Kitabı oxu: «Es war eine Mutter - Abschied Stück für Stück»
Hella Scholz
Abschied Stück für Stück
Es war eine Mutter
Engelsdorfer Verlag
Leipzig
2014
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Copyright (2014) Engelsdorfer Verlag Leipzig
Alle Rechte beim Autor
Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)
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Inhalt
Cover
Titel
Impressum
Es war eine Mutter, die hatte vier Kinder:
Vorwort
Teil 1
Kartoffeln und Hering
Mütterliche Aufklärung
Der Tauchgang
„Ich dachte, wenigstens hier geht es gerecht zu…“
Einen Korkenzieher bitte
Die Wunderpille
Der Verlobte
Großmutter, was hast du für schöne Beine?
Sperrstunden und kein Tanz
Ihr erster Mann
Die tolle Saalfeier
Schokolade statt Fahrkarte
Die zwei Enten
Der neue Vati
Die Eltern haben es eilig
Urlaub mit Zelt und Lebertran
Das Myom auf Beinen
Die Kinder hielten zusammen
Die große und die kleine Mutti
Der Bastard
Mit viel Einsatz
Grüne Heringe und Klöße
Die Stollenbäckerei
Unbeschwerte Kindheit
Der Trabi
Der Telefonanschluss
Trost und Halt
Neue Zeiten der Aufklärung
So selbstlos kann doch keiner sein
Die hintere Buchreihe
Rheinische Frohnatur
Ehrenamt und Heimarbeit
Ganz schön fette
Mit Schirm und Eierlikör
Ungerechtigkeiten
Studienbaby
Sorgenkind
Das Wunschessen
Die späte Reisetante
Ein doch nicht so schlechter Kerl
Schöne gemeinsame Urlaube
Ein ganz toller Rodler
Der große Familiensinn
Testament und Wende
Rommékönigin
2. Teil: Abschied Stück für Stück
Pfeffermühle Gastspiel Jürgen Walter im Konzert
„Warum hast Du es nur so eilig?“
Die Kastanie
Bei mir könnte ja auch ein Mann sein
Essen auf Rädern
Der 80.Geburtstag
Die Holperfahrt und der Rollator
Fahrt nach Warnemünde
Neues Auto
Wetterprobleme
Der Strandkorb
Toilettengänge
Hausbesuch
Keine Atemübungen heute
Tablettensorgen
Mein Kopf macht mich noch ganz verrückt
Die verlorenen Zähne
Vampire überall
Weiterbildung für Mutter und Sohnemann
Kur erforderlich nach erneuter Begutachtung
Kündigung und Wechsel
Schief wie ein Fragezeichen
Familienübersicht
Vorsorgevollmacht
Ein ungutes Gefühl
Rollstuhl, Fernsehen und Musik
Und was nun?
Gäste und Blumen
Demenzbetreuung
Wer sagt, dass sterben einfach ist
… und Abschiednehmen
… und Trauer
Nachwort
2. Nachwort aus aktuellem Anlass
Danksagung
Es war eine Mutter, die hatte vier Kinder: Den Frühling, den Sommer, den Herbst und den Winter.
Die Mutter, als Einzelkind aufgewachsen, hatte sich schon immer nichts sehnlichster gewünscht als viele Kinder zu bekommen.
Sie bekam ihre Jahreszeitenkinder.
Die erste Tochter Steffi kam im Januar 1948 auf die Welt, der Sohn Reinhard ein Jahr später im Juni 1949. In glücklicher zweiter Verbindung wurde dann noch das Herbstkind, die Tochter Silke, im September 1959 geboren und im verspäteten Frühling der Nachzügler Hella im März 1963. Da war die Mutter schon 40 und die Hella 15 Jahre jünger als ihre große Schwester Steffi, die für sie ihre „kleine Mutter“ wurde.
Die „große Mutter“ liebte alle ihre Kinder und gab ihre Liebe weiter an sie und das war nicht wenig.
Auch hatte sie noch genug Liebe und Kraft um ihre eigene Mutter im Alter und ihren, sie mehr als sein eigenes Leben liebenden Mann in schlimmer Krankheit zu versorgen und sie beide bei sich zu behalten – bis zum Schluss.
Nun hatte sie eigentlich keine Wünsche mehr. Doch noch den einen, sie wünschte sich nichts sehnlichster als auch im hohen Alter, wenn die Kraft nachlässt, bei ihrer Familie bleiben zu können.
Ihre Kinder versprachen es ihr, egal was komme, sie versprachen es ihr, weil sie es selber wollten, sie versprachen es ihr, immer und immer wieder …
„Demenzerkrankungen gehören zu den großen Herausforderungen unserer langlebigen Gesellschaft“, sagt Prof. Riedel-Heller, Direktorin des Instituts für Sozialmedizin, Arbeitsmedizin und Public Health an der Leipziger Uni.
Hochrechnungen für Europa haben ergeben, so erklärt sie, dass sich die Zahl der Demenzkranken von sieben Millionen im Jahr 2000 auf 16 Millionen im Jahr 2050 erhöhen werde. Im Gegenzug dazu nimmt der Anteil der Personen, die sich um die Erkrankten kümmern können, dramatisch ab. Kamen 2000 auf einen Demenzkranken 70 Menschen im Erwerbsalter, so werden es 2050 nur noch 21 sein. Demenz ist der häufigste Grund für eine Heimeinweisung älterer Menschen. 50 – 70 Prozent aller Alten- und Pflegeheimbewohner leiden heute daran. Die meisten Senioren möchten in ihrer Wohnung, in ihrem privaten Umfeld bleiben. Doch von der Erkrankung an Demenz bis zur Unterbringung im Heim vergehen im Durchschnitt nur knapp drei Jahre. Das sind Ergebnisse neuester Studien, an denen die Leipziger Medizinprofessorin Steffi Riedel-Heller, die seit Jahren an der Medizinischen Fakultät der Universität über Demenz und Depression im Alter forscht, federführend beteiligt ist. „Die meisten Demenzpatienten wollen in ihrer Wohnung bleiben, zu Hause alt werden“, erzählt die Forscherin. Aber vielen bleibe die Heimeinweisung nicht erspart.
Die Heimbetreuung sei nicht nur die bei den Betroffenen am wenigsten beliebte Variante, sondern auch die mit Abstand teuerste, so Steffi Riedel-Heller. In einer weiteren Studie, die noch läuft, versuchen die Wissenschaftler daher herauszufinden, ob es möglich ist, dass Senioren durch präventive Hausbesuche länger in ihrer Wohnung bleiben können.
Die Wissenschaftler haben zudem herausgefunden, wie jeder selbst dem Gedächtnisverlust vorbeugen kann. Und diese Maßnahmen klingen keineswegs spektakulär. „Jeder sollte alle Chancen des Alltags nutzen, um sich zu bewegen“, rät die Medizinprofessorin. Treppensteigen, Gartenarbeit, zu Fuß gehen, all das beugt vor. Ebenso wichtig sei die geistige Aktivität, viel lesen und sich neuen Herausforderungen stellen. Auch im Alter könne man zum Beispiel noch ein Instrument lernen. Wichtig sei außerdem, soziale Kontakte zu pflegen und sich gesund zu ernähren.
Auszüge aus Gesundheit und mehr. der Patientenzeitung, im Jahr 2011
Demenz, Frauen-Power an Leipzigs Uni-Klinik
Vorwort
Für den Betroffenen ist es eine sehr leidvolle Erfahrung zu merken - und oft gibt es solche Momente des Bemerkens – wie nicht nur die allgemeine Kraft, sondern auch das Gedächtnis, die Orientierung – da nicht nur die örtliche, auch die zeitliche, die soziale – nachlässt und man eine unbeschreibliche Unruhe und Unsicherheit verspürt, eine Abwehr, eine Angst vor allem Neuen entwickelt und sich leider sogar das Bekannte in Fremdes verwandelt.
Für die Angehörigen bedeutet es, schwankend zwischen Hoffnung auf Besserung oder zumindest Stagnation und der Verzweiflung, sich dem fast täglichen Einsatz um bürokratische Hürden stellen zu müssen. Auf der anderen Seite will man dem Anspruch gerecht werden, immer wieder eskalierende Situationen in den Griff zu bekommen und den Alltag für den Betroffenen verlässlicher, erträglicher zu machen und dies alles bis zum schmerzhaften, letztendlich aber erlösenden Ende begleiten zu müssen.
Es ist unendlich schwer einen geliebten Menschen, auch wenn im gesegneten hohen Alter, auf diese Art und Weise zu verlieren. Wenn man hilflos mit ansehen muss, wie er sich stückweise selber verliert, seine Identität, seine Gewohnheiten, seine Persönlichkeit, die ihm vertraute Umgebung ihm fremd wird, die ihm vertrauten Menschen ihm fremd werden, ihm sein Körpergefühl verloren geht. Wenn sein ganzes Wesen sich verändert und er immer hilfloser wird, erst dagegen ankämpft, sich immer mehr verliert und dies auch spürt, Ängste und Unsicherheiten ihn lähmen und hilflos machen, er sich mehr und mehr zurückzieht auf einen immer kleiner werdenden Radius und auch dort keine Ruhe mehr findet.
Ich, das im späten Frühling geborene, letzte Jahreszeitenkind möchte die Geschichte unserer Mutter erzählen. Ich erzähle auch aus ihrer Vergangenheit, aus ihrem Leben. Für mich, da ich es festhalten will, für den Leser, da er sie kennen lernen sollte vor ihrer Erkrankung und es wird auch um interessante Zeitgeschichte gehen mit sicher anderen moralischen und sozialen Wertvorstellungen und manches wird einfach nur witzig und menschlich einher kommen.
Meine Mutter fand in ihrer letzten Zeit immer einen Ruhepol in den alten Geschichten, erzählte diese immer gerne und erinnerte sich – das Langzeitgedächtnis war das ihr zuverlässigste und in ihren Erinnerungen fühlte sie sich in sicheren Gefilden, man konnte sie von Unruhe mit diesen Geschichten am besten ablenken.
Die Zeit ihrer Erkrankung und Pflege, Begebenheiten daraus kann ich bis auf einzelne Berichte, Briefe nicht mehr genau datieren. Ich war sicher mit einigen Tagen restlos überfordert. Vollberufstätig, die Pflege, das Kümmern gingen fließend in 2. Schicht über. Ich hatte einfach nicht die Zeit, mir täglich Notizen zu machen. So sind diese Passagen zwar chronologisch geordnet nach Geschehen, wie auch die früheren Schilderungen aus ihrem Leben – da aber auch manches im Zusammenhang bleibend, da ich es nicht auseinander reisen wollte – ohne Datum versehen.
Ich hoffe es wird dennoch übersichtlich und ein stimmiges Ganzes. Man möge mir auch entschuldigen, wenn einiges Persönliches von mir eingeflossen ist, obwohl Gegenstand der Betrachtungen ja eigentlich die Mutter sein soll.
Einerseits wäre es mir unmöglich gewesen, unsere Mutter darzustellen im Zenit ihres Lebens, als die uns liebende Mutter, als aus der Perspektive meiner Kindheit, also auch aus meinen Erlebnissen und Empfindungen heraus. Andererseits sollen diese Erinnerungen nicht nur ein Geschenk an unsere Familie, besonders an meine Schwestern, sondern auch für meinen lieben Sohn sein, der in dieser schweren Zeit des Abschiedsnehmens mir und meiner Mutter sehr verlässlich und hilfreich zur Seite stand. Ich hoffe ihm damit eine Freude zu machen, Anteil an Episoden aus dem Leben seiner Vorfahren nehmen zu können und an der Kindheit, am Erleben seiner Mutter.
Unsere Mutter Blanka wurde 1923 geboren und lebte nach dem Tode unseres Vaters Ernst und dem ihrer eigenen Mutter Irma, die 1903 auf die Welt kam, mit mir und meinem Sohn Hannes, geboren im sogenannten Wendejahr 1989 (ein Frühlingssohn, leider waren bei mir die anderen Jahreszeiten und andere spätere Frühlinge nicht so fruchtbar, auch ich hätte gerne noch mehr solcher Kinder gehabt) in unserem „Mehrgenerationen-Haus“ zusammen und wir begleiteten sie in ihren letzten Lebensjahren.
Sie, die uns immer eine gute Mutter war, bescherte uns aufopferungsvoll und liebend eine unbeschwerte Kindheit in einem Haus voller Liebe und Fröhlichkeit. Respekt, Achtung und vor allem die große Liebe der Eltern zueinander bestimmten das offene und ehrliche Klima und bot uns eine liebevolle harmonische Atmosphäre, an das ich mich so gerne erinnere.
Teil 1
Wie unsere Mutter Blanka auf die Welt kam und wie es ihrer Mutter, der Irma, zu dieser recht unaufgeklärten Zeit der Jahrhundertwende erging:
Kartoffeln und Hering
Meine Oma wohnte im 4. Stock mit Plumpsklo auf der Treppe, hatte ihren Richard geheiratet, einen fast 20 Jahre älteren, lebenserfahrenen, netten, schicken Herrn, einen alten Seefahrer, in den sie sich schon als junges Mädchen „verschwärmte“ und nach einigen Bedenken von ihrem Vater aber dann doch wohlwollend an ihn übergeben wurde mit dem Hinweis, er möge doch bedenken sie ist noch sehr träumerisch und unerfahren.

Ja, die Irma war nun schwanger, bekam Wehen und die Hebamme kam ins Haus. Da lag sie im Bett mit Wehen und die Nachbarn hatten eine Schüssel Heringe und Kartoffeln vorbereitet. Das war so üblich für den Einsatz der Hebamme, die sicher so aussah wie durch Heinrich Zille festgehalten mit Dutt auf dem Kopf und Kittelschürze.
Sie schaute natürlich erst mal die Gebärende an, zu ihrer Erleichterung bemerkte sie, es sei noch nicht ganz so weit und machte sich erst mal über das tolle Mahl her. Sie bemerkte nicht, dass Irma an ihr vorbei auf die Toilette ging. Als sie dann ihr Mahl beendet hatte, schaute sie wieder nach der Gebärenden, diese war aber nicht im Bett zu finden, sondern klagend auf dem Plumpsklo der 4. Etage.
Die Hebamme bekam einen Schreck und führte angstbleich Irma wieder ins Bett, wo kurz darauf Blanka das Licht der Welt und zum Glück nicht als Erstes deren Fäkalien erblickte.

Mütterliche Aufklärung
Es war eine völlig andere Zeit und es wurde keine Aufklärung betrieben. Dazu müsste ich eine kurze Begebenheit aus den Tagen der Irma erzählen, die diese erlebte, als sie noch ein Kind war und in die Schule ging. Also ihre Schwester bekam einen dicken Bauch und Irma erzählte dies ihrer besten Freundin in der Schule und über ihre Vermutung, dass die Schwester wohl ein Kind bekäme. Darauf erpresste diese Freundin Irma regelmäßig um ihre besser belegten Schulbrote, denn sie kam nur aus ‚Armeleuteverhältnissen‘ wo es meist nur ‚Fettbemmen‘ gab. Irma aus der stabileren Mittelstandsschicht, ihr Vater war Stuhlmeister, bekam schon auf die Stullen Butter und Wurst.
Die Freundin drohte Irma, sollte sie zum Brottausch nicht bereit sein, dem Lehrer zu petzen, was Irma ihr anvertraute. Das war ein Skandal, darüber sprach man nicht. Als Irma dann eines Tages nach Hause kam, standen die Hausbewohner schon im Treppenhaus und ließen sie nicht hoch, denn da wäre gerade der Zahnarzt bei ihrer Schwester. Als der angebliche Zahnarzt dann ging, durfte Irma ihren neuen Neffen begrüßen, der auf einmal wie durch ein Wunder in den Armen ihrer Schwester lag und da wurde nicht etwa über das warum, woher oder wieso gesprochen, er lag einfach nur friedlich da und die Schwester war wieder etwas schlanker und Irma konnte ihre Stullen wieder selber essen.
Der Tauchgang
Wie medizinisch unwissend meine Oma war, beweist sicher auch diese Geschichte.
In meiner Kindheit gab es noch den anzufeuernden Badeofen und jeden Sonntag Badetag für die ganze Familie. Waren wir in der Wanne, saß oft unsere Oma mit im Bad und wir unterhielten uns. Sie fragte dann immer: „Was soll ich denn erzählen?“

Und wir baten um Geschichten von früher. Das war immer herrlich und entschädigte etwas für die nachträglich anzuziehende selbst gestrickte Wäsche, die immer so kratzte.
Meine Oma zählte auch die Sekunden, die wir unter Wasser bleiben konnten.
Einmal wollte ich sie veralbern und nahm heimlich meinen Schnorchel mit in die Wanne und bat Oma zu zählen. Sie zählte laut und zählte und zählte, es wurde eine Minute, zwei Minuten, drei … ich verlor langsam die Geduld, sie kam bis acht Minuten, da tauchte ich enttäuscht auf.
„Merkst du denn gar nicht, dass man solange nicht tauchen kann!“, rief ich wütend.
„Ach so und ich dachte schon, du bist heute ganz besonders gut“, kam von meiner medizinisch unbeleckten Oma. Und sie meinte es wirklich so und hatte nicht etwa meinen Schnorchel entdeckt. Auch später bei medizinischen Fragen hatte sie einfach keine Erklärung und war aber auch nie sonderlich interessiert. Als ihre Tochter später an Gebärmutterkrebs erkrankte und operiert wurde, tröstete sie sie damit, dass es ihr ja auch so ergangen war. Dass es sich bei ihr allerdings um eine gutartige Geschwulst gehandelt hatte und dies schon ein Unterschied darstellt, erkannte sie nicht.

Nach so einer ‚Aufklärung‘ in der Generation vor meiner Mutter konnte sie natürlich nicht unbedingt viel mehr für sich erhoffen.
So war es dann auch, es wurde über nichts dergleichen gesprochen. Blanka war 16 Jahre alt und Schülerin der Handelsschule in Leipzig. Im Fach Englisch und Spracherziehung hatten sie einen äußerst charmanten, ledigen Studienassessor. Alle Mädchen schwärmten für ihn, sie auch. Im Englisch-Unterricht stellte er die Frage: „What have you in your Mouth?“ Aufgeregt wie immer, wenn sie von ihm angesprochen wurde, verwechselte sie doch das besitzanzeigende Fürwort und antwortete: „In my mouth I have your Tongue!“
Darauf antwortete er lächelnd: „Schön wär’s!“
Einige Mitschülerinnen, die schon etwas weiter waren als sie, hatten aufgrund ihrer Antwort und der Resonanz des Lehrers gekichert.
Blanka war das peinlich und sie beschwerte sich in der Pause bei ihren Freundinnen über deren Albernheit, denn man dürfe sich doch wohl noch mal versprechen.

Diese fragten sie dann recht verwundert, ob sie denn nicht wüsste wie geküsst wird und erklärten es ihr.
Fortan hatte Blanka im Englischunterricht stets einen hochroten Kopf und getraute sich gar nicht mehr ihren Lehrer anzuschauen.
Als sie dann mit 17 wirklich das erste Mal geküsst wurde, von einem jungen übermütigen Soldaten, ist sie doch laut weinend nach Hause gerannt und meinte, jetzt bekomme sie sicher ein Kind, sie wäre einem Sittenstrolch in die Hände gefallen.
Als ihr Vater dann genau nachfragte und sie erzählte was passiert war, musste er sich umdrehen und erst später meinte sie zu wissen, dass er wohl lachen musste über ihre Naivität.
„Ich dachte, wenigstens hier geht es gerecht zu …“
Als sie dann wirklich ein Kind bekam, das war aber erst später in ihrer ersten Ehe, meinte ihre Mutter nur zu ihr, sie solle keine Angst haben, es ist nur ein wenig schmerzhafter als die Tage – das war das Höchstmaß an Aufklärung.
Blanka war da noch streng gläubig und zur Entbindung in ein kirchliches Krankenhaus gegangen. Sie befindet sich also dort auf Station und quält sich schon eine Weile mit blinden Wehen.
Da kommt eine Frau in ihr Zimmer, wird von der Schwester untersucht und gleich eiligst in den Kreissaal verlegt, da die Geburt ja schon im vollen Gange sei. Blanka richtet sich ganz entrüstet in ihrem Bette auf und meint: „Ich dachte, wenigstens hier geht es gerecht zu, ich war zuerst da!“
Ich muss wohl nicht erwähnen, dass die Schwester erst sprachlos war und ihr dann nicht mehr von der Seite wich und sie liebevoll betreute. Mutter meinte später lachend, die nette Schwester hatte bestimmt Angst gehabt, dass sie in ihrer Naivität vielleicht aus dem Fenster springe um die Geburt zu beschleunigen oder irgendeinen anderen Blödsinn mache. Ihr Ausspruch hat dort sicher die Runde gemacht und ist in die Klinikannalen eingegangen.
Einen Korkenzieher bitte
Wie nicht verwunderlich bei der fehlenden Aufklärung meiner Mutter durch ihre Mutter wurde ich von ihr auch nicht aufgeklärt. Sie delegierte dieses auf die Dorfhebamme, in deren Arbeitsgruppe „Junge Sanitäter“ ich war.
Dort erfuhren wir neben allerlei nützlichen Sachen zur Blutungsstillung oder Wiederbelebung bzw. erst mal die Erkenntnis darüber, was von Nöten, immer wieder mal ein ‚Witzlein‘ wie z. B.: Eine Frau geht fremd, der Mann kommt heim, erwischt das Pärchen beim Liebesspiel und schlug mit dem Beil dazwischen. Dann ruft er den Arzt an und bestellt ein Pflaster für den Mann und einen Korkenzieher für die Frau bitte. Das erfüllte seinen Zweck, das verstanden wir.
Die Wunderpille
Einmal sagte die Hebamme zu uns, wir sollten doch mal darauf achten, alle unserer Muttis hätten so kleine Pillen, meist liegen die auf dem Nachttisch und darum bekämen wir nicht ständig neue Geschwister.
Ich nach Hause, da liegt nichts.
Das nächste Mal bei ihr im Brustton der Überzeugung: „Also, bei meiner Mutti gibt es so etwas nicht!“ Darauf sagt sie: „Hella, Deine Mutti ist doch operiert und kann keine Kinder mehr bekommen.“
Ich ganz entsetzt meine Mutti zur Rede gestellt, wie sie mir denn so etwas verheimlichen könne. Da meinte sie, da waren wir noch zu klein und ich erst acht und sie wollte uns nicht beunruhigen.
Ich hatte es auch nicht bemerkt, da sie sich jeden Tag zum Wäschewaschen und Kinderversorgen entlassen ließ und dann hatten wir ja auch noch unsere ‚kleine Mutti‘ und unser Vati übernahm mehr im Haushalt.
Ja, so waren unsere Eltern, wir sollten eine unbeschwerte Kindheit haben und Kummer machten sie mit sich selber aus und ließen es uns nicht anmerken. Da war sie das erste Mal an Krebs erkrankt, hat ihn mit Operation und Bestrahlung überwunden und schwärmte immer von ihrem damaligen Professor aus der Frauenklinik, der sehr menschlich und warmherzig war und die Paare gemeinsam beriet. Es gab einige Frauen, erzählte sie mir später, die nicht so den bedingungslosen Rückhalt ihres Mannes hatten, ihnen dann nicht mehr Frau genug zu sein glaubten und sich nicht Totaloperieren – so hieß damals die radikalere Operationsvariante nach Wertheim bei Gebärmutterkrebs, die die höchsten Überlebenschancen bot – lassen wollten, obwohl es ihnen dringend empfohlen wurde.
Manche wurden auch verlassen von ihren Männern in dieser Situation. Bei unseren Eltern stellte sich gar nicht die Frage, dass Empfohlene wurde gemacht und gemeinsam getragen und unser Vater stand voll hinter ihr. Da hatte sie mit der Erkrankung schon großen Kummer durchgemacht, auch die anschließenden Bestrahlungen waren nicht einfach und die regelmäßigen Nachsorgen, wo man wieder von einer ehemaligen Zimmergefährtin erfuhr, die es nicht geschafft hatte.
Das erzählte sie mir alles später. Auch das es dort zur Zeit ihres Klinikaufenthaltes ein spezielles Zimmer gab, in das die Fälle geschoben wurden, bei denen es auf das Ende zuging, damit man die anderen Patienten schonen konnte. Doch die Schmerzbehandlung war noch nicht so weit und man hörte es doch trotz aller Bemühungen und Fürsorge durch das Personal.
Der Verlobte
Meine Mutti erinnert sich: „Manchmal denke ich schon, zumindest einen Menschen unglücklich gemacht zu haben. Den Hans, meinen Verlobten. Der hat mich geliebt, aber ich ihn nicht richtig. Der hatte seine Mutti so verehrt, die ihn alleine großzog, da der Vater im Krieg geblieben war und sie war sehr lieb zu ihm, auch zu mir. Ich würde ihr so ähneln, sagte er immer. Das war aber nicht der Grund meiner fehlenden Gegenliebe, ich konnte seine Mutter auch sehr gut leiden und wir hatten uns ins Herz geschlossen, ich verstand es als großes Kompliment und besuchte sie gerne.“
Seine zu rücksichtsvolle, weiche Art hat ihr nicht gefallen. Er wollte ihr immer zu gefallen sein, fragte sie ihn was sie machen wollen, kam immer: „Wie du willst.“
Das ging ihr auf den Wecker und sie stritten sich dann oft.
Trotzdem fühlten sie sich vorbestimmt füreinander und sie wusste, er wäre immer gut zu ihr. Sie verlobten sich auf einer Parkbank im Stünzer Park und beim Ringaufstecken schaute er verschämt nach allen Seiten bevor er ihr einen kurzen Kuss aufdrückte.
Er war halt ein sehr gut erzogener Junge, immer anständig, immer zurückhaltend – ganz anders als ihr erster Mann, den sie bald kennenlernen sollte.
Der Hans heiratete erst viel später als sie, er und seine Frau bekamen leider keine Kinder. Er wurde Leiter vom staatlichen Notariat, dann verstarb seine Frau und er kam in Rente.
Kurz darauf erkrankte er an Demenz und wurde in ein Pflegeheim eingewiesen, bekam einen staatlich bestellten Betreuer, der ihn sehr kurz hielt.
Als sie von seiner Situation erfuhr, besuchte sie ihn immer regelmäßig und er bettelte nach Zigaretten, Kuchen, hatte keine Straßenschuhe mehr.
Unsere inzwischen verwitwete Mutter kümmerte sich, es jammerte sie, sie brachte ihm das Gewünschte mit, ging mit ihm spazieren und erfuhr, dass der Betreuer auch als Erbe eingetragen war und Hans war nicht unvermögend.
Er, der nur noch in der Erinnerung lebte, keine Orientierung oder zeitlichen Bezug mehr hatte, sich nichts mehr merken konnte, Keinen mehr erkannte, erkannte doch manchmal seine Blanka in „lichten Momenten“ und meinte einmal zu ihr: „Aber nun können wir doch endlich heiraten meine Blanka.“
Und sie tat es wieder nicht, ihr kam es da wie Erbschleicherei vor.
Sie besuchte ihn regelmäßig bis zu seinem Tode, obwohl es sie immer erschütterte und sie die größte Angst hatte, auch sie könne auch mal so dement werden und in ein Heim müssen – nur das nicht …
Großmutter, was hast du für schöne Beine?
… fragte sie eines Tages als kleines Kind bei der üblichen sonntäglichen Wanderung mit den Eltern und den Großeltern und Cousins und Cousinen ihre Großmutter, die etwas erhitzt beim Picknick ihren langen Rock lüpfte und dabei aus Versehen etwas von ihren weißen gut gestalteten noch jugendlich aussehenden Beinen blitzen ließ. „Schau woanders hin du dummes Ding“, war ihre Antwort.
Solch Schamhaftigkeit färbte natürlich ab.
Als sie eines Tages mit ihrem Freund zum Baden ging, dauerte es ewig, bis sie sich getraute, die Umzugskabine überhaupt in ihrem Badeanzug zu verlassen, dann rannte sie schnell zur Decke, legte sich dort auf den Bauch und rührte sich nicht mehr von der Stelle.
Ihr Freund meinte nur schmunzelnd, er hätte nichts anderes erwartet. Sonntag war Familienwandertag und es ging über die Dörfer, an der Mulde vorbei, über Taucha immer weiter und es wurde sich unterhalten. Rast wurde auch gemacht, manchmal auch in einer Gastwirtschaft, aber die selber geschmierten Stullen dabei verteilt und die Männer bekamen ein Bier und manchmal gab es für die Kinder auch eine Limonade. Das war ein Fest und immer schön.
So war man auch im Alltag für längere Wege bereit und fand es normal. Ihre Mutter arbeitete in der Innenstadt in einem großen Warenhaus als Verkäuferin. Da lief sie früh von der Herbarthstraße im Leipziger Osten hin, es gab eine zweistündige Mittagspause, da nahm sie auch nicht die auf der Strecke fahrenden Straßenbahn, diese kostete immerhin einen Groschen, dafür konnte man schon einen Hering haben. Also lief sie wieder heim und eine Stunde später wieder los und abends wieder heim.
Und das Tag für Tag bei jedem Wetter.
Sperrstunden und kein Tanz
Ihre Jugendjahre waren von Angst und Entbehrung gezeichnet.
Sie kannte die Sperrstunden, in denen man die Wohnung nicht mehr verlassen durfte und zu Hause sein musste.
Da gab es keine Tanzabende, kein Ausgehen.
Sie kannte Bombenangriffe und wie es ist, bei Alarm schnell aus dem Bett zu müssen und mit dem schon gepackten Koffer per Fahrrad in vermutete Sicherheit – einen Unterstand im Stünzer Park – zu fahren und dies manchmal mehrmals in der Nacht. Sie kannte die Geräusche der Kampffliegerverbände in der Luft. Sie erlebte Straßenzüge und Menschen in Flammen nach Brandbombenabwürfen. Sie kannte Schicksale von Treffern in die Häuser oder das Menschen wie Hasen gejagt wurden.
Sie sah Eltern noch Jahre nach dem Krieg Blumen für ihre gefallenen Töchter auf einen ehemaligen Flakabwehrstand am Mölkauer Mittelpunkt bringen, an dem diese als Flakabwehrhelferinnen verpflichtet waren und in den letzten Kriegsmonaten bei einem Bombenangriff umkamen. Viele Klassenkameraden von ihr blieben im Krieg, oft auch Brüder von Freundinnen, deren Eltern sie kannte.
Sie kannte Arbeitseinsätze bei Munitionsherstellung und Unterkunft in kalten Baracken. Dort lernte sie Schicksale kennen von jungen Mädchen, die aus okkupierten Ländern ihren Familien entrissen wurden um hier zu arbeiten.
Ihr Vater, der frühere Seemann, fand als Koch keine Arbeit mehr. Er führte jahrelang ein Geschäft, konnte dies aber nicht über die Inflationszeit retten, genauso wie eine später geführte kleine Gaststätte. Zu Wenige konnten sich einen Gaststättenbesuch leisten.
Lange Zeit Jahre arbeitete er dann mit hochschädlichen chemischen Verbindungen in einer Bonderei, dann bekam er wieder ein Angebot in seinem Beruf als Koch in einem Strafgefangenenlager und sie erlebte dort bei ihrem einmaligen Besuch Grausamkeit.
Einem jungen SS-Mann stand nach anfänglicher Freude über ihre Erscheinung, nach ihrem ausgedrückten Entsetzen über die Behandlung eines Gefangenen, der nach Kartoffelklau von einem Lageraufseher verprügelt wurde, die Abscheu im Gesicht und er bemerkte abfällig: „Das sind doch aber keine Menschen, und sie wollen ein deutsches Mädel sein?“
Sie erlebte die Existenzkämpfe ihrer Eltern, ihre Mutter wusch anderer Leute Wäsche, als sie keine Arbeit als Verkäuferin mehr fand, ihrem Vater wurde angedroht selber das ‚Gestreifte‘ nehmen zu müssen, wenn er nicht aufhöre, den Häftlingen Lebensmittel zuzustecken. Er reihte sich dann wieder in das große Heer der Arbeitslosen ein.
Sie sah Verblendung.
Sie kannte aber auch Menschen, die sich kritisch mit ihrer Zeit auseinandersetzten, die überlegten, wenn sie etwas sahen, die versuchten die Ursachen und Zusammenhänge herzustellen. Als alles jubelte über die Arbeitsbeschaffung durch den Autobahnbau Hitlers, meinte eine Großmutter von ihr: „Die lässt Hitler nur für seine Panzer bauen, der will Krieg.“ Diese wohnte an einer Bahnstrecke in der Ostheimstraße und in der Nacht fuhren Eisenbahnwaggons mit Panzern vorbei.
Ihr Vater, der bei seinen vielen Seereisen und seinem Schiffsuntergang im Ersten Weltkrieg auch in Amerika die Rassentrennung kennen- und verabscheuen gelernt hatte, hier den unmenschlichen Umgang mit Andersdenkenden, Ausgegrenzten, die Gleichgültigkeit mancher Menschen, erkannte Kriegs- und Krisengebiete später in der 3. Welt frühzeitig und sagte immer, da gibt es mal noch Krieg, da geht es mal ums Erdöl und dann tut man politisch, warnte immer vor den sogenannten Steigbügelhaltern des Kapitalismus, die sich nicht abgrenzen und den Krieg nicht kommen sehen wollen. Sie kannte Hungerzeiten und die mühsame Beschaffung von Lebensmitteln in den Nachkriegsjahren um zu überleben. Sie kannte den Wertverfall in Inflationszeiten. Sie ging oft mit ihrer Mutter übers Land mit dem Handkarren. Sie versetzte ihre schönen Kleider, selbst gestrickte Pullover gegen Kartoffeln, Speck und Eier und ihre Eltern das Tafelsilber und andere Wertgegenstände.
Sie sah, wie manche Bauern dadurch immer reicher wurden und unverschämter. Sie erfuhr aber auch, durch eigene Ernteeinsätze, die körperlich schwere Arbeit von früh bis spät auf den Höfen und sah ausgemergelte und frühzeitig gealterte Bäuerinnen. All dies schärfte bestimmt ihren Blick für das Wesentliche und ihren gesunden Menschenverstand, ließ ihren Charakter reifen und ihren Sinn für Gerechtigkeit.
Eigentlich wollte sie Krankenschwester werden, ihr Vater wollte dies aber nicht. So weltmännisch er auch war, seltsam in dieser Hinsicht. Unter den Tätigkeiten einer Krankenschwester verstand er nur die Allerniedrigsten. So meinte er zu ihr, sie werde doch wohl nicht anderen Leuten Hintern abwischen wollen und sie solle gefälligst einen richtigen Beruf erlernen.
So begann sie in der Handelschule eine kaufmännische Ausbildung und ging dann mit Eifer darin auf. Sie verschwendete schon in der Schule keine Zeit, war sehr lern- und wissbegierig und die Klassenbeste. Wenn ihre Freundinnen Märchen oder Liebesromane lasen, nahm sie das Lexikon mit ins Bett. Sie lernte neben den Grundlagen der Buchhaltung auch Schreibmaschine, Stenographie und gewann in einigen Wettbewerben.
Ihr erster Mann
Diesen lernte sie dann kurze Zeit später kennen mit seinem total anderen, sehr selbstsicheren Auftreten, eigentlich das Gegenteil von der zurückhaltenden Art ihres Verlobten. Er war ein Bekannter ihres Vaters, hatte Blanka so kennengelernt und ein Auge auf sie geworfen und besuchte die Eltern nun öfter. Abends zur Sperrstunde vergaß er einfach beizeiten zu gehen, während ihr Verlobter sich ordentlich verabschiedete. So bekam er das Gästezimmer zugewiesen. Er scherte sich wenig um die Bedürfnisse Anderer, das war auch der Grund warum ihre Ehe scheiterte. „Aber komischerweise hätte ich von dem Hans alles haben können und wollte es nicht.“ Hans holte dann noch Informationen ein über ihn und berichtete es ihren Eltern. Er war als Hallodri, Spekulant und Weiberheld bekannt. Man kannte aber auch seine traurige Vorgeschichte.
Er war jung verheiratet und hatte mit seiner Frau einen zweijährigen Sohn. Bei einem Fliegerangriff im Luftschutzkeller kam der Hackklotz mit dem Beil vom Fleischer oben durch die Decke und Mutter und Sohn wurden neben dem Vater regelrecht erschlagen.
Das muss ihm den Schock seines Lebens versetzt haben, ob er dann erst zum ‚Leichtfuß‘ wurde, weiß man nicht. Auf jeden Fall wurden die Hinweise von Hans in den Wind geschlagen und auf das Gute vertraut. Hinzu kam, dass sich Blanka einfach nicht entscheiden konnte und eines Tage, er verlor langsam die Geduld und fuhr mit ihr in seinem Auto immer schneller. Wenn sie nicht endlich ihr Jawort gäbe und dem Hans den Laufpass, fährt er mit ihr gegen einen Baum, ihm ist alles egal. Meine Mutter sagte „ja“ und damals war sie noch sehr gottgläubig und ein gegebenes Wort nimmt man nicht zurück. Er war sehr stolz auf sie, denn sie war ein sehr hübsches Frauchen und er nannte sie immer „meine Püppi“. Aber eigentlich wussten es andere schon zur Hochzeit, dass es keine gute Ehe wird. Im Keller wurde ihr Ehemann mit ihrer Freundin beim Knutschen erwischt von einem Freund der Familie, der aber aus Rücksicht auf die frisch getraute Braut und deren Eltern es nicht erzählte. Später bemerkte solche immer wiederkehrenden Ausrutscher auch ihr Vater. Einmal zog er mit dem Schwiegersohn auf Hamstertour übers Land. Dort wollten sie Eier, Speck und Butter gegen gestrickte Sachen meiner Mutter eintauschen. Mein Opa sollte im Auto bleiben, Georg wollte das schon machen und kam ewig nicht wieder, Opa fror, Stunden vergingen bis Georg gut gelaunt aus dem Hause kam und herzlich von dort verabschiedet wurde, er hatte ein Techtelmechtel mit der Bauerstochter.
Die tolle Saalfeier
Blanka war hochschwanger, es war Silvesterabend und Georg wollte nur kurz Zigaretten holen und kam nicht wieder. Erst am nächsten Tag um die Mittagszeit war er wieder zu Hause und erzählte irgendeine haarsträubende Geschichte. Mein Opa wollte dem auf dem Grund gehen und holte heimlich Erkundigungen ein. Er erfuhr in einer Gastwirtschaft von einem ach so netten jungen Mann, der Silvester alle ausgehalten hatte, bis in die späten Morgenstunden ausgelassen gefeiert und mit der Wirtstochter, seiner Verlobten getanzt hatte … Dies war der eigene Schwiegersohn, der dann um den Ehering seiner Frau bat, da er ihn versetzen musste um die Zeche zu bezahlen.
Sie entband in der übernächsten Nacht ihr erstes Kind.
Die Enttäuschung über ihren Mann hielt sie nicht davon ab, ihr Kind zu lieben. Sie erzählte, als sie ihre Tochter nach der Entbindung auf dem Arm hielt, fiel ein Lichtstrahl auf deren Gesichtchen und sie empfand eine tiefe, innige Woge des Glücks. Später, da war sie schon mit dem zweiten Kind schwanger und das erste noch nicht ein Jahr alt, bemerkte sie ihre Schwangerschaft an der Tatsache, dass ihre Tochter die Milch nicht mehr wollte und eine Frau aus der Straße, die immer sehr dankbar die übrige Milch für ihr Kind nahm – also auch da half man sich unkompliziert – wunderte sich auch über die Ablehnung ihres Sohnes, er drehte immer den Kopf weg und wollte die von ihm sonst so begehrte Milch nicht mehr. Kurz danach bekam sie die Schwangerschaft amtlich bestätigt.
Schokolade statt Fahrkarte
Er war bei einer Nacht- und Nebelaktion geflüchtet, man sagte ihm Schiebergeschäfte, nicht gehaltene Versprechungen und Schulden nach. Er wollte, dass sie ihm mit den Kindern in den Westen folgt und schickte ihr Geld für die Fahrkarte.
Sie holte für das Geld Schokolade für die Kinder, reichte die Scheidung ein und ließ sich auch nicht vom Kuckuckskleber, der bald danach ins Haus kam und fast alle Möbelstücke einzog und ihr nur noch eine alte Küchenbank daließ, auf der sie die Kinder aus – und anziehen konnte, von ihrem Entschluss abbringen.
Sie nahm sich ganz fest vor, ihre Kinder alleine groß zu ziehen. Das hat sie auch getan, der Sohn ging in den Kindergarten und die Tochter wurde von den im Haus wohnenden Großeltern betreut.
Sie bekam eine Stelle in anspruchsvoller Tätigkeit an der Universität bei der Studienbetreuung. Vieles musste da erst aufgebaut werden und oft musste sie auch auf Reisen gehen um Ausbildungsorte, Unterkünfte für die Studenten zu organisieren oder es ging zu Ausflüge mit den Studenten, wo sie meist ihre Kinder mitnahm, die dann liebevoll mit betreut wurden. Sie wollte mit ihrer ganzen Kraft einen Staat aufbauen, der von Gerechtigkeit und sozialem Miteinander geprägt war und von dessen Boden nie wieder ein Krieg ausgehen sollte. Sie wollte keiner versprochenen Gerechtigkeit im Jenseits mehr vertrauen, sie vertraute auf die Kraft und das Gute der Menschen und das es eine Gerechtigkeit im Staat, auf Erden geben kann, wenn alle mittun.

Von ihrem geschiedenen Mann bekam sie keinen Unterhalt, sie beantragte es nie. Sie war der Meinung, das Glück ihre Kinder bei sich zu haben und sie aufwachsen zu sehen, bedeutet auch die Pflicht für sie zu sorgen und ihm, der sie nicht mehr hatte, wollte sie nicht zur Kasse bitten, sie wollte es alleine schaffen.
Angebote im Umfeld mal so zum ‚Vernaschen‘ von verheirateten Männern, sie war ein sehr hübsches Frauchen, gab es genug und da wurde auch gelockt mit verdeckten Anspielungen auf finanzielle Erleichterung in ihrer schweren Lage. Diese Angebote, auch nach dem Krieg, wo Freundinnen sie mit zu Partys mit amerikanischen Soldaten nehmen wollten, nahm sie nie an, berichtete sie stolz.
Sie erzählte mir, es wäre wichtig, nie seine weibliche Würde zu verlieren. Ja, das hat sie nie, sie hatte Stolz, Würde und Format und vor allem ein großes Herz.
Auch wenn sie damals nicht mehr an die große Liebe glaubte, noch ahnte, dass sie ihr doch noch begegnen sollte, wegwerfen wollte sie sich nie. Viel später, als die Kinder schon groß und ihr erster Mann noch mal heiratete, sorgte seine spätere Frau dafür, dass an die Kinder immer mal ein Päckchen kam, dafür war sie sehr dankbar und rechnete es ihr hoch an, da sie es ja nicht gemusst hätte und wusste es umso mehr zu schätzen und freute sich für ihre Kinder. Aber einen Bettelbrief hätte sie nie geschrieben.

Sie war eine besonders hübsches Frauchen und von einer zurückhaltenden Natürlichkeit. Eines Tages wurde im Rektorat gefeiert nach erfolgreichem Semesterabschluss.
Vom Prorektor wurde sie eingeladen doch mitzukommen, sie wollen noch weiter feiern und er lädt in ein Lokal der Stadt ein. Eigentlich wollte sie nach Hause zu ihren Kindern, aber wollte auch gerne mal feiern, es wurde gerufen aus dem Auto doch mitzukommen. Mit einem Bein schon halb im Auto, stieg sie doch wieder aus mit dem Satz: „Und dennoch siegt die Tugend.“ Später wurde sie oft schmunzelnd gefragt, ob denn die Tugend immer noch siege.
Auf diesem Wege, auf der Fahrt mit dem Bus, lernte sie eines Tages, einige Jahre nach ihrer Scheidung, ihre große Liebe, unseren Vater kennen.
Die zwei Enten
Ernst fuhr an der gleichen Haltestelle los, er wohnte nach einer gescheiterten Ehe in Untermiete und arbeitete als Neulehrer in der Stadt. Dort erblickte er an der Haltstelle jeden Tag Blanka und sie gefiel ihm. Eines Tages wollten sie die Straße überqueren, ein Auto kam und er hielt sie, die unaufmerksam war, an der Hand zurück und ließ diese nicht gleich wieder los. Da meinte Blanka zu ihrer Arbeitskollegin einen Anruf zu bekommen, der Anruf kam und man verabredete sich.
Es wurden nach der Arbeit Runden im Stünzer Park gedreht und Ernst, mein zukünftiger Vater, frank und frei wie er war, erzählte offen von seinem Leben und Blanka, meine zukünftige Mutter war ganz bald schon klar, dass er ihr Mann werden würde.
Ach so die zwei Enten …
Mein Vater erzählte, er hätte sich eines Tages von ihr verabschieden wollen und sie hatte keine Hand frei, da sie unter jedem Arm eine Ente trug, obwohl sie eigentlich nur eine Ente brauchte, da musste er ihr einfach einen Kuss geben zum Abschied und es war um ihn geschehen. Meine Mutter lachte dann immer nur über diese Geschichte und ließ sie unkommentiert im Raum stehen, daher weiß ich es bis heute nicht, ob es wirklich zwei Enten und oder nur die Gefühle waren. Sie erzählte einmal, dass er ihr eines Tages bei ihren Spaziergängen näher kommen wollte und sie ganz entsetzt bemerkte, darauf nicht eingestellt zu sein.
Später erzählte sie mir dann, Vater hätte öfter mal im ehelichen Schlafgemach verschmitzt gefragt, ob sie denn jetzt darauf eingestellt wäre.
Auch erzählte sie mir viel später, trotz zweier Kinder in ihrer ersten Ehe nie eine Ahnung gehabt zu haben, wie es mit einem liebenden Mann sein kann, bis ihr einfühlsamer und sie über alles liebender und rücksichtsvoller Mann in ihr Leben trat, ihre große Liebe, unser guter Ernst, der uns Kindern auch so viel Güte und Toleranz und Freude am Leben mitgab und der zu ihr sagte: „Ich liebe dich mehr als mein eigenes Leben“ und als sie eine Gesichtslähmung hatte und sich sehr entstellt fühlte, tröstete er sie mit den Worten: „Du bist und bleibst immer meine Schönste und das mir Liebste.“
Der neue Vati
Ihr Sohn beklagte sich öfter bei ihr, wenn er vom Fußball kam, warum sie denn keinen Vati hätten, bei den anderen Jungs wären immer die Väter dabei und er fände es blöde keinen zu haben. Als dann Ernst den ersten Anstandsbesuch machte, waren ihre zwei Kinder sehr aufgeregt und wurden besonders gut angezogen. Er bezog sie mit ins Gespräch ein, es wurde ein sehr netter Nachmittag, er gefiel ihnen und sie gefielen ihm – gleich auf Anhieb Liebe auf dem ersten Blick. Als sie dann ins Bett sollten, druckste die Tochter noch rum und meine Mutter fragte nach, was sie denn hätte, denn eine „Gute Nacht“ hatten sie sich schon gewünscht. „Ob ich dem netten Onkel denn einen Kussi geben könnte?“, fragte sie ihre Mutter und schnell war somit innige Freundschaft geschlossen.
Der Kuss blieb, auch als meine große Schwester schon längst verheiratet war und als Bibliothekarin im gleichen Werk wie unser Vater arbeitete. Er hat sich immer gefreut von ihr mit Kuss begrüßt zu werden, egal wer seine Begleitung und wenn es eine Delegation war.
Es gab immer eine innige Verbindung und nie eine Scheu, diese auch vor Fremden zu zeigen.
Der Sohn war sehr froh, sich mit seinem Vati ‚kampeln‘ zu können. Das liebte er über alles, aus Spaß die Kräfte mit ihm zu messen und sie freuten sich beide und er rannte oft dem Sohn nach, um ihn zu haschen und es war immer ein Spaß und Gejohle.
Einmal rutschte er aus beim Gerangel und Reinhard bekam ein blaues Auge.
Erhobenen Hauptes ging er damit in die Schule und als er gefragt wurde, wie das denn passiert wäre, antwortete er nur ganz stolz: „Das war mein Papa.“
Das Herumtollen im Haus wurde auch bei uns späteren zwei Kindern beibehalten. Ich kann mich noch gut daran erinnern. Wenn es ans Schlafen gehen ging, wurde erst einmal herumgetollt und gelacht. Das war zu schön.
Am Sonntag früh durften wir immer ins Schlafzimmer der Eltern, konnten es kaum erwarten, so lustig war es immer. Unsere Mutter, die sich da heraushielt und sicher lieber noch bissel geschlafen hätte, meinte immer ängstlich: „Dass das nur immer sein muss, bis wieder was passiert.“ Aber wir lachten, tollten weiter und waren glücklich alle miteinander.

Die Eltern haben es eilig
Blanka und Ernst als junge Eheleute wollten in die Oper gehen. Ernst kann sich nicht rasieren, da er keine Klinge mehr im Hause hat. Sohn Reinhard wird schnell in die Drogerie geschickt, um eine Packung „Golf“ zu holen. Stolz über den Auftrag, er freute sich ja, so eine richtige Familie und einen Papa bekommen zu haben, eilte er mit dem Fahrrad dorthin und erhitzt und sprachlich überschlagend bestellte er liebe Grüße von den Eltern, sie hätten es ganz eilig und bräuchten schnell eine Packung Gold. Er bekam das Gewünschte in einem Umschlag, ganz stolz übergab er zu Hause die Packung und in Vaters Hand fallen Kondome und keine Rasierklingen.
Dazu muss man wissen, Golfklingen waren für die Rasur und Goldtütchen zur Verhütung.
Meiner Mutter, der die Sache mehr als peinlich war, ging den nächsten Tag zum Ladeninhaber, um das Missverständnis aufzuklären.
Dieser lachte nur und meinte, wenn sie wüsste, was er alles so erlebt, er hätte sich zwar ein bisschen gewundert aber so ganz unlogisch fand er es nicht …
Urlaub mit Zelt und Lebertran
Die Eltern hatten einen Zeltplatz gebucht an der Ostsee mit ihren drei Kindern, das vierte irgendwie auch schon mit – ich war gerade unterwegs. Aller benötigter Hausrat wurde in einer großen Kiste verstaut und mit dem Zug hochgefahren, per Pferdefuhrwerk auf den Zeltplatzgeschafft und Vater konnte gar nicht mit aufbauen, da er dringend wieder in den Betrieb zurückbeordert wurde und den Zug noch bekommen musste. Reinhard so 12 Jahre alt half ganz tüchtig mit, baute die zwei Zelte auf, Steffi und Reinhard sollten in einem kleinen Zelt schlafen und die Eltern in einem – es waren nur ganz kleine Zwei-Mann-Zelte. Er legte auch die Elektrik und war ganz stolz und aufgeregt, so tolle helfen zu können.
Da streifte er den Suppentopf, den Mutti auf dem Kocher vorm Zelt angesetzt hatte und verbrühte sich leider einen Arm. Ganz tapfer ließ er sich von der Sanitätsstelle mit Lebertran verbinden und es stank schrecklich im Zelt. Grund genug für seine Schwester zu ihrer Mutti ins Zelt zu kriechen, die die Wärme und Zweisamkeit genoss, denn es ging ihr zur Zeit der Schwangerschaft nicht gerade gut und ihr war immer kalt. Ernst konnte dann später noch ein bissel nachkommen und die Rückreise konnten sie gemeinsam antreten.

Diese Urlaube, so spartanisch sie auch waren, waren meinen Eltern immer sehr wichtig. Frische Seeluft für die Kinder, das Beste was man ihnen bieten konnte, dafür nahm man auch die umständliche Reise und das einfache Zelten und die primitive Versorgung in Kauf. Selber war man auch sehr naturliebend.
Das Myom auf Beinen
Ja, ich war das Nesthäkchen in der Familie, der Nachzügler, eigentlich das angebliche Myom, das dann Beine bekam und sich zum Zusatzgeschenk entwickelte. Oft haben wir über diese Geschichte gelacht, wenn sie meine Mutter erzählte. Sie hatte ja aus ihrer ersten Ehe zwei Kinder, einen Jungen und ein Mädchen, dann in zweiter Ehe wollte mein Vater unbedingt noch ein Kind von ihr und es kam noch meine andere Schwester und die Kinderwünsche waren eigentlich erfüllt.

Nun war sie schon 40 Jahre alt und mit anspruchsvoller Vollarbeit und den drei Kindern, auch wenn die ersten beiden schon 14/15 Jahre alt und das große Mädchen schon die kleine Mutterrolle leidenschaftlich übernahm, voll ausgelastet.
Auf jeden Fall wurde meine Mutter 40 und ich kündigte mich, ohne dass ich noch gewollt war, an.
Für meine kinderlieben Eltern war es nun gar keine Frage das Kind, also mich, zu behalten und sich über die Schwangerschaft und somit auf mich zu freuen. Aber von dem erhöhten Risiko mit 40 Jahren noch und nach drei gesunden Kindern wusste sie. Unsere Mutter war sehr belesen und informierte sich aktuell und medizinisch und außerdem schrieb sie für einen Professor von der Leipziger Universität viele wissenschaftliche Diktate und passte auf, fragte nach.
Jedenfalls hatte sie Angst, bei dem späten und vierten Kind könnte etwas nicht in Ordnung sein und wollte ganz besonders gute Vorsorge treffen und ging in ein kirchliches Krankenhaus per Privathonorar. Ihre Befürchtungen wurden bestätigt, der Arzt meinte, es sieht leider nicht nach einer normalen Schwangerschaft aus, sondern eher nach einem Myom, aber es wäre noch zu früh dies endgültig zu klären und sie wurde in regelmäßig kurzen Abständen zur Untersuchung bestellt.

Dies zog sich etliche bekümmerte Male hin, bis er wahrscheinlich vom Honorar gut Urlaub machen konnte und meine Mutter zum Glück zu einem Vertreter ging und dieser ihr, zu ihrer großen Erleichterung, eine ganz normale Schwangerschaft bestätigte und ich, das bislang angebliche Myom, dann also Beine bekommen hatte. Als ich dann auf die Welt kommen wollte und der Arzt noch beschäftigt war mit einer anderen Patientin, sollte die Hebamme auf seine Anweisung die Geburt verzögern. Meiner Mutter wurden die Beine zusammengepresst und sie auf die Seite gelegt bei wahnsinnigen Schmerzen. Dann hatte er Zeit, ich kam sofort, aber mit der Nabelschnur drei mal um den Hals und blau angelaufen auf die Welt. Kaum waren wir zu Hause, lag die Rechnung über das ärztliche Entbindungshonorar schon da.
Die Kinder hielten zusammen
Einmal ging Silke mit mir spazieren, ich im Wagen und sie ein Dreikäsehoch. Ein paar Häuser weiter wohnte ein kinderloses Ehepaar und die Frau schaute grad zum Fenster raus. Meinte sie doch zu meiner Schwester: „Na Silke, das ist wohl dein neues Geschwisterchen?“ und sie ganz stolz „Ja, und ich fahre sie spazieren.“ Darauf die Frau: „Aber ihr seid doch schon so viele, da kannst du sie mir doch geben.“
Ganz entsetzt meinte meine Schwester zu ihr: „Das ist meine Schwester, die kriegst du nicht, bohre Dir doch selber eins“ und verschwindet empört.


Die große und die kleine Mutti
Eine Zeit lang dachte ich, zwei Mütter zu haben. Es passierte, ich war drei Jahre alt und bei meiner großen Schwester auf dem Arm. Meine Mutti gab meiner Schwester und dann erst mir einen Kuss. Ich meinte ganz entsetzt und besitzergreifend zu meiner großen Schwester: „Das ist aber meine Mutti“, und wurde aufgeklärt, dass es auch die Mutti von meiner Schwester sei. Ich stellte aber klar, dass dem nicht so ist, es gibt eine große und eine kleine Mutti für mich, was anderes wollte ich nicht hören.

Der Bastard
Ihr guter Ernst hat sie sicher für manch erlittenen Kummer entschädigt. Er, der selber viel Kummer erleben musste, geboren als uneheliches Kind seiner unverheirateten Mutter wurde als Bastard beschimpft. Seiner Mutter wurde das Entziehungsrecht entzogen – so waren die Gesetze im Nazideutschland – und er lebte bei einem Onkel, der ihn mehr duldete als liebte, der ihn mehr ausnutzte als behütete, auf. Oft hatte er Hunger und bekam nur trocken Brot, aber die großen Weinfässer hatte er zu säubern und es gab von früh bis spät viel Arbeit in den Weinbergen.
Als 16-jähriger wurde er von diesem Onkel in den Krieg geschickt und verlor mit 17 Jahren das Bein. Er war am Boden zerstört, sein Leben schien ihm zu Ende und wahrscheinlich hielt ihn nur das Schicksal seines besten Freundes am Leben, der im gleichen Alter und zur gleichen Zeit das Augenlicht verloren hatte und bei Tobsuchtsanfällen sich nur von ihm wieder beruhigen ließ.
Nervenzusammenbruch, unglückliche Ehe, als Hungerleider, Krüppel beschimpft, noch mehr in den Dreck getreten als er sich ohnehin schon fühlte, hat er es doch geschafft aus dem Sumpf sich hochzuziehen und nach der Scheidung als Neulehrer neu anzufangen und wegzuziehen. In der Ehe mit meiner Mutter gewann er immer mehr Selbstvertrauen und traute sich sogar ein Studium zu.

Er wurde Technischer Direktor in einem großen Kombinatsbetrieb und vertrat zusätzlich viele Ehrenämter im Gemeinderat. Immer uneigennützig, eine kleine Begebenheit möchte ich daraus erzählen. Unser Vater arbeitete ehrenamtlich bei der Planung des Straßenbaus im Ort und viele Nachbarstraßen wurden saniert und unsere Mutter, die immer mal die Woche mit einem großen Berg frisch gewaschener Wäsche im Leiterwagen zum Ortskern zur Rolle fuhr und durch unsere Straße mit den vielen Schlaglöchern und Pfützen musste, meinte doch einmal zu ihm, er könne auch ruhig mal an die eigene Straße denken. Erst kommen die anderen dran, wie sieht das denn aus, wenn ich erst an mich denke, war seine Antwort, das wird schon noch …
Mit viel Einsatz
schafften die Beiden unwahrscheinlich viel. Ihr Leben bestand aus vielen Pflichten und viel Arbeit, aber durch ihre große Liebe zueinander schafften sie alles und konnten uns Kindern viel von ihrer Liebe, ihrer Wärme, ihrem Lebensmut und ihrer Lebenslust abgeben.
Es wurde auch sehr gerne gefeiert und wir Kinder gehörten selbstverständlich dazu, die Kleinen wurden meist sogar bevorzugt bedient und wenn es beim Bratwurstessen war, was für alle schon ein Festessen darstellte, zu dem man sich geduldig anstellte.

Sie wollten sich, alle ihre Kraft einbringen in diesen neuen Staat, der für soziale Gerechtigkeit stand. Sie hielten die Gesellschaftsform des Sozialismus für die Sozialere.
Dann arbeitete unsere Mutter lange Vollberufstätig, dazu war der Sonnabend auch ein Arbeitstag und erst viel später wurde das Wochenende länger und der Sonnabend war arbeitsfrei. Trotzdem fühlten wir Kinder uns nicht vernachlässigt.
War sie da, gehörte alle Liebe, Aufmerksamkeit und Fürsorge ganz uns. Es geschah immer in Harmonie, das Essen stand immer pünktlich auf dem Tisch und wir kannten unsere Mutter nur arbeitend, aber immer ausgeglichen. Sicher lag es aber auch an unserer großen Schwester, die als 15-jährige uns, die Kleinen, liebevoll bemutterte.
Neben ihrer Vollberufstätigkeit hat es unsere Mutter auch noch geschafft, den Haushalt, das Kochen, ihre Kinder zu versorgen, den großen Garten am Haus zu bewirtschaften, dazu gab es noch einen kleinen Garten mit Erdbeeren und Brombeeren am Ortsfluss, der Rietschke.

Zu dem kleinen Garten wurden auch Fuhren von Hühnermist mit dem Handkarren hingebracht, damit die Erträge auch besonders gut werden, weil ja einige Personen zu versorgen waren und dies machte unsere Mutti ganz allein. Na und dann gab es auch noch die Hühner und Kaninchen, da baute unser Vati die Ställe selber und mähte mit der Sense das Gras, manchmal halfen wir ihm dabei und durften die Handsichel nehmen, das Heu wurde selber gemacht.
Geschlachtet wurde selbstverständlich auch selber, das bekamen wir Kinder aber nie so direkt mit, auch wenn wir sicher davon wussten. Zu Hause der Garten wurde intensiv genutzt. Da gab es nur eine kleine Wiese und unter den vielen Obstbäumen waren Beete, also eine Doppelnutzung noch dazu.
Wie sie das alles bewältigt haben, ist mir heute noch ein Rätsel.

Wir Kinder sollten höchstens mal im Sommer draußen in einer Waschschüssel unsere Strümpfe selber waschen.
Moderne Haushaltgeräte gab es ja damals noch nicht. So wurden Windeln noch im Windeltopf gekocht und die große Wäsche wurde im Waschhauskessel mit Kohlefeuerung zum Sieden gebracht, gestampft, gespült, durch die Handmangel gedreht, dann zum Trocknen aufgehängt … Erst später gab es eine kleine elektrische Wäscheschleuder und noch später die erste Waschmaschine.
Mehr zum Spaß bekamen wir jeder ein klitzekleines Blumenbeet in Pflege, später dann nahmen wir abwechselnd der Mutter den Abwasch nach dem Abendbrot ab.
Grüne Heringe und Klöße
Einmal im Jahr gab es frische grüne Heringe, aber gleich einen ganzen Eimer voll für die ganze Familie, auch als wir Kinder schon verheiratet waren, wurden wir bedacht, frisch gebraten und dann eingelegt als Brathering und die wurden natürlich selber ausgenommen.
Zu Weihnachten wurden die Klöße selber gemacht, das waren dann zwei Wassereimer voll Kartoffeln, die geschält werden mussten – auch für die ganze Familie. Die Gerüche der Weihnachtstage kann ich heute noch heraufbeschwören, so schön waren diese. Es roch nach selbstgemahlenem Kaffee, den unsere Oma mit der Handmühle mahlte, es roch nach Entenbraten, der in der Backröhre des Kohleherdes brutzelte, nach gekochten Kartoffeln, nach geschwefelter Kartoffelrohmasse – damit die Klöße auch schon weiß blieben –, nach angerösteten Brotwürfeln für die Klöße. Da wurden immer etwas mehr geröstet, damit für uns zum Naschen blieb. Dies allerdings notgedrungen, sonst bekamen die letzten Klöße keine Füllung, denn auch wenn es schlecht ging, da die Küche fast ständig besetzt war, waren wir sehr einfallsreich diesbezüglich.
Die Lecker-Bäckereien wurden auch schon vorbereitet und es lag ein Duft von Zimt und anderen Weihnachtsgewürzen in der Luft und trotzt der vielen Arbeit keine Spur von Hektik.
Die Stollenbäckerei
jedes Jahr war eine aufregende Sache. Die Zutaten wurden schon Anfangs des Jahres gesammelt und Oma, die durch eine im Hamburg lebende Schwester, Westbeziehungen hatte, bekam auch ab und zu ein Päckchen mit Sultaninen, dem Zitronat, Nüssen, Schokolade und dem so beliebten Kaffee. Die Schmelzbutter konnte man gut sammeln und schon lange vorher Stück für Stück beschaffen. Dann wurde für 30 Laib Stollen Teig geknetet mit der Hand, eine sehr mühsame Arbeit für Oma und Mutti, da half auch Vati mit und dann ging es mit den vielen Stollenlaibern auf den langen Stollenbrettern mit jeweils einem Aluminiumstecker mit dem Namen eingeritzt per Leiterwagen vorsichtig zum Bäcker. Der nahm es entgegen und gegen ein Entgelt wurden die Stollen bei ihm dann gebacken. Dann wurden sie wieder abgeholt, denn sie mussten ja noch warm gebuttert und gepudert werden mit Puderzucker. Später dann konnten die Leute ihre Zutaten bringen und der Bäcker machte den Teig in seiner Knetmaschine selber, das war immerhin eine große Erleichterung und die Leute saßen in der Backstube und beobachteten mit Argusaugen den Vorgang, damit auch jeder die richtigen guten Zutaten in seine Stollen bekam.
Noch später durfte dann wegen der Hygiene niemand mehr in die Backstube kommen und das war schlimm, da wurden also nur noch die guten Zutaten abgegeben mit den Aluminiumsteckern in der Hoffnung man bekam auch die rechten Stollen. Oft erschienen einem diese aber merkwürdig trockenY
Ein Teil der Stollen wurden immer verschickt und ein Teil mit dem ersten Advent feierlich angeschnitten und genossen. Einmal schmeckte ein Stollen besonders gut. Das war ein Vergessener vom vergangenen Jahr, der wohl verpackt in der Stollentüte auf dem Schlafzimmerschrank der Eltern lag und erst bei dem nächsten Stolleneinlagern entdeckt wurde. Schon ziemlich hart geworden, bohrte man lauter kleine Löcher hinein und füllte diese mit Malzkaffe. Dann weichte er so innerlich auf und war ein Hochgenuss für uns alle und er durfte außer der Zeit genossen werden.
Außer Stollen gab es noch Lebkuchen. Die waren immer besonders lecker und wurden schon Wochen vor dem Backen in einem großen Windeltopf angesetzt mit Rübensirup und Pottasche und Honig und Mehl und der Teig schmeckte uns Kindern so schon gut, sollte aber nicht gesund sein hieß es immer, das mochte aber ein Vorwand sein, damit zum Backen noch was übrig war von ihm und der Topf wurde jedes Jahr woanders versteckt. Meistens schafften wir es ihn zu finden, aber es verging Zeit, bis wir ihn endlich entdeckten und so konnten wir nicht mehr ganz so viel vernaschen.
Nur einmal fanden wir ihn gar nicht – das war blöd! Das war dann das Jahr mit den besonders vielen Lebkuchen – das war wiederum fein.
Pulsuz fraqment bitdi.