Kitabı oxu: «Öffne mir das Tor zur Welt»
Helen E. Waite
Öffne mir das Tor zur Welt!
Das Leben der taubblinden Helen Keller und
ihrer Lehrerin Anne Sullivan
Aus dem Amerikanischen von Sabine Gabert
Verlag Freies Geistesleben

Inhalt

Charlie Chaplin mit Helen (Mitte), Anne (rechts) und einer Unbekannten
Vorbemerkung
Die Personen, Orte und Geschehnisse dieses Buches sind authentisch, die Gespräche basieren auf den Schriften von Helen Keller, Anne Sullivan Macy und anderen Quellen aus erster Hand.
Alle Berichte und Briefe, die sich auf Mr. Gilmans Versuch beziehen, Annie Sullivan von ihrer Schülerin zu trennen, wurden von Dr. Alexander Graham Bell aufbewahrt und befinden sich bei den Akten im Bell Room der National Geographic Society, Washington, D.C.
Die Verfasserin dankt Miss Helen Keller für ihre freundliche Genehmigung, diese Biografie zu schreiben; Mr. Nelson Coon, Bibliothekar der Perkins-Blindenschule, und seiner Assistentin, Miss Florence J. Worth, für ihre herzliche Gastfreundschaft und großzügige Unterstützung; Mr. Daniel J.Burns, Vorsitzender des Taubblinden-Departments, sowie seinen Mitarbeitern für die Möglichkeit, die heutigen Unterrichtsmethoden für taubblinde Kinder kennenzulernen; Miss Gayle Sabonatis für einen persönlichen Einblick in das tägliche Leben eines taubblinden Mädchens; vor allem aber Miss Helen M. Vreeland für ihre unschätzbare Hilfe während unseres Aufenthaltes in der Perkins-Schule.

Helen betastet eine Nike-Statue
Ein Tag des Triumphs
«Nur noch eine winzige Kleinigkeit, und dann bist du fertig.» Sanft zupfte Mrs. Hopkins ihr ein letztes Löckchen zurecht und trat einen Schritt zurück, um ihr Werk mit kritischen Augen zu betrachten, dann nickte sie zufrieden. «Mr. Anagnos hat recht – du siehst wirklich genauso aus wie Miss Frances Fulsom!»
Annie warf einen kurzen Blick in den Spiegel über Mrs. Hopkins’ Kommode, und ein freudiger Schauer lief ihr über den Rücken. Es erschien ihr immer noch wie ein Wunder, dass sie, die die ersten sechzehn Jahre ihres Lebens so gut wie blind gewesen war, sich tatsächlich selbst im Spiegel sehen konnte! Ja, sie konnte selber sehen, dass sie Frances Fulsom ähnelte, dem Mädchen, das die Braut von Präsident Cleveland war! Mrs.Hopkins hatte Annies dunkles Haar hoch aufgetürmt über dem Kopf festgesteckt, ihr über der Stirn mit ihrem eigenen Brenneisen Löckchen gelegt, und in ihrem hübschen Musselinkleid mit den halblangen Ärmeln und den drei mit Spitzen besetzten Rüschen hätte man Annie tatsächlich für eine Braut halten können. Flüchtig überlegte sie, ob die Braut im Weißen Haus wohl noch aufgeregter war als Annie Sullivan in diesem Augenblick.
«Nun», sagte Mrs. Hopkins und wandte sich einer geheimnisvollen Schachtel zu, die auf dem Bett lag. Annie stockte der Atem, als aus den vielen Lagen von Seidenpapier eine breite Schärpe aus glänzendem rosa Satin hervorkam. Die Finger der älteren Frau streichelten darüber hin, ehe sie Annie anblickte. «Sie gehörte Florence», sagte sie ruhig. «Sie trug die Schärpe zu ihrer Examensfeier. Ich möchte, dass du sie heute trägst.»
Das war wie ein Ritterschlag, denn Annie wusste, wie hoch in Ehren Mrs. Hopkins alles hielt, was ihrer Tochter gehört hatte, deren Leben so kurz gewesen war.
«Und nun habe ich wieder ein Mädchen, das seinen Abschluss feiert!» Mrs. Hopkins strich noch ein letztes Mal über die Schärpe und nickte zufrieden. «Du siehst reizend aus! Nun geh! Mr. Anagnos würde es sicher nicht gefallen, wenn die Festrednerin zu spät käme.»
Das Gefühl der Unwirklichkeit, das Annie den ganzen Tag über empfunden hatte, verstärkte sich, als sie Tremont Temple erreichte, wo die Abschlussfeiern des Perkins-Institutes, der Blindenschule von Massachusetts, abgehalten wurden. War das wirklich wahr, dass sie, Annie Sullivan, tatsächlich die Festrede für die Examensklasse des Jahrgangs 1886 halten sollte? Vor den Stufen zum Podium lächelte ihre Lieblingslehrerin, Miss Mary Moore, sie an, als sie ihr ein Bukett rosafarbener Rosen am Gürtel festmachte, deren Duft sie sanft betäubte. Dann ergriff Mr. Anagnos, der Direktor von Perkins, ihre Hand und führte sie zu ihrem Platz; er flüsterte ihr ein paar ermutigende Worte zu, die sie vor lauter Aufregung kaum vernahm. Wieder schauderte sie, aber diesmal nicht vor Freude!
Das Publikum! Wie konnte sie dem nur gegenübertreten! So viele Menschen! Und dann noch so berühmte wie Mrs. Julia Ward Howe, die Verfasserin von Battle Hymn of the Republic, und Mrs. Livermore, eine begeisterte Frauenrechtlerin, sowie der Gouverneur von Massachusetts. Wie im Traum hörte sie die Musik, die Ansprachen – sie fühlte, wie ihr eiskalte Schauer den Rücken herunterrieselten, ihre Kehle sich von Minute zu Minute mehr zusammenschnürte, und plötzlich war sie an der Reihe. Mit einer freundlichen Bewegung wandte sich der Gouverneur ihr zu und kündigte an: «Die Festrede – von Miss Annie Mansfield Sullivan!» Es gelang Annie, sich zu erheben, aber ihre Knie zitterten derart, dass sie das Gefühl hatte, sie würden unter ihr nachgeben! Sie zögerte so lange, bis der Gouverneur ihren Namen noch einmal rief. Und dann nahm sie all ihren Mut zusammen und schritt zur Mitte des Podiums. Der gütige Mann begann höflich Beifall zu klatschen, und nach einem leisen «Meine Damen und Herren –» bemerkte Annie erstaunt und erleichtert, wie ihre Stimme ihr gehorchte und sie klar und deutlich die kleine Ansprache vortrug, die sie niedergeschrieben und so oft geprobt hatte. Die Umgebung nahm wieder die gewohnten Umrisse an, und sie vermochte die freundlichen, interessierten Blicke der Zuhörer vertrauensvoll zu erwidern. Von freudiger Erregung ergriffen, kam sie zum Schluss und verbeugte sich dankend, als wiederum geklatscht wurde – ganz spontan diesmal und nicht aus bloßer Höflichkeit. Wie herrlich aufregend!
Was sich nach der Beendigung des Programms abspielte, davon blieben ihr nur wirre und flüchtige Eindrücke. Sie konnte sich erinnern, dass Dr. Samuel Eliot, einer der Treuhänder von Perkins, ihre Ansprache lobte und dass Mr. Anagnos abwechselnd strahlte und sich die Nase putzte. «Du hast Perkins Ehre gemacht, meine liebe Annie, große Ehre. Und wenn ich daran denke, wie du vor sechs Jahren zu uns kamst.»
Miss Moore konnte ihr nur einen flüchtigen Kuss geben, während Mrs. Hopkins in dem Gedränge nicht einmal das gelang. Aber ihre Klassenkameradinnen und andere Perkins-Schülerinnen scharten sich um sie, gratulierten ihr und wollten sie «sehen». Mit dem Verständnis, das aus der Zeit ihrer eigenen Blindheit herrührte, ließ sie ihnen genügend Zeit, ihre forschenden Finger über ihr Kleid und ihre modische Frisur gleiten zu lassen, während sie lachend auf ihre Bemerkungen und ihr Lob einging. Selbst Laura Bridgman, die berühmte taubstumme und blinde ehemalige Schülerin des Instituts, war anwesend, wie immer bei bedeutenden Veranstaltungen von Perkins.
Und dann war endlich alles vorbei, und sie befand sich wieder in ihrem kleinen Zimmer in der Schule. Leise schloss sie die Tür hinter sich. Die anderen Mädchen schwelgten noch in Erinnerungen an die aufregenden Ereignisse der Feier, aber sie musste erst einmal allein sein, um das Wunder und die Herrlichkeit dieses unglaublichen Tages noch einmal voll auskosten zu können.
Ganz langsam löste sie die Rosen aus ihrem Gürtel und stellte sie in ein Glas mit Wasser. Zögernd nahm sie die Schärpe ab, legte sie auf das Bett und strich mit liebevollen Fingern darüber hin: Ob sie sie wohl jemals wieder tragen würde? Aber wenigstens das Kleid gehörte ihr. Wie gut doch Mrs. Hopkins gewesen war, es für sie zu nähen, obgleich sie mit ihren Pflichten als Hausmutter von Annies Gruppe so viel zu tun hatte! Sie saß auf der Kante ihres Bettes, streichelte die winzigen Knöpfe, als seien es echte Perlen, und liebkoste die Rüschen und die Spitze. Und um die weißen Seidenschuhe auszuziehen, brauchte sie ihre ganze Willenskraft – sie, Annie Sullivan, hatte weiße Seidenschuhe! Plötzlich verdunkelten sich ihre Augen. Sie dachte an die Annie Sullivan, die vor sechs Jahren ins Perkins-Institut gekommen war, vierzehn Jahre alt und nahezu blind. Sie war wohl das am meisten verwahrloste, ungebildetste und widerspenstigste Geschöpf gewesen, das Perkins je aufgenommen hatte. Die einzige Kleidung, die sie besaß, waren zwei groben Hemden und zwei Baumwollkleider.
«Annie!» Ungeduldig riefen die Mädchen nach ihr. «Annie!» Annie tat so, als ob sie nichts hörte. Diesen Augenblick konnte sie mit niemandem teilen.
Sie ließ ihre Erinnerungen weiterwandern. Wie bitter war ihr erster Tag in der Schule gewesen! Die Lehrerin, der sie zuerst begegnete, fragte sie nach ihrem Namen und Alter. Das konnte sie gerade noch beantworten, aber als die Lehrerin sie aufforderte, ein Wort zu buchstabieren, vermochte sie nur zu murmeln: «Ich kann nicht, ich kann überhaupt nicht buchstabieren!»
«Vierzehn Jahre alt – und kann nicht buchstabieren!» So etwas war der Lehrerin noch nie vorgekommen. Das sprach sie auch aus, und Annie spürte ihre Verachtung. Doch es sollte noch schlimmer kommen. Die blinden Mädchen scharten sich um die Neue, tasteten nach ihren Habseligkeiten und fragten erstaunt:
«Wo sind denn deine Kleider und deine übrigen Sachen?»
Annie musste den Kopf schütteln und voller Scham zugeben, dass sie sonst nichts besaß. Die Mädchen der Gruppe, in die sie eingewiesen war, waren noch nie jemandem begegnet, der keinen Mantel hatte, keinen Hut, kein zweites Paar Schuhe, nicht einmal eine Zahnbürste. Das sagten sie auch und lachten sie aus. Und Annie hatte sie alle gehasst.
«Warum hat dir denn deine Mutter nicht ein paar Sachen genäht?»
«Meine Mutter ist tot», hatte Annie kurz geantwortet, «mein kleiner Bruder auch. Und das ist alles.»
Ja, das war alles, was sie über ihre Familie zu sagen bereit war. Sie hatte natürlich einen Vater. Sie hatte auch eine Schwester. Aber nichts und niemand würde sie je dazu bringen zuzugeben, dass ihr unzuverlässiger, hilfloser Vater seine Familie im Stich gelassen hatte, als die Mutter vor vier Jahren gestorben war. Eine Tante hatte das liebenswerte kleine Schwesterchen zu sich genommen, aber keiner der Verwandten war gewillt, sich mit einem fast blinden Mädchen zu belasten und einem kleinen Jungen mit einer durch Knochentuberkulose geschädigten Hüfte. So waren sie in das Armenhaus von Tewksbury abgeschoben worden, eine der schlimmsten Anstalten dieser Art im ganzen Land. Durch die Zustände dort war Jimmie innerhalb von zwei Monaten gestorben; sie selbst, Annie, hatte vier elende Jahre dort verbracht, bis das staatliche Wohlfahrtsamt Frank B. Sanborn beauftragte, das Heim zu inspizieren.
Annie erinnerte sich, wie sie an dem Tag seiner Besichtigung weinend durch die Säle gelaufen war: «Mr. Sanborn! Mr. Sanborn!», und als eine Männerstimme ihr antwortete, verzweifelt ausgerufen hatte: «Ich kann nicht gut sehen, und ich möchte in eine Schule gehen!»
Auf diese Weise war sie Tewksbury entkommen. Eine alte Frau, die immer freundlich zu ihr gewesen war, warnte sie beim Abschied: «Sag’ nie nich’ keinem, dass du aus dem Armenhaus kommst», und leidenschaftlich rief Annie aus: «Nie!»
Die Lehrer und das Verwaltungspersonal wussten natürlich Bescheid, aber Annie wäre lieber gestorben, als dass sie das den Schülerinnen gegenüber zugegeben hätte.
Ihre Ausstattung war so kümmerlich, dass die Hausmutter ihrer Gruppe an jenem ersten Abend ein Nachthemd für sie ausborgen musste, und die arme Annie, so verbissen stolz und dennoch ausgehungert nach freundschaftlicher Zuwendung, hatte sich an jenem Abend in den Schlaf geweint – ja, und nicht nur an jenem Abend.
Als sie das Perkins-Institut betrat, war es fast, als wäre sie auf einen anderen Planeten versetzt worden. Sie musste nicht nur ihren Schulunterricht in der ersten Klasse beginnen, sie musste auch eine vollkommen andere Art des Lebens lernen, von der sie bisher nichts geahnt hatte. Die Sullivans waren immer bitter arm gewesen, ihre Mutter war ständig krank und das Leben in Tewksbury hart und grausam. Ihre Schulkameradinnen hier im Perkins-Institut waren trotz ihrer Blindheit glückliche Kinder – Kinder von Ärzten, Kaufleuten, Rechtsanwälten und wohlhabenden Gutsbesitzern. Die Mädchen in Annies Gruppe waren zufrieden und behütet, während Annie aufgrund ihrer bisherigen Erfahrungen nicht wusste, wie man ein glückliches Leben führt.
Kein Wunder, dass sie verwirrt, schwierig und trotzig war. Wäre sie weniger zäh gewesen, so hätte sie das erste Jahr im Perkins-Institut nicht durchgestanden – aber Annie war ein Mensch, der nie klein beigeben würde. Sie war zu Perkins gekommen, um zu lernen, und das tat sie. Sie setzte alles daran, schnell voranzukommen, um endlich an der Seite ihrer Altersgenossen auf der Schulbank sitzen zu können. Darüber hinaus aber lernte sie hier, Schönheit zu empfinden und nach Wahrheit und Gerechtigkeit zu streben.
Man war gut zu ihr gewesen. Die meisten ihrer Lehrerinnen waren freundlich. Sie versorgten sie mit Kleidung, gaben ihr zusätzlichen Unterricht und stellten sich schützend vor sie, wenn eine Rückkehr nach Tewksbury drohte, wenn ihre Widerspenstigkeit die Geduld der Behörden allzu sehr strapazierte. Sie versorgten sie mit freien Eintrittskarten für Vorträge und Konzerte. Aber wofür sie ihr Leben lang zutiefst dankbar sein würde, war die Tatsache, dass jemand, der der Meinung war, für ihre Augen bestehe vielleicht noch Hoffnung, dafür gesorgt hatte, dass man sie zur Augenklinik brachte, in der an gewissen Tagen die Patienten unentgeltlich behandelt wurden. Daraufhin erfolgten zwei Operationen, die erste, als sie fünfzehn war, die zweite genau ein Jahr später, und danach konnte Annie sehen! Oh, keineswegs vollkommen – Dr. Bradford hatte sie darauf aufmerksam gemacht, dass das niemals der Fall sein würde und sie ihre Augen nie überanstrengen dürfte, aber – sie konnte sehen! Sie konnte Gedrucktes lesen lernen, die einzelnen Ziegel in einem Gebäude jenseits des Flusses erkennen! Und als sie eines Tages entdeckte, dass sie eine Nadel ohne Hilfsmittel einfädeln konnte, war sie ganz überwältigt vor Freude.
Auch nachdem ihr Augenlicht wiederhergestellt war, blieb sie im Institut, weil sie sonst nirgendwo hin konnte. Ihren Lebensunterhalt verdiente sie sich dadurch, dass sie beim Unterricht und der Betreuung der kleineren Kinder half – aber jetzt, was sollte sie nun tun? Sie wusste nur zu gut, dass diese Überlegung ihre Freunde seit Wochen beunruhigte. Würde sie – würde sie schließlich doch noch nach Tewksbury zurückkehren müssen? Bei diesem Gedanken stockte ihr vor Angst der Atem.
Entschlossen erhob sie sich und begann ihre Kostbarkeiten wegzupacken. Die Glocke zum Abendessen läutete. Annie nahm all ihren Mut zusammen. Sie wollte jetzt hinuntergehen und ebenso fröhlich und lebhaft sein wie die anderen Mädchen; heute abend sollte niemand auf den Gedanken kommen, dass sie nicht das glücklichste Mädchen in ganz Boston war.
Einen Menschen jedoch gab es, der Bescheid wusste. Niemand hätte vermutet, dass die so nüchtern und spröde erscheinende Witwe Mrs. Hopkins, eine typische Neu-Engländerin, gleichen Geistes Kind war wie die unruhige, temperamentvolle Annie Sullivan – aber Zeit ihres Lebens sollte eine geheimnisvolle Verbindung tiefen gegenseitigen Verständnisses zwischen ihnen bestehen. Als nun das Mädchen die Treppe herunterkam, hielt die Hausmutter in ihrer Geschäftigkeit inne und schenkte Annie ein stolzes Lächeln.
«Du hast dich wunderbar gehalten, Liebes», sagte sie, «genau wie ich es von dir erwartet hatte.»
«Ich brauchte den Mut von tausend irischen Häuptlingen», bekannte Annie kläglich. «Ich schämte mich so, dass der Gouverneur meinen Namen ein zweites Mal aufrufen musste.»
Vom anderen Ende der langen Tafel, wo sie ihre kleinen Schützlinge geschickt hinsetzte, lächelte Miss Moore ihr zu. «Wir waren alle sehr stolz auf dich, Annie.» Von Miss Moore ausgesprochen, hatten diese Worte eine besondere Bedeutung, und Annie war zutiefst dankbar. Miss Moore war diejenige Lehrerin, die außergewöhnlich viel Zeit und Geduld aufgebracht hatte, das eigenwillige, unwissende, launenhafte Kind, das Annie gewesen war, zu zähmen und zu erziehen. Manchmal vermutete Annie, Miss Moore habe es besser als jeder andere verstanden, sie «unter ihre Fuchtel» zu bringen, aber vielleicht gerade deswegen verehrte sie sie tief.
«Setz dich neben mich, Annie!» – «Nein, heute Abend bei mir!» – «O Annie, komm und setz dich zu uns!», riefen die kleineren Mädchen im Chor, und begierige kleine Hände streckten sich flehentlich aus, aber Annie entzog sich ihnen sachte.
«Heute Abend werde ich bei Laura sitzen», erklärte sie und trat zu einer steif aufrecht sitzenden, schweigsamen Frau, deren seltsam starrer Gesichtsausdruck einen etwas unheimlichen Eindruck inmitten dieser lebhaften Gruppe machte. Als Annies Hand sie berührte, leuchtete ihr Gesicht auf, und es schien, als glänzten plötzlich Sonnenstrahlen auf einer bewegten Wasserfläche auf. Ihre Hände flatterten leicht und schnell wie Schmetterlinge in der Luft, und Annie erwiderte, in Lauras Hand buchstabierend, mit der gleichen Fingersprache, denn für die taubstumme und blinde Laura Bridgman war die einzige Verständigungsmöglichkeit mit anderen Menschen das von den Taubstummen benützte Fingeralphabet. Alle Lehrer, Hausmütter und Schülerinnen beherrschten es, denn Laura lebte seit ihrem siebten Jahr im Perkins-Institut, es war ihr Zuhause. Irgendwie hatte Annie besondere Geschicklichkeit darin erworben, und sie gehörte zu Lauras Lieblingen.
Als sie jetzt beim Abendessen neben ihr saß, begann Laura schnelle, kurze Fragen zu buchstabieren, und Annie antwortete mit fliegenden Fingern, beschrieb, was am Tisch um sie herum vor sich ging, und versprach, später in Lauras Zimmer zu kommen, um ihr von der Schlussfeier zu berichten.
Die Examensfeier war wirklich ein Erfolg gewesen. Selbst die Bostoner Zeitungen schrieben schmeichelhafte Berichte über die Festrednerin – Berichte, die zwar sehr erfreulich zu lesen waren, aber nicht die Frage beantworten konnten, die das Gemüt eben dieser Festrednerin ständig beunruhigte: Was sollte sie jetzt tun; was konnte denn überhaupt ein Mädchen tun, dem es vom Schicksal bestimmt war, mit mangelhaftem Sehvermögen und einer schmerzhaften Augenkrankheit durchs Leben zu gehen?
Als Perkins seine Tore für die Sommerferien schloss, hatte noch niemand eine befriedigende Lösung gefunden, und obwohl Annie lächelte und mit irischer Unbekümmertheit ihren Kopf hochhielt, war ihre Besorgnis zu einer Furcht angewachsen, die ständig im Hintergrund ihres Bewusstseins lauerte und manchmal in unerwarteter Weise hervorbrach, um sich Luft zu machen.
«Du kommst natürlich mit mir nach Brewster, wie immer», hatte Mrs. Hopkins mit Entschiedenheit gesagt, «und wenn irgendetwas Aussichtsreiches auftauchen sollte, kann man dir nach Brewster genauso leicht Bescheid geben, wie wenn du in Boston bliebest.» Mr. Anagnos war einverstanden. «Sie hat recht, liebe Annie, ganz recht. Alle Lehrer, ebenso wie ich, haben dein Problem im Bewusstsein. Wir benachrichtigen dich sofort, keine Sorge.» Beruhigend tätschelte er ihre Hand. «Nun geh und genieß deinen Sommer, meine Liebe.»
Annies Lippen fühlten sich steif an, als sie ihm dankte, und nur mit Mühe brachte sie ein Lächeln zustande.
Sie nahm Mrs. Hopkins’ Einladung dankbar an, war sich aber klar darüber, dass das nur ein Notbehelf war, was sie durchaus nüchtern ins Auge fasste. Als die Tür des Hauses, dem Sophia Hopkins als Hausmutter vorstand (es gab mehrere Häuser auf dem Perkinsschen Gelände), hinter ihnen zufiel, dröhnte das in Annies Ohren wie ein Weltuntergang. Das Perkins-Institut, die Blindenschule von Massachusetts, war der einzige Ort, den sie ihr «Zuhause» nennen konnte. Schloss sich diese Tür für immer hinter ihr?
Ein Ruf aus Alabama
Die Atmosphäre des Dörfchens Brewster am Cape Cod hatte etwas, das Annies natürliche Spannkraft bald wiederherstellte, genau wie Mrs. Hopkins es erhofft hatte. Sie kannte und verstand das Mädchen besser, als Annie ahnte, und wahrscheinlich kam ihr nie wirklich zum Bewusstsein, wie tiefgehend ihre Hausmutter sie beeinflusst hatte.
Sophia Hopkins war in das Perkins-Institut gekommen, weil es ihr größter Wunsch gewesen war, sich ganz und gar für einen Menschen oder eine Sache einzusetzen, etwas zu tun, wozu sie wirklich gebraucht wurde. Ihr Mann, ein Schiffskapitän, war vor Jahren auf einer seiner Fahrten ums Leben gekommen, und ihre geliebte einzige Tochter war vor Kurzem gestorben. Ihre sehr selbstständige und unabhängige Mutter lebte lieber für sich allein, und Sophia war nicht der Mensch, der ein inhaltloses Leben führen konnte. Eines Tages, als sie einige blinde Knaben beobachtete, die am Strand spielten, durchfuhr sie der Gedanke: Hier ist die Aufgabe für mich! Auf ihre Bewerbung hin wurde sie sofort als Gruppenmutter für das Haus engagiert, in dem Annie bereits seit drei Jahren lebte.
In der Schule hatte Annie inzwischen gute Fortschritte gemacht, aber in Bezug auf ihr Gefühlsleben lag noch alles im Argen, sie liebte niemanden und niemand liebte sie. Mrs. Hopkins behandelte alle ihre Mädchen mit gleicher Güte, was ein Grund dafür gewesen sein mochte, dass einige von ihnen sich zu außergewöhnlichen Persönlichkeiten entwickelten. Die kleine Lydia Hayes zum Beispiel wurde Vorsitzende der New Jersey-Kommission für die Blinden. Mrs. Hopkins erkannte sofort, dass sie in Annie Sullivan jemanden gefunden hatte, der sie wirklich brauchte, und so nahm sie das Mädchen unter ihre Fittiche, umsorgte sie liebevoll und wirkte besänftigend auf sie ein, ohne Annies Widerstreben und Eigensinn zu sehr zu beachten. Instinktiv begriff die ältere Frau, dass Annies Ungebärdigkeit und all ihre finsteren Stimmungen nur der Schutzwall waren, den eine verwirrte, verstörte und verschreckte Kinderseele um sich herum errichtete, um keine weiteren Verletzungen zu erleiden; und dass unter all diesen Schichten ein charaktervolles, feinfühliges Wesen darauf wartete, erlöst zu werden. Gerade zu jenem Zeitpunkt war es fraglich, welche Richtung Annies Entwicklung nehmen würde: Würde sie durch ihre Erlebnisse in Tewksbury und die erste schwere Zeit im Perkins-Institut verbittert werden und dauerhaft seelisch geschädigt sein, oder könnte sie gerade aufgrund dieser Erfahrungen ein vertieftes Verständnis für all jene erlangen, die behindert oder krank waren?
«Sie hat die Möglichkeit in sich, eines Tages Großartiges zu leisten», hatte Mrs. Hopkins erklärt, als sie Annie einmal einer Lehrerin gegenüber in Schutz nahm, die über deren unverschämtes Benehmen an einem «Tag der offenen Tür» äußerst aufgebracht war. «Tage der offenen Tür» gehörten zu den Gepflogenheiten des Instituts, Tage, an denen die Schule für Besucher geöffnet war, die nach Belieben von Klassenraum zu Klassenraum wandern und den Unterrichtsbetrieb miterleben konnten. Annie pflegte bei solchen Gelegenheiten häufig aufgerufen zu werden, da ihre raschen, intelligenten Antworten die Wirksamkeit der Perkinsschen Unterrichtsmethode unter Beweis stellten. Aber als an jenem Tag die Lehrerin fragte: «Was war das Beste, das König Johann getan hat?», war Annies lausbübische Antwort: «Das habe ich bisher noch nicht entscheiden können!», und sie weigerte sich hartnäckig, auch nur ein weiteres Wort hinzuzufügen! Kein Wunder, dass die Lehrerin skeptisch war, doch Mrs. Hopkins ließ sich in ihrer Überzeugung nicht beirren.
«Sie hat die Möglichkeit in sich, etwas Großartiges zu leisten», wiederholte sie, «und starke Liebeskräfte – wenn es uns gelingt, an ihr Herz zu rühren.»
So aufsässig und eigenwillig Annie auch war, niemals, ihr ganzes Leben hindurch nicht, war sie unzugänglich gegenüber echter Güte und Zuneigung, und die besaß Mrs. Hopkins in reichem Maße. Noch nie zuvor war Annie geliebt worden, es war eine eigenartige, neue Erfahrung für sie, aber sie freute sich darüber und begann bald selbst, Versuche in dieser Rich-tung zu machen. Sie führte die kleineren blinden Mädchen spazieren, geleitete sie sonntags zur Kirche, half ihnen bei ihren Hausaufgaben und tröstete die Heimwehkranken und Einsamen. Einsamkeit war ja für Annie nichts Unbekanntes! Vielleicht war es in jener Zeit, dass ihre Freundschaft mit Laura Bridgman begann.
Als die Schule im Sommer 1884 ihre Tore schloss, lud Mrs. Hopkins Annie zum ersten Mal ein, die Ferien bei ihr und ihrer Mutter in deren Haus in Brewster zu verbringen. Nie vergaß Annie die jähe, überwältigende Freude, von der sie ergriffen wurde. Bisher hatte man sie im Sommer irgendwo hingeschickt, wo sie für ihren Unterhalt arbeiten musste; und nun eine richtige Einladung – jemand, der sie wirklich bei sich haben wollte!
Und dann Brewster! Bereits in den ersten zwei Wochen verliebte sie sich in den Ort. Der weit geschwungene Horizont; die heimeligen hübschen Häuser, so anders als die massigen, düster aussehenden Gebäude in Boston; die schmalen, gewundenen, sandbedeckten Wege; die duftenden, weiten Felder; die langen, goldenen Sandstrände, auf denen hie und da kleine Büschel steifen Strandhafers wuchsen – alles das ließ Brewster zu einem Ort werden, der Annies leidenschaftliches Sehnen nach Schönheit befriedigte.
Und die Menschen – auch sie stillten eine Sehnsucht in ihr, diese Menschen mit ihrem ruhigen Selbstvertrauen, ihrer tatkräftigen Einstellung zum Leben und ihrem oft unerwarteten, verborgenen Humor. Nie zuvor hatte sie unter völlig normalen Menschen gelebt, die sie ganz selbstverständlich in ihrer Mitte aufnahmen, und so wurde jeder Tag, den sie in Brewster verbrachte, zu einer Quelle reinster Freude für sie.
Auch das Haus Crocker trug zu ihrem Entzücken bei. Mrs. Hopkins’ Vater war, wie schon ihr Mann, Schiffskapitän gewesen, und das ganze kleine Haus, vor allem aber das Wohnzimmer, waren zum Bersten angefüllt mit Andenken, die er von seinen Reisen mitgebracht hatte. Staubwischen zählte nie zu Annies Lieblingsbeschäftigungen, aber in diesem Wohnzimmer abzustauben, dazu war sie jederzeit nur zu gern bereit. Jede Möglichkeit, das Crockersche Wohnzimmer zu betreten, war wie eine Belohnung!
Annie fühlte jedes Mal eine leise Scheu, wenn sie über die Schwelle dieses Zimmers trat. Zunächst lief sie sorgsam und vorsichtig über den kostbaren Teppich (Teppiche oder Läufer gab es in der Schule nicht), ging zum Fenster, um einige Schlitze des Fensterladens zu öffnen, dann aber geradewegs zu der Etagere, die ihre Lieblingsschätze enthielt: chinesische Porzellanfiguren, zierliche Spieluhren und Elefanten aus glatt poliertem Elfenbein. Von alledem war sie wie verzaubert. An einer anderen Stelle des Zimmers befand sich ein Meer von blauem Porzellan aus Holland, auf dessen einzelnen Teilen man Abbildungen eines Hafens und einer Stadt betrachten konnte, und vorzüglich gearbeitete silberne Kelche aus Portugal sowie ein wunderbarer Kronleuchter. Annies allerliebste Stücke aber standen auf dem Kaminsims: zwei zierliche Porzellanpuppen, die beide einen mit Früchten und Blumen gefüllten Korb trugen. Jedes andere Mädchen hätte von Tante Crocker ermahnt werden müssen, diese Kostbarkeiten nicht unachtsam oder unnötig zu berühren, aber für Annie Sullivan war das bloße Sehenkönnen noch ein solches Wunder, dass es ihr völlig genügte, nur dazustehen und ihre Augen an diesen Schätzen zu weiden. Und wenn sie sie tatsächlich abstaubte, dann berührte sie sie mit der Behutsamkeit eines blinden Kindes, das sie einst gewesen war.
Ihre Eigenwilligkeit aber verlor Annie auch in Brewster nicht. Kurz nach ihrer Ankunft hatte Mrs. Hopkins ihr einen schmalen Pfad gezeigt und ihr gesagt, dass er zu einer schmutzigen Höhle führe, in der ein verrückter alter Einsiedler hause. Diese Ermahnung hätte genügt, um jedes andere fügsame und wohlerzogene Mädchen von jenem Pfad fernzuhalten, aber Fügsamkeit und Vorsicht waren Annies Stärke nicht. Von Neugier wie verhext, folgte sie sobald als möglich diesem Pfad, der sich durch hohes, stacheliges Gras wand, bis er schließlich am glatten Strand einer weit geschwungenen Bucht endete. Dort erblickte sie einen sonderbaren Holzschuppen und einen alten, sehr gepflegten Mann, der sie an Rip van Winkle erinnerte. «Hallo», sagte Annie so lässig wie möglich. Aus seinem Dösen aufgeschreckt, war der Alte nicht gerade überschwänglich herzlich. Er warf ihr einen finsteren Blick zu und erklärte, dass er keinen Besuch brauche und Gesellschaft verabscheue – besonders «Weibervolk». Aber vielleicht spürte er ihre unkomplizierte, aufrichtige Unerschrockenheit, denn er brummte etwas vor sich hin und forderte sie schließlich auf, sich zu setzen. Unter seinen struppigen, grauen Augenbrauen betrachtete er sie neugierig.
«Hast du denn keine Angst vor mir?»
Annie schüttelte den Kopf. «Nein, jetzt nicht mehr, nur zuerst. Aber Sie sind ja gar nicht verrückt.»
«Na so was, besten Dank!» Der Alte machte eine Verbeugung. «Ich weiß zwar nicht, woher du das wissen willst, aber es stimmt schon. Du hast mehr Grips als die anderen. Du bist wohl nicht aus Brewster?»
Annie bekannte, dass das nicht der Fall sei, und der Alte kicherte befriedigt. «’türlich nich’! Hast zu viel Grips!»
Er bot einen malerischen Anblick in seinem verblichenen blauen Overall, mit einem Kranz feiner Falten um seine blauen Augen, dem schneeweißen Bart und nackten, braun gebrannten Füßen. Annies freimütige Bemerkung schien ihn für sie eingenommen zu haben, denn als sie sich verabschiedete, forderte er sie geradezu herzlich auf wiederzukommen.
Und das tat sie. Irgendwie gelang es ihr, Mrs. Hopkins zu überzeugen, dass der Alte zweifellos ein Einsiedler und etwas sonderbar, aber ganz gewiss nicht verrückt sei.
Also durfte Annie trotz Tante Crockers klar und deutlich geäußerter Missbilligung den «Einsiedler von Brewster» besuchen, und nicht nur einmal, sondern viele Male während dieses und des nächsten Sommers. So entwickelte sich eine Freundschaft, an die Annie ihr ganzes Leben dachte – eine Freundschaft zwischen dem jungen Mädchen und dem alten Mann, der wahrscheinlich einsamer war, als er zugeben mochte. Er erzählte ihr Geschichten aus den Tagen seines abenteuerlichen Lebens als Seemann, doch der Frage nach seinem Namen wich er immer aus. Schließlich nannte Annie ihn «Captain Dad», und er sagte «Tochter» zu ihr. Er erwies ihr die Ehre, sie in seinem kleinen Boot mit hinaus aufs Meer zu nehmen, entweder zum Fischen oder um die Felsenhöhlen der Steilküste zu erforschen. Aber das Bild, das ihr am lebhaftesten in Erinnerung blieb, war das von Captain Dad mit seinen «Freunden».
Sie war neugierig, warum jemand, der so intelligent, wach und humorvoll war wie Captain Dad, durchaus als Einsiedler leben wollte. Das fragte sie ihn eines Tages ganz offen. Captain Dad brummte: «Zu viel Geschwätz überall. Zu viele Leute. Weibervolk!» Angewidert stieß er das letzte Wort hervor.
«Aber fühlen Sie sich denn nie einsam?», bohrte das Mädchen weiter. «Brauchen Sie denn keine Freunde?»
«Hab Freunde. Viele. Die haben Federn. Und sind nich’ unzuverlässig wie die menschlichen Freunde. Sind sie nich’, danke! Kommen immer, wenn ich’s will. Brauch’ nur rufen – und sie kommen.»
Annie fühlte, wie ihr Herz vor Aufregung heftig klopfte. Sie ahnte, dass das etwas Einzigartiges sein musste. Eifrig beugte sie sich vor. «Oh, bitte, ich möchte sie sehen, Captain Dad! Können Sie sie nicht mal rufen, wenn ich hier bin?»
Entschieden schüttelte der Alte seinen weißen Kopf. «Nein, sie würden sich vor dir fürchten! Sie sind nich’ an Besuch gewöhnt, vor allem nich’ an Weibervolk. Sie würden sich vor dir zu Tode fürchten!»
«Woher wollen Sie das denn wissen?», fuhr Annie auf, «die haben mich doch noch nie gesehen?»
Captain Dad zog an seiner Pfeife und blickte sie grimmig an. Dann blinzelte er nachdenklich zum Himmel und lachte leise. Wahrscheinlich imponierte ihm ihre Beherztheit, und sie war so ein reizendes kleines Ding, wie sie da auf dem Sand saß mit ihrem vor Eifer leuchtenden Gesicht. Er klopfte seine Pfeife an der hölzernen Bank aus und stand auf.
«Bleib ganz still sitzen, hörst du, was auch immer geschieht. So wie wenn wir fischen!» Annie nickte stumm, ihr Kinn auf die Hände gestützt. Der Alte verschwand in seinem Schuppen und tauchte mit einem Eimer auf, in dem, wie er sagte, «Leckerbissen für seine Freunde» waren, und die bestanden aus Seetang, grobem Mehl und Fisch. Annie erzählte später, wie er dann «seltsam gurrende Laute von sich gab, erstaunlich laut, aber nicht misstönend». Captain Dad brauchte nicht zu befürchten, dass sie sich bewegen würde, denn Annie saß da wie gebannt und beobachtete fasziniert, wie schon beim ersten Laut Tausende von Möwen aus allen Richtungen erschienen, wie sie über ihm ihre Kreise zogen, sich drehten und wendeten, herabstießen und ihm mit ihrem hohen, schrillen Geschrei antworteten; immer weitere kamen herbei, sie ließen sich auf seinem Kopf, seinen Händen, seinen Schultern nieder und suchten seine Aufmerksamkeit zu erringen.
«Wie viele mögen das wohl sein?», flüsterte Annie vor sich hin. Es schien, als seien es viele Tausende. Der ganze Strand war dunkel von ihnen. Captain Dad redete mit ihnen, schalt sie, wenn sie zu gierig waren, und ermunterte die kleineren und schwächeren Möwen, bis schließlich das ausgestreute Futter aufgepickt war und auch die letzte Möwe zögernd ihre Schwingen ausbreitete und über das Meer davonflog.
Noch einige Male danach war es Annie vergönnt, dieses Schauspiel zu sehen, und jedes Mal war sie ergriffen von der Schönheit und Majestät des Anblicks.
Wie Glanzlichter hoben sich die Nachmittage, die Annie mit Captain Dad verbrachte, aus ihren Ferien heraus, obwohl alles, was mit Brewster zusammenhing, sich tief in ihr Herz eingeprägt hatte.
Und dies war nun ihr dritter (und vielleicht letzter!) Sommer am Cape. Als sie eines Nachmittags im August nach ihrem einsamen Bad eilig den Strand entlanglief, wurde sich Annie klar darüber, dass ihr gerade in diesem Jahr der Aufenthalt hier besonders gut getan hatte. Brewster war ein sehr heilsamer Ort für jemanden, dessen Gemüt ein einziges wirres Knäuel aus Fragen und Zweifeln, Furcht und Ehrgeiz darstellte. Nicht dass sie eine Antwort gefunden hätte auf die Frage, was sie tun könnte, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen, aber ihre Gedanken wirbelten nicht mehr wie in einem Kaleidoskop herum; es fiel ihr leichter, Mut zu fassen und ihre Gedanken in den Griff zu bekommen, besonders hier am Meeresstrand.
Das Meer! Sie fühlte sich dieser Naturgewalt verwandt, die immer in Bewegung war, immer ruhelos, immer von Neuem schön. Sie betrachtete das Gekräusel der Brandungswellen mit ihrem ständig aufgischtenden weißen Schaum und ließ ihren Blick über die weite, grenzenlose Bläue schweifen. Das Meer in seinen Stimmungen war wie sie, manchmal fröhlich, manchmal sanft und dann wieder grau und von erbarmungslosem Zorn. Und wie herrlich war es, die Wogen an ihren Körper branden zu spüren! Das verlieh ihr wie sonst nichts ein Gefühl von Stärke und Selbstvertrauen.
Und starken Mut und Selbstvertrauen hatte sie jetzt nötig, wenn sie daran dachte, dass zwar das Ende des Augusts in Sicht war, nicht aber eine Lösung für Annie Sullivans Zukunft!
Oh, sie hatte «verschiedene Fische am Köder», wie Captain Dad es genannt hätte. Einer der Lehrer von Perkins hatte geschrieben, er habe von einer Dame gehört, die vielleicht ein Kindermädchen für ihre zwei Kinder brauche, aber das war ganz unsicher. Jemand anderes hatte gehört, dass ein Bostoner Hotel eine Tellerwäscherin suche – bei dem Gedanken daran schüttelte sich Annie! Miss Mary Moore schrieb, dass sie hoffte, Annie könne sich dazu entschließen, Lehrerin an einer normalen Schule zu werden; und Mr. Anagnos hatte hinzugefügt, er wolle versuchen, für diese Ausbildung eine finanzielle Unterstützung zu bekommen. Annie verabscheute die Vorstellung, ihr ganzes Leben ABC-Schützen zu unterrichten, und der Gedanke, Geld borgen zu müssen, war ihr verhasst. Sie hatte schon daran gedacht, von Haus zu Haus zu gehen und Bücher zu verkaufen, aber eine ihrer Mitschülerinnen, die das versucht hatte, überzeugte sie davon, dass dies das Schlimmste sei, was man tun könnte.
Es war ein sehr ernüchtertes Mädchen, das da durch den Garten auf Tante Crockers Haus zuging. Mrs. Hopkins rief ihr von der Küche her zu:
«Hier ist ein Brief für dich, Annie. Ich habe ihn auf den Schreibtisch gelegt. Von Mr. Anagnos.»
Ein Brief von Mr. Anagnos? Aus einem ihr nicht erklärlichen Grund zitterten ihre Hände, als sie den ungewöhnlich dicken Umschlag erblickte. Mit unbeholfenen Fingern öffnete sie den Brief. Zwei weitere Umschläge fielen heraus, die, wie sie sah, an Mr. Anagnos adressiert waren. Endlich gelang es ihr, den beigefügten einzelnen Bogen zu entfalten, aber vor Aufregung konnte sie nur verschwommen sehen, sodass ein paar Minuten vergingen, ehe sie in der Lage war, ihn zu lesen. Ihr Atem flog.
26. August 1886
«Meine liebe Annie,
bitte lies die beiden beiliegenden Briefe sehr sorgfältig und lass mich sobald wie möglich wissen, ob du geneigt bist, das Angebot der Familie Keller, als Erzieherin ihrer kleinen taubstummen und blinden Tochter zu kommen, wohlwollend in Erwägung zu ziehen. Über Ruf und Vertrauenswürdigkeit des Mannes ist mir nichts Weiteres bekannt, als was er selbst von sich schreibt: Aber wenn du dich entschließen würdest, dich um diese Stellung zu bewerben, wird es ein Leichtes sein, nähere Einzelheiten in Erfahrung zu bringen.
Ich bin, liebe Annie, mit freundlichen Empfehlungen an Mrs. Hopkins,
und besten Grüßen,
M. Anagnos»
Annies Herz schlug wie ein Hammer. Ihre Finger fühlten sich taub an, als sie die beiden Briefe in der Hand hielt, die unterzeichnet waren mit «Arthur Keller, Tuscumbia, Alabama». Sie las sie zweimal. Und als sie sie wieder in die Umschläge steckte, waren die Ängste, die sie seit dem Juni niedergedrückt hatten, und die innere Last verschwunden. Annie hatte ihre Lebensaufgabe gefunden.
Hier kam etwas Neues auf sie zu, etwas Andersartiges, eine Herausforderung!
Aufgeregt wirbelte Annie durch das Haus, in die Küche und in die Arme von Mrs. Hopkins. Sie konnte nicht sprechen. Sie konnte nur den Brief von Mr. Anagnos vor Mrs. Hopkins’ erstaunte Augen halten. Dann plötzlich lachten und weinten beide gleichzeitig, und Annie sagte immer wieder und wieder: «Das ist etwas, was ich tun kann. Ich weiß, dass ich das kann. Ich weiß es.»
Die Reise nach Tuscumbia
So angestrengt sie auch umherspähte, Annies kurzsichtige Augen konnten Mr. Anagnos’ freundliches, bärtiges Antlitz oder Mrs. Hopkins’ flatterndes Taschentuch inmitten der vielen verschwimmenden Gesichter, die sich da auf dem schneebedeckten Bostoner Bahnsteig befanden, nicht ausmachen; aber sie wusste, dass sie noch da waren und warten würden, bis der Zug abfuhr. Fest umklammerte sie die Armlehnen ihres roten Plüschsitzes und wehrte sich mit aller Gewalt gegen den schier unwiderstehlichen Drang aufzuspringen, durch den Wagen zu eilen, die Trittbretter hinunterzuspringen und zu rufen: «Wartet! Wartet doch! Ich will nicht nach Alabama! Bitte helft mir doch, etwas in Boston zu finden!»
Und dann ruckte der Zug an, und der erste Abschnitt von Annies langer Reise, die sie ihrem Schicksal entgegentrug, hatte begonnen. Plötzlich erschauerte sie trotz ihrer dicken grauen Wollkleidung. Alle Mädchen ihrer Gruppe sowie die gesamte Lehrerschaft hatten sich heute Morgen um sie gedrängt, hatten ihren Mut bewundert und das Abenteuer bestaunt, das vor ihr lag, ebenso wie das – wie Mr. Anagnos sagte – «großzügige Gehalt», das sie bekommen würde, ganze fünfundzwanzig Dollar im Monat! Und Annie hatte mitten unter ihnen gestanden, in ihren neuen grauen Kleidern, mit leuchtend roten Bändern an der grauen Haube, und hatte aufgeregt gelacht. Eine strahlende Vision schwebte vor ihr: Annie Sullivan, die tapfere, junge Kreuzfahrerin, die auszieht, um ein scheues, ängstliches kleines Mädchen aus dem Kerker seines tauben und blinden Daseins, aus seiner Unwissenheit zu befreien. Und dieses strahlende Bild hatte sie weiter vor Augen, während Mrs. Hopkins sie zum Fahrkartenschalter begleitete, um ihr beim Kauf der verwirrend großen Anzahl von Fahrscheinen nach Tuscumbia, Alabama, zu helfen, und Mr. Anagnos den geheimnisvollen Vorgang der Gepäckaufgabe überwachte.
Diese Vision dauerte an, bis sie ihren Platz eingenommen hatte und der Augenblick des Abschieds von den beiden Menschen gekommen war, die Annie die erste Freundlichkeit erwiesen hatten, die ihr in dieser Welt widerfahren war. Dann aber begann Mrs. Hopkins zu weinen, als sie das Mädchen umarmte, und Mr. Anagnos’ Stimme wurde plötzlich verdächtig heiser.
In diesem Moment erst kam ihr zu Bewusstsein, dass sie ja wegging! – über tausend Meilen weit weg von allem, was sie kannte – und dass sie darüber hinaus noch das kühne Versprechen gegeben hatte, etwas in Angriff zu nehmen, was bisher überhaupt nur ein- oder zweimal gelungen war: das innere Wesen eines Kindes zu erreichen, ihm die Welt zu erschließen, von der es durch seine Augen und Ohren keine Eindrücke empfangen konnte. Hätte ihr in diesem Augenblick die Stimme gehorcht, so hätte sie gefleht: «Lasst mich zurückkommen!», aber sie konnte kein Wort hervorbringen. Und Mrs. Hopkins und der Direktor waren verschwunden, noch ehe sie ihre Tränen zurückdrängen konnte. Jetzt blieb ihr nichts weiter übrig, als sich an dem steifen Plüsch festzuhalten und zuzusehen, wie die vertraute Stadt Boston an den Wagenfenstern vorbeiglitt.
Verschwunden war der Traum von einem glanzvollen Abenteuer, das sie in die Ferne lockte, verschwunden auch die hochfliegende Überzeugung, dass sie ihre wahre Aufgabe gefunden habe. An diese Überzeugung hatte sie sich geklammert seit jenem Augustnachmittag im letzten Sommer, an dem sie den Brief von Mr. Anagnos erhalten hatte. Der Überschwang allerdings, mit dem sie ausgerufen hatte: «Ich weiß, ich kann das tun!», war so rasch verschwunden, wie er gekommen war. Annies scharfer Verstand ließ sie durchaus klar sehen, dass ihre Vertrautheit und ihre Freundschaft mit Laura Bridgman, die ihr in vieler Hinsicht für ihre Aufgabe bei Kellers zugute kommen mochte, sie noch lange nicht dazu befähigten, ein Kind wie die kleine Helen Keller zu erziehen.
Schön und gut – sie konnte zwar Laura Bridgman in die Hand buchstabieren und ihre Fingersprache verstehen, wie aber musste man vorgehen bei einem Kind, das zunächst einmal in einer dunklen, lautlosen Welt gefangen war? Und doch hatte sie es nicht gewagt, diese Chance ungenützt verstreichen zu lassen. Annie dachte daran, wie sie in jener warmen Augustnacht wach gelegen und sich den Kopf zerbrochen hatte, auf welche Weise sie sich für diese Aufgabe vorbereiten könnte. Bis ihr plötzlich eingefallen war, wie ihre Lehrer voller Bewunderung von den erstaunlich genauen Berichten und Aufzeichnungen gesprochen hatten, die Dr. Samuel Howe und seine Assistenten über ihre Unterrichtserfahrungen bei den Schülern der Blindenschule, insbesondere bei Laura Bridgman, geführt hatten … Die Berichte! Das war der Schlüssel! Aus ihnen würde sie bestimmt erfahren, was sie wissen müsste.
Annie hatte Mr. Anagnos in einem begeisterten Brief geantwortet – gewiss würde sie die Stellung bei den Kellers gerne in Betracht ziehen, doch habe sie den Eindruck, für diese Aufgabe zurzeit noch nicht genügend qualifiziert zu sein. Ob der Vorstand des Perkins-Instituts ihr wohl gestattete zurückzukommen, um sich durch das Studium der Berichte über Laura Bridgmans Unterricht auf ihre Arbeit vorzubereiten?
Der Vorstand des Instituts war einverstanden. So kehrte Annie im September noch einmal in das altvertraute Haus von Mrs. Hopkins zurück. Alle waren über diese Neuigkeit begeistert. Die Lehrer freuten sich mit ihr und waren sehr entgegenkommend. Ergreifend und schmerzlich zugleich war es, Laura Bridgman zu sehen, die vor Freude geradezu bebte und Annie immer wieder umarmte und küsste.
«Du musst dem lieben kleinen Mädchen vieles beibringen», buchstabierte sie eifrig, «vor allem aber, gut und gehorsam zu sein!»
Die Mädchen ihrer Gruppe waren begeistert. Ein echtes Abenteuer war das, und ihre Annie die Heldin darin – nach Alabama zu reisen, so weit weg! Und so eine hervorragende Stellung!
Annie selbst widmete sich ausschließlich dem Studium der Berichte und Aufzeichnungen von Dr. Howe und der anderen Lehrer, die Laura unterrichtet hatten. Sie versuchte, sich ein Bild zu machen von der Laura, die man 1837 in das Perkins-Institut gebracht hatte, «ein schlankes, zartes, bewegliches Kind», das in Verwirrung geraten war durch den raschen Wechsel seiner Umgebung: Aus einem kleinen, gemütlichen Farmhaus in New Hampshire in das weitläufige, große Gebäude, in dem die Schule zunächst untergebracht war. Sie versuchte, sich den eifrigen und schmächtigen jungen Dr. Howe, den ersten Direktor, vorzustellen, wie er geduldig mit dem Kind gearbeitet hatte: Zunächst klebte er Schildchen mit erhaben geprägten Buchstaben (Laura hatte nie die Brailleschrift gelernt – d.h. die Blindenschrift, bestehend aus einem Zeichensystem von Punkten, die in dickes Papier geprägt werden und durch Abtasten gelesen werden können) auf einzelne Gegenstände, z.B. einen Schlüssel, einen Löffel, ein Buch. Dann tat er die verschiedenen Schildchen in eine Schachtel und gab ihr einen Schlüssel, einen Löffel, ein Buch in die Hand. Sie musste nun die verschiedenen Gegenstände und die entsprechenden Schildchen befühlen. Das dauerte viele Wochen, aber schließlich blitzte der Gedanke in ihr auf, dass die Buchstaben «k–e–y» «key» (Schlüssel) und «b–o–o–k» «book» (Buch) bedeuteten und dass dies auch für alles andere zutraf. Jedes Ding hatte seinen Namen. Endlich veranlasste Dr. Howe eine der Lehrerinnen, das Taubstummen-Alphabet zu lernen, das sie dann Laura beibrachte, indem sie dem Kind die Buchstaben in die Hand buchstabierte.
Das war nicht leicht – keiner dieser Lernschritte war leicht oder einfach –, aber unmöglich war es nicht. Es bedeutete schwere, harte Arbeit, aber Annie Sullivan scheute keine harte Arbeit.
Allein das Lesen der Berichte war für Annie Sullivan mit großer Mühe verbunden. Ein anderer hätte dieses Pensum vielleicht in einem Drittel der Zeit bewältigt. Annies Augen aber rächten sich, wenn sie ohne Pause so viel wie jemand mit normalen Augen las. Nach einem Tag konzentrierten Lesens schmerzten Augen und Kopf, und sie war erschöpft. Sie brauchte sechs Monate, um den Berichten alles das zu entnehmen, was sie zu benötigen glaubte. Während der Lesepausen, die sie einlegen musste, um ihre Augen zu schonen, versuchte sie, einen ungefähren Lehrplan für Helen zu entwerfen, und sammelte einiges Unterrichtsmaterial: drei Lesebücher mit erhabenen Buchstaben, eine Tafel in Brailleschrift, ein paar durchstochene Karten zum Sticken und einige Schachteln mit Holz- und Glasperlen.
Auch die kleineren Kinder der Gruppe wollten teilhaben an dem Abenteuer. «Wir könnten eine Puppe für Miss Annie kaufen, die sie Helen mitbringen kann!», schlug eines von ihnen vor.
«Und wir wollen Miss Laura bitten, Kleider für sie zu nähen!», fügte Lydia begeistert hinzu. Annie war fast zu Tränen gerührt, als die kleinen Mädchen – und Laura – sich um sie scharten und ihr voller Freude ihr Geschenk überreichten. Es war eine wirklich wunderschöne Puppe, erworben mit vielen einzelnen Pennies aus vielen kleinen Sparbüchsen, und sicher gab es keine Puppe mit einer großartigeren Garderobe! Denn Laura Bridgmans Handarbeiten waren Kunstwerke, und diese Puppenkleider hatte sie mit besonderer Liebe und Sorgfalt angefertigt.
«‹Puppe› ist bestimmt das erste Wort, das ich Helen vorbuchstabieren werde», hatte Annie ihnen versprochen.
Sie waren alle so gut zu ihr gewesen. Mr. Anagnos hatte ihr Geld für die Fahrkarte geliehen und ihr einen Granatring geschenkt, und die liebe Mrs. Hopkins hatte angeboten, ihre Kleider für sie zu richten und zu packen.
«Du brauchst dir wegen deiner Garderobe keine Sorgen zu machen, Liebes», hatte sie dem Mädchen versichert. «Ich habe das lavendelblaue Kleid, das ich selbst in deinem Alter trug, für dich geändert, du hast dein Festkleid von der Abschlussfeier – die genügen als Sonntagskleider im Sommer –, und ich habe dafür gesorgt, dass alles andere aus gutem, warmem, solidem Wollzeug ist!»
Welch eine Garderobe für ein Mädchen, das sich im Frühling auf die Reise in den warmen Süden begibt!
Schließlich hatte man, nach schier endlosen letzten Erledigungen, die Kellers von ihrer Ankunft benachrichtigt, und nun saß eine von Panik geschüttelte Annie Sullivan in dem Zug, der sie an diesem Montagmorgen, am 1. März 1887, unerbittlich von Boston forttrug.
Das grelle Licht der Sonne auf dem weiß gleißenden Schnee sowie die rasch wechselnde Szenerie blendeten Annie derart, dass ihre Augen heftig zu schmerzen begannen und sie sie schließen musste. Das Kinn in die Hand gestützt, gab sie sich den Anschein, zum Fenster hinauszublicken – eine Dame konnte nicht gut am frühen Morgen den Eindruck erwecken zu schlafen! Wahrscheinlich rührten die Schmerzen daher, dass ihre Augen seit der letzten Operation noch nicht ganz verheilt waren. Sie hatte in der letzten Zeit solche Beschwerden mit den Augen gehabt, dass Mr. Anagnos darauf bestanden hatte, sie müsse vor ihrer Abreise in den Süden noch Dr. Bradford konsultieren, und so war sie erst vor wenigen Tagen noch einmal operiert worden. Vielleicht hätte sie die Abreise noch verschieben sollen, aber es hatte sich nur um eine kleinere Operation gehandelt, und die Kellers hatten nun schon so lange und geduldig auf sie gewartet.
Wie gut sie alle zu ihr gewesen waren – die Lehrer, Mr. Anagnos, die liebe Mrs. Hopkins, Dr. Bradford, die Kellers; und sie saß doch auch endlich in dem Zug, der sie ihrem ersehnten Ziel – einer gesicherten Stellung – entgegentrug: Warum nur schwanden ihr mit jeder Umdrehung der Räder mehr ihr Selbstvertrauen, ihr Mut, ihr Ehrgeiz?
Der Montag war ein entsetzlicher Tag, und in der Nacht fiel auch noch so viel Schnee, dass der Zug am nächsten Morgen mit zwei Stunden Verspätung in Philadelphia ankam. Steif und müde von der langen Fahrt, konnte sie an nichts Gefallen finden. «Philadelphia sieht wie ein riesiger Friedhof aus», schrieb sie an Mrs. Hopkins. Sie musste dort umsteigen, und als sie schließlich in Baltimore ankam, schien die Sonne, und das Wetter war so mild, dass ihre warme Kleidung eine einzige Qual bedeutete.
Auch am Dienstag und Mittwoch war sie in einer jämmerlichen Verfassung.
«Der Mann, der uns diese Fahrkarte verkauft hat, sollte gehängt werden», beklagte sie sich in einem Brief an Mrs. Hopkins, «und ich wäre bereit, den Henker zu spielen. Ich musste viele Male umsteigen, in Lynchburg, Roanoke, Chattanooga und Knoxville.
Unsere erste Station war Lynchburg, ein schäbiger, schmutziger und abscheulicher Ort.»
Und was würde sie in Tuscumbia erwarten? Ob Helen Keller wohl ein hässliches Kind war? Annie verabscheute Hässlichkeit. Ob die Krankheit, durch die sie blind und taub geworden war, auch ihr Gehirn geschädigt hatte? Wie lange würde es dauern, bis das Kind überhaupt reagierte? Wie viel man ihm wohl beibringen konnte? Es waren keine freudigen Gedanken, die Annie Sullivan auf ihrer Reise bewegten. Schließlich verließ sie ihr Mut gänzlich, und sie weinte so verzweifelt, dass ein gutmütiger Schaffner sie besorgt fragte, ob «ihre Leute» gestorben seien, und sie mit Butterbrot und Pfefferminztee zu trösten suchte.
Es war am Mittwochabend um achtzehn Uhr dreißig, als diese trostlose Reise ein Ende fand und Annie mit steifen, verkrampften Gliedern und vor Müdigkeit zitternd auf dem kleinen ländlichen Bahnhof ausstieg. Das also war Tuscumbia, Alabama. Noch ehe ihre übermüdeten Augen irgendetwas erkennen konnten, trat ein junger Mann auf sie zu und nahm höflich den Hut ab.
«Miss Sullivan?» Die gedehnte Sprechweise des Südstaatlers klang fremd in ihren Ohren. «Ich bin James Keller. Geben Sie mir bitte Ihren Koffer. Meine Stiefmutter wartet im Wagen. Wenn Sie so gut sein wollen, hier entlangzukommen …»
Plötzlich schien sie keine Luft mehr zu bekommen, und mechanisch ging sie neben ihm her. Aber als sie der erstaunlich jungen Frau ansichtig wurde, die sich ihr gespannt entgegenneigte, «fiel ein großer Stein von meinem Herzen», bekannte Annie später, «so viel Herzensgüte und Vornehmheit strahlten von ihr aus».
Sollte Kate Keller befremdet oder enttäuscht gewesen sein beim Anblick des hilflos aussehenden, verschwitzten jungen Mädchens mit den verschwollenen Augen, so ließ sie es sich nicht anmerken und erwähnte es nie. Mit herzgewinnendem Lächeln und echter Wärme hieß sie Annie willkommen.
«Wir sind so glücklich, dass Sie endlich bei uns sind, Miss Sullivan! Während der letzten beiden Tage sind wir zu jedem Zug gekommen.»
Als Annie sich in die weichen Kissen zurücklehnte, ließ ihre Anspannung allmählich nach. Die Landstraße, die sie entlangfuhren, war mit blühenden Obstbäumen gesäumt, und über den Feldern lag der kräftige Geruch frisch gepflügter Erde. Nach der langen Reise in dem stickigen, schmutzigen Zug erschien Tuscumbia ihr wie der Himmel auf Erden – ein guter, ein wohltuender Ort, an dem sie ihre Lebensaufgabe beginnen konnte. Die Fahrt durch die Dämmerung des Frühlingsabends besänfigte ihre Nerven, aber als Mrs. Keller auf ein Gebäude zeigte, das am Ende einer langen, schmalen, von Hecken gesäumten Zufahrt nur undeutlich zu erkennen war und dabei sagte: «Miss Sullivan, das ist unser Haus», wurde sie von einer derartigen Aufregung ergriffen, dass ihr Körper sich wie eine zu straff angezogene Saite spannte. Am liebsten wäre sie aus dem Wagen gesprungen, um das gemächlich dahintrottende Pferd anzutreiben. Wie konnte Mrs. Keller nur ein solch langsames Tier aushalten?
Captain Arthur Keller stand bereits wartend im Hof, half ihr aus dem Wagen und drückte ihr herzlich die Hand. «Willkommen – willkommen!»
Es war sicher recht unhöflich, aber Annies Gedanken waren nur auf einen einzigen Menschen konzentriert. «Wo ist Helen?», fragte sie atemlos.
Captain Keller deutete auf die in der Abenddämmerung liegende Veranda. «Dort. Sie weiß schon den ganzen Tag, dass wir jemanden erwarten.»
Annie schritt auf die Veranda zu. Sie konnte ihr Zittern kaum noch beherrschen. Ihr Atem kam in kurzen Stößen. Am Fuß der Treppe hielt sie inne und wagte nicht aufzuschauen. Bitte, lass sie nicht hässlich sein!, betete sie leidenschaftlich. Oh, bitte, lass sie nicht hässlich oder schwachsinnig sein! Und dann blickte sie auf.
Das Kind, das in der erleuchteten Tür stand, hatte ein schmutziges Hängerkleidchen an und wirres braunes Haar. Man sah sofort, dass es blind war. Hässlich war die kleine Helen keineswegs, und obwohl ihrem Gesicht etwas fehlte – Beweglichkeit, Seele –, merkte Annie doch sofort, dass sie intelligent war. Annie atmete tief aus und setzte ihren Fuß auf die unterste Treppenstufe. Als das Kind die Vibration wahrnahm, stürzte es sofort auf sie zu und hätte Annie umgerissen, wenn Captain Keller sie nicht aufgefangen hätte. Eifrig forschende Hände befühlten Annies Gesicht und Kleid und fanden schließlich ihre Handtasche. Annie überließ sie ihr, gespannt, ob sie wohl begriff, was sie da hatte. Das war offensichtlich der Fall, denn sie versuchte, die Tasche zu öffnen. Als sie merkte, dass sie verschlossen war, untersuchte sie sie sorgfältig, um herauszufinden, ob es ein Schlüsselloch gab, und nachdem sie dieses entdeckt hatte, zupfte sie an Annies Ärmel und deutete mit der Hand das Umdrehen eines Schlüssels an. Vor Freude und Erleichterung lachte Annie laut auf. Nein, Helen Keller war gewiss nicht schwachsinnig.
«Sie muss sehr intelligent sein! Das war sehr schlau von ihr.»
«Glauben Sie das wirklich?» Mrs. Kellers Stimme klang wehmütig. Sie griff nach der Tasche und versuchte, sie dem kleinen Mädchen zu entwinden. Sofort lief das Gesicht des Kindes dunkelrot an, es stampfte zornig mit den Füßen und wand und krümmte sich. Annie griff vermittelnd ein, hielt Helen ihre Uhr hin und lenkte dadurch ihre Aufmerksamkeit ab. Der Sturm legte sich. Annie hatte ihre erste Eroberung gemacht.
Zusammen betraten sie das Haus, und Mrs. Keller führte Annie die Treppen hinauf in ihr Zimmer, in dem die Lampen schon brannten. Es erschien dem übermüdeten Mädchen, als habe sie endlich einen sicheren Zufluchtsort gefunden, der Geborgenheit verhieß. Kate Keller, die am Fenster stand und die Vorhänge zuzog, hielt plötzlich inne und warf Annie einen ergreifenden Blick zu.
«Ich hoffe, Sie werden bei uns glücklich sein, Miss Sullivan, viele Jahre lang.»
Helen zerrte an ihrem Rock und bedeutete ihr mit ungeduldigen, herrischen Gebärden, dass sie die Tasche geöffnet haben wollte. Annie schloss die Tasche auf, ließ das Kind darin herumwühlen, beobachtete es dabei genau und begriff, dass es hoffte, etwas zu essen zu finden, wahrscheinlich Süßigkeiten. Ihr Koffer in der Halle fiel ihr ein. Sie ging mit Helen nach unten, legte die eine Hand des Kindes auf den Koffer, die andere auf ihr eigenes Gesicht und machte mit dem Mund die Bewegung des Kauens. Ob das Kind das wohl verstehen würde? Ihrem entzückten Gesichtsausdruck nach tat Helen das sehr wohl. Sie rannte zu ihrer Mutter und machte einige rasche Zeichen. Annie beobachtete sie mit wachsender Erregung.
«Sie glaubt», übersetzte Mrs. Keller, gleichsam um Entschuldigung bittend, «dass Sie in Ihrem Koffer Süßigkeiten für sie haben.»
«Aber ja, das habe ich», rief Annie triumphierend aus. «Genau das versuchte ich ihr mitzuteilen! Und sie hat es verstanden! Sie hat es verstanden!»
Nun wusste sie plötzlich, dass sie an den rechten Ort gekommen war; dass sie und dieses Kind einander verstehen würden.
Annie Sullivan war bereit, der Welt entgegenzutreten.
Phantom in einer Nicht-Welt
Doch als Annie einige Tage später niedergeschlagen eine kalte Kompresse auf ihren blutenden Mund legte, begann sie einzusehen, dass es wahrscheinlich leichter sei, der ganzen Welt gegenüberzutreten als einer einzigen kleinen Wilden, die eigen-willig und unbeherrscht war, die unberechenbare Wutanfälle bekam und gerade bewiesen hatte, dass sie jeden, der sich ihr widersetzte, ernsthaft zu verletzen vermochte. Annie hatte zwei Vorderzähne eingebüßt.
«Sie kann ein richtiger kleiner Teufel sein, wenn sie will!», sagte mitleidig das junge schwarze Mädchen, das ihr weiche Tücher und kaltes Wasser gebracht hatte, und schüttelte den Kopf.
Annie seufzte. Sie konnte das nicht bestreiten. Die ganze Situation in ihrer Widersprüchlichkeit war ihr ein Rätsel. Das Haus der Kellers gefiel ihr. Zwar war es nicht das, was sie sich erträumt hatte: die malerische Südstaatenplantage mit prächtigen Treppen und Säulen und Ballsälen. Es war ein einfaches, solides Haus, gemütlich und bequem, umgeben von Scheunen, Gärten und Feldern, die die Familie reichlich mit Lebensmitteln von ausgezeichneter Qualität versorgten. Auch die Familie mochte sie gern. Captain Keller, ehemaliger Offizier der konföderierten Armee, verhielt sich ihr gegenüber äußerst liebenswürdig und gastfreundlich. Und für Mrs. Keller, eine junge Frau, die nicht viel älter war als Annie selbst, hatte sie von Anfang an eine tiefe Zuneigung empfunden, die sich mit der Zeit immer mehr festigen und ihr Leben lang halten sollte. Die beiden Söhne aus Captain Kellers erster Ehe, James, Anfang zwanzig, und der um einige Jahre jüngere Simpson, hatten sie wenig beeindruckt. Aber das rosige Baby in seiner Wiege, die kleine Mildred, liebte sie bereits innig. Es war eindeutig eine angenehme, kultivierte Häuslichkeit, in die sie gekommen war; umso entsetzter war Annie, als sie bei ihrem ersten Frühstück mit den Kellers entdecken musste, dass man Helen erlaubte, die Teller, die herumgereicht wurden, an sich zu reißen, mit den Fingern darauf herumzusuchen und sich das zu nehmen, worauf sie gerade Lust hatte!
Darüber hinaus erfuhr Annie sowohl von Mrs. Keller wie von Viney, Helens schwarzer Kinderfrau mit dem weißen Turban auf dem Kopf, dass man bei Helen immer häufiger Gewalt anwenden musste, um ihr selbst bei den einfachsten Dingen, wie Haare kämmen oder Schuhe zuschnüren, helfen zu können. Auf Gewaltanwendung jedoch reagierte Helen mit Wutanfällen und tobte so lange, bis sie völlig erschöpft war. Nicht gerade eine vielversprechende Aussicht!
Und dennoch, wenn es gelang, ihr Interesse zu erregen und ihre Aufmerksamkeit zu gewinnen, war sie ein durchaus aufgeschlossenes und ansprechbares kleines Geschöpf. Während Annie ihren großen Koffer auspackte, half sie ihr dabei und ging sorgsam und geschickt mit den Sachen um. Und als sie die Puppe entdeckte, die die blinden Kinder ihr geschickt hatten, ging ein Strahlen über ihr Gesichtchen, das erste Lächeln, das Annie erblickte. Mit flinken, eifrigen Fingern befühlte sie die Puppe und drückte sie an sich. An ihr Versprechen denkend, legte Annie eine Hand auf die Puppe, die Helen im Arm hielt, und buchstabierte langsam «d–o–l–l» (Puppe) in ihre rechte Hand. Ob sie den Zusammenhang erfasste? Um ganz sicher zu gehen, benützte sie das Zeichen, das Helen selbst gebrauchte, wenn sie etwas haben wollte: Sie deutete auf die Puppe und nickte mit dem Kopf.
Helen sah verblüfft aus. Sie betastete Annies geschmeidige Finger und bewegte sie sachte hin und her. Verlangte sie nach mehr? Annie wiederholte die Buchstaben. War es möglich, dass ein erstes, ahnendes Begreifen in dem in Dunkelheit lebenden Geist aufdämmerte? Denn die kleinen Finger – Annie hielt den Atem an – versuchten zögernd und unbeholfen, die Bewegungen «d–o–l–l» nachzuahmen. Helen Keller hatte ihr erstes Wort buchstabiert! Vergessen war der halb ausgepackte Koffer. Annie stand vor Freude ganz starr. Und dann beging sie vor lauter Aufregung einen Fehler. Sie nahm die Puppe an sich. Sofort lief Helens Gesicht rot an, und sie bekam einen ihrer Wutausbrüche, weil sie sich ihres neuen Schatzes beraubt fühlte. Annie kämpfte mit dem Kind, bis es erschöpft war, und plötzlich schämte sie sich ihrer Kurzsichtigkeit, selbst den Anlass zu diesem Ringkampf geliefert zu haben. Verzweifelt suchte sie nach einer Möglichkeit, diesen Fehler wiedergutzumachen.
Sie ließ das zornige Kind allein, eilte die Treppe hinunter und bat Viney um ein Stück Kuchen. Wieder zurück in ihrem Zimmer, versuchte sie Helens Aufmerksamkeit auf den Kuchen in ihrer einen Hand zu lenken, während sie mit der anderen «c–a–k–e» (Kuchen) buchstabierte. Helen wollte den Kuchen an sich reißen, aber Annie hielt ihn fest, während sie ermutigend ihre Hand streichelte. Und noch einmal schien etwas im Bewusstsein des Kindes aufzuleuchten. Rasch wiederholte sie die Buchstaben und aß den Kuchen hastig auf. Dann hielt Annie ihr die Puppe wieder hin und berührte ihre Finger. Was würde wohl jetzt geschehen? Was nun geschah, war ein Wunder. Helen runzelte die Stirn, langsam bewegten sich ihre Finger und begannen «d–o–l» zu buchstabieren. Annie fügte das zweite «l» hinzu und legte ihr die Puppe in den Arm. Helen wandte sich ab und ertastete sich den Weg aus dem Zimmer. Den ganzen restlichen Tag über aber wollte sie mit Annie nichts mehr zu tun haben.
Annie jedoch jubelte innerlich vor Freude, während sie zu Ende auspackte und sich in dem ersten Zimmer, das sie ihr eigen nennen konnte, einrichtete. Sie hatte die Schranken durchbrochen, sie war zu dem Bewusstsein des Kindes durchgestoßen! Mit Sicherheit wusste sie nun, dass Helen Keller nicht stumpf und auch nicht schwachsinnig, sondern ein eifrig bestrebtes Kind war.
Am nächsten Tag holte sie ihr Kindergartenmaterial hervor und brachte Helen bei, eine der kleinen durchlochten Karten zu besticken. Helen freute sich, als sie die kleinen Löcher fühlte, und kreischte vor Wonne, als sie entdeckte, dass sie etwas zustande brachte, was sie ertasten konnte. Das Besticken der Karte gelang ihr erstaunlich gut, und Annie lobte sie, indem sie ihren Kopf streichelte. Dann beschloss sie, es mit einem weiteren Wort zu versuchen. Sie klopfte leicht auf die Karte und buchstabierte das Wort «card» in Helens Hand, wie sie es am Tag zuvor mit «doll» und «cake» getan hatte.
Helen ahmte das «c–a …» nach, hielt inne und neigte den Kopf zur Seite. Dann machte sie ihr Zeichen für «essen», deutete auf die Treppe und stieß Annie zur Tür. Annie lachte, ergänzte die übrigen Buchstaben «k–e» und ging auf die Suche nach einem Stück Kuchen. Wie aufgeweckt doch das kleine Ding war! Den Aufzeichnungen Dr. Howes nach hatte es Wochen gedauert, ehe er die Gewissheit hatte, dass Laura Bridgman den Zusammenhang zwischen einzelnen Wörtern begriff.
Auch mit ihrer genialen Zeichensprache bewies Helen, dass sie ein außergewöhnliches Kind war. Gerade an jenem Morgen hatte Annie beobachtet, wie Helen an dem Kleid ihrer im Haushalt beschäftigten Mutter zerrte, und als sie merkte, dass sie deren Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte, machte sie in der Luft die Bewegung, als ob sie einen Griff drehte, und schüttelte sich dann wie in einem Kälteschauer. Ihre Bewegungen waren so ausdrucksvoll, dass Annie auch ohne Mrs. Kellers lachende Erklärung verstand: «Sie möchte Eiscreme zum Mittagessen!»
Und beim Abendessen hatte sie Brot und Butter verlangt, indem sie die vollkommen verständlichen Bewegungen des Brotschneidens und Butteraufstreichens machte.
Doch um beurteilen zu können, in welch erstaunlichem Maße es diesem tauben und blinden Kind gelungen war, in Verbindung mit seiner Umwelt zu treten, musste man es außerhalb des Hauses, im Freien, beobachten, wie es sich langsam, aber gänzlich furchtlos seinen Weg um Scheunen und Ställe, über den Hof und durch den Garten ertastete. Eifrig darauf bedacht, Helens Schlupfwinkel und Gewohnheiten kennenzulernen, war Annie ihr am Tag nach ihrer Ankunft in den duftenden Frühlingsmorgen hinaus gefolgt. (Es war kaum zu glauben, dass sie vor nur vier Tagen im Zug nach Philadelphia fast im Schnee stecken geblieben war!) Und als sie die kleine Gestalt beobachtete, wie sie ihren Weg mithilfe von Hecken, Büschen und Bäumen fand, wurde ihr Erstaunen immer größer. Hin und wieder blieb Helen stehen, schnupperte in die Luft, nickte befriedigt mit dem Kopf und wanderte dann weiter. Mit Annie in ihrem Gefolge tastete sie sich zu der Stelle, wo die Kühe gemolken wurden. Offensichtlich war sie dort keine Unbekannte, denn die Melker zeigten sich nicht überrascht, selbst als sie ihre Hände über die ihr zunächst stehende Kuh gleiten ließ. Ärgerlich schlug das Tier mit dem Schwanz nach ihr, doch sie ließ es sich ruhig gefallen – zu Annies größter Verwunderung. Einer der Plantagenarbeiter nahm Helen bei der Hand und führte sie zum Pferdestall. Er hob sie hoch, und mit sichtlichem Entzücken liebkoste sie eines der Pferde.
Dann verließ sie den Stall und tastete sich an der Buchsbaumhecke entlang, bis sie in den Küchengarten gelangte. Dort machte sie ein anderes Persönchen ausfindig – auf welche Weise ihr das gelang, war ein Rätsel –, ein grinsendes, kleines schwarzes Mädchen mit krausen Korkenzieherlöckchen, das vielleicht ein oder zwei Jahre älter war. Mrs. Keller hatte Annie das Kind schon gezeigt, es war Martha Washington, die Tochter der Köchin, eines der wenigen Kinder, das keine Angst vor Helen hatte und ihre ständige Spielgefährtin war.
Helen schlang die Arme um den Hals des kleinen Mädchens, zupfte dann an ihrem Ärmel, kauerte sich auf den Boden und vollführte mit beiden Händen seltsame Bewegungen. Martha Washington nickte heftig und grinste noch breiter.
«Was sagt sie?», fragte die verdutzte Annie, die vergeblich versucht hatte, den Bewegungen zu folgen.
«Sie sagt, sie will Perlhuhneier suchen gehen», erklärte Martha und machte einen Knicks. «Sie sehen? So …» Sie drückte ihre kleinen, braunen, zu Fäusten geballten Hände in das Gras. «Perlhuhn, es legen gern Eier in hohes Gras, und Helen, sie gern suchen nach ihnen. Ja, Schätzchen, wir gehen!» Instinktiv antwortete sie mit lauter Stimme auf Helens immer hartnäckigeres Zerren.
«Ihre Fäuste bedeuten die Eier im Gras», sagte Annie vor sich hin. «Das ist wirklich schlau.»
«O ja, Madam!», stimmte Martha zu. «Helen ist sehr gescheit!» Sie ist mehr als gescheit, dachte Annie, als sie den beiden kleinen Mädchen durch das hohe Gras folgte. Helen besaß eine Fähigkeit, die den meisten blinden Kindern abgeht – einen unerschrockenen, furchtlosen Geist und einen unermüdlichen Tätigkeitsdrang. Viele blinde Kinder, besonders die kleineren, sind unsicher, ängstlich und verharren gern an immer der gleichen Stelle. Manche blinde Babys haben große Schwierigkeiten, überhaupt laufen zu lernen. Annie hatte in der Schule blinde Kinder erlebt, denen man sogar das Spielen beibringen musste. Und hier hatte sich aus der dunklen, lautlosen Welt des Babys heraus eine kraftvolle kleine Seele entwickelt, die so tatendurstig und unermüdlich, so schelmisch war wie jedes normale sechseinhalbjährige Kind.
Annie lächelte, als sie daran dachte, wie sie geglaubt hatte, «ein bleiches, zartes, schüchternes Kind» vorzufinden. In einem Brief an Mrs. Hopkins hatte sie geschrieben: «Helen ist keineswegs zart. Sie ist groß, stark und gesund und in ihren Bewegungen so ungezügelt wie ein junges Füllen.»
Dann plötzlich erblickte sie etwas, worüber sie laut auflachte. Die kleinen Mädchen hatten offensichtlich ein Nest mit Eiern entdeckt. Sie kreischten vor Entzücken, und Annie bedurfte Marthas Erklärungen für Helens ausdrucksvolle Gesten nicht. Helen teilte nämlich Martha mit, dass sie, Helen, die Eier in ihrem Schürzchen heimtragen wolle. Martha könnte vielleicht stolpern und sie zerbrechen!
Nachdem sie die Eier heil im Haus abgeliefert hatten, setzten sich die beiden kleinen Mädchen auf die Stufen vor der Küchentür und fütterten die Truthühner, die sich laut kollernd um sie drängten. Annie sah, dass die Tiere die Körner direkt aus Helens Händen pickten, und wiederum staunte sie. Dieser Anblick war einfach unglaublich für jemanden, der mit blinden Kindern umgegangen und selbst ein blindes Kind gewesen war. Gewiss war Helen intelligent und furchtlos, aber es kam da noch etwas hinzu. Sie war im Schoße einer wunderbaren Familie aufgewachsen und hatte vor allem eine Mutter, die die Weisheit, die Geduld und die Stärke besaß, ihr kleines Kind frei herumlaufen, die Umwelt erforschen und durch Erfahrungen so lernen zu lassen, wie das jedes gesunde Kind tut; eine Mutter, die es nicht zurückhielt aus Angst, es könne sich verletzen.
Das sprach sie auch Mrs. Keller gegenüber aus, als die beiden zusammensaßen, nachdem Helen ins Bett gebracht worden war. Mrs. Keller schüttelte den Kopf, und ihre Augen füllten sich mit Tränen. Sie hatte bisher, ehe Annie kam, niemals irgendjemandem gegenüber einzugestehen vermocht, wie schwer Helens Jahre als Kleinkind gewesen waren.
«Sie war so ein schönes Kind, Miss Annie, und hatte solch scharfe Augen! Sie konnte eine Nadel entdecken, die niemand sonst sehen konnte. Und an dem Tag, als sie ein Jahr alt wurde, glitt sie von meinem Schoß herunter und rannte auf einen Sonnenstrahl zu. Sie fing auch an zu sprechen. Und dann, mit neunzehn Monaten, wurde sie krank. Noch heute wissen wir nicht, was es war. Die Ärzte nannten es eine ‹akute Unterleibsund Gehirnentzündung›. Einmal, als ich sie badete, entdeckte ich, dass sie blind war, und später wandte sie nicht einmal den Kopf, auch wenn wir laut schrien. Aber niemals konnte ich glauben, dass auch ihr Gehirn geschädigt wurde – glauben Sie das?»
Annie schüttelte rasch und nachdrücklich den Kopf. «Nein, Mrs. Keller, bestimmt nicht. Ich hatte mit Schwachsinnigen zu tun. Ich weiß es gewiss!»
«Einige unserer Verwandten sagten, sie sei geistig zurückgeblieben, und wir sollten sie in ein Heim geben. Aber eine Cousine von Captain Keller behauptete immer, sie habe mehr Verstand als jeder andere von den Kellers. Wenn es nur einen Weg gäbe, zu ihrem Geist vorzudringen!»
Annie schluckte. «Den gibt es, liebe Mrs. Keller. Das hat man schon einmal erreicht. Ich habe mit Laura Bridgman zusammen gelebt, und sie hat vielerlei Dinge studiert, sogar Geometrie und Naturwissenschaften. Sie ist ein ganz wunderbarer Mensch.»
«Ich habe über sie in Dickens’ Amerikanischen Skizzen gelesen, und da schöpfte ich zum ersten Mal Hoffnung. Aber dann fiel mir ein, dass Dr. Howe gestorben ist und mit ihm vielleicht auch seine Unterrichtsmethode! Etwas später wurde mein Mann von Präsident Cleveland zum Bundespolizeichef von Alabama ernannt, und sein erstes Gehalt benützte er dazu, Helen zu einem Augenarzt in Baltimore zu bringen, von dem wir gehört hatten.» Sie biss sich auf die Lippen. «Es war hoffnungslos, aber er war der Meinung, dass sie bildungsfähig sei, und riet uns, Dr. Alexander Graham Bell in Washington zu konsultieren.»
«Dr. Alexander Graham Bell?», unterbrach Annie, «ich dachte – das Telefon – ich dachte, er sei ein Erfinder!»
Mrs. Keller nickte. «Das stimmt, aber zunächst hatte er Taube unterrichtet. Seine eigene Frau ist taub. Nun, wir fuhren nach Washington, und Dr. Bell – das ist der wunderbarste und gütigste Mann, den ich je getroffen habe.» Bei den letzten Worten versagte ihr die Stimme, und sie schaute weg. «Er setzte Helen auf seine Knie, und sie verstanden einander sofort. Er sagte, sie sei ein sehr aufgewecktes Kind, dass man sie selbstverständlich unterrichten könne, und riet meinem Mann, sich an das Perkins-Institut zu wenden. Und, oh, Miss Annie, es war der glücklichste Tag unseres Lebens, als Mr. Anagnos schrieb, dass Sie zu uns kommen würden.»
Annie spürte, wie ihr die Kehle eng wurde. Die ganze Verzweiflung all dieser Monate und Jahre hilflosen Wartens und Hoffens sprach aus Kate Kellers Augen.
«Ich will mein Bestes für Sie und Helen tun», versprach sie nüchtern. «Ich habe sie jetzt schon ins Herz geschlossen, und sie lernt rasch.» Sie lachte leise. «Erinnern Sie sich an die Geschichte mit ‹cake› und ‹card› und wie geschickt sie mit den Nähkarten und Perlen umgeht?»
Helens Mutter erkundigte sich nun, wie Annie mit dem Unterricht vorgehen wolle. Und das war eine gute Frage, denn vorläufig waren Annies Pläne noch recht verschwommen und anfänglich. Sie setzte Mrs. Keller auseinander, dass es zunächst am wichtigsten sei, Helen begreiflich zu machen, dass jedes Ding einen Namen habe. Sie beabsichtigte, ihr Gegenstände wie den Kuchen zu geben, vertraute Dinge wie Karte, Puppe, Tasse, Löffel und ihr so lange die dazugehörigen Wörter in die Hand zu buchstabieren, bis Helen das Wort mit dem Gegenstand verbinden und selbst richtig benützen konnte. Sie erklärte, dass die Tauben jeden Buchstaben des Alphabets durch Fingerbewegungen bezeichnen konnten, und demonstrierte das, indem sie den Namen Helen Keller buchstabierte.
Dieses Alphabet könne jeder leicht erlernen, sagte Annie. Später solle Helen die Brailleschrift lesen und schreiben lernen, und auch mit Bleistift müsse sie schreiben lernen. In Braille könne sie rechnen und überhaupt alles lernen.
Kate Keller ließ das winzige Jäckchen für Mildred in ihren Schoß sinken. Hoffnung leuchtete in ihrem Gesicht auf, Hoffnung, die sie fünf Jahre lang begraben hatte.
«Und das alles können Sie wirklich erreichen, Miss Annie? Ich werde wirklich mit meinem kleinen Mädchen sprechen und erfahren können, was sie denkt? Was denkt sie denn?»
Was wohl waren in jener Zeit die Gedanken der kleinen Helen Keller? Sie selbst kann es nicht sagen. Gedanken ohne Worte zu bilden ist schwer. Und Worte hat Helen Keller nicht. Erfahrungen sind es, die in ihrem Gedächtnis leben. Sie erinnert sich, wie sie durch eine Unmenge Papier watet und auf ihren Vater – er ist der Herausgeber einer Zeitung – trifft, der etwas vor sein Gesicht hält, was ihr rätselhaft ist. Sie versuchte, das Ding vor ihr eigenes Gesicht zu halten, und setzte sich sogar seine Brille auf, aber das Rätsel löste sich dadurch nicht. Sie erinnert sich, wie sie und Martha Washington einen frisch mit Zuckerguss überzogenen Kuchen stahlen und ihn, bei den Holzstapeln versteckt, aufaßen. Sie erinnert sich, dass sie wütend wurde, als sie ihr kleines Schwesterchen schlafend in der Wiege fand, die sie für ihre Puppe benützte, und dass sie versuchte, die Wiege umzustürzen. Sie erinnert sich, ihre Mutter in der Speisekammer eingeschlossen zu haben, und wie sie ihre Schürze in Flammen setzte, indem sie sie über ein offenes Feuer hielt. Und sehr lebhaft erinnert sie sich an die Reise nach Baltimore zu dem Augenarzt und dann weiter nach Washington.
Die Leute in den Zügen waren alle sehr freundlich zu ihr. Eine der Mitreisenden gab ihr zum Spielen eine Schachtel voller Muscheln, die ihr Vater durchbohrte, sodass sie sie zu einer Kette auffädeln konnte. Sie durfte sich an den Rockschößen des Schaffners festhalten, wenn er durch den Wagen ging, um die Fahrkarten zu kontrollieren. Danach gab er ihr sogar seine Lochzange zum Spielen. Das Erstaunlichste auf dieser Reise aber ereignete sich, als ihre Tante ihr eine Stoffpuppe aus Taschentüchern machte – ein ulkiges, schlaffes, formloses Ding. Seltsamerweise waren es nun die nicht vorhandenen Augen, die Helens Aufmerksamkeit erregten. Immer wieder deutete sie auf das Gesicht der Puppe und dann auf ihre eigenen Augen, aber niemandem fiel ein, wie man die Puppe mit Augen versehen könnte. Schließlich leuchtete Helens Gesichtchen auf, sie kletterte von ihrem Platz herunter und tastete sich zu ihrer Tante, unter deren Sitz sie herumsuchte, bis sie den Mantel fand, den die Tante während der Reise getragen hatte. Dieser Mantel hatte einen Besatz aus großen Perlen. Helens kräftige kleine Finger rissen zwei Perlen ab und zeigten dann auf das Gesicht der Puppe. Und als man sie aufgenäht hatte, hüpfte sie vor Freude auf und ab.
Sie konnte von Dr. Chisholms Urteil nichts wissen, auch ahnte sie nicht, welch schweren Herzens ihre Eltern mit ihr nach Washington fuhren. Aber als sie auf Dr. Bells Knien saß, wusste sie, dass da jemand war, der sie verstand. Und abgesehen von ihrer Familie war dies der erste Mensch, mit dem sie sich verbunden fühlte. Später bezeichnete sie ihn als «meinen ältesten Freund».
Welcher Art waren ihre Gedanken während dieser fünf Jahre vollständiger Isolation? Jahre später sagte sie, dass sie «wie ein Schiff in dichtem Nebel war, das seinen Weg ohne Kompass, ohne Lot suchen musste». Und dass sie sich «ihrer selbst innerhalb eines Nichts bewusst war. Ich wusste nicht, dass ich nichts wusste, dass ich lebte, handelte. Ich hatte weder Willen noch Verstand … Ich hatte kein Denkvermögen.» Sie bezeichnete sich auch als «ein Phantom in einer Nicht-Welt».
Was für Gedanken auch immer sie gehabt haben mochte, sie waren schattenhaft und ohne Kontur. Doch sie war sich vieler Dinge bewusst, vor allem wusste sie ganz genau, dass sie anders war als die übrigen Menschen, die keine Zeichen und Gebärden benützten wie sie. Oft stellte sie sich zwischen zwei Personen, die sich miteinander unterhielten, berührte mit den Fingern deren Lippen und bewegte dann ihre eigenen, in dem vergeblichen Versuch, ebenso zu sein wie jene.
Dieses dringende Bedürfnis, andere Menschen zu verstehen, sich mit ihnen zu verständigen, muss der Grund für die heftigen Ausbrüche gewesen sein, von denen sie zu der Zeit, als Annie Sullivan nach Tuscumbia kam, so häufig ergriffen wurde. Wahrscheinlich handelte es sich gar nicht um die Zornausbrüche eines ungezogenen Kindes; vielmehr packten sie Anfälle von Schmerz und Verzweiflung über die unüberwindlichen Schranken, die ihren wachsenden Geist gefangen hielten. War sie dann erschöpft, so tastete sie sich an der Buchsbaumhecke entlang in den Garten, wo sie sich in das Gras und die Blumen warf, deren Kühle und Duft ihren kleinen, wutgeschüttelten Körper besänftigten.
Durch einen dieser Anfälle, in dem Helen mit geballten Fäusten heftig um sich schlug, verlor Annie ihre beiden Vorderzähne. Sie war sehr niedergedrückt an jenem Tag. Ihre Augen schmerzten und waren entzündet. Sie wusste nicht, wie sie mit dieser halsstarrigen kleinen Wilden fertig werde sollte, die noch niemals bestraft worden war und deren Familie sich weigerte, ihre Zügellosigkeit auch nur im geringsten einzuschränken. Sie hatte gehofft, das Kind durch Liebe erreichen zu können, aber Helen war zu wild, zu ungebärdig, sie war für Liebe unerreichbar, sie konnte Liebe nicht erkennen, nicht begreifen. Annie musste einen anderen Weg einschlagen, und zwar bald.
Vielleicht musste sie an ein anderes blindes, widerspenstiges, unwissendes Kind denken, und wie viel Zeit und Geduld nötig gewesen war, es zu zähmen. Jedenfalls erhob sie den Kopf und beschloss, nicht mehr an den Verlust ihrer Zähne zu denken. Ich muss das Kind von der Familie trennen, dachte sie. Ich will ganz offen mit Mrs. Keller sprechen.
Die erste Sprosse der Leiter
Bereits am nächsten Morgen kam es zu einer plötzlichen und heftigen Krise. Vielleicht lag es daran, dass Annie entmutigt und enttäuscht war, vielleicht fürchtete sie das bevorstehende Gespräch mit Mrs. Keller – den Vorschlag, Helen zeitweilig von ihrer Familie zu trennen –, jedenfalls sah sie mit wachsendem Widerwillen zu, wie Helen auf die herumgereichten Teller grapschte. Als sie ihren eigenen Teller in Empfang nahm, wehrte sie die herandrängenden kleinen Hände ab. Sofort verfinsterte sich das Gesicht des Kindes. Sie zwickte Annie. Annie gab ihr einen Klaps auf die Hand. Und das genügte, um einen von Helens Wutanfällen auszulösen. Sie schrie und langte noch einmal nach Annies Teller, und wieder schlug Annie auf die herumsuchenden Hände, obwohl sie sich nur allzu deutlich der schockierten und missbilligenden Blicke der Familie bewusst war. Mrs. Keller öffnete den Mund, dann schüttelte sie den Kopf, und Tränen rannen über ihre Wangen. Sie erhob sich und verließ das Zimmer. Einer nach dem anderen folgte ihrem Beispiel.
Auch Annie erhob sich, ging aber nur bis zur Tür, um sie zu verschließen. Ihr kamen ebenfalls die Tränen, aber so unglücklich und leer sie sich auch fühlte, sie zwang sich dazu, ihren Platz wieder einzunehmen und das Frühstück fortzusetzen, obwohl sie fast daran erstickte. Was sollte nur werden? So hatte sie es nie gewollt. Sie hatte Helen durch Liebe und Güte gewinnen wollen, doch das war nicht gelungen. Helen betrachtete alles, was man für sie tat, als selbstverständlich. Sie wollte sich nicht lieben lassen. Keines der Familienmitglieder, besonders ihr Vater nicht, konnten sie weinen sehen, deshalb hatte man ihr nie Einhalt geboten, sie nie bestraft. Sie bekam nur dann nicht, was sie wollte, wenn es ihr nicht gelang, sich verständlich zu machen. Das Einzige, was sie zu verstehen und respektieren vermochte, war etwas oder jemand, der stärker war als sie. Annie hoffte, dass sie stärker sein würde. Und da der Kampf nun einmal ausgebrochen war, war sie entschlossen, ihn auch zu Ende zu führen.
Und es war wahrhaftig ein Kampf! Helen hatte sich auf den Boden geworfen, ließ ihr schauerliches Gebrüll ertönen, schlug um sich und versuchte, Annies Stuhl unter ihr wegzustoßen. Annie hielt ihn fest. Schließlich krabbelte das Kind auf die Füße, um festzustellen, was Annie tat, und als sie merkte, dass Annie weiteraß, versuchte sie aufs Neue, ihr das Essen vom Teller zu reißen. Wieder gab Annie ihr einen Klaps. Das Kind tastete sich um den Tisch herum, schien verblüfft wegen der leeren Stühle, kehrte aber zu seinem eigenen Stuhl zurück und begann selbst zu essen – mit den Fingern. Annie gab ihr einen Löffel, Helen warf ihn auf den Boden. Annie zwang sie dazu, ihn aufzuheben, drückte ihr den Löffel in die Hand und hielt ihn eisern fest, sodass das Kind genötigt war, ihn zum Essen zu benützen. Erstaunen malte sich auf Helens Gesicht, aber sie begriff den Zusammenhang und beendete ihr Frühstück friedlich. Der nächste Kampf entbrannte um das Zusammenfalten der Serviette. Nachdem sie zusammengelegt war, schleuderte Helen sie auf den Boden. Annie biss die Zähne zusammen und zwang sie, obgleich sie wiederum brüllte und um sich schlug, die Serviette aufzuheben und noch einmal zusammenzulegen. Dann endlich ließ sie das Kind in den warmen, sonnigen Morgen hinausgehen. Annie zitterte am ganzen Leib, ihr war übel, aber es gelang ihr, sich hinauf in ihr Zimmer zu schleppen, wo sie auf ihrem Bett zusammenbrach und bitterlich weinte, bis ihr vor Erschöpfung endlich die Tränen versiegten.
Oh, es hatte keinen Sinn, sie hatte versagt. Captain Keller würde sie bestimmt auffordern, ihre Sachen zu packen. Und wenn nicht, wie konnte sie, wie konnte überhaupt jemand den Zugang zu einem solchen Kind finden?
Ein tiefer, an Betäubung grenzender Schlaf umfing sie. Irgendwann hörte sie eine sanfte Stimme fragen: «Miss Annie, darf ich hereinkommen?»
Nur mit Mühe gelang es Annie, sich aufzusetzen, und mit einer vom vielen Weinen heiseren Stimme krächzte sie: «J-ja, t-treten Sie ein.» Es war Mrs. Keller, und wahrscheinlich kam sie, um ihr den Beschluss der Familie mitzuteilen, dass sie nach Boston zurückkehren solle.
Kate Keller trat ein, blieb einen Augenblick stehen, und als sie das verzweifelte Häufchen Elend erblickte, setzte sie sich neben Annie auf das breite Bett und legte den Arm um sie. «Oh, meine liebe Miss Annie, es tut mir so leid wegen heute Morgen! Wie können wir Ihnen nur helfen? Wir wollen doch das Beste für unser kleines Mädchen, aber auf welche Weise können wir das tun?»
Annie schluckte, griff nach ihrem durchnässten Taschentuch und nahm dankbar das frische entgegen, das Mrs. Keller ihr reichte. Sie blickte in deren besorgtes Gesicht und begann dann zu sprechen, langsam, tastend, nach den richtigen Worten suchend.
«Ich glaube, sie muss von der Familie getrennt werden – für eine kleine Weile …»
«Getrennt?!» Helens Mutter fuhr zurück.
Annie nickte. «Ja, wenigstens für ein paar Wochen. Oh, Mrs. Keller, können Sie das nicht sehen? Sie – Ihre ganze Familie – haben Helen immer ihren Willen gelassen. Sie hat Sie alle tyrannisiert, auch die Dienerschaft. Wegen jeder Kleinigkeit bekommt sie nun diese Wutanfälle, und um des lieben Friedens willen geben Sie nach. Ich kann ihr weder den Gebrauch der Sprache noch sonst etwas beibringen, solange sie nicht lernt, mir zu gehorchen. Sie muss lernen, sich nach mir zu richten, mir zu gehorchen, mich zu lieben, ehe ich irgendwelche Fortschritte bei ihr erreichen kann. Es hat alles keinen Sinn, solange sie in dem Glauben lebt, bei ihrer Familie alles durchsetzen zu können. Wollen Sie sie nicht bitte mir allein überlassen, nur für eine kurze Zeit?»
Lange schwieg Mrs. Keller. Dem Ausdruck ihres Gesichtes entnahm Annie, dass ein heftiger Kampf sich in ihr abspielte, von dem sie hin und hergerissen wurde. Endlich blickte sie auf und lächelte traurig. «Ich will jedenfalls darüber nachdenken und sehen, was Captain Keller dazu meint, Miss Annie.»
Captain Kellers Stellungnahme war Annie recht fraglich. Aber als sie an jenem Abend gebeten wurde, mit Mrs. Keller zusammen in sein Arbeitszimmer zu kommen, wurde ihr bei seinen ersten Worten ganz schwach vor freudiger Überraschung.
«Ich glaube, dass Sie da einen ausgezeichneten Plan haben, Miss Annie», sagte er herzlich. «Zufällig besitzen wir ein kleines Gartenhaus, etwa eine Viertelmeile von hier entfernt, in der Nähe von Ivy Green, unserer Familien-Plantage. Das können wir für Sie herrichten. Helen ist schon öfters dort gewesen. Sie werden natürlich allein mit ihr bleiben. Aber hätten Sie etwas dagegen, wenn wir jeden Tag einmal zum Fenster hineinschauten, um zu sehen, wie Sie zurechtkommen? Helen braucht von unseren Besuchen nichts zu erfahren.»
«Nicht im geringsten!», war Annies begeisterte Antwort. «Dürfen wir bald übersiedeln?»
«Gut. Ja, ich denke, das lässt sich rasch bewerkstelligen.» Er tätschelte ihre Hand. «Meine liebe junge Dame, wir wissen, dass Sie uns zu helfen versuchen.»
Das kleine Haus, in das sie gebracht wurden, erschien Annie wie ein Stück vom Paradies. Es bestand aus einem sehr großen Raum mit einem gewaltigen Kamin und einem herrlichen Erkerfenster sowie einem kleineren Zimmer, in dem Percy schlafen würde, der kleine schwarze Junge, der die Hausarbeit für sie verrichten sollte. Auch eine geräumige Veranda gab es, die so dicht von Kletterpflanzen und wildem Wein überwachsen war, dass man das Blättergewirr erst beiseite schieben musste, wollte man den dahinter liegenden Garten sehen. Ihre Mahlzeiten sollten vom «großen Haus», Ivy Green, herübergebracht werden, wo Captain Kellers Verwandte wohnten, sodass Annie sich ganz und gar Helen widmen konnte.
So paradiesisch das kleine Haus sein mochte, seine beiden Bewohner befanden sich keineswegs in einem himmlischen Gemütszustand, jedenfalls nicht während der ersten Tage. Von ihrer Familie getrennt und ohne die vertraute Umgebung wurde Helen, angsterfüllt und wütend, von einem wahren Tobsuchtsanfall gepackt; sie schrie und schlug um sich, die einzige Art, auf die sie sich zu äußern vermochte. Hilflos und schweren Herzens stand Annie daneben. Als das Abendessen gebracht wurde, beruhigte sich Helen, ihr Gesicht hellte sich auf, sie langte herzhaft zu und spielte danach mit ihren Puppen. Als Annie ihr klarmachte, dass es an der Zeit war, ins Bett zu gehen, ließ sie sich bereitwillig ausziehen und zudecken. Kaum aber fühlte Helen, dass Annie sich neben sie legte, war es mit der Ruhe schon wieder vorbei. Helen sprang auf der anderen Seite aus dem Bett. Annie hob sie auf und legte sie zurück. Helen ließ sich sofort wieder herausfallen – und so ging es fort, zwei lange Stunden hindurch.
«Ich habe noch nie ein Kind von solcher Kraft und Ausdauer gesehen», schrieb Annie an Mrs. Hopkins, «aber zum Glück für uns beide bin ich doch ein bisschen stärker.»
Schließlich gab Helen klein bei, und ein schluchzendes kleines Mädchen rollte sich am äußersten Rand des Bettes zusammen, während Annie auf ihrer Seite des Bettes, erschöpft an Leib und Seele, von quälenden Zweifeln gepeinigt wurde.
Armes kleines Mädchen, es lag ja nicht an ihr, dass sie ausgeschlossen war von jeglicher Verbindung und Verständigung mit anderen Menschen! Plötzlich fiel Annie ein, was Dr. Howe über Laura Bridgman gesagt hatte: «Sie war wie ein Mensch, der sich allein und hilflos in einem tiefen, dunklen Schacht befindet, und ich ließ ein Seil herab und ließ es über ihr baumeln, in der Hoffnung, dass sie es vielleicht findet, ergreift und daran heraufgezogen werden kann in das Licht des Tages und der menschlichen Gemeinschaft.»
Wann würde wohl Helen das Seil finden, das Annie versuchte, zu ihr herabzulassen?
Am nächsten Morgen, auf dem Weg zu seinem Büro, schaute Captain Keller durch das Fenster, und Annie begriff nur allzu gut, dass kein Vater das, was er da zu sehen bekam, ermutigend finden konnte. Es war bereits Vormittag, und Helen saß auf dem Fußboden, ein Häufchen Elend, inmitten ihrer um sie herum verstreuten Kleider, da sie jeden Versuch Annies, sie anzuziehen, abgewehrt hatte. Was immer der Vater denken mochte, er verbarg es vor Annie und begrüßte sie nur mit der Höflichkeit des Südstaatlers; Annie krampfte sich das Herz zusammen beim Anblick des abgehärmten Ausdrucks auf seinem Gesicht, als er sich abwandte.
Diesmal schwebte Annie wirklich in Gefahr, als Versager entlassen zu werden, denn Captain Keller unterbrach seinen Weg in Ivy Green und erklärte seiner Cousine: «Leila, am liebsten möchte ich dieses Yankee-Mädchen nach Boston zurückschicken.» Leila Lassiter jedoch hatte die Situation klarer erfasst. «Gib ihr erst einmal die Chance, das, was sie tut, auch unter Beweis zu stellen, Arthur», drang sie in ihn. «Meiner Meinung nach ist sie Helens einzige Hoffnung.»
Helens Stimmung an jenem Tag war gedämpft, alles schien ihr rätselhaft. Sie spielte mit ihren Puppen, ging des öfteren zur Tür, als ob sie jemanden erwartete, berührte ihre Wange – ihr Zeichen, dass sie nach ihrer Mutter verlangte – und schüttelte dann traurig den Kopf. Mit Annie wollte sie so wenig wie möglich zu tun haben.
Wie verlassen muss sie sich fühlen, wie verwirrend muss alles für sie sein, dachte Annie, die sie beobachtete. An ihr lag es nicht, dass diese Trennung notwendig geworden war – ihre Familie hatte sie zu sehr verwöhnt und nie gestraft, und vielleicht konnte man auch den Kellers keine Schuld geben! Denn es ist schwierig, Strafen für ein Kind zu ersinnen, mit dem man sich nicht verständigen kann. Dank der völligen Freiheit, die sie genossen hatte, zeigte Helen – wie Annie an Mrs. Hopkins schrieb – keine der nervösen Schwächen, die bei blinden Kindern so bedrückend sind. Ihr Drang nach Unabhängigkeit, ihre Furchtlosigkeit würden ihr eines Tages sehr zustatten kommen, wenn sie einmal wirklich bewusst am Leben ihrer Umwelt würde teilnehmen können. Aber wie stelle ich es an, ihr Gehorsam und Selbstbeherrschung beizubringen, ohne ihren Geist zu brechen?
Ja, wie? Hier stand sie vor einem Problem, das zu lösen auch einem älteren und erfahreneren Lehrer Rätsel aufgegeben und Kopfzerbrechen bereitet hätte. Und Annie war jung und unerfahren. Knapp einundzwanzig Jahre alt.
Wie und wann es geschah, ist keinem der Beteiligten jemals klar geworden, aber plötzlich dämmerte es in Helens dunklem kleinem Gemüt auf, dass diese Person da bei ihr kein Ungeheuer war, das sie aus irgendeinem grausamen Grund ihrer Familie entrissen hatte, sondern jemand, dessen Hände sanft und freundlich waren, der mehr Dinge wusste als sogar ihre Mutter und der ihr zeigen wollte, wie man sie macht. Da war jemand, dem man vertrauen, nach dem man sich richten und, mehr noch, dem man gehorchen konnte.
Unter Annies Anleitung brachte sie eine Schürze für ihre Puppe zustande, und es war eine gute Schürze. Sie lernte häkeln, und als sie eine Schnur hergestellt hatte, so lang, dass sie durch das ganze Zimmer reichte, lachte sie in sich hinein und drückte sie liebevoll an die Wange. Und Annie konnte Mrs. Hopkins glückstrahlend berichten:
«Mein Herz jubelt heute vor Freude! Das Licht des Verständnisses ist im Geiste meiner kleinen Schülerin aufgegangen, und siehe da, alle Dinge haben ein verändertes Aussehen bekommen. Das wilde kleine Geschöpf von vor vierzehn Tagen hat sich in ein artiges Kind verwandelt. Helen sitzt, während ich schreibe, heiter und fröhlich neben mir und häkelt an einer langen Schnur aus roter Schafwolle … Sie lässt sich jetzt von mir küssen, und wenn sie in besonders zärtlicher Stimmung ist, sitzt sie sogar auf meinem Schoß … Der große Schritt – der Schritt, auf den es ankommt – ist getan. Die kleine Wilde hat ihre erste Lektion ‹Gehorsam› gelernt. Auch die anderen Menschen bemerken schon die Veränderung, die mit Helen vorgegangen ist. Ihr Vater besucht uns jeden Morgen und Abend, sieht sie zufrieden ihre Perlen aufreihen und nähen, und ruft aus: ‹Wie ruhig sie ist!› Als ich ankam, waren ihre Bewegungen derart heftig und ungezielt, dass man stets das Gefühl hatte, sie habe etwas Unnatürliches und geradezu Unheimliches an sich.»
Helen lernte auch weitere Wörter buchstabieren. Wenn Annie ihr Gegenstände gab, die sie zuvor schon in der Hand gehabt hatte, benannte sie sie rasch, aber offensichtlich konnte sie die Wörter noch nicht mit ihren Wünschen verbinden, denn wenn sie Milch oder Kuchen haben wollte, buchstabierte sie nicht die ihr bekannten Wörter, sondern zog es vor, ihre alten Gesten zu benützen. Aber sie liebte das Fingerspiel und gewann eine große Geschicklichkeit darin.
Eines Tages brachte Captain Keller die Setterhündin Belle mit und war gespannt, ob Helen sie erkennen würde. Der Hund verkroch sich in eine Ecke des Zimmers, sodass Annie vermutete, er habe keine allzu glücklichen Erinnerungen an seine kleine Herrin. Helen war gerade dabei, eine ihrer Puppen zu baden; plötzlich hielt sie inne, schnupperte, ließ die Puppe in die Waschschüssel fallen und tastete sich durch das Zimmer. Ganz offensichtlich erkannte sie Belle, denn sie stieß einen kleinen Freudenschrei aus, ließ sich auf die Knie fallen und umarmte sie heftig. Dann beugte sie sich nieder und fing an, mit einer ihrer Pfoten herumzuarbeiten. Weder Captain Keller noch Annie vermochten zu erraten, was in ihrem Kopf vor sich ging, bis sie sahen, dass die kleinen, flinken Finger die Bewegungen der Buchstaben «d–o–l–l» ausführten.
Helen versuchte, ihrem Hund das Buchstabieren beizubringen!
W–A–T–E–R !
Zwei Wochen lang blieben sie in dem kleinen Gartenhaus, obwohl Annie sich einen längeren Aufenthalt gewünscht hätte. Aber Captain Keller sagte, er glaube, dass Helen Heimweh habe. In Wirklichkeit war es wahrscheinlich umgekehrt: die Eltern hatten Sehnsucht nach Helen!
Alle stellten voller Freude fest, welch große Fortschritte das Kind gemacht hatte. Ihr Gesichtchen wurde mit jedem Tag ausdrucksvoller; die Wutanfälle verschwanden; sie benahm sich zutraulicher. Sie hatte zwar noch Schwierigkeiten, die Wörter richtig anzuwenden, aber es war deutlich zu bemerken, wie intensiv ihr Geist arbeitete. Eines Tages, als sie im Garten spielte, gewahrte Annie voller Erstaunen, wie sie ein Loch buddelte und ihre Puppe eingrub. Mit ihren eindrucksvollen Gebärden bedeutete sie Annie, die Puppe solle wachsen und so groß wie Annie werden! «Sie können sich nicht vorstellen, wie klug sie ist!», hieß es in einem Brief an Mrs. Hopkins.
Annie war nun zuversichtlich, dass sie den richtigen Weg eingeschlagen habe. Ihre Erfolge im Gartenhaus hatten bei den Kellers tiefen Eindruck gemacht, und so ließen sie ihr in ihrem Vorgehen völlig freie Hand. Helen schlief auch weiterhin bei Annie; das Kind sollte sich ganz und gar auf sie verlassen, und außerdem:
«Ich finde es viel besser, sie nicht zu festgesetzten Zeiten zu unterrichten, sondern bei jeder sich bietenden Gelegenheit … Den ganzen Tag hindurch buchstabiere ich ihr alles, was wir tun, in die Hand, obwohl sie noch nicht begriffen hat, was dieses Buchstabieren bedeutet.»
Dann aber, an einem köstlichen, duftigen Frühlingsmorgen, genau einen Monat und zwei Tage nach ihrer Ankunft in Tuscumbia, am 5. April 1887 – weder Annie noch Helen konnten jemals diesen Tag, dieses Datum vergessen –, ereignete sich etwas, das eine glückselig aufgeregte Annie in ihr Zimmer eilen ließ, wo sie ihre Schreibmappe mit derart zitternden Fingern öffnete, dass Schreibpapier und Briefmarken in allen Richtungen zu Boden flatterten. Ihr Herz klopfte bis zum Hals, als sie sich niederließ, um Mrs. Hopkins ihre Freudenbotschaft mitzuteilen:
«Ich muss Ihnen heute Morgen eine Zeile schreiben, denn etwas sehr Wichtiges hat sich ereignet. Helen hat gelernt, dass jedes Ding einen Namen hat und dass das Fingeralphabet der Schlüssel zu allem ist, was sie zu wissen verlangt.
In einem früheren Brief schrieb ich Ihnen, dass die Wörter ‹mug› (Becher) und ‹milk› (Milch) Helen mehr Mühe machten als die übrigen. Sie kannte das Wort für trinken nicht, sondern machte die Pantomime des Trinkens, so oft sie ‹mug› oder ‹milk› buchstabierte. Als sie sich heute früh wusch, fragte sie nach dem Wort für ‹Wasser› … Ich buchstabierte es und dachte bis nach Beendigung des Frühstücks nicht mehr daran. Dann fiel mir ein, dass ich ihr vielleicht mithilfe dieses neuen Wortes die ‹mug-milk›-Schwierigkeit entwirren könnte. Wir gingen hinüber zum Pumpenhaus, und ich ließ Helen ihre Hand unter den Wasserstrahl halten, während ich pumpte und ihr ‹w–a–t–e–r› in die freie Hand buchstabierte. Das Wort, das so unmittelbar auf die Empfindung des kalten, über ihre Hand strömenden Wassers folgte, schien sie stutzig zu machen. Sie ließ den Becher fallen und stand wie angewurzelt. Ihr Gesicht leuchtete auf. Sie buchstabierte das Wort ‹water› mehrere Male. Dann kauerte sie sich nieder, berührte die Erde und fragte nach deren Namen. Sie deutete auf die Pumpe, das Gitter, dann wandte sie sich plötzlich um und fragte nach meinem Namen. Ich buchstabierte ‹teacher› (Lehrerin). Gerade in diesem Augenblick brachte die Kinderfrau Helens kleine Schwester in das Pumpenhaus, Helen buchstabierte ‹baby› und deutete auf die Kinderfrau.» Auf dem ganzen Rückweg zum Haus war Helen sehr erregt und voller Freude. Sie berührte jeden Gegenstand in ihrer Reichweite und zupfte an Annies Ärmel, um seinen Namen zu erfragen. Annies Finger zitterten derart, dass sie die Wörter kaum zu buchstabieren vermochte. Atemlos berichtete sie Mrs. Keller von dem wunderbaren Ereignis und stürzte dann die Treppe hinauf, um ihren Brief an Mrs. Hopkins zu schreiben. Helen Keller hatte das Seil gefunden, das sie «aus ihrem tiefen, stummen, finsteren Schacht herauf in das Licht der menschlichen Gemeinschaft» ziehen würde.
Während Annie schrieb, flitzte Helen mit vor Freude strahlendem Gesicht im Zimmer umher, berührte die vertrauten Gegenstände und buchstabierte die neu gefundenen Namen rasch in die Luft: «Tür», «Bett», «Süßes» und schließlich immer wieder das Wort ‹teacher›, das ihr das liebste aller Wörter werden sollte. Sie trat nahe an Annie heran und berührte zart ihr Haar und ihre Wangen, während ihre Finger immer wieder die Buchstaben ‹t–e–a–c–h–e–r› wiederholten. Annie ließ ihre Feder sinken und drückte das Kind fest an sich.
Es war ein wunderbarer Tag. Helen konnte nicht genug bekommen an neuen Wörtern. Wohin sie auch ging – was immer sie anfasste, stets rührte sie fragend an Annies Hand, und wenn Annie ihr das Wort vermittelt hatte, schien der ganze kleine Körper des Kindes vor Glück zu beben. Außer den Substantiven begriff sie nun auch die Bedeutung von Verben – ‹rennen›, ‹sitzen›, ‹laufen› – und von Befehlen wie ‹geh›, ‹komm›, ‹gib›. So durstig wie Wasser an einem heißen Tag trank Helen Wörter in sich hinein.
Als es Abend wurde, waren Annies Finger zwar müde, doch empfand sie diese Müdigkeit als angenehm, vor allem beim Anblick von Kate Kellers Antlitz, als Helen auf ihren Schoß kletterte und ‹Mutter› buchstabierte.
Es war deutlich zu spüren, wie die ganze Atmosphäre des Hauses von Freude durchzogen war. Selbst die Dienstboten grinsten von einem Ohr zum anderen und bestaunten Helen geradezu ehrfürchtig. Ihr Vater aber folgte seiner kleinen Tochter auf Schritt und Tritt, und seine Augen weideten sich an ihren winzigen Fingern, die sich so flink bewegten.
Als Annie an diesem Abend aufstand, um Helen zu Bett zu bringen, und der Familie gute Nacht sagte, erhob Captain Keller sich von seinem Stuhl und trat auf sie zu. Er versuchte etwas zu sagen, doch die Stimme versagte ihm, und auch Annies Stimme wollte ihr kaum gehorchen, als sie mit einem ‹Danke, Sir!› seinen krampfhaften Händedruck beantwortete.
An jenem Tag war Annies Freudenbecher bis an den Rand gefüllt. Endlich einmal, so dachte sie, als sie sich anschickte, zu Bett zu gehen, blieb nichts mehr zu wünschen übrig! Jedoch ihr Brief an Mrs. Hopkins enthielt am nächsten Morgen noch eine Nachschrift:
«Als ich gestern Abend zu Bett ging, schmiegte Helen aus eigenem Antrieb sich in meine Arme und gab mir zum ersten Mal einen Kuss. So voller Freude war mein Herz, dass ich glaubte, es müsse springen!»
Und Helen selbst schrieb später über diesen Abend: «Es gab wohl kein glücklicheres Kind als mich am jenem Abend, als ich am Schluss dieses ereignisreichen Tages in meinem Bett lag und an die Freuden dachte, die mir zuteil geworden waren, und zum ersten Mal sehnte ich den kommenden Tag herbei.»
Pulsuz fraqment bitdi.