIS: für sich. Pfui, schäme dich, wie du dich aufgeführt.

SOSIAS: für sich. Mein Seel, er war nicht schlecht bedient. Ein Kerl, der seinen Mann stund, und sich Für seinen Herrn schlug, wie ein Panthertier.

CHARIS: für sich. Wer weiß auch, irr ich nicht. Ich muß ihn prüfen.

Laut.

Komm, laß uns Frieden machen auch, Sosias.

SOSIAS:

Ein andermal. Jetzt ist nicht Zeit dazu.

CHARIS:

Wo gehst du hin?

SOSIAS:

Ich soll die Feldherrn rufen.

CHARIS:

Vergönne mir ein Wort vorher, mein Gatte.

SOSIAS:

Dein Gatte –? Oh, recht gern.

CHARIS:

Hast du gehört,

Daß in der Dämmerung zu meiner Fürstin gestern,

Und ihrer treuen Dienerin,

Zwei große Götter vom Olymp gestiegen,

Daß Zeus, der Gott der Wolken, hier gewesen,

Und Phöbus ihn, der herrliche, begleitet?

SOSIAS:

Ja wenn's noch wahr ist. Leider hört ich's, Charis.

Dergleichen Heirat war mir stets zuwider.

CHARIS:

Zuwider? Warum das? Ich wüßte nicht –

SOSIAS:

Hm! Wenn ich dir die Wahrheit sagen soll,

Es ist wie Pferd und Esel.

CHARIS:

Pferd und Esel!

Ein Gott und eine Fürstin!

Für sich.

Der auch kömmt

Wohl vom Olymp nicht.

Laut.

Du beliebst

Mit deiner schlechten Dienerin zu scherzen.

Solch ein Triumph, wie über uns gekommen,

Ward noch in Theben nicht erhört.

SOSIAS:

Mir für mein Teil, schlecht ist er mir bekommen.

Und ein gemeßnes Maß von Schande wär mir

So lieb, als die verteufelten Trophäen,

Die mir auf beiden Schultern prangen. –

Doch ich muß eilen.

CHARIS:

Ja, was ich sagen wollte –

Wer träumte, solche Gäste zu empfangen?

Wer glaubte in der schlechten Menschen Leiber

Zwei der Unsterblichen auch eingehüllt.

Gewiß, wir hätten manche gute Seite,

Die unachtsam zu Innerst blieb, mehr hin

Nach außen wenden können, als geschehn ist.

SOSIAS:

Mein Seel, das hätt ich brauchen können, Charis.

Denn du bist zärtlich gegen mich gewesen,

Wie eine wilde Katze. Beßre dich.

CHARIS:

Ich wüßte nicht, daß ich dich just beleidigt?

Dir mehr getan als sich –

SOSIAS:

Mich nicht beleidigt?

Ich will ein Schuft sein, wenn du heute morgen

Nicht Prügel, so gesalzene verdient,

Als je herab sind auf ein Weib geregnet.

CHARIS:

Nun was – Was ist geschehen denn?

SOSIAS:

Was geschehn ist,

Maulaffe? Hast du nicht gesagt, du würdest

Dir den Thebaner holen, den ich jüngst

Schon, den Halunken, aus dem Hause warf?

Nicht mir ein Hörnerpaar versprochen? Nicht

Mich einen Hahnrei schamlos tituliert?

CHARIS:

Ei, Scherz! Gewiß!

SOSIAS:

Ja, Scherz! Kömmst du

Mit diesem Scherz mir wieder, prell ich dir,

Hol mich der Teufel, eins –!

CHARIS:

O Himmel! Wie geschieht mir?

SOSIAS:

Der Saupelz!

CHARIS:

Blicke nicht so grimmig her!

Das Herz in Stücken fühl ich mir zerspalten!

SOSIAS:

Pfui, schäme dich, du Gotteslästerliche!

So deiner heil'gen Ehepflicht zu spotten!

Geh mach dich solcher Sünd nicht mehr teilhaftig,

Das rat ich dir – und wenn ich wiederkomme,

Will ich gebratne Wurst mit Kohlköpf' essen.

CHARIS:

Was du begehrst: Was säum ich auch noch länger?

Was zaudr ich noch? Ist er's nicht? Ist er's nicht?

SOSIAS:

Ob ich es bin?

CHARIS:

Sieh mich in Staub.

SOSIAS:

Was fehlt dir?

CHARIS:

Sieh mich zerknirscht vor dir im Staube liegen.

SOSIAS:

Bist du von Sinnen?

CHARIS:

Ach du bist's! du bist's!

SOSIAS:

Wer bin ich?

CHARIS:

Ach was leugnest du dich mir.

SOSIAS:

Ist heute alles rasend toll?

CHARIS:

Sah ich

Aus deines Auges Flammenzorne nicht

Den fernhintreffenden Apollon strahlen?

SOSIAS:

Apollon, ich? bist du des Teufels? – Der eine

Macht mich zum Hund, der andre mich zum Gott? –

Ich bin der alte, wohlbekannte Esel

Sosias!

Ab.

CHARIS:

Sosias? Was? Der alte,

Mir wohlbekannte Esel du, Sosias?

Halunke, gut, daß ich das weiß,

So wird die Bratwurst heute dir nicht heiß.

Ab.

Dritter Akt

Inhaltsverzeichnis

Erste Szene

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AMPHITRYON:

Wie widerlich mir die Gesichter sind

Von diesen Feldherrn. Jeder hat mir Glückwunsch

Für das erfochtne Treffen abzustatten,

Und in die Arme schließen muß ich jeden,

Und in die Hölle jeden fluch ich hin.

Nicht einer, dem ein Herz geworden wäre,

Das meine, volle, darin auszuschütten.

Daß man ein Kleinod aus versiegeltem

Behältnis wegstiehlt ohne Siegellösung,

Sei's; Taschenspieler können uns von fern

Hinweg, was wir in Händen halten, gaunern.

Doch daß man einem Mann Gestalt und Art

Entwendet, und bei seiner Frau für voll bezahlt,

Das ist ein leid'ges Höllenstück des Satans.

In Zimmern, die vom Kerzenlicht erhellt,

Hat man bis heut mit fünf gesunden Sinnen

In seinen Freunden nicht geirret; Augen,

Aus ihren Höhlen auf den Tisch gelegt,

Von Leib getrennte Glieder, Ohren, Finger,

Gepackt in Schachteln, hätten hingereicht,

Um einen Gatten zu erkennen. Jetzo wird man

Die Ehemänner brennen, Glocken ihnen,

Gleich Hämmeln um die Hälse hängen müssen.

Zu argen Trug ist sie so fähig just,

Wie ihre Turteltaub; eh will ich an

Die Redlichkeit dem Strick entlaufner Schelme,

Als an die Tücke dieses Weibes glauben.

– Verrückt ist sie, und morgen, wenn der Tag graut,

Werd ich gewiß nach Ärzten schicken müssen.

– Fänd nur Gelegenheit sich, anzuknüpfen.

Zweite Szene

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Merkur auf dem Altan. Amphitryon.

MERKUR: für sich. Auf dies verliebte Erdenabenteuer Dir, alter Vater Jupiter, zu folgen, Es ist ein wahres Freundschaftsstück Merkurs. Beim Styx! Mir macht's von Herzen Langeweile. Denn jener Zofe Charis täuschender Als es vonnöten, den Gemahl zu spielen, So groß in dieser Sach ist nicht mein Eifer. – Ich will mir hier ein Abenteuer suchen, Und toll den eifersücht'gen Kauz dort machen.

AMPHITRYON:

Warum verriegelt man am Tage denn dies Haus?

MERKUR:

Holla! Geduld! Wer klopfet?

AMPHITRYON:

Ich.

MERKUR:

Wer? Ich!

AMPHITRYON:

Ah! Öffne!

MERKUR:

Öffne! Tölpel! Wer denn bist du,

Der solchen Lärm verführt, und so mir spricht?

AMPHITRYON:

Ich glaub du kennst mich nicht?

MERKUR:

O: ja;

Ich kenne jeden der die Klinke drückt.

– Ob ich ihn kenne!

AMPHITRYON:

Hat ganz Theben heut

Tollwurz gefressen, den Verstand verloren? –

Sosias! he! Sosias!

MERKUR:

Ja, Sosias!

So heiß ich. Schreit der Schuft nicht meinen Namen,

Als ob er sorgt', ich möcht ihn sonst vergessen.

AMPHITRYON:

Gerechte Götter! Mensch! Siehst du mich nicht?

MERKUR:

Vollkommen.

Was gibt's?

AMPHITRYON:

Halunke! Was es gibt?

MERKUR:

Was gibt's denn nicht,

Zum Teufel? Sprich, soll man dir Rede stehn.

AMPHITRYON:

Du Hundsfott wart! Mit einem Stock da oben

Lehr ich dich, solche Sprache mit mir führen.

MERKUR:

Ho, ho! Da unten ist ein ungeschliffner Riegel.

Nimm's nicht für ungut.

AMPHITRYON:

Teufel!

MERKUR:

Fasse dich.

AMPHITRYON:

Heda! Ist niemand hier zu Hause?

MERKUR:

Philippus! Charmion! Wo steckt ihr denn!

AMPHITRYON:

Der Niederträchtige!

MERKUR:

Man muß dich doch bedienen.

Doch harrst du in Geduld nicht, bis sie kommen,

Und rührst mir noch ein einzigs Mal

Den Klöpfel an, so schick ich von hier oben

Dir eine sausende Gesandtschaft zu.

AMPHITRYON:

Der Freche! Der Schamlose, der! Ein Kerl,

Den ich mit Füßen oft getreten; ich,

Wenn mir die Lust kommt, kreuz'gen lassen könnte. –

MERKUR:

Nun? bist du fertig? Hast du mich besehen?

Hast du mit deinen stieren Augen bald

Mich ausgemessen? Wie er auf sie reißt!

Wenn man mit Blicken um sich beißen könnte,

Er hätte mich bereits zerrissen hier.

AMPHITRYON:

Ich zittre selbst, Sosias, wenn ich denke,

Was du mit diesen Reden dir bereitest.

Wie viele Schläg entsetzlich warten dein!

– Komm, steig herab, und öffne mir.

MERKUR:

Nun endlich!

AMPHITRYON:

Laß mich nicht länger warten, ich bin dringend.

MERKUR:

Erfährt man doch, was dein Begehren ist.

Ich soll die Pforte unten öffnen?

AMPHITRYON:

Ja.

MERKUR:

Nun gut. Das kann man auch mit Gutem sagen.

Wen suchst du?

AMPHITRYON:

Wen ich suche?

MERKUR:

Wen du suchst,

Zum Teufel! bist du taub? Wen willst du sprechen?

AMPHITRYON:

Wen ich will sprechen? Hund! ich trete alle Knochen

Dir ein, wenn sich das Haus mir öffnet.

MERKUR:

Freund, weißt du was? Ich rat dir, daß du gehst.

Du reizest mir die Galle. Geh, geh, sag ich.

AMPHITRYON:

Du sollst, du Niederträchtiger, erfahren,

Wie man mit einem Knecht verfährt,

Der seines Herren spottet.

MERKUR:

Seines Herrn?

Ich spotte meines Herrn? Du wärst mein Herr? –

AMPHITRYON:

Jetzt hör ich noch, daß er's mir leugnet.

MERKUR:

Ich kenne

Nur einen, und das ist Amphitryon.

AMPHITRYON:

Und wer ist außer mir Amphitryon,

Triefäug'ger Schuft, der Tag und Nacht verwechselt?

MERKUR:

Amphitryon?

AMPHITRYON:

Amphitryon, sag ich.

MERKUR:

Ha, ha! O ihr Thebaner, kommt doch her.

AMPHITRYON:

Daß mich die Erd entrafft'! Solch eine Schmach!

MERKUR:

Hör, guter Freund dort! Nenn mir doch die Kneipe

Wo du so selig dich gezecht?

AMPHITRYON:

O Himmel!

MERKUR:

War's junger oder alter Wein?

AMPHITRYON:

Ihr Götter!

MERKUR:

Warum nicht noch ein Gläschen mehr? Du hättest

Zum König von Ägypten dich getrunken!

AMPHITRYON:

Jetzt ist es aus mit mir.

MERKUR:

Geh, lieber Junge,

Du tust mir leid. Geh, lege dich aufs Ohr.

Hier wohnt Amphitryon, Thebanerfeldherr,

Geh, störe seine Ruhe nicht.

AMPHITRYON:

Was? dort im Hause wär Amphitryon?

MERKUR:

Hier in dem Hause ja, er und Alkmene.

Geh, sag ich noch einmal, und hüte dich

Das Glück der beiden Liebenden zu stören,

Willst du nicht, daß er selber dir erscheine,

Und deine Unverschämtheit strafen soll.

Ab.

Dritte Szene

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AMPHITRYON:

Was für ein Schlag fällt dir, Unglücklicher!

Vernichtend ist er, es ist aus mit mir.

Begraben bin ich schon, und meine Witwe

Schon einem andern Ehgemahl verbunden.

Welch ein Entschluß ist jetzo zu ergreifen?

Soll ich die Schande, die mein Haus getroffen,

Der Welt erklären, soll ich sie verschweigen?

Was! Hier ist nichts zu schonen. Hier ist nichts

In dieser Ratsversammlung laut, als die

Empfindung nur, die glühende, der Rache,

Und meine einz'ge zarte Sorgfalt sei,

Daß der Verräter lebend nicht entkomme.

Vierte Szene

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Sosias. Feldherren. Amphitryon.

SOSIAS:

Hier seht Ihr alles Herr, was ich an Gästen

In solcher Eil zusammenbringen konnte.

Mein Seel, speis ich auch nicht an Eurer Tafel,

Das Essen hab ich doch verdient.

AMPHITRYON:

Ah sieh! da bist du.

SOSIAS:

Nun?

AMPHITRYON:

Hund! Jetzo stirbst du.

SOSIAS:

Ich? Sterben?

AMPHITRYON:

Jetzt erfährst du, wer ich bin.

SOSIAS:

Zum Henker, weiß ich's nicht?

AMPHITRYON:

Du wußtest es, Verräter?

Er legt die Hand an den Degen.

SOSIAS:

Ihr Herren, nehmt euch meiner an, ich bitt euch.

ERSTER FELDHERR:

Verzeiht!

Er fällt ihm in den Arm.

AMPHITRYON:

Laßt mich.

SOSIAS:

Sagt nur, was ich verbrochen?

AMPHITRYON:

Das fragst du noch? – Fort, sag ich euch, laßt meiner

Gerechten Rache ein Genüge tun.

SOSIAS:

Wenn man wen hängt, so sagt man ihm, warum?

ERSTER FELDHERR:

Seid so gefällig.

ZWEITER FELDHERR:

Sagt, worin er fehlte.

SOSIAS:

Halt't euch, ihr Herrn, wenn ihr so gut sein wollt.

AMPHITRYON:

Was! Dieser weggeworfne Knecht soeben

Hielt vor dem Antlitz mir die Türe zu.

Schamlose Red' in Strömen auf mich sendend,

Jedwede wert, daß man ans Kreuz ihn nagle.

Stirb, Hund!

SOSIAS:

Ich bin schon tot.

Er sinkt in die Knie.

ERSTER FELDHERR:

Beruhigt Euch.

SOSIAS:

Ihr Feldherrn! Ah!

ZWEITER FELDHERR:

Was gibt's?

SOSIAS:

Sticht er nach mir?

AMPHITRYON:

Fort sag ich euch, und wieder! Ihm muß Lohn

Dort, vollgezählter, werden für die Schmach,

Die er zur Stunde jetzt mir zugefügt.

SOSIAS:

Was kann ich aber jetzt verschuldet haben,

Da ich die letzten neun gemeßnen Stunden

Auf Eueren Befehl im Lager war?

ERSTER FELDHERR:

Wahr ist's. Er lud zu Eurer Tafel uns.

Zwei Stunden sind's, daß er im Lager war,

Und nicht aus unsern Augen kam.

AMPHITRYON:

Wer gab dir den Befehl?

SOSIAS:

Wer? Ihr! Ihr selbst!

AMPHITRYON:

Wann? Ich!

SOSIAS:

Nachdem Ihr mit Alkmenen Euch versöhnt.

Ihr wart voll Freud und ordnetet sogleich

Ein Fest im ganzen Schlosse an.

AMPHITRYON:

O Himmel! Jede Stunde, jeder Schritt

Führt tiefer mich ins Labyrinth hinein.

Was soll ich, meine Freunde, davon denken?

Habt ihr gehört, was hier sich zugetragen?

ERSTER FELDHERR:

Was hier uns dieser sagte, ist so wenig

Für das Begreifen noch gemacht, daß Eure Sorge

Für jetzt nur sein muß, dreisten Schrittes

Des Rätsels ganzes Trugnetz zu zerreißen.

AMPHITRYON:

Wohlan, es sei! Und eure Hülfe brauch ich.

Euch hat mein guter Stern mir zugeführt.

Mein Glück will ich, mein Lebensglück, versuchen.

Oh! hier im Busen brennt's, mich aufzuklären,

Und ach! ich fürcht es, wie den Tod.

Er klopft.

Fünfte Szene

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Jupiter. Die Vorigen.

JUPITER:

Welch ein Geräusch zwingt mich, herabzusteigen?

Wer klopft ans Haus? Seid ihr es, meine Feldherrn?

AMPHITRYON:

Wer bist du? Ihr allmächt'gen Götter!

ZWEITER FELDHERR:

Was seh ich? Himmel! Zwei Amphitryonen.

AMPHITRYON:

Starr ist vor Schrecken meine ganze Seele!

Weh mir! Das Rätsel ist nunmehr gelöst.

ERSTER FELDHERR:

Wer von euch beiden ist Amphitryon?

ZWEITER FELDHERR:

Fürwahr! Zwei so einander nachgeformte Wesen,

Kein menschlich Auge unterscheidet sie.

SOSIAS:

Ihr Herrn, hier ist Amphitryon, der andre,

Ein Schubiack ist's, der Züchtigung verdient.

Er stellt sich auf Jupiters Seite.

DRITTER FELDHERR: auf Amphitryon deutend. Unglaublich! Dieser ein Verfälscher hier?

AMPHITRYON:

Gnug der unwürdigen Bezauberung!

Ich schließe das Geheimnis auf.

Er legt die Hand an den Degen.

ERSTER FELDHERR:

Halt!

AMPHITRYON:

Laßt mich!

ZWEITER FELDHERR:

Was beginnt Ihr?

AMPHITRYON:

Strafen will ich

Den niederträchtigsten Betrug! Fort, sag ich.

JUPITER:

Fassung dort. Hier bedarf es nicht des Eifers,

Wer so besorgt um seinen Namen ist,

Wird schlechte Gründe haben, ihn zu führen.

SOSIAS:

Das sag ich auch. Er hat den Bauch

Sich ausgestopft, und das Gesicht bemalt,

Der Gauner, um dem Hausherrn gleich zu sehn.

AMPHITRYON:

Verräter! Dein empörendes Geschwätz,

Dreihundert Peitschenhiebe strafen es,

Dir von drei Armen wechselnd zugeteilt.

SOSIAS:

Ho, ho! Mein Herr ist Mann von Herz,

Der wird dich lehren seine Leute schlagen.

AMPHITRYON:

Wehrt mir nicht länger, sag ich, meine Schmach

In des Verräters Herzblut abzuwaschen.

ERSTER FELDHERR:

Verzeiht uns, Herr! Wir dulden diesen Kampf nicht,

Amphitryons mit dem Amphitryon.

AMPHITRYON:

Was? Ihr – Ihr duldet nicht –?

ERSTER FELDHERR:

Ihr müßt Euch fassen.

AMPHITRYON:

Ist das mir eure Freundschaft auch, ihr Feldherrn?

Das mir der Beistand, den ihr angelobt?

Statt meiner Ehre Rache selbst zu nehmen,

Ergreift ihr des Betrügers schnöde Sache,

Und hemmt des Racheschwerts gerechten Fall?

ERSTER FELDHERR:

Wär Euer Urteil frei, wie es nicht ist,

Ihr würdet unsre Schritte billigen.

Wer von euch beiden ist Amphitryon?

Ihr seid es, gut; doch jener ist es auch.

Wo ist des Gottes Finger, der uns zeigte,

In welchem Busen, einer wie der andre,

Sich laurend das Verräterherz verbirgt?

Ist es erkannt, so haben wir, nicht zweifelt,

Das Ziel auch unsrer Rache aufgefunden.

Jedoch solang des Schwertes Schneide hier

In blinder Wahl nur um sich wüten könnte,

Bleibt es gewiß noch besser in der Scheide.

Laßt uns in Ruh die Sache untersuchen,

Und fühlt Ihr wirklich Euch Amphitryon,

Wie wir in diesem sonderbaren Falle

Zwar hoffen, aber auch bezweifeln müssen,

So wird es schwerer Euch, als ihm, nicht werden,

Uns diesen Umstand gültig zu beweisen.

AMPHITRYON:

Ich euch den Umstand? –

ERSTER FELDHERR:

Und mit trift'gen Gründen.

Eh wird in dieser Sache nichts geschehn.

JUPITER:

Recht hast du, Photidas; und diese Gleichheit,

Die zwischen uns sich angeordnet findet,

Entschuldigt dich, wenn mir dein Urteil wankt.

Ich zürne nicht, wenn zwischen mir und ihm

Hier die Vergleichung an sich stellen soll.

Nichts von des Schwerts feigherziger Entscheidung.

Ganz Theben denk ich selber zu berufen,

Und in des Volks gedrängtester Versammlung,

Aus wessen Blut ich stamme, darzutun.

Er selber dort soll meines Hauses Adel,

Und daß ich Herr in Theben, anerkennen.

Vor mir in Staub, das Antlitz soll er senken.

Mein soll er Thebens reiche Felder alle,

Mein alle Herden, die die Triften decken,

Mein auch dies Haus, mein die Gebieterin,

Die still in seinen Räumen waltet, nennen.

Es soll der ganze Weltenkreis erfahren,

Daß keine Schmach Amphitryon getroffen.

Und den Verdacht, den jener Tor erregt,

Hier steht, wer ihn zuschanden machen kann. –

Bald wird sich Theben hier zusammenfinden.

Indessen kommt und ehrt die Tafel gütigst,

Zu welcher euch Sosias eingeladen.

SOSIAS:

Mein Seel, ich wußt es wohl. – Dies Wort, ihr Herrn,

Streut allen weitern Zweifel in die Lüfte.

Der ist der wirkliche Amphitryon,

Bei dem zu Mittag jetzt gegessen wird.

AMPHITRYON:

Ihr ew'gen und gerechten Götter!

Kann auch so tief ein Mensch erniedrigt werden?

Von dem verruchtesten Betrüger mir

Weib, Ehre, Herrschaft, Namen stehlen lassen!

Und Freunde binden mir die Hände?

ERSTER FELDHERR:

Ihr müßt, wer Ihr auch seid, Euch noch gedulden.

In wenig Stunden wissen wir's. Alsdann

Wird ungesäumt die Rache sich vollstrecken,

Und Wehe! ruf ich, wen sie trifft.

AMPHITRYON:

Geht, ihr Schwachherz'gen! Huldigt dem Verräter!

Mir bleiben noch der Freunde mehr, als ihr.

Es werden Männer noch in Theben mir begegnen,

Die meinen Schmerz im Busen mitempfinden,

Und nicht den Arm mir weigern, ihn zu rächen.

JUPITER:

Wohlan! Du rufst sie. Ich erwarte sie.

AMPHITRYON:

Marktschreierischer Schelm! Du wirst inzwischen

Dich durch die Hintertür zu Felde machen.

Doch meiner Rach entfliehst du nicht!

JUPITER:

Du gehst, und rufst, und bringst mir deine Freunde,

Nachher sag ich zwei Worte, jetzo nichts.

AMPHITRYON:

Beim Zeus, da sagst du wahr, dem Gott der Wolken!

Denn ist es mir bestimmt, dich aufzufinden,

Mehr als zwei Worte, Mordhund, sagst du nicht,

Und bis ans Heft füllt dir das Schwert den Rachen.

JUPITER:

Du rufst mir deine Freund; ich sag auch nichts,

Ich sprech auch bloß mit Blicken, wenn du willst.

AMPHITRYON:

Fort, jetzo, schleunig, eh er mir entwischt!

Die Lust, ihr Götter, müßt ihr mir gewähren,

Ihn eurem Orkus heut noch zuzusenden!

Mit einer Schar von Freunden kehr ich wieder,

Gewaffneter, die mir dies Haus umnetzen,

Und, einer Wespe gleich, drück ich den Stachel

Ihm in die Brust, aussaugend, daß der Wind

Mit seinem trocknen Bein mir spielen soll.

Ab.

Sechste Szene

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Jupiter. Sosias. Die Feldherrn.

JUPITER:

Auf denn, ihr Herrn, gefällt's euch! Ehrt dies Haus

Mit eurem Eintritt.

ERSTER FELDHERR:

Nun, bei meinem Eid!

Dies Abenteur macht meinen Witz zuschanden.

SOSIAS:

Jetzt schließt mit dem Erstaunen Waffenstillstand,

Und geht, und tischt, und pokuliert bis morgen.

Jupiter und die Feldherrn ab.

Siebente Szene

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SOSIAS:

Wie ich mich jetzt auch auf den Stuhl will setzen!

Und wie ich tapfer,

Wenn man vom Kriege spricht, erzählen will.

Ich brenne, zu berichten, wie man bei

Pharissa eingehauen; und mein Lebtag

Hatt ich noch so wolfmäß'gen Hunger nicht.

Achte Szene

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Merkur. Sosias.

MERKUR:

Wohin? Ich glaub, du steckst die Nase auch hierher?

Durchschnüffler, unverschämter, du, der Küchen?

SOSIAS:

Nein! – Mit Erlaubnis!

MERKUR:

Fort! Hinweg dort, sag ich!

Soll ich die Haube dir zurechte setzen?

SOSIAS:

Wie? Was? Großmütiges und edles Ich,

Faß dich! Verschon ein wenig den Sosias,

Sosias! Wer wollte immer bitterlich

Erpicht sein, auf sich selber loszuschlagen?

MERKUR:

Du fällst in deine alten Tücken wieder?

Du nimmst, Nichtswürdiger, den Namen mir?

Den Namen des Sosias mir?

SOSIAS:

Ei, was! Behüt mich Gott, mein wackres Selbst,

Werd ich so karg dir, so mißgünstig sein?

Nimm ihn, zur Hälfte, diesen Namen hin,

Nimm ihn, den Plunder, willst du's, nimm ihn ganz.

Und wär's der Name Kastor oder Pollux,

Was teilt ich gern nicht mit dir, Bruderherz?

Ich dulde dich in meines Herren Hause,

Duld auch du mich in brüderlicher Liebe,

Und während jene beiden eifersücht'gen

Amphitryonen sich die Hälse brechen,

Laß die Sosias einverständig beide

Zu Tische sitzen, und die Becher heiter

Zusammenstoßen, daß sie leben sollen!

MERKUR:

Nichts, nichts! – Der aberwitz'ge Vorschlag der!

Soll ich inzwischen Hungerpfoten saugen?

Es ist für einen nur gedeckt.

SOSIAS:

Gleichviel! Ein mütterlicher Schoß hat uns Geboren, eine Hütte uns beschirmt, In einem Bette haben wir geschlafen, Ein Kleid ward brüderlich, ein Los uns beiden, So laß uns auch aus einer Schüssel essen.

MERKUR:

Von der Gemeinschaft weiß ich nichts. Ich bin

Von Jugend mutterseel' allein gewesen,

Und weder Bette hab ich je, noch Kleid,

Noch einen Bissen Brot geteilt.

SOSIAS:

Besinne dich. Wir sind zwei Zwillingsbrüder.

Du bist der ältre, ich bescheide mich.

Du wirst in jedem Stück voran mir gehen.

Den ersten nimmst du, und die ungeraden,

Den zweiten Löffel, und die graden, ich.

MERKUR:

Nichts. Meine volle Portion gebrauch ich,

Und was mir übrig bleibt, das heb ich auf.

Den wollt ich lehren, bei den großen Göttern,

Der mit der Hand mir auf den Teller käme.

SOSIAS:

So dulde mich als deinen Schatten mindstens,

Der hintern Stuhl entlang fällt, wo du ißt.

MERKUR:

Auch nicht als meine Spur im Sande! Fort!

SOSIAS:

O du barbarisch Herz! Du Mensch von Erz,

Auf einem Amboß keilend ausgeprägt!

MERKUR:

Was denkst du, soll ich wie ein wandernder

Geselle vor dem Tor ins Gras mich legen,

Und von der blauen Luft des Himmels leben?

Ein reichlich zugemeßnes Mahl hat heut

Bei Gott! kein Pferd so gut verdient, als ich.

Kam ich zu Nacht nicht aus dem Lager an?

Mußt ich zurück nicht wieder mit dem Morgen,

Um Gäste für die Tafel aufzutreiben?

Hab ich auf diesen Teufelsreisen mir

Nicht die geschäft'gen alten Beine fast

Bis auf die Hüften tretend abgelaufen?

Wurst gibt es heut, und aufgewärmten Kohl.

Und die just brauch ich, um mich herzustellen.

SOSIAS:

Da hast du recht. Und über die verfluchten

Kienwurzeln, die den ganzen Weg durchflechten,

Bricht man die Beine fast sich, und den Hals.

MERKUR:

Nun also!

SOSIAS:

– Ich Verlaßner von den Göttern!

Wurst also hat die Charis –?

MERKUR:

Frische, ja.

Doch nicht für dich. Man hat ein Schwein geschlachtet.

Und Charis hab ich wieder gut gemacht.

SOSIAS:

Gut, gut. Ich lege mich ins Grab. Und Kohl?

MERKUR:

Kohl, aufgewärmten, ja. Und wem das Wasser

Im Mund etwa zusammenläuft, der hat

Vor mir und Charis sich in acht zu nehmen.

SOSIAS:

Vor mir freßt euren Kohl, daß ihr dran stickt.

Was brauch ich eure Würste? Wer den Vögeln

Im Himmel Speisung reicht, wird auch, so denk ich,

Den alten ehrlichen Sosias speisen.

MERKUR:

Du gibst, Verräter, dir den Namen noch?

Du wagst, Hund, niederträcht'ger –!

SOSIAS:

Ei was! Ich sprach von mir nicht.

Ich sprach von einem alten Anverwandten

Sosias, der hier sonst in Diensten stand –

Und der die andern Diener sonst zerbleute,

Bis eines Tags ein Kerl, der wie aus Wolken fiel,

Ihn aus dem Haus warf, just zur Essenszeit.

MERKUR:

Nimm dich in acht, sag ich, und weiter nichts.

Nimm dich in acht, rat ich dir, willst du länger

Zur Zahl noch der Lebendigen dich zählen.

SOSIAS: für sich. Wie ich dich schmeißen würde, hätt ich Herz, Du von der Bank gefallner Gauner, du, Von zuviel Hochmut aufgebläht.

MERKUR:

Was sagst du?

SOSIAS:

Was?

MERKUR:

Mir schien, du sagtest etwas –?

SOSIAS:

Ich?

MERKUR:

Du.

SOSIAS:

Ich muckste nicht.

MERKUR:

Ich hörte doch von schmeißen, irr ich nicht –

Und von der Bank gefallnem Gauner reden?

SOSIAS:

So wird's ein Papagei gewesen sein.

Wenn 's Wetter gut ist, schwatzen sie.

MERKUR:

Es sei.

Du lebst jetzt wohl. Doch juckt der Rücken dir,

In diesem Haus hier kannst du mich erfragen.

Ab.

Neunte Szene

Inhaltsverzeichnis

SOSIAS:

Hochmüt'ger Satan! Möchtest du am Schwein

Den Tod dir holen, das man schlachtete!

– »Den lehrt' er, der ihm auf den Teller käme!« –

Ich möchte ehr mit einem Schäferhund

Halbpart, als ihm, aus einer Schüssel essen.

Sein Vater könnte hungers vor ihm sterben,

Daß er ihm auch so viel nicht gönnt, als ihm

In hohlen Zähnen kauend stecken bleibt.

– Geh! dir geschieht ganz recht, Abtrünniger.

Und hätt ich Würst in jeder Hand hier eine,

Ich wollte sie in meinen Mund nicht stecken.

So seinen armen, wackern Herrn verlassen,

Den Übermacht aus seinem Hause stieß.

– Dort naht er sich mit rüst'gen Freunden schon.

– – Und auch von hier strömt Volk herbei! Was gibt's?

Zehnte Szene

Inhaltsverzeichnis

Amphitryon mit Obersten, von der einen Seite. Volk, von der andern.

AMPHITRYON:

Seid mir gegrüßt! Wer rief euch, meine Freunde?

EINER AUS DEM VOLK:

Herolde riefen durch die ganze Stadt,

Wir sollten uns vor Eurem Schloß versammeln.

AMPHITRYON:

Herolde! Und zu welchem Zweck?

DERSELBE:

Wir sollten Zeugen sein, so sagte man,

Wie ein entscheidend Wort aus Eurem Munde

Das Rätsel lösen wird, das in Bestürzung

Die ganze Stadt gesetzt.

AMPHITRYON: zu den Obersten. Der Übermüt'ge! Kann man die Unverschämtheit weiter treiben?

ZWEITER OBERSTER:

Zuletzt erscheint er noch.

AMPHITRYON:

Was gilt's? Er tut's.

ERSTER OBERSTER:

Sorgt nicht. Hier steht Argatiphontidas.

Hab ich nur erst ins Auge ihn gefaßt,

So tanzt sein Leben auch auf dieses Schwertes Spitze.

AMPHITRYON: zum Volk. Ihr Bürger Thebens, hört mich an! Ich bin es nicht, der euch hieher gerufen, Wenn eure strömende Versammlung gleich Von Herzen mir willkommen ist. Er war's, Der lügnerische Höllengeist, der mich Aus Theben will, aus meiner Frauen Herzen, Aus dem Gedächtnis mich der Welt, ja könnt er's, Aus des Bewußtseins eigner Feste drängen. Drum sammelt eure Sinne jetzt, und wärt Ihr tausendäugig auch, ein Argus jeder, Geschickt, zur Zeit der Mitternacht, ein Heimchen Aus seiner Spur im Sande zu erkennen, So reißet, laßt die Müh euch nicht verdrießen, Jetzt eure Augen auf, wie Maulwürfe, Wenn sie zur Mittagszeit die Sonne suchen; All diese Blicke werft in einen Spiegel, Und kehrt den ganzen vollen Strahl auf mich, Von Kopf zu Fuß ihn auf und nieder führend, Und sagt mir an, und sprecht, und steht mir Rede: Wer bin ich?

DAS VOLK:

Wer du bist? Amphitryon!

AMPHITRYON:

Wohlan. Amphitryon. Es gilt. Wenn nunmehr

Dort jener Sohn der Finsternis erscheint,

Der ungeheure Mensch, auf dessen Haupte

Jedwedes Haar sich, wie auf meinem, krümmt;

Wenn euren trugverwirrten Sinnen jetzt

Nicht so viel Merkmal wird, als Mütter brauchen,

Um ihre jüngsten Kinder zu erkennen;

Wenn ihr jetzt zwischen mir und ihm, wie zwischen

Zwei Wassertropfen, euch entscheiden müßt,

Der eine süß und rein und echt und silbern,

Gift, Trug, und List, und Mord, und Tod der andre:

Alsdann erinnert euch, daß ich Amphitryon,

Ihr Bürger Thebens, bin,

Der dieses Helmes Feder eingeknickt.

VOLK:

Oh! Oh! Was machst du? laß die Feder ganz,

Solang du blühend uns vor Augen stehst.

ZWEITER OBERSTER:

Meint Ihr, wir würden auch –?

AMPHITRYON:

Laßt mich, ihr Freunde.

Bei Sinnen fühl ich mich, weiß, was ich tue.

ERSTER OBERSTER:

Tut, was Ihr wollt. Inzwischen werd ich hoffen,

Daß Ihr die Possen nicht für mich gemacht.

Wenn Eure Feldherrn hier gezaudert haben,

Als jener Aff erschien, so folgt ein Gleiches

Noch nicht für den Argatiphontidas.

Braucht uns ein Freund in einer Ehrensache,

So soll ins Auge man den Helm sich drücken,

Und auf den Leib dem Widersacher gehn.

Den Gegner lange schwadronieren hören,

Steht alten Weibern gut; ich, für mein Teil,

Bin für die kürzesten Prozesse stets;

In solchen Fällen fängt man damit an,

Dem Widersacher, ohne Federlesens,

Den Degen querhin durch den Leib zu jagen.

Argatiphontidas, mit einem Worte,

Wird heute Haare auf den Zähnen zeigen,

Und nicht von einer andern Hand, beim Ares,

Beißt dieser Schelm ins Gras, Ihr seht's, als meiner.

AMPHITRYON:

Auf denn!

SOSIAS:

Hier leg ich mich zu Euren Füßen,

Mein echter, edler und verfolgter Herr.

Gekommen bin ich völlig zur Erkenntnis,

Und warte jetzt auf meines Frevels Lohn.

Schlagt, ohrfeigt, prügelt, stoßt mich, tretet mich,

Gebt mir den Tod, mein Seel ich muckse nicht.

AMPHITRYON:

Steh auf. Was ist geschehen?

SOSIAS:

Vom aufgetragnen Essen

Nicht den Geruch auch hat man mir gegönnt.

Das andre Ich, das andre Ihr Bedienter,

Vom Teufel wieder völlig war's besessen,

Und kurz ich bin entsosiatisiert,

Wie man Euch entamphitryonisiert.

AMPHITRYON:

Ihr hört's, ihr Bürger.

SOSIAS:

Ja, ihr Bürger Thebens!

Hier ist der wirkliche Amphitryon;

Und jener, der bei Tische sitzt,

Ist wert, daß ihn die Raben selber fressen.

Auf! Stürmt das Haus jetzt, wenn ihr wollt so gut sein,

So finden wir den Kohl noch warm.

AMPHITRYON:

Folgt mir.

SOSIAS:

Doch seht! Da kommt er selbst schon. Er und sie.

Elfte Szene

Inhaltsverzeichnis

Jupiter. Alkmene. Merkur. Charis. Feldherren. Die Vorigen.

ALKMENE:

Entsetzlicher! Ein Sterblicher sagst du,

Und schmachvoll willst du seinem Blick mich zeigen?

VOLK:

Ihr ew'gen Götter! Was erblicken wir!

JUPITER:

Die ganze Welt, Geliebte, muß erfahren,

Daß niemand deiner Seele nahte, Als nur dein Gatte, als Amphitryon.

AMPHITRYON:

Herr, meines Lebens! Die Unglückliche!

ALKMENE:

Niemand! Kannst ein gefallnes Los du ändern?

DIE OBERSTEN:

All ihr Olympischen! Amphitryon dort.

JUPITER:

Du bist dir's, Teuerste, du bist mir's schuldig,

Du mußt, du wirst, mein Leben, dich bezwingen; Komm, sammle dich, dein wartet ein Triumph!

AMPHITRYON:

Blitz, Höll und Teufel! Solch ein Auftritt mir?

JUPITER:

Seid mir willkommen, Bürger dieser Stadt.

AMPHITRYON:

Mordhund! Sie kamen dir den Tod zu geben.

Auf jetzt!

Er zieht.

ZWEITER FELDHERR: tritt ihm in den Weg. Halt dort!

AMPHITRYON:

Auf, ruf ich, ihr Thebaner!

ERSTER FELDHERR: auf Amphitryon deutend. Thebaner, greift ihn, ruf ich, den Verräter!

AMPHITRYON:

Argatiphontidas!

ERSTER OBERSTER:

Bin ich behext?

DAS VOLK:

Kann sich ein menschlich Auge hier entscheiden?

AMPHITRYON:

Tod! Teufel! Wut und keine Rache!

Vernichtung!

Er fällt dem Sosias in die Arme.

JUPITER:

Tor, der du bist, laß dir zwei Worte sagen.

SOSIAS:

Mein Seel! Er wird schlecht hören. Er ist tot.

ERSTER OBERSTER:

Was hilft der eingeknickte Federbusch?

– »Reißt eure Augen auf, wie Maulwürfe!«

Der ist's, den seine eigne Frau erkennt.

ERSTER FELDHERR:

Hier steht, ihr Obersten, Amphitryon.

AMPHITRYON: erwachend. Wen kennt die eigne Frau hier?

ERSTER OBERSTER:

Ihn erkennt sie,

Ihn an, mit dem sie aus dem Hause trat.

Um welchen, wie das Weinlaub, würd sie ranken,

Wenn es ihr Stamm nicht ist, Amphitryon?

AMPHITRYON:

Daß mir so viele Kraft noch wär, die Zung

In Staub zu treten, die das sagt!

Sie anerkennt ihn nicht!

Er erhebt sich wieder.

ERSTER FELDHERR:

Das lügst du dort!

Meinst du des Volkes Urteil zu verwirren,

Wo es mit eignen Augen sieht?

AMPHITRYON:

Sie anerkennt ihn nicht, ich wiederhol's!

– Wenn sie als Gatten ihn erkennen kann,

So frag ich nichts danach mehr, wer ich bin: So will ich ihn Amphitryon begrüßen.

ERSTER FELDHERR:

Es gilt. Sprecht jetzt.

ZWEITER FELDHERR:

Erklärt Euch jetzo, Fürstin.

AMPHITRYON:

Alkmene! Meine Braut! Erkläre dich:

Schenk mir noch einmal deiner Augen Licht!

Sag, daß du jenen anerkennst, als Gatten,

Und so urschnell, als der Gedanke zuckt,

Befreit dies Schwert von meinem Anblick dich.

ERSTER FELDHERR:

Wohlan! Das Urteil wird sogleich gefällt sein.

ZWEITER FELDHERR:

Kennt Ihr ihn dort?

ERSTER FELDHERR:

Kennt Ihr den Fremdling dort?

AMPHITRYON:

Dir wäre dieser Busen unbekannt,

Von dem so oft dein Ohr dir lauschend sagte,

Wie viele Schläge liebend er dir klopft?

Du solltest diese Töne nicht erkennen,

Die du so oft, noch eh sie laut geworden,

Mit Blicken schon mir von der Lippe stahlst?

ALKMENE:

Daß ich zu ew'ger Nacht versinken könnte!

AMPHITRYON:

Ich wußt es wohl. Ihr seht's, ihr Bürger Thebens,

Eh wird der rasche Peneus rückwärts fließen,

Eh sich der Bosporus auf Ida betten,

Eh wird das Dromedar den Ozean durchwandeln,

Als sie dort jenen Fremdling anerkennen.

VOLK:

Wär's möglich? Er, Amphitryon? Sie zaudert.

ERSTER FELDHERR:

Sprecht!

ZWEITER FELDHERR:

Redet!

DRITTER FELDHERR:

Sagt uns! –

ZWEITER FELDHERR:

Fürstin, sprecht ein Wort! –

ERSTER FELDHERR:

Wir sind verloren, wenn sie länger schweigt.

JUPITER:

Gib, gib der Wahrheit deine Stimme, Kind.

ALKMENE:

Hier dieser ist Amphitryon, ihr Freunde.

AMPHITRYON:

Er dort Amphitryon! Allmächt'ge Götter!

ERSTER FELDHERR:

Wohlan. Es fiel dein Los. Entferne dich.

AMPHITRYON:

Alkmene!

ZWEITER FELDHERR:

Fort Verräter: willst du nicht,

Daß wir das Urteil dir vollstrecken sollen.

AMPHITRYON:

Geliebte!

ALKMENE:

Nichtswürd'ger! Schändlicher!

Mit diesem Namen wagst du mich zu nennen?

Nicht vor des Gatten scheugebietendem

Antlitz bin ich vor deiner Wut gesichert?

Du Ungeheuer! Mir scheußlicher,

Als es geschwollen in Morästen nistet!

Was tat ich dir, daß du mir nahen mußtest,

Von einer Höllennacht bedeckt,

Dein Gift mir auf den Fittich hinzugeifern?

Was mehr, als daß ich, o du Böser, dir

Still, wie ein Maienwurm, ins Auge glänzte?

Jetzt erst, was für ein Wahn mich täuscht', erblick ich.

Der Sonne heller Lichtglanz war mir nötig,

Solch einen feilen Bau gemeiner Knechte,

Vom Prachtwuchs dieser königlichen Glieder,

Den Farren von dem Hirsch zu unterscheiden?

Verflucht die Sinne, die so gröblichem

Betrug erliegen. O verflucht der Busen,

Der solche falschen Töne gibt!

Verflucht die Seele, die nicht so viel taugt,

Um ihren eigenen Geliebten sich zu merken!

Auf der Gebirge Gipfel will ich fliehen,

In tote Wildnis hin, wo auch die Eule

Mich nicht besucht, wenn mir kein Wächter ist,

Der in Unsträflichkeit den Busen mir bewahrt. –

Geh! deine schnöde List ist dir geglückt,

Und meiner Seele Frieden eingeknickt.

AMPHITRYON:

Du Unglückselige! Bin ich es denn,

Der dir in der verfloßnen Nacht erschienen?

ALKMENE:

Genug fortan! Entlaß mich, mein Gemahl.

Du wirst die bitterste der Lebensstunden

Jetzt gütig mir ein wenig kürzen.

Laß diesen tausend Blicken mich entfliehn,

Die mich wie Keulen, kreuzend niederschlagen.

JUPITER:

Du Göttliche! Glanzvoller als die Sonne!

Dein wartet ein Triumph, wie er in Theben

Noch keiner Fürstentochter ist geworden.

Und einen Augenblick verweilst du noch.

Zu Amphitryon.

Glaubst du nunmehr, daß ich Amphitryon?

AMPHITRYON:

Ob ich nunmehr Amphitryon dich glaube?

Du Mensch, – entsetzlicher,

Als mir der Atem reicht, es auszusprechen! –

ERSTER FELDHERR:

Verräter! Was? du weigerst dich?

ZWEITER FELDHERR:

Du leugnest?

ERSTER FELDHERR:

Wirst du jetzt etwa zu beweisen suchen,

Daß uns die Fürstin hinterging?

AMPHITRYON:

O ihrer Worte jedes ist wahrhaftig,

Zehnfach geläutert Gold ist nicht so wahr.

Läs ich, mit Blitzen in die Nacht, Geschriebnes,

Und riefe Stimme mir des Donners zu,

Nicht dem Orakel würd ich so vertraun,

Als was ihr unverfälschter Mund gesagt.

Jetzt einen Eid selbst auf den Altar schwör ich,

Und sterbe siebenfachen Todes gleich,

Des unerschütterlich erfaßten Glaubens,

Daß er Amphitryon ihr ist.

JUPITER:

Wohlan! Du bist Amphitryon.

AMPHITRYON:

Ich bin's! –

Und wer bist du, furchtbarer Geist?

JUPITER:

Amphitryon. Ich glaubte, daß du's wüßtest.

AMPHITRYON:

Amphitryon! Das faßt kein Sterblicher.

Sei uns verständlich.

ALKMENE:

Welche Reden das?

JUPITER:

Amphitryon! Du Tor! Du zweifelst noch?

Argatiphontidas und Photidas,

Die Kadmusburg und Griechenland,

Das Licht, der Äther, und das Flüssige,

Das was da war, was ist, und was sein wird.

AMPHITRYON:

Hier, meine Freunde, sammelt euch um mich,

Und laßt uns sehn, wie sich dies Rätsel löst.

ALKMENE:

Entsetzlich!

DIE FELDHERREN:

Was von diesem Auftritt denkt man?

JUPITER: zu Alkmenen. Meinst du, dir sei Amphitryon erschienen?

ALKMENE:

Laß ewig in dem Irrtum mich, soll mir

Dein Licht die Seele ewig nicht umnachten.

JUPITER:

O Fluch der Seligkeit, die du mir schenktest,

Müßt ich dir ewig nicht vorhanden sein.

AMPHITRYON:

Heraus jetzt mit der Sprache dort: Wer bist du?

Blitz und Donnerschlag. Die Szene verhüllt sich mit Wolken. Es schwebt ein Adler mit dem Donnerkeil aus den Wolken nieder.

JUPITER:

Du willst es wissen?

Er ergreift den Donnerkeil; der Adler entflieht.

VOLK:

Götter!

JUPITER:

Wer bin ich?

DIE FELDHERREN UND OBERSTEN:

Der Schreckliche! Er selbst ist's! Jupiter!

ALKMENE:

Schützt mich ihr Himmlischen!

Sie fällt in Amphitryons Arme.

AMPHITRYON:

Anbetung dir

In Staub. Du bist der große Donnerer!

Und dein ist alles, was ich habe.

VOLK:

Er ist's! In Staub! In Staub das Antlitz hin!

Alles wirft sich zur Erde außer Amphitryon.

JUPITER:

Zeus hat in deinem Hause sich gefallen,

Amphitryon, und seiner göttlichen

Zufriedenheit soll dir ein Zeichen werden.

Laß deinen schwarzen Kummer jetzt entfliehen,

Und öffne dem Triumph dein Herz.

Was du, in mir, dir selbst getan, wird dir

Bei mir, dem, was ich ewig bin, nicht schaden.

Willst du in meiner Schuld den Lohn dir finden,

Wohlan, so grüß ich freundlich dich, und scheide.

Es wird dein Ruhm fortan, wie meine Welt,

In den Gestirnen seine Grenze haben.

Bist du mit deinem Dank zufrieden nicht,

Auch gut: Dein liebster Wunsch soll sich erfüllen,

Und eine Zunge geb ich ihm vor mir.

AMPHITRYON:

Nein, Vater Zeus, zufrieden bin ich nicht!

Und meines Herzens Wunsche wächst die Zunge.

Was du dem Tyndarus getan, tust du

Auch dem Amphitryon: Schenk einen Sohn

Groß, wie die Tyndariden, ihm.

JUPITER:

Es sei. Dir wird ein Sohn geboren werden,

Dess' Name Herkules: es wird an Ruhm

Kein Heros sich, der Vorwelt, mit ihm messen,

Auch meine ew'gen Dioskuren nicht.

Zwölf ungeheure Werke, wälzt er türmend

Ein unvergänglich Denkmal sich zusammen.

Und wenn die Pyramide jetzt, vollendet,

Den Scheitel bis zum Wolkensaum erhebt,

Steigt er auf ihren Stufen himmelan

Und im Olymp empfang ich dann, den Gott.

AMPHITRYON:

Dank dir! – Und diese hier, nicht raubst du mir?

Sie atmet nicht. Sieh her.

JUPITER:

Sie wird dir bleiben;

Doch laß sie ruhn, wenn sie dir bleiben soll! –

Hermes!

Er verliert sich in den Wolken, welche sich mittlerweile in der Höhe geöffnet haben, und den Gipfel des Olymps zeigen, auf welchem die Olympischen gelagert sind.

ALKMENE:

Amphitryon!

MERKUR:

Gleich folg ich dir, du Göttlicher! –

Wenn ich erst jenem Kauze dort gesagt,

Daß ich sein häßliches Gesicht zu tragen,

Nun müde bin, daß ich's mir mit Ambrosia jetzt

Von den olymp'schen Wangen waschen werde;

Daß er besingenswürd'ge Schläg empfangen,

Und daß ich mehr und minder nicht, als Hermes,

Der Fußgeflügelte der Götter bin!

Ab.

SOSIAS:

Daß du für immer unbesungen mich

Gelassen hättst! Mein Lebtag sah ich noch

Solch einen Teufelskerl, mit Prügeln, nicht.

ERSTER FELDHERR:

Fürwahr! Solch ein Triumph –

ZWEITER FELDHERR:

So vieler Ruhm –

ERSTER OBERSTER:

Du siehst durchdrungen uns –

AMPHITRYON:

Alkmene!

ALKMENE:

Ach!

Ende

Der zerbrochne Krug

Inhaltsverzeichnis

Personen

Erster Auftritt

Zweiter Auftritt

Dritter Auftritt

Vierter Auftritt

Fünfter Auftritt

Sechster Auftritt

Siebenter Auftritt

Achter Auftritt

Neunter Auftritt

Zehnter Auftritt

Elfter Auftritt

Zwölfter Auftritt

Letzter Auftritt

Personen

Inhaltsverzeichnis

Walter, Gerichtsrat

Adam, Dorfrichter

Licht, Schreiber

Frau Marthe Rull

Eve, ihre Tochter

Veit Tümpel, ein Bauer

Ruprecht, sein Sohn

Frau Brigitte

Ein Bedienter, Büttel, Mägde usw.

Die Handlung spielt in einem niederländischen Dorf bei Utrecht

Erster Auftritt

Inhaltsverzeichnis

Adam sitzt und verbindet sich ein Bein. Licht tritt auf.

LICHT:

Ei, was zum Henker, sagt, Gevatter Adam!

Was ist mit Euch geschehn? Wie seht Ihr aus?

ADAM:

Ja, seht. Zum Straucheln brauchts doch nichts als Füße.

Auf diesem glatten Boden, ist ein Strauch hier?

Gestrauchelt bin ich hier; denn jeder trägt

Den leid'gen Stein zum Anstoß in sich selbst.

LICHT:

Nein, sagt mir, Freund! Den Stein trüg jeglicher—?

ADAM:

Ja, in sich selbst!

LICHT:

Verflucht das!

ADAM:

Was beliebt?

LICHT:

Ihr stammt von einem lockern Ältervater,

Der so beim Anbeginn der Dinge fiel,

Und wegen seines Falls berühmt geworden;

Ihr seid doch nicht—?

ADAM:

Nun?

LICHT:

Gleichfalls—?

ADAM:

Ob ich—? Ich glaube—!

Hier bin ich hingefallen, sag ich Euch.

LICHT:

Unbildlich hingeschlagen?

ADAM:

Ja, unbildlich.

Es mag ein schlechtes Bild gewesen sein.

LICHT:

Wann trug sich die Begebenheit denn zu?

ADAM:

Jetzt, in dem Augenblick, da ich dem Bett

Entsteig. Ich hatte noch das Morgenlied

Im Mund, da stolpr ich in den Morgen schon,

Und eh ich noch den Lauf des Tags beginne,

Renkt unser Herrgott mir den Fuß schon aus.

LICHT:

Und wohl den linken obenein?

ADAM:

Den linken?

LICHT:

Hier, den gesetzten?

ADAM:

Freilich!

LICHT:

Allgerechter!

Der ohnehin schwer den Weg der Sünde wandelt?

ADAM:

Der Fuß! Was? Schwer! Warum?

LICHT:

Der Klumpfuß?

ADAM:

Klumpfuß!

Ein Fuß ist, wie der andere, ein Klumpen.

LICHT:

Erlaubt! Da tut Ihr Eurem rechten unrecht.

Der rechte kann sich dieser—Wucht nicht rühmen,

Und wagt sich ehr aufs Schlüpfrige.

ADAM:

Ach, was!

Wo sich der eine hinwagt, folgt der andre.

LICHT:

Und was hat das Gesicht Euch so verrenkt?

ADAM:

Mir das Gesicht?

LICHT:

Wie? Davon wißt Ihr nichts?

ADAM:

Ich müßt ein Lügner sein—wie siehts denn aus?

LICHT:

Wie's aussieht?

ADAM:

Ja, Gevatterchen.

LICHT:

Abscheulich!

ADAM:

Erklärt Euch deutlicher.

LICHT:

Geschunden ists,

Ein Greul zu sehn. Ein Stück fehlt von der Wange,

Wie groß? Nicht ohne Waage kann ichs schätzen.

ADAM:

Den Teufel auch!

LICHT BRINGT EINEN SPIEGEL:

Hier! Überzeugt Euch selbst!

Ein Schaf, das, eingehetzt von Hunden, sich

Durch Dornen drängt, läßt nicht mehr Wolle sitzen,

Als Ihr—Gott weiß wo?—Fleisch habt sitzen lassen.

ADAM:

Hm! Ja! 's ist wahr. Unlieblich sieht es aus.

Die Nas hat auch gelitten.

LICHT:

Und das Auge.

ADAM:

Das Auge nicht, Gevatter.

LICHT:

Ei, hier liegt

Querfeld ein Schlag, blutrünstig, straf mich Gott,

Als hätt ein Großknecht wütend ihn geführt.

ADAM:

Das ist der Augenknochen.—Ja, nun seht,

Das alles hatt ich nicht einmal gespürt.

LICHT:

Ja, ja! So gehts im Feuer des Gefechts.

ADAM:

Gefecht! Was?—Mit dem verfluchten Ziegenbock

Am Ofen focht ich, wenn Ihr wollt. Jetzt weiß ichs.

Da ich das Gleichgewicht verlier, und gleichsam

Ertrunken in den Lüften um mich greife,

Fass' ich die Hosen, die ich gestern abend

Durchnäßt an das Gestell des Ofens hing.

Nun fass' ich sie, versteht Ihr, denke mich,

Ich Tor, daran zu halten, und nun reißt

Der Bund; Bund jetzt und Hos und ich, wir stürzen,

Und häuptlings mit dem Stirnblatt schmettr ich auf

Den Ofen hin, just wo ein Ziegenbock

Die Nase an der Ecke vorgestreckt.

LICHT LACHT:

Gut, gut.

ADAM:

Verdammt!

LICHT:

Der erste Adamsfall,

Den Ihr aus einem Bett hinaus getan.

ADAM:

Mein Seel!—Doch, was ich sagen wollte, was gibts

Neues?

LICHT:

Ja, was es Neues gibt! Der Henker hols,

Hätt ichs doch bald vergessen.

ADAM:

Nun?

LICHT:

Macht Euch bereit auf unerwarteten

Besuch aus Utrecht.

ADAM:

So?

LICHT:

Der Herr Gerichtsrat kömmt.

ADAM:

Wer kömmt?

LICHT:

Der Herr Gerichtsrat Walter kömmt, aus Utrecht.

Er ist in Revisions-Bereisung auf den Ämtern,

Und heut noch trifft er bei uns ein.

ADAM:

Noch heut! Seid Ihr bei Trost?

LICHT:

So wahr ich lebe.

Er war in Holla, auf dem Grenzdorf, gestern,

Hat das Justizamt dort schon revidiert.

Ein Bauer sah zur Fahrt nach Huisum schon

Die Vorspannpferde vor den Wagen schirren.

ADAM:

Heut noch, er, der Gerichtsrat, her, aus Utrecht!

Zur Revision, der wackre Mann, der selbst

Sein Schäfchen schiert, dergleichen Fratzen haßt.

Nach Huisum kommen und uns kujonieren!

LICHT:

Kam er bis Holla, kommt er auch bis Huisum.

Nehmt Euch in acht.

ADAM:

Ach, geht!

LICHT:

Ich sag es Euch.

ADAM:

Geht mir mit Eurem Märchen, sag ich Euch.

LICHT:

Der Bauer hat ihn selbst gesehn, zum Henker.

ADAM:

Wer weiß, wen der triefäugige Schuft gesehn.

Die Kerle unterscheiden ein Gesicht

Von einem Hinterkopf nicht, wenn er kahl ist.

Setzt einen Hut dreieckig auf mein Rohr,

Hängt ihm den Mantel um, zwei Stiefeln drunter,

So hält so'n Schubjak ihn, für wen Ihr wollt.

LICHT:

Wohlan, so zweifelt fort, ins Teufels Namen,

Bis er zur Tür hier eintritt.

ADAM:

Er, eintreten!—

Ohn uns ein Wort vorher gesteckt zu haben.

LICHT:

Der Unverstand! Als obs der vorige

Revisor noch, der Rat Wacholder, wäre!

Es ist Rat Walter jetzt, der revidiert.

ADAM:

Wenn gleich Rat Walter! Geht, laßt mich zufrieden.

Der Mann hat seinen Amtseid ja geschworen,

Und praktisiert, wie wir, nach den

Bestehenden Edikten und Gebräuchen.

LICHT:

Nun, ich versichr Euch, der Gerichtsrat Walter

Erschien in Holla unvermutet gestern,

Vis'tierte Kassen und Registraturen,

Und suspendierte Richter dort und Schreiber,

Warum? ich weiß nicht, ab officio.

ADAM:

Den Teufel auch? Hat das der Bauer gesagt?

LICHT:

Dies und noch mehr—

ADAM:

So?

LICHT:

Wenn Ihrs wissen wollt.

Denn in der Frühe heut sucht man den Richter,

Dem man in seinem Haus Arrest gegeben,

Und findet hinten in der Scheuer ihn

Am Sparren hoch des Daches aufgehangen.

ADAM:

Was sagt Ihr?

LICHT:

Hilf inzwischen kommt herbei,

Man löst ihn ab, man reibt ihn, und begießt ihn,

Ins nackte Leben bringt man ihn zurück.

ADAM:

So? Bringt man ihn?

LICHT:

Doch jetzo wird versiegelt

In seinem Haus, vereidet und verschlossen,

Es ist, als wär er eine Leiche schon,

Und auch sein Richteramt ist schon beerbt.

ADAM:

Ei, Henker, seht!—Ein liederlicher Hund wars—

Sonst eine ehrliche Haut, so wahr ich lebe,

Ein Kerl, mit dem sichs gut zusammen war;

Doch grausam liederlich, das muß ich sagen.

Wenn der Gerichtsrat heut in Holla war,

So gings ihm schlecht, dem armen Kauz, das glaub ich.

LICHT:

Und dieser Vorfall einzig, sprach der Bauer,

Sei schuld, daß der Gerichtsrat noch nicht hier;

Zu Mittag treff er doch ohnfehlbar ein.

ADAM:

Zu Mittag! Gut, Gevatter! Jetzt gilts Freundschaft.

Ihr wißt, wie sich zwei Hände waschen können.

Ihr wollt auch gern, ich weiß, Dorfrichter werden,

Und Ihr verdients, bei Gott, so gut wie einer.

Doch heut ist noch nicht die Gelegenheit,

Heut laßt Ihr noch den Kelch vorübergehn.

LICHT:

Dorfrichter, ich! Was denkt Ihr auch von mir?

ADAM:

Ihr seid ein Freund von wohlgesetzter Rede,

Und Euren Cicero habt Ihr studiert

Trotz Einem auf der Schul in Amsterdam.

Drückt Euren Ehrgeiz heut hinunter, hört Ihr?

Es werden wohl sich Fälle noch ergeben,

Wo Ihr mit Eurer Kunst Euch zeigen könnt.

LICHT:

Wir zwei Gevatterleute! Geht mir fort.

ADAM:

Zu seiner Zeit, Ihr wißts, schwieg auch der große

Demosthenes. Folgt hierin seinem Muster.

Und bin ich König nicht von Mazedonien,

Kann ich auf meine Art doch dankbar sein.

LICHT:

Geht mir mit Eurem Argwohn, sag ich Euch.

Hab ich jemals—?

ADAM:

Seht, ich, ich, für mein Teil,

Dem großen Griechen folg ich auch. Es ließe

Von Depositionen sich und Zinsen

Zuletzt auch eine Rede ausarbeiten:

Wer wollte solche Perioden drehn?

LICHT:

Nun, also!

ADAM:

Von solchem Vorwurf bin ich rein,

Der Henker hols! Und alles, was es gilt,

Ein Schwank ists etwa, der, zur Nacht geboren,

Des Tags vorwitz'gen Lichtstrahl scheut.

LICHT:

Ich weiß.

ADAM:

Mein Seel! Es ist kein Grund, warum ein Richter,

Wenn er nicht auf dem Richtstuhl sitzt,

Soll gravitätisch wie ein Eisbär sein.

LICHT:

Das sag ich auch.

ADAM:

Nun denn, so kommt, Gevatter,

Folgt mir ein wenig zur Registratur;

Die Aktenstöße setz ich auf, denn die,

Die liegen wie der Turm zu Babylon.

Pulsuz fraqment bitdi.

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Yaş həddi:
0+
Litresdə buraxılış tarixi:
13 noyabr 2024
Həcm:
681 səh. 2 illustrasiyalar
ISBN:
9788027220526
Müəllif hüququ sahibi:
Bookwire
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Oxşar kitablar