Kitabı oxu: «Walden oder Leben in den Wäldern»
Henry D. Thoreau
Walden oder Leben in den Wäldern
Saga
Walden oder Leben in den WäldernOriginal Walden; or, Life in the WoodsCoverbild / Ilustration: Shutterstock Copyright © 1854, 2020 Henry D. Thoreau und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726511284
1. Ebook-Auflage, 2020
Format: EPUB 2.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit Zustimmung von SAGA Egmont gestattet.
SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk
– a part of Egmont www.egmont.com
Henry D. Thoreau
DIE Pyramide aus Kieselsteinen, die an der Stelle sich erhebt, wo einst Henry Thoreaus Hütte am Waldenufer stand, wächst von Jahr zu Jahr. Sie ist gleichsam das Symbol, nicht nur der steigenden Anerkennung, die seine Landsleute und dankbare Menschen aus allen Ländern ihm zollen, sondern auch des Fortschrittes, den im materialistischen Amerika die Pflege ideeller Güter macht. Wer die Empfindlichkeit kennt, welche der Amerikaner jedem Tadel seines Landes und seiner „Kultur“ entgegenbringt, und andrerseits liest, wie mutig und derb, wie treffend und klar Thoreau — von warmer Liebe zum Vaterlande beseelt — seinen Landsleuten die Wahrheit sagt, ihre Schwächen und Fehler, ihre Laster und Torheiten aufdeckt, der wird mit doppelter Genugtuung die zunehmende Wertschätzung dieses Denkers und Dichters verfolgen. Thoreau galt zu seinen Lebzeiten manchen als ein Narr und Faulenzer, den meisten als ein Sonderling. Nur wenigen — darunter befanden sich allerdings die Besten seiner Zeit: Emerson, Alcott, Channing — war er ein Phänomen, ein Dichter, ein Seher. Diesen wenigen erschien sein Leben nicht schon deshalb verfehlt, weil es weder nach Ruhm noch Geld geizte und in der Einsamkeit verfloss. Sie wussten, dass er wie kein zweiter vermochte, in dem heiligen Buch der Natur zu lesen, dass er aus seinem Körper einen Tempel für eine reine Seele schuf. Sie wussten oder ahnten, dass ein seltener Mensch, eine Individualität unter ihnen wandelte, die wohl ihresgleichen noch nie auf Erden hatte. Ihnen war es kein Menschenhasser, sondern ein Menschenbeglücker, kein Weltflüchtiger, sondern ein Weltbesieger, kein verworrener Träumer, sondern ein Philosoph, der seine Philosophie lebte.
Thoreau’s Grossvater war französischer Abstammung und in St. Heliers auf der Insel Jersey geboren. Er wanderte, kaum dem Knabenalter entwachsen, 1773 nach Amerika aus, liess sich in Boston nieder und heiratete 1781 Jane Burns, in deren Adern schottisches und Quäkerblut floss. Sie gebar ihm vier Kinder – einen Sohn und drei Töchter. Später zog die Familie nach Concord, wo John Thoreau im Alter von siebenundvierzig Jahren an Schwindsucht starb. Sein einziger Sohn, John Thoreau, der Vater Henrys, wurde 1787 in Boston geboren. Er setze des Vaters kaufmännisches Geschäft fort, hatte aber so wenig Erfolg, dass er Bankerott machte, alles verlor und, um seinen Gläubigern möglichst gerecht zu werden, selbst seinen Ehering verkaufte. Er war mit einem temperamentvollen, klugen und witsigen Mädchen, mit Cynthia Dunbar, der Tochter des Advokaten Asa Dunbar aus Keene, vermählt. Sie war von hoher Gestalt, hatte angenehme Gesichtszüge, liebte Musik, sang mit gutem Können, besass ein hervorragendes Gedächtnis und wusste über viele Gebiete lebendig und anregend zu plaudern. Ihre Gutmütigkeit war allgemein bekannt. Stets war sie bereit, den Armen zu helfen. In vielen äusseren und inneren Eigenschaften unterschied sie sich von ihrem Manne. Henrys Vater war von kleiner Figur, ernst und verschlossen, pflichttreu in jeder Hinsicht, fast ganz von seiner Arbeit in Anspruch genommen, doch ab und zu der Geselligkeit und munterem Geplauder nicht abgeneigt. In ihm steckte mehr Franzosen- wie Yankeeblut. Beiden Eltern gemeinsam war die Vorliebe für die Natur. Viele Jahre hindurch sah man sie in Fair Haven, am Walden und an anderen Plätzen in Wäldern und auf Hügeln umherstreifen, wo sie, wenn immer ihre Pflichten es erlaubten, botanisierten und mit verständnisvollen Augen die unendliche Mannigfaltigkeit der Natur beobachteten. Henrys Mutter hatte eine so grosse Vorliebe für diese Wanderungen, dass für eines ihrer Kinder der „Leehügel“ beinahe zum Geburtsort geworden wäre.
Als dieser Eltern drittes Kind ward Henry David Thoreau am 12. Juli 1817 auf einer Farm in der Nähe von Concord, Massachusetts, geboren. Dort wuchs er unter urkräftigen Farmern, die weder Armut noch Reichtum kannten, unter harmlosen, pflichttreuen Menschen in einem Hause heran, in welchem eine frohsinnige Mutter mit bescheidenen Mitteln Sonnenschein und Behaglichkeit verbreitete, und wo ein ernster Vater in emsiger, hochgeschätzter Arbeit die Seinen treu versorgte. Schon mit zwölf Jahren nahm Thoreau sein Gewehr unter den Arm und durchstreifte jagend Moor und Wald, ruderte auf dem Musketaquid oder auf dem Assabet oder wanderte zum Waldenteich. In der guten kleinen Schule zu Concord lernte er die besten lateinischen und griechischen Klassiker kennen, doch sagte er selbst, dass er hier — und später auch in Harvard — manche Stunde, die er dem Studium widmen sollte, zum Durchstreifen der Wälder und zum Erforschen der Ströme und Teiche seiner engeren Heimat verwendete.
Im Alter von sechzehn Jahren bezog Thoreau die Universität Harvard. Da der Vater allein mit seinen bescheidenen Einnahmen den Universitätsbesuch seines Sohnes nicht bestreiten konnte, leisteten einige entfernte Verwandte und auch die ältere Schwester, die bereits Schullehrerin war, freundwillig Beihilfe. Thoreau selbst aber übte die grösste Sparsamkeit. In den Ferien unterrichtete er privatim Schüler oder nahm vorübergehend Lehrerstellen auf dem Lande an. Als er 1835 an der Distriktschule in Canton während der Universitätsferien lehrte, begann er mit einem Pfarrer die deutsche Sprache zu studieren. In Harvard selbst zeichnete er sich weder durch hervorragende Geisteseigenschaften noch durch ein freundliches Wesen aus. Meistens hielt er sich von seinen Kameraden fern, las eifrig und viel, und übte strenge Selbstzucht, indem er über all sein Tun von sich selber Rechenschaft verlangte. Man hat bisweilen darauf hingewiesen, dass Thoreau der Harvarduniversität viel verdanke. Er selbst sagt jedoch in einem Brief aus dem Jahre 1843, dass er dort hauptsächlich gelernt habe, sich „gut auszudrücken“ und dauernden Gewinn nur aus der Bibliothek davontrug. Er las nicht nur die lateinischen und griechischen Klassiker, sondern auch besonders englische Literatur, Chaucer, Spenser und vor allem Milton. Im übrigen beschäftigte er sich mit Naturwissenschaften. Seine Liebe zum Freiluftleben erkaltete in Harvard nicht, er sehnte sich fort „aus diesen düsteren, wenn auch klassischen Mauern“ nach seiner alten, geliebten Freundin Natur.
Als er, zwanzig Jahre alt, Harvard verliess und nach Concord zurückkehrte, widmete er sich zunächst der Schulmeisterei, von dem Präsidenten der Universität, von Emerson, und dem allgemein beliebten Pfarrer Ripley mit besten Empfehlungen versehen. Mit seinem Bruder John, der seinem Herzen vielleicht von allen Menschen am nächsten stand, eröffnete er eine Privatschule und lehrte an der „Akademie“ in Concord, ohne jedoch Befriedigung zu finden. Nach kurzer Zeit sehen wir ihn schon in der Bleistiftfabrik des Vaters. So oft und wann auch immer seine Arbeit es ihm ermöglichte, eilte er ins Freie, um sein Amt als „selbsternannter Inspektor der Schneestürme und Regengüsse“ zu versehen, um den dämmernden Morgen und die sinkende Sonne zu überwachen und den Botschaften des Windes zu lauschen. Er entwickelte eine ausserordentliche Geschicklichkeit in allen technischen Dingen, erfreute sich bald eines vorzüglichen Rufes als Landmesser, begann auch dichterisch sich zu betätigen und hielt ab und zu Vorträge im „Lycaeum“ zu Concord. 1839 baute er sich selbst ein Boot und machte mit seinem Bruder John eine Ferienreise auf den Concord- und Merrimacflüssen. Eine farbensatte, gedankenreiche Schilderung dieses Ausflugs erschien zehn Jahre später (1849) unter dem Titel: A week on the Concord and Merrimac river. Das Buch ist voll herrlicher Landschaftsbilder und voll begeisterter Worte über seine Lieblingsdichter. In dem Kapitel, „Montag“ preist Thoreauvor allen die alten indischen Schriften. Das Kapitel ,,Donnerstag“ enthält manches Interessante über Goethe, der „Mittwoch“ wiederum Gedanken über Freunde und Freundschaft, die in ihrer psychologischen Tiefe und in ihrer heissen Sehnsucht nur mit dem herrlichsten, was Nietzche über diese Dinge sagte (im Nachgesang „Aus hohen Bergen“ z. B.) verglichen werden können. Als Thoreau 1853 von seinem Verleger siebenhundert Exemplare dieses Buches zurückerhielt, schrieb er einem Freunde: Ich besitze jetzt seit einiger Zeit eine ziemlich umfangreiche Bibliothek, mehr als siebenhundert Bände, die ich fast alle selbst geschrieben habe.“
Allmählich erhielt Thoreau’s einziger und vertrauter Freund John einen Nebenbuhler in Emerson, der seit 1834 in Concord lebte und für den jungen Henry wachsendes Interesse empfand. 1837 hatten sie sich zuerst getroffen und schon im nächsten Jahre schrieb Emerson: „Ich habe Herzensfreude an meinem jungen Freunde. Nie, glaube ich, ist mir ein solch freimütiger, fester Charakter begegnet.“ Bald darauf ward Thoreau eng mit Emerson befreundet, und seit 1840 willkommener Gast in dem Haufe dieses schon damals hochberühmten Mannes. Durch Emersons Aufenthalt wurde Concord gleichsam zum amerikanischen Weimar. Reges geistiges Leben entfaltete sich in der kleinen, nur zweitausend Einwohner zählenden Stadt. In Emersons und Ripleys Hause kamen die ,,Transzendentalisten“ zusammen, Leute, deren höchster. Lebenszweck, wie Knortz sagt, das Streben nach Wahrheit war, die religiöse Zeremonien verabscheuten und christliche Ethik in den Vordergrund stellten. Transzendentalismus wurde aus Europa eingeführt. Nur wenige Schriften von Kant, Fichte und Schelling fanden den Weg über den Ozean. Nur wenige Leute lasen um diese Zeit Deutsch, manche dagegen Französisch. Ausländische Zeitungen berichteten über die Fortschritte der deutschen und französischen Spekulation. 1804 hielt Degérando in Paris bereits Vorlesungen über Kant. Schellings leitende Ideen wurden durch Coleridge verbreitet. Fouriers Bestrebungen wurden lebhaft aufgenommen und ins Praktische übersetzt. Die Schriften Carlyles über deutsche Literatur und über Goethe wurden durch Emerson dem amerikanischen Publikum zugänglich gemacht. Margarete Fuller, die Rahel des Emerson-Kreises, übersetzte Goethes Gespräche mit Eckermann, Ripley schrieb über Goethe und Schiller — kurz, eine Renaissance in Religion, Ethik, Kunst und Politik dämmerte herauf, und ernst wurde in den Zeitschriften um die neue Weltanschauung gekämpft, deren Ideen hauptsächlich das von Emerson und Margarete Fuller herausgegebene ,Dial“ und die Newyorker Tribüne vertraten. ,,Die transzendentale Bewegung“, sagt Lowell, „war der protestantische Geist des Puritanismus, der nach neuer Betätigung drängte und aus alten Formen und Dogmen, welche ihn eher verschleierten als enthüllten, sich losringen wollte.“ Und obwohl diese Bewegung nur kurze Zeit bestand, nur von wenigen, allerdings hervorragenden Menschen geleitet wurde, war der Einfluss auf die Zeitgenossen gross. Emerson, Theodore Parker, Bronson Alcott und Thoreau erzielten durch Kampf und Arbeit den praktischen Erfolg, dass ihre Mitmenschen nicht nur wissbegieriger, sondern auch zufriedener mit ihrer Lage, menschlicher in ihren Empfindungen, bescheidener in ihren Hoffnungen und glücklicher in ihrem Familienleben wurden.
Die Herausgabe des „Dial“ machte viel Arbeit. Emerson war ausserdem häufig von Concord abwesend, um in der weiteren Umgegend Vorträge zu halten und konnte sich wenig um Haus und Hof bekümmern. Darum bat er 1841 Thoreau, „den jungen Dichter voll von Melodien und Einfällen“, wie er an Carlyle um diese Zeit schrieb, in sein Haus zu ziehen. Thoreau nahm diese Aufforderung an und erwies Emerson hierdurch einen Freundschaftsdienst. Andere Deutungen sind unrichtig. Es ist selbstverständlich, dass das häufige und nunmehr ganz intime Zusammensein mit einem Manne von Emersons Persönlichkeit auf den vierzehn Jahre jüngeren Thoreau starken Einfluss ausüben musste. Doch war Emerson sicher nicht allein der Gebende. Thoreau machte sich, dank seiner hervorragenden technischen Geschicklichkeit, nicht nur in Haus und Hof wohlverdient, er war es auch, der Emerson einen tieferen Einblick in die Natur eröffnete und durch seine denkbar einfachste Lebensweise dem älteren Freund geradezu als Vorbild diente. Emersons Sohn selber sagt, dass sein Vater sich ,,freudig von diesem helläugigen, wahrhaftigen und ernsten Manne zu den heiligsten Altären des Waldgottes führen liess“. Thoreaus Gedichte und Essays aus dieser Zeit fanden im „Dial“ Aufnahme.
Inmitten dieses sympathischen Kreises traf Thoreau der härteste Schlag seines Lebens: der Verlust seines Bruders John. Er wurde teilnahmlos gegen seine Umgebung und machte den Eindruck, als ob er sich selbst hasse. Trost suchte und fand er in der ewig gütigen Natur. „Ich finde solch ein Ereignis eher seltsam als traurig,“ schrieb er später. ,,Wer gibt mir das Recht, traurig zu sein, wo ich noch nicht aufgehört habe mich zu wundern?“
Immer mehr fühlte er, dass sein eigentlicher Beruf die Schriftstellerei sei. Als ihm 1843 bei Verwandten Emersons in Staten Island nahe bei New York eine Erzieherstelle angeboten wurde, willigte er ein, weil er dadurch Gelegenheit erhalten konnte, mit hervorragenden Literaten und Verlegern New Yorks in persönliche Beziehungen zu treten. Auch hoffte er, eine hartnäckige Bronchitis durch die Luftveränderung zu vertreiben. Soviel wie möglich war er auch hier im Freien. Das Meer machte einen gewaltigen Eindruck auf ihn. Einige herrliche Stanzen legen davon Zeugnis ab. Bald lauschte er dem Branden der See, bald dem Brausen der Grossstadt. Trotz freundlicher Bemühungen angesehener Leute zeigten sich in New York keine günstigen Aussichten. Ein längerer Aufenthalt wurde ihm verleidet. Im Herbst 1843 finden wir ihn schon wieder in seinem geliebten Concord. Er fabrizierte aufs neue Bleistifte, gab aber diese Beschäftigung hernach bald ganz auf, als seiner Hände Arbeit eine Auszeichnung erhielt — diese Kunst beherrschte er, jetzt hiess es, ein neues Feld der Tätigkeit bemeistern. Torrey hat recht, wenn er sagt: ,,Natur, Menschen, Bücher, Musik — alles diente Thoreau nur dazu, an sich selbst zu bauen.“ Aber immer mehr fühlte er, dass seine Lebenskunst, die stets darin bestanden hatte, möglichst wenig zu bedürfen, ihn mit jener Musse nicht beschenkte, deren er dringend bedurfte, um Gedachtes und Geschautes in sich zu verarbeiten. Emersons „Dial“ konnte nur ausnahmsweise einmal Honorar bezahlen; Landvermessungen, Tischlerei und Hilfeleistungen für die Farmer der Umgegend nahmen viel Zeit in Anspruch, brachten aber wenig Lohn. Mit anderen Worten: der fortwährende Kampf um einen noch so bescheidenen Lebensunterhalt, der Einfluss der transzendentalen Schule, der Drang, individueller Freiheit in jeder Hinsicht sich zu erfreuen, brachten allmählich in Thoreau den Plan zur Reife, eine Phase seiner transzendentalen Philosophie praktisch zu erproben: die Vereinfachung des Lebens. Schon 1839 hatte er in sein Tagebuch geschrieben: „Ich möchte meinen Instinkten leben, einen ungetrübten Eindruck in die Natur bekommen und mit allen mir verwandten Elementen in freundlichem Einklang stehen.“ Und einige Jahre später (1841) schrieb er: „Ich möchte am See in der Stille wohnen, wo mir nur das Rauschen des Windes im Röhricht erklingt. Ich werde gewinnen, wenn ich alles Äusserliche von mir abschüttele. Meine Freunde fragen mich, was ich dort treiben werde? Werde ich nicht genug damit zu tun haben, die Jahreszeiten zu beobachten?“
Der Waldenteich in Concords Nähe war mit seinen frühesten Kindheitserinnerungen verknüpft. Als Jüngling war er oft in dunkeln Nächten zu seinem steinigen Ufer gepilgert und hatte bei hell loderndem Feuer Bricken gefischt. Nicht selten hatte er auch an blauen Sommertagen ein altes Boot auf dem Teich bestiegen und sich träumend von Wind und Wellen treiben lassen. Fast ebenso sympathisch war ihm die etwa zweieinhalb Meilen von Concord entfernte Hollowell Farm. Für das halbverfallene, graue Häuschen, das mitten in einem Hain roter Ahornbäume nahe am Flusse lag, bot er dem damaligen Besitzer zehn Dollars. Als aber der Kontrakt aufgesetzt werden sollte, wurde des Farmers Frau andern Sinnes — „jedermann hat solch eine Frau,“ schreibt Thoreau — und der Verkauf zerschlug sich. So wurde denn 1845 das Ufer des Waldenteiches endgültig gewählt.
Hören wir Thoreau selbst: ,,Als ich mir klar darüber wurde, dass meine lieben Mitbürger mir kein Bureau im Rathaus, keine Pfarre oder irgend einen Broterwerb anbieten würden, dass ich vielmehr mir selbst helfen müsse, wandte ich mein Augenmerk mehr denn je den Wäldern zu. Dort war ich besser bekannt. Als ich zum Waldenteich wanderte, beabsichtigte ich dort weder billig noch teuer zu leben, sondern möglichst ungehindert Privatgeschäfte zu tun. . . . Ich zog in die Wälder, weil ich den Wunsch hatte, mit Überlegung zu leben, alle Wirkenskraft und Samen zu schauen und zu ergründen, ob ich nicht lernen könnte, was ich lehren sollte, um beim Sterben vor der Entdeckung bewahrt zu bleiben, dass ich nicht gelebt hatte. Ich wollte nicht das Leben, was kein Leben war. Das Leben ist so kostbar. Auch wollte ich keine Entsagung üben — höchstens im Notfall. Ich wollte tief leben, alles Mark, des Lebens aussaugen, so herzhaft und spartanisch leben, dass alles, was nicht Leben war, aufs Haupt geschlagen würde. Ich wollte mit grossen Zügen knapp am Boden mähen, das Leben in die Enge treiben und es auf die einfachste Formel bringen. . . .“
Gegen Ende März 1845 lieh Thoreau von seinem Freunde Alcott eine Axt, zog zum Waldenteich, fällte Tannen und begann das Holz zum Hausbau herzurichten. Zwei bis drei Wochen widmete er froh und fleissig diesem Vergnügen. Dann stellte er mit Hilfe einiger Freunde, die er mehr aus Höflichkeit als aus Notwendigkeit herbeigerufen hatte, sein Haus auf. Die Hütte war zehn Fuss lang und fünfzehn Fuss breit, hatte einen Speicher, einen Wandschrank, ein grosses Fenster und erhielt später auch einen Kamin. An Hausrat gab es nur ein Bett, einen Tisch, drei Stühle, einen Spiegel (drei Zoll im Durchmesser), einen Kessel, eine Bratpfanne, einen Schöpflöffel, einen Becher, zwei Messer und zwei Gabeln, drei Teller, ein Waschgeschirr, einen Krug für Ölund einen für Melasse und eine Lampe. Einige Ziegelsteine, die auf seinem Schreibtisch lagen und jeden Morgen abgestäubt werden mussten, warf er bald aus dem Fenster: wenn schon etwas abgestäubt werden müsste, so sollte es der geistige Hausrat sein. Jeden Morgen nahm er ein Bad im Teich. Das war religiöse Übung. Dann kam die Tagesarbeit oder die Tagesmusse. Er pflügte, noch ehe sein Haus fertig war, etwa zweieinhalb Morgen sandigen Bodens um und bepflanzte sie mit Bohnen, zum Teil mit Kartoffeln und mit Erbsen und Rüben. Im ersten Sommer arbeitete er stets von fünf Uhr bis zur Mittagsstunde auf dem Felde. Leute, die dort vorüberkamen, schauten mit Verwunderung auf den seltsamen Farmer, der, ohne Dünger auf den Acker zu bringen, um eine Zeit Bohnen pflanzte, wo andere sie bereits hackten. Der seltsame Farmer aber empfand in seiner Seele eine fast überirdische Befriedigung. Er begann seine Bohnen zu lieben, obwohl er mehr von ihnen grosszog als er bedurfte. Sie brachten ihn der mütterlichen Scholle näher, und er ward stark wie Antaeus. Und wenn er mit seiner Hacke gegen einen Stein schlug, und Himmel und Erde diese Musik widerhallten, dann hatte er schon reichliche Ernte. „Es waren keine Bohnen mehr, die ich hackte, und ich war es nicht mehr, der sie hackte,“ schrieb der Mystiker Thoreau. . . . Hatte er den Morgen hindurch gearbeitet, dann erfrischte er sich durch ein zweites Bad im Teich und genoss am Nachmittag völlige Freiheit, durchstreifte Wälder und Felder, wohin auch immer die Stimmung ihn trieb. Oft widmete er den ganzen Tag der Musse. Er sagt in seinem Waldenbuch: „Bisweilen sass ich an Sommertagen, wenn ich mein gewohntes Bad genommen hatte, vom Sonnenaufgang bis zum Mittag traumverloren im Sonnenschein auf meiner Türschwelle zwischen Fichten, Walnussbäumen und Sumach in ungestörter Stille und Einsamkeit, während die Vögel ringsum sangen und geräuschlos durch das Haus flatterten. Erst wenn sich die Sonne in meinem Fenster gen Westen spiegelte, oder das Rollen eines Reisewagens auf der fernen Landstrasse erklang, kam mir der Gedanke, wie schnell die Stunden verflogen. In solchen Stunden wuchs ich wie der Mais in der Nacht. Sie waren auch weitaus besser angewendet als irgend ein Werk meiner Hände hätte sein können. Sie wurden meinem Erdenwallen nicht abgezogen, sondern zugelegt.“ Die Stunden wurden ihm nicht durch das Schlagen einer Uhr zersetzt. In Mondnächten liess er auf dem Teich im Boot sich treiben und weckte mit seiner Flöte Klang das Echo der schlummernden Wälder. . . . In seiner Kleidung war er völlig anspruchslos. Er trennte sich ungern von alten Schuhen und Röcken, sie waren ihm mit der Zeit vertraute Freunde geworden. Seine Nahrung bestand aus Reis, Maismehl, Kartoffeln und Bohnen. Nur selten fing er sich ein Gericht Fische im Waldenteich, noch seltener ass er gesalzenes Schweinefleisch. Wasser war sein einziges Getränk. Sein Brot buck er selbst.
Im Spätherbst des Jahres 1845 versah er sein Häuschen mit Bewurf und baute einen Kamin. Jetzt erst wurde sein Haus sein Heim. Doch war er täglich stundenlang bei jedem Wind und Wetter im Freien, machte heute einer einsamen Edeltanne Besuch, die einige Meilen entfernt auf einem Hügel wuchs und ging morgen zu einem Murmeltier, mit dem er sich „verabredet hatte“. Die langen Abendstunden benutzte er dazu, die Notizen, die er während seiner Wanderungen flüchtig niedergeschrieben hatte, in sein Tagebuch zu übertragen. Auf Emersons Rat hatte Thoreau kurz nach der Studentenzeit in Harvard begonnen, täglich seine Gedanken und Beobachtungen aufzuzeichnen — ein Tagebuch zu führen. Er setzte es — auch hierin eine Ausnahme unter Tausenden, wie Torrey sehr richtig bemerkt — getreulich bis zu seinem Tode fort. Diese Tagebücher sind erhalten: mehr als dreissig Bände, von denen manche mehr als hunderttausend Worte enthalten. Sie sind ein Denkmal des Sehnens und Strebens, des hohen Fluges dieses reinen Menschen, ein Schatz herrlicher Gedanken, haarscharfer Naturbeobachtungen und wunderbarer Landschaftsbilder. Unaufhörlich hat Thoreau an diesen Tagebüchern gearbeitet. Jeder Satz wurde auf das gewissenhafteste erwogen und gefeilt. Seine Absicht, aus diesen Tagebüchern „ein Buch der Jahreszeiten zu schaffen, in welchem jede Seite unter freiem Himmel in der jeweiligen Jahreszeit geschrieben sein sollte“ wurde von Blake ausgeführt, der aus ihnen mit grosser Sorgfalt und Liebe die drei Werke: Sommer, Winter und Herbst zusammenstellte. Eine stimmungsvolle deutsche Übersetzung des ,,Winter“ ist bereits bei Karl Lucas, Paderborn erschienen. Und obwohl ferner viele Gedanken unmittelbar aus diesen Tagebüchern in seine Werke überflossen, bleibt doch eine solche Fülle kostbarer Früchte zurück, dass wir mit Freude die im Januar dieses Jahres begonnenen Publikationen aus diesen Tagebüchern in „The Atlantic Monthly“ (Boston) begrüssen müssen.
Es ist indessen falsch, anzunehmen, dass Thoreau während seines Aufenthaltes am Walden menschliche Gesellschaft mied. Das lag nie in seiner Absicht. Er ging in jeder Woche mehrfach zum Dorf, auch im tiefsten Winter, schlenderte die Dorfstrasse entlang, sprach mit Freunden und Bekannten, blieb manchmal bis zum späten Abend bei ihnen und kehrte nachts durch die dunklen Wälder zu seiner Hütte zurück. Auch kamen viele — meistens neugierige — Besucher zu ihm. Seine Tür hatte kein Schloss und keinen Riegel, sie stand bei Tag und bei Nacht offen. Vögel kamen in’s Haus geflattert, Bienen in grosser Zahl fühlten sich darin wohl und schliefen bei ihm im Bette, ohne ihn je zu belästigen. Unter dem Fussboden hatte ein Hase Wohnung genommen und früh morgens weckte ihn ein Eichhörnchen, das an den Wänden und auf dem Dach des Hauses auf und ab lief. Am liebsten waren ihm Kinder oder die einfachsten Menschen — Holzfäller, Fischer, Jäger, kurz jene Leute, die viel mit den ewigen Dingen, fernab vom Menschengetümmel, verkehren. Sie waren einer freundlichen Aufnahme jederzeit sicher. Dilettierende Weltverbesserer dagegen, Schwätzer und heuchlerische Philanthropen, die nicht wussten, wann sie ihren Besuch zu beenden hatten, liess er ohne weiteres allein und „antwortete ihnen aus immer grösserer Entfernung.“ —
Die auswärtige Politik der Vereinigten Staaten während des Krieges mit Mexiko hatte Thoreau tief verstimmt. Sie trug nur dazu bei, seine Verachtung gegen staatliche Einrichtungen zu steigern. Er weigerte sich beständig, Steuern an eine Regierung zu bezahlen, die sich dazu herabwürdige, den Handel mit Menschen zu billigen. ,,Die Regierung, die überhaupt nicht regiert,“ war seiner Ansicht nach die beste. Der Steuerbeamte, der dieser Weigerung ratlos gegenüberstand, erhielt auf seine Frage, was er nun tun solle, die Antwort: ,,Geben Sie ihr Amt auf.“ Kurze Zeit darauf ward Thoreau im Dorfe, wohin er einen Schuh zum Flicken getragen hatte, verhaftet. Als Emerson hörte, dass sein Freund die Einsiedelei am Walden mit der Gefängniszelle in Concord habe vertauschen müssen, eilte er sofort zu ihm. „Henry, warum sind Sie hier?“ war seine erste Frage. „Warum sind Sie nicht hier,“ lautete Thoreaus ernste Antwort. Er erhielt bald (nachdem seine Familie die geringe Summe bezahlt hatte) seine Freiheit — und auch seinen Stiefel — zurück und wanderte wieder in seine Wälder, „von wo aus er den Staat nirgends erblicken konnte.“ Auch wenn er tagelang von seinem Hause abwesend war, verschloss er nicht die Tür. Abgesehen von einem Bändchen Homer wurde ihm nie etwas gestohlen und nur solche Menschen belästigten ihn, „die den Staat repräsentierten“. Die Jahreseinnahme seiner Farm betrug dreiundzwanzig Dollars, denen an Ausgaben vierzehn Dollars gegenüberstanden. Als Tagelöhner verdiente er sich nebenbei während dieser Zeit zwölf Dollars. Im zweiten Jahre war das Ergebnis noch günstiger.
Zwei Sommer und zwei Winter verbrachte Thoreau am Waldenufer und eine reiche, geistige Ernte ward ihm zuteil. Als der Sommer 1847 herannahte, fühlte er, dass er die Möglichkeiten, die ihm dieses Leben bot, erschöpft habe, dass es nun Zeit sei, eine andere Phase seines Lebens zu beginnen. Am 6. September 1847 zog er von Walden wieder nach Concord. „Warum ich die Wälder verliess“, schrieb er einige Jahre später in sein Tagebuch, „das kann ich wahrlich nicht sagen. Vielleicht trug ich nach Abwechselung Verlangen. Es gab dort ungefähr um die zweite Nachmittagsstunde so etwas wie eine Stockung . . .“ Die herrlichste. Frucht der Waldenjahre, sein ,,Walden“, wurde der Menschheit erst 1854 geschenkt. Aus dem Romantiker, dem Naturschwärmer und Naturforscher seines ersten Werkes war ein Philosoph und Metaphysiker geworden, der oft in epigrammatischem Stil seine Weisheit kündete, die Kühnsten Paradoxe liebte und die Stimmungen der Menschenseele wie der Natur bald mit den zartesten, bald mit den kräftigsten Strichen malte. Burroughs bezeichnet Thoreaus Erstlingswerk und sein Walden ,,als die beiden naturwüchsigsten und antiseptischsten Bücher der englischen Literatur“. Doch „Walden“ wurde vielfach gröblich missverstanden. Man übersah, konnte oder wollte nicht sehen, dass Thoreau seine Einsiedeljahre selbst nur als ein Experiment bezeichnete. Man fragte unwillig und erstaunt, was aus den Menschen werden solle, wenn alle Thoreaus Rat und Beispiel folgen würden. Das Fass des Diogenes habe einen gesunderen Boden als die Hütte von Thoreau, behauptete die zeitgenössische Kritik. Diese Leute vergassen jedoch, dass Thoreau der Menschheit niemals anriet, in Waldhütten zu wohnen und von Bohnen und Kartoffeln zu leben. Er hatte das Experiment gemacht, weil es ihm von seiner inneren Stimme befohlen wurde, weil er dieser Stimme stets zu gehorchen pflegte und weil er seine Individualität ihre eigenen Wege wandern lassen wollte. Ja, die Ernte war reich, so reich, dass die dankbare Nachwelt freudig auch an dieser seiner schönsten Frucht sich kräftigt, dass Tausende von Menschen fühlen: Lebenswerter scheint uns das Leben, lieblicher duften die Blumen, heller leuchtet der Sonnenschein, holder singen die Vögel, munterer plätschern die Wellen, mit heisserem Bemühen suchen wir nach der Pforte unserer Seele, unablässiger strebt unsere Sehnsucht durch Nebelmeere zu wolkenloser Reinheit empor, seit wir dich kennen, den edlen feierlichen Menschen vom Waldensee . . .
Thoreau bezog in Concord wieder Emersons Haus und wohnte dort während der Abwesenheit des Freundes in Europa. 1849 siedelte er in das väterliche Haus über, wo er bis zum Ende seines Lebens verblieb. Schriftstellerei war jetzt seine Hauptbeschäftigung. Wahre Freude empfand er nur beim Schaffen eines Werkes. Er geizte nicht nach Erfolg: „Ich gebe ab und zu ein paar Worte aus, um mir Schweigen dafür zu kaufen.“ Ausserdem hielt er in Städten und Dörfern Vorträge über alle möglichen Gebiete. Willkommene Abwechselung boten ferner kleinere und grössere Reisen an die See nach Cape Cod, das er dreimal (1849, 50 und 53) besuchte, nach Canada und in die Maine-Wälder. Herrlich sind die Schilderungen der Meeresküste in „Cape Cod“, weniger erfreulich und zu sehr mit Einzelheiten überladen ist sein „Ausflug nach Canada“, der 1853 im ,,Putnam Magazin“ erschien. Die Wanderungen in die Maine-Wälder, dienten hauptsächlich dem Studium indianischer Sitten und Gebräuche. Der letzte Ausflug dorthin fand 1857 statt. Erst nach Thoreaus Tode erschien ein Werk über diese Reisen unter dem Titel „Die Mainewälder“. Es war während seiner letzten Lebensmonate sorgfältig von ihm vorbereitet worden und enthält eine Fülle botanischer, geologischer und ethnologischer Beobachtungen in poetischer und philosophischer Gewandung.