Kitabı oxu: «Die Ruhe vor dem Sturm - Schweden-Krimi»
Helena Brink
Die Ruhe vor dem Sturm - Schweden-Krimi
Aus dem Schwedischen von Knut Krüger
Saga
Die Ruhe vor dem Sturm - Schweden-Krimi Übersetzt Knut Krüger Coverbild / Illustration: Shutterstock Copyright © 2006, 2020 Helena Brink und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726445145
1. Ebook-Auflage, 2020
Format: EPUB 2.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit Zustimmung von SAGA Egmont gestattet.
SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk
– a part of Egmont www.egmont.com
Gewidmet der Person, die den Kontakt mit der
Familie auf Röshult herstellte.
Keinen Namen – du weißt selbst, wer du bist.
Helena
1 FREITAG, 11. APRIL
Die Dämmerung war bereits weit fortgeschritten, als er den Hof erblickte. Oder zumindest einen Teil davon. Die Ställe ließen sich hinter der schwarzen Silhouette der nackten Zweige nur erahnen, doch das reichte aus, um seinen Herzschlag zu beschleunigen.
Das Taxi bremste behutsam, bevor es auf den schmalen Kiesweg abbog, der sich schnurgerade zwischen Weiden und frisch gepflügten Feldern dahinzog. Er beugte sich hastig vor und klopfte an die Scheibe.
»Stopp . . . halten Sie an!«
Es war als Aufforderung gemeint, klang jedoch mehr wie ein Hilferuf.
Der Fahrer sah ihn im Rückspiegel fragend an. »Hier?«
Er bekam seine Stimme wieder unter Kontrolle. »Ja, ich gehe das letzte Stück.«
»Aber Ihre Tasche . . . sie wird Ihnen auf dem Weg sehr schwer werden.«
»Ich gehe das letzte Stück«, beharrte er.
Der Fahrer hielt an und schaltete das Innenlicht ein. Sein Fahrgast nestelte an seiner Brieftasche, doch seine Hände zitterten heftig, und mit den Scheinen kannte er sich auch nicht aus.
»Nehmen Sie sich den Betrag«, sagte er und gab dem Fahrer sein Portemonnaie.
Der Fahrer nahm drei Hunderterscheine heraus und legte das Wechselgeld hinein. Dann stieg er aus und holte die Tasche aus dem Kofferraum.
Bevor er den Motor wieder anließ, fragte er mit besorgtem Unterton: »Soll ich Sie wirklich hier absetzen?«
»Ich komme schon zurecht.«
Der Fahrer warf nochmals einen Blick auf die schwere Tasche, als wolle er sagen: Gib mir nicht die Schuld, wenn du einen Herzschlag bekommst, Alter.
Dann fuhr er davon.
Sobald das Auto außer Hörweite war, brach die Stille über ihn herein, drückte gegen sein Trommelfell, während die Konturen der Landschaft deutlicher hervortraten. Dunkle, gezackte Fichten, nackte, wellige Felder mit feucht glänzenden Ackerfurchen, steinige Koppeln und Gehölze mit immer noch unbelaubten Bäumen. Dünne Nebelschwaden trieben über den ausgebesserten Asphalt. Eine lautlose Einsamkeit, von vereinzelten kalten Sternen bewacht.
Die Kälte kroch ihm die Beine hinauf. Er nahm die Reisetasche, klemmte sich die Aktenmappe unter den Arm und begann den Kiesweg entlangzugehen.
Auf halber Strecke musste er stehen bleiben, um Atem zu schöpfen. Er hörte ein dumpfes Schnaufen, das nicht von ihm kam, fuhr herum und starrte in die Dunkelheit. Schwerfällige Schatten bewegten sich gemächlich im Dunst hinter der Steinmauer, und er hörte die beruhigenden Laute großer Wiederkäuer. Ein süßlich stechender Geruch stieg ihm in die Nase und versetzte ihn um mindestens fünfzig Jahre zurück. Kühe. Die hatte er schon lange nicht mehr gesehen.
Die verbleibende Wegstrecke zwischen den Bäumen lag nun fast in völligem Dunkel, und die Kälte trieb ihn zur Eile an. An der Giebelseite der Ställe betrat er den Hofplatz.
Das Wohnhaus wurde von den frei stehenden Wirtschaftsgebäuden flankiert. Alles war genauso großzügig angelegt, wie er es in Erinnerung hatte. Den Ställen gegenüber lagen die Scheune sowie der Fuhrpark.
Auf der Suche nach bekannten Details versuchten seine Augen die Dunkelheit zu durchdringen. Die große Rosskastanie, die mitten auf dem Hofplatz gestanden hatte, war verschwunden. Ohne sie sah er merkwürdig kalt aus. Vor der Scheune stand ein Traktor, vermutlich neueren Datums, jedenfalls war er sauber. Das Haus hatte immer noch seine alte rote Farbe, die in der Dunkelheit schwarz wirkte. Durch zwei Fenster des Wohnhauses fiel ein grelles gelbes Licht auf den Kies, ansonsten schien der ganze Hof wie in Schlaf versunken.
Er wusste, dass hinter den erleuchteten Fenstern die Küche lag. Er gab Acht, mit den Füßen keinen Kies aufzuwirbeln. Außer einer Reihe von Küchenschränken war nichts zu erkennen. Doch jetzt drangen leise Stimmen und Musik zu ihm nach draußen, vermutlich von einem Fernseher.
Am Rande der beleuchteten Fläche blieb er unschlüssig stehen. Noch wussten weder er noch die da drinnen, wie der weitere Abend verlaufen würde. In dieser Ungewissheit lag eine Freiheit, die er auskosten wollte.
Als er schließlich die entscheidenden Schritte machte und an die Tür klopfte, waren seine Hände vor Nervosität schweißnass. Sein Herz pochte heftig. Nichts passierte. Er klopfte lauter und hörte drinnen jemanden rufen. Eine Frauenstimme. Dann schwere Schritte, ehe die Tür sich öffnete. Ein groß gewachsener, kräftiger Mann füllte die Türöffnung. Sein Gesicht lag im Schatten. Jetzt gab es kein Zurück mehr.
»Leif?«, fragte er unsicher.
In diesem Moment wurde die Lampe über der Treppe angeschaltet. Er starrte gebannt in das Gesicht und sah seine Vermutung bestätigt: Sein Gegenüber war das Abbild des Vaters. Eine Woge sentimentaler Empfindungen verdrängte für einen Augenblick die Angst.
»Erkennst du mich nicht?« Seine Stimme klang sonderbar dünn und wacklig.
Keine Antwort. Der andere schaute ihn unbeteiligt und abwartend an.
»Ich bin’s, Max«, sagte er und zeigte auf die Tasche, als könnte die seine Behauptung bekräftigen. Der andere ließ seinen Blick zur Tasche und wieder zurück wandern. Forschend, zweifelnd.
Dann ein Ausdruck des Erstaunens, gemischt mit unverhohlenem Unbehagen.
Die Frauenstimme übertönte abermals die gleichmäßige Geräuschkulisse des Fernsehers irgendwo im Haus. »Wer ist denn da?«
Es war eine kräftige Stimme, wenn auch ein wenig heiser und ungeduldig. Sie hatte sich seit fünfundvierzig Jahren nicht verändert.
Der Mann im Türrahmen trat einen Schritt zur Seite und brummte mürrisch: »Ist wohl besser, wenn du reinkommst.«
Das erste Hindernis war überwunden. Mit einem kaum unterdrückten Stoßseufzer der Erleichterung stellte er die Reisetasche unter die Garderobe, hängte seinen Mantel auf und glättete seine Haare. Die Aktenmappe hatte er immer noch unter den Arm geklemmt. Er betrat die hell erleuchtete Küche, und der schwache Essensgeruch, der in der Luft hing, machte ihn sofort hungrig. Er hatte seit Kopenhagen nichts zu sich genommen und hätte schwören können, dass es hier Fleischklößchen zum Abendessen gegeben hatte.
In der Tür zu dem in Dämmerlicht liegenden Raum, der an die Küche grenzte, stand eine weißhaarige Frau, klein und dürr, aber mit geradem Rücken. Sie fixierte ihn mit verschränkten Armen. Er ging rasch auf sie zu, streckte eine Hand aus und schlug einen vertraulichen Ton an.
»Gertrud! Erkennst du mich denn nicht? Ich bin’s, Max! Wie lange ist das her?«
Sie blinzelte ihn neugierig an und ignorierte seine ausgestreckte Hand. Ihre gealterten Gesichtszüge zeugten von Selbstdisziplin. Oder war es Gleichgültigkeit?
»Ich dachte, du wärst schon lange tot«, sagte sie wenig liebenswürdig.
»Why . . . warum sollte ich . . .?« Er lachte nervös auf. »Ich bin nach Hause gekommen, um zu bleiben«, fügte er beinahe flehentlich hinzu.
»Hoffentlich nicht bei uns.« Es kam wie ein Peitschenhieb.
»Nein, äh, in Schweden, meine ich.«
»Aha . . .«
»Es wurde mir da drüben zu einsam. Ich hatte das Gefühl, dass ich zurückmusste«, sagte er ausweichend.
Ihr unbarmherziger Blick war an seiner Kleidung hängen geblieben, die sie schweigend musterte.
»Ich dachte, es wäre schön, dich . . . und den Hof wieder zu sehen, nach . . . all these years. Du siehst gut aus.«
»Ich kann nicht klagen.«
»Du wirkst wirklich keinen Tag älter als fünfzig«, legte er sich ins Zeug.
»Du schon«, entgegnete sie spitz.
»Ja, ja, die Zeit . . . time takes its toll«, sagte er gutmütig.
»Bist du verheiratet?«, fragte sie unvermittelt.
»Ich bin . . . widower, meine Frau ist gestorben.«
»Hm, du willst sicher eine Tasse Kaffee«, sagte sie ohne jede Herzlichkeit und ging zum Herd.
»Ja, das wäre schön«, sagte er mit neuer Hoffnung. »Ich habe seit dem Flughafen in Kopenhagen nichts in den Magen bekommen.« Er hoffte, diese Auskunft würde ein wenig Essbares auf den Tisch zaubern, doch sie schien seinen Wink nicht verstehen zu wollen. Während sie mit der Kaffeemaschine beschäftigt war, schaltete sich der Mann, der die Tür geöffnet hatte, in das Gespräch ein.
»Du bist also mit dem Flugzeug direkt aus Amerika gekommen?«, erkundigte er sich.
Max drehte den Kopf und dachte, er sollte seine Bemühungen darauf konzentrieren, den Sohn des Hauses für sich zu gewinnen.
»Ja, stell dir vor«, sagte er lächelnd. »Gestern war ich noch in New York, und heute bin ich auf Röshult. ’52 war das Reisen noch eine ganz andere Sache. Da hing ich zwei Wochen lang über dem Klo oder der Reling, um mich zu übergeben. Dass ich dich sofort wiedererkannt habe! Du bist Vater wie aus dem Gesicht geschnitten. Das habe ich schon damals gesehen, bevor ich . . . obwohl du ja erst zwölf warst.«
Das Gesicht des Bruders verfinsterte sich, und Max bereute, den Vater überhaupt ins Spiel gebracht zu haben. »Was macht denn Birger eigentlich?«, fragte er ausweichend. »Geht’s ihm gut? Wohnt er hier in der Nähe?«
Gertrud stand am Küchentisch und klapperte mit den Kaffeetassen. Ohne aufzublicken sagte sie: »Der wohnt in Malmö. Wir sehen ihn nur selten.«
Sie verzog den Mund, der bittere Unterton war ihm nicht entgangen. Offenbar war auch dies ein heikles Thema. Doch er war noch nicht bereit, vom eingeschlagenen Weg abzuweichen, und obwohl sein Lächeln bereits krampfhafte Züge trug, fragte er forsch: »Mit dem Hof alles in Ordnung?«
Sie warf eine Packung Kekse auf den Tisch. »Wir kommen über die Runden.«
»Ihr habt mit der Aussaat begonnen?«
Keine Antwort.
Plötzlich fühlte er sich mutlos. Er war nicht willkommen und fühlte sich ihrer Feindseligkeit hilflos ausgeliefert. Unaufgefordert ließ er sich auf einen der Küchenstühle sinken und schaute sich suchend nach einem Vorwand um, die sinnlose Plauderei fortzusetzen. Er stellte fest, dass alles vorhanden war, was zu einer modernen Einrichtung gehörte. Weder die Küche noch der Traktor vor der Tür deuteten auf finanzielle Schwierigkeiten hin. »Hier hat sich in der Zwischenzeit ja einiges getan«, sagte er vorsichtig. »Alles sieht so gepflegt aus.«
Als auch auf diese Bemerkung niemand einging, fragte er Leif: »Bewirtschaftest du den Hof ganz allein oder hast du Unterstützung?«
Leif nahm ebenfalls auf einem der Stühle Platz und legte seine kräftigen, behaarten Unterarme auf die Tischplatte. Ohne seinen Gast eines Blickes zu würdigen, wandte er sich der dunklen Fensterscheibe zu.
»Ich habe keine Hilfe und ich brauche auch keine. Ich habe die Produktion ziemlich runtergefahren, und mit dem Mastvieh komme ich schon allein zurecht. Für die Heuernte stelle ich ein paar Leute ein.«
»Really? Mastvieh?«, wiederholte Max interessiert. »Lohnt sich das denn?«
Der andere warf ihm einen misstrauischen Blick zu. »Wieso?«
Max gab auf. Aus denen war nichts herauszukriegen. Er wünschte sich weit, weit fort, doch nun musste er die Suppe auch auslöffeln, die er sich eingebrockt hatte. Da konnte er genauso gut gleich zur Sache kommen und es hinter sich bringen. Alles andere als unerschrocken betrat er vermintes Gelände.
»Ist doch wohl kein Wunder, dass ich mich für die finanzielle Lage des Hofs interessiere. Soweit ich weiß, bin ich an ihm beteiligt, und so hielt ich es für an der Zeit, mein Erbe einzufordern.«
Das schockierte Schweigen, das darauf folgte, wurde erst wieder vom geschäftigen Gurgeln der Kaffeemaschine gebrochen. Er spürte mehr, als dass er sah, wie Mutter und Sohn verstohlene Blicke tauschten. Vermutlich sollte er sich auf eine heftige Auseinandersetzung gefasst machen, und diese ließ auch nicht lange auf sich warten. Während Gertrud schweigend die Tassen füllte, erhob sich ihr Sohn und lehnte sich über den Tisch. Auf dem wettergegerbten Gesicht schimmerten rote Flecken. Seine dunklen Augen funkelten gefährlich.
In einem Ton, der furchtbare Erinnerungen wachrief, zischte er durch die Zähne: »Hier wird nichts aufgeteilt. Der Hof wird zusammengehalten. Darauf haben wir uns geeinigt.«
Max sank tiefer in den Stuhl. Es schien ihm, als wäre sein Vater plötzlich auferstanden. Er nahm all seinen verbliebenen Mut zusammen und versuchte einen kühlen Kopf zu bewahren, indem er sich vergegenwärtigte, dass der Mann, der vor ihm stand, zwölf Jahre jünger war als er selbst.
»Was heißt hier wir?«,stieß er hervor. »Ich bin nie gefragt worden.«
Nun kam Gertrud ihrem Sohn zur Hilfe. Als hätte er das nötig gehabt.
»Ausgerechnet du sprichst von Erbe?«, fuhr sie ihn an. »Hast du überhaupt keine Scham im Leib?«
Max lächelte gequält und fragte mit klopfendem Herzen: »Was weißt du schon von Scham?«
So, nun kämpften sie jedenfalls mit offenem Visier, und alle wussten, woran sie waren. Max stärkte sich rasch mit einem Schluck brühheißen Kaffees.
Um allen Ansprüchen von vornherein einen Riegel vorzuschieben, verkündete Leif: »Du hast alle Rechte verloren, als du dich davongemacht hast.«
»Schon möglich, dass ihr dieser Meinung seid«, entgegnete Max mit bebender Stimme. Er war bemüht, die Diskussion auf einem sachlichen Niveau zu halten. »Doch zufällig habe ich das Gesetz auf meiner Seite.«
Leif rang sich ein höhnisches Lachen ab, aber es klang mehr wie ein Knurren.
»Welches Gesetz? Das möchte ich sehen. An deiner Stelle würde ich das Wort ›Gesetz‹ lieber nicht in den Mund nehmen.«
»Du bist wirklich unverschämt!«, warf Gertrud gehässig ein. »Kommst einfach hierher und redest von Geld, nach allem, was du getan hast. Ich wundere mich, dass du dich überhaupt nach Hause traust.«
Max’ gute Vorsätze begannen zu schwinden. »Ihr könnt mich nicht einschüchtern«, sagte er gepresst. »Ich habe keinen Grund, vor irgendetwas Angst zu haben. Und meine Rechte kenne ich genau.«
Leif schlug mit der Faust auf den Tisch, worauf der Kaffee aller drei Tassen überschwappte.
»Keinen Schimmer hast du!«, schrie er. »Die Zeiten haben sich geändert. Jedenfalls hier in Schweden.«
Auch Max schlug mit der Faust auf den Tisch, ohne allerdings Leifs Kunststück mit den Kaffeetassen zu wiederholen.
»Glaubst du etwa, ich hätte all die Jahre auf einer einsamen Insel verbracht? Natürlich weiß ich, dass die Zeiten sich geändert haben. Aber was hat das mit dieser Sache hier zu tun? Ich bin verdammt noch mal ebenso der Sohn des Alten wie du. God damn it!«
Nun lehnte sich Gertrud über den Tisch und machte eine beschwichtigende Handbewegung. »Beruhigt euch, alle beide!«, sagte sie gebieterisch. Sie wandte sich an Max und fuhr vorwurfsvoll fort: »Du verstehst doch wohl, dass wir . . . nicht gerade begeistert sind, wenn du hier plötzlich auftauchst, so mir nichts, dir nichts, und vom Erbe sprichst, nach all den Jahren. Sonst hast du es ja nie für nötig gehalten, mal von dir hören zu lassen.«
Er konnte ein höhnisches Schnauben nicht unterdrücken. »Hättet ihr euch denn gefreut, wenn ich früher gekommen wäre und das Thema zur Sprache gebracht hätte?«
Sie blieb eine Antwort schuldig, doch schien sie sich um eine versöhnlichere Haltung zu bemühen.
»Natürlich werden wir versuchen, eine gemeinsame Lösung zu finden, wenn dir wirklich von Rechts wegen etwas zusteht. Aber das muss ja erst mal geklärt werden.«
Leif wollte davon nichts wissen. »Wieso gemeinsame Lösung? Ihm steht überhaupt nichts zu. Einbuchten sollte man den wegen Mordes!«
Max entging nicht, dass Gertrud ihrem wütenden Sohn einen warnenden Blick zuwarf. Er selbst war gefährlich gereizt und fuhr streitlustig fort: »Komm bloß nicht mit diesen alten Anschuldigungen. Was damals passiert ist, wurde längst aufgeklärt. Da kommt man nach Hause auf den Hof, wo man geboren wurde, und wird wie ein fucking . . . Verbrecher behandelt.«
»Gar nichts wurde aufgeklärt!«, rief Leif. »Du bist doch einfach abgehauen!«
Max bemühte sich darum, einen Rest seiner anfänglichen Würde wiederzuerlangen. »Wenn wir versuchen, uns an die Fakten zu halten, dann steht mir hier einiges zu.«
Gudrun lachte spöttisch in ihre Kaffeetasse. »Das glaubst du im Ernst?«
Sie nickte Leif auffordernd zu. »Hol das Inventarverzeichnis von Henning«, sagte sie.
»Warum denn das?«, protestierte er.
»Tu, was ich sage. Du weißt, wo es ist.«
Er gehorchte widerstrebend und verschwand brummend in dem dunklen Raum hinter der Küche, in dem immer noch der Fernseher lief.
Max versprach sich nichts Gutes von dieser Idee und spähte misstrauisch zu Gertrud hinüber, die mit unergründlicher Miene ihren Kaffee schlürfte.
Leif kehrte zurück und warf missmutig ein Bündel Papiere auf den Tisch. Gertrud setzte sich die Brille auf. In aller Ruhe begann sie in den alten, vergilbten Unterlagen zu blättern. Sie fand rasch, wonach sie gesucht hatte, und schob Max triumphierend ein Blatt entgegen.
»Hier siehst du es selbst. Der Überschuss belief sich auf hundertachtzigtausend, von dem noch die dreißigtausend Schulden abgezogen werden müssen. Bleiben hundertfünfzigtausend. Dort steht es. Angenommen, dir stünde tatsächlich etwas zu, dann wären das . . .«, sie überschlug die Summe rasch im Kopf,» . . . die Hälfte gehört ja mir, und den Rest müsstet dann ihr drei Söhne unter euch aufteilen. Bleibt für dich also ein Sechstel, das wären . . . fünfundzwanzigtausend.«
Max schob das Blatt heftig von sich fort. »Versuch bloß nicht, mich für dumm zu verkaufen«, stieß er hervor, »die Frage ist schließlich, was der Hof heute wert ist.«
»Das hat damit überhaupt nichts zu tun!«, rief Leif. »Die Frage ist, was du erben solltest, als der Alte starb. Außerdem steht mir ein gewisser Lohn dafür zu, dass ich mich in all den Jahren auch um deinen Anteil gekümmert habe.« Er hielt inne und überschlug einige Zahlen im Kopf, dann fuhr er fort: »Fünfhundert im Jahr sind ja wohl nicht zu viel verlangt. Was macht das nach fünfundvierzig Jahren? Zweiundzwanzigtausendfünfhundert, nicht wahr? Bleibt für dich ein Rest von zweieinhalbtausend. Die kann ich dir sofort in die Hand drücken, dann brauchen wir uns nie wiederzusehen.«
Max begann sich um seinen Blutdruck zu sorgen. Es pochte in den Schläfen, sein Gesicht glühte. Er sollte sich vorsehen. Schließlich war er nicht nach Hause gekommen, damit ihn hier der Schlag traf.
In einem Ton, als sei er über ihr gieriges Gezänk erhaben, sagte er: »Wenn ihr solch eine Rechnung aufstellt, hat jede weitere Diskussion überhaupt keinen Sinn. Dann werde ich einen Anwalt beauftragen, der die Angelegenheit vor Gericht bringt.«
Sie brauchten einige Sekunden, um diese Wendung zu verarbeiten. Gertrud trat ein paar Schritte zurück und schlug erneut einen versöhnlicheren Ton an.
»Du solltest nichts überstürzen. Erst mal wollen wir sehen, ob dir von Rechts wegen was zusteht, und sollte das der Fall sein, dann können wir immer noch in Ruhe über alles diskutieren. Denn eins steht doch wohl fest: Wenn wir da irgendwelche Anwälte mit reinziehen, wird am Ende für keinen von uns was übrig bleiben, nachdem die ihr Honorar kassiert haben.«
Max nahm eine gewisse Besorgnis in ihrer Stimme wahr und konnte der Versuchung nicht widerstehen, seinen flüchtigen Vorteil auszuspielen.
»Ich habe keine Angst vor Anwälten«, sagte er. »Denn ihr werdet die Kosten übernehmen müssen, falls ihr euch nicht einverstanden erklärt, mir mein rechtmäßiges Erbteil auszuzahlen. Wobei ihr natürlich nicht vergessen dürft, dass ich auch das Erbe meiner Mutter nie bekommen habe.«
Der letzte Satz schien ihnen endgültig die Sprache verschlagen zu haben.
»Denn auch ich hatte schließlich eine Mutter, oder wollt ihr das etwa leugnen?«, fügte er leise hinzu.
Sie starrten schweigend vor sich hin, als müssten sie ihre Lage neu überdenken.
Doch an einer Fortsetzung der Diskussion war ihm nicht gelegen. Er hatte ihnen seinen Standpunkt hinreichend dargelegt. Falls sie noch etwas zu sagen hatten, sollten sie ihn zu einem späteren Zeitpunkt eben persönlich aufsuchen. Er schaute auf die Uhr. Halb neun. Höchste Zeit, an die Rückfahrt zu denken. Vor ein paar Stunden war er naiv genug gewesen, auf ihre Gastfreundschaft zu vertrauen – zumindest war er davon ausgegangen, dass sie ihn für ein paar Tage beherbergen würden –, doch nun sah er ein, wie trügerisch diese Hoffnung gewesen war. Außerdem wollte er keine Minute länger als nötig bei ihnen bleiben. Ein wenig peinlich war bloß, dass er die große Reisetasche mitgeschleppt hatte.
»Vielleicht dürfte ich kurz euer Telefon benutzen, um mir ein Taxi zu rufen«, sagte er steif.
Gertrud wurde aus ihren Gedanken gerissen und betrachtete ihn mit neu erwachtem Interesse, als begriffe sie erst jetzt, wer er eigentlich war.
Mit einem Mal klang sie ausgesprochen versöhnlich: »Ach, das hat doch keine Eile.« Sie füllte seine Kaffeetasse auf. »Wir haben uns schließlich seit über vierzig Jahren nicht gesehen. Erzähl uns lieber ein bisschen, wie es dir ergangen ist in all der Zeit, was du erlebt hast. Hier bei uns passiert ja nicht so viel. Wäre schön, mal was Neues zu hören.«
Er sparte sich eine Erwiderung. Um zu demonstrieren, dass ihre Freundlichkeit zu spät kam, griff er nach seiner Aktenmappe und schaute sich suchend nach dem Telefon um. Doch sie ließ nicht locker.
»Du bist doch sicherlich hungrig, nachdem du den ganzen Tag unterwegs warst. Ich kann dir ein paar Fleischklößchen aufwärmen.«
Sie war schon auf den Beinen und kümmerte sich nicht um seinen halbherzigen Protest. Leif, der nicht so schnell umschalten konnte wie sie und dem die Zornesröte immer noch im Gesicht stand, schaute bestürzt zu, wie sie mit Pfannen und Töpfen hantierte, doch sie ließ ihn nicht zu Wort kommen.
»Wie ist es dir in Amerika ergangen?«, fragte sie. »Wo hast du überhaupt gelebt?«
Max sah dabei zu, wie sie sich in der Küche zu schaffen machte. Fasziniert erinnerte er sich, dass sie stets so gewesen war – schlagfertig und launisch. Bei ihr wusste man nie, woran man war. Einst war er von ihrer sprunghaften Launenhaftigkeit wie verzaubert gewesen.
»All over«, antwortete er vage, »hauptsächlich in Chicago.«
»Hm, Chicago. Was hast du da gemacht?«
»Ich war Geschäftsmann, in der Autobranche.«
»Hast du Autos verkauft?«
»Na ja, so kann man das vielleicht sagen.«
»Und deine Frau? War sie Amerikanerin?«
Ihm lag bereits auf der Zunge, dass sie das nichts anginge, doch sie stellte rasch ein kaltes Bier vor ihn auf den Tisch. Die Magensäfte gerieten in Bewegung. Er schwankte zwischen dem Wunsch aufzubrechen und der Aussicht auf eine warme Mahlzeit.
»Ja, sie war dort geboren, aber sie war halbe Schwedin. Sie kam aus Minnesota«, sagte er schließlich.
»Ach, deshalb sprichst du noch so gut schwedisch. Von anderen hat man ja gehört, dass sie ihre Muttersprache vollkommen vergessen haben, nachdem sie so lange im Ausland waren.«
»Nein, die habe ich nicht vergessen. Ich habe mein Schwedisch immer gepflegt.«
»Habt ihr Kinder?«
»Nein.«
Sie hatte so eine Art, ihn von der Seite aus anzuschauen, dachte er, wie ein schlauer Vogel. Als hielte sie ihn sorgsam unter Beobachtung, während sie in ihren Schränken räumte und gleichzeitig das Essen aufwärmte.
»Wo willst du jetzt wohnen?«
Er fragte sich, ob ihr Interesse aufrichtig war oder ob sie nur ihre frühere Schroffheit wieder gutmachen wollte.
»Das weiß ich noch nicht. Vielleicht kaufe ich mich in ein privates Altersheim ein. So etwas gibt es hier doch sicherlich auch. In den Staaten alt zu werden ist kein Vergnügen, musst du wissen. Wenn man wenig Geld hat, versteht sich.«
»Das kann ich mir vorstellen.« Sie schnitt ein paar kalte Kartoffeln in Scheiben und briet sie zusammen mit den Fleischklößchen in Butter an. Ein verführerischer Duft breitete sich in der Küche aus. »Hast du schon mit irgendjemandem Kontakt gehabt – hier zu Hause, meine ich?«
»Nein, ich dachte, es wäre am besten, zuerst unsere Angelegenheit zu klären.«
»Ja, das versteht sich. Aber du bist doch wohl nicht zuerst zu uns gefahren, wo du hier so viele Leute kennst? Du hast doch sicher schon Rune getroffen.«
»Nein, ich bin direkt hierher gefahren . . . So, Rune wohnt also immer noch hier? Den werde ich bestimmt bald mal besuchen.«
»Aber irgendwer wird dir doch sicher über den Weg gelaufen sein.«
»Wer sollte mir denn über den Weg laufen? Nach so vielen Jahren kenne ich doch kaum noch Leute hier. Der Einzige, zu dem ich Kontakt gehalten hatte, war Anders unten auf Skreddarp, aber er ist vor zwei Jahren gestorben, wie du wohl weißt. Wir haben uns ab und zu geschrieben.«
»So, ihr habt euch geschrieben? Na, dann hast du wohl auch einiges über uns erfahren, vermute ich.«
»Well – ich habe ein bisschen was über den Hof gehört . . . dass es euch gut geht. Aber meistens ging es um andere Themen.«
»Und Lisa?«
»Lisa?«
»Anders’ Frau.«
»Ach sie. Sie hat mir geschrieben, nachdem er gestorben war. Ansonsten habe ich nie ein Wort mit ihr gewechselt.«
»Hast du nicht mal jemanden in der Stadt getroffen, den du kanntest?«
»Ach, ich hab nicht mal die Stadt selbst wiedererkannt.«
Gertrud stieß ein flüchtiges Lachen aus, was eine sonderbare Wirkung auf ihn hatte. Nie hatte er jemanden so lachen gehört wie sie. Vor langer Zeit war er bei diesem Lachen dahingeschmolzen, wäre um seinetwillen zu allem imstande gewesen.
»Das verstehe ich gut«, sagte sie trocken. »Gerade hat man sich an die neuen Gebäude gewöhnt, da werden sie schon wieder verändert.«
Sie stellte einen Teller vor ihm auf den Tisch, der bis zum Rand mit Fleischklößchen und Bratkartoffeln gefüllt war. Nachdem sie den Deckel eines Glases mit selbst eingelegten Gurken abgeschraubt hatte, legte sie den Kopf schief und betrachtete kritisch die ganze Anordnung. Plötzlich fiel ihr ein, was noch fehlte.
»Du hättest doch bestimmt gern ein paar Schnäpse zum Essen?«
»Nun, äh, ich weiß nicht . . .«
»Aber natürlich kriegst du ein paar Begrüßungsschnäpse, wo du doch so einen langen Weg auf dich genommen hast, um nach Hause zu kommen.«
Eine beschlagene Schnapsflasche landete auf dem Tisch, gefolgt von drei kleinen Gläsern. Gertrud wandte sich ihrem verstummten Sohn zu, der sich immer noch nicht von ihrer Kehrtwendung erholt hatte.
»Stoßen wir auf Max’ Heimkehr an!«, sagte sie.
Auf ihren gebieterischen Blick hin füllte er mürrisch die drei Gläser. Sie leerten sie unter andächtigem Schweigen, worauf sich Max über die Fleischklößchen hermachte.
Während das Essen in Begleitung mehrerer Schnäpse in seinen Magen wanderte, ging eine schrittweise Veränderung in ihm vor. Eine gemütliche Stimmung breitete sich in der zuvor so feindseligen Küche aus. Gertrud plapperte in einer Tour von den Geschehnissen in der Gegend, und selbst Leif, der nun ebenfalls zu Kaffee und Schnaps übergegangen war, taute langsam auf. Er sorgte dafür, dass die Gläser nicht leer wurden, und trug seinen Teil zur Unterhaltung bei, indem er grimmige Bemerkungen über die elenden Zeiten machte, über die Boshaftigkeit der Regierenden und ihre empörende Gleichgültigkeit gegenüber den harten Bedingungen für die Landwirtschaft.
Als Max hinter vorgehaltener Hand diskret aufstieß, hatten sich Essen und Trinken wie ein heilender Wickel um seine wunde Seele gelegt. Im Licht der momentanen Vertrautheit schien der vorangegangene Streit nicht mehr der Rede wert zu sein. Fast wäre er geneigt gewesen, ihnen ihre Habgier zu verzeihen.
Gertruds welke Wangen hatten sich gerötet, und ein warmer Glanz schimmerte in ihren Augen.
Leif, der immer redseliger wurde, gab gerade eine langatmige Geschichte über ein paar dumme Deutsche zum Besten, die den alten Hof hatten kaufen wollen. Max konnte nicht allen Einzelheiten folgen, begriff jedoch, dass Leif sie rüde abgefertigt hatte.
»Der alte Hof ist also immer noch da?«, fragte er. »Der muss ja ziemlich verfallen sein.«
»Ja, mit dem ist kein Staat zu machen«, sagte Leif grinsend. »Aber je älter und verfallener, desto verrückter sind die Leute darauf, ihn zu kaufen.«
»Es war ja von Anfang an geplant, dass ich ihn bekomme«, erinnerte sich Max. »Vielleicht sollte ich mal darüber nachdenken.« Er gab ein unsicheres Lachen von sich. »Ihn zu renovieren und sich auf dem Hof niederzulassen, wo man geboren wurde.«
Da die Idee auf wenig Begeisterung stieß, wechselte er rasch das Thema. »Was ist mit den alten Katen? Existieren die immer noch?«
»Nur die von Everts«, sagte Leif. »Seine Alte wohnte dort bis zu ihrem Tod. Der Schuppen von Ben-Oskar ist letzten Herbst eingestürzt. Wenn ich mal Zeit habe, fackel ich den ganzen Mist einfach ab.«
»Ben-Oskar . . .« Max musste lächeln. »Wann ist er gestorben?«
»Weiß nicht mehr genau. Der ist verrückt geworden auf seine alten Tage, lief durch die Gegend und pinkelte die Autos fremder Leute an wie ein Hund. Später ist er dann ins Heim gekommen.«
»’65 ist er gestorben«, sagte Gertrud. »Aber die von Everts oben beim alten Hof vermieten wir an Leute aus Christiansholm. Die nennen sie hochtrabend Sommerhaus.«
»Ja, das war schon immer die beste Kate. Die Lage dort oben ist wunderschön.«
Gertrud neigte den Kopf und blinzelte Max zu. »Wie bist du eigentlich hierher gekommen?«, fragte sie.
»Mit dem Taxi. Unten bei der Einfahrt bin ich ausgestiegen, weil ich Lust hatte, das letzte Stück zu Fuß zu gehen und mich ein wenig umzusehen.«