Kitabı oxu: «Luftgitarrengott»

Şrift:

Inhaltsverzeichnis

BORN TO BE WILD

1980: RAUS AUS DEM NEST

1990: MIT 10 IST DIE WELT FAST IN ORDNUNG

2000: MUSIK, WAS DENN SONST

2010: 30 JAHRE »STERNDERLSCHAUN« DE LUXE

2020: DAS LEBEN IST KEIN WUNSCHKONZERT

2030: WASSER WIRD ÜBERSCHÄTZT

2040: 60 JAHRE UND KEIN BISSCHEN LEISE

2050: MIT 70 FÄNGT DAS LEBEN ERST AN

2060: MIT 80 AUF DER ACHTERBAHN

2070: DIE HOFFNUNG STIRBT ZULETZT

Dankeschön!



Copyright © Leykam Buchverlagsgesellschaft m.b.H. Nfg. & Co. KG, Graz – Wien 2021

Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikro­film oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Dieses Manuskript wurde von der Literaturagentur Wildner vermittelt, www.literaturagentur.at

Covergestaltung: Catrin Sommer

Farbschnitt: Fotos von iStock.com/Ali Kahfi und iStock.com/RadomanDurkovic

Satz: Gerhard Gauster

Druck: Finidr, s.r.o.

Gesamtherstellung: Leykam Buchverlag

www.leykamverlag.at

ISBN 978-3-7011-8204-6

Gefördert von der Stadt Wien Kultur:


BORN TO BE WILD

Was wäre wohl passiert, wenn sich nicht genau dieser eine kleine Sperminator-Hero gegen Millionen andere durchgesetzt hätte? Und wenn nicht genau in diesem Augenblick im Ziel eine winzige Lady freudestrahlend auf ihn gewartet hätte? Und wenn nicht diese beiden Turteltauben genau zusammengepasst hätten? Dann hätte es diese Geschichte wohl nie gegeben. Niemand würde heute wissen, dass Träume sich irgendwann doch erfüllen können, selbst wenn das Schicksal noch so ein Arschloch ist und man selbst den Glauben an das eine Wunder verloren hat.

So war es damals, als im wohlig warmen Mama-Nest ein neuer Bonsai keimte und das Abenteuer seinen Lauf nahm. Wahnsinn und Talent werden einem in die Wiege gelegt. Wenn man Glück hat. Okay, vom Wahnsinn war in diesem Fall vielleicht etwas viel dabei, dafür ließ sich auch das Talent nicht lumpen.

Und von nun an überschlugen sich die Ereignisse. Bastian war keines jener Sonntagskinder, denen das Glück von Beginn an förmlich an der Arschbacke zu kleben schien. Im Gegenteil, mit jedem »Happy Börthday«, der ins Land zog, verstand es das Schicksal mehr und mehr, ihm eins vor den Latz zu ballern. Aber das Leben ist kein Wunschkonzert, und die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt …

1980: RAUS AUS DEM NEST
Alles rosa

Überall war Musik. Sie klang von draußen in sein Nest. Mama und Papa beschallten ihn abwechselnd damit. ­Mamas Weiße Rosen aus Athen konnte er nicht aus­stehen, Papas Smoke On The Water fand er dafür voll krass. Da schüttelte es ihn so richtig durch in seiner kleinen Welt.

Seit einiger Zeit konnte er hören, was sich draußen tat.

»Hi, mein kleines Mädchen! Ich bin’s, deine Mama! Na, wie geht es dir in deinem Nest?«

Das war also Mama. Er wusste auch schon, dass es noch eine Mama gab, die Papa hieß. Wenn Mama sprach, war das für ihn sanft und weich, Papas Stimme klang eher so wie Mamas Magen, wenn er schon länger nichts zu essen bekommen hatte. Und Papa knurrte manchmal Sachen wie: »Wie geht es denn unserer Prinzessin in ­ihrem Nest?«

Was nun, dachte er, bin ich nun ein Mädchen oder eine Prinzessin?

»Und wenn es doch ein Junge wird?«, hörte er Mama fragen.

Papa knurrte: »Der Arzt hat ganz eindeutig ein Mädchen gesehen. Und du hast doch gehört, wie Tante Finni gemeint hat, dass es ganz bestimmt kein Junge werden wird, weil du so viel Süßes in dich reinfutterst. Das macht man nur bei Mädchen. Und die muss es wissen.«

»Die hat aber keine Kinder!«

»Egal! Wichtig ist, Mädchen lieben geile Rocknummern!«, wusste Papa, und schon war wieder mächtig was los. Papa knurrte ganz laut »Ta Ta Ta, Ta Ta Tata – Smoke On The Water«, und im kleinen Nest, das langsam immer enger wurde, ging’s hoch her.

»Nein, hör auf damit!«, schrie Mama: »Das kannst du unserem Mädchen doch nicht antun.«

Was antun? Er fand das prima!

Und plötzlich Stille, aber nicht für lange.

»Weiße Rosen aus Athen …«

Immer wieder dasselbe, von Papa richtig geile Musik und von Mama dieses grässliche Geknödel, das sich in seinen Ohren mehr als schräg anhörte.

»Schatz, was soll das?«, knurrte Papa wieder. »Das arme Kind bleibt ja freiwillig für die nächsten zwanzig Jahre in dir, weil es Angst vor deinen Schnulzen hat.«

»Du bist so gemein, ich mag diese Lieder, die sind von meiner Mama!«

Was, es gab noch eine Mama?

»Mein Mädchen soll mit angenehmer Musik aufwachsen, nicht mit der schrecklichen Hard-Rock-Scheiße von diesen drogensüchtigen Vollheinis! Ups – sorry für das ›Scheiße‹!«

»Scheiße«? Was war das wieder für ein Wort? Klang eigentlich gut, das wollte er sich merken. Egal – also, wenn er sich entscheiden dürfte …

»Dein Uralt-Kitsch ist keine angenehme Musik. Ich krieg Durchfall, wenn ich das noch länger hören muss. Und stell dir vor, unserer Prinzessin geht es genauso?«

Was immer Durchfall auch war, er fürchtete, er war knapp davor. Ihm hatte Papas »Rock-Scheiße« eindeutig besser gefallen, aber auf ihn hörte ja keiner.

»Was hältst du von Mozart?«, fragte Mama. »Ich habe mal gelesen, dass klassische Musik das Beste ist für kleine Prinzessinnen.«

Scheiße, er wollte die Rock-Scheiße …

»Okay, immer noch besser als Weiße Rosen, da singt wenigstens keiner.«

Er hatte auch mitbekommen, dass er eine eigene »Bude« bekommen sollte, wenn er mal sein Nest verlassen würde. Mama hatte ihm erzählt, dass sie es gar nicht mehr erwarten könne, bis er bei ihr sei. Na bravo, das konnte ja was werden. Musste er dann den ganzen Tag Schnulzen hören? Zum Glück war Papa auch da draußen, und der hatte ihm das von der »Bude« erzählt. Mama hatte aber anscheinend was dagegen. »Das ist ein Mädchenzimmer, keine Bude!«

Ihm war es egal, er wusste sowieso nicht, was das bedeuten sollte. Alles war »rosa«. Was bitte sollte nun dieses »Rosa« sein? Hoffentlich so etwas wie Musik, eine tolle Rock-Scheiße am besten, aber bei Mama hatte er da gewisse Zweifel. Egal, so wie’s aussah, gab es keine Chance, hier drinnen zu bleiben. Es wurde von Tag zu Tag enger. Wie sollte er da bloß rauskommen?

»Komm schnell!«, Mama schrie wie am Spieß. »Alles ist nass, da stimmt was nicht. Oder geht es schon los?«

Hey? Was hieß: Alles ist nass? Und was sollte nicht stimmen? Warum machte sie so ein Trara? Er war etwas verwirrt. Plötzlich krachte es gehörig und Papa schrie sein neues Lieblingswort. »Jetzt ist da auch alles nass! Ich bin über diese dämliche Rosenvase von deiner Mutter gestolpert – so eine Scheiße!«

»Egal, lass alles liegen, bitte komm schnell!«, flehte Mama, »ich glaube, wir müssen ins Spital, die Kleine will raus.«

Was? Meinten sie etwa ihn? Er wollte gar nicht raus! Da draußen war die Hölle los, jeder schrie, alles war nass und Papa war plötzlich ganz still.

»Scheiße!« Na also, ging doch!

»Schnell, schnell!« Mama übernahm das Kommando. »Ruf die Rettung! Pack die Sachen! Hol einen Fetzen, die Blase ist geplatzt! Und sag nicht immer dieses schreckliche Wort!«

Dann schwebte er – und mit ihm auch seine Mama. Gleich darauf wurden die beiden auf etwas Hartes gelegt und ab ging die Post. Sagte zumindest eine Stimme, und dazu noch: »Keine Angst, wir schaffen das!« He?

»Aua, die verdammte Küchentür«, Papa schrie sein Lieblingswort. Mama hechelte und eine fremde Stimme brüllte irgendetwas von »Sauerstoff«. Dann gab’s einen ordentlichen Rumpler, irgendetwas wurde zugeworfen, und endlich war wieder Ruhe im Busch. Aber nicht lange.

»Uahh!« Mama brüllte, so hatte er sie ja noch nie gehört. Ihr ganzer Körper wackelte und sie schrie wie Gene Simmons von Kiss, wenn er besonders cool sein wollte. Warum er das wieder wusste? Papa hatte es ihm erzählt. Und auch vorgemacht – »Uahh!«

Warum sich jetzt immer wieder ein Lichtstrahl in sein Nest verirrte? Eine dumpfe Stimme schrie: »Nein, bitte nicht, sie kommt jetzt schon!«

»Was? Jetzt?«, plötzlich brüllte da noch einer, »kann die sich die paar Kilometer bis zum Spital nicht zurückhalten?« Was hieß das jetzt schon wieder? Erst sollte er unbedingt raus und dann wieder nicht?

Angenehm war das wirklich nicht. Ganz schön eng der Gang, durch den er sich da zwängen musste. Vielleicht wär’s einfacher gewesen, wenn seine Mama mal stillgehalten hätte, aber das tat sie nicht. Im Gegenteil! Sie zappelte hektisch herum, da konnte sich ja keiner konzentrieren. Es wurde immer heller, die Luft zugleich immer knapper. Na super, am Ende würde er hier ersticken, noch ehe er seinen ersten voll zugedröhnten Rocker gesehen hatte, weil ihm irgendetwas die Gurgel abdrehte. Er hatte es ja gleich gesagt, er wollte da nicht raus.

»Verdammt, die Nabelschnur hat sich um den Hals gewickelt!« Das klang jetzt gar nicht gut. Und überhaupt nicht mehr dumpf. Mama schrie auch nicht mehr, aber keuchen hörte er sie. Und weinen. Warum tat sie das? Dann brüllte sie verzweifelt: »Hilfe! Mein Mädchen!« Gleich darauf wurde es kalt, irgendjemand riss die Autotür auf. Er hörte nur etwas wie »Notarzt!« und dahinter »Scheiße!« Es klang wie »Scheiß-Notarzt«. Wie schön, Papa war auch hier. Langsam sollte wirklich irgendjemand dieses Kabel von seinem Hals entfernen, sonst würde das nichts mehr werden mit der Musik. Und wirklich, der »Scheiß-Notarzt« arbeitete an ihm herum und plötzlich bekam er wieder Luft. Gerade noch mal gut gegangen. Puh, endlich draußen. Er freute sich schon sehr auf Papa und Smoke On The Water. Und auf Mama auch, aber nicht auf Weiße Rosen aus Athen!

Jemand hüllte ihn in eine warme Decke und rubbelte ihn ab. Und dann hörte er den Notarzt sagen: »Meine erste Geburt im Ambulanzwagen. Ich gratuliere Ihnen zu diesem prächtigen Jungen.«

»Scheiße! Alles rosa!«

1990: MIT 10 IST DIE WELT FAST IN ORDNUNG
Auf der Flucht

Sie waren hinter ihm her. Vier Mann hoch. Oder besser gesagt, vier Jungs hoch. Wieder mal. Bastian rannte so schnell er konnte, durch den Flur, die Stiegen hinunter. Er hörte sie schreien: »Pummel-Basti!« und »Fetter Wolf!« und noch viele andere Worte, die man jetzt nicht unbedingt wiedergeben muss. Noch einmal um die Ecke, gleich hatte er sie erreicht, die rettende Tür zum Musikzimmer. Hoffentlich war sie offen. Sie kamen immer näher.

»Verdammt!«, fluchte Bastian. In Berlin hatte man sie vor einem Jahr eingerissen, aber jetzt könnte er eine so beschissene Mauer gut gebrauchen. Wie gerne wäre Bastian jetzt auf der anderen Seite einer mega­breiten und himmelshohen Wand aus Stein und Stahl gestanden, die ihn vor dieser Terroristenbande hätte schützen können. Nichts da, die Tür ins Musikzimmer stand zwar offen, aber es steckte kein Schlüssel, mit dem er sie von innen hätte verriegeln können. Daher stolperte er durch den Raum zum Klavier, das an der gegenüberliegenden Wand stand. So oft schon hatte er darauf herumgeklimpert, heute sollte es seine Rettung werden. Darüber waren schmale Fenster, die ins Freie führten. Also rauf aufs Klavier, Fenster auf und raus. Da er aber alles andere als ein dünner Spargel war, blieb er in dem Fensterausschnitt stecken. Er spürte, dass sie seine Füße packten und ihn zurückziehen wollten. Im letzten Augenblick schaffte er es doch, sich durch die Öffnung in den Luftschacht zu wuchten. Dass er dabei einen Schuh an die johlende Meute verlor, war ihm zuerst gar nicht bewusst. Doch sie schienen sich damit zufrieden zu geben.

Jetzt musste er nur noch das Gitter über dem Luftschacht in die Höhe stemmen und auf den Gehsteig klettern. Das dauerte auch eine ganze Weile. Geschafft!

Doch plötzlich waren sie wieder da, sie liefen über den Schulhof und wieder hörte er die altbekannten Schimpfwörter. Bastian nahm seine Beine in die Hand und rannte einfach los.

Leider genau vor einen verrosteten Einser-Golf, dessen Fahrer es nicht mehr gelang, vor dem verzweifelten Schuljungen zu bremsen.

Als Bastian erwachte, hatte er keine Ahnung, wo er sich befand. Mama und Papa waren da, und Lisa, seine Schwester.

»Du hast uns einen schönen Schrecken eingejagt, kleiner Mann!« Papa lachte ihn an. »Aber echte Rocker sind harte Knaben, die haut so schnell nichts um.«

Mama hatte dicke Tränen in den Augen. Sie warf sich über ihn, drückte ihm jede Menge nasse Küsse in sein Gesicht und schluchzte: »Ich habe solche Angst um dich gehabt!«

Lisa meinte nur trocken: »Na, wieder da?« Das war’s. Dabei hatte sie den ganzen Schlamassel ausgelöst. Langsam konnte sich Bastian wieder erinnern, und jetzt wusste er auch, warum er hier im weißen Spitalsbett lag und seine Familie sich anscheinend sehr freute, dass er wieder aufgewacht war. Jeder auf seine Weise halt.

Wenn man seine kleine Schwester so ansah, mit ihren blauen Augen und den Engelslocken, war es fast nicht zu glauben, dass Lisa eine richtig gemeine Zicke sein konnte. Und das mit acht. Lisa war das schmächtigste Mädchen in der Klasse und wurde im ersten Jahr von einigen ihrer Mitschüler gehänselt und verspottet. Besonders zwei rotgesichtige »Arschlochkinder«, wie Papa Berger sie damals nannte, versuchten alles, um Lisa das Leben zur Hölle zu machen. Bis die kleine Lisa zur Kampfmaschine mutierte und sich wehrte. Mit Fäusten oder auch dadurch, dass sie Katzenscheiße in die Jausenbrote ihrer Peiniger schmierte, als die gerade am Klo waren. Sie ließ sich einfach nichts mehr gefallen, und irgendwann wurde sie dann von allen respektiert. Seither führte Lisa eine große Lippe in der Volksschule, was man von ihrem Bruder nicht so sagen konnte.

Er war eher der Typ »stiller Träumer«, der in seinen Gedanken oft ganz wo anders war als der Rest der Welt. Meist verlor er sich in Melodien, die in seinem Kopf herumzogen wie weiße Schäfchenwolken am tiefblauen Sommerhimmel. Wenn ihn die Lehrerin an die Tafel bat, musste sie dreimal »Bastian!« sagen, bis er es einmal hörte. Er war trotzdem kein schlechter Schüler, war hilfsbereit und ließ seine Klassenkollegen abschreiben. Er hatte also durchaus ein paar Freunde, doch dank Lisa waren das nicht allzu viele. Denn um selbst im Mittelpunkt zu stehen, machte sie auch vor ihrem Bruder nicht Halt.

Einen Tag vor der Jagd auf Bastian hatte sie in ihrer Klasse erzählt, er wäre gar nicht ihr richtiger Bruder, sondern irgendwo in einer Höhle im Wald gefunden worden. Aufgezogen hätte ihn ein Wolf, das wäre auch der Grund, warum er zuhause im Keller wohne, kleine Katzen fresse und Mama und Papa Berger ihn ab und zu an die Kette legen müssten.

Die Mädchen aus Lisas Klasse liefen schreiend davon, als Bastian sich auf dem Gang draußen seine Schuhbänder zuschnürte. Die Jungs aus den höheren Klassen wollten wissen, was da los war. Als sie den Grund der Panik erfuhren, war für sie sonnenklar, dass sie diesen gefährlichen »Wolf« jagen mussten. Bastian wurde wieder mal durch das Schulgebäude gehetzt, wie schon so oft zuvor. Diesmal war der Auslöser der »Wolf« gewesen, es gab aber auch jede Menge andere Gründe. Weil er es als »dicker Brummer« im Turnunterricht nicht schaffte, über den Bock zu springen, oder beim Fußballspielen den Ball nicht traf, beim Laufen über seine eigenen Füße stolperte oder einfach, weil ihnen langweilig war und sie jemanden brauchten, mit dem sie etwas »Spaß« haben konnten.

Dass sie alle begeistert applaudierten, ja sogar »Zugabe« riefen, wenn Bastian bei diversen Schulveranstaltungen auf der Bühne die aktuellen Popsongs in das Mikro röhrte, und zwar saugut und gänsehautfabrizierend, war ihnen in diesem Moment völlig egal. Eine andere Baustelle. Musikalisch konnte ihm keiner etwas vorwerfen, da wurde er selbst von seinen Peinigern auch mal als »Genie« bezeichnet. Was bei den Jungs in diesem Alter aber viel mehr zählte, war Sport in allen Varianten. Wer sich da blöd anstellte, hatte von Haus aus schlechte Karten. Und Bastian hatte die allerschlechtesten.

Tante Finni rockt nicht

»›Singing‹ ist kein Scheiß-Name!«

»Das habe ich auch nicht gesagt! Ich würde nie ›Scheiße‹ in den Mund nehmen!«

»Aber gemeint hast du es so! Außerdem – ›Singing‹ passt doch zu uns, es klingt irgendwie nach Musik!«

»Es müssen ja nicht auch die Ortsnamen in Englisch sein!«

»›Singing‹ heißt schon seit dreihundert Jahren so, damals haben die Bauern hier auf dem Land noch nicht mal gewusst, was Englisch überhaupt ist!«

»Egal! Ich mag den Namen nicht! Und basta!«

Tante Finni, die mit ihren grauen, in alle Richtungen stehenden Haarborsten aussah wie Mama Bergers Staubwedel, kam aus dem Nachbarort St. Josef. Obwohl es nur fünf Kilometer Luftlinie waren, lag doch eine Grenze dazwischen, und weil ab und zu sehr genau kontrolliert wurde, konnte ihr Anfahrtsweg manchmal mehr als eine Stunde dauern. Dann brauchte Tante Finni einen Schnaps, um sich von den Strapazen zu erholen und kam ins Philosophieren. Sie mochte es nicht, wenn alles »verenglischt« wurde und dass die Jugend kein »ordentliches« Deutsch mehr sprechen konnte. Papa Berger, der ewige Rocker, hasste es, wenn Tante Finni von der guten alten Zeit schwärmte, in der alles angeblich so viel besser gewesen war. Dann bekam er wieder seine roten Flecken im Gesicht, so wie immer, wenn er sich aufregte.

Und wenn Tante Finni dann noch mit »Wir hatten zwar nicht viel, aber wir waren glücklich!« nachlegte, war Papa Bergers seelisches Wohlbefinden endgültig im Keller.

»Tante Finni, hör doch auf damit! Wir sind im Jahr 1990! Früher wärst du jetzt schon lange tot. Damals sind die Menschen mit sechzig in die Grube gefahren, heute wirst du locker neunzig!«

»Wie du immer sprichst. Das hätte es früher nicht gegeben!«

Ehe die Flecken von Papas Gesicht auf seinen ganzen Körper übersprangen, flüchtete er meist in seine Garage und schraubte am Kadett herum. Dort hörte er seine coole Rockmusik aus Amerika und England, die, wie man sich vielleicht vorstellen kann, wiederum bei Tante Finni rote Flecken verursachte. Papa Berger war der einzige Mensch in ganz Singing mit einem Plattenspieler in der Garage. Zwischen den Autoreifen und dem Rasenmäher hatte gerade noch ein selbst gezimmerter Holzkasten Platz, in dem hinter einer Glastür ein ur­alter AEG Telefunken-Plattenspieler versteckt war. Den hatte ihm Opa vererbt, und darauf spielte Papa Berger so oft es ging Deep Purple, Led Zeppelin, Jimi Hendrix und die Rolling Stones. Bei offenem Garagentor und mit einer Lautstärke, dass die Megaboxen an der Garagendecke zu glühen begannen. Ganz Singing hatte was davon, aber das war Papa Berger egal.

Rocker-Baby und Kuschel-Prinzessin

Bastian fand nichts dabei, dass Papa den ganzen Ort mit Rockmusik überflutete. Er hatte Wichtigeres zu tun. Gut, dass er nur einen Tag zur Beobachtung im Krankenhaus bleiben musste, wer weiß, vielleicht wäre sonst sein großer Tag ins Wasser gefallen – sein zehnter Geburtstag. Vor zwei Tagen war er entlassen worden. Es gab ein heftiges Donnerwetter vom Direktor für die vier Rabauken, die Bastian zu der schmerzhaften Bekanntschaft mit dem Golf gezwungen hatten, und die Warnung, dass sie beim nächsten Verstoß gegen Ordnung und Sitten von der Schule fliegen würden. Das war’s dann auch schon.

Bastian war also Kummer gewohnt. Heute wollte er davon nichts wissen, seine Geburtstagsfeier ließ er sich bestimmt nicht vermiesen. Heute gab es alles, was seine Mama sonst nicht so gerne sah: Schokoladezigaretten, klebrigen Bazooka-Kaugummi, prickelnd süßes Afri-Cola und obendrein zehn Mark extra von Tante Finni, wenn Lisa und er für sie Weiße Rosen aus Athen singen würden. Für Papa war das ein »Scheißlied«, und die beiden Miniatur-Bergers konnten es auch nicht ausstehen, aber die zehn Mark entschädigten die wehrlosen Kids doch für die dreiminütige Misshandlung. Eigentlich hätte man in diesem Moment das schöne Singing in »Whining« oder »Crying« umbenennen müssen.

Lisa war im Gegensatz zu ihm ein Mädchen geblieben, die ganze lange Zeit, vom Bauch bis zur Zustellung. Bei Bastian war in der Lieferzeit ja irgendetwas schiefgegangen. Der Arzt hatte damals beim Ultraschall eindeutig keinen Schniedel gesehen, jetzt aber hatte er einen! Mama Berger war doch etwas überrascht gewesen, sogar ein bisschen enttäuscht, könnte man sagen, denn darauf war sie nicht vorbereitet. Und Papa auch nicht, denn der musste ganz allein das Kinderzimmer von Rosa auf Blau umgestalten. Papa, der eigentlich Gustav hieß, hatte sich damals nach Bastians fulminantem Start in dieses Leben doch sehr gefreut. »Aus dir mach ich einen echten Rocker!«, versprach er ihm noch im Ambulanzwagen, in dem der kleine Berger-Bonsai das Neonlicht der Welt erblickte. Mama Maria war nur am Weinen. Sie behauptete, das wäre vor lauter Glück, aber eigentlich wollte sie alles andere als ein Rocker-Baby und weder Lederstrampelhose noch »Hells Bells« auf dem Latz. Sie hatte von herzigem Rosa und permanentem Kuscheln geträumt, und genau das hatte sie sich dann fünfzehn Monate später nachliefern lassen – Lisa. Lisa und Mama hingen fast den ganzen Tag zusammen, die kleine Göre wusste genau, wie sie Mama Berger um den Finger wickeln konnte. Und die bekam gar nicht genug von ihrer süßen Kleinen. Eigentlich gut, dass Bastian das mit dem Schniedel passiert war, dachte er manchmal, sonst müsste er beim Fernsehen auf Mamas Bauch liegen. So konnte er sich daneben ganz allein auf dem Sofa ausbreiten, während die beiden aus dem Kuscheln gar nicht rauskamen.

Wenn Papa am Abend mal früher nach Hause kam, konnte Mama hin und wieder zu ihren Freundinnen fahren. Dann dröhnten aus einer mächtig überdimensionierten Stereoanlage Rocknummern in einer Lautstärke durch das Haus, dass die Scheiben klirrten. Die Stereoanlage im Wohnzimmer brauchte sich vor dem alten Plattenspieler in der Garage nicht zu verstecken, da war ordentlich was los bei Bergers »ultimativer Rock-Night«, wie Papa das Spektakel nannte.

Papa, Lisa und Bastian waren mittlerweile zu absolut unglaublichen »Luftgitarrenheroes« geworden. Irgendwie war er schon etwas verrückt, der Papa Berger. Vor allem, wenn er in seiner Unterhose auf dem Sofa stand und zu Deep Purple mit seiner imaginären E-Gitarre Smoke On The Water grölte. Bastian konnte das inzwischen auch schon perfekt, aber was Lisa aufführte, konnte keiner der Männer toppen. Die spielte in einer eigenen Liga, da musste man aufpassen, dass der Kristallleuchter und die Wohnzimmervorhänge heil blieben. Wie ein Gummiball hüpfte sie durch das Haus, und nichts war vor ihr sicher. Während einer Jam-Session zu Bruce Springsteens Born In The USA musste das Aquarium dran glauben, weil Lisa rücklings vom Sofa in die Zierfische krachte. In einer turbulenten Hilfsaktion konnten einige der am Boden nach Luft schnappenden Wasserzappler gerettet werden. Mama war nicht wirklich erfreut, als ihr die bergerische Luftgitarrengang erklärte, dass an diesem Tag das Baden ausfallen musste, weil in der Wanne ein Flüchtlingslager für heimatlose Zierfische eingerichtet hatte werden müssen.

Mama dachte im ersten Moment, dass eines der männlichen Familienmitglieder das Aquarium zerstört hatte.

»Das schaut euch wieder ähnlich! Könnt ihr nicht aufpassen?«

Lisa sah sie mit großen Augen an und flüsterte ganz leise: »Das war ich. Aber ich wollte das nicht!«

Und schon war für Mama wieder alles in Ordnung. Dass die Fische ihre Heimat wegen der süßen, kleinen Lisa verloren hatten, war etwas ganz anderes. Den Männern hätte sie dieses Kapitalverbrechen noch tagelang nicht verziehen, zu Lisa aber sagte sie nur: »Ist ja nicht so schlimm. Zum Glück ist dir nichts passiert, mein Schatz!«

Bleib so lieb, wie du bist heut

Zurück zu Bastians Geburtstag. Er war schon ziemlich aufgeregt, in einer Stunde sollten alle da sein. Mama hatte das Wohnzimmer dekoriert. Überall hingen bunte Girlanden, auf den Tischen standen ebenso farbenprächtige Lampions, und mittendrin saß schon seit Stunden Tante Finni und löste Kreuzworträtsel – beinahe unbemerkt von allen anderen. Mit den gewagten Farbkombinationen ihrer Bluse hob sie sich überhaupt nicht ab von dem knalligen Papierzeug, das sich über das gesamte Zimmer verteilte. Hätte sie nicht ab und zu mal beim Luftholen ein paar der winzigen Papierkonfettischnipsel in ihre übernatürlich große Nase gesnifft, hätte man durchaus glauben können, der Raum wäre zwar bunt, aber menschenleer.

So aber gab es alle Minuten einen Vulkanausbruch im großen Ohrensessel, weil die Papierschnipsel ja irgendwie Tante Finnis Nase auch wieder verlassen mussten. Und wenn Tante Finni nieste, dann hörte man das in ganz Singing.

Ihr Geschenk hatte sie Bastian schon am frühen Morgen überreicht – ein richtig großes Paket in einem Geschenkpapier mit rotgelbem Blümchenmuster. Fies war dabei jedoch, dass er es erst öffnen durfte, wenn alle da waren. Super, vielen Dank, Tante Finni. Die Karte dagegen durfte er gleich lesen, obwohl er auf die nicht halb so scharf war:

Happy Börthday, Bastian!

Kleiner Mann,

irgendwann bist du ein großer Mann!

Doch das dauert noch ewig lang.

Ich habe einen Wunsch:

mach eine große Freude uns.

Bleib so lieb, wie du bist heut

und lernen musst du auch, dann wirst du ­gescheit.

Jetzt bist du zehn, die Jahre vergehen.

Die Sonne soll dir scheinen schön.

Und wenn sie mal nicht scheinen tut,

hau nicht gleich drauf deinen Hut,

alles wird gut!

Na bumm. Wenn Bastian nicht gewusst hätte, dass Mama ihm dann die Schokotorte verweigern würde, wäre er sofort aufs Klo zum Kotzen gelaufen. Die Reime waren grenzwertig, und »Börthday« schrieb man ganz bestimmt anders, das wusste er schon mit zehn! Seinen Versuch, Tante Finni das zu erklären, stoppte sie sofort: »Was fällt dir ein, du kleiner Hosenscheißer. Ich hab schon Englisch gesprochen, da bist du noch in Abrahams Wurstkessel geschwommen!«

Sollte er ihr erklären, dass er in einem Ambulanzwagen zur Welt gekommen war? Wenn Tante Finni sich einen Wurstkessel in den Kopf gesetzt hatte, dann würde sie von ihrem Wurstkessel auch kein Mensch abbringen. Bastian schon gar nicht. Er war knapp davor, auf die Schokotorte zu verzichten und aufs Klo zu laufen …

Langsam trudelten auch die restlichen Gäste ein. Georg und Susi gingen in Bastians Klasse, beide hatten denselben Friseur. Die Haare hingen wie Spaghetti von ihren Köpfen – schulterlang. Bei Georg waren sie auch wirklich nudelgelb, Susi hatte schon Ketchup drauf. Ihre roten Fransen passten gut zu der dicken Brille, die ebenfalls knallrot war und ihr so richtige Riesenkulleraugen verpasste. Im Gegensatz zu Georg war sie etwas pummelig, aber das war Bastian ja auch. Selbst sein tägliches Luftgitarrentraining konnte die vielen Schokokekse nicht wettmachen, die Oma ihm immer zusteckte.

Ja, Oma war auch da. Die Mama von Papa Berger hatte erstaunlicherweise gar nichts Wahnsinniges an sich. Okay, vielleicht bis auf den Umstand, dass sie ununterbrochen lächelte. Bastian hatte sie noch nie mürrisch erlebt. Traurig schon, als sein Opa ein paar Jahre zuvor von der Küchenbank gekracht war und die Augen verdreht hatte, da hatte er sie sogar weinen sehen. Aber mit dem Lächeln hatte sie auch beim Weinen nicht aufgehört.

Bastian konnte damals durch den Türspalt genau beobachten, wie Opa am Boden ihrer Küche lag. Er hatte so einen komischen Blick drauf, Bastian wusste sofort, dass Opa jetzt keine der üblichen Grimassen schnitt, mit denen er die Kleinen sonst zum Lachen bringen wollte. Bastian war gleich auf den Dachboden verschwunden und hatte sich im großen Kleiderschrank versteckt, der so herrlich nach Opa roch. Oma hatte ihm und Lisa damals erklärt, dass Opa immer auf sie aufpassen werde. Und wirklich, das machte er: Denn Lisa und Bastian fielen in den kommenden Jahren von jedem Baum in ihrem Garten, brachen mehrmals im Winter im viel zu dünnen Eis auf dem Tümpel ein und nötigten zahllose Autofahrer zu einer Vollbremsung, weil ihr Ball über die Straße gesprungen war und sie hinterher. Nie war ihnen etwas passiert, weil Opa sich um sie gekümmert hat, da oben, wo immer er gerade war.

In der Nacht schlichen sich Lisa und Bastian oft heimlich aus ihrem Zimmer im ersten Stock hinaus in den Garten zum »Sternderlschaun«. Den Weg über das knarrende Vordach bis zur verrosteten Dachrinne, auf der sie dann runterkletterten, kannten sie schon blind. Niemand hatte sie da je erwischt, weil sie einen Deal mit Opa hatten. Dann lagen sie im weichen Gras, Hand in Hand, und schauten sich die vielen Sterne an, die über ihnen strahlten. Mama hatte ihnen erzählt, dass die Menschen, die sie am meisten lieb hätten, irgendwann zu Sternen würden. Damit man sie in schönen Nächten sehen könnte und in schlimmen Nächten wüsste, dass es sie trotzdem gab, auch wenn sie gerade hinter dicken Wolken versteckt waren. Opa war bestimmt auch so ein Stern. Wahrscheinlich der, der da links oben am hellsten funkelte. Dem schickten die beiden nächtlichen Ausbrecher oft ihre grauenhaftesten Grimassen rauf, genauso wie sie es mit Opa früher in der Küche gemacht hatten. Und manches Mal schnallten sie sich sogar ihre Luftgitarren um und rockten für ihn. Und sie stellten sich vor, wie er mitrockte, da oben …

Rosinenpudding für 10 Mark

Papa Berger hatte es nun auch endlich geschafft, sich von seinem Büro in der Molkerei zu verabschieden und parkte seinen C-Kadett in der Garage. Er wollte ja eigentlich Musiker werden, im Keller standen immer noch ein alter Kontrabass und seine Fender-E-Gitarre mit dem vorsintflutlichen Röhrenverstärker, die er alle heiligen Zeiten mal zur Hand nahm. Gelandet war Papa in der Molkerei und durfte dort den ganzen Tag Joghurts und Käse essen. Zumindest dachten sich die Kids das. So etwas nennt man heute »Produktmanagement«, früher war er einfach »Mädchen für alles«, hatte Papa mal erklärt. Bastian fragte sich damals, ob sein alter Herr vielleicht irgendwann auch keinen Schniedel gehabt hatte.

Jetzt war das Geburtstagskomitee endlich komplett und die Feier konnte beginnen. Lisa wollte ihrer Mama helfen, war aber wieder mal etwas zu schusselig. Daher hüpfte ihr beim Reintragen vor lauter Freude der Schokopudding aus der Schüssel und blieb genau auf dem Haufen aus Fliegen, Spinnen und Ungeziefer liegen, der am Morgen bei der großen Wohnzimmerreinigung aus den hintersten Winkeln hervorgekehrt worden war. Eigentlich hätte sie den Mist längst fortschaffen sollen, hatte es aber wieder einmal vergessen, und jetzt wurde die ganze Sauerei von einer klebrigen Masse zugedeckt. Keiner bemerkte es, nur Bastian sah aus den Augenwinkeln, wie Lisa den braunen Matsch mit ihren kleinen Händen vom staubigen Boden aufhob und wieder in den Napf hineinpresste. Schokopudding würde er heute sicher keinen essen.

Tante Finni rief begeistert: »Oh, Schokopudding! Her damit!«, und schon bekam sie diese ganz besondere ­Leckerei vor die Nase gestellt. Eigentlich war sie gar keine richtige Tante, sondern die Schwester von Oma, also auch nicht mehr die Jüngste. Alle sagten Tante Finni zu ihr, auch die Nachbarn. Obwohl sie auch nicht deren Tante war. Nach zwei Löffeln meinte sie, so etwas Tolles hätte sie schon lange nicht mehr gegessen. Ob da auch Rosinen drin wären? Mama wollte das gerade verneinen, aber Lisa kam ihr zuvor und erklärte, sie hätte den Pudding noch etwas verfeinert. Mama war zwar überrascht, aber weil Tante Finni den Schoko-Rosinen-Pudding so begeistert in sich reinschaufelte, verlor sie kein Wort mehr darüber, sondern war einfach nur stolz auf ihre Tochter, die mit ihren acht Jahren schon eine perfekte kleine Küchenfee abgab.

Jetzt wollte auch Oma Schokopudding. Lisa sah hilflos zu Bastian rüber, schweigend waren sich die beiden einig, dass Oma sich diese Mixtur nicht verdient hatte. Also musste Bastian alles wieder in Ordnung bringen, wie immer, wenn Lisa etwas verbockt hatte. Er nahm die Schüssel, rief Oma zu, »Gerne, ich bring dir welchen«, und im selben Moment stellte er sich selbst ein Bein, was gar nicht so einfach war. Er schaffte es und knallte mit der Schüssel samt Rosinenpudding auf den Wohnzimmertisch. In hohem Bogen flog das Ding aus seiner Hand durch die Luft und landete punktgenau im Aquarium, das seit zwei Wochen wieder in Betrieb war.

Entsetzte Blicke landeten auf Bastian. Papa versuchte, das Zeug aus dem Aquarium zu fischen, aber das glitschige Ding glitt ihm immer wieder aus den Händen. Mittlerweile hatte das ganze Wasser eine unangenehme Farbe angenommen. Durch bräunliche Schwaden sah man den Fischen ihre Verzweiflung an. Mama schrie, dass man sie sofort in Sicherheit bringen müsste, und da es im Berger-Haus ein eingespieltes Wasserrettungsteam gab, wurden die Tiere in ein Badewannen-Auffanglager umquartiert.

Das »Warum sind da so viele Fliegen und Spinnen im Becken?« von Tante Finni ignorierten die Einsatzkräfte geflissentlich. Man hatte jetzt Wichtigeres zu tun.

Nach dieser Aufregung kam erst mal Oma zu Bastian und steckte ihm einen Zehner zu, wahrscheinlich aus schlechtem Gewissen, weil sie dachte, dieses Fiasko sei nur ihretwegen ausgebrochen. Lisa war deshalb etwas eingeschnappt und zeigte das auch offen.

»Oma, Bastian hat unseren schönen, selbstgemachten Schokopudding im Aquarium versenkt. Warum bekommt er dafür zehn Mark?«

Na super! Vielen Dank, Lisa, dachte Bastian. Er sah sich schon den Zehner wieder zurückgeben, aber Oma meinte: »Ja, ja, warte nur, Lisa. Für dich habe ich auch einen.« Oma, die gute Seele, griff nun ein zweites Mal in ihr Portemonnaie, und schon bekam auch Lisa eine finanzielle Entschädigung für die ganze Aufregung.

Darüber wollte Bastian heute Abend bei ihrem gemeinsamen »Sternderlschaun« im Garten noch mal ­reden. Dabei wusste er jetzt schon, was die kleine ­Kröte sagen würde: »Das hatte doch gar nichts mit dir zu tun, natürlich hab ich dich nicht anschwärzen wollen, ich war doch froh, dass du mir geholfen hast.« Aber sie wisse ja, wie Oma ticke – und zehn Mark könne sie eben auch gut gebrauchen. Zumindest das Letzte stimmte: Oma würde niemals jemanden benachteiligen. »Das war nicht böse gemeint«, Bastian war sich sicher, dass Lisa ihm das am Abend genau so erklären würde. Wie sie es immer tat, wenn er von ihr enttäuscht war.

Weil seine Augen nass wurden, musste er schleunigst nach draußen in den Garten. Irgendwie konnte er seine Schwester nicht verstehen, zuerst musste er ihr aus der Patsche helfen, und dann fiel sie ihm in den Rücken. Das ging schon seit Jahren so.

Immer dieses Scheißlied

Susi, Bastians moppelige Freundin mit der Brille, hatte Lisa längst durchschaut. Bastian hoffte, dass sie die Tränen nicht in seinen Augen sehen konnte, als sie ihm ihr Geschenk, eine Riesentafel Schokolade, raus in den Garten brachte und die beiden gemeinsam innerhalb von vier Minuten zweihundert Gramm Nuss-Nougat verputzten. Irgendwie tat es gut, gemeinsam zu futtern, wenn es einem schlecht ging.

»Entschuldigung, wenn ich das sage, aber Lisa ist schon ein echtes Biest. Ich habe genau gesehen, wie die Rosinen in den Pudding gekommen sind«, verriet Susi. »Und wie sie dich dann bei deiner Oma schlecht gemacht hat, das war nicht besonders nett von ihr.«

»Ich weiß, aber sie hat das bestimmt nicht so gemeint.«

Er wunderte sich selbst, warum er sein Schwestern­monster immer noch verteidigte, und wischte sich die letzten Tränen aus den Augenwinkeln.

»Gut, dass Oma nichts vom Pudding abgekommen hat. Tante Finni ist ja noch etwas jünger, der macht das bestimmt nichts aus. Aber wer weiß, was mit Oma los gewesen wäre? Das hast du toll gemacht.«

Susi versuchte ihn zu trösten.

»Danke Susi!«, langsam vergaß Bastian, was Lisa da soeben gemacht hatte, weil Susi gerade besonders lieb lächelte.

»Wer weiß, vielleicht hätten sich die Fliegen in ihren dritten Zähnen verfangen und Oma hätte ihre Beißerchen vor lauter Schreck verschluckt?«

Jetzt lachten beide, und nicht nur die Schokolade schmolz in Bastians Händen. Susi sah mit ihren ketch­up­roten Haaren so richtig knuffig aus. Dass er Oma mit heldenhaftem Einsatz vorm Ersticken bewahrt habe, sei schon ein kleines Küsschen wert, meinte sie dann. Bastians Wangen wurden die reinsten Heizkissen. Susi schmeckte nach Brausepulver, und er wusste gar nicht, was er sagen sollte. Zum Glück rief Mama, dass sie alle reinkommen sollten.

Langsam beruhigte sich die Lage, das Aquarium war evakuiert, und die Fische in der Badewanne freuten sich über mehr Bewegungsfreiheit. Aber da war noch Tante Finni. Zuerst sollte Bastian ihr Geschenk auf­machen, und dann wollte sie ihr Lieblingslied hören: Weiße Rosen aus Athen. Bastian bedankte sich still bei seiner Mama, dass sie ihnen dieses Lied in einem Anfall von geistiger Abwesenheit irgendwann beigebracht hatte. Seither wartete Tante Finni bei jeder Gelegenheit darauf, dass Lisa und er dieses griechische Scheißlied singen würden.

Vielleicht ließ sie sich heute umstimmen. »Iiiichhh«, krächzte er, »Iiiich kann nicht singen, ich habe mich vorhin verkühlt, draußen. Meine Stimme …«

Mama fiel ihm in den Rücken und meinte: »Bastian, mach kein Theater, vor einer halben Stunde hat man von deiner Verkühlung noch gar nichts bemerkt. Wo soll die denn plötzlich herkommen?«

»Ich verstehe das, bei mir geht das auch immer so schnell.« Yeah, Papa hielt zu seinem Sohn. »Bastian, hast du die Kraft, Tante Finni statt der Weißen Rosen unsere unglaubliche Luftgitarrenshow zu zeigen?«

Ja, natürlich! Ehe er noch den Mund aufmachen konnte, mischte sich Tante Finni ein und meinte: »Nichts da, der Junge singt. So schlimm kann das nicht sein.«

Sie sah ihm tief in die Augen. »Bastian, du wirst doch deiner lieben Tante wegen dem bisschen Verkühlung nicht ihren Wunsch abschlagen, oder?«

Du bist nicht meine Tante, dachte Bastian! Sagen traute er sich das nicht. Er wusste, es hatte keinen Sinn, und auch Papa gab sich geschlagen. Lisa verhielt sich überhaupt ganz ruhig, sie hatte wieder einmal gehofft, dass Bastian die Sache alleine schaukeln würde. Wie immer. Diesmal hatte das aber nicht geklappt, nach dem Geschenkeaus­packen würde auch sie Weiße Rosen trällern müssen.

Hektisch holte Lisa das riesige Paket von Tante Finni aus der Garage, wo es seit heute früh zwischengelagert wurde. Bastian konnte es beinahe nicht mehr erwarten, denn in dieser Verpackung hätte durchaus auch eine ausgewachsene E-Gitarre Platz haben können. Vielleicht würde es Tante Finni auf ihre alten Tage ja doch noch schaffen, ihn mit einem richtig coolen Geschenk zu überraschen. Papa hatte ihr bestimmt verraten, dass er sich nichts sehnlicher wünschte als eine eigene Gitarre.

Das Ding dürfte schwer sein, Lisa musste ganz schön schleppen. Dass ihr die große Schachtel auf dem langen Weg ins Wohnzimmer zwei Mal runtergefallen war, erwähnte sie mit keinem Wort.

Jetzt saßen alle auf der Ledercouch und starrten erwartungsvoll auf Bastian. Irgendwie musste der Karton feucht geworden sein, im Viervierteltakt tropften kleine Wasserperlen auf den Teppichboden. Mama half Bastian beim Öffnen. Als sie den Deckel hoben und Tante Finni von der Couch begeistert »Happy Börthday!« schrie, bemerkten die beiden ganz unten in der Box jede Menge Glasscherben, und dazwischen drei mickrige Goldfische, die friedlich vor sich hindösten. Im Licht des Wohnzimmerleuchters glitzerte es aus der Schachtel wie aus einem winterlichen Schneehaufen, ein kleines Rinnsal träufelte fröhlich durch den Karton auf Mamas Filzpantoffel. So sah keine E-Gitarre aus! Bastians Träume vom eigenen, megageilen Musikinstrument lösten sich in diesem Moment in Luft auf.

Tante Finni war immer noch begeistert, verstand aber nicht, warum Bastian sich nicht freute.

»Bastian, jetzt hast du dein eigenes kleines Goldfisch-Aquarium. Wer Verantwortung für Tiere übernimmt, der lernt dabei fürs ganze Leben.«

Allzu viel Verantwortung würde er da nicht mehr über­nehmen müssen. Denn die dösenden Goldfische dösten gar nicht, die waren schon im Goldfisch­him­mel, weil ihnen vor einer halben Stunde die flüssige Lebensgrundlage genommen worden war. Dank Lisa!

»Ihr hättet beim Öffnen besser aufpassen müssen!«, schrie Tante Finni, die endlich die Bescherung entdeckt hatte und sich im Stadium der Schnappatmung befand.

»Ich hab mir solche Mühe gegeben, ein ordentliches Geschenk für Bastian zu finden, und dann das!«

Mama und Bastian waren sich keiner Schuld bewusst, mussten das aber jetzt gemeinsam ausbaden. Ausbaden war gut, das hätten die Goldfische auch gerne getan, aber leider war es nun mal, wie es war. Warum Lisa so scheinheilig vor sich hinlächelte, würde Bastian erst viel später erfahren. Er drückte Tante Finni trotzdem zwei schnelle Küsschen auf ihre rot angelaufenen Wangen und sagte artig »Danke schön«, während Papa die leblosen Goldfische mitsamt der feuchten Aquariumskatastrophe im Müll entsorgte.

»Könnte man da nicht Fischstäbchen draus machen?«, wollte Lisa wissen.

Kaum konnte Tante Finni wieder einigermaßen normal schnaufen, beschwor sie neues Grauen herauf: »Puh. Auf den Schrecken brauch ich jetzt meine Weißen Rosen.«

Und weil sie schon in der Tasche nach ihrer Geldbörse suchte und niemand die angespannte Stimmung noch mehr aufheizen wollte, verzichteten Bastian und Lisa auf den neuerlichen Versuch eines Gegenvorschlages in Form einer noch nie dagewesenen Luftgitarrenshow und beugten sich dem Schicksal:

»Weiße Rosen aus Athen …« – sie hassten dieses Lied!

2000: MUSIK, WAS DENN SONST
Ervögelt

Jetzt hatte sich dieses Biest doch tatsächlich einen Termin beim angesagtesten Musikproduzenten des Landes ervögelt. Ja, »ervögelt«, genauso nannte es Lisa, als sie ihrem Bruder vor zwei Wochen davon erzählt hatte. Und dieser Termin sollte morgen sein, genau zu der Zeit, zu der Bastians zwanzigste Börthday-Party beim Kirchenwirt in Singing steigen sollte. Also unmöglich für ihn, dabei zu sein, sie musste das also alleine durchziehen.

»Warst du da nicht gerade mit diesem schnuckeligen Bankbeamten zusammen? Du hast doch so von ihm geschwärmt!«, fragte Bastian damals.

»Nein, ja, egal! Ich war allein auf dieser Hammerparty, und da war plötzlich dieser Typ und dann …«, Lisa machte eine Pause.

»Was dann?«

»Dann bin ich mit ihm noch in seine Bude gefahren und da ist es halt passiert! Ist ja nichts Schlimmes, oder?«

Für Lisa war das nichts Schlimmes, sie sah das nicht so eng. Bastian hatte eine etwas andere Vorstellung von Liebe. Er hatte diesen Gedanken noch nicht zu Ende gedacht, da versicherte ihm Lisa: »So etwas hat nichts mit Liebe zu tun! Da treffen sich einfach zwei junge Menschen, die gerade nichts Besseres zu tun haben, als miteinander zu vögeln.«

Wo hatte seine Schwester bloß diese Ausdrucksweise her? Und außerdem, konnte sie Gedanken lesen? Bastian war einigermaßen verwirrt.

»Jetzt schau nicht so, Basti! Der Typ war echt abgefahren. Er heißt übrigens Joe. Dass er ein Macher in der ­Musikbranche ist, habe ich erst am nächsten Tag erfahren. Ehrlich!«

Lisa dachte bestimmt, dass sie Bastian damit beruhigen konnte. Sie war also nicht aus purer Berechnung mit dem Kerl ins Bett gesprungen, sondern hatte anständigerweise erst später erfahren, dass er ihr auch bei ihrer Musikkarriere nützlich sein konnte.

Und wieder las sie seine Gedanken. »Das ist ja auch gut für dich, oder? Wir spielen Joe unsere Songs vor und du wirst sehen, im Handumdrehen sind wir im Musik-Biz.«

Aha, sie hatte das also für ihn gemacht. Jetzt bekam Bastian rote Flecken.

»Du wirst noch sehen, was so ein bisschen Vögeln alles auslösen kann.«

Bastian wunderte sich oft, wie es möglich war, dass Geschwister so unterschiedlich sein konnten. Beide träumten sie denselben Traum, aber die Wege, die sie dorthin einschlagen wollten, konnten unterschiedlicher nicht sein. Musikalisch war Lisa genauso gepolt wie Bastian, aber im Gegensatz zu ihm führte sie schon jetzt das exzessive Leben einer Diva. Es gab keine Party im Umkreis von hundert Kilometern, die vor ihr sicher war. Selbst wenn sie gar nicht eingeladen war, fand sie immer einen Weg. Und meist später auch noch ins Bett eines x-beliebigen Partygasts. Die Frage »Zu dir oder zu mir?« war ihr völlig egal, sie hatte mit ihren achtzehn Jahren schon mehr Lover nach Hause gebracht, als im Spätsommer Schwalben auf der Telefonleitung saßen, das war eine ganze Menge. Dabei wurde ihr ständig das Herz gebrochen, »Liebeskummer« war Lisas zweiter Vorname. Und Bastian, als uneingeschränkter Experte für fast alles, was seine Schwester betraf, war ihr Kratz- und Heulbaum. Wenn sie nicht gerade unter jemandem lag, lagen die beiden oft bis nach Mitternacht Seite an Seite im weichen Gras ihres Gartens und sahen in den Nachthimmel, wie sie es schon als Kinder getan hatten. Das »Sternderlschaun« war mittlerweile eine Fami­lientradition geworden.

Hier unter den Sternen hatten sich die beiden geschworen, die Bühnen dieser Welt zu erobern. Als Rock-Duo wie Ike and Tina Turner. Nur besser! Und auf Deutsch, in ihrer Muttersprache. Falco und Nena hatten es geschafft, da würde es doch kein Problem sein, damit ebenfalls durchzustarten. Weltweit! Und einen Namen hatten sie auch schon gefunden. Von Bastians erster Idee Hill & Hill war Lisa nicht wirklich begeistert, Beli Ba gefiel ihr schon bedeutend besser. Das klang wie einer der gerade hippen Fantasie-Bandnamen, aber Bastian hatte sich sogar etwas gedacht dabei: Es waren jeweils die ersten beiden Buchstaben von Berger, Lisa und Bastian.

Lisa lachte laut, als ihr Bastian nochmal ins Gewissen reden wollte:

»Scheiß dir nicht ins Hemd, Basti! Bleib locker, das wird schon! Ich komme etwas später zu deiner Party, und dann feiern wir auch gleich meinen ersten Produktionsvertrag.«

»Unseren!«

»Was unseren?«

»Unseren ersten Produktionsvertrag!«

»Natürlich unseren! Beli Ba goes Hollywood – wirst schon sehen! Okay?«

»Okay, Lisa.«

Und genau diese Aussicht auf einen Produktionsvertrag bei einem Major-Label war schuld daran, dass Bastian und Lisa schon seit Tagen im Keller an neuen Songs arbeiteten und das Wort »Sonnenlicht« nur mehr vom Hörensagen kannten. Jeder Rockstar hat einmal klein angefangen. Eine stickige Kammer ohne Fenster, dafür mit einer gehörigen Duftnote nach Schweiß und Zigaretten, das würde sich später als Stars bestimmt hervorragend im Lebenslauf machen. Und dass sie beide mal Stars würden, das stand für Lisa und Bastian aber so was von fest!

Musik liegt in der Luft

Ein Leben ohne Musik konnte Bastian sich nicht mehr vorstellen. Lisa war da ganz ähnlich und Papa Berger freute sich, denn endlich hatte er zwei Nachwuchs-Wahnsinnige, mit denen er seine Leidenschaft teilen konnte. Als Mama ihren Kindern eine Flöte für den ersten Musikschulunterricht kaufen wollte, marschierte Papa höchst persönlich zum Direktor und erklärte ihm, dass seine Kids die musikalische Früherziehung schon längst hinter sich hätten. So begann Bastian gleich mal mit Schlagzeug und E-Gitarre. Er hatte zwar große Probleme, mit seinen kleinen Händchen die dicken Saiten zu greifen, aber irgendwie schaffte er es. Und irgendwann hatte er alle durchprobiert, sämtliche Instrumente, die sie in der Musikschule zu bieten hatten. Völlig egal, ob man auf ihnen klimpern, schlagen, zupfen oder blasen musste, Bastian lernte schnell.

Mama wollte unbedingt, dass ihr Mädchen ein anständiges Instrument spielte. Geige! Lisa sah das völlig anders. Obwohl auch sie jede Menge Talent besaß, fabrizierte sie absichtlich die schrägsten Töne und war schon bald wieder raus aus der Nummer. Ihr Instrument stand sowieso längst fest. My Heart Will Go On von Céline Dion war gerade ganz vorne in den Hitparaden, und sooft Lisa diesen Song mit dramatischen Posen vom Wohnzimmersofa aus durch das Haus schmetterte, war Gänsehautfeeling angesagt. »Ewri neit in mei drims – Ei si ju …« war zwar nicht wirklich lupenreines Englisch, aber Lisa brauchte ganz eindeutig keine Hilfsmittel, um sich musikalisch auszudrücken, da genügte einzig und allein ihre sensationelle Stimme.

Papa war mächtig stolz auf seine Kleinen und prophezeite ihnen eine große Karriere. Mama jedoch war da völlig anderer Meinung. Wichtig sei eine ordentliche Ausbildung, denn von der Musik würde heute bestimmt keiner mehr leben können.

»Dein Papa war auch mal so ein Träumer. Weißt du noch, Gustav?«, spöttelte Mama, »eure Band, wie hat sie geheißen? Ah ja …«, sie lachte laut auf, »›The Flying Zebras‹, die stand ja kurz vor ihrer Weltkarriere. Habt ihr zumindest damals gedacht.«

Okay, mit diesem beschissenen Namen konnte man unmöglich eine Weltkarriere starten, das war selbst Bastian als musikalischem Jungspund klar.

Mama stichelte weiter. »Bis auf den legendären Auftritt beim Feuerwehrfest in Hinterhammelstetten ist diese Karriere aber nie so richtig ins Laufen gekommen. Ganze zwanzig Minuten habt ihr gespielt wie die Weltmeister, dann hat ein Orkan das Zelt weggeblasen und vorbei war’s.«

Papa war nicht wirklich begeistert von Mamas Schilderungen seiner unglaublich intensiven, aber extrem kurzen Laufbahn als Hardrocker. Eigentlich war es ein Segen, dass der Wind damals zwei Drittel vom Zeltdach abgedeckt hatte. Die Leute im beschaulichen Hinterhammelstetten waren ebenso beschauliche Volksmusik gewohnt und hatten schon nach dem ersten Song entrüstete Buh-Rufe durch das Zelt gellen lassen. Jedes Mal, wenn jemand von diesen dunkelsten Minuten in Papas Musikerleben erzählte, bekam er diese roten Flecken auf den Wangen.

Mama Berger kratzte gerade noch die Kurve, indem sie ihm einen Kuss auf die Wange drückte und lachend hinzufügte: »Aber es war schon gut, dass ihr in Hinterhammelstetten gespielt habt, denn da haben wir uns kennengelernt. Und das alleine zählt, mein Schatz! Egal was sonst passiert ist …«

Am leicht gequälten Lächeln von Papa konnte man sehen, dass er das doch etwas anders sah. »Der Auftritt war zwar scheiße, aber trotzdem irgendwie cool! Als bei You Really Got Me plötzlich das Zeltdach davonschwebte und überall Sirenen zu hören waren, das war schon eine Mega-Show.«

Und dann wandte er sich an seinen musikalischen Nachwuchs: »Das müsst ihr mir erst mal nachmachen!« Und lachend fügte er hinzu: »Aber ihr zwei, ihr werdet nicht im verschissenen Hinterhammelstetten vor dreißig Leuten spielen, bei euch werden tausende Menschen dabei sein. Da bin ich mir ganz sicher!«

Jetzt bekam Mama rote Flecken.

Papa hatte erkannt, was in seinen Kids steckte. Und wenn es auch bei ihm nicht geklappt hatte mit der großen Musikerkarriere, bei ihnen, davon war er überzeugt, würde sich dieser Traum erfüllen.

Trotzdem hatte Bastian beim Tischler im Ort eine Lehre absolvieren müssen. Zwei Jahre zuvor hatte er sie abgeschlossen, ohne einen einzigen Finger zu verlieren, alles noch dran an beiden Händen. Und Mama war auch zufrieden.

Mama war das genaue Gegenteil des restlichen Clans. Keine Spur von Wahnsinn. Sie war der ruhende Pol der Bergers. Wenn Papa sie in der Küche im Sex Bomb-Fieber zum Dirty Dancing überreden wollte, lachte sie nur, hieß ihn einen »Spinner« und kehrte den Küchenboden. Sie putzte und kochte den ganzen Tag und freute sich, wenn es allen gut ging. Papa war keine wirklich große Hilfe im Haushalt und seine Kids auch nicht.

Mama konnte manchmal auch ganz schön nerven. Vor allem, wenn sie wieder mal ihre Herz-Schmerz-Schlager-Stunde hatte. Da war Weiße Rosen aus Athen gar nicht das Schlimmste, es gab noch viel ärgere Schnulzen. Das Fett tropfte förmlich aus den Boxen, so schmalzig ging’s in ihrer Küche zu. Als Kinder waren Lisa und Bastian dann meist mit dem Rad zu Oma geflüchtet. Egal was war, Oma war immer für sie da gewesen. Und ganz in der Nähe wohnten auch Susi und Georg. Die vier waren den ganzen Tag zusammengesteckt und Oma hatte sie mit Süßem und viel Liebe versorgt.

Vor drei Jahren war Oma dann beim Backen einfach umgekippt. Nach Opa und ihrem Hamster, den sie vor ewiger Zeit im Garten hatten verbuddeln müssen, war das der dritte Todesfall, den Lisa und Bastian miterlebt hatten. Wenn es Zoff zu Hause gegeben hatte, Probleme in der Schule oder auch Liebeskummer, bei Oma war alles wieder gut gewesen. Doch der Arzt, der von Papa gerufen worden war, als er sie gefunden hatte, hatte leider nichts mehr machen können. Seither hatten die Berger-Kids einen zweiten Engel im Himmel, der auf sie aufpassen würde.

Derselbe Arzt war etwas später ausschlaggebend dafür, dass sich Bastian im Keller sein eigenes musikalisches Königreich einrichten konnte. Zuvor waren dort Papas Weinregale gestanden, aber seit ihm Dr. Schuster das Trinken verboten hatte, soff er nur mehr heimlich. Stellagen voll Rotwein mussten von einem Tag auf den anderen entsorgt werden, weil Mama das so wollte. Doch da es völliger Unsinn gewesen wäre, 118 Bouteillen besten Rotweins einfach so zu vernichten, wanderten sie heimlich in einen kleinen Raum hinter der Garage. Einige der Jutesäcke, in denen Erdäpfel eingelagert waren, wurden auf dem Gemeinde-Kompost entsorgt und somit war genug Platz für den Alkohol. Papa Berger war zufrieden, er musste sich nur ab jetzt durch drei Reihen von furchtbar kratzenden Jutesäcken kämpfen, bis er zu seinem Stoff kam.

Der vom Alk befreite Kellerraum wurde zum Studio umgebaut. Ein gebrauchter Musikcomputer, ein ur­altes Keyboard und ein nicht mehr wirklich taufrisches Mischpult waren der ganze Stolz von Bastian. Sein gesamter Lohn und all die Ersparnisse, die er vor allem mit hemmungslosem Weiße Rosen aus Athen-Singen für Tante Finni angehäuft hatte, steckten in diesem Keller. Und trotzdem stand er bei seinem Rocker-Papa tief in der Kreide.

Irgendwo im Nirgendwo

Morgen war es also soweit. Bastians Börthday und Lisas ervögelter Produzenten-Termin, der vielleicht all ihre gemeinsamen Träume wahr werden ließ. Grund genug für die beiden, sich im Studio einzuschließen und weiter an den Songs zu arbeiten.

Eigentlich wollte Bastian seinen zwanzigsten Geburtstag in einer hippen Location feiern, in einem ultraheißen Szenelokal, das zu einem angehenden Rockstar passte, der mit seinen megacoolen Freunden die ultimative Börthday-Party steigen ließ. Das scheiterte jedoch an einigen elementaren Punkten, die sich so ergeben, wenn man irgendwo im Nirgendwo auf dem Land zuhause war.

Die heißeste Location im Umkreis von fünfunddreißig Kilometern war der Kirchenwirt am Dorfplatz von Singing. Das war auch so ziemlich die einzige Location mit einem großen, sehr retromäßigen Saal zum Feiern, riesigen Essensportionen und vor allem jeder Menge Alkohol für seine Kumpels. Wobei wir bei Punkt zwei wären: Den Großteil von Bastians Freunden konnte man eigentlich nicht wirklich als »megacool« bezeichnen. Die freuten sich, wenn es etwas Ordentliches zu beißen und genug zu trinken gab. Dann waren sie glücklich! Punkt drei war die nicht zu vernachlässigende Tatsache, dass Mama und Papa gemeinsam mit Tante Finni als Geburtstagsgeschenk die gesamte Zeche übernehmen wollten, wenn die Party beim Kirchenwirt steigen würde. Und sie sollte am frühen Nachmittag beginnen, weil Tante Finni meist schon um sieben müde wurde.

Genug Gründe also, warum es statt einer rockstartauglichen Mörderfete einen eher beschaulichen Familiennachmittag mit Freunden und guten Bekannten beim Kirchenwirt in Singing geben sollte. Wobei, wer Bastians Familie und Kumpels kannte, der wusste, dass mit ihnen auch jedes noch so harmonische Nullachtfünfzehn-Fest aus dem Ruder laufen konnte.

Im Studio geht’s heiß her

»Lisa, es ist zehn.« Bastian konnte es nicht glauben, als er verschlafen auf die große Studio-Uhr schaute.

»Abends oder morgens?« Lisa wollte es genau wissen.

»Wir sind gestern um vier ins Studio! Jetzt ist es zehn Uhr. Morgens!«

»Was? Gibt’s ja nicht. Darum knurrt mein Magen so.«

Sie waren gestern in den Keller gegangen und hatten alles rund um sich vergessen. Da hätte im Garten ein Raumschiff explodieren können, sie hätten es nicht mitbekommen. Lisa und Bastian hatten gemeinsam drei Demo-Songs produziert. Das heißt, Bastian hatte komponiert, arrangiert, den Text geschrieben, die Musik eingespielt, und seine Schwester sang das Ergebnis dann ein. Ihre Lead-Stimme war einfach purer Wahnsinn. Bei den Chören musste Bastian aushelfen, weil Lisa kein Teamplayer war, nicht mal beim Chorsingen. Irgendwann gegen fünf Uhr morgens ging dann einfach nichts mehr, todmüde dösten sie synchron auf ihren Studio-Drehsesseln ein und träumten vom interna­tionalen Durchbruch mit den neuen Songs.

Nach achtzehn Stunden im Studio sah selbst Lisa nicht mehr wirklich hammermäßig aus. Ihre Augen waren rot umrandet, ihre Gesichtsfarbe erinnerte an The Munsters und die Haare hingen ihr wirr ins Gesicht. Auch Bastian konnte heute eine Karriere als Märchenprinz vergessen.

Langsam kam Lisa wieder auf Touren.

»Warum hast du mir nicht früher gesagt, dass es schon so spät ist?«, schrie Bastians Schwesternmonster.

»Wie soll ich dir früher sagen, dass es jetzt schon später ist?«, versuchte er, die Stimmung zu heben. Das gelang nicht wirklich. Lisa gab wieder einmal ihrem Bruder die Schuld.

»Um zwölf muss ich bei Joe sein, wie soll ich das schaffen? Ich muss duschen, Haare waschen, mich schminken, und etwas Schlaf wäre auch nicht schlecht.«

Und Zähne putzen vielleicht auch, aber das behielt Bastian für sich. Alles in allem sollte so etwas eigentlich in zehn Minuten erledigt sein, dachte er. Bis auf den Schlaf, aber der wurde sowieso überbewertet. Lisa spielte die Diva, griff sich mit theatralischer Geste an den Kopf, stürmte zur Tür hinaus und stieß dort frontal mit Papa zusammen, der nachsehen wollte, ob seine Kids in der Kellerkammer bereits erstickt waren.

»Weg da!«, schrie die zukünftige Rock-Göttin und flitzte hektisch an ihm vorbei. Der kannte sich überhaupt nicht aus und fragte nur: »Spinnt sie schon wieder?«

Bastian klärte ihn kurz auf, und weil er schon mal da war, durfte Papa als erster Mensch außerhalb des Beli Ba-Universums die Songs hören, mit denen die beiden Berger-Kids den Durchbruch schaffen wollten – weltweit exklusiv also. Seine Meinung war Bastian sehr wichtig, denn so wahnsinnig er manches Mal auch sein konnte, Papa Berger hatte doch einen tollen Musikgeschmack und ein untrügliches Gespür für gute Lieder.

Der Experte in den eigenen vier Wänden

»Lass mal hören, was ihr da fabriziert habt.« Papa konnte es gar nicht mehr erwarten, dem Ergebnis der letzten Nacht zu lauschen.

Er war voll konzentriert, bei leisen Stellen wiegte sein ganzer Körper im Takt wie ein einzelner Getreidehalm im Hochsommer. Wenn es so richtig zur Sache ging, würgte er mit enthemmtem Gesichtsausdruck seine Luftgitarre und am Ende dirigierte er mit weit ausholenden Bewegungen und geschlossenen Augen ein imaginäres Orchester, bevor er sich erschöpft in den großen Sessel vor dem Mischpult fallen ließ und nur mehr ein leises »Scheiße« rausbrachte.

»Scheiße«, das wusste Bastian, konnte bei Papa alles bedeuten.

Der brauchte noch einige Zeit, aber als er sich wieder gefangen hatte, sprang er aus seinem Sessel, fiel Bastian um den Hals und sagte mit Tränen in den Augen: »Das ist ja der absolute Wahnsinn! Scheiße, ist das gut!« Na was jetzt, Scheiße oder Wahnsinn? Wahnsinnige Scheiße? »Bastian, das ist Wahnsinn!«

Ja, das wusste der schon. Was er nicht wusste, war, dass auch ein megacooler Alt-Rocker wie Papa Berger vor Rührung weinen konnte.

»Nie hätte ich für möglich gehalten, dass man so ­etwas in einem Kellerloch wie diesem produzieren kann. Du bist ein Genie, Bastian. Und Lisa mit ihrer Röhre, unglaublich.«

»Danke, Papa.« Damit er nicht das ganze Studio unter Wasser setzte, versuchte Bastian, die Stimmung etwas zu heben. »Das alles hab’ ich nur von dir.«

»Ja, genau!« In Sekundenschnelle mutierte Papa von einer Heulsuse zurück zum megacoolen Alt-Rocker. »Meine Gene sind ja doch nicht so schlecht! Ich hab’s ja immer gewusst! Du und Lisa werdet mal nicht in Hinterhammelstetten oder sonst irgendeinem Kaff versauern, das wird ganz groß.«

Er war immer noch völlig von den Socken. Papa war Profi. Zumindest fast! Für einen durchschnittlich begabten Musikamateur, der gerade unfallfrei sein Radio einschalten konnte, war es wahrscheinlich wirklich kaum zu glauben, dass fast alle Instrumente auf diesem klapprigen Keyboard eingespielt worden waren. Von den Drums über den Bass bis zu den Streichersätzen, mit Sounds, die jetzt gar nicht so übel klangen. Manche waren verdammt nahe an den echten Instrumenten. Die E-Gitarren hatte Bastian zur Sicherheit selbst dazu gepfriemelt, und dann kam noch eines der besten Naturinstrumente überhaupt ins Spiel: Lisas rauchige Stimme.

Niemand wusste, wie sie es zu dieser Rockröhre gebracht hatte. Wahrscheinlich hatte sie sich wieder einmal skrupellos in den Vordergrund gedrängt, als im Himmel die Stimmen vergeben wurden. Lisa sang, wie ein Hirsch röhrt. Ein weiblicher! Mit ganz viel Dreck in der Stimme, rauchig und abgefahren. Noch keine zwanzig, aber die kleine Berger Lisa klang, als ob ihr das Leben schon so manchen Schicksalsschlag in die Magengrube gedonnert hätte. Papa war rundum begeistert.

»Und ihr wollt wirklich auf Deutsch singen?«

»Ja, warum?«

»Ich mein nur, es gibt halt nicht so viele Weltstars, die deutsch singen«, meinte Papa.

»Dann sind wir eben die ersten! Außerdem, denk an Falco …«

»Okay, macht, was ihr wollt.«

»Lisa und ich sind uns einig, dass wir damit unsere Emotionen und Gefühle viel besser ausdrücken können als in irgendeiner anderen Sprache.«

»Egal«, sagte Papa, »ihr werdet es auch so schaffen! Ihr seid nicht aufzuhalten, in welcher Sprache auch immer.«

Papa hatten sie schon mal überzeugt, dann konnte es ja auch nicht so schwer sein, den Rest der großen Musikwelt mit ihren Songs zu begeistern.

Wichtig ist das Gesamtpaket

Nachdem Bastian die Songs auf eine CD gebrannt hatte, kam auch Lisa wieder zurück in den Keller. Sie hatte sich rausgeputzt wie eine Edelnutte auf der Reeperbahn. Der Mini war nicht mehr als ein etwas breiterer Gürtel, einen BH tragen nur Loser, aber keine zukünftigen Rockstars, und über dem nicht wirklich dezent geschminkten Gesicht stand in unsichtbaren Buch­staben »Fick mich!«

»Lisa, was wird das denn?«, fragte Bastian erstaunt.

»Was? Passt doch! Die sollen gleich sehen, dass ich mehr zu bieten habe als nur Singen.«

»Wichtig sind doch die Songs! Wenn du so daherkommst, nehmen sie dir nie ab, dass du eine ernstzunehmende Sängerin sein willst.«

»Basti, wo lebst du denn? Wichtig ist das Gesamtpaket. Und wenn Songs und Verpackung zusammenpassen, dann können die gar nicht anders, als mich unter Vertrag zu nehmen.«

»Uns«, ergänzte Bastian.

»Ja, natürlich. Uns!«

»Na dann, good luck, sister. Und grüß mir Joe!«

»Scheiße, ich bin viel zu spät dran.«

So, jetzt musste auch Bastian Gas geben, um sich von einer übermüdeten Kellerassel in einen blendend aussehenden Partytiger zu verwandeln. Was nicht wirklich gelang, er hatte halt nicht mehr als zehn Minuten. Was soll’s, als Naturschönheit brauchte man keine elendslangen Marathonsessions im Badezimmer, das musste auch so gehen. Seine Freunde machten sich da wahrscheinlich auch keinen Kopf. Hauptsache saufen!

Bastian wusste, was heute sonst noch auf ihn zukommen würde. Sein großzügiger Teil-Financier, Tante Finni, hatte die Erwartung, dass die Kleinen wieder für sie singen. War doch klar, am zwanzigsten Börthday von ihrem Bastian. Sie war jetzt schon eine alte Tante und Bastian wusste, dass man sich so etwas nicht wünscht, trotzdem wäre es schön, dachte er, wenn Tante Finni vor Müdigkeit umkippen würde, bevor Lisa zurück vom Plattenlabel kam. Dann würde Weiße Rosen aus Athen endlich einmal ausfallen.

Bei jedem Börthday, zu Weihnachten, zu Ostern und manches Mal auch ohne Anlass mussten die Berger-Kids dieses Scheißlied singen. Tante Finni stand einfach drauf und immer noch drückte sie danach jedem der beiden ehrfürchtig zehn Mark in die Hand. Mit Tränen in den Augen. Tränen würden bestimmt auch Bastians Kumpels in den Augen haben, er wollte sich gar nicht ausmalen, welche idiotischen Kommentare er von den besoffenen Kerlen heute wieder hören würde.

Beste Freunde

Seit es Oma nicht mehr gab, hatte Bastian auch die pummelige Susi nicht mehr gesehen. Ein paar Tage zuvor hatten ihn sentimentale Gefühle gepackt und er hatte sie angerufen, um sie zur Party einzuladen. Sie hatte schon davon gewusst und gemeint, sie wäre sowieso gekommen, weil Georg ja auch dabei sein würde. Aha, was sollte das jetzt? Bastian war etwas überrascht. War sie mit Georg zusammen? Egal, er freute sich, sie mal wieder zu sehen. Die Schokolade zum zehnten Börthday war ihm immer noch tröstlich in Erinnerung, auch wenn sich Susis Liebe zu Schokolade schon damals an ihrer Hüfte und Taille erkennen ließ. Süßes tut eben manchmal einfach gut. Und Bastian war ja auch nicht gerade ein Spargel.

Nach einer sehr oberflächlichen Gesamtreinigung schaffte es Bastian gerade noch rechtzeitig zum Wirten. Hannes, der Lastwagenchauffeur aus dem Nachbarort, mit dem er sechs Jahre in die gleiche Klasse gegangen war, bis der sich entschieden hatte, eine Wiederholungsrunde einzulegen, war schon leicht illuminiert. Der »Hosenscheißer«, wie ihn nur sein bester Freund nennen durfte, war immer schon etwas anders gewesen, er hatte immer schon mehr Alkohol in sich reingeschüttet als seine Kumpels, immer schon mehr bei den Mädchen gebaggert als alle anderen und er hatte immer schon mehr Ohrfeigen abbekommen als der Rest. Eigentlich war er ein netter Kerl und brachte Stimmung in jede Hütte.

Und er war immer da, wenn man etwas von ihm brauchte. Ohne zu murren, zwei, drei Bierchen, und schon konnte man von ihm alles haben. Er war zwar mehr der Mann fürs Grobe, aber wie bei vielen anderen Arbeiten war er auch beim Einrichten von Bastians ­Studio Gold wert gewesen.

Dass dieser etwas raue Kerl ein Faible für Musik hatte, war eigentlich gar nicht zu glauben. Sein Opa hatte angeblich mal mit den Beatles im Star-Club in Hamburg gespielt. Ob Karten oder Musik, das wusste niemand. Aber genauso einen Höfner Violin Bass 500/1, den Opa Hosenscheißer seinem Enkel Hosenscheißer vererbt ­hatte, den zupfte damals auch Paul McCartney. Hannes war von diesem ehrwürdigen Instrument so fasziniert, dass er es mittlerweile fast genauso gut beherrschte wie der pilzköpfige Pauli aus Liverpool. Hannes und Bastian verband also nicht nur die Liebe zu riesengroßen Biergläsern, auch musikalisch passten die beiden gut zusammen.

»Hallo Bastian! Na, eine schwere Nacht gehabt? Du schaust aus, als ob du schon irgendwo vorgefeiert ­hättest, ohne uns.«

»Wäre wahrscheinlich besser gewesen, um den Tag mit euch Hohlbirnen heute durchzustehen.« Bastian lachte ihm ins Gesicht.

»Ohne uns gibt es keine Party. Zumindest keine ­ordentliche. Das weißt du.«

Ja, das wusste Bastian. Und langsam wurde ihm auch etwas flau im Magen. Wenn seine Kumpels erst einmal losgelassen wurden, konnte viel passieren.

»Ich war die ganze Nacht im Studio …«, versuchte er Hannes zu erklären.

»Oh, du hast bestimmt geübt, für deinen Auftritt mit Lisa?« Der Hosenscheißer konnte so ein richtig blöder Kerl sein. Dann fing er auch noch zu singen an: »Weiße Rosen aus Athen sagen dir ›Komme recht bald wieder …‹ Bastian, du kannst dir gar nicht vorstellen, wie sehr ich mich darauf freue.«

»Arsch!« Der Hosenscheißer würde eben jetzt noch nicht erfahren, dass er heute Abend die Geburt eines Rock-Duos miterleben dürfe, wie es die Welt noch nie gesehen hatte. Bastian hatte überhaupt keine Zweifel daran, dass Lisa mit seinen Liedern und ihrem Aussehen im Plattenlabel für Furore sorgen würde, selbst wenn sie noch so nuttig daherkam.

»Nein, im Ernst.« Hannes gab keine Ruhe. »Wenn ihr beide das singt und Tante Finni in Tränen ausbricht, das ist ganz großes Kino.« Der Hosenscheißer konnte sich jetzt gar nicht mehr halten vor Lachen. »Du hättest euch sehen sollen bei der Gartenparty im letzten Sommer! Mit diesem Gesichtsausdruck kann man ganze Landstriche lahmlegen. Ich glaube, heute werde ich mal ganz laut ›Zugabe‹ rufen.«

Ganz schön fies. Das konnte Bastian auch! »Wenn du das machst, muss ich nach Weiße Rosen halt eine kleine Geschichte erzählen, davon, wie man von einem Moment zum anderen den Namen ›Hosenscheißer‹ verpasst bekommen kann.«

»Nein, das machst du nicht? Du hast es mir versprochen! Bastian! Bastian? Okay, keine Zugabe! Alter Sack!«

Nur Bastian allein wusste, wie Hannes zu diesem Namen gekommen war, und der Hosenscheißer rechnete es ihm hoch an, dass er von seiner kleinen Unpässlichkeit vor einem Jahr bisher niemandem etwas verraten hatte. In einer Disco in München hatten sie mal wieder »Schnecken checken« gewollt, wie es Hannes immer so schön ausdrückte. Davor waren die beiden bei einem Chinesen futtern gewesen, und irgendwie hatte sich das Glutamat nicht mit den zehn Bacardi Cola vertragen, mit denen Hannes sich in der Bar die Birne vollgedröhnt hatte.

»Schau dir nur diesen steilen Hasen an! Die hat ­Hoppelbeine bis zum Himmel!«, hatte der Hosen­scheißer anfangs noch geschwärmt. Irgendwann hatte er seine Eroberung mutterseelenalleine auf der Tanz­fläche stehengelassen, weil seine Eingeweide ganz plötzlich eine Frühlingsrolle, acht Schätze und zehn Bacardi Cola hatten loswerden müssen. Wie ein ver­haltensgestörter Hürdensprinter war der Hosenscheißer, der bis zu diesem Augenblick schlicht Hannes genannt worden war, über fünf Tische in Richtung Ausgang gesprungen. Leider zu spät, beim dritten Tisch schon war die Verdauung schneller und eine Duftnote verfolgte ihn wie der Kondensstreifen eines Düsenjets. Das war die Geburt eines ­neuen Namens. Man kann jetzt auch verstehen, warum die beiden seit damals niemals wieder in dieser Disco waren. Bastian musste Hannes Hosenscheißer hoch und heilig ver­sprechen, dass niemand von diesem Fiasko erfahren würde. Auch darüber, wie Bastian den Stinker zuerst aus der Disco und dann nach Hause gebracht hatte, wurde Stillschweigen vereinbart. Aber so eine Nacht verbindet.

Nachdem mit dem Hosenscheißer alles geklärt war, trudelten schön langsam auch die restlichen Gäste ein. Plötzlich donnerte jemand seine Pranke auf Bastians Schulter. »Basti, alter Schurke! Schön, dich zu sehen.« Der brutale Handaufleger war Georg, der mit dieser Therapie keine großen Erfolge feiern würde, so viel war sicher.

»Wie schaust denn du aus? Hast du die Nacht schon durchgemacht?«

Hatten die sich alle abgesprochen und wollten kollektiv lustig sein? Wie bei den unsäglichen Faschingssitzungen im Fernsehen? »Helau, Helau, Helau – wolle ma ihn reinlasse?« Bastian schaltete auf stur und verlor absichtlich kein Wort von den Aufnahmen im Keller. Die würden heute schon alle noch mitbekommen, was los war. Außerdem blieb ihm gerade die Spucke weg, und das nicht nur wegen der Schmerzen in der Schultergegend, sondern eher wegen dem Sonnenschein, der hinter Georg gerade hervorlachte. Wo hatte dieser Kerl bloß so ein Mädchen her?

Ohne Spucke kann man nur schwer sprechen. Irgendwie stammelte er etwas von »Wauh, wo kommt du da her, bist du Geschenk?«

Bastian war völlig von der Rolle. Einmal wollte er es noch probieren, aber so richtig gelang auch der zweite Anlauf nicht: »Tschuldigung, hab Börthday! Und du so?«

Das war mal ein Anmachspruch der ganz besonderen Art. Als Rockstar sollte er sich eventuell später mal etwas Kreativeres einfallen lassen. Aber wahrscheinlich würde er sowieso niemals wieder einen Anmachspruch brauchen, weil ihm in Zukunft die Groupies von ganz alleine zufliegen würden. Sex, Drugs and Rock and Roll warteten auf ihn. Die Drugs waren nicht so ganz seins, wenn man Bier allerdings auch dazu zählen konnte, dann vielleicht doch. Auf die anderen beiden Attribute eines echten Rockmusikers würde er sich aber liebend gerne einlassen, wenn es soweit war. Jetzt jedoch musste er schleunigst versuchen, seinen Mund wieder zu schließen, sonst würde das Mädchen noch glauben, er hätte einen Schlaganfall.

Zack, nochmal die Pranke auf die Schulter, diesmal auf die andere Seite. Danke, Georg!

»Erkennst du sie nicht?«

Nein, Bastian erkannte niemanden. In ihm ratterten alle Nummer-Eins-Mädchen runter, von denen er irgendwann mal geträumt hatte. So ein echter Womanizer war er bisher ja noch nicht und an diese Zaubermaus hätte er sich bestimmt erinnert.

»Hi Bastian, ich bin’s – Susi.« In der Hand hielt sie eine 200-Gramm-Tafel Nuss-Nougat-Schokolade, die bestimmt im nächsten Moment zu schmelzen beginnen würde, so heiß sah diese Susi aus.

Nur noch Augen für Susi

Susi? Bastian kannte nur eine Susi, aber die war fett wie eine Wikinger-Mami aus Flake. Die Susi vor ihm lachte ihn an, und plötzlich fiel bei ihm der Groschen. Es war dieses Lachen von früher, das ihre blauen Augen so strahlen ließ, dass man glauben konnte, direkt die Sterne am Himmel zu sehen. Und die ­lustigen Sommersprossen rund um die spitze Nase ­waren auch noch dieselben. Sie passten perfekt zu den leuchtend roten Haaren, die sie jetzt viel kürzer trug und die frech und etwas ausgeflippt in alle möglichen Richtungen standen. Und da war auch diese Figur – nein, die war nicht so wie damals, die war – was sollte man sagen – wauuuuuuh – alles war dort, wo es hingehörte. Da war nichts zu viel und nichts zu wenig, im Gegenteil, es war … Konnte es sein, dass man sich innerhalb einer Sekunde Hals über Kopf verliebte? Und dabei völlig vergaß, dass man in Kürze jede Braut auf Erden flachlegen könnte, weil man als Rockstar nicht mal mehr Anmachsprüche brauchen würde, um den Mädchen zu imponieren? Bastians Gefühle fuhren Hochschaubahn.

Da er keine unbeschadete Schulter mehr hatte, boxte ihm Georg freundschaftlich in den Bauch und meinte: »Na, da schaust du, ist das eine Überraschung?« Dann legte er seinen Arm um Susi, und im selben Augenblick verabschiedeten sich Bastians Träume ins Nirvana. Er musste in Zukunft wohl doch die »Variante Rockstar« wählen. Er wusste allerdings nicht, ob er das nach diesem Moment noch wollte.

»Susi, wie schaust du denn aus?« Bastian war immer noch nicht ganz zurechnungsfähig, aber bevor er noch weiterstammeln konnte, drückte ihm dieser Engel einen Kuss links und rechts auf die Wangen, dass er rot anlief wie ein pubertierender Schüler, der beim Pornoheftgucken erwischt wurde.

»Happy Börthday, Bastian! Danke, dass du mich eingeladen hast!« Und schon zog Georg sie weg, weil er Susi jetzt auch den anderen vorstellen wollte.

»Wir sehen uns noch, Basti.« Und fort war sie.

»Bastian, wie groß du geworden bist!« Tante Finni war jetzt kein wirklich aufmunterndes Kontrastprogramm, aber was soll’s. Jedes Mal dasselbe, Bastian müsste längst fünfeinhalb Meter groß sein, so oft wie er diesen Spruch von ihr gehört hatte. Dabei hatten sie sich erst vor drei Wochen gesehen, aber das hatte Tante Finni längst vergessen. Und außerdem gehörte es einfach dazu. Wie das Singen von – stopp, daran wollte Bastian nicht mal denken, er wollte den Teufel nicht an die Wand malen. Vielleicht konnte er sich das heute sparen, wenn Lisa doch länger in ihrem Nuttenfummel die Plattenproduzenten bezirzen musste.

Mittlerweile waren alle Freunde Bastians da, auch seine Eltern hatten die zweihundert Meter von zu ­Hause geschafft. »Na, Rockstar, wie fühlst du dich? Gut schaust du aus!«

Endlich, auf Papa war halt Verlass. Mama drückte ihm einen Schmatz auf die Wange und meinte nur: »Alles Gute, mein Kleiner! Und trink nicht zu viel heute!« Obwohl er das nicht wirklich versprechen konnte, nickte er nur kurz und schaute schnell mal, was sich bei der halben Susi von früher so tat. Wie hatte sie das bloß gemacht? Bastian hatte immer noch seine Mops-Figur, aber Susi war kaum wiederzuerkennen. Und leider, das musste Bastian zugeben, passte sie perfekt zu Georg. Er war einer von diesen dürren Möchtegernextremsportlern, und Bastian hätte sich nicht gewundert, wenn die beiden gemeinsam joggten und vielleicht sogar ins Fitnesscenter gingen. So etwas wäre Bastian nie in den Sinn gekommen, er hatte ja andere Prioritäten. Oder eigentlich nur eine. Seine Musik. Für Sport blieb da keine Zeit.

Bisher hatte sich Bastian auch keine großen Gedanken über seine Figur gemacht, aber jetzt ging er mal im Geiste die Heroes der Rockmusik durch. Bis auf Meat Loaf fiel ihm kein fetter Bühnengott ein, es sei denn, man würde Elvis mitzählen, aber der war schon ewig Geschichte und hatte ein Korsett getragen. Sollte ihm das zu denken geben? Die meisten Rocker waren gut gebaut und schlank. Zumindest schlanker als Bastian, was eigentlich nicht so schwer war. Wahrscheinlich hatten die alle gar keine Zeit zum Essen, weil sie sich permanent die härtesten Drogen reinzogen und sich nach jedem Auftritt die Birne volllaufen ließen. Im nächsten Moment waren diese Gedanken wieder völlig vergessen, weil Susi vor ihm stand und ihn anlachte. Ihre blauen Augen strahlten, dass man glauben konnte, die Sterne am Himmel zu sehen, und … aber das hatten wir schon. Bastian war ein Rockstar, und der hatte cool zu sein.

»Hi Susi, was geht ab?«

Ha? So etwas hatte er sein ganzes Leben noch zu niemandem gesagt, aber Susi brachte ihn völlig durcheinander. Sein cooles Lächeln wurde zu einem sabbernden Zähnefletschen, und seine Knie fühlten sich an wie der Schokopudding im Aquarium – inklusive den im ganzen Körper kribbelnden Fliegen und Spinnen, die offenbar von den Toten auferstanden waren. Cool war anders.

»Ich hab gehört, dass du mit Lisa an neuen Songs gearbeitet hast? Gibt’s eine Chance, die mal zu hören?«

Ja sofort, bitte komm mit mir ins Studio, dachte Bastian. Papa hatte anscheinend geplaudert.

»Nein, sei mir nicht böse, bevor wir da kein Okay vom Plattenlabel haben, darf ich die niemandem vorspielen.«

Verfluchte Scheiße, dachte Bastian, wie blöd kann man eigentlich sein, warum sag ich denn das?

»Schade, ich wünsche euch von ganzem Herzen, dass dieser Traum in Erfüllung geht!«

Er auch! Welcher Traum? Ach so, der von der Musik. Dieses eine Mal hatte er an einen anderen, an seinen ­neuen Traum gedacht.

»Möchtest du Schokolade? Wie früher?« Ihre Augen strahlten … Okay, wir wiederholen uns, aber es war so.

Langsam lösten sich einige Knoten in Bastians Sprachzentrum und in der nächsten halben Stunde quatschten die beiden von alten Zeiten und vergaßen völlig, dass um sie herum zufällig eine Geburtstagsparty lief. Und so nebenbei verputzten sie dabei zweihundert Gramm »Nuss-Nougat«.

»Happy Börthday to you!«

Was sollte jetzt diese Störung? Bastian bekam zuerst gar nicht mit, dass die gesamte Meute ein Geburtstagsständchen für ihn sang. Mittendrin stand Tante Finni mit einer selbstverbrochenen Torte, auf der zwanzig Kerzen darauf warteten, von ihm ausgeblasen zu werden.

Musste das sein? Er war doch so schön am Quatschen mit Susi. Sie lachte ihn an, sprang auf und stellte sich zu seinen, teilweise schon unverkennbar betrunkenen, Freunden. Und dann schrie die Menge »Ausblasen! Ausblasen! Ausblasen!«

Weil Bastian so in Stimmung war und er sich durch die Nähe von Susi plötzlich so richtig stark fühlte, blies er vielleicht ein bisschen zu kräftig in die Flammen. Tante Finni hatte wohl etwas gespart beim Verzieren des Tortendesasters, denn mit der Schokoglasur verabschiedeten sich auch einige Kerzen und flogen lustig durch die Gegend. Ein paar davon konnte die verdutzt dreinschauende Tante gerade noch abwehren, aber dass hinter ihr zufällig ein leicht entzündbarer Fenstervorhang auf seinen großen Auftritt wartete, war so nicht geplant.

Es sah enorm feierlich aus, als der Stoff explosionsartig zu brennen begann. Normalerweise wäre jetzt Panik ausgebrochen, aber bei der Ansammlung von Wahnsinnigen wurde als erstes begeistert applaudiert und auf die tolle Einlage angestoßen. Bis kreidebleich der Wirt die Bühne betrat, lauthals schrie: »Seid ihr komplett irre?« und mit seinem Handfeuerlöscher auf den Vorhang spritzte.

Zum Glück entpuppte sich alles als halb so schlimm, der Brand war bald unter Kontrolle, nur den Stoff konnte man eher nicht mehr benutzen. Papa stellte sich völlig selbstlos zur Verfügung und startete eine Friedensmission mit dem Wirt. Weil die beiden am Tresen so viel zu bereden hatten, kam er erst eine halbe Stunde später wieder in den Saal, leicht wankend und seiner Stimme beraubt. Er lallte etwas von »schweren Verhandlungen« und zog sich für eine längere Nachdenkpause auf die harte Bank beim Kachelofen zurück.

Rata tara, ratatatata

Das Buffet, das ein leicht wankender, dafür umso lustigerer Wirt gemeinsam mit seiner etwas giftig dreinschauenden Frau aufbaute, ließ keine Wünsche offen. Da war alles dabei, was man in einem Dorf wie Singing zu den Grundnahrungsmitteln zählte. Vor allem Fleisch! In allen Ausführungen! Papa hätte sich jetzt bestimmt sofort auf den Schweinsbraten gestürzt, man ließ ihn jedoch ausnahmsweise schlafen. Das hatte er sich verdient durch seinen selbstlosen Einsatz bei den Verhandlungen in Sachen Fenstervorhang.

Immer wieder sah Bastian kurz mal rüber zu Susi und bemerkte, dass auch ihre blauen Augen, die im Son­nenlicht so strahlten, wie … des Öfteren zu ihm herblickten. Er vergaß völlig, dass Lisa eigentlich schon lange zurück sein sollte. Doch so wichtig ihm ihr Besuch bei dem Plattenlabel heute Morgen noch war, kam er ihm jetzt nicht einmal dunkel in den Sinn. Dass sie beide als Rockstars die Welt erobern würden, war sowieso klar. Viel interessanter war aber im Augenblick Susi. Blöd nur, dass Georg nicht nur im Fleisch auf seinem Teller rumstocherte, sondern auch immer wieder versuchte, an diesem wunderschönen Engel rumzufummeln. Susi schien das etwas peinlich zu sein. Irgendwann stand sie einfach auf und setzte sich zu Bastian.

Jetzt war sein Sprachzentrum wieder auf Null-Stellung. Ihm fiel absolut nichts Passendes ein, in seiner Großhirnrinde läuteten tausend Kirchenglocken und Susi sah ihn erwartungsvoll an. Ein Lied! Ja, vielleicht half ein Lied! Wenn nichts mehr geht, gibt es immer noch die Musik. Aber welches Lied? Da fiel Bastian Im Wagen vor mir von den Toten Hosen ein, eine punkige Coverversion eines Uraltschlagers. Yes, das würde genau passen. Er schaute Susi tief in die Augen und fing an zu singen. Die Worte fielen ihm so einfach in den Mund:

Was will der blöde Kerl denn von dir nur?

Er ist jetzt schon seit Stunden völlig dicht!

Der trinkt doch jetzt schon mindestens die sechste Flasche Bier

und hat längst rote Flecken im Gesicht.

Nach einer anfänglichen Schockstarre sang jetzt plötzlich die gesamte Börthday-Mannschaft begeistert »Rata Tara, Ratatatata«, und es war so richtig was los, im biederen Ballsaal vom Kirchenwirten.

Auch Susi war mittendrin im Kirchenwirten-Börthday-Chor, nur Georg war etwas verschnupft. Das »blöde Kerl« nahm er persönlich. Komisch, in seinem Zustand hätte keiner mehr gedacht, dass er überhaupt noch etwas mitbekam. Aus seinen Augen quoll schon mehr als nur ein kleiner Schwips. Mühsam quälte er sich aus seinem Sessel und versuchte, zu Bastian rüber zu wanken. Auf halber Strecke setzte die Schwerkraft alles daran, ihn auf den harten Wirtshausboden zu schleudern, Georg aber ließ sich das von der Schwerkraft nicht bieten und suchte Halt an den Fenstervorhängen. Er erwischte dabei genau den, der das Feuerattentat unbeschadet überstanden hatte. Da Georg zwar sportlich, aber nicht federleicht war, riss der Stoff mit einem lauten Ratsch in der Mitte entzwei und Bastians zukünftiger Ex-Freund landete doch noch mit voller Wucht auf dem Boden.

Schwerkraft gegen Georg – 1:0. Und weil laut Murphy alles zusammenkommt, wenn es gerade nicht passt, löste sich auch noch die gusseiserne Vorhangstange aus ihrer verrosteten Verankerung und krachte Georg auf den Kopf. Schluss – aus – finster! Er musste Bastians Geburtstagsparty im weißen Ambulanzwagen verlassen, leider fuhr Susi mit ihm. Zuvor aber sagte sie noch lachend zu Bastian:

»Ich werde jetzt mal Georg ins Bett bringen!«

»Der wird schon wieder! Er ist ein harter Knochen!«

Susi umarmte Bastian, drückte ihm links und rechts einen Kuss auf die Wangen, und sagte: »Vielen Dank für den tollen Tag! Und für das Lied, das du für mich gesungen hast.«

»Ja, ich weiß auch nicht, was da mit mir los war. Wenn du mal Zeit hast, könnte ich dir einige Songs im Studio vorspielen. Natürlich nur, wenn du magst.«

»Gerne, ich melde mich. Okay?«

»Ja, mach das!« Innerlich jubilierte Bastian, und wieder hörte er die Kirchenglocken läuten, diesmal doppelt so laut wie zuvor.

Susi marschierte zum Krankenwagen, drehte sich aber noch einmal um und rief Bastian zu: »Es war einfach ein Hammer heute. Danke! Und nochmals alles Gute!«

»Bis bald! Und vielen Dank für die Schokolade.«

Papa döste noch immer. Kurz hatte man daran gedacht, auch ihn in den Ambulanzwagen zu stecken. Einige Schnaufer später kam die gesamte Gästeschar zur Ansicht, dass für sein Leben keine Gefahr bestand. Eher für seine Leber.

Lisa war immer noch nicht da. Tante Finni wurde müde. Obwohl Bastian jetzt doch endlich mal wissen wollte, wie die Besprechung ausgegangen war, freute er sich, dass heute die beschissenen Weißen Rosen ausfallen würden. Denn lange würde es Tante Finni bestimmt nicht mehr machen.

Abtanzen, Ausziehn, Luftgitarre!

Die Party war wieder voll im Gang. Die Bergers ließen sich doch nicht von Kleinigkeiten wie leicht entzündbaren Vorhängen oder Ausfällen in Form von Gehirnerschütterungen und Alkoholvergiftungen die Lust am Feiern nehmen. Wer das glaubte, kannte sie schlecht. Business as usual – jetzt wurde so richtig abgetanzt, bis der Verputz von den Wänden bröckelte.

Okay, der bröckelte nicht erst seit heute, der Saal war doch eher prähistorisch und der leichte Brandgeruch hob den Level des Raumes auch nicht wirklich. Dafür war die Musik umso cooler, das machte alles wieder wett. Bastian hatte einige Boxen aus seinem Studio aufgebaut, daraus hämmerten abwechselnd Songs aus den Charts und uralte Rocknummern, zu denen es sich fabelhaft headbangen ließ. Langsam gab es auch von Papa wieder erste Lebenszeichen, Mama war mit Tante Finni in den Gastraum geflüchtet, wo sie bei Kaffee und Kuchen über den Sittenverfall der heutigen Jugend diskutierten.

Erst die Karaoke-Anlage vom Hosenscheißer trieb die ältere Generation wieder in den Party-Saal. Jeder kam mal dran, nur Tante Finni weigerte sich. Langsam wurde sie ungeduldig und wollte, dass Bastian mit dem Hosenscheißer »Weiße Rosen aus Athen« sang. Dessen Stimme klang gar nicht mal so schlecht, Country Roads war erste Sahne. Bastian suchte verzweifelt nach einer Vorhangstange, die sich lösen könnte, aber wenn man sie mal brauchte, war keine da. Einmal noch konnte er Tante Finni vertrösten, aber beim nächsten Mal ginge das bestimmt nicht mehr. Bastian wollte unter keinen Umständen mit dem Hosenscheißer Weiße Rosen singen, das wäre ja noch peinlicher, als es die ganze Katastrophe ohnehin schon war.

Um Tante Finni wieder auf andere Gedanken zu bringen, wurde der Karaoke-Anlage der Saft abgedreht. Den brauchten jetzt wieder voll und ganz die Studioboxen. Papa Berger weilte wieder unter den Lebenden und wusste, was er der versammelten Meute schuldig war. Gerade, als er mit seiner legendären Luftgitarrenshow starten wollte und sich die besoffene Bande um ihn ­herum versammelte, kam Lisa im Nuttenfummel in den Saal. Sie strahlte über das ganze Gesicht, zeigte Bastian ihren nach oben gestreckten Daumen, und für ihn war alles geritzt – die Berger-Kids werden Rockstars – yes!

Papa wollte sich gerade die Kleider vom Leib reißen, aber Mama hatte etwas dagegen. Das Hemd fehlte schon, aber sie konnte ihn daran hindern, auch noch die Hose auszuziehen. Dass er es in seinem Zustand kaum schaffte, den Gürtel zu lockern, half ihr etwas dabei. Alle schrien »Ausziehn! Ausziehn!«, doch Mama blieb hart! Aber auch alleine mit nacktem Oberkörper wurde die Show zur absoluten Sensation, und die Menge tobte. Bastian aber konnte es kaum mehr erwarten, mit Lisa zu reden.

Sie stand mittlerweile neben ihm, doch im Lärm der ekstatischen »Ausziehn!«-Rufe konnte er sie nicht richtig verstehen. Irgendetwas von »Vorvertrag« und »erster Produktion« drang dann doch an sein Ohr, und sein Grinsen wurde immer breiter. Hatte es das kleine Biest doch tatsächlich geschafft! Er liebte seine Schwester.

Papas Show war zu Ende. Tante Finni stand seit dem Beginn der Vorführung wie versteinert in einer Ecke. Es war für sie absolut unverständlich, dass sich ein alter Mann so zum Narren machen konnte. Überraschenderweise erholte sie sich schnell wieder von ihrem Schock und sah erwartungsvoll zu Lisa und Bastian. Und die beiden wussten, was das bedeutete. Nach dem, was heute passiert war und was dank Lisa noch alles passieren würde, ergaben sie sich dem Schicksal und sangen dieses Scheißlied.

Lisa gab Vollgas, völlig enthemmt schmetterte sie »Scheiß auf Rosen aus Athen!« in den Saal und die Börthday-Gäste, die gerade noch teils mitleidsvoll, teils hämisch, gegrinst hatten, jaulten begeistert mit. Tante Finni bekam wieder mal nichts mit und freute sich, dass ihr Lied so gut ankam. Doch auch wenn sie Tränen in den Augen hatte, vor Rührung, es war das absolut letzte Mal, dass sich ihre »Kleinen« so zum Affen machen würden. Als zukünftige Rockstars hatten sie das nicht mehr notwendig. Die zehn Mark von Tante Finni waren lächerlich im Vergleich zu dem, was sie in den nächsten Jahren erwarten würde. Dachten sie.

Geiles Leben

Irgendwann muss jeder Tag zu Ende gehen, selbst ein so denkwürdiger wie dieser. Tante Finni war schon vor Stunden selig lächelnd mit dem Taxi heimgefahren. Mama hatte sich kurzerhand bei Papa, der partout noch nicht gehen wollte, eingehängt und die beiden wackelten zu Fuß nach Hause. Der Rest der Horde verließ laut singend das Wirtshaus, und der Besitzer betete drei Vaterunser, weil er diese Wahnsinnigen los war. Endlich war Bastian mit Lisa allein. Es sprudelte nur so aus ihr raus. Sie erzählte ihm mit roten Wangen, wie spannend es war, als sie hineingeführt wurde in den Besprechungsraum von Star Records.

»Das war eigentlich kein Besprechungsraum, sondern die Sky-Lounge im vierzehnten Stock«, berichtete sie ihm mit leuchtenden Augen. »Stell dir vor, Bastian, da war eine riesengroße Bar, edles Holz, Marmor und was so dazugehört. Die Typen hinter der Bar sahen richtig heiß aus. Ich glaube, da muss ich öfters hin.« Lisa zwinkerte Bastian zu, der wollte gar nicht daran denken, was ihr jetzt alles so durch den Kopf ging.

»Wir tranken Cocktails, und die schnuckeligen Kellner servierten kleine Häppchen. »Finger-Food« nennt man das.«

Ja, schon gut, dachte Bastian, ich bin ja nicht von gestern. Das interessierte ihn aber nicht die Bohne, er wollte jetzt endlich erfahren, wie die Songs angekommen waren.

Aber Lisa schwärmte weiter: »Und überall goldene Schallplatten und Fotos von Joe und Madonna. Der ist eine ganz große Nummer, mein Joe.«

»Gratuliere! Was hat diese große Nummer zu unseren Songs gesagt?« Langsam wurde Bastian die Schwärmerei zu viel.

»Er war begeistert! So eine große Nummer ist er aber auch wieder nicht, dass das wirklich zählt.«

Was jetzt?

»Dann kam der Big Boss rein, Mr. T. Ich glaube, keiner weiß, wie der wirklich heißt. Egal, er hat mich begrüßt, als wäre ich seine Tochter. So mit Umarmung und Kuss links, Kuss rechts und so. Ich glaube, der mag mich wirklich!«

Wahrscheinlich wollte er auch nur mit dir vögeln. Das dachte sich Bastian nur. Er wollte Lisa jetzt nicht in ihrem Begeisterungsdelirium stören.

»Und als er die Songs gehört hat, wurde gleich eine Flasche Champagner aufgemacht.«

Yes, Bastian hatte es gewusst!

»So etwas gibt’s nur alle zehn Jahre, hat er gesagt.«

»Lisa, das ist ja der Hammer! Wir haben es geschafft. Du bist unglaublich. Schade, dass ich nicht dabei sein konnte.« Jetzt war Bastian im Begeisterungsdelirium. »Wann sind wir im Studio und nehmen die Songs auf?« Er konnte es kaum glauben, dass es endlich soweit war. Ihre erste gemeinsame Produktion! Wahnsinn!

»Oh, habe ich dir das noch nicht gesagt?«

Was kam jetzt? Was hatte sie ihm noch nicht gesagt? Wollte er das überhaupt wissen?

Und dann erzählte ihm sein liebes Schwesterherz, dass sie alles Menschenmögliche versucht habe, aber die Plattenfirma einfach nicht davon überzeugen habe können, sie beide als »Rock-Duo« unter Vertrag zu nehmen.

»So etwas funktioniert heute nicht mehr, haben die gesagt. Basti, sei mir nicht böse, aber ich muss das jetzt erst mal alleine durchziehen, sonst hätten sie mir keinen Vertrag gegeben!«

Bastian hatte das Gefühl, als ob ihm seine Gesichtszüge entgleisen würden.

»Lisa, das kann nicht dein Ernst sein? Wir wollten das doch nur gemeinsam machen. Entweder beide oder keiner. So geht das nicht!«

»Die haben mir keine andere Wahl gelassen, Basti. Ich hab’s wirklich probiert.«

Er glaubte ihr kein Wort! Und weil ihn da gerade so ein blöder Ficus benjamina aus einem noch blöderen Blumentopf so richtig ultrablöd anschaute, trat er aus purer Verzweiflung gegen die rote Tonschüssel. Der Ficus benjamina verzog keine Miene, Bastian dafür umso mehr, und es war durchaus möglich, dass er sich zwei bis drei Zehen gebrochen hatte.

Erschrocken rief Lisa: »Bastian, was machst du da? Der Blumenstock kann doch nichts dafür.«

Nein, der konnte nichts dafür, das wusste er. Aber über ihm stürzte gerade eine kurz zuvor noch in allen möglichen Rosatönen schimmernde Welt zusammen, da konnte er keine Rücksicht auf blöd herumstehende Blumenstöcke nehmen.

»Basti, das wird schon wieder. Freust du dich denn gar nicht für mich? Du wirst dabei ja auch nicht leer ausgehen, da mach dir mal keine Sorgen. Übrigens, ich habe sogar schon einen Namen vorgeschlagen, was hältst du von Lucy Hill? Die waren total begeistert!«

Großartig, seine Schwester würde als Lucy Hill Karriere machen, und er durfte als Bastian Berger weiter Möbel tischlern – gut gemacht, Lisa. Selbst ihr neuer Künstlername war von ihm geklaut, zumindest teilweise. Super gelaufen! Danke!

Bastian brauchte einige Zeit, bis er wieder etwas klarer denken konnte. Vor ein paar Minuten hatte er eine mehr als rosige Zukunft vor sich, er sah sich im grellen Scheinwerferlicht gemeinsam mit Lisa in den größten Stadien dieses Planeten vor tausenden entfesselten Zuschauern. Und jetzt, innerhalb von fünf Sekunden, war plötzlich alles ganz anders. Für ihn! Für Lisa nicht, denn sie hatte einen Produktionsvertrag, der ihr alle Türen ins Musik-Biz öffnen würde. Während er vielleicht irgendwann mal vor zwanzig besoffenen Gummistiefelträgern im hintersten Hinterhammelstetten Weiße Rosen aus Athen trällern und auf einen ordentlichen Hurrikan hoffen konnte, der ihm all seinen Frust aus den Adern blies, hatte Lisa das große Los gezogen. Mit seinen Songs. Okay, das war wenigstens ein kleines Trostpflaster. Sein Name würde zumindest als Komponist auf den CD-Covers aufscheinen, wenn auch in der kleinsten möglichen Schriftart, nur sichtbar für Briefmarkensammler mit extrastarken Leselupen, aber immerhin. Wenn Lisa die Songs zu Hits machen würde, hätte er ja auch was davon. Und außerdem, wer weiß, vielleicht konnte Lisa ja wirklich nichts dafür. Man weiß ja, wie hart dieses Musikbusiness ist.

»Lisa, tut mir leid, dass ich so reagiert habe. Natürlich freue ich mich für dich. Nur, ich habe mir das ganz anders vorgestellt.«

»Ich versteh dich ja. Wenn ich erst mal im Business bin, dann ist es bestimmt keine große Sache mehr, dich da auch reinzubringen.«

Jetzt war der Augenblick gekommen, seine Schwester in den Arm zu nehmen. »Lisa, du wirst ein Superstar, da bin ich mir ganz sicher. Ich freu mich so für dich.«

Sie schaute ihn liebevoll an und in ihren Augen glänzten ein paar Tränen. »Bastian, du bist der Beste, ich werde dir das nie vergessen, was du alles für mich getan hast.«

»Ich werde noch viel mehr für dich tun. Ich schreibe dir die tollsten Songs, genauso, dass sie hundertprozentig zu dir passen. Authentischer könntest du sie selbst nicht schreiben. Ich kenne dich in- und auswendig, da kann gar nichts schiefgehen. Ich lass dich bestimmt nicht allein.«

»Ah ja, wegen der Songs, da muss ich dir noch etwas sagen. Star Records meint, der Markt wäre zurzeit geradezu ideal für Interpreten, die man als Singer-Songwriter verkaufen könne. Und die schreiben sich ihre Songs alle selbst. Die Leute lieben das. Ich musste denen einfach sagen, dass die Songs von mir sind. Das ist doch bestimmt kein Problem für dich, nicht wahr, Basti?«

2010: 30 JAHRE »STERNDERLSCHAUN« DE LUXE
Georg und der Apachenhäuptling

Genauso muss der Himmel sein, dachte Bastian. Zum Jubilieren schön, fast schon kitschig. Sie lagen Hand in Hand im samtig weichen Gras und schauten in den Nachthimmel – »Sternderlschaun de luxe«. Gerade in diesem Augenblick machte sich eine Sternschnuppe selbstständig und zog eine strahlend helle Spur über ihnen. So als wollte sie sagen, es wird alles gut mit euch zwei. Obwohl ganz schön was los gewesen war in den letzten zehn Jahren.

Nachdem Georg damals bei Bastians Geburtstagsfeier von der gusseisernen Vorhangstange ausgeknockt worden war, hatte Bastian ihn gleich am nächsten Tag im Spital besucht. Von der schweren Gehirnerschütterung war nicht viel zu merken, denn einen Dachschaden hatte er ja vorher schon gehabt. Georg sah aus, als wäre er von einem Apachenhäuptling skalpiert worden, allerdings nur bis zur Hälfte. Am rechten Teil seiner Schädeldecke prangte statt lockigem Haar nur mehr eine riesige, blutverkrustete Wunde. Er erinnerte etwas an Bruce Willis, der gerade mit dem Kopf in einem laufenden Mähdrescher zwei Atombomben entschärft hatte.

Leider war Susi nicht da.

»Wie geht’s eigentlich Susi?«, ließ Bastian so beiläufig wie möglich fallen.

»Lass mich in Frieden mit der Schlampe!«

Was? Wieso das? Bevor Bastian noch etwas sagen konnte, schoss es aus Georg heraus, als säße er bei einem geldgierigen Sexualtherapeuten, der sich gegen Einwurf von großen Scheinen all seine Probleme anhören musste.

»Ich habe ihr zwei Wochen vor deiner Feier den letzten Parkplatz vor dem Einkaufszentrum weggeschnappt. Okay, sie war zuerst da, aber du weißt ja, wie langsam die Weiber sind. Die müssen erst ewig nachdenken, in den Spiegel schauen, sich schminken, und was weiß ich noch alles, bevor sie sich entscheiden, irgendwo reinzufahren. Bei uns geht so etwas ratzfatz, da gibt’s nichts zu überlegen.«

Sein dreckiges Lachen zeigte, dass er bei »reinfahren« nicht nur an einen Parkplatz gedacht hatte.

»Auf jeden Fall hat sich die Süße etwas aufgeregt, aber zwei Reihen weiter hat sie dann doch einen freien Platz gefunden, und ich habe einfach gewartet, bis sie ausgestiegen ist. Erst habe ich sie gar nicht wiedererkannt, weil ich ihr einfach nicht ins Gesicht schauen konnte. Hast du schon jemals solche Titten gesehen? Und diesen leckeren Knackarsch?«

Dieses dämliche Gequatsche war typisch für Georg. Das hatte Susi nicht verdient, fand Bastian und überlegte kurz, ob er nicht vielleicht gleich mal den Apachenhäuptling suchen sollte, der Georg auch die zweite Hälfte seines Schädels … egal! Obwohl, in der Sache hatte sein teilskalpierter Freund schon recht, die Figur von Susi war wirklich sensationell.

»Ja, und als ich dann bemerkt habe, dass das die fette Susi von früher war, sind wir gleich auf einen Kaffee gegangen. Leichte Beute, habe ich mir gedacht. Ehemalige Fette werden bestimmt bald wieder fett, die Zeit dazwischen nutze ich schnell mal, um sie so richtig durchzuvögeln. Du weißt ja, wie das ist.«

Nein, wusste Bastian eigentlich nicht. Und er wollte auch gar nicht wissen, was Georg sich in seinem kranken Hirn alles so zusammenreimte.

»Und, ist was gelaufen?«, fragte Bastian, und er hoffte, dabei so gelangweilt wie möglich dreinzuschauen. Aber in ihm sah es ganz anders aus …

»Nein, nichts. Die zwei Wochen haben mich ein Vermögen gekostet! Wir waren im Theater. Ich – im Theater – stell dir das mal vor. Hat eine Stange Geld gekostet, dieses Scheiß-Theater. Ich kann dir nicht mehr sagen, was da gespielt wurde. Nach fünf Minuten bin ich eingeschlafen, und wenn mich Susi am Ende der Vorstellung nicht geweckt hätte, würde ich heute noch dort sitzen. Auch beim hirnverbrannten Italiener waren wir, beim Luigi, der nicht mal unfallfrei bis drei zählen kann, aber mit seinem Südländer-Charme glaubt, alle Weiber rumzukriegen. Bei Susi hatte der allerdings keine Chance.«

Du aber auch nicht, dachte sich Bastian.

»Nach dem Luigi waren wir dann im Kino. Susi meinte, ich soll einen Film aussuchen, von dem ich glaube, dass er ihr auch gefallen würde. Also habe ich Eyes Wide Shut gewählt. Du weißt, das ist der neue, in dem Tom Cruise die leckere Nicole Kidman vögelt.«

»Das passt ja wieder haargenau zu dir, Georg! Du lädst deine Flamme ins Kino ein und wählst einen ­Pornofilm aus! Gratuliere! Du weißt, was Frauen wünschen …«

»Blödsinn, das ist doch kein Pornofilm. Da hast du fast nichts gesehen, da kenn ich viel bessere …«, entgegnete Georg.

Das glaubte Bastian ihm sofort.

»Außerdem, in einem echten Pornofilm gibt es selten Szenen, wo man heulen muss. In dem schon! Und als Susi so richtig in ihr Taschentuch gerotzt hat, habe ich ihr kurz mal meinen Arm um die Schulter gelegt. Und weil die Finger jetzt schon ganz in der Nähe waren, hab ich halt probiert, wie sich diese bombenfesten Titten unterm Pullover anfühlen. Vorbei war’s mit dem Schluchzen, die hat mir eine gescheuert, dass mir die Tränen gekommen sind. Gleich darauf hat sie mich angelacht und gefragt, ob ich denn meine Finger nicht im Griff hätte. Ich weiß nicht, ob du das schon gesehen hast, aber wenn sie lacht, strahlen ihre Augen …«

»Ja, ja, ist schon gut!«

Georg, der glücklose Womanizer, war sichtlich in seinem Stolz verletzt, weil es ihm nicht gelungen war, Susi ins Bett zu kriegen. Bei Bastians Feier hatte er einen neuen Versuch starten wollen, bis ihm die Vorhangstange dazwischenkam. Es war aber für ihn völlig klar, dass Susi ihm in Kürze mit Haut und Haaren verfallen würde. Alles nur mehr eine Frage der Zeit, bis er ihr mal richtig zeigen würde, wo der Hammer hängt. Seiner nämlich!

»Ja, ja, Georg, so wird’s sein!«, Bastian tätschelte ihm freundschaftlich über die noch behaarte Seite seines ­lädierten Schädels. Dass er dabei mehrmals doch die andere Hälfte mit der jetzt wieder leicht ­blutenden Wunde berührte, war kein echtes Versehen, sondern pure Absicht, weil man so nicht über eine Frau wie Susi sprechen durfte. Über seine zukünftige Frau!

Tatsächlich Liebe

Weil es in der Gärtnerei neben dem Spital so knapp vor Ladenschluss nur mehr einige sehr mickrige Blumensträuße gab, fuhr Bastian mit einem riesengroßen ­Ohrenkaktus zu Susi. Sie war etwas überrascht, als er mit dem stacheligen Ding vor ihrer Tür stand, aber anhand dieser Pflanze konnte er ihr immerhin erklären, wie Georg derzeit aussah. Bastian musste zwar die eine Hälfte der Stacheln mit Susis Gartenschere großräumig entfernen und die andere mit roter Tonerde aus dem mitgelieferten Topf bestreichen, aber alles in allem war es ihm doch gelungen, Georgs Zustand und Aussehen einigermaßen nachzubilden. Susi lachte ­Tränen, und bei der Gelegenheit stellte Bastian fest, dass ihre Augen, auch wenn sie feucht wurden, strahlten, dass man glaubte, die Sterne am Himmel zu sehen …

Sie war Krankenschwester auf der Kardiologie, und eigentlich hätte sie an diesem Tag Nachtdienst schieben müssen. Aber eine Kollegin wollte am Wochenende etwas mit ihrer Familie unternehmen und tauschte daher mit ihr. Dieser Kollegin würde Bastian ein Leben lang dankbar sein, dessen war er sich sicher. Wenn Susi voller Leidenschaft von ihrem Beruf erzählte, begannen ihre Lippen leicht zu vibrieren und die beiden Grübchen auf ihren Wangen sahen ganz besonders bezaubernd aus. Sie liebte ihre Arbeit auf der Herzstation, weil sie Menschen helfen konnte, die verzweifelt waren, unter großen Schmerzen litten oder sich einfach aufgegeben hatten. Es gab auch immer wieder simple Sachen, Herzrhythmusstörungen, die überwacht werden mussten, Blutdruckmessungen, Belastungs-EKGs und sonstige Untersuchungen. Aber Susi war es ein besonderes Anliegen, sich um die hoffnungslosen Fälle zu kümmern. Den Patienten beizustehen, wenn sie nach dem dritten Herzinfarkt verzweifelt versuchten, doch wieder ins Leben zurückzukehren. Und auch für die Angehörigen war sie da, wenn diese Rückkehr leider nicht mehr möglich war.

Bastian stellte sich damals die Frage, ob man sich eigentlich noch mehr verlieben konnte, obwohl man schon bis zum Anschlag verliebt war? Doppelt? Dreifach? Tausendfach? Er hoffte, sein Herz würde diese wilde Klopferei unbeschadet überstehen. Wenn nicht, dann wäre er zumindest in guten Händen.

Sie quatschten die halbe Nacht. In der anderen Hälfte gingen sie spazieren. Kurz zuvor hatte es geregnet, dann aber waren Millionen von Sternen am stockdunklen Himmel zu sehen. Es war eine dieser kitschigen Sommernächte, die noch kitschiger werden, wenn man bis über beide Ohren verknallt ist. Susi wollte nur kurz raus, Luft schnappen, doch dann marschierten sie drei Stunden durch die immer noch feuchten Straßen, und das Wasser glänzte im sanften Licht der Laternen. Und genau unter einer dieser Laternen küssten sie sich zum ersten Mal. Spätestens zu diesem Zeitpunkt war Bastian klar, dass er sich in dieses dicke Mädchen von einst auch verliebt hätte, wenn es immer noch das dicke Mädchen gewesen wäre. Es hätte ihm überhaupt nichts ausgemacht, denn bei Susi passte einfach das Gesamtkonzept.

Georgs Chancen, bei Susi doch noch zu landen, waren seit diesem Abend auf unter null gesunken, und das nahm er Bastian doch irgendwie übel. Sogar als er wieder alle Haare am Kopf hatte, ließ er sich lange Zeit nicht mehr blicken. Dabei konnte Bastian gar nichts dafür, schuld war der Kaktus.

Die Zeit heilt alle Wunden. Selbst die wirklich tiefen, die vom verletzten Stolz in die Seele geschnitten ­werden, wenn man als staatlich anerkannter Frauenheld eine gehörige Abfuhr bekommt und sich die Verursache­rin dieser Abfuhr noch dazu in den besten Freund verliebt.

Nach längerem Schmollen stand Georg plötzlich vor der Tür, und weil Susi auch gerade da war, holten sie einige von Papas besten Rotweinen aus seinem Kartoffelsackversteck und quatschten die ganze Nacht über Gott und die Welt. Es war so, als ob nie etwas zwischen ihnen gestanden hätte.

Seit dem denkwürdigen Kaktusabend waren Susi und Bastian also ein Paar. Mit ihr konnte er lachen, viel sogar. Wenn sie in seiner Nähe war, war ihm sowieso permanent nach Grinsen zumute. Sie fuhren jetzt auch öfter mal in die Stadt, Susi hatte dort viele Freunde. Mit einigen Kollegen vom Krankenhaus zogen sie ab und zu um die Häuser. In den Clubs ging es dann ganz schön zur Sache. Die Musik hämmerte über den Dancefloor, und egal ob Ärztin oder Krankenpfleger, beim Abtanzen waren sie alle gleich. Das war doch etwas anderes als die alte Dorfdisco in Großklugskirchen, wo sich die heimische Jugend jedes Wochenende die Birne volldröhnte.

Susi und Bastian konnten aber auch prima miteinander weinen. Wenn wieder einmal so ein Schmachtfetzen wie Titanic im Fernsehen lief, heulten sie, bis alle Taschentuchvorräte aufgebraucht waren. Und ein Weihnachten ohne Tatsächlich … Liebe war undenkbar. Aber auch Musikfilme wie der Streifen über die Comedian Harmonists, der ein paar Wochen davor im Fernsehen gezeigt worden war, gehörten zu ihren Favoriten. Einer stand jedoch über allen anderen: Dirty Dancing war Susis absoluter Lieblingsfilm. Und Bastian mochte ihn auch, weil er Susi danach immer so schön trösten durfte.

Letzter Wunsch: Sing zum Abschied …

Privat hatte Bastian sein Glück gefunden, musikalisch war ihm seine Schwester Lisa sternenweit voraus. Sie hatte das geschafft, wovon Bastian ein Leben lang geträumt hatte. Lisas erste Produktion war raketenhaft abgegangen. Über Nacht war ein neuer Superstar geboren. Die drei Songs von Bastian, die offiziell Lucy Hill selbst geschrieben hatte, wurden allesamt als Singles ausgekoppelt und landeten für einige Wochen gleichzeitig auf den ersten drei Plätzen der Airplay-Charts, was bisher noch niemandem gelungen war. Die Redakteure der größten Fernsehshows versuchten, Lucy Hill zu ködern, teils mit höchst unmoralischen Angeboten in exorbitanten Eurobeträgen. Und das in Zeiten, wo die Mehrheit der übrigen »Stars« freiwillig Weiße Rosen aus Athen gesungen und dazu noch nackt Sirtaki getanzt hätte, wenn sie dort ohne Gage auftreten hätten können. Die meisten hätten nicht einmal Anfahrtskosten verlangt, für Lucy Hill aber gab es große Scheine.

Apropos Weiße Rosen. Vor sieben Jahren hatte sich ­Tante Finni einigermaßen überraschend dazu entschieden, niemanden mehr zu nerven mit diesem Scheißlied. Herzinfarkt! Nicht nur einer, sondern gleich mehrere hintereinander. Den endgültig letzten hatte sie zwei Wochen nach dem ersten, immer noch im Krankenhaus. Sie kam da gar nicht mehr raus. Übrigens, das Schmerzensgeld für das Weiße Rosen-Singen hatte sich in ihrem letzten Jahr fast verdoppelt, denn trotz der Umstellung von Mark auf Euro drückte sie Bastian und Lisa aus purer Gewohnheit weiter einen Zehner in die Hand. Ihnen war’s recht. Und Tante Finni war’s egal, Zehner blieb Zehner!

Nach ihrem Tod war’s vorbei mit Weiße Rosen. Dachten zumindest die Berger-Kids. Dann aber übernahm Mama plötzlich den Part von Tante Finni, sie wollte unbedingt, dass bei der Beerdigung noch einmal dieses Lied gesungen wurde. Und weil Mama mit allem drohte, was ihnen hoch und heilig war, unter anderem mit dem sofortigen Entzug von ihrem selbstgemachten und absolut unvergleichlichen Schweinsbraten mit Knödeln an Sonn- und Feiertagen, gaben Lisa und Bastian ihr Okay zu den endgültig letzten Weißen Rosen am offenen Grab von Tante Finni.

Die Beerdigung wurde zu einem riesengroßen Spektakel. Nicht wegen Tante Finni, sondern weil die Presse Wind davon bekommen hatte, dass Lucy Hill, der derzeit angesagteste Star im Rock- und Pop-Business, auf dem Friedhof von Singing ihrer Tante die letzte Ehre erweisen würde. Die Kirche platzte aus allen Nähten, aber es war nichts gegen das, was sich dann auf dem Friedhof abspielte. Fünfundzwanzig Trauergästen standen Hunderte von Lucy-Hill-Fans gegenüber. Die engen Wege zwischen den Gräbern waren vollgestopft mit Groupies, denen man die kurzzeitig aufgesetzte Betroffenheit wegen Tante Finnis Abgang nicht abnahm. Auf den Bäumen der Umgebung saßen Presseleute mit Kameras und großen Teleobjek­tiven und warteten darauf, ein Foto von Lucy Hill am Grab ihrer Tante zu schießen, am besten tränenüberströmt und knapp vor dem eigenen Selbstmord stehend.

Diese Bilder bringen in Hochglanzmagazinen tausende von Euro, dafür ist den Fotoreportern jedes Mittel recht. Als Bastian das alles sah, war ihm noch viel weniger danach zumute, vor dieser gaffenden Meute auch noch zu singen. Lisa war plötzlich nicht mehr zu bremsen und beharrte aufgeregt darauf, dieses Scheißlied noch ein letztes Mal anzustimmen, sie seien es Tante Finni schuldig.

»Bastian, stell dich nicht so an, vor so vielen Leuten wirst du bestimmt nie mehr auftreten!«, schnauzte sie ihn an. »Die Leute wollen Lucy Hill hören, also, lass uns das jetzt durchziehen!«

Aha, jetzt war Bastian klar, woher der Wind wehte, sie tat das nicht für Tante Finni, sondern nur für ihre eigene Scheiß-Publicity.

Was war bloß aus Lisa geworden? Nachdem Bastian eine weiße Rose in das offene Grab hatte segeln lassen, wollte er nur mehr nach Hause. Aber Mama Berger schob ihn mit sanftem Druck zu seiner aufmerksamkeitsgeilen Schwester und sprach in feierlichem Ton: »Es war Tante Finnis letzter Wunsch, dass Lisa und Bastian noch einmal Weiße Rosen aus Athen singen. Sie hat dieses Lied geliebt, und heute soll es sie auf ihrem letzten Weg begleiten!«

Respekt, Mama! Das hatte Bastian ihr nicht zugetraut! Nicht nur, dass sie geflunkert hatte, denn es war niemals Tante Finnis letzter Wille, dieses Scheißlied zu hören, weil sie gar nicht mehr dazugekommen war, jemandem ihren letzten Willen mitzuteilen. Abgesehen davon, war Mama ihr ganzes Leben lang ein stilles Mäuschen gewesen. Das Reden überließ sie meistens Papa, zumindest außerhalb ihres Hoheitsgebiets, das am grünen Gartentor endete. Im eigenen Reich, also innerhalb der bergerischen Landesgrenzen, da war das etwas anderes. Da holte sie alles nach, und wenn Papa ab und zu mal Ruhe brauchte vor Mamas Verbalattacken, flüchtete er unter dem fadenscheinigen Vorwand in die Garage, dass er dort unbedingt checken musste, warum der Motor der Bergerkutsche vorhin so gestottert hatte.

Meist erklärte er dann seiner lieben Frau, dass wahrscheinlich der ausgehungerte Haus- und Hof-Marder wieder mal ein paar Kabel angebissen hatte, die er, der Mann des Hauses, schleunigst auswechseln musste. Zum Glück wusste Mama erstens nichts davon, dass dieser Marder schon vor Jahren das Zeitliche gesegnet hatte, und zweitens aber schon gar nichts von den Rotweinflaschen, die gut verstaut in kratzenden Kartoffelsäcken auf Papa warteten. Anstatt der Motorhaube des japanischen Familien-SUVs wurde dann ein französischer Merlot Cuvée geöffnet, und Mama wunderte sich eine Stunde später, warum ihr lieber Ehemann wieder mal so gut gelaunt vom Autoreparieren zurückkam.

Dass sie sich jedoch hier, vor all den geifernden ­Paparazzi zu einer Rede aufschwang, verblüffte Bastian. Doch so sehr er sie dafür bewunderte, dem plötzlichen Anfall von Selbstbewusstsein hatte er es zu verdanken, dass er wohl oder übel mit Lisa singen musste. Und so schwebte Weiße Rosen aus Athen als letzter Abschiedsgruß an Tante Finni über dem Friedhof von Singing.

Bastian hatte geglaubt, die Peinlichkeit ließe sich nicht mehr steigern, aber da hatte er sich getäuscht. Plötzlich applaudierte die Menge wie bei einem Lucy-Hill-Konzert und vereinzelt hörte man sogar Zugabe-Rufe. Kurz, die Beerdigung von Tante Finni wurde zum »Mega-Event«. Bastian hoffte, dass sie auf ihrer Wolke sieben trotzdem etwas schmunzeln konnte. Seit er zu denken fähig war, hatte ihn Tante Finni begleitet, und mit ihr auch dieses Lied. Und seit er denken konnte, hatte er es gehasst. Tante Finni aber mochte er trotz allem ganz gerne, auch wenn ihm das erst auf dem Friedhof so richtig klar wurde. Seit ihrem Abgang damals vor sieben Jahren dachte er bei jeder Familienfeier an sie und irgendwie fehlte sie ihm jedes Jahr ein bisschen mehr.

Lucy Hill

Die Beerdigung von Tante Finni – oder besser Lisas Auftritt vor dem offenen Grab – wurde gnadenlos ausgeschlachtet. In jedem Schmierblatt waren die Fotos auf Seite eins abgebildet, dazu die dramatischen Schlagzeilen, wie tragisch der Tod ihrer geliebten Tante für Lucy Hill gewesen sei. Lisa hatte es mit Bastians Songs geschafft, zwei Jahre lang fast durchgehend Topplatzierungen in den Charts einzunehmen. Ihre Konzerte waren alle ausverkauft, der Lucy-Hill-Hype nahm beängstigende Ausmaße an. Sie konnte schon vor Tante Finnis Abgang nirgendwo mehr hingehen, ohne dass sie permanent von pickeligen Vierzehnjährigen, adrett frisierten Krawattenträgern oder rotgesichtigen Mitfünfzigern belagert wurde. Das ganze Land war im Lucy-Hill-Fieber und die ursprüngliche Überlegung der Plattenfirma, eine neue Singer-Songwriter-Lady aufzubauen, die hammermäßig aussah und noch dazu alle ihre Songs selbst schrieb, war voll aufgegangen.

Glück für Lisa, Pech für ihren Bruder! Lisa hatte ihm zwar großzügig die Hälfte der Tantiemen zugesichert, gesehen hatte er von dem Geld allerdings nichts. Um das Geld ging es ihm auch gar nicht. Eigentlich wollten die beiden zusammen durchstarten, und jetzt ging Lisas Karriere durch die Decke in Richtung immer neuer Sterne. Bastians Rakete war dagegen am Boden explodiert und rührte sich seit zehn Jahren nicht von der Stelle.

Da er mit der Musik nichts verdiente und trotzdem von etwas leben musste, hatte er vor acht Jahren notgedrungen eine kleine Tischlerei eröffnet und war seither sein eigener Chef. Papa Berger hatte in der Molkerei einen Zahnarzt kennengelernt, der beim dritten Milchshake davon erzählte, dass er sein Wohnzimmer neu einrichten möchte. Das war Bastians erster Auftrag gewesen, und weil er seine Sache anscheinend nicht schlecht gemacht hatte, empfahl der Gebissdoktor ihn weiter. Der Arzt und seine Freunde spielten finanziell in einer Liga, die Bastian bis dahin völlig unbekannt gewesen war. Da gab es kein Feilschen um ein paar Euro. Wenn die abgelieferte Arbeit in Ordnung war, konnte man auch ganz schön was verlangen.

Er freute sich, wenn die Auftragsgeber am Ende zufrieden waren mit seiner Arbeit, und mittlerweile verdiente er auch gutes Geld damit. Aber wenn er sich zum Planen und Zeichnen eines neuen Wohnzimmerschranks in sein Büro setzen musste, wäre er eigentlich viel lieber in sein Studio abgehauen, um neue Songs zu produzieren. Während er in der Werkstatt an den Möbeln bastelte, schwirrten permanent neue Melodien durch seine Hirnzellen. Und wenn er das Endergebnis dann ausgeliefert hatte, konnte er es gar nicht mehr erwarten, schnell wieder nach Hause zu kommen und im Keller das zu machen, was er wirklich liebte: seine Musik!

Es war gar nicht so einfach, auch noch Zeit zu finden, sich ein eigenes Heim einzurichten. Auch das hatte er mittlerweile erledigt. Der Garten seiner Eltern war zwar ein Stück kleiner geworden, dafür stand da ein schmucker Holzriegelbau mit allem, was sich eine junge Familie so wünschen konnte.

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