Kitabı oxu: «Machtzerfall»

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Als am 23. März 1945 amerikanische Panzerverbände südlich von Mainz über den Rhein vorstießen, war die Schlacht um die »Festung Europa« in ihr letztes Stadium getreten. Die deutsche Kapitulation war nur noch eine Frage der Zeit. Vier Tage zuvor hatte Hitler die totale Zerstörung sämtlicher Verkehrs-, Industrie- und Versorgungsanlagen befohlen; auf die Lebensgrundlagen der Bevölkerung sollte keine Rücksicht mehr genommen werden. Da der Machtapparat des Regimes jedoch im Zerfall begriffen war, kamen Offiziere und Zivilisten zum Zuge, die im hereinbrechenden Chaos zu retten suchten, was noch zu retten war. Aufgrund der Materialien des Friedberger Stadtarchivs hat Herfried Münkler diese Ereignisse minutiös rekonstruiert. Aus Akten und Erinnerungen steigen gespenstische Szenen auf. Während die Bevölkerung die Vorräte des Heeresproviantamts plündert, sitzen die meisten Offiziere wie gelähmt in ihrem Gefechtsstand und betrinken sich im Bewusstsein, dass fünfeinhalb Jahre Krieg sinnlos und vergeblich waren. Und während sich die Bevölkerung aller belastenden Requisiten in der Nacht zu erledigen sucht, setzen ein paar Fanatiker immer noch Hoffnung in die versprochenen Wunderwaffen …

Herfried Münkler, geb. 1951 in Friedberg, Studium der Germanistik, Politikwissenschaft und Philosophie in Frankfurt am Main. 1981 Promotion über Machiavelli (EVA, 1982), Habilitation 1987. Seit 1992 Inhaber des Lehrstuhls für Theorie der Politik an der Humboldt-Universität zu Berlin. Zahlreiche Publikationen, u.a. »Über den Krieg« (2002), »Die neuen Kriege« (2002), »Imperien« (2005), »Der Wandel des Krieges. Von der Symmetrie zur Asymmetrie« (2006), »Die Deutschen und ihre Mythen« (2008), »Mitte und Maß. Der Kampf um die richtige Ordnung« (2010), »Der Große Krieg. Die Welt 1914 bis 1918« (2013).

HERFRIED MÜNKLER

Machtzerfall

Die letzten Tage des Dritten Reiches

dargestellt am Beispiel

der hessischen Kreisstadt Friedberg

E-Book (EPUB)

Erstausgabe Print: © EVA Europäische Verlagsanstalt, Hamburg 2005/ergänzte Ausgabe 2015

Alle Rechte vorbehalten.

CEP Europäische Verlagsanstalt GmbH, Hamburg

EPUB: ISBN 978-3-86393-614-3

Informationen zu unserem Verlagsprogramm finden Sie im Internet unter www.europaeischeverlagsanstalt.de

Inhalt

Editorial zur Neuausgabe

Vorwort zur Neuauflage 2005

Vorwort

Ortsverteidigung

Bombenkrieg und Propaganda

Hauptmann Henrich

Sabotage der Verteidigung

Das Scheitern des Kapitulationsversuchs

Die Plünderung des Proviantamts

Der neue Kampfkommandant

Die Kapitulation

Der amerikanische Einmarsch

Belagerungszustand

Besatzungsalltag

»Liederliche Dirnen«

Zeittafel

Quellenverzeichnis

Editorial zur Neuausgabe

Dieses Buch ist vor dreißig Jahren geschrieben worden. Es ist dennoch nicht veraltet, weder in methodischer Hinsicht noch im Hinblick auf seine Fragestellung und die ihr zugrunde gelegten Hypothesen. Andererseits könnte dieses Buch heute nicht mehr so geschrieben werden, wie es vorliegt, da die meisten Zeitzeugen, die in den 1980er Jahren noch zur Verfügung standen und bei gezielten Nachfragen über ein insgesamt gutes Erinnerungsvermögen verfügten, nicht mehr am Leben sind. Die vier Jahrzehnte, die zwischen den beschriebenen Ereignissen in Friedberg und der Wetterau sowie ihrer damaligen Rekonstruktion und Darstellung lagen, waren der optimale Abstand: hinreichend, um die erforderliche Distanz zu haben, und nahe genug, um auf das Erinnerungsvermögen der Augenzeugen sowie einiger am Gang der Ereignisse aktiv Beteiligten zurückgreifen zu können.

Die frühen 1980er Jahre waren eine Hochzeit der oral history, der Wertschätzung mündlicher Erinnerung. Die Rekonstruktion der Kampfhandlungen in und um Friedberg, eines ersten gescheiterten Übergabeversuchs und der schließlich erfolgten Kapitulation war freilich nicht allein auf nachträgliche Befragungen und Interviews angewiesen, sondern es existierten Aufzeichnungen, die schon bald nach den fraglichen Ereignissen angefertigt worden waren. Dokumente und spätere Erinnerung konnten sich dadurch wechselseitig ergänzen und korrigieren. Zugleich war während der 1980er Jahre ein Interesse an der Lokalgeschichte entstanden, in der das große Geschehen durch das Brennglas kleiner, für den Ausgang des Gesamtgeschehens unbedeutender Orte betrachtet und beschrieben wurde. Was hier sichtbar wurde, war nicht die dämonische Faszination des NS-Regimes mit seinen nächtlichen Fackelzügen, seinen großen Aufmärschen und glänzenden Paraden, etwa in München, Nürnberg und Berlin, die wenige Jahre später in den späteren Fernsehdokumentationen das Bild des nationalsozialistischen Regimes in Deutschland prägen sollten, sondern die kleinstädtische Banalität dieses Regimes, der die große Kulisse abging und in der darum viele Gesten und Reden grotesk und lächerlich erscheinen.

Freilich es gab auch in Friedberg, etwa in der Mitte zwischen Frankfurt und Gießen gelegen, fanatische Nazis, vor allem aber viele, die mitliefen und mittaten, so lange das für sie opportun war und sie sich auf der stärkeren Seite wähnten. In der Zeitspanne zwischen Anfang Januar und Ende März 1945, als die Stadt dann von US-Truppen eingenommen wurde, änderte sich dies, und Risse im Gefüge der Macht wurden sichtbar, bevor das ganze Gebäude schließlich in sich zusammenbrach. Diesen inneren Auflösungsprozess vor dem Zusammensturz wollte ich analysieren und beschreiben, und darauf bezieht sich auch der Buchtitel Machtzerfall. Dieser Prozess des Machtzerfalls zog sich über mehrere Monate hin; er begann mit den Selbstzweifeln der Offiziere in der Garnison, ob sie wirklich eine entschlossene Verteidigung der Stadt organisieren oder sich vielleicht doch auf eine schnelle Kapitulation vorbereiten sollten, und ging bis zur Zivilbevölkerung, die zunächst keine aktive Rolle im Geschehen spielte, sich offenbar aber von der Vorstellung eines Kampfes bis zum Untergang verabschiedet hatte, wie sich dann nicht nur im Heraushängen von Bettlaken als »weißen Fahnen« zeigte, sondern vor allem auch in der Plünderung des Proviantamts, eines staatlichen Lagers für Lebensmittel.

Beides, weiße Fahnen wie Plünderungen staatlicher Bestände durch die deutsche Bevölkerung, war im Westen, wo man es mit den Amerikanern zu tun hatte, eigentlich nichts Besonderes: Fast überall wurden weiße Fahnen gehisst und Vorräte geplündert, um sich auf »die Zeit danach« vorzubereiten. Melvin J. Laski, der im frühen April 1945 als Historiker der US-Armee nach Deutschland kam und sich über einige Woche im südhessischen Raum aufhielt, hat das in seinen kürzlich erschienenen Erinnerungen (Und alles war still. Deutsches Tagebuch 1945, Berlin 2014) eingehend beschrieben. Auch James Stern, der sich im Frühjahr und Sommer 1945 in Bad Nauheim, Darmstadt und Frankfurt aufgehalten hat, weiß ähnliches zu berichten (Die unsichtbaren Trümmer. Eine Reise im besetzten Deutschland, Frankfurt am Main 2004). Im hiesigen Fall ist es darüber hinaus möglich, den Zerfall der inneren Bindung an das Regime, die Erosion des Glaubens an Hitler, in allmählichem Fortschreiten zu beobachten und die Plünderung des Proviantamts als einen gleichsam kathartischen Vorgang zu beschreiben: in ihm löste sich mit einem Schlag die nationalsozialistische »Volksgemeinschaft« auf und verwandelte sich zurück in eine Menge von ihrem Eigeninteresse verpflichteten Einzelpersonen. So steht im Zentrum des Buches die These von der für einen kurzen Augenblick ausgelebten Anomie als psychologischem Wendepunkt in der inneren Einstellung vieler Menschen: Durch die Plünderung öffentlicher Vorräte wurden aus Personen, die den Zerfall des Regimes zu ertragen und hinzunehmen hatten, solche, die diesen Zerfall aktiv vorantrieben und ihn – freilich nur im kleinen und als solchen auch nicht beabsichtigt – vorantrieben.

Während es in Friedberg nach einigen Kampfhandlungen zur raschen Kapitulation kam, durchzogen abziehende SS-Verbände Wetterau und Vogelsberg und machten Jagd auf Personen, die sie der Desertation beschuldigten, oder ermordeten diejenigen, die nach offizieller Lesart des Regimes als »fremdrassig« galten. Michael Keller hat die am 26. März 1945 erfolgte Ermordung von 87 Personen, Gestapo-Häftlingen sowie einer größeren Gruppe russischer Fremdarbeiterinnen, in Hirzenhain, etwa dreißig Kilometer von Friedberg entfernt, detailliert rekonstruiert (»Die Sache mit den Russenweibern ist erledigt«, Friedberg 2000). Solche Einheiten waren während des Rückzugs der Wehrmachtsverbände überall unterwegs, und die beiden Kampfkommandanten Friedbergs, die eine schnelle Kapitulation der zur »Ortsverteidigung« vorgesehenen Stadt erwogen, wenn nicht gar planten, mussten jederzeit mit dem Eingreifen solcher Einheiten rechnen. Bei der Beurteilung ihres Handelns, das aus heutiger Sicht manchem als eher zögerlich und unentschlossen erscheinen mag, ist dies in Rechnung zu stellen. Was sich im Rückblick als das Naheliegende, ja Selbstverständliche ausnimmt, war es damals keineswegs, sondern die handelnden Personen mussten sich zu einem solchen Entschluss buchstäblich »durchringen«. Es war und ist ein Anliegen dieses Buches, diesen Prozess der Entscheidung und Entschlussfassung nachvollziehbar zu machen. Dass das Buch Machtzerfall dreißig Jahre nach seinem ersten Erscheinen nun in einer neuen Auflage der Hessischen Landeszentrale für Politische Bildung erneut erscheint, ist für mich eine Freude und Ehre zugleich.

Berlin, November 2014 Herfried Münkler

Vorwort zur Neuauflage

Als ich Anfang der 1980er Jahre damit begann, das Kriegsende in meiner Heimatstadt Friedberg zu erforschen, war noch umstritten, ob das Ende des Zweiten Weltkriegs für die Deutschen vor allem eine Niederlage oder doch eher die Befreiung gewesen sei. Zwar hatte das sogenannte Wirtschaftswunder die meisten, mit denen ich damals Interviews über die Ereignisse des Jahres 1945 führte, zu einer prinzipiellen Anerkennung der Nachkriegsordnung gebracht, doch diese Anerkennung bestand gelegentlich nur aus einem dünnen Firnis, der sich seit Ende der 1950er Jahre gebildet hatte, als der Lebensstandard in Deutschland den der Vorkriegszeit und noch der ersten Kriegsjahre zu übertreffen begann. Der Rückblick auf die Ereignisse im Winter und Frühjahr 1945 war bei vielen der befragten Zeitzeugen noch von der Erinnerung an getötete Angehörige geprägt, und wenn es sich bei diesen um Kinder handelte, die bei amerikanischen Bombenangriffen auf Friedberg getötet worden waren, so war für die Betroffenen nichts ferner liegend als die Vorstellung einer Befreiung. Das hat sich mit dem Generationenwechsel, der seitdem stattgefunden hat, grundlegend geändert. Während des Vierteljahrhunderts, das seit Beginn meiner damaligen Recherchen vergangen ist, hat die Bezeichnung des Kriegsendes als Befreiung weithin Akzeptanz gefunden.

Für die offizielle politische Kultur der Bundesrepublik hat die große Rede des damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker am 8. Mai 1985 eine tiefgreifende Veränderung bewirkt: In ihrem Gefolge wurde die Niederlage als Befreiung anerkannt, und damit kam es zu einer Selbstanerkennung der Bundesrepublik Deutschland, mit der auch deren Status als politisches Provisorium im Bewußtsein der Mehrheit ihrer Bürger schwand. Die Formel der politischen Selbstanerkennung, die auch über den Zusammenbruch der DDR im Herbst 1989 hinweg für das vereinigte Deutschland Bedeutung behielt, lautet: Weil die Deutschen sich nicht selbst zu befreien vermocht hatten, mußten sie von anderen befreit werden, und das ging nur auf dem Weg über die militärische Niederlage. Das ist eine geschichtspolitische Konstruktion, die den Gang der deutschen Geschichte retrospektiv in eine Ordnung bringt, mit der es sich individuell wie kollektiv leben läßt, auch wenn klar ist, daß die Alliierten den Krieg nicht geführt haben, um die Deutschen von ihrem »Führer« zu befreien, ja, daß sie diesen Krieg nicht einmal geführt haben, um die Opfer der Deutschen zu befreien. Die Befreiung der Deutschen und der von ihnen Unterjochten war ein nichtintendierter Nebeneffekt des Kriegsausgangs, der um so stärker ins Zentrum der geschichtspolitisch angeleiteten Erinnerung trat, je länger das Kriegsende zurücklag. Auf diese Weise wurden individuelles wie kollektives Ressentiment allmählich getilgt. In den zwanzig Jahren, die seit der Erstveröffentlichung des Machtzerfalls inzwischen vergangen sind, ist der Zweite Weltkrieg endgültig Geschichte geworden.

Wie wichtig und zugleich schwierig die Überwindung von aus Niederlagen erwachsenen Ressentiments ist, zeigt der vergleichende Blick auf Ereignisse unserer Tage: Die politische Führung der USA hatte gehofft, einen politischen Regimewechsel im Irak in ähnlicher Weise militärisch erzwingen zu können, wie ihr dies im Zweiten Weltkrieg in Deutschland und Japan gelungen war. Und sie glaubte, allen Grund zu dieser Annahme zu haben, war doch von vornherein klar, daß dies infolge der waffentechnischen Entwicklungen inzwischen mit viel weniger Opfern geschehen würde – sowohl an eigenen Soldaten als auch auf seiten der zu befreienden Zivilbevölkerung. Diese amerikanischen Erwartungen haben sich jedoch sehr schnell als Illusion erwiesen. Die Gründe dafür müssen hier nicht geklärt werden, aber gerade die vielfache Apostrophierung der Befreiung Deutschlands und Japans als Modell für die Befreiung des Iraks hat die Ereignisse im Winter und Frühjahr 1945 in einer Weise politisch aktuell werden lassen, wie man es sich vordem kaum hätte vorstellen können.

Tatsächlich gab es, wie auch die Lektüre dieses Buches deutlich macht, zunächst eine bemerkenswerte Reihe von Analogien und Übereinstimmungen. Ohne daß damit Hitler und Saddam gleichgesetzt werden sollen, beginnen diese Ähnlichkeiten damit, daß die vor der Niederlage Stehenden ein nach innen wie außen grausames, ohne jeden Zweifel verbrecherisches Regime getragen haben, das seine Nachbarn zuvor mit Krieg überzogen und gegen Teile der eigenen Bevölkerung ein brutales Gewaltregime errichtet hatte. Und sie reichen bis zu den Plünderungen, die in Deutschland wie im Irak im Augenblick des Machtzerfalls der alten Ordnung stattgefunden haben. Aber damit enden sie dann auch: Während nämlich die Plünderungen in Deutschland, wie hier ausführlich beschrieben wird, eine innere Verabschiedung der Beteiligten von der alten Ordnung, ein Dementi von Ehre und Opferbereitschaft und der Beginn einer neuen Sorge um sich selbst waren, haben nach allem, was wir darüber wissen, die Plünderungen im Irak dazu gedient, einem Teil der korrupten Elite des alten Regimes die materiellen Ressourcen zu verschaffen, die ihm auch nach dem Machtverlust ermöglichen sollten, das gewohnt aufwendige Leben weiterzuführen. Vergleichbares hat es im übrigen auch in Deutschland gegeben, nur daß hier die Funktionäre und Amtsträger des alten Regimes in aller Stille versucht haben, ihren zu nicht unerheblichen Teilen zusammengeraubten Besitz in Sicherheit zu bringen. Es waren also zweierlei Typen von Plünderung, die in Deutschland und im Irak nach dem Zusammenbruch des alten Regimes stattfanden, und deswegen war es auch ein Fehler der politischen und militärischen Führung der USA, im Irak ähnlich zu reagieren, wie sie dies in Deutschland im Frühjahr 1945 getan hatte: Während es in Deutschland sinnvoll gewesen war, die Plünderungen für einige Zeit hinzunehmen und nicht dagegen einzuschreiten, war dies im Irak ein verheerender politischer Fehler.

Der erste große Unterschied zwischen dem von den USA analogisierten Kriegsende in Deutschland und im Irak war jedoch der erstaunliche Fortbestand der administrativen Infrastruktur in Deutschland, während sich im Irak die alte Verwaltung innerhalb kürzester Zeit auflöste. Der amerikanische Stadtkommandant in Friedberg etwa hatte sein Amt gerade angetreten, als sich die Leiter der deutschen Behörden, vom Finanzamt bis zum Wasserwirtschaftsamt, bei ihm meldeten, um zu erfragen, ob und wie sie ihre Tätigkeit wieder aufnehmen sollten. Und selbst die deutsche Polizei versah wenige Tage nach Übergabe der Stadt wieder ihren Dienst – wenn zunächst auch ohne Schußwaffen. Der ordnungslose Zustand hatte nur wenige Tage, eigentlich nur ein paar Stunden gedauert. All dies war im Irak völlig anders.

Bevor daraus jedoch falsche Schlußfolgerungen hinsichtlich eines geordneten und nach den Regeln zivilisierter Kriegführung erfolgenden Kriegsendes in Deutschland im März und April 1945 gezogen werden, ist es erforderlich, den Blick auf Vorgänge zu werfen, die sich nahezu zeitgleich mit der weitgehend kampflosen Übergabe der Kreisstadt Friedberg in dem etwa dreißig Kilometer entfernten Städtchen Hirzenhain vollzogen: Hier verübte ein SS-Kommando einen Massenmord an vorwiegend osteuropäischen Zwangsarbeiterinnen, die sich dort in Gestapo-Haft befanden. In der Nacht vom 25. auf den 26. März wurden 81 Frauen und 6 Männer erschossen und in einem Massengrab verscharrt, das sie tags zuvor selbst ausgehoben hatten. Michael Keller hat die Vor- und Nachgeschichte dieses Massenmords in seinem Buch »Das mit den Russenweibern ist erledigt« (Friedberg/ Hessen 2000) minutiös aufgearbeitet. Erst wenn man die Ereignisse während der letzten Märztage 1945 in Friedberg und in Hirzenhain zusammennimmt, bekommt man ein umfassendes Bild vom Kriegsende in der Gegend zwischen Taunus und Vogelsberg nördlich von Frankfurt am Main.

Auch in Friedberg hat es überzeugte Nazis und fanatische Durchhaltekämpfer gegeben, nur daß sie hier nicht zum Zuge kamen. Das freilich hat mehrfach auf Messers Schneide gestanden. Ich habe, als ich vor zwanzig Jahren diese Vorgänge geschildert habe, versucht, das Exemplarische der Ereignisse deutlich werden zu lassen. An vielen Orten dürfte sich im Frühjahr 1945 ähnliches zugetragen haben, und man wird davon ausgehen können, daß nicht nur die Entscheidungsabläufe, sondern auch die Abwägungsprozesse in den Köpfen der Beteiligten ähnlich abgelaufen sind. Das war es auch, was mich beim Zusammentragen des Materials und schließlich bei der Niederschrift des Buches weit über das Interesse an einem Stück Geschichte meiner Heimatstadt hinaus beschäftigt hat: das Exemplarische der Vorgänge, bei denen, gleichsam wie in der Dramaturgie eines Schauspiels, unterschiedliche Charaktere in verschiedenen Rollen auftreten, Entscheidungen treffen oder in Nichtentscheidungen verharren und sich im nachhinein bemühen, die Folgen ihres Tuns und Unterlassens vor sich und anderen zu rechtfertigen.

Bei alledem hat die in den 1970er/80er Jahren dann so wichtig gewordene Frage, ob es sich um Niederlage oder Befreiung gehandelt habe, keine Rolle gespielt. Ich habe darum als Bezeichnung für das Rekonstruierte den Begriff »Machtzerfall« gewählt. Machtzerfall bleibt gegenüber den geschichtspolitisch eindeutigen Begriffen von Niederlage oder Befreiung in der Schwebe. Aber das genau war es, was ich aus dem Puzzle der unterschiedlichen Quellen rekonstruieren konnte: einen sich mit großer Geschwindigkeit vollziehenden Verfall nicht bloß der äußeren Machtstrukturen, sondern auch der inneren Bindung an diese Macht. Manche, die wenige Tage zuvor noch bereit gewesen waren, für den »Führer«, für Deutschland oder für das, was sie als ihre Aufgabe oder Ehre erachteten, zu sterben, wollten nun nichts als leben. Die Voraussetzung dafür aber war das Überleben jenes Augenblicks, in dem die Front das zur Ortsverteidigung vorgesehene Städtchen erreichte und sich entschied, ob es zur kampflosen Übergabe kam oder ob sich Kampfhandlungen entwickelten, die einen massiven amerikanischen Luftangriff zur Folge gehabt hätten. Die Stunden, in denen sich dies entschied, stehen im Mittelpunkt des Buches.

Nach Veröffentlichung des Buches im März 1985 haben sich einige Zeitzeugen bei mir gemeldet und ihren von mir nicht hinreichend gewürdigten Anteil am letztlich glimpflichen Ausgang der Ereignisse herauszustellen versucht. Darunter waren manche, die ich im Verlaufe meiner Recherchen angeschrieben und von denen ich zunächst keine Antwort erhalten hatte. Zeitweilig reproduzierten sich in der Recherche Konstellationen, wie sie auch während der zu recherchierenden Ereignisse vorgeherrscht hatten. Bei der Beantwortung meiner Fragen konnte ich drei Gruppen ausmachen: diejenigen, die mir antworteten und weiterführende Hinweise gaben; diejenigen, die »die ganze Fragerei« ablehnten oder doch mit Mißtrauen beobachteten und mir nach Kräften Schwierigkeiten bereiteten (bis hin zur fortgesetzten Drohung mit Strafanzeigen); und schließlich jene, die nur beobachteten, was sich da tat, und abwarteten, was als Ergebnis meiner Recherchen herauskommen und wie das Buch aufgenommen werden würde. Als dieses dann eine überaus freundliche und zustimmende Aufnahme fand, nicht nur bei den Rezensenten überregionaler Fachzeitschriften, sondern auch in Friedberg selbst, wollten die Letztgenannten natürlich dabeigewesen sein, und einige gaben mir zu verstehen, daß meine Darstellung schon darum unzutreffend sei, weil ihr eigener Anteil am Gang der Dinge darin nicht hinreichend gewürdigt worden sei.

Ich bin in den Monaten nach dem Erscheinen des Buches noch einmal allen Hinweisen und Anfragen nachgegangen, die womöglich hier und da zu einer anderen Akzentsetzung in der Darstellung hätten führen können. Dabei bin ich zu dem Ergebnis gelangt, daß ich auch im Wissen um die nachträglich eingegangenen Hinweise und Informationen zu demselben Ergebnis gelangt wäre. Deswegen kann das Buch nunmehr auch ohne jede inhaltliche oder formale Veränderung wieder aufgelegt werden. Bei den nach Erscheinen des Buches bei mir eingegangenen Hinweisen handelte es sich nämlich nicht um Informationen, die den äußeren Gang der Ereignisse betrafen, sondern um Einschätzungen des Handelns von Personen: Hatte Hauptmann Henrich, der erste Kampfkommandant der Stadt, tatsächlich von langer Hand eine kampflose Übergabe der Stadt vorbereitet oder hatte er bloß im nachhinein sein eher kopfloses Agieren beim Eintreffen der amerikanischen Panzerspitze als wohlbedachten Kapitulationsversuch dargestellt? Wer war an der Durchfahrt des amerikanischen Jeeps zum Gefechtsstand der deutschen Kampfkommandanten beteiligt bzw. hatte diese Fahrt ermöglicht? Und so weiter.

All dies waren Fragen, die bei der Niederschrift des Buches im Mittelpunkt meiner Überlegungen gestanden hatten. Diese Fragen ließen sich, das war mir schon bald klar geworden, nicht mit letzter Sicherheit entscheiden. Plausibilitätserwägungen und Einschätzungen mußten hier letztlich an die Stelle sicheren Faktenwissens treten. Ich hatte vor und während der Niederschrift diese Erwägungen und Einschätzungen mehrfach mit Zeitzeugen besprochen, Alternativen erwogen und war schließlich zu dem Ergebnis gelangt, daß sich die Vorgänge so, wie ich sie beschrieb, entwickelt haben mußten. Daran hat sich auch aus heutiger Sicht nichts geändert.

Was sich dagegen verändert hat, ist nicht nur die allgemeine Wahrnehmung und politische Beurteilung des Kriegsendes in Deutschland, sondern auch das verfügbare Wissen über den Verlauf des amerikanischen Vorstoßes, den Zerfall der deutschen Wehrmacht und die ersten Monate des alliierten Besatzungsregimes. Zu nennen ist zunächst das umfangreiche Buch von Klaus-Dietmar Henke, Die amerikanische Besetzung Deutschlands (München 1985), das auf über tausend Seiten das Kriegsende im Westen Deutschlands untersucht. Wer sich, angeregt durch die Lektüre des Machtzerfalls, einen umfassenden Überblick verschaffen und den hier behandelten regionalen Ausschnitt in einen größeren Rahmen stellen will, sei auf diese Arbeit verwiesen. Ein noch breiteres Bild, nämlich das Europas in der Zeit von 1944 bis 1948, zeichnet der von Ulrich Herbert und Axel Schildt herausgegebene Sammelband Kriegsende in Europa. Vom Beginn des deutschen Machtzerfalls bis zur Stabilisierung der Nachkriegsordnung 1944–1948 (Essen 1998). Und schließlich ist noch der im Auftrag des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes von Hans-Erich Volkmann herausgegebene Band Ende des Dritten Reiches – Ende des Zweiten Weltkriegs (München/Zürich 1995) zu nennen. Vergleichbare Arbeiten waren Anfang der 1980er Jahre, als ich mit den Recherchen zum Kriegsende in Friedberg begann, nicht verfügbar. Insofern haben sich seitdem nicht nur die politische Einschätzung, sondern auch die wissenschaftliche Erkenntnis um das Kriegsende 1945 verändert.

Zur Wissens- und Einstellungsveränderung dürften mikrohistorische Arbeiten nicht nur den Anstoß, sondern auch entscheidende Beiträge geliefert haben. Was auf der makrohistorischen Ebene Geschichte ist, die uns gleichsam als Schicksal, also gegeben und unverfügbar, gegenübertritt, stellt sich bei der Betrachtung der Ereignisse im lokalen Rahmen gänzlich anders dar: Hier können wir das Handeln von Einzelpersonen beobachten, die Voraussetzungen und Folgen von Entscheidungen betrachten und uns vorstellen, was eingetreten wäre, wenn diese oder jene Entscheidung anders gefallen wäre. Hier werden Verantwortung und Verantwortlichkeit von in der Befehlskette relativ weit unten stehender Personen sichtbar. Das Ensemble der dramatis personae bleibt überschaubar, der Ort des Geschehens verändert sich nicht, und es gibt so etwas wie einen durchgängigen Handlungsstrang mit Anfang und Ende. Das sind, wenn man so will, die drei Einheitsforderungen der aristotelischen Dramentheorie, die Einheit von Ort, Zeit und Handlung. Mikrohistorische Studien unterliegen darum immer der Gefahr einer Dramatisierung des Geschehens, die eher literarische als wissenschaftliche Qualität hat. Ich bin mir bei der Niederschrift des Machtzerfalls dieser Suggestionen bewußt gewesen und habe mich von ihnen soweit wie möglich freizuhalten versucht. Ob mir dies gelungen ist, muß einmal mehr der Leser beurteilen.

Berlin, Dezember 2004 Herfried Münkler

Vorwort

Seit mehreren Jahren gibt es ein wachsendes Interesse, den Nationalsozialismus auch lokalhistorisch aufzuarbeiten. Dabei ist jene Normalität und Banalität des Systems sichtbar geworden, in der nicht fanfarenumrahmte Staatsaktionen und Parteiaufmärsche, sondern das Sammeln von Bucheckern, nicht Sondermeldungen, sondern die Aufrufe zum Verzehr von Eintopf einmal pro Woche das Bild des Regimes bestimmen. Hier fand sich der Bodensatz, auf dem die nationalsozialistische Herrschaft hatte errichtet werden können. Hier wurden die Wasserträger des Systems vorgeführt, die Blockwarte und Blockwartshelfer, ohne deren Bereitschaft und Einsatzwillen das System nicht hätte funktionieren können.

Und doch wollte nach 1945 kaum einer von ihnen gewußt haben, welchem Regime er gedient hatte. Dabei ist sicherlich viel an Verdrängungen, Entschuldigungen und Schutzbehauptungen mit im Spiel, aber ein Körnchen Wahrheit ist wohl auch daran: Aus der Perspektive derer, die den Nationalsozialismus »vor Ort« erfahren hatten, stellte er sich völlig anders dar als in den Augen derer, die die Türen zu den Lagern und Geheimarchiven öffneten. Woran sich die meisten der Befragten heute spontan erinnern, ist jene Alltäglichkeit des Nationalsozialismus, die zu seiner Herrschaft freilich ebenso gehört wie die Vernichtungslager und der Krieg. Tatsächlich hat der Nationalsozialismus »vor Ort« ein anderes Aussehen, als die Darstellung auf Grundlage seiner Proklamationen und Protokolle, seiner Taten und Untaten erwarten läßt. Das gilt auch für sein Ende: Es wurde nicht zur Götterdämmerung, in der die Welt in Blitz und Donner unterging, sondern es war ein langsamer, schleichender Machtzerfall.

Bei der Sicherung dieser Spuren stellte sich eine Reihe von Problemen: Viele Augenzeugen waren bereits verstorben, bei anderen hatte das Erinnerungsvermögen stark nachgelassen, und schließlich war die Erinnerung häufig überlagert durch das, was sich seitdem ereignet hatte: Wiederaufbau, Wirtschaftswunder und Wiederaufrüstung. Ein und dasselbe Ereignis wurde während der Nazizeit oder kurz danach ganz anders erinnert als fünf Jahre später und wieder anders als dreißig bis vierzig Jahre danach.

Das vorliegende Buch gründet freilich nicht allein auf den Möglichkeiten der oral history, der Einvernahme von Augenzeugen, sondern es bedient sich ihrer nur als einer Quelle. Zunächst stützt es sich auf deutsche und amerikanische Zeitungen und Zeitschriften, soweit diese über die Vorgänge berichten, die sich im Frühjahr 1945 in der hessischen Kreisstadt Friedberg und ihrer Umgebung abgespielt haben. Vor allem aber beruht es auf den schriftlichen Berichten deutscher Soldaten und Zivilisten, die teilweise unmittelbar unter dem Eindruck der dargestellten Ereignisse, in der Regel aber Ende der vierziger, Anfang der fünfziger Jahre abgefaßt wurden. Die Befragung von Augenzeugen zu den Artikeln und Berichten sollte nicht nur die Kenntnis über die Vorgänge im Frühjahr 1945 in Friedberg vervollständigen, sondern eröffnete auch die Möglichkeit, unterschiedliche Ebenen der Erinnerung miteinander zu vergleichen und so ansatzweise etwas von der Verarbeitung des Nationalsozialismus und seines Zusammenbruchs in den Blick zu bekommen.

Die lokalhistorisch orientierten Untersuchungen zum Nationalsozialismus haben sich bisher fast ausschließlich auf dessen Aufstieg konzentriert, seinen Zusammenbruch dagegen weitgehend vernachlässigt. Dem Jahr 1933 vor allem galt das Interesse, auch noch der Zeit bis 1939, weniger den Kriegsjahren und kaum dem militärischen und politischen Ende des Regimes. Und doch ist das Jahr 1945 für eine lokal- wie regionalhistorische Aufarbeitung des Nationalsozialismus nicht weniger interessant als das Jahr 1933, tritt doch hier eine ganze Reihe von Problemen und Fragen wieder hervor, die mit dem Aufstieg des Nationalsozialismus zur Macht verbunden sind: Der Anziehungskraft, die die NSDAP vor und nach 1933 auf Menschen ganz unterschiedlicher sozialer und politischer Herkunft ausgeübt hatte, entspricht nun die Distanzierung von der Partei, bei den einen früher, bei den anderen später. Die NSDAP zerfällt wieder in die Bestandteile, aus denen sie vor und nach 1933 amalgamiert worden ist.

Wie hat sich dieser Prozeß des Machtzerfalls abgespielt? War alles nur eine Machtfrage, etwa derart, daß man sich den Nazis anschloß, als sie im Aufstieg waren, und wieder absprang, als es bergab ging? War der Massenzulauf zur NSDAP nach den Reichstagswahlen im März 1933 nur eine Frage des Opportunismus oder der sozialen und wirtschaftlichen Ängste, wobei man nicht so genau darauf sah, wem man sich hier anschloß? Bei manchen war dies sicherlich der Fall, aber doch nicht bei allen. Viele fühlten sich auch von den Parolen angesprochen, von der Idee der Volksgemeinschaft etwa, von der Überwindung des Klassenkampfes oder von dem Versprechen, im Schoße des Deutschen Reiches Schutz und Geborgenheit zu finden. Das Ende erhellt hier den Anfang; die Motive, aus denen sich 1945 viele von der NSDAP distanzierten, werfen ein Licht auf die Gründe, aus denen sie sich zwölf Jahre zuvor der Partei angeschlossen hatten. Wie so oft ist auch hier der Machtzerfall ein Schlüssel zum Verständnis des Machterwerbs.

Das gilt in ähnlicher Weise für die Wehrmacht, deren Einheiten im Frühjahr 1945 wieder in die Bestandteile zerfielen, aus denen sie in den zurückliegenden Monaten und Jahren zusammengeschweißt worden waren. Verschiedentlich wurden jetzt Orden gegen Zigaretten getauscht, und die Uniform wurde heimlich abgelegt, um der Kriegsgefangenschaft zu entgehen. Die Einheitlichkeit des Militärischen löste sich auf, und die Unterschiedlichkeit der Individuen trat wieder zutage. Auch das war eine Form des Machtzerfalls.

Was sonst bei der Darstellung von zwölf Jahren nationalsozialistischer Herrschaft auseinanderfällt, kommt im Frühjahr 1945 zusammen: die Kriegsereignisse und die Funktionsweise des Regimes draußen und drinnen. Das Besondere des Frühjahrs 1945 ist, daß Front und Heimat jetzt eins werden und die verschiedenen Arme des Regimes auf engstem Raum ineinandergreifen. Wehrmacht, Partei, Bevölkerung – sie sind hier weder durch große Entfernungen noch durch unterschiedliche Aufgaben voneinander getrennt, sondern alle sitzen gewissermaßen im gleichen Boot. Auch die Parteiführer haben jetzt militärische Aufgaben übernommen, und die bisher noch nicht eingezogene männliche Bevölkerung ist zum Volkssturm einberufen worden. Doch gerade der Moment größter Vereinheitlichung schlägt um in den völligen Zerfall. Auch darin ist das Frühjahr 1945 paradigmatisch für die nationalsozialistische Herrschaft.

Wenn die Ereignisse des Frühjahrs 1945 vieles aus den Jahren vorher verständlich werden lassen, können sie dann vielleicht auch Aufschluß geben über die Zeit danach? Oder anders gefragt: Läßt sich vom Zusammenbruch des Nationalsozialismus her erklären, warum plötzlich so viele, die zuvor dafür empfänglich waren, nun nichts mehr damit zu tun haben wollten? Auf der Ebene des Reichs, von Hitler bis Himmler, von Goebbels bis Göring, kam das Verhalten der Parteigrößen einer Pervertierung ihrer Parolen und Appelle gleich. Das begann damit, daß die Lüge verbreitet wurde, Hitler sei an der Spitze der Truppen im Kampf gegen den Bolschewismus gefallen. Noch deutlicher zeigt sich der Widerspruch zwischen Realität und Propaganda auf der regionalen und lokalen Ebene, wo viele Gau- und Kreisleiter, die eben noch markige Durchhalteparolen ausgegeben hatten, bei Annäherung des Feindes flohen beziehungsweise desertierten. Das Verhalten der örtlichen Parteigrößen, so meine ich, hat entscheidend zur Desillusionierung der Bevölkerung und damit zur »Entnazifizierung« beigetragen.

Das Ende des nationalsozialistischen Regimes ist so gesehen nicht nur die Folge seiner militärischen Zerschlagung, sondern auch das Ergebnis eines inneren Machtzerfalls, der sich noch vor dem Einmarsch der Alliierten in das jeweilige Gebiet im Zusammenbruch der Institutionen und Hierarchien, aber auch in den Verhaltensweisen der Menschen aufzeigen läßt. Zuerst verlor das Regime seine Faszination, dann seinen Schrecken. Als Weltanschauung war der Nationalsozialismus aus den Köpfen der meisten verschwunden, bevor noch die offizielle Entnazifizierung begann.

Mit der zumindest in der Vorstellung schwindenden Präsenz des Regimes wurde vielen plötzlich klar, was sie an Opfern gebracht hatten: unbezahlte Arbeitsstunden, Teile des Vermögens, Gesundheit, körperliche Unversehrtheit und nicht zuletzt das Leben von Angehörigen. Sich dieser Opfer als Opfer bewußt zu werden zwang jetzt, da der Rausch verflog, zur Entscheidung: Entweder waren die Opfer zu groß und das, wofür sie gebracht worden waren, war sie nicht wert, zumindest nicht wert, daß weitere und noch größere Opfer gebracht wurden, oder man klammerte sich um so fester an das zerfallende System, weil man sich die Sinnlosigkeit und Vergeblichkeit des Ganzen nicht eingestehen wollte, nicht eingestehen konnte.

Um dergleichen Bewußtwerdungen auf die Spur zu kommen, muß man sich zunächst auf die Perspektive der Beteiligten einlassen. Steht von vornherein fest, daß alles, was sie damals dachten und taten, moralisch schlecht und politisch unvernünftig war, dann ist es weder überraschend noch bemerkenswert, wenn sie schließlich zu Einsicht und Vernunft kamen. Unter solchen Prämissen hat der Sinneswandel alle Dramatik verloren, er ist selbstverständlich und seit langem überfällig, und wo er ausbleibt, kann man nur noch Dummheit konstatieren. Man muß sich aber auf die Ängste und Hoffnungen, die Erwartungen und Befürchtungen der Beteiligten selber einlassen, wenn man nachvollziehen und verstehen will, wie schwer oder leicht ihnen das Festhalten am Regime, die Distanzierung oder gar der Widerstand gefallen sind.

Eine reine sozialwissenschaftliche Analyse, die den Wandel der Strukturen über härtere oder weichere Daten zu erfassen sucht, etwa über die Quote der Desertionen aus der Truppe, über die Anzahl der gefallenen und verwundeten Soldaten pro Woche und Einheit oder über die Selbstmordrate unter der Zivilbevölkerung beim Einmarsch des Feindes, wird dies nicht leisten können. Sie mag statistisch mehr oder weniger präzise alle sozialwissenschaftlich relevanten Vorgänge für eine bestimmte Gegend und einen begrenzten Zeitraum festhalten, aber sie erfaßt das Handeln der Menschen doch nur von außen.

Demgegenüber muß der Versuch, die Handlungen und Entscheidungen der Beteiligten aus deren Motiven heraus zu verstehen, den Anspruch auf Vollständigkeit und Belegbarkeit aller Aussagen aufgeben; die eigentlichen Ziele sind dann Repräsentativität und Plausibilität. »Vielleicht«, »möglicherweise«, »allem Anschein nach«, »es steht zu vermuten« sind im vorliegenden Buch deshalb mehr als nur seitenfüllende Floskeln. Sie zeigen an, wo die Quellen des Verfassers versiegen und die Spekulation beginnt. Der Begriff der Spekulation wird von Historikern in der Regel pejorativ gebraucht: Er dient dazu, kritisch anzumerken, daß es sich hier um Aussagen handelt, die, mehr von der Subjektivität des Verfassers als von der Objektivität des Materials bestimmt, nicht in jeder Hinsicht abgesichert und eigentlich keine qualifizierten wissenschaftlichen Aussagen sind. Was man quellenmäßig nicht exakt belegen kann, davon muß man schweigen!

Die Folge ist, daß viele Untersuchungen dort enden, wo es eigentlich erst interessant wird. Nicht daß der Kampfkommandant von Friedberg die Verteidigung der Stadt für sinnlos hielt, ist aufregend, sondern warum er sie für sinnlos hielt. Nicht daß einer seiner Offiziere mit angelegter Maschinenpistole ihn an der Einwilligung in die Kapitulation hindern wollte, ist das Interessante, sondern warum er es tat. Eine Untersuchung, die auch den inneren Machtzerfall des nationalsozialistischen Systems zum Gegenstand hat, die schwindende Faszination und den schwindenden Schrecken des Regimes, wird vor spekulativen Aussagen nicht haltmachen können. Natürlich hat keiner der Offiziere in seinem Bericht zugegeben, daß er Angst hatte, aber es ist ganz unwahrscheinlich, daß wirklich keiner Angst gehabt haben sollte. Wo es um die Frage geht, ob der Kampf gegen einen übermächtigen Gegner aufgenommen oder ob kapituliert wird, muß auch über Angst gesprochen werden dürfen. Und natürlich hat 1983 keiner gesagt, er habe damals weiterkämpfen wollen, weil es ihm um Orden und Beförderungen gegangen sei, aber es steht außer Frage, daß dies bei denen, die kämpfen wollten, eine Rolle gespielt hat. Erschwerend kommt hinzu, daß die vorliegenden Berichte ausschließlich von denen stammen, die in irgendeiner Weise den Ablauf der Ereignisse beeinflußt haben, während diejenigen, die dem Geschehen nur ausgesetzt waren, keine Berichte geschrieben haben und sich 1983, als einige von ihnen befragt wurden, an Einzelheiten nur dunkel erinnern konnten.

Im Mittelpunkt des Buches stehen die Ereignisse, die sich im Frühjahr 1945 in Friedberg abgespielt haben. Aber es wird nicht nur der Ablauf der Ereignisse berichtet, sondern auch versucht, diese Ereignisse zu analysieren und die Motive der Handelnden zu ergründen. Dementsprechend werden Darstellung, Reflexion und Spekulation ineinander verschränkt. Der Ablauf der Ereignisse wird immer wieder angehalten, um das Berichtete noch einmal zu durchdringen: Inwieweit sind die Ereignisse charakteristisch, die Motive der Handelnden repräsentativ? Es wird versucht, das Typische herauszufiltern und festzuhalten, aber es wird auch deutlich gemacht, was sich nur unter diesen Umständen und nur so abspielen konnte, wie es sich eben im Frühjahr 1945 in Friedberg abgespielt hat. Durch die Ereignisse hindurch wird das Muster sichtbar, nach dem der Machtzerfall in vielen Städten des Deutschen Reichs damals stattgefunden hat.

Die Ereignisse, die sich im Frühjahr 1945 in Friedberg zugetragen haben, sind in mehreren Etappen rekonstruiert worden. Auf der Basis des im Friedberger Stadtarchiv vorhandenen Materials habe ich im April 1983 in der Wetterauer Zeitung, der Lokalpresse für den Kreis, eine dreiteilige Artikelserie veröffentlicht. Dabei habe ich mich auf die Darstellung der militärischen Ereignisse in Friedberg im März 1945 beschränkt. Diese Artikelserie war als Anstoß für diejenigen gedacht, die Weiteres berichten konnten. Tatsächlich trafen neue Informationen, Hinweise und Anregungen ein. Damit kam mir sicherlich zustatten, daß ich in Friedberg groß geworden bin und auch hier wohne. So erhielt ich manche Informationen, an die ein »Fremder« kaum gelangt wäre. Was sich auf den ersten Blick als Manko ausnehmen mag, daß ich die beschriebenen Ereignisse nicht selbst erlebt habe – ich wurde erst sechs Jahre später geboren –, stellte sich als ein Vorteil heraus: Ich fragte nämlich auch nach dem, was den Augenzeugen so selbstverständlich war, daß sie es von sich aus nicht der Erwähnung für wert hielten, aber in ihrem Erstaunen, daß dies für den Historiker interessant sein könnte, erinnerten sie sich längst entschwundener »Belanglosigkeiten«.*

Daß das Bild von der Ereignissen im Frühjahr 1945, von den Hoffnungen und Befürchtungen der Menschen immer dichter und farbiger wurde, dazu haben viele beigetragen: Zunächst ist Wilhelm Hans Braun zu nennen, der viele im Frühjahr 1945 in Friedberg eingesetzte Offiziere dazu veranlaßt hat, über ihre Erlebnisse zu berichten. Von 1949 bis 1953 hat er den Grundstock des Materials zusammengetragen, auf dem die Darstellung beruht. Mein Dank gilt weiterhin Michael Keller, dem Leiter des Wetterau-Museums und des Friedberger Stadtarchivs, der mir jederzeit den Zugang zu den Dokumenten ermöglicht, und Gertrud Thomas, die mir im Stadtarchiv bei der Suche nach weiterem Material geholfen hat. Mein Dank gilt den zahlreichen Gesprächspartnern, die in Interviews und Briefen geduldig meine Fragen beantwortet haben, Hinweise gaben, erzählten und oft mit Mühe sich das längst Vergessene wieder in die Erinnerung zurückriefen. Mein Dank gilt nicht zuletzt der Gemeinnützigen Stiftung der Kreissparkasse Friedberg, die meine Arbeit durch ein großzügiges Stipendium gefördert hat. Zu danken habe ich ferner all denen, die sich die Zeit genommen und die Mühe gemacht haben, das Manuskript in den verschiedenen Stadien seiner Entstehung zu lesen und zu kritisieren. Mein akademischer Lehrer Iring Fetscher und mein Vater Friedrich Münkler sind hier vor allen zu nennen. Sylva Stein, die das Manuskript getippt hat, war eine aufmerksame und kritische Leserin. Dank schulde ich auch den Teilnehmern der Tagung über »Politische Kulturforschung«, die von der Deutschen Vereinigung für Politische Wissenschaft Anfang April 1984 in Tutzing veranstaltet wurde und auf der ich meine Thesen zur Diskussion stellen konnte. Vor allem aber gilt mein Dank meiner Frau Marina Münkler, mit der ich die Ereignisse und die Motive der Beteiligten immer wieder besprochen und diskutiert habe. Ohne ihren kritischen Einspruch und ihre aufmunternde Hilfe wäre das Buch nicht entstanden. Ihr ist es gewidmet.

Friedberg, September 1984

*Auf der Grundlage der stark erweiterten Materialsammlung verfasste ich den Aufsatz »Friedberg im März 1945«, der in dem Band Von Schwarz-Weiß-Rot zum Hakenkreuz. Studien zur nationalsozialistischen Machtergreifung, zur Judenverfolgung und zum politisch-militärischen Zusammenbruch in Friedberg erschienen ist.

Ortsverteidigung

Ende Januar 1945 begann sich die militärische Lage des Deutschen Reichs dramatisch zu verschlechtern. Erstmals seit den napoleonischen Kriegen drangen kämpfende Truppen auf deutschen Boden vor, hatten die Kämpfe, im Osten wie im Westen, auf Reichsgebiet übergegriffen. Der Krieg, den Hitler der Welt aufgezwungen hatte, kehrte zu seinem Ursprungsort zurück.

Am 22. Januar, zehn Tage nach dem Beginn der sowjetischen Großoffensive in Ostpreußen und an der Weichsel, wurde im ganzen Reich und so auch in der oberhessischen Garnison Friedberg der Alarmplan »Gneisenau« ausgelöst. Die letzten Reserven des Reichs sollten mobilisiert werden, um die ins Wanken geratene Front zu stabilisieren. Stufe 1 des Alarmplans sah vor, neue Einheiten aufzustellen und der Front zuzuführen; Stufe 2, die in Friedberg Mitte März ausgelöst wurde, befahl die Einigelung und Ortsverteidigung der Stadt. Am 7. Februar, gut zwei Wochen nach Aufruf der 1. Alarmstufe, war Hauptmann Fred Henrich zum Kampfkommandanten von Friedberg bestimmt worden. Er hatte den Befehl, die Stadt »bis zum Äußersten« zu verteidigen.

Der Alarmplan »Gneisenau« sollte nicht nur materielle Reserven freisetzen, er sollte auch einen Mythos beschwören: die gemeinsame Verteidigung Kolbergs im Jahre 1807 durch den Soldaten Gneisenau und den Bürger Nettelbeck, die Einheit von Heer und Volk in der Abwehr des äußeren Feindes. »Gneisenau«, das sollte heißen: Widerstand auch unter dem Eindruck der Niederlagen, damit zuletzt doch noch der »End-Sieg« errungen würde.

Die Einheit von Heer und Volk war die letzte Hoffnung des nationalsozialistischen Regimes. Das Volk sollte dem Heer den Rücken stärken, damit sich 1918 nicht wiederhole. Daß 1918 der »Dolchstoß« der Heimat die Deutschen um den Sieg gebracht habe, hatten in der Weimarer Republik viele geglaubt. Wenn dem so war, dann kam jetzt alles auf die Heimat an.

Mitte Januar hielten SA-Standartenführer Riecke und NS-Kreisleiter Fleischhauer in Friedberg einen »Appell des Volkssturms« ab. Dabei hat Riecke, wie die Gießener Zeitung am 26. Januar berichtete, »alle Volkssturmmänner ermahnt, nach dem leuchtenden Vorbild unserer Helden an den Fronten unermüdlich an der eigenen körperlichen und weltanschaulichen Vervollkommnung zu arbeiten«. Danach appellierte Kreisleiter Fleischhauer an die Anwesenden, »stets eingedenk zu sein, daß das deutsche Volk gerade in ernsten Stunden sich stets seiner wahren Kraft bewußt wurde«. Fleischhauer schloß den Appell mit dem Hinweis, »daß alle Männer des Deutschen Volkssturmes stahlhart ihren Dienst versehen müßten, damit den vor den Toren des Reiches stehenden Feinden zum Bewußtsein kommt, daß das ganze Deutschland entschlossen ist, sein Leben bis zum letzten Mann zu verteidigen«.

»Du Volk, steh auf, und Sturm, brich los«, hatte Josef Goebbels, Minister für Volksaufklärung und Propaganda, ausgerufen. Den Volksempfängern, Volkswagen und Volkskühlschränken, mit denen das Dritte Reich seine Popularität bei den Volksgenossen gepflegt hatte, folgte nun die Rechnung: Volksgrenadierdivision, Volksmaschinenpistole, Volkssturm. Alte und Junge, Greise und Kinder sollten ihren im Heer kämpfenden Söhnen und Vätern zu Hilfe kommen. So stellte das Regime es dar. Nach über fünf Jahren Krieg, so versprach Goebbels, werde nun die Entscheidung fallen: an der Heimatfront.

Auch in der Garnisonsstadt Friedberg wurden nun alle fronttauglichen Soldaten aus ihren Ausbildungs- und Genesendenkompanien herausgezogen. Kranke wurden gesundgeschrieben, Rüstungsreklamierte eingezogen, Rückstellungen aufgehoben. Zwei Tage nach Aufruf des Alarmplans war die »Kampfgruppe Reineck« marschbereit. Bei starkem Schneetreiben wurde sie im Friedberger Bahnhof in einen Zug verladen, der sie an die – inzwischen gar nicht mehr so ferne – Ostfront bringen sollte.


Von den Amerikanern im Herbst 1944 abgeworfenes Flugblatt.

Für die Zivilbevölkerung in Friedberg hatte die Stufe 1 des Alarmplans »Gneisenau« zunächst keine einschneidenden Auswirkungen. Betroffen waren diejenigen, die zum 1. Aufgebot des Volkssturms gehörten, das für den überörtlichen Einsatz vorgesehen war. Dies waren alle kriegsverwendungsfähigen Männer der Jahrgänge 1884 bis 1924, die bislang als »unabkömmlich«, u.k., gegolten hatten, nun aber anscheinend doch »ohne Gefährdung lebenswichtiger Funktionen in Produktion und Verwaltung« aufgeboten werden konnten. Sie wurden zu einem der beiden »Volkssturmbataillone z.b.V. Hessen« einberufen. In Friedberg wurde die »Kampfgruppe Reineck« aufgestellt. »Dr. G.R. nach dem Osten in Marsch gesetzt«, notierte der Friedberger Gymnasiallehrer Ferdinand Dreher am 25. Januar in seinem Kriegstagebuch. Die meisten der an die Ostfront kommandierten Volkssturmmänner des Kreises Friedberg sind gefallen.

In Friedberg und Umgebung hatte sich seit Mitte Januar eine schwere Diphtherieepidemie ausgebreitet, und so kam zu der Angst um die eingezogenen Verwandten und Bekannten für viele noch die Sorge um die erkrankten Kinder. Dazu ständiger Luftalarm. Immer häufiger mußte man die Nächte im Keller verbringen. Auch die Versorgung mit Lebensmitteln hatte sich seit dem Sommer 1944 deutlich verschlechtert. Da Medikamente allmählich knapp wurden, konnten viele nur noch unzureichend behandelt werden. Vor allem Kinder sind an der Diphtherie gestorben. Die Epidemie zog sich von Mitte Januar bis Anfang März hin. Ältere Friedberger berichten, sie hätten sich an den Herbst 1918 erinnert gefühlt, als eine schwere Grippewelle in der Stadt viele Todesopfer gefordert habe. Damals sei ja auch Krieg gewesen …

Eine im nachhinein vorgenommene Parallelisierung von 1918 und 1945? Oder haben die Betreffenden schon zu Beginn des Jahres 1945 diese Parallele gesehen, Ausdruck ihrer Opposition zu dem offiziellen Bemühen, jede derartige Gleichsetzung zu unterbinden? Und wenn sie eine Parallele gesehen haben, haben sie dann nur an die epidemische Verbreitung der Krankheit gedacht oder weiter, an die bevorstehende Niederlage Deutschlands? Waren sie gar »abergläubisch« und sahen eine Verbindung zwischen Krieg und Seuche? So viel wird man sagen können: Kaum einer in Friedberg hat das Jahr 1945 so erlebt, wie es sich später in seinem Gedächtnis festgesetzt hat: als Neubeginn. Für die meisten bedeutete dieses Jahr eine weitere Steigerung der Angst, dann den Zusammenbruch des Reichs, für das man all die Opfer gebracht hatte, und schließlich die Sorge um den Lebensunterhalt.

Friedberg liegt auf einem leicht aus der Ebene aufsteigenden Basaltrükken am Rande der Wetterau, etwa in der Mitte zwischen Gießen und Frankfurt. Zwei Faktoren haben die Geschichte der Stadt bestimmt: die verkehrsgünstige Lage und die politisch und verwaltungstechnisch herausgehobene Stellung in einer der fruchtbarsten Landschaften Deutschlands. Bereits die Römer hatten, um ihre Eroberungen in Germanien zu sichern, auf der strategisch wichtigen Erhebung ein Kastell errichtet. Anfang des 13. Jahrhunderts wurde Friedberg erstmals urkundlich erwähnt, zunächst nur die Burg, wenige Jahre darauf auch die Stadt. Es dürfte eine staufische Doppelgründung gewesen sein.

Nach einer kurzen wirtschaftlichen Blüte ging es mit der Stadt Ende des 14. Jahrhunderts bergab. Formell blieb Friedberg zwar weiterhin Freie Reichsstadt, de facto aber wurde sie von der Burg beherrscht, die immer stärker in die städtischen Angelegenheiten eingriff. 1803 beziehungsweise 1806 endete die politische Selbständigkeit von Stadt und Burg; beide wurden der Landgrafschaft, dem späteren Großherzogtum Hessen, einverleibt. Friedberg wurde Kreisstadt, Verwaltungszentrum des südlichsten Kreises der Provinz Oberhessen. Am Ende der Weimarer Republik hatte der Kreis etwa 100000 Einwohner, von denen knapp ein Zehntel in der Kreisstadt wohnte.

Beamte, Handwerker, Kaufleute dominierten, und fast alle waren evangelisch; dazu kamen einige Arbeiter der im Osten der Stadt gelegenen Zuckerrübenfabrik und eine Reihe von Bahnbediensteten. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts war Friedberg Eisenbahnknotenpunkt an der Main-Weser-Bahn: Hier waren die Strecken von Nidda, Hungen, Hanau und Bad Homburg an die Bahnlinie Frankfurt–Kassel angeschlossen.

In der großen Wirtschaftskrise nach 1929 lag die Arbeitslosigkeit im Kreis Friedberg immer unterhalb des Reichsdurchschnitts. Die weltwirtschaftlichen Faktoren schlugen auf die mittelständische Wirtschaft nicht so stark durch wie auf die Großindustrie. Dafür gab es in der Wetterau seit Ende der Kaiserzeit einen starken Antisemitismus, der für die Parolen der NSDAP empfänglich machte. Das Klima gegenüber den jüdischen Mitbürgern war keineswegs so liberal, wie dies später gern behauptet wurde. Mehrere Faktoren spielten dabei eine Rolle: Sowohl in Friedberg selbst als auch im benachbarten Kurort Bad Nauheim bestanden größere jüdische Gemeinden mit eigenen Synagogen. Die jüdische Gemeinde in Friedberg war fast so alt wie die Stadt selbst. In beiden Städten lag der Anteil deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens klar über dem Reichsdurchschnitt. 1933 lebten in Friedberg über 300 Juden, die mehr als 50 Geschäfte und gewerbliche Unternehmungen betrieben, darunter die meisten der größeren Geschäfte. 1942 gab es in Friedberg keine Juden mehr; sie hatten entweder rechtzeitig emigrieren können, oder sie waren deportiert worden.

Seine eigentlichen Wurzeln hatte der Antisemitismus im Kreis Friedberg vor allem jedoch in den klein- und mittelbäuerlichen Familienbetrieben der Wetterau, die fast alle hoch verschuldet waren. Die Parolen gegen das »jüdische Kapital« fielen hier auf fruchtbaren Boden. Die Agitatoren kamen zumeist aus Friedberg, doch städtische Hochburg des Nationalsozialismus im Kreisgebiet war Bad Nauheim, ein Eldorado pensionierter Offiziere, wo die Nazis schon zu Beginn der dreißiger Jahre die absolute Mehrheit errungen hatten.

Am 15. November 1931, bei der Wahl zum Hessischen Landtag, war die NSDAP im Kreisgebiet zur stärksten Partei geworden und hatte die bis dahin führende SPD klar überflügelt. Die SA-Standarte 222 Friedberg-Büdingen bestand jetzt aus 800 Mitgliedern. Auch das protestantische Bürgertum in Friedberg hatte überwiegend braun gewählt. Wie überall in Deutschland hatte die NSDAP Stimmen vor allem aus dem Lager der bürgerlichen Parteien gewonnen, die fast völlig verschwanden. Außerdem war es ihr in hohem Maße gelungen, bisherige Nichtwähler zu mobilisieren. Die Dörfer im Osten von Friedberg, Schwalheim, Dorheim, Bauernheim und Ossenheim, wählten allerdings bis zuletzt »rot«, das Dorf Ockstadt im Westen wählte überwiegend das Zentrum.

Von einigen Ausnahmen abgesehen, waren die Friedberger Bürger keine fanatischen Nazis, aber sie zeigten sich empfänglich für die neuen Parolen – allen voran die Lehrerschaft und die protestantischen Pfarrer. Einer der beiden Pfarrer trat schon 1931 auf NS-Heimatabenden auf, und der andere wurde nach Hitlers Ernennung zum Reichskanzler schnell Parteigenosse. Noch am Abend des 30. Januar hatte der nationalsozialistische Landtagsabgeordnete des Kreises, der im Frühjahr 1933 zum hessischen Staatspräsidenten ernannte Dr. Ferdinand Werner, auf dem Landratsamt in Friedberg die Hakenkreuzfahne gehißt. Auf die Frage eines Beamten, auf wessen Weisung hin dies erfolge, antwortete er, Genehmigungen seien hier nicht mehr erforderlich. Am gleichen Abend veranstaltete die SA einen Fackelzug durch die Stadt.

Im Frühjahr 1938 wurde Friedberg wieder Garnisonsstadt: Am 17. April traf das I. Bataillon des gerade aufgestellten Infanterieregiments 36 ein und bezog die im Süden der Stadt neu gebaute Wartturmkaserne. Schon zweimal war Friedberg Garnisonsstadt gewesen, von 1803 bis 1870, dann wieder von 1913 bis 1918, als hier das III. Bataillon des Infanterieregiments 168 stationiert war – zunächst in den Gebäuden des Alten Bahnhofs und einem angemieteten Hofgut, ab Frühjahr 1914 in der neu errichteten Bergkaserne. Gemäß den Bestimmungen des Versailler Vertrages hatte die Friedberger Garnison nach dem Ersten Weltkrieg geräumt werden müssen. Die Grenze der entmilitarisierten Zone verlief mitten durch die Stadt. Daß man jetzt keine Soldaten mehr habe, war einer der Hauptpunkte in der konservativen, nationalistischen und völkischen Agitation gegen das »Schanddiktat von Versailles«: Die Friedberger hingen an »ihren« Soldaten.

Im Frühjahr 1938 war die Garnison also wieder da. Mit klingendem Spiel zogen die vier Kompanien des I. Bataillons, die Kompanie Infanteriegeschütze und die Panzerabwehrkompanie in Friedberg ein, vornweg zu Pferd der Regimentsstab. Das II. Bataillon und das Ersatzbataillon des Regiments bezogen Quartier in Butzbach, einem kleinen Industriestädtchen etwa zwölf Kilometer nördlich. Am 1. Oktober 1937 war das Infanterieregiment in Gießen neu aufgestellt worden; andere Einheiten hatten Offiziere und Unteroffiziere als Stammannschaften abtreten müssen. Die »Stämme« des Stabs und des I. Bataillons in Friedberg kamen aus Sachsen und Oberbayern, die Rekruten aus Hessen.

Bei Kriegsbeginn wurde aus dem in Butzbach stationierten II. Bataillon und dem Ersatzbataillon des Regiments das Infanterieregiment 471 aufgestellt, während Stab und I. Bataillon in Friedberg den Stamm für das neu formierte IR 36 stellten. Während des Zweiten Weltkriegs bildete das Infanterieregiment 36 zusammen mit dem IR 116 und dem IR 57 (Siegen) die 9. Infanteriedivision, im August 1944 ist das Regiment in Rumänien nahezu aufgerieben und danach aufgelöst worden. Aus seinen Resten wurde im November 1944 in Dänemark das Grenadierregiment 36 aufgestellt. Nach den schweren Verlusten, die das Regiment im Januar 1945 an der Westfront erlitt, wurde es Anfang Februar aus dem Verband der 9. Volksgrenadier-Division herausgelöst und in den Friedensstandort Friedberg zurückverlegt. Dort sollte es zum dritten Mal neu aufgestellt werden; vorerst unterstanden die Reste des Regiments unmittelbar dem OB West, Generalfeldmarschall Kesselring.

Anfang 1945 kehrten auch die beiden Stammkompanien des Grenadier-Ersatz- und Ausbildungsbataillons 36 zurück, die nach mehreren Bombenangriffen auf Friedberg nach Hanau verlegt worden waren. Die Hessen-Homburg-Kaserne in Hanau, das zeitweilige Quartier, war bei einem schweren Bombenangriff vollkommen zerstört worden. Wegen der ständigen Luftangriffe auf Friedberg war es freilich nicht ratsam, zu viele Soldaten in der Wartturmkaserne unterzubringen, die ein ideales Ziel für amerikanische Jagdbomber war. So wurden die meisten Soldaten kompanie- oder zugweise in Privatquartiere der umliegenden Wetteraudörfer verlegt. Das galt auch für die Genesendenkompanie des Regiments und für die beiden Ausbildungskompanien. Dazu kam noch die 4. Kompanie des ungarischen Honved-Regiments 88, die etwa 130 Rekruten stark war. Die Ausbildungseinheiten lagen in Rodheim, Ober- und Nieder-Rosbach.

Per Erlaß hatte Hitler am 18. Oktober 1944 angeordnet: »Es ist in allen Gauen des Großdeutschen Reiches aus allen waffenfähigen Männern im Alter von 16 bis 60 Jahren der Deutsche Volkssturm zu bilden. Er wird den Heimatboden mit allen Waffen und Mitteln verteidigen, soweit sie dafür geeignet erscheinen. (…) Die Angehörigen des deutschen Volkssturmes sind während ihres Einsatzes Soldaten im Sinne des Wehrgesetzes.«

Das aus dem Gebiet des Landkreises zusammengezogene Volkssturmbataillon bestand vor allem aus den Angehörigen des 2. Volkssturmaufgebots. Das waren alle Männer der Jahrgänge 1884 bis 1924, die bis zur Annäherung der gegnerischen Truppen als unabkömmlich galten. Im Unterschied zu dem 1. Aufgebot, das Ende Januar 1945 an die Ostfront kommandiert worden war, konnte das 2. Aufgebot darum nur im Kreisgebiet selbst eingesetzt werden. Hinzu kam das 3. Aufgebot, bestehend aus den Männern und Jungen der Jahrgänge 1925 bis 1928, die keinen Wehrdienst leisteten. Als am 5. März 1945 der Jahrgang 1928 zur Wehrmacht eingezogen wurde, wurde die Volkssturmpflicht auf den Jahrgang 1929 ausgedehnt: Fünfzehnjährige Hitlerjungen mußten nun zum Volkssturm antreten. Das 4. Aufgebot schließlich umfaßte alle, die zu einem bewaffneten Einsatz eigentlich nicht in der Lage waren: die Schwerbeschädigten beider Kriege. Kommandeur des Friedberger Volkssturmbataillons war Kreisstabsführer Riecke.

Die »fanatische Kampfentschlossenheit«, von der die nationalsozialistische Propaganda seit Monaten sprach, scheint nur bei wenigen Angehörigen des Friedberger Volkssturms vorhanden gewesen zu sein. Offensichtlich war eine Reihe von Schwerversehrten nicht davon begeistert, wieder in einen militärischen Verband zurückkehren zu müssen. Am 12. und 13. Februar hieß es in der Gießener Zeitung, in der nach der Einstellung der Friedberger Lokalpresse im Sommer 1943 die Nachrichten für Kreis und Stadt veröffentlicht wurden: »In den verschiedenen Gemeinden des Kreises Friedberg gibt es immer noch einige Volksgenossen, die sich nicht bei ihrer zuständigen Ortsgruppe zum Dienst im deutschen Volkssturm gemeldet haben bzw. durch die Ortsgruppen noch nicht erfaßt sind. Die Kreisstabsführung macht noch einmal darauf aufmerksam, daß auch die Volksgenossen, die schwerkriegsbeschädigt oder seitens der Wehrmacht ausgemustert sind (im Besitz des rosa Ausmusterungsscheines), sowie auch alle in die Gemeinden umquartierten oder beruflich verlagerten Volksgenossen dort meldepflichtig sind. Letzter Meldetermin ist der 15. Februar. Nichtmeldung bedeutet Schwächung der Wehrkraft der Nation und wird, wie der Kreisstabsführer hervorhebt, entsprechend bestraft.«

Kriegsbegeisterung zeigte sich, folgt man wiederum der Gießener Zeitung, bei einigen Hitlerjungen. »Tapfere Jugend des Kreises Friedberg« war am 14. März ein Artikel überschrieben, dessen Hintergrund allerdings eher makaber anmutet: Kreisstabsführer Riecke, der Kommandeur des Volkssturmbataillons, wollte eine Meldung nach Bad Nauheim übermitteln. Anstatt zu telephonieren, ließ er sie durch Melder überbringen; offensichtlich hielt er das für militärischer. Aus einem unsinnigen Befehl hat der Schriftleiter der Zeitung ein Exempel für Heldenmut konstruiert: »In einer HJ-Dienststelle. Telephonanruf: Es wird sofort ein freiwilliger Melder benötigt. Kurze Zeit später tritt bereits der Hitlerjunge Heinz Klotzeck zum Befehlsempfang an. Er ist nicht allein gekommen. Sein Kamerad Helmut Michel erbietet sich, ihn zu begleiten. Ob beide wohl ahnen, wie schwer die Ausführung des Auftrags werden wird.« – Daß SA-Sturmbannführer Riecke, um sich wichtig zu machen, die beiden durch ein Gelände schickte, in dem tagsüber ständig mit Tieffliegern zu rechnen war, konnte der Redakteur natürlich nicht schreiben. Er verallgemeinert und fährt fort:

»Sie wissen wohl, daß die Feinde überall darauf lauern, wehrloses deutsches Menschenleben zu vernichten. Hart und einsatzfreudig besteigen beide ihr Fahrzeug, das sie nach B. bringen soll. Kurze Zeit danach: Achtung! Feindliche Tiefflieger! Das Fahrzeug in den Graben und sich selbst in Deckung werfen war Gebot. Doch die Jungen wurden von den Feinden bereits gesichtet. Sie scheinen ein lohnendes Ziel für die amerikanischen Luftgangster zu sein. Sechsmal fliegen sie an, sechsmal sprühen sie Feuergarben auf die Wehrlosen. Beide werden schwer verwundet.«

Der Verfasser des Berichts kann sich nicht entscheiden: War es ein wichtiger militärischer Auftrag, den die beiden »hart und einsatzfreudig« ausführten, dann handelte es sich bei dem Angriff der amerikanischen Flugzeuge um eine Kampfhandlung und nicht um ein neuerliches Verbrechen der »Luftgangster«; waren es wehrlose Jungen, dann ist das Heldenpathos fehl am Platz. Mitleid und Durchhaltewille, Wehrlosigkeit und Heldentum werden zu propagandistischen Zwecken geschickt ineinander verwoben: »Des Wegs kommende Soldaten finden sie und sorgen für schnelle Hilfe. Für den Hitlerjungen Michel kam ärztliche Hilfe zu spät, obwohl sich viele Blutspender freiwillig zur Verfügung stellten. Er opferte sein junges Leben für Deutschland. Die erste Frage seines überlebenden Kameraden Klotzeck nach seiner Einlieferung in das Krankenhaus war: Was macht mein Kamerad – ist die Meldung geborgen? So kämpfen und, wenn es sein muß, sterben junge deutsche Helden. Beide wurden zur Kriegsauszeichnung eingereicht.«

Zahlenmäßig waren es auf den ersten Blick bedeutende Streitkräfte, die dem designierten Kampfkommandanten von Friedberg zur Verfügung standen. Doch nur auf dem Papier. Schwere Waffen waren überhaupt nicht vorhanden, wenn man von einigen Flieger-Abwehrkanonen absieht, die zum Schutze des Bahnhofs gegen Jagdbomberangriffe aufgestellt worden waren. Außerdem war damit zu rechnen, daß alle einigermaßen intakten Verbände bei einer weiteren Zuspitzung der Lage an die Front abkommandiert würden, etwa am 6. März, als die Amerikaner ihren Druck auf die deutschen Linien in der Eifel verstärkten. Die dadurch entstandenen Lücken, so wurde dem Kampfkommandanten versprochen, könnten durch Übernahme von Genesenden aus den Bad Nauheimer Lazaretten leicht geschlossen werden. In den Krankenhäusern, Kliniken und Kurheimen von Bad Nauheim lagen nahezu 6000 Verwundete, von denen man bei Annäherung der Amerikaner einige hundert in Marsch setzen konnte.


Was dem Friedberger Kampfkommandanten tatsächlich zur Verfügung stand, waren mehrere Ausbildungskompanien, zunächst freilich nur deren Stammannschaft, da die Rekruten des Jahrgangs 1928 erst Anfang März eingezogen wurden, einige aus Leichtverwundeten und Genesenden zusammengewürfelte Kompanien und das Volkssturmbataillon – also durchweg Einheiten, deren Einsatzfähigkeit äußerst beschränkt war. Daß eine aussichtsreiche Verteidigung Friedbergs damit ausgeschlossen war, scheint auch denjenigen klar gewesen zu sein, die die Ortsverteidigung befohlen hatten. Ihre Überlegungen gingen dahin, die zurückgehenden Fronttruppen in die Stellungen um die Stadt einzugliedern. Auch dann würde man die Stadt nicht länger als ein paar Tage halten können. Einige Zeit jedoch, so die Absicht, sollten amerikanische Kräfte gebunden, ihr Vorstoß abgeschwächt und verlangsamt werden. Ob dies alles noch irgendeinen Sinn hatte, ob es nicht vielmehr nur ein sinnloses Hinauszögern der endgültigen Niederlage war, wurde nicht gefragt.

In dem »Führerbefehl Nr. 11« vom 8. März 1944, der die Aufgaben von »Kommandanten der festen Plätze und Kampfkommandanten« festlegte, hatte Hitler die Einsetzung »besonders energischer und krisenbewährter Offiziere« verlangt. So fiel die Wahl auf Hauptmann Henrich, der die größte Fronterfahrung von allen besaß, und nicht auf einen der ranghöheren Standortoffiziere, die die Kriegsjahre überwiegend in der Garnison verbracht hatten. Als der Erlaß ausgegeben wurde, war noch recht genau unterschieden worden zwischen dem »Kommandanten eines festen Platzes« und dem »Kampfkommandanten«, der einen »Ortsstützpunkt« zu verteidigen hatte: Der Kommandant eines festen Platzes hatte die Aufgaben eines Festungskommandanten und sollte die ihm anvertrauten Stellungen auch nach ihrer Einschließung verteidigen, während der Ortsstützpunkt als Eckpfeiler einer durchgehenden Front begriffen wurde. Als sich die militärische Lage Mitte 1944 dramatisch verschlechterte, wurde diese Unterscheidung immer stärker relativiert. So wurden 1945 Kommandanten fester Plätze als Kampfkommandanten bezeichnet, und diesen wurden Aufgaben übertragen, die eigentlich jenen zugedacht waren. Die präzise militärische Aufgabenstellung trat hinter der Forderung nach einer »Verteidigung bis zum Äußersten« zurück. Seitdem militärische Aktionen kaum noch sinnvoll begründet werden konnten, kam es nur noch auf den Kampf an – »bis zum Äußersten«.

Genau dies wurde auch von den Kampfkommandanten von Friedberg erwartet. Die Pläne zur Ortsverteidigung, die Henrich am 7. Februar gleichzeitig mit seiner Bestimmung zum Kampfkommandanten übergeben wurden, sahen vor, die Stadt wie eine Festung zu verteidigen. Nur, Friedberg war längst keine Festung mehr. Die Stadtmauern, insofern sie überhaupt noch standen, stammten aus dem späten Mittelalter, aus einer Zeit, als es noch nicht einmal Geschütze gab. Die Friedberger hatten die Nutzlosigkeit ihrer Mauern bereits während des Dreißigjährigen Krieges erkannt und auf jeglichen Widerstand gegen durchziehende Heerhaufen von vornherein verzichtet. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatte man dann, um die Stadt in südliche Richtung erweitern zu können, große Teile der alten Stadtmauer abgetragen.

Auch die Befestigungsanlagen der Burg, ihre Gräben und Mauern hatten angesichts der kriegstechnischen Entwicklung nur noch musealen Wert, was freilich die Planer der Ortsverteidigung nicht daran hinderte, die Burg als den Ort des letzten Widerstandes vorzusehen. Zehn Tage nach Henrichs Bestimmung fand eine erste Besprechung mit dem Kommandeur der Sicherungsdivision Marburg, General von Uckermann, statt. Er könne sich sehr gut vorstellen, erklärte der ältere Herr, »daß hinter den starken Burgmauern der letzte Widerstand stattfinden würde«. Hauptmann Henrich stand diesen Vorstellungen skeptisch gegenüber. Während Uckermanns Ausführungen, so erinnerte er sich später, habe er sich »im Geiste in das graue Mittelalter zurückversetzt« gefühlt, »da die Zwingermauern, die Schießscharten und das Bohlentor noch ihren Zweck erfüllten und Amerika noch nicht entdeckt war«. Unbestreitbar war, daß die Eroberung der Burg für jeden Angreifer verlustreich würde. Fest stand aber auch, daß Friedberg danach nur noch ein Trümmerhaufen wäre.

Im einzelnen sahen die Pläne zur Ortsverteidigung vor: Übernahme der Befehlsgewalt über alle in Friedberg befindlichen Einheiten, Behörden, Dienststellen sowie Militär- und Zivilpersonen durch den Kampfkommandanten; Anlage von Verteidigungsstellungen in einem weiten Kreis um die Stadt zur Eingliederung der Fronttruppe; Anlage eines inneren Verteidigungsgürtels durch Ausbau und Befestigung der Häuser zu Widerstandsnestern; Sperrung der Stadtausgänge; Anlage von Panzersperren; Einsatz der Bürgermeister des Landkreises zur Feinderkundung und Nachrichtenübermittlung nach entsprechender Schulung; Einsatz des Volkssturmes; Bildung eines Standgerichts; bewaffnete Feindaufklärung; Eingliederung der Fronttruppe in die Ortsverteidigung; Sprengung der Verkehrsadern wie Bahnanlagen, Brücken und Viadukte; schließlich Ablehnung eines jeden Angebots zur freiwilligen Übergabe und Verteidigung der Stadt »bis zum Äußersten«. In der Burg sollte die Ortsverteidigung dann im »Kampf bis zum letzten Mann« ihr heroisches Ende finden.

Die relative Verteidigungsfähigkeit der Stadt hing von zwei Voraussetzungen ab: zunächst von der Eingliederung stärkerer Fronttruppen in die Ortsverteidigung. Damit würden möglicherweise auch schwere Waffen nach Friedberg gelangen, auf jeden Fall aber würden dem Kommandanten dann kampferfahrene Truppen zur Verfügung stehen. Noch wichtiger waren wohl die Sperrung der Straßen und die Sprengung der Brücken, die dem Gegner die schnelle Annäherung erschweren sollten; alle natürlichen Hindernisse mußten für die Verteidigung nutzbar gemacht werden.

Auf Hauptmann Henrich kamen allerdings mehr Aufgaben zu als allein die Vorbereitung der Ortsverteidigung. In Friedberg befanden sich über hundert Frauen ungarischer Offiziere mitsamt ihren Kindern, die Anfang Januar bei Annäherung der Roten Armee aus Ungarn evakuiert worden waren. Viele waren schwanger, einige standen unmittelbar vor der Niederkunft. Infolge einer Fehlleitung der Reichsbahn war der Transport der ungarischen Offiziersfrauen nach Friedberg dirigiert und dort ausgeladen worden. Im »Haus des Handwerks« hatte man sie notdürftig unterbringen können. Henrich ließ Lebensmittel und Kinderwäsche beschaffen; die ständige Forderung der ungarischen Frauen nach Offiziersburschen aber konnte er nicht erfüllen.

Erheblich größere Probleme bereitete Henrich der Alarmplan »Wellensittich«. Dabei ging es um den Schutz des Frankfurter Senders, der wegen der ständigen Bombenangriffe auf die Mainmetropole nach Bad Nauheim ausgelagert worden war. Inmitten der vielen Lazarette glaubte man ihn vor Bomben sicher. Der ungestörte Betrieb des Rundfunks war für die nationalsozialistische Führung von allergrößter Wichtigkeit, denn nach wie vor war der Rundfunk das wichtigste Mittel zur Beeinflussung der Bevölkerung. Die Bedeutung, die das Regime dem Rundfunk immer beigemessen hatte, zeigte sich zuletzt noch in den Maßnahmen zu seinem Schutz. Ein Wachzug der Waffen-SS lag ständig in der Nähe des Senders. Am 28. Januar, also noch vor seiner Ernennung zum Kampfkommandanten von Friedberg, war Hauptmann Henrich mit dem Schutz des Senders befaßt worden: Der Frankfurter Standortälteste Generalmajor Stemmermann nahm ihn in seinem Wagen mit nach Bad Nauheim, wo mit Rundfunkintendant Fries und SS-Oberscharführer Weber, dem Führer des Wachzuges, die Möglichkeiten zur Verteidigung des Senders gegen alliierte Kommandounternehmen besprochen wurden.

Stemmermann, der als Frankfurter Stadtkommandant für den Schutz des Senders verantwortlich war, wollte diese Verantwortung offensichtlich auf Henrich übertragen. Im Falle eines Angriffs auf den Sender, so argumentierte er, würden die aus Frankfurt herbeigerufenen Truppen zu spät kommen, während die Friedberger Einheiten relativ schnell in Bad Nauheim sein könnten. SS-Oberscharführer Weber war jedoch keineswegs damit einverstanden, den Befehlen eines Wehrmachtsoffiziers folgen zu müssen. Er sei dem Reichsführer SS Heinrich Himmler direkt unterstellt, wandte er gegenüber Stemmermann ein, und er könne darum nicht akzeptieren, daß sein Wachzug unter den Befehl der Wehrmacht komme. »Ich werde mich«, äußerte er einen Tag nach der Besprechung mit Stemmermann gegenüber Henrich, »mit Gewalt diesem General widersetzen, wenn er es wagen sollte, mir jemanden von der Wehrmacht vor die Nase zu setzen.«

Der geschwundene Einfluß der Wehrmacht in den Entscheidungsstrukturen des Dritten Reiches wird durch diese Bemerkung schlaglichtartig beleuchtet: Wie konnte ein Unterfeldwebel – das etwa wäre der Rang eines Oberscharführers in der Wehrmacht gewesen – erklären, sich den Befehlen eines Generals notfalls gewaltsam zu widersetzen, ohne auf der Stelle festgenommen zu werden. Aber eine SS-Uniform war offensichtlich genug, die Befehle eines Wehrmacht-Generals zur Bedeutungslosigkeit verkommen zu lassen.

Weber handelte in völliger Übereinstimmung mit seinen Befehlen. Die Kontrolle des Rundfunks, das wußte niemand besser als die nationalsozialistische Führung, war eine wesentliche Voraussetzung zur Aufrechterhaltung der uneingeschränkten Macht. Nach dem Attentat auf Hitler stand erst recht außer Frage, daß der militärische Schutz und damit die potentielle Kontrolle des Senders unter keinen Umständen der Wehrmacht anvertraut werden durfte. Gerade der Rundfunk mußte unter der direkten Kontrolle der Führergewalt bleiben – und das war die SS, im Gegensatz zur Wehrmacht, in der sich viele Offiziere als ein Organ der Staatsgewalt verstanden und damit Ziele verfolgten, die nicht unbedingt mit denen der NS-Führung übereinstimmen mußten. Andererseits aber war der SS-Wachzug in Bad Nauheim zur Verteidigung des Senders allein zu schwach, ein Problem, das schließlich sogar das Reichssicherheitshauptamt in Berlin beschäftigte. Anfang März wurde von dort der Polizeimajor Tamaschke nach Friedberg geschickt, um den Alarmplan »Wellensittich« mit dem Kampfkommandanten zu besprechen. Wahrscheinlich sollte Tamaschke auch prüfen, ob man sich auf Hauptmann Henrich verlassen konnte.

Nach mehreren Besprechungen mit SS-Oberscharführer Weber und einigen Offizieren der Garnison Friedberg hatte Henrich Anfang Februar einen Alarmplan zum Schutz des Senders ausgearbeitet: Auf das Stichwort »Wellensittich« hin sollten die Stammannschaften der 1. und 2. Ausbildungskompanie, die in Ober-Rosbach und Ockstadt im Quartier lagen, sofort nach Bad Nauheim in Marsch gesetzt werden, um den Schutz des Rundfunksenders zu übernehmen. Wer das Kommando über diese Einheiten hatte, blieb vorläufig offen; Weber wollte eine Verstärkung seines Wachzuges durch die Wehrmacht, Henrich dagegen bestand auf der Unterstellung des Wachzuges unter sein Kommando.

Am 20. Februar war Probealarm: Henrich saß in der Vernehmung eines Soldaten, als das Stichwort ausgelöst wurde. Sofort brach er die Vernehmung ab und alarmierte das Zentralersatzteillager, von wo aus Lastwagen zu den Standorten der Ausbildungskompanien in Marsch gesetzt wurden. In Ober-Rosbach und Ockstadt wurden die Soldaten in aller Eile aufgeladen, Henrichs Wagen setzte sich an die Spitze der Kolonne, dann ging es nach Bad Nauheim. Dort wurden die Alarmeinheiten von Generalmajor Stemmermann bereits ungeduldig erwartet: Ihm hatte das alles viel zu lange gedauert. Henrich erklärte ihm, die Truppen ließen sich nicht schneller nach Bad Nauheim bringen, da die Transportfahrzeuge erst von Friedberg aus zu den Alarmeinheiten fahren müßten. Offensichtlich war Stemmermann – Henrich nennt ihn in seinem Bericht einen »kleinen Giftpilz« – wütend über die Verzögerungen und die Ausreden des Friedberger Kampfkommandanten. Er wollte die Verbandspäckchen der Alarmeinheiten kontrollieren, stauchte Henrich zusammen, weil diese fehlten, und zählte die mitgeführte Munition nach. Das entscheidende Problem jedoch, wer das Kommando über die alarmierten Einheiten führen sollte, konnte Stemmermann nicht lösen.

Ähnliche Probleme gab es auch zwischen Hauptmann Henrich und Kreisstabsführer Riecke, dem Kommandeur des Friedberger Volks sturmbataillons. Als am 17. Februar in Anwesenheit des aus Marburg angereisten Kommandeurs der Sicherungsdivision, General von Uckermann, die Pläne zur Ortsverteidigung besprochen wurden, verlangte Henrich von General von Uckermann noch einmal eine ausdrückliche Bestätigung, daß auch die SA des Kreises ihm als Kampfkommandanten von Friedberg unterstellt sei. Riecke widersprach sofort: Die gesamte SA des Gaues Hessen-Nassau, so erklärte er erregt, sei ihm für die besonderen Zwecke des Reichsverteidigungskommissars, des hessischen Gauleiters Jakob Sprenger, unterstellt worden. Es sei ausgeschlossen, daß er den Anweisungen eines Wehrmachtshauptmanns folge. Im übrigen sei die SA weit besser bewaffnet als die Wehrmacht.

Riecke ging noch weiter: Er verlangte die Herausgabe der Sprengpläne an die SA. Nur die SA biete Gewähr dafür, daß die Bahnanlagen, Brücken und Viadukte bei Annäherung der Amerikaner auch tatsächlich gesprengt würden. Damit freilich stellte Riecke die Funktion des Kampfkommandanten grundsätzlich in Frage. Selbst General von Uckermann, der, so berichtet Henrich, »bisher ständig mit dem Kopf gewackelt hatte, forderte Herrn Riecke jetzt auf, sich zu mäßigen, und bemerkte schließlich, daß er eine Entscheidung über diese Punkte höheren Orts einholen wolle«.

Da diese Entscheidung jedoch nicht eintraf, setzte sich der Kompetenzstreit zwischen Henrich und Riecke fort. Henrich weigerte sich auch weiterhin, die Sprengpläne herauszugeben, und Riecke wiederholte, den Befehlen des Kampfkommandanten keine Folge zu leisten. Bei einer Besprechung Ende Februar, bei der Henrich noch einmal einen Versuch machte, die strittigen Fragen einvernehmlich zu klären, erklärte Riecke schließlich: »Wenn unsere Sache verlorengehen sollte, dann kann ich Ihnen jetzt schon sagen, daß dies die Schuld der Wehrmacht ist und nicht die der Partei; denn diese hat ihre Pflicht und Schuldigkeit getan!« Offensichtlich rechnete selbst Riecke inzwischen damit, daß »die Sache« schiefgehen könnte, und er suchte nach einem Schuldigen. Für ihn stand dieser Schuldige schon fest: Weder leistete die Wehrmacht an den verschiedenen Fronten den Widerstand, den man von ihr forderte, noch stand sie in bedingungsloser Geschlossenheit hinter dem Führer. Das hatte das Attentat vom 20. Juli gezeigt; der Zusammenbruch der Front in Rußland war in Rieckes Augen eine Folge des Attentats.

Der Konflikt zwischen Partei, SA und Wehrmacht, der bereits in den ersten Jahren der nationalsozialistischen Herrschaft aufgebrochen war, kam in den letzten Wochen und Monaten des Regimes wieder unverhüllt zum Vorschein. Vor allem die Gauleiter sahen im Volkssturm eine Parteiarmee, die sie außerhalb der Befehlsgewalt der Wehrmacht einzusetzen gedachten. Der Umstand, daß die meisten Gauleiter zu Reichsverteidigungskommissaren für ihr Gebiet ernannt worden waren, bestärkte sie in diesem Vorhaben und verlieh ihnen die dazu erforderliche Befehlsgewalt.

Auch in Friedberg zeigte sich, was für den politischen und militärischen Zerfall des Dritten Reiches in den Wochen und Monaten vor der bedingungslosen Kapitulation grundsätzlich gilt: die Auflösung klarer Befehlsstrukturen und die verschärfte Konkurrenz zwischen den verschiedenen Trägern der politischen und militärischen Macht. Die Hierarchien zerfielen bereits in inneren Konflikten, bevor sie von außen zerschlagen wurden. Jeder wollte sein eigener Herr sein; selbst die untersten Chargen wollten Befehle nur noch akzeptieren, wenn sie von »ganz oben« kamen. Der Zerfall der militärischen Strukturen hatte bereits vor der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht begonnen: So waren für die in Friedberg und Umgebung stationierten Truppen vier verschiedene Führungsstäbe oder politisch-militärische Stellen zuständig: Der Kampfkommandant selbst unterstand, sobald er sein Kommando übernommen hatte, dem stellvertretenden Generalkommando in Kassel; die nach Friedberg verlegten Reste des Grenadier-Regiments 36 ressortierten unmittelbar dem OB West Generalfeldmarschall Kesselring; der SS-Oberscharführer Weber bestand darauf, nur unmittelbar von dem Reichsführer SS Heinrich Himmler Befehle entgegenzunehmen, und Kreisstabsführer Riecke machte geltend, mitsamt der SA dem Gauleiter Jakob Sprenger in Frankfurt unterstellt zu sein: Der Machtzerfall 1945 hatte viele Facetten.

Das System der übereinandergelagerten Befehlsstränge und der sich gegenseitig blockierenden Kompetenzen schränkte die Möglichkeiten des Kampfkommandanten zwar ein, eröffnete ihm andererseits aber auch die Chance, diesen Kompetenzstreit zu seinen Gunsten auszunutzen, wenn er nur entschlossen genug auftrat. Mit dem Zerfall der klaren Befehlsstrukturen erhielt die Person des Kampfkommandanten zusätzliches Gewicht. Fast alles hing von seiner Entscheidungs- und Entschlußkraft ab.

Bombenkrieg und Propaganda

Was ging bei Kriegsende in den Köpfen der Menschen vor? Über Jahre hinweg hatte man Siegesmeldung auf Siegesmeldung aus dem Volksempfänger gehört. Dann hatte es örtliche Rückschläge gegeben, sogenannte »Frontbegradigungen« und »planmäßige« Rückzüge. Wann wurde klar, daß der Krieg verloren war? Oder glaubte man bis zuletzt an den Sieg? Wer glaubte was?

Bis Mitte 1944 hatte der Krieg Friedberg weitgehend verschont. In den ersten Kriegsmonaten hatte es verschiedentlich Einquartierungen gegeben, doch nach dem Frankreich-Feldzug war auch das vorbei. Wer wollte, konnte zum Bahnhof gehen und dort die Truppen- und Waffentransporte beobachten, die Friedberg passierten und von denen gelegentlich auch einer hielt. Rotkreuzschwestern, Mitglieder der NS-Frauenschaft und BdM-Angehörige standen dann bereit, die Soldaten zu verpflegen. Dem Bahnhof gegenüber war das »Soldatenheim« eingerichtet worden; rund um die Uhr taten hier Rotkreuzschwestern und Jungmaiden Dienst. Ansonsten aber wurde der Krieg in Friedberg »privat« erfahren. Er betraf nicht die Stadt und ihre Bevölkerung als Ganzes, sondern einzelne: Fast alle hatten Angehörige bei der Wehrmacht, um die sie sich sorgten. Mit dem Angriff auf die Sowjetunion im Sommer 1941 wuchsen die Sorgen; die Todesanzeigen in der Lokalpresse mehrten sich. Die Versicherung der Hinterbliebenen, man habe »in stolzer Trauer« von dem Gefallenen Abschied genommen, wurde seltener; statt dessen las man von der »tiefen Trauer«, dem »tiefen Schmerz«, dem »unsagbaren Leid«. Nachdem die Siegesbegeisterung, die auch vor den Toten nicht haltgemacht hatte, abgeklungen war, wurde bei vielen die Trauer wieder zu einem privaten Akt. Wer den Tod seiner Angehörigen »in tiefer Trauer« anzeigte, verweigerte sich – zumindest in diesem Augenblick. Die Familie reklamierte ihren Toten für sich; er war gefallen für »Führer, Volk und Vaterland«, aber nachdem er seine Pflicht erfüllt hatte, gehörte er wieder ausschließlich ihr. Natürlich gab es auch Hinterbliebene, die sich nach wie vor »stolz« gaben.

Seit 1943 überflogen immer wieder starke englische und amerikanische Bomberverbände Friedberg in großer Höhe, immer häufiger wurden »öffentliche Luftwarnung« und »Fliegeralarm« ausgelöst. Man gewöhnte sich an das Heulen der Sirenen und an die Stunden im Keller, man las von den schweren Luftangriffen auf die deutschen Großstädte, hörte auch vieles, aber hier auf dem Land, so dachten die meisten, war man sicher. Über ein Jahr lang schaute die Bevölkerung der Stadt dem Bombenkrieg nur zu. Und es gab viel zu sehen für die, die nicht in den Keller gingen: Am 4. Oktober 1943 wurde bei einem Luftkampf über der Stadt ein amerikanischer Bomber abgeschossen. Einen langen Feuerschweif hinter sich herziehend, stürzte er wenige Kilometer entfernt ins Feld und explodierte. Drei Tage später wurde vormittags ein deutscher Jäger abgeschossen; der Pilot rettete sich mit dem Fallschirm. Am Nachmittag wurde wieder ein amerikanischer Bomber getroffen; ein Teil der Besatzung konnte abspringen, die anderen verbrannten in der explodierenden Maschine. Ein Fallschirmjagdkommando nahm die abgesprungenen Flieger gefangen und lieferte sie bei der Standortverwaltung des Infanterieregiments 36 ab. Sie wurden vernommen und dann in ein Kriegsgefangenenlager gebracht. Solange die Stadt von Bomben verschont blieb, wurden die abgesprungenen amerikanischen Flieger, wenn sie zur Kaserne gebracht wurden, von Schaulustigen bestaunt. Haßausbrüche und Tätlichkeiten gab es nicht – noch nicht.

Am 26. November 1943 detonierte gegen 20 Uhr die erste Bombe in der Nähe der Stadt, unmittelbar neben der Bahnlinie Friedberg– Nidda, unweit der großen Bahnüberführung über das Rosental, die die Friedberger nach der Zahl der Rundbögen die Vierundzwanzig Hallen nannten. Unter dem Druck der Detonation zerbarsten in den Häusern der Usagasse und der nördlichen Kaiserstraße die Fensterscheiben. Offensichtlich hatte die Bombe einem auf offener Strecke haltenden Güterzug gegolten. Der Heizer habe das Feuer zu sehr geschürt, so daß der Bomberpilot auf den Zug aufmerksam geworden sei, hieß es am nächsten Morgen. Das beruhigte: Wenn man nur entsprechend vorsichtig war, dann konnte einem eigentlich nichts passieren. Viele machten einen Spaziergang zu dem Bombentrichter. Er war etwa zehn Meter breit und fünf bis sechs Meter tief. Die Polizei stellte Sprengstücke sicher und maß die Wandung der Bombe: 15 mm. Es dürfte eine zehn Zentner schwere Sprengbombe gewesen sein, schätzte Polizeihauptmann Rust.

Ab Januar 1944 gab es fast jeden Tag Fliegeralarm, an manchen Tagen sogar mehrere Male. Friedberg lag auf der Route, auf der die Alliierten ihre Angriffe auf Mitteldeutschland flogen. Im Februar und März 1944 folgten die ersten schweren Angriffe auf Frankfurt. Die Detonationen waren bis nach Friedberg zu hören; im Süden färbte sich der Himmel glutrot, notierte Rust im Luftschutz-Kriegstagebuch der Stadt. Frankfurt brannte nieder. Genaueres war in den nächsten Tagen zu erfahren, als zahlreiche Ausgebombte aus Frankfurt nach Friedberg evakuiert wurden. Die Friedberger selbst wiegten sich noch immer in Sicherheit. »Kein Bombenabwurf auf Friedberg«, konnte Polizeihauptmann Rust fast nach jedem Fliegeralarm notieren. Nur gelegentlich gab es Notabwürfe angeschossener Maschinen, doch die gingen alle im freien Feld nieder.

Dennoch scheinen in der Bevölkerung allmählich Unzufriedenheit und Zweifel am deutschen Sieg aufgekommen zu sein. »Seit Mitte Mai 1943«, notiert Ferdinand Dreher Anfang 1944 in seinem Kriegstagebuch, »spricht die deutsche Propaganda von Vergeltung für den feindlichen Luftterror, der täglich zunimmt. Die Zuversicht der Bevölkerung auf des Führers Gegenschlag gerät allmählich ins Wanken.« Sechsundzwanzigmal, so fügt er verbittert hinzu, habe es während der letzten Woche in Friedberg Luftalarm gegeben. Daß der Gegner den Lebensrhythmus der Bevölkerung immer stärker bestimmte, war ein deutliches Zeichen von Unterlegenheit.

Das Vertrauen auf den Führer scheint auch und gerade in den Kreisen des Bürgertums geschwunden zu sein, die dem nationalsozialistischen System bislang eher positiv gegenübergestanden hatten. In anderen Kreisen verkehrte der pensionierte Gymnasiallehrer Dreher überhaupt nicht. Er selbst, Jahrgang 1878, ein fanatischer Antisemit und ein ebenso überzeugter Nationalsozialist, schwankte zwischen Resignation und Hoffnung: »Der schwere fdl. Luftterror hält an«, notierte er einmal; dann wieder, als sei dies ein Lichtblick: »Beginn unserer Vergeltungs-Luftangriffe auf London.« Wenn die alliierten Luftangriffe schon nicht verhindert werden konnten, dann sollten sie wenigstens vergolten werden.

Am 11. Mai 1944 hielt Rust für den Zeitraum von 11.47 bis 13.48 Uhr und von 14.25 bis 15.29 Uhr im Luftschutz-Kriegstagebuch fest: »Starke feindliche Jagd- und Bomberverbände in Gruppen von 120–150 Maschinen überflogen Friedberg von Westen nach Osten. Gezählt wurden etwa 2500 Feindbomber. Gegen 13 Uhr fanden mehrere Luftgefechte zwischen deutschen Jägern und den amerikanischen Bomberverbänden in einer Höhe von 9000–10 000 m über der Stadt Friedberg statt. Es war schauerlich anzusehen, wie die deutschen Jäger in die Bomberverbände stießen, ein Feuerstoß folgte dem anderen. Mehrere Bomber stürzten im Kreisgebiet brennend ab, die Besatzungen, gezählt wurden 31 Flieger, sprangen am Fallschirm ab und wurden durch Polizei, Wehrmacht und Gendarmerie festgenommen.« Während der Luftkämpfe, so merkt Rust an, sei über Friedberg ein wahrer Regen von Geschoßhülsen niedergegangen. Die verschossene Bordwaffenmunition wurde von Hitlerjungen zusammengetragen und zur Materialsammelstelle gebracht. Seitdem der Rohstoff in Deutschland knapp geworden war, mußte alles wiederverwendet werden.

Was stand für Rust bei der Niederschrift seines Berichts im Vordergrund: die Gesamtzahl der angreifenden Bomber? Die Abschüsse? Oder der Umstand, daß diese Abschüsse bei der Zahl der Angreifer kaum ins Gewicht fielen? Rust scheint die Luftkämpfe mit einer gewissen Faszination beobachtet zu haben: »Es war schauerlich anzusehen …« Das ist eine der wenigen Stellen, an denen er seine Empfindungen sichtbar werden läßt. Aber auch, wenn er die Rolle des nüchternen Chronisten spielt: 2500 Feindbomber! Das hatte er noch nicht gesehen, und wahrscheinlich hätte er es vor dem 11. Mai auch für unmöglich gehalten.

Offensichtlich waren die im Kreisgebiet abgeschossenen Flugzeuge ein beliebtes Ziel für Neugierige. Es scheint einen regelrechten Kriegstourismus zu den Absturzstellen gegeben zu haben. Noch waren die wirklichen Schlachtfelder weit entfernt. Touristen sind aus auf Souvenirs, und dementsprechend wurden die abgeschossenen Flugzeuge ausgeräumt. »Die Absturzstelle«, heißt es in einem Bericht der Gießener Zeitung vom 22./23. Juli 1944, »zieht erfahrungsgemäß zahlreiche Neugierige an, die nicht daran denken, daß die Gefahr der Explosion von Bomben, Treibstoff und Munition auch noch viele Stunden nach dem Absturz weiterbesteht. Diese Schlachtenbummler kehren dann oft mit irgendeinem Beutestück, einem Instrument, einer Waffe oder einem Fallschirm, nach Hause zurück.« Das war gar nicht im Sinne des Reichs, und so wurde in dem Artikel denn auch nachdrücklich darauf hingewiesen, daß die Entwendung von Teilen aus abgeschossenen Flugzeugen sowie von Gegenständen aus dem Besitz toter oder gefangener Besatzungsmitglieder »Plünderung und Sabotage an der Wehrmacht« sei. Flugzeugtrümmer stellten »wertvollen Schrott und Rohmaterial für die eigene Rüstung« dar; »Partei und Erziehungsberechtigte« sollten in diesem Sinne auf die Jugend einwirken. Die abgestürzten Flugzeuge, so berichtet Rust, wurden von Arbeitstrupps freigegraben, zerlegt und dann abtransportiert. Nicht deutsche Reinlichkeit, sondern Rohstoffmangel war der Grund.

Das Reich, so konnten sensiblere Beobachter daraus folgern, war zur Fortsetzung des Krieges dringend auf den Schrott des Gegners angewiesen, dessen gewaltige Bomberflotten man fast täglich am Himmel dahinziehen sah. Und wenn auch die deutschen Jäger den einen oder anderen Bomber abschossen, aufhalten konnten sie die alliierten Geschwader nicht. 2500 Flugzeuge hatte Rust am 11. Mai 1944 über Friedberg gezählt. Was hatte Deutschland dagegen noch aufzubieten? Seitdem man mit den eigenen Waffen ziemlich am Ende war, hofften viele auf ein Wunder. Wunderwaffen! Sie sollten Vergeltung üben für die Zerstörung deutscher Städte, Vergeltung der ersten Stufe, Vergeltung der zweiten Stufe, V 1, V 2 und so weiter …

Die Gerüchte über solche Wunderwaffen erhielten immer neue Nahrung; Goebbels tat das seine, indem er Meldungen lancierte, Hoffnungen weckte. In Drehers Kriegstagebuchliest sich das so: »Rundfunk: Ein-Mann-Torpedos« (18.7.44); »Bevorstehender Einsatz der neuen U-Boote?« (28.7.44); »Rundfunk: Sprengboot« (15.9.44); »Neuartige deutsche Flugzeuge (mit V 2 auf dem Rücken?) über Friedberg!« (17.9.44); »Gerücht: V 2 soll noch vor dem 15.10.44 loslegen« (30.9.44).

Am 20. Juli 1944, an demselben Tag, an dem das Attentat auf Hitler scheiterte, fielen die ersten Bomben auf Friedberg. »12.04 Uhr«, heißt es in Drehers Kriegstagebuch, »Bomben auf Friedberg-Bad Nauheim. 19.28 Uhr Rundfunk: Attentat auf den Führer! 1.00 Uhr nachts: Ansprache des Führers. Attentäter: Oberst Graf von Stauffenberg.« Das Attentat auf Hitler hat für Dreher den ersten Bombenangriff auf Friedberg völlig in den Hintergrund gedrängt. Das ist um so bemerkenswerter, als Dreher ein lokalgeschichtlich engagierter Mann war. Er war Leiter des Stadtarchivs und hatte mehrere Aufsätze und Broschüren über Friedberg geschrieben. Man wird also davon ausgehen dürfen, daß er an der Stadt hing. Nach den ersten Meldungen von dem Bombenanschlag hat er aber anscheinend ununterbrochen am Rundfunk gesessen – bis endlich feststand, daß der Führer lebte.

Viele Friedberger haben die Meldung vom Attentat auf Hitler jedoch nur am Rande mitbekommen. Sie waren mit Aufräumungsarbeiten beschäftigt: Die einen halfen bei der Suche nach Verschütteten, andere nahmen obdachlos gewordene Bekannte und Verwandte auf – sie alle hatten kaum Gelegenheit, sich um die Staatsaktionen zu kümmern. Was das Wichtigere war, das Bombenattentat auf Hitler oder der erste Bombenangriff auf die eigene Stadt, hing von der Perspektive der Betreffenden ab. Vierzig Jahre später kann sich jedenfalls keiner der Befragten mehr daran erinnern, daß beides auf ein und denselben Tag fiel.

Bei dem Angriff vom 20. Juli 1944 wurden etwa 56 t Sprengstoff zur Explosion gebracht: Aus amerikanischer und aus deutscher Sicht, von oben und von unten, stellte sich diese Gewalt jedoch völlig verschieden dar. Ein »Feindlicher Bomberverband mit Jagdschutz in Stärke von etwa 100 Flugzeugen« habe den Angriff geflogen, notiert Polizeihauptmann Rust im Luftschutz-Kriegstagebuch der Stadt. Das war viel zu hoch gegriffen. In dem am darauffolgenden Tag erstellten Interpretation Report des 8. amerikanischen Bomberkommandos heißt es unter der Überschrift »Attack on Friedberg Marshalling yard«, 24 Bomber hätten, von Jagdflugzeugen begleitet, um 12.03 Uhr den Rangierbahnhof in Friedberg angegriffen und 248 Fünfhundert-Pfund-Sprengbomben abgeworfen. Es seien Zehn-Zentner-Bomben geworfen worden, notierte Rust, im Stadtgebiet habe man 141 Sprengtrichter gezählt, jeder davon sechs bis sieben Meter tief und vierzehn bis fünfzehn Meter breit. Die Auswertung der während des Angriffs von den Amerikanern gemachten Photos kam auf 105 »bursts«.

In den meisten nach dem Angriff gesammelten Daten stimmen die deutschen und die amerikanischen Angaben im wesentlichen überein. Keine der beiden Seiten, so wird man daraus folgern können, hat bewußt falsche Angaben gemacht. Wie also ist zu erklären, daß Rust die Zahl der angreifenden Bomber, die Begleitjäger mitgerechnet, mehr als doppelt so hoch ansetzte, ebenso wie die Sprengkraft der Bomben? Offensichtlich wuchs für den, der am Boden lag und unter dem die Erde vibrierte, die Stärke des Gegners weit über dessen tatsächliche Stärke hinaus. Zählend, sich in Deckung werfend und wieder zählend, hat Rust viel mehr Flugzeuge gesehen, als wirklich da waren. Dies gilt wohl erst recht für diejenigen, die den Angriff im Keller erlebten. Die Wucht der Detonationen, das Beben der Erde, das Wanken der Häuser: So multiplizierte sich die Erfahrung von Ohnmacht und Wehrlosigkeit.

Der Angriff, so berichtet Rust, habe zwei bis drei Minuten gedauert. Es seien getötet worden: fünf Wehrmachtsangehörige und dreizehn Zivilisten, davon sechs in einem einzigen Haus; einige der toten Zivilisten waren evakuierte Frankfurter. Drei Schwerverletzte seien in den darauffolgenden Tagen im Krankenhaus gestorben. Die Gleisanlagen zwischen Personen- und Güterbahnhof seien durch die Bomben schwer beschädigt worden. Aus Rusts Angaben ist ersichtlich, daß mehrere Tote aus eingestürzten Luftschutzkellern geborgen wurden. In der Öffentlichkeit durfte dies jedoch nicht verbreitet werden, denn in der Anweisung 616 hatte Goebbels der Presse mitgeteilt: »Um das Vertrauen zu den Luftschutzkellern nicht zu untergraben, ist Zurückhaltung zu bewahren, wenn in einem Einzelfall Todesopfer im Luftschutzkeller zu beklagen sind.« In einer Kleinstadt wie Friedberg ließ sich natürlich nicht verhindern, daß die zerstörten Luftschutzkeller gerüchteweise publik wurden.

Völlig anders sahen die Amerikaner die Folgen des Angriffs: Neunzehn von 105 festgestellten Bombentreffern lägen im Zielgebiet, heißt es in dem Interpretation Report, fünf auf den Gleisen des Rangierbahnhofs (zwei davon auf einem der beiden Lokomotivschuppen) und vierzehn auf dem Hauptgleisstrang. Weiterhin seien die barackenähnlichen Gebäude neunhundert Meter südwestlich des Rangierbahnhofs getroffen worden, außerdem zwei von sechs Lagerhäusern westlich des Gleiskörpers. Eine Reihe von Explosionen sei in dem Wohngebiet westlich des Rangierbahnhofs und im angrenzenden Feld zu sehen.

Rust spricht zuerst von den Toten, dann von den Schäden. Die Amerikaner erwähnen nur die Schäden: Die toten Zivilisten, deren Zahl sie nicht wissen konnten, waren eine zwar kalkulierte, aber nicht intendierte Nebenfolge des Angriffs. Sie bewerten ausführlich die etwa fünfzehn Prozent Treffer im Zielgebiet und erwähnen nur am Rande die vielen Treffer im Wohngebiet. Sie interessieren sich für ihr militärisches Ziel, alles andere sind Fehlwürfe. Der Angriff habe Reichsbahn- und Wehrmachtobjekten gegolten, notiert auch Rust, berichtet dann aber vor allem über die Ziviltoten, führt Einzelheiten auf und erwähnt erst ganz zuletzt und nur kurz die Schäden an den militärischen Objekten, denen der Angriff galt.

Ist diese Sicht eine Folge der deutschen Propaganda? Der zufolge galten die amerikanischen Angriffe gar nicht militärischen Zielen, sondern waren nackter Terror gegen die Bevölkerung – was gegen Ende des Krieges verschiedentlich sogar zutrifft. Dreher spricht in seinem Kriegstagebuch nur von den »Amerigaunern«. Die Propaganda hat vielleicht eine gewisse Rolle gespielt; andererseits hat Rust aber auch ausdrücklich festgehalten, daß der Angriff militärischen Zielen galt, also kein Terrorangriff war. Während die amerikanische Auswertung jedoch an dem Angriffsziel und den darin feststellbaren Treffern orientiert war, hielt Rust sich an die Gesamtheit aller Treffer in Friedberg, und was für die Amerikaner Fehlwürfe darstellte, war für Rust mitunter das eigentlich Erschütternde. Aus der Sicht der Angegriffenen stellte sich das Bombardement anders dar als aus der Sicht der Angreifer.

Die Erfahrung der Ohnmacht und Wehrlosigkeit während des Bombenangriffs schlug bei einigen in den nächsten Tagen um in Haß. Eine Woche nach dem Angriff übte SA-Standartenführer Riecke auf seine Weise Rache. Rust berichtet: »Am 28.VII.1944 von 8.28–1.36 Uhr Fliegeralarm. Starke Bomber- und Jagdverbände überflogen in 8–10 Wellen (Gruppen von 100 Flugzeugen) Friedberg in Rich-tung Thüringen. Auf dem Rückflug stürzte ein 4motoriger Bomber bei Bauernheim ab und verbrannte, nachdem er vorher über Fried-berg kreiste. Ein Besatzungsmitglied, Peter Handros, Erkennungsnr. 0-718517 HB 90 (Amerikaner), wurde an der Dorheimer Straße in Fauerbach von Standartenführer Riecke erschossen. Er wurde auf dem Friedhof in Friedberg beerdigt.«


Eine amerikanische Luftaufnahme von Friedberg (12. Sept. 1944), in die Gleiskörper und Funktionsgebäude eingezeichnet sind und die der Planung von Bombenangriffen diente. Am rechten oberen Rand ist ausdrücklich vermerkt, daß das Photo nicht an Bord der Flugzeuge mitgenommen werden darf.


Eine während des Luftangriffs auf Friedberg am 20. Juli 1944 gemachte Aufnahme. Die »bursts« der abgeworfenen Bomben sind gut zu erkennen; sie liegen nur zum Teil auf dem Reichsbahngelände; die meisten Bomben detonierten auf freiem Feld oder in den angrenzenden Wohngebieten.


Ein amerikanischer Luftaufklärer hat das Friedberger Bahngelände aus niedriger Höhe photographiert. Auf dem Gleiskörper, in den angrenzenden Wohngebieten und vor allem auf freiem Feld sind zahlreiche Bombentrichter zu erkennen. Bei den beiden Halbkreisen in der Mitte des Gleiskörpers handelt es sich um zerstörte Gebäude des Güterbahnhofs.


Angriffsauswertung: Der Zielbereich und die Gebiete, in denen die abgeworfenen Bomben detonierten, sind markiert, ebenso die Stellen, an denen sich nach dem Angriff Explosionen ereigneten oder größere Feuer ausbrachen: Hier waren wahrscheinlich kriegswichtige Einrichtungen getroffen worden.

Vielleicht hat sich Riecke an dem Luftwaffensoldaten Handros dafür rächen wollen, daß er, Riecke, während des Bombardements Angst gehabt und diese Angst möglicherweise sogar gezeigt hatte. Vielleicht hat er der Bevölkerung aber auch demonstrieren wollen, daß es so etwas wie »Vergeltung« für die alliierten Bombenangriffe gab, auch wenn die eigene Luftwaffe zu Gegenschlägen nicht mehr in der Lage war. Vielleicht hat beides zusammengewirkt.

Mit der Ermordung von Handros hat Riecke freilich gegen die Rechtsauffassung selbst des nationalsozialistischen Systems verstoßen. Am 19. Juli 1944 war bei der Friedberger Polizei eine Anweisung Gauleiter Sprengers, des Reichsstatthalters in Hessen, eingetroffen, in der ausdrücklich darauf hingewiesen wurde, daß abgesprungene Flieger Anspruch auf Behandlung als Kriegsgefangene gemäß den Bestimmungen der Haager Landkriegsordnung hätten. Alle Polizeiangehörigen in Hessen seien über die entsprechenden Bestimmungen der Haager Landkriegsordnung zu unterrichten.

Dennoch hat niemand den Versuch gemacht, gegen Riecke rechtlich vorzugehen; auch Rust nicht, der ja am besten über die Anweisung des Reichsstatthalters unterrichtet war. Wahrscheinlich hielt er es für ausgeschlossen, daß ein deutsches Gericht den SA-Standartenführer für den Mord an einem amerikanischen Flieger zur Rechenschaft ziehen würde. Rust tat, was er tun konnte: Er hielt den Vorgang im Luftschutz-Kriegstagebuch fest. Aufgrund dieser Eintragung sowie der Zeugenaussagen von Rust und anderen wurde Riecke im Sommer 1945 von einem amerikanischen Militärgericht zum Tode verurteilt.

Riecke scheint nicht der einzige gewesen zu sein, der an abgeschossenen Fliegern persönlich »Vergeltung« geübt hat: Nach Kriegsende wurde auch der Ortsgruppenleiter von Fauerbach, einem Stadtteil Friedbergs, von den Amerikanern unter dem Verdacht verhaftet, einen abgesprungenen amerikanischen Flieger liquidiert zu haben. Der Fall konnte nie restlos aufgeklärt werden, denn noch vor Beginn des Verfahrens hat sich der Verhaftete in seiner Zelle erhängt.

Auch Leutnant Sch., der Führer der 2. Stammkompanie des Grenadier-Ersatz- und Ausbildungsbataillons 36 in Friedberg, wurde von den Amerikanern nach Kriegsende beschuldigt, am 7. Januar 1945 in Hanau – das Bataillon lag zu diesem Zeitpunkt noch in der Hessen-Homburg-Kaserne – einen abgesprungenen kanadischen Fliegeroffizier ermordet zu haben. Erst im März 1953 wurde Sch. endgültig rehabilitiert. In dem abschließenden Urteil eines deutschen Schwurgerichts wurde festgestellt, der Leutnant habe zwar von dem Bataillonsadjutanten, einem Angehörigen der Allgemeinen SS, den Befehl erhalten, den Kanadier zu erschießen – »weil er sich an einem Terrorangriff auf die Stadt Hanau und damit an der Ermordung zahlreicher wehrloser Zivilisten beteiligt« habe, wie sich Stabsfeldwebel Ludwig erinnerte, der die Szene im Bataillonsgeschäftszimmer beobachtet hatte. Leutnant Sch. habe den Kanadier jedoch laufenlassen, da es gegen seine Ehre als Soldat gegangen sei, einen wehrlosen Mann zu ermorden, der nur seine Befehle ausgeführt habe. Zeugen bestätigten, daß der Kanadier von einem Fallschirmjagdkommando im Lamboywald bei Hanau erschossen wurde, kurz nachdem sich Sch. entfernt hatte.

Andere in der Nähe von Friedberg abgesprungene Flieger scheinen mehr Glück gehabt zu haben. Durch energisches Dazwischengehen soll Karl Orth, der damalige Leiter des Friedberger Finanzamts, einen amerikanischen Flieger aus der Gewalt mehrerer Zivilisten befreit haben, die Anstalten machten, diesen zu lynchen. Auch Stabsintendant Kayser rettete Mitte März einem abgeschossenen amerikanischen Flieger das Leben, indem er ihn gegenüber einem Sturmführer der SS, der den Flieger erschießen wollte, zum Gefangenen der Wehrmacht erklärte. Als im März 1946 ein Angehöriger des CIC von Kayser den Namen des SS-Sturmführers wissen wollte, hatte Kayser ihn vergessen.

Unteroffizier Finkeldey, der in einem Bad Nauheimer Lazarett seine Verwundung ausheilen lassen sollte, gelegentlich aber seine Eltern in Friedberg besuchte, war gerade in der Stadt, als in der Nähe des Polytechnikums ein amerikanischer Flieger mit dem Fallschirm landete. »Als ich an die Absprungstelle kam«, erinnerte sich Finkeldey 1947, »hatte der amerikanische Flieger bereits den Boden erreicht und war nach Waffen durchsucht. Es waren schon mehrere deutsche Zivilisten zur Stelle, die eine feindliche Haltung gegen den Flieger einnahmen. Als dann noch ein Arbeiter der Reichsbahn mit einem Schraubenschlüssel kam und rief: ›Schlagt den Hund tot‹, schrie ich diesen Arbeiter an, er solle sich ja nicht unterstehen, diesen wehrlosen Gefangenen zu schlagen. Ich würde jeden niederschießen, der diesen Soldaten angreifen würde.«

Ein hinzukommender Feldwebel übernahm den Flieger; Finkeldey selbst ging in Richtung Kaiserstraße, wo er einen Bekannten traf. Während er diesem noch von dem Vorfall erzählte, kam ihnen der Feldwebel mit dem Gefangenen entgegen. »Zu meiner größten Wut«, so Finkeldey, »mußte ich feststellen, daß man den Flieger mit erhobenen Händen gehen ließ, was diesem sichtlich schwerfiel. Ich ging zu dem Feldwebel und fragte ihn, warum er den Gefangenen mit erhobenen Händen gehen ließe und ob er sich nicht schämen würde, einen Wehrlosen so zu quälen. Inzwischen hatten sich wieder einige Leute angesammelt, und es fielen wieder Worte wie: Hängt ihn auf! Schlagt ihn tot!«

Auch wenn man diesen Berichten ein gewisses Maß an Selbststilisierung zugute halten muß, kann man doch festhalten, daß es vor allem Parteileute und einige Zivilisten gewesen zu sein scheinen, die abgesprungene Flieger lynchen wollten. Demgegenüber haben Wehrmachtsangehörige fast immer für die gegnerischen Soldaten Partei ergriffen. Es war gegen die soldatische Ehre, Wehrlose zu ermorden oder zu schlagen – zumal wenn diese Uniform trugen, gleichgültig welche. Die Solidarität der Uniformierten untereinander wurde auch im Frühjahr 1945 – zumindest in diesen Fällen – höhergestellt als die mit den eigenen Landsleuten. Auch das war ein kleines Stück Verweigerung gegenüber dem totalen Staat und dem totalen Krieg, wie ihn Goebbels ausgerufen hatte. Was der totale Krieg im einzelnen genau sein sollte, hatte Goebbels nicht gesagt, aber es war keine Frage, daß die Ermordung abgesprungener feindlicher Flieger totaler Krieg war.

Für die Zivilisten stellten sich die Dinge völlig anders dar. Viele sahen die Flieger als Verbrecher, die Frauen und Kinder töteten – in einem obendrein ungleichen Kampf. Wie konnten sie Anspruch auf die Haager Landkriegsordnung und die Genfer Konvention erheben, wenn sie sich selbst nicht daran hielten und Krieg gegen Nonkombattanten führten? Wer einen abgesprungenen Flieger lynchen wollte, wurde nicht unbedingt von der Idee des totalen Krieges geleitet. Vielleicht ist der Reichsbahnarbeiter, der mit dem Schraubenschlüssel auf den amerikanischen Flieger losging und ihn offenbar totschlagen wollte, einer von denen gewesen, deren Familie bei einem Luftangriff ausgelöscht worden war. Am 4. Dezember 1944 etwa: Treffer in dem Haus Ferdinand-Werner-Straße 66, tot: eine 34jährige Frau und ihre drei Kinder, elf, zehn und zwei Jahre alt. Oder am 12. März 1945: Volltreffer in dem Haus Große Köhlergasse 13, tot: eine Frau, 33 Jahre alt, und ihre beiden Kinder, das eine acht Jahre, das andere neun Monate alt. Die Reihe läßt sich fortsetzen. Wem solches widerfahren war, was interessierte den noch die Haager Landkriegsordnung oder die Genfer Konvention? Er brauchte nicht die Parole vom totalen Krieg. Er wollte Rache, sein Leid und seinen Schmerz ausagieren.

Der Angriff vom 20. Juli 1944 hatte den Zugverkehr in Friedberg nur für kurze Zeit lahmgelegt. Die Stadt blieb weiterhin ein lohnendes Ziel für die amerikanischen Bomber, zumal mit der erfolgreichen Bombardierung der Frankfurter Bahnhöfe das Verkehrsaufkommen in Friedberg wuchs. Die Gleise des Rangierbahnhofs seien »heavily loaded« gewesen, stellte ein amerikanischer Luftaufklärer am 4. Dezember 1944 fest. In Friedberg befanden sich außerdem wichtige Depots von Wehrmacht und Luftwaffe, darunter auch das ZEL, das Zentral-Ersatzteillager der Wehrmacht, dessen Bestände über die ganze Stadt verteilt waren. Ende 1944 war das ZEL in Friedberg das letzte und einzige seiner Art, das noch funktionierte. Sämtliche Fronttruppen mußten hier die Ersatzteile für ihre Kraftfahrzeuge holen. Dementsprechend starker Betrieb herrschte auf dem Bahnhof.

Ab September 1944 häuften sich die Angriffe von Jagdbombern auf das Bahnhofsgelände. Die Alliierten besaßen nun sichere Stützpunkte in Frankreich, von denen die Maschinen aufsteigen konnten, um die Reste der deutschen Logistik zu zerschlagen. Mit Sprengbomben und Luftminen wurden die Brücken und Unterführungen angegriffen, um den Gleiskörper unbenutzbar zu machen. Immer öfter wurden auch Personen- und Güterzüge in unmittelbarer Umgebung der Stadt angegriffen. Es empfahl sich, nur noch bei Nacht zu reisen.

Am 4. Dezember, einem Montag, erfolgte dann der erste Angriff des Krieges auf Friedberg: 119 Menschen des 8. US-Bomberkommandos, so geht aus dessen Interpretation Report hervor, warfen zwischen 12.46 und 13.09 Uhr 280 t Sprengstoff und etwa 20 t Brand- und Phosphorbomben auf die Stadt. Ziel war erneut der Güter- und Rangierbahnhof. Der Angriff sei in vier Wellen erfolgt, berichtet Rust. Der erste Bombenteppich sei nordöstlich der Stadt im freien Feld niedergegangen, die drei nachfolgenden jedoch hätten die Stadt voll getroffen. Im Stadtteil Fauerbach östlich des Reichsbahngeländes sei kaum ein Haus unbeschädigt geblieben. Viele Häuser seien gänzlich zerstört worden. Da man die Bomben aus großer Höhe abgeworfen hätte, seien selbst die Kellerräume der getroffenen Häuser total zerstört; deswegen die hohe Zahl der Toten. Der Tiefgang der Bomben habe die Wasserleitungen aufgerissen, so daß die Löscharbeiten der Feuerwehr sehr schwierig gewesen seien. Außerdem seien immer wieder Bomben mit Langzeitzündern explodiert. Der Gleiskörper im Bereich des Güterbahnhofs, heißt es bei Rust, »ist nur noch ein Trümmerhaufen«. Es habe einen gefallenen Soldaten, neunundachtzig Ziviltote und fünfzig zum Teil schwer Verletzte gegeben. Außerdem seien vierzig Personen verschüttet gewesen. Von einigen Familien seien alle tot. Rust vergißt nicht zu erwähnen, daß unter den Toten ein französischer Kriegsgefangener, drei »Ostarbeiter« und sechzehn »Ostarbeiterinnen« mitsamt ihren Kindern waren. »Beim Einsatz von Zivilarbeitern aus der Sowjetunion ist von Arbeitskräften aus den besetzten Ostgebieten oder von Ostarbeitern zu sprechen«, hatte Goebbels dekretiert. Rust hielt sich daran.

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