Kitabı oxu: «Die alte Tür»

Şrift:

Helfried Stockhofe

Die alte Tür

Roman

Inhalt:

1. Der Tagesfänger

2. Die Frau im Park

3. Vertrauen und Liebe

4. Verbrechen und Spekulationen

5. Epilog

Kapitel 1, 2 und 4 erzählt der Psychotherapeut

Kapitel 3 und 5 erzählt die Frau aus dem Park

Handlung und Personen sind frei erfunden, Namensgleichheiten mit realen Personen

wären rein zufällig.

Ick sitze da und esse Klops.

Uff eenmal kloppt's.

Ick sitze, kieke, wundre mir,

uff eenmal is se uff de Tür.

Nanu denk ick, ick denk nanu!

Jetzt is se uff, erst war sie zu.

Und ick geh raus und kieke.

Und wer steht draußen?

Icke.

(unbekannter Dichter)

1. Der Tagesfänger

1. Die Intervisionsgruppe der Psychotherapeuten

Obwohl manchen die Leute schon gut bekannt sind, sollte ich doch die Truppe zuerst einmal vorstellen. Es waren drei Psychotherapeutinnen und ein Psychotherapeut, als ich vor einigen Monaten zu ihnen stieß, nun sind wir also fünf:

Die Mutter der Kompanie – ich weiß gar nicht, warum mir immer militärische Begriffe einfallen – ist Inge. Sie ist die Versorgerin, die Kümmerin, aber der Begriff „Gutmensch“ würde ihr nicht gerecht. Man muss Inge nämlich ernst nehmen und ihr Engagement für Leib und Seele der Gruppe als etwas Wichtiges würdigen! Und wenn manche über sie lächeln, dann nicht über ihre herzliche und harmonisierende Ausstrahlung, sondern über die gut gemeinten Gaben, die sie, manchmal prophylaktisch, manchmal spontan reagierend, den konfliktreichen Diskussionen ihrer lieben Kollegen entgegensetzt: Das sind zum einen ihre beruhigenden Wortbeiträge und zum anderen der beruhigende Tee, der, angereichert mit Halbedelsteinen oder irgendwelchen Mineralien, die in der Kanne herumschwimmen, zu rechten Zeit das erhitzte Gemüt abkühlen und Seele und Körper wärmen sollen.

Man merkt vielleicht, ich verstehe nichts davon, deshalb amüsiert es mich im Stillen.

Vielleicht sind es die Diskussionen, warum ich auf militärische Begriffe komme? Nein, dort beim Militär wird vermutlich nicht viel diskutiert.

Also die mütterliche Inge ist eine Psychologin, keine Ärztin. Ist das wichtig? „Psychotherapeuten“ können von ihrer universitären Ausbildung her beides sein. Und in der Tat haben wir auch einen Arzt an Bord, den Max. Aber zu dem komme ich später.

Früher war es wichtig, ob man ein ärztlicher oder psychologischer Psychotherapeut war. Die Psychologen litten unter der Tatsache, stets benachteiligt zu sein, obwohl sie sich als die besser ausgebildeten Psychotherapeuten sahen. Sie waren unterbezahlt, hatten die schlechteren Berufsvertretungen, wurden rechtlich klar benachteiligt und so weiter. Manchmal ist das heute noch so. Aber in unserer Truppe spielt das keine Rolle.

Inge ist also eine Psychologin, aber keine Tiefenpsychologin! Diese Unterscheidung ist wichtig in unserer Gruppe (Gruppe statt Truppe! Na also, es geht doch!)! Durch meinen Beitritt sind die Tiefenpsychologen in der Überzahl! Und das ist gut so! Denn die Verhaltenstherapeuten nehmen immer mehr zu. Ihre Zunahme wird subtil, aber auch offensichtlich gefördert durch verschiedenste Kräfte im Gesundheitssystem. Wie immer liegt das am Geld. Man geht nämlich davon aus, dass Verhaltenstherapie in kürzerer Zeit zu einer Heilung des Patienten beiträgt als die tiefenpsychologischen Verfahren. Das ist natürlich blanker Unsinn! Aber vereinfachtes und kurzfristiges Denken ist schon lange kein Privileg mehr der auf den nächsten Wahltermin fixierten Politiker...

In unserem Team – das klingt doch gleich noch besser! Hab ich etwa an der Teamfähigkeit unserer Truppe gezweifelt? - also, in unserem Team spielt nie die Dauer einer Therapie eine Rolle. Wir kontrastieren hingegen gern die unterschiedlichen therapeutischen Vorgehensweisen, wenn die Fraktion der Verhaltenstherapeuten und die der Tiefenpsychologen kontrovers diskutieren und Inge beginnt, ihren Tee nachzuschenken.

Der andere Verhaltenstherapeut ist Max. Und noch dazu ist er ein Arzt. Aber das macht ja nichts. Dass ich bei meiner Vorstellung des Teams mit den Verhaltenstherapeuten anfange, gereicht mir als Tiefenpsychologen zur Ehre. Wir Psychologen sind in der Regel von unserem eigenen Verfahren überzeugt... Und dabei heißt es, dass erfahrene Psychotherapeuten sich ohnehin kaum mehr in ihrem Vorgehen unterscheiden, egal, welche Ausbildung sie haben. Vielleicht sind wir noch nicht erfahren genug. Immerhin sind wir aber alt genug: Von Ende Dreißig bis Anfang Fünfzig muss man sich uns vorstellen. Genaueres wissen nicht einmal wir selbst voneinander.

Ich war bei Max... Der gibt sich oberflächlicher als er ist. Warum? Vielleicht hängt das mit seinem Männlichkeitsbild zusammen. Jawohl, männlich ist er. Auf jeden Fall männlicher als ich. Er hat es ja auch leichter, bei seinem Aussehen!

Ihm ist es ziemlich wurscht, ob einer ein Arzt oder Psychologe, Verhaltenstherapeut oder Tiefenpsychologe ist. Ach, hab ich erwähnt, dass auch ein Arzt ein „Tiefenpsychologe“ sein kann? Verdammt, diese unsäglichen Begrifflichkeiten! Jetzt dürfte ich wieder von vorne anfangen: Es gibt drei Möglichkeiten, als ärztlicher oder psychologischer Psychotherapeut ins „Kassenärztliche System“ zu kommen, also in einer eigenen Praxis Behandlungen durchführen und mit den Krankenkassen abrechnen zu können: mit einer verhaltenstherapeutischen, mit einer tiefenpsychologischen oder mit einer analytischen Zusatzausbildung (Letztere kann man von der Theorie her mit der tiefenpsychologischen gleichsetzen). Und da in allen drei Bereichen auch die Ärzte ausgebildet sein können, gibt es, vereinfacht ausgedrückt, unter den Ärzten auch Tiefenpsychologen. Um Himmels willen, hoffentlich fragt jetzt keiner nach den Psychiatern! Was die so treiben, mag ich jetzt nicht erzählen. Nur so viel: Psychiater sind Ärzte.

Ich war bei Max stehengeblieben, dem studierten Arzt und Verhaltenstherapeuten. Vom Medizinerberuf hat er keine Ahnung, er weiß offenbar nicht einmal über die Psychopharmaka mehr als wir anderen. Aber mit den verhaltenstherapeutischen Verfahren kennt er sich gut aus. Auch mit dem Computer. Das ist nicht wichtig im Psychotherapeutenberuf? Von wegen! In unseren Treffen, die sich nicht Truppen-, Gruppen- oder Team-Treffen nennen, sondern Intervisionen, spielt das Gerede um die Geheimnisse unserer Computerprogramme eine große Rolle! Und da brauchen wir unseren Max! Auch da ist er ein ganzer Mann, ein rollentypischer! Interessant ist unser Praxisprogramm vor allem als Abrechnungsprogramm. Und bei der Frage, welche Leistungen warum, wann, wie, wie oft, oder warum nicht abgerechnet werden können, ist er Spitze. Vermutlich verdient Max auch deswegen am meisten von uns. Jedenfalls glaubt das ein jeder. Ich denke ja, dass er auch deswegen am meisten verdient, weil er am skrupellosesten jede Verdienst-Möglichkeit ausnutzt. Dem Ehrlichen und Dummen bleibt das gute Gewissen. Aber nein, ein schlechtes Gewissen hat Max sicher auch nicht.

Max ist wirklich auch ein netter Kerl. Wie Inge. Aber nicht so fürsorglich. Dafür aber viel spaßiger.

An der Spitze der Fraktion der Tiefenpsychologen steht Ilona! Ich gestehe ihr ohne Neid diesen Platz zu, weil sie eine Psychoanalytikerin ist. Sie hat am meisten von uns in ihre Ausbildung investiert, nicht nur finanziell. Sie ist auch die Gescheiteste von uns, die Strengste, die mit der reinen Lehre! Max grinst...

Von der ernsten Ilona wissen wir am wenigsten, was das Private anbetrifft. Auch in der Intervision hält sie sich also an die Regel, alles Private fernzuhalten vom Beruflichen. Nun muss ich aber doch schnell einschieben, was eine Intervision ist! Viele kennen den Begriff der Supervision: Dort bespricht man Fälle bei einem Supervisor, der dafür eine extra Ausbildung haben sollte. Es ist also ein hierarchisches Verhältnis, eine Art Lehrer-Schüler-Verhältnis. Bei einer Intervision gibt es diese Hierarchie nicht: Hier werden Fälle mit Kolleginnen und Kollegen besprochen, als eine kollegiale gegenseitige Supervision, um diesen Begriff noch einmal zu gebrauchen.

Wir fünf sind also eine Intervisionsgruppe. Und wir haben tatsächlich ein großes Interesse an der Fallbesprechung. Ob das für alle Intervisionsgruppen gilt? Ich hoffe es. Manchmal hört man, dass es andere und offensichtlich wichtigere Interessen gibt, zum Beispiel die vorgeschriebenen Fortbildungspunkte zu sammeln, was auch im Rahmen von Intervisionen möglich ist.

Wo war ich? Bei Ilona. Unserer Besten. „Einspruch!“, rufen die anderen. Ilona ist doch eine Prinzipienreiterin, denkt sich Max. Meine Patienten sind bei mir besser aufgehoben, sagen sich die anderen. Ich halt mich da raus. Ilona arbeitet zum Teil mit „tiefenpsychologischer Psychotherapie“, aber überwiegend mit sogenannten „Psychoanalysen“, also einer Therapieform, bei der ein Patient zwei bis drei Mal in der Woche zu ihr kommt und sich auf die Couch legt. Wie die Amerikaner halt. Und von den vielen Spielarten der analytischen Behandlung steht Ilona der Freud´schen Psychoanalyse am nächsten. Sie ist also eine Konservative, eine Echte, eine Kernige. Diese Bezeichnungen würden ihr gefallen, der Ilona! Ja, eine Frau ist sie auch.

Die Bezeichnung „Frau“ würden allerdings alle am meisten der Kollegin Alina zuschreiben. Eine Frau! Keine Mutter! Die Mutter ist ja die Inge! Alina ist unser Küken. So würde jedenfalls Max seine von ihm angehimmelte Kollegin bezeichnen. Alina wird von allen geschätzt. Was man über mich leider nicht sagen kann. Aber das nur nebenbei.

Alina ist eine psychologische Psychotherapeutin, die mit tiefenpsychologisch fundierter Therapie ihre Patienten behandelt.

Eine Tiefenpsychologin oder Verhaltenstherapeutin sieht ihre Patienten ein Mal in der Woche, so sehen es die Regeln vor, manchmal auch nur ein Mal alle 14 Tage. Inge sieht das nicht so eng: Meist kommen ihre Patienten nur ein Mal im Monat! Alina jedoch regt sich darüber auf: Das sei keine reguläre Psychotherapie, sagt sie! Recht hat sie! Inge hat dafür aber gute Argumente - aber die lasse ich jetzt einmal unter den Tisch fallen.

Die Tiefenpsychologin Alina ist auch eine Strenge! Deshalb versteht sie sich mit der Analytikerin Ilona gut. Und, wenn mich nicht alles täuscht, schätzt sie auch einiges an mir. Wir drei halten halt zusammen! Manchmal glaube ich, dass die Solidarität unter den Geschlechtern in unserer Gruppe nicht so groß ist wie die innerhalb der Fraktionen. In unserer „Gruppe“? Vielleicht habe ich vorher das „G“ bei „Gruppe“ einfach nur mit einem „T“ verwechselt und bin deshalb auf „Truppe“ gekommen? Ilona rollt mit den Augen und schüttelt mit dem Kopf, Alina grinst.

Ein Strenger bin ich eigentlich nicht. Ein Genauer passt besser. Ein Pedant, denkt sich Inge. Ein Zwängler, sagt sich Max. Ein Zwangsneurotiker, drückt es Alina aus. Und Ilona sagt vorsichtshalber gar nichts. Sie glaubt zu wissen, dass bei mir die verdrängten Ängste das Entscheidende sind. Und übrigens: Für einen Narzissten halten mich sicher alle vier. Zwängler und Narzissten erkennt man offenbar schnell.

Aber zurück zur hübschen Alina. Sie hat interessante Fälle! Aber auch sie baut manchmal Mist. Nobody ist perfekt! Mit dem Einsatz ihres „Katathymen Bilderlebens“ ist sie manchmal zu forsch. Sie will die schnelle Aufdeckung des Unbewussten. „Oh weh!“, schreit da Max! Der hält nicht viel davon. Seine Methoden sind ihm lieber. Aber das sagte ich schon.

Von Alina wissen wir am meisten. Beruflich und privat. Sie ist sehr offen. Wir wissen zum Beispiel, dass sie manchmal privat mit Max durch die Gegend wandert. Mit mir wandert niemand. Also, niemand von den Kollegen. Es sei denn, die Wanderung wird in den Rahmen unseres traditionellen „Intervisions-Wochenendes“ eingebaut. Vielleicht sind es sogar zwei im Jahr. Ich war noch nie dabei. Bin sehr gespannt, weil ich so etwas von den anderen Intervisionsgruppen hier in der Gegend noch nicht gehört habe. Aber ich kenne da eh nicht viele. Scheinbar mögen sich die Kolleginnen hier in der Gruppe. Mal schauen, wie es Max geht, wenn jetzt plötzlich noch ein zweiter Mann dabei ist!

Die „Truppe“ ist mir vielleicht deswegen eingefallen, weil das auch eine verschworene Gemeinschaft sein soll. Oder ist es mein unbewusster Wunsch, dass ich hier weiterhin eine gute Aufnahme in eine starke Gemeinschaft haben möchte. Aber wozu denn? Es geht doch nur darum, dass wir gut miteinander arbeiten. Quatsch, Vertrauen gehört auf jeden Fall dazu! Sonst kann man sich ja nicht öffnen. Ich öffne mich sowieso nicht gern.

2. Der neue Patient Horst Baron

Jedes Mal, wenn ein Neuer kommt, bin ich sehr gespannt. Passt mein erster Eindruck am Telefon zu seiner Erscheinung, wenn er zum ersten Mal an der Tür steht? Wir sollten uns schnell sympathisch sein, das wäre schön!

Ich habe aber auch immer irgendwelche Beschwerden, bevor ein Neuer kommt. Meist sind es leichte Bauchschmerzen. Wie durch ein Wunder sind die dann verschwunden, sobald die Therapiestunde beginnt. Oder nehme ich sie dann einfach nicht mehr wahr?

Der Neue wirkt unsicher, lächelt aber freundlich bei der Begrüßung und auch sein Händedruck bewegt sich in einem annehmbaren Rahmen. Er hat noch keine Erfahrung mit ambulanter Psychotherapie, war aber schon in einer Klinik und kommt auf Empfehlung einer Patientin, die bei Max in Behandlung ist. Eigentlich hätte er zur Frau Winner gehen wollen, das ist die Kollegin Alina, aber sie hat ihn wegen ihrer langen Wartezeiten an mich verwiesen. Auf jeden Fall solle er tiefenpsychologisch fundierte Therapie machen, sagte seine Bekannte. Eigentlich ist die Bekannte seine Krankenschwester aus der Klinik, in der er nach einer Entführung untergebracht war. Die Krankenschwester habe sich intensiv um ihn gekümmert, weil er sein Gedächtnis verloren habe.

Der Neue heißt Baron Horst. Er wies mich schon in unserem Telefonat darauf hin, dass er kein Baron sei, sondern einfach nur Baron mit Nachnamen heiße. Warum stellt er dann seinen Nachnamen voran?

Ich nutze seinen Namen als Einstieg ins Gespräch, was ihm zusagt: Über Namen lässt sich leicht reden... Der Baron erzählt mir die unglaubliche Geschichte, dass er wegen seines Namens mit einem Baron verwechselt wurde und deswegen entführt worden sei. Und bei der ganzen Sache schlug er wohl mehrfach mit dem Kopf auf und bekam deswegen seinen Gedächtnisverlust. Aber zum Glück sei schon vieles wieder zurückgekehrt! Aber genau das mache ihm zu schaffen! Er sei nun ein ganz anderer geworden! Eigentlich schon zum zweiten Mal. Seine erste Verwandlung sei nach einem Wohnungsbrand gewesen. Er wisse nun gleich gar nicht mehr, was er eigentlich für ein Mensch sei. Sein Leben sei so widersprüchlich. Es wäre besser gewesen, er hätte sich nie mehr daran erinnert, wie er vor der Entführung gewesen sei!

So schnell kommt er also zur Sache! Aber natürlich ist das, was er erzählt, kein Grund, auf Kosten der Krankenkasse eine Psychotherapie zu machen.

Ich konfrontiere ihn: „Herr Baron, das ist sehr bedauerlich für sie, aber wenn Sie sich schon wieder an das meiste erinnern, dann kommt der Rest wahrscheinlich auch noch. Und dass Sie das durcheinanderbringt, ist keine Krankheit, die man psychotherapeutisch behandeln muss!“

Er stutzt und überlegt, schwankt vielleicht zwischen Erleichterung und Enttäuschung. Ich aber merke: Ich war zu forsch! Bei mir meldet sich der Bauch: Er gluckert und grummelt. Mir ist das peinlich.

Ich lege nach: „Sehen Sie das anders?“

„Nein, nein!“, erwiderte er schnell. Dann überlegt er wieder.

„Oder gibt es noch etwas anderes?“, frage ich ihn.

„Ich dachte...“, stottert er, „ich dachte, ich bin vielleicht schizophren? Oder ich hab so zwei, drei verschiedene Persönlichkeiten. Und außerdem...“ Schon wieder hält er inne und schaut in den Boden.

„Ja?“, sage ich.

„Seitdem stimmt etwas nicht mit mir!“

„Ja?“, wiederhole ich.

Offenbar schämt er sich. Oder das, was er sagen will, ist so wenig glaubhaft, dass er es sich nicht sagen traut. Er schweigt.

Ich mache ihm Mut: „Herr Baron, Sie brauchen sich hier für nichts genieren! In diesem Raum ist schon alles gesagt worden, was es in der menschlichen Seele gibt und vieles, was es nicht gibt!“

„Also..., ich kann es schwer beschreiben“, sagt er zögerlich, „aber mit meinem Geruch stimmt etwas nicht.“

„Wie mit Ihrem Geruch? Mir ist noch nichts aufgefallen.“

„Nein. Ich meine, ich rieche anders als vorher. Also, ich meine, ich rieche die Menschen anders. Viel stärker. Und vor allem, wenn sie reden.“

„Wenn sie reden?“ Jetzt macht er mich neugierig.

„Ist das nicht schizophren? Wenn man alles stärker riecht?“

„Wie kommen Sie denn da drauf?“

„Das hat mir die Malinda gesagt.“

„Die Malinda?“

„Ja, das ist meine Bekannte, die Krankenschwester. Die kennt sich aus. Aber nicht, dass Sie meinen, die hätte gesagt, ich sei schizophren. Sie hat nur gesagt, das mit den Sinnesverstärkungen käme manchmal bei Schizophrenie vor.“

Diese Malinda scheint eine gescheite Person zu sein.

„Ja, Sie haben schon Recht. Manche psychisch Kranke haben in bestimmten Situationen durchaus verstärkte Sinneswahrnehmungen. Das kann sehr belastend sein.“

„Naja, belastend ist es bei mir nicht so sehr. Aber eben ganz komisch.“

„Und das kam nach der Entführung?“

„Ja. Mir war ein Stein auf den Kopf gefallen. Und danach hab ich das bemerkt.“

Jetzt lasse ich mir die Geschichte genauer erzählen. Der Baron war also das erste Mal ohnmächtig, weil er gestolpert und auf einen Felsen aufgeschlagen war und das zweite Mal, als er versucht hatte, aus einer Hütte auszubrechen, in der er gefangen gehalten wurde. Da rollte ihm ein Stein vom Dach der Hütte auf den Schädel. Und seitdem hat er das mit dem Geruch.

Ich erinnere mich nun an seine Bemerkung, dass er vor der Entführungsgeschichte schon einmal ein anderer geworden sei und zwar nach einem Wohnungsbrand.

„Und was war das für ein Brand, nach dem sie schon einmal ein anderer geworden sind?“

„Ach ja. Da hat unser Haus gebrannt. Das war vor zwei Jahren.“ Er hält inne, bevor er anfügt: „Und da sind meine Eltern ums Leben gekommen.“

Ich zucke zusammen, aber er sagt das eher kühl, was mich wundert. Scheinbar ist seine Elternbeziehung auch nicht gerade die beste gewesen. Ich will ihn aber nicht schon wieder konfrontieren und versuche, empathisch zu bleiben.

„Oh, das war schlimm! Ja, das glaube ich, dass man da ein anderer Mensch wird!“

„Nein. Damit hängt das nicht zusammen!“, kommt wie aus der Pistole geschossen.

Und dann erzählt er mir, dass er nur überlebt habe, weil der Hund des Nachbarn so gebellt und ihn aufgeweckt hatte. Und dass er vorher alle Tiere gehasst und danach die Tiere geliebt habe.

Mir kommt diese Verwandlung doch etwas seltsam vor. Besonders die krasse Kehrtwendung. Aber vielleicht drückt er das nur so krass aus.

„Wie hat sich denn Ihr Tierhass gezeigt vorher?“, frage ich nach.

„Ich hab die gejagt.“

Nun, da bin ich verblüfft. „Das machen doch Jäger auch. Und die lieben doch die Tiere. Sagt man jedenfalls immer wieder.“

„Ich hab einen Luchs geschossen!“

Trotz meiner Überraschung reagiere ich schmunzelnd: „Das machen Jäger auch, höre ich.“

Er nickt und wird langsam ärgerlich, weil er glaubt, dass ich ihm etwas ausreden will. Bei mir beginnt indes der Kopf zu brummen.

„Ich hab seit meiner Kindheit immer Tiere umgebracht!“

Das klingt brutal. Aber überzeugt mich. Offenbar ist da viel Aggression im Spiel gewesen.

„Muss wohl eine schwere Kindheit gewesen sein!“, behaupte ich. „Als Kind liebt man doch normalerweise die Tiere.“

Er senkt seinen Kopf und schweigt.

Ich führe das Gespräch weiter: „Und nach dem Brand haben Sie die Tiere geliebt?“

Jetzt denkt er nach. Vielleicht ist ihm die Formulierung doch auch selber zu stark. „Also...“, sagt er, „... danach hab ich zumindest die Menschen gehasst, die den Tieren nachstellen.“

„Ach so. Vorher haben Sie selbst den Tieren nachgestellt und sich und die anderen Menschen nicht gehasst, sondern geliebt, und nachher haben Sie die gehasst, die die lieben Tiere umbringen.“

Ich bleibe absichtlich bei starken Formulierungen, aber alles wird ihm zu kompliziert. Vielleicht denkt er auch, ich sei sarkastisch. So hatte ich das aber nicht gemeint! Auf jeden Fall drücke ich mich wieder einmal zu umständlich aus! Mein Kopfbrummen wird zu einem Pfeifen in den Ohren.

Dann überrascht er mich erneut.

„Ich glaube, das ist nicht wirklich so gewesen. Ich war früher zwar stolz, wenn meine Jagd erfolgreich war. Aber eigentlich ist das mit dem Hass anders. Eigentlich gab es bei mir immer den Hass. Vorher und nachher. Eigentlich hab ich nie die Menschen geliebt. Und auch die Tiere nicht übermäßig.“

So kann einer im ersten Gespräch nur reden, wenn er mit Selbstreflexion Erfahrung hat. Vermutlich haben die in der Klinik gut mit ihm gearbeitet.

„Der Hass ist also wichtiger als die Liebe!“, antworte ich und interpretiere drauflos: „Der Hass hat sich nur verschoben. Anfangs von Menschen auf die Tiere - und später wieder zurück auf die Menschen!“

Das scheint er zu akzeptieren.

Und ich setze noch eins drauf: „So sehr verändert haben Sie sich damals also gar nicht!“

Das beruhigt ihn offenbar. Es könnte ihn auch kränken...

Und ich lege nach: „Vielleicht haben Sie sich nach Ihren Kopfverletzungen auch gar nicht so sehr verändert, wie Sie glauben!“

Das gefällt ihm offenbar weniger.

3. Die Supervisorin mit den kleinen Händen

Außer in der kollegialen Intervision bespreche ich meine Fälle auch noch in einer Einzel-Supervision. Meine Supervisorin ist eine Psychoanalytikerin. Ich besuche sie in der Regel ein Mal im Monat. Die Supervisorin ist etwa 20 Jahre älter als ich und sie flößte mir anfangs mit ihrer athletischen Figur und ihrem festen Händedruck Respekt ein. Ich musste mehrmals genau hinschauen, um zu bemerken, dass dieser Hüne tatsächlich eine Frau ist. Die Brust könnte auch ein Muskelpaket sein, dachte ich, und die Stimme einem Mann gehören, aber ihre kleinen Hände und Füße passten weder zur großen Gestalt, noch zu einem Mann! Ich kam zu dem Ergebnis, dass die Ärmste doch irgendwie etwas missgebildet sei. Mit ihrem Händedruck und ihrem festen Auftreten will sie wohl ihre einzigen Zierlichkeiten auch noch vergessen machen! Sie will wohl ein Mann sein!

Inzwischen bemerke ich die Widersprüchlichkeiten aber kaum mehr und mein Respekt gründet sich nun auf das enorme Wissen und das feine Gespür meiner Supervisorin. Wenn mir jetzt die kleinen Hände und Füße auffallen, tendiere ich dazu, an meiner Wahrnehmung zu zweifeln. Mit der stimmt vermutlich etwas nicht.

Wir haben uns schätzen gelernt. Zur Einzelsupervision komme ich immer sehr gut vorbereitet. Allerdings glaube ich öfters ein Lächeln zu erkennen, wenn ich wieder einmal einen Fall auspacke – und das Auspacken meine ich wörtlich, denn ohne meine schriftlichen Unterlagen fühle ich mich nackt. Aber ich bilde mir eben ein, dass sie mich trotzdem mag.

Heute erzähle ich ihr von meinem Neuen, dem Patienten Horst Baron, und gerate in Schwierigkeiten, weil ich normalerweise die Namen meiner Patienten nicht nenne, aber hier einfach nicht umhin kann, diesen Pseudotitel ins Gespräch zu bringen. Doch sie sagt mir, dass sie von dieser Entführung ohnehin gehört habe und auch die Presse nicht die Namensnennung vermeiden konnte, weil sonst die ganze Sache wohl nicht verständlich gewesen wäre. Puh, ich bin entlastet! Es ist aber nicht so, dass ich zu wenig Vertrauen in meine Supervisorin hätte. Die würde nie und nimmer irgendwelche Namen weitergeben. Aber ich will ihr gegenüber korrekt sein, mir nicht die Blöße geben, dass ich die Schweigepflicht verletze. Sie gehört ja auch zu den strengen Analytikerinnen, wie meine Intervisionskollegin Ilona, und ich bin mir nicht sicher, ob sie, wenn ich Namen nenne, nicht innerlich die Nase rümpfen würde – geht denn das innerlich? Unwillkürlich muss ich an den mit der Nase wedelnden Unionspolitiker Kauder denken, aber das nur nebenbei. Und ein Naserümpfen meiner Supervisorin wäre mir ganz und gar nicht wurscht. Da würde mein Intervisionskollege Max nun wieder grinsen und mir sagen, ihm gehe so etwas am Arsch vorbei.

Also, ich erzähle ihr vom Baron und betone dabei besonders seine Identitätsprobleme. Aber sie bleibt an der Geschichte mit dem Geruch hängen! Ich solle da doch einmal in die Überlegungen mit einbeziehen, dass es sich hier bei der gleichzeitigen Aktivierung von zwei Sinnen um eine Synästhesie handeln könne und die sei anerkanntermaßen keine Krankheit. Normalerweise sei die angeboren, trete aber meist bei Frauen auf. Und normalerweise beträfe das die Verbindung zwischen Tönen und Farben, wie bei der bekannten Pianistin Grimaud, aber auch die Kopplung anderer Sinne sei doch möglich. Und im Übrigen habe sie schon davon gehört, dass durch Unfälle, die das Gehirn betreffen, solche Erscheinungen ausgelöst werden könnten.

Ich vermute, dass sich meine Supervisorin kürzlich mit diesem Phänomen beschäftigt hat – oder sie ist ein Klassik-Fan und hat sich mit der Pianistin Grimaud befasst.

Ja, dann ist doch dieser Mann noch weniger ein Fall für die Psychotherapie, behaupte ich. Innerlich hatte ich mich aber schon längst entschieden habe, diesen interessanten Patienten in Behandlung zu nehmen - eine geeignete Diagnose für die Krankenkasse würde mir schon einfallen. Ich will aber noch den Segen meiner Supervisorin.

Nun ja, meint sie, der Verlust der Eltern, das Trauma der Entführung und die Geschichte mit dem Luchs, die ja sicher rechtliche Folgen gehabt habe, seien wohl genug aktuelle Anlässe, die den Patienten labilisiert und seine Aggressions-, Selbstwert- und Selbstbild-Problematik an die Oberfläche gespült hätten. Ganz zu schweigen von den amnestischen Störungen.

Dann konfrontiert sie mich: „Warum wollen Sie ihm das Kranksein ausreden?“

Das sind die Momente, in denen ich mir in den Arsch beißen könnte. Ich habe mich verrannt, habe provokativ eine Meinung vertreten, die ich eigentlich gar nicht habe. Natürlich sehe ich die Störungen auch alle – und jetzt soll ich mich rechtfertigen für etwas, was ich gar nicht meine. Wie kriege ich wieder die Kurve? Ich kriege sie nicht.

„Ja, aber welche Erkrankungen sollen das denn sein? Wir müssen doch handfeste Diagnosen angeben, wenn wir Psychotherapie beantragen!“

„Aber Herr Weber...“ - Oh je, jetzt wird es ernst! Sie redet mich mit meinem Namen an! - Sagte ich schon, dass ich Jonas Weber heiße? - „... Sie können da doch im ICD nachschauen und sich einige Diagnosen heraussuchen, die auf den Patienten zutreffen!“

Diese von der Weltgesundheitsorganisation WHO herausgegebenen Klassifikationskriterien bilden die Grundlage unserer offiziellen Diagnosen im Gesundheitssystem. Und natürlich kann ich dort nachschauen! Warum muss sie mir das so scharf sagen? Ich sollte das Thema wechseln:

„Was sagen Sie denn zu der Identitätsproblematik?“

Sie lässt sich zum Glück darauf ein. Vermutlich war es auch ihr peinlich, mich so in die Ecke zu drängen.

„Ich hab vorhin schon gedacht, dass der Patient offenbar eine Orientierung braucht. Sein Wertesystem im Überich ist so ungefestigt. Zuerst war es wohl eine Orientierung an den Werten seines Vaters und dann, nach dessen Tod, an dazu konträren Werten, hinter denen aber keine engen Beziehungen zu diesen anderen Wertträgern stehen, also zum Beispiel zu anderen Naturschützern. Die neuen Werte bleiben also ohne feste Grundlage.“

„Aber diese plötzliche Veränderung...“

„Ja, das Plötzliche ist erstaunlich. Vielleicht hängt das mit einem Schuldgefühl zusammen?“

„Mit einem Schuldgefühl?“

„Nun, er hat überlebt, aber seine Eltern sind beim Brand gestorben. Oder noch krasser: Er hätte seine Eltern womöglich retten können. Oder noch eine Stufe extremer: Er war sogar schuld am Brand!“

„Wenn man es noch weiter zuspitzen will, heißt das: Er hat seine Eltern willentlich oder zumindest unbewusst gewollt umgebracht!“, ergänze ich. Ich hatte eh schon solche Fantasien.

„Aber wieso sollte das dazu führen, dass er plötzlich zum Tierschützer wird?“, frage ich zweifelnd nach.

„Ich hab das so verstanden, dass ihm der Schutz der Tiere nicht so wichtig ist, wie sein Hass auf die Tierfrevler.“

Ich nicke zustimmend.

„Vielleicht verschiebt er seine Mordabsichten auf die Tierfrevler und bekämpft sie auf diese Weise. Also eigentlich macht er eine Art Reaktionsbildung, also, das, was er fühlt, will er nicht bei sich wahrhaben, verschiebt es auf andere und bekämpft es dort.“

Die Psychoanalytiker können sich doch alles so zurecht-biegen, wie sie es brauchen, denke ich mir.

„Dann wäre es kein Wunder, wenn ihn das alles durcheinanderbringt“, sage ich zustimmend. „Aber da würde die Therapie sehr schmerzhaft für ihn werden, wenn sie all diese Dinge aufdeckt.“

„Haben Sie denn gehört, dass eine Therapie ein Labsal sein soll?“

Ich schmunzele und denke an Max und Inge, die beide so oft betonen, wie leicht und locker ihre Therapien funktionieren, nur die Patienten stärkend und nie schmerzend. Gleichzeitig verachte und beneide ich diese therapeutischen Vorgehensweisen. Die machen es sich leicht! Was Max übrigens nie leugnet. Er sei doch nur der stärkende Begleiter seiner Patienten. Und warum soll er denen und vor allem sich selbst das Herz noch schwerer machen?

„Also, wenn´s blöd kommt, dann kriegt er statt einer Erleichterung durch unsere Gespräche, einen zusätzlichen Leidensdruck, weil er merkt, dass er immer derselbe Arsch geblieben ist!“

„Also, Herr Weber, Sie drücken sich wieder aus!“, erwidert meine Supervisorin lächelnd und droht mir spaßeshalber mit dem Zeigefinger ihren winzigen Hand. Inzwischen kennt sie mich und weiß, dass ich manchmal zu drastischen Worten greife. „Aber, Sie haben Recht. Manchmal muss man Gebäude einreißen, um sie auf festen Fundamenten wieder aufzubauen.“

„Vielleicht kann ich das Ganze etwas auffangen, wenn ich ihm verdeutliche, dass die Wahrnehmung spezifischer Gerüche bei bestimmten Aussagen anderer Menschen, also diese Synästhesie, eine ungewöhnliche Gabe ist.“

Sie nickt und ergänzt: „Aber wirklich nützlich oder besonders schön ist die nun auch wieder nicht. Wobei ich es eigentlich immer schon bemerkenswert fand, dass solche Synästhesien zwischen Tönen und Farben nicht störend für die Leute sind. Stellen Sie sich mal die Pianistin Grimaud vor, wie sie ein Klavierkonzert spielt und dabei lauter Farben sieht.“

Ich lache und bekomme einen kleinen Hustenanfall, weil ich mich verschluckt habe. „Also, ich will ja nicht wissen, welche Gerüche mein Patient bei mir wahrnimmt, wenn ich mit ihm rede!“

„Sehen Sie, deswegen bin ich Analytikerin geworden! Ich muss nicht so viel reden. Ich höre immer nur zu und dann stinke ich wenigstens nicht!“ Und dabei bricht sie in eine ungewohnte Heiterkeit aus, wirft ihren Oberkörper zurück und schleudert ihre zierlichen Füße in die Höhe. Auch strenge Psychoanalytikerinnen können einen manchmal überraschen!

4. Meine schnäuzende Psychotherapeutin

Selbstverständlich bin ich auch selber ein Patient! Meine Psychotherapeutin ist eine Psychoanalytikerin, was sonst. Ich liege auf der Couch und sie sitzt hinter mir. Ich kann also ihre Füße nicht sehen. Und auch nicht ihre Gesten und Mimik... Aber ich höre sie – ohne besondere Gerüche wahrzunehmen. Was ich oft höre, ist ihr Schnäuzen. Keine Ahnung, ob sie eine Dauererkältung hat, weil ihre Nasenscheidewände zu eng stehen oder ob sie allergisch gegen etwas ist. Vielleicht sogar gegen mich? Ich habe mich bisher nie fragen getraut, ob sie sich bei anderen auch ständig schnäuzen muss.

Ich erzähle ihr von meinem Gespräch bei der Supervisorin und stelle mir vor, wie meine Therapeutin grinst. Natürlich sage ich ihr über den Fall nicht einfach dasselbe, was ich bei der Supervisorin gesagt habe, sondern nehme nur Bezug zu meinen Empfindungen, die ich dort in der Supervision, aber auch im Gespräch mit dem Patienten Baron hatte. Ich weiß schließlich, was sich gehört: Supervision dort und Therapie hier.

Als ich über meine körperliche Symptomatik berichte, die im Gespräch mit dem Baron aufgetreten waren, hakt sie ein. Vorher hat sie ja in gewohnter Manier geschwiegen, mal „Mhm“ oder „Ja“ gesagt, aber sonst nur mitgeschrieben.

„Das ist ja gar nicht so anders als bei Ihrem Patienten!“, meint sie. „Sie verknüpfen bestimmte Aussagen des Gegenübers zwar nicht mit Gerüchen, aber mit Ihren Körpersymptomen! Vielleicht mit ganz bestimmten.“

Ich weiß natürlich, dass man mein körperliches Reagieren auch als eine Begabung sehen und in der Therapie verwenden kann, aber: „Bestimmte Aussagen mit bestimmten Symptomen? Das würde ich nicht sagen. Ich reagiere halt gern körperlich.“

„Ich will auf etwas anderer raus!“, erwidert sie. „Seine Problematik erinnert Sie an sich selbst und deswegen wollen Sie vielleicht Ihren Patienten nicht als therapiebedürftig ansehen.“

„Also“, antworte ich leicht empört, „ich liege ja schließlich auch schon lange bei Ihnen, weil ich durchaus meine eigene Therapiebedürftigkeit akzeptiere!“

Das stellt sie erst einmal ruhig. Es folgt eine längere Schweigepause.

Die Analytiker machen es sich leicht. Sie warten ab. Da machen sie wenigstens nichts falsch. Ich bin noch nicht so weit, dass ich die Gedanken, die ich mir zu ihrer Arbeit mache, einfach reinplappere. Oder zu unserer Beziehung. Manchmal vermisse ich das Mütterliche, die Kollegin Inge... Meine Psychotherapeutin wirkt nicht besonders mütterlich. Das mag auch damit zusammenhängen, dass sie kaum älter ist als ich. Aber es ist wohl doch eher ihre therapeutische Vorgehensweise. Abstinenz in Perfektion! Lieber frustrieren statt positiv dem anderen nahe kommen. Natürlich erinnert mich das an meine reale Mutter und meine Großmutter. Wobei das mit dem Erinnern so eine Sache ist. Meiner Therapeutin und mir ist schon lange aufgefallen, dass ich mich kaum an etwas erinnere aus meiner Kindheit. Das hängt wohl mit der Beziehungslosigkeit zusammen, die zwischen meinen Erziehungspersonen und mir immer geherrscht hat, diese Neutralität, dieses Übersehenwerden, also diese fehlenden Emotionen, die eine Verankerung des frühkindlich Geschehenen in meinem Gedächtnis so schwierig machten.

Oder ich will es nicht mehr wissen! Vielleicht sind ganz schreckliche Dinge geschehen, an die ich mich lieber nicht mehr erinnern will!

Ich führe das Gespräch weiter: „Ich hab schon immer körperlich gesprochen, das kann ich gut.“ Unsinnig, auf eine Reaktion zu warten, also weiter: „Vermutlich hat man in meiner Kindheit wenig mit mir geredet.“

Jetzt scheint sie gnädigerweise mich nicht stärker frustrieren zu wollen. Sie hat erkannt, dass unser Gespräch zu sehr die kindliche Frustration wiederholt. Sie gönnt mir ein Wort! Eigentlich erstaunlich, denn sie könnte ja auch meine Aggression gegen sie, also im übertragenen Sinn gegen die Sprachlosigkeit meiner frühen Bezugspersonen, herauslocken wollen.

„Und da haben Körperreaktionen die Gespräche ersetzt!“, deutet sie.

„Ich würde es eher so ausdrücken“, erwidere ich, „dass Körpersymptome notwendig waren, um überhaupt Reaktionen des anderen hervorzurufen!“

„Sie wollen also Reaktionen bei Ihren Patienten hervorrufen?“

„N-e-i-n“. Nachdenklich zieh ich meine Antwort in die Länge, aber die Therapeutin hilft mir gleich auf die Sprünge:

„Ich denke, dass das ein Identifikationsmechanismus sein könnte, über den Sie Beziehung herstellen. Sie übernehmen etwas an Gefühlen, psychisch oder körperlich, was zum Patienten – oder ihren Großeltern - gehört, dem Patienten aber noch gar nicht bewusst ist. Dadurch fühlen Sie sich ihm nahe.“

Das gefällt mir besser. Und ich lasse es so stehen. Es gäbe noch so viele andere Interpretationen! Eigentlich war der erste Gedanke auch nicht falsch. Denn natürlich reagiert mein Körper etwa mit Schmerzen, wenn ich etwas gesagt habe, das den Patienten verletzt hat. Und dann könnte man doch vermuten, ich bestrafe mich selber und will mich schützen vor dem Gegenangriff. Ob meine Eltern darauf Rücksicht genommen haben?

Ach ja, meine Psychotherapeutin sprach nicht von meinen Eltern, sondern von meinen Großeltern. Aber das erkläre ich erst später.

Sie schnäuzt sich. Vielleicht ist das ein Mechanismus, mit dem sie auf Abstand zu ihren Patienten geht? Kommt mir nicht zu nahe, denn ich stecke euch an, mache euch krank! Vielleicht hatte sie übergriffige Eltern, die ihr immer zu nahe kamen! Es wäre doch interessant, ob sie nur bei mir schnäuzt! Ich komme ihr aber doch nicht zu nahe, oder? Ich kann sie ja nicht einmal richtig anschauen. Nur kurz bei der Begrüßung und der Verabschiedung. Ihre Hände und Füße sind normal groß. Darauf habe ich geachtet. Alles scheint normal zu sein, das Gewicht, die Körpergröße, das gesamte Äußere. Aber das mit dem Schnäuzen...

Ob sie einen Mann hat? Oder gar eine Reihe Kinder? Nie erzählt sie etwas darüber. Sie ist wirklich absolut „abstinent“ und lässt alles Private draußen. Sie lässt Raum für meine Fantasien. Irgendwann werde ich das alles einbringen... Bestimmt!

Mit der Therapie begonnen habe ich, als ich meine Zwänge bemerkte, beziehungsweise einige meiner Verhaltensweisen als „Zwänge“ erkennen musste. Das hat mein tolles Bild, das ich von mir hatte, arg angekratzt und ich war gekränkt. Es war damals, als ich mich durch meine Fotografiererei eingeschränkt gefühlt hatte. Wie das geht? Ich fange vielleicht so an:

Bei mir daheim stehen im Bücherregal kleine Fotoalben. Sie sind für Bilder im Format 10x15 gedacht. In jedes Album passen 100 Fotos. Wenn man diese Fotos anschaut, dann fällt sofort auf, dass auf jedem Bild das Aufnahmedatum zu lesen ist. Das kann man beim Fotografieren an der Kamera so einstellen. Und dann erscheint das Datum eben auf dem fertigen Bild. Die Fotos sind genau chronologisch angeordnet, für jeden Tag gibt es genau ein Foto! Drei Alben sind also 300 Tage. Die restlichen 65 Tage des Jahres kommen in das nächste Album. Da bleiben 35 freie Plätze, die ich auffülle mit Fotografien von den Urlauben des Jahres. Vier Alben sind also ein Jahr. Die sind immer in derselben Farbe. Die wiederholt sich allerdings nach drei Jahren, denn es gibt diese Alben nur in drei Farben. Insgesamt stehen nebeneinander 40 kleine Alben. Das ergibt eine lange Reihe auf meinem Bücherregal. Ein schönes Gesamtbild!

Es hat lange Zeit gedauert, bis ich kapiert hatte, dass das ein Zwang ist, jeden Tag genau ein Foto! Natürlich kam mir dabei ein Patient zur Hilfe, der etwas Ähnliches hatte. Als ich den Zwang bemerkt hatte, versuchte ich, ihn sein zu lassen. Und da ging es richtig los! Ich bekam Angstzustände, wenn ich einmal an einem Tag kein Foto schießen wollte. Kurz vor Mitternacht stand ich noch einmal auf und drückte auf den Auslöser! Das Motiv war mir da natürlich nicht mehr wichtig, Hauptsache, das Datum stand drauf.

Was davor war und danach?

Davor habe ich viele Jahre ein Tagebuch geschrieben. Zum Schluss standen da nur noch Belanglosigkeiten drin, wie etwa, was ich gegessen hatte. Als Kind soll ich so etwas wie Wetteraufzeichnungen betrieben haben. Wichtig war immer, dass jeder Tag in irgendeiner Form festgehalten wurde. Das habe ich kapiert. Und danach? Nach der Foto-Phase?

Meine Therapeutin meinte, und ich gab ihr Recht, dass ich mich selbst bescheiße. Also dieses Wort hat sie nicht verwendet, aber gemeint hat sie es sicher so. Ich hab es mir nämlich bequemer gemacht – für mich und mein Selbstbild. Auf meinem Balkon, mit Blick auf einen Park, habe ich, gut vor Unwettern geschützt, eine Webcam installiert. Die macht nun täglich ein Foto. Jetzt kann ich mir sagen, dass es doch sehr interessant ist, das Wetter und die Natur im Park im Verlauf eines Jahres und im Vergleich mit den Vorjahren zu dokumentieren! Natürlich muss ich täglich kontrollieren, ob die Kamera in Ordnung ist und ihre Fotos macht, aber das geht einfach dadurch, dass ich auf meine Homepage gehe und nachschaue. Ein weiterer großer Vorteil im Vergleich zu den Jahren vorher liegt auf der Hand: Weil meine Homepage und die Webcamfotos öffentlich zugänglich sind, bekomme ich von einigen Seiten Lob für die guten und höchstinteressanten Aufnahmen! Bisher hat sich noch kein Spaziergänger beschwert, dass er zufällig fotografiert wurde und die Aufnahme überall auf der Welt eingesehen werden konnte.

5. Die Wohn- und Lebenssituation

Ich lebe gern in dieser Stadt und schätze die kurzen Wege: Meine Praxis liegt nur wenige Schritte von meiner Wohnung entfernt und die Praxen meiner Therapeutin und meiner Supervisorin finde ich gleich um die Ecke. Und selbst die Praxis meiner Intervisionskollegin Inge, bei der wir uns immer treffen, ist relativ schnell zu erreichen. Da tun mir meine Patienten leid! Viele fahren zur Behandlung vom „Wald“ hierher in die Stadt, manche über eine Stunde lang. Bei meinem Patienten Horst ist das anders: Nach seinen Abenteuern im letzten Jahr ist er umgezogen in die Anonymität der Stadt. Auch beruflich hat er sich neu orientiert. Angeblich kann er davon leben, dass er übers Internet irgendwelche Arbeitsaufträge annimmt, meist Tippereien, die schlecht bezahlt werden. Er nennt das crowdworking und als Beruf gibt er clickworker an. Das klingt doch nach etwas! Er hat aber auch noch andere Teilzeitjobs, alle ohne großartigen Kontakt zu anderen Menschen. Er ist halt ein Einzelgänger.

Das bin ich eigentlich auch und der Kontakt zu meinen Patienten reicht mir für den zwischenmenschlichen Austausch völlig. Sofern man überhaupt von einem Austausch reden kann.

Meine Praxis ist über einen Fahrstuhl leicht zu erreichen, aber ich nehme für die vier Stockwerke die Treppe. Mein Opa hatte mir oft vom Bundeskanzler Adenauer erzählt, der bis ins hohe Alter viele Stufen vom Rhein hinaufstieg. Das soll ihn angeblich gesund erhalten haben. Aber bei mir ist es nur eine Ausrede, denn ich vermeide jeden geschlossenen Raum ohne Fenster, also ein solcher Lift wäre die Hölle für mich! Und wie ich es so bei meinen Patienten beobachte, geht es vielen nicht anders...

Meine Praxis hat deshalb auch ein besonders großes Fenster, das einen Blick in einen großen Innenhof freigibt. Und wenn ich in den auf der anderen Seite liegenden Park schauen will, dann muss ich eben meinen Laptop zu Hilfe nehmen und auf meine Homepage gehen... Der Innenhof ist keine Wucht. Aber immerhin stehen einige Laubbäume drin, die im Herbst sich wunderbar verfärben und im Frühjahr viele Singvögel anlocken, die im Kessel der Häuserfronten lautstark konzertieren. Menschen sieht man dort selten, vielleicht ein paar Kinder, die auf den spärlichen Rasenflächen und alten Waschbetonplatten Fußball spielen. Ab und an hängt jemand Wäsche zum Trocknen auf die Leinen, die zwischen einbetonierten Metallpfosten aufgespannt sind. Meist hängt die Wäsche aber auf den Balkonen, von denen es im Quadrat der Hochhäuser etliche gibt. Außer bei mir. Ich hab aber das größte Fenster!

Meine Praxis ist insgesamt größer als meine bescheidene Mietwohnung. Dafür liegt die Wohnung nur im zweiten Stock und hat einen schönen Balkon, aber das sagte ich schon. Ich vermute, dass fast alle meine Patienten eine größere Wohnung haben, besonders die, die vom Land zu mir fahren. Sie haben aber auch fast alle eine Familie. Ich hingegen bin schon immer Single und ich bin das gerne! Aber seit ich selbst in Therapie bin, fallen viele meiner schön zurechtgelegten Lebenswerte in sich zusammen: Meine Foto-Sammelei ist eine Zwangsstörung, mein tägliches Treppentraining eine Klaustrophobie und mein Single-Dasein ein Unvermögen, mit einer Partnerin zusammenzuleben. Und daneben gibt es noch viele weitere Störungen, die ich jetzt nicht auch noch aufzählen möchte. Leute, geht nicht in Therapie, wenn ihr eure Lebenslügen behalten wollt!

Meine Kollegen kennen meine Privatwohnung nicht. Ich lade nicht gerne Leute ein. Sicher würden sie sich wundern über die 245 cm lange Reihe von kleinen Fotoalben in Blau, Rot und Gelb. Dann müsste ich das denen erklären. Und was weiß ich, was noch alles seltsam ist in meiner Wohnung. Wahrscheinlich werde ich nach einem weiteren Jahr Therapie noch mehr Neurotisches erkennen.

Ich war aber auch noch nie in den Privatwohnungen der Kollegen. Vermutlich steht da auch vieles herum... Nur Inges Praxis kenne ich inzwischen gut. Und das allein lässt schon auf vieles schließen. An den Wänden dort hängen Mitbringsel aus Afrikaurlauben – oder wurden die Masken und Teppiche auf Weihnachtsmärkten und in Dritte-Welt-Läden gekauft? Ach nein, das nennt man ja jetzt „Eine-Welt-Läden“. Immer schön politisch korrekt bleiben!

Auf kleinen Tischen stehen bei Inge Springbrunnen, in denen das Wasser über Halbedelsteine plätschert. Hoffentlich sind das nicht dieselben, die später in den Tees landen, die sie uns so gerne anbietet.

Und natürlich gibt es etliche Blumenstöcke mit seltsamen Namen, nach denen sich die anderen Kolleginnen sicher schon einmal erkundigt haben. Aber ich sagte ja schon, dass ich relativ neu bin in diesem Intervisions-Kreis und ich halte mich mit solchen Fragen zurück.

Von der Decke hängen übrigens Mobile herab, auch solche, die Töne von sich geben, wenn ein Lufthauch durch den Raum streicht.

In meinen Praxisräumen geht es nüchterner zu. Inge würde sie als eine typische Junggesellen-Praxis oder eine Männer-Praxis bezeichnen. Kein Schnickschnack. Dafür aber mit einem Sofa im Behandlungsraum, weil ich manchmal auch die Patienten hinlegen lasse, etwa bei Visualisierungs- oder Entspannungsübungen.

Auch in meiner Wohnung hängt wenig herum. Außer in der kleinen Küche, in der ich mich oft aufhalte, weil ich gerne etwas koche, aber auch, weil von dort aus der Balkon betreten werden kann. In der Küche baumeln viele Kochutensilien von der Decke! Es schaut aus, wie in einer Profi-Küche eines kleinen Lokals. Eigentlich bin ich stolz darauf und würde das gerne meinen Gästen zeigen. Aber ich habe ja kaum einmal Gäste.

Die Kamera auf dem Balkon ist geschickt unter der Decke angebracht. Also die Decke, das ist der Boden des darüber liegenden Balkons. Und mit geschickt meine ich, dass kein Regen die Elektronik gefährdet und dass die Kamera von draußen, also von unten, auch nur schwer erkennbar ist. Manchmal wundere ich mich, dass noch keine Beschwerden gekommen sind, dass da einer den Park beobachtet, denn meine Homepage könnten doch einige schon entdeckt haben. Ich habe keine Ahnung, ob das Filmen eines öffentlich zugänglichen Parks verboten ist, also genauer, das Filmen der dort umhergehenden Leute. Aber was soll man da schon Problematisches filmen können? Vielleicht einige Wildpinkler. Ich erinnere mich an Webcams in Touristengebieten, die auch keiner sieht, aber deren Videos in alle Welt übertragen werden, zum Beispiel auch im Fernsehen an den Wochenenden, damit die Tagestouristen einen Anhaltspunkt über die jeweilige Wetterlage bekommen, bevor sie sich auf den Weg machen.

Manchmal interessieren mich die Menschen schon, die in dem Park spazieren gehen. Und auch in der Praxis öffne ich gelegentlich das große Fenster zum Innenhof, wenn ich eine hübsche Frau auf einem der Balkone sehe. Anfangs nickte ich ihnen zu, inzwischen winke ich schon mal. Man kennt mich inzwischen, aber ich bin mir überhaupt nicht sicher, ob die Leute dort wissen, dass das Praxisschild unten am Hauseingang irgendetwas zu tun hat mit dem Mann, der da aus dem großen Fenster schaut.

Das ist mir auch recht so. Und bei meinen Patienten passe ich auch gut auf, dass deren Anonymität gewahrt bleibt. Die können es selbst entscheiden, ob sie sich am Fenster des Warteraums zeigen wollen. Nur untereinander, also gegenüber dem vorausgehenden oder nachfolgenden Patienten, kann ich ein Aufeinandertreffen nicht vermeiden. Wegen des großen Einzugsgebiets meiner Praxis kommt es aber ganz selten zu einem „Hallo, wir kennen uns doch!“

Die Leute auf der Straße oder in den Geschäften haben keine Ahnung davon, dass ich der Psychologe bin, auch wenn sie mein Praxisschild schon öfters gelesen haben. Es ist schon passiert, dass sie mich erstaunt angeschaut haben, wenn sie einmal auf der Suche nach einem Physio-Therapeuten in meine Praxis kamen und mich erkannten. Das waren dann also Leute, die nicht genau gelesen und Psychotherapie mit Physiotherapie verwechselt hatten. Oder vielleicht den Unterschied nicht wussten. Die richtigen Psychotherapiepatienten kommen nur nach telefonischer Terminvereinbarung und wissen dann natürlich so ungefähr, was auf sie zukommt.

Es gibt Patienten, die drunten im Park oder im Auto warten, bis ihre Sitzung beginnt. Sie wollen nicht im Wartezimmer mit anderen zusammentreffen. Vermutlich wissen sie nach einiger Zeit, welcher Patient vor ihnen dran war, weil immer derselbe kurz davor aus der Eingangstür herauskommt. Meistens ist es so, dass die davor aus meiner Praxis Herausgehenden auch bald den danach kennen, weil sie sehen, wer draußen im Park oder Auto wartet. Na ja, jeder, wie er es will...

Vielleicht ziehen die Patienten einfach den Park meinem Warteraum vor. Das könnte ich gut verstehen. Im Park gibt es gepflegte Blumenrabatten und wunderschöne alte und exotische Bäume. Ein Baum gefällt mir besonders: Er besteht aus mehreren Stämmen. Zwei davon haben sich in mehreren Schwüngen auf die Erde gelegt, wie ein chinesischer Drache. Auch aus diesen Stämmen wachsen dicke Äste in die Höhe. Und wer weiß, vielleicht haben die Stämme schon Wurzeln geschlagen, dort, wo sie aufliegen. Die Blätter sind sehr groß und unterschiedlich geformt und im Frühsommer bezaubern weiße Blüten die Parkbesucher.

6. Intervision: Wurzeln schlagen und verlieren

Wenn man als lebendiges Wesen längere Zeit irgendwo liegt oder nicht von der Stelle kommt, schlägt man Wurzeln. Als ich in unsere Intervisionssitzung komme, sind mir meine Mitstreiter schon recht vertraut und ich will gar nicht leugnen, dass ich mich sogar ein wenig auf sie gefreut habe. Von einem Händedruck bis zur herzlichen Umarmung gibt es alles zur Begrüßung. Der Tee dampft schon vor sich hin und Butterbrezeln – oder Brezn, wie man hier sagt - liegen auf Blümchentellern. Max und Alina tauschen sich privat noch über etwas aus – offenbar haben sie zwischendurch Kontakt gehabt. Dann beginnen schon die ersten Klagen über die neuesten Bürokratiemonster. Und gleich geht es wieder ums Geld. Max muss wieder Tipps für die Abrechnung geben und Alina ist wieder die Erste, die sich erbarmt, einen Fall vorzustellen und damit die gemeinschaftsstärkenden Klagen und Schimpfereien zu beenden.

Alina berichtet über eine 38-jährige Patientin, die sie vor wenigen Monaten aufgenommen hat. Diese habe vor einem Jahr als Spätgebärende ihr erstes Kind bekommen und sei seit der Geburt ihrer Tochter depressiv. Hormonelle Medikamentierungen hätten den Zustand ein wenig verbessert. Inzwischen könne sie wieder arbeiten, aber die Frau wolle trotzdem die Psychotherapie fortführen. Die sei ja längst überfällig gewesen, habe sie selbst gesagt. Die Patientin ist als Arzthelferin in einer Psychiatriepraxis beschäftigt und steht deswegen der Psychotherapie aufgeschlossen gegenüber.

„Du meinst wohl trotzdem?“, fragt Ilona zynisch.

Alina lächelt. „Nein, der Arzt gehört wirklich zu den Guten. Mit dem habe ich öfters gemeinsame Patienten.“

„Außerdem hat er anfangs die hormonelle Behandlung eingeleitet. Er kennt sich offenbar aus“, ergänzt Max.

„Die Patientin glaubt“, fährt Alina fort, „dass die Depression nicht nur etwas Hormonelles als Ursache hat, sondern auch in ihrer Kindheit begründet liegt. Sie hat ihre Eltern nie kennengelernt und ist bei ihren Großeltern im Hegau aufgewachsen.“

Mir stockt der Atem. Ich will nicht behaupten, dass ich vorher neben der Freude über die Intervisionssitzung schon gespürt hätte, dass da etwas Unangenehmes auf mich zukommt. Doch eigentlich hatte es wirklich schon vorher im Bauch gezwickt. Und nun spüre ich einen scharfen Stich in der linken Unterbauchregion. Ich lasse mir das nicht anmerken. Ich weiß ja, wo es herkommt!

„Da hat sie ja traumatisierende Beziehungsverluste in frühester Kindheit hinnehmen müssen!“, stellt die Psychoanalytikerin Ilona fest.

„Na, ich weiß nicht“, korrigiert Alina. „Sie hat eigentlich nie einen Elternkontakt, also auch nicht wirklich einen Verlust gehabt.“

Aus meinem Stich wird eine beständiger heller Schmerz. Aber es lässt sich aushalten. Ich weiß ja, woher es kommt...

„Sie muss schon einige Tage nach der Geburt zu den Großeltern gekommen sein.“

„Ob du da nicht den vorgeburtlichen Kontakt mit der Mutter unterschätzt?“, gibt Ilona zu Bedenken.

Alina zuckt mit den Schultern. „Mag sein.“

„Auf jeden Fall wäre eine Auslösung depressiver Gefühle durch die Geburt des eigenen Kindes nicht abwegig“, stellt Inge fest. Und alle Kollegen nicken.

„Und warum kam sie von Hegau hierher nach Ostbayern?“, mische ich mich nun ein. Vielleicht kann mich das von meinen Beschwerden ablenken.

„Vom Hegau!“, verbessert mich Alina. „Das ist ein Landstrich irgendwo in Baden-Württemberg. Richtung Bodensee oder Schwarzwald.“

„Okay, vom Hegau also.“

„Eigentlich ist es eher umgekehrt!“, klärt Alina auf. „Die Mutter meiner Patientin stammt aus dem Hegau und hat hier einen Bayerwaldler geheiratet. Meine Patientin wurde also im Bayerischen Wald geboren. Unmittelbar nach ihrer Geburt sind dann ihre beiden Eltern tödlich verunglückt und sie kam als Baby zu den Großeltern mütterlicherseits nach Baden-Württemberg.“

„Da war ja das Baby beim Unfall dabei!“, überlegt Ilona.

„Angeblich war sie nicht dabei! Und das findet meine Patientin auch merkwürdig. Scheinbar konnten die Großeltern ihr das nie richtig erklären. Aber noch merkwürdiger erscheint mir, dass die Patientin da nicht richtig nachgebohrt hat. Auch über das Grab des Vaters hat sie nicht wirklich etwas gewusst. Das Grab der Mutter ist im Hegau. Das wollten die Großeltern so. Liegt ja nahe. Das Grab des Vaters sei wohl bei seinen Eltern im hinteren Bayerwald gewesen.“

„Ach, da hatte die Familie deiner Patientin bei den Großeltern väterlicherseits gewohnt?“

„Nein, so war es auch wieder nicht“. Alina grinst. „Der Bayerwald ist groß! Die Eltern meiner Patientin lebten im oberen und die Großeltern väterlicherseits im unteren Bayerischen Wald.“

„Auf jeden Fall wurden also die Eltern deiner Patientin nach ihrem Tod getrennt!“

Alina nickt. „Und jeweils bei ihren Eltern in der alten Heimat beerdigt.“

„Und die Großeltern im Hegau? Die leben inzwischen wohl nicht mehr?“

Alina schüttelt den Kopf. „Nur ihre uralte Oma lebt noch dort.“

„Großvater gestorben. Noch ein Verlust!“, bemerkt Ilona. „Und die Großeltern väterlicherseits?“

Alina zuckte mit dem Schultern. „Das weiß die Patientin nicht. Die hatte zu denen keinen Kontakt. Sie hatte die ja auch nie kennengelernt.“

„Und diese Großeltern waren wohl auch nicht dahinter her, ihre Enkeltochter einmal zu treffen!“

„Offensichtlich nicht!“

In der Runde macht sich Betroffenheit breit. Ob meine empathischen Kollegen auch körperlich reagieren? Bei mir jedenfalls treten so etwas wie Wehen auf. Leichte Wehen, sicherlich. Ich muss meine Konzentration wieder vom Körper weglenken und frage nach:

„Aber warum kam deine Patientin als Erwachsene hier in die Gegend zurück?“

„Naja, weil sie mal auf Spurensuche ging und dabei ihren Mann kennengelernt hat.“

„Ach so, sie hat es der Mutter nachgemacht!“

„Wir Oberpfälzer sind halt unwiderstehlich!“, scherzt Max.

„Ich will ja nicht kleinlich sein, aber ihr Vater war ja wohl ein Niederbayer!“, muss ich ihn korrigieren. Zwar ärgere ich mich über meine Beckmesserei, aber dafür lässt der Unterbauch-Schmerz etwas nach. Er wird wohl bald ganz verschwunden sein. Blöderweise stellt sich nun aber ein Schwindelgefühl ein, eine Taumeligkeit, wie sie wohl manche Menschen bei einem Wetterumschwung oder bei Nackenverspannungen fühlen. Die Parallele zwischen der Lebensgeschichte dieser Patientin und meiner eigenen macht mir doch sehr zu schaffen! Obwohl sie nicht hundertprozentig ist. Ich war immerhin schon zwei Jahre alt, als ich zu meinen Großeltern kam! Meine depressive Mutter hatte sich erhängt und mein Vater sich davongemacht. Ein Kleinkind war für ihn wohl eine Nummer zu groß. Und mit seinen Eltern hatte er sich nie verstanden. Zum Glück kam ich wenigstens nicht hunderte Kilometer weg! Von meinen Großeltern lebt inzwischen nur noch der Opa – in einem erbarmungswürdigen Zustand im Altenheim. Und mein Vater ist nie mehr aufgetaucht!

Ich entschließe mich zum Outing, vielleicht hilft das: „Meine Großeltern mütterlicherseits haben sich auch nie für mich interessiert. Sie haben aber auch weiter entfernt gewohnt.“

Diese persönliche Einbringung lässt die Kollegen auf-horchen. Es wurde aber auch mal Zeit, dass der etwas rauslässt!

„Bist wohl auch ein halber Zugereister?“, witzelt Max. Und ich bereue sofort meine Aussagen.

„Nein, das nicht, aber die Parallelen mit Alinas Patientin haben mich schon etwas mitgenommen.“

Alina nickt und wartet auf weitere Erläuterungen.

„Ja“, fahre ich fort, „ich bin auch bei meinen Großeltern aufgewachsen, bei den Eltern meines Vaters.“

„Und deine Eltern?“

„Die sind damals auch gestorben. Zumindest die Mutter.“

Nun merke ich, wie mir langsam die Tränen kommen. Vor Monaten wären es noch Kopfschmerzen gewesen.

„Von meinem Vater weiß ich nichts,“ füge ich noch an und signalisiere, dass damit das Gespräch über meine Herkunft erledigt sein soll.

Die Kolleginnen erkennen das, aber Max tut sich etwas schwerer. „Zum Glück bist du nicht depressiv!“

Ich nicke. „Aber meine Zwänge reichen mir auch!“

Es ist das erste Mal, dass ich das in meiner neuen Intervisionsgruppe direkt ausspreche – und damit die Erlaubnis gebe, dass mich die anderen danach fragen. Aber heute zum Glück nicht.

„Wir tragen alle unser Päckchen!“, sagt Inge und schenkt Tee nach.

Eine Zeit lang wird geschwiegen und Tee getrunken. Alle sind gedanklich bei sich und ihren Defiziten angelangt. Jeder der Anwesenden hat schon eine eigene Therapie hinter sich oder steckt noch mitten drin. Welche Störung würde man wählen, wenn man sich sein Leiden aussuchen könnte? Eine Depression sicher nicht, auch keine der psychotischen Erkrankungen. Eine Persönlichkeitsstörung schon eher, weil man sich da, wegen fehlender Einsicht, nicht krank fühlt. Aber natürlich leidet man, weil die Umwelt einen schlecht behandelt - glaubt man.

An diesem Punkt bin ich immer recht zufrieden. Zwänge, wenn man sie kaschieren und ins Leben gut einbauen kann, und psychosomatische Störungen, wenn sie sich nicht zu handfesten Erkrankungen auswachsen, lassen sich ertragen.

Meine Gedanken gehen aber noch einmal zurück zu meiner Mutter. Ich erinnere mich, wie ich als Kind an ihrem Grab stand, das ungewöhnlicherweise auf dem Stadtfriedhof lag – vermutlich, weil sie sich umgebracht hatte und die Großeltern der ländlichen katholischen Bevölkerung oder dem Pfarrer keinen Anlass für kritische Bemerkungen geben wollten. Ich waren selten dort. Und wenn jemand in die Nähe kam, verdrückte ich mich. So als trüge auch ich eine Schande in mir. Da half mir meine ganze Vernunft nichts. Und eigentlich war ich froh, als das Grab dann einmal aufgelöst wurde.

Meinen Vater habe ich nie gesucht. Ich wollte ihm auch nie begegnen. Als meine Großmutter das Zeitliche segnete, waren auch mein Opa und mein Vater für mich gestorben. Doch ab und zu besuche ich den Opa. Aber ich denke jetzt nur noch selten an die ganze Sippschaft. Allenfalls mal in meiner Therapie – oder wenn Patienten mit ähnlichen Kindheitserlebnissen kommen.

7. Meine Therapie: Warten

„Da sind Sie aber mal richtig heftig mit Ihrer eigenen Vergangenheit konfrontiert worden!“

„Ja. Man erlebt ja einiges an Parallelen, aber da hat es mich wirklich richtig erwischt.“

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