Kitabı oxu: «Der Tuxer Schäfer»

Hermann Profer, der Tuxer Schäfer

Vollständige E-Book-Ausgabe der im Rosenheimer Verlagshaus erschienenen 3., aktualisierte und erweiterte Auflage 2022
© 2022 Rosenheimer Verlagshaus GmbH & Co. KG, Rosenheim
www.rosenheimer.com
Titelfoto: © Harry Kübler – stock.adobe.com
Bildnachweis: Alle Fotos im Innenteil stammen aus dem
Privatarchiv der Familie Egger.
ISBN 978-3-475-54911-3 (epub)
Inhalt
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Prolog
Mein Großvater Hermann Profer
Mein Großvater Hermann Profer wurde am 31. Mai 1909 als siebtes Kind des Valentin und der Marianna Profer geboren. Sein Vater war Hausierer und Marktfahrer. Die Familie war ständig unterwegs, wechselte oftmals den Wohnsitz, bis sie sich schließlich 1913 in Innsbruck-Hötting niederließ.
Zu dieser Zeit wohnten in Hötting die Zuwanderer und Arbeiter, die sich im nahegelegenen Innsbruck keine Wohnung leisten konnten. Der Ort hatte nicht den besten Ruf. Man nannte Hötting die „Koatlackn“, die Kot-Drecklache. Die Höttinger kamen aus der Arbeiterschicht, man erkannte die dort lebenden Menschen an ihrem ausgeprägten Dialekt und dem lauten Umgangston.
Das Schicksal meinte es nicht gut mit seiner Familie. Im Jänner 1916 starb Mutter Marianna nach der Geburt des neunten Kindes Frieda. Zu dieser Zeit waren Vater und Bruder im Weltkrieg. Sein Bruder Wilhelm fiel 1916.
Nach dem Krieg starb 1921 auch sein Vater an Tuberkulose. Weder die älteste Schwester Mina noch eine der in Innsbruck-Hötting ansässigen Tanten konnten die Kinder ernähren. Die älteren Geschwister zogen nach Südtirol und arbeiteten im Beruf ihres Vaters. Die fünf kleineren Geschwister wurden getrennt und in verschiedene Waisenhäuser in Nord-, Ost-, und Südtirol eingewiesen.

Hermann bei der Firmung
Hermann wurde nach seinem 12. Geburtstag und unmittelbar nach seiner Firmung allein in ein Pflegeheim in Neustift im Stubaital überstellt.
Alle Neuankömmlinge wurden nach ihrer Ankunft für ein paar Wochen eingesperrt, damit sie sich an die neue Umgebung gewöhnten und das Heimweh abklingen konnte. Hermann war mit harter Arbeit und in Freiheit aufgewachsen und fand sich im Pflegeheim nicht zurecht. Zu stark waren die Erinnerungen an die verstorbenen Eltern, die Tanten und Geschwister. Im Pflegeheim nannte man ihn den „Koatlackler“.
Er fasste allen Mut, holte den rupfenen Sack mit seinen Habseligkeiten und lief so schnell er konnte davon. Er wusste, dass er mit harten Konsequenzen rechnen musste, wenn er wieder in das Pflegeheim zurückgebracht werden würde. Er floh auf Bergpfaden ins Pinistal, weiter über das Padasterjoch und dann hinunter ins Gschnitztal.
Am nächsten Morgen kam Hermann nach Steinach am Brenner, einen Ort, mit dem er vertraut war. Mit seinem Vater war er öfters am Steinacher Markt gewesen. Hermann kannte so manchen Marktfahrer. Er hoffte, Arbeit zu finden oder einen Verwandten oder Bekannten zu treffen, der ihn aufnahm. Auf gar keinen Fall wollte er zurück ins Pflegeheim. Doch er hatte kein Glück.
Hermann zog weiter ins hinterste Schmirntal, bis zur Kluppenalm, wo er beim Oggeneuner Bauern als Schafhüter bleiben konnte.
Am letzten Samstag im September 1921 gingen die Bauern zum alljährlichen Matthäusmarkt nach Steinach am Brenner. Dort verkauften sie ihr gezüchtetes Vieh, die über den Sommer hergestellten Käselaibe und den Graukäse. Auch der Oggeneuner Bauer trieb seine Kühe, Ziegen und Schafe von der Alm ins Tal und weiter zum Markt. Hermann begleitete ihn. Der Bauer teilte dem Jungen mit, dass er ihn im Winter nicht durchfüttern könne. Hermann war verzweifelt und hatte Angst, wieder in das Pflegeheim eingewiesen zu werden.
Auch die Hintertuxer Bauern gingen alljährlich über das Tuxerjoch zum Matthäusmarkt. Hintertux gehörte zur politischen Gemeinde Schmirn, der Steinacher Markt war auch ihr Jahreshöhepunkt und Umschlagplatz für Vieh und Käse. Maria, die Schwester des Hohenhauser Bauern Thomas Profer ging dieses Jahr alleine über das Joch zum Steinacher Markt. Sie sah den Oggeneuner Bauern mit dem völlig verwahrlosten Buben an seiner Seite. Der Bauer versuchte ihn loszuwerden, bot ihn jedem an, der vorbeikam, drückte seinen Oberarm, um zu demonstrieren, wie kräftig der Bub sei. Niemand wollte ihn haben. Der Bub wurde gehandelt wie ein Stück Vieh.

Maria Hohenhauser
Maria entschloss sich, Hermann nach Hintertux mitzunehmen. Vielleicht aus Mitleid, vielleicht auch wegen ihres Bruders, der ebenso wie sie ledig und kinderlos war. Dem Hohenhauser Bauern fehlte schließlich ein Hofübernehmer.
Mit seiner Ankunft in Hintertux am 24. September 1921 änderte sich Hermanns Leben grundlegend. Maria und ihr Bruder Thomas gaben ihm Halt und ein Zuhause. Sie wurden seine Ersatzeltern. Das Geschwisterpaar erzog Hermann und prägte sein Leben maßgeblich. Aber auch für die Hohenhauser war Hermann ein Segen. Über Nacht war ein möglicher Hofübernehmer ins Haus gekommen.
Da Hermann den bekannt-derben Höttinger Dialekt sprach, nannten ihn die Hintertuxer abfällig den „Koatlackler“. Obwohl mein Großvater schnell den Hintertuxer Dialekt angenommen hatte, blieb ihm der Schimpfname jahrzehntelang erhalten.
In den Sommermonaten der ersten Jahre arbeitete Hermann als Schafhüter auf der hoch über Hintertux gelegenen Schafalm. In den Wintermonaten erlernte er das Melken, die Abläufe und das Arbeiten am Hof. Aus dem Schafhirten wurde der Hohenhaus-Knecht.
Der Autor Hermann Holzmann kam aus Steinach am Brenner, also aus jenem Ort, wo die Geschichte meines Großvaters ihren Anfang nahm. Aller Wahrscheinlichkeit nach hat er die Situation am Steinacher Markt selbst miterlebt und später als Inspiration für sein Buch gesehen. Hermann Holzmann reiste nach Hintertux, wo er auf Simon Mader, den Kössler Bauern, traf. Er wollte sich alle Orte des Geschehens ansehen.
Während der langen Wanderungen erzählte der Kössler Bauer dem Autor generationenübergreifende Gegebenheiten der alten Hohenhauser Generation und die Familiengeschichte bis zur damaligen Gegenwart Mitte der 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Und dann entstand die unglaubliche Geschichte des Tuxer Schäfers.
Mein ganz besonderer Dank geht an J. G. Fankhauser aus Mayrhofen für die Recherche zu der Familiengeschichte der alten Hohenhauser.
Hermann Egger

Der Hohenhaus-Hof in Hintertux
1
Der Hohenhauser Bauer war ein verschlossener Mann. Schon in seiner Jugend hatte er sich von seinen Altersgenossen immer etwas abgesondert und war am liebsten für sich allein geblieben. Wie alle Bauern von Hintertux hatte auch er in der Sommer- und Winterzeit schwere Arbeit zu tun, aber er übertraf dabei noch alle anderen an Ausdauer. Er gönnte sich nicht Rast und Ruhe, und es mochte stimmen, wenn man von ihm sagte, dass er fast keinen Schlaf benötigte. Denn er machte manchmal die Nacht fast zum Tag, besonders zur Zeit der Heuernte, wo man ihn schon in aller Herrgottsfrühe auf die Felsen und Schrofen hinaufsteigen sah, um das Bergheu zu mähen.
In seiner Jugend hatte er mehrere Sommer lang die Schafe auf der Tuxer Schafalm gehütet, und alle Bauern waren sich einig, kein Hirt habe jemals so viel Bergheu gemacht und dennoch auf die Schafe so gut achtgegeben wie der Hohenhauser. Kein einziges Tier war ihm abgestürzt oder sonst wie zugrunde gegangen.
Danach hatte er drei Jahre lang das Tuxer Vieh auf der Sommerberger Alm gehütet. In dieser Zeit hatte sich sein herrisches und eigenwilliges Wesen immer stärker entwickelt. Dann hatte er den Hof übernommen und da er sich auf die Viehzucht besonders gut verstand, wurde er schon in jungen Jahren zum Alpmeister von Hintertux gewählt.
Sonst galten seine ganze Kraft und die harte Arbeit dem schönen Hohenhauser-Hof. Das aus schweren Balken gefügte Wohnhaus stand mit dem Stall und dem Kasten eng verschachtelt mit den anderen Höfen, als suchten sie alle gemeinsam an dieser einzigen sicheren Stelle Schutz vor den Lawinen, die zur Winterzeit wie eine ständige Drohung über dem Tal hingen. Aber trotz dieser engen Nachbarschaft blieb der Hohenhauser ein Einzelgänger und kümmerte sich nur wenig um andere.
Jede Geselligkeit mied er. So sah man ihn auch nicht, wenn die langen dunklen Winterabende einfielen, auf irgendeinem der anderen acht Höfe, wo die Hintertuxer sich in den warmen Stuben zusammenfanden, um miteinander zu reden oder alte Geschichten zu erzählen, die man schon so oft gehört hatte, die aber doch immer wieder neu zu sein schienen, wenn sie berichtet wurden.
Es schien, als reue den Hohenhauser die Zeit, als gehöre er nicht dazu. Schon in seinem Äußeren unterschied er sich von den anderen. Er war groß gewachsen und überragte mit seiner Länge die übrigen, die zu ihm aufschauen mussten, wenn sie ihm in die dunklen, durchdringenden Augen schauen wollten. Es war gerade, als sähen sie jedem Menschen auf den Grund. Er war breit und grobknochig, und an seinen kräftigen Händen sah man, dass sie zuzupacken gewohnt waren. Selbst jetzt im Winter war seine Haut gebräunt, ja, in seiner ganzen Erscheinung glich er eher den Leuten von Ladins jenseits des Joches als den Bauern von Hintertux.
Dem Hohenhauser war dieser Unterschied gar nicht bewusst, und die Bauern von Hintertux fügten sich auch ohne Widerspruch dem herrischen Mann, der mit Beharrlichkeit und Härte sein eigenes Recht vertrat und das der Hintertuxer, zu deren Sprecher er bei der Gemeinde von Schmirn und beim Landgericht in Steinach an der Brennerstraße gewählt war.
Zwar lag Hintertux als letzte Bergsiedlung im Zillertal, aber es gehörte zur Gemeinde Schmirn, jenseits des Tuxer Joches, und zum Landgericht Steinach. Der Weg dorthin betrug sieben Gehstunden, und über das Joch hinweg mussten auch die Toten getragen werden zu dem alten Gottesacker bei St. Maria ob der Brennerstraße, um dort ihre letzte Ruhestätte zu finden.
Beim Landgericht und bei der Gemeinde fand der Hohenhauser immer das rechte Wort und ließ sich niemals einschüchtern. Die Hintertuxer waren also mit ihm zufrieden, und jeder Einzelne war nur zu froh, dass nicht er selber den langen Weg nach Steinach gehen musste, das bei der Abgeschiedenheit, in der man in Hintertux lebte, allen wie eine fremde Welt erschien, die ihnen die Sprache verschlagen hätte.
Nein, sie ließen den Hohenhauser gern gewähren und sahen es ihm nach, wenn er sich daheim so absonderte und gern allein sein wollte. Aber wenn sie unter sich waren, kam von Zeit zu Zeit doch die Rede auf das sonderbare Wesen des Hohenhausers.
»Muss einmal etwas mit ihm gewesen sein«, meinte dann der eine oder andere. »Hab ihn seit seiner Jugend nimmer lachen sehen.« Ja, es musste einmal etwas geschehen sein, das den Hohenhauser so verschlossen hatte werden lassen.
Die älteren Leute erinnerten sich: Bis zu seinem 33. Lebensjahr war der Hohenhauser ledig gewesen und in nichts hatte sein Wesen sich von dem der anderen unterschieden. Dann hatte er geheiratet. War seitdem alles anders geworden? Was wussten die Hintertuxer schon! Wussten sie, was damals geschehen war? Der Hohenhauser war ein verschlossener Mann und er wäre der Letzte gewesen, der mit jemandem über das gesprochen hätte, was ihn bedrückte.
Damals stand der Hohenhauser in seinen besten Mannesjahren. Unermüdlich arbeitete er in Haus und Feld und Wald und Alm. Er hielt das schönste schwarzscheckige Tuxer Vieh im Stall. Auch die graugesprenkelten Tuxer Schafe liebte er. Um das Vieh, die Schafe und Geißen den langen Winter über durchfüttern zu können, musste auch die gefährlichste Bergmahd im Sommer ausgemäht werden. Die Gründe im ebenen Talboden wurden meist als Acker für Hafer und Gerste verwendet, daher gab es für drei Knechte und zwei Mägde Arbeit genug auf dem Hof.
Neben diesen Dienstboten lebten auch noch die alte Mutter und eine unverheiratete Schwester auf dem Hof. Da brauchte es eine große Muspfanne und einen großen Tisch in der Stube.
Auf dem Hohenhauser-Hof gab es gute und schmalzige Kost. War die Arbeit auch hart und lang, Knechte und Dirnen blieben doch gerne, ja es galt sogar als Ehre, auf dem Hohenhauser-Hof Dienst zu leisten. Der Bauer nahm nur die besten Knechte auf. Und Bauernknecht beim Hohenhauser zu sein bedeutete schon etwas im weiten Umkreis. Es gab nicht viel Wechsel mit den Dienstboten.
Auch im Winter lagen weder Bauer noch Knechte auf der warmen Ofenbank. Da hallten die Axtschläge durch den Winterwald. Es begann das Holztreiben und Holzführen. Dann sang die Säge ihr helles Lied viele Wochen lang.
Und wenn der Schnee im Frühjahr hart geworden war, wurde der Mist auf Acker und Feld getragen und als letzte Frühjahrsarbeit Erde auf die beschneiten Äcker gestreut, damit der Schnee schneller schmolz. Auch für die Frauen ging im Winter die Arbeit nie aus. Wochenlang dauerte das Spinnen der Wolle, bis in die späten Nachtstunden hinein.
Und doch hatte der Hohenhauser die Hintertuxer damals überrascht, denn sie glaubten, er bliebe noch länger ledig. Man hatte ihn nie mit einer Dirn am Sonntag sprechen und lachen sehen. Um die Frauen schien er sich überhaupt nicht zu kümmern, als wären sie gar nicht da. Er redete mit ihnen nur über die Arbeit.
Auch wenn andere Bauern Hochzeit hielten, nahm er höchstens an der Feier in der Kirche teil. Sonst fand er immer einen Anlass oder eine Ausrede, um bald zu verschwinden. Auch an den Dreikönigstagen ließ er sich nie in froher Gesellschaft sehen, um mit dem jungen Volk den Zelten, ein herrliches Früchtebrot, anzuschneiden.
Und doch täuschten sich die Leute von Hintertux. Wenn er auch nach außen hin eine vollkommene Gleichgültigkeit, ja fast Ablehnung zeigte, so entsprach dies seiner verschlossenen Art. Innerlich aber dachte er anders, ja er dachte viel nach über die Frauen und beobachtete sie mit seinen durchdringenden Augen. Keine Frau war imstande, seinen Blick auszuhalten. Alles war geheimnisvoll: War es ablehnend oder auffordernd?
Und diesen geheimnisvollen Blick spürte seine Magd, die Emma, mit Angst und Schauer und doch wieder mit großer innerer Freude.
Die Emma diente schon sieben Jahre lang treu und redlich auf dem Hohenhauser-Hof. Sie half im Frühjahr auf Feld und Acker mit; sie breitete bei der Mäharbeit das frisch gefallene Gras fein säuberlich aus, sodass es schön trocknen konnte; sie rechte das Heu zusammen, unermüdlich fleißig und sorgsam. Nicht das kleinste Hälmchen wollte sie liegen lassen; sechs Wochen arbeitete sie dann droben auf den hohen und gefährlichen Bergmähdern, schlief dort mit den anderen in den kleinen Hütten und kochte für die Mäher das Milchmus und die Brennsuppe. Dann konnte es geschehen, dass der Hohenhauser, wenn er zufällig in ihre Nähe kam, den Blick auf sie richtete. Sie spürte seinen Blick und rechte flink das Gras zusammen, um unauffällig weiter von ihm wegzukommen. Der Bauer stand da, lehnte seine Arme auf den Sensenrücken und kannte plötzlich keine Eile mehr …
In ihrem siebten Jahr war die Hohenhauser Familie auf Wallfahrt gegangen. Im Winter war in allen Ställen von Hintertux der Viehtisel ausgebrochen, eine Tierseuche. Zufällig hatte der Hohenhauser sein Vieh noch auf der hohen Aste. Das war sein Glück, denn das Hohenhauser Vieh wurde vom Tisel verschont. Zum Dank hatte die Mutter eine Wallfahrt versprochen, und der Hohenhauser hatte zugestimmt.
So stiegen dann alle vom Hohenhauser-Hof, der Bauer, seine Schwester, die drei Knechte und die beiden Dirnen, an einem Sonntag bald nach Mitternacht, als der Hahn noch nicht gekräht hatte, auf das Tuxer Joch hinauf. Während des zweistündigen Aufstieges wurden Rosenkränze gebetet, und alle dankten Gott, dass ihr Vieh von der Seuche verschont geblieben war. In den anderen Ställen von Hintertux sah es furchtbar aus.
Vom Tuxer Joch stiegen sie über Tettens hinunter zu den Höfen von Ladins. Dann wanderten sie, laut betend, durch das Schmirntal auswärts zur Brennerstraße. Sie hatten versprochen, den weiten Weg nüchtern zu machen, denn es sollte ja eine Wallfahrt zum heiligen Valentin, dem mächtigen Viehpatron, werden! So folgten sie, wieder laut betend, der Straße brenneraufwärts.
Um die siebte Morgenstunde waren sie beim Valentinskirchlein auf dem Brennerpass angekommen. Ohne zu rasten, gingen sie gleich in das Heiligtum hinein. Gerade konnte die junge Emma der anderen Magd zuflüstern: »15 Rosenkränze haben wir gebetet!«
2
Die Kirche von St. Valentin war überfüllt mit frommen Betern. Auch von anderen Tälern waren Wallfahrer gekommen. Lange dauerte die heilige Messe, noch länger die Predigt, aber die Tuxer Wallfahrer blieben auch nach der Messe noch in der Kirche, denn sie waren dem heiligen Valentin so dankbar, dass er sie vorm Tisel verschont hatte. Knechte und Dirnen blieben in den Bänken knien. Sie hätten es nicht gewagt, vor dem Bauer aufzustehen.
Endlich richtete sich der Hohenhauser auf. Noch einmal schlug seine knöcherne große Hand das Kreuzzeichen. Dann schaute er zu seiner Mutter und nickte ihr zu. Tief beugte er das Knie und stapfte schweren Schrittes zur Tür. Die anderen folgten ihm, am Schluss erst ging die Emma.
Nun zogen die Tuxer Wallfahrer zur berühmten »Brenner Post«, dem mächtigen Einkehrhaus. Dort nahmen sie in der großen Wirtsstube Platz. Die beiden Dirnen hatten in roten Tüchern, wie es Brauch und Sitte bei Wallfahrern war, ihre Vorräte selbst mitgenommen. Der Bauer bestellte einen Branntwein für sich und für die Knechte. Die Dirnen schichteten das schwarze Brot, Speck und Käse auf. Im anderen Tuch befanden sich Krapfen. Alle waren ordentlich hungrig geworden. Den Frauen brachte die Kellnerin dann eine dampfende Suppe. Den Männern stellte sie auf Wink des Bauern eine Kanne Wein auf den Tisch.
Der Hohenhauser griff ordentlich zu und trank den Wein in durstigen Zügen. Den Frauen schenkte er ein kleines Glas voll ein.
»Ein Glas zusammen werdet ihr schon aushalten«, lachte er – und dabei schaute er wieder so seltsam die Emma an.
Sie wurde über und über rot, denn sie spürte genau, dass er sie beobachtete.
Nach dem Essen sagte der Bauer: »Ich will mir noch den großen Poststall anschauen. Und zum Pfarrer muss ich auch noch gehen und eine Messe zahlen. Der heilige Valentin hat uns ja geholfen! Dann gehen wir wieder heim.«
Er verließ die holzgetäfelte Stube mit der mächtigen Balkendecke. Im Winkel leuchtete ein Öllämpchen vor einem großen Kreuz. Dunkle Ölbilder zierten die Wände.
Nachdem der Hohenhauser beim Pfarrer vorgesprochen und dann den Stall besichtigt hatte, wo etwa fünfzig Pferde standen, ging er noch einmal in die Kirche.
Vor dem Eingang hatte ein Kraxentrager seine Waren aufgeschlagen. An Sonntagen machte er bei Wallfahrtskirchen gute Geschäfte. Seine Sprache war dem Tuxer Bauern schwer verständlich, aber auf seine Anrede hin blieb der Hohenhauser doch stehen und besah sich die vielen Waren. Plötzlich fielen ihm einige Zierstücke auf. Es waren silberne Kettchen mit einem Muttergottes-Taler und andere Schmuckstücke, wie sie Frauen trugen. Bei diesem Anblick überkam ihn ein seltsames Verlangen, das er nicht mehr aus dem Kopf schlagen konnte. Überlegend hielt er das Kettchen mit dem Marientaler in der Hand.
Der Kraxentrager redete ihm begeistert zu: »Kettchen! Wunderschöne Kette! Nur zwei Gulden – du kaufen!«
Und er dachte nach und dachte nach. Sein Gesicht hellte sich auf. Ohne ein Wort zu sprechen, zog er den Geldbeutel, zahlte und steckte das Kettchen in die Tasche.
Als der Hohenhauser wieder zum Einkehrhaus zurückkam, stand gerade die Emma unter dem hohen Torbogen des Gasthofes. Sie schaute verwundert auf das bewegte Leben an der Brennerstraße. Mächtige Fuhrwerke zogen nord- oder südwärts. Dann folgte wieder eine Kutsche, dahinter etwa zehn Reiter – und wieder Fuhrwerke – und Wanderer und Pilger … War das ein Leben! So etwas hatte sie noch nie gesehen! Hier begann wohl die weite Welt! Und sie durfte heute das alles erleben! Wie war sie doch dem Hohenhauser dankbar, dass er sie auf diese Wallfahrt mitgenommen hatte!
Und da stand er auf einmal vor ihr. Seine große Gestalt verdeckte die Sonne. Und plötzlich – sie verstand nicht, was vorging – reichte er ihr die Hand, und ehe sie es gewahr wurde, spürte sie die metallene Kälte eines Kettchens. In ihrer Überraschung fand sie kein Wort, sie fand auch nicht die Kraft, ihm die Kette zurückzugeben oder zu fragen: Was soll ich damit?
Willenlos und hilflos hielt sie das Kettlein in der Hand. Sie blieb stehen und spürte nicht, dass der Hohenhauser schon wieder in die Stube gegangen war, um sie allein zu lassen. Sie zitterte vor Erregung, vor Angst und auch vor Freude. Dann wagte sie, die Augen zu öffnen – und staunend schaute sie das silbern glänzende Kettel mit dem großen Marientaler an.
Das hatte ihr der Hohenhauser bei der Wallfahrt nach St. Valentin geschenkt!
Mit gesenktem Kopf betrat sie wieder die Stube und setzte sich wortlos an den Tisch. Da packte die Schwester des Bauern die übrig gebliebenen Vorräte in die Tücher. Der Hohenhauser stand auf, nachdem er noch den letzten Schluck Wein getrunken hatte.
Ein Fuhrmann schaute verwundert auf die Hintertuxer in ihrem schmucken Gewand, die Männer in kurzen ledernen Hosen, die Beine in seltsam gemusterten Strümpfen, mit den schafwollenen Jankern und den kleinen Hüten auf dem Kopf.
»Ich hab vier schnelle Rösser! Ihr könnt aufsitzen bei mir, denn ich seh, ihr habt einen weiten Weg!«
Der Hohenhauser wehrte ab: »Na, Fuhrmann, wir haben dem Valentin eine Wallfahrt versprochen und gehn zu Fuß übers Joch!«
Um die Mittagszeit nahmen sie Abschied vom heiligen Valentin. Beim Rückweg gab es viel zu sehen und zu fragen. Aber die Emma war beim Heimweg so versunken, dass sie dieses Wunder der Weltstraße gar nicht zu bemerken schien. Mehrmals spürte sie auch den Blick des Hohenhauser Bauern…
In Stafflach an der Brennerstraße verabschiedete sich der Hohenhauser von seinen Leuten.
»Wenn ich schon übers Joch gegangen bin, dann ist der Weg nimmer weit zum Landgericht. Ich werd hier übernachten und morgen beim Richter vorsprechen. Es gibt vieles zu bereden!«
So stiegen die Hintertuxer ohne ihn wieder über das Tal von Schmirn nach Ladins und dann über das Tuxer Joch in ihre abgelegene Bergheimat. Alle waren sie glücklich über diesen schönen Tag, den sie dem heiligen Valentin geweiht hatten. Und als sie in der Dämmerung daheim ankamen, gab es so viel zu erzählen, dass es wieder eine kurze Nacht werden sollte.
In dieser Nacht schlief die Emma trotz ihrer Müdigkeit erst sehr spät ein. Glückselig hielt sie das Kettel in der Hand.
Aber auch der Hohenhauser konnte lange Zeit keinen Schlaf finden. Er starrte vor sich hin und dachte: Ich versteh nicht, wie es passiert ist! Auf einmal hat es mich gezwungen, ihr das Kettlein zu schenken! Und aus dem Dunkel leuchtete wie unwirklich ihr Gesicht …