Kitabı oxu: «Das einzig wahre Rheinische Derby»

Şrift:

Heinz-Georg Breuer

Das einzig wahre Rheinische Derby

123 x Kölner Geißbock gegen

Gladbacher Fohlen

Alle Spiele von 1950 bis 2019

Mit einem Gastbeitrag von Sarah Peters


Über den Autor:

Heinz-Georg Breuer wurde 1953 in Rheydt geboren und wuchs am Niederrhein auf. Nach einem Jurastudium von 1974 bis 1980 in Köln begann er 1981 nach dem Staatsexamen seine berufliche Laufbahn als Journalist in Mönchengladbach und setzte dort bei einem Sonntagsblatt erste Akzente im Sportsektor, unter anderem mit der Berichterstattung über den Bundesliga-Fußball in der Region. 1986 wechselte er zur „Goslarschen Zeitung“ in den Harz und war dort bis zur Pensionierung Anfang 2019 als Redakteur in verschiedenen Funktionen tätig. Mittlerweile lebt er wieder am Niederrhein. Bisher sind von Breuer im Arete Verlag die Titel „Und täglich schießt die Fohlenelf“ (2016) sowie „Die Fans der Fohlen“ (2018) erschienen.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

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© 2019 Arete Verlag Christian Becker, Hildesheim

www.arete-verlag.de

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Redaktionsschluss: 20. September 2019

Umschlagfotos: Imago/Sven Simon (U1 + U4)

Layout, Satz und Umschlaggestaltung: Composizione Katrin Rampp, Kempten

Druck und Verarbeitung: CPI, Leck

ISBN 978-3-96423-027-0

eISBN 978-3-96423-033-1

Inhalt

Prolog: Weiße Rosen und Ferreros Küsschen

Teil A: Die Theorie

I. Pferderennen oder Fußball am Wasser?

Sprachforscher sind unsicher beim Derby-Begriff

II. Erklärungsversuche von Böll bis Berlusconi

Derbys in aller Welt kein Muster für das Rheinland

III. Ein feiner Verein gegen ostholländische Bauern

Dior-Kunden treffen auf grenznahe Kartoffelsäcke

IV. Kaffeebud-Metropole und zwei Provinz-Hauptbahnhöfe

Wie Kölner und Gladbacher ihre Identität ausleben

V. Hennes und der aufrechte Gang durch Köln

Trainer Weisweiler erweist sich als Derby-Stifter

Teil B: Die Praxis

VI. Serviert: Zahlensalat mit rheinischer Petersilie

Jeder kocht sich sein eigenes Derby-Gericht

VII. Die Top 11 des Rheinischen Derbys

Packende Partien, prägendes Personal

1. Das Jahrhundert-Pokalfinale am 23. Juni 1973

2. Kölns Meisterstück am 1. Oktober 1977

3. Erster Bundesliga-Sieg der Fohlen am 26. November 1966

4. VfL-Durchbruch zum Meistertitel am 29. November 1969

5. Hattrick im Jubiläumsderby am 5. Februar 2002

6. Schäfers Viererpack in der Kull am 12. Oktober 1952

7. Verrücktes Remis in Köln am 20. Oktober 1979

8. „Dä Pitters“ beinhartes Los nach dem 25. November 1967

9. Poldis Aufstieg am 31. Januar 2004 trotz FC-Abstiegs

10. FC-Sieg hat viele Väter am 27. März 1971

11. Ter Stegens Debüt im Abstiegskampf am 10. April 2011

Außer Konkurrenz: Das indirekte Derby am 29. April 1978

Das Derby-Allstarteam

Das Duell Netzer versus Overath

VIII. Wenn Maler gruppenkostümiert sind

Aus der Wacht am Rhein wird die Schlacht vom Rhein

IX. Wissenschaftler: Rivalität wertschätzen!

Vom Irrsinn der Fans und Irrglauben der Funktionäre

X. Bankettfürst, Schlossherr, Wanderkönig und Graf Zahl

Kremer und die Keeper Keller, Schmadtke, Manglitz

XI. Was der Bap zur Mutter aller Derbys sagt

Kölsch-Rocker Wolfgang Niedecken und seine Toleranz

XII. Bewegung 23. Juni

Ein Fanclub zu Ehren eines Jahrhundertspiels

Epilog: Plädoyer für ein Stückchen Freiheit

Gastbeitrag von Sarah Peters

Teil C: Die Statistik

Alle 123 Derbys auf einen Blick

Prolog: Weiße Rosen und Ferreros Küsschen

„Niemals geht man so ganz“, singt die unvergessene kölsche Volksschauspielerin Trude Herr 1987 zusammen mit Wolfgang Niedecken und Tommy Engel. „Irgendwas von mir bleibt hier, es hat seinen Platz immer bei dir.“

Wer wüsste das besser als der 1. FC Köln, der wieder einmal zurück im Oberhaus des deutschen Fußballs ist? Und wer wüsste es besser als Borussia Mönchengladbach, die langjährige Konkurrenz vom Niederrhein? Auch wenn sich die Hartgesottenen unter den gegnerischen „Fans“ mit Dachlatten und Eisenstangen auf den Schädel hauen und längst die Grenze des gesellschaftlich Tolerierbaren erreicht haben: Man vermisst sich, wenn einer gerade mal weg ist in der Zweiten Liga. Geradezu komplementär. Und das, obwohl die Fußball-Landkarte im Westen randvoll ist. Sieben Klubs aus Nordrhein-Westfalen tummeln sich in der Saison 2019/20 in der höchsten deutschen Spielklasse.

Sonntag, 29. Oktober 1961. Meine frühkindliche Fußballprägung besorgt Karl-Heinz Thielen. Der Rechtsaußen des FC trifft viermal nacheinander im Oberligaspiel bei Gastgeber Borussia im Rheydter Grenzlandstadion vor 28.000 Zuschauern. In der Nordkurve, die tatsächlich noch eine Kurve ist, stehe ich, acht Jahre alt, von elterlichen Bekannten mitgenommen. Am Ende heißt es 1:6. Die Bekannten liefern mich wieder zu Hause ab. Im Radio dudelt der deutsche Nummer-1-Hit „Weiße Rosen aus Athen“ der Griechin Nana Mouskouri. Es soll noch 20 Jahre dauern, bis in Mönchengladbach das erste griechische Restaurant eröffnet. Aber das interessiert mich damals noch nicht. Auch nicht, dass Ministerpräsident Konstandinos Karamanlis an diesem Tag die absolute Mehrheit bei den griechischen Parlamentswahlen erringt.

Samstag, 25. Februar 1978. Während meines Studiums bin ich einige Jahre Wahl-Kölner und besuche die Bundesliga-Heimspiele der Geißböcke gegen die Fohlen. Beim Fußmarsch nach Müngersdorf weist mich ein ortskundiger Kommilitone im Stadtteil Braunsfeld auf eine Kreuzung hin. An der Ecke Friedrich-Schmidt-Straße/Vincent-Statz-Straße wurde ein halbes Jahr vorher Arbeitgeber-Präsident Hanns Martin Schleyer von einem Kommando der Roten Armee Fraktion (RAF) entführt, vier seiner Begleiter wurden erschossen. Die Erinnerung an den „Deutschen Herbst“ beschäftigt mich noch im Stadion, in dem 60.000 sind. Allan Simonsen bringt die Fohlen in Führung, Heinz Flohe gleicht kurz vor Schluss aus. Beim Verlassen des Stadions ertönt Musik: „We are the champions“. Kurz zuvor ist der Queen-Titel auf den deutschen Markt gekommen. Freddie Mercury hat Recht: Queen springt auf Eins und drei Monate später ist der FC Meister.

14. Februar 2015. Karnevalssamstag. Zu siebt mit Journalisten-Kollegen aus meiner Wahlheimat Goslar nach Mönchengladbach. Nach fünf Stunden und 400 Kilometern Autofahrt mit Stau satt erreichen wir das gebuchte Hotel an der Speicker Straße. Einchecken. Die Frauen gehen shoppen, die Männer entern den Park & Ride zum Borussia-Park: Bundesligaspiel gegen den 1. FC Köln. 54.000 Zuschauer. Brechend voller Bus, elend lange Fahrt. Einen Kilometer vor dem Stadion stoppt der Fahrer abrupt: „Aussteigen, ich komm nicht mehr weiter!“ Den Rest zu Fuß. „Tempo, es fängt gleich an!“ Ich bin mit 60 der Älteste, die Pumpe rast, die Lunge pfeift, die Waden schmerzen. Kurz nach halb Vier sind wir auf der Osttribüne. Am Ende köpft Granit Xhaka Borussias 1:0. Es folgt der Platzsturm der Kölner Malermeister – Jagdszenen am Niederrhein. Später noch zum Biergarten hinter der Nord. Aus einer Box dringt der Chart-Stürmer von Unheilig: „Zeit zu gehen“. Genau, zurück ins Hotel. Auf dem Zimmer meldet der Flachbild-Fernseher an der Wand, dass Michele Ferrero, Erfinder des gleichnamigen Küsschens, mit 89 Jahren verstorben ist.

Mehr als fünf Jahrzehnte decken diese drei Episoden ab. Kein Fußballspiel elektrisiert den Fohlen-Anhänger wie den FC-Fan damals wie heute mehr als dieses Derby. Es wurde als offizielle Pflichtpartie bisher 123 Mal zwischen 1950 und 2019 ausgetragen – öfter als jede andere Begegnung im Rheinland. Die nächste steht im Februar 2020 an.

123 Spiele in fast 70 Jahren oder auch „Hacke, Spitze, eins, zwei, drei“ – von Polsters Tor mit dem Allerwertesten im ersten Kölner Abstiegsjahr bis hin zu Netzers abgerutschtem Spannschuss im Jahrhundert-Pokalfinale. Doch wie kam es zum „Rheinischen Derby“? Die folgende Spurensuche ist in die Abschnitte Theorie (A), Praxis (B) und Statistik (C) unterteilt, die alle in sich abgeschlossen sind. Wer als Leser gleich aufs Spielfeld möchte, wechselt sich erst zur Halbzeit beim 6. Kapitel ein. Zahlen-Freaks gehen zunächst ganz ans Ende ins Elfmeterschießen.


„The derby is always special“: Jung-Fohlen Lothar Matthäus in den Achtzigern mit dem Buchautor. Foto: Busch

I. Pferderennen oder Fußball am Wasser?
Sprachforscher sind unsicher beim Derby-Begriff

Borussia Mönchengladbach – 1. FC Köln. Für die Anhänger die „Mutter aller Derbys“. Fohlen gegen Geißböcke. Bockige Ziegenmänner, deren auf „Hennes“ (Weisweiler) getauftes Maskottchen an Karneval 1950 als Zirkus-Geschenk seinen FC-Stall in Müngersdorf bezieht, fünf Kilometer weg vom Rhein. Übermütige Jungpferde, ab 1965 mit Borussias Bundesliga-Aufstieg unter dem Leitfohlen „Jünter“ (Netzer) auf dem magere 61 Meter hohen Bökelberg grasend. Doch was hat das mit Derby zu tun, ist es nicht eher ein Tier-Festival? Gemach, erst mal schauen, woher das Wort „Derby“ sprachhistorisch kommt und was es überhaupt bedeutet.

Einmal ist es belegt mit der Zuchtprüfung für dreijährige Vollbluthengste, die Edward Smith Stanley im Jahr 1780 als 12. Earl of Derby in England einführt („Epsom Derby“). Die Namensgebung nach dem Titel des Grafen wird durch einen Münzwurf ermittelt. Als „eine der großen Legenden des Galopprennsports“ bezeichnet der Handicapper Harald Siemen heute diesen Münzwurf, der einst entschieden habe, ob ein neues Pferderennen den Namen Derby oder Bunbury tragen sollte. Der Wurf erfolgt 1779 in Derbys Haus bei Epsom, als Sir Charles Bunbury bei der Siegerehrung nach einem Stutenrennen vorschlägt, eine ähnliche Prüfung auch für Hengste zu schaffen. Siemen: „Es ist geradezu absurd sich vorzustellen, die Münze wäre anders gefallen und nicht nur das berühmteste Pferderennen der Welt hieße heute ‚Bunbury‘, sondern auch alle anderen Ereignisse, die sich den Namen ‚Derby‘ angeeignet haben, um ihnen einen besonderen Klang zu geben.“

So weit diese Theorie zur Namensgebung. Eine andere basiert auf dem wilden Volksfußball, der seit dem Hochmittelalter auf den britischen Inseln nachgewiesen ist. Sein Wesen als Faschingsbelustigung führt zum Namen Derby, weil der „Royal Shrovetide Football“ seine älteste Ausprägung gleich in zwei Varianten in der Grafschaft Derbyshire hat. Einmal in der Stadt Derby selbst – als Wettstreit zwischen den Pfarreien All Saints und St. Peter‘s mit dem Fluss Derwent und dem Markeaton-Bach als (Tor-)Zielen. Zum anderen mit einem bis heute in Ashbourne geführten Duell am Karnevalsdienstag/Aschermittwoch: Die nördlich des Flusses Henmore Geborenen, die „Up’ards“, spielen gegen die aus dem Süden, die „Down’ards“ – auch hier Hunderte Aktive. Das Spielfeld misst fünf Kilometer, begrenzt durch Mühlsteine am Fluss als „Tore“. Der Spielort liegt 20 Kilometer von der Stadt Derby entfernt. Deren Name stammt wohl vom dänischen Deor-a-by (Dorf des Hirsches). Erwähnt wird er als Deoraby in der „Angelsächsischen Chronik“ des 9./10. Jahrhunderts.

2003 berichtet „BBC News“ über „the Shrovetide match as the world‘s oldest, largest, longest and maddest football game“, als Prinz Charles den Spielball zur Eröffnung unter die Teilnehmer wirft. 2009 hat die BBC weniger lustige Erklärungen über die Ursprünge auf Lager: Die populärste der vielen Theorien scheine zu sein, dass die „Kugel“ ursprünglich ein Kopf war, der nach einer Hinrichtung in die Menge geworfen wurde. Genaueres weiß man nicht, weil in den 1890er Jahren die historischen Unterlagen bei einem Brand im Büro des Shrovetide-Komitees vernichtet wurden.

Ob Pferderennen oder Fußball am Wasser – die Sprachforscher ringen um die Zuordnung. Wobei die Bezeichnung „Derby“ ohnehin nicht die seltenste ist. Es gibt zig Orte dieses Namens allein in den USA von Alabama bis Virginia. Dazu Autos, Fahrräder, Fernseher, Schuhe, Zigaretten, Käse, Mixgetränke und Pferdefutter. 1930 schreibt Edgar Wallace einen Krimi, der in der deutschen Übersetzung als „Der Derbyspieler“ erscheint. „Derby“ heißt ein deutscher Spielfilm von 1949 mit Hannelore Schroth und Willy Fritsch. Und in der Antarktis existiert eine Insel Derby, die aufgrund des Wettlaufs der Expeditionen ihren Namen erhielt.

Längst ist der Derby-Begriff so aufgeweicht wie das Henmore-Gestade in den East Midlands nach dem ausufernden englischen Karnevals-Massenkick aus dem Mittelalter. Die Bezeichnung für Fußballspiele galt und gilt in Deutschland vom Stadtderby (Bayern München – 1860) bis Lokalderby (Eintracht Frankfurt – Kickers Offenbach) über das älteste Regionalderby (1. FC Nürnberg – SpVgg. Fürth) bis zu noch größeren Einheiten wie dem Nordderby HSV – Werder. Manche Derbys sind auch einfach erfunden (Karnevalsderby 1. FC Köln – Mainz 05), um die Attraktivität künstlich zu erhöhen. Den Vogel schießt Berlin ab, als angeregt wird, das nächste Bundesliga-Heimspiel der Hertha gegen die erstmals aufgestiegenen „Eisernen“ von Union zum 30. Jahrestag des Mauerfalls am 9. November 2019 auszutragen. Wenn schon kein echtes Stadtderby (vier Duelle in Liga 2 – Spott der „Süddeutschen“: „Sie kennen sich nur vom Hörensagen“), dann eben ein Einheits-Derby, wie man es 1990 schon mal „in Freundschaft“ gekickt hat. Nur: Union hat eigentlich keinen Bock drauf.

Doch Geißbock gegen Fohlen, das ist das „Rheinische Derby“. Dies sehen jedenfalls die Beteiligten so. Haben sie auch Recht? Oder kann man es sich so einfach machen wie das Magazin „11Freunde“ 2018: „Als rheinisches Derby gilt jegliche Kombination aus Fortuna Düsseldorf, Bayer Leverkusen, 1. FC Köln und Borussia Mönchengladbach.“ Dazu etwas Mathematik aus dem Grundkurs und flugs mit dem Binomialkoeffizienten die Anzahl der möglichen Derbys ausgerechnet (6). Dann noch unmathematisch draufgepackt das „Straßenbahnderby“ Fortuna – MSV Duisburg, weil es eine direkte Rheinbahn-Verbindung zwischen beiden Städten gibt. Macht sogar sieben potenzielle rheinische Derbys.

Ganz anders die „Frankfurter Rundschau“, die 2017 alle analytischen Segel streicht: „Es gibt kein wahres Derby, nur die Diskussion darüber, und die ist Teil der Folklore, die den Fußball so liebenswert macht.“ Selbst der Virtuose in Sachen Fußball-Fachwissen kann uns da nicht weiterhelfen: „The derby is always special“, sagt 2018 Ex-Fohlen Lothar Matthäus bei Sky Italia.

Da muss wohl etwas mehr Gründlichkeit her. Um die Ausgangsthese beurteilen zu können, sind zwei Fragen zu prüfen: Ist 1. FC Köln – Borussia Mönchengladbach ein Derby, und wenn ja, ist es das Derby im Rheinland oder gar darüber hinaus? Nicht einfach. Eine verbindliche Derby-Definition per Gesetz oder anderen Regeln gibt es nicht. In einem solchen Fall greift man gerne auf Wissenschaft, Forschung und Lehre zurück, doch auch da sieht es mager aus. Abhandlungen über Derbys – ob im Buch oder im Netz – erschöpfen sich meist in unsortierten Querschnitten oder willkürlichen Wertreihungen.

Eine Ausnahme macht der Direktor des Schweizerischen Sozialarchivs, Prof. Dr. Christian Koller. Sein Beitrag „Das Derby – traditionelle sportliche Rivalitäten innerhalb und zwischen Städten“ beim Südwestdeutschen Arbeitskreis für Stadtgeschichtsforschung wird 2008 veröffentlicht. Koller greift die etymologische Unsicherheit zur Herkunft des Begriffs auf und versteht Derbys einmal als Wettstreit zwischen Quartieren einer Stadt und zum anderen als Konfrontation mit Fremden. Auf Fußballklubs bezogen ist für ihn sportliche Konkurrenz auf Augenhöhe die „notwendige Voraussetzung“. Ähnlich der Sozialwissenschaftler Hartmut Hering aus Gelsenkirchen 2016 im „Deutschlandfunk“. Hering ist 2002 Herausgeber des Buch-Klassikers „Im Land der tausend Derbys. Die Fußball-Geschichte des Ruhrgebiets“. In einer „FAZ“-Rezension von damals heißt es: „Eine gewisse räumliche Nähe ist notwendig für ein Derby, aber sie reicht nicht aus. Dem Publizisten Hartmut Hering ist zuzustimmen, wenn er sagt, es müsse eine Geschichte dahinterstehen, damit aus einem Nachbarschaftsduell ein Derby werde.“

Der Schweizer Koller unterscheidet zwischen Derbys in einer Stadt mit den Varianten „Zweiverein“ und „Vielverein“ sowie Derbys zwischen Vereinen verschiedener Städte. Auch hier: Eine bloße örtliche Zuordnung reicht nicht automatisch. Laut Koller sind vielmehr die Rivalen zusätzlich mit Eigenschaften belegt, „die über die rein topographische Abgrenzung der Einzugsgebiete ihrer Anhängerschaft hinausreichen“. Ähnlich die Argumentation bei Partien zwischen Vereinen aus einander fremden Städten. Koller benennt als Derbys Spiele zwischen Klubs derselben Region (also eine strukturelle Erweiterung der Stadtderbys) sowie Spiele, denen „aus sportlichen oder außersportlichen Gründen traditionellerweise eine besondere Brisanz innewohnt“. Das wirkt nur bedingt präzise. Immerhin stellt Koller fest, dass es bei den Fremdpartien um Spiele geht, die erst dann einen Derby-Status bekommen, wenn gewisse Rivalitätsmuster vorher da sind. Zugleich geht mit dem Traditionen-Element einher, dass Derbys erkennbar Nachhaltigkeit haben müssen.

Legt man eine strenge Elle an, dann ebnet sich Kollers Systematik am Ende ein auf Spiele über einen längeren Zeitraum zwischen zwei gleich starken Klubs, die meist (aber eben nicht immer) benachbarte Standorte haben, immer aber über die vordergründige sportliche Konkurrenz hinaus eine besondere Rivalität zueinander besitzen.


Derby-Forscher: Der Züricher Uni-Professor Dr. Christian Koller, Direktor des Schweizerischen Sozialarchivs. Foto: Privat

Auf dieser Basis lässt sich arbeiten. Dass Köln und Mönchengladbach einander fremde Gebietskörperschaften sind, ist nicht bestreitbar. Aber sie liegen doch jedenfalls in einer Region, im Rheinland? Hier kommen nun flink die ideologischen Erbsenzähler ins Spiel: Das Duell sei ja gar kein echtes rheinisches Derby, weil Gladbach nicht direkt am Rhein liege. Und damit können sie auch keine Rivalen sein, weil das aus dem Lateinischen („rivalis“) abgeleitet sei und jemanden bezeichnet, der bei der Nutzung eines Wasserlaufs eine Mitberechtigung hat … Umgekehrt wird ein (Fußball-)Schuh draus: Wem würde es wohl einfallen, den Rhein-Anrainer FSV Mainz 05 als Partner im Rheinischen Derby zu benennen?

Die kleinmütigen Bedenken treffen so oder ähnlich auch bei anderen Borussen-Derbys von einst und jetzt zu: die Niederrhein-Derbys gegen Fortuna Düsseldorf, den MSV Duisburg, vorher Meidericher SV, und Bayer Uerdingen. Oder das Grenzland-Derby gegen Alemannia Aachen. Nicht zu vergessen das Derby gegen den Rheydter Spielverein in den beiden nach dem Krieg noch (bzw. wieder) getrennten Städten. Original-Ton Borussia-Chronik: „Keine fünf Kilometer trennten Borussias langjährige Heimat, den Bökelberg, vom Zuhause des ‚Spö‘, wie die Rheydter Fußballfreunde ihren Spielverein liebevoll nennen.“ An hautnahen Vor-Ort-Duellen haben auch die Kölner von Beginn an reichlich – die Fortuna in der Südstadt etwa. Oder die rechtsrheinische Viktoria, vorher Preußen Dellbrück, innerhalb der eigenen Stadtmauern. Oder Bayer Leverkusen an der Stadtgrenze.

Es hat in der Nachkriegs-Fußballgeschichte eine Spielzeit gegeben, in der Kölner und Gladbacher die Rekordzahl von sieben (!) Rheinland-Duellen in einer höchsten deutschen Spielklasse absolvieren: 1953/54. In meinem Geburtsjahr sind in der Oberliga West neben den beiden weiterhin Fortuna Düsseldorf, Bayer Leverkusen, Alemannia Aachen, der Meidericher SV, der Rheydter Spielverein und Preußen Dellbrück versammelt. Von späteren Bundesligisten fehlen nur Rot-Weiß Oberhausen, 1951 aus der Oberliga abgestiegen, Fortuna Köln, 1952 aus der 2. Liga West abgestiegen, und Bayer 05 Uerdingen, das erst im Jahr 1953 mit den Werkssportabteilungen des Chemie-Konzerns fusioniert.

Eine Rarität schaffen die Kölner allein: Im Jahr 1983 spielen der FC und Fortuna Köln das bisher einzige Stadtduell in einem DFB-Pokalendspiel (1:0). Wo? Im Müngersdorfer Stadion.


Die Nationalspieler Helmut Rahn (l.) und Albert Brülls beim Derby an Karneval 1960 in der „Kull“. Foto: Imago/Krschak

II. Erklärungsversuche von Böll bis Berlusconi
Derbys in aller Welt sind kein Muster für das Rheinland

Das empirische Derby-Loch scheint sich herumgesprochen zu haben. Vermehrt finden sich Master- oder Diplom-Arbeiten zumindest punktuell zum Thema. Ein Beispiel ist 2011 die Diplom-Arbeit von Mirko Twardy (Universität Bonn) zum Einfluss eines Bundesligisten auf regionale Identität am Beispiel von Bayer Leverkusen (auch in Abgrenzung vom 1. FC Köln). Außerhalb der Wissenschaft versucht die Plattform „footballderbies.com“ einen auf dem Schweizer Koller aufbauenden Ansatz. Die englischsprachige Website unterteilt in „City Derbies“, „Local Derbies“ und „Rivalries“, also gewachsene Rivalitäten.

Die räumliche Nähe funktioniert wie gesagt nur bedingt. So kann man damit allein nicht erklären, warum etwa Gladbach gegen Köln (46 km Entfernung Luftlinie, 60 km über die Straße) so viel mehr Derby-Charakter beigemessen wird als Duisburg gegen Schalke (25 km). Doch wenn gar die Paarung HSV – Bayern ein „Nord-Süd-Derby“ ist, wie man oft genug in den Medien lesen und hören kann, dann hat das bei 600 Kilometern Entfernung zwischen den Klubs weder mit lokal noch mit regional etwas zu tun.

Auch wenn ein Kilometer ein Kilometer ist und eine Meile eine Meile bleibt – das Raummaß wirkt rund um den Erdball unterschiedlich. Dens Park und Tannadice Park, die Stadien der schottischen Premiership-Klubs FC Dundee und Dundee United, trennen 300 Meter Luftlinie, über die Straße sind es 700. Eindeutig, auch weil es keine Phrase, sondern im Wortsinne ein Duell um die Position des Platzhirschs ist: Derby! Die Spielstätten des VfL Osnabrück und der Sportfreunde Lotte sind auch nur zehn Kilometer voneinander entfernt, liegen aber in zwei Bundesländern – Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen. Derby? Bei ungleicher sportlicher Historie wohl fragwürdig. Eventuell, wenn man sinnfrei berücksichtigt, dass seit 1976 Osnabrück Partnerstadt des englischen Derby ist …

Bleibt die Rivalität, die sich unterschiedlich ausbilden kann. Naheliegende Begründung im Wortsinne ist nach wie vor die direkte Nachbarschaft mit der Frage, wer „Herr im eigenen Hause“ ist. Das ist seit 2010 mit der „Psychologie der Rivalität“ der US-Professoren Gavin J. Kilduff, Hillary A. Elfenbein und Barry M. Staw die erforschte Faktenlage: „Konkret argumentieren wir, dass die Beziehungen zwischen Wettbewerbern, die durch ihre Nähe, Attribute und frühere Interaktionen bestimmt werden, die subjektive Intensität der Rivalität zwischen ihnen beeinflussen.“

Ein paar klassische Fallgruppen der Rivalität gibt es schon noch über die Nachbarschaft hinaus. Sie können sich auch untereinander mischen, doch scheinen sie alle nicht sonderlich tauglich, das „Rheinische Derby“ zu erklären. Das wird deutlich bei den Ausflügen in die Welt der Derbys, die am Ende immer wieder ins Rheinland zurückkehren.

Soziale/wirtschaftliche Hintergründe: Holzschnittartig auf den Gegensatz „arm – reich“ reduziert, haben sich Derbys auf dem Nährboden ökonomischer Bedingungen entwickelt. Das brutalste, der „Superclasico“, findet in Buenos Aires statt und hat bereits Todesopfer in Argentinien gefordert: das wohlhabende River Plate gegen die armen Boca Juniors, Heimatverein Maradonas. Beide Hauptstadt-Klubs stammen aus dem Hafenort La Boca, der von italienischen Einwanderern gegründet wurde. River Plate („Los Millionaros“) zieht in den Dreißigern ins Reichenviertel Nuñez um.

Nicht minder hoch her geht es beim heißesten Derby Brasiliens, dem „Grenal“ in Porto Alegre, dessen Name aus der ersten und letzten Silbe der Kontrahenten Grêmio und Internacional gebildet ist. Über 400 Mal wird seit 1909 gespielt zwischen dem reichen Verein aus der Oberschicht der deutschen Einwanderer und dem Arbeiter-Klub.

Der 2017 verstorbene Horst Köchel aus dem Vorharzer Ort Harlingerode gibt mir bei einer Reportage erhellende Insider-Informationen zum „Grenal“: Köchel soll 1958 über familiäre Kontakte eine Konditor-Lehre in Brasilien machen, landet aber nach wochenlanger Schiffsüberfahrt beim Profi-Klub Grêmio. Vermittelt hat den Job der Hamburger Profischiedsrichter Hans Lutzkat, der wie der spätere Bundesliga-Referee Horst Herden damals in Brasilien pfeift. Köchel, nur „Dohorsto“ (kleines Horstchen) genannt, erfährt, dass Lutzkat 1957 beim Derby bestochen werden sollte, nicht mitmacht, sich an die Presse wendet und nach Morddrohungen wochenlang unter Polizeischutz steht. Zweimal kommt es während Köchels Zeit zum „Grenal“. Beim ersten Mal, einem 0:1, sitzt er auf der Tribüne. 60.000 im Estádio Olímpico Monumental schreien „Por que não o alemão?“ (Warum nicht der Deutsche?). Beim zweiten Derby trifft Köchel beim 2:1-Sieg von Grêmio zum 1:1. Nach der WM 1958 reist der FC Santos mit den Weltmeistern Pelé, Zito und Gilmar zum Freundschaftsspiel an und verliert 1:4. Beim Bankett schwärmt der kleine Dohorsto aus dem kleinen Harlingerode vom Zauberfußball am Zuckerhut. Der 18-jährige Pelé sagt: „Dann bleib’ hier, Deutscher!“ Dazu kommt es nicht. Die Familie holt Köchel mit der Forderung nach Erfüllung seiner Konditor-Ausbildung ein.

Zurück nach Europa. Dass sozial bedingte Rivalitäten sich in England häufen, dem Mutterland des modernen Fußballs, liegt an der historischen Entwicklung auf der Insel. Zum Durchbruch verhelfen dem „Gentleman Sports“ Angehörige der Oberschicht. Die massenhafte Verbreitung im Proletariat folgt erst am Ende der industriellen Revolution bis zur Jahrhundertwende. Davon zeugen Derbys A wie „arm“ gegen R wie „reich“: FC Southampton (R) – FC Portsmouth (A), West Bromwich Albion (A) oder Birmingham City (A) – Aston Villa (R). Schließlich Nottingham Forest (A) – Notts County (R), das älteste nachgewiesene Derby im modernen Fußball überhaupt, das erstmals am 22. März 1866 stattfindet (0:0).

In Deutschland hat das Münchener Stadtderby zwischen den wohlhabenden Bayern und den Sechzigern aus dem Arbeitermilieu die größte Tradition. Die hält 1945 sogar kurz vor dem völligen Zusammenbruch, als das bayerische Stadtderby – eine Woche vor Hitlers Selbstmord im Bunker der Reichskanzlei – tatsächlich ausgetragen wird (3:2).

Doch bei Köln – Gladbach trägt der ökonomisch-soziale Ansatz nicht, heute nicht und auch nicht aus der Geschichte heraus. Köln ist immer schon dank exponierter Lage ein überragender Wirtschaftsstandort mit Schwerpunkten in Handel und Handwerk sowie zentraler Umschlagplatz gewesen. Mönchengladbachs Aufstieg ist mit der Entwicklung der Textilindustrie im 19. Jahrhundert sowie der sie begleitenden Maschinenindustrie eng verbunden. Die natürlichen Rahmenbedingungen stiften jedenfalls keine Rivalität. Die Domstadt liegt seit eh und je am Rhein und wird sich dort auch nicht mehr wegbewegen. Die Vitus-Stadt hingegen kampiert an einem unbedeutenden und in unterirdischen Kanälen versteckten Fließgewässer namens Gladbach, das über diverse Nebenflüsse wie die Niers irgendwann in Holland via Maas den Rhein erreicht. Also den mächtigen Strom, an dem Köln schon immer zugange war.

Dennoch: Zwei Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg erfasst beide Städte ein tiefgreifender Strukturwandel, der zu neuen Wirtschaftszweigen führt. Mönchengladbach tut sich schwerer, weil es (zu) lange alternativlos auf die gewohnte Textilkarte setzt. Köln ist größer, älter, dynamischer – Mönchengladbach ist zwar nie Konkurrent der Domstadt wie in jüngerer Zeit Düsseldorf, aber keineswegs auch nur der arme Vetter nahe dem Unterlauf des Flusses. Und auch wenn die Borussia sich in Abgrenzung zum vornehmen 1. FC Mönchengladbach früher gern als Arbeiterverein aus Eicken sieht: Ihre Gründerväter aus der „Marianischen Jünglings-Kongregation“ von 1900 entstammen dem bürgerlichen Lager.

Anders, aber durchaus vergleichbar der 1. FC Köln: Sein Mentor Franz Kremer, „Vater der Bundesliga“, ist 1948 bei der FC-Vereinsgründung per Fusion Vorsitzender des Kölner Ballspielclubs 01, der dem bürgerlichen Lager entstammt. Zwar kommt der Fusionspartner Spielvereinigung Sülz 07 aus dem Arbeiterbereich, aber Kremer (Spitzname: „der Boss“), Sohn eines Lokomotivführers, im Krieg beim Sonderkommando „Seelöwe“ und später wohlhabender Werbeartikel-Unternehmer, erdrückt mit früher Professionalisierung und modernem Management jegliche klassenkämpferische Sentimentalität. Sein Spruch: „Tradition hat nur dann einen Sinn, wenn der Wille zu noch größeren Taten vorhanden ist.“ Und unmissverständlich: „Wollt ihr mit mir deutscher Meister werden?“

Wenn heute am Beispiel von TSG Hoffenheim oder RB Leipzig über den Einfluss des Kapitals lamentiert wird – erfunden hat ihn zumindest in Deutschland Kremer. Er holt in den Sechzigern mit dem Stahl-Boss Otto Wolff von Amerongen einen der einflussreichsten Wirtschaftsbarone der Nachkriegszeit in den Verein. Ebenso im FC-Verwaltungsrat sitzt Anton Weiler, Finanzvorstand des Versicherungsriesen Gerling. Und weil das Vertragsspielerstatut, das der DFB 1948 nach der Währungsreform erlässt, anfangs nur eine Maximalvergütung von 320 DM pro Monat für einen Kicker zulässt und den Nachweis einer „richtigen“ Berufstätigkeit verlangt, bringt Kremer seine Leute gern im Kaufhof unter – Nationalspieler Hans Schäfer etwa in der Parfümerie-Abteilung.

Die Gladbacher können es – auf bescheidenerer Ebene – später auch. Präsident wird Anfang der Sechziger der Textilfabrikant Dr. Helmut Beyer, sein Vize der Garngrossist Helmut Grashoff. Beyer beklagt schon damals die wirtschaftliche Monostruktur in der Stadt. Aktueller VfL-Boss ist Rolf Königs, lange Präsident des Verbands der Rheinischen Textil- und Bekleidungsindustrie, zugleich erfolgreicher Geschäftsführer eines traditionsreichen Familienunternehmens, das den Sprung vom Tuchmacher zum Weltzulieferer in der Auto-Industrie gepackt hat. Und da viel textiles Stöffchen einen trockenen Hals macht, muss auch ein Bierchen her. Horst Randel, Chef von Gladbachs Hannen-Brauerei, einst größter Altbier-Produzent der Republik, wird Anfang der Neunziger VfL-Vizepräsident.


Bundesliga 1964: FC-Präsident Franz Kremer (r.) mit Bundestrainer Helmut Schön auf der Tribüne in Müngersdorf. Foto: Imago/Horstmüller

Politische Hintergründe: Manches Derby gründet sich in politischen Wurzeln. Wie Spaniens „El Clásico“ FC Barcelona – Real Madrid, eines der wenigen überzeugenden Beispiele für ein Derby ohne jede Nachbarschaft. Den Klubs aus den Metropolen – Madrid als Landeshauptstadt, Barcelona als Hauptstadt der Küstenregion Katalonien – fehlt räumliche Nähe (dafür dienen die Stadtderbys gegen Atletico bzw. Espanyol), aber sie verschärfen politische Gegensätze bis hin zur Zerreißprobe. Wie in der Franco-Ära, als der FC Barcelona zum Symbol des Widerstands gegen die madrilenische Zentralregierung wird.

Gut 40 Jahre später bricht der Konflikt am 1. Oktober 2017 wieder auf. Bei einem von der Zentralregierung als illegal eingestuften Referendum zur Unabhängigkeit Kataloniens kommt es zu massiver Polizeigewalt in Barcelona. Der Klub will sein Punktspiel gegen UD Las Palmas absagen, am Ende findet das Match vor leeren Rängen statt. Vize Carles Vilarrubi tritt zurück, Innenverteidiger Gerard Piqué erwägt seinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft. Barca-Keeper Marc-André ter Stegen aus Mönchengladbach hält sich mit Äußerungen ebenso zurück wie der argentinische Weltfußballer Lionel Messi. Solch politische Abstinenz hatte einst auch Borussia-Ikone Günter Netzer bevorzugt, als er 1973 beim Wechsel zu Real mitten in das Finale der faschistischen Franco-Diktatur kam. Da ist Bernd Schuster fünf Jahre später unbekümmerter. Als er sich in Köln mit FC-Coach Karl-Heinz Heddergott überwirft, flüchtet er nach Barcelona, und als es dort auch nicht mehr funktioniert, wechselt er zu Real Madrid.

In Deutschland gilt neben dem plakativen Gegensatz beim Hamburg-Derby (HSV konservativ, St. Pauli alternativ) als politisch geprägt das Ostberliner Duell FC Union – BFC Dynamo. Die Rivalität der Hauptstädter erwächst in drei Jahrzehnten im real existierenden Sozialismus der DDR. Hier die „Eisernen“, 1966 auf Initiative von Gewerkschaftsboss Herbert Warnke gegründet als „ziviler Fußballklub für die Werktätigen“ und Nachfolger des SC Union Oberschöneweide, 1923 deutscher Vizemeister. Dort der BFC Dynamo, Team des Establishments um Stasi-Chef Erich Mielke, bei dem so lange gespielt und gepfiffen wird, bis das Spiel gewonnen ist.

Dietmar „Kutte“ Schütze, Mitglied des BFC-Meisterteams von 1983, erzählt mir 2017 bei einem Interview mit leuchtenden Augen: „Waren schon geile Zeiten. Ich bereue nichts.“ Auch nicht seine spätere Oberliga-Zeit beim Halleschen FC Chemie, wo der Stürmer 1987 späte Rache am 1. FC Magdeburg übt, der ihn wegen seiner „Vergangenheit“ beim Stasi-Club Dynamo nicht haben wollte. Schütze macht bei einem 2:2 zwei „Buden“ gegen DDR-Nationalkeeper Dirk Heyne. Anfang 2017 bestreiten die beiden Ost-Vereine beim sachsen-anhaltinischen Landespokal ihr 100. Derby.

Heyne wechselt nach der Wende zu Borussia Mönchengladbach und macht 1992, bezeichnend am „Tag der Einheit“, gleich nach einem 1:2 im Derby gegen den FC sein erstes von 24 Bundesligaspielen für den VfL. Das führt zurück zu den Fohlen und Geißböcken. Auch im politischen Segment findet sich keine Begründung für das Rheinische Derby. Köln ist zwar älter und stets bedeutender, doch nach früher römischer Besiedlung ähneln sich die Entwicklungen der Städte im Laufe der Epochen, in denen sie von allen etwas mitbekommen. Spätestens seit der Franzosenzeit Ende des 18. Jahrhunderts, weiter über die Preußen-Herrschaft sowie Kaiserreich, Weimarer Republik und NS-Zeit bis hin zur Bundesrepublik heute. Die Bürgerrechte von den Römern, den Code Civil von Napoleon, die Pressefreiheit von den angelsächsischen Besatzern. Seither wechseln politische Strömungen am Rhein und ihre Mehrheiten munter, wobei Köln eher ein liberales Übergewicht und Mönchengladbach eher eine konservative Note hat. Aber eigentlich nix, was eine Derby-Kollision auslösen könnte.

Religiöse/weltanschauliche Hintergründe: Das „Old Firm“ zu Glasgow ist eines der ältesten Derbys der Welt und seit 1890 das meistgespielte in Europa mit über 400 Partien zwischen den schottischen Spitzenklubs Celtic und Rangers. Die Rangers in Blau sind Klub des Establishments und der protestantischen Mehrheit, Celtic in Grün-Weiß ist katholisch geprägter Verein irischer Einwanderer. Das führt auch zu patriotischer Abgrenzung im Ibrox-Stadium oder Celtic-Park. Die Celtic-Anhänger schwenken irische Fahnen, die Rangers-Fans den Union Jack.

Für Fohlen und Geißböcke lässt sich aus dem religiösen Brunnen ein Motiv für das Derby nicht schöpfen. Beide Städte sind vom Ursprung her erzkatholisch. Seit Beginn des 4. Jahrhunderts ist Köln Bischofssitz. Der Bischof übernimmt die vollständige Machtausübung in der Stadt, also auch die weltliche. Erst Ende des 13. Jahrhunderts können die Bürger sich davon befreien, als Köln ab 1288 Freie Reichsstadt wird. Keimzelle Gladbachs ist im Jahre 974 der Bau des Münsters und die Gründung einer Abtei durch den Kölner Erzbischof Gero. Mönche treiben die Besiedlung voran. Unter Erzbischof Everger kommt das Gebiet zum Erzbistum Köln. Die Abtei bleibt relativ autonom und übt über Gladbach die kirchlichen Rechte aus. Die Stadtrechte werden 1365 verliehen.

Wenn heute die Geißbock-Fans zur Saisoneröffnung bei einer ökumenischen Andacht im Dom zur Orgel die Vereinshymne „Mer stonn zo dir FC Kölle“ der Gruppe De Höhner singen (eine Adaption des nach einem Volkslied 1979 entstandenen Kultsongs „Loch Lomond“ der Schotten-Band Runrig), fahren die Fohlen zur gleichen Zeit zur Papst-Audienz in den Vatikan … Nur mit kölschem Katholizismus und einer ganz besonderen Persönlichkeit ist allerdings Folgendes zu erklären: Als Hennes Weisweiler, der Fohlen wie Geißböcke trainiert hat, 1983 stirbt, findet die Totenmesse im Hohen Dom zu Köln statt und gleicht einem Staatsbegräbnis. Mehr als 20.000 Menschen, darunter 6.000 geladene Gäste, begleiten ihn auf seinem letzten Weg. Der Leichnam ist zuvor im Dom aufgebahrt – eine Ehre, die bis dahin nur Bundeskanzler Konrad Adenauer und Erzbischof Joseph Kardinal Höffner zuteilwurde.

Doch zuweilen kann es auch von oben nicht gerichtet werden: Beim „Schicksalsspiel“ gegen Mainz 05 im April 2018 segnet Dompropst Gerd Bachner in der Halbzeitpause feierlich in der „Geißbock-Loge“ im Rhein-Energie-Stadion eine Fiale, also ein Stück Stein des Kölner Doms. Die Fans bekommen davon nichts mit – dann wär‘s ja auch nicht mehr feierlich. Es hilft nichts, der FC steigt ab.

Mentale Hintergründe: Auch mentale Unterschiede können Rivalität und Derby-Charakter auslösen. Wie beim VfB Stuttgart und Karlsruher SC. Hier konkurrieren Schwaben und Badener, die nach dem Zweiten Weltkrieg in dem Konstrukt Baden-Württemberg zusammengespannt wurden. Wobei die gegenseitige Abneigung älter ist: 1806 macht Napoleon Württemberg zum Königreich, Baden bleibt Großherzogtum. Bis Ende des 19. Jahrhunderts entwickelt sich eine badische Mentalität, die in dem Spruch „Schwôbe schaffe, Badner denke“ gipfelt. Ähnlich die Konkurrenz von Braunschweig und Hannover. Historiker führen sie zurück bis auf den Zoff von Welfen und Kurfürsten im 17. Jahrhundert. Weiter angereichert wird die Rivalität nach dem Zweiten Weltkrieg, als Hannover zur Hauptstadt des neuen Bundeslandes Niedersachsen erkoren wird. Sportlich kocht es über, als 1963 Braunschweig bei Gründung der Bundesliga dabei ist, Hannover aber nicht.

Solch mentales Konfliktpotenzial wird es wohl zwischen den nieder- bis mittelrheinischen Kölnern und den niederrheinischen Gladbachern nicht geben, zumal ja beide Städte überwiegend auf der einst von den Franzosen besetzten Seite links des Flusses liegen und nicht auf der vom Kölner gering geschätzten rechten („schäl Sick“). Zugegeben, der Kölner muss zu seinem 157,38 Meter hohen Dom geradewegs hinaufschauen können, während der Niederrheiner den freien Blick aufs flache Land braucht. Aber ist das nun kriegsentscheidend? Zumal doch Dr. Fritz Langensiepen vom Landschaftsverband Rheinland 2007 im „Kölner Stadt-Anzeiger“ die Attribute „Offenheit, Gemeinschaftssinn, Feierfreude, Redelust und Spontanität“ als Klammer rheinischer Mentalität benennt.

Da wird gar der weithin bekannte „kölsche Klüngel“ zum Gemeinsamkeit stiftenden Merkmal, von Adenauer einst umschrieben mit „man kennt sich, man hilft sich“. Oder wie der Lateiner sagt: „Manus manum lavat“ (eine Hand wäscht die andere). Gemeint ist ein Beziehungsgeflecht aus Politik, Recht, Wirtschaft, Kultur und Geistlichkeit in einem System gegenseitiger Gefälligkeit, Verpflichtung und Abhängigkeit. Böse Zungen sprechen von Korruption und Filz. Der Schriftsteller Heinrich Böll hat das Phänomen 1960 in seinem Essay „Was ist kölnisch?“ plastisch beschrieben. Der bei Kiepenheuer & Witsch erschienene Sammelband führt im Jahr darauf die „Spiegel“-Bestsellerliste an.

Während der Niederrheiner das System eher stillschweigend praktiziert, trägt der katholische Kölner es mit Stolz wie eine Monstranz vor sich her. Oder auch wie einen Karnevalsorden. 1989 beim 38. Deutschen Braumeistertag macht das Bonmot die Runde, Erzbischof Josef Kardinal Frings wäre nur deshalb nicht Papst geworden, weil er forderte, die Schweizergarde durch die Roten Funken zu ersetzen … Als aber 2015 der Effzeh als eingetragener Karnevalsverein mit einem Fastnacht-Trikot die Roten Funken ehren will, gibt es in den sozialen Medien einen Shitstorm – wegen der weißen Lätzchen, die den Kickern zum Halse heraus hängen.

Womit auch die wesentlichen Lebensinhalte des Domstädters umschrieben wären, die den Verdacht nahelegen, dass er den Buchstaben K beim Rest der Welt für sich reserviert hat: Karneval, Kicken, Kirche. Die Kölner Alliteration. Oder numerologisch: Elferrat, Elfmeter, elfter November (an dem die Katholiken St. Martin feiern). Wenn jetzt noch ein Gladbacher um die Ecke käme und fragte: „War das der mit dem Fohlen?“, wäre es wohl mit der Symbolik etwas übertrieben …

Überhaupt das Sprachliche: Identitätsforscher Langensiepen sagt auch, dass es bei aller Gemeinsamkeit unterschiedliche rheinische Regionen gebe und die Dialekte ein Schlüssel zu ihrer Mentalität seien. Nirgendwo anders auf der Welt fächern sich auf engstem Raum so viele Mundarten auf, weshalb man auch vom „Rheinischen Fächer“ spricht. Am ehesten lasse sich, so springen die Sprachforscher hilfreich bei, das Niederrheingebiet als das Land kennzeichnen, dessen Bewohner die früheren zum Niederländischen gehörenden Mundarten sprechen würden. Da kommt man unweigerlich zu einem Düsseldorfer Vorort: Die „Benrather Linie“ trennt den südniederfränkischen Sprachstamm im Norden vom ripuarischen im Süden, der auch als „kölsche Mundart“ durchgeht. Die Grenze wird ebenso als „Maken/Machen-Linie“ bezeichnet. Damit ist auch dieser Versuch gescheitert, die Rivalität der Fohlen und Geißböcke herkömmlich zu deuten: Ob nun die Gladbacher ein Tor „maake“ oder die Kölner eines „maache“, macht einen 90-minütigen Kick noch nicht zum Derby …

Ein letzter Versuch: Wenn schon Akademiker und andere kluge Köpfe es nicht schaffen, rheinische Rivalitäten zu erläutern, dann vielleicht die Spezies, deren Profession es ist, dem Volk aufs Maul und hinter die Stirn zu schauen: die Kabarettisten. Da gibt es gleich mal ein Remis: Während die kölsche Spitze Jürgen Becker erklärt, „der Kölner kann nichts, traut sich aber alles“, formuliert Altmeister Hanns Dieter Hüsch Jahre zuvor: „Der Niederrheiner an sich weiß nichts, kann aber alles erklären.“

Auf Fohlen-Seite fängt mit Hüsch jedoch das Dilemma schon an. Der 2005 verstorbene „Poet unter den Kabarettisten“ kam nicht aus Mönchengladbach, sondern aus Moers, war also nur phonetisch mit Ach und Krach auf Augenhöhe und alliterativ um Längen schlechter als die K-Fraktion (zumal Moers früher Meurs hieß). Schlimmer noch: Ende der Achtziger kürt Hüsch auch noch Köln zu seiner Wahlheimat. Mit Fußball hatte der Mann ebenfalls nicht allzu viel im Sinn, auch wenn die Beziehungsprosa über seine erste Ehefrau Marianne 1959 in der Geschichte „Frieda und der Fußball“ mündet.

Für Hüsch einspringen kann auf Gladbacher Seite niemand. Volker Pispers kommt zwar aus Rheydt und hätte wohl früher einen glänzenden WG-Partner für Borussias einstigen Linksaußen Ewald Lienen abgegeben, bleibt aber, inzwischen in Düsseldorf-Oberkassel gelandet, in seinen Programmen ausnahmslos politisch. Zur Erklärung des Derbys taugt Pispers nicht. Bei ihm tauchen fußballerisch allenfalls mal die Münchener Bayern auf, wenn etwa Angela Merkel „unschlagbar ist, wie der FC Bayern der deutschen Politik, nur eben ohne Pep“. Woran man erkennt, wie lange die Kanzlerin schon da ist und der Maestro schon weg.

Auch der Kölner Becker kämpft mit Handicaps, muss er doch bei den „ARD-Mitternachtsspitzen“ Wilfried Schmickler als Co-Moderator aushalten. Der wohnt zwar in der Kölner Südstadt, ist aber in Leverkusen geboren und bekennender Bayer-Fan. Becker gelingt es gleichwohl, beim FC typisch kölsche Seelenlagen herauszukitzeln. So etwa 2009, als er ein „Tieropfer“ vorschlägt: Geißbock „Hennes“ solle vor einem Spiel im Strafraum verbrannt werden, damit der FC wieder mal gewinne. Oder 2010, als Becker in der „Süddeutschen“ zum Besten gibt, die Zuschauerzahlen des 1. FC Köln würden sich reziprok zum Erfolg entwickeln. In der Zweiten Liga hätte man mehr Zuschauer als viele Bundesligisten: „Spätestens in der Kreisklasse braucht Köln ein größeres Stadion.“

Oder noch ein Jahr später im Fernsehen, als Becker Silvio Berlusconi als FC-Präsidenten ins Spiel bringt. Auf die Frage der „Neuen Osnabrücker Zeitung“, ob es schon so weit gekommen sei, erwidert Becker, Köln sei die nördlichste Stadt Italiens und der FC etwa so seriös gemanagt wie Italien regiert. Aber: „Viele Italiener schämen sich mittlerweile für Berlusconi. Die Kölner sind stolz auf ihren FC und feiern auch, wenn er verliert.“

Und dann gibt es 2016 auch noch diesen Becker-Spruch im „Express“: „Köln ist so etwas wie Lothar Matthäus als Stadt.“ Das verwirrt jedoch. Ist das jetzt positiv oder negativ gemeint und wenn ja, für wen? Fazit: Wenn selbst Becker mit solcher Mehrdeutigkeit keine Klarheit in die Derby-Frage bringt, ist auch dieser Versuch gescheitert.

III. Ein feiner Verein gegen ostholländische Bauern
Dior-Kunden treffen auf grenznahe Kartoffelsäcke

Eine Kölner Sichtweise zieht sich so oder ähnlich schon länger durch die Fußballgeschichte: Die Gladbacher Fohlen sind nur ein provinzieller Emporkömmling aus dem „Ost-Holländischen“ und ihre Anhänger sind „Boore“ (Bauern). So titelt im August 2003 die „Kölnische Rundschau“ vor dem Derby: „Ostholland freut sich auf Ziegenclub“. Der Boulevard kann noch anders, im September 2014 ätzt der „Express“ unter dem Motto „50 gute Gründe, ein Geißbock zu sein!“: „weil wir keine ostholländische Enklave sind.“ Und der Fernsehsender „n-tv“ beschäftigt sich 2016 mit der Vorliebe von Borussen-Keeper Yann Sommer für knallfarbene Trikots: „Was ihm ruhig jemand hätte sagen können: Ein Gladbacher Torwart in Oranje amüsiert die Fans des Erzrivalen aus Köln sicher prächtig – die verspotten die Borussia gern als Bauern aus Ostholland.“

Ostholländische Bauern. Eine nicht bis zu Ende gedachte Schmähung, die einkassiert wird von einer Erkenntnis des früheren Bundespräsidenten Gustav Heinemann: Wenn du mit dem Finger auf andere Leute zeigst, weisen drei Finger deiner Hand auf dich zurück. Der erste Ausländer, den der 1. FC Köln nur zwei Jahre nach seiner Vereinsgründung verpflichtet, ist ein … Holländer. Nationalkeeper Frans de Munck kommt von den Sittardse Boys aus der Provinz Limburg im Südosten der Niederlande, mit rund sechs Grad Ost etwa auf dem gleichen Längengrad wie Mönchengladbach gelegen. Köln liegt noch ein halbes Grad östlicher. Nach oben befinden sich die Limburger ebenfalls auf Augenhöhe mit den Kölnern und haben nicht nur den höchsten Kirchturm in Holland (wenn auch nicht halb so hoch wie der Dom), sondern auch die höchste Windmühle.

Dabei wäre die Domstadt nach dem Zweiten Weltkrieg beinahe selbst ostholländisch geworden. Bei den 1940 überfallenen Nachbarn entsteht später der Gedanke, als Reparationen westdeutsches Land einzufordern. Frits Bakker Schut, der Sekretär des Ausschusses für Gebietserweiterung, arbeitet einen detaillierten Plan mit drei Varianten aus. Die weitreichendste sieht eine Annexion von 10.000 Quadratkilometern mit 41 Städten und Landkreisen vor, darunter Aachen, Köln, Mönchengladbach, Münster und Neuss. Weil die alliierten Siegermächte dagegen sind, bleibt es 1949 bei 69 Quadratkilometern sowie den kleinen Orten Selfkant und Elten. Beide kommen 1963 wieder zurück, Deutschland zahlt 280 Millionen DM als Wiedergutmachung.

Wäre es zur großen Annexion gekommen, hätte de Munck nicht ins Ausland wechseln müssen. Von 1950 bis 1954 hütet der „schöne Frans“ und „schwarze Panther“ das Tor des FC, nachdem er zu Hause vom niederländischen Fußballverband KNVB wegen Verstoßes gegen die Amateurregeln für ein Jahr gesperrt und nach dem Wechsel ins Rheinland auch nicht mehr für die Nationalmannschaft berücksichtigt worden war. Was de Munck nicht daran hindert, Anfang 1954 mit dem 1. FC Köln zu einem Freundschaftsspiel gegen eben diese holländische Nationalelf (1:3) nach ‚s-Hertogenbosch zu reisen. So gelangt man nebenbei zugleich unversehens zu einem brisanten Länderspiel-Duell: Deutschland gegen die Niederlande. Aber was will man bei Rheinländern machen, wenn sie vom Hölzken auf ’t Stöcksken (Titel des zweibändigen „Großen Hüsch“ von 2011) kommen? Rund 40 Mal gab es das Duell mit der „Oranje Elftal“. Es ist ein internationales Fußball-Derby, etwa aus der Preisklasse England – Schottland oder Argentinien – Brasilien.

Bei einer Gesprächsrunde des Goethe-Instituts Brasilien zur Fußball-WM 2014 gewinnt der Hamburger Journalist Alexander Laux solchen Rivalitäten auf Länderebene positive Seiten ab: „Die großen Feindschaften zwischen den Nationen lösen sich im selben Grade auf, wie der Fußball sich internationalisiert.“ Einer der beliebtesten Spieler Deutschlands sei heutzutage ein Niederländer, sagt Laux damals mit Blick auf HSV-Akteur Rafael van der Vaart. Doch es gibt nicht nur das Beispiel von der Elbe, sondern auch eines vom Rhein: Was will man denn auch weiterhin machen, wenn gar ein waschechter Holländer bei Hölzchen und Stöckchen in die Vollen greift und zur EM 2012 im „Express“ voller Vorfreude die Duelle mit Deutschland auf eine Ebene mit dem Derby zwischen Gladbach und Köln stellt: „Da geht es um sehr viel, es steckt immer eine Menge Brisanz drin.“

Sagt der damalige Innenverteidiger der Fohlen, Roel Brouwers, der bei Roda Kerkrade das Kicken erlernt hat und durch seinen coachenden Landsmann Jos Luhukay über Paderborn in den Borussia-Park gelotst worden ist. Dort wird Brouwers zum Liebling der Fans („Rooooel“), nicht wegen seiner überschaubaren Fußballkunst, sondern wegen seiner Bodenständigkeit inmitten immer mehr abhebender Stars. Das hat er bereits 2009 auf die Frage der „Bild“ gezeigt, was denn bitteschön Holländer besser könnten als Deutsche? Brouwers ohne Zögern: „Pommes. Nach Spieltagen gönne ich sie mir ab und zu als ‚Frikandel speciaal‘. Eine Fleischrolle mit Curryketchup, Zwiebeln und Majo. Kann man allerdings nicht jeden Tag essen.“


Roel Brouwers wird am 7. Mai 2016 im Borussia-Park von Manager Max Eberl (r.) und Vizepräsident Rainer Bonhof verabschiedet. Foto: Imago/Revierfoto

Vordergründig rührt die Rivalität zwischen Holländern und Deutschen nicht vom Essen her, sondern vom WM-Finale 1974. Diese Darstellung spiegelt aber allenfalls die halbe Wahrheit wider. Als die Deutschen Mitte der Siebziger eher unverdient den Titel gegen den „Voetbal totaal“ der Niederlande holen, bricht beim Nachbarn mental die Vergangenheit wieder auf, als Hitler-Deutschland im Zweiten Weltkrieg das kleine Land überfallen und besetzt hatte. Mittelfeldspieler Willem van Hanegem von Feyenoord Rotterdam, der im Krieg seine halbe Familie verliert, bleibt nach dem Finale von München dem Abschlussbankett fern. Während des Kriegs spielt der als Zwangsarbeiter verschleppte Stürmer Bram Appel von 1943 bis 1945 bei Hertha BSC und wird später vom holländischen Fußballverband wegen „Kollaboration mit dem Feind“ bis 1947 suspendiert.

Und dann eben de Munck. Der Keeper ist ziemlich heftiger Kritik in der vom Amateurgedanken beherrschten Heimat ausgesetzt, als er 1950 als Vertragsspieler ausgerechnet nach Deutschland wechselt. Das ändert sich erst nach der größten Nordsee-Katastrophe des 20. Jahrhunderts, als in der Nacht auf den 1. Februar 1953 große Teile der holländischen Küste von einer Sturmflut heimgesucht werden. 1.835 Niederländer kommen ums Leben, die Regierung ruft den Notstand aus. Unter den folgenden Benefiz-Aktionen ist auch ein Fußballspiel der holländischen Auslandskicker gegen eine französische Auswahl am 12. März vor 40.000 Zuschauern im Pariser Prinzenpark, de Munck steht im Tor. Nach dem Spiel gibt der holländische Verband seinen Widerstand gegen den Berufsfußball auf. Am 14. August 1954 wird in Holland erstmals professionell gespielt, 13.000 Zuschauer sehen die Partie Alkmaar ’54 gegen den Sportclub Venlo (3:0).

Venlo 1954 und ein Sprung ins Jetzt: Das wahre Leben ist bekanntlich besser als jede schräg erdachte Satire. So kommt es im Mai 2019 zu einem gar wunderlichen Krach. Der DFB gibt bekannt, dass er das Trainingslager der deutschen Nationalmannschaft für die EM-Qualifikationsspiele Anfang Juni gegen Weißrussland und Estland im holländischen Venlo abhalten will. Quartier ist das Hotel De Bovenste Molen, die Trainingsplätze liegen am kleinen Stadion De Koel (eine direkte Entsprechung zu „De Kull“ = Bökelberg im gerade 25 Kilometer entfernten Mönchengladbach).

Ex-Bundestrainer Berti Vogts mosert auf „T-Online“: „Ich habe das für einen Aprilscherz gehalten. Der DFB kann doch nicht mehr Fan-Nähe predigen und dann im Ausland wohnen.“ DFB-Direktor Oliver Bierhoff verteidigt bei dpa die Standortwahl mit einem Trainingsspiel am Aachener Tivoli: „Wir haben ein Quartier in der Nähe gesucht. Aber die Standorte wie Düsseldorf, Mönchengladbach und Köln waren allesamt besetzt.“ Und witzelt in der „Stuttgarter Zeitung“: „Ich wollte ohnehin mal wissen, wo das halbe Ruhrgebiet am Wochenende immer einkaufen geht.“

Da freuen sich die Holländer: „Für uns ist dieses Trainingslager natürlich etwas ganz Besonderes. Wir entwickeln VVV Venlo in kleinen Schritten immer weiter und richten den Blick dabei konsequent auch auf die deutsche Seite der Grenze“, sagt laut dpa Robert Pinior, Deutschland-Verantwortlicher des niederländischen Erstligisten, über den Besuch. Das Business-Netzwerk des Eredivisie-Klubs ist mittlerweile bei fast 400 niederländischen Unternehmen, aber auch 50 deutschen Firmen als Partnern angelangt. Sportlich gibt es ebenfalls Austausch: Der Kölner Jugendspieler und Innenverteidiger Steffen Schäfer, zuletzt 1. FC Magdeburg, kommt zur Saison 2019/20 zu VVV. Dafür wechselt zur gleichen Zeit der gerade erst fest verpflichtete Ex-Borussen-Stürmer Peniel Mlapa zum Al Ittihad Kalba Sports Club in die Emirate.

Zurück in die Historie. Auf Frans de Munck folgen weitere Niederländer in den Reihen der Geißböcke. Wie Stürmer Bart Carlier von 1952 bis 1953, ein waschechter ostholländischer Niederrheiner, der aus Venlo kommt und in seinem einzigen Spiel gegen Borussia Mönchengladbach mal gleich zwei Tore schießt. Oder Michel van de Korput von 1985 bis 1987 und Anthony Lurling von 2005 bis 2006.

Und dann ist da noch die Geschichte des heutigen VfL-Vizepräsidenten Rainer Bonhof, der in seiner Karriere für die Fohlen und für die Geißböcke spielt. Eine Geschichte, die heute in der EU-Bürokratie unmöglich wäre: Bonhofs Familie ist holländisch, lebt aber im deutschen Grenzort Emmerich, wohin der Großvater einst der Liebe wegen von Doetinchem umgezogen war. Als Jugendlicher kickt Bonhof für SuS Emmerich, wird in Kreis- und Verbandsauswahl berufen und in einem Jugendlager in Duisburg vom DFB-Jugendtrainer Udo Lattek entdeckt. 1969 soll Bonhof sein Junioren-Länderspieldebüt in Geleen geben – gegen Holland. Bisher hat er für Spiele und Lehrgänge keinen Pass gebraucht. Im Grenzgebiet ist es damals – auch in die andere Richtung – nicht unüblich, beim Nachbarn hinter dem Zaun zu kicken. DFB-Trainer Herbert Widmayer erzielt Einigung mit dem Kollegen von jenseits der Grenze: Der Holländer Bonhof spielt am 18. Oktober 1969 für Deutschland gegen Holland (1:1). Im März 1970 nimmt Bonhof die deutsche Staatsangehörigkeit an, geht zu Weisweiler nach Gladbach und wird 1974 Weltmeister – im Endspiel gegen die Niederlande. Ein Jahr später holt der Borusse auch noch gegen die Holländer vom FC Twente Enschede den UEFA-Cup.

Nicht vergessen sollte man zudem einen Mann, den die FIFA 1999 zum „Trainer des Jahrhunderts“ kürt: Rinus Michels aus Amsterdam, Vater des „Voetball totaal“, der Oranje 1974 zur Vizeweltmeisterschaft und 1988 zum EM-Titel führt. Und 1983 mit dem 1. FC Köln den DFB-Pokal gewinnt.

Alles Boore oder was – mal ganz abgesehen davon, dass der Erwerbsberuf des Landwirts ein durchaus ehrenwerter ist? 2011 erklärt FC-Archivar Dirk Unschuld im Online-Portal „Der Westen“ der Funke-Mediengruppe etwas treuherzig: „Der FC wurde damals als feiner Verein wahrgenommen …“. Nun ja, immerhin tritt er ab 1962 auch in Seidentrikots von Dior aus Paris an. Wie zumindest kolportiert wird, ebenso eine Verbindung zum Designer-Konkurrenten Jacques Fath. FC-Haudegen wie Karl-Heinz Thielen, Wolfgang Weber und Hannes Löhr ziehen es 50 Jahre später leise in Zweifel, andere wie Präsident Wolfgang Overath thematisieren es laut „Bild“ sogar zum 60-jährigen Bestehen im Jahr 2008. Overath wird auch der Spruch angehängt, dass die anderen „in Kartoffelsäcken rumgelaufen“ seien.

Der FC spielt jedenfalls komplett in Weiß, was seinerzeit eigentlich den Königlichen von Real Madrid („das weiße Ballett“) und dem Pelé-Club FC Santos in Brasilien vorbehalten ist. Kurz darauf tritt auch der ebenso ärmliche wie hemdsärmelige Provinzklub Borussia Mönchengladbach ungefragt dieser illustren Vereinigung bei. Als Lieselotte Weisweiler die schwarzen Trikots der Kicker ihres Mannes als zu „traurig“ erscheinen, werden sie 1964 durch weiße ersetzt.

Hennes Weisweiler selbst sorgt später, 1977 wieder Trainer bei den Geißböcken, ein weiteres Mal für fein gewebte textile Grenzüberschreitungen. Weil er die Ausgeh-Anzüge für eine Fernostreise des FC unbedingt von seinem (Gladbacher) Lieblingsausstatter haben möchte, trickst er und muss am Ende seinem entsetzten Präsidenten Peter Weiand das Etikett „Exquisit Herrenmoden Mönchengladbach“ im Inneren der Jacketts wahrheitswidrig erklären: „Chef, da machen Sie sich mal keine Gedanken. Der Laden hat auch einen Sitz in Rodenkirchen.“ So erzählt es 2017 der hochbetagte ehemalige Modeunternehmer und Inhaber Bert Jerabeck (93) der „Rheinischen Post“.

2016 schreibt das Wiener Fußballmagazin „ballesterer“ über den 1. FC Köln: „Doch den Verein, der sich schon früh auf gutes Management und Marketing verstand, umgab auch das Image, elitär und arrogant zu sein.“ Erneut FC-Archivar Unschuld: „Der FC hat als ‚Feine Pinkel‘-Klub gegolten, das Image hat sich bis in die 1980er Jahre gehalten.“ Zum 50. Todestag von Vereinsboss Kremer erinnert sich Karl-Heinz Thielen 2017 im „Express“: „Es hieß immer, da kommen sie wieder, diese eingebildeten Kölner. Doch das waren wir gar nicht. Aber Franz Kremer hatte dem Fußball das Biertheken-Image genommen. Wir hatten die geschniegeltsten Anzüge, waren immer pünktlich, immer höflich.“

Die Gladbacher hatten da offensichtlich mehr zu kämpfen. Der verstorbene VfL-Manager Helmut Grashoff berichtet in seinen Memoiren über den „Ball ohne Ball“ Anfang 1970 in der Kaiser-Friedrich-Halle mit Show-Größen wie Max Greger, Rudi Carell und Peggy March: „Ein Großereignis, das uns auch gesellschaftlich auf die Beine helfen sollte.“ Dort hätte man in Gladbach noch eher die Nase gerümpft: „Wohl wegen der Tatsache, dass Borussia sich aus dem Arbeiter-Stadtteil Eicken entwickelt hatte, der nicht als feinste Adresse galt.“

Anders die Kölner. Ein feiner Verein. Das Real Madrid des Westens. An dieser Stelle blitzt in der Tat ein Phänomen auf, das zumindest im Ansatz als allgemeines Argument für die Rivalität zwischen Fohlen und Geißböcken herhalten kann: die Arroganz der Metropolen gegenüber ihrem Umland. Der Geschichtsphilosoph Oswald Spengler hat in seinem Hauptwerk „Der Untergang des Abendlandes“ von 1921 den Hochmut der großen Städte beschrieben: „Die neue Seele der Stadt redet eine neue Sprache, die sehr bald mit der Sprache der Kultur überhaupt gleichbedeutend wird. Das freie Land mit seinen dörflichen Menschen ist betroffen; es versteht diese Sprache nicht mehr; es wird verlegen und verstummt.“ Bereits 1903 spricht der Soziologe Georg Simmel von der „Blasiertheit“ der Großstädter.

Nicht anders ist es in der Großstadt Köln. „Für die sind wir hier nur die Bauern“, schimpft 2005 der SPD-Politiker Guido van den Berg aus Grevenbroich, Vize-Landrat des Rhein-Erft-Kreises, heftig über den Kölner Stadtrat. Beim FC ist man da voll auf Kurs. Manager Michael Meier erhöht bei der Generalversammlung 2006 (als Zweitligist) die Ansprüche ultimativ: „Ich vermisse die elitäre Arroganz im Verein!“ Die „Welt“ versieht daraufhin einen Zeitungsbericht mit der süffisanten Schlagzeile „Erfolgreicher Realitätsverlust“.

IV. Kaffeebud-Metropole und zwei Provinz-Hauptbahnhöfe
Wie Kölner und Gladbacher ihre Identität ausleben

Metropole Köln und der FC. Doch wie verhält es sich tatsächlich mit dem Verhältnis von Anspruch und Wirklichkeit, auch im Vergleich zu anderen? Augenscheinlich gibt es zwischen Stadt und Fußballverein ein Wechselspiel der Identitäten, wie man 2016 einem Buch des Kölner Autors Frank Steffan zum FC-Double von 1978 entnimmt: „Ich denke, es ist möglich zu sagen, dass der FC ein Abbild der Stadt ist und Köln ein Abbild des FC.“ Es komme nicht von ungefähr, meint Steffan, dass der FC zum Ende der Siebziger die dominierende Mannschaft in Deutschland war „und dass Köln seinerzeit mit New York konkurrieren konnte“. Denn: „Ohne einem Masterplan zu folgen, hatte sich Köln mehr als nur in Ansätzen zu einer echten Metropole entwickelt.“

Ebenfalls von Steffan folgt ein Dokumentarfilm zum Double, dessen Bewerbung schwierige Crossover-Vergleiche anstellt: „Köln war seinerzeit die europäische Kunstmetropole, auf Augenhöhe mit New York. Köln war darüber hinaus die Partystadt schlechthin. Köln pulsierte, man sprach von ‚Swinging Cologne‘. Die Jahre 1977 und 1978 waren zudem eine lang nachwirkende Zeitenwende. Die Schleyer-Entführung 1977, in unmittelbarer Nähe des Müngersdorfer Stadions, markierte einen politischen Bruch in ganz Deutschland.“

Na ja, ich habe damals in Köln studiert und nicht so viel von weltstädtischem Flair verspürt. An der Uni geht es mit Ausnahme von Rangeleien in überfüllten Hörsälen eher beschaulich zu. Das Uni-Center an der Luxemburger Straße mit 45 Etagen und 1.000 Wohnungen auf 135 Metern Höhe, wo nach Kunde von Studien-Veteranen noch wenige Jahre zuvor der Verfassungsschutz seine Feldbetten aufschlägt, wirkt auf mich eher bieder. Feiern in der Altstadt ist für mich ebenfalls nicht unbedingt on top, und musikalisch erlebe ich zwar die Stones, Santana und Joe Cocker, anderswo in Düsseldorf aber Eric Clapton, Elton John und ZZ Top. Und in der Fohlen-Heimat? Auch in Mönchengladbach hängt kein Pferdehalfter an der Wand, sondern finden Gigs mit Yes oder Status Quo statt.

2018 vertieft Steffan seine kölsch-globale Sicht im Netz-Portal „effzeh.com“: „Gleichzeitig war Köln zu diesem Zeitpunkt eine europäische Metropole, und ich würde mal behaupten, die Domstadt so etwas wie die heimliche Hauptstadt.“ Dieses früher weit in den Sportsektor ausstrahlende kölsche Denken hat eine ausgeprägte Tradition im 20. Jahrhundert, maßgeblich befördert vom Oberbürgermeister Konrad Adenauer und dem Sportdezernenten Heinrich Billstein in den Zwanzigern und Dreißigern. Die Stadt bewirbt sich auch um die Ausrichtung der Olympischen Sommerspiele 1936, bevor Berlin den Zuschlag bekommt. Und nach dem Krieg, als die Deutsche Hochschule für Leibesübungen von Dr. h.c. Carl Diem 1947 am Rhein als Kölner Sporthochschule neu eröffnet, findet sich nur sechs Jahre später im Jahresbericht des Kölner Zweckverbandes für Leibesübungen der Anspruch, zur „geistigen Zentrale des deutschen Sports“ zu werden.

Wobei andererseits die Domstädter wohl grundsätzlich nicht immer wissen, was sie eigentlich wollen. Im „Kölner Stadt-Anzeiger“ beschreibt Psychologe Stephan Grünewald im Fußball-Zweitliga-Jahr des FC 2007 die Befindlichkeit des Kölners so: „Einerseits will er Metropole sein, am liebsten das Zentrum der Welt; gleichzeitig will er die Gemütlichkeit einer Kaffeebud bewahren.“

Der Psychologe charakterisiert die kölschen Einwohner als „Weltmeister im sentimentalen Frohsinn“ und macht das auch an den FC-Heimspielen fest: Die wichtigste Zeit für den Kölner sei die halbe Stunde vor dem Anpfiff, weil er da die FC-Größe ausleben und besingen könne. „Wenn die Spieler auf den Rasen kommen, bricht die Spannungskurve zusammen.“ Der 2015 verstorbene Trainer Udo Lattek, von 1987 bis 1991 FC-Sportdirektor, hat das im Jahr 2010 so auf den Punkt gebracht: „Im Kölner Stadion ist immer so eine super Stimmung, da stört eigentlich nur die Mannschaft.“ Nochmals Psychologe Grünewald: „Weil die Kölner nicht fähig sind zu bedingungsloser Konsequenz, beäugen sie argwöhnisch das, was andere Städte wie vor allem Düsseldorf vom Zaun brechen, die in ihrer Metropolen-Sehnsucht konsequenter agieren.“

Oder, um ins Thema zurückzukommen, wie die Gladbacher, die im Mai 1977 im Endspiel von Rom gegen den FC Liverpool (1:3) trotz ihres provinziellen Zuschnitts alles versuchen, die Champions League zu gewinnen, die damals noch Europapokal der Landesmeister heißt. Das Scheitern gegen die „Reds“ vereint die beiden Vereine aus dem Rheinland. Weitaus dramatischer scheiden die Geißböcke mehr als 20 Jahre zuvor im März 1965 gegen Liverpool im Viertelfinale beim Entscheidungsspiel in Rotterdam (2:2) durch einen schnöden Münzwurf des Schiedsrichters aus. Das war an Pech nicht mehr zu überbieten.

Wohin aber grundsätzlich eine gesteigerte Anspruchshaltung führen kann oder auch nicht, vermittelt ausgerechnet die Kölner Parade-Sage schlechthin: Der arme Knecht Jan van Werth verliebt sich in die Magd Griet, die seinen Heiratsantrag aber ablehnt, weil sie eine bessere Partie für sich anstrebt. Tief verletzt lässt Jan sich fürs Militär anwerben, zieht in den Dreißigjährigen Krieg und bringt es bis zum General. Als er nach einer Schlacht im Triumphzug durch das Severinstor in Köln einzieht, entdeckt er Griet auf dem Markt, die dort Obst verkauft. Er steigt vom Pferd, zieht seinen Hut und sagt: „Griet, wer et hätt jedonn!“ („Griet, wer es getan hätte!“). Griet antwortet: „Jan, wer et hätt jewoss!“ („Jan, wer es gewusst hätte!“). Jan reitet davon.

So ist das halt mit dem Spatz und der Taube. Geschieht der Frau recht, werden die Gladbacher sagen, so geht man nicht mit einem Jan van Werth um, den es wirklich gegeben hat und der – wie Jahrhunderte später Berti Vogts – aus Büttgen stammte. Etwas Schadenfreude darf schon sein beim provinziellen Underdog … Vielleicht auch etwas Neid.

Die Tradition spielt hierbei eine zweischneidige Rolle. Die Ziffer „1“ im Vereinsnamen der Kölner bedeutet 1948 bei der Gründung ja den elitären Anspruch, der sportlich Beste zu sein oder zu werden. Nicht etwa die historische Zuweisung als ältester Verein der Domstadt. Im „11Freunde“-Interview von 2011 erläutert der Ex-Stürmer und spätere Manager Karl-Heinz Thielen Hintergründe: „Es wurde Franz Kremer zum Vorwurf gemacht, dass er den Klub, der aus der Fusion von Sülz 07 und Kölner BC hervorging, 1. FC Köln nannte. Andere Vereine wie der VfL 99 hatten mehr Tradition und waren größer. Das haben die Kölner nicht vergessen. In der Stadt waren viele eifersüchtig auf unseren Erfolg.“ Nur am Rande: Der Vorschlag zur Namensgebung kommt nicht von Kremer, sondern vom Sülzer Vereinsboss Karl Büttgen.


FC-Stürmer Karl-Heinz Thielen mit der Meisterschale am 12. Mai 1962 inmitten der jubelnden Menge nach dem 4:0 über den 1. FC Nürnberg. Foto: Imago/Hartung

Ältester Kölner Fußball-Verein ist der Internationale Fußball-Club Cöln vom 6. Mai 1899, später Kölner Fußball-Club 1899, noch später VfL 99. In seinen Reihen spielen auf dem Exerzierplatz am Neußer Ring und später im Weidenpescher Park Leute wie der hoch veranlagte Verteidiger Willi Raffenberg, der spätere DFB-Präsident Peco Bauwens, der französische Stürmer le Roi oder der holländische Mittelläufer van Hell. Ebenfalls im Mai 1899 – und jetzt muss der Effzeh-Fan ganz tapfer sein – gründen Mitglieder der Kölner Turnerschaft von 1843 den FC Borussia (lateinisch für Preußen) 99 Köln, der „seinem Namen entsprechend die schwarz-weiße Bluse als Clubtracht wählte“, wie die Kölner Fußball-Chronik ausweist.

Bereits ein Jahr später folgt 1900 am Niederrhein die Gladbacher Borussen-Konkurrenz. Und so besteht man dort als Verein fast doppelt so lange wie der Effzeh. Aber: Köln am Rhein ist als Stadt mehr als 1.300 Jahre älter und heute gut viermal größer als Mönchengladbach an der Niers. Auch dort beschäftigen sie sich mit gewagten Identitäts-Thesen. 2017 erklären Oberbürgermeister Hans-Wilhelm Reiners und Borussen-Präsident Rolf Königs im Bewerbungsbrief an den DFB für einen EM-Spielort Mönchengladbach 2024: „Kaum eine Stadt und ein Verein sind so eng miteinander verwoben wie Mönchengladbach und die Borussia.“

Was für eine Europameisterschaft wenig Relevanz hat und außerdem zu beweisen wäre. Oder kommt hier „die Kunst der reinen Vermutung“ als Wesen des Niederrheinischen zum Tragen, deren pointierte Entlarvung dem „Zeit“-Textchef Christof Siemes zugeschrieben wird, ebenso die Geißelung der sprachlichen Form als „hemmungslos assoziierendes Schwadronieren“? Was ja nichts anderes ist als die vornehme akademische Umschreibung von Hölzchen und Stöckchen. Siemes, auch Romanautor nach dem Drehbuch des Sönke-Wortmann-Films „Das Wunder von Bern“, könnte es als gebürtiger Rheydter wissen, der nach eigenem Bekunden „im Schatten des Bökelbergs“ sozialisiert wurde.

Mönchengladbachs EM-Bewerbung 2024 scheitert krachend. Wobei die aus der Vitus-Stadt es bis heute noch nicht einmal geschafft haben, ihr recht überschaubares Hoheitsgebiet am Niederrhein einheitlich in den Köpfen der Bewohner zu verankern, weil sie nach wie vor mental in kleinteiligen Denkstrukturen verharren. Und so leisten sie sich zwar als einzige deutsche Stadt zwei Hauptbahnhöfe in ihren Mauern, aber keine ordentliche Verkehrsinfrastruktur, wie sie denn eine Fußball-Europameisterschaft wohl bräuchte. Die Umsetzung eines Masterplans 3.0 des britischen Architekten Nicholas Grimshaw von 2010 mit der „dritten Gründung“ (nach Mönchsansiedlung von 974 und Gebietsreform 1975 tausend Jahre später) dürfte auf sich warten lassen.

Andererseits: Wenn Gladbach es gelingt, sich im Fußball gegen prosperierende Großstädte wie Köln und Düsseldorf oder das von einem Weltkonzern alimentierte Leverkusen zu behaupten, ist das die Antwort auf dem Platz auf den angestammten Hochmut der großen Nachbarn. Losgelöst vom Rheinischen gibt es ein noch eingängigeres Beispiel: Als 1971 der Weltpokalsieger Internazionale Mailand zum Europapokal-Auswärtsspiel an den Bökelberg reist (und dort ein historisches 1:7 kassiert), denken die Italiener, Mönchengladbach sei ein Vorort von München. Nach sieben Gegentoren und einer Cola-Dose muss keiner von ihnen mehr im Atlas nachschauen …

Längst dürften an dieser Stelle die Düsseldorfer Fußball-Freaks mit den Hufen scharren. Die Frage ist ja berechtigt: Warum wurde die 1895 gegründete Fortuna bei der Derby-Diskussion bisher weitgehend ausgespart? Schreibt doch selbst besagter Schweizer Derby-Professor Christian Koller vom „Rhein-Derby zwischen Fortuna Düsseldorf und dem 1. FC Köln“, das wie andere Lokalspiele seine Brisanz nicht selten gewinne „durch eine in der Alltagskultur tief verwurzelte Rivalität benachbarter Städte“.

Die Landeshauptstadt Düsseldorf liegt nur 35 Kilometer von der Metropole Köln entfernt. Mental ist man voll auf Konfrontationskurs – ganze vier Düsseldorfer Stadtteile liegen auf der linken Rheinseite. Und historisch haben die Scharmützel zwar nicht mit der Schlacht von Worringen 1288 und ein paar Düssel-Bauern gegen den Kölner Mega-Bischof begonnen, wie oft gesagt wird, aber doch spätestens Anfang des 19. Jahrhunderts, als Napoleon am Fluss auftaucht. Da wird der Zwist zum Kampf um die Augenhöhe der Hochstapler und Emporkömmlinge.

Was zu erklären ist. Köln bezieht über Jahrhunderte seine führende Position auch aus dem „Stapelrecht“. Das wird 1259 von Erzbischof Konrad von Hochstaden verliehen und besagt, dass verschiffte Waren mit einer Reichweite von 100 Kilometern flussab- und aufwärts in Köln umgeladen werden müssen und die Stadt ein Vorkaufsrecht hat. Napoleon schafft das Privileg ab. Mit der späteren Industrialisierung steigt die Standort-Rivalität zwischen Köln und Düsseldorf weiter.

Düsseldorf, wirtschaftlich und gesellschaftspolitisch (nicht unbedingt gesellschaftlich) stets im Schatten Kölns, entwickelt sich zum „Schreibtisch des Ruhrgebiets“. Im Unterschied zu den „dreckigen“ Produktionsorten im Pott wird man zur „sauberen“ Verwaltungshochburg und administrativen Zentrale. Da ist von NRW-Landeshauptstadt oder Bonn als provisorischer Bundeshauptstadt noch gar nicht die Rede … Das so gedemütigte Köln hingegen wird zur Metropole für das Banken- und Versicherungswesen und in jüngerer Zeit auch der Medien. Andere Unterscheidung: 700 Jahre nach der Schlacht bei Worringen erbringt ein stadtgeographischer Befund des Kölner Stadtarchivs von 1988, dass Köln als Verkehrsknotenpunkt auf Wasser, Straße und Schiene seine Stärken habe, während Düsseldorf im Luftverkehr die Nase vorn habe und besser im Dienstleistungsgewerbe positioniert sei.

Solche erdrückenden ökonomischen Fakten ermutigen 2013 Holger Beßlich im Portal „HalbangstBlog“, mit einem launigen Bekenntnis im Netz die Paarung „F95 vs. Effzeh“ unter Missachtung von Mönchengladbach als das wahre Rheinische Derby auszurufen: „Die Fohlen-Truppe ist da nur der niedere Anrainer. Gefühlt schon in Holzklotschen unterwegs.“ Beßlichs folgender vermeintlicher Großmut kommt allerdings eher als Eifersucht daher: „Wenn man sich seit mehr als 725 Jahren mit einem südlichen Nachbarn liebt und neckt, kann man auch dem neu zugezogenen Kind vom linken Niederrhein mal das Gefühl lassen, seine 50 Jahre junge Rivalität wäre von wahnsinnig hoher Bedeutung.“

Schön und gut. Dazu noch ein lustiges Helau gegen Alaaf, ein süffiges Alt gegen Kölsch, ein eisiges DEG gegen Haie und rotzige Tote Hosen gegen rostige Bläck Fööss. Doch wie hatten wir festgestellt, ebenfalls im Einklang mit Forscher Koller: Alle fordern für die Zuerkennung der Derby-Qualität gleiche sportliche Augenhöhe. Daran scheitert es bei den Fortunen, die 1933 einmal Deutscher Meister werden. Zudem gibt es zwei Pokalsiege 1979 und 1980 gegen Hertha sowie – hört, hört – den 1. FC Köln. 1979 erreicht man das Endspiel im Europapokal der Pokalsieger und unterliegt dem FC Barcelona 3:4 nach Verlängerung. Schwerer wiegt, dass die Fortuna nach der längsten Phase ihrer Erstliga-Zugehörigkeit von 1971 bis 1987 zur Fahrstuhlmannschaft verkommt und Anfang der 2000er Jahre sogar viertklassig ist. VfL-Manager Max Eberl: „Da haben sie dann gegen unsere zweite Mannschaft gespielt …“

Düsseldorf und Köln kommen lange gar nicht mehr in Erstliga-Duelle. Das ändert sich momentan wieder, aber in diesem Jahrtausend stehen ansonsten mal gerade zwei Pflichtspiele in der Zweitliga-Saison 2013/14 zu Buche. Umgekehrt verhält es sich bei Bayer Leverkusen, 1904 gegründet, abgesehen von fünf Jahren in der Oberliga West aber bis zum Bundesliga-Aufstieg 1979 nie erstklassig und deshalb als gestandener Partner für das Rheinische Derby keine erste Wahl. Dennoch pikant: Ein Jahr nach der Vereinsgründung gewinnt der 1. FC Köln 1949 die Aufstiegsendspiele zur Oberliga West gegen … Bayer Leverkusen und bleibt bis zum ersten Bundesliga-Abstieg 1998 fast ein halbes Jahrhundert am Stück erstklassig.

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