Kitabı oxu: «Der Versteckspieler»
Herbert Günther
Der Versteckspieler
Die Lebensgeschichte des Wilhelm Busch

»Der Versteckspieler« erschien 1991
beim Union Verlag, Fellbach,
und 2002 bei Beltz & Gelberg, Weinheim.
© 2011 zu Klampen Verlag • Röse 21 • D-31832 Springe
info@zuklampen.de • www.zuklampen.de
Umschlag: »In Zeiten wie diesen« – Büro für Kommunikation, Konzept & Kreation, Hannover
ISBN 978-3-86674-132-4
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über «http://dnb.d-nb.de» abrufbar.
»Kein Ding sieht so aus, wie es ist.
Am wenigsten der Mensch,
dieser lederne Sack voller Kniffe und Pfiffe.«
Wilhelm Busch

Feldweg bei Wiedensahl. Zeichnung von Wilhelm Busch
Was weiß ich denn noch aus meinem dritten Jahr?
Knecht Heinrich macht schöne Flöten für mich und spielt selber auf der Maultrommel, und im Garten ist das Gras fast so hoch wie ich, und die Erbsen sind noch höher; und hinter dem strohgedeckten Hause, neben dem Brunnen, stand ein Kübel voll Wasser, und ich sah mein Schwesterchen drin liegen wie ein Bild unter Glas und Rahmen, und als die Mutter kam, war sie kaum noch ins Leben zu bringen.
Wilhelm Busch, Von mir über mich
Inhalt
Cover
Titel
Impressum
Zitat
Vorwort
I. Draußen vorm Dorf
Sammelbilder: 1832-1841
II. Moritz trifft Max
Sammelbilder: 1841-1851
III. Der Versager
Sammelbilder: 1851-1865
IV. Im Haus der besseren Leute
Sammelbilder: 1865-1873
V. Fanny und Wilhelm
Sammelbilder: 1874-1880
VI. Der Skandal
Sammelbilder: 1881-1908
Rotjacken in kühler Umgebung
Zeittafel
Quellen- und Literaturverzeichnis
Empfehlung
I
Draußen vorm Dorf
Auf dem Weg von der Schule ist auf einmal Krischan neben ihm. Sie schlendern um den Teich in der Mitte des Dorfes, beäugen sich misstrauisch aus den Augenwinkeln. Endlich rückt Krischan raus mit der Sprache.
»Ihr habt doch Pulver in eurem Laden?«
»Was für Pulver?«, fragt Wilhelm.
»Peng!«, macht Krischan und lacht. Er zieht einen großen verrosteten Kirchenschlüssel hervor und hält ihn Wilhelm unter die Nase. Der Schlüssel ist mehr als doppelt so lang wie seine Hand und innen hohl.
»Da«, sagt Krischan und zeigt auf ein fingerkuppengroßes Rostloch am Schlüsselhals. »Blei ist schon drin. Brauch nur noch das Pulver. Und dann …« Er bläst die Backen auf. »Pamm! … Peng! … Bum!« Krischan explodiert förmlich vor Wilhelms Augen. Sein Grinsen wirkt ansteckend.
»Und wenn wer was merkt?«, fragt Wilhelm.
»Pah«, macht Krischan und sieht ihn verächtlich an.
Schon ist Wilhelm wieder der brave Kaufmannssohn, der er nicht sein will. Er weiß, wo Pulver zu finden ist.
»Wann denn?«, fragt er und hat sich noch längst nicht entschieden.
»Heute Nachmittag«, sagt Krischan. »Draußen im Wald. Du kommst mit mir mit.«
Dieser letzte Satz gibt den Ausschlag. Wilhelm nickt.
»Das gibt einen Knall, das hören sie bis Loccum rüber!«
Bloß nicht, denkt Wilhelm. Aber standhaft bleibt er diesmal dann doch.
Eine halbe Stunde später schleicht er auf den Speicher und füllt aus dem steinernen Krug eine Tüte mit Pulver ab.
Am Nachmittag wartet er draußen vorm Dorf auf Krischan. Endlich kommt er über den Grasweg zwischen den Ackerstreifen. Er führt die beiden Kühe des Küsters am Strick, eine schwarze und eine braune. Schon von weitem winkt er herüber und johlt. Muss er so einen Spektakel machen, ärgert sich Wilhelm.
Aber je weiter sie sich dann vom Dorf entfernen, je kleiner das Elternhaus hinter ihnen wird, umso höher steigt seine Erwartung. Er spürt eine kribblige Vorfreude auf Weißnichtwas, nicht nur auf den Knall. Im Tempo gemächlicher Kuhschritte nähern sie sich dem Wald.
Barfuß, mit mehrfach geflickter Hose, zerrissenem Hemd, kräftigen Armen, mit rundem, offenem Gesicht, so gehört Krischan hierher in Wiesen und Wald wie die Ähre zum Halm. Krischan sagt Ja oder Nein, entweder ist man sein Freund oder man prügelt sich mit ihm. Alles »vielleicht« oder »weiß nicht« gilt nicht für Krischan.
Tatsächlich ist der Knall so mächtig, wie er es noch nie vorher gehört hat. Sogar die Kühe, die Wilhelm am Rand der Waldwiese am Strick hält, heben neugierig die Köpfe. Schwarz verkohlt liegt der Kirchenschlüssel im Gras. Krischan tanzt von einem Bein auf das andere, rundherum um den Schlüssel, tanzt durch den abziehenden Rauch, springt hinüber und herüber wie Luzifer und schreit ein vielfaches Echo heraus: »Bam! Peng! Bum!«
Als hätte er die Geister heraufbeschworen, laufen sie aus allen Richtungen auf die Lichtung: Hinnerk und Kord, Johann, Anna, Grete und Christine. Johlend umkreisen sie Krischan, der hält den Schlüssel triumphierend hoch in die Luft, tut, als ob er noch heiß wäre, schleudert ihn zurück ins Gras, johlt und tanzt wie wild.
Wilhelm bindet die Kühe an den nächsten Baum, und dabei sieht er auf dem Waldweg jenseits der Lichtung die spindeldürre Gestalt des Bauern Bolte, der neugierig herübersieht. Für einen Moment treffen sich ihre Blicke und der alte Bolte kratzt sich hinter dem Ohr. Dass die Hütekinder lärmen und Unfug treiben, das ist er gewohnt; dass der Sohn des Krämers dabei ist, ist neu. Eilig wendet er sich ab und stiefelt schnurstracks in Richtung Dorf.
Wilhelm zögert. Aber das Johlen im Ohr überstimmt alle Bedenken. Er dreht sich um und rennt in den Kreis der ausgelassenen Kinder. Sie nehmen ihn auf ohne ein Wort, ohne einen scheelen Blick, und bald spürt er Christines warme Hand in seiner Linken, Johanns Warzengerunzel in seiner Rechten, sie tanzen um Krischan herum und singen: »Der Has ist tot! Der Has ist tot!«
Dann entzünden sie mitten auf der Waldwiese ein Feuer. Krischan holt aus seiner Reisighütte von seinem Kartoffelvorrat, auch Anna und Harmschlüters Hinnerk sind heute damit an der Reihe. Alles geschieht mit wenigen Handgriffen, entschlossen und schnell. Eine eigene, wortlos geregelte Ordnung herrscht hier draußen, und als sie ums Feuer herumsitzen, wundert sich Wilhelm auch nur noch wenig, als hinter dem großen selbstsicheren Krischan, der sich schläfrig zurücklehnt, Grete kniet, ihm die Flöhe aus dem Haar pult und einen nach dem anderen zwischen den Fingern zerdrückt. Anna sucht Hinnerks Haar ab, nur Christine scheint weder Kord noch Hinnerk zuzugehören. Sie sitzt ein wenig abseits und hat keinen Blick für die Pärchen.
Während des dösigen Schweigens streift ihn Johanns Blick und der scheint nun doch so etwas zu sagen wie: »Was will der hier, der Hosenscheißer?« Aber Krischan weist Johann zurecht; Krischans Augen sagen: »Er steht unter meinem Schutz. Er hat das Pulver besorgt.« Wortlos ist auch das schnell erledigt.
Dann bewundert Wilhelm ausführlich Kords großes Messer mitsamt Lederscheide, ein Geschenk von seinem weggelaufenen Vater, um das Wilhelm ihn ehrlich beneidet. Kord prüft damit die Kartoffeln im Feuer, und als sie ihm weich genug erscheinen, spießt er sie auf und teilt jedem zu.
Herrlich schmecken die gebackenen Kartoffeln, aber sie machen durstig. Krischan hockt sich unter die braune Kuh, zieht eine Zitze zu sich her und melkt ein paar Spritzer in den weit geöffneten Mund. Dann fordert er Wilhelm auf, es ihm gleichzutun, aber Wilhelm fährt der warme Kuhmilchstrahl über die Wangen, rinnt unter den Kragen, bis in die Achselhöhlen hinein.
Die anderen lachen, aber fürsorglich ist da Christine mit einem Grasbüschel und wischt ihm die Milch aus dem Gesicht, selbstverständlich und ohne Getue.
Dann macht Hinnerks Tonpfeifenstummel die Runde. Die Mädchen sind davon ausgeschlossen. Nur wenn das knisternde, trockene Kraut keinen Dampf mehr absondert, fällt es den Mädchen zu, einen brennenden Span über den Pfeifenkopf zu halten.
Der Nachmittag vergeht wie im Flug. Sie treten das Feuer aus und ziehen mit den Kühen ein Stück am Waldrand entlang. Johann findet ein seltsam verwachsenes Wurzelstück, das dem Gesicht des Lehrers Bohnhorst gleichen soll. Sie werfen es von einem zum anderen, jeder treibt seinen Spott mit dem Abbild des Peinigers, und als es wieder bei Johann landet, wirft er es hinter sich auf die Erde, dreht sich um und pinkelt darauf. Johlend ziehen sie weiter.
Die Sonne senkt sich dem Horizont zu, die Abendglocke tönt herüber und gemächlich trotten Mensch und Tier dem Dorf entgegen. Zufrieden fühlt Wilhelm sich, tief einverstanden mit allem, was um ihn herum ist, angenehm schwer und müde in den Gliedern, als hätte er den ganzen Tag lang gearbeitet. Am Dorfrand wehen ihnen Essensgerüche entgegen, Bratkartoffelherrlichkeiten, geröstete Zwiebeln, hier und da vielleicht sogar Speck. Wilhelm läuft das Wasser im Mund zusammen; wie noch nie freut er sich auf das Essen. Als er sein Elternhaus erreicht, ist er voll gepumpt mit Freude, und die Bilder des Nachmittags drehen sich in ihm, geheimnisvoll lockend.
Aber vor der Haustür erwartet ihn der Vater mit strengem Gesicht. Sofort weiß Wilhelm Bescheid. Er hat es im Wald schon gewusst, aber nicht wahrhaben wollen und dann einfach vergessen. Der Vater schiebt ihn vor sich her, die Treppe zum Speicher hinauf, drängt ihn vor den steinernen Krug und sagt nur ein schneidendes Wort: »Nun?«
Wilhelm schlägt die Augen nieder und schweigt.
Der Vater greift ihn am Ohr, dreht es herum, und dann pfeift der Rohrstock durch die Luft, trifft Wilhelms Rücken, er schreit und rennt los, immer rund-herum um den Krug, der Vater hinter ihm, hält ihn am schmerzenden Ohr.
Der Vater brüllt. Das Ohr schmerzt. Wilhelm rennt und schreit, als solle er aufgespießt werden. Die Schläge treffen ihn im Nacken, am Knie, in der Seite, überallhin. Am schlimmsten aber brennt ihm das Ohr.
Endlich kann er entwischen und flüchtet stolpernd die Treppe hinunter. Unten wartet die Mutter, die alles mit angehört hat. Aber sie weicht aus, als er sich weinend in ihre Arme stürzen will. Sie zieht ihn hinein in die Kammer.
Ohne Abendessen geht Wilhelm ins Bett. Lange noch liegt er mit offenen Augen und die Gedanken wollen keine Ruhe geben. Er fährt sich durchs Gesicht und spürt die klebrige Milch auf der Wange. Mit der Zunge leckt er danach, reicht aber nur bis zum Rand.
Da ist was, denkt er, draußen vorm Dorf. Prickelnd, warm wie Kuhmilch, schwebend. Da ist die Freiheit, das Leben. Vielleicht hat es mit dem Bösen zu tun, wovor sie ihn warnen, die Eltern, der Lehrer, der Pfarrer. Herrlich ist es. Unbeschreiblich. Zerbrechlich aber. Wenn nur einer dran rührt, springt’s entzwei. Verstecken wird er’s. Keiner soll es ihm nehmen.
Schlag du nur, denkt er trotzig zu seinem Vater hin. Schlag du nur. Diesen Nachmittag wirst du nicht aus mir herausprügeln können.
Sammelbilder
1832-1841
Das Dorf, das Zuhause, Bauernhöfe links und rechts der Straße, der Besitz, die Weiden und Acker, handtuchförmig ausgestreckt hinter jedem Hof bis weit in das flache Land hinein. Der Mensch hat die Natur gezeichnet mit bäuerlichem Nutzungswillen, alles ist ausgemessen und zugeordnet, die Ackerstreifen bis zu 1300 Meter lang, manchmal nur sechs Meter breit. Wiedensahl im Königreich Hannover, 140 Häuser, 850 Einwohner, ein Hagen-Hufen-Dorf aus dem 13. Jahrhundert, zwischen Stadthagen und dem Kloster Loccum, nahe dem Steinhuder Meer. Übersichtlich scheint alles, die Verhältnisse geordnet, bescheidener Wohlstand oder Armut je nach Geburt vorbestimmt.
Dass in diese Strenge hinein am 15. April 1832 ein Humorist geboren wird, scheint auf den ersten Blick verwunderlich. Auch ein Blick in die Ahnenreihe lässt wenig Scherzhaftes erwarten. Väterlicherseits sind es ausschließlich bäuerliche Vorfahren, mütterlicherseits Wundärzte, Apotheker, Pfarrer, der Reformator Corvinus, Hofräte, Bürgermeister und Handwerker. Und doch gibt es beiderseits etwas, das der Norm nicht entsprach.
Friedrich Wilhelm Busch, der Vater, Bauernsohn aus dem westfälischen Ilvese bei Minden, war vorehelich geboren, und Wilhelm Busch hieße Wilhelm Emme, hätte nicht der Großvater Busch darauf gedrungen, dem Enkel auch nach der Heirat seiner Tochter mit dem Kindsvater den Namen Busch zu belassen.
Einen schweren, wenn auch für die Zeit wohl nicht so ungewöhnlichen Lebensweg hatte Wilhelm Buschs Mutter hinter sich, bevor sie 1831 Friedrich Wilhelm Busch heiratete. Henriette Dorothee Charlotte Busch, geborene Kleine, war vorher mit dem Wundarzt Friedrich Wilhelm Stümpke verheiratet gewesen und hatte drei Kinder, die alle drei starben. 1829 starb auch ihr Mann und sie war mit 28 Jahren Witwe.
Friedrich Wilhelm Busch, auch das eine Abweichung vom vorbestimmten bäuerlichen Lebensweg, hatte sein Heimatdorf früh verlassen und im Kloster Loccum eine Kaufmannslehre durchlaufen. Nach der Heirat übernahm er einen kleinen Kramladen in Wiedensahl, den seine Frau zwischenzeitlich betrieben hatte. Die Buschs brachten es mit händlerischem Geschick und unermüdlichem Fleiß dazu, ihre schnell wachsende Familie ernähren zu können und 1847 ein neues, größeres Haus an das alte anzubauen. Beide lebten einträchtig und so häuslich, daß einst über zwanzig Jahre vergingen, ohne daß sie zusammen ausführen. So Wilhelm Busch in seiner Autobiographie über seine Eltern.
Kaufleute in bäuerlicher Umgebung also, für die es überlebensnotwendig war, sich den Wünschen ihrer Umwelt anzupassen. Für die eigenen Wünsche blieb da nicht viel. Arbeiten und Zusammenhalten bestimmte das Leben und schon die kleinsten Abweichungen, die bescheidensten Träume mussten als Bedrohung erscheinen. Die musste jeder mit sich selbst abmachen, die nahm jeder in seine Einsamkeit mit.
Mein Vater war Krämer, klein, kraus, rührig, mäßig und gewissenhaft; stets besorgt, nie zärtlich; zum Spaß geneigt, aber ernst gegen Dummheiten. Er rauchte beständig Pfeifen, aber, als Feind aller Neuerungen niemals Zigarren, nahm daher auch niemals Reibhölzer, sondern blieb bei Zunder, Stahl und Stein oder Fidibus. Jeden Abend spazierte er allein durchs Dorf, zur Nachtigallenzeit in den Wald.
Was Wilhelm Busch nicht schreibt, was er wahrscheinlich gar nicht gewusst hat, ist, dass auch sein Vater als junger Mann Gedichte geschrieben hatte. Auf den leeren Seiten eines Rezeptbuches fanden sich Verse im Stil der Biedermeierzeit, aber auch Spottverse gegen die Anmaßung vermeintlicher Poeten, Gedichte, die die Vergänglichkeit der Liebe in der Ehe betrauern, auch Kritisches gegen die Pracht des Papsttums. Themen, die auch den Sohn später in seinen Gedichten und Bildergeschichten beschäftigen sollten.

Das Geburtshaus in Wiedensahl
Meine Mutter, still und fromm, schaffte fleißig in Hans und Garten und pflegte nach dem Abendessen zu lesen. Mehr will er über seine Mutter nicht sagen. Nur jeweils eine flüchtige Skizze ist bekannt, mit denen er Mutter und Vater dargestellt hat. Die Mutter sieht man auf einem Stuhl sitzend von hinten, ein Enkelkind sieht ihr über die Schulter. Der Vater ist nur zur Hälfte zu sehen, die Pfeife nicht zu Ende gestaltet. Dabei hat Wilhelm später manchmal tagelang gezeichnet, was ihm nur vor die Augen kam. Die alten Leute in Wiedensahl, die ihn noch persönlich kannten, haben berichtet, dass sie weggelaufen seien, wenn Wilhelm mit dem Zeichenstift nahte.
Die Geschichte der Beziehung zwischen Eltern und Sohn ist eine Geschichte der verpassten oder unterdrückten Gespräche, der fehlenden Offenheit. Zuneigung wird gewährt, Strafe erteilt, alles wohldosiert als Mittel der Erziehung eingesetzt. Für Spontanes, für Gefühle ist wenig Platz.
Aber da ist die Sehnsucht nach menschlicher Nähe, nach Wärme, nach einem Zuhause, nach wortlosem Verstehen. Aus der verklärten Erinnerung beschreibt Wilhelm ein Idyll seiner Kindheit:
Mein gutes Großmütterlein war zuerst wach in der Früh. Sie schlug Funken am P-firmigen Stahl, bis einer zündend ins »Usel« sprang, in die halbverkohlte Leinwand am Deckelkästchen des Feuerzeugs, und bald flackerte es lustig in der Küche auf dem offenen Herde unter dem Dreifuß und dem kupfernen Kessel; und nicht lange, so hatte auch das Kanonenöfchen in der Stube ein rotglühendes Bäuchlein, worin’s bullerte.
Als ich sieben, acht Jahre alt war, dürft ich zuweilen mit aufstehen, und im Winter besonders kam es mir wonnig geheimnisvoll vor, so früh am Tag schon selbstbewußt in dieser Welt zu sein, wenn ringsumher noch alles still und tot und dunkel war. Dann saßen wir zwei, bis das Wasser kochte, im engen Lichtbezirk der pompejanisch geformten zinnernen Lampe. Sie spann. Ich las ein paar schöne Morgenlieder aus dem Gesangbuch vor. Gesangbuchverse, biblische Geschichten und eine Auswahl der Märchen von Andersen waren meine früheste Lektüre.
Behagliche Augenblicke. Die Eltern fehlen.
Augenblicke vergehen. Man darf sich nicht einfach fallen lassen im Vertrauen darauf, dass alles so kommt, wie man es sich wünscht. Selbst hinter der schönsten Idylle lauert Bedrohung:
Was weiß ich denn noch von meinem dritten Jahr? Knecht Heinrich macht schöne Flöten für mich und spielt selber auf der Maultrommel, und im Garten ist das Gras fast so hoch wie ich, und die Erbsen sind noch höher; und hinter dem strohgedeckten Hanse, neben dem Brunnen, stand ein Kübel voll Wasser, und ich sah mein Schwesterchen drin liegen wie ein Bild unter Glas und Rahmen, und als die Mutter kam, war sie kaum noch ins Leben zu bringen.
Er ist das erste Kind seiner Eltern, aber das vierte Kind seiner Mutter. Hinter der sichtbaren Welt ist ein schwarzer Abgrund. Umso mehr müsste man zusammenstehen. Aber die Eltern sind beschäftigt.
Ein freundliches Nahesein ist immer gut, schreibt er später in einem Brief. Das weiß Keiner beßer als ich, der in den Kinderjahren die Bangigkeit gründlich studiert hat.
Die Bangigkeit? Woher kommt sie? Ist er nicht wohl behütet? Hat er nicht ein Dach über dem Kopf? Ist nicht alles geregelt für ihn? Hat der Sohn des aufstrebenden Krämers es nicht vergleichsweise besser als andere Kinder seiner Zeit?
Da sind zum Beispiel die Hütekinder. Barfuß und mit zerrissenen Kleidern ziehen sie am Haus vorbei. Für einen Hungerlohn treiben sie die ihnen anvertrauten Kühe ins Feld. Machen einen hundsföttischen Lärm dabei. Warum fühlt er sich zu denen hingezogen?
Die Regeln und Verbote seines Kinderlebens halten ihn im Zaum. Der streng nüchterne Einfluss der protestantischen Kirche weist keinen Weg zu ausgelassener Lebensfreude. In den ersten neun Jahren seines Lebens in Wiedensahl, seinen Weltentdeckerjahren, entdeckt er als Erstes die Enge. Aufbegehren zwecklos. Die Kinderdressurakte, die man Erziehung nennt, halten ihn nieder. Dass da in ihm noch etwas anderes ist, bereitet ihm ein schlechtes Gewissen. Gegen die pflichterfüllenden, treu sorgenden Eltern darf man nicht undankbar sein. Aus der Kindheit wächst ihm ein Schuldgefühl, das ihn sein Leben lang begleiten wird.
39 Jahre alt, von der Welt gefeiert und verehrt, treibt ihn selbst die Erinnerung noch zu Scham:
Das Krähen des Hahns, der der Hel geweiht, ist freilich bedeutungsvoll. Den Dieben und Kranken, den armen Sündern und Gespenstern tönt vor Allen sein mahnender Ruf. Petrus ging hinaus und weinte bitterlich. Ich selber habe ihn oft gehört, wenn ich in der Fremde vom nächtlichen Gelage kam; er rief mir dann ein wohlbekanntes ländliches Haus vor die Seele, das Haus meiner Eltern.
Wiedensahl, das ausgemessene Fleckchen Erde, das Elternhaus, trotz allem bleibt es eine innere Instanz. Aber er hat sich nie wirklich dazugehörig gefühlt. Von Herkunft und Stand, bald auch von eigener unruhiger Suche getrieben, sind ihm die Menschen im Dorf fremd geblieben, so wie auch er für sie ein Fremder war. Umso heftiger hat er sein Wiedensahl zur Idylle verklärt. Den frommen Selbstbetrug, den beißenden Schmerz, hat er in sich vergraben.
Früh schon und in vielen Ausprägungen hat er die Kehrseite des Lebens zur Kenntnis genommen. Manchmal ist er dabei über sich selbst erschrocken.
Nur einmal, noch ganz in dunkler Früh, wurd ich aufgeschreckt und schmerzhaft horchend wach erhalten durch die Wehklagen eines der vielen Schweine, welche der Genußsucht alljährlich zum Opfer fallen. Jetzt wird’s herausgezerrt aus dem lieben, duftenden Stalle; jetzt liegt’s geknebelt; jetzt der Stich; Notwehr geboten und heftig ausgeübt; Blutverlust fast beruhigend, scheint’s; dann aber erst recht, dicht vor der Todesgewißheit, der höchste, gräßlichste Unmuth; dann röchelnde Entsagung; zuletzt Stille mit Nachdruck. Die Metamorphose in Wurst kann beginnen. Wahrlich! Gewisse Dinge sieht man am deutlichsten mit den Ohren.
Haben Sie jemals den Ausdruck von Kindern bemerkt, wenn sie dem Schlachten eines Schweines Zusehen?, fragt er in einem Brief.
Das Leiden, die Marter hat vielmehr etwas schauderhaft Anziehendes, es bewirkt Grauen und Ergötzen zugleich … Tod, Grausamkeit, Wollust — hier sind sie beisammen.
Das alles gehört zu ihm, das alles ist seine Kindheit. Zum Lachen war da nicht viel.
Nur drei Jahre lang besucht er die Volksschule in Wiedensahl. Wie viel Prügel er vom Lehrer Bohnhorst eingesteckt hat, darüber schweigt er sich, wie über vieles andere — er nennt es die »Peinlichkeiten des Lebens« — gründlich aus.
Der Ablauf der Jahreszeiten, das Wachsen und Gedeihen der Pflanzen im Garten hinter dem Haus, Sommerhitze, Gewitter, Herbststürme und Schneefall beeindrucken ihn stark. Seine Naturliebe ist keine Naturschwärmerei. Auch die wilde, ungezähmte Seite der Natur ist ihm von Anfang an vertraut. Schon bald wird er sie auch an sich selbst entdecken.
Seine scharfe Beobachtungsgabe lässt ihn an der Vernunft und Einsichtigkeit der Erwachsenen zweifeln. Wie es sein müsste, »die freundliche Nähe«, die Welt der Wünsche, Träume, Utopien und die des wirklich gelebten Lebens, die Welt des Nützlichkeitsdenkens, der abgezirkelten Berechnung — das scheint ihm ein für alle Mal wie durch eine unüberwindliche Mauer voneinander getrennt.
Im Abstand von zwei, dann drei Jahren werden seine Geschwister geboren. 1834 Fanny, 1836 Gustav, 1838 Adolf und 1841 Otto. Im Haus des Krämers wird es allmählich eng. Da beschließen seine Eltern, ihn, den Ältesten, dem Bruder der Mutter, Pfarrer Georg Kleine in Ebergötzen bei Göttingen, zu übergeben.
Wilhelm kennt den »Bienenonkel« aus Erzählungen und von kurzen Besuchen. Der Onkel war freundlich, verständnisvoll und gütig. Trotzdem: Mit neun Jahren hat Wilhelm gerade begonnen, seine Umgebung bewusst wahrzunehmen und mit den Menschen, die um ihn sind, langsam vertraut zu werden. Da wird er weggeschickt. Noch einmal muss er von Anfang an lernen.
Am Abend vor der Abreise steht Wilhelm vor der Regentonne im Garten, über die der weiße Rosenstrauch hängt. Er plätschert mit der Hand im Wasser und denkt wehmütig an die Geschichten, die für ihn angefangen haben und nun von einem Tag auf den anderen abbrechen werden. Krischan, Kord, Hinnerk, Johann. Das Dabeisein, ohne viel fragen zu müssen. Geschichten, die bis heute für ihn die Welt gewesen sind. Die geheimste Geschichte hat den Titel Christine. Er sagt den Namen leise vor sich hin, dann fährt er mit der Hand durch das Wasser, bis die Wellen gegen die Tonnenwand klatschen.
Im Morgengrauen brechen sie auf. Der Leiterwagen wird beladen. Den meisten Platz nimmt der Kasten des alten Klaviers ein. Das gespreizte Beingestell passt nicht auch noch auf den Wagen. Kurzerhand wird entschieden, es in Wiedensahl zurückzulassen.
Knecht Heinrich spannt das dicke Pommerchen in die Scherdeichsel. Großmutter, Mutter, ein Kindermädchen, seine drei Geschwister und Wilhelm besteigen den Wagen. Der Vater bleibt zu Hause.
Die Sterne stehen noch am Himmel, da rumpeln sie aus dem Dorf hinaus. Durch die Felder und durch den Schaumburger Wald. Im Klavierkasten tunkt es, ein Rudel Hirsche springt über den Weg. Sie fahren über die Grenze der Welt hinaus, die der neunjährige Wilhelm sich bis jetzt hat denken können. Zweimal übernachten sie bei Verwandten, dann erreichen sie ohne Zwischenfälle das Pfarrhaus in Ebergötzen.

Max und Moritz. Erich Bachmann und Wilhelm Busch. Gezeichnet vom jungen Wilhelm Busch
Ach, was muß man oft von bösen Kindern hören oder lesen …
II
Moritz trifft Max
Er ist ganz anders als Harmschlüters Hinnerk. Anders auch als Krischan oder Johann oder Kord. Aber eins hat er mit ihnen gemeinsam: den festen, bedenkenlosen Blick, der aufs Erleben aus ist, aufs Ausprobieren und Machen, koste es, was es wolle.
Wie bestellt, schon am ersten Tag nach Wilhelms Ankunft in Ebergötzen, steht Erich Bachmann im Pfarrgarten; der Onkel lächelt und entlässt sie beide zu einem Streifzug durchs Dorf.
»Wo kommst du denn her?«, fragt Erich.
»Aus Wiedensahl«, antwortet Wilhelm.
»Nie gehört.«
»Ist auch weit weg. Drei Tage mit der Kutsche.«
Erich pfeift anerkennend durch die Zähne.
»Und jetzt wohnst du bei Pastors?«
»Ja.«
Auch das ist offenbar ein Pluspunkt. Erich nickt, und Wilhelm, der schon dabei war, sich alle Vorzüge seines Heimatortes in Erinnerung zu rufen, um bei einem zu erwartenden Dorfvergleich nicht schlechter abschneiden zu müssen, wundert sich, dass Erich nichts weiter wissen will.
Das Dorf hat Ecken und Winkel, es geht bergauf und bergab und Wilhelm, der Flachländer, hat schon bald die Orientierung verloren. Aber Erich schleust ihn, seines Weges offenbar ganz sicher, über Gartenzäune und Mauern, über Höfe und offen stehende Scheunen, an bellenden Hunden und zischenden Gänsen vorbei, über den Bach; und auf einmal stehen sie vor einem großen, hölzernen Mühlrad, das sich, vom vorbeifließenden Wasser getrieben, knarrend und gleichmäßig dreht.
»Da wohn ich«, sagt Erich.
Jetzt ist auch Wilhelm voller Bewunderung.
Lange rührt er sich nicht vom Fleck und bestaunt wortlos das riesige Mühlrad; beobachtet, wie die Schaufeln eintauchen, wie das Wasser im Mühlgraben abläuft.
»Bei uns haben wir nur Windmühlen«, sagt er schließlich und hat schon vergessen, dass er sich damit bei seinem Begleiter in Nachteil bringen könnte. Ohne weiter zu fragen, zieht Erich ihn mit sich, um das Haus herum, über den Hof, zur Haustür rein und zeigt ihm das Innere der Mühle.
In einen Trichter, der aussieht wie ein gefräßiges, weit geöffnetes Maul, werden Getreidesäcke entleert, hölzerne Zahnräder greifen eins ins andere; es staubt und rattert und ruckelt. Ein Müllergeselle verscheucht sie mit Handzeichen aus der Nähe des Laufwerks. Man könnte sein eigenes Wort nicht verstehen.
Ein anderer Geselle schleppt prall gefüllte Maltersacke treppauf und treppab, auf seinem Gesicht klebt eine Staubschicht, von Schweißrinnen durchbrochen.
Unten treffen sie auf den Müller, Erichs Vater, der mit einem Bauern herumbrüllt, aber, wie sich heraushören lässt, nur über das Wetter redet.
Erich schiebt sich vorbei, der Vater sieht sie beide, beachtet sie aber nicht weiter. Unvorstellbar, denkt Wilhelm, er wäre mit einem fremden Jungen durch den Kaufladen oder auf den Wiedensahler Speicher gegangen.
Auf dem Weg zum Pfarrhaus zurück machen sie einen kleinen Bogen den Hang hinauf. Es ist ein warmer Septembertag, die Kühe, Schafe und Ziegen weiden noch auf den eng abgesteckten Wiesen und Obstgärten dicht hinter den Häusern.
»Mal sehen«, flüstert Erich geheimnisvoll. »Vielleicht haben wir Glück.«
Er schleicht durch Hinterhöfe, unter Zäunen hindurch, vorbei an glotzenden Kuhaugen und Wilhelm folgt ihm ohne Rücksicht auf seine Kleider.
Vor ihnen stehen Obstbäume, knorrig verwachsene Stämme, ein Birnbaum am Rand überragt die anderen, wirft einen dunklen Schatten ins Gras. Dahin zeigt Erich jetzt und drückt den Zeigefinger auf die Lippen.
Auf allen vieren pirschen sie sich an den Birnbaum heran. Erich teilt die langen Grashalme vor ihren
Augen, und ein Hab-ich-nicht-gewusst-Lächeln strahlt über sein Gesicht. Jetzt reckt auch Wilhelm den Hals, und da sieht er den stoppeligen Graubart im Gras liegen, einen langen, verbogenen Spieß im Arm, zerlumpte Kleider, vorn aufgeplatzte Schuhe. Er schnarcht aus zahnlosem Mund. »Krrrch«, macht er, wenn er einatmet, und »Püüüh«, wenn er die Luft mit spitzen Lippen von sich bläst. Das rasselnde »Krrrch« und das pfeifende, melodische »Püüüh« sind wie Bruchsteingeröll und Vogelgesang. Der alte Mann schläft mit tiefem Genuss, sein Brustkorb hebt und senkt sich unter dem zerschlissenen Hemd.
Erich stößt Wilhelm an, grinst, pult einen kleinen krumm gewachsenen Zweig aus dem Gras und fährt dem Alten damit leicht über den grauen Stoppelbart. Erst tut sich nichts, aber dann macht der Mann seltsam schnappende Bewegungen mit dem Kinn, dann lässt er es vorgestreckt und mahlt die Kiefer aufeinander, als würde er genussvoll dem Sonntagsbraten nachschmecken.
Siegessicher und zufrieden erhebt Erich sich und lacht dem längst sprungbereiten Wilhelm ins zweifelnde Gesicht. Lachend umkurvt Erich die Obstbäume und trabt den Häusern entgegen. Wilhelm läuft hinter ihm her.
»Der alte Tanne«, sagt Erich atemlos. »Alle im Dorf nennen ihn »Bettelvogt«. Bisschen plemplem, wenn du weißt, was ich meine. Aber harmlos. Isst mal hier und mal da. Schläft auf Heuböden und in Pferdeställen. Im Sommer im Gras.«
Erich genießt seinen Triumph. Er boxt Wilhelm in die Seite, und als sie vor dem Pfarrhaus stehen, macht Erich: »Krrrch!« Ohne zu zögern, antwortet Wilhelm: »Püüüh!« Sie hauen sich auf die Schultern, dass es brennt; bis morgen also, das ist doch ganz klar. Der Onkel hat nichts dagegen. Selbst der Vater würde nichts einwenden können, denkt Wilhelm. Der Sohn des Müllers. Das war schließlich was anderes als der warzenrunzlige Johann aus dem Armenhaus.
Im Sommer dann sind sie längst Freunde und nicht nur der alte Tanne hat das zu spüren bekommen. Dem Müller sein Erich und Pastors Neffe, die gehören zusammen, denen spitzt der Schalk aus den Augen, die sticht der Hafer, und die Bauern von Ebergötzen wundern sich, dass der Pastor Kleine, der sie doch beide privat unterrichtet, nicht öfter mal eingreift. Aber die richtige Kirchenfrömmigkeit ist des Pastors Sache ja auch nicht, der gibt sich noch mit ganz anderen Sachen ab; die Bienen sind sein Ein und Alles, und mit Halleluja und Gottesfurcht hat er nicht viel am Hut.
»Komm«, sagt Erich an einem heißen Hochsommertag. »Wir gehen baden.«
Draußen vorm Dorf, im Hacketal, da wo die Straße von Waake und Göttingen herkommt, fließt der Bach durch sumpfige Wiesen und ist von Sträuchern und Weiden gesäumt. Sie finden eine flache morastige Stelle am Ufer, werfen ihre Kleider ins Gras und springen ins Wasser. Es reicht ihnen bis zu den Knien. Ein-, zweimal tauchen sie unter, dann bespritzen sie sich gegenseitig mit lautem Gejohl.
Außer Atem staksen sie ans Ufer zurück. Angenehm kühl quillt der Schlamm zwischen den Zehen hindurch. Wilhelm bleibt stehen und sieht an sich hinunter. Bis über die Fußknöchel steckt er im Schlamm.
»Man müsste sich mal ganz einbacken«, sagt Wilhelm. »Von oben bis unten. Wie man dann aussieht?«
Erich ist sofort Feuer und Flamme. Sie legen sich nebeneinander und räkeln sich im Morast. Dann stehen sie auf und betrachten die Abdrücke ihrer Körper im Schlamm. Eben noch waren sie da selber, jetzt sind da Figuren, denen man Namen geben sollte.
»Peter und Paul«, sagt Wilhelm.
Erich grinst.
Gegenseitig bekleistern sie sich die Rückenpartien, die Vorderfront besorgt jeder selber. Die Gesichter zuletzt. Dann liegen sie reglos in der Sonne und warten darauf, dass ihre neue Schutzschicht trocken und hart wird.
»So müsste man mal durchs Dorf gehen«, sagt Erich. »Keiner würde uns erkennen.«
»Wir wären Peter und Paul«, nickt Wilhelm.
Wagen würde er es nicht. Manche Sachen durfte man sich eben nur vorstellen. Aber das waren immer die besten.
Mücken schwirren durch die Luft, im schattigen Wald zwitschern die Vögel. Sonst ist alles friedlich und still. Nur einmal meint Wilhelm aus den Augenwinkeln zu sehen, wie hinter den Sträuchern am jenseitigen Ufer des Bachs etwas davonhuscht, und sofort durchfährt ihn ein heißer, freudiger Schreck. Hannchen Lovis, denkt er, das blondlockige Mädchen aus der Papiermühle ein paar hundert Meter den Bach hinauf. Sie haben sie schon ein paar Mal beim Forellenfangen hier in der Gegend getroffen. Hannchen hat gelacht über ihre Einfälle und freundlich mit ihnen geredet, besonders mit Wilhelm, so schien es ihm. Als würden sie sich lange schon kennen. Dabei ist sie viel älter als er, 18 wohl schon, aber das macht ihm nichts aus. Über sich selbst verwundert stellt er fest, dass es ihm nicht unangenehm wäre, hätte Hannchen ihn so gesehen. Aber nie, niemals würde er darüber sprechen. Auch nicht mit Erich. Selbst mit ihm kann er längst nicht über alles reden, was ihm so durch den Kopf geht. Er rührt sich nicht vom Fleck, schielt nur noch einmal zu den Sträuchern hinüber, kann aber nichts weiter entdecken. Dann schließt er die Augen und spinnt sich in Träume ein, von denen Erich nichts ahnt: Eine Feuersbrunst bricht aus, und Wilhelm rettet Hannchen vor dem sicheren Tod. Selbst bezahlt er dafür mit seinem Leben, er liegt vor ihren Füßen, und Hannchen weint und weint und weint … — Nein, das ist ihm für heute zu tragisch. Lieber die andere Art: Im Traum kann er fliegen. Hoch und weit hinaus, von einem Baumwipfel zum anderen, wohin er nur will. Und Hannchen steht da mit offenem Mund und ist starr vor Bewunderung … — Ja, das ist gut für diesen heiteren Tag. Wilhelm liegt in der Sonne, träumt sich weit weg, und als er das Gesicht zum Lächeln verzieht, merkt er, der Lehmpanzer ist hart.
Ein anderes Mal sind sie unterwegs, um die ausgelegten Vogelfallen zu kontrollieren. Erich ist ein Meister im Herstellen von Fallen. Mit großem Geschick hat er das Geflecht von Pferdehaaren an ausreichend starken Ästen befestigt und mit Vogelbeeren beködert. Er hat Sprenkelkästen gebaut mit krumm gespannten Weidenruten als Schließfedern.
Sie haben Erfolg. In einem Drohnengeflecht hat sich eine junge Schwarzdrossel verheddert. Als Erich sie in den selbst gebauten Käfig setzt, pickt sie ihm die Hand blutig und schlägt mit den Flügeln zuckend gegen den Draht.
»Na warte, du Biest!«, schimpft Erich und saugt sich das Blut vom Handrücken. »Das werden wir dir abgewöhnen!«
Nach zwei Tagen sitzt der Vogel mit eingezogenem Kopf reglos in der Ecke des Käfigs und verschmäht alle Körner.
»Na also. Jetzt bist du gezähmt. Ab morgen werden wir dich was lehren. Es soll Drosseln geben, die können richtig reden.«
Wilhelm ist nicht so wohl bei der Sache. Aber vor Erich will er nicht als Muttersöhnchen erscheinen und schlägt vor, dem Vogel die Deklinationen beizubringen, die sie gerade beim Onkel Kleine durchgenommen haben.
»Und wenn du nicht spurst«, droht Erich dem Vogel, »dann kommst du zum Lehrer Wichmann in die Volksschule, da kannst du schön was erleben!«
Aber am nächsten Tag ist der Vogel tot und sie werfen ihn auf den Misthaufen hinter der Mühle.
Manchmal sind sie im Gasthaus zur Post. Im Hinterzimmer steht ein Klavier, und Wilhelm kann mit dem, was er mehr schlecht als recht zusammenklimpert, sogar Bewunderung finden bei den Dienstmägden und auch bei Heinrich Brümmer, dem Wirt, dem die pechschwarzen Haare aus Ärmel und Kragen quellen. Überall hat der Mensch Haare. Mit ledernen Klapppantoffeln und mit beständig wiederholter Klage, er sei zu gut für diese Welt, schlurft Heinrich Brümmer durch die Räume seiner Wirtschaft, angekündigt von kräftigen Schnupftabakexplosionen.
Wenn Wilhelm Klavier spielt, wird es Erich schnell langweilig. Er schleicht davon, inspiziert Gaststube und Kegelbahn, sieht nach den Hunden und Katzen draußen im Hof oder beguckt sich Heinrich Brümmers Trost und Stolz, die Blumenbeete im Garten, und überlegt, wie man die selbst angepriesene Geduld des Gastwirts auf eine Probe stellen könnte.
Währenddessen sitzt Wilhelm im Hinterzimmer und blättert in Büchern und Zeitschriften, die er auf dem Klavier gefunden hat. Viel versteht er nicht von dem, was er da liest, aber den aufbegehrenden Ton der Schriften spürt er sehr wohl heraus. Gott — ist das am Ende nur eine Erfindung der Menschen? Was gibt es denn, wenn es Gott nicht gibt?
In solche Gedanken verstrickt, zieht er die Haustür hinter sich zu und steigt die Stufen der Steintreppe hinab.
Auf dem Hof steht Brümmer mit Erich und vor ihnen der junge Jagdhund Hasso, den der Wirt vor vierzehn Tagen vom Förster Bornebusch in Hattorf gekauft hat.
»Platz! Mach Platz!«, brüllt der Gastwirt schon sichtlich erregt. Der Hund glotzt zu ihm hinauf und rührt sich nicht.
»Er versteht eben nur Platt!«, lacht Erich voll Schadenfreude.
Das bringt den schwarzhaarigen Wirt noch mehr in Rage.
»Mach Platz, du Mistvieh!«, brüllt er das Tier an und tritt ihm auf die Pfoten. Der Hund jault schmerzvoll auf, zieht den Schwanz ein und versucht wegzulaufen.
»He, Meister Brümmer!«, ruft Wilhelm da. »Ich denke, Ihr seid zu gut für diese Welt?«
Der Wirt fährt herum. Mit zwei, drei Sätzen ist er bei Wilhelm und platsch, schlägt er ihm auf die Wange-
»Du naseweiser Rotzbengel, du!«
Wilhelm fasst sich an die brennende Backe, dreht sich um, läuft vom Hof und nimmt sich vor, ihn niemals wieder zu betreten. Aber dann ist Erich neben ihm, bewundert seinen Mut und sagt: »Nächstes Mal bist du schneller als der in seinen Latschen.«
In vierzehn Tagen ist alles vergessen. Wilhelm sitzt wieder auf dem Hocker hinter dem Klavier, liest »Die Throne im Himmel und auf Erden« und rätselt über den Widerspruch zwischen der Allmacht Gottes und dem freien Willen des Menschen. Und Heinrich Brümmer führt ihnen vor, wie brav Hasso Platz machen kann.
Eines Abends sehen sie den alten Gottlob Wenzel auf den Stufen zum Kirchplatz sitzen. Kein vernünftiger Mensch setzt sich da hin. Oben, ein paar Schritte weiter nur, ist die Bank rund um die alte Linde; da treffen sich nach Feierabend die jungen Mädchen und Burschen und singen und lachen und reden und streiten. Gottlob Wenzel, der allabendlich abseits auf dem kalten Stein sitzt, Pfeife raucht und unergründlich lächelt, ist oft genug geduldiges Ziel ihres Spotts. Und er ist auch ein leichtes Opfer für Erich und Wilhelm.
Die Bank ist noch leer, niemand scheint in der Nähe, die Pfeife liegt noch unbenutzt neben ihm, und Gottlob Wenzel genießt mit halb geschlossenen Augen die letzten Strahlen der Abendsonne.
»He, aufwachen, Gottlob!«, ruft Erich.
Der alte Mann sieht sie an und lächelt versonnen.
Jetzt ist Wilhelm an der Reihe. Mit Gottlob muss man reden wie mit einem kleinen Kind, hat Erich gesagt. Er leidet an Blödigkeit.
»Pastor Kleine schickt uns«, sagt Wilhelm. »Er schenkt dir von seinem Tabak.«
Ohne eine Antwort abzuwarten, die ohnehin nur in Lächeln besteht, nimmt Wilhelm die Pfeife und stopft sie randvoll mit Kuhhaaren, die sie sich aus Bachmanns Stall besorgt haben.
»Bester Eichsfelder Krauter«, sagt Erich, während Wilhelm sorgfältig stopft.
Gottlob Wenzel nickt zufrieden, und als Wilhelm ihm die Pfeife reicht, steckt er sie widerspruchslos in den Mund. Dienstbeflissen reibt Wilhelm ein Zündholz an, es qualmt und knistert gewaltig im Pfeifenkopf, aber das selige Lächeln auf Gottlob Wenzels Gesicht bleibt ganz unverändert.
Zwei junge Burschen kommen die Straße herauf, und weil der erwartete Erfolg immer noch ausbleibt, ruft Erich ihnen zu: »Gottlob raucht Ochsenkraut! Gottlob raucht Ochsenkraut!«
Aber plötzlich schlägt die Kirchentür zu, der Onkel Kleine kommt mit langen, eiligen Schritten über den Kirchplatz. Wahrscheinlich hat er alles mit angesehen und gehört. Ärgerlich sieht er aus, gar nicht milde und freundlich wie sonst. Erich zieht es vor, das Weite zu suchen. Für Wilhelm gibt es kein Entrinnen.
»Ich werd dich lehren!«, schimpft der Onkel. »Was du dem Geringsten tust, das tust du mir!« Er reißt einen trockenen Georginenstängel vom Wegrand und schlägt damit drei-, viermal auf Wilhelms Hintern, bis der Stängel zerbricht.
Weh tut es nicht. Aber schmachvoll zieht Wilhelm mit dem Onkel davon. Die beiden jungen Burschen lachen hämisch. Und Gottlob Wenzel sitzt auf der Treppe, sieht auch dieser Szene freundlich lächelnd zu und schickt immer noch schwarzrauchigen Qualm in die Luft.
An einem Spätsommertag steigen sie wieder durch die Hinterhöfe. Die Birnen sind reif. Diese Köstlichkeit wollen sie sich nicht entgehen lassen. Erich weiß genau, wann die beste Zeit ist, die Obstgärten ungesehen zu plündern. Im Gras liegt viel Fallobst. Die Wespen machen sich daran zu schaffen. Und da hinten unter dem großen Birnbaum liegt auch wieder der alte Tanne.
Sie schleichen sich an wie beim vorigen Mal. Auf allen vieren durchs Gras. Aber als sie näher kommen, hören sie kein Schnarchen.
Wieder nimmt Erich einen kleinen Stock von der Erde auf, beugt sich vor, streckt den Arm aus, aber plötzlich verharrt er in der Bewegung.
Die Bartstoppeln sehen heute viel heller aus als sonst. Sind auch länger. Der Kopf zur Seite geneigt, die Augen starr und glasig. Der Mund steht offen und irgendwie schief. Zwei Fliegen laufen hinein und heraus.
Erichs Hand zittert. Dann schleudert er den Stock von sich und springt auf.
»Da ist kein Leben mehr drin!«, schreit Erich.
Sie rennen los und achten auf kein Hindernis.
Wie gut ist es, in Bewegung zu sein. Den Atem zu spüren, das Blut in den Adern und den jagenden Puls.
Sammelbilder
1841-1851
Wilhelm ist schon seit drei Monaten in Ebergötzen, da schickt er endlich ein Lebenszeichen nach Wiedensahl. In gestochen sauberer Schrift, die Hand vom Onkel geführt, schreibt er kurz nach Weihnachten 1841:
Theure Eltern
Ihr habt gewiß schon lange nach einem Briefe von mir ausgesehen, und ich habe auch im stillen daran gedacht, wie lieb Euch eine kleine Nachricht von mir sein würde. Aber da ich noch nicht ganz ohne Onkels Hülfe an Euch schreiben kann, Onkel aber seit einiger Zeit so viel zu thun hatte, daß ich ihn nicht mit meinen Bitten zur Last fallen wollte, so habe ich meinen Brief bis nach dem Feste verschoben, schreibe nun auch gleich und laße Euch nicht länger auf ein Lebenszeichen von mir lauren …
Die Festtage habe er ziemlich still zugebracht. Er ist der Einzige im Pfarrhaus, der zu Weihnachten Geschenke empfangen hat. Artig bedankt er sich für die neue Hose und das Buch von den Eltern und verspricht, recht viel daraus zu lernen.
Einen Freund habe er auch schon, teilt er mit, den Erich, den Sohn des Müllers Bachmann. Um die Eltern über diese Freundschaft zu beruhigen und positiv zu stimmen, stellen Onkel und Neffe den Freund gleich im Zusammenhang mit dem Lernen vor. Die Nachmittagsstunden haben sie nun gemeinsam, berichtet Wilhelm, wodurch es sich um so beßer lernen lässt, weil der eine es immer beßer machen will, als der andere. Ferien haben wir in dieser Zeit nicht gehabt; bloß den letzten Tag vor den Feiertagen hatten wir keine Stunden. Wir gehen aber auch eben so gern in die Stunden, als daß wir frei haben.
Ernsthaft und lerneifrig gehe es in Ebergötzen zu, davon sollen die Wiedensahler überzeugt werden. Ein anschauliches Beweismittel wird mitgeliefert. Wilhelm schreibt:
Um Euch aber doch einen kleinen Beweis zu geben, daß ich in Ebergötzen nicht so dumm geblieben, als ich hingekommen bin, und daß ich meine Zeit nicht müßig hingebracht habe, schicke ich Euch diejenigen Bücher, die ich bisher vollgeschrieben habe. Aller Anfang ist schwer, das werdet ihr auch in meinen schriftlichen Arbeiten erkennen; aber ich tröste mich mit dem Sprichwort: mit der Zeit bricht man Rosen, und verliere darum die Geduld nicht, wenn’s auch langsam geht …
Onkel und Neffe haben einen Bund geschlossen. Zeigen wir dem Vater mal, wie brav wir sind, wir beide, wie sittsam und ordentlich. Dann wird er beruhigt sein. Und im Übrigen sind wir hier in Ebergötzen für uns.
Pastor Georg Kleine ist ein für die Zeit äußerst toleranter Mann, vielseitig interessiert, gleichwohl ein Landmensch, Naturbeobachter, Verfechter des einfachen Lebens aus Überzeugung. Er ist ein leidenschaftlicher Bienenfreund. Ab 1865 hat Georg Kleine das Bienenwirtschaftliche Centralblatt herausgegeben und sich als Verfechter der damals neuen Fortpflanzungslehre von der Parthenogenese beim Bienenvolk einen Namen gemacht.
Der Privatunterricht beim Onkel, am Nachmittag geteilt mit dem Freund Erich Bachmann, ist abwechslungsreich und interessant. Kein Vergleich zu den zeitüblichen Paukmethoden mit Rohrstockbegleitung in öffentlichen Schulen. Naturbeobachtungen nehmen einen großen Raum ein. Das Leben, wie es ist, steht im Mittelpunkt. Und natürlich kann im Einzelunterricht das individuelle Interesse des Schülers Wilhelm Busch viel mehr Antworten finden als in einer Schulklasse.
Zeichnen gehört zu seinen liebsten Fächern. In Ebergötzen hat er damit ernsthaft und akribisch begonnen. Da ist das Selbstporträt des jungen Zweiflers. Daneben das Bild des Freundes Erich Bachmann — schon ganz künftiger Mühlenbesitzer. Moritz und Max, wie sie in Wirklichkeit waren. Früh schon zeigt sich Wilhelms Talent, mit wenigen Strichen Wesentliches zu erfassen. Der Onkel hat es unterstützt, hat ihn gewähren lassen.
Der Privatunterricht hat auch zur Folge, dass sich sein Abstand zur gewöhnlichen Welt zusehends vergrößert. Die Entdeckung, dass er anderes, dass er mehr kann als die Gleichaltrigen seiner dörflichen Umwelt, wächst sich aus bis zum Hochmut. Den zeigt er selten offen, aber die beständige Unterdrückung des Besserwissens schafft Fremdheit und Irritation. Erich Bachmann, der Freund, hält die Verbindung zum prallen, gradlinigen, oft so erschreckenden Leben.
Der Lehrer der Dorfjugend, weil nicht der mehlige, hatte keine Gewalt über mich — solange er lebte. Aber er hing sich auf, fiel herunter, schnitt sich den Hals ab und wurde auf dem Kirchhofe dicht vor meinem Kammerfenster begraben. Und von nun an zwang er mich allnächtlich, auch in der heißesten Sommerzeit, ganz unter der Decke zu liegen. Bei Tag ein Freigeist, bei Nacht ein Geisterseher.
Die enge Nachbarschaft von Leben und Tod hat ihn auch in Ebergötzen tief beeindruckt. Die findet er im Märchen wieder. Märchenlesen — das nennt er noch vor dem Zeichnen bei der Aufzählung seiner Lieblingsbeschäftigungen in dieser Zeit.
Nur einmal ist der Vater aus Wiedensahl zu Besuch in Ebergötzen. Was er hört und sieht, stellt ihn zufrieden. Man muss ihm ja nicht alles auf die Nase binden. Die freireligiösen Schriften zum Beispiel auf Brümmers Klavier. Die Phantasiestürme um Hannchen Lovis. Seine einsamen Grübeleien über Gott und die Welt. Die Einzelheiten seiner Streifzüge mit Erich Bachmann. Nach solchen Sachen fragt der Vater sowieso nicht.
Friedrich Wilhelm Busch ist mit seinem Schwager zufrieden. Nachdem er das Experiment Wilhelm für gelungen hält, schickt er später auch Sohn Otto zur Erziehung zum Onkel.
Erst nach drei Jahren kommt Wilhelm zum ersten Mal wieder nach Wiedensahl. Für ein paar Wochen zu Hause auf Besuch. Seine Mutter ist gerade auf dem Weg ins Feld, da kommt er an.
Ich kannte sie gleich, erzählt er später über diese Begegnung. Aber sie kannte mich nicht, als ich an ihr erst mal vorbeiging …
Was für eine Verletzung für den Zwölfjährigen. Spontan vergilt er Gleiches mit Gleichem. Er geht an der Mutter vorbei, als kenne auch er sie nicht mehr.
Was bleibt, ist Bitterkeit. Am Ende ist jeder ganz allein auf der Welt, heißt die Logik. Am Ende ist von keinem etwas zu erwarten.
Fünf Jahre dauert die zweite, die bessere Kindheit in Ebergötzen. Dann steht ein neuer Abschied bevor. Familie Kleine bezieht im Herbst 1846 das geräumige Pfarrhaus in Lüthorst am Solling und mit ihr Wilhelm. Georg Kleine übernimmt die besser bezahlte Pfarrstelle von seinem Schwiegervater. Es ist das dritte niedersächsische Bauerndorf, in dem Wilhelm nun lebt.
Lüthorst in dieser Zeit ist ein armes Dorf in einem armen Landstrich, von dem viele sich abgewandt haben, um in der Neuen Welt über dem großen Teich ihr Glück zu versuchen. In Lüthorst gibt es eine größere jüdische Gemeinde, eine geduldete Minderheit in protestantisch geprägter Umgebung.

Pastor Georg Kleine 1X69. Ölbild von Wilhelm Busch
Die Juden gehören zu den Ärmsten im Dorf. Später wird Wilhelm sie malen, den Rabbi von Lüthorst, viele jüdische Kinder. Die Ölbilder der etwa zehnjährigen Line Weißenborn werden zu den beeindruckendsten Porträts zählen, die ihm gelingen.
Einen Freund wie Erich Bachmann hat er in Lüthorst nicht. Dafür stürzt er sich umso mehr aufs Zeichnen, Naturbeobachten, Märchenlesen und auf die einsame Grübelei. Und die Unterrichtsstunden beim Onkel erweitern und intensivieren sich nun.
In den Stundenplan schlich sich nun auch Metrik ein. Dichter, heimische und fremde, wurden gelesen. Zugleich fiel mir die Kritik der reinen Vernunft in die Hände, die, wenn auch damals nur spärlich durchschaut, doch eine Neigung erweckte, in den Laubengängen des intimeren Gehirns zu lustwandeln, wo’s bekanntlich schön schattig ist, oder in der Gehirnkammer Mäuse zu fangen, wo es nur gar zuviel Schlupflöcher gibt.
Wohin mit der Grübelei? Auch dem Onkel wird er nicht alles mitteilen können, was da in seiner Gehirnkammer herumspukt. Es fehlt an Begriffen dafür. Auch soll der Onkel nicht denken, dass er anmaßend wäre. Natürlich hat er Kants Kritik der reinen Vernunft noch längst nicht begriffen. Aber da ist etwas, das ihn nicht loslässt. Er will sich nicht zufrieden geben mit der Oberfläche der Dinge, er will ihnen auf den Grund gehen. Und wenn er diese Art von Lebendigkeit nicht nach außen richten kann, weil er nirgendwo ein angemessenes Echo dafür findet, muss er sie nach innen wenden, muss ganz allein damit fertig werden, egal was alle Welt dazu sagen wird. Mehr und mehr werden die Laubengänge seines intimeren Gehirns zu Geheimkammern, in denen er sein Bild von der Welt und den Menschen aufbewahrt, an das niemand rühren soll.
So kann er sich insgeheim auch über die Ehrfurcht fordernde Erwachsenenwelt erheben, kann ihre Schwächen durchschauen. Zwangsläufig wird ihm dadurch die Welt zur Groteske. Immer deutlicher sieht er zuerst die komische Seite des scheinbar so ernsthaften Erwachsenenalltags. Die Geburtswehen des Humoristen entstehen aus der Beobachtung der Widersprüche der Welt.
In seiner Autobiographie beschreibt er später eine Beobachtung aus Lüthorst wie eine Theaterszene. Ähnlich wird er sie in seinen Bildergeschichten oft darstellen:
Unter meinem Fenster murmelte der Bach. Gegenüber am Ufer stand ein Haus, eine Schaubühne ehelichen Zwistes; der sogenannte Hausherr spielt die Rolle des besiegten Tyrannen. Ein hübsches natürliches Stück; zwar das Laster unterliegt, aber die Tugend triumphiert nicht. Das Stück fing an hinter der Szene, spielte weiter auf dem Flur und schloss im Freien. Sie stand oben vor der Tür und schwang triumphierend den Reiserbesen, er stand unten im Bach und streckte die Zunge heraus; so hatte er auch seinen Triumph.
Ostern 1847 wird der fünfzehnjährige Wilhelm Busch in der Dorfkirche in Lüthorst von seinem Onkel konfirmiert. »Es verwunderte und ergötzte ihn noch der Gedanke daran, dass er und seine dörflichen Mitkonfirmanden in schwarzen Schoßröcken und Zylindern zu dieser Feier erscheinen mussten«, weiß sein Neffe später zu berichten.
Konfirmation bedeutet damals auch den offiziellen und endgültigen Schlusspunkt unter die Kindheit. Der »Ernst des Lebens« begann. Der Eintritt in die Arbeitswelt stand bevor.
Nach dem Wunsch des Vaters soll Wilhelm Maschinenbauer werden. Um dieses handfeste und zukunftssichere Ziel zu erreichen, muss er die Polytechnische Schule in Hannover besuchen. Der Privatunterricht von Onkel Kleine hat ihn auf diese Art von Karriere denn doch nicht sonderlich gut vorbereitet. Er kann anderes, ihn interessiert anderes. Dennoch fügt er sich.
Sechzehn Jahre alt, ausgerüstet mit einem Sonett und einer ungefähren Kenntnis der vier Grundrechnungsarten, erhielt ich Einlaß zur Polytechnischen Schule in Hannover.
Für einen Besuch in Wiedensahl bleibt keine Zeit. Dort ist man beschäftigt mit dem Bau des neuen Hauses. So geschieht sein »Eintritt ins Leben« ohne die Nähe der Eltern. Zu Fuß und mit dem Omnibus reist er von Lüthorst über Einbeck und Alfeld nach Hannover, fast eine Tagesreise damals.
In Hannover wohnt er im Haus des Rechtsanwalts und Notars Christian Hermann Ebhardt, der mit einer Kusine seiner Mutter verheiratet ist. Unter verwandtschaftlicher Obhut wird er dazu angehalten, neben der gewissenhaften Erfüllung seiner mathematisch-technischen Schulpflichten auch Sprachstudien in Englisch und Französisch zu treiben, die der Onkel ihm nicht vermitteln konnte. Auch Schwimmunterricht nimmt er in Hannover.
Aber schwimmen kann er noch lange nicht. Wie tapsig und ungeschickt der Junge vom Dorf seine ersten Schritte in der Stadt setzt, beschreibt er selbst in seiner Erinnerung, wobei die Ironie des Alters die Peinlichkeit der Situation längst überdeckt:
Hier ging mit meinem Äußeren eine stolze Veränderung vor. Ich kriegte die erste Uhr — alt, nach dem Kartoffelsystem — und den ersten Paletot (frz. Überzieher, Herrenmantel) — neu, so schön ihn der Dorfschneider zu bauen vermochte. Mit diesem Paletot, um ihn recht sehen zu lassen, stellte ich mich gleich den ersten Morgen sehr dicht vor den Schulofen. Eine brenzlige Wolke und die freudige Teilnahme der Mitschüler ließen mich ahnen, was hinten vor sich ging. Der umfangreiche Schaden wurde kuriert nach der Schnirrmethode, beschämend zu sehn; und nur noch bei äußerster Witterungsnot ließ sich das einst so prächtige Kleidungsstück auf offener Straße blicken.
Mit Fleiß und Eifer versucht er, die in ihn gesetzten Erwartungen zu erfüllen, gegen sich selbst anzuarbeiten, sich vom Makel der Provinzialität zu lösen. Seine Mutter versucht er vom verbissenen Ernst seiner Bemühungen zu überzeugen:
… indeß, ich weiß selbst am besten, wie es mit mir steht. Es ist für mich nicht allein nötig, daß ich den Vortrag verstanden habe, sondern mein künftiger Lebenszweck erheischt mehr als das; ich muß Um auch durchweg u. zu jeder Zeit im Gedächtnis bereit haben.
Aber im selben Brief, fast zum Schluss, stehen plötzlich zwei Sätze, die aufhorchen lassen. Über den drei Jahre jüngeren Justus Ebhardt, Sohn des Justizrats, in dessen Haus er wohnt, schreibt er: Justus hat seine Karriere, in die er ursprünglich einzutreten gedachte, geändert. Er will jetzt Seemann werden.
Einer ist ausgebrochen aus Norm und Konvention, ist abgewichen vom vorbestimmten Lebensweg. Wilhelm erwähnt es gegenüber den Eltern. Kein Wort der Kritik an Justus, in das der Vater sogleich einfallen könnte. Dafür so altklug und falsch klingende Sätze über das, was sein eigener »künftiger Lebenszweck erheischt«. Das passt nicht zusammen. Auch für Wilhelm ist der Gedanke an ein nicht angepasstes Leben längst eine Verlockung. Aber noch hält er ihn nieder.
Wilhelms erzwungener Eifer ist nicht ohne Erfolg. In der reinen Mathematik schwang ich mich bis zu Eins mit Auszeichnung empor, aber in der angewandten bewegt’ ich mich mit immer matterem Flügelschlage. Wichtig ist ihm der Zeichenunterricht. »Erste Klasse«, benotet Zeichenlehrer Heinrich Schulz seine Leistung auf diesem Gebiet. Aber auch in den Fächern, die mit Zeichnen nichts zu tun haben, zeichnet er. Seine Kolleghefte sind voll mit skizzenhaften Darstellungen seiner Lehrer und Mitschüler. Sowohl Zeichnungen nach der Natur als auch Karikaturen. Dann kommt das Jahr 1848. Der Versuch einer bürgerlichen Revolution in Deutschland. In den Staaten des Deutschen Bundes kommt es zu Unruhen. Die Forderungen nach Freiheiten, ähnlich denen der Französischen Revolution, und nach nationaler Einheit werden überall lauter und dringlicher. Im März kommt es in Berlin zu blutigen Barrikadenkämpfen. Der preußische König Friedrich Wilhelm IV. verspricht, sich an die Spitze des »Gesamtvaterlandes« zu stellen, und lässt doch auf die Aufständischen schießen. Im Mai tritt das erste rechtskräftig gewählte deutsche Nationalparlament in der Frankfurter Paulskirche zusammen.
In dieser politisch bewegten Zeit wird der gerade vom Dorf in die Stadt gewechselte 16-jährige Wilhelm Busch wie alle Schüler der Polytechnischen Schule zur Verstärkung von Militär und Polizei als Hüter von Recht und Ordnung eingesetzt.
Aus langem zeitlichem Abstand, im Jahr 1906, schreibt er über seine Erfahrungen mit der Revolution:
Das Jahr 48 machte bedenklichen Lärm. Um den Wall die Ketten verschwanden. Ans uns Polytechnikern wurden Kompanien gebildet unter Führung der Lehrer. Den Stock in der Hand, eine weiße Binde um den Arm, zogen wir durch die Straßen und riefen den Frauen »Guten Abend, Bürgerim zu. Nur waren wir als Schergen der Ordnung beim »Volke« recht unbeliebt. Aus den Haustüren im Rösehof gossen unsichtbare Hände uns Schmutzwasser an die Beine. Bald kriegten wir Waffen; alte Steinschloßflinten, die Ohrfeigen austeilten und Gesichter schwärzten, wenn wir draußen an der Schwedenschanze exerzierten.

Wilhelm Busch 1848
Unsere Uniform war bloß kurz angedeutet durch eine Mütze mit schwarzrotgoldenem Streif drum herum. Das dreikantige Bajonett, im Bandelier zu tragen, diente als furchtbares Seitengewehr. Meine Kompanie hatte die Ehre, als erste die Hauptwache am Markt abzulösen. Freundlich grinsend standen uns die Soldaten gegenüber. Sie hinterließen uns munter belebte Matratzen zur behaglichen Ruhestatt.
Daß man uns keine scharfen Patronen anvertraute, war ärgerlich. Einstmals, während der Nacht, hatten wir an der Ecke der Ballhof- und der Knochenhauerstraße eine leichte Barrikade zu nehmen. Oben aus der Herberge flogen Backsteine herunter, unten bewarf uns von weitem die verwegene Menge. Vergebens verfolgten wir sie. Schießen konnten wir nicht. Da sprang ein langer Kollege, der die Geduld verlor, voran und prickte einem Kerl das Bajonett durch die Hose, daß er bölkte wie ein Ochse. Im Lindener Spital hat man ihn wieder kuriert. Und dies, soviel mir bekannt, ist unsererseits die einzige grausige Bluttat während der ganzen Revolution.
Übrigens gab es unruhige Geister auch in unserer eigenen Mitte. Sie brachten dem Direktor Karmarsch, ich weiß nicht warum, eine Katzenmusik. Für die Radaumacher schloß man die Schule. Für uns anderen, die brav gewesen, ging der Unterricht weiter.
Was für andere am Anfang mit großen Hoffnungen und am Ende mit bitterer Enttäuschung verbunden ist, beschreibt Wilhelm Busch als Groteske. Mag sein, dass ihm im Augenblick des Erlebens anders zumute war als im Rückblick nach so vielen Jahren. Davon aber verrät er nichts.
Im Grunde ist er unpolitisch. Die Zusammenhänge im Großen durchschaut er nicht. Die Revolution ist ihm eine Posse aus Krähwinkel. Ein Engagement, für welche Seite auch immer, ist ihm zuwider. Der Hang zur Grübelei in die Tiefe verbietet ihm, sich anderen Menschen anzuvertrauen. Wieder sieht er auch hier zuerst das Bizarre, Komische, Lachhafte. Salopp bezeichnet er das Rauchen und Biertrinken als zwei Märzerrungenschaften.
Sosehr sich eine solche Haltung im Augenblick auch absondert von den Strömungen der Zeit, sosehr wird gerade sie am Ende Gefallen finden bei vielen. Sie wird zur Zuflucht und zum Trost für alle vom Leben Gebeutelten, und wer wollte sich nicht dazuzählen? Später wird diese Haltung zur Grundstimme seiner Bildergeschichten und ist eine Erklärung für ihren großen Erfolg. Seht her, wird man sagen können, wir haben es doch schon immer gewusst, so ist das Leben, hier ist es wahrhaftig aufgezeichnet und treffend beschrieben. Und das Beste, was uns bleibt, ist, wenigstens einmal kräftig darüber zu lachen.
Dass solche Geschichten nur entstehen konnten, weil dem Erfinder vorher so viel von der menschlichen Wärme versagt geblieben ist, auf die er gehofft hat, dass sie entstehen konnten, weil seine nach innen gerichtete Lebendigkeit durch das Nadelöhr der äußeren Absonderung gegangen ist, das wird am Ende kaum jemand wahrnehmen wollen. Im Kern entspringt der Busch’sche Witz dem Alleingelassenwerden und dem Unvermögen, sich zu entscheiden. Weil es vielen so ging und geht, war und ist er so erfolgreich.
Vorerst aber müht sich Wilhelm Busch mit wachsendem Unmut, sich scheinbar dem anzupassen, was man von ihm erwartet. Auch verschwendet er noch längst keinen Gedanken an Bildergeschichten. Er hat ein ganz anderes geheimes Ziel, das er beharrlich verfolgt.
Mit ihm »brav«, aber unzufrieden mit der Maschinenbauerzukunft sind Carl Bornemann aus Alfeld und August Klemme aus Hannover. Alle drei haben sie Bilder im Kopf, die in die technischen Planquadrate nicht passen, die keine Maschinen ergeben. Sie freunden sich an.
Wilhelm hat sich merklich verändert. Aus dem ängstlich-braven Kind aus Wiedensahl ist nun einer geworden, der sich schon mal wagt, im dunklen Wald auch laut zu singen. Nicht nur das Rauchen und das Biertrinken hat er gelernt. Wenn er sich unbeobachtet fühlt und niemand ihn kennt, probiert er jetzt auch schon mal das öffentliche Lautsein. Im Herbst 1850 hat ihn jemand in der westfälischen Kleinstadt Bünde beobachtet:
»Zufälligerweise kam an diesem Tage ein junger Bursch aus Wiedensahl an, der Polytechniker in Hannover ist. Das war ein seltsamer Passagier. Seine Physiognomie war ganz eigentümlich. Er schien sich fortwährend über die ganze Welt lustig zu machen, und seine Fratzen haben uns oft köstlich amüsiert. Dabei war er ein höchst gescheiter, geistreicher Kopf, in allen Fächern zu Hause und jeden Augenblick mit den schlagendsten Einfällen bei der Hand. Ein Komiker war an ihm verdorben, denn er verstand alles ins Lächerliche zu ziehen …«
Ein Studienkamerad begleitet ihn. Von Bünde aus wandern sie nach Ebergötzen. Da will Wilhelm beim Schützenfest dabei sein. Er ist jetzt so alt wie Hannchen Lovis damals. Voriges Jahr hat er ihr ein Albumblatt zukommen lassen mit einem Spruch von Jean Paul:
… Nicht das bunte Ufer fliehet vorüber, sondern der Mensch und sein Strom; ewig blühen die Jahreszeiten des Lebens am Gestade hinauf und hinab, nur der Mensch fliehet einmal vorüber und kehret nicht wiederum.
In diesem Jahr, Wilhelm erfährt es in Ebergötzen, wird Hannchen den Herrn Adalbert Isermann heiraten.
Enttäuschung und Rückzug nach innen.
Hannchen war viel älter als er. Schon die Kinderfreundschaft zu Christine in Wiedensahl war für den Kaufmannssohn aus Gründen des sozialen Unterschieds fern jeder Verwirklichung. So etwas läuft immer nur in seinem Kopf ab, es bleibt bei schönen Träumereien.
In seiner Beziehung zu Mädchen und Frauen zeigt sich schon hier ein seltsames Muster, dem er bis auf eine einzige Ausnahme sein Leben lang verhaftet bleibt: Der junge Wilhelm Busch sucht die Beziehung zu älteren Frauen oder solchen, die schon in festen Beziehungen leben, der alte Wilhelm Busch wird sich besonders zu den jungen, lebensfreudigen Mädchen hingezogen fühlen. Immer bleiben Berührung und Nähe hinter einer unüberwindlichen Mauer im Reich des Wünschens und Wollens.
Dieser Stau der Gefühle lässt ihn im wirklichen Leben oft täppisch und unangemessen erscheinen. In seinen Bildergeschichten dagegen beflügelt er die Phantasie. Der Augenblick der schönen Illusion, das Gefühl, über den Dingen zu stehen: Man kann ihm umso mehr nachgeben, je ungebundener man ist. Er wird nie heiraten, er wird sich nie einer Idee verschreiben.
Im wirklichen Leben aber muss auch Wilhelm Busch seine Enttäuschung verwinden. Er wandert. Zu Fuß legt er Entfernungen zurück, die sich heute kaum jemand zumuten würde. Zusammen mit dem Studienfreund und mit Erich Bachmann geht es von Ebergötzen aus durch den Harz. Von dort nach Hannover. Und von Hannover mit Erich nach Wiedensahl.
Zum ersten Mal bringt Wilhelm jemanden mit in sein Elternhaus. Seinen ersten und gleichzeitig besten Freund. Das macht ihn stärker, nicht zuletzt gegen den Vater.
Kaum wieder in Hannover, wagt er den ersten Schritt seiner Privatrevolte. Er verlässt das Haus der Aufsicht führenden Verwandten und zieht in die Studentenbude zu seinem Studienfreund Carl Bornemann. Denn wer sich im Rauchen und Biertrinken übt, will einen eigenen Hausschlüssel haben.
Die Studentenromantik in Hannover währt nicht lange. Große Veränderungen sind in die Wege geleitet. In Wiedensahl hat er kein Wort gesagt.
August Klemme ist im Herbst 1850 in die »Stadt des Malkastens«, nach Düsseldorf gegangen, um an der dortigen Kunstakademie das Malen zu studieren. Carl Bornemann und Wilhelm Busch warten gespannt auf Nachricht von ihm.
Öfter als in Wiedensahl ist Wilhelm von Hannover aus in Lüthorst. Mit dem Onkel kann er reden. Mag sein, dass dieser ihn in seinem Eigenwillen bestärkt hat.
Am 9. März 1851 geschieht dann der große Ausbruch: Gegen den Willen seines Vaters verlässt Wilhelm Busch zusammen mit Carl Bornemann ohne Abschluss die Polytechnische Schule in Hannover, »um in Düsseldorf Maler zu werden«.

Adriaen Brouwer (1606-1618). Karten spielende Bauern in einer Schenke
In dieser kunstberühmten Stadt sah ich zum ersten Male die Werke alter Meister: Rubens, Brouwer; Teniers, Frans Hals. Ihre göttliche Leichtigkeit der Darstellung malerischer Einfälle, verbunden mit stofflich juwelenhaftem Reiz; diese Unbefangenheit eines guten Gewissens, welche nichts zu vertuschen braucht; diese Farbenmusik, worin man alle Stimmen klar durchhört, vom Grundbaß herauf haben für immer meine Liebe und Bewunderung gewonnen; und gern verzeih’ ich’s ihnen, daß sie mich zu sehr geduckt haben, als daß ich’s je recht gewagt hätte, mein Brot mit Malen zu verdienen wie manch anderer auch. Die Versuche freilich sind nicht ausgeblieben; denn geschafft muß werden, und selbst der Taschendieb geht täglich auf Arbeit aus …
Wilhelm Busch, Von mir über mich
III
Der Versager
Rote Kreise drehen sich, flimmern, lösen sich auf in warme Feuchtigkeit, bilden sich als Wellen neu, durchlaufen seinen Körper von unten nach oben, lassen ihn frösteln und treiben ihm Schweißperlen über die Stirn.
Die Sonne kann es nicht sein. Die Sonne hat sich kaum blicken lassen in diesen Tagen. Es ist Ende März 1853, der Himmel über Antwerpen ist verhangen, er sieht immer denselben Ausschnitt aus dem Fensterkreuz, milchgrau und unbewegt, selten mit ein, zwei Vogelpunkten, die sich schnell seinem Blickfeld entziehen. Stillstand seit Tagen. Er ist gefangen wie ein Vogel im Käfig. Das schneeweiße Federbett, die kleine Kammer, die Waschkommode, rissige Dielenbretter, die Petroleumlampe auf dem Nachttisch, der muffige Geruch, und der Blick wandert an den Deckenbalken entlang, immer dieselben Linien hin und her.
Heute Nacht, mitten in einem seiner Fieberträume, ist ihm auf einmal sein früher Tod nur logisch und konsequent erschienen. Die Hoffnungen, mit denen er nach Düsseldorf gegangen ist, liegen weit zurück. Er ist ein Versager. Den Anforderungen des Lebens nicht gewachsen. Nichts bringt er zu Ende.
Leichtfertig hat er hingeworfen, wofür sie ihn bestimmt hatten. Hochmütig ist er seinen eigenen Wünschen gefolgt. Seinen eigenen Wünschen? Zweimal ist er dem August Klemme hinterher, erst nach Düsseldorf, dann nach Antwerpen. Maler wollte er werden. War das nicht noch anmaßender als Justus Ebhardts Seemannsträume? Auch Justus war in Antwerpen gelandet. Der Maler und der Seemann. Vereint als Strandgut hochfahrender Hoffnungen. Was hat er bloß gedacht? Hat er geglaubt, sie haben hier auf ihn gewartet, hier draußen in der großen Welt? Auf ihn, auf Wilhelm Busch, den Dorfjungen aus Wiedensahl?
Fast in jeder Nacht kommen sie wieder und verhöhnen ihn, die Spukgestalten, die edelschmächtigen weißen Gipsfiguren aus dem Antikensaal in Düsseldorf, wollen, dass er immer wieder und immer wieder von vorn ihre Rundungen und jenseitigen Blicke aufs Papier bringt. Ein Flüstern und Kichern erhebt sich. Hermes, der Götterbote, wirft sein weites Gewand über die Schulter, die klassisch schönen Gesichter verziehen sich zu gemeinem Grinsen, unzählige Arme strecken sich aus, unzählige Finger zeigen auf ihn. Wilhelms Zeichenstift fegt mit irrwitziger Geschwindigkeit übers Papier, als könne er den Aufstand der idealistischen Gipsköpfe nur durch rasendes Nachzeichnen bannen. Sie jagen ihn kreuz und quer durch den Saal und Wilhelm zeichnet wie besessen.
Unter die antiken Modelle haben sich jetzt auch Carl Friedrich Sohn, der Lehrer der Vorbereitungsklasse, und Wilhelm von Schadow, der Akademiedirektor, gemischt. »Kopieren, kopieren und nochmals kopieren!«, schreit Carl Friedrich Sohn, und von Wilhelm von Schadow, der im Nebel verschwindet, hallt es herüber: »Heilig! Klassisch! Historisch!« Sie jagen ihn bis auf die Straße hinaus, und ihr Johlen unterscheidet sich jetzt durch nichts mehr von dem der Hütekinder in Wiedensahl oder der Dorfjugend bei der Kirmesrauferei in Ebergötzen. Aber die Straße ist nun nicht mehr die Straße in Düsseldorf, der Lärm nähert sich dem Haus Pont au fromage Nr. 320 in Antwerpen, und Wilhelm hält sich die Ohren zu, er will das Spottgelächter nicht hören, aber sein Wehren ist zwecklos, der Lärm kommt von innen.
Irgendwo im Haus poltert es. Das Geräusch kommt näher. Die Tür geht auf. Im Schein der Kerze huschen zwei Gestalten in sein Zimmer. Er erkennt sie und seufzt erleichtert. Es sind seine Wirtsleute Jan und Mie Timmermans, sorgenvolle, gütige Menschen. Er, hager, mit Nachtmütze und Schlappen, sie, mollig, zwanzig Jahre älter als ihr Mann, im Nachthemd mit Spitzenkragen. Gemeinsam betreiben sie das Barbiergeschäft an der Käsbrücke, Sammelstelle für alltägliche Freuden und Sorgen.
»Herr Wilhelm, Herr Wilhelm«, beginnt Mie in ihrer herben flämischen Sprache, von der Wilhelm immer nur Wörter erraten kann, die dem Plattdeutschen ähnlich sind, aber nie alles versteht. Sie stellt die Kerze auf den Nachttisch, lüftet das dumpfe Federbett, macht ihm neue Wadenwickel und wischt ihm den Schweiß von der Stirn.
Gestern haben sie einen richtigen Arzt ins Haus geholt. Die eigenen Bartscherer-Mittel schienen ihnen nicht mehr zu reichen. Der spitzbärtige Mann hat ihn abgehorcht, beklopft und befühlt und am Ende bedächtig genickt, als habe sich seine schlimmste Befürchtung bestätigt. Wilhelm hat das Erschrecken von den Gesichtern seiner Wirtsleute gelesen. Typhus.
Von dieser Krankheit stehen viele nicht wieder auf. Noch ist er nicht einmal 21 Jahre alt. War das denn schon alles? Als er am Morgen aufwacht, sitzt Mie neben seinem Bett, schon wieder oder immer noch, er weiß es nicht. Manchmal werden die Feuerräder vor seinen Augen kleiner und manchmal verschwinden sie ganz. Dann blinzelt er zu ihr hinüber und findet ihre lächelnd gütigen Augen. Ach Mie, denkt er. Wie gut ist es, die Nähe eines Menschen zu spüren. Es braucht keine Worte. Es braucht überhaupt keine Worte.
Alles wirklich Wichtige ist mit Worten ohnehin nicht zu sagen. Was er sagen wollte, wollte er in Bildern sagen. In der »Muttersprache der Kunst«. Bilder, die er in sich geahnt hat, denen er nachspüren wollte sein Leben lang. Und nun hat er sie gesehen, mit eigenen Augen gesehen. Das, liebe, verständige Mie, das ist das Schönste und Schrecklichste zugleich, was deine Stadt, was Antwerpen für mich bereitgehalten hat: die Bilder. Zwei-, fast dreihundert Jahre sind sie alt. Peter Paul Rubens hat sie gemalt, Adriaen Brouwer, David Teniers und der unvergleichliche Frans Hals.
Alles, was er sagen wollte, ist mit diesen Bildern gesagt. So wie er es nie fertig bringen wird. Stümperei und Geschmier alles im Vergleich zu den großen Niederländern. Und kein akademisches Malenlernen wird ihn je dahin bringen, den alten Meistern auch nur das Wasser zu reichen.
Ach Mie, denkt er, wie gut ist es, zusammen schweigen zu können.
Sammelbilder
1851-1865
Jan und Mie waren ein zärtliches Pärchen, doch kinderlos, sie dick, er dünn; sie halbierten mich abwechselnd, verpflegten mich während einer Krankheit und schenkten mir beim Abschied in kühler Jahreszeit eine warme rote Jacke und drei Orangen.
Die Rückkehr von Antwerpen nach Wiedensahl ist seine erste Flucht vor der großen in die kleine Welt. Wie schmachvoll auch immer, er vollzieht sie. Das Leben geht weiter.
Erst einmal gilt es, sich ganz von der Krankheit zu erholen. Das umgebaute Elternhaus hat nun auch Platz für ihn, und der Vater, will er nicht hartherzig erscheinen, muss den verlorenen Sohn wieder aufnehmen. Aber seinen Wünschen entspricht es nicht, dass sein Ältester nun scheinbar untätig zu Hause herumlungert, nichts Brotbringendes tut oder anstrebt und nur Flausen im Kopf hat. Im Plänemachen, ja, da ist er groß, aber da wird doch nie was draus. Schon im Dezember hat er seine Rückkehr aus Antwerpen angekündigt, mit großen Worten, versteht sich:
… Ich denke jetzt zu dem Punkte gekommen zu sein, wo ich meine Vorstudien so ziemlich beendet nennen kann. In Kurzem hoffe ich deshalb wieder bei Euch zu sein und dann verschiedene Studien nach der Natur zu malen und darauf ein Bild anzufangen …
Das soll glauben, wer will.
Friedrich Wilhelm Busch bleibt skeptisch. Und in der nun folgenden Zeit hat er allen Grund, sich bestätigt zu fühlen. Von dem großen Bild ist nichts zu sehen. Stattdessen fängt Wilhelm auf einmal an, Märchen zu sammeln.
Was damals die Leute ut oler Welt erzählten, klang mir sonderbar im Ohr. Ich horchte genauer und sucht’ es mir fleißig zu merken … Von Märchen wußte das meiste ein alter, stiller, für gewöhnlich wortkarger Mann. Einsam saß er abends im Dunkeln. Klopft’ ich ans Fenster, so steckte er freudig den Trankrüsel an. In der Ofenecke steht sein Sorgensitz. Rechts von der Wand langt er sich die sinnreich senkrecht im Kattunbeutel hängende Pfeife, links vom Ofen den Topf voll heimischen Tabaks, und nachdem er gestopft, gesogen und Dampf gemacht, fängt er seine vom Mütterlein ererbten Geschichten an. Er erzählt gemächlich; wird’s aber dramatisch, so steht er auf und wechselt den Platz, je nach den redenden Personen, wobei denn auch die Zipfelmütze, die sonst nur leis nach vorne nickte, in mannigfachen Schwung gerät.
Für Spukgeschichten dagegen von bösen Toten, die wiederkommen zum Verdrusse der Lebendigen, war der Schäfer Autorität. Wenn er abends erzählte, lag er quer über dem Bett, und wenn’s ihm trocken und öd wurde im Mund, sprang er auf und ging vor den Tischkasten und biß ein neues Endchen Kautabak ab zur Erfrischung. Sein Frauchen saß daneben und spann …
41 Märchen kommen zusammen, 52 Sagen, dazu noch Volkslieder und Reime. Bluttriefende Geschichten zum Teil, zum Teil Eulenspiegeleien, in denen Bauernschläue siegt und heuchlerische Pfaffen das Nachsehen haben. Auf den vergeblichen Griff nach den Sternen folgt der Versuch, wieder Nähe zu gewinnen, Boden unter den Füßen zu spüren. Viele der Märchen und Sagen sind im vertrauten Plattdeutsch erzählt. Aber wer will davon schon etwas wissen im Zeitalter der Eisenbahn und der Fabriken, und für die Märchen gibt es die Brüder Grimm.
Im Herbst 1853 ist er für längere Zeit beim Onkel Kleine in Lüthorst und lässt sich ernsthaft vom wundersamen Leben des Bienenvolkes fesseln. Vorübergehend hängt er dem Gedanken nach, als Bienenzüchter nach Brasilien auszuwandern. Doch dann spinnt er sich wieder ein in die kleine, sich selbst genügende ländliche Welt, versucht, seine Unruhe zu unterdrücken.
Er malt und zeichnet in Wiedensahl, Lüthorst und bei Verwandten in Hameln, füllt sein in Antwerpen gekauftes Skizzenbuch mit Porträts von Bruder Gustav, mit Blüten, Bäumen, Bauernhäusern, Marktfrauen, Kindern, Katzen, Landschaften und Interieurs. Die Bilder malt er so klein, als wolle er sie von vornherein verstecken. Was »Ordentliches« im Sinn seines Vaters bringt er nicht zustande, das angekündigte Bild lässt auf sich warten, aber im Verborgenen probiert er unentwegt weiter, ganz für sich, und zeigen will er es keinem.
Eineinhalb Jahre lebt er ohne Perspektive im Hin und Her zwischen Bildern, Bienen und Märchen und vertieft sich, angeregt durch des Onkels aufklärerisches Engagement, in Grübeleien auf hohem Niveau: Auch mich zog es unwiderstehlich abseits in das Reich der Naturwissenschaften. Ich las Darwin, ich las Schopenhauer damals mit Leidenschaft …
Hier irrt er sich in seiner Erinnerung. Die Bücher des englischen Naturforschers Charles Darwin kann er erst später gelesen haben. Die Entstehung der Arten ist 1859 erschienen, Die Abstammung des Menschen erst 1871. Mit seinen Schriften hat Darwin den Blick geöffnet auf die Entwicklung der Tier- und Pflanzenwelt und dem dort herrschenden »Kampf ums Dasein«. Der Gedanke, dass der Mensch vom Affen abstammt, hat seinerzeit für außerordentliche Erregung gesorgt und den Stolz der technik- und fortschrittsgläubigen Welt verletzt. Wilhelm Busch wird dieser Gedanke gefallen haben. Dass einer den Menschen den Spiegel der Natur vorhält, erscheint ihm ganz recht so. Auf seine Weise wird er mit den Bildergeschichten etwas ganz Ähnliches tun. Auch kann er im Rückzug auf die Vorstellung, dass alle Menschen letztlich den gleichen Naturgesetzlichkeiten ausgeliefert sind, vieles wettmachen, was er an Verletzungen von den scheinbar so selbstsicheren Erfolgsmenschen einstecken muss. Vom Akademiedirektor bis zum Kritiker, sollen sie nur ihre Klugheit verbreiten, am Ende gehorchen sie doch alle den gleichen instinkthaften Trieben. Auch die Schadenfreude spielt hier unübersehbar ihre Rolle.
Arthur Schopenhauer wird zu seinem Lieblingsphilosophen. Erst gegen Ende seines Lebens wird sich Wilhelm ein wenig aus der geschlossenen Denkwelt Schopenhauer’scher Philosophie hervorwagen. Auffallend sind die vielen Parallelen im Leben beider Männer. Was Wilhelm Busch in kleinen Verhältnissen erfährt, findet sich ähnlich bei Arthur Schopenhauer, nur in großbürgerlicher Umgebung. Auch Schopenhauer hat ein vergleichbar schwieriges Verhältnis zu seinen Eltern, auch er wird als Zehnjähriger für zwei Jahre aus dem Elternhaus entfernt, auch er soll einen Beruf erlernen, gegen den er sich innerlich zur Wehr setzt. Das Erbe vom Vater allerdings, das Schopenhauer lebenslange Unabhängigkeit gewährt, setzt ihn in den Stand, unvergleichlich entschiedenere Konsequenzen zu ziehen, als es Wilhelm Busch je möglich gewesen wäre.
Ungeachtet aller Kriegsunruhen und politischen Zeitläufe hat Schopenhauer sich wie Busch immer wieder in selbst gewählte Einsamkeit zurückgezogen. Als Dreißigjähriger schon hat er in dreijähriger Arbeit in Dresden sein Hauptwerk Die Welt als Wille und Vorstellung geschrieben. Das Schopenhauer’sche Denksystem legt den lebenserhaltenden Willen als Triebkraft für alles Böse in der Welt zugrunde. Einen Ausweg gibt es nicht. Es sei denn, der Wille würde im Spiegel der Vorstellung seiner selbst ansichtig und der Mensch würde durch ein solches Erkennen auf seinen Willen verzichten. Weil dies aber in der Wirklichkeit nicht geschieht, bleibt die Welt dem zwangsläufig bösen Willen verfallen.
Als Die Welt als Wille und Vorstellung im Jahr 1819 erscheint, will kaum jemand etwas von solchen im Grund pessimistischen Gedanken wissen. Schopenhauer bleibt unbekannt.
Erst nach der gescheiterten Revolution von 1848, in Zeiten tiefer politischer Resignation, entwickelt das deutsche Bürgertum eine Vorliebe für diese Philosophie. Nun endlich ist die Zeit reif, dass viele, unter ihnen Wilhelm Busch, sich selbst und die Welt im Werk Schopenhauers wiederfinden und seine Art zu denken annehmen. Immer wieder wird in Wilhelm Buschs Bildergeschichten der ungezähmte Wille vor allem in Gestalt von Kindern und Tieren gegen die ignorante Macht der Realität Sturm laufen, wird durch die Mühle gedreht, vernichtet oder durch Dressur gezähmt. So hat Wilhelm es im Leben erfahren. Darin fühlt er sich von Schopenhauer bestätigt. Arthur Schopenhauers entschiedene Art, die Welt anzuschauen und zu deuten, wird für den entscheidungsscheuen Wilhelm Busch zur Orientierung.
Im November 1854 endlich wagt er sich wieder hinaus. Aber wieder braucht es einen Anstoß von außen. Wieder, zum dritten Mal nun, kommt der Anstoß von August Klemme.
Post aus München flattert in die ländliche Schläfrigkeit von Wiedensahl und setzt den ernüchterten Zweifler in Bewegung. Die Königliche Akademie der Künste in der süddeutschen Metropole hat der Düsseldorfer Kunstschule inzwischen den Rang abgelaufen. August Klemme hat sich dort umgetan, und was er darüber mitteilt, ist für den 22jährigen Wilhelm Busch Grund genug, sich noch einmal aufzurappeln. Noch einmal will er den Versuch wagen, seinen doch nicht zu bezwingenden Neigungen ein Korsett zu verschaffen, mit dem er sich in der Welt sehen lassen kann. Und: … geschafft werden muß, und selbst der Taschendieb geht täglich auf Arbeit aus.
Den Vater, den Dorfkrämer, zu überzeugen, ist ein hartes Stück Arbeit. Dass sein Sohn Maler werden, sich einer im allgemeinen Ansehen brotlosen Kunst zuwenden will, scheint ihm anmaßend und ungehörig. Die Mutter und der Onkel müssen herhalten, müssen Zureden, um die Finanzierung des noch einmal aufflammenden Wunsches zu sichern.
Kaum ist er in München, sind die alten Zweifel wieder da. Das akademische Malenlernen ist nichts für ihn. Die Kompliziertheit großstädtischer Verhältnisse verwirrt ihn. Er wohnt in der Dachauer Straße Nr. 3 bei der Pfarrerswitwe Stiller, in der Nähe des Bahnhofs, da kann er die Züge hören. Die Angst vor der Schmach eines nochmaligen Rückzugs lässt ihn ausharren.
Am 6. November wird er in die technische Malklasse des Akademiedirektors Wilhelm von Kaulbach aufgenommen.
Sein akademischer Eifer aber ist von vornherein entschieden gedämpft. Gegen die offizielle Ansicht dessen, was Kunst ist, setzt er den querköpfigen Stolz des Autodidakten.
Sein Engagement verläuft sich auf ein Nebengebiet. Schon in Antwerpen hat er für die Kneipzeitung des dortigen Künstlervereins einige Scherze beigetragen. In München nun ist er sehr schnell Mitglied des Künstlervereins »Jung-München«, der sein Stammlokal beim Kapier in der Promenadenstraße hat. Mit 22 Jahren ist Wilhelm Busch eines der ältesten Mitglieder des Vereins, in dem sich nach typisch deutscher Sitte junge Maler, Musiker und Schriftsteller mit Statut und Fahne zusammengefunden haben. Aus allen Richtungen des weiterhin kleinstaatlichen Deutschlands sind sie im kunstfreudigen Sammelbecken der liberalen Stadt zusammengekommen. Man hockt zusammen, trinkt und raucht und blödelt und kann in Gemeinschaft die Unsicherheit der anderen bespötteln, die man von sich selbst so gut kennt. In seltenen Augenblicken gelingt es sogar, über die eigene Schwäche zu lächeln.
Wilhelm spürt es: Je mehr er sich in den Geheimgängen seines Gehirns nach innen hin einrichtet, umso dringlicher wird der Wunsch, doch irgendwie auch in der Außenwelt dazuzugehören. Deshalb schließt er sich so rasch den »Jung-Münchnern« an und übt sich mit besonderem Eifer, einer von ihnen zu werden.
Hier zeigt sich nun deutlich ein wunder Punkt in seinem Leben, aus dem heraus er immer wieder scheinbar unverständliche Torheiten begeht. Dazugehören will er. Heftig und intensiv. Aber anderen Menschen zu Gefallen sein, damit tut er sich schwer, da hat er sich gleich im Verdacht der Dummheit, der Naivität, da fürchtet er schnell, ausgenutzt zu werden, da geraten seine Gefühle auf Glatteis. Wenn er es dennoch tut, tut er es heimlich, verdeckt, eingereiht im Chor der allgemeinen Meinung. Wir werden es sehen: Immer wieder, wenn er sich bemüht dazuzugehören, tappt er daneben.
Im Verein »Jung-München«, in dem Ulk und Spott durch äußere Formen gefordert und geschützt sind, meint Wilhelm, sich zum ersten Mal wirklich loslassen zu können. Er karikiert seine Vereinskollegen, ausschließlich Männer versteht sich, schreibt Texte für Faschingsschwänke, Operettenlibretti. Die vereinsinterne Kneipzeitung Der Beiwagen füllt sich mehr und mehr mit Beiträgen des stattlichen Norddeutschen, der schnell akzeptiert ist, den aber keiner so richtig einordnen kann. Die anderen beschreiben ihn als auffallend gut aussehend, mit scharfem Witz begabt, kühl, stolz, abweisend und seltsam oft mit ernsten Dingen beschäftigt. Öffentliches Reden ist seine Sache nicht. In seinen Kneipzeitungsbeiträgen lässt er sich auf Erotisch-Schlüpfriges ein, schreckt auch nicht vor fäkalischen Derbheiten zurück, beschreibt Rauscherfahrungen, und wie selbstverständlich rutscht ihm da in ein, zwei Nebensätzen ein zeitübliches Ressentiment gegen die Juden aus der Feder, in einem Spottlied stimmt er in den Chor der Franzosenhasser ein.
Pulsuz fraqment bitdi.