Kitabı oxu: «Trost»

Şrift:

Hermann Glettler

Michael Lehofer

TROST

Wege aus der Verlorenheit


Inhalt

Cover

Titel

Vorwort

I Die Kunst des Tröstens

Trösten oder Vertrösten?

Der lange Weg zum Trost

Wer tröstet wen?

II Was macht uns trostlos?

Überwältigende Trauer

Schicksalsschläge und Katastrophen

Perfekt sein müssen

Der Wahnsinn der Optimierung

Bedrückende Verpflichtungen

Nichts tun können

Das unerklärbar Böse in der Welt

Bedrängende Ungerechtigkeit

Nicht-Anerkennen von Würde

III Was uns trösten soll

Mehr Besitz und Ansehen

Unmittelbare Befriedigung der Triebe

Die totale Sicherheit

Die Zukunft kennen und beherrschen

Nichts versäumen

Unbedingt jung sein wollen

Selbstmitleid

Die Suche nach Schuldigen

Religion als Wunschkonzert

IV Was uns wirklich tröstet

Genießen und verzichten können

Verbindliche Wertschätzung

Berührung und Nähe

Der Mut zur Wahrheit

Verbundenheit mit Gott

Vergebung und Versöhnung

Für jemanden da sein

Einen Sinn entdecken

Das Unvollkommene und den Tod annehmen

V Jenseits des Trostes

Glaube

Hoffnung

Liebe

Über den Autor

Dank

Quellennachweis

Impressum

Vorwort

Es war der 21. August 1741. Nach der Genesung von einem Schlaganfall kämpft der Komponist Georg Friedrich Händel gegen das totale Versagen. Er ist am absoluten Tiefpunkt seiner Karriere. Seine Musik ist aus der Mode gekommen, Konzertsäle bleiben leer. Apathisch und lustlos sitzt Händel in London. In dieser Schaffenskrise erhält er von einem Freund ein Libretto mit einem Sammelsurium von Bibelzitaten. „Tröste dich mein Volk, spricht dein Gott!“ Diese Trostworte aus dem Buch des Propheten Jesaja packen ihn. In einem Gestaltungsrausch, der drei Wochen dauert, vollendet er das populärste Oratorium der Musikgeschichte, den Messias. Was auch immer historisch oder legendär an dieser Geschichte sein mag, die Stefan Zweig in seinen 14 Miniaturen Sternstunden der Menschheit beschreibt – erstaunlich ist die Wirkung der biblischen Trostworte. Sie galten einst dem Volke Israel. Ein Krieg war verloren, der Tempel zerstört, die Oberschicht ins feindliche Babylon deportiert. Die Menschen fühlten sich verlassen, beschämt und schuldig. Nach einer langen Zeit im Exil, in der die Sehnsucht nach einer befreienden Botschaft gewachsen war, hörte das Volk die Worte des Propheten. Sie wirken bis heute.

Aufklärung und Wissenschaften haben, so der Philosoph Jürgen Habermas, „eines nicht vermocht: das Bedürfnis nach Trost [sei es] zu stillen oder zum Vergessen zu bringen“. Es gehört zu uns Menschen, tröstungsbedürftig zu sein. Die Antwort darauf, der Trost, wird von uns als Geschenk begriffen. Wirklicher Trost lässt sich nämlich nicht „machen“. Trost ereignet sich, stellt sich meist ganz leise ein.

Warum sind wir alle bedürftig nach Trost? Sind wir nicht in vielen wesentlichen Belangen des Lebens mehr als beschenkt? Auch wenn es viele nicht wahrnehmen können – wir leben in und aus einer Fülle, die wir oft als selbstverständlich erachten. Fast alles, was wir sind, steht uns ohne großes eigenes Zutun zur Verfügung: ein Leben in Freiheit, unterschiedliche Begabungen, Stärken und Bildungsmöglichkeiten, materielle Güter und Nahrungsmittel, freundschaftliche und gesellschaftliche Netzwerke. Und die vielen scheinbaren Zufälle, die uns im Leben zu Hilfe kommen. Auch wenn unser Leben ein Geschenk ist, betrachten wir es oft unbedacht als unseren Besitz. Doch wenn uns etwas vom bislang Selbstverständlichen abhandenkommt, beispielsweise die Gesundheit, eine kostbare Beziehung oder die jugendliche Kraft und Attraktivität, verfallen wir in Traurigkeit. Das Bedürfnis nach Trost stellt sich ein. Wird es nicht beantwortet, kann sich ein Schatten unbewältigter Trauer über die Seele legen. Sie zeigt sich möglicherweise verfremdet in einer Verhärtung des Denkens, unter der Maske der Verbitterung oder in einer zunehmenden Herzenskälte. Trösten ist die Kunst, Menschen aus dem scheinbar unwiederbringlichen Verlust in eine neue Fülle zu führen. Eine Ermutigung, den Blick zu heben, den Blick zu weiten, den Blick zu wenden. Trösten ist die Anleitung zu einem kreativen, heilsamen Perspektivenwechsel. Trösten ist ein Plädoyer für die Wirklichkeit, wie sie uns das Leben zumutet – ein Plädoyer gegen die Illusion.

Mit unseren Überlegungen versuchen wir, die oftmals herrschende Dynamik der Trostlosigkeit zu hinterfragen, ihre Gründe zu benennen und ihr lähmendes Potenzial zu relativieren. Sie manifestiert sich oft pseudorational in einer pessimistischen Lebenseinstellung, einem fundamentalen Vorwurf gegen Gott und die Welt, in Verschwörungstheorien oder in ähnlichen Verkleidungen. Wie sich jeder Trost erst im praktischen Leben bewähren muss, so muss sich auch die weit verbreitete Trostlosigkeit einer kritischen Prüfung unterziehen. Letztlich möchten wir mit unseren niedergeschriebenen Gesprächen dem Trost einen größeren Raum geben. Das vorliegende Buch ist kein Ratgeber und kein Nachschlagewerk, um das Handwerk des Tröstens zu lernen. Dazu ist es zu wenig systematisch und zu essayistisch. Außerdem gibt es zu jedem Stichwort eine unüberschaubare Menge an Fachliteratur, sodass wir diesem Anspruch nicht genügen würden. Unsere Gedanken bieten vielmehr eine Zusammenschau unterschiedlichster Aspekte, die sich heilsam, stärkend, sinnstiftend auf den Menschen auswirken können und den Zustand des Getröstet-Seins ermöglichen sollen. Dazu betrachten wir in einem eigenen Kapitel die mühsamen und vielfach vergeblichen Versuche des Menschen, sich zu trösten. Nicht selten führen sie dazu, dass die Trostlosigkeit eher noch zunimmt.

Wir sprechen von der individuellen Verlorenheit des Menschen, also vom Einzelnen, der sich verloren vorkommt – übersehen, wirkungslos und unbedeutend in einem unüberschaubar großen System. Und wir thematisieren auch eine kollektive Verlorenheit. Es ist unbestritten, dass es neue Überlegungen und Strategien braucht, um für die großen Wunden unserer Zeit etwas Heilendes anzubieten. Wir wollen zumindest versuchen, den gefährlichen Gräben zwischen den Erfolgreichen und den (Krisen-)Verlierern etwas Trostreiches entgegenzuhalten. Die immer wiederkehrenden Wellen psychosozialer Belastungen etwa aufgrund von Arbeitslosigkeit und einer weitverbreiteten Zukunftsangst machen einen kollektiven Tröstungsbedarf deutlich. Globale Krisen wie Klimawandel, soziale Ungleichheiten, Überalterung, Fluchtdramen und politische Destabilisierungen können in einem Trostbuch ebenfalls nicht unerwähnt bleiben.

Der entscheidende Weg aus der Verlorenheit wird immer „der andere Weg“ sein, von dem Paulus so überzeugend im „Hohelied der Liebe“ des Korintherbriefes spricht. Keine noch so weitreichende Kompetenz und Wissenschaft, keine tiefgründige Selbsterkenntnis allein und keine noch so umfassende Selbstdisziplinierung können aus der Verlorenheit führen – wenn sie nicht getragen und inspiriert wären von der Liebe. Trösten – auf den Punkt gebracht – ist die empathische Anleitung, den Weg der Liebe neu zu entdecken. Letztlich geht es nicht nur darum, selbst getröstet zu werden, sondern um die Fähigkeit und Bereitschaft zu trösten. Auf ganz geheimnisvolle Weise findet sich gerade darin Trost – für uns alle.

Hermann Glettler und Michael Lehofer

I DIE KUNST DES TRÖSTENS

Wir werden eingetaucht

und mit den Wassern der Sintflut gewaschen

Wir werden durchnässt

bis auf die Herzhaut

Der Wunsch nach der Landschaft

diesseits der Tränengrenze

taugt nicht

der Wunsch den Blütenfrühling zu halten

der Wunsch verschont zu bleiben

taugt nicht

Es taugt die Bitte

dass bei Sonnenaufgang die Taube

den Zweig vom Ölbaum bringe

dass die Frucht so bunt wie die Blume sei

dass noch die Blätter der Rose am Boden

eine leuchtende Krone bilden

und dass wir aus der Flut

dass wir aus der Löwengrube und dem feurigen Ofen

immer versehrter und heiler

stets von neuem

zu uns selbst

entlassen werden.

Hilde Domin, Bitte

Trösten oder Vertrösten?

HG: Ungebrochen ist der Tröstungsbedarf in unserer trostlosen Welt. Von einer Krebsdiagnose oder einer anderen Krankheit überrascht, die Arbeit verloren oder mit dem eigenen Betrieb im Überlebenskampf, aus der Heimat vertrieben oder vor Krieg und Terror geflüchtet. Unzählige Menschen suchen Trost: Mutlose, Verzweifelte, Kranke, Verfolgte, Gedemütigte, Gefangene, Schwache, Überlastete, Gescheiterte, Sterbende und um sie Trauernde. Sehnsucht nach Trost haben der Teenager mit Liebeskummer und ebenso das Ehepaar, das sich nach vielen Jahren auseinandergelebt hat. Auch die vielen, die unter Erschöpfung, Vereinsamung und dem Gefühl leiden, nichts bewirken und verändern zu können, sind trostbedürftig. Viele leben und sterben trostlos. Gleichzeitig tut sich ein riesiger Markt von Vertröstungsangeboten auf. Die Produktpalette von Gütern und Luxusartikeln, die Trost verheißen, wird immer größer. Ratgeberliteratur und Esoterikangebote boomen, und auch die Film- und Unterhaltungsindustrie profitiert vom unruhigen, nach Tröstung hungernden Menschen. Aber was unterscheidet den „echten“ Trost von seinem Gegenteil, nämlich der Vertröstung? Trost ist meist fragwürdig und in der Folge auch wirkungslos, wenn er als Trost etikettiert daherkommt. Er ist dann willkommen und ersehnt, wenn er sich wie menschliche Nähe anfühlt, wie ein wohltuender Raum, der sich nach erlittener Enge und Bedrängnis plötzlich auftut.

ML: Wenn man an ein Baby denkt, das mit hochrotem Kopf schreit und sich durch nichts beruhigen lässt, dann kann man sich vorstellen, was es bedeutet, untröstlich zu sein. Greifbar wird das intensive Bemühen der Mutter, die alles versucht, um das Kind zu beruhigen. Sie wird aus ihrer Erfahrung mit dem Kind alle Register des Tröstens ziehen, um dem Untröstlichen des Kindes entgegenzuwirken. Leider geraten Kinder manchmal derart in eine Schreitrance, dass gar nichts mehr zu helfen scheint. In solchen Fällen sind alle Beteiligten verzweifelt: die Eltern, das Kind und mitunter auch die Nachbarn oder Mitanwesenden. Noch extremer ist dies bei den sogenannten Schreibabys. Eine solche Situation kann alle an den Rand eines Nervenzusammenbruches treiben. Weder Trost noch Vertröstung helfen in so einem Fall. Eventuell das Wissen, dass es irgendwann einmal doch besser wird – weil es auch andere geschafft haben.

HG: Wirklicher Trost nimmt die Trostlosigkeit ernst. Das macht den Unterschied zur Vertröstung aus. Ein behutsames, fast gebrechliches Wort kann tröstend sein. Ein Trotzdem-Dasein, ein Trotzdem-Anrufen, auch wenn man nicht genau weiß, was man in der trostlosen Situation sagen kann. Es ist vielleicht das Beste, genau das zu sagen, was man fühlt: „Ich möchte dir so gerne etwas Tröstendes sagen, doch ich finde keine Worte dafür. Weil ich Angst hatte, etwas Falsches zu sagen, habe ich mich jetzt erst gemeldet. Bitte entschuldige! Ich denke fest an dich.“ Unsicherheit ist nichts, wofür man sich schämen muss. Sie zeigt vielmehr Respekt vor einer Situation, die neu ist. Sie zeigt den Willen, auf eine neue Situation zu antworten, und zwar nicht einfach irgendwie, sondern der Situation angemessen und diese würdigend. Es ist der erste und vielleicht schwerwiegendste Fehler, der leidenden Person aufgrund der eigenen Unbeholfenheit auszuweichen. Auch in der allgemeinen Trauerkultur lässt sich ein Wandel bemerken: Immer öfter wird die Begegnung mit Angehörigen gemieden. Die Folge ist ein schmerzliches Alleinsein in einem Moment, in dem man sehr verletzlich ist und jemanden bräuchte.

ML: Das Wichtigste beim Trösten ist zweifelsohne, einfach für den anderen da zu sein. Aber um wirklich für den tröstungsbedürftigen Nächsten da zu sein, muss man ihn entweder verstehen oder wenigstens, wie du es eben ausgeführt hast, vermitteln, dass man mit ihm die Hilflosigkeit teilt. Ein schöner Gedanke, wie mir scheint: Trost kann auch im Teilen der Hilflosigkeit liegen, in der Geschwisterlichkeit der Hilflosigkeit.

Im Beispiel mit dem schreienden Kind gehen wir davon aus, dass der Grund für seine Trostlosigkeit in einer „Frustration von Bedürfnissen“ liegt. Das Kind fühlt sich unwohl, einfach unbehaglich. Dass seine Grundbedürfnisse nicht gestillt sind, erlebt das Kind als existenzielle Bedrohung. Dementsprechend wird das Kind mit dem Schreien die Umgebung maximal alarmieren. Im Normalfall aber wird es getröstet sein, wenn es bekommt, was es verlangt. Ist das Kind einfach nur hungrig, wird mit einem Mal alles gut sein, sobald es an der Brust der Mutter trinkt. Trost tritt ein, wenn alles gut ist …

HG: … beziehungsweise wieder ins Lot gebracht wurde. Mit unterschiedlichsten Mitteln und Strategien versuchen wir, individuelle Sinndefizite auszugleichen. Der materielle Wohlstand allein hat kein nachhaltiges Trostpotenzial, da er die Seele des Menschen nicht sättigen kann. Sie braucht ein „überweltliches Brot“, wie es Eberhard Schockenhoff ausgedrückt hat. In einer Wohlstandsübersättigung tun sich eher neue Abgründe auf, neue Traurigkeiten inmitten eines manchmal fast totalitären Spaßangebotes. Selbst das raffinierteste Entertainment kann den Menschen nicht trösten, wenn es seine Seele nicht erreicht. Trost lässt sich weder kaufen, noch gibt es ihn auf Bestellung. Vertröstungen schon.

ML: Auf alle Fälle gilt: Bejahung und Nähe machen alles gut, auch wenn nichts gut ist. Sie sind ein Zaubermittel, das jedermann zur Verfügung hätte. Sicherlich ist es dabei notwendig, dass das Ja und die Nähe authentisch vermittelt werden. Eigentlich gilt das nicht nur für Kinder, sondern bleibt das ganze Leben lang gültig. Nicht selten vertrösten Eltern ihre trostbedürftigen Kinder mit Antworten, die in Wirklichkeit nur Scheinbefriedigungen sind. Ein klassisches Beispiel ist das einsame Kind, das sich nach menschlicher Nähe sehnt und stattdessen mit der x-ten Playstation, mit medialer Ablenkung oder mit Süßigkeiten abgespeist wird. Meist bräuchten sie nur etwas gemeinsame Zeit oder jemanden, um sich auszureden. Oder Zeit zum Kuscheln. Das Abgespeist-Werden hinterlässt eine tiefe Enttäuschung. Vertröstung vergrößert die Leere.

HG: Apropos Sättigung von Kindern: Ein Blick über unsere wie auch immer gesättigte Gesellschaft hinaus zeigt uns Millionen von Kindern, die an Hunger elendig zugrunde gehen oder ein Leben lang an den Folgen von Unterernährung leiden. Wer stillt denn ihren Schrei, sofern sie überhaupt noch die Kraft haben zu schreien? Zur Baby-Feed-Station am Stadtrand von Juba, der Hauptstadt des Südsudan, wurden Kinder mit aufgeblähten Bäuchen gebracht. Bilder, die sich mir bei einem Besuch mit einer Caritas-Delegation unvergesslich eingeprägt haben. Wie viel Elend schreit da zum Himmel? Eine verrückte Ungerechtigkeit, wenn ganze Volkswirtschaften dem unersättlichen Profit weniger Konzerne geopfert werden! Es geht beim Thema Trost also nicht nur um die Tröstung des Einzelnen, wie tragisch auch immer einzelne Schicksale sein mögen. Wirklicher Trost muss sich auch der globalen Wirklichkeit stellen, um nicht zur individualistischen Vertröstung der ohnehin Saturierten zu verkommen. Trost ist weitsichtig und „weltsichtig“.

ML: Ja, ich stimme dir zu. Man muss sich den Ungerechtigkeiten, dem Bösen und dem Sündigen in der Welt stellen. Es sind Ausformungen von Lieblosigkeit im großen Format, verstanden als ein vom Wesen her liebloses Sein in der Welt. Ich denke bei dem Thema an einen Besuch bei Mutter Teresa in Kalkutta. Damals herrschte dort eine ungeheure Armut. Man musste auf der Straße über Leichen steigen, und das war nur ein Aspekt der alle Sinne beschäftigenden Umgebung. Ich war zutiefst beeindruckt und erschüttert. Diese Umgebung veranlasste Mutter Teresa, ihr Werk zu beginnen. Sie ließ sich vom Schicksal der Menschen berühren. Im Jesuitenkolleg in Kalkutta lernte ich dann einen liebenswürdigen Jesuitenpater kennen, der eine ambivalente Beziehung zu Mutter Teresa hatte. Er kritisierte, dass die Ordensfrau ihre Berühmtheit und ihre Einflussmöglichkeiten nicht nutzte, um die eklatante Ungerechtigkeit des indischen Sozialsystems strukturell zu verändern.

HG: Für Mutter Teresa hat doch alles damit begonnen, dass sie Sterbende von der Straße wegholte. Sie brachte sie in einen ehemaligen Hindutempel, den sie zu einem Sterbehaus umfunktionierte. Denen, die wie Hunde auf der Straße dahinvegetierten, wollte sie zumindest einen Ort bereiten, wo sie würdevoll „als Menschen“ sterben dürfen. Ein Kraftwerk von Tröstung bis heute. Mutter Teresa und ihre „Missionaries of Charity“ sind eine lebendige Provokation für uns alle, die wir uns gerne in Wohlstandsnischen zurückziehen – oft eingelullt in einer „globalisierten Gleichgültigkeit“, wie es Papst Franziskus bei seiner ersten Auslandsreise auf der Insel Lampedusa nannte.

ML: Viele Jahre später hörte ich folgende Geschichte: Mutter Teresa soll von einem sozial engagierten Mann belehrt worden sein, was man politisch tun könnte, um die soziale Ungerechtigkeit in Indien zu verändern. Sie hörte sich die Thesen geduldig an, lobte sie umfassend, lobte vor allem ihre Scharfsinnigkeit und Richtigkeit, um schließlich damit zu enden: „Ich schlage vor, Sie ändern das indische Sozialsystem und ich betreue weiterhin die Sterbenden!“

Auch wenn bis heute viele Menschen eine solche Haltung nicht verstehen, bin ich mittlerweile der Meinung, dass das unmittelbare Engagement nächstenliebender Menschen eine erstaunlich große Wirkung entfaltet. Sie unterlaufen jeden Widerstand, während sich das explizit politische Engagement nicht selten im Widerstand festläuft. Daher ist das Schicksal vieler Revolutionen, nicht nur in Nicaragua oder in Russland, die Rekonstruktion des bekämpften Systems.

HG: Jahrhundertelang war es eine der wichtigsten Aufgaben der Kirche, Menschen zu trösten, vor allem Kranke, Siechende und Sterbende, für die es keine ausreichende Fürsorge gab. In dieser Kernkompetenz ist die Kirche jedoch durch die religionskritische Aufklärung in Frage gestellt worden. Tröstung wurde als Vertröstung diffamiert. Karl Marx und Lenin brachten es besonders scharf auf den Punkt: „Denjenigen, der sein Leben lang arbeitet und Not leidet, lehrt die Religion Demut und Langmut hienieden und vertröstet ihn mit der Hoffnung auf himmlischen Lohn. (…) Die Religion ist das Opium des Volks.“

Tatsächlich kommt von dieser religionskritischen Seite ein wichtiger Impuls zur Korrektur christlicher Hoffnungsarbeit. Der Trost auf ein ewiges, also besseres Leben bei Gott ist irreführend, ja sogar zynisch, wenn man sich nicht auch auf dieser Welt ernsthaft für ein menschenwürdiges Leben aller einsetzt – mehr Lebenschancen, Bildung und Teilnahmemöglichkeiten für alle! Diese „Option für die Armen“ sollte jedoch nicht dazu führen, dass der spirituelle Auftrag der Kirche zur Nebensache wird. Alles gehört zusammen! Woher sollten denn das wirkliche Tröstungspotenzial und der lange Atem im Kampf gegen die Entwürdigung des Menschen und für eine nachhaltige Bewahrung der Schöpfung kommen, wenn nicht aus dem Schatz der Frohen Botschaft, die nach den Worten Jesu „allen zu verkünden ist“?

Der lange Weg zum Trost

HG: „Wann sind wir endlich da?“ Wer kennt nicht diese ungeduldigen, fast vorwurfsvollen Fragen der Kinder vom Rücksitz des Autos? Alle Tricks müssen aufgeboten werden, um die jungen Quälgeister zu vertrösten. Aber was tun oder sagen, wenn es nicht um das Erreichen des Ziels von einem Tagesausflug geht, sondern um wirklich existenzielle Fragen? Wirklichen Trost gibt es nicht auf Knopfdruck. Es ist meist ein längerer Prozess mit mehreren Phasen, die durchlaufen werden müssen. Das Wichtigste ist die Bereitschaft, einen Weg mit jemandem zu gehen. Trösten ist das Begleiten zu einer Antwort, die jeder Mensch für sich selbst finden muss. Es gibt nicht die allgemeine Trostformel, die wie ein Allheilmittel in jedem Fall einzusetzen ist.

ML: Wenn man nach dem Weg des Trostes fragt, dann stößt man unweigerlich auf die Phasen der Trauer von Elisabeth Kübler-Ross. Diese Phasen hat sie mit Leugnen, Zorn, Verhandeln, Depression und Akzeptanz bezeichnet. Beim Trösten müssen wir also die betroffene Person auf einem längeren Weg begleiten.

Die erste Phase ist in erster Linie vom Versuch der Selbstrekonstruktion geprägt. Es soll alles so werden, wie es war – obwohl wir wissen, dass dies nicht möglich ist. In diesem Sinn wird zuallererst versucht, sich mit einer Illusion zu trösten. Als Tröster müssen wir dem Trauernden vorerst diese Illusion lassen, ohne ihn jedoch darin zu bestärken.

Wenn der Trauernde merkt, dass die Illusion nicht aufrechtzuerhalten ist, versucht er es quasi mit der Brechstange. Das ist die Phase des Zorns. Man versucht, den alten Zustand in bizarrer Weise mittels Aggression durchzusetzen. Auch da ist der Tröstende gefragt, die Aggressivität auszuhalten, ja sogar zu verstärken. Es spricht einiges dafür, dass diese Phase schneller vorüber ist, wenn man sie sich zugesteht. Bald zeigt sich, dass es so nicht geht.

Es beginnt die Phase des Verhandelns. Hier ist man als Begleiter besonders gefragt. Es ist unbedingt wichtig, die Fragen des verletzten Menschen im Gespräch zu spiegeln, weniger zu beantworten. „Wonach fragst du eigentlich, wenn du mir diese Frage stellst? Darum geht es!“

Wenn in dieser Phase endgültig klar geworden ist, dass es unmöglich ist, den Anlassfall der Trauer rückgängig zu machen, beginnt die Phase der Depression. Hier ist es für den Trauernden wichtig, jemanden an seiner Seite zu haben, denn in diesem Stadium sind Menschen besonders existenziell bedroht. Man hängt gleichsam total in der Luft. Auch Suizide können vorkommen, wenn es an Begleitung fehlt.

Ist jedoch ein Du erreichbar, kann es zur Akzeptanz kommen. Die Akzeptanz ist ein Zeichen, dass man sich mit der neuen Wirklichkeit angefreundet hat und dass einen diese neue Wirklichkeit zumindest ansatzweise auch trägt. Man fühlt sich getröstet – geheimnisvoll, fast wie durch ein Wunder.

HG: Der Weg zum Trost beginnt in jedem Fall mit einem verbindlichen Zuhören. Es geht um eine höchst aktive Passivität, ein Aushalten und Zulassen von allem, was der jeweilige Mensch mitbringt, was ihn bedrängt und in die Verzweiflung treibt.

Der alttestamentliche Ijob, der von allen erdenklichen Schicksalsschlägen heimgesucht wurde, warf seinen Freunden vor, dass sie „leidige Tröster“ seien. Sie kamen zu ihm, um zu trösten, aber es fehlte ihnen an Zuhör-Kraft und Empathie. Das Unerklärbare des Leids hat sie dermaßen verunsichert, dass sie dem geschundenen Ijob auch noch eine persönliche Schuld an seinem Elend unterstellten. Sie wollten erklären, was nicht zu erklären ist. Und anstatt zu trösten, machten sie ihm Vorwürfe. Einzig und allein Zuhören wäre im Leid notwendig gewesen.

ML: Dass Zuhören als solches schon heilsam ist, weiß auch die moderne neurobiologisch fundierte Psychotherapieforschung. Beim Zuhören entsteht Bindung. Diese regt neurobiologisch die Neubildung von Nervenzellen in gedächtnisrelevanten Hirnarealen an, welche uns in die Lage versetzt, unsere Probleme zu lösen. Probleme zu haben bedeutet Stress, manchmal sogar pathologischen Stress, weil er mit der Angst verbunden ist, die anstehenden Probleme nicht bewältigen zu können. Stress mit Zuversicht ist gut. Stress mit Angst ist jedoch schädlich, denn er führt – über den erhöhten Stresshormonspiegel – zu einer Einschränkung der Kreativität, die man zur Problemlösung braucht. Bindung beruhigt und kann Patienten in die Lage versetzen, ihre Probleme zu lösen.

HG: Ich möchte von einem wirklichen Meister des Zuhörens, meinem Freund Marco Blumenreich, erzählen. Der heute 50-jährige Psychotherapeut ist mit einer angeborenen Schwäche des Sehnervs zur Welt gekommen und kann sich sein Leben lang nur an vagen Lichtkonturen orientieren. Er erzählt, dass seine Kindheit wie in einen Tränenschleier gehüllt war. Seine Eltern waren mit ihm, dem nahezu völlig blinden Kind, überfordert und wurden sogar gewalttätig. Mit 16 Jahren setzten sie ihn rücksichtslos auf die Straße. Über die drei schrecklichen Jahre der Obdachlosigkeit erzählt er kaum etwas, nur so viel, dass er sich entschlossen hat, seinen Eltern zu vergeben, um selbst überleben zu können. Mit 19 Jahren besuchte er schließlich eine Abendschule und holte die Matura nach. Es folgten eine Ausbildung zum Heilmasseur und ein Studium der Psychologie. Heute ist Marco Blumenreich ein erfolgreicher Therapeut in freier Praxis. Menschen, die ihn aufsuchen, sind von seiner Art des Zuhörens überwältigt. Nicht nur sein persönliches Durchleiden von Trostlosigkeit hat seine empathische Fähigkeit gesteigert, sondern auch seine Blindheit.

ML: Der Zuhörer ist also geduldig. Nur so kann er ein guter Tröster sein. Der Zuhörende kann mehr über die Person verstehen, der er zuhört, als diese über sich selbst. Denn er hört zu – er hört nicht nur. Es gibt eine Zuwendung, die man nur von anderen bekommen kann, zu der man selbst nicht fähig ist. Wir werden, wie es so schön heißt, nur durch das Du zum Ich. Der Geburtsprozess von unserem eigenen Ich wird durch das Zuhören eines Anderen gefördert. Der Zuhörer ist gleichsam die Hebamme. Solche Erfahrungen haben wir alle schon gemacht. Es hört uns jemand zu, und wir kommen selbst auf die Lösung, auf die wir, ohne dass uns jemand zugehört hätte, nicht gekommen wären.

HG: Wichtig ist, dass die tröstende Person alle eigenen Vorstellungen loslässt, vor allem keine vorschnellen Lösungen anbietet und dadurch unbeabsichtigt manipuliert. Die möglichst ungeteilte Aufmerksamkeit zählt, oft nur das Da-Sein. Vor allem ist es wichtig, sich vor Verharmlosungen und Dramatisierungen zu hüten, ganz speziell vor „üblichen“ Trostformeln und leeren Sprüchen: „Wird schon werden!“ „Kopf hoch!“ „Da müssen alle durch!“ Diese und ähnliche Sager erzeugen eher Stress und sind nicht hilfreich. Für den trauernden Menschen muss sich „ein sicherer Platz“ auftun, wo er den angemessenen Ausdruck für seine Trostlosigkeit finden kann.

ML: Aus der Trauerarbeit, die manchmal eine existenzielle Radikalität besitzt, die erschaudern lässt, entwickelt sich letztlich erstaunlich leise, aber bestimmt und klar eine neue Zuversicht. Noch einmal dürfen wir staunen, wie wenig und gleichzeitig viel dabei zu tun ist. Die Absicht des vermeintlich Tröstenden kann der Wunsch sein, eine Situation zu verändern, weil sie nicht erträglich scheint. Aber oft wäre das einfache Aushalten, nicht das Lösen des Problems, trostreicher. Es kann auch vorkommen, dass ein trauernder Mensch innerlich schon weiter ist als die Person, die sich zum Trösten berufen fühlt. Trost ist mit der Erfahrung verbunden, einfach sein zu dürfen und nichts und niemandem etwas beweisen zu müssen.

HG: Durch ein „hörendes Gespräch“ soll die zu tröstende Person die Gewissheit gewinnen, ernst genommen zu werden und auch wiederkommen zu dürfen. Auch Gesten sind wichtig. Es ist wichtig, sich selbst, dem tröstungsbedürftigen Nächsten und der Situation gegenüber treu zu bleiben. Möglicherweise steht ein längerer Weg bevor. Das Wort Trost hängt ja nicht zufällig etymologisch mit dem indogermanischen Wortstamm „treu“ zusammen und bedeutet „Festigkeit“, Verlässlichkeit, auch „seelischer Halt, Zuversicht und Ermutigung im Leid“.

Wer tröstet wen?

ML: Als ich 19 Jahre alt war, entschied ich mich, nach der Matura als Volontär in einer katholischen Missionsstation im südindischen Chennai mitzuarbeiten. Die Station befand sich mitten in einem Slum und erfüllte viele Aufgaben. Neben einem kleinen Spital mit einer relativ großen Ambulanz gab es unter anderem eine Leprastation und ein Internat für Kinder, die von ihren leprakranken Eltern abgesondert wurden. Teil der täglichen Arbeit war eine Ausspeisung für die in der unmittelbaren Umgebung lebenden Ärmsten der Armen. Verwaiste Kinder und Jugendliche, die als Bettler in der Stadt ihr Leben fristeten, fanden in unserem Zentrum eine Wohnstatt und bekamen die Möglichkeit zu einer Berufsausbildung. Für diese speziellen Kinder und Jugendlichen war ich zuständig. Ich musste mich um alle ihre Belange kümmern – vom Aufstehen bis zur Bettruhe. Ich war quasi der Elternersatz. Auf diese Weise lernte ich sehr viele Menschen kennen, kam mit ihren Schicksalen in Berührung und war von vielen Begegnungen tief berührt. Obwohl ich bei dieser Betreuungsarbeit nichts verdiente, kam ich immer mehr zur Einsicht, dass diese Menschen in Südindien mir wesentlich mehr gegeben haben, als ich für sie tun konnte. Ich fühle mich heute noch, nach so vielen Jahrzehnten, von ihnen reich beschenkt.

HG: Solche Erfahrungen sind sehr kostbar. Ähnliches kann ich von einem Wohnhaus der Caritas in Graz erzählen. Von außen betrachtet war es eine Ansammlung biografischer Katastrophen, ein letztes Refugium meist alkoholkranker Menschen mit schweren gesundheitlichen Beeinträchtigungen. Dennoch war der soziale Zusammenhalt in diesem scheinbar chaotischen Haus trotz der Unruhe und der vielen Grobheiten, die es auch gab, um vieles stärker als in jedem bürgerlichen Mehrparteienhaus. Eine an Parkinson erkrankte Bewohnerin wurde ganz selbstverständlich von den Mitbewohnerinnen betreut. Das, was ich in diesem Haus an ungeschminkter und oft auch humorvoller Lebenserfahrung „mitbekommen“ habe, war bei weitem mehr als das, was ich als Pfarrer den Leuten geben konnte. Nahezu bei jedem Todesfall gab es einen Gottesdienst mit einer ehrlichen, aber würdigenden Trauerrede von jemandem aus dem Haus, gefolgt von einem ausgezeichneten Essen. Ja, es stimmt: Die Leute, die am sozialen Existenzrand der Gesellschaft gelandet sind, haben mich gestärkt. Es war eine Schule bei den Armen. Jede Form der Überlegenheit ist unangebracht, weil wir alle trostbedürftig sind und einander brauchen.

ML: Ähnliches beobachte ich, wenn schwer kranke Menschen, die an der Schwelle ihres Todes stehen, von ihren Freunden und Angehörigen besucht werden. So sehr die Besucher auch Hoffnung ausstrahlen möchten, so wenig gelingt ihnen das. Man spürt die Verzweiflung und Trauer. Und so kommt es nicht selten vor, dass die Betroffenen selbst in die Rolle kommen, die Besucher, die eigentlich die Tröster sein sollten, zu trösten. Wer also tröstet wen? Wir brauchen einander. Im lateinischen Wort consolatio und im englischen comfort für Trost ist dieses Mit-Sein schön ausgedrückt.

HG: Den entscheidenden Satz, der uns aus einer Trauer oder Verzweiflung herausführen kann, können wir uns meist nicht selbst sagen. Ich habe bis heute den Klang der Worte meiner Eltern in mir: „Beruhige dich, alles wird gut!“ Dazu gehörte ein Umarmt-Werden, kurzes Streicheln, ein wenig Kuscheln – und die Welt war für mich als Kind wieder in Ordnung. Damit wurde die Basis meines Urvertrauens ins Leben geschaffen. Leider können nicht alle Menschen auf ein solches Lebensfundament bauen, ihr eigenes fühlt sich oft brüchig und instabil an. Sie werden vom Gefühl getrieben, dass alles schiefgehen oder in einem großen Malheur enden wird.

ML: Tröstung passiert durch gegenseitige Begleitung. Sie ist ganz wesentlich ein liebevolles Dabei-Sein und entzieht sich weitestgehend der professionellen Kompetenz. Freilich ist es so, wie man es bei einem genialen Pianisten erlebt. Er spielt, als würde er sich nicht anstrengen müssen. Er vermittelt, dass er einfach gern spielt und mit dem Instrument und der Musik eins ist. Alle Zuhörenden wissen aber, dass unendlich viele Stunden der Übung dafür notwendig waren. Wer wirklich trösten will, muss auch mit sich selbst schon gerungen haben …

HG: … und selbst schon einiges durchgemacht haben. Ich denke an einen befreundeten Künstler und Lehrer, der nach einem alkoholbedingten biografischen Desaster zwei Jahre in New York als Obdachloser dahinvegetiert hat. Seine schmerzhaften Erfahrungen führten bei ihm zu einer beeindruckenden Sensibilität gegenüber Menschen mit unterschiedlichsten Abhängigkeitserkrankungen. Er weiß, was es bedeutet, wenn durch eigenes Versagen Ehe und Familie zerbrechen, die Karriere scheitert und sich das ganze Leben nur mehr wie ein Scherbenhaufen anfühlt. Durch das Programm der Anonymen Alkoholiker hat er sich ins Leben zurückgekämpft. Er landete schließlich in Graz, wo er in unserem Pfarrhof wohnte. Ich durfte miterleben, wie viele Menschen er gerade mit seinem „verwundeten Herzen“ trösten konnte – auch mir hat er Hoffnung gegeben. Ich weiß, dass es auch nach dem schlimmsten Scheitern eine Chance für einen Neuanfang gibt.

ML: Das ist überhaupt die beste Übung für das Leben: selbst von etwas betroffen gewesen zu sein! Man muss nur aufpassen, dass man die eigene Erfahrung nicht ungefragt und unreflektiert auf den Anderen projiziert. Ich kann mir aber keinen Priester oder Psychotherapeuten vorstellen, der kompetent ist und nicht eigene Leidenserfahrungen als „Grundwissen“ mitbringt. Die Krisen sind die Geburtsmomente des Menschen.

HG: Krisen erschüttern bisherige Gewissheiten und stellen Gewohnheiten infrage. Sie lassen Sicherheiten zerschellen. Möglicherweise ist eine derartige Erschütterung auch ein Weckruf, eingefahrene Bequemlichkeiten aufzugeben und den Wert des Lebens mit neuer Dankbarkeit anzunehmen. Grundsätzlich betrachtet ist eine Krise jener ambivalente Zustand, in dem etwas an Bedeutung verliert oder verschwindet, das Neue aber noch nicht da ist. In diesen sensiblen Situationen sind Zuspruch und Begleitung besonders kostbar. Ein guter Trost ist wie eine Gehhilfe nach einer Beinoperation. Nach dem Bruch ist zwar alles wieder zusammengefügt, aber die Stärke zum selbständigen Gehen noch nicht vorhanden.

ML: Aber das Gehen muss die durch Krisen erschütterte Person selbst wieder erlernen. Der tröstende Begleiter ist, mit einem anderen Bild gesprochen, so etwas wie ein Rettungsring, der dem Ertrinkenden zum Überleben hilft. Schwimmen muss die betreffende Person selbst. Die Kunst ist zu verstehen, wann der Mensch in der Krise fähig ist, auch ohne den rettenden Ring zu schwimmen. Das ist das Ziel.

HG: Ja, wir sollten einander immer auch Ermöglicher von Freiheit sein. Durch das Trösten können leicht Abhängigkeitsverhältnisse aufgebaut werden, die Menschen in eine Unselbständigkeit drängen und damit eher lähmen. In diesem Fall, etwas scherzhaft bemerkt, brauchen auch die Tröster einen Trost. Sie müssen zur Erkenntnis ermutigt werden, dass sie nicht mehr wichtig sind. Wirkliches Trösten ist eine Ermächtigung zur Eigenverantwortung.

ML: Selbstverständlich brauchen die „gelernten“ Tröster immer wieder auch selbst Trost. Niemand kann nur aus den eigenen Quellen leben. Das bereits erwähnte Prinzip des Du, aus dem das Ich entsteht, bleibt eine immerwährende Wahrheit, nach der wir leben müssen. Nur wenn wir bereit sind, uns auch selbst trösten zu lassen, reichen die Länge unseres Armes und der Resonanzraum unseres Herzens längerfristig und verlässlich zum anderen hin.

HG: Das Angebot einer Vielzahl therapeutischer und seelsorglicher Berufe ist für den Tröstungsbedarf in der heutigen Zeit von enormer Bedeutung. Dennoch hat jeder Mensch den Auftrag und die Fähigkeit, seinen Nächsten zu trösten. Diese „selbstverständliche Pflicht“ dürfen wir nicht zu rasch an Profis delegieren, bleibt doch die wesentliche Basis der „Kunst des Tröstens“ der von uns allen geforderte Mut zur Begegnung mit Trostsuchenden in einer ganz natürlichen Offenheit.

II WAS MACHT UNS TROSTLOS?

Wenn Gott uns heimbringt

aus den schlaflosen Nächten,

aus dem fruchtlosen Reden,

aus den verlorenen Stunden,

aus der Jagd nach dem Geld,

aus der Angst vor dem Tod,

aus Kampf und aus Gier,

wenn Gott uns heimbringt, das wird ein Fest sein!

Es werden lachen nach langen Jahren der Armut,

die Hunger gelitten.

Es werden singen nach langen unfreien Nächten,

die von Mächten gelitten.

Es werden tanzen die Gerechten,

die auf Erden kämpften

und litten für eine bessere Welt!

Wenn Gott uns heimführt, das wird ein Fest sein!

Den Verirrten werden die Binden von den Augen genommen.

Sie werden sehen.

Die Suchenden finden endlich ihr Du.

Niemand quält sich mehr mit der Frage „Warum?“

Wenn Gott uns heimführt, das wird ein Fest sein!

Ein Fest ohne Ende.

Martin Gutl, Er führt uns heim (gekürzt)

Überwältigende Trauer

HG: Trauer kann Menschen gänzlich überwältigen, manchmal sogar in die Verzweiflung treiben. Ich erinnere mich an ein Trauergespräch mit einem Vater, dessen Sohn bei einem Lawinenabgang tödlich verunglückte. Der junge Mann wollte seinen Freunden seine Kenntnisse über das Verhalten in lawinengefährdeten Zonen vermitteln und kam dabei selbst ums Leben. Ein wahnsinniger Schock für alle Beteiligten, die aus der Lawine geborgen werden konnten, und für die Familie. Unser gebrochenes Gespräch unter Tränen hatte noch nicht lange gedauert, als der Mann plötzlich aufsprang, zu meinem Bücherschrank ging und darauf mehrmals mit seiner Faust einschlug. „Dieser Wahnsinn, ich halt das nicht aus, dieser Wahnsinn!“ Mit den Schlägen und mit diesen Worten hat er seine Trauer herausgeschrien.

ML: Zum Glück hast du ihm die Freiheit für diese Äußerung seiner Trauer zugestanden. Jeder Mensch trauert auf seine Weise. Echter Trost muss zur Trauer verhelfen, ihr einen Raum bereiten und sie keinesfalls abwürgen.

HG: Ja, es ist auch meine Erfahrung, dass Trauer Zeit braucht. Sie unter einer zu schnellen Beherrschtheit oder scheinbaren Glaubensstärke zu verstecken, rächt sich früher oder später. „Ein Jahr musst du trauern, dann musst du dich wieder freuen!“ Die Pointe dieses eigenwilligen Sprichwortes ist das befremdliche Müssen. Wir wissen, dass sich weder Trauer noch Freude verordnen lassen. Und dennoch ist es eine tiefe Weisheit, dass beides sein muss – und seine Zeit braucht. Im Jüdischen gibt es den Brauch, dass zur „Jahrzeit der Beerdigung“ zu Hause eine Kerze entzündet wird. Ähnlich sind bei uns die Gottesdienste zum Jahrtag. Wenn Trauer nicht stattfindet, legt sich ein dunkler Schleier auf die Seele, der …

ML: … alles Leben abtötet, vergleichbar mit einer dunklen Plane, die über eine Wiese gelegt wird. Die Grashalme darunter werden gelb und können nicht mehr wachsen. Wenn die Plane jedoch entfernt wird, kann nach einiger Zeit wieder frisches Gras wachsen. Die Trauer hat, wie du sagst, viele Gesichter. Sie hat nicht nur das Gesicht der Tränen, sondern kann sich etwa auch in Aggression, Ängsten oder in einer Verbitterung ausdrücken.

Natürlich ist zu beobachten, dass sich bei manchen Menschen auch nach langer Trauer keine neue Lebensfreude einstellen will. Wenn Trauernde den Verlust nicht akzeptieren, also einfach nicht loslassen wollen, kommt der Trauerprozess zu keinem Ende.

„Ein Jahr musst du trauern, dann musst du dich wieder freuen“ – das ist auch so etwas wie eine ermutigende Handlungsanweisung für Trauer. Auch wenn wir es uns vielleicht nicht vorstellen können: Wir werden uns wieder freuen und lachen können. Zum Schluss der vollzogenen Trauer wartet nämlich der „gelungene“ Abschied.

HG: Tränen können auch eine reinigende Wirkung haben, etwas wegwaschen, was die Seele belastet. Ich erinnere mich an einen schweren Verkehrsunfall meines Vaters während meiner Studienzeit in Tübingen. Er ist auf der winterlichen Bergstraße, die zu unserem Hof führt, ins Schleudern gekommen und die Böschung hinuntergestürzt. Wie durch ein Wunder hat er den Unfall überlebt, aber aufgrund innerer Verletzungen wäre er einige Zeit später dennoch fast verstorben. In dieser kritischen Phase ist mir bewusst geworden, dass ich mich nicht selten in kleinlicher Weise von meinem Vater distanziert habe, sein Auftreten war mir manchmal sogar peinlich. Heute sehe ich das vollkommen anders. Als ich nun von seinem kritischen Zustand auf der Intensivstation erfuhr, musste ich spontan weinen. Plötzlich stand mir meine eigene Lieblosigkeit vor Augen. Die Tränen waren heilsam und befreiend – gerne erinnere ich mich an die freudige Umarmung, als wir uns nach seiner Genesung wiedergesehen haben.

ML: Die Trauer ist ein Gefühl. Als Gefühl ist sie eine Information an uns selbst und auch an andere. Sie informiert, dass wir etwas, das uns existenziell wichtig war, verloren haben, letztlich, dass wir uns verloren haben.

In deinem Fall war es der Vater, den du als „selbstverständlich Anwesenden“ verloren hast. In Wahrheit hattest du ihn durch deine mangelnde Aufmerksamkeit schon vorher verloren. Erst durch den drohenden physischen Verlust bist du dir seines Wertes für dich innegeworden. An diesem Beispiel wird klar, welch großer Schatz das Trauern für uns ist.

Der Verlust macht uns häufig hilflos, wir fühlen uns wie ein Hirschkäfer am Rücken. Die Trauer ist das hilfloseste aller Gefühle. Sie macht uns Angst. Aber es zahlt sich aus zu trauern, denn es ist die einzige Möglichkeit, unsere Verluste nicht nur zu überwinden, sondern durch sie zu einem neuen, noch nie gekannten Reichtum im Leben zu kommen. Wir sollten uns daher trauen, traurig zu sein.

HG: Die Voraussetzung dafür ist, dass wir innerlich berührbar sind – oder wieder berührbar werden. Eine falsche Sicherheit oder eine eingebildete Stärke machen uns unempfindlich für das Elend der Welt. Ist es nicht ein Segen, weinen zu können – nicht nur über eine persönliche Verlusterfahrung, sondern über die großen Verwundungen unserer Zeit? Sie dauerhaft auszublenden, kommt eigentlich einer Lüge gleich. Die entsprechende Seligpreisung Jesu lautet: „Selig die Trauernden; sie werden getröstet werden.“ (Mt 5,4) Wie es nötig ist, sich herzhaft mit jemanden freuen zu können, so braucht es auch die Gabe zum Mit-Trauern, Mit-Leiden und Mit-Weinen.

Papst Franziskus hat beim Weltjugendtreffen in Manila sehr leidenschaftlich mit Jugendlichen darüber gesprochen: „Der Welt von heute fehlt das Weinen! Es weinen die Ausgegrenzten, es weinen die Ausgeklammerten, es weinen die Verachteten, doch diejenigen, die wie wir ein mehr oder weniger sorgenfreies Leben führen, verstehen nicht zu weinen. Gewisse Realitäten des Lebens sieht man nur mit Augen, die durch Tränen reingewaschen sind. Ich lade jeden von euch ein, sich zu fragen: Habe ich gelernt zu weinen? Habe ich gelernt zu weinen, wenn ich ein hungriges Kind sehe, ein Kind unter Drogeneinfluss auf der Straße, ein obdachloses, ein verlassenes Kind, ein missbrauchtes Kind, ein von der Gesellschaft als Sklave benutztes Kind? Oder ist mein Weinen das eigensinnige Weinen dessen, der weint, weil er gerne noch mehr haben möchte? Das ist das Erste, was ich euch sagen möchte: Lernen wir zu weinen.“

ML: „Worum es mir ging / Endlich / Berührt zu sein.“ So lautet eine Miniatur, die ich vor einigen Jahren in einem Gedichtband veröffentlicht habe. Weinen bedeutet psychologisch gesehen nicht gleich trauern. Wir weinen aus verschiedenen Gründen. Wir weinen aus Trauer, aus Freude, aus Wut, oft einmal auch ohne zu wissen, warum. Die Ursache des Weinens ist immer eine Berührung, ein Berührt-Sein. Das Schöne an diesem Zustand ist, dass wir damit mit unserer Umwelt in Verbindung sind und uns veränderbar machen, uns selbst zur Disposition stellen. In der Berührung sind wir wie ein erhitztes Erz, das geschmiedet werden kann. Wenn wir diese vermeiden, dann wirken wir herzlos autonom. Ja, die Herzlosigkeit ist ein Zustand der Unabhängigkeit, der allerdings auch einen Mangel an gegenseitigem Austausch, an gegenseitiger Information impliziert. Ich erinnere mich an unsere Gespräche über den „unbequemen Jesus“. Hat er nicht ausdrücklich Berührung und Tränen zugelassen?

HG: Ja. „Warum weinst du?“ Das waren die ersten Worte Jesu nach seiner Auferstehung. Er stellte diese Frage Maria Magdalena, die am Boden zerstört war, wie der berühmte österliche Text berichtet (Joh 20,11–18). Neben ihrer Trauer über den Verlust des geliebten Rabbi musste sie am frühen Morgen beim Grab den nächsten Skandal entdecken. Offensichtlich war der Leichnam Jesu geraubt worden. „Warum weinst du?“ Sie drehte sich um und meinte, es sei der Gärtner. Erst als sie der Auferstandene beim Namen anspricht, erkennt sie ihn. „Maria!“ Mit ihrem Namen schwingt alles mit, was sie bewegt – ihre Ohnmacht, ihre leidenschaftliche Liebe, ihre Sehnsucht. Für Gott ist niemand nur ein Trauerfall. Er will uns genau dort begegnen, wo wir weinen. „Unsere Biografie kann auch über die Tränen erzählt werden“, sagt der portugiesische Kardinal José Tolentino de Mendonça, „die Tränen der Freude, der Feste, der lichtreichen Begegnungen; und die Tränen der dunklen Nacht, der Zerrissenheit, des Verlassen-Seins und der Reue.“

Wie überwältigend auch immer die Trauer sein mag, Tränen sind ein Geschenk – reinigend, befreiend und meist auch Ausdruck von Verbundenheit. Gott kennt sie und nimmt sie an wie ein Gebet. Wir müssen sie nicht verstecken.

Schicksalsschläge und Katastrophen

ML: Manche Menschen werden vom Leben geschlagen. Ich erinnere mich an eine Frau, die mich konsultierte, weil sie Probleme mit ihrer behinderten Tochter hatte. Wir sprachen über die Probleme, die das Mädchen in der aufkommenden Pubertät hatte. Im Laufe des Gesprächs erfuhr ich mehr über das Schicksal der Frau. Sie hatte schon einmal eine Tochter gehabt, die in dem Alter, in dem sich nun die jetzige befand, auf einem Ferienlager das Opfer eines Mordanschlags geworden war. Genau am ersten Todestag der ersten Tochter wurde die zweite Tochter geboren. Bis zum zweiten Lebensjahr entwickelte sie sich völlig normal, dann trat plötzlich eine Entwicklungseinschränkung auf. Sie ging von Pontius zu Pilatus, kein Arzt konnte ihr sagen, wodurch die Behinderung ausgelöst worden war. Die Ehe der Frau zerbrach, wie so oft, wenn ein behindertes Kind in einer Familie da ist. Es faszinierte mich, wie gelassen und selbstverständlich diese Frau ihr Schicksal trotz der belastenden Geschichte angenommen hat.

Wir verwenden das Wort Schicksal nur, wenn wir die Illusion verwerfen müssen, unser Leben im Griff zu haben. Für diese Illusion sind wir bereit, sehr viel aufzuwenden, auch wenn wir damit letztlich nicht erfolgreich sein können. Vieles ist stärker, als wir es sind. Das Wort Schicksal bedeutet, dass wir dem Leben ausgesetzt sind. Auch wenn es uns nicht bewusst ist – eigentlich sind wir immer dem Leben ausgesetzt.

HG: Wir reden auch nur dann von einem Unglück, wenn etwas Unvorhersehbares passiert, dem wir hilflos gegenüberstehen. Das brutal Hereinbrechende macht uns zu schaffen. Mit einem Schlag ist alles anders. Unglücke melden sich nicht an – Verkehrsunfälle, Krebserkrankungen, Naturkatastrophen, Epidemien und vieles mehr. Blühende Städte und Regionen können plötzlich von Krieg und Terror überrannt und verwüstet werden. Denken wir an Syrien und einige andere Länder nach dem Arabischen Frühling. Plötzlich ist alles anders – im nahen Lebensumfeld und im großen Weltgeschehen. „Wie ein Weber hast du mein Leben zu Ende gewoben. Du schneidest mich ab wie ein fertig gewobenes Tuch.“ Dieser schöne und zugleich traurige Satz war in einer Parte zu finden, Teil eines Gebetes des alttestamentlichen Königs Hiskia (Jes 38,12).

Das Tuch des Lebens ist fertiggewoben, die zur Verfügung stehenden Fäden und Farben sind verbraucht, sind eingewoben in das Tuch, das nun das Leben selbst ist. Um die Qualität einer Handarbeit zu überprüfen,hat meine Mutter die bestickten Tücher oder Decken umgedreht, um die Hinterseite zu betrachten. Für den Laien ist dort nur ein schwacher Abklatsch des schönen Dekors auf der Schauseite zu sehen, viele abgeschnittene Fäden, ein paar ansatzweise erkennbare Muster, einzelne Verknüpfungen, aber mehr nicht. Mir gefällt dieses Bild: Wir sehen in unserem Leben meist ausschließlich die Rückseite von Ereignissen. Ihre mögliche Bedeutung und die Schönheit des Ganzen erkennen wir höchstens im Fragment.

ML: Obwohl wir wissen könnten, dass uns alles, aber auch wirklich alles passieren kann, halten wir viele negative Wendungen des Lebens für nicht möglich. Aber unser Leben besteht aus beidem: aus dem Vorhersehbaren und auch aus dem Nicht-Vorhersehbaren.

Die Unterseite des Lebens, von der du sprichst, ist der geheime Webplan unseres Lebens, den wir nicht kennen können, der sich – wenn überhaupt – nur indirekt aus unseren Lebenserfahrungen erschließt. Nehmen wir unsere Lebenserfahrungen ernst? Wie oft sind wir über Verhaltensweisen von nahen Menschen immer und immer wieder empört, obwohl wir es schon wissen könnten! Wie oft essen oder trinken wir das Falsche, vielleicht zu viel, obwohl es uns jedes Mal im Magen liegt? Wir könnten unseren geheimen Webplan kennen, wenn wir unsere Erfahrungen ernst nehmen würden. So würden wir gegen vieles, was uns immer wieder schicksalshaft begegnet, gerüstet sein. Die eigenen Erfahrungen zu ignorieren heißt, im Blindflug durchs Leben zu reisen.

HG: Ich möchte nochmals das Buch Ijob erwähnen. Es gehört zu den großen Schätzen der Weltliteratur. Schonungslos wirft der Leidende sein Unverständnis und seinen Schmerz auf Gott zurück: „Den Kreis meiner Freunde hast du mir zerstört. Du hast mich gepackt. Mein Verfall erhebt sich und tritt als Zeuge gegen mich auf.“ (Ijob 16,7f.) Das sind keine frommen Worte, aber gerade darin liegt der Durchbruch zu einer inneren Freiheit. Durch diese ehrliche Passage hindurch, ohne Schönrederei und Verharmlosung des Schmerzes, tut sich ein Korridor der Zuversicht auf.

ML: Wirkliche Katastrophen ziehen uns den Boden unter den Füßen weg. Ich habe noch eine andere Metapher für mich selbst formuliert: Ich stelle mir mein eigenes Selbst als Haus vor, das tragende Wände hat, aber auch Wände, die bloß zur internen Abgrenzung dienen und veränderbar sind. Es gibt negative Ereignisse, die mir zwar wehtun und mich verletzen, die mich aber nicht nachhaltig beeinträchtigen. Sie betreffen die nichttragenden Mauern, die die Hüter meiner Intimsphäre sind. Wenn aber die tragenden Mauern von einem Ereignis in Mitleidenschaft gezogen werden, dann bin ich insgesamt infrage gestellt. Mein Lebensraum ist bedroht, ich kann mich in diesem Haus nicht mehr finden, habe die Heimat verloren. Ein Gefühl tiefgehender Verlorenheit stellt sich ein.

HG: Lebensentwürfe liegen in Scherben. Ist es möglich, mit dem Leidenden eine solche, existentiell bedrohliche Verlorenheit auszuhalten – manchmal bis hin zum Punkt der Gottverlassenheit, an dem jeder „unerschütterliche“ Optimismus verdächtig wird? In diesen Momenten stützt mich der Blick auf Jesus, der dieser tiefsten Verlassenheit nicht ausgewichen ist. Bei seinem Tod am Kreuz hat er sie durchlitten. Eli, Eli, lema sabachtani?, das heißt: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Mt 27,46) Mit diesem Vers aus dem Psalm 22 hat Jesus nach seinem Vater geschrien und mit diesem Schrei alle Abgründe menschlicher Verlassenheit berührt. In äußerster Verzweiflung hat er sich durch alle Mauern der Einsamkeit hindurch an ein Du gerichtet. Der zitierte Psalm endet mit Zuversicht. Für uns bedeutet die geheimnisvolle Gottverlassenheit Jesu am Kreuz, dass auch in der letzten Einsamkeit eine Berührung mit Gott möglich ist …

ML: … eine letzte Geborgenheit. Wie tröstlich für den, der dazu einen Zugang hat! Wir müssen uns offenbar in die Verletzungen hineinbegeben, um sie zu überwinden. Ich denke an einen Freund, der keine Partnerin hat und sehr darunter leidet. Er klagt darüber, dass er niemanden hat, der ihn begrüßt, wenn er nach Hause kommt. Er fürchtet die Einsamkeit. Er schafft es nicht, sie zu ertragen, obwohl er ihr nicht entkommt. So bleibt die Einsamkeit für ihn ein bedrohliches Monster. Solche bedrohlichen Monster sind immer projizierte Ungeheuer, die wir uns möglichst vom Leib halten wollen und gerade dadurch in paradoxer Weise an uns binden. So wird mein Freund seine Einsamkeit nie los.

Es ist wirklich so: Wir müssen uns unseren Verletzungen stellen und quasi Freunde von ihnen werden, um sie zu überwinden.

Perfekt sein müssen

HG: Zu hohe Ansprüche und Träume von Perfektion können enormen Stress verursachen. Denken wir etwa an Szenen, die sich am Heiligen Abend abspielen. Alles wird perfekt arrangiert, um der ersehnten harmonischen Idylle Genüge zu tun. Es scheint jedoch wie vorprogrammiert, dass diese Inszenierung platzen wird. Vielleicht sind es nur ein paar nervige Aktionen der Nachbarn oder Kinder, die nicht „mitspielen“. Schon allein der emotionale Druck kann etwas an die Oberfläche bringen, das bereits längere Zeit gegoren und in einer Beziehung nicht mehr gestimmt hat. Weniger Show und dafür mehr ehrliche Begegnungen könnten einiges an Streit und Enttäuschungen vermeiden helfen. Einfach ausprobieren: weniger Hochglanz, dafür mehr Zeit füreinander. Vielleicht auch ein Wort der Entschuldigung, wenn man sich gegenseitig überfordert hat.

ML: Mehr Gelassenheit wäre gut. Sie ist teilweise auch erlernbar. Außerdem gilt für jede Familie und jedes System: Ein Perfektionsanspruch macht verletzlicher und ist störungsanfälliger als eine dynamische Ordnung, in der Fehler und mangelhafte Zustände sein dürfen. Im Nicht-Perfekten, manchmal sogar im Chaos gibt es mehr Gestaltungsmöglichkeiten. Ein sicherer Weg in die Trostlosigkeit ist der Wunsch, es allen recht zu machen.

HG: Menschen arbeiten bis zum Umfallen, bleiben bis spät in die Nacht im Büro oder in der Firma. Wird das wirklich erwartet? Mit einem bewussten Weniger würden viele sich selbst und ihrem unmittelbaren Lebensumfeld wohl gerechter werden. Dahinter kann auch eine „Programmierung“ stecken. Vielleicht haben Eltern versucht, ihre ehrgeizigen Ziele, die sie selbst nicht erreichen konnten, mithilfe ihrer Kinder zu realisieren. Diesen wurde vermittelt, dass sie nur mit einem bestimmten Grad von Perfektion liebenswürdig seien. Meist wird jedoch gerade dadurch eine kreative Entfaltung der subjektiven Begabungen verhindert.

ML: Die Hemmung der Kreativität zeigt sich auch in dem verzweifelten Gefühl, nie den eigenen Ansprüchen zu genügen. Wenn du einen Perfektionisten fragst, was eigentlich „perfekt“ ist, wird er es nicht sagen können. Sein Verhalten mutet zwanghaft an. Er kann nicht, wie es die Daoisten so schön ausdrücken, mit dem großen Wasser fließen, sondern möchte das Leben in seine vorgefertigte Fassung hineinzwängen. Damit verunmöglicht er jeden Entwicklungsspielraum.

HG: Zum Leben gehören Störungen und Fehler – die vielen täglichen Ereignisse, die uns aufbauen, aber auch verletzen können. Wir sind Verursacher und Opfer unzähliger „Verwundungen“, und niemand geht ohne Schrammen und Verletzungen durchs Leben. Manche davon heilen wieder, andere bleiben unserer Seele eingeschrieben. Sie gehören zu unserer Biografie und machen unser ganz persönliches Profil aus. Sie anzunehmen macht uns menschlicher. Ich habe immer das Bild des auferstandenen Christus vor Augen, der den verängstigten Jüngern seine Wundmale zeigt. Genau daran haben sie ihn erkannt. Vor ihnen stand kein göttlicher Sunnyboy, der selbstherrlich über die Erde schwebt. Die sichtbaren Wunden, die ihm bei der Kreuzigung zugefügt wurden, haben ihr Vertrauen geweckt. Vielen ist die Diskussion rund um den „nackten Christus“ des Tiroler Bildhauers Rudi Wach bekannt. Die scheinbar provokante Kreuzesdarstellung auf der Innsbrucker Innbrücke hat jahrzehntelang für Wirbel gesorgt hat. Vordergründig haben sich die Leute an der Nacktheit gestoßen. Für mich schwer nachvollziehbar. Der eigentliche Skandal dieser Darstellung ist für mich das Fehlen der Wundmale. Ein Gekreuzigter ohne Wunden ist eine esoterische Lichtgestalt, die mit uns Menschen letztlich nichts zu tun hat. Von einem glattpolierten, „perfekten“ Christus geht kein Trost aus.

ML: Wunden zu verneinen ist eine Verdrängung von wichtiger Lebensrealität – und manchmal auch ein Schutz. Für den Perfektionisten sind Wunden inakzeptabel. Er möchte seine Vorstellungen durchsetzen, weil seine Ängste es ihm befehlen. Der Perfektionist hat etwas Autoritäres. Das ist meistens ziemlich abstoßend und in seiner Kälte trostlos.

HG: Ist es nicht gerade das Nicht-Perfekte, das uns offener, zugänglicher und verständnisvoller macht? Durch eine persönliche Schwäche, an der man leidet, kann eine innere Verbundenheit mit jemandem entstehen, der dasselbe Problem hat oder mit demselben Versagen kämpft. Durch eine persönliche „Verwundung“ kann es möglich werden, Menschen in ähnlichen Situationen und mit ähnlich schmerzvollen Erfahrungen besser zu verstehen. Wer Vergleichbares kennt, wird anders trösten können.

Selbst eine offenbar schwerwiegende Sünde kann in diesem Sinne ein Türöffner für ein Plus an Verständnis, Barmherzigkeit und Solidarität sein. Man könnte sogar sagen: Gott braucht diese Türöffner, diese Ritzen in der Wand, um uns menschlicher zu machen. Leonard Cohen singt in einem berühmten Lied genau von dieser heilsamen Bruchstelle: Forget your perfect offering. There is a crack in everything. That’s how the light gets in. Übersetzt: „Vergiss dein perfektes Opfer. Es gibt eine Bruchstelle in allem. So kann das Licht hereinfallen.“ Verständlicherweise wollen wir Bruchstellen vermeiden oder genieren uns dafür. Aber genau durch diese „undichten Stellen“, wie du es einmal formuliert hast, kann uns Gott erreichen – und das Leben neu gelingen.

ML: Ja, genau die Schwachstellen sind die Vernetzungspunkte, die Kontaktpunkte zwischen uns und den anderen, der Welt, sogar mit dem Göttlichen. In der Tat geben einem gerade die Schwächen einer Person das Gefühl, sie besser zu kennen.

Es fehlt Perfektionisten häufig an Empathie. Dahinter steht oft mangelnde Selbstliebe. Sie sind sich selbst nie genug, müssen daher immer besser werden. Wie gesagt, ein verzweifelter Versuch! Wer seine ganze Energie dafür benützt, sich selbst zu optimieren, hat meist die Hände nicht mehr frei für die Welt. Und der Perfektionist hat oft wenig Verständnis für die Schwächen anderer, da er auch den eigenen Schwächen gegenüber gnadenlos ist. Es ist grauenhaft anzusehen, wie sich eine solche Weltsicht gegen alles Lebendige stellt. Indem wir das Lebendige in der Welt nicht würdigen, entwürdigen wir uns selbst. Das ist trostlos.

Der Wahnsinn der Optimierung

ML: In vielen Unternehmen gehört es zum guten Ton, sich als Mitarbeiter ständig verbessern zu wollen. Wer sich nicht optimiert, gilt als unprofessionell. Mir wird immer wieder berichtet, dass Mitarbeiter in Gesprächen mit ihren Vorgesetzten sehr forsch und kränkend auf „Optimierungspotenziale“ hingewiesen werden.

HG: „Hat diese Person Potenzial?“ Eine scheinbar logische Frage, wenn es um verfügbare „Humanressourcen“ geht – und doch so verletzend, eigentlich entwürdigend. Sprechen wir so von Menschen? Womit rechtfertigt sich dieser durchaus übliche Optimierungsdruck, der sich auf eine fast ausschließlich ökonomische Bewertung von Personen richtet? Ausschöpfen, ausreizen, optimieren – ein irrationaler Wille zur permanenten Steigerung scheint uns anzutreiben. Glück gibt es in dieser Konzeption nur im Immer-Mehr, Immer-Besser, Immer-Schneller und Immer-Erfolgreicher. Paradoxerweise gilt gleichzeitig aber auch ein Immer-Entspannter und Immer-Cooler als maßgebliches Lebensdiktat.

Die damit ständig vermittelte Mangelerfahrung drängt zu einem Entwicklungs-, Erlebnis- und Konsumimperativ. Ein gnadenloses „Du musst!“ Der einzelne Mensch findet sich in einem trostlosen Optimierungsstress wieder, der alle Lebensbereiche erfasst, selbstverständlich auch die Freizeit. Selbst Kinder bleiben davon nicht verschont – ihre Zeit ist nahezu systematisch verplant: Fußball, Ballettunterricht, Schach, Chinesisch lernen, Gymnastik, Klavier, reiten … Diese Überfrachtung nimmt ihnen die heilsamen Momente des Alleinseins und des Leerlaufs.

ML: Die Eigen- und Fremdausbeutung ist in allen Bereichen präsent. Wir machen uns auf diese Weise zum Objekt. Sich selbst oder andere zum Objekt zu machen bedeutet immer, sich und anderen Gewalt anzutun. So einfach ist das. Faktum ist, dass kein Mensch eine „eierlegende Wollmilchsau“ ist. Das bedeutet, dass keiner auf jedem Gebiet gut sein kann. Die Energie, die wir zur Optimierung nützen, fehlt uns möglicherweise in anderen Bereichen.

Die Optimierung ist der Feind des Optimalen. Sie ist die Karotte vor der Nase, die man nie erreicht. Es ist naheliegend, dass man Menschen leicht in Abhängigkeit bringen kann, wenn man ihnen vermittelt, dass das, was sie machen, nie optimal ist, sondern stets optimiert werden müsse. So versklavt man freie Menschen und kann sie für die eigenen Ziele missbrauchen und manipulieren. Die Optimierung ist ein subtiles Folterinstrument und repräsentiert die dunkle Seite des Kapitalismus.

HG: Die permanente Optimierung der Karriere gehört hier dazu – muss doch die eigene Biografie eine Erfolgsgeschichte sein! Dem Diktat der Selbstoptimierung wird nicht selten auch der private und intimste Lebensbereich unterworfen. Zuerst trifft es meist den Körper – er muss optimal sportlich, durchtrainiert, attraktiv und sexy sein. Für viele ist es selbstverständlich, den eigenen Body zu schinden, bis die optimale Form erreicht ist. Ja, der vielfältige Körperkult verlangt seine Opfer. Dieses Diktat der Selbstoptimierung macht auch vor dem Spirituellen nicht halt – manche Meditationstechniken sind einem subtilen Leistungsdenken verpflichtet. Das Versprechen lautet, dass sich durch entsprechende spirituelle Praxis und Übung ein höheres Maß an Zufriedenheit und beruflichem Erfolg einstellen würde.

ML: Grundsätzlich ist bei aller berechtigten Kritik, die wir vorgebracht haben, gegen die Selbstoptimierung nichts zu sagen, finde ich. Es ist durchaus positiv, wenn Menschen etwas aus sich machen wollen. Sich und anderen Anreize zu setzen, um sich zu entwickeln, ist keineswegs verwerflich, ganz im Gegenteil. Was aber auffällt, ist die hemmungslose Neigung zur Selbstinstrumentalisierung, die dadurch zu entstehen droht. Der optimierte Mensch macht sich selbst zum Werkzeug, mit dem er seine Ziele verfolgt. Nicht die Selbstoptimierung als solche, sondern die Verstrickung ist das Problem. Wir verlieren in der Selbstoptimierung den eigenen Kompass.

HG: Du hast Recht. Ich möchte mit meiner Kritik am Optimierungswahn auch nicht einer bloßen Bequemlichkeit das Wort reden. Es ist in jedem Fall notwendig, an sich zu arbeiten und sich selbst zu fordern, um das Beste geben zu können. Einen unbeteiligten Schongang möchte ich nicht heiligsprechen. Dennoch sehnen wir uns nach dem Punkt, wo wir uns nicht mehr krampfhaft selbst erfinden und vor anderen präsentieren müssen.

Das letzte Gemälde Rembrandts, das sich bei seinem Tod 1669 fast fertig auf der Staffelei befand, trägt den Titel „Simeon und das Jesuskind“. Rembrandt war müde und erschöpft von der Misere seiner letzten Jahre. 1642 starb seine geliebte Frau Saskia. Das Einzige, was ihm blieb, war sein geliebter Sohn Titus, der jedoch 1668 mit 27 Jahren verstarb. Auf dem Bild liegt ein Baby auf den Armen des greisen Simeon, dessen Hände jedoch unter dem Kind hindurch nach etwas anderem zu greifen scheinen. Offensichtlich hat sich Rembrandt mit diesem Gemälde auf seinen eigenen Tod vorbereitet. Er hat in seiner Zeit die Möglichkeiten der Malerei unablässig optimiert und mit einer höchst erfolgreichen Werkstätte neue Maßstäbe künstlerischer Produktion gesetzt. In bitterer Armut beendet er sein Leben, aber reflektiert es mit dem biblischen Ereignis der „Darstellung des Herrn“. Er sieht sich im Bild des greisen Simeon, der sein Leben lang auf diese entscheidende Begegnung mit dem Messias gewartet hat: „Nun lässt du, Herr, deinen Knecht in Frieden scheiden. Denn meine Augen haben das Heil gesehen, das du allen bereitet hast, ein Licht, das alle erleuchtet.“ (Lk 1,29f.) Ein lichtvoller Abschied, nicht wahr?

ML: Ähnlich habe ich die ungeheure Erleichterung von Menschen erlebt, die endlich aus der Optimierungsnotwendigkeit aussteigen konnten. In erster Linie sind es Menschen, die gegen den Tod angekämpft haben und die, als sie erkannten, dass es keinen Sinn mehr hatte, nicht verzweifelt, sondern erstaunlich gelöst wirkten. Aber auch jenseits einer solch existenziellen Situation gibt es ähnliche Phänomene: Mir kommen zwei Personen vor das geistige Auge, die beide in ihren Firmen von Vorgesetzten gequält wurden, beide Führungskräfte, die den Optimierungsansprüchen ihrer Chefs kaum standhalten konnten. Als sie schließlich ihre Arbeit verloren, wirkten sie trotz der objektiv misslichen Situation entspannt und erleichtert.

HG: Erleichtert, obwohl sie ein Opfer der üblichen Optimierungslogik wurden. Vielleicht ist gerade diese Niederlage für sie zur Chance geworden. Was zählt denn letztlich? Wir kennen allzu gut die Versuchung einer vorschnellen Abrechnung, einer „endgültigen“ Lebensbilanz. Sie ist gefährlich, denn sie fällt entweder übertrieben selbstherrlich aus oder ist durchwachsen von Vorwürfen gegenüber Personen und Institutionen, die uns aus unserer Sicht um einen optimalen Erfolg gebracht haben. Die anderen sind schuld, dass es nicht optimal gelaufen ist. Auch eine übertriebene Selbstanklage kann Resultat einer eigenmächtigen Lebensbilanz sein. Was bleibt, ist eine bittere Trostlosigkeit. „Alles umsonst!“ Der selbsterrechnete Saldo ist nicht zufriedenstellend. Darf ich ein typisches Beispiel aus dem Tiroler Umfeld nennen? Ein für heutige Ansprüche optimaler Tourismusbetrieb wurde mit höchstem Einsatz aufgebaut, aber niemand von der Nachkommenschaft hat Lust, ihn weiterzuführen. Die neue Generation setzt ihre eigenen Prioritäten. Ist deshalb alles umsonst?

Das lateinische Wort für „umsonst“ lautet frustra. Frustrierte sind immer in Gefahr, entweder in ihrer selbstverliebten oder in ihrer selbstvernichtenden Bilanz stecken zu bleiben. Die wirklich relevante Lebensbilanz wird jedoch Gott ziehen. Das ist meine Überzeugung. In seiner nachhaltigen „Ökonomie“ geht nichts verloren. Nichts von dem, was wir an Herzblut und Lebensmühe investiert haben, war umsonst. Hundertprozentig wird sich „auszahlen“, was wir ohne Fixierung auf einen sichtbaren und sofort nachweisbaren Erfolg mit einer guten und ehrlichen Intention ausgesät und „investiert“ haben. Wie diese Lebenssaat letztlich aufgeht und die Früchte aussehen werden, wissen wir nicht.

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23 dekabr 2023
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