Kitabı oxu: «Gesellschaftliche Krisen und Proteste»

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Der Autor

Dr. Helge Döring studierte Wirtschafts- und Sozialwissenschaften an der Technischen Universität Dortmund. 2015 promovierte er dort zum Thema: »Wissensmanagement in Familienunternehmen«. Er ist seit 2018 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fachbereich Sozialwesen der Fachhochschule Münster. Seine Lehr- und Forschungsschwerpunkte sind Wissensmanagement, Konfliktforschung, soziale Ungleichheit und Stadtsoziologie. Er leitete das Teilprojek: Dialogverfahren in lokalen und regionalen Konflikten in NRW des vom BMBF geförderten Verbundprojektes: Krisen-Dialog-Zukunft, welches sich der Förderung des gesellschaftlichen Zusammenhalts in Zeiten von Krisen und Umbrüchen durch Dialog widmet.


Publikationen zum Thema

Döring, H. & Kurtenbach, S. (2019). Eskalation und Dialog. Konturen eines friedlichen Miteinanders. In: BDS – Berufsverband Deutscher Soziologinnen und Soziologen (Hrsg.), Flüchtigkeiten – Sozialwissenschaftliche Debatten. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 55–80.

Bochmann, C. & Döring, H. (2020). Gesellschaftlichen Zusammenhalt gestalten. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Bochmann, C. & Döring, H. (2020). Gesellschaftlichen Zusammenhalt gestalten – ein Problemaufriss. In: C. Bochmann & H. Döring (Hrsg.), Gesellschaftlichen Zusammenhalt gestalten. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 1–7.

Döring, H. & Kurtenbach, S. (2020). Dialog in der Dauerkrise. Einblicke in die Alltagsbewältigung armutsgeprägter Zuwanderung aus Rumänien und Bulgarien in die Dortmunder Nordstadt. In: C. Bochmann & H. Döring (Hrsg.), Gesellschaftlichen Zusammenhalt gestalten. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften. S. 187–219.

Helge Döring

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1. Auflage 2022

Alle Rechte vorbehalten

© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Print:

ISBN 978-3-17-038504-7

E-Book-Formate:

pdf: ISBN 978-3-17-038505-4

epub: ISBN 978-3-17-038506-1

Vorwort

Weltweit gingen vor der COVID-19-Pandemie Kinder und Jugendliche der Bewegung »Fridays for Future« auf die Straße und machten deutlich, dass sie Umweltpolitik nicht länger den Erwachsenen überlassen wollen – sondern sie aktiv mitbestimmen wollen. Sie zitieren dabei die neusten Berichte des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) und diskutieren aktiv mit Bürger*innen, die ihnen in den Innenstädten begegnen. Dies geschieht nicht immer frei von Konflikten, da die Debatte häufig emotional aufgeladen ist. In diesem Zusammenhang kommt es darauf an, die Diskursarena abzustecken und dort Sachargumente mit hoher wissenschaftlicher Fundierung in einem freundlichen Diskussionsklima auszutauschen, daraus sinnvolle Schlüsse zu ziehen und sie schließlich den sich dynamisch verändernden Umweltbedingungen entsprechend zu implementieren. Wo Diskussionen und das friedliche Austragen von Konflikten gelingt, funktioniert Demokratie.

In dem vorliegenden Buch werden die Ergebnisse des Projektes »Krisen-Dialog-Zukunft«, das zwischen 2018 und 2021 vom Bundesministerium für Bildung und Forschung im Rahmen der Ausschreibung »gesellschaftlicher Zusammenhalt in Zeiten von Krisen und Umbrüchen« finanziert wurde, vorgestellt. Als Handlungspraxis soll zivilgesellschaftlichen Akteur*innen und kommunalpolitischen Entscheidungsträger*innen eine Möglichkeit aufgezeigt werden, in jenen ergebnisoffenen Streit zu treten, der den Kern pluralistischer Demokratien ausmacht, und sie befähigen, ihn in der nötigen Schärfe, aber auch sozial- und kulturverträglich zu führen.

Für die Entstehung dieses Buches maßgeblich war vor allem Sebastian Kurtenbach, der das Projekt an der Fachhochschule Münster koordinierte und im ganzen Entstehungsprozess wertvolle Ratschläge, Ideen und Kritik einbrachte. Ich bedanke mich außerdem beim ganzen Projektteam der TU Dresden für die konstruktive und freundschaftliche Zusammenarbeit, die auch unter Pandemiebedingungen gut funktionierte. An dieser Stelle möchte ich Cathleen Bochmann, Willi Hetze, Ulrike Schumacher, David Gäbel, Alexander Stiefler und Roland Löffler von der sächsischen Landeszentrale für politische Bildung danken.

An der Fachhochschule Münster konnte ich stets auf den guten Rat und die anregenden Diskussionen mit dem Team um Yann Rees, Armin Küchler, Katrin Rosenberger, Sinje Mareille Brinkmann, Kathrin Wagner, Melanie Ahrens, Linda Schumilas, Hebba Gazarin, Abdul Rauf, Justin Grawenhoff und Raphael van Kampen bauen. Theresa Scheelje, Jana Bißlich und Tim Löffeler möchte ich für die fleißige Mitarbeit im Rahmen der Interviewtranskription besonders danken. Für ein gewissenhaftes Lektorat und viele kritische inhaltliche Anmerkungen möchte ich mich bei Josephine Hobbs und Oliver Gast herzlich bedanken.

Für den guten Einstieg in die Tätigkeit an der FH Münster im Jahr 2018 möchte ich mich bei meinen ehemaligen Kolleg*innen, Julian Waleciak, Janine Linßer und Gerrit Weitzel, bedanken, denen ich weiterhin freundschaftlich verbunden bin. Außerdem möchte ich den vielen Mitarbeiter*innen der FH Münster danken, ohne deren Arbeit wissenschaftliche Forschung so nicht möglich wäre, weil sie den Forscher*innen alle administrativen Aufgaben weitestgehend abnehmen. Genannt seien hier stellvertretend für die gesamten Dezernate vor allem Wolfgang Tenhaken, Ingo Füchtenbusch, Frank Mohr und Lenka Runde. Auch den Studierenden der FH Münster im Fachbereich Sozialwesen möchte ich für die vielen inspirierenden Diskussionen in den verschiedenen Seminaren danken.

Weitere wichtige Personen, die durch Anregungen, Diskussionen und Ideen dieses Buch bereichert haben, sind: Andreas Zick, Patrick Schneider, Hendrik Sonnabend, Christine Kampmann, Thomas Kraft, Rainer Kuhlmann, Natascha Compes, Levent Arslan, Ali Şirin, Mirza Demirović und Nejra Dedić-Demirović.

Außerdem möchte ich mich bei meiner Familie und insbesondere bei meinen Brüdern Dominic und Menno Döring für die stetige Unterstützung bedanken.

Zuletzt gilt mein Dank Aladin El-Mafaalani, der mich mit dem Projekt KDZ betraute, zahlreiche inhaltliche Anregungen und Ideen zum Projekt beisteuerte und das Geleitwort dieses Buches verfasste.

Helge Döring (Dortmund, Oktober 2021)

Geleitwort

Stellen wir uns vor, die Gesellschaft wäre ein großer Raum mit einem Tisch in der Mitte und einem großen Kuchen. Zunächst sitzen nur wenige Menschen am Tisch, die meisten sitzen in der zweiten und dritten Reihe, viele sogar auf dem Boden. So lässt sich die Gesellschaft bis Ende des 20. Jahrhundert beschreiben. Aber etwa ab der Jahrtausendwende hat eine enorme Dynamik eingesetzt: Immer mehr und immer unterschiedlichere Menschen sitzen am Tisch, mittlerweile auch Frauen, LSBTIQ*, Schwarze, Muslime, Menschen mit internationaler Geschichte, Menschen mit Behinderung und Ostdeutsche. Die Tischgesellschaft ist auch deutlich jünger als noch vor einigen Jahrzehnten. All diese Menschen wollen einen schönen Platz am Tisch und ein Stück vom Kuchen. Sie wollen sich aber auch in die Regeln zu Tisch und das Rezept des Kuchens einmischen – sie wollen mitbestellen und mitentscheiden.

Dass es ausgerechnet jetzt, wenn so viele Menschen wie noch nie teilhaben können und wollen, gemütlich und harmonisch wird, erscheint völlig absurd – wenn man die Situation tatsächlich analytisch betrachtet. Intuitiv gehen die allermeisten Menschen davon aus, dass Integration und Teilhabe zu Harmonie und Konsens führen. Viel wahrscheinlicher ist allerdings, dass das Konfliktpotenzial steigt, dass vieles in einem intensiven und kontroversen Prozess neu ausgehandelt werden muss und dass es zu einem beschleunigten Wandel kommt. Genau diese analytisch logischen, aber kontraintuitiven Zusammenhänge habe ich als Integrationsparadox auf den Begriff gebracht, wobei ich lediglich die Erkenntnisse der Klassiker der Soziologie wieder in Erinnerung gerufen und auf die Situation der aktuellen Migrationsgesellschaft übertragen habe.

Von Karl Marx bis Max Weber lässt sich rekonstruieren, dass die »alten« Soziologen in Konflikten das Potenzial für Entwicklung und Innovation erkannten. Georg Simmel gilt als Begründer der Konfliktsoziologie und erhob als erster vor über einem Jahrhundert den Begriff »Streit« zu einem Grundlagenbegriff der Soziologie, was bedeutet: Ohne den Streit zwischen Individuen und zwischen Kollektiven zu verstehen, lässt sich weder die Gesellschaft verstehen, noch soziologische Theorie entwickeln. Wie lässt sich erklären, dass wir die positiven und konstruktiven Positionen gegenüber Konflikten verloren haben? Nun, nach zwei Weltkriegen und Völkermorden hat sich die Perspektive gedreht: Man sah nun in Ordnung und Harmonie den »guten« Normalfall, Wandel und Konflikte wurden nur deshalb zu Forschungsfragen, weil sie als Problem wahrgenommen wurden. Vor dem Hintergrund der größten Gewaltexzesse durchaus nachvollziehbar. Lewis Coser und Ralf Dahrendorf verdanken wir eine Wiederbelebung und Etablierung der Konflikttheorie und der Konfliktforschung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die für die Analysen der gegenwärtigen Krisenerscheinungen und Konfliktpotenziale von unschätzbarem Wert sind.

Konflikte können etwas Wunderbares sein, sich als Treibstoff für gesellschaftlichen Entwicklung manifestieren, allerdings nur dann, wenn man die ihnen zugrundeliegenden Entwicklungen erkennt und die entstandene Energie konstruktiv nutzt. Es ist davon auszugehen, dass das gleiche Konfliktpotenzial zu Fortschritt oder zu Gewaltexzessen führen kann. Das ist die Ambivalenz des Konflikts. In jedem Fall ist sicher, dass ganz ohne Konflikte Entwicklung und soziale Innovationen kaum denkbar sind. Ohne die konstruktive Austragung von Konflikten hätten sich Menschenrechte, Sozialstaat und Demokratie nicht durchsetzen können. Diese ungemütlichen und anstrengenden Prozesse sind von höchster Relevanz, das intuitiv Falsche kann analytisch betrachtet richtig sein. Deshalb muss sich gerade die Wissenschaft (wieder) viel stärker mit dem Potenzial von Konflikten und Krisen beschäftigen.

In dem vorliegenden Buch geschieht genau das. Vorgestellt werden die Ergebnisse des Projektes »Krisen-Dialog-Zukunft«. Die im Rahmen der Förderlinie »Gesellschaftlicher Zusammenhalt in Zeiten von Krisen und Umbrüchen« vom Bundesministerium für Bildung und Forschung finanzierte Studie wurde im Zeitraum von 2018 bis 2021 an meinem Arbeitsbereich an der Fachhochschule Münster (nach meinem Wechsel vertreten durch Sebastian Kurtenbach) federführend von Helge Döring durchgeführt. In dieser vielschichtigen Studie werden Möglichkeit aufgezeigt, in jenen ergebnisoffenen konstruktiven Streit zu treten, der den Kern liberaler Demokratien und offener Gesellschaften ausmacht. Von Relevanz sind die Erkenntnisse und Befunde insbesondere für zivilgesellschaftliche Akteur*innen und kommunalpolitische Entscheidungsträger*innen, aber auch für die wissenschaftliche Diskurse über die Bedeutung von Konflikten in der offenen Gesellschaft, über Entwicklung von sozialen Konflikten, ihre Auflösung etc.

Die vorgelegte empirische Analyse ist voller gehaltvoller Reflexionen aus ganz unterschiedlichen Krisen- und Konfliktkonstellationen. Die Fallstudien umfassen Debatten um den Klimawandel, die Zuwanderungs- und Integrationspolitik und das Leben in urbanen Konflikträumen (z. B. die Dortmunder Nordstadt). In einem Exkurs gibt der Autor ebenfalls einen Einblick, wie Konflikte über Social Media geführt werden und sich dort phasenweise immer weiter verschärfen. Helge Döring geht es um methodische Möglichkeiten der Prävention und Entwicklung von Resilienz gegenüber Eskalationen von lokalen Konflikten und Desintegrationsprozessen vor Ort. Auf welche Weisen konnten bei lokalen Transformationsprozessen Krisen bewältigt werden? Wie können friedliche Zustände gewahrt, Konflikte ausgetragen und Veränderung ermöglicht werden? Wie lässt sich Offenheit als zentraler Bezugspunkt einer konstruktiven Streitkultur gegen Populist*innen und Extremist*innen verteidigen und wo müssen Grenzen des Dialogs gezogen werden?

Diese politisch höchstrelevanten Fragestellungen werden von Helge Döring in dieser qualitativen komparativen Forschung bearbeitet. Mittels (teil-)standardisierter Expert*inneninterviews und teilnehmender Beobachtung wurde umfangreiches Datenmaterial erhoben, um vor allem »worst cases« als Anschauungsmaterial für Praktiker*innen aufzubereiten. Diese Fälle werden vertiefend analysiert und miteinander verglichen. Dabei wird deutlich, in welchen Zeitintervallen Dialogformate gewinnbringend eingesetzt werden können, um Krisen präventiv abzuwenden, abzuschwächen oder in Kompromisslösungen zu überführen.

Das Buch ist Amtstäger*innen, Multiplikator*innen und aktiven Bürger*innen zu empfehlen, die sich darin schulen möchten, den pluralistischen und liberalen Grundkonsens unserer Gesellschaft auch in Zeiten von beschleunigtem Wandel, Konflikten und Umbrüchen konstruktiv zu gestalten. Streitkultur und Krisenfestigkeit gehören zu einer lebendigen Demokratie dazu.

Aladin El-Mafaalani (Osnabrück, Juni 2021)

Inhalt

1  Vorwort

2  Geleitwort

3  1 Einleitung

4  2 Krise als wiederkehrende Bedrohung der Normalität

5  2.1 Der Krisenbegriff

6  2.2 Krise als Prozess

7  2.3 Krisendeutung

8  3 Eskalation als Folge ungelöster Krisen

9  3.1 Die idealtypische Krise

10  3.2 Die Dauerkrise

11  3.3 Die Reeskalation

12  3.4 Die strukturell eskalierte Krise

13  4 Dialog als Mittel zur Krisenintervention

14  4.1 Dialogvoraussetzungen

15  4.2 Dialoggestaltung

16  4.3 Empirische Grundlagen zur Untersuchung von Krisenintervention durch Dialog und deren Ergebnisse

17  4.4 Empirische Implikationen und theoretische Einbettung der Fallstudien

18  5 Problematische Dialoge

19  5.1 Einleitung und Vorüberlegungen

20  5.2 Fallstudie 1: Der problematische Bürger*innendialog zur Geflüchtetenunterkunft in Dortmund Eving

21  5.3 Fallstudie 2: Der gescheiterte Bürger*innendialog der AfD Dortmund

22  5.4 Teilfazit und Ausblick

23  6 Die Dauerkrise

24  6.1 Konfliktursache: Armutsgeprägte Zuwanderung aus Rumänien und Bulgarien in die Dortmunder Nordstadt

25  6.2 Die Dortmunder Nordstadt als Ankunftsgebiet

26  6.3 Das Dialog-Dilemma: Die Dauerkrise in der Dortmunder Nordstadt

27  6.4 Datenbeschreibung und Auswertungsstrategie zur Untersuchung von Dialogveranstaltungen in der Dortmunder Nordstadt

28  6.5 Ergebnisse der Auswertung von Dialogveranstaltungen in der Dortmunder Nordstadt

29  6.6 Teilfazit und abschließende Betrachtung zur Rolle von Dialog in der Dauerkrise

30  7 Der Pseudodialog

31  7.1 Einleitung und Vorüberlegungen

32  7.2 Protest im Rheinischen Braunkohlerevier

33  7.3 Stakeholder*innen

34  7.4 Analyse der Krise vor Ort

35  7.5 Teilfazit und Ausblick

36  8 Exkurs: Von Frames und Strohmännern

37  8.1 Einleitung und Vorgehensweise

38  8.2 Framing und Hintergrund der Klimadebatte

39  8.3 Die Hintergründe zu #Möhrengate

40  8.4 Perspektiven der beteiligten Akteur*innen

41  8.5 Teilfazit und Ausblick

42  9 Empfehlungen für eine konstruktive Dialoggestaltung

43  9.1 Schlüsselkriterien für einen erfolgreichen Dialog

44  9.2 Dialog, Konflikt und Eskalation

45  10 Fazit

46  10.1 Konturen des Dialogpotenzials – Möglichkeiten und Grenzmarkierungen

47  10.2 Weitergehender Forschungsbedarf

48  11 Anhang

49  Interviewleitfaden des Projektes KDZ

50  Abbildungsverzeichnis

51  Tabellenverzeichnis

52  Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Protest ist Alltag, ob auf Marktplätzen oder Smartphones. Selten verstetigt er sich, sondern findet in der Regel eine Übersetzung in Kompromisse, was ein Zeichen einer vitalen und funktionierenden Demokratie ist. Einer solchen Konsensfindung liegen teils komplizierte, langwierige und zugleich symbolträchtige Dialogrunden zugrunde, ohne die eine Einigung unmöglich wäre. In diesem Buch geht es nicht um das Ergebnis einer Verständigung, sondern darum, wie diese zustande kommt. Das ist umso wichtiger, da die Protestwellen scheinbar zunehmend über das Land rollen. Während in den Jahren 2015 und 2016 vor allem PEGIDA mit seinem völkisch-nationalistischen Protest gesellschaftspolitische Debatten bestimmte, war es im Jahr 2019 ein klimaorientierter Protest eines tendenziell sozialliberalen Milieus mit politisch sehr heterogener Ausprägung. Dieser versammelte sich vor allem unter dem Banner von »Fridays for Future« und wurde von Schüler*innen und Studierenden vorangetrieben. 2020 wiederum war geprägt von Protesten gegen die Maßnahmen im Rahmen der COVID-19-Pandemie, welche teils rechtsextreme, verschwörungsmystische und demokratiedistante Einflüsse aufweisen. Protest gewinnt damit, zulasten von direkter Partizipation, an Bedeutung zur Willensdurchsetzung im demokratischen System. Es geht demnach Zusehens nicht mehr darum, selbst politische Verantwortung zu übernehmen, sondern politisch Verantwortliche zu beeinflussen. Diese Veränderung mag zunächst wie eine postdemokratische Entwicklung wirken, doch kann sie auch als Ausdruck eines Wandels der politischen Kultur verstanden werden, einer Kultur, in der Dialog eine zunehmende Bedeutung zukommt.

Aus diesen Beobachtungen entspringt die grundlegende These dieses Buches: Deutschland entwickelt sich zu einer Gesellschaft, in der Konflikte immer offener zutage treten und ausgehandelt werden müssen. Dabei werden Veränderungen zunehmend als Krisen wahrgenommen, welche Protest hervorbringen, der wiederum durch Dialog verhandelt werden muss, um das demokratische System aufrechtzuerhalten. Einer der Treiber bei der Entstehung der Protestgesellschaft ist die zunehmend politische Polarisierung zwischen einer sozialliberalen und pluralistischen Wähler*innengruppe und denen, die einen autoritären Nationalradikalismus (Heitmeyer 2018) befürworten. Protest wird durch die digitale Selbstermächtigung auf den jeweiligen Informationskanälen gestärkt und die mitunter langwierigen Entscheidungsprozesse demokratischer Aushandlung sind dabei nur in geringem Maße anschlussfähig. Dem Dialog kommt eine Brückenfunktion zwischen Entrüstung und Kompromissfindung zu.

Folglich geht es um die Aushandlung zwischen Öffnungs- und Schließungstendenzen einer Gesellschaft durch Dialog. Das erzeugt Spannungen und Brüche. Die Bruchlinien des viel diskutierten gesellschaftlichen Zusammenhalts, die sich vor allem in Bezug auf die beiden skizzierten Pole ausdifferenzieren, verlaufen damit nicht nur innerhalb der Wählerschaft der (vormaligen) Volksparteien, sondern auch quer durch die Mitgliedschaft anderer vormals integrierender Institutionen, wie Kirchen, Gewerkschaften oder Vereinen. Sie büßen damit, für Teile ihrer Mitglieder, ihre Verlässlichkeit ein. Kirchen wenden sich gegen den zuwanderungsskeptischen Protest und Gewerkschaften stehen dem Klimaprotest reserviert gegenüber. Das mag jeweils für die Mehrheit ihrer Mitglieder richtig sein, aber nicht mehr für die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung, die sich kaum mehr irgendwo aufgehoben fühlt, sich aber weiterhin in den Diskurs einbringen möchte. Wo Institutionen fehlen, die die eigenen Interessen organisieren und vertreten oder zumindest ernst nehmen, tritt Selbstermächtigung in Form von Protest und sozialen Bewegungen auf, die häufig die vorhandenen Strukturen oder gefallenen Entscheidungen infrage stellen und Veränderungen einfordern. Das kann bis zur Gründung von Parteien führen, wie in den 2010er Jahren der AfD oder rund vierzig Jahre zuvor den Grünen, um Änderungen politisch zu erzwingen, womit sich Protest entweder verstetigt oder sich zum Vehikel konstruktiver Veränderung entwickelt. Protest wird damit zum rationalen Mittel der Interessensbekundung und deren Durchsetzung, wobei Dialog zur Graswurzelarbeit der Bewahrung der liberalen Demokratie wird.

Auf den Beziehungsebenen Protest, Krise und Dialog fußt auch die forschungsleitende Frage dieser Arbeit: Wann kann Dialog in Krisensituationen eine Lösung erzeugen? Hier wird bereits vorgegriffen und davon ausgegangen, dass Dialog Lösungen hervorbringen kann, welche für alle beteiligten Gruppen akzeptabel sind. Das setzt Dialog- und Kompromissbereitschaft aller Konfliktparteien voraus. Fehlen diese, findet Dialog entweder nicht statt oder hat keine krisenberuhigende Wirkung und kann sogar zur weiteren Eskalation beitragen. Das kann neben den Dialogvoraussetzungen auch durch die Dialoggestaltung geschehen, weswegen in diesem Buch ein besonderes Augenmerk auf Dialogformate gelegt wird. Mit der Beantwortung der Forschungsfrage kann das Verständnis der demokratischen Erneuerung in der Protestgesellschaft näher beleuchtet werden.

Die Beschäftigung mit Dialog ist für einige Berufsgruppen von besonderer Bedeutung, da sie mit der Bewahrung der liberalen Demokratie tagtäglich befasst sind. Das betrifft vor allem Sozialberufe, in denen die Verständigung unterschiedlicher Interessen Teil des Arbeitsalltags und des professionellen Auftrags ist. Damit sind nicht immer die medial viel beachteten großen Dialogrunden gemeint, wie z. B. die Schlichtung zwischen Gegner*innen des Bahnprojektes Stuttgart 21 und dem Bahnkonzern im Jahr 2010, welche teils live im öffentlich-rechtlichen Fernsehen übertragen wurden, sondern auch alltägliche Aushandlungen, wie die Findung verbindlicher Regeln in einem Jugendzentrum. Das setzt voraus, dass Dialog in Bezug zur Krisenwahrnehmung der protestierenden Gruppen gesetzt wird. Doch auch für Politiker*innen, Menschen, die im politiknahen Umfeld tätig sind, Journalist*innen, Verbands- oder Gewerkschaftsmitarbeiter*innen soll das Buch einen Gewinn darstellen. Denn Dialog ist mehr als ein Verfahren zur Zielerreichung, es stellt die Demokratiefähigkeit aller beteiligter Akteur*innen auf die Probe und wird in einer pluralen Gesellschaft zugleich immer wichtiger, da es eine zunehmende Anzahl von Interessensgruppen gibt (El-Mafaalani 2018a).

61,09 ₼

Janr və etiketlər

Yaş həddi:
0+
Litresdə buraxılış tarixi:
18 dekabr 2025
Həcm:
453 səh. 40 illustrasiyalar
ISBN:
9783170385061
Müəllif hüququ sahibi:
Bookwire
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