Kitabı oxu: «Thomas Mann. Die frühen Jahre»

Şrift:

Herbert Lehnert

Thomas Mann

Die frühen Jahre

Eine Biographie


Inge zu eigen

Inhalt

Vorsatz

Heinrich Mann verlässt die Kaufmannswelt

Heinrich Mann missachtet den angehenden Schriftsteller-Bruder

Heinrich Mann »überwindet« den Naturalismus

Heinrich Manns Haltlos

Des Vaters Tod und Testament

Die Brüder kommen sich näher: Der Frühlingssturm!

Tarnende Sprache: Zweimaliger Abschied

Schopenhauer und Nietzsche

Richard Wagner

Sexualpsychologie

Die Briefe an Otto Grautoff I

Selbstbildung

Der Lehrer Brandes

Heinrich Manns Roman In einer Familie und Thomas Manns Gefallen

Studien

Maximilian Hardens Zeitschrift Die Zukunft

Brüderlicher Austausch: Heinrich Manns Das Wunderbare und Thomas Manns Der Wille zum Glück

Heinrich Manns konservative Neigungen

Die Zeitschrift Das Zwanzigste Jahrhundert

»Jüdischen Glaubens«

Weiter an der Geldquelle

Thomas Manns Beiträge zur Zeitschrift Das Zwanzigste Jahrhundert und deren Ende

Der Bajazzo

Der kleine Herr Friedemann

Der Tod

Wieder in Italien: Enttäuschung, Luischen, Tobias Mindernickel

Buddha und die Welteinheit

Die Briefe an Otto Grautoff II

Buddenbrooks: Die Konzeption des Familienverfalls

Heinrich Mann und die Konzeption

Anregungen und Einflüsse für Buddenbrooks

Der Glaube hilft nicht mehr gegen den Tod

Die Macht des Geldes

Tony Buddenbrook

Die Bürger-Rolle Thomas Buddenbrooks

Der Brüder-Streit und die Neurasthenie

Das Schulkapitel

Hanno Buddenbrook

Opposition gegen den Kapitalismus, aber kein historischer Roman

Buddenbrooks in Selbstinterpretationen

In inimicos

Wieder in München – 1898

Romantische Märchen und Geschichten

Der Kleiderschrank und Gerächt

Freundschaften

Der Weg zum Friedhof

Beziehungen: Heinrich Mann, Paul Ehrenberg, Richard Schaukal

Die Briefe an Otto Grautoff III

Tristan

Florenz, Mary Smith, Mitterbad

Die Hungernden

Die Adelaide-Episode für den Gesellschaftsroman Die Geliebten oder Maja

Ein Glück

Herman Bang

Tonio Kröger

Das Wunderkind

Bleibende Spannung zwischen den Brüdern

Heinrich Manns Die Jagd nach Liebe und der Briefwechsel darüber

Heinrich Manns Fulvia, Thomas Manns Gabriele Reuter: zwei Begriffe von Freiheit

Savonarola-Studien

Gladius Dei

Fiorenza

Beim Propheten

Die Freundschaft mit Otto Grautoff erkaltet nach Thomas Manns Heirat

1905: Schwere Stunde und Wälsungenblut

Ausblick auf spätere Werk-Perioden

Literatur

Siglenverzeichnis

Forschungsliteratur

Personenregister

Anmerkungen

Impressum

Vorsatz

Mein zu früh verstorbener Freund Peter Pütz begann einen Vortrag über ethische Fragen in Texten Thomas Manns mit zwei Erinnerungen. Die erste handelte von seinem Deutsch-Lehrer in den 50er-Jahren des 20. Jahrhunderts. Ihn hatten seine Schüler gebeten, Thomas Mann zu lesen, statt Literatur im Geiste eines christlichen Humanismus, wie der Lehrplan vorschrieb. Auf dieses Verlangen habe der Lehrer »mit leiser, bebender Stimme« geantwortet: »Ein Schriftsteller, der jeden, aber jeden Wert durch seine Ironie vernichtet, sollte verboten werden.« Die andere Erinnerung, die Peter Pütz vortrug, war die an die Äußerung eines Freundes, der ihm gesagt habe: »Ich habe in meinem Leben viel Thomas Mann gelesen und studiert und habe oft Vergnügen dabei gefunden – aber gegeben hat er mir nichts.«[1] Ich erinnere mich an Gespräche mit Peter Pütz, aber ich kann nicht stehen lassen, dass Thomas Mann mir nichts gegeben habe. Ich hatte wohl ausdrücken wollen, dass ich Thomas Manns Werke nicht lese, um meine Welt realistisch erklärt zu bekommen, um neue Lebenswerte zu entdecken, oder um einen Religionsersatz zu finden. Was Thomas Mann seinen Lesern im 21. Jahrhundert gibt, sind Wörter, die sich zu Beispielen, Szenen, Bildern ordnen, für eine Weise, wie man in einer Welt lebt, die nicht von einem Schöpfergott ein für alle Mal geordnet und mit starren Regeln des Verhaltens versehen wurde, sondern in einer modernen Welt mit Veränderungen und voller Widersprüche.

Modern ist eine Weltanschauung, die mit Widersprüchen leben kann. Sie verzichtet auf die traditionelle Metaphysik, die das Weltganze aus einem Prinzip zu begreifen suchte, sei es der Schöpfergott oder die auf mathematische Formeln reduzierte Naturwissenschaft. Der modern denkende Mensch hat den lenkenden Schöpfergott in einen Mythos verdrängt, der mit der Naturwissenschaft im Konflikt steht. Ein Konflikt zwischen dem Gefühl, zu einem großen Ganzen zu gehören und dem Wissen, dass eine mathematische Weltformel sich unserem Zugriff entzieht, charakterisiert das moderne Verhältnis zur Welt, auch das in den Werken Thomas Manns.

Seit Charles Darwins On the Origin of Species (1859) kann man es nicht mehr für die einzige Wahrheit halten, dass der Mensch, separat von der Tierwelt, nach dem Bilde Gottes geschaffen wurde. Das Weltall, das die Astronomen beobachten und vermessen, besteht aus Galaxien, die auseinanderfliehen. Aus diesem Weltall lassen sich keine menschlichen Verhaltensregeln ableiten. Die biblische Morallehre hat ihre absolute Autorität verloren und wird durch pragmatisch gefundene Regeln erklärt oder ersetzt. »Modernismus« nenne ich das Bestreben unter Schriftstellern, den Prozess der Säkularisierung, der Modernisierung, anzunehmen. Thomas Manns Werk gehört zu dieser Bewegung, was nicht ausschließt, dass Erzähler und Figuren dieser Bewegung kritisch gegenüberstehen.

Unter den Ersatzreligionen, die sich Thomas Mann als neuen Weltsinn anboten, hat der Ästhetizismus die Schönheit für heilig erklärt und will Künstlern priesterliche Würde zuerkennen. Der moderne Realismus weigert sich, der Schönheit einen solchen Rang zu geben. Wie ein Kunstwerk versteht Thomas Mann Schopenhauers Philosophie, wenn sie den »Willen« als zeit- und raumloses Phänomen die Welt erfüllen lässt. Aller Metaphysik widersprach Nietzsche im zwölften Abschnitt der dritten Abhandlung Was bedeuten asketische Ideale in Zur Genealogie der Moral:

Es gibt nur ein perspektivisches Sehen, nur ein perspektivisches »Erkennen«; und je mehr Affekte wir über eine Sache zu Wort kommen lassen, je mehr Augen, verschiedene Augen wir uns für dieselbe Sache einzusetzen wissen, um so vollständiger wird unser »Begriff« dieser Sache, unsre »Objektivität«, sein. (KSA 5, 365)[2]

Diese Stelle kannte Thomas Mann schon in früher Jugend. Er las auch schon früh Nietzsches Aufsatz Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne (KSA 1, 873–890), in dem er die Wörter der Sprache als bloße Metaphern erkennt, denen keine absolute Geltung zukommt. Sprachwerke bilden nicht die allen bekannte reale Welt ab, sondern Zusammenhänge aus einer oder mehreren Perspektiven, die widersprüchlich sein können.

In der Zeit, in der die Astronomie das Universum als auseinanderstrebende Galaxien erkannt hatte, und in der die Evolutionslehre den Menschen als Tiergattung in die Natur einordnete, im 19. und 20. Jahrhundert, griff die industrielle Revolution in die lange herrschende Ordnung von Gesellschaftsklassen ein. Zur Modernität gehört die Bereitschaft, die Veränderungen der Weltsicht einschließlich der Moralität in das Verständnis der Welt aufzunehmen, obwohl die alte Ordnung der Dinge noch immer die Orientierung des Menschen mitbestimmt, ohne absoluten Glauben zu verlangen. Die moderne Weltsicht der Zeit Thomas Manns, wie auch die der Gegenwart des 21. Jahrhunderts, ist durchsetzt von nostalgischen Rückverweisen auf die alte Ordnung. Ausdrücke wie »mein Gott« oder »Gott weiß« benutzen auch moderne Menschen. Sie implizieren nicht mehr die Existenz einer Gottes-Person, die menschliche Sprache spricht, sondern gebrauchen bloß Schatten der alten Bedeutung als Redensarten.

Zu der Bewegung auf die moderne Orientierung hin gehören Autoren der deutschsprachigen Literatur der Moderne, wie Arthur Schnitzler, Gerhart Hauptmann, Hugo von Hofmannsthal, die Brüder Mann, Hermann Hesse, Robert Musil, Bertolt Brecht, Ernst Toller. Sie sind in einer Welt aufgewachsen, in der traditionelle bürgerliche Werte galten, sowie eine Ethik, die auf religiösen Werten beruhte, obwohl metaphysische Wahrheiten bezweifelbar wurden. Moderne Autoren wie die eben genannten betrachteten die »bürgerlichen« Konventionen ihrer Herkunft mit kritischem Misstrauen. Zwar schrieben sie für ihre Leser in der gebildeten Mittelschicht, die Bildungsbürger, jedoch mit der Erwartung oder Hoffnung, dass die bürgerlichen Konventionen sich ändern würden, darunter die Abhängigkeit vom materiellen Besitz, vom Geld, das seit der Französischen Revolution die soziale Ordnung bestimmt, und auch der mindere soziale Rang der Frauen, der ihnen den Zugang zu höherer Bildung verwehrte. Frauen bildeten die Mehrzahl der bürgerlichen Leser. Noch herrschend auf dem Grund von Kirchenlehren war die Verachtung homosexueller Gefühle, die Thomas Mann bekümmerte.

Modernität, wie wir sie in diesem Buch verstehen, ist keine Sache des Sprachstils. Überraschende Neuigkeiten, wie der Stilpluralismus in Alfred Döblins Roman Berlin Alexanderplatz, oder die Essayistik als narratives Mittel in Robert Musils Der Mann ohne Eigenschaften, sind keine Merkmale eines allgemein geltenden Modernismus, sondern eben nur Neuigkeiten. Thomas Manns Verzicht auf avantgardistische Stilexperimente hat sein Werk nicht gehindert, in einer Welt zu bestehen, in der die alte Metaphysik einer von Gott geschaffenen Ganzheit nicht mehr gilt.

Um 1893, Thomas Mann war achtzehn, ließ Bruder Heinrich den vier Jahre jüngeren an seinen Entdeckungen moderner Literatur und der Philosophien Schopenhauers und Nietzsches teilnehmen. Dem müssen wir nachgehen.

Heinrich Mann verlässt die Kaufmannswelt

Bruder Heinrich hatte mit vierzehn Jahren zu schreiben begonnen, vielleicht früher. Gedichte entstanden im Stil von Heinrich Heine, den er sehr schätzte, auch kleine Prosa-Erzählungen, von denen er gelegentlich eine in einer Lübecker oder Berliner Zeitung unterbrachte. Sie verraten Heinrichs Bedürfnis, die deutsche kaufmännische Welt, in der er aufgewachsen war, zu verlassen. Einige seiner frühen Geschichten versetzen Autor und Leser in ein imaginiertes Milieu des hohen Adels, andere spielen in Paris oder Italien. Heinrich war ein mittelmäßiger Schüler, begann aber, siebzehn Jahre alt, seine Zeit so sehr zum Schreiben und zum Lesen moderner Literatur zu nutzen, dass er im Jahr 1889 das Klassenziel des zwölften Schuljahrs (damals ›Obersekunda‹) nicht erreichte und im Herbst des gleichen Jahres die Schule verließ. Heinrich erklärte, Buchhändler werden zu wollen, weil der enttäuschte Vater auf einer Berufsausbildung bestand. Er trat im Herbst 1889 eine Lehre in Dresden an. Er wollte in eine Großstadt ziehen, Lübeck genügte ihm nicht.

Sein Vater war der Lübecker Senator Thomas Johann Heinrich Mann, Besitzer eines Getreide-Großhandels. Er hatte sich literarische Kenntnisse erworben, obwohl er schon mit vierzehn Jahren den Kaufmannsberuf erlernen musste. Er hatte zu viel Respekt für erfolgreiche, gut gebildete Schriftsteller, um an Heinrichs Berufung zum Schriftsteller zu glauben. Heinrich hielt jedoch an seinem Ziel, Schriftsteller zu werden, fest und betrieb in Dresden ein intensives Selbststudium. Wir können das gut verfolgen, weil er, statt eines Tagebuchs, in ausführlichen Briefen an seinen Lübecker Freund Ludwig Ewers von seinen Studien berichtete. Die meisten Briefe sind erhalten.[3]

Heinrich Mann las Romantiker und Theodor Storm; seine Lieblingsschriftsteller waren Heine und eine Zeit lang der Lübecker Klassiker-Epigone Emanuel Geibel. Diese, und den siebzigjährigen Theodor Fontane las bald nach ihm auch sein Bruder Thomas. Heinrich schätzte Michael Georg Conrad, der in seiner Zeitschrift Die Gesellschaft gegen die christlich fundierte Moral und die bürgerliche Prüderie opponierte, Émile Zola und Richard Wagner empfahl. Conrad war einer der ersten Leser und Anhänger Nietzsches. Heinrich empfahl seinem konservativen Freund Ewers, dem Empfänger der tagebuchartigen Briefe, Die Gesellschaft zu lesen, in der moderne ›Realisten‹ veröffentlichten. Wenig später nannte man diese modernen Autoren ›Naturalisten‹. Auch Thomas Mann las Die Gesellschaft schon als er noch zur Schule ging.[4]

Heinrichs erster gedruckter Text erschien im April 1890 in einer Lübecker Zeitung, eine Gegenkritik zur Verteidigung von Hermann Sudermanns Drama Die Ehre, das im November 1889 großen Erfolg bei der Berliner Erstaufführung gehabt hatte. Ein Lübecker Richter, literarisch gebildet im Geist der Goethezeit, hatte in einer anderen Lübecker Zeitung gegen den groben Naturalismus des Stückes geschrieben. Heinrich verteidigte die Wahrhaftigkeit in Sudermanns Drama und ließ ein Lob der sozialen Bestrebungen Kaiser Wilhelms II. einfließen, demselben, dem später seine Verachtung galt.[5]

Für eine philosophische Grundierung seiner Weltanschauung griff Heinrich Mann nicht zu Hegel und dem deutschen Idealismus wie viele deutsche Schriftsteller der Zeit, sondern zu Schopenhauer, einer Philosophie, die einen Schöpfergott nicht brauchte, während Hegels Philosophie, nach der Erkenntnis der Ganzheit der Welt, dem »Absoluten« fragend, den Gottesgedanken nicht ausschloss. Schopenhauers Weltsystem war pessimistisch im Gegensatz zu dem christlichen Versprechen einer endlichen Erlösung in Gott. An die Stelle einer »Substanz«, dem Grund allen Seins, setzte Schopenhauer den zeit- und ortlosen ›Willen‹.

Schopenhauers Weltsystem verbindet, was widersprüchlich erscheint: Wir haben die Welt uns gegenüber und zugleich in uns. Schopenhauers ›Wille‹ beugt sich nicht der Logik, ist nicht einmal ein Objekt, das angeschaut werden kann. Der Wille in uns, ein dumpfer Drang, zwingt uns zur Bewahrung unserer Existenz, zwingt auch alle anderen Wesen, belebt oder unbelebt. Deren Streben gegeneinander verursacht Leiden. Was uns als Objekt gegenübersteht, ist Kants »Vorstellung«, die Welt, wie sie uns in Zeit und Raum erscheint. Kant hielt das ›Ding an sich‹, ein Ding außerhalb von den Formen von Raum und Zeit, für unerkennbar. Schopenhauer hielt den Willen zur Existenz, zum Leben, für das ›Ding an sich‹, für die Welt im Ganzen. Erlösung von der Qual des ewig für sich streitenden ›Willens‹ kann der Mensch erlangen, wenn er oder sie den konkurrierenden ›Willen‹ durch Mitleid ersetzt. Erlösen kann auch die Kunst. In ein geniales Kunstwerk versunken, kann der Mensch den egoistischen Willen verneinen, kann Bilder der Welt genießen als entstanden aus platonischen Ideen. Schopenhauer galt die Musik als die höchste Kunst; sie war ihm ein Ausdruck des ›Willens‹ selbst.

Nach Schopenhauer studierte Heinrich Mann seit Januar 1891 Friedrich Nietzsche.[6] Dieser hatte zuerst Schopenhauers tragischen Pessimismus angenommen, erhob dann aber das Konzept des ›Willens‹ als »Wille zur Macht« zu einem positiven Prinzip des Lebens. Seine Moralphilosophie hat Nietzsche fast überall in seinem Werk ausgedrückt, besonders in Morgenröthe, in Jenseits von Gut und Böse und in Zur Genealogie der Moral. Herren unterwerfen das Volk, die »Herde«. Für die Herrenmoral ist »gut«, wer zu den Herren gehört, wer Macht hat und übt, »schlicht«, »schlecht« ist, wer nicht aus der Herde hervorragt. Für die Unterworfenen ist gut, was allen nützt; böse ist das Streben nach eigener Macht, das die Ordnung des Ganzen stört. Eine Moral, die die Liebe aller und Gehorsam für die Gebote eines Gottes verlangt, wie die judeo-christliche Religion, ist für Nietzsche eine Sklavenmoral. Nietzsche hielt eine Umwertung aller Werte für nötig, nach Einsicht in eine harte, realistische, soziale Ordnung.

Eine Wirkung seiner Nietzsche-Lektüre zeigt sich in einem Brief Heinrichs an den Freund Ludwig Ewers: »eine objektive Wahrheit ist für mich nirgends vorhanden«.[7] Noch am 12. Mai 1892 ist Nietzsche Heinrichs »Hauptlektüre«.[8] Eine Klassen-Moral zeigt sich, wenn er am 8. September 1891 an Ewers schreibt: »ich bin […] praktisch für fast absolute Monarchie, katholische Kirche, aus Interessenpolitik – theoretisch dagegen vollkommen Anarchist«.[9]

Heinrich Mann missachtet den angehenden
Schriftsteller-Bruder

Heinrichs Freund und Briefpartner Ludwig Ewers verkehrte im Hause des Senators Mann in Lübeck. Wenn Ewers dort Gedichte Heinrichs vorlas, bewunderte Thomas die lyrischen Versuche des älteren Bruders. Heinrich belustigte sich in einem Brief an Ewers über die schwärmerische Zustimmung seines Bruders.[10] Thomas hatte begonnen, selbst Lyrik zu produzieren. Als er Ewers einige seiner Versuche sehen ließ, sandte dieser sie nach Dresden. Heinrich reagierte mit Verachtung:

Ich bin von den Gefühlsprodukten einer halbwüchsigen liebenden Seele, mit denen der glückliche Dichter auch mich zuweilen verfolgte, immer stillschweigend oder laut lachend zur Tagesordnung übergegangen. In den »Dramen« finden sich neben all den Unmöglichkeiten, die du […] hervorhebst, doch immerhin ein paar – wenn auch noch so verbrauchte – Gedanken, wie Oasen im Sand. Sand ist schon langweilig. Aber das Wasser in seiner Lyrik ist doch noch langweiliger.[11]

Die Brüder müssen sich damals Briefe geschrieben haben, die leider verloren sind. Heinrich verachtete die Gedichte seines Bruders noch mehr, wenn sie homoerotische Liebe darstellten. Als Beispiel zitiert er in einem Brief an Ewers vom 21. November 1890 aus einem Gedicht des jüngeren Bruders:

– – als an deiner Brust ich ruhte …

– als um den Freund den Arm ich schlang,

und ich in süßer Lust mich wiegte …[12]

Thomas liebte damals, 1889, seinen Mitschüler Armin Martens und ein Jahr später Williram Timpe,[13] den Thomas Mann »Willri« nannte. Die homoerotischen Motive erinnerten Heinrich an August von Platen, den er im privaten Brief »Ritter vom heiligen Arsch« nennt.[14]

In einem der seltenen Fälle, in denen Heinrich in den Briefen an Ewers Motive aus einem Gedicht von Thomas nennt, muss es sich um Thomas’ Version eines Gedichtes von Heinrich handeln, das im November 1890 in der Zeitschrift Die Gesellschaft gedruckt wurde. Es heißt Geh schlafen und handelt von dem Selbstmordwunsch einer »gefallenen« und verlassenen jungen Frau, die sich der Verachtung der Mitwelt ausgesetzt fühlt.[15] Auch Thomas dichtet von einer Gestalt, die sich ertränken will,[16] – vielleicht beschreibt er einen vergeblich liebenden Jungen.

Heinrich entwickelt einen Heilungsplan für den leidenden Bruder:

Mein armer Bruder Tomy. Lass ihn nur erst in das Alter kommen, wo er unbewacht und – bemittelt genug ist, seine Pubertät zum Ausdruck zu bringen. ’ne tüchtige Schlafkur mit einem leidenschaftlichen, noch nicht allzu angefressenen Mädel – das wird ihn kurieren. Sage ihm das aber nicht. Ironisiere die Geschichte; das hilft. Nur nichts tragisch ernst nehmen! Er will »meine Ansicht« durch dich wissen. Sage ihm also das inhaltsschwere Wort »Blödsinn«. Ich denke, das genügt.[17]

Der zynisch-herablassende Ton, in dem Heinrich über die Bemühungen seines jüngeren Bruders schreibt, wirkt verstörend. Ewers wird den Auftrag Heinrichs dem Sinne nach ausgeführt und Thomas mitgeteilt haben, wie wenig Heinrich dessen poetische Versuche schätzte. Selbst wenn Ewers dies schonend tat, muss die Enttäuschung bitter gewesen sein, und wir können annehmen, dass sie nicht die einzige war. Heinrichs Abwertung des noch vierzehnjährigen Bruders dürfte lange, vielleicht lebenslang, nachgewirkt haben, auch, wenn der jüngere Bruder dem Vorbild des älteren weiter auf dem Weg in den Schriftstellerberuf folgte. Von Störungen während der Jugend der Schriftsteller-Brüder hat Katia Mann berichtet: Ihr Mann habe ihr erzählt, er habe als Junge mit Heinrich ein Jahr lang nicht gesprochen.[18]

Als Thomas achtzehn Jahre alt wurde, änderte sich das Verhältnis. Heinrich ließ den jüngeren Bruder an seinem Studium Schopenhauers und Nietzsches teilnehmen. Ein früher Nietzsche-Einfluss ist erkennbar in Thomas Manns Heinrich Heine, der »Gute«, einem Essay, der ganz am Anfang von Thomas’ Laufbahn als Schriftsteller steht und den wir näher betrachten werden. Nietzsches Moralkritik ist ein fortschrittliches Element in Thomas Manns Denken, das im Gegensatz steht zu dem konservativeren zeit- und raumlosen ›Willen‹ Schopenhauers. Die Welt in Thomas Manns Werk wird weder ausschließlich von Nietzsche noch von Schopenhauer bestimmt; sie kann Widersprüche aufnehmen.

Während die moderne Naturwissenschaft die Skepsis gegen den biblischen Schöpfungs-Mythos bestärkte, orientierte die Mehrheit der deutschen akademisch Gebildeten ihr modernes Denken an der rechten oder der linken Hegel-Nachfolge: Die Konservativen beruhigte Hegels Staatsphilosophie, nach der das Wirkliche vernünftig ist, und die Umstürzler, sowohl die Marxisten als auch die präfaschistischen Nationalisten, nahmen Hegels dialektische Geschichtsphilosophie als ideologische Rechtfertigung für ihre Ziele. Thomas Mann behielt lebenslang Sympathie für Schopenhauers Willenslehre, aber sie war ihm ein Kunstwerk, eine Erfindung, mit der man viel erklären konnte, ohne dass das Erklärte ihm absolute Wahrheit war.

Weil Schopenhauer sein Konzept des ›Willens‹ für das »Ding an sich« erklärte, lag die Versuchung nahe, den zeit- und raumlosen ›Willen‹ für das Ganze der Welt zu nehmen: als Pantheismus. Schon früh hat Thomas Mann Nietzsches Schopenhauer-Kritik in Zur Genealogie der Moral zur Kenntnis genommen. Die Widersprüche hinderten ihn nicht, von beiden zu nehmen, was er brauchte.

Heinrich Mann »überwindet«
den Naturalismus

Ende 1890, dem ersten Jahr seiner Dresdener Zeit, gewinnt eine neue literarische Mode Heinrichs Aufmerksamkeit. Er liest den Roman Die gute Schule (1890) des Österreichers Hermann Bahr, in dem, wie er Ewers schreibt, die Psychologie »aufs Höchste getrieben« sei. Er fühle sich geistesverwandt mit Bahr und lobt ihn, weil er »so ganz in der Moderne lebt«.[19] An die Stelle realer und wissenschaftlicher Genauigkeit solle eine Psychologie der fiktiven Figuren treten. Heinrich setzte die neue Mode sofort um in seiner Novelle.[20] Die neue Schreibweise wirkt als nervöser Impressionismus, der statt »Sachenstände« »Seelenstände« zeigt.

Bahr, der in Paris gelebt hatte, empfahl als moderne Schriftsteller Joris-Karl Huysmans, Maurice Barrès, Maurice Maeterlinck, Paul Bourget. Heinrich Mann nahm Bourgets Romane zum Vorbild sowie dessen viel gelesene Essays über moderne Schriftsteller, die 1883 als Buch unter dem Titel Essais de psychologie contemporaine zusammengefasst wurden.[21] Paul Bourget verstand sein 19. Jahrhundert als Spätzeit. Dekadenz sei die Modernität des glaubenslosen Lyrikers Charles Baudelaire. Bourgets Modell für die Zeit des Absturzes in den Verfall war das spätrömische Reich, bevor die germanischen Barbaren es zerstörten. Patrizische spätrömische Intellektuelle trugen zum Untergang ihres eigenen Reiches bei, indem sie sich von ihrem Staat abwendeten.[22] Die dekadente Kunst Bourgets will sich nicht wehren gegen die Stärke der Barbaren, ebenso wenig wie Athen den rauen Mazedoniern gewachsen war. Ihre Zukunft findet die Kunst des Verfalls in jungen Künstlern, die das Besondere schätzen. Weil die Dekadenten in ihrer eigenen Welt leben, teilen sie nicht die gängigen Vorurteile und entwickeln eine allseitige Toleranz.

Paul Bourget wählte Ernest Renan, einen Religionswissenschaftler, als Beispiel für die Fähigkeit, sich in viele Glaubensformen einzufühlen, sie gelten zu lassen.[23] Diese Toleranz hat auch im modernen Roman einen Platz. Renan hatte, wie Baudelaire, seinen katholischen Glauben aufgegeben, ohne ihn durch eine Ersatzreligion zu ersetzen. Bourget schätzte an Renan, dass er nicht-christlichen Glaubensformen einen religiösen Wert zugestand. Die Kunst, sich in andere Menschen einzufühlen, nennt er »Dilettantismus«, ein Wort, das ursprünglich wohlhabende Menschen bezeichnete, die Künstlerisches leisteten, ohne von ihren Produkten leben zu müssen. Diese Herkunft hängt dem Begriff noch an: die Dilettanten Bourgets sind oft die Söhne erfolgreicher Väter, die Kunst genießen, aber selbst nicht mehr kreativ sind. Einmal unterscheidet Bourget die modernen Dilettanten von älteren, vielseitig begabten Künstlern wie Leonardo, Montaigne, Shakespeare. Diese waren kreativ, die modernen sind es kaum noch.[24] Der Dilettantismus ist ein Begriff, der zwischen dem Positiven, der Sehweise des Künstlers und dem Negativen, der fehlenden oder schwindenden Kreativität, schillert.

Modern ist auch der Kosmopolitismus, für den der Bourget der Essais den vielgereisten Romanschriftsteller Stendhal (Marie-Henri Beyle) als Beispiel hinstellt.[25] Kosmopolitismus, Multiperspektivismus, die Einfühlung in fremde Welten, gilt als eine Form des Dilettantismus. Mit seinem Roman Cosmopolis (1892) wendet Bourget sich gegen die Praxis des modernen Dilettantismus zugunsten konservativer Werte. Am Ende des Romans empfiehlt ein Altgläubiger einem kosmopolitischen modernen Dilettanten die Rückkehr zu den Sicherheiten des katholischen Glaubens.

Eine Kunst der Dekadenz, die sich wenig um Fortschritt in die Zukunft kümmerte, war attraktiv für den Kaufmannssohn, der in die Kunst entlaufen war. Aber für die Praxis des dilettantischen Kosmopoliten reichte Heinrichs kleine geerbte Rente nicht.

Ich führe das kosmopolitische Leben so gut wie es bei so beschränkten Mitteln, wie die meinen sind, angeht. Ich pflege die verschiedenen Kultursprachen, lebe das Leben der verschiedenen Länder, genieße überall die eigentümliche Kunst; das genügt jedoch nicht. Ich bin an kleine bürgerliche Pensionen gebunden […]. Mein Gesichtspunkt ist kein freier, über den Interessen und unrealisierbaren Wünschen stehender, es ist der der mehr oder weniger leeren Tasche, der durch alle Einbildungskraft und den möglichen Dilettantismus niemals so weit korrigiert werden kann, dass[26] er zu denselben Resultaten gelangt, wie diejenigen einer gesättigten Existenz.[27]

Bourgets Zweifel an dem Wert seiner dekadenten, dilettantischen und kosmopolitischen Freigeistigkeit wurden in den 90er-Jahren – also zu der Zeit, als Heinrich Mann sich für Bourget begeisterte – zu einer entschiedenen Absage an die Modernität. Der Thesen-Roman Le Disciple (1889) lässt einen Philosophen eine positivistische, deterministische Psychologie entwickeln und vertreten. Seine Lehre wird fragwürdig, als er mit der Schuld eines Schülers belastet wird. Der junge Mann hatte sich durch die Lehren des Philosophen von dem katholisch-christlichen Glauben und von der alten Moral befreit gefühlt; er hat sich davon überzeugt, dass nur das eigene Ich wirklich sei und will die Stärke seiner Lehre beweisen, indem er die Tochter eines adligen Hauses dazu bringt, sich in ihn zu verlieben. Die Betrogene tötet sich. Bevor ihr Bruder den Verführer erschießt, hat dieser seinem Lehrer sein Experiment erklärt und den Philosophen erschüttert. Bourget leitet seinen Roman ein mit einem Brief an einen jungen Franzosen, den er aufruft, an der Gesundung Frankreichs nach seiner Niederlage 1871 teilzunehmen. Bourget meinte das in konservativem Sinn, als Gegner der Dritten Republik. Heinrich, der bald selbst konservative Neigungen entwickeln wird, blieb lange Sympathisant Bourgets. Er verstand Le Disciple eher als Bourgets selbstkritische Analyse der Moderne denn als konservatives Manifest.

Heinrich Manns Haltlos

Heinrich probierte die neue nach-naturalistische Schreibart in einer Erzählung, deren Titel Haltlos er von einem Gedicht der Wiener sozialkritischen Schriftstellerin Ada Christen übernahm.[28] Deren Verse evozieren »Vagabunden des Lebens« und »moderne Zigeuner«, die nach außen keck seien, aber nach innen »verjammert«,[29] nämlich bindungslos und unglücklich. Das moderne Streben nach Freiheit hat problematische Konsequenzen. Diese erfährt die Hauptfigur in Heinrich Manns Erzählung, ein junger Mann ohne Namen, der fast den ganzen Text hindurch die Perspektive bestimmt. Sein sozialer Stand gibt ihm keine Sicherheit. Der Buchhändler-Lehrling muss täglich ins Geschäft gehen, obwohl er wie sein Autor der »Sohn eines vornehmen Hauses« ist.[30] Er hat genug Taschengeld, um in Restaurants zu speisen und Prostituierte zu bezahlen. Wie sein Autor hat er die Schule vorzeitig verlassen. Erotische Gefühle will er nicht in bürgerliche Konventionen lenken, und der Text analysiert sie in der Weise von Bahr und Bourget, die statt der »Naturstände« des Naturalismus »Seelenstände« zum Gegenstand der Literatur machen wollten.

Ihm ist eine junge Verkäuferin in einem Zigarrenladen aufgefallen. Aus ihrem Benehmen hat er geschlossen, dass auch sie eine Außenseiterin ist und daher zu ihm passt. Weil die junge Frau so anders ist als die Bürgertöchter, möchte der Mann ihr seine Scham beichten, nachdem er, von Kollegen eingeladen, ein Bordell besucht hat und sich nachher »gefallen« vorkommt, gefallen vor ihr, der unbürgerlichen jungen Frau.[31] »Gefallen« ist das Wort, das Thomas Mann zum Titel einer Erzählung wählen wird, mit der er auf Haltlos antwortet. Die Anziehung, die sie auf ihn ausübt, ändert sich, als die junge Frau ihm ihre Notlage erklärt. Ihr kleines Gehalt reicht nicht für die Medizin, die ihre Mutter benötigt. Ihr Hauswirt hat ihr das Geld geliehen, dreißig Mark. Das Darlehen will er tilgen, wenn sie ihm zu Willen ist. Sie hat den Verdacht, dass er sie danach als Prostituierte ausbeuten will.

Wenn der junge Mann ihr das Geld gibt, nimmt er die traditionelle Rolle des männlichen Versorgers an, der die Frau wie seinen Besitz betrachtet. Die verarmte Kleinbürgerin fühlt »herzenswarm: er war ihr nun alles«,[32] sie spürt aber auch, dass seine nihilistische Indifferenz, sein Dilettantismus ihn hindern wird, sie zu heiraten. Sie will mit ihm die freie Liebe erfahren, bevor sie ihren Erpresser-Hauswirt bezahlt. Sie lädt ihn ein und gibt sich ihrer Liebe hin. Am nächsten Tag schickt sie ihm einen Brief, in den sie die dreißig Mark einlegt, die er ihr geschenkt hatte. Sie hat ihre Schuld bei ihrem Hauswirt auf die geforderte Art getilgt. Einmal wollte sie frei lieben, obwohl sie weiß, dass sie jetzt Prostituierte für ihr ganzes Leben geworden ist.

Für den jungen Mann war die Liebesszene nur ein »Rauschen und Drängen des eigenen Blutes« gewesen,[33] wie manches Mal zuvor. Er hatte die konventionelle Doppelmoral verinnerlicht: das »Recht des Mannes«, das Ziel der geschlechtlichen Vereinigung zu erreichen, während es »Pflicht des Weibes sei, den Weg dorthin zu verlegen«.[34] Bevor er den Brief seiner Liebhaberin erhält, hatte er überlegt, wie er sie loswerden könne. Ein »guter Kerl«, ein guter Bürger, würde sich verpflichtet fühlen, sie zu heiraten. Aber das kommt für den haltlosen und modernen Dilettanten nicht in Frage, er muss bindungslos bleiben. Er kann sie nur mit Geld loswerden, also auf gewöhnliche Art. Ihr Brief beweist, dass sie freier war als er, der nur den üblichen Konventionen folgen wollte. Ihr freier Entschluss, ihm und sich selbst die freie Liebe zu schenken, solle ihn gut machen, schreibt sie ihm. Er solle an ihrer beider reine Liebe denken und nicht mehr ganz haltlos sein, wissend, dass es das Gute gibt.[35] In der bürgerlichen Ordnung, die durch Besitz bestimmt ist, kann eine freie Liebe nicht dauern.

Mit den Grenzen, die die bürgerliche Ordnung der freien Liebe gesetzt hatte, beschäftigt sich auch Heinrichs Skizze, Freie Liebe, die er im September 1891 in Berlin aufzeichnete. Er hatte von Prostituierten erfahren, wie sehr diese die »Doppelmoral« verinnerlicht hatten. Eine Frau, »die einen außerehelichen geschlechtlichen Akt begangen hat«, meint eine der Prostituierten, befinde sich immer »im Bewusstsein einer Schuld«. Heinrich Mann schließt aus solchen Äußerungen: »Die Zahl der Frauen der Gegenwart also, mit denen man in wirklicher, d[as] h[eißt] geistig freier, Liebe leben könnte, ist minimal.«[36] Eine solche Frau hat er sich in Haltlos konstruiert, aber so, dass ein freies Liebesverhältnis gerade nicht entstehen kann, weil die junge Frau sich der Doppelmoral unterwirft.

Eine junge Frau, die mit ihrem Leben gegen die Konventionen der standesgemäßen Ehe protestiert, spielt eine zentrale Rolle in Heinrich Manns kurzer Erzählung Vor einer Photographie von 1892. Der Text ist aus der Perspektive eines konservativen Offiziers erzählt, der ein Mädchen aus der höheren Gesellschaft geliebt hat. Er hat nicht um sie geworben, weil weder er noch ihre Familie die Mittel für eine standesgemäße Ehe hatten. Er zieht sich zurück, lässt seine Geliebte frei. Diese bestraft seinen Rückzug, indem sie eine freie Liebesbeziehung mit seinem Freund eingeht und, als der sie heiraten will, darauf besteht, dass ihre Beziehung frei und illegitim bleibt. Sie wird damit zur eigentlich freien Figur der Erzählung. Indem sie ihren reservierten Abstand bewahrt, treibt sie ihren Liebhaber in den Tod. Er verletzt sich schwer durch einen vermeidbaren Sturz beim Springreiten. Auf seinem Sterbebett gibt er dem Erzähler das Bild seiner Freundin, die im Titel erwähnte Photographie. Nach seinem Tod verliert die junge Frau ihr gesellschaftliches Ansehen. Auch sie bezahlt einen hohen Preis für ihre freie Liebe.

Die genannten Texte enthalten Unwahrscheinlichkeiten, sie äußern den Wunsch nach einer Akzeptanz freier Frauen, die sich von den Beschränkungen der traditionellen Konventionen gelöst hatten. Heinrich veröffentlichte Haltlos nicht, wahrscheinlich, weil die männliche Hauptfigur zu viele autobiographische Züge trug. Den neunzehnjährigen Bruder muss Heinrichs Thema der freien Liebe sehr beschäftigt haben.

Im Frühjahr 1891 gibt Heinrich Mann seine Lehre in Dresden auf und tritt mit Erlaubnis des enttäuschten Vaters als Volontär in den S. Fischer Verlag in Berlin ein. Er scheint allerdings nicht viel für Fischer getan zu haben; lieber genoss er die Theater in Berlin und schreibt Theaterkritiken für Die Gegenwart, eine angesehene Zeitschrift.

Des Vaters Tod und Testament

Freiheit für ihre literarische Laufbahn erhalten beide Brüder erst mit dem Tod des Vaters am 13. Oktober 1891. Die Todesursache war eine Blutvergiftung, die Folge der Operation eines Blasenkrebses. Der literarisch interessierte Kaufmann hatte nicht verstehen können, dass sein Sohn Heinrich aus der Schule abging und damit auf das Universitätsstudium verzichtete, das dem Vater versagt war. Seine Anweisungen an den Testamentsvollstrecker reflektierten seine Bitternis über die Zerstörung der Pläne, die er für seine Familie gemacht hatte. Obwohl der Vater das Vorbild für Thomas’ Romanfigur Thomas Buddenbrook war, dürfen wir den Chef der Firma Mann nicht mit dem lebensmüden Thomas Buddenbrook vom Ende des Romans verwechseln. Die wirkliche Firma Mann war nicht wegen altmodischer Geschäftsführung im Absteigen. Zwar hatte sie Verluste erlitten, aber im Gegensatz zu Thomas Manns Romanfigur war der ältere Thomas Johann Heinrich Mann in die moderne Geldwirtschaft eingestiegen, hatte sich an einer Bank beteiligt und betrieb neben der Getreidefirma eine Reederei. Von seinen fünf Kindern sollte der Älteste studieren, in die Schicht der Bildungsbürger eintreten, die immer größere Bedeutung gewann. Der zweite Sohn, Thomas, sollte nach dem zehnten Schuljahr wie der Vater eine Kaufmannslehre beginnen, sich an der Leitung der Firma beteiligen und schließlich Nachfolger des Vaters werden. Aber die Söhne Heinrich und Thomas wollten die Firma Mann nicht fortsetzen. Darum bestimmte der Vater, der Testamentsvollstrecker solle die Firma binnen eines Jahres auflösen, was zu substanziellen Verlusten führte. Für die minderjährigen Kinder setzte der Vater zwei Vormünder ein. In den Anweisungen an diese machte der Senator die Einwirkung auf eine praktische Erziehung seiner Kinder zur Pflicht.

Soweit sie es können, ist den Neigungen meines ältesten Sohnes zu einer s[o] g[enannten] literarischen Tätigkeit entgegenzutreten. Zu gründlicher, erfolgreicher Tätigkeit in dieser Richtung fehlen ihm m[eines] E[rachtens] die Vorbedingnisse; genügendes Studium und umfassende Kenntnisse. Der Hintergrund seiner Neigungen ist träumerisches Sichgehenlassen und Rücksichtslosigkeit gegen andere, vielleicht aus Mangel an Nachdenken. (1.II, 625 f.)

Thomas’ gutes Gemüt lobt der Vater in seinen Nachlass-Bestimmungen, aber er verweist auch ihn auf einen »praktischen Beruf« (1.II, 625 f.).[37] Thomas’ literarische Neigungen erwähnt er mit keinem Wort. Julia, die Mutter der Kinder, hatte Sympathie für Heinrichs literarische Versuche, sie hatte einmal »fabelhaft« unter ein Manuskript des Vierzehnjährigen geschrieben.[38] Der Senator wird erwartet haben, dass sie dazu neigte, Heinrichs Schriftsteller-Laufbahn zu unterstützen. Aus den Zinsen des Vermögens stand den Brüdern eine kleine Rente zu, die es ihnen ermöglichte, sich auf den Schriftstellerberuf vorzubereiten.

Von seinen sehr frühen Schreibversuchen hat Thomas Mann gelegentlich erzählt, aber erhalten ist nichts davon. In den einleitenden Worten zu dem Vortrag Meine Zeit von 1950 spricht er von einer unbestimmten »Schuld, Verschuldung, Schuldigkeit«, die er dort als sein religiöses Empfinden anspricht, das sich auf seine Arbeiten als »Gutmachung, Reinigung und Rechtfertigung« auswirke und zwar so, dass jeder neue Versuch für »den vorigen und alle vorigen« aufkommen müsse, um deren »Unzulänglichkeiten« gutzumachen. Die religiös verstandene Schuldigkeit verlange eine hohe Qualität in seinen Werken. Für »Schuldbegleichung« könne er nur auf die »souveräne Macht« der »Gnade« hoffen. Diese Macht ist eine nicht definierte religiöse Instanz, denn er nennt keinen Gott, der Gnade gewähren könnte.[39]

In seinem Fragment über das Religiöse von 1931 spricht Thomas Mann von seinem Vater, der sich lange Gebete an seinem Sterbelager verbeten habe. Dort heißt es: »Was aber ist denn das Religiöse? Der Gedanke an den Tod.« Solche Gedanken sind im Sinn von Schopenhauers Essay Über den Tod und sein Verhältnis zur Unzerstörbarkeit unseres Wesens an sich[40] zu verstehen: als Befreiung am Ende des Lebens.[41] In einem ähnlichen Sinn war der Tod des Vaters ein Ende seiner Gewalt über seine Kinder und zugleich eine Befreiung für deren Lebensziele.

In den Dankesworten anlässlich der Verleihung der Ehrenbürgerwürde der Stadt Lübeck in seinem Todesjahr 1955 spricht Thomas Mann über seinen Vater und äußert den Wunsch, dieser hätte seinen Weg noch »etwas weiter verfolgen und sehen können, dass ich mich eben doch, gegen alles Erwarten, auf meine Art als sein Sohn, sein echter erweisen konnte«. Das war, wie er gleich hinzufügt, ein unerfüllbarer Wunsch. »Wie hätte ich Buddenbrooks schreiben können, während er noch da war? Undenkbar!« (GW XI, 535 f.). Die Befreiung vom Vater war eine Notwendigkeit für Thomas Manns Werk. Aber dessen gesellschaftlicher Rang wirkte auf den Willen des Sohnes, diesem Werk Qualität zu geben.

Die Brüder kommen sich näher:
Der Frühlingssturm!

Bald nach dem Tod des Vaters befiel Heinrich eine akute Tuberkulose. Er brauchte Sanatoriumsaufenthalte, während derer er sein Ziel, Schriftsteller zu werden, weiter verfolgte. An seinem Interesse für Hermann Bahr und Paul Bourget ließ er jetzt auch den Bruder teilnehmen. Im Mai und Juni 1893 kam er nach Lübeck, weil die Mutter der Brüder ihren Haushalt in Lübeck aufgab, um in München ein neues Leben zu beginnen. Heinrich musste sein Zimmer räumen, das seine Bibliothek und Manuskripte enthielt. Über diese Zeit schreibt er Ewers, er habe wenig an seinem Roman gearbeitet, stattdessen die Ferien mit seinem Bruder verbummelt.[42]

Heinrich wird des Bruders Schwärmerei für Mitschüler als Pubertätserscheinung abgetan und sich bemüht haben, des Bruders heterosexuelles Begehren zu stärken. Wie seinem Freund Ewers dürfte Heinrich damals dem Bruder den Weg zu einer Prostituierten gezeigt haben. In einem Brief an Ewers hatte Heinrich dem Freund eine Pension in Lübeck empfohlen, deren Bewohnerin ihm »die ersten normalen sinnlichen Seligkeiten verschaffte«. Das Haus, dessen Adresse er ungenau in Erinnerung hat, habe ein »blankmessingnes Stiegengeländer«.[43] Dass Heinrich auch seinem Bruder Thomas das gleiche Haus beschrieb oder 1893 zeigte, geht daraus hervor, dass das Haus durch ein blitzendes »Geländer aus Messing« erkennbar wird, sowohl in der Empfehlung für Ewers als auch im Doktor Faustus. Leverkühn erwähnt es, als er Zeitblom von seinem Besuch eines Bordells in Leipzig berichtet (10.I, 208).

Thomas wollte im Juli mit der Mutter nach München ziehen, er musste das zehnte Schuljahr, die Unterprima, wiederholen, um die Berechtigung zum einjährigen freiwilligen Dienst in der kaiserlichen Armee zu erhalten.[44] Eine Schülerzeitschrift, die er mit Schulfreunden schrieb und redigierte, sollte das negative Urteil seiner Lehrer über ihn widerlegen. Das Blatt erhielt den Titel Der Frühlingssturm!. Als Herausgeber zeichnete Paul Thomas; Paul war ein zweiter Vorname Thomas Manns. Die Monatsschrift für Kunst und Literatur (so der Untertitel des Doppelhefts) gilt als die erste deutsche Zeitschrift, die von Jugendlichen für Jugendliche produziert wurde.[45] Sie entstand wohl großenteils in der Zeit, die Heinrich in Lübeck zubrachte.

Das Programm, von Thomas Mann in einem Leitartikel formuliert, klingt jugendlich-kämpferisch, progressiv. Wie ein Frühlingssturm wollen die Autoren in »Gehirnverstaubtheit«, »Ignoranz« und »bornierte[s] aufgeblasene[s] Philistertum« hineinfahren (14.I, 18). Von dem verlorenen ersten Heft aus dem Mai 1893 sind Bruchstücke in der Form von Zitaten aus Arthur Eloessers Biographie Thomas Mann. Sein Leben und sein Werk (Berlin, S. Fischer, 1925) bekannt (14.II, 11 f.). Aus dem ersten Heft ist nur ein vollständiger Text erhalten, ein erzählendes Gedicht, Zweimaliger Abschied, das zu einigen biographischen Vermutungen Anlass gibt, auf die wir noch kommen werden. Zwei Gedichte Thomas Manns lassen seinen Pessimismus erkennen: Das eine, Nacht, will in einer freien Verssprache mit der Ankündigung des Morgenrots trösten (3.I, 133). Das andere, Dichters Tod, nimmt den Tod als endgültiges Ende (3.I, 134). Die Erinnerungen eines Mitschülers aus dem Jahr 1925 nennen eine Besprechung von Ibsens Drama Baumeister Solness und zitieren nur einen Satz daraus: Der Schüler Thomas Mann hat das »robuste Gewissen«, das Hilde Wangel, einer Figur in Ibsens Drama, eigentümlich ist, auf seine vernachlässigten Schul-Aufgaben bezogen (14.I, 19). Ibsens Drama war im Januar 1893 im Berliner Lessingtheater zum ersten Mal aufgeführt worden und im gleichen Jahr auf Deutsch erschienen (14.II, 18). Baumeister Solness kritisiert den rücksichtslosen Kapitalismus; das Stück weckt Zweifel am Fortschrittsgedanken und an Nietzsches humanistischem Glauben an eine Höherentwicklung des Menschen. Ibsen wirbt jedoch nicht für eine Rückkehr zur alten Metaphysik, wenn er den Individualismus der Moderne in Frage stellt, sondern will nur auf das Problematische der neuen Weltanschauung aufmerksam machen. Die neue Welt vertritt Hilde Wangel mit ihrem Glauben an Solness’ Größe, mit dem sie allerdings seinen Tod verursacht. Sie tritt dem Leser aber nicht als Mörderin, sondern als liebenswerte, junge, reizvolle Frau entgegen. Ein solches Spiel mit Wert-Ambivalenzen entsprach schon früh Thomas Manns modernem Wertepluralismus.

Das erhaltene Exemplar des Doppelheftes Der Frühlingssturm! für Juni und Juli 1893 enthält die Skizze Vision (2.I, 11–13), die Neuformung eines langen ungereimten Gedichtes Die Hand, das Heinrich 1892 in einer Sammlung Deutsche Lyrik von 1891 veröffentlicht hatte.[46] Eine Liebesgeschichte spricht sich in wechselnden Farben aus. Thomas Mann macht ein Prosagedicht aus den thematischen Anregungen in Heinrichs lyrischer Strophe. Farben, getroffen von den gespiegelten Strahlen der untergehenden Sonne, wecken eine vergangene unterdrückte erotische Leidenschaft als imaginierte Erinnerung eines erzählenden Ichs. Thomas Mann widmet seinen Text »Dem genialen Künstler Hermann Bahr«.

Wahrscheinlich gab es eine frühere Version von Vision unter dem Titel Farbenskizze, die Thomas der Lübecker Eisenbahnzeitung einreichte und mit einem witzigen Rat des Feuilleton-Redakteurs zurückerhielt: »Wenn sie öfters solche Einfälle haben, sollten Sie etwas dagegen tun«. Er hat die Anekdote in einer autobiographischen Vorlesung 1940 in Princeton (On Myself ) erzählt mit der Bemerkung, er sei, als er noch zur Schule ging, mit der Wiener Schule Hermann Bahrs »in Berührung« gewesen (GW XIII, 132 f.). Dass sein Bruder ihn auf Bahr brachte und dass er einen Text Heinrichs bearbeitete, erwähnt Thomas Mann nicht.

Dass Thomas Mann schon 1893 Grundzüge von Nietzsches Perspektivismus kannte, beweist sein Aufsatz Heinrich Heine, »der Gute« in Der Frühlingssturm! Der junge Thomas Mann will die Größe des geliebten Dichters Heinrich Heine für übermoralisch erklären, indem er Dr. Konrad Scipio angreift, dessen langer Artikel im März und April 1893 in der Feuilleton-Beilage des Berliner Tageblatts erschienen war. Scipio war kein Pseudonym, vielmehr der wirkliche Name eines liberalen Pastors aus Stettin, von dem Thomas Mann nur dessen Artikel kannte. Scipio hob Heines bürgerliche Seiten hervor, um ihn gegen antisemitische Angriffe zu verteidigen. Heine habe Luther positiv dargestellt und sei in einem allgemein religiösen, nicht strikt konfessionellen Sinn »durch und durch Protestant« gewesen. Er habe Deutschland kritisch geliebt, so dass ihm Patriotismus zugebilligt werden konnte. Zwar missbilligt Scipio Heines lockeres Leben; aber er habe es wenigstens nicht scheinheilig verborgen.[47] Der junge Thomas Mann weiß es besser: Der Dichter passt nicht in eindeutige Rollen. »Heine […] bewunderte Luther, trotzdem er kein Protestant war«, »Heine […] bewunderte Napoleon, trotzdem er ein geborener Deutscher war« (14.I, 22). Nietzsches perspektivisches Denken führt der Schüler in seiner Einleitung vor: Die Begriffe »gut« und »schlecht« seien lediglich »soziale Aushängeschilder«. »Ein absolutes ›gut‹ oder ›schlecht‹, ›wahr‹ oder ›unwahr‹, ›schön‹ oder ›hässlich‹« gebe es in der Theorie ebenso wenig, »wie es im Raum ein oben und unten gibt« (14.I, 21). Wenn der junge Thomas Mann »gut« und »schlecht« als Gegensätze nimmt, statt des üblichen »gut« und »böse« dann folgt er Nietzsches Zur Genealogie der Moral. Dessen »Erste Abhandlung« unterscheidet »Gut und Böse« und »Gut und Schlecht« (KSA 5, 257–289). Die richtige Perspektive auf Heine, meint der junge Thomas Mann, sei seine Größe als Dichter. Die perspektivische Wertung verzichtet auf einen allgemein gültigen Wertmaßstab. Heine ist weder moralisch gut, noch ist die Schönheit seiner Dichtungen der gültige Maßstab für seine Größe. Vielmehr bezieht sich das Urteil »groß« lediglich auf seine Dichtung.

Über das Thema der Religion Heinrich Heines hat sich Thomas Mann wahrscheinlich aus Georg Brandes’ Die Hauptströmungen der Literatur des neunzehnten Jahrhunderts (1872–1891) unterrichtet,[48] dessen sechster Band Das junge Deutschland 1891 erschienen war. Heinrich wird sein Exemplar nach Lübeck mitgebracht haben, und Thomas hat begierig darin gelesen. Über Heines Taufe fand er: »Er [Heine] wechselte die Religion, nicht aus Überzeugung von der Wahrheit des Christentums, im Gegenteil voll Abneigung gegen die Staatsreligion und voll Scham über den Schritt, den er unternahm; er wollte den Versuch machen, sich der demütigenden und drückenden Abhängigkeit von seinem Onkel zu entziehen und konnte unter keinen anderen Umständen Einnahmen, Lebensstellung oder ein Amt erlangen.«[49]

Ostern 1894 verließ Thomas Mann seine Heimatstadt mit dem Zeugnis der mittleren Reife so schnell er konnte.[50]

Tarnende Sprache: Zweimaliger Abschied

In einer redaktionellen Bemerkung zum zweiten, dem erhaltenen Heft von Der Frühlingssturm!, spricht Thomas Mann von einem »Vorrat« von Manuskripten, aus dem er geschöpft habe (14.I, 20). Zu diesen älteren Texten gehört Zweimaliger Abschied.[51] Das Gedicht war Thomas Mann wichtig. Nachdem es in Frühlingssturm! gedruckt worden war, erschien es im Oktober 1893 in der Zeitschrift Die Gesellschaft noch einmal. Der zweite Teil des Gedichtes scheint einen Abschied auf einem Bahnhof zu evozieren, auf den sich Thomas Mann in zwei erhaltenen Briefen von 1889 bezieht.

Der erste Teil des Gedichtes erzählt den abendlichen Spaziergang eines verliebten Paares an einem Strand. Beide sind überzeugt, dass eine Trennung bevorsteht: »Niemals wieder« werden sie ihr Glück zusammen erleben. Die Wiederholung von »niemals wieder« lässt den Abschied als zwingend notwendig erscheinen, ohne dass die Notwendigkeit begründet wird. Der Sprecher des zweiten Gedicht-Teils duzt die verabschiedete Person in seinen Gedanken: »[D]eine Eltern sah ich«, so spricht der Sprecher die Abreisende in seinen Gedanken an, benutzt aber die Sie-Form in der Öffentlichkeit: »leben Sie recht wohl«. Die Liebe musste verborgen bleiben. In zwei Briefen an Frieda Hartenstein vom Oktober 1889 und Januar 1890 schreibt der junge Thomas Mann von einem »rührenden« Abschied, was ironisch zu lesen ist. Auch der Abschied in einem Gedicht von Schiller soll ironisch verstanden werden (21, 22).[52]

Frieda Hartenstein war im Haus Mann angestellt gewesen, wahrscheinlich als Kinderfräulein für die jüngeren Schwestern. Sie wurde zufällig oder nicht zufällig ungefähr gleichzeitig mit Heinrichs Abreise nach Dresden im Oktober 1889 verabschiedet. Sie war damals 29 Jahre alt.[53] Es ist denkbar, dass Frieda Hartenstein in Heinrich Mann erotische Gefühle erweckt hatte, die auch den vierzehnjährigen Thomas interessierten, denn er versucht, mit seinen Briefen eine Beziehung wiederherzustellen. Obwohl es wenig beweiskräftig ist, wenn wir eine fiktive Aussage als biographische Quelle benutzen, ist es naheliegend, an eine Stelle in den Bekenntnissen des Hochstaplers Felix Krull zu denken. Dort lässt sich der junge Krull von Genovefa, dem dreißigjährigen Zimmermädchen des Elternhauses, in die Sexualität einführen. Diesen Vorgang bezeichnet der Erzähler als »gewöhnlich« (12.I, 60 f.), das heißt: häufig vorkommend in Großbürgerkreisen. Ist eine solche Begegnung der Grund einer heimlichen, verbotenen Liebe Heinrich Manns, der 1889 achtzehn Jahre alt war?

Hat auch der vierzehnjährige Bruder an der Heimlichkeit teilgenommen? Allerdings liebte Thomas Mann im Sommer 1889 nicht Frieda, sondern seinen Schulkameraden Armin Martens. Das »liebe Blondhaupt« in der ersten Strophe der Strandszene könnte Armin Martens gehört haben (3.I, 131). Er hatte blondes Haar[54] wie auch Hans Hansen in Tonio Kröger (2.I, 244). 1955 schrieb Thomas Mann über Armin Martens: »den habe ich geliebt – er war tatsächlich meine erste Liebe«. Im selben späten Brief an einen früheren Mitschüler erzählt er, er habe Armin seine Liebe gestanden, mit der dieser »nichts anzufangen wusste« (Briefe III, 387). Vermutlich ist nicht einmal eine Freundschaft entstanden, vielmehr liegt es nahe, dass Thomas Manns Geständnis, dass er Armin liebe, zu einer erschrockenen Distanz zwischen ihnen führte. Denn die Homosexualität war zu vermeiden, sie wurde als Krankheit angesehen, noch dazu war sie gesellschaftlich verpönt.[55] Wollte Thomas sich in das Liebesverhältnis seines Bruders einbringen? Stellt er sich zwei verschiedene Liebes-Einverständnisse während eines Abends am Strand vor, Heinrichs und seines? Ist der Strandspaziergang ein Wunschtraum beider Brüder? Auf den geliebten Armin Martens könnte deuten, dass der Partner des Strandspaziergangs in Zweimaliger Abschied keinen Namen und kein Geschlecht hat; auch weibliche Fürwörter sind vermieden. Zweimaliger Abschied kann als eine frühe Übung in tarnender Sprache gelesen werden.

Thomas Manns andere Jugendliebe zu Williram Timpe löste intime Gespräche mit dem ein Jahr jüngeren Freund Otto Grautoff aus. Gewarnt durch die Abweisung von Armin Martens, hat Thomas Mann Williram seine Liebe nicht gestanden. In Der Zauberberg erhält Williram den (rhythmisch ähnlich klingenden) Namen Pribislav Hippe. Von Williram hat Castorp als Schüler sich einmal, wie sein Autor Thomas Mann in der Wirklichkeit, während einer Pause auf dem Fliesenhof des Lübecker Katharineums einen Bleistift geliehen. Castorp verwandelt seine Liebe für Pribislav in die für Clawdia Chauchat, mit der er legitim, ohne das Vorurteil gegenüber der Homoerotik, eine Affäre haben kann. Die Werbung um Clawdia Chauchat in Der Zauberberg vereinigt die vergebliche Liebe zu Williram Timpe und die wirkliche zu Katia Pringsheim im Fiktiven, gibt der in der Wirklichkeit nicht gewagten Werbung um Williram Timpe eine fiktive Existenz. Es handelt sich nicht um bloße Tarnung der homoerotischen Liebe durch eine heterosexuelle, sondern der bisexuelle Autor führt beide zusammen, erkennt sie als echte Liebe an. Das versucht schon Zweimaliger Abschied.

Schopenhauer und Nietzsche

Schopenhauers Pessimismus kam den Brüdern entgegen, waren sie doch dem Kaufmannsberuf und seinem optimistisch sein wollenden Bedürfnis nach stetem Wachstum entflohen. Pessimistisch gestimmt sind Heinrichs frühe Gedichte und sein Roman In einer Familie. Dass er eine Zeit lang Schopenhauers Philosophie sehr wichtig nahm, zeigt sich darin, dass er sich die sechsbändige Reclam-Ausgabe von Schopenhauers Werken anschaffte.[56] Bruder Thomas konnte sie benutzen und machte sich 1894 erste Notizen daraus über Schopenhauers Ansicht zu dichterischem Wahnsinn bei Horaz und Wieland (Nb.I, 47).[57] Die notierten Zitate stammten aus dem Paragraphen 36 des ersten Bandes von Die Welt als Wille und Vorstellung,[58] in dem Schopenhauer über die Kunst schreibt, die er für eine »geniale Betrachtungsart« der Welt, »unabhängig vom Satze des Grundes«, hält. Wer ein künstlerisches Produkt betrachtet, will nicht seinen Willen darauf anwenden, nicht in das Bild eingreifen, es verändern. Schopenhauer hält die Kunst, »das Werk des Genius« für ein Mittel zur Erkenntnis des Wesentlichen der Welt, das in den platonischen Ideen enthalten ist. Genialität sei die »vollkommenste Objektivität«, die Fähigkeit, »sich rein anschauend zu verhalten«, die Erkenntnis dem Dienste des Willens zu entziehen; Interesse, Wollen, Zwecke ganz aus den Augen zu lassen, »um als rein erkennendes Subjekt, klares Weltauge übrigzubleiben«.[59]

Wenn Schopenhauer den »Genius« in der Kunstbetrachtung oder Kunstschöpfung als positiv gelenkten ›Willen‹ versteht, dann bestätigt das die literarische Tradition seit Gustave Flauberts Madame Bovary: das kalte Abstandnehmen des Erzählers von seinem Objekt. Das in der Natur Aufgefasste sei »durch überlegte Kunst zu wiederholen«, so Schopenhauer. Mit Bezug auf Goethe soll das Genie die schwankende Erscheinung befestigen, soll »überlegte« Kunst gestalten, nicht bloß das Wirkliche abbilden.[60] Der Genius stehe im Gegensatz zu dem »gewöhnlichen Erdensohn«, der in der Gegenwart ganz aufgeht und, weil er seinesgleichen überall findet, »Behaglichkeit im Alltagsleben hat, die dem Genius versagt ist«.[61] Einmal bezeichnet Schopenhauer den nicht-genialen, den gewöhnlichen Menschen als »Fabrikware der Natur«.[62] Schopenhauer gab dem Künstler ein Wertgefühl. Andererseits entschuldigt er geniale Menschen für ihren Mangel an mathematischer Fähigkeit und ihren Mangel an Vernunft überhaupt. Die Genialen könnten, so Schopenhauer, Schwächen haben, die zum Wahnsinn führen. In diesem Kontext kommen Schopenhauers Zitate aus Horaz und Wielands Oberon vor, die Thomas Mann sich notiert hat.[63] Einige Seiten weiter behandelt Schopenhauer in Paragraph 38 die Erlösung von der Qual des Wollens durch die Betrachtung des Schönen.[64] Dieser Text enthält die Stellen, die Nietzsche im sechsten Abschnitt der Abhandlung Was bedeuten asketische Ideale? in Zur Genealogie der Moral verspottete (KSA 5, 346–349). Schopenhauers Wertschätzung des Künstlers und Nietzsches Zweifel daran wirkten als Anregung für Der kleine Herr Friedemann. Friedemann versucht, den Willen zu verneinen, aber es gelingt ihm nicht, Erlösung von den Leiden der Willenswelt zu erlangen; der dilettantische Genuss von Kunst genügt nicht als Gegengewicht zu dem sexuellen Begehren.

Dass Heinrich den Bruder in Schopenhauer eingeführt hat, hat Thomas Mann verheimlicht. Die Geschichte, die er in den Betrachtungen eines Unpolitischen von seiner ersten Lektüre Schopenhauers erzählt (13.I, 79), kann allenfalls seine erste Lektüre von Schopenhauers Essay Über den Tod und sein Verhältnis zur Unzerstörbarkeit unsers Wesens an sich gewesen sein. Diesen Text verwendete er in seinem Roman; er tröstet Thomas Buddenbrook. Auch die Geschichte des »Okkasionskauf[s] beim Buchhändler« in Lebensabriss von 1930, die er dort auf Thomas Buddenbrook und auf sich selbst bezieht (Essays III, 190), kann nicht stimmen: Es war nicht die Brockhaus-Ausgabe, die er während des Schreibens von Buddenbrooks 1899 las, denn diese ist von 1922 und in Thomas Manns Nachlassbibliothek erhalten. Sie ist nicht broschiert und kann nicht – wie die Reclam-Ausgabe – unaufgeschnitten gewesen sein.[65] Er hat sich seine erste Schopenhauer-Ausgabe nach 1898 angeschafft, nachdem er Rom, Bruder Heinrich und dessen Schopenhauer-Ausgabe verlassen hatte. 1954 berichtet er, wie er in seinem Münchener Zimmer, wo er Buddenbrooks schrieb, wohl 1898, die sechs Bände der Reclam Ausgabe tagelang aufgeschnitten habe (GW X, 935). Schopenhauers Lehre von der Kunst, die einem hilft, dem destruktiven Willen, dem Übel in der Welt, zu entgehen, kannte Thomas Mann vielmehr schon seit 1893 und 1894, als er mit Heinrich im Austausch war und dessen Ausgabe benutzte.

Die Welt-Skepsis Schopenhauers und die Idee der zwecklosen, freien Kunst als Erlösung von den Verstrickungen der Welt hat lange auf Thomas Mann und auf sein Schreiben gewirkt. In Betrachtungen eines Unpolitischen nennt er ›Erotik‹ das tiefste Wesen der Metaphysik Schopenhauers (13.I, 79), weil er als Philosoph den ›Willen‹ als den Weltgrund erkennen wollte, als Kants ›Ding an sich‹. Dieser Weltgrund sollte aber nicht fassbar und nicht als Objekt begreiflich, und doch im Bewusstsein der Menschen spürbar sein – vor allem in der Erotik, der geschlechtlichen Begierde.

Auch das Interesse für Nietzsches Philosophie teilte Heinrich mit dem Bruder. Thomas’ Essay Heinrich Heine, der »Gute« in Der Frühlingssturm! zeugt schon 1893 von einer ersten Kenntnis Nietzsches zu der Zeit in Lübeck, als Thomas engen Kontakt zu Heinrich pflegte. 1894 notiert sich Thomas Mann in einem Notizbuch Passagen aus Nietzsches Jenseits von Gut und Böse (Nb.I, 33 f., 36 f.). Um die Jahreswende 1894 /95 merkt er sich zur Anschaffung vor: Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik, Unzeitgemäße Betrachtungen, Menschliches, Allzumenschliches, Morgenröthe und Fröhliche Wissenschaft (Nb.I, 50). Der Band 8 der Großoktavausgabe von Nietzsches Werken in Thomas Manns Nachlassbibliothek hat den Besitzervermerk »Thomas Mann 1895« und enthält Der Fall Wagner, Götzendämmerung, Nietzsche contra Wagner, Der Antichrist und sämtliche Gedichte. 1896 legt der junge Thomas Mann Morgenröthe und Die fröhliche Wissenschaft dazu. Der Band 7, mit Jenseits von Gut und Böse und Zur Genealogie der Moral erschien erst 1899, aber Heinrich Heine, der »Gute« und ein ungenaues Zitat in einem Brief an Otto Grautoff vom 17. Februar 1896 (21,72; vgl. KSA 5, 352) beweisen, dass er wenigstens Teile von Zur Genealogie der Moral schon vorher kannte, vermutlich aus Heinrichs Bibliothek. Ein minimales Zitat aus Also sprach Zarathustra findet sich in Notizbuch I: »Wohlan! Noch einmal« (Nb.I, 51; KSA 6, 199). Das notierte er sich vielleicht als Gegengewicht zu Schopenhauers Pessimismus. Wenn man die beschränkten Geldverhältnisse Thomas Manns in den 90er-Jahren bedenkt, dann sind die Anschaffungen vieler Bände der Großausgabe von Nietzsches Werken nur dadurch zu erklären, dass er schon zu dieser Zeit ein intensives Nietzsche-Studium betrieb.

1905 schrieb Thomas Mann von einer »Schule von Geistern, die Nietzsche in Europa geschaffen hat«. Diese Schule identifiziere den »Begriff des Künstlers mit dem des Erkennenden« (14.I, 86). Diese Aussage beschreibt wohl eher Thomas Manns Rezeption Nietzsches und Schopenhauers als eine »Schule«. Die Moralkritik Nietzsches war in einer lebendigen, gewählten und trotzdem eingängigen Sprache verfasst und ließ das traditionelle Weltbild als Gottes Schöpfung und Ordnung hinter sich. Eine neue Ordnung aller Werte war gefragt. Wie aber konnte diese Ordnung gelehrt werden, wenn das moderne Denken keine absolut gültige Metaphysik als Grundlage des Denkens und Wissens gelten ließ? Nietzsche lieferte die Antwort: Der freie, überlegene Geist denkt kreativ, ist nicht in ein System gebunden, muss nicht konsistent sein: »Du solltest Gewalt über dein Für und Wider bekommen und es verstehen lernen, sie aus- und wieder einzuhängen, je nach deinem höheren Zwecke. Du solltest das Perspektivische in jeder Wertschätzung begreifen lernen« (KSA 2, 20; aus der späten Vorrede zu Menschliches, Allzumenschliches von 1886) »Für« und »Wider« sind Gegensätze, die der Denker »aushängen« oder »einhängen« kann, auf eine allgemein gültige Metaphysik verzichtend. Solche Gedanken mussten einem jungen Mann, der nach einer Orientierung sucht, imponieren.

Die Darstellung der Wirkung Nietzsches auf Thomas Mann in Lebensabriss von 1930 ist gefärbt von einer Nietzsche-Skepsis, die sein Widerstand gegen den aufkommenden Nationalsozialismus nötig gemacht hatte. Eine solche Nietzsche-Skepsis deutet sich schon in seinem Widerstand gegen Heinrichs Roman Die Göttinnen oder die drei Romane der Herzogin von Assy (1902) an, deren Protagonistin Nietzsches starkes Leben zum Vorbild nimmt. Von Anfang an bezog Thomas Mann Nietzsches »Pathos der Distanz« auf den modernen Künstler, der die Gewöhnlichen überragte, die an überkommenen Konventionen festhielten. Als Schlagwort stellt Thomas Mann »Pathos der Distanz« schon in der Erzählung Der Wille zum Glück (1896) ein.

Richard Wagner

Thomas Manns Wagner-Liebe begann in seiner Lübecker Jugendzeit (GW XI, 418 f.).[66] Das Stadttheater inszenierte Lohengrin jedes Jahr in der Zeit von 1889 bis 1894, Tannhäuser jedes Jahr seit 1890, 1893 auch Die Meistersinger von Nürnberg. Emil Gerhäuser sang als Gast in der Spielzeit 1893–1894, Thomas Manns letztem Jahr in Lübeck, in Lohengrin und Tannhäuser.[67] Auf »die gewaltigen Wagner-Gerhäuser-Abende« blickt Thomas Mann in der Besprechung einer Operette im Frühlingssturm! zurück (14.I, 24).

In Rom erlebte er 1897, wie der Kapellmeister Vessella Wagners Musik gegen opponierende Liebhaber italienischer Musik durchsetzte. Eine nicht erhaltene Notiz von diesem Ereignis ist in die Betrachtungen eines Unpolitischen eingegangen (13.I, 88–90). In Buddenbrooks leitet die Erinnerung an einen Besuch der Oper Lohengrin Hannos schlimme Erfahrungen in der Schule ein. Buddenbrooks enthält die bedenkenswerte Wagner-Kritik des Organisten Pfühl. Sehr früh, wahrscheinlich schon in Lübeck, las Thomas Mann Nietzsches geistreiche satirische Schrift Der Fall Wagner mit Zustimmung und Genuss. Er kritisiert Wagner als Person, aber bewundert seine Größe als Komponist und liebt seine Musik. Öffentlich wird seine Kritik Wagners als wesentlicher Bestandteil des bürgerlichen Theaters mit dem Versuch über das Theater (1907).

Thomas Manns übernimmt in seiner Prosa oft Wagners epischen Aufbau seiner Musikdramen aus Motiven, die durch Wiederholungen den musikalischen Zusammenhalt des Werkes bekräftigen (so genannte »Leitmotive«). Manns Prosa kann wie eine Partitur gelesen werden, die auch komische Anspielungen enthält. Die Handlung von Buddenbrooks kann man als Parodie von Der Ring des Nibelungen lesen: Wie Wagners Ring beginnt der Roman mit einer Hauseinweihung und einer Geldforderung. In Manns Novelle Tristan übernimmt ein Schriftsteller, mehr komisch als tragisch, die Rolle von Wagners Tristan in Tristan und Isolde, was nicht hinderte, dass die Handlung der Novelle Isolde / Gabriele liebend in ihren Tod treibt. Eine Zeit lang versäumte der junge Thomas Mann in München keine Aufführung von Tristan und Isolde (21, 121).

Sexualpsychologie

Von Bruder Heinrich wissen wir, dass er 1891 Richard von Krafft-Ebings Psychopathia sexualis gelesen hat.[68] Wahrscheinlich las er das Buch mit Gedanken an den jüngeren Bruder und empfahl es ihm zwei Jahre später, vermutlich 1893, als er längere Zeit mit Thomas in Lübeck zusammen war. Dieser erwähnt die Lektüre Krafft-Ebings in einem Brief an Otto Grautoff vom 10. Juli 1896.[69] Er habe das Buch in der Zeit seiner »völlige[n] körperlichen Entwicklung« gelesen. Das war wohl das Frühjahr 1893, als Mann achtzehn Jahre alt wurde und vertrauten Umgang mit Heinrich hatte. An Grautoff schreibt er, dass ihm durch die Lektüre von Krafft-Ebing und dem Psychiater Albert Moll bewusst geworden sei, was der »W.-Roman« bedeutet habe. Er meint seine verdrängte Liebe zu seinem Mitschüler Willri Timpe. »Hässliche[ ] Tragikomödien« hätten sich in ihm nach dem Bewusstwerden von Krafft-Ebing und Moll abgespielt. Deren Sexualpathologie brachte ihn zu der Einsicht, dass sein homoerotisches Verlangen keine vorübergehende Entwicklungsstörung war, sondern, dass er anders fühlte als die Mehrheit der Männer.

Obwohl für Ärzte und Juristen bestimmt, die sich mit sexuellen Anomalien befassten, wurde Krafft-Ebings Werk als Aufklärungsbuch gelesen. Krafft-Ebing nennt die Homosexualität »conträre Sexualempfindung« und behandelt sie in allen Auflagen, ausgenommen der letzten von 1902, als Krankheit. Er hatte, was in Wahrheit nur soziale Vorurteile seiner Zeit waren, zu physiologischen Bedingungen erklärt, darunter die sexuelle Passivität der Frau,[70] oder, dass »eine sozialen sittlichen Interessen dienende sexuelle Stellung des Weibes nur als Ehefrau denkbar« sei.[71] Zugutezuhalten ist ihm jedoch, dass er – der herrschenden Meinung entgegen – dafür eintrat, dass Homosexualität angeboren sei und darum nicht strafbar sein dürfe. Allerdings verstand er die Sexualität als nur der Fortpflanzung dienend und bestand darum lange darauf, auch die angeborene Homosexualität als eine krankhafte Anomalie anzusehen. Erst in der 12. Auflage, die nach seinem Tod 1902 erschien, hörte Krafft-Ebing auf, die Homosexualität als Krankheit zu erklären. Er hielt »erworbene« Homosexualität für möglich und für heilbar, wenn der Patient nicht entschieden gegen weibliche Sexualität abgeneigt war.

Großen psychischen Schaden muss unter Homosexuellen damals eine Überzeugung Krafft-Ebings angerichtet haben, die er mit der damaligen Medizin teilte: Masturbation könne »Neurasthenie« zur Folge haben, und diese könne Homosexualität hervorrufen.[72] Das musste bei jungen Männern mit homosexuellen Trieben Schuldgefühle erwecken und Selbstverachtung zur Folge haben.[73] Durch Einfluss von Homosexuellen erworbene Homosexualität hielt Krafft-Ebing für behandelbar. Er empfiehlt Willensakte, Verhaltenstherapie und, mit zögernder Vorsicht, suggestive Hypnose, als Mittel, den »conträren« Trieb zurückzudrängen. Folgen der Krafft-Ebing-Lektüre und des allgemein herrschenden Mangels an Wissen über die menschliche Geschlechtlichkeit zeichnen sich in den viel späteren Tagebüchern Thomas Manns ab. Dort verzeichnet Thomas Mann »Pollutionen« und auto-erotische Handlungen mit Ärger und Selbstkritik, vermutlich aus Angst vor den von Krafft-Ebing behaupteten Folgen.[74]

Krafft-Ebing zitiert und erwähnt mehrfach das Buch von Albert Moll, Die conträre Sexualempfindung (1891),[75] das er mit einem Vorwort versehen hatte und das mehrere Auflagen erlebte. Moll behandelte Probleme der Psychiatrie in Die Zukunft,[76] einige seiner Artikel in dieser Zeitschrift handelten von Forschungen zur Hypnose,[77] über die er auch Bücher veröffentlichte. Die verschiedenen Phänomene der »conträren Sexualempfindung«, auch die psychischen, beschreibt er sachlich. Verweiblichung komme vor, sei aber nicht die Regel. Moll hält Homosexualität in den allermeisten Fällen für angeboren, wenn er sie auch, wie Krafft-Ebing, für eine krankhafte Perversion erklärt. Homosexualität entstehe aus einer Degeneration des Nervensystems.[78] Er sagt aber auch, Homosexuelle seien keine »entnervte Gruppe«, es gebe kräftige und gesund aussehende Menschen unter ihnen,[79] Homosexualität komme häufiger in der »besseren Gesellschaftsklasse« vor, weil es dort mehr nervöse Veranlagung gebe.[80] Moll schreibt auch, dass es Homosexuelle gebe, deren Liebe sich nur psychisch äußere.[81] Er argumentiert gegen die üblichen Vorurteile, tritt dafür ein, »widernatürliche Unzucht« nicht mehr zu bestrafen und führt berühmte Männer an, die wahrscheinlich homosexuell waren: Michelangelo, Shakespeare, Winckelmann, Prinz Heinrich von Preußen, Platen und Ludwig II. von Bayern. Moll bestreitet die Gerüchte über die Homosexualität Friedrichs II. von Preußen. Obwohl er eine Therapie für wenig aussichtsreich hält, will er ihre Möglichkeit nicht ganz ausschließen. Für relativ erfolgversprechend hält er sie im Fall der Bisexualität, die er »Hermaphrodisie« nennt.[82]

In München behandelte Dr. Albert Freiherr von Schrenck-Notzing Homosexuelle, geleitet von der Annahme, dass die Homosexualität eine krankhafte Störung sei, die in der frühen Jugend eine Ursache habe und durch Hypnose zu heilen sei. Schrenck-Notzing verfasste die Monographie Die Suggestions-Therapie bei krankhaften Erscheinungen des Geschlechtssinnes. Mit besonderer Berücksichtigung der conträren Sexualempfindung (1892). Er hatte schon 1888 einen Homosexuellen durch Hypnose dahin gebracht, dass er in einem Bordell einen normalen Coitus vollzog.[83] Vermutlich war der Geheilte bisexuell. Seitdem behandelte Schrenck-Notzing Homosexuelle in seiner Münchener Praxis und beschrieb Erfolge in einem Buch.[84] Durch Experimente mit Hypnosen, die in metaphysische und parapsychologische Bereiche vordringen wollten, machte er von sich reden. Thomas Mann muss von ihm gewusst haben. Er notierte sich seine Adresse erst nach Januar 1899 in Notizbuch 3 (Nb.I, 167).[85] In den zwanziger Jahren nahm er an Schrenck-Notzings Experimenten teil. Thomas Manns Pläne zu einem Berlin-Aufenthalt im August 1895 könnten eine mögliche Konsultation Albert Molls vorgesehen haben. Die erhaltenen Briefe an Otto Grautoff lassen allerdings eher den Schluss zu, dass Thomas Mann sich entschieden hatte, mit seiner Bisexualität zu leben. Er fuhr damals nicht nach Berlin.

Die Briefe an Otto Grautoff I

Eine allzumenschliche Seite des angehenden Schriftstellers Thomas Mann lernen wir kennen in seinen Briefen an den Lübecker Schulfreund Otto Grautoff. Im Lebensabriss von 1930 charakterisierte Thomas Mann die Beziehung zu diesem Freund, auf die Schulzeit zurückblickend, so:

Fast während der ganzen Dauer dieser stockenden und unerfreulichen Laufbahn verband mich mit dem Sohn eines fallierten und verstorbenen Buchhändlers eine Freundschaft, die sich in phantastischem und galgenhumoristischem Spott und Hohn über »das Ganze«, namentlich aber über die »Anstalt« und ihre Beamten bewährte.[86]

Die Freundschaft hielt mehr als zehn Jahre über die Schulzeit hinaus und manifestierte sich in Form eines Briefwechsels, von dem nur Thomas Manns Handschriften erhalten sind; sie beginnen im September 1894. Es ist nicht der gesamte Briefwechsel erhalten, einige der Briefe liegen nur zerrissen oder in miserablem Zustand vor.[87] Was erhalten ist, ist unentbehrlich für unser Verständnis von Thomas Mann.

Grautoff war ein Jahr jünger als sein Freund und lange sein Mitschüler. Er kam aus einer gut-bürgerlichen, aber verarmten Familie. Ein Großvater war Bibliotheksdirektor. Grautoff wollte Schriftsteller werden; seine Familie besorgte ihm eine Lehrstelle in einer Buchhandlung in Brandenburg an der Havel. Grautoff hatte im April 1894 diese Lehre begonnen und litt unter seiner eingeschränkten Existenz als armer Lehrling im provinziellen Brandenburg. Thomas Mann dagegen war seine Lehre losgeworden, hatte die Erzählung Gefallen geschrieben, die im November veröffentlicht werden sollte und erfreute sich seiner Freiheit.

Obwohl Thomas Mann während des letzten Schuljahres die Freundschaft eines Grafen Vitzthum und einiger anderer Mitschüler vorgezogen und die mit Grautoff vernachlässigt hatte (21, 49), hielt dieser an der Beziehung fest und suchte Rat und Hilfe von Thomas Mann. Auch er wollte schreiben, wollte die Lehre in Brandenburg aufgeben, nach Berlin ziehen und sich dort durch freie Mitarbeit in Zeitungsredaktionen über Wasser halten. In seinem ersten erhaltenen Brief vom September 1894 rechnete Thomas Mann dem Freund realistisch vor, dass er in Berlin mit den geringen Mitteln, die er von seiner Familie bekam, nicht seinen Lebensunterhalt bestreiten könne. Im folgenden Brief vom 22. September spottet er über eine andere Idee Grautoffs, der ihm verkündet hatte, zur Bühne gehen zu wollen. Als »Antrittsrolle« empfiehlt Thomas Mann dem Freund, zwischen Romeo und Julia zu wählen. Nach einer nicht mehr leserlichen, bewusst getilgten Passage heißt es weiter: »und würdest durch wahres Empfinden eine unsägliche Wirkung erzielen, etwa bei den Worten: ›Komm, Nacht … […]‹«. Thomas Mann zitiert aus der deutschen Übersetzung des Monologs der Julia, in Shakespeares Romeo und Julia, dritter Akt, zweite Szene, in der Julia ihr Liebesverlangen ausspricht. Julia sehe nichts als Unschuld in inniger Liebe Tun. Diese Worte unterstreicht Thomas Mann und fügt hinzu: »Verzeih, wenn ich neckisch wurde« (21, 29). Wer den Text des Briefes verstümmelt hat, wollte etwas Peinliches verbergen. Das »Tun in inniger Liebe« im Monolog der Julia ist der Vollzug ihrer heimlichen Ehe. Vermutlich hat Grautoff während der Gespräche in Lübeck über beider homoerotische Sehnsüchte oder in einem seiner Briefe erklärt, dass er seinen Freund Thomas liebe. Ein solches Geständnis würde Thomas’ Gefühl der Überlegenheit gegenüber Grautoff erklären. Auf Thomas Manns Spott muss Grautoff empfindlich und zornig reagiert haben. Thomas schreibt im nächsten Brief, er habe von seinem Freund »wuchtige Schläge« erhalten, dabei habe er nur »Spott und Ulk« ausdrücken wollen (TM / OG, 9). Die Freunde nannten eine satirisch übertreibende Sprache, die es mit der Wahrheit nicht allzu genau nahm, »gippern« (21, 28).

Bald lenkt Thomas Mann ein und gesteht auch seine Liebe im Brief vom 5. März 1895. Er sehe es nicht als unangenehm an, was Grautoff über ihr Verhältnis geschrieben habe. Oft sehne er sich jetzt, entfernt in München, »nach unseren merkwürdigen Zusammenkünften« und »warum soll ich es nicht sagen – nach dir«. Er habe viele Freunde in München, »aber wirklich befreundet, wirklich intim bin ich doch nur mit einem gewesen, und das warst du«. Er will aber auch Diskretion: Er hätte Grautoff in letzter Zeit viel mitzuteilen gehabt, aber schriftlich ginge das nicht (21, 42). Ein folgender Brief ergänzt: »Wir waren schamlos voreinander, in einem intellektuellen Sinn, und wir verständigten uns über die heikelsten Intimitäten«, in einer Weise, die »kein anderer verstanden hätte« (21, 50).

Das ist so zu deuten: Während der Schulzeit in Lübeck trafen die Freunde sich in einem Restaurant und sprachen in intimen Andeutungen über ihre erotischen Gefühle, die sie vor der Familie verleugnen oder verbergen mussten. Das Gespräch mit dem intimen Freund konnte den Druck, der die Freunde zur Heimlichkeit gezwungen hatte, mindern, und diese Erleichterung fehlt dem Briefschreiber jetzt. Seine Beziehung zu Grautoff ist erotischer Natur, aber gestört durch einen immer wieder auftretenden Drang, Grautoff herabzusetzen,[88] vielleicht weil er einen Ausgleich brauchte für sein Gefühl der Unterlegenheit gegenüber seinem Bruder Heinrich. Grautoff scheint auf Thomas’ Bekenntnis skeptisch reagiert zu haben, was Thomas Mann ausgleichen will, indem er zugibt, in Lübeck seine Freundschaft mit Grautoff vernachlässigt zu haben.

Im Brief vom 5. März 1895 antwortet Thomas Mann auf Gedanken über die Liebe, die Grautoff in seinen Briefen geäußert hatte. Grautoff brauche den Unterleib nicht ganz und gar zu verachten, denn er enthalte viel »Poesie«, wenn man ihn mit »Gemüt und Stimmung« umwickele: »du darfst es aber gern; ich thu’s nämlich auch«. Denn auch Thomas Mann habe sich zum Asketen entwickelt und schwärme in seinen schönsten Stunden »für reine ästhetische Sinnlichkeit, für die Sinnlichkeit des Geistes, für den Geist, die Seele, das Gemüt überhaupt« (21, 42). Liebe könne in »Poesie« ausgedrückt werden, das körperliche Verlangen lasse sich kreativ verwandeln.

Im selben Brief tadelt Thomas Mann seinen Freund, weil der einen Artikel des Schriftstellers Friedrich Spielhagen in der Zeitschrift Die Zukunft missverstanden habe. Spielhagen hatte einen satirischen Aufsatz zu der Diskussion der ›Umsturzvorlage‹ beigetragen, dem misslungenen Versuch der preußischen Regierung, die Meinungsfreiheit einzuschränken. Spielhagen stellte mit Sarkasmus dar, wie dieses Gesetz eine reaktionäre Literatur erzeugen würde. Grautoff hatte den Sarkasmus ernst genommen und glaubte, Spielhagen treibe konservative Propaganda. Thomas Mann erklärt Grautoff, die ›Umsturzvorlage‹ sei ihm gleichgültig, er werde nicht in die Versuchung kommen, Umsturz zu erregen: »meine Muse ist keine reisige Maid, die zürnend dreinschlägt, sondern ein liebliches Mägdlein, das Kränze windet und leise singt. Aber, weil ich nicht nur meine Kunst, sondern die Kunst überhaupt liebe, muss ich die Vorlage allerdings ebenfalls verurteilen« (21, 44). Der Reichstag lehnte die ›Umsturzvorlage‹ ab.

Ein bemerkenswert positives Urteil über Bruder Heinrichs Erzählkunst findet sich in einem Brief vom 16.-17. Mai 1895, vor der ersten Romreise geschrieben. Grautoff hatte Erzählungen Heinrichs negativ bewertet. Ein solches Urteil sei »verdammt einfältig«, er verstehe Heinrichs »feine[ ] und reserviert vornehme[ ] Sprache« nicht, nicht seine »eminente[ ] Psychologie« (21, 56). In diesem Brief findet er immer neue Lobsprüche für Heinrichs Erzählungen. Das »Schönste, das Großartigste, das Wunderbarste«, was Heinrich bisher geschrieben habe, sei seine Novelle Das Wunderbare (21, 57), die in einem Novellenband erscheinen werde.

Die Freunde schicken sich literarische Versuche zu und beurteilen sie. Thomas Manns Urteile sind meist negativ, hart und direkt. Nach einer solchen negativen Beurteilung von Gedichten Grautoffs, findet sein Freund, dass Grautoff Prosa besser schreibe als Lyrik, fügt dem zweifelhaften Lob jedoch hinzu: »Aber kritisch scheinst du wenig begabt zu sein«. Grautoff hatte Hermann Sudermanns Drama Heimat gelobt und dessen Komödie Die Schmetterlingsschlacht getadelt. Es verhalte sich umgekehrt, weiß Thomas Mann: »in der Heimat war Sudermann ein vor dem Geschmack der misera plebs kriechender Kompromissler ohne jedes künstlerische Gewissen, – und hatte Erfolg; in der ›Schmetterlingsschlacht‹ versuchte er es, ein Dichter zu sein und – ward ausgejohlt« (21, 34). Diese Urteile über Sudermanns Dramen hatte Thomas Mann gerade in Maximilian Hardens Zeitschrift Die Zukunft gelesen.[89]

Ohne die Sorge, den Neid des einsamen Freundes zu erwecken, führt Thomas Mann Grautoff seinen Erfolg mit Gefallen vor. Den lobenden Brief, den er von Richard Dehmel darüber erhalten hatte, schreibt er Wort für Wort ab (21, 37 f.). Von seinem Studium erzählt er ohne viel Rücksicht auf Grautoff, der nur aus Geldmangel ein Gasthörer-Studium in Berlin nicht aufgenommen hat. Thomas Mann ist Mitglied einer Münchener Studentenvereinigung geworden, dem Akademisch-Dramatischen Verein. Jedes Semester führte der Verein ein Stück öffentlich auf. Für das Wintersemester ist, angeregt von Thomas Mann, Ibsens Die Wildente vorgesehen. Er selbst hat die Rolle des Großhändlers Werle übernommen (21, 43). In einem Brief vom 27. Februar 1896[90] meldet Thomas Mann, er habe die Novelle Im Frühling aufzuhören geschrieben; sie ist leider verloren. Auf Grautoffs abfällige Kritik eines »Manuskriptchens« von Thomas Mann reagiert dieser positiv im Brief vom 29. März 1896 und lässt seinen Freund diesmal gelten, gibt ihm das Recht, ihn zu kritisieren, freut sich sogar, dass Grautoff »auch verurteilen« kann.

In seinen Briefen stellt Thomas Mann mehrfach in Aussicht, dass er daran denke, sich für einige Zeit in Berlin niederzulassen. In Berlin könnten die Freunde sich zu Gesprächen treffen. Grautoff wünscht eine solche Zusammenkunft sehr (21, 59), in einem Brief vom 18. Juni 1895 begründet Thomas Mann, warum er nicht reisen kann: Es gebe in München ein Mädchen, das noch immer nicht genug Rosen von ihm bekommen habe. Diesem Mädchen galt wohl das Gedicht, das in der Januar-Ausgabe 1895 der Zeitschrift Die Gesellschaft erschien:

Siehst du, Kind, ich liebe dich,

Da ist nichts zu machen;

Wollen halt ein Weilchen noch

Beide drüber lachen.

Aber einmal, unverhofft,

Kommen ernste Sachen, –

Siehst du, Kind, ich liebe dich,

Da ist nichts zu machen! (3.I, 135)

Das angeredete »Kind« ist wahrscheinlich Ina Bruhn, die fünfzehnjährige Tochter des Direktors der Versicherung, in der Thomas Mann einige Monate Lehrling war.[91] Im Brief an Grautoff teilt er sich die Rolle des Brackenburg zu, des aussichtslosen Liebhabers in Goethes Egmont, und nennt sich selbst einen »entartete[n] Schwächling« (21,60), im Kontrast zu der Rolle des überlegenen Freundes, die er Grautoff gegenüber annahm.

Im nächsten Brief vom 30. Juni [1895][92] bekennt Thomas Mann, er sei »gründlich verliebt«. Sein Kopf sei voll von »merkwürdigen und aufregenden Gedanken«, er müsse sich über seine »Psychologie in eroticis wieder einmal ›klar‹ […] werden«. Das »wieder einmal«, an Grautoff gerichtet, bezieht sich auf die Lübecker Gespräche mit dem Freund über homoerotische Liebe. Die jetzt geltende heterosexuelle Liebe hat den gleichen Rang wie die vergangenen homoerotischen. »Liebe ist bei mir gänzlich verrotteten Wesen immer bloß ein ganz künstlicher Rausch, – aber ein Rausch immerhin, der so stark ist, das[s] er mich zu den sonderbarsten und frechsten Schritten zu treiben vermag, wie ich sie in diesen Tagen einer nach dem anderen tue.« Solch freche Schritte waren die Besuche bei Ina Bruhn und vielleicht auch das Gedicht in Die Gesellschaft. Der Brief soll Grautoff wissen lassen, dass sein Freund heterosexuelle Gefühle hat, dass er sich nicht seiner homoerotischen Gefühle schämt, nicht an ihnen leidet.

In diesem Brief vom 30. Juni [1895], in dem er von seiner Verliebtheit schreibt, reagierte er auch auf einen Bericht Grautoffs über dessen Arztbesuch bei einem Assistenten des Berliner Psychiaters Albert Moll. Thomas Mann wisse immer noch nicht »das intim Persönliche« von Grautoffs Krankheit, und er bittet ihn, ihm seinen Fall »deutlich und offenherzig« darzulegen. Aus späteren Briefen geht hervor, dass Grautoff seine Homoerotik behandeln lassen wollte. Thomas Mann möchte alles wissen über die Art und Weise, wie der Arzt das »intim Persönliche deines Falles« beurteile und behandle. Thomas Mann würde alles »verstehen«, was Grautoff ihm schreibe, um nicht zu sagen: »kennen«, denn er selbst sei »wackelig«. Hier nimmt Thomas Mann etwas von seiner selbstsicheren Überlegenheit zurück, die er in anderen Briefen Grautoff vorgespielt hatte. Sein Arzt hatte Grautoff eine Medizin verschrieben, vielleicht gegen Neurasthenie. Thomas Mann möchte, dass Grautoff ihm das Rezept schickt. Er erwähnt in dem Brief seine Lektüre von Molls Buch Conträre Sexualempfindung, über das er urteilt: »Es strotzt von Humanität«.

Die Berlin-Reisepläne störte Bruder Heinrich mit einem nicht überlieferten Brief, der am 10. Juli 1895 in München ankam und Bruder Thomas nach Rom rief (21, 61). Auf einer Postkarte aus Rom vom 5. Oktober 1895 erklärt Thomas Mann sich von Rom begeistert (TM / OG, 60). Die Abneigung, die Jahre später Tonio Kröger in der gleichnamigen Erzählung äußert (2.I, 281 f.), gehört zur Figur und dient dort der Polemik gegen Heinrichs Roman-Trilogie Die Göttinnen. Den Sommer 1895 verbrachten die Brüder in Palestrina. Heinrich schrieb für Das Zwanzigste Jahrhundert, Thomas nahm teil und revidierte seine ungedruckten Erzählungen.

Selbstbildung

Ende 1895 beantwortete Thomas Mann einen Vordruck mit Fragen nach seiner Bildung, worum Ilse Martens, eine Freundin der Familie, ihn gebeten hatte. Im Jahr 1895 stand Thomas Mann noch am Anfang seiner Selbstbildung. Auf die Frage nach seinen Lieblingsschriftstellern nannte er »Heine, Goethe, Bourget, Nietzsche, Renan«. Seine »Lieblingscharaktere in der Poesie« seien »Hamlet, Tristan, Faust und Mephisto, Parsifal«. In dem Interesse an Bourget ist der Einfluss des Bruders Heinrich noch spürbar. Das gleiche gilt für Renans Das Leben Jesu. Allerdings wurde Renan damals allgemein diskutiert, auch Nietzsche beschäftigte sich mit ihm. Thomas Manns lebenslanges Interesse für Shakespeares Hamlet schlägt sich hier, schon Ende 1895, nieder. Dramen Friedrich Schillers hatte er schon in der Schule gelesen. Goethes Dichtung und Wahrheit, woraus er oft zitiert, dürfte er auch bereits während der Schulzeit gelesen haben.

Auf die Frage: »Lieblingshelden in der Geschichte« ist »Christus« die Antwort. Thomas Mann hatte sich 1895 Nietzsches Der Antichrist angeschafft. Darin fand er einen Jesus, der sich gegen die jüdische »Kirche«, die jüdische Sekte der Jünger Jesu, absetzte. Deren Lehren von Gott als strafendem Richter, die Begriffe Sünde, Schuld und Strafe überhaupt, erkannte Nietzsche nicht als Lehren Jesu an, sowie »jedwedes Distanz-Verhältnis zwischen Gott und Mensch« (KSA 6, 205). Das Himmelreich gehört den Kindern; es besteht aus liebevollem Handeln. »Die evangelische Praktik allein führt zu Gott, sie eben ist Gott« (KSA 6, 206). Jesus habe gelebt und sei gestorben, »um zu zeigen, wie man zu leben hat […]. Er widersteht nicht, er verteidigt nicht sein Recht […]. Und er bittet, er leidet, er liebt mit denen, in denen, die ihm Böses tun …« (KSA 6, 207). Das Christentum der Jünger und das des Paulus sieht Nietzsche als auf krude Weise missverstanden. »[I]m Grunde gab es nur einen Christen, und der starb am Kreuz.« (KSA 6, 211)

Bourgets Programm-Roman Le Disciple hat Thomas Mann damals wohl im französischen Original gelesen. Im frühesten erhaltenen Notizbuch hat er sich 1894 die Einleitung zu Le Disciple in französischer Sprache notiert. Im Februar 1896 berichtet er Grautoff, er lese Bourgets Physiologie de l’amour moderne. (21, 73). Eine Notiz aus dem Jahr 1896 belegt die Lektüre von Bourgets La Terre Promise (Nb.I, 51). In der Antwort auf eine französische Rundfrage von Ende 1903, wie französische Literatur auf ihn gewirkt habe [Der französische Einfluss] (14.I, 73–75),[93] schränkt er diese Wirkung erheblich ein, vermutlich um Heinrichs Anleitung zu verbergen. Ähnlich schreibt er an den französischen Professor Joseph-Émile Dresch im Oktober 1908: »Ich verehre Maupassant und namentlich Flaubert von ganzem Herzen, glaube jedoch, dass ich von den großen Romanciers germanischen und slawischen Stammes mehr gelernt habe als von ihnen (Dickens, Tolstoi, Turgenjew, Jakobsen [sic], Andersen, selbst Reuter)« (21, 394). Thomas Mann teilte sicher das große Interesse moderner Schriftsteller der Zeit an Gustave Flaubert; die Zeugnisse dafür sind jedoch eher gering.[94] Eine Äußerung über die Lektüre der Briefe Flauberts an George Sand findet sich in einem französischen Zitat aus einem Brief vom Sommer 1904 an Katia Pringsheim (21, 299). An Louis Leibrich schreibt er 1953, er habe Flauberts L’Éducation sentimentale im Original gelesen.[95] Madame Bovary war das Muster eines modernen Romanes, dessen Hauptfigur nicht um die Sympathie der Leser wirbt. 1907 im Versuch über das Theater nimmt Thomas Mann Flauberts Madame Bovary in eine Reihe bedeutender Romane auf (14.I, 133). An Philipp Witkop schreibt er am 27. April 1933 recht widersprüchlich, er habe Flaubert wie Balzac und Zola »erst ziemlich spät kennen gelernt, […] einer eigentlichen Beeinflussung« sei er sich »nicht bewusst«, jedoch gehöre »die streng künstlerische Haltung Flauberts« zu den »Bildungserlebnissen« seiner »späteren Jugend« (Briefe I, 331).

Am Anfang seiner Rezension eines unbedeutenden Buches für die Zeitschrift Das Zwanzigste Jahrhundert findet Thomas Mann zwei Figuren mit gegensätzlicher Weltanschauung in Bourgets Roman Cosmopolis »prachtvoll« einander gegenübergestellt (14.I, 40).[96] Damals, 1896, war der Einfluss Heinrichs, den Thomas 1895 in Rom besucht hatte, noch voll lebendig, jedoch zeigt sich auch schon kritische Distanz. Denn Heinrich hatte 1894 eine längere Rezension von Bourgets Roman Cosmopolis (HMEP I, 52–67) unter dem Titel Bourget als Kosmopolit in einer modern-liberalen Zeitschrift veröffentlicht. Erst gegen Ende seines Artikels war er auf den gläubigen Montfanon zu sprechen gekommen, die Gegenfigur zu dem kosmopolitischen Schriftsteller Dorsenne, auf den Bourget seine eigenen früheren schriftstellerischen Intentionen überträgt. Heinrich hatte gezögert, Bourgets konservative Entwicklung festzustellen. Thomas dagegen macht die reaktionäre Haltung einer wichtigen Figur Bourgets ganz deutlich, obwohl Bourget gar nicht das Thema seiner Rezension war. 1896 war die konservativ-katholische Wendung Bourgets bekannt geworden, denn er hatte sich in Paris der Anti-Dreyfus-Partei angeschlossen. 1901 wird Bourget zu seiner Kirche zurückkehren.

In einem Brief an Grautoff erwähnt Thomas Mann 1896 die Lektüre von Novellen von Maupassant im französischen Original (21, 66). Einige von diesen vermittelten dem jungen Thomas Mann die französische Perspektive des deutsch-französischen Krieges von 1870 /71. Maupassant stellt die Gefühle der Besiegten dar, zeigt die rücksichtslose Arroganz der Offiziere der Besatzungsarmee, erwähnt jedoch Grausamkeiten sachlich auch auf beiden Seiten. Der Krieg, von Maupassant dargestellt, erscheint als destruktiv und sinnlos. Diese Lektüre weckte Widerstand gegen den deutschen kriegerischen Nationalismus, wie er in Thomas Manns Schule gepflegt wurde. Maupassant lässt seine eignenen Meinungen aus der Beschreibung der Umstände hervortreten, worin Thomas Mann ihm oft folgte.[97] Zu Kirche und Religion wahrt Maupassant ironische Distanz. Seine Weltanschauung und sein Gesellschaftsbild sind ebenso pessimistisch wie die des jungen Thomas Mann.

Thomas Mann las viel, statt sich seinen Schulaufgaben zu widmen. Wenn er in seinem Aufsatz Heinrich Heine, der »Gute« in Der Frühlingssturm! Heines Bibel-Lektüre auf Helgoland erwähnt (14.I, 22), dann beweist das, dass er Heines Ludwig Börne / Eine Denkschrift (1840) kannte. Das zweite Buch der Börne-Denkschrift besteht aus Briefen, die Heine auf Helgoland schrieb. In diesem Buch spricht Heine als freigeistiger »Hellene« gegen Börnes engere Weltanschauung, die Heine dem Typus des »Nazareners« zuordnet.

Heines Die romantische Schule sei ein Buch gewesen, das er »von jeher besonders geliebt« habe, bekennt Thomas Mann viel später im amerikanischen Exil (Briefe II, 97). Heine kritisiert die quietistische Seite der deutschen Romantik: Deren Neigung zu Witz und Ironie sei »ein Zeichen unserer politischen Unfreiheit«, sie sei »der einzige Ausweg, welcher der Ehrlichkeit noch übrig geblieben« sei.[98] Heines politische Ansichten widersprachen denen, die Thomas Mann in der wilhelminischen Schule gelehrt wurden. Die Perspektive des Napoleon-Verehrers auf die »Befreiungskriege« von 1813 und 1814 muss den jungen Schüler amüsiert haben:

Als Gott, der Schnee und die Kosaken die besten Kräfte des Napoleon zerstört hatten, erhielten wir Deutsche den allerhöchsten Befehl, uns vom fremden Joche zu befreien und wir loderten auf in männlichem Zorn ob der allzulang ertragenen Knechtschaft und wir begeisterten uns durch die guten Melodien und schlechten Verse der Körnerschen Lieder und wir erkämpften die Freiheit; denn wir tun alles, was uns von unseren Fürsten befohlen wird.[99]

Im gleichen ironischen Sinn argumentiert Thomas Mann in einem Brief an Grautoff vom 27. Februar 1896, als dieser sich nationalistisch geäußert hatte:

Ich stehe den »Freiheitskriegen« [–] wie der »nationalen Bewegung« seit 1870 – nach wie vor wenig sympathisch gegenüber und schmeichle mir, darin viele nicht ganz unbeträchtliche Männer, wie Goethe, Hegel, Heine, Nietzsche etc. auf meiner Seite zu haben – auf ihrer Seite zu stehen vielmehr. Das waren eben alles gute Europäer und literarische Menschen, und: das literarische Empfinden – es ist nicht anders – war in Deutschland von jeher das Gegenteil vom nationalen Empfinden und wird es auch wohl immer bleiben. Wenn du dir jetzt das letztere angewöhnst, so tust du vielleicht sehr recht daran, denn es ist furchtbar modern. In dieser Beziehung bin ich leider noch etwas zurück.[100]

In Die Entstehung des Doktor Faustus heißt es: »Ich las viel Heine nach um diese Zeit, die Feuilletons über deutsche Philosophie und Literatur« (19.I, 489). »Diese Zeit« war das Frühjahr 1945, als das Ende des Nationalsozialismus nahte und Thomas Mann seine Rede Deutschland und die Deutschen zu schreiben begann, in der er die Romantik als Sünde des deutschen Bildungsbürgertums anklagt, seine eigene Neigung nicht ausschließend. Mit Heines »Feuilletons« meint Thomas Mann die Abhandlungen Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland und Die romantische Schule. Er las Heine »nach«, will sagen, er frischte seine Kenntnis auf, die er in seinem Selbststudium während der Schulzeit erworben hatte. Heines Freigeistigkeit, seine humorvolle oder ironische Weise, deutsche Religiosität, Philosophie und Literatur den Franzosen nahezubringen, nahm sein Schüler als eine sympathische Art von Bildung auf.

Wie Heine betrachtete Thomas Mann die deutsche literarische Landschaft als protestantisch geprägt. Heine pries Kant als den »große[n] Zerstörer im Reich des Gedankens«,[101] der aus Güte für seinen Diener Lampe die Existenz Gottes durch die praktische Vernunft verbürgen lässt.[102] Diese Ironie Heines führt Thomas Mann in den Betrachtungen eines Unpolitischen an (13.I, 632).[103] Obwohl Heine die romantische Lyrik schätzt – produzierte er doch selber Lyrik in romantischem Stil –, kritisiert er ihre reaktionären Tendenzen. Heine denkt in Widersprüchen – wie Thomas Mann.

Heinrichs Aneignung Goethes, Heines, Fontanes, Storms und Brandes’ ist in seinen Briefen an Ewers dokumentiert. Thomas orientierte sich lange an dem großen Bruder. Er war ebenso wie Heinrich von den Gedichten Heines und Storms angetan. Die Gedichte August von Platens liebte er »von jung auf« (GW X, 887; 1926) wohl mehr als Heinrich, der die Homoerotik verachtete. Er besaß eine zweibändige Ausgabe von Platens Werken von 1895 (Essays III, 446).

Schon in Thomas Manns erster überlieferter Erzählung Gefallen sind die Szenen der Gespräche des Ich-Erzählers mit seinem Kollegen Rölling in der Art von Fontanes leichtem Konversations-Stil geschrieben. Effi Briest hat Thomas Mann 1895 im Jahr des Erscheinens der Buchausgabe gelesen (21, 73).[104] Er blieb lebenslang ein Verehrer Fontanes, über den er einige Essays schrieb.[105]

Erst aus dem Vorwort zu Conrad Ferdinand Meyers Der Heilige von 1930 erfahren wir, dass Liebe und Bewunderung für den Schweizer Dichter in Thomas Manns früher Jugend (GW XIII, 425) begonnen hat. Meyers Prosa vereinigt greifbare Vergegenwärtigung mit Eindringen in die Psyche seiner Figuren, ein Schreibstil auch Thomas Manns. In Meyers Lyrik gibt es Stellen, von denen man vermuten kann, dass sie den jungen Thomas Mann angesprochen haben: die Michelangelo-Gedichte, darunter In der Sistina, oder die Todessymbolik in Im Spätboot. Auf Gottfried Keller wurde er erst später aufmerksam (21, 403).

Thomas Mann hat in der Jugend viel Lyrik gelesen. In der Zeit seines autodidaktischen Studiums in den 90er-Jahren wird er sich mit der deutschen Lyrik der Moderne bekannt gemacht haben. Stefan George erwähnt er in seinen Essays aus Distanz. Von Aufmerksamkeit schon für die frühe Dichtung Rilkes zeugt ein Brief vom 10. April 1905 an Richard Schaukal. Der Exil-Germanist Wolfgang Michael hat mir erzählt, dass Thomas Mann, als er ihn in Kalifornien besuchte, eine Reihe von Rilke-Gedichten auswendig rezitierte. Hugo von Hofmannsthal schickte Thomas Mann die Sammlung seiner Gedichte zu Weihnachten 1908, nachdem dieser Hofmannsthal in Rodaun besucht hatte (21, 401, 746).

Ibsen und Wagner nennt Thomas Mann 1928, in einem kleinen Aufsatz unter diesem Titel, »die beiden großen Kundgebungen, die der nordisch-germanische Kunstgeist« dem französischen, russischen und englischen Roman und der französischen impressionistischen Malerei als »ebenbürtige Schöpfungen« an die Seite gestellt habe, beide seien kennzeichnend für die Größe der Epoche des 19. Jahrhunderts, »ihrer titanischen Morbidität« (GW X, 227).

Das Lübecker Theater war dem Senatoren-Haus benachbart. Erinnerungen Thomas Manns aus dem Jahr 1930 sprechen davon, dass er häufig das Theater besuchte, »erlaubter- oder unerlaubterweise« (GW XI, 418). Ein Brief von 1917 erzählt von dem Eindruck, den Schillers Don Carlos sowie eine französische Ehebruchs-Komödie auf den Sechzehnjährigen machte.[106] Die Lübecker Aufführung von Ibsens Nora oder Ein Puppenheim durch eine Gastspiel-Truppe wird er besucht haben. Nora gehört zu einer Gruppe von gesellschaftskritischen naturalistischen Dramen von Ibsen, zusammen mit Stützen der Gesellschaft, Gespenster und Ein Volksfeind, die alle 1877–1881 entstanden, oft in deutscher Übersetzung aufgeführt wurden und einen großen Eindruck hinterließen. Thomas Mann spielte 1895 die Rolle des alten Werle in der deutschen Erstaufführung des Dramas Die Wildente mit dem »Akademisch Dramatischen Verein«, einer ehemaligen Studentenverbindung. Er hatte die Wahl des Dramas »warm befürwortet« (21. 43).

Jens Peter Jacobsens Roman Niels Lyhne (1880) wurde in den 90er-Jahren in Deutschland rezipiert. Eine Übersetzung erschien 1889 im Reclam Verlag. Thomas Mann hat Niels Lyhne sehr wahrscheinlich in den 90er-Jahren gelesen, vielleicht schon in Lübeck, vielleicht auf der Reise nach Dänemark.[107] Die Beschreibung einer homoerotischen Liebe in Niels Lyhne dürfte Thomas Manns Interesse geweckt haben:

Gibt es wohl in allen Gefühlsverhältnissen des Lebens ein zarteres, edleres und innigeres, als die leidenschaftliche und doch schüchterne Liebe eines Knaben zu einem anderem? Solch eine Liebe, die niemals spricht, sich niemals in einer Liebkosung, einem Blick, einem Worte Luft zu machen wagt, solch eine sehende Liebe, die tief trauert über einem Mangel oder einem Fehler bei dem, den sie liebt, die Sehnsucht und Bewunderung und Selbstvergessen, Stolz, Demut und ruhig atmendes Glück ist![108]

Dieses Gedicht in Prosa musste Thomas Mann ermutigen, von homoerotischen Freundschaften wie derjenigen zwischen Kai Graf Mölln und Hanno Buddenbrook und zwischen Tonio Kröger und Hans Hansen zu erzählen. Niels Lyhne dürfte Thomas Mann zudem angesprochen haben aufgrund der ambivalenten Gottlosigkeit des Dichters: Niels »nahm Partei – so weit er es konnte – gegen Gott, aber wie ein Vasall, der gegen seinen rechtmäßigen Herrn zu den Waffen greift, denn er glaubte noch und konnte den Glauben nicht forttrotzen.«[109] Niels’ »Idee«, dass der Mensch ohne Furcht vor der Hölle und ohne Hoffnung auf das Himmelreich seine wahre Freiheit gewinnen und liebend für die Erde sorgen wird, stellt sich die Einsicht entgegen, das Ergebnis des Atheismus sei »eine desillusionierte Menschheit«.[110] Am Ende bleibt Niels gottlos: Schwer verwundet im deutsch-dänischen Krieg von 1864 und unter Schmerzen hält er an seiner Überzeugung fest.

Die psychologische Einsicht einer Figur zitiert Thomas Mann in Tonio Kröger: »Wo Menschen lieben […] da muss immer der sich demütigen, der am meisten liebt.« (2.I, 246) Das ist ein fast wörtliches Echo aus Jacobsens Erzählung Frau Fönß.[111] 1903 schrieb Thomas Mann einem dänischen Autor, der eine Einleitung zu Buddenbrooks schreiben sollte: »vielleicht ist es J. P. Jacobsen, der meinen Stil bis jetzt am meisten beeinflusst hat« (21, 233). Er meint wohl den Stil einer skeptischen Moderne.

In seinem Aufsatz über Knut Hamsun Die Weiber am Brunnen schrieb Thomas Mann Ende 1921: »Ich habe ihn immer geliebt, von jung auf. Ich fühlte früh, dass weder Nietzsche noch Dostojewski im eigenen Land einen Schüler dieses Ranges hinterlassen haben.« Schon der junge Thomas Mann war empfänglich für Hamsuns Romane Hunger (1891), Mysterien (1894), Pan (1895) und Victoria (1899) (15.I, 472 f.). Diese Texte handeln alle von Außenseitern, die sich nicht in die Gesellschaft der anderen einpassen wollen.[112]

Seit 1890 hatte Heinrich sich für Edgar Allan Poes Erzählungen interessiert.[113] Dieses Interesse hat er an seinen Bruder weitergegeben, der in Buddenbrooks Kai, den Schulfreund Hannos, sich für die Erzählung von dem Untergang des Hauses Usher begeistern lässt (1.I, 789). Außer für die Erzählungen Poes hat Heinrich, soweit ich sehe, sich wenig für englischsprachige Literatur interessiert. Auch Thomas scheint lange keine englischen Autoren studiert zu haben, allerdings abgesehen von Shakespeare. Anfang 1901, Buddenbrooks war im Druck, schrieb er »Dickens, Thackeray« in sein Notizbuch 4 (Nb.I, 195 f.) wahrscheinlich als Autoren, die er kennen sollte. 1922 nannte er Charles Dickens und William Thackeray unter den Autoren, die Einfluss auf Buddenbrooks genommen hatten, zusammen mit den Norwegern Kielland und Lie, Tolstoi und dem Roman Renée Mauperin der Brüder Goncourt (15.I, 510). Ihm lag wohl an stilistischer Ähnlichkeit, ein gründliches Studium von Thaceray beweist diese Äußerungen nicht.

Mindestens ein Roman von Charles Dickens hat Eindruck auf ihn gemacht: Verkehr mit der Firma Dombey & Sohn, Engros, Detail und Export, Reclam 1896, eine Übersetzung von: Dealings with the Firm of Dombey and Son: Wholesale, Retail and for Exportation (1848), gewöhnlich »Dombey and Son« genannt. Dieses Buch ist in Thomas Manns Nachlassbibliothek erhalten. Sein Thema ähnelt dem der Buddenbrooks: Im Mittelpunkt steht ein stolzer Geschäftsmann, der seine Umwelt mit seinem Geld regieren will, jedoch endet seine Firma im Konkurs. Dombey missachtet seine Tochter Florence, doch die stellt sich am Ende als die einzige heraus, die ihn liebt, nach dem Muster von Shakespeares King Lear. Im Oktober 1901, als Buddenbrooks erschienen war, beauftragte Thomas Mann Grautoff, Dickens in seiner Besprechung als Einfluss zu nennen (21, 179).[114] Das Werk George Bernard Shaws hätte den jungen Thomas Mann interessieren sollen, weil es die alten Konventionen bekämpfte, auch weil Shaw Wagnerianer war. Aber Shaws Name erscheint erst 1913 in einem Brief (21, 509).

Mit Shakespeare, vornehmlich in der deutschen Übersetzung der Romantiker um Ludwig Tieck, war Thomas Mann vertraut, wie viele Anführungen in den Essays beweisen. In dem Essay Bilse und ich nennt er Shakespeare »den ungeheuersten Fall von Dichtertum«. Am 11. Juli 1900 schreibt er an Grautoff von einem besonders intensiven Erlebnis einer Aufführung von Hamlet in München (21, 120).

Thomas Manns lebenslange Sympathie für Russland und die Russen beruht auf ausgiebiger Lektüre von russischer Prosa in deutscher Übersetzung.[115] Mehrmals hat er geäußert, Tolstoi habe ihn gestärkt, Buddenbrooks zu schreiben. Tolstois Krieg und Frieden zeigte dem Anfänger, wie man in kleinen Kapiteln historische Situationen konkret-lebendig darstellen kann. Thomas Mann tat es ihm nach in den ersten Kapiteln von Buddenbrooks.[116] In Notizbuch 2, das er 1897 in Palestrina begonnen hatte, findet sich ein Auszug aus der Übersetzung von Anna Karenina, die 1890 bei Reclam erschienen war, die er aber nicht für Buddenbrooks benutzte.[117] Vermutlich hatte er Anna Karenina schon früh gelesen. In dem Roman wirbt Tolstoi für eine konservative und religiöse Familienethik,[118] aber er gibt dem Leser Einblick in das Innere dieser Frau, die sich von einem Mann befreit, den sie nicht liebt und erlaubt seinen Lesern, mit ihr zu sympathisieren, obwohl dies seiner religiös-konservativen Ideologie nicht entspricht. In seinem Aufsatz Anna Karenina von 1939 meint Thomas Mann, Tolstoi habe seine Figur Anna geliebt und die Gesellschaft geißeln wollen, weil sie den »Liebesfehltritt« der stolzen und edelsinnigen Frau mit Grausamkeit bestrafe (Essays V, 47 f.). Viele Informationen über Tolstoi bezog Thomas Mann aus Dmitri Mereschkowskis Buch Tolstoi und Dostojewski (deutsch 1903).

Das Vorbild Iwan Turgenjews wirkte vor allem auf Thomas Manns Erzählungen.[119] Seit »langen Jahren«, schreibt er 1898 an Grautoff, habe Turgenjew ihm Anregung gegeben (21, 105). 1921, im Vorwort zu Russische Anthologie, erinnert er sich, das Bild von Turgenjew habe lange auf seinem Schreibtisch gestanden, daneben eines von Tolstoi. Turgenjew habe er »der lyrischen Exaktheit seiner bezaubernden Form« wegen geschätzt, den moralistischen Tolstoi als »Träger epischer Riesenlasten« (15.I, 335).[120] Ein Tagebucheintrag vom 16. Mai 1919 berichtet von einer erneuten Lektüre von Turgenjews Roman Die neue Generation, »an der ich Klarheit, Maß, Übersichtlichkeit, kurz das Französische am meisten bewundere«. Eine Romanfigur habe ihn (während der früheren Lektüre) zur Komik Grünlichs in Buddenbrooks angeregt. Sipjagin ist ein regime-treuer, konservativer russischer Beamter, der sich als Liberaler ausgibt. Turgenjew charakterisiert dessen Falschheit indirekt. Diese indirekte Charakterisierung von Figuren empfand Thomas Mann als »lyrische Exaktheit« und als modern.[121]

Ein Brief Thomas Manns an Korfiz Holm vom 7. Juni 1898 spricht lobend von Tschechows Erzählung Das Duell (Briefe I, 9), die Holm übersetzt und veröffentlicht hatte. Offenbar war das sein erster Kontakt mit Tschechows Prosa, die er später sehr schätzte, wie sein Essay von 1954 beweist.

Der Lehrer Brandes

Bruder Heinrich besaß das große Werk des Dänen Georg Brandes Hauptströmungen der Literatur des neunzehnten Jahrhunderts und hatte es gründlich studiert. Darin folgte ihm sein Bruder nach. In seinem Essay Kritik und Schaffen, erschienen in Das Zwanzigste Jahrhundert von 1896, nennt Thomas Mann Georg Brandes neben Charles Augustin Sainte-Beuve und Jules Lemaître, die er durch Brandes kennen gelernt hatte. Diese »Kunstkenner« seien »neugierige, feingeistige Menschen, immer auf der Suche nach einer künstlerischen Persönlichkeit, in der sie verschwinden, in der sie aufgehen, in die sie sich verwandeln können«. Der Kritiker dürfe ein »Überlegenheitsgefühl« über den naiven Künstler haben, einen »Willen zur Macht« (14.I, 48 f.). Kritik sei Spiel mit Einfühlung in die Rollen der Erzähler und Figuren. 1898, als er sich von Heinrich und von dessen Brandes-Ausgabe trennte, schaffte er sich seine eigene an.

Brandes’ Hauptströmungen bilden die Grundlage für Thomas Manns literarische Bildung. Thomas Mann hat das nur gelegentlich öffentlich anerkannt.[122] Einige späte Erwähnungen Brandes’ zeugen für seinen Respekt. Ein Brief, den Thomas Mann am 10. Februar 1927 auf die Nachricht von Brandes’ Todeskrankheit an die Kopenhagener Zeitung Politiken geschickt hatte, erschien dort in dänischer Übersetzung als Nachruf. Thomas Mann feierte darin Brandes, den »von jung auf verehrten Mann« als einen Angehörigen jener europäischen Tradition, »der wir heute Fünfzigjährigen unsere Erziehung verdanken«. Brandes’ Hauptströmungen seien die »Bibel des jungen intellektuellen Europa vor 30 Jahren« gewesen.[123] Thomas Mann regte im Februar 1908 die Einladung zu einem Vortrag Brandes’ in München an.[124] 1945 lobt er gegenüber Anna Jacobson, einer deutschen Germanistin im amerikanischen Exil, Brandes’ »Klarheit«, die ihm immer erquicklich gewesen sei, aber er setzt diesmal hinzu: »Er hatte viel von einem geistreichen alten Weib mit boshaftem Klatschmaul«.[125] 1929 lobte er die Literaturgeschichte von Arthur Eloesser wegen ihrer Lesbarkeit, eine »Wirkung, wie Dichtung und Literatur sie selber üben – ich habe, seit ich Brandes’ Hauptströmungen las, dies Gefühl der kritischen Anregung nicht wieder so lebhaft gehabt« (GW X, 728).

Georg Brandes’ Hauptströmungen der Literatur des neunzehnten Jahrhunderts richten sich gegen romantisch-reaktionäre literarische Tendenzen. Brandes’ ästhetischer Wertmaßstab war der bürgerliche Realismus. Seine Vorlesungen beschränkten sich auf die französische, britische und deutsche Literatur, vergleichend ging er auf die dänische ein. Diese Literaturen verglich er immer wieder untereinander, so dass der Leser eine Überschau über die europäische Literatur gewann. Er belebte seine Vorlesungen häufig mit Erzählungen aus der Biographie der Schriftsteller.

In der Einleitung zu Die Reaktion in Frankreich, dem dritten Band seiner Hauptströmungen, spricht Brandes über das »Autoritätsprinzip«, das der Modernismus nicht mehr gelten lasse, zu der Autoren und Leser jedoch nostalgisch zurückblickten.[126] Die Französische Revolution habe die religiöse Autorität gestürzt, nachdem Voltaire und Rousseau sie schon untergraben hatten. Während der Reaktion im 19. Jahrhundert sei das Autoritätsprinzip jedoch immer wieder geltend gemacht worden, so dass konservative und fortschrittliche Tendenzen nebeneinander bestanden.

Thomas Mann ließ sich keineswegs durch Brandes’ liberale Tendenz von der Lektüre abhalten. 1909 trägt er in sein Notizbuch 9 ein:

Aus Pamphleten lernen: meine Spezialität. Für den Psychologen sind Lit[eratur]-Pamphlete unvergleichlich reizvoller als Verhimmelungen. Brandes über die deutsche Romantik etc. (Nb.II, 182 f.).

In den Betrachtungen eines Unpolitischen charakterisiert Thomas Mann Brandes einmal so: Er sei gewiss »immer ein liberaler, namentlich aber ein freier Mann« gewesen. Das habe er bewiesen, als er Bismarck gegen die Freisinnigen verteidigt habe (13.I, 382 f.).

Obwohl Brandes die deutsche Romantik für »schon in ihren Quellen vergiftet« hält,[127] verschweigt er deren fortschrittliche Seite nicht. Fichtes Lehre von Ich und Nicht-Ich sei ein Notruf »nach Poesie und Freiheit, der jedoch willkürlicher Freiheitsrausch« bleibe.[128] Den Wert von Novalis’ Lyrik erkennt Brandes an, tadelt aber die Zeitvergessenheit, die Thomas Mann, der Schopenhauer-Leser, eher tolerierte. In Friedrich Schlegels Roman Lucinde hebt Brandes die Werbung für die Emanzipation der Frauen lobend hervor, findet aber die »künstlerische Ohnmacht« des Romans widerwärtig.[129] Eichendorffs Aus dem Leben eines Taugenichts beschreibt Brandes mit Zuneigung, obwohl er doch die fortschrittsfeindliche Romantik verurteilt hat. In dem Buch »summt und klingt die ganze ursprüngliche Romantik wie in einem Käfig eingeschlossen«,[130] der Taugenichts sei der »Repräsentant des romantischen Suchens und Sehnens«.[131]

Die Bewegung Das junge Deutschland erhält einen eigenen Band von Brandes’ Hauptströmungen, in dem Brandes sowohl Ludwig Börne als auch seinem Gegner Heinrich Heine gerecht zu werden sucht. Als Jude geboren, habe Börne sich der deutschen demokratischen Freiheit zugewendet. Ein Kapitel handelt von Hegels Philosophie. Brandes stellt sehr anschaulich den alten Hegel auf den Katheder, wie er in Berlin mit schwäbischem Akzent vorträgt, nach Worten sucht, aus verwickelten Perioden nicht immer herausfindet. Die konservative Rechtsphilosophie stellt Brandes in ihren europäischen Rahmen: Englische Einflüsse hätten sie angeregt.[132]

Brandes beschreibt die französische Romantik als liberale und revolutionäre Tendenz – anders als die deutsche Romantik. Ihr Hintergrund sei die neue Vermögensverteilung nach der Revolution gewesen. Die Jagd nach dem Gelde sei der vorherrschende Zug der Zeit, vor dem die romantischen Schriftsteller sich in südliche Länder und in die romantische Vergangenheit zurückgeträumt hätten. Die große Ausnahme sei Balzac, der, wie Brandes sich ausdrückt, das Geld zum Helden eines großen Epos macht.[133] Balzac habe als erster den Geldmangel als ein Gefühlsmoment, stärker als Liebe, in den Roman eingeführt.[134] Diesem modernen Zug habe aber Balzacs sozialer Konservativismus widersprochen.

Balzac und Stendhal seien für Brandes die Schöpfer des modernen Romans.[135] Brandes erkennt Balzacs Größe an, tadelt jedoch dessen romantische Tendenzen. Balzacs katholisch gefärbte Darstellungen der Pflichttreue und der Wohltätigkeit würden bisweilen »schwülstig und sentimental«.[136] Balzac habe sich auf die »geheimen Wissenschaften« eingelassen. In drei seiner Romane werde der Wille als eine Kraft definiert, die, wie der Dampf, »nach Belieben Alles, sogar die absoluten Gesetze der Natur modifizieren könne«.[137] Der Schopenhauer-Leser Thomas Mann notierte sich das Ende 1894 als Eigenschaft des ›Willens‹ ohne Brandes’ ablehnenden Tadel zu vermerken (Nb.I, 49).

Brandes legt viel Gewicht auf die Autorität, die ein Autor wie Victor Hugo sich erwarb: »Seine Haltung war die eines Führers und Propheten«[138] und: »Nicht das feinste und auserlesenste poetische Talent ist es, das die Leitung in der Literatur behauptet. Sie fällt nicht dem Talent zu, sondern der ganzen Persönlichkeit. Derjenige, der zu einem gegebenen Zeitpunkt das Herz der Zeit in seiner Brust pochen fühlt, die Gedanken der Zeit in seine Intelligenz aufnimmt und den festen Willen hat, der Literatur den Stempel seiner Gefühle und Ideen und die des Zeitalters aufzudrücken, der ist der geborene und bleibende Führer.«[139] Brandes beschrieb die Wunschträume beider Brüder Mann.

Die Brandes-Lektüre hat Spuren in Buddenbrooks hinterlassen. In seinem zweiten Band, Die romantische Schule in Deutschland, behandelt Brandes die Vorliebe deutscher und französischer Romantiker für wilde Landschaften.[140] In diesem Sinn protestiert der jüngere Johann Buddenbrook gegen die Absicht seines Vaters, die Büsche im Garten der Buddenbrooks beschneiden zu lassen (1.I, 34). Derselbe jüngere Buddenbrook, genannt Jean, möchte bei Musik seinen Träumen und Gefühlen nachhängen (1.I, 41). Brandes sagt von der deutschen Romantik: »Sie ist nicht plastisch, sondern musikalisch. Die französische Romantik bringt feste Gestalten hervor, das Ideal der deutschen ist nicht eine Gestalt, sondern eine Melodie, keine einzelne Form, sondern ein unendliches Sehnen.«[141] Das musste Thomas Mann sympathisch berühren, weil er sein Schreiben als romantisch-musikalisch verstand.

Ein anderes Brandes-Echo in Buddenbrooks stammt aus der Einleitung zum sechsten Band, Das junge Deutschland. Dort las Thomas Mann von den deutschen Burschenschaften in der nach-napoleonischen Restauration[142] und wendete dieses Wissen auf Morten Schwarzkopf an. (1.I, 146, 149–151). – In der Szene gegen Ende des Romans, in der Thomas Buddenbrook seiner Schwester seine zunehmenden Depressionen erklärt, kommt das »türkische Sprichwort« vor, das Thomas Buddenbrook irgendwo gelesen haben will: »Wenn das Haus fertig ist, so kommt der Tod« (1.I, 473). Der Autor der Buddenbrooks hat dieses Sprichwort in Brandes’ fünftem Band (in Heinrich Manns Besitz) gelesen, wo er Balzacs Tod kommentiert.[143]

Heinrich Manns Roman In einer Familie und Thomas Manns Gefallen

Heinrich hatte nach dem Tod des Vaters seinen ersten Roman, In einer Familie, begonnen, den er Paul Bourget widmete. Die Hauptfigur, Erich Wellkamp, verlässt den Vater, der mit fragwürdigen Methoden reich geworden ist, und den Sohn tyrannisiert. Im Fiktiven seines Romans rächt Heinrich sich an seinem wirklichen Vater, der ihm nicht erlaubte, Schriftsteller zu werden. Der schwache Wellkamp – es handelt sich um einen Dekadenzroman – erhält sein mütterliches Erbe und geht als Dilettant auf Reisen. Aus einem hörigen erotischen Verhältnis in Berlin rettet er sich durch eine Ehe mit einer modernen und praktisch veranlagten Frau. Diese Beziehung wird gestört, als Wellkamp sich von seiner noch jungen Schwiegermutter verführen lässt. Sie ist die zweite Frau seines Schwiegervaters, die er wegen einer Mitgift von 250 000 Dollar, damals einer Million Mark, geheiratet hat. Heinrich Mann gibt dem Roman ein unglaubhaftes glückliches Ende. Wellkamps junge Frau verzeiht ihrem Mann den Fehltritt und sorgt für eine bessere Zukunft. Der Roman wurde 1894 von einem kaum bekannten Münchener Verlag gedruckt und wenig beachtet.

Heinrich kam zurück aus Florenz und Viareggio, als Thomas im März 1894 aus Lübeck in München ankam. An der Korrektur des Romans des älteren Bruders hat Thomas sich sicher beteiligt. Thomas hatte keine Pläne für einen Roman. Er war mehr interessiert an Heinrichs unveröffentlichter Erzählung Haltlos und deren Thema der freien Liebe. Die Brüder Heinrich und Thomas verstanden sich jetzt gut. Die Familie war 1894 in München vollständig: die Mutter, Heinrich, Thomas, Julia, Carla und der vier Jahre alte Viktor. Nach damaligem Recht war Thomas Mann noch nicht volljährig; seine Vormünder hatten über seine Berufsausbildung zu bestimmen. Die Lehre in einer Münchener Versicherung, die die Vormünder für Thomas vereinbart hatten, fand dieser langweilig. Stattdessen wollte er ein Gasthörerstudium am Münchener Polytechnikum (heute Technische Universität) aufnehmen, um sich auf den Beruf des Journalisten vorzubereiten. Mit Hilfe eines Rechtsanwalts (Essays III, 181) konnte er den Vormund Krafft Tesdorpf abwehren, der vermutlich ein Studium der Journalistik verboten hatte, weil es unvereinbar war mit dem Willen des verstorbenen Vaters. Im Juni 1896 wurde Thomas Mann volljährig und war der Aufsicht der Vormünder entwachsen. Von Thomas Manns abgebrochenem Studium wird ein eigenes Kapitel handeln.

1894 schrieb Thomas Mann Gefallen. Die Erzählung ist inspiriert von der Kritik junger Schriftsteller an den patriarchalischen Regeln, die damals das Verhältnis der Geschlechter bestimmten. Die deutsche Öffentlichkeit wurde zu der Zeit bewegt von der Diskussion der rechtlichen Stellung der Frau in den Entwürfen für das Bürgerliche Gesetzbuch. Deutsche Frauenvereine protestierten 1894 gegen den Entwurf, der zwar der alleinstehenden Frau gleiche Rechte gab wie alleinstehenden Männern, jedoch die Ehefrau nach alter patriarchalischer Gewohnheit weiterhin dem Ehemann und Familienvater rechtlich unterwarf.[144]

Konflikte mit den traditionellen ›guten Sitten‹ spielten als Themen eine große Rolle in der europäischen Literatur der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. La dame aux camélias (Die Kameliendame) von Alexandre Dumas dem Jüngeren, erschien 1848 als Roman, dann als Drama, das 1852 uraufgeführt wurde, und aus dem 1853 die Oper von Giuseppe Verdi, La traviata hervorging. Als Bühnenstück hielt sich Die Kameliendame, besonders, wenn Sarah Bernhardt die Titelrolle spielte. Der Roman Manon Lescaut des Abbé Prévost war 1731 erschienen, auf ihm beruhen die Libretti für die französische Oper Manon (1884) von Jules Massenet und für Giacomo Puccinis Oper Manon Lescaut (1893). Nietzsche pries 1888 in Der Fall Wagner die Oper Carmen von Georges Bizet (1875). Prostitution war Thema in George Bernard Shaws Stück Mrs. Warren’s Profession, gedruckt im Jahr 1893. Eine Aufführung durfte erst 1902 stattfinden. Émile Zolas Roman Nana (1880), über den Aufstieg einer Prostituierten, blieb lange ein Muster für einen gewagten naturalistischen Roman. Die Gesellschaft des 19. Jahrhunderts empfand die Moral der bürgerlichen Ehe als ungenügend für die Natur der Sexualität. Dieses Ungenügen war ein Thema in Heinrichs Haltlos gewesen. Auch der neunzehnjährige Thomas zweifelte an der bürgerlichen Ehe-Moral und hatte eine natürliche Sehnsucht nach freier Liebe, hetero- oder homoerotischer Art. Sein Liebhaber sollte nicht so dekadent und haltlos sein wie derjenige in Heinrichs unveröffentlichter Novelle.

Thomas Mann war eine Weile stolz auf Gefallen, aber nicht lange. Der Autor nahm den Text nie in eine Sammlung seiner Erzählungen auf und nannte ihn schon 1896 »neunzehnjährig« (21, 68). Als er 1910 frühe Erzählungen an den Germanisten Ernst Bertram schickte, wertete er Gefallen ab.[145] 1940, in der Vorlesung »On Myself« in der Universität Princeton, nannte er die Erzählung ein »schreiend unreif[es]« wenn auch, »vielleicht nicht unmelodiös[es] Produkt« (GW XIII, 134). Sein negatives Selbsturteil hat sich als Vorurteil gehalten.[146] Es lohnt sich aber, das kleine Werk wieder in den Kanon von Thomas Manns Erzählungen aufzunehmen.

Schon vor der Veröffentlichung von Thomas Manns Erstlingswerk war eine Erzählung mit dem Titel Gefallen! erschienen. Ihr Verfasser, Hans Schliepmann, veröffentlichte sie 1893 in der Freien Bühne, der Zeitschrift des S. Fischer Verlages.[147] Der Text behandelte den vergeblichen Versuch eines Studenten, eine Prostituierte, eine gefallene Bürgerliche, zu reformieren. Dagegen geht Thomas Manns Gefallen von einer freien unbelasteten Liebe aus, entwickelt eine ganz andere Handlung als die Schliepmanns.[148]

Gefallen spielt in dem Atelier eines Malers, in das der Gastgeber einen dreißigjährigen Arzt, einen jungen Studenten und den Ich-Erzähler eingeladen hat. Der Erzähler nimmt sich Zeit, das seltsame Atelier zu beschreiben. Der Raum sei mit Kunstwerken und kunstgewerblichen Gegenständen aus verschiedenen Weltgegenden »in schreienden Zusammenstellungen« beladen, die »gleichsam auf sich selber mit Fingern wiesen« (2.I, 14). Die eklektische Stillosigkeit ist ein Signal: Die Moderne ist kosmopolitisch, glaubens- und haltlos, so wie Paul Bourget den Dilettantismus beschrieben hat. Feindlich gegen Kirche und Glauben äußert sich der Älteste in der bohemischen Gruppe, der Arzt Dr. Selten, dessen scharfe Ironie sich beständig lustig macht über den großen, altertümlich geschnitzten Kirchenstuhl, auf dem er sitzt. Er hat es sich zum Prinzip gemacht, das »von der betreffenden Regie da oben wenig umsichtig inszenierte Erdenleben völlig frag- und skrupellos zu genießen […]« (2.I, 15).

Das eklektische Atelier kann man als Anspielung auf Nietzsches zweite Unzeitgemäße Betrachtung: Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben (1874) lesen, die die blinde Sammelwut des modernen historischen Bewusstseins beklagt. Sie lasse keine Richtung erkennen und entwerte alle Maßstäbe; kulturelle Indifferenz behindere wahre Kultur (KSA 1, 268). Die historische Erziehung am Gymnasium und an der Universität habe der Jugend die Zukunft »entwurzelt«, wenn sie den »Cynismus« einer bloßen »Hingabe der Persönlichkeit an den Weltprozess« empfehle (KSA 1, 295, 312). Junge Menschen fühlen sich nicht mehr an den traditionellen bürgerlichen Lebensstil gebunden. Sie wollen in freier Liebe die traditionelle Sexualmoral ignorieren. Aber dem Liebespaar in Thomas Manns Erzählung gelingt das neue Leben nicht. Der Binnen-Erzähler und seine Geliebte »fallen« am Ende; die junge Frau verkauft sich teuer, der Mann verfällt in eine Libertinage, in der sein Genuss durch Hass verfälscht ist. Thomas Manns Gefallen erzählt vom »Verfall« der alten wie der neuen Sitten, passt in die Mode der Dekadenz.

Die Ungerechtigkeit der alten Sexualmoral vertritt ein junger Student der Wirtschaftswissenschaft, der nach dem Schriftsteller Heinrich Laube benannt ist. Von ihm hatte Thomas Mann in Heinrich Heines Die romantische Schule gelesen, er habe ein »große[s] flammende[s] Herz[ ]«.[149] Der Student Laube kämpft für eine Erneuerung der Geschlechter-Beziehungen, gegen die sexuelle Doppelmoral zu Ungunsten der Frau. »Ist der Mann nicht gerade so gut gefallen?«, fragt er (2.I, 16). Diese Frage hatte sich auch der junge Mann in Heinrichs Haltlos gestellt, nachdem er ein Bordell besucht hatte.

Seltens Geschichte, wie er als junger Student von dem freien Liebesverhältnis mit einer Schauspielerin enttäuscht wurde, soll Laube von seinem Einsatz für die Emanzipation der Frauen abbringen. Mit seiner Erzählung stellt Doktor Selten die Frage erneut, die implizit Heinrichs Haltlos zugrunde lag: Kann es eine naive Beziehung zwischen den Geschlechtern geben, die nicht von den bürgerlichen Konventionen und dem Geldbesitz der Bürger abhängig ist? In der 1894 bestehenden patriarchalischen Gesellschaftsordnung, die Frauen der Oberschicht von allen höheren Berufen ausschloss, bleibt die Frau von ihrem Mann oder ihrem Vater abhängig. Schauspielerinnen sind Ausnahmen.

Der Protagonist war gutmütig und verträglich, der vollendete gute Kerl, »der Liebling aller seiner Kameraden« (2.I, 17). Den Begriff »guter Kerl« gibt es auch in Heinrichs Novelle. Deren Hauptperson überlegt nach einer Nacht mit seiner Freundin, dass er sich nicht an sie binden will. Wenn er sich verpflichtet gefühlt hätte, sie zu heiraten, so wäre er ein »guter Kerl« gewesen im Sinne der herrschenden Moral. Ein »guter Kerl« ist ein an die gewöhnliche Ordnung angepasster Bürger.[150] Der verliebte Student in Gefallen kümmert sich nicht um die bürgerlichen Konventionen. Er wird ein »besserer Kerl als jemals«, nachdem er seine Geliebte gewonnen hat (2.I, 35). Seinen Trieb empfindet er als Notwendigkeit.

Er fühlte, dass irgend ein selbständig überlegter Wille gegen diesen still-mächtigen Befehl sein Inneres nur in wehevollen Widerstreit versetzt hätte. Nachgeben – nachgeben; es würde das Richtige geschehen, das Notwendige. – (2.I, 33)

Thomas Manns »guter Kerl« ergibt sich dem Notwendigen. Sein Geschlechtstrieb ist für seinen Autor, den Leser Schopenhauers, eine Bejahung des Willens zum Leben über den eigenen Leib hinaus.[151] Belehrt von Heinrich wird Thomas Mann verstanden haben, dass Schopenhauers Weltwille mächtiger ist als sein eigener individueller Wille, wenn der sich dem Trieb moralisch entgegensetzt. Der junge Selten widersetzt sich der üblichen moralischen Konvention und sucht nach einer eigenen Moral. Einmal, nach der Vereinigung mit der Geliebten, hat er eine moralische Hemmung. In ihm kommt die Frage auf, »ob er nicht bei allem Glück ein Lump sei«, allerdings wehrt er sie sogleich ab: »Das hätte ihn sehr geschmerzt.« und: »Aber es war gut und schön.« (2.I, 36) Das Glück der freien Liebe begründet eine eigene Moral. Der studentische Liebhaber verklärt sein Glück mit religiösen Metaphern: Ihm ist »glockenfeierlich im Gemüt, wie etwa bei seiner Konfirmation«, und es war ihm »als sähe er dem lieben Gott mit ernster, schweigender Dankbarkeit ins Angesicht«. Bald danach flüstert er den Namen seiner Geliebten »als andächtiges Morgengebet« (2.I, 36). Ein Gott, der nicht die Geschicke lenkt, sondern das »Leben« ist, tritt in einem Gedicht des jungen Mannes auf und schaut »wehmutsvoll« auf das Glück des Sommers, wissend, dass es endet, wie die Jahreszeiten enden müssen. Die Notwendigkeit der Natur im Geschlechtstrieb setzt sich an die Stelle der alten religiösen Begriffe.

Die geliebte Partnerin nutzt das »gesellschaftliche Übergewicht der Frau von 20 Jahren über den Mann gleichen Alters« (2.I, 37), um sich ihren Freund zu unterwerfen. Sie nimmt ihr Leben in ihre Hand, erkennt, dass sie sich außerhalb der Konventionen des Bürgertums gestellt hat, dass sie nach deren Begriffen nicht mehr ›unschuldig‹ ist: »Es wussten ja doch alle, dass ich sowieso …!«, wird im Text ihr Verstoß gegen die guten Sitten beschrieben. Der Autor hebt das im Druck hervor (2.I, 46). Sie fällt in die traditionelle soziale Rolle der Schauspielerin zurück, für die die Sitten des Bürgertums nicht galten. Ihr sexuelles Glück hat sie von den beschränkenden bürgerlichen Konventionen ihrer Herkunft befreit, aber nicht von der Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung, in der das Geld herrscht. Auch der Student wird in die Welt geworfen, in der man nicht mehr Gott für sein Glück dankt, sondern in der das Geld regiert. Der Student hatte ein gestörtes Verhältnis zum Geld, er hatte es sich durch lügenhafte Briefe an seine Mutter verschafft (2.I, 18). Diese Briefe verweisen auf die Macht der bürgerlichen Ordnung, die Zahlungsfähigkeit von jedem Bürger verlangt. Dahin weist auch der moralische Schluss, den der ältere Selten aus seiner Geschichte zieht: »Wenn eine Frau heute aus Liebe fällt, so fällt sie morgen um Geld« (2.I, 49). Diese moderne Moral bleibt nicht allein stehen. Der Erzähler macht am Ende darauf aufmerksam, dass der Fliederduft von einem Strauß in einer Vase in Selten die Erinnerung geweckt hat, denn Flieder blühte auf dem Weg zur Geliebten. Es ist von Bedeutung, wenn Selten den Fliederduft tief und langsam einatmet, bevor er den Strauß zerstört (2.I, 49). Die Erinnerung an seine Liebe behauptet sich in ihm für einen emotionalen Moment gegen seine neue zynische Moral.

Der Student Laube fühlt sich nicht widerlegt durch Seltens Geschichte. Sein blondes Haar (2.I, 14) macht ihn anziehend, wie Hans Hansen und Ingeborg Holm in Tonio Kröger. Doktor Seltens schwarzes Haar (2.I, 15) stellt ihn zu anderen problematischen Figuren in Thomas Manns frühem Werk, wie Tonio Kröger, dem er dunkles Haar (2.I, 268) und zart umschattete Augen zuteilt (2.I, 244). Selten hat schwarze Locken (2.I, 18). Seine Geschichte sagt, dass freie Liebe nicht in eine Gesellschaftsordnung passt, die von Geldmitteln bestimmt ist, will diese nicht als vorbildlich-verbindlich-moralisch anerkennen.

Die Liebesgeschichte zwischen dem jungen Selten und einer jungen Schauspielerin ist ein imaginierter Wunsch ihres Autors. Kaum 1894 in München angekommen, entwickelte Thomas Mann eine Schwärmerei für eine junge Schauspielerin des Münchener Hoftheaters. 1952 erinnerte er sich, er habe sie damals hundertmal gesehen in allen ihren Rollen (21, 545). Thomas Manns Brief an Ida Hofmann vom 2. Mai 1894 ist erhalten. Der noch 18-jährige Briefschreiber bittet die zwei Jahre ältere Frau um die Erlaubnis, sie besuchen und ihre Hand küssen zu dürfen, da seine Bewunderung ihres Spiels »nach einem mündlichen Ausdruck« verlange (21, 24). Die Erlaubnis bekam er nicht; Thomas Mann erinnert sich: »sie hat mich nie gesehen«.[152] Im Text von Gefallen erscheinen Worte des Briefes kaum verändert als Aufforderungen Röllings, des älteren Freundes des Studenten (2.I, 20; 21, 24).

Ein Vorbild der Figur Rölling ist Bruder Heinrich. In der Fiktion ist Rölling der ältere Freund des Erzählers aus dessen Heimat, der jetzt für den gleichen Beruf studiert (2.I, 19 f.); er hat früher Novellen verfasst (2.I, 17). Er kann sich eine »sentimentalisch[e]« Liebe gar nicht vorstellen, (2.I, 20). Heinrich wird 1894 nicht aufgehört haben, sich Sorgen um homosexuelle Neigungen des Bruders zu machen. Vermutlich hat er die Neigung seines Bruders für Ida Hofmann ermutigt, und diese Ermutigung bildet sich ab in Röllings Reden.

Das französische Original des Begriffes »Seelenstände«, das in literarischen Gesprächen mit Heinrich vorgekommen sein muss, bringt Thomas Mann in seinem Text zum Spaß unter: Als der Student seine Geliebte das zweite Mal besucht, hat er seine Schüchternheit verloren. Der Erzähler kommentiert das so: »All die exaltierten états d’âme, die das erste Mal die Liebesscheu in ihm wachgerufen, kamen da schon in Wegfall.« (2.I, 29). Das französische Zitat sagt dem Lehrmeister Heinrich: Ich weiß, was als modisch gilt, aber ich spiele nur damit.

Gefallen erschien im November 1894 in Die Gesellschaft, geleitet von Michael Georg Conrad, der eine heimliche Liebesaffäre mit der Lübecker Schriftstellerin Ida Boy-Ed hatte, die mit der Mann-Familie bekannt war.[153] Wahrscheinlich hatte Ida Boy-Ed Thomas Manns Novelle empfohlen.

Der Druck von Gefallen und die freundliche Teilnahme des damals berühmten Schriftstellers Richard Dehmel ermutigten Thomas Mann 1894 und 1895 eine Anzahl neuer Texte zu schreiben. Von der verlorenen Erzählung Der kleine Herr Professor ist in Briefen die Rede. Vermutlich ist sie die Vorstufe von Der kleine Herr Friedemann. Aus Walter Weiler wurde Der Bajazzo. Aus Mitleid entstand ebenfalls schon 1894 (21, 30); vielleicht wurde Tobias Mindernickel daraus. Ein Märchenspiel in Versen Der alte König, entstand 1894–1895 (21, 30; 21,45; TM / OG, 27). Vielleicht war es eine politische Satire. Denn Thomas Mann schrieb scherzhaft an seinen Freund Otto Grautoff, die Autoren Ludwig Fulda und Leo Melitz, letzterer ein Verfasser von Schauspiel- und Opernführern, sollten vor seinem Stück »erbleichen« (21,30). Offenbar war Der alte König mit Fuldas Märchenspiel in Versen Der Talisman (1892) vergleichbar. Fulda benutzte die Handlung des Märchens von Hans Christian Andersen, Des Kaisers neue Kleider, um das absolute Königtum zu verspotten, dem Kaiser Wilhelm II. im modernen Deutschland nacheiferte. Thomas Manns Text ist verloren. Am 17. Januar 1896 gibt er in einem Brief an Grautoff die Entstehungsdaten und die Entstehungsorte von 1895 geschriebenen, ungedruckten Texten an: Im Mondlicht, Begegnung (vermutlich Vorstufe von Enttäuschung) und den verlorenen Essay Zur Psychologie des Leidenden (21, 64). Der einzige 1895 entstandene Text, der veröffentlicht wurde, ist Der Wille zum Glück (21, 64). Am 27. Februar 1896 schreibt Thomas Mann wieder von einer Novelle mit dem merkwürdigen Titel ›Im Frühling aufzuhören‹, die nicht erhalten ist.[154] Vielleicht war das eine Vorstufe der Tagebuch-Erzählung Der Tod.

Studien

Thomas Manns Gasthörer-Studium am Münchener Polytechnikum begann im November 1894.[155] Von allem, was er am Polytechnikum höre, schreibt Thomas Mann an Freund Grautoff, sei die Nationalökonomie am interessantesten (21, 38 f.). Sie wurde von Professor Max Haushofer gelesen.[156] Sache der Nationalökonomie sei es, lehrte er, »das Murren des Arbeiters auf seine Berechtigung zu überprüfen«. Das »Manchestertum«, ein damals gebräuchlicher Ausdruck für die unbeschränkte Marktwirtschaft, sei »heute überwunden«. Mit Beifall nahm Thomas Mann auf, dass Haushofer seine Volkswirtschaft als moralische Wissenschaft verstand, er unterstrich das Wort in seiner Mitschrift.[157] Die Nationalökonomie habe »lange im Dienste des Reichtums gestanden«, das sei ein »überwundener Standpunkt«. Die Wirtschaft, so Haushofer, müsse »den Volksreichtum nicht nach dem vorhandenen Gelde, sondern nach dem Vermögensstand der mittleren und niederen Klassen beurteilen«.[158] Zwar sei der Eigennutz ein natürlicher Trieb, aber auch der Gemeinsinn sei nicht nur anerzogen, sondern sei natürlich, finde sich schon bei Tieren. Gemeinsinn gebe es in der Familie, in der Gesellschaft, in der Nation. Über den Gemeinsinn des Patriotismus stellt Haushofer die »allgemeine Menschenliebe oder Cosmopolitismus«.[159] Wirtschaftspolitik solle im Sinne »der Verpflichtung handeln, das Volk zur Civilisation zu führen.«. Die »Verpflichtung« zur »Wirtschaftspolitik« sei Sache der »öffentlichen Gewalt«. Das Wort »Opportunitätspolitik« versteht Haushofer als staatliches Eingreifen.[160] Er beklagt die Wirkung von Maschinen in der modernen Produktion. Neben der Gefährdung von Leben und Gesundheit bewirkten sie die »Herabwürdigung des Menschen zum Sklaven der Maschine«, der Mensch werde »abgestumpft«. Das kommentiert Thomas Mann mit: »Sehr gut!«[161]

Haushofer hatte eine liberale Partei im Bayerischen Abgeordnetenhaus vertreten, war aber kein Verteidiger des Kapitalismus. Er wird 1896 ein Buch veröffentlichen, Der moderne Sozialismus,[162] mit dem Ziel, sachlich über den Sozialismus und die damals streng marxistische Sozialdemokratie aufzuklären. Er kritisiert die utopischen Ziele der damaligen Sozialdemokratischen Partei und beklagt deren Agitation gegen das Bürgertum. Haushofer opponiert gegen das damalige Hauptziel der Sozialdemokratie, der Vergesellschaftung der Produktionsmittel, aber er lobt, dass die Partei die Arbeiter-Bildung fördere. Er hält es für richtig, dass die Sozialdemokratie die anderen Parteien, Staat und Gesellschaft zwinge, dem sozialen Fortschritt, der Sozialversicherung und dem Arbeiterschutz zuzustimmen.[163] Das Buch enthält erstaunlich richtige Voraussagen über praktische Konsequenzen sozialistischer Herrschaft. Sie werde ein kolossales Zuchthaus schaffen.[164] Die Gesellschaft werde verarmen, während des langwierigen Übergangs des Privatkapitals in Gemeinbesitz.[165]

Sieht man davon ab, dass Haushofer sich Währung nur an Gold oder Silber gebunden vorstellen kann, weist manches, was er vorträgt, auf die tatsächliche Entwicklung der Wirtschaft voraus, entspricht nicht dem Bild, das wir uns von dem bürgerlichen Bewusstsein in der wilhelminischen Gesellschaft und Politik machen. Haushofer und die damals so genannten »Kathedersozialisten« verstanden sich politisch als rechts stehend, weil sie gegen die Geld-Interessen der Liberalen opponierten. Ihre Sympathien für soziale Entwicklungen sind im Sinne eines wohlwollend-autoritären Staates zu verstehen, den Beamten-Bildungsbürger lenken, wie Max Haushofer selbst einer war. Er sah den Verwaltungsstaat Deutschland als entwicklungsfähiges modernes Gemeinwesen. Wie Haushofer trat zur gleichen Zeit Maximilian Harden in der Zeitschrift Die Zukunft für gemäßigte soziale Reformen und gegen Gesetz-Entwürfe zur Unterdrückung der Sozialdemokratie auf. Der sozialbewusste Konservativismus hat in Thomas Mann lebenslang nachgewirkt, ohne seinen Modernismus zu verdrängen. Der Konservativismus der Katheder-Sozialisten darf nicht mit der konservativen Ideologie verwechselt werden, wie sie sich nach dem Weltkrieg entwickelte.

Professor Wilhelm Hertz las über deutsche mittelalterliche Epik. Thomas Mann notierte sich, was Hertz über soziale Konventionen im Mittelalter, über die Stellung der Frau, über Liebe und Ehe lehrte. In seinen Vorlesungen erzählte Hertz den Inhalt der Dichtungen und muss auf den Zuhörer lebendiger gewirkt haben als die trockene Wissenschaft von Franz Muncker, dem Germanisten der Münchener Universität, von dem Thomas Mann nur eine Vorlesung hörte. Der Gasthörer notierte Hertz’ ausführliche Nacherzählungen von Hartmann von Aues Gregorius, einem Text, den Thomas Mann viel später als Der Erwählte neu gestalten wird, ohne die Hilfe der Vorlesungs-Nachschriften, weil diese lange Zeit im Hause Mann verloren waren. Eine »aristokratische Anschauung im Mittelalter« vermerkt Thomas Mann, als er aus Hertz’ Nacherzählung erfährt, dass gewöhnliche Leute in einem Fischerdorf in einem Findling den Fürstensohn erkennen, denn: »nie sei eines Fischers Sohn so begabt gewesen«.[166] Als es in der Vorlesung zur Sünde des Inzests kommt, denkt der Zuhörer an Wagners Die Walküre: »Gegensatz zum Zeitgeist –: Siegmund und Sieglinde« notiert er.[167] Die vielen märchenhaften Züge in Hertz’ Nacherzählungen von Hartmanns Der arme Heinrich und Iwein gewinnen Thomas Manns Interesse.[168] Wenn Hertz berichtet, Goethe habe sich angesteckt gefühlt, als er Hartmanns Geschichte des Aussätzigen, Der arme Heinrich, in die Hand nahm, und das für übertriebene Sensibilität erklärte, verteidigte der Zuhörer den Dichter.[169] Thomas Manns Erzählen strebt oft nach Vergegenwärtigung.

Vorlesungen über antike Kunstgeschichte von Franz von Reber, der auch Direktor der Bayerischen Gemäldegalerien war, hörte Thomas Mann unregelmäßig. Die Ästhetik, über die von Reber auch las, traf auf seinen Widerstand. Der »Wissenschaft« vom Schönen setzt der Zuhörer Stendhals Definition entgegen: »Le Beau c’est une promesse de bonheur«.[170] Thomas Mann übernahm das Wort von Nietzsche, der es in Zur Genealogie der Moral gegen Kant und Schopenhauer anführt (KSA 5, 347). In die Nachschriften fügt der Gasthörer eigene protestierende Bemerkungen ein: Die Ästhetik sei unabhängig von der Ethik, »denn das Erhabene darf böse sein, ohne seine ästhetische Erhabenheit einzubüßen«. Die Ästhetik sei »Gefühlssache«, die sich in der »Psyche des Einzelnen abspiele« und die man nicht »in Dogmen und Regeln verknöchern« dürfe.[171] Die Lehre der Ästhetik sei »das Banale ins System gebracht«. Mit »T. M.« bekräftigt der Student seine Weisheit: »Die Professoren beachten vor allem niemals den Unterschied zwischen klassischer Ästhetik und Décadence-Ästhetik und sie bedenken nicht, dass unserer Zeit die klassische Ästhetik, die sie lehren, völlig fremd sein muss.«[172] Den Begriff Dekadenz-Ästhetik versteht Thomas Mann hier im Sinn von Modernismus, da Nietzsche seine Gegenwart nach der Renaissance für dekadent erklärte. Nach der letzten Ästhetik-Vorlesung fällt der Zuhörer ein vernichtendes Urteil: Mehrere »faux pas« des Professors seien ihm entfallen, schreibt er, »daran ist wohl in der Hauptsache meine lächelnde Souveränität als Künstler Schuld, die mit freundlicher Herablassung aber dennoch achselzuckend zuhört, wenn ein alter Herr unter fortwährenden Blamagen sich müht, die Kunst in das hässliche Foltersystem einer Eisernen Jungfrau zu zwängen.«[173]

Ausführlicher sind Thomas Manns Mitschriften der Vorlesung über deutsche Geschichte seit 1813 von Felix Stieve, die ihm Denkanstöße für die widersprüchliche Problematik des deutschen Nationalgefühls lieferte. Als Einleitung zu der eigentlichen Vorlesung, die mit Napoleons Russlandfeldzug 1812 beginnen sollte, präsentierte Stieve einen Überblick über die deutsche Geschichte seit Karl dem Großen. Durch die römische Kirche sei die »Krankheit der Weltflucht« entstanden, die für die idealistischen Deutschen großen Reiz gehabt habe. Diese übernationalen Tendenzen seien schuld daran gewesen, dass Deutschland die Bildung einer Nation so lange versäumte. Der Dreißigjährige Krieg habe Deutschland als politisch tot hinterlassen. Wenn Stieve die »Weltflucht« zur deutschen »Krankheit« erklärte, lehrte er die verengende Sichtweise des deutschen Nationalismus.

Stieve las über die »Befreiungskriege« 1813 /14, im nationalistischen Sinn. Napoleons Sturz interessierte Thomas Mann ebenso wie die Siege, die Napoleon auch 1813 /14 noch gelangen. Der Nietzsche-Leser Thomas Mann verstand Napoleon als Symbol für Größe und Erfolg. An Grautoff schrieb er einmal, er habe »den Sieger Napoléon« schon seit seinen Schülertagen auf seinem Schreibtisch stehen als Symbol für »Hoffnung und Stolz und Ehrgeiz« (21, 106). Er wird Stieve mit kritischem Widerstand zugehört haben. Wenn Stieve zum Wiener Kongress gelangt, werden die Nachschriften spärlicher. Die literaturgeschichtliche Vorlesungen von Wilhelm Hertz befassten sich mit nordischen Sagen. In einer wird ein Wälsung im Inzest gezeugt,[174] und das erregte schon damals Thomas Manns Interesse.

Das Semester dauerte bis August 1895; Thomas Mann brach die Vorlesungen wohl schon im Juni ab. Am 12. Juli 1895 reiste er zu Heinrich nach Rom, wo dieser als Herausgeber einer Zeitschrift arbeitete.

Maximilian Hardens Zeitschrift Die Zukunft

Die Wochenzeitschrift Die Zukunft spiegelte die Interessen des deutschen Bildungsbürgertums seit den 90er-Jahren bis zum Ausbruch des Weltkrieges 1914 und noch einige Zeit danach. Das war auch die Zeit der Regierung Kaiser Wilhelms II., nach der Entlassung Bismarcks 1890, für die sich die Bezeichnung »wilhelminische Zeit« eingebürgert hat. Maximilian Harden gründete seine Zeitschrift 1892 als Gegenstimme zu den liberalen deutschen Zeitungen. Harden wollte eine von den liberalen Geldinteressen freie Presse in der konstitutionellen Monarchie des deutschen Reiches. Nach der Bismarck-Verfassung berief der Monarch den Reichskanzler und die Minister als Staatsbeamte. Der Regierungschef war nicht von einer Mehrheit von parteiischen Stimmen abhängig, wie in einer Demokratie. Harden hielt die Aussichten, dass ein bedeutender Mann an die Regierung kam, in der konstitutionellen Monarchie für größer als in der parlamentarischen Demokratie. Nur hätte der Monarch, Wilhelm II., seine Aufgabe darin sehen müssen, der Politik eines starken und klugen Staatsmanns Hoheit und Würde zu verleihen. Da Wilhelm II. jedoch immer wieder versuchte, sich selbst als regierenden Monarchen darzustellen, geriet Harden in Opposition gegen den Kaiser. Harden hielt Abstand von der monarchischen Autorität und zugleich von der liberalen Presse.

Maximilian Hardens ursprünglicher Name war Felix Ernst Witkowski. Sein Vater hatte seine jüdische Familie aus dem damals preußischen Posen nach Berlin gebracht. Dort besuchte Felix Ernst das Französische Gymnasium, wo er sich als exzellenter Schüler erwies. Als er zwölf Jahre alt war, nahm der Vater ihn von der Schule, er sollte eine Kaufmannslehre antreten. Der Sohn widersetzte sich und wurde Schauspieler. Er reiste mit einer wandernden Truppe umher und nahm den Bühnennamen Maximilian Harden an, den er sich später als seinen eigentlichen Namen legalisieren ließ. Als er siebzehn Jahre alt war, ließ er sich evangelisch taufen. Harden hatte das Bedürfnis, über allem zu stehen, als Christ auf die Juden herabzusehen, als früherer Jude die christliche Tradition wie ein auswärtiger Beobachter zu untersuchen. Wie die Brüder Mann ersetzte er seine abgebrochene Gymnasialbildung durch eine autodidaktische, die er, wie die Mann-Brüder, auf eine ungewöhnliche Höhe brachte. Harden betrachtete seine Rolle als Herausgeber einer überparteilichen Wochenzeitung als eine öffentliche Aufgabe, wie die des überparteilichen Reichskanzlers, der die Interessen des ganzen Staates und Volkes wahrnehmen sollte. Eine solche höhere Politik wurde damals als »unpolitisch« verstanden. Die Zukunft erreichte schnell eine hohe Auflage.

Hardens Konservativismus verrät sich in Interesse an Ehrenhändeln. Harden wollte an einem Sonderstatus für die Oberklasse festhalten, sei es, weil er ein Leser Nietzsches war und dessen Gefühl für Vornehmheit teilte, sei es, weil er keinen Zweifel an seiner eigenen Stellung in der Gesellschaft aufkommen lassen wollte. Jedoch verweigerte er eine Duell-Forderung. Harden hatte Sympathien für die Arbeiterbewegung. Den Titel Die Zukunft hatte der Sozialdemokrat Franz Mehring vorgeschlagen, als er noch mit Harden befreundet war. Wie Mehring seine Partei, wollte Harden seine Zeitschrift auf eine sozial verbesserte Zukunft ausrichten. Die marxistische Theorie lehnte Harden ab. Mehring habe gehofft, schrieb Harden viel später, er, Harden, werde sich von Bismarck und Nietzsche abwenden (Z XXIII, 381, 1898). Das geschah nicht.

Vor der Gründung der Zukunft schrieb Harden Theaterberichte und dann politische Feuilletons, die er in der Zeitschrift Die Gegenwart veröffentlichte, für die auch Heinrich Mann schrieb. Diese Aufsätze sammelte Harden in zwei Bänden, die er Apostata nannte. Heinrich Mann schaffte sie sich an.[175] Als die Brüder 1894 in München in engem Kontakt miteinander lebten, hat Thomas Mann die beiden Bände gelesen und Einzelheiten in einem Notizbuch niedergeschrieben. (Nb.I, 19–27). Das Pseudonym Apostata verweist auf den Beinamen, den die Christen dem römischen Kaiser Julian gaben, nachdem er den christlichen Glauben abgelegt und ihn durch eine neuplatonische Philosophie ersetzt hatte. Damit wurde der Kaiser für die Christen zum Renegaten, zum Außenseiter. Das wollte Maximilian Harden sein und so verstand sich auch Thomas Mann.

1905 lobte Thomas Mann Harden in der Antwort auf eine Rundfrage über den Zustand der literarischen Kritik. Er, Thomas Mann, habe »eine Schwäche« für Kritik, »und diese Liebe möcht’ ich nie besiegen. Mein Interesse für den Publizisten Maximilian Harden sieht der Bewunderung zum Verwechseln ähnlich« (14.I, 86).[176] In Bilse und ich nennt Thomas Mann 1906 Harden einen »durchaus musisch organisierte[n] Kritiker des öffentlichen Lebens«. Der »wahre Liebhaber des Wortes« werde sich »eher eine Welt verfeinden, als eine Nuance opfern«. Harden hätte sich Hass und widrige Prozesse ersparen können, »wenn er je vermocht hätte, die Schlagkraft seines Wortes zu schwächen, auf Kosten der künstlerischen Genauigkeit klug zu sein« (14.I, 109).

Harden drückte seine Abneigung gegen die parteiische Politik der parlamentarischen Demokratie in einem frühen Essay aus, der den Titel M. d. R. [Mitglied des Reichstags] trug. Abgeordnete waren für Harden Dilettanten und Parasiten. Wie Nietzsche verachtete er die Herrschaft der Mehrheit. Eine Nation setze sich nicht aus Wählern oder »Parteitramplern« zusammen, »in ihr lebe vielmehr auch noch »eine kleine Menschheit«, der an den Parteien garnichts,[177] »sehr viel aber an dem Fortschreiten der vaterländischen Kultur gelegen ist« (Z I, 480, 1892). Parteipolitik sei allein deswegen verkehrt, weil eine Partei nur die nächsten Wahlen im Kopf habe (Z I, 2). »Die Ehrlichkeit muss man sich dauernd abgewöhnen,« schreibt Harden voller Abscheu, »wenn man die Mitgliedschaft irgend einer Partei erwerben und dauernd bewahren will« (Z I, 291). Nietzsche folgend glaubte Harden, richtige Politik könne nur von großen Männern, also unabhängigen Staatsmännern mit hoher Intelligenz und einem verantwortlichen Sinn für das Ganze konzipiert werden.

Als so einen Staatsmann sah er Otto von Bismarck, der Deutschland den Weg in die Zukunft gegen Widerstände gewiesen hatte, während die Liberalen Bismarck kleinredeten. Die Unterdrückung der Sozialdemokratie kritisierte Harden, Bismarcks Größe zeige sich in der Außenpolitik. Der entlassene Reichskanzler lud Harden zum Besuch auf sein Gut Varzin ein und merkte schnell, dass Harden seine Kritik an Wilhelm II. teilte. Es kam zu einer Art Freundschaft Hardens mit Bismarck.

Harden drückte in zwei Artikeln in der Zukunft von 1892 seine Hoffnung aus, Kaiser Wilhelm werde von selbst seinen angemessenen Platz finden. Wegen Majestätsbeleidigung angeklagt, wurde er von einem Berliner Gericht freigesprochen. Das blieb ein vereinzelter mutiger Akt der preußischen Richter in Berlin. 1898 zum zehnjährigen Regierungsjubiläum Kaiser Wilhelms schrieb Harden einen Artikel Pudel-Majestät (Z XXIII, 495–499), der die Handlung eines satirischen französischen Märchens so wiedergab, dass die Leser Wilhelm in dem Märchen-Prinzen erkennen mussten. Am 12. November 1898 heißt Hardens Leitartikel Auf der Anklagebank (Z XXV, 273–285). Harden stand wieder wegen Majestätsbeleidigung vor Gericht. Er wusste, dass er sich jetzt nicht mehr auf die Unabhängigkeit der Richter verlassen konnte, die in der preußischen Verfassung festgeschrieben war: »Keiner der fünf Herren wird sich gesagt haben: ›Wir müssen den Harden verurteilen‹; in jedem von ihnen aber, dessen bin ich gewiss, lebte das latente Gefühl: ›Wenn wir den Harden noch einmal freisprechen, wird es uns furchtbar verübelt […]‹« (Z XXV, 282). Harden wurde zu sechseinhalb Monaten Festungshaft verurteilt.

Harden unterstützte lange eine für Bauern und Gutsherren günstige Wirtschaftspolitik. Den Kapitalismus, den er hasste, assoziierte er mit der britischen Industrie, der britischen Politik und mit dem jüdischen Bankier- und Börsen-Reichtum in Berlin und in Deutschland. Sein Freund Walther Rathenau erklärte ihm schon 1897, wie idyllisch und unpraktisch Hardens Weltbild war.[178] Schließlich sah er ein, dass die deutsche Großmachtpolitik, die er nach 1900 unterstützte, ja propagierte, Industrie brauchte.

Im Gegensatz zu Hardens konservativer Wirtschaftspolitik stand seine ausgesprochen progressive Auswahl von Beiträgen für Die Zukunft. Viele Artikel machten dem Namen der Zeitschrift Ehre: Sie informierten über die großen Veränderungen, die in allen Wissensgebieten stattfanden: in der Psychologie, der Medizin, in der Wirtschaft, der Rechtspflege, in der Literatur. Technische Entwicklungen, von elektrischen Eisenbahnen bis zum Unterseeboot stellte Die Zukunft vor. Den Luftschiffbau Zeppelin betrachtete Harden mit Skepsis, gab den Fliegern mit Tragflächen größere Chancen. 1894 erschien ein Artikel über Spektralanalysen von Sternexplosionen (Novae), die die traditionelle Vorstellung von einem ewigen Weltall erschütterten (Z VII, 264–268; 1894). Die Probleme, die die Evolutionstheorien nach Darwin und Lamarck aufwarf, nahmen viel Raum in der Zukunft ein.

Für heutige Leser muss Hardens Politik verwirrend sein: Sie richtete sich gegen das politische Gewicht der liberalen Zeitungen, die eine deutsche Demokratie verlangten und Wilhelm II. kritisierten. Harden trat für eine moderne Gesellschaft und für moderne Technik ein, widersetzte sich aber der parlamentarischen Regierungsform mit ihrem Parteienstreit. Seinen Anti-Liberalismus verstand Thomas Mann in den Betrachtungen eines Unpolitischen als Konservativismus. Es war ein Konservativismus, der nicht reaktionär sein wollte. Eine gutwillige autoritäre Regierungsform blieb im Grunde Thomas Manns Ideal, nach 1921 auch in der Form sozialistischer Politik.

Nach 1905 griff Harden die Berater des Kaisers an, die zum Nachgeben in der Marokko-Krise von 1905 geraten hatten. Harden begann, deutsche Machtpolitik zu vertreten. Es gab Prozesse und der Fall verwickelte sich. Harden konnte zuletzt nur gewinnen, wenn er einem Gegner homosexuelle Akte nachwies. Das tat er und verlor viel von seiner früheren Autorität, auch bei Thomas Mann. Dieser brach mit Harden, als dieser sich vor Ende des Ersten Weltkrieges für eine Vermittlung durch den amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson aussprach.

Es gab lockere persönliche Kontakte zwischen Harden und Thomas Mann, einige gelegentliche Briefe.[179] Thomas Manns Skizze Die Hungernden wurde 1903 in Die Zukunft gedruckt (Z XLII, 154–158). Hedwig Pringsheim, die Mutter Katia Manns, führte einen regelmäßigen Briefwechsel mit Harden.

Harden wurde 1922 von nationalistischen Mitgliedern eines Freikorps zusammengeschlagen und tot liegen gelassen. Er überlebte und starb 1927 in der Schweiz.

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