Kitabı oxu: «Begegnungen im Bayerischen Wald»
Helfried Stockhofe
Begegnungen im Bayerischen Wald
Drei Erzählungen
Das Kräuterbuch
Der kleine Politiker
Die verlorene Heimat
Es begegnen sich im Bayerischen Wald
unter anderem folgende Personen:
Der scheue Günter, der immer selbstbewusster wird
Die Rehmutter, ein Jäger und ein Druide
Der Maximilian=Max mit der Asche
Der Bundespolizist Alexander mit seinem Vater Werner
Die burschikose Antonia, die gern kriminalisiert
Der Bürgermeister mit seiner ach so tollen Familie
Der Cacher Sven, der taucht und vergräbt
Die alte Ria, die Gedichte lieber als Rezepte mag
Die ordentliche Manja, die den Mann nicht halten kann
Der kleine Politiker
Die ehemals zarte Ernalena
Die wieder lebensfroh gewordene Miriam
Der psychologische Kindersitter ohne Zukunft
Der schnelle Sigi
Der blasse Kommissar Flinker
Der geschäftstüchtige Bauer mit seiner Enkelin
Die den Bayerwald entdeckende Sarah aus Berlin
Der musikalische Frederik
Der blinde Walter
Die Psychotherapeutin Alina
Der Alte, der den Alpenblick sucht
Der niederbayerische Schotte Frank
und seine ehrgeizige Ex-Frau Rebecca
Sie begegnen sich irgendwo im Bayerischen Wald
und konkret an folgenden Orten:
Am Arber
Am Zwercheck
Bei Bayerisch-Eisenstein
Am kleinen Arbersee
Am Schwarzen Regen
Auf dem Kaitersberg
Auf mehreren Schachten
Auf dem Lusen
Am Pfahl bei Moosbach
An der Ilz
Im Felsenpark bei der Burg Falkenstein
Am Großen Rachel
Am Further Drachensee
Auf dem Grandsberg mit dem Mühlgraben und dem
schwarzen Grimmeisenweiher
Am Blaibacher See
Am Hochfall bei Bodenmais
Am Großen Falkenstein
Auf dem Hohen Bogen
Im Grenzgebiet und dem Nationalpark Šumava
Am Himalayatempel
Im Blaibacher Konzerthaus
Am Eixendorfer See
An der Wolframslinde
Von Sattelpeilnstein bis zum Himmelberg
Das Kräuterbuch Teil 1
mit Begegnungen in den Wäldern, am Brennes,
Zwercheck, bei Bayrisch-Eisenstein und am Arbersee
1. Das scheue und das anhängliche Reh
Bei Günter hatte man es schon bald gemerkt. Er wurde im Dorf verspottet oder schief angeschaut, von manchen auch gefürchtet, je nach Ausgangslage. Homophobie ist eben bei denen am meisten verbreitet, die ihre eigenen homosexuellen Neigungen verdrängen oder die in der Kindheit und Jugendzeit entsprechende Erfahrungen gemacht haben – oder machen mussten. So wurde Günter bald zu einem scheuen Reh, das in der engen Gemeinschaft niederbayerischer Böcke und Stiere keinen Platz mehr fand. Er ging viel hinaus in die Wälder und fühlte sich den Tieren dort mehr verbunden als seiner Familie, die ihn gegenüber den Pöbeleien im Ort nicht schützen konnte oder wollte.
Günter wurde aber nicht nur scheu, sondern auch unleidlich. Selbst für diejenigen, die seine Neigungen tolerierten, wurde er ein schwieriger Mensch, der misstrauisch und kratzbürstig jegliche Annäherungen abwehrte. Es ist zu vermuten, dass Günter sich selbst wegen seiner Homosexualität ablehnte. Dabei waren es nicht einmal konkrete Beziehungen, die der Schwule aufgebaut hatte, auch keine gelegentlichen sexuellen Kontakte, sondern nur eine weibliche Ausstrahlung und – zumindest in der Kindheit – mädchenhafte Interessen und Beschäftigungen, die ihm und den anderen seine Homosexualität verrieten.
Es wäre vielleicht am besten gewesen, er wäre in die Anonymität einer Stadt geflüchtet. Davor hatte er sich aber gefürchtet. Vermutlich zu recht, denn für tatsächliche homosexuelle Kontakte war er schon viel zu verklemmt. Da fühlte er sich bei den Vögeln des Waldes schon wohler.
Es überraschte also niemand, als man erfuhr, dass Günter das leerstehende kleine Haus übernommen hatte, das der Hexenrosl gehört hatte und seit derem Tod langsam verfiel. Nur die Alten wussten noch, wieso es dieses Gebäude auf einer kleinen Lichtung im Wald überhaupt gab. Es war von Frühjahr bis Herbst vom morgendlichen Gesang von Singdrosseln, Kohlmeisen und Mönchsgrasmücken eingehüllt und wurde abends in die Dunkelheit entlassen mit Amselrufen von den höchsten Fichten und Buchen am Rande der Lichtung. Dann zwangen die Stechmücken den Günter ins Haus, wo in der Nacht die Rufe der Käuzchen und das Gescharre von Mäusen und einem Marder seinen Schlaf begleiteten.
An einem nebligen Morgen, als Günter wie üblich vors Haus ging, um seine Dehnungsübungen zu machen, wäre er fast in einen großen schwarz-braunen Fleck gestiegen. Er schaute sich auch die anderen Flecken an, die auf dem Feldsteinpflaster breit verspritzt den Weg um das Haus säumten. Es war nicht schwer zu erkennen, dass da jemand ganz arg der Durchfall geplagt haben musste! Auf weicherem Untergrund erkannte er dann den Übeltäter, dem er freilich nicht böse sein konnte, weil dessen Erkrankung offensichtlich war: Er sah die Spuren von zwei Rehen, die vom Instinkt geleitet von der Kamille gefressen hatten, die vor seinem Haus in großen Mengen wuchs.
Günter spülte mit mehreren Eimern Wasser aus einem Brunnenring, der den Lauf eines Bächleins staute, den nächtlichen Unrat ins Gras und ging kopfschüttelnd wieder zur Haustür zurück. Da bemerkte er, wie hinter der Haus-
ecke ein Reh seinen Kopf hervorstreckte und schnell davonsprang, als er darauf zuging.
Am Abend lehnte sich Günter bewegungslos an einen seiner alten Apfelbäume und schaute den Waldrand ab. Und tatsächlich: Bald tauchten auf der Wiese zwei Rehe auf, die sich über das Gras hermachten und immer wieder den Kopf in die Höhe hoben. Der Spiegel eines Rehs war schwarz gefärbt, der andere war weiß. Also war bisher nur eines der Rehe krank!
Was Günter in den nächsten Tagen erlebte, war ungewöhnlich und erfüllte ihn mit großen Gefühlen. Er konnte es selber nicht beschreiben, was er da empfand. Eine Spur Mitleid sicherlich. Helferbedürfnisse? Vielleicht. Auf jeden Fall irgendwie Beziehungsgefühle. Und er fühlte sich aufgewertet, denn er wurde gebraucht, vielleicht gemocht, denn man suchte seine Nähe. Ja, das war es wohl, was ihn am meisten berührte, ihn den Ausgestoßenen: Die Rehe wurden nämlich von Tag zu Tag zutraulicher! Es schien so, als ob das gesunde Tier das andere zu ihm hinführte, damit es von seinen Kräutern fressen und so geheilt werden könnte. Günter freilich zeigte auch Scheu, weil er nicht wusste, ob das kranke Reh ihn womöglich anstecken würde. Aber er setzte sich auf das Gredbankerl und schaute aus einigen Metern Entfernung zu, wie sich das Tier labte, scheuchte es etwas weg, wenn der Durchfall hervortrat und nahm besonders mit dem gesunden Tier Augenkontakt auf, so als ob – ganz schnulzig - die beiden Elternteile sich besorgt darüber verständigten, dem Kranken wieder auf die Beine zu helfen.
Eines Tages aber wurde dieses ungewöhnliche Dreiecksverhältnis voller kitschig-anrührender Gefühle jäh beendet! Am Morgen, es dämmerte noch, hörte Günter einen Schuss ganz in der Nähe seines Grundstücks. Der Jagdpächter, der natürlich auch den dunklen Spiegel seines Rehs bemerkt hatte, hatte wohl das kranke Tier erschossen! Günter brauchte nicht viel Fantasie, um von diesem Szenario auszugehen und er trauerte schon, während er noch hoffte, dass es vielleicht ein Fuchs gewesen war, den der Jäger erlegt hatte. Am Abend setzte er sich im Licht der untergehenden Sonne aufs Gredbankerl und wartete.
Die Vögel hatten sich vom morgendlichen Schuss längst erholt und sangen wieder ihre wunderschönen Abendlieder. Günter wartete. Die Schnaken hatten ihn entdeckt und dockten sich genüsslich an alle freien Hautpartien an. Günter rührte sich nicht.
Endlich, als die Sonne unterging, traute sich ein Reh hervor. Ihm war der Schuss noch im Gedächtnis, aber es stolzierte vorsichtig über die Lichtung. Langsam und dennoch zackig hob es Bein für Bein, sicherte mit abgesetzten Rundumblicken und ging auf das Haus zu. Es kannte den Geruch des menschlichen Freundes, der da auf der Bank wartete. Kurz vor ihm stand es eine Weile still, schaute und legte sich dann in das Gras! Günter war glücklich. Es wurde ihm an diesem Abend bewusst, als er nach einer Viertelstunde wegen der Abendkühle ins Haus ging und sein Reh wieder in den Wald trottete, dass der Tod des kranken Tiers seine Beziehung zum gesunden verstärken würde. Er wäre jetzt frei von Ansteckungsängsten und das gesunde Reh würde ihn womöglich als engeren Freund annehmen als zuvor. Immerhin hatte es jemand verloren, um den es sich womöglich lange gekümmert hatte.
Tatsächlich ließ sich in den nächsten Tagen das Reh aus der Hand mit gesunden Kräutern füttern und sogar übers Fell streichen. Günter konnte mit dem Tier reden und schloss aus den Kopfbewegungen bestimmte Antworten, die ihm passend erschienen. So besprachen sie den Tod des gemeinsamen Freundes und kamen schon nach Tagen über den Verlust hinweg.
Aber die Idylle währte nicht lange! Denn schon eine Woche später bekam Günter menschlichen Besuch! Es war eine kleine rundliche Frau aus dem Nachbardorf mit lauter Stimme und ganz viel Tierliebe. Ja, sagte sie, sie habe leider erst jetzt erfahren, dass der hiesige Jäger ein krankes Reh geschossen habe. Und bei dem kranken Reh sei ein gesundes gewesen, das auffallend zutraulich sich verhalten habe. Der Jäger sei völlig erstaunt gewesen und habe zum Glück direkt Hemmungen gehabt, auch auf dieses Reh das Gewehr anzulegen. Ob denn er, fragte die Frau, der er doch hier im Wald hause und sicher so etwas mitbekomme, dieses Reh schon einmal gesehen habe.
Günter verschlug es erst einmal die Sprache. Was wollte die Frau von ihm? Was wollte die von seinem Reh? Und überhaupt, was hatte diese Frau ihn unangemeldet zu überfallen!
Die robuste Frau mit ihren blauen Jeans, die in hohen Gummistiefeln steckten, ließ sich aber nicht lange aufhalten. Als sie das Herumgestottere des Einsiedlers bemerkte, von dessen Menschenfeindlichkeit sie schon gehört hatte, stapfte sie einige Schritte weg und begann ein schrilles und hohes „Drrrrrrrr“ in den Wald hinauszuschreien. Günter war entsetzt, dass seine und des Waldes Ruhe so zerstört wurde. Ja, wenn er das „Drrrrrrrr“ aus weiter Ferne gehört hätte, dann hätte er es für den Ruf eines seltenen Feldschwirls gehalten, aber so schmerzte es ihm in den Ohren wie Trillerpfeifen streikender Gewerkschafter oder Warnsignale einer Trambahn. Er wollte schon heftig protestieren – da zeigte die Frau, unter anhaltendem „Drrrrrrrrrrrrrrrr“ und heftigem Nicken und freudigem Grinsen, in Richtung des Waldrandes: Kam doch da tatsächlich ein Reh angerannt! Und es war sein Reh!
Die Frau begrüßte das Tier mit „Ja, mei Bambilein!“ und „Kumm, lass di drucka!“, nahm es in den Arm und herzte es. Günter war perplex. Auch das Reh war überrascht – so schien es ihm jedenfalls. Die Liebkosungen behagten dem „Bambilein“ nicht besonders, aber es blieb vor der Frau stehen, schaute ab und an zu Günter hoch und wartete darauf, wann das Spektakel zu Ende war. Immerhin, es sprang nicht hoch wie ein Hund und wedelte nicht mit dem weißen Schwänzchen. Die Frau zog schließlich aus der Hosentasche ein buntes Halsband hervor und legte es dem Reh um. „Dass da Jaga kennt und net daschießt!“, sagte sie zu Günter, der immer noch mit offenem Mund hinter ihr stand. Dann gab sie dem Reh einen Klaps und scheuchte es mit wedelnden Handbewegungen und lauten Aufforderungen wieder zurück über die Lichtung in den Wald.
Die tierliebe und eigentlich recht sympathische Frau erzählte Günter, dass sie schon immer die Anlaufstelle für die Bauern sei, die verletzte oder alleingelassene Wildtiere auffinden und nicht wissen, was sie damit tun sollen. Und das hier sei nicht ihr erstes Reh, das sie mit der Flasche aufgezogen und später wieder in die Freiheit entlassen habe. Nur leider habe es wohl das Halsband verloren, an dem ihre Rehe sonst leicht zu erkennen seien.
Die nächsten Tage waren schlimm: Günter war völlig desillusioniert! Der ganze Zauber war verflogen! Was hatte er sich nur eingebildet! Das „Bambilein“ kam zwar nach wie vor zu seinem Haus, aber Günter ließ sich bei ihm nicht mehr blicken. Das Reh stolzierte verwirrt vor dem Haus herum, blieb am Gredbankerl stehen, schaute umher, legte sich hin – und zog irgendwann wieder davon. Aber das verlassene Tier hatte große Ausdauer. Es kam täglich vors Haus, wollte es nicht akzeptieren, dass drinnen ein beleidigter Günter saß, dessen Glaube an eine Exklusivbeziehung zu einem wilden Tier, zerstört war. Bei Günter wuchs, statt sich zu versöhnen, die Wut von Tag zu Tag. Das anhängliche Tier wurde nun zu einer lästigen Kreatur, die ihn getäuscht und nur ausgenutzt hatte. Am meisten wurmte ihn, dass er darauf reingefallen war! Und was wollte das Viech nun noch von ihm? Soll es doch zurückgehen zu seiner „Rehmutter“!
Aber es ging nicht freiwillig!
Günter erinnerte sich an den morgendlichen Schuss. Er baute sich mit zwei Brettern eine Klappvorrichtung, wie er sie aus seiner Schulzeit kannte, wenn die beim Sportunterricht an Stelle einer Startpistole zum Einsatz kam. Dann schlich er sich hinters Haus und hieb die Bretter der Klappe mit heftigem Schlag aufeinander, so dass das eben angekommene Reh erschreckt davonlief. Diese Prozedur wiederholte sich einige Tage, bis aus dem anhänglichen Reh ein scheues geworden war, das nie mehr bei ihm auftauchte. Günter hatte sich in der ganzen Zeit sowieso nie mehr dem Reh gezeigt.
Endlich hatte er wieder seine Ruhe.
Aber der Himmel weinte und die Vögel verstummten. Selbst die Mäuse und der Marder schienen ihn verlassen zu haben. Ein Gefühl erfasste ihn, das er in dieser Heftigkeit vorher nicht gekannt hatte: Er fühlte sich einsam! Er war ja so allein!
Das „Bambilein“ zog einige Kilometer weiter und fand zwischen den Wäldern des Bayerischen Waldes eine andere Lichtung mit einem Haus.
Und der Günter war sogar froh, als eines Tages der Jäger ihm einen Besuch abstattete!
2. Der Druide und das Blut
Es dämmerte schon, als sie fast am Ziel waren. Wie bestellt fiel der Nebel ein und zauberte eine unheimliche Stimmung auf den letzten Metern durch den lichten Buchenwald. Die Gruppe ging dicht beieinander. Und bevor sie zum Ziel kam, versammelte der Anführer alle um sich und begann mit dunkler Stimme zu ermahnen:
„Also meine Herrschaften! Wir kommen jetzt zu einem heiligen Ort! Denken Sie daran, dass unsere Vorväter hier blutige Rituale abhielten. Dort auf diesem Stein…“ und dabei zeigte der Weißhaarige auf einen Felsblock, den sie bald erreichen sollten, „…wurden Opfer gebracht, um die Götter milde zu stimmen!“
Der Weißhaarige stammte vermutlich aus der Zeit der Kelten – oder war zumindest ein direkter Nachfahre. Mit struppigem, langem Bart und gekleidet in ein weißes Gewand stapfte er an einem knorrigen Stab auf einen großen Felsblock zu, der mitten im Wald lag. Der Druidenstein sah aus dieser Entfernung noch unspektakulär aus. Um die Spannung zu erhöhen, hielt der Alte nochmals an: „Die Opferstätte stammt aus vorchristlicher Zeit. Man vermutet, dass nicht nur Tier-, sondern auch Menschenopfer gebracht wurden. Manche sagen, dass hier immer noch Unheimliches geschieht. Besonders in nebligen kalten Nächten wie der heutigen!“
Der „Druide“ musste seinen Gästen einiges bieten. Das Fremdenverkehrsamt hatte ihm diesen Nebenverdienst verschafft und er wollte niemanden enttäuschen. Tatsächlich kam hinter den grinsenden Fassaden seiner Exkursionsteilnehmer ein leichter Grusel auf.
Und wirklich: Als die Gruppe sich um den Stein versammelte, schauten alle doch sehr überrascht! Manche meinten, dass das Blut in dem kreisrunden Loch am Ende des Felsens doch etwas übertrieben wäre. Dann aber bemerkten sie, wie sich der Alte an die Brust fasste und nach Luft rang. Er lehnte sich an den nächststehenden Baum und atmete tief durch. Er überlegte: Sollte er diese unerwartete Wendung nutzen oder einfach ehrlich gestehen, dass es sich hier nicht um ein Arrangement des Fremdenverkehrsamtes handelte?
„Also, das war das letzte Mal nicht da! Das können Sie mir glauben. Wie ich schon sagte: Da ist Unheimliches am Werk!“
Es klang sehr überzeugend und die Gruppe spaltete sich auf in Bewunderer der Schauspielkunst des Druiden und andere, die kaum ihre Furcht verbergen konnten.
In der Gemeindeverwaltung war man sehr aufgeregt. Keiner wusste, wem man diesen Streich zu verdanken hatte. Es gab nicht wenige, die an Ernsteres dachten: Vielleicht lief ein Verrückter herum, der diesen Opferfelsen tatsächlich für irgendwelche Orgien benutzte. Und einige wenige dachten über magischere Erklärungen nach. Ihnen kam die Therese in den Sinn, die seinerzeit in Konnersreuth ja auch für ähnlich blutige Aufregungen gesorgt hatte.
Selbst die Presse hatte Wind von der Sache bekommen. Als der Druide vor seiner nächsten Opfersteinführung zuerst einmal alleine die Sachlage erkunden wollte, ging die Presse mit. „Die Presse“ war ein örtlicher freier Mitarbeiter, der seine Kamera geschultert hatte, um auf jeden Fall ein Foto zu schießen. Daheim würde er sich einen Bericht zusammenzimmern.
In der Zeitung zeigte dann ein ungewöhnlich scharfes Bild, dass erneut die Vertiefung mit Blut aufgefüllt war, diesmal aber zusätzlich umgeben von Tierhaaren. Neben dem Opferstein war außerdem die Erde aufgewühlt.
Die Nüchtern-Rationalen erkannten sofort, dass das vorherige Blut wohl nicht fachmännisch beseitigt worden war und deshalb manche Tiere des Waldes sich davon angelockt gefühlt hatten. Die Esoterisch-Hysterischen übertrafen sich in erfindungsreichen und gruseligen Interpretationen, die Ängstlich-Kriminalistischen in gewagten Theorien und die Religiös-Spinnerten in wundersamen Verklärungen.
Als dann in den nächsten Tagen auch noch Schlachtabfälle den Opferstein schmückten, war der Andrang bei den Druiden-Führungen kaum noch zu bewältigen. Aber leider gab es dann doch einige puristische lästige Nörgler, die meinten, man solle doch den Leuten nicht so einen Unsinn vorführen. So rückte schließlich die Feuerwehr an, zog einen langen Schlauch bis zum Druidenstein und spritzte mit Verve das Loch so sauber, dass die Bäume der Umgebung blutgesprenkelt große Mückenschwärme anzogen. Der Feuerwehrkommandant sorgte noch dafür, damit sich der ganze Aufwand gelohnt hätte, dass rundherum noch 20cm tief die Erde hinweggepustet und als letztes dann der Felsen blitzblank geputzt wurde.
Den Druiden traf fast der Schlag, als er bei der nächsten Führung diesen alten Stein aus vorchristlicher Zeit in strahlender Frische des 21. Jahrhunderts vor sich sah. Und alle Teilnehmer waren sehr enttäuscht. Der Druide protestierte heftig bei der Gemeindeverwaltung, die ihre Hände aber in Unschuld wusch: Vermutlich sei es eine hinterhältige Anordnung des Verkehrsamtsleiters gewesen, der ohnehin das falsche Parteibuch hatte. Nach einigem Hin und Her entschloss man sich den Denkmalschutz des Landratsamtes zu befragen. Dort zog man eine Landschaftsarchitektin hinzu, die das richtige Parteibuch hatte. Sie machte einen Kostenvoranschlag zur Wiederherstellung des ursprünglichen Zustandes und befragte einen Diplom-Biologen wegen der Mückenplage.
Auch die Kindergartenleiterin hatte von der ganzen Sache Wind bekommen. Sie veranstaltete einen Ausflug mit ihren Kleinen und ließ den hässlich gewordenen grauen Stein bemalen. Und die Bäume wurden umringelt mit schönen Bändern. Die eingeladene Lokalreporterin fotografierte den bunten Opferstein samt Kindergruppe.
Der Druide war am Verzweifeln! An seiner ernsthaften Sache schien niemand mehr interessiert zu sein. Er zog wieder vor die Gemeindeverwaltung und legte schweren Herzens sein Amt nieder. Da er aber der Schwager des geschäftsführenden Beamten war und dieser wiederum bei der nächsten Bürgermeisterwahl ein Konkurrent des jetzigen Amtsinhabers sein würde, konnte der aktuelle Bürgermeister es nicht riskieren, dass ihm aus der Demission des Druiden eine Fallstrick gedreht würde. Also boxte er die Kostenübernahme für die fachfrauliche Renovierung – äh Restaurierung – des antiken Stückes durch und versprach sogar noch eine Blutfüllung von Amts wegen, allerdings mit Theaterblut. Und der Druide versprach, es sich noch einmal zu überlegen…
Und alles begann wieder von vorne.
Der Wald blieb laut und - der Jäger blieb verzweifelt!
Die Hexenrosl hatte es damals noch geschafft, sich die Plagegeister vom Leib zu halten. Sie hatte auf ihrem Grundstück einen Erdstall gefunden und dies leichtsinnigerweise anderen erzählt. Aber sie hatte rechtzeitig die Leine gezogen: Als die ersten „Erforscher“ ankamen und sich durch den vordersten um eine Ecke angelegten „Schlupf“ durchgequetscht hatten, krabbelten die angeekelt rückwärts so schnell es ging wieder zum Ausgang. Am Ende des Schratzllochs lagen nämlich stinkende blutige Schlachtabfälle.
Der Jäger aber musste lernen, dass Blut nicht immer die gleiche Wirkung hat. Und Schlachtabfälle mögen zwar überall Ekel auslösen, halten aber nicht überall die Menschen fern!
3. Günter entdeckt das Schratzlloch
Was hatte der Jäger von ihm gewollt? Der scheue Günter hatte zwar wenig Erfahrung mit Menschen, doch dass es dem Jäger bei seinem Besuch nicht nur um die Rehe ging, war ihm klar geworden. Günter fühlte sich ausgehorcht. Es musste auf seinem Grundstück hier irgendein Geheimnis geben! Sollte die Hexenrosl etwas vergraben haben? So ein einsames Grundstück im Wald ist halt riesig, selbst wenn es nur eine kleine Lichtung ist. Da half alles Nachschauen und Umherstochern nichts.
Der Jäger hatte einen Vergleich gezogen zwischen seiner Ruhe hier und dem Lärm, der um den Druidenstein gemacht würde – auch in wortwörtlichem Sinn. Aber dass der Jäger hinter dem Blutopfer stecken würde, hatte sich Günter ohnehin gedacht. Der wollte halt nicht, dass sein Wild von den Leuten vertrieben wird. Aber die Rechnung war nicht aufgegangen. Vielleicht aber könnte er den Jäger mit entsprechenden Andeutungen über seine Blutabenteuer, quasi als Gegenleistung für sein Schweigen, dazu bewegen, das Geheimnis der Hexenrosl zu lüften.
So lud dieses Mal der Günter den Jäger ein und fragte ihn völlig naiv danach, ob es eigentlich im Dorf bekannt sei, dass er hinter den Opfergaben stecke. Der Jäger schien konsterniert und druckste herum, so dass Günter gleich die Frage nachschob, was er denn beim letzten Besuch gemeint habe, dass sich die Hexenrosl die Leute vom Leib halten konnte, obwohl man auf dem Grundstück etwas gefunden habe. Nun verstand der Jäger und erzählte Günter die Geschichte vom Erdstall. Aber wo der zu finden sei, wisse er auch nicht. Ein Erdstall also, ein Schratzlloch, vor vielleicht 1000 Jahren für Zwerge gebaut!
Nun kam es dem Günter zugute, dass er sich im Internet hervorragend bewegen konnte. Es war eine Grundbedingung für die Wahl seiner Unterkunft gewesen, dass es hier einen guten Empfang gab. Denn mit der Arbeit am Computer verdiente Günter seinen Unterhalt. So konnte er sich leicht informieren über Erdställe und den verschiedenen Interpretationen über ihre Funktion. Wenn Rosls Erdstall schon annähernd so alt war, wie die anderen Erdställe in Deutschland oder Österreich, dann sollte er in der Nähe einer Siedlung angelegt worden sein. Anhand alter Karten zu diesem Grundstück bekam Günter heraus, dass auf dieser Lichtung einst tatsächlich mehrere Gebäude gestanden hatten. Sicher gab es bewohnte Behausungen auch schon zu Zeiten des Ausbaus des Erdstalls. Vermutlich an gleicher Stelle. Und so arbeitete er sich voran, überprüfte Wasserläufe, schloss zu sumpfigen, zu sandigen und zu steinigen Untergrund aus und kam so zu einigen wenigen Stellen in seinem Grundstück, die geeignet erschienen. Mit Hilfe einer fingerdünnen Eisenstange fand er schließlich unter einer Grasschicht einen rostigen Deckel, den er wegstemmte. Und da lag der Erdstall vor ihm: Ein feucht-modriger, scheinbar Jahrtausende alter Geruch schlug ihm aus dem etwa zwei Meter tiefen und nicht einmal einem Meter breiten Loch entgegen. Er musste sich angewidert abwenden, hatte sich aber schnell an den bald nachlassenden Gestank gewöhnt. Mit einer Leiter stieg er mühevoll hinab. Dann musste er die Leiter anheben, um überhaupt den sich nun waagerecht erstreckenden Gang weiterkriechen zu können – hoffentlich kam er da jemals wieder hinaus! Nicht nur zu Beginn des Gangsystems, sondern Meter für Meter lagen herausgebrochene Gesteinstrümmer, verrostete Schüsseln, dicke morsche Äste und andere Dinge herum, deren Funktion und Sinn er nicht immer erkennen konnte. Vermutlich stammten sie alle von der Hexenrosl. Einzeln schaffte er sie zum Einstieg und warf sie nach oben. Bald war er erschöpft und kletterte wieder hoch.
Aber schon nachts war ihm klar, dass ihm der Erdstall keine Ruhe lassen würde. Er kaufte sich eine Stirnlampe und andere geeignete Werkzeuge. Tagelang verbrachte er nun jeweils mehrere Stunden in dem feuchten Gang, gespannt, was um die nächste Ecke ihn erwartete. Tatsächlich schien öfters der Gang verschlossen und er musste probieren, ob es eine Richtung gab, in der er durch leichtes Graben die Fortsetzung finden konnte. Das konnte auch einmal aufwärts und abwärts gehen! Jede Engstelle – „Schlupf“ - kostete ihn größte Überwindung. Und immer dachte er an die Erzählung des Jagdpächters und erwartete die ekligsten Sachen. Es war aber keineswegs so, wie der Jäger ihm erzählt hatte, dass der Gang schon gleich vor einer Wand endete, dort wo die Rosl einst die Schlachtabfälle hingelegt hatte. Nein, sie hatte den Gang dort nur geschickt verschlossen gehabt. Und so verlängerte sich das Schratzlloch Meter um Meter, mal mit genügend Raum, um bequem zu sitzen, mal mit Schlupfen, durch die sich Günter nur mit Mühe zwängen konnte. Er stellte sich vor, wie verfolgte Menschen hier ausgeharrt haben mochten – und es schauderte ihn. Da war ihm die Interpretation einer Zufluchtsstätte für die Seelen der Verstorbenen schon lieber. Vermutlich hatten in den Absätzen in den Seitenwänden des Erdstalls bei Bedarf Kerzen gestanden. Oder Grabbeigaben gelegen? Am ehesten konnte Günter sich anfangs aber vorstellen, dass jugendliche Kinder diese Höhlen sich zum Spielen gebaut hatten. So wie er es in bescheidenem Maß auch getan hatte. Aber je länger der Erdstall wurde, umso mehr gab er diesen Gedanken auf.
Am fünften Tag war es dann soweit: Er bemerkte, dass der Gang plötzlich viel trockener wurde. Und kurz danach stieß er an ein Holztürchen. Es war genügend Platz zum Wenden und so konnte er sich mit beiden Beinen dagegen stemmen: Der Holzverschlag flog weg und Günter sah einen kleinen Raum vor sich, dessen Boden mit Mauerziegeln ausgelegt war und in dem er sogar stehen konnte! Bis hierher zeigte sein Seil, das er vor dem Einstieg befestigt und immer mitgeführt hatte, 14 Meter Länge an.
Wo war er, warum war es hier trocken? Konnte wirklich die Rosl jemals so weit gekommen sein? Sorgfältig leuchtete er den kleinen etwa 2,5 Quadratmeter großen Raum aus. Die Decke bestand zu seiner großen Überraschung diesmal aus alten Holzdielen – und wieder gab es Nischen, kleine Absätze in den Seitenwänden. In einer lag ein kleines verrostetes Kästchen. Der Deckel war strukturiert mit dem Relief der Nürnberger Kaiserburg. Er strich mit der Hand drüber. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals.
Dann erlosch das Licht seiner Stirnlampe.
Sollte er das Kästchen im Dunkeln öffnen oder doch lieber mitnehmen zurück durch all die engen 14 Meter?
Als sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, bemerkte er, dass durch die Ritzen der Holzdielendecke ein schwaches Licht drang. Er konnte die Decke im Zehenstand gerade mit den Fingerspitzen berühren. Er nahm das Kästchen und drückte mit ihm nach oben gegen die Decke. Tatsächlich: sie bewegte sich! Und nun kam sogar ein kleiner Lichtstrahl hindurch. Der Weg durch die Decke schien ein Ausgang zu sein!
4. Max kümmert sich um die Asche
Als im März die Böden weich wurden, entschloss sich Maximilian, ein letztes Mal seinen Kachelofen einzuheizen. Es war immer die Arbeit seines Vaters gewesen, der vieles nicht richtig konnte und deshalb stolz darauf war, wenigstens das Feuer im Kachelofen fachgerecht in die Höhe zu bringen. Alles andere versenkte er. Mit seiner Frau schlug er sich so heftig, dass eines Tages nur noch er den Streit überlebte und dafür einige Jahre in der Justizvollzugsanstalt Straubing zubringen musste.
Maximilian, den sein Vater je nach Stimmungslage Maxi oder Max nannte, wurde in dieser Zeit in einem Heim untergebracht. Adoptionswillige und Pflegeeltern wollten ihn nicht haben, weil er doch recht auffällig war und sein Verhalten von anderen nie vorhergesehen werden konnte. Unberechenbar sei er, mal aggressiv, mal über alle Maßen anhänglich, dann wieder weinerlich, selten offenbar freundlich, ruhig und fleißig, wie er hätte sein müssen, um dem Heim zu entkommen. Obwohl es ihm dort nicht schlimmer erging als im Elternhaus, wollte er wieder zurück, als sein Vater auf Bewährung entlassen wurde. Maximilian war damals schon 15 und die mit dem Fall Befassten versprachen sich auch eine Stabilisierung seines Vaters durch das gemeinsame Leben der beiden.
Der Max könnte mir eine gute Hilfe sein, dachte sich auch sein Vater. Aber das Einheizen seines Kachelofens ließ er sich nicht nehmen. Maximilian absolvierte bei einem sozial offenbar engagierten Zimmerer eine Lehre und kümmerte sich ansonsten wenig um das Fortkommen der Restfamilie. Was der „hartzende“ Vater alles ohne ihn so trieb, war ihm egal. Nein, eigentlich wollte er es gar nicht wissen. Weil sie aber mehr und mehr Zeit miteinander verbrachten, begann Max doch tatsächlich, seinen Vater zu mögen. Er entwickelte keine auffälligen Selbstständigkeitsbestrebungen, wie andere in seinem Alter, sondern wurde immer anhänglicher. Er wollte seinen Vater nicht mehr verlieren. Deshalb besorgte es ihn schon, dass der Vater auf irgendwelchen Wegen zu einer Pistole gekommen war und mit der auch gelegentlich im Auto herumfuhr. Selbst auf ihren Spritztouren, bei denen der Vater ihm das Fahren beibrachte, noch bevor die Fahrschule viel Geld dafür haben wollte, hatte er die Waffe dabei. Dies war besonders in dieser Gegend an der tschechischen Grenze ein großes Risiko, weil die Bundespolizei mit Zivilfahrzeugen überraschende Kontrollen durchführte, um nach Rauschgift oder Schmuggelwaren zu fahnden. Der Vater sagte, lieber würde er sterben, als noch einmal ins Gefängnis zu gehen. Eines Tages kam dann Max darauf, dass der Vater wohl nicht nur die Pistole, sondern auch das Rauschgift und die Schmuggelwaren mit sich führte. Und die Waffe brauche er, um im Ernstfall richtig reagieren zu können. Das ängstigte den jungen Mann sehr.
Geld hatte der Vater trotz seines Nebenerwerbs selten dabei, weil er alles in den grenznahen Casinos verspielte oder beim Straßenstrich ließ.
Wie durch ein Wunder war es viele Jahre gut gegangen.
Doch: Eines Tages konnte dann der Vater nicht mehr den Kachelofen einheizen. Und auch sein erstes neues Auto, das er bestellt hatte, konnte er nicht mehr fahren!
Über das alles dachte Maximilian nach, als er die Kachelofentür öffnete. Er zog am klemmenden Aschekasten, der mit einem Ruck und einer Staubwolke heraussprang. Voller Wut stieß er das Blechding zurück und hieb auch die Kachelofentür zu. Warum musste sein Vater so blöd sein! Wenigstens seine Waffe hätte er steckenlassen können! Offenbar war es dem scheißegal, welche Folgen sein kriminelles Verhalten für seinen Sohn bedeutete. Behauptet hatte der Vater allerdings oft das Gegenteil. Besonders wenn er betrunken war, wurde er wehmütig. Er klagte darüber, dass das Schicksal ihm seine Frau genommen hatte. Das Schicksal! Geblieben sei ihm nur sein Maxi. Und der sei ihm das Wichtigste im Leben. Eines Tages würde es ihnen besser gehen. Wenn sie einmal zu genügend Geld gekommen wären, würde er sich mit ihm auf die Suche nach lieben Frauen machen, so wie es die Mutter war… Aber bis es so weit wäre, wolle er immer mit ihm zusammenbleiben, eine richtige Männer-WG, egal, was die Leute im Dorf dazu sagen, die ihm sowieso am Arsch vorbeigingen.
Dummes Gerede! Nicht nur von den Leuten im Dorf! Maximilian wurde traurig. Er vermisste seinen Vater sehr. Insgeheim hatte er doch gehofft, dass an dessen Suff-Geschwätz etwas dran sein könnte.
Er zog den Aschekasten wieder heraus. Mit einem kleinen Besen kehrte er die herabgefallene Asche zusammen und bugsierte sie mit der Kaminschaufel wieder hinein in den vollen Behälter. Dann holte er einen Müllbeutel, den er über den Aschekasten stülpte, um ihn staubfrei aus dem Haus zu tragen. Und da kam ihm die Idee!
Werner gehörte zur anderen Seite. Er war Polizeihauptmeister bei der Bundespolizei. Auch er hatte einen Sohn. Der Sohn Alexander war jetzt auch schon einige Jahre Polizist und hatte das Schlimmste erlebt, was einem passieren konnte. Zum Glück wurde er nur leicht verletzt. Aber der Sohn war noch krankgeschrieben und verbrachte mehr Zeit mit dem Psychologen als mit der Waffe.
Werner selbst war noch nie etwas passiert, obwohl die verdeckte Fahndung im Grenzbereich voller Gefahren war. Man musste auf alles gefasst sein. Bei Fahrzeugkontrollen stand ein Kollege stets mit der Hand an der Waffe daneben und beobachtete, wie das Fahrzeug überprüft wurde. Sie hatten schon unzählbar viele Straftaten aufgedeckt, vom einfachen Zigaretten- bis zum Menschenschmuggel. Wichtig sei die Spürnase, hatte er auch seinem Sohn immer gepredigt, die Spürnase, welche Autos sich lohnen und welche Insassen gefährlich sein könnten.
Heute fuhr Werner mit seinem Kollegen hinter einem Golf mit einem hiesigen Kennzeichen. Er überquerte den Sattel, der in den Lamer Winkel hinausführte und bog ab in Richtung Arber. Die Beamten hatten das Gefühl, dass das Auto irgendwie unruhig fuhr, mal schneller, mal langsamer. Der Fahrer schaute oft in den Rückspiegel und war offenbar irritiert vom dunklen BMW, der ihm folgte. Dann hielt der Golf an einer Bushaltestelle. Werner fuhr mit seinem Kollegen daran vorbei. Sie schauten dem jungen Mann ins Gesicht. Der nickte kurz mit dem Kopf – ein nervöser Gruß.
„Frag mal das Kennzeichen ab!“
„Hast wieder so ein Gespür?“, flachste der Kollege.
„Oben auf der Scheibn warten wir, ob er kommt!“
Auf der Scheiben war ein Langlaufzentrum mit einem großen Parkplatz. Seit Wochen war der Betrieb eingestellt, denn nach einem ungewöhnlich warmen Februar war inzwischen auch auf tausend Meter Höhe keine brauchbare Piste mehr vorhanden.
Als Maximilian mit dem Golf die Scheiben erreicht hatte, sah er den BMW auf dem Parkplatz stehen. Fast hätte er deswegen den Beamten überfahren, der mit einer Polizeikelle auf der Straße stand und ihn hereinwinkte. Er musste scharf abbremsen und hörte, wie der Beamte draußen fluchte. Trotzdem wurde Max einigermaßen freundlich angeredet, zeigte seine Papiere und öffnete den Kofferraum.
Er war sehr nervös. Er hatte richtig Angst!
„Was ist denn das?“, wollte der Polizist wissen. Dabei zeigte er auf eine größere Kaufhaustüte, die seltsam breitgedrückt im Kofferraum lag. Max zuckte mit den Schultern.
„Machen`S die bitte mal auf!“, forderte Werner.
Max holte die Tüte heraus und Werners Kollege nestelte nervös an seiner Waffe herum.
Max wurde immer ängstlicher. Dann öffnete er zitternd die Tüte und ließ Werner hineinschauen.
„Was ist denn das?“, fragte der wieder.
Max zog aus der Kaufhaustüte eine zweite Tüte heraus, die durchsichtig und offenbar vollgefüllt mit Asche war. Die hielt er wieder den Beamten hin.
„Das ist wohl die Asche vom Opa?“, frotzelte der Polizist im Hintergrund.
„Ich hab die wohl aus Versehen reingelegt!“, erwiderte Max.
„Ich hab morgens daheim den Kachelofen eingeheizt und wollte die Asche entsorgen.“
„Oben auf dem Arber?“, mischte sich wieder der Kollege rein und grinste.
Der Polizeihauptmeister ließ die Tasche auf den Boden stellen und fuhr mit dem Kugelschreiber vorsichtig durch den grauen Staub.
„Nichts drin!“, stellte er fest.
„Natürlich nichts drin“, entgegnete Max. „Was soll denn drin sein?“
Die Polizisten ließen den aufgeregten Maximilian samt der Asche weiterfahren, fuhren aber hinterher. Max bog am Brennes-Sattel Richtung Arber ab und fuhr noch einige Kilometer weiter. Die Polizei hinterher: Am Arber vorbei, hinunter zum Arbersee und wieder hinauf zum Bretterschachten. Auf dem Parkplatz dieses Langlaufzentrums war auch nichts los. Max hielt an und überlegte. Die Polizei fuhr weiter Richtung Bodenmais.
Die beiden Beamten spekulierten fleißig über die Möglichkeiten des Schmuggels in Asche. So etwas hatten sie noch nicht erlebt. Mehr als seltsam erschien ihnen die Einheiz-These des jungen Mannes, zumal es schon später Nachmittag war.
In Richtung Zwiesel strahlte noch die März-Sonne. Sie hatte viele in den Nationalpark gelockt. Als die Polizei wieder in Richtung der tschechischen Grenze fuhr, kamen deshalb den Beamten viele Autos entgegen. Werner und sein Kollege bogen in Bayerisch Eisenstein nach links ab und fuhren erneut zum Brennes hoch, diesmal von der anderen Seite. Dort postierten sie sich, um noch einige Fahrzeuge zu kontrollieren, die vermeintlich über den Grenzübergang in Bayerisch Eisenstein gekommen waren.
Die Sonne war hinter dicken Wolken verschwunden und deshalb dämmerte es schon, als der Golf den Berg heraufkam. Es war das letzte Auto, das sie heute kontrollierten wollten.
„Was wollen Sie denn schon wieder von mir?“, fragte Maximilian, schon etwas mutiger als vor einigen Stunden.
„Dasselbe wie vorhin!“
Max öffnete den Kofferraum. Werner stutzte. Er winkte seinen Kollegen näher und zeigte auf die Tüte.
„Das war doch vorhin anders!“, wandte er sich mehr behauptend als fragend an Max.
„Ich seh nichts anderes!“, erwiderte der.
Werner hob die Tüte heraus und hielt sie seinem Kollegen vor die Nase.
„Jetzt ist die durchsichtige Abfalltüte außen und in der steckt die Einkaufstüte mit Asche! Vorhin war es umgekehrt!“
Der Kollege erinnerte sich. „Wollen Sie uns veräppeln?“, fragte er den Maximilian.
„Ich find das gar nicht lustig!“, sagte Werner irritiert. „Ich nehme die Tüten mit!“
„Ja…, aber…, wozu denn das?“, stotterte Max.
Werner stocherte noch einmal ergebnislos in der Asche herum, dann sagte er wieder. „Wir nehmen das mit!“
„Aber ich versichere Ihnen, dass da nichts drin ist!“, beteuerte Max.
„Hier, haben Sie eine Quittung!“ Werner ließ sich nicht abbringen. „Ich schreibe drauf Zwei Einkaufstüten mit Asche.
Die können Sie bei uns in der Dienstelle, die ist ja bei Ihnen gleich um die Ecke, wieder abholen. Wir benachrichtigen Sie, wenn es so weit ist!“
Dann ließen sie den verdutzten Max stehen und fuhren davon.
Werner hatte die Tüte über Nacht unter seinem Schreibtisch stehen und wollte sie zur kriminaltechnischen Untersuchung weitergeben. Womöglich versteckte sich Rauschgift in der Asche. Das wäre ein neuer Trick: Mit gewöhnlicher Asche nach Tschechien fahren und Rauschgift holen, das als Asche getarnt ist. In der Tat hatte er den Eindruck, als ob bei der ersten Kontrolle die Asche eine andere gewesen wäre. Allerdings hatte er einige Hemmungen. Sein Kollege hatte ihm verdeutlicht, welchem Gespött sie ausgesetzt sein würde, wenn alles harmlos wäre. Werner hatte seinen Kollegen darauf eingeschworen, vorerst alles für sich zu behalten.
Was hatte der junge Mann vor? Und warum ist die Asche dem so wichtig?, fragte er sich.
Daheim hatte Werner andere Sorgen. Sein Sohn Alexander weigerte sich, über die schlimme Sache vor einigen Wochen zu reden. Werner meinte, es hätte doch lieber ihm, dem Alten, passieren sollen! Er hatte auch schon die Waffe ziehen müssen, aber zum Glück war das ohne Folgen geblieben. Bei der Schießerei seines Sohnes wurde jedoch der Drogendealer getötet und Alexander von der Kugel gestreift.
Schlimmer als die körperlichen waren für Alexander aber die psychischen Folgen.
Und als Werner daheim über das alles nachdachte, fiel es ihm wie Schuppen von den Augen: Deshalb kam mir der Name des aschefahrenden Golffahrers so bekannt vor!
Als Max die Asche in den nächsten Tagen abholte, wusste er nicht, dass Werner in seiner Angelegenheit nichts unternommen hatte. Der Beamte wünschte ihm sogar noch alles Gute! Er meinte zwar, er habe alle Augen zugedrückt und schaute ihn so an, als wüsste er Bescheid. Werner wusste, dass er dem Max vermutlich schwer etwas hätte nachweisen können. Aber es lag ihm auch nicht mehr daran. Manche Vorschriften hielt auch er für überholt.
Werner dachte, dass Max die Asche im Garten verstreuen oder auf einem Berg vom Böhmischen Wind verwehen lassen würde. Max aber verfrachtete sie in den Kachelofen. Dort, wo sie seiner Meinung nach hingehörte, beließ er sie den ganzen Sommer und überlegte, wie er im nächsten Winter damit verfahren sollte. Vielleicht würde er den Ofen nie mehr anheizen!
5. Toni und der Doppelgänger
Wenn man die richtigen Stellen kennt oder wenn man tiefer hineinfährt in den Bayerischen Wald, dorthin, wo er schon zum Böhmerwald gehört, kann man abseits jeglichen Straßenlärms auf steinigen Wegen oder zwischen alten Wurzeln und Heidelbeersträuchern hinaufsteigen zu den Gipfeln. In lichten Wäldern rauscht dabei der Wind in hohen alten Bäumen und den Eichendorff-Kennern unter den Wanderern fällt unmittelbar sein Abendlied ein:
Schweigt der Menschen laute Lust:
Rauscht die Erde wie in Träumen
Wunderbar mit allen Bäumen,
Was dem Herzen kaum bewusst,
Alte Zeiten, linde Trauer,
Und es schweifen leise Schauer
Wetterleuchtend durch die Brust.
Wenn nicht gerade ein wunderschöner Sonn- oder Feiertag ist, dann ist man dort meist allein und glücklich – was nicht heißen muss, dass es nicht auch schöne Begegnungen geben kann.
Toni war ein richtiger Naturbursche, der eigentlich Antonia hieß, aber wegen der burschikosen Ausstrahlung manchmal wirklich einen zweiten Blick auf sich zog, der dem Erkennen des Geschlechts diente. Dabei war die Toni als Frau nicht unattraktiv, sie trug aber die Haare ganz kurz und in ihrer Kleidung bei Arbeit oder Freizeit wirkte sie nicht grazil, sondern zupackend-kräftig. Außenstehende hielten sie manchmal für homosexuell, aber das war nicht zutreffend. Allenfalls könnte ein Psychologe sagen, dass Toni unbewusst diesen Eindruck vermitteln wollte, vielleicht um einer allzu schnellen Anmache durch Männer aus dem Weg zu gehen.
Der Wanderer, der auf dem Weg zum Gipfel lange in einem gewissen Abstand hinter Toni lief, so als wäre ihm eine Begegnung unangenehm, holte sie schließlich doch ein, nachdem sie sich einige Male fragend nach ihm umgeblickt hatte. Er grüßte sie freundlich, war erstaunt über die hohe Stimme dieses „Mannes“, bis er erkannte, dass Toni eine Frau war. Vielleicht ließ das ihn etwas langsamer hochsteigen, seinen Schritt anpassen und beim Gehen ein kurzes Gespräch führen. Vielleicht wollte er aber auch nicht auffallen mit einer Unruhe, die ihn offenbar umtrieb. Immer wieder schaute er sich suchend um, so dass Toni fast danach gefragt hätte. Keiner der beiden konnte das Alter des anderen gut einschätzen, es lag wohl bei beiden so um die 40, war aber in diesem Moment nur von sekundärer Bedeutung. Beide glaubten, den anderen schon einmal gesehen zu haben, aber sie forschten weiter nicht nach, sondern unterhielten sich kurz über das Wetter, die wunderbare Stimmung und freuten sich auf die Aussicht droben auf dem Gipfel. Dann beschleunigte der Mann doch seinen Schritt, vielleicht weil er seine Höflichkeitspflicht erfüllt hatte oder auch weil er merkte, dass Toni ihn keinesfalls aufhalten wollte. Ihr ging es offenbar doch mehr um das Naturerlebnis als um einen Kontakt. Außerdem spürte sie, dass etwas Ungewöhnliches, ja Bedrohliches diesen Mann umgab – und sie war froh, dass er weiterging. Als Toni den Aufstieg geschafft hatte und auf dem Grat der Tausender die weite dunstig-blaue Hügelkette des Vorderen Bayerischen Waldes gegen die sich neigende Sonne vor sich sah, vermisste sie ein wenig einen Begleiter, mit dem sie diesen grandiosen Blick hätte teilen können. Der Seltsame war aber schon den Weg durch die Baumgerippe hindurch auf dem Grat weitergegangen. Die vor dem Borkenkäferbefall einst stolzen Fichten verjüngten sich zwischen jungen Buchen, Ahornbäumchen und Vogelbeersträuchern.
Toni arbeitete als Malerin in einem Handwerksbetrieb. Zusammen mit einem Kollegen weißelte sie schon wochenlang in Häusern einer Wohnungsbaugesellschaft. Mittags gönnte sie sich eine Pause in einer kleinen Kneipe. Und dort sah sie ihn! Nun wusste sie, warum ihr der fremde Wanderer bekannt vorgekommen war. Sie schaute genau hin. Saß er nun wirklich dort oder sah der andere ihm nur ähnlich? Als der Gast gegenüber einmal in ihre Richtung zu blicken schien, hob sie kurz die Hand zum Gruß, aber der reagierte nicht.
Für den Mann war es wichtig, immer wieder in dieser Kneipe zu sein. Man kannte ihn, ließ ihn aber in Ruhe. Ihm war es nicht recht, dass es da diese etwa gleichaltrige Frau gab, die ihm ab und an zunickte oder gar zuwinkte. Wenn er in den folgenden Tagen wieder dort war, hob er einfach seinen Blick nicht mehr, um nicht irgendeinen Kontakt mit der Frau zu provozieren. Sprach ihn einer an, dann gab er stets kurze, manchmal auch barsche Antworten und erreichte, dass sich der Anfragende nie mehr annäherte. Bis auf wenige Ausnahmen! Es gab komische Typen, die seltsame Gespräche mit ihm führen wollten. Als er merkte, dass es darauf hinauslief, dass er Rauschgift kaufen sollte, fauchte er sie an, dass er nichts brauche, er sei clean.
Seine Zugfahrt dauerte über eine Stunde. Er war sich fast sicher, dass ihm die Frau gefolgt war. Was wollte die von ihm? Am Ziel angekommen, schlug er einige Haken und schüttelte sie ab. Dort in seiner Geburtsstadt kannte er sich aus.
Toni war schon immer so: Geheimnissen wollte sie auf den Grund gehen! Ihr Kollege hatte sie anfangs belächelt, als sie den Wanderer mit dem Mann in der Kneipe in Verbindung brachte. Später hatte er sie gewarnt und an unliebsame Situationen erinnert, in die sie wegen ihrer Kriminalisiererei geraten war. Aber er wusste ja, dass es nichts half. So bat er sie, ihm wenigstens über ihre Abenteuer zu berichten.
Toni hatte herausbekommen, dass der Mann öfters zum Bahnhof eilte. An einem Samstagnachmittag war es ihr möglich: Sie verfolgte ihn und fuhr mit dem Bayernticket im selben Zug mit ihm in Richtung Norden. Nach dem Aussteigen verlor sie ihn aber, was sie natürlich beträchtlich ärgerte. Sie hatte ihn nie angesprochen, weil es ihr klar war, dass er den Kontakt zu ihr meiden wollte. Nun ging sie in dieser Stadt umher, die sie kaum kannte, allenfalls als Bahnstation. Sie suchte ihre Rückfahrtverbindung heraus und begab sich für die Wartezeit in ein Café, von dem sie vorher nicht wusste, dass es zu den Lokalitäten gehörte, in das auch die Honoratioren gehen, besonders, wenn sie als Politiker sich dem Wahlvolk der Stadt zeigen wollten. Erst vor kurzem wurde hier der neue Bürgermeister gewählt. Darum war der etwa 65-jährige Mann, der nun ins Café kam, allen bekannt. Mit „Grüß Gott, Herr Bürgermeister! Schön, dass Sie uns wieder beehren!“ wurde er zu einem guten Platz geleitet, der offenbar sein Stammplatz geworden war.
Toni bekam mit, dass der Bürgermeister noch jemand erwartete. Trotzdem bestellte der schon Kaffee und ein Stück Torte, das etwas groß geraten war, jedenfalls größer als Tonis Stück. Schließlich kam der andere hinzu, ein Mann um die 40, sein Sohn, überkorrekt gekleidet. Auch der grüßte jeden Gast im Lokal, das liegt bei Politikerkindern offenbar in den Genen.
Als sich ihre Blicke kreuzten, stutzte der Bürgermeistersohn sichtlich erschrocken. Toni war ebenso perplex: Es war ihr Wanderer! Seinen pseudofreundlichen Gruß erwiderte sie mit „Hallo!“ und schob noch nach: „Welch ein Zufall!“ Ein Politikersohn kann sich da natürlich nicht entziehen! So blieb er kurz stehen und sagte: „Die Welt ist eben klein!“ Er hatte sie also erkannt!
Es war Toni unmöglich, sich den noblen Leuten aufzudrängen. So beobachtete sie ihn und seinen Vater aus der Entfernung. Beide schauten sich gelegentlich auffällig unauffällig nach ihr um. Dann wurde es Zeit und Toni verließ, nochmals grüßend, das Lokal und fuhr mit der Bahn wieder nach Hause.
Noch im Zug berichtete sie telefonisch ihrem Arbeitskollegen und begann mit ihm zu spekulieren.
„Das war er, ganz sicher!“, behauptete sie.
„Aber du sagtest doch, der war ein vornehmer Pinkel! Und unser Mann hier in der Kneipe ist doch eher ein Freak!“, entgegnete der Kollege.
„Aber ich bin ihm doch nachgereist. Der ist doch dort ausgestiegen!“, argumentierte sie.
„Na, so klein ist die Stadt auch wieder nicht, da gibt es sicher ein paar Leute, die ähnlich ausschauen.“
„Nein, nein, ich bin mir ganz sicher.“ Toni ließ sich nicht abbringen. „Der führt ein Doppelleben, glaub es mir!“
„Ach du mit deiner Fantasie!“, stöhnte der Kollege. „Was soll ihm das bringen? Meinst du der hat zwei Frauen? Hast du ihn mit einer Frau gesehen?“
Toni dachte nach. Und kam mit der nächsten Theorie: „Oder es ist ein Zwilling! Und keiner weiß vom anderen!“
„Ja klar. Und gerade du musst denen das jetzt beibringen!“
„Okay, lass mich noch etwas überlegen. Ich krieg`s schon noch raus!“, beendete sie das Telefonat.
Wenn es derselbe Mann ist, dann ist das Ganze mysteriös. Dann verleugnet der Bürgermeistersohn in seiner Rolle als Freak, dass er mich kennt. Warum? Ja, klar. Sonst würde er auffliegen! Bleibt die Frage, warum der ein Doppelleben führt.
Wenn es Zwillinge sind, dann ist der Unterschied im Lebensstil zwischen den beiden auffällig. Aber das soll es geben. Ihr tat es fast Leid, dass sich das Rätsel womöglich banal auflösen sollte.
Und wirklich: Tonis Kollege rief sie am Abend an: „Also, liebe Toni, ich habe recherchiert!“
„So? Lass Hören!“
„Im Internet kann man ja alles finden. Und ich hab herausbekommen, dass dein Bürgermeister tatsächlich zwei Söhne hat. Ob sie Zwillinge sind, weiß ich nicht. Aber auf einem Foto aus früheren Jahren sieht man den Bürgermeister mit seiner Frau und zwei jungen Männern, die sich total ähneln. Auf späteren Familienfotos ist nur noch der eine mit drauf. Wahrscheinlich war dann der Freak für die Politikerkarriere nicht mehr förderlich. Du kannst dich also beruhigen. Da steckt nichts Besonderes dahinter!“
„Schade!“, seufzte Toni. „ Das habe ich schon befürchtet. Aber ich glaube, ich traue mich jetzt trotzdem, den Freak aus der Kneipe einmal anzusprechen, immerhin bin ich mit seinem Bruder gewandert. Und das ist doch ein Anknüpfungspunkt.“ Aber so oft Toni auch in den folgenden Wochen Ausschau hielt: Der Freak tauchte nie mehr auf! Obwohl ihr das merkwürdig vorkam, hätte sie die ganze Angelegenheit fast schon beiseitegelegt, wenn sie nicht wieder ein sonniger Tag in den „Wald“ gelockt hätte.
Und es schweifen leise Schauer
Wetterleuchtend durch die Brust.
Sie konnte es beim Hochsteigen richtig spüren, dass etwas Unheimliches ihre Brust belastete. Das war mehr als ein Wetterleuchten. Sie hörte die Krähen, sah, wo sie sich versammelt hatten und näherte sich. Obwohl sie in angemessener Entfernung stehen blieb, erkannte sie schnell, dass der Boden aufgescharrt und das dort Vergrabene für die Aasfresser zugänglich geworden war. Als sie einige menschliche Zehen erkannte, begann sie zu würgen.
6. Die letzten Tage des Freaks
Nachdem er mitbekommen hatte, dass sein Dealer von der Polizei erschossen worden war, wurde es schwieriger, zuverlässig an Stoff zu kommen. Schließlich bekam er den Tipp, dass auf dem Friedwald in Bayerisch-Eisenstein eine Urne als toter Briefkasten für Rauschgift gedient haben könnte. Wenn er dieses Versteck finden würde, könnte er den getöteten Dealer beerben und kosten- und risikolos an seine stattliche Urnenladung gelangen.
Sein suchtbedingter Drang kontrastierte zu seinem zunehmenden Lebensunwillen. Und so schwankte er in ständiger Unruhe zwischen Suche und Lethargie, beides gleichermaßen quälend. Er schleppte sich schließlich doch zu dem besagten Friedhof, der sich als dichter Wald mit hohen Bäumen entpuppte, die hinüber grüßten auf den Grenzort und zum Arber, dem radarkuppelgekrönten König des Bayerwalds. Wie um Himmels Willen sollte er zwischen all diesen Bäumen und aufkommenden Sträuchern die richtige Urne finden?
Er stapfte orientierungslos umher – bis er hörte, dass ein Auto vom schlaglochübersäten Parkplatz kommend sich dem Vorplatz des Friedwalds näherte. Er versteckte sich. Er konnte nicht ahnen, wer aus dem Auto aussteigen würde. Er musste öfters hinschauen, bevor er den Fahrer, der ihm irgendwie bekannt vorkam, in sein löchrig gewordenes Gehirn einordnen konnte. War das nicht ein Bekannter seines Dealers? Oder gar sein Sohn, denn er sah ihm sehr ähnlich. Einige Male hatte er die beiden zusammen gesehen und jetzt kam der alleine hierher. Und was wollte der? Natürlich! Der wusste, wo der Dealer-Vater den Stoff gelagert hatte! Vorsichtig ging und kroch er ihm hinterher. Der Sohn war selber sehr vorsichtig, schaute sich oft um, hörte Geräusche, die er letztlich Waldtieren zuschrieb und nicht einem menschlichen Beobachter. Dann grub der Sohn eine Urne aus, öffnete mit einem Werkzeug den verschweißten Deckel und nahm aus einer mitgebrachten Tüte eine zweite Tüte heraus, die mit etwas gefüllt war. In die jetzt leere erste Tüte schüttete er die Asche aus der Urne hinein. Ja, es war nur Asche, das war deutlich genug zu sehen, auf keinen Fall sah es aus wie irgendeine Form von Rauschgift. Dann leerte er die mitgebrachte Asche aus der anderen Tüte in die Urne, verschloss die und vergrub sie wieder in das runde Erdloch.
Der hatte also nur Asche ausgetauscht! Wie seltsam! Wie enttäuschend! Oder erfreulich? Denn vielleicht wusste der ja nichts vom Versteck des anderen. Auf jeden Fall war der nicht in einer Rauschgiftaktion unterwegs gewesen. Eigentlich schade, denn so war nun auch diese Chance vorbei, das Versteck zu finden.
Und der Rauschgiftkranke mit dem löchrigen Gehirn hakte schließlich diese Besorgungsmöglichkeit endgültig ab. Bevor ihn wieder die Melancholie übermannte, ließ er sich noch ein letztes Mal inspirieren von diesem wunderbaren Wald mit seinen natürlichen Schätzen. Es gab Kräuter und Pilze, die man nur kennen musste…
Aber schon hatte der Wald mit den Toten seine Sehnsucht nach der ewigen Ruhe wieder nach oben gespült. Wen würde es schon kümmern, wenn es ihn nicht mehr gäbe? Die paar Leute, die ihm immer wieder in der Kneipe begegneten? Dort war ja noch die einzige Gelegenheit des menschlichen Kontakts – soweit die Bezeichnung Kontakt da überhaupt angebracht erschien. Viel weniger Kontakt hätte er in einem Friedwald auch nicht, da gäbe es auch rundherum Wesen. Womöglich würden die sich spiralförmig kringelnd aus den Urnen in die Höhe heben, wenn er in seinem letzten Rausch nach ihnen riefe.
Würde es seine Eltern kümmern? Oder seinen Zwillingsbruder? Die wären doch froh, das schwarze Schaf endgültig verloren zu haben. Ganz zu schweigen von den Geldzahlungen, die sie dann nicht mehr zu leisten bräuchten. Eine Art Schweigegeld im Rahmen eines Stillhalteabkommens, das die politische Karriere des Vaters absichern sollte. Stand da nicht gerade eine Wahl an?
Sein Vater, der zukünftige Bürgermeister mit seinem Vorzeigesohn… Was würde geschehen, wenn gerade unmittelbar vor der Wahl der andere Sohn, der Versager, sich als Totgefixter outen würde?
Er spürte, wie die Wut in ihm hochkochte. Wann hatte das alles angefangen? Und warum? In den ersten Lebensjahren hatten seine Eltern doch sicher Kapital daraus geschlagen, eineiige Zwillingssöhne zu haben. Stets gleich angezogen, gleich behandelt, selten verwechselt – zumindest von der Verwandtschaft. In der Schule gab es dann die ersten Verwechslungsarrangements, die viel Spaß machten. Wann schlich sich der Unterschied ein? Sicher, beiden ging es irgendwann auf die Nerven, immer nur ein Teil des Zwillingspaares zu sein, keine Individualität darüber hinaus zu besitzen, Verschiedenheiten vermeiden zu sollen. Vermutlich war es allen aber klar, es würde keine Verschiedenheit ohne ein besser und schlechter geben. Dazu war das Elternhaus zu sehr auf Bewertung fixiert, nicht auf Gleichwertigkeit des Verschiedenen, Toleranz gegenüber dem Andersartigen. Wer sich zuerst bewegt, verliert! Wer den Gleichschritt verlässt, sei es auch nur durch ein ungewolltes Stolpern, könnte ganz vom Weg gestoßen werden. Das galt nicht nur für die Zwillinge, sondern für seine ganze Familie als System. Wann war er gestolpert?
Sicher hatte es schleichend begonnen. Vielleicht durch den Fahrradunfall, der ihn hinderte, bei einer wichtigen Einladung dabei zu sein. Während der Bruder dort seine erste große Liebe kennen lernte, lag er mit einem Kerl im Krankenzimmer, der ihm über ein anderes Leben erzählte. Und während der Bruder mehr und mehr Zeit mit dem Mädchen aus reichem Hause verbrachte, tastete er sich unvorsichtig und naiv mit „Freunden“ in eine fremde Welt hinein. Er geriet auf Abwege, genoss das Anderssein. Wenn ein Dominostein fällt, werden andere mitgerissen. Und wie schnell hatte man ihn aufgegeben! Er störte doch zu sehr die guten Entwicklungen der anderen Familienmitglieder. Und es gab ihn ja sowieso doppelt, in guter und schlechter Ausführung.
Keiner hatte etwas dagegen, dass er sich auch räumlich davonmachte. Das ließ sich sein Vater auch einiges kosten. Als Stachel im Fleisch der Familie war er aber geblieben, vielleicht nur als finanzieller Stachel. Mit Drohungen hatte man dann seine räumliche Anwesenheit, seine Annäherungsversuche unterbunden. Erst da hatte er kapiert, dass es vorbei war. Erst da litt er unter einem Gefühl des Ausgestoßenseins. Nun erst spürte er den Schmerz, seine Familie verloren zu haben. Er schloss sich mehr und mehr einer anderen Familie an, die Familie der Versager, ohne Ehrgefühl und mit geringem Zusammengehörigkeitsgefühl. Er kannte kaum irgendwelche Ideale, die ihn in andere Gemeinschaften gebracht hätten, hatte keine religiöse, politische oder andere Ideologien entwickelt. Er konnte keinen Halt finden in Vereinen oder extremistischen Gruppierungen. Verloren in der Welt berauschte er sich mit allem, was sein Budget hergab. Die Gefühle, die er noch entwickeln konnte, wurden immer wieder vernichtet oder ersetzt durch andere, die ihn überwältigten und in andere Sphären brachten.
Fast war er froh darüber, dass er sich immer wieder seiner Enttäuschung und seinem Hass stellen konnte. Das machte ihn „normal“. Wäre es nicht an der Zeit, jetzt das Ding durchzuziehen? Jetzt endlich gäbe es doch wieder einmal einen Zeitpunkt, zu dem er sich rächen könnte. Jetzt endlich könnte er wieder deutlicher wahrgenommen werden als Teil dieser Saubermann-Familie! Mit einem letzten großen Auftritt – zur Unzeit.
Der Junkie quälte sich den Berg hinauf. Er schnaufte und dachte an den Aufstieg zum Kickelhahn. Da kam ihm der Blinde in den Sinn – und er lächelte. Es war rührend und komisch zugleich, dass der blinde Sommelier, während er den teuren Wein kredenzte, Goethe rezitiert hatte. Aber sein Vater hatte dem ja das Stichwort geliefert: Wir waren auf dem Kickelhahn! „Ach dort, wo der Goethe sein Gedicht an die Wand der Jagdhütte geschrieben hat?“, hatte der Blinde rhetorisch gefragt und gleich weitererzählt: „50 Jahre später hat er es dort wieder entdeckt – und er hat geweint!“ Dann hatte der Blinde eine Kunstpause gelassen, mit seinen leeren Augen durch die Sonnenbrille gestarrt und vergeblich auf eine Reaktion seiner noblen Kundschaft gewartet. „Da war Goethe schon über 80 und wusste, dass seine Zeit bald gekommen war!“, erklärte er den Kulturbanausen.
Um welches Gedicht es sich denn gehandelt habe, hatte sein Vater, der Bürgermeister, gefragt. Und dann hatte der Blinde seufzend losgelegt:
Über allen Gipfeln
Ist Ruh,
In allen Wipfeln
Spürest du
Kaum einen Hauch;
Die Vögelein schweigen im Walde.
Warte nur, balde
Ruhest du auch.
Ein zynisches Lächeln huschte jetzt über das Gesicht des Junkies.
Der Kickelhahn und das Nobelrestaurant! Das waren die letzten gemeinsamen Ausflüge mit seiner Vorzeige-Familie! Auch hier im Bayerwald war es heute windstill – und alle Vögel schwiegen.
Den Weg war er schon einmal mit seinem Zwillingsbruder hochgewandert.
Auch das war ihre letzte gemeinsame Unternehmung gewesen.
Irgendwann ist alles das letzte Mal!
Körperlich fiel ihm der letzte Aufstieg schwer, aber er fühlte sich psychisch unendlich erleichtert, nachdem er die Entscheidung getroffen hatte. Fast wäre sogar der Hass verschwunden. Aber wenn er sich das Politikergeschwätz seines Vaters vorstellte, wusste er wieder, warum er diesen Zeitpunkt direkt vor der Bürgermeisterwahl gewählt hatte. Mit seiner Wahl wollte er ihn abwählen.
Wie würde die Familie auf seine Nachricht reagieren, die er vorhin abgeschickt hatte? Eine Nachricht mit genügend Andeutungen, dass die Alarmglocken bei denen läuten mussten. Würde sich sein Zwillingsbruder überhaupt an diesen Wanderweg erinnern? Vielleicht wenigstens an die seltene Begegnung mit den Auerhühnern? Gebannt hatten sie damals diesen großen scheuen Vögeln zugesehen. Die bekommen nur wenige Menschen jemals zu Gesicht. Würde der Bruder nun mit seinem Audi hierher rasen und den Weg hinaufhetzen, um ihn zu retten? In grauem Anzug mit Krawatte?
Oder würde gar sein Vater dabei sein? Trotz der letzten Wahlkampfwoche schwitzend die Anstrengungen auf sich nehmen, um seinen Sohn von dem Unvermeidbaren abzuhalten? Oder seine Mutter? Die blasse Frau im Hintergrund, die sich extra herrichten musste für die Fotos einer glücklichen Familie. Oder ihren Mann begleiten durfte im Stil einer Lach-und Klatsch-Puppe wie bei Wahlauftritten der amerikanischen Politiker. Nein, die Eltern würden nicht kommen, um ihn vom Selbstmord abzuhalten!
War es um das Leben nicht doch schade, weil sich gerade in den letzten Wochen ein Silberstreif gezeigt hatte? Er hatte einen Mann kennengelernt, der eine vorübergehende Unterkunft gesucht und von seiner eher großen Wohnung erfahren hatte. Der war nicht übel. Der neue Mitbewohner hatte schnell das Drogenproblem erkannt und sich gleich ins Zeug gelegt. War ein Helfertyp. Kohlemäßig aber ein armer Hund, weil er nicht eine so tolle Verwandtschaft hatte wie er. So weit hatte er noch seine Sinne beisammen, um zu wissen, dass er auch den enttäuscht hätte, wenn er dessen Helferambitionen entgegengekommen wäre.
Es hat schon alles seine Richtigkeit!
Der Weg wurde ihm immer beschwerlicher. Er würde es nicht bis hinauf schaffen! Als der erste Kahlschlag kam, nein, eigentlich war es ein Windwurf, der den Blick freigab auf das Tal, mühte er sich über einige Heidelbeersträucher hinweg auf einen Felsen. Dort wollte er rasten und dann weitergehen. Er hatte aber keine Kraft mehr. Sein Weg sollte hier zu Ende sein. Er lehnte sich an den Felsen und zog das Besteck heraus. Zum Schluss kam ihm noch ein Goethe-Vers in den Sinn, der ihn seit dem Treffen mit dem Blinden begleitet hatte:
Ach, ich bin des Treibens müde!
Was soll all der Schmerz und Lust?
Süßer Friede,
Komm, ach komm in meine Brust!
Dann brachte der Goldene Schuss sein Herz zum Stillstand und der Unglückliche schwebte durch einen dunklen Tunnel in eine überwältigende Helligkeit.
Als er von Toni gefunden wurde, verscharrt im Wald, war die Wahl längst vorbei. Selbst sein letztes Zeichen konnte er nicht setzen. Sein Plan war nicht aufgegangen. Die Familie hatte es geschafft, das Bekanntwerden seines Todes hinauszuschieben. Und auch die Hintergründe blieben nicht auf Vaters weißer Weste hängen. Ganz im Gegenteil: Privat erntete der Bürgermeister viel „Beileid“ und politisch wurden seine Meinungen zur Kriminalität in der Grenzregion bestätigt.
Obwohl er sich verändert hatte unter der hier noch deutschen Erde, war es leicht herauszufinden, wer der Tote war. Der Personalausweis gab genügend Auskunft. Schwieriger war die Todesursache zu klären. Es lag aber nahe, die Einstichstellen am Arm als Indiz zu nutzen. Außerdem klemmte unter dem Körper des Toten ein kleines verrostetes Kästchen mit der Nürnberger Burg auf dem Deckel. Darin lag neben dem nötigen Besteck für den Goldenen Schuss auch ein altes Buch. Es stammte aus dem 19. Jahrhundert und enthielt viele Zeichnungen und Beschreibungen von Kräutern und Pilzen. Die Seiten waren handschriftlich vollgekritzelt mit Hinweisen auf deren Heilkraft und mit zusätzlichen Rezepturen für allerhand Leiden. Auf die berauschende Wirkung mancher dieser Pflanzen und Pilze wurde extra hingewiesen…
In der Pathologie wurde schnell die tödliche Rauschmittelvergiftung klar. Ob Unfall, Suizid oder Mord konnte nicht geklärt werden. Ein Rätsel blieb den Ermittlern auch, ob der Mann wirklich dort am Berg starb und warum der Tote eingegraben worden war. Es fanden sich auch keine Hinweise mehr auf den oder die Totengräber.
7. Der folgenreiche Zahlendreher
Die Alte entpuppte sich als rüstige wanderfreudige Rentnerin, wohl so um die 80. Und sehr belesen war sie obendrein! Man kommt in Kontakt, wenn man so früh am Tag mitten in der Natur schon einen Gleichgesinnten trifft. Da konnte selbst Günter, das scheue Reh, nicht ausweichen. Es gab eben nur diesen einen Weg um den kleinen Arbersee herum. Sie zeigte keine Scham, vielleicht weil man dafür im Alter keine Notwendigkeit mehr sieht und keine Zeit mehr hat. Die alte Dame stellte sich neben ihn und beide schauten voller Andacht und Staunen auf den herrlichen See mit seinen drei schwimmenden Inseln.
I m Nebel ruhet noch die Welt,
Noch träumen Wald und Wiesen;
Bald siehst du, wenn der Schleier fällt,
Den blauen Himmel unverstellt,
Herbstkräftig die gedämpfte Welt
In warmem Golde fließen.
Ein Lächeln umspielte ihre Lippen, als sie bemerkte, dass Günter sie etwas verlegen und zugleich bewundernd anschaute.
„Ein schönes Gedicht!“, sagte er.
„Von Eduard Mörike!“, erwiderte sie.
Dann schwiegen sie wieder und genossen das wunderbare Farbenspiel der Laubbäume am Seeufer und der Gräser auf den Inseln. Der große Arber spiegelte sich im Wasser und trotz der fortgeschrittenen Jahreszeit begleitete Vogelgesang den aufsteigenden Nebel. Etwas entfernt hörten sie das Rauschen des Bachs, der zwischen den Felsen der vom kleinen Arber herabführenden Seewand einen Wasserfall zustande brachte. Ansonsten war es still. Das Seehäusl hatte noch geschlossen. Bald würden die ersten fußkranken Besucher sich herankarren lassen von einer kleinen „Bahn“. Und von allen Seiten kämen Wanderer, um auf der Terrasse sich gastronomisch verwöhnen oder zumindest absättigen zu lassen. Aus dem Schornstein des Seehäusls drang schon Rauch heraus.
Noch aber gehörte der See ganz ihnen. Sie gingen einige Schritte nebeneinander, saugten neben den Farben auch die frische Luft ein – bis der Rauch sich über den See legte und der Atem stockte. Dann hörte man zu allem Überfluss aus der Ferne ein Polizeiauto. Und es kam tatsächlich auch noch näher! Zur Überraschung der beiden Wanderer fuhr bald die gesamte Autoflotte der hiesigen Polizei, also zwei Streifenwagen, um die letzte Kurve aus dem Wald heraus in Richtung Seehäusl. Dort stiegen die Beamten aus und sprachen mit den entgegenkommenden Wirtsleuten. Die zeigten aufgeregt in Richtung einer Insel. Die Polizisten sahen durch ihre Ferngläser.
Günter und seine Begleiterin schauten sich verwundert an. Dann zog die Alte ein Fernglas heraus und richtete es auf die Insel. Nach einem „Da schau her!“ und einem „Na sowas!“ übergab sie Günter das Glas. „Dort am Rand der Insel!“ Günter sah hindurch und staunte nicht schlecht. Er erkannte im herbstgoldgrünen Gras einen bleichen Schädel, einen menschlichen Totenschädel!
Die Polizisten überlegten, diskutierten miteinander, telefonierten – mit Handys, denn der Polizeifunk funktionierte nicht. Sie benachrichtigten zuerst die Feuerwehr. Dann setzten sie sich auf die inzwischen von den ersten Sonnenstrahlen angeleuchtete Terrasse. Es gab Brezeln mit Weißwürsten. Das Frühstück dauerte etwa 20 Minuten, dann näherte sich ein tosender Sirenenlärm, der weitere 20 Minuten lang nicht mehr verstummte. Fünf Feuerwehren aus den umgebenden Ortschaften trafen ein. Kein Kommandant wollte es sich nehmen lassen, bei diesem Einsatz mit dabei zu sein. Mit einer für Eisunfall-Rettung gedachten Luftmatratze glitt der an einer Sicherungsleine befestigte gewichtsmäßig leichteste Polizist langsam hinüber zur Insel, ging dort vorsichtig an Land, zog das rote Gefährt auf den kostbaren etwa 150cm dicken Moosuntergrund voller seltener Pflanzen, und hielt sich daran fest, um nicht plötzlich auf Nimmerwiedersehen im Moor zu versinken. Langsam watete er die wenigen Meter bis zum Totenkopf.
Draußen standen die beiden Wirtsleute, zwei Wanderer, drei Polizisten und 44 Feuerwehrmänner und drei Feuerwehrfrauen. Sie schauten gespannt zu. Der Inselpolizist hob schließlich triumphierend den Schädel in die Höhe. Draußen wurde Beifall geklatscht. Dann streckte der Polizist nochmals den Arm hoch und nochmals und nochmals. Jedes Mal hatte er ein weiteres Skelettteil in der Hand. Nun wurde nicht mehr geklatscht.
Es sollten noch weitere Stunden vergehen und die Sonne hatte schon ihren Zenit überschritten, als die angeforderten Polizeitaucher eingetroffen waren. Die Terrasse war nun überfüllt mit Feuerwehrleuten und Wanderern, von denen etwa 80% mit den Feuerwehrleuten verwandt waren. Es gab Schweinebraten mit Knödel und reichlich Bier. Die Taucher wussten inzwischen, dass der See unter dieser Insel etwa 8 Meter tief war. Mit Scheinwerfern leuchteten sie den Untergrund aus und inspizierten auch das Moorpolster von unten. Kein Fisch störte die Mission, weil das Wasser so sauer war, dass es die Wirtsleute als Essigersatz hätten nehmen können.
Am Ufer setzten die Polizisten unter der regen Anteilnahme der Bevölkerung das von der Insel und aus dem Essig geborgene Skelett in mehrheitsfähiger Form zusammen. Dann wurde es fotografiert, etwa von 200 Kameras. Einige davon gehörten freiberuflichen Mitarbeitern der beiden hiesigen Tageszeitungen. Erst nach dem Nachmittagskaffee traf die Kriminalpolizei ein.
Günter hatte mit seiner Begleitung inzwischen den kleinen Arbersee umwandert. Man hatte von fast überall einen guten Ausblick auf das Geschehen. Beiden war nicht an Kontakt mit den anderen Schaulustigen gelegen.
„Das wird ein altes Skelett sein!“, mutmaßte die alte Dame.
„Freilich!“, sagte Günter.
„Vielleicht über hundert Jahre alt“, behauptete sie.
„Wie kommen Sie denn da drauf?“
„Der See war früher viel kleiner, dann wurde er wegen der Holzdrift aufgestaut. Vielleicht ein Holzarbeiter von damals!“, spekulierte die Alte.
„Und wieso liegt ein Teil des Skeletts auf der Insel und der Rest darunter?“
Die Alte zuckte mit der Schulter. „Die Teile oben liegen ja offenbar erst seit kurzem dort, sonst hätte man sie ja schon vorher gefunden!“
„Ja, und wer hat die von unten nach oben geholt?“
„Aber junger Mann, woher soll ich denn das wissen!“
Günter begann, schräg zu denken. Er erinnerte sich an eine Wette aus seiner Jugendzeit, ein Stammtischgeschwätz, das er einmal mitbekommen hatte, bevor er sich aus dem Ortsleben zurückzog.
„Vielleicht wollte der die Insel wegziehen!“
Die Alte lachte laut auf. „Wegziehen?“
„Ja, freilich. Früher waren die Inseln noch sehr beweglich.
Nach jedem Sturm hatten die ihre Lage verändert.“
„Ja, ja, das weiß ich schon! Aber man kann die doch nicht wegziehen!“
„Das hab ich mal gehört. Da haben die im Dorf einmal gewettet!“ Er ließ nicht locker. „Und außerdem ist das egal, ob es geht. Vielleicht hat es einer probiert, wollte dort ein Seil befestigen und ist reingesunken und ertrunken!“
Die Frau grinste vor sich hin. Aber bei den jungen Leuten kann man ja wirklich nie wissen…
Die Feuerwehrverwandtschaft war schon einen Schritt weiter. Als die beiden Wanderer an ihnen vorbeigingen hörten sie, dass es sich hier sicher um einen Mord handele! Vielleicht aus den chaotischen Kriegszeiten. Oder dass das Skelett gar die komische Frau Riemendobler sei, die damals um die Wendezeit herum sich hier niederlassen wollte und dann spurlos verschwunden war?
Als Günter an diesem Abend ins Internet schaute, erlebte er eine weitere Überraschung. Da beschwerte sich einer, dass die Angaben zu seinem Cache total falsch gewesen wären, besonders der Schwierigkeitsgrad. Er sei zwar kein Sissicacher, meinte der Cache-Kollege, aber der angegebene Platz wäre ja wohl eine Zumutung. Außerdem läge er in einem Naturschutzgebiet. Und wenn es eine Mysterycache hätte sein sollen, wäre ein Hinweis darauf auch ganz nett gewesen.
Günter erschrak und es war ihm sehr peinlich: Er bemerkte, dass er in den GPS-Daten einen Zahlendreher hatte!
8. Die Geo-Cacher
Als Günter Rosls Kästchen im Erdstall fand, war ihm unwillkürlich der Gedanke gekommen, der Metallbehälter könnte ein Cache sein. Er hatte in den Wochen vorher mit Geo-Caching begonnen, um sich abzulenken von seinen letztlich frustrierenden Erlebnissen mit den Rehen. Und da der Umgang mit dem Internet sein Metier war, brauchte er sich nur noch etwas in diese Form der modernen Schnitzeljagd mittels GPS-Ortung einzuarbeiten – und schon konnte er loslegen. Es war wiederum eine Kontaktform, ohne wirklich menschlichen Kontakt zu haben. Das betraf die Internetkommunikation auf den entsprechenden Geo-Caching-Seiten, aber auch das Anlegen von Verstecken für andere Menschen und vor allem die Inhalte der Caches, bei denen der Fantasie wenig Grenzen gesetzt war. Dieses Wegnehmen und Hineingeben von Gegenständen erforderte eine gewisse empathische Zuwendung zum Finder oder Owner des Caches: Warum hat der gerade das hineingelegt? Was will ich mit meinem Gegenstand ausdrücken? Was teile ich dem nächsten damit über mich mit? Kommunikationsonanie könnte man vielleicht sagen. Nein, das stimmt so nicht ganz, denn die Reaktionen auf den Cache waren ja meist im Internet zu lesen. Man bekam also immerhin eine Rückmeldung vom anderen!
Aber Rosls Kästchen war kein Cache!
Nachdem Günter mit seiner Hilfe die Holzbohlen nach oben gedrückt hatte, wusste er schnell, wo er gelandet war. Es drang nun, nachdem er viel staubigen Dreck, der oben auf den Holzdielen lag, eingeatmet hatte, genügend Licht in das Schratzlloch, um sich den Inhalt des Kästchens einmal schnell anzuschauen: Es war ein altes Kräuter- und Pilzbuch, das die Hexenrosl irgendwann einmal erstanden, vielleicht auch geerbt hatte. Sie hatte viele Notizen hineingeschrieben, vermutlich ihre geheimen Rezepte. Das interessierte Günter nicht besonders. Schade, es war für ihn kein spektakulärer Fund! Er dachte an die dicke Reh-Frau aus dem Nachbarort. Für die wäre das Buch wohl etwas gewesen. Aber es ihr zu schenken, widerstrebte ihm sehr. Da machte Günter, was er gut konnte: Er stellte das Buch ins Internet ein und verkaufte es!
Der Gang des Erdstalls endete unter einem Gebäude, das er gut kannte: Es war ein alter Brotbackofen, wie es viele auf solchen bäuerlichen Grundstücken gab. Meist standen sie ein Stück weg vom Haus, um dieses vor Feuer und Rauch zu schützen. Sein Backofen hatte einen relativ großen Vorbau. Das war ihm aufgefallen, ohne dass er sich darum Gedanken gemacht hatte. Günter war nur ganz kurz einmal dort gewesen, hatte die eiserne Ofentür geöffnet und ins Schwarze geschaut – und dann überließ er das Gebäude den Hänsel und Gretel - Fantasien zufällig vorbeikommender Wanderer und ihren Kindern.
Er musste damals durch den ganzen Erdstall wieder zurück, weil er an diesem Ende nicht hochkam. Den Eingang verschloss er sorgfältig. Dann ging er in den Backofenvorbau, schlichtete die verrutschten Bretter wieder dicht nebeneinander über das Schratzlloch und bedeckte sie mit Erde. Sein Erdstallabenteuer war hiermit beendet!
Nachdem Günter das Buch verkauft und verschickt hatte, bereute er es. Zu oft hatte er sich schon der Hexenrosl innerlich und äußerlich angenähert, in ihren Räumen gelebt und ihre Geheimnisse erkundet. Vielleicht hätte er ihr Andenken bewahren oder diese Alte über die Notizen des Buches besser kennenlernen sollen! Womöglich hätte er dann das Buch irgendwann in einen Cache gegeben. Vielleicht. Nun aber war es für schnöden Mammon an einen Mann gegangen, der es nicht im selben Maße würdigen konnte. Der Käufer wohnte nicht weit entfernt. Sollte er ihn um Rückgabe bitten?
In seinen Gedanken war Günter allemal mutiger als in seinen Taten - also, wenn es um zwischenmenschliche Kontakte ging. Er spielte die Möglichkeit der Kontaktaufnahme mit dem Käufer seines Buches durch und wusste in der Theorie auf alles eine passende Antwort. Am meisten überzeugte ihn das Argument, dass das Buch ihm ja eigentlich gar nicht gehört habe und er diesen Fund den Erben der Rosl geben müsste. Und: Er habe vorher leider nicht gewusst, dass es Erben gebe.
Über die Internet-Versteigerungsplattform erbat er die E-Mail-Adresse des Käufers, die der ihm denn auch zukommen ließ. Der nannte sich SCachy. In einer langen Mail stellte Günter, alias GüRosl, umständlich den Sachverhalt dar und war überzeugt, dass er den anderen damit zur Rückgabe bewegen könnte. Ach, das täte ihm aber Leid, meinte der SCachy, aber das Buch habe er ja gekauft, um es zu verschenken – und das habe er getan. Sorry, lieber GüRosl!
Sven nannte sich nicht umsonst SCachy. Das Geocaching war seine große Leidenschaft. Sein Ausflug in den kleinen Arbersee war zwar mühsam gewesen, aber auch sehr spannend. Noch in der Dämmerung hatte er sich auf den Weg gemacht, war verbotenerweise mit dem Auto hingefahren – sonst hätte er sich ja totgeschleppt mit seiner Taucherausrüstung – und hatte versucht, das Unterwasserversteck zu finden. Ohne gute Beleuchtung musste er herumstochern am Seegrund unter der Moor-Insel. Erst später war ihm klar geworden, dass er da ja unter keinen Umständen hätte tauchen dürfen! Komisch, dass das schlechte Gewissen ihm erst dann ins Bewusstsein drang, als er den Totenschädel fand. Es schauderte ihn, zumal daneben auch noch Knochen auftauchten. Er nahm einige dieser Fundstücke mit und schleuderte sie oben auf die Insel. Vielleicht hätte er sie besser unten liegen lassen sollen! Aber wenn man ihn beim Tauchen gesehen hätte… Und wenn man ihn nun aber beim Hochschleudern gesehen hat? Sven musste einfach das Skelett ans Tageslicht bringen. Er war zu sehr ein Sucher und Finder, als dass er alles hätte im Dunkeln lassen können. Auf keinen Fall durfte Sven diesen Fund aber melden, um sich nicht strafen zu lassen für seinen verbotenen Tauchgang. Aber vor allem deswegen nicht, weil es da ja auch noch das andere gab, das ihm sehr nachhing! Wenn die Polizei ihn hier wegen des Skeletts verhört und seine Adresse aufgenommen hätte, dann hätte man bemerkt, dass er mit dem rauschgiftsüchtigen Bürgermeisterssohn zusammengewohnt hatte, dessen Leiche kürzlich im Bergwald ausgegraben worden war!
Keiner hätte geglaubt, dass in den beiden Fällen des Auffindens von Toten sein Name rein zufällig auftaucht! Dann wäre man vielleicht darauf gekommen, dass er beim Eingraben seines Bekannten beteiligt gewesen sein könnte. Und man hätte auch erkannt, dass die Fingerabdrücke an dem Kästchen, das er seinem Freund mit ins Grab gelegt hatte, seine Fingerabdrücke sind und dass er das Kästchen im Internet ersteigert hatte.
Es war beängstigend, wie das alles wieder hochkam, als er das Skelett im See fand.
Dabei hatte wirklich alles einen Zusammenhang! Sven war ein begeisterter, ja enthusiastischer Geo-Cacher. Besonders reizten ihn schwierige Fundstellen oder schwierige Caches. Nanos, die er magnetisch an Gipfelkreuze befestigte, Night Caches, denen er mit Begeisterung auf der Spur war, oder Lost Places, die ihm hier in der Grenzregion mit ihren vergessenen oder geschliffenen Dörfern natürlich besonders nahe standen.
Und je mehr er sich in sein Hobby hineinsteigerte, umso teurer wurde es. Da kam es ihm sehr gelegen, dass ihm für einen „Liebesdienst“ Geld angeboten wurde. Zuerst hatte der Bürgermeister ja noch geglaubt, seinen Sohn retten zu können. Er hatte in der gemeinsamen Wohnung angerufen und ihn beauftragt, seinen Freund auf einem bestimmten Wanderweg zu suchen. Aber er war viel zu spät gekommen. Als er den schlimmen Fund dem Bürgermeister per Handy meldete, bat der Vater ihn, gegen gutes Geld und dem Versprechen, er könne zum selben Mietpreis in der Wohnung bleiben, seinen toten Mitbewohner einzugraben. So ganz verstanden hatte Sven die Hintergründe nicht, aber was würde es dem Rauschgifttoten helfen, wenn er ihn neben dem Wanderweg liegen lassen oder wenn er die Polizei holen würde. Wenn er jemand verständigt hätte, dann hätte es anonym geschehen müssen. Denn irgendwie hing er ja mit drin. Er hatte aber nicht groß nachgedacht. Und das Angebot war sehr verlockend. Schon lange hatte er sich eine bessere Ausrüstung für sein Hobby gewünscht, vor allem einen Tauchanzug, um endlich auch die schwierigsten Caches in Seen und Flüssen finden zu können.
Natürlich hatte es ihm sehr Leid getan um den Freund. Noch kurz vorher hatte er ihm ein Kräuterbuch geschenkt – in der vagen Hoffnung, der könnte als Zwischenlösung zu Rauschmitteln greifen, von denen er eher wieder wegkommen könnte. Aber auch damit war er zu spät gekommen.
Nachdem er den Kopf des Toten mit einem Taschentuch bedeckt hatte, fiel es ihm leichter, sich ans Graben zu machen. Es war nicht sein erster Toter, das machte ihm die Situation ein klein wenig erträglicher. Leider hatte er kein geeignetes Werkzeug dabei und so wurde das Grab nicht tief genug. So richtig merkte er das erst, als der Tote schon in der Kuhle lag. Herausziehen wollte er den aber nun auch nicht mehr – und jederzeit hätten Wanderer ihn überraschen können. Alles musste schnell gehen. Schlimm war es dann, die Erde über den Körper zu werfen! Wenn er daran dachte, überlief ihn jetzt noch ein Schauer.
Sven wunderte sich nicht, dass sein Mitbewohner bald gefunden wurde. Vielleicht hatte er auch hier unbewusst - durch das flache Grab - dazu beigetragen. Denn er war letztlich sehr froh, dass der Freund aufgetaucht war und würdevoll begraben werden konnte.
Trotzdem blieb es bei der Abmachung mit dem Bürgermeister – zumindest so lange wie die Polizei ihn nicht in die Mangel nehmen würde. Von dem Politiker hatte er nichts zu befürchten, denn dem war sicher nicht an einer Aufdeckung der Geschehnisse gelegen.
9. Besuch beim Sohn des Dealers
Maximilian, der Hüter der Asche seines Vaters, bekam einen nicht angekündigten Besuch. Er war sehr nervös, obwohl der andere in Zivil kam. Aber der hatte sich gleich als der Polizist Alexander zu erkennen gegeben, der mit seinem Vater eine Schießerei gehabt hatte. Er wolle nur mit ihm reden! Maximilians Zögern hing vielleicht auch mit einem anderen Besuch zusammen, der in der Wohnküche gerade einen Kaffee aufgoss. Es war eine junge Frau, die auch etwas verlegen den Polizisten begrüßte. Als sie die Situation überriss, wollte sie sich verabschieden, aber Max hielt sie zurück - nicht aus Höflichkeit, wie sie gleich erkannte. Die beiden Männer setzten sich und Manja bot ihren Kaffee an. Dann bereitete sie eine weitere Kanne vor und werkelte vor sich hin, so dass sie anwesend, aber nicht am Gespräch teilnehmend war.
„Vielleicht ist es für dich seltsam, dass ich vorbeikomme“, begann der junge Polizeibeamte. „Ich heiße Alexander. Du hast hoffentlich nichts dagegen, dass ich Du zu dir sage…“ Max schüttelte mit dem Kopf. „Wir sind ja im selben Alter“, fuhr der Polizist fort.
„Ich bin der Max“, sagte Maximilian leise und streckte Alexander unbeholfen die Hand hin. Sehr zwiespältig waren seine Gefühle: Die kindliche Angst vor der Polizei hatte er sich bewahrt – im Gegensatz zu vielen anderen jungen Männern. Dann ein schlechtes Gewissen, stellvertretend für seinen kriminellen Vater. Schließlich die Wut auf den Mann, der seinen Vater erschoss. Aber auch die Trauer, die wieder hochkam und der Hass auf seinen Vater – unbewusst auch auf seine eigene Unzulänglichkeit, seine Abhängigkeit vom Vater.
„Ich weiß, das ist nicht einfach für dich. Und für mich auch nicht!“, übernahm Alexander wieder das Wort. Er hatte sich zusammen mit seinem Psychologen auf diese Konfrontation vorbereitet und die wohlgewählten Worte einstudiert. „Aber ich denke, dass es richtig ist, wenn wir einmal miteinander reden. Und für mich ist es nicht nur richtig, sondern auch wichtig!“
Max nickte. „Ist schon okay!“
„Wie geht es dir denn?“, fragte Alexander.
„Geht schon“, antwortete Max.
„Kommst also alleine zurecht?“
„Ich hab ja Unterstützung“, erwiderte Max und schaute lächelnd zu Manja.
„Mein Vater lässt dich grüßen!“, sagte Alexander und Max schaute erstaunt.
Alexander klärte ihn auf: „Der Polizist, der wegen der Asche mit dir zu tun hatte…“
Max nach einigem Zögern: „Ach so, das war dein Vater.“ Langsam wurde es ihm unheimlich. Er begann zu schwitzen.
„Ja“, grinste Alexander, „der Apfel fällt nicht weit vom Stamm!“ Er bereute diesen Spruch gleich, aber Max schien sich daran nicht zu stören. Er hatte ihn offenbar nicht auf sich bezogen.
„Und wie geht es dir?“, fragte nun Max, der auch einmal die Initiative ergreifen wollte.
„Wieder besser. Hab daran auch sehr geknabbert. Es tut mir Leid, dass das so geendet hat!“
„Kannst ja nichts dafür. Konntest ja nicht anders. Der hat es ja nicht anders gewollt!“
Alexander nickte. Es ging besser als gedacht. „Hast es nicht leicht gehabt mit deinem Vater!“
Max zuckte mit den Schultern. „Man kann sich seine Eltern nicht aussuchen.“
Alexander schaute zu Manja. „Schön, wenn man wieder jemand findet.“
Darauf wollte Max nichts erwidern. Aber Manja meinte schmunzelnd: „Eine Frau im Haus ist doch nie verkehrt!“
Da musste auch Max grinsen. „Sie schimpft mich immer wegen meiner Unordnung!“
Manja gefiel, dass sie ins Gespräch einbezogen wurde. „Schau her!“, wandte sie sich an den Polizisten. „Das hat er wieder angeschleppt.“ Dabei zeigte sie auf einen Kunststoffbehälter, etwas größer als ein Schuhkarton, der auf dem Boden lag. Er enthielt scheinbar nur Gerümpel: Eine schwarze Haarbürste, ein Kartenspiel, eine kleine Luftpumpe, ein blauer Stachelball, ein bunter Stein und eine glitzernde Brosche.
„Wo hast du denn das her?“, fragte Alexander.
Max lachte. „Aus einem Baumstamm!“ Und erklärte, als er Alexanders Stirnrunzeln sah: „Ich arbeite doch in einem Sägewerk. Und da war das in einem Baumstamm versteckt! In so einer Vogelhöhle.“
Alexander schüttelte den Kopf. „Sachen gibt`s!“
„Und schau, das alte Buch war auch dabei!“
Alexander begutachtete den alten Schinken: „Ist wohl aus einem Antiquariat“, kommentierte er. „Ein Kräuterbuch. Ist doch ganz interessant. Lauter schöne Zeichnungen von Pflanzen.“
„Aber schau doch, da ist doch überall reingekritzelt worden!“, bemängelte Manja. „Und so ein Zeug schleppt der Max an!“
Pulsuz fraqment bitdi.