Kitabı oxu: «Der große Baum»
Herbert von Hoerner
Der große Baum
Erzählung
Saga
Der große Baum.
© 1991 Herbert von Hoerner
Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen
All rights reserved.
ISBN: 9788711593110
1. Ebook-Auflage, 2017
Format: EPUB 3.0
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Drüben, jenseits des Moores, dort, wo umsäumt von dichtem Ellerngebüsch wieder der Hochwald beginnt, steht sie, die alte Kiefer, der Baum. Mann und Weib in einem, Ahn allen Kiefernwaldes ringsum, überragt sie mit ihrem Wipfel die anderen Baumhäupter. Weit verbreitet ist ihr Nachwuchs, und immer noch zeugt sie neuen. Längst sind Kinder und Kindeskinder, jedes Vater und Mutter zugleich, Ahnen geworden. Aber auch in dem Urahn ist noch die Kraft der Jugend. Auch von ihm noch stäubt es gelb, wenn im Frühling durch den hochzeitlichen Kiefernwald Wolken schweben des befruchtenden Staubes. Den Segen, maßlos verschwendet im Überfluß, empfängt an der Spitze des Zweiges die Blüte. Wohl jede bekommt davon ihr genügend Teil, und welcher es bestimmt ist, fruchtbar zu sein, die wird als Zapfen den Samen tragen. Rot war die Blüte. Der Zapfen ist grün, er bräunt sich, verholzt. Drei Jahre dauert die Reifung. Der Zapfen spreizt sich, die Schuppen klaffen. Heraus fallen, jedes einen Flügel am Leib, die Körner. Jedes sucht sein Schicksal. Schicksal ist Fallen. Sie fallen dem Winde in die Hand. Er streut sie weit umher. Die Vögel oben in den Zweigen und die Ameisen unten am Boden helfen auch noch auf ihre Weise, daß der Keim in die Erde kommt. Es ist dafür gesorgt, daß das Geschlecht der Kiefern nicht ausstirbt.
Der Baum, dessen Krone die anderen Kronen überragt, hat unter seinesgleichen keinen Altersgenossen. Er ist allein übriggeblieben von dem Walde seiner Jugend, seines Alters. Aufgewachsen ist er in dichtem Bestande. Darum ist sein Stamm so gerade, seine Krone so hoch. Kein Mensch kann sagen, wie alt der Baum ist. Da müßte man schon die Großväter der Großväter fragen, wann der Wald, von dem der Baum nur ein Bäumchen war, zu wachsen begann. Aber die Großväter der Großväter sind tot, und der Baum lebt noch. Wer ihn abschlüge, wer ihn fällte, ja, der könnte wohl unten an der Baumscheibe die Jahresringe zählen und dann wüßte er es. Aber wer wird denn einen solchen Baum fällen?
Laibe, der Holzhändler – Buschwächter Eglis kann ihn nicht leiden –, schleicht nicht zum erstenmal um den Baum herum, befühlt ihn, beklopft ihn, streichelt seine rauhe Rinde. – »Gutes Holz«, sagt der Holzhändler Laibe. »Astfreies Holz. Und gesund bis in die Wurzel. Das sieht man an der Krone. Da stirbt noch nichts ab. Ein schöner Baum. Könnte als Schiffsmast gehen oder als Mühlenwelle. Mühlenwellen sind gesucht. Wozu läßt man einen solchen Baum stehen, wenn man ihn kann verkaufen?«
»Ja, schauen Sie sich den Baum nur an«, sagte Eglis, der Buschwächter, der den Holzhändler nicht leiden kann. »Kriegen tun Sie ihn doch nicht. Sie denken immer noch an das Waldstück, wo vor drei Jahren der Herr Ihnen zu schlagen erlaubte. Da haben Sie viel zuviel daran verdient. Wäre das in meinem Walde gewesen, mich hätten Sie nicht übers Ohr gehauen mit Ihrem Maßstock, der um drei Ginger Breite zu lang war.«
Laibe erwidert auf solche Anschuldigungen nichts. Eglis würde noch anders mit ihm reden und ihn ganz einfach aus seinem Waldberitt hinausjagen, wenn Laibe sich nicht darauf berufen könnte, er habe vom Baron die ganz ausdrückliche Erlaubnis bekommen, sich das Waldstück jenseits des Sumpfes anzusehen. Gegen eine solche Erlaubnis seines Herrn ist der Buschwächter Eglis machtlos. Aber er läßt Laibe nicht aus den Augen, so als wäre dieser imstande, Bäume heimlich abzuschneiden und sich in die Tasche zu stecken.
Den Weg zurück zur Buschwächterei Eglis’, wo Laibe sein Pferd untergestellt hat, kürzen die beiden ab, indem sie über das Moor gehen. Das Moor ist gefroren, denn es ist Winter. Aber der Frost war noch nicht stark genug, um durch die Schneedecke hindurch tief in das Moor einzudringen. Eglis, der vorausgeht, hört hinter sich einen Schrei und sieht, wie Laibe sich angstvoll an eine der Zwergkiefern anklammert, die hier in spärlichem Bestande die festeren Stellen des Moores bezeichnen. Es ist kein Weg, der über das Moor hinüberführt, es ist nicht einmal ein Pfad. Aber wer sich nach dem Stande der Zwergkiefern zu richten weiß, kommt auch im Sommer hinüber. – Laibe natürlich, so ein Holzhändler, von Bäumen versteht er was, aber über ein Moor zu gehen versteht er nicht. Er ist mit einem Bein tief durch den lockeren Schnee in ein Moorloch getreten. Nun kriegt er den Fuß nicht aus dem Filzstiefel und diesen nicht aus dem Loch heraus und muß sich an die Zwergkiefer anklammern, um nicht auch noch mit dem zweiten Bein zu versinken. Eglis leistet ihm halb lachend, halb scheltend Beistand, indem er zuerst ihn aus dem Stiefel und dann den Stiefel, dessen Filzschaft gänzlich durchnäßt und geschwärzt ist, aus dem Moorloch herauszieht. Laut jammernd fährt Laibe mit dem nassen Fuß in die nasse Umhüllung. Im Weitergehen hält er sich am Ärmel von Eglis’ Pelz fest. Er möchte nicht zum zweitenmal ins kalte Unglück sinken.
Das Pferd wird angespannt. Eglis bekommt den von ihm erwarteten Rubel Trinkgeld, und Laibe fährt davon. – Ein dicker Mensch, ein mageres Pferd, ein schiefer Schlitten, denkt Eglis, dem Davonfahrenden nachblikkend. Aber viel Geld! – Er wendet sich seinem Hause zu, aus dessen Schornstein Rauch aufsteigt. An Pfosten und Türschwelle tritt und klopft er sich den anhaftenden Schnee von den Füßen. Seine Fußbekleidung besteht aus drei Paar dicken wollenen Socken übereinander, von der Frau gestrickt aus der Wolle der eigenen Schafe. Darüber ist die Pastel gezogen. Das ist der Schuh, den schon der Mensch der Vorzeit trug: aus einem Stück Leder geschnitten und naß um den Fuß geformt. Er schmiegt sich um Sohle und Zehen und wird am oberen Rande durch feine Riemen zusammengezogen. Von der Pastel geht eine Verschnürung kreuzweise an der Wade hinauf.
Drinnen im Hause wird die Frau schon das Mittagessen bereitet haben, und die Kinder werden auf den Vater warten. Dieser Laibe, der hat ihn so lange aufgehalten. Aber warum steht der Vater immer noch draußen vor der Tür, warum kommt er nicht herein? Laibe mit seinem schiefen Schlitten ist hinter der Biegung des Hügels verschwunden, aber von anderer Richtung her kommt jetzt ein anderes Gefährt. Aus dem Dunkel des Fichtenwaldes bewegt es sich heraus. Das Pferd, den Schlitten, den Fahrer, Eglis erkennt sie von weitem: es ist der Herr. Der Herr wird etwas mit ihm zu besprechen haben, vielleicht wegen der Jagd.
Eglis öffnet die Tür seines Hauses und ruft hinein: »Betet und eßt!« Dann geht er dem mit leisem Schellengeläut sich nähernden Gefährt entgegen. Der Herr sitzt nicht allein im Schlitten. Zwischen den Knien hält er ein Kind. Der kleine Jungherr ist es, der Enkel des Herrn. Es schaut von ihm über die Schlittendecke nicht viel mehr als das Näschen hervor. Aber dieses Näschen guckt recht keck in die Welt, und dazu hat es auch allen Grund. Wälder, Wiesen, Äcker, Moor und nochmals Wald, alles, was es da erblickt, das Kind, über die Schlittendecke weg, gehalten von den Knien des Großvaters, das wird einmal ihm gehören. Es wird selber einmal ein Großherr sein. Herr des Gutes, Herr über viel Besitz und sehr viel Leute. Es weiß das auch schon. Die Eltern sind ihm beide gestorben, als es noch in der Wiege lag. Nun wächst es auf als das Kind seiner Großeltern, und man kann sich wohl denken, daß die es an nichts fehlen lassen. Es ist ja der einzige junge Sproß der Familie, und das Gut ist Majorat.
Eglis begrüßt den Großherrn, wie es sich gehört, indem er ihm den Ärmel küßt. Auch auf den kleinen roten Kinderfäustling, der gnädig sich ihm entgegenstreckt, drückt er sein bärtiges Gesicht.
»Wir wollen da hinüber«, sagt der Herr. »Kann man schon über das Moor fahren?«
»Über das Moor, mit dem Schlitten, das wird nicht gehen«, sagt Eglis. »Das Pferd könnte einbrechen. Laibe ist auch eingebrochen.«
»Laibe, war der schon hier?«
»Ja, gnädiger Großherr. Ich hätte ihn nicht in meinen Wald hineingelassen, aber er hat gesagt...«
»Schon gut«, nickt der Herr. Eglis seufzt. Es paßt ihm nicht, daß der Herr offenbar die Absicht hat, im Walde drüben schlagen zu lassen. Schade ist es um jeden Baum und außerdem – es beunruhigt das Wild.
»Wir müssen dem Nachwuchs Luft schaffen«, sagt der Herr. Er sagt es so, als sei er seinem Buschwächter eine Erklärung dafür schuldig, daß er wieder mit Laibe verhandelt. Im Grunde ist es ihm selber nicht recht. Aber eine geordnete Waldwirtschaft verlangt ihren Hieb. Auch hat ja das Gut seinen beständigen Bedarf an Bauholz. Und da ist eben in diesem Jahre die Reihe an Eglis’ Beritt. Eglis muß das ja schließlich auch einsehen. »Aber doch hoffentlich nicht den großen Baum?« fragt Eglis besorgt.
»Welchen meinst du?«
»Die alte Kiefer, die hohe.«
»Nein, den Baum nicht.«
Zu Fuß über das Moor hinübergehen, wie er schon oft gegangen ist, das möchte der Herr heute nicht, des Kindes wegen. Auch wenn Eglis den Kleinen auf den Arm nähme und hinübertrüge – Laibe ist durch die Schneedecke durchgebrochen, ganz ungefährlich ist das Moor nie, und noch sind keine starken Fröste gewesen – es hieße das Kind einer Gefahr aussetzen, und das tut Großvater nicht. – Es ist ja sein Kind, sein Alexander, sein Nachwuchs, sein Einziger!
Aber das bedeutet nun, einen weiten Umweg machen, um das Moor herum. Von der anderen Seite kann man in den Wald hineinfahren. Der Weg wird fahrbar sein. Eglis weiß das, denn er ist ja vorhin mit Laibe dort gegangen. Also wendet der Herr das Pferd. Eglis stellt sich hinten auf die Schlittenkufen und hält sich an der Rückenlehne fest. Seine drei Jungen sind aus dem Hause getreten. Sie stehen barfuß im Schnee, das macht ihnen nichts. Da fährt der Vater mit dem Herrn davon. Den Herrn sehen, und sei es auch nur von weitem, bedeutet für Eglis’ Söhne immer ein Ereignis. So ist es mit den großen Herren in der Welt: sie nur zu sehen, bedeutet schon etwas.
»Ist das alles meins?« fragt Alexander und zeigt mit dem Fäustling in der Gegend umher. Es ist die Herrschergebärde eines Fünfjährigen. »Nun«, antwortet der Großvater, »vorläufig wollen wir noch sagen, es ist unseres.«
Der Weg führt eine Strecke weit über die Grenzen des Gutes hinaus durch nachbarliches Gebiet. Sie kommen an einer Reihe starker Eichen vorüber.
»Sind die Bäume auch unsere?« fragt Alexander.
»Nein«, antwortet der Großvater, »die ganze Welt gehört uns nämlich nicht.«
»Dann will ich diese Bäume auch gar nicht sehen«, sagt Alexander und hält sich die roten Fäustlinge vor die Augen. »Sag mir, wenn es wieder unsere sind.«
Im Walde halten sie an. Das Pferd bekommt die Schlittendecke über den Rücken gedeckt. Damit es sich im Stehen, da es allein gelassen wird, nicht langweilt, holt Eglis aus dem Inneren des Schlittens einen Arm voll Heu und wirft es ihm vor.
»Nimm nicht zu viel«, mahnt der Herr. »Es muß genug davon übrigbleiben, damit uns nachher unser Jungherr nicht erfriert.«
»Ich erfriere nicht«, sagt Alexander. Er sagt es lettisch, weil ja der Großvater mit dem Buschwächter lettisch spricht. Wie alle Herrenkinder ist Alexander mit den zwei Sprachen aufgewachsen: dem Deutsch der Herrschaft und dem Lettisch der Dienerschaft.
Sie gehen kreuz und quer durch den Wald. Alexander findet es wenig unterhaltend, hinter den beiden großen Männern her, die sich Bäume ansehen, durch den Schnee zu stapfen. Er wird müde. Eglis will ihn auf den Arm nehmen.
»Nein, Schulterreiter!« befiehlt Alexander. Der Großvater weist ihn zurecht: »Ein Kind hat ›bitte‹ zu sagen.« Eglis begütigt.
»Wird einmal ein richtiger Herr sein«, sagt er und nimmt ihn auf die Schulter. Es ist ein herrlicher Sitz, oben auf dem großen Mann. Eglis ist ein Riese. Und daß der Riese Eglis gehorsam tut, was er, der Alexander, befiehlt, das findet dieser Zwerg ganz selbstverständlich. Und ist es das nicht auch? Da müßten sich ja die Bäume im Walde vor Erstaunen biegen, wenn’s anders wäre. Also – wozu erst »bitte« sagen? Alexander blickt triumphierend auf seinen Großvater herab. Der denkt: Er wird es schon noch lernen. Herr sein ist nicht nur befehlen.
Sie kommen zu dem großen Baume, der alten Kiefer. Hier verlangt Alexander, von seinem Reittier herabzusteigen, denn er hat im Schnee eine Spur entdeckt, die er untersuchen muß.
»Wie ein junger Jagdhund«, sagt der Großvater.
»Kann kaum laufen und geht schon auf Spuren.« – Und es freut sich sein altes Jägerherz.
Der Baum steht im Walde und doch allein. Es ist Raum um ihn. Fast sieht es so aus, als hätten Menschen sich hier ein Plätzchen geschaffen, vielleicht als Tanzplatz für sommerliche Feste im Grünen. Aber dazu wäre die Stelle zu abgelegen und zu schwer zugänglich. Von drei Seiten her vom Moor umfaßt, halbinselartig, hängt dieses Waldstück nur durch einen schmalen Streifen festeren Bodens mit dem Walde dahinter zusammen, und von dort aus ist es beträchtlich weit bis zu den nächsten menschlichen Wohnstätten. Die Natur, vielleicht der Wald selber, ist auf den Einfall gekommen, das Gedränge der jüngeren Bäume nicht bis dicht an den alten herantreten zu lassen. Es ist, als habe der Nachwuchs gerade zu Füßen des Ahns nicht siedeln wollen, während er sonst, weitum in der Runde, sich vermehrt und ausgebreitet hat. Nicht lauter Kiefern sind es. Auch der Wald hat seine natürliche Fruchtfolge, und so finden sich hier in buntem Gemisch auch Birken und Espen und Ellern, darunter vereinzelte Fichten. Und der Nußstrauch bildet ein dichtes Unterholz. Im Winter ist die gewachsene Wand durchsichtiger als im Sommer. Sie hat ihre Öffnungen und Unregelmäßigkeiten. Im ganzen aber ist es ein Kreis um den Baum in der Mitte. Wie eine Säule Gewölbe und Dach, so trägt der Stamm, machtvoll aufsteigend, die stolze Krone.
Pulsuz fraqment bitdi.