Kitabı oxu: «Was Kirche und Gesellschaft zusammenhält»
Hermann Kues
Was Kirche und Gesellschaft zusammenhält
Pragmatische Politik in
christlicher Verantwortung
Mit einem Vorwort von Reinhard Kardinal Marx
Hermann Kues
Was Kirche und Gesellschaft zusammenhält
Pragmatische Politik in
christlicher Verantwortung
Mit einem Vorwort von Reinhard Kardinal Marx

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© 2012 Echter Verlag GmbH, Würzburg
www.echter-verlag.de
Umschlag: Peter Hellmund (Foto: Torsten Tietz)
Satz: Hain-Team, Bad Zwischenahn (www.hain-team.de)
Druck und Bindung: CPI – Clausen & Bosse, Leck
ISBN 978-3-429-03513-6
Inhalt
Vorwort von Reinhard Kardinal Marx
Worum es mir geht –
Engagiert sein für Kirche und Gesellschaft
Christliche Politik –
zwischen festen Grundsätzen und praktikablen Lösungen
Die Zeichen der Zeit verstehen und handeln –
Kirche und Politik in historischer Perspektive
Es geht um das Gemeinwohl! –
Perspektiven einer modernen christlichen Volkspartei
Auf dem Weg in die Bürgergesellschaft –
Die Demokratie wird neu vermessen
Kirche für die Zukunft
Jedem eine Chance! –
Die Aktualität der christlichen Soziallehre
Über Werte und Haltungen –
Hermann Kues über …
Literatur
Zur Person: Dr. Hermann Kues
Vorwort
von Reinhard Kardinal Marx
„Der Einsatz des Christen in der Welt hat in der 2000-jährigen Geschichte verschiedene Ausdrucksweisen und Wege gefunden. Einer davon ist die aktive Teilnahme in der Politik.“ Mit diesen Worten beginnt die Lehrmäßige Note zu einigen Fragen über den Einsatz und das Verhalten der Katholiken im politischen Leben, die vor zehn Jahren, am 24. November 2002, von der Kongregation für die Glaubenslehre veröffentlicht worden ist. Mit dieser Note hat die Glaubenskongregation unter ihrem damaligen Präfekten Joseph Kardinal Ratzinger zu verschiedenen Herausforderungen des Engagements von gläubigen Laien in der Politik Stellung bezogen.
Das politische Engagement von Christen ist aber nicht nur irgendeine Option christlichen Handelns. Der christliche Glaube fordert vielmehr dazu heraus, sich an der Gestaltung der Geschicke der Welt zu beteiligen. Christen können nicht gleichgültig bleiben gegenüber den Entwicklungen ihres persönlichen Umfelds und der Gesellschaft. Weil der Mensch als Person nach christlichem Verständnis nicht nur Individuum, sondern immer auf ein Gegenüber und die Gemeinschaft angewiesen ist, trägt er auch Verantwortung nicht nur für sich selbst, sondern für seine Umgebung und die Gesellschaft. Deshalb nehmen Christen Anteil an den gesellschaftlichen Diskussionen und an den politischen Fragen. Das Evangelium macht den Gläubigen sensibel für die Nöte des Nächsten, für gesellschaftliche Ungerechtigkeit und für den Einsatz für den Frieden. Deshalb heißt Christsein politisch sein.
Dies muss deutlich unterstrichen werden in einer Zeit, in der es immer mehr als unschicklich gilt, sich in der Politik vermeintlich „die Finger schmutzig zu machen“. Denn in den komplexen Zusammenhängen der Politik können Ideen und Konzepte oft nicht in Reinform realisiert werden. Politik braucht nicht nur Visionen, sondern auch Pragmatismus und Kompromiss. Denn die Demokratie setzt die Suche nach Mehrheiten und damit den Kompromiss voraus.
Das demokratische Mehrheitsprinzip hat auch Papst Benedikt XVI. in seiner Rede vor dem Deutschen Bundestag am 22. September 2011 unterstrichen: „In einem Großteil der rechtlich zu regelnden Materien kann die Mehrheit ein genügendes Kriterium sein. Aber dass in den Grundfragen des Rechts, in denen es um die Würde des Menschen und der Menschheit geht, das Mehrheitsprinzip nicht ausreicht, ist offenkundig: Jeder Verantwortliche muss sich bei der Rechtsbildung die Kriterien seiner Orientierung suchen.“
Gerade deshalb ist es wichtig, dass sich die Christen in die gesellschaftliche Diskussion einmischen und auf Grundlage des christlichen Verständnisses vom Menschen Politik gestalten. Daher freue ich mich, wenn ein vielfältig in Kirche, Staat und Gesellschaft engagierter Katholik wie Hermann Kues aus christlicher Verantwortung seine Überlegungen zur Gestaltung der Gesellschaft vorlegt.
Denn das politische Engagement ist nicht nur eine Frage der verfassten Kirche, sondern fordert in erster Linie die Laien heraus. Die Lehrmäßige Note aus dem Jahr 2002 formuliert dazu: „Gerade weil es nicht Aufgabe der Kirche ist, konkrete Lösungen – oder gar ausschließliche Lösungen – für zeitliche Fragen zu entwickeln, die Gott dem freien und verantwortlichen Urteil eines jeden überlassen hat, bedarf es umso mehr des engagierten Einsatzes der einzelnen Christen in der Gesellschaft.“
Der christliche Glaube hat zwar eine gesellschaftlich wirksame Dimension, kann aber nicht im Sinne eines politischen Programms verstanden werden. So hat auch Papst Benedikt XVI. vor dem Deutschen Bundestag betont, dass sich im Gegensatz zu anderen großen Religionen das Christentum bewusst dagegen entschieden hat, aus der Offenbarung selbst ein staatliches und gesetzgeberisches Programm zu machen.
Allerdings gibt die Katholische Soziallehre, die immer vom Menschen ausgeht, einen Kompass für das politische Handeln. So soll auch die Politik nach dem suchen, was dem Menschen gemäß ist.
Dies stellt uns immer wieder neu vor Herausforderungen: Heute geht es um die Zukunft unserer Demokratie angesichts neuer und veränderter Partizipationsmöglichkeiten. Es geht im sozialen und wirtschaftlichen Bereich um die Realisierung einer chancengerechten Gesellschaft, die jedem unabhängig von seiner sozialen Herkunft Möglichkeiten zur Teilhabe, etwa an gesellschaftlichen Prozessen, zum Aufstieg und zur Lebensentfaltung eröffnet. Wie die Finanz- und Wirtschaftskrise sowie die Ökologische Krise zeigen, geht es um die Gestaltung einer gerechten globalen Ordnung, die auf ein Weltgemeinwohl abzielt und damit die Armen in der Welt und die nachfolgenden Generationen nicht aus dem Blick verliert. Und schließlich geht es um die Fortsetzung des Europäischen Einigungswerks, dessen Brüchigkeit, aber auch Notwendigkeit die Schuldenkrise vor Augen führt.
All diese Herausforderungen verdeutlichen, wie sehr die Gesellschaft heute und in Zukunft das Engagement von Christen braucht, die sich um des Menschen willen für Frieden und Gerechtigkeit einsetzen.
Und so danke ich Hermann Kues und mit ihm allen Politikerinnen und Politikern, die sich im Geist der Katholischen Soziallehre engagieren und so versuchen, unsere Welt etwas gerechter und menschenfreundlicher zu machen.
Reinhard Kardinal Marx ist Erzbischof von München und Freising, Präsident der Kommission der Bischofskonferenzen der Europäischen Gemeinschaft (COMECE) und Vorsitzender der Kommission für gesellschaftliche und soziale Fragen der Deutschen Bischofskonferenz
Worum es mir geht – Engagiert sein für Gesellschaft und Kirche
Dieses Buch ist geschrieben worden, um Verständnis für das Engagement in Politik, Gesellschaft und Kirche zu wecken, mehr noch: um Lust auf Politik und – soweit mir das zusteht – auch auf den Glauben zu machen. Es ist aus der Erfahrung meiner Tätigkeit als Abgeordneter für den Wahlkreis Mittelems, als Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, als Mitglied im Zentralkomitee der Deutschen Katholiken gewachsen.
Niemand kommt als Politiker/in oder engagierter Christ auf die Welt. Aber die Weichen werden oft, so auch in meinem Fall, früh gestellt. Meine Eltern waren in ihrer Kirchengemeinde aktiv. Wir Kinder wurden wie selbstverständlich dazu angehalten, kleinere und größere Aufgaben in unserem Umfeld, und dazu zählte auch das kirchliche Leben, wahrzunehmen. Ich selbst habe das Interesse an öffentlichen Angelegenheiten förmlich ‚mit der Muttermilch aufgesogen‘. Es war nur ein kleiner Schritt von der katholischen Jugendarbeit in die Schülermitverantwortung, schließlich auch in die Junge Union. Dabei hatten es mir von Anfang an weniger die großen Utopien angetan als die alltäglichen Herausforderungen der Menschen, die mir begegnet sind. Politik ist für mich die Aufgabe, unsere Lebensverhältnisse ein bisschen vernünftiger zu gestalten, als sie es bislang sind. Sie fängt in der Regel nicht mit den Visionen für eine bessere Welt an, sondern mit dem Engagement im Kleinen, in der Jugendgruppe oder im Schülerparlament. Peanuts? – Keineswegs. Politik hat nämlich mit Leidenschaft zu tun, sie lässt einen nicht mehr los, wenn man einmal von ihr gepackt ist und gemerkt hat, dass man etwas erreichen kann. Dabei steckt der Teufel, wie überall im Leben, im Detail. Forderungen lassen sich leicht auf Transparente schreiben und verpflichten erst einmal zu nichts. Politisch im engen Sinne sind sie deshalb noch nicht, die eigentliche Arbeit beginnt erst danach.
Ich möchte in diesem Buch zeigen, dass Politik etwas bewirkt. Sie ist, wie es Václav Havel gesagt hat, „Moral in Aktion“, die „Kunst, sich selbst und die Welt besser zu machen“. Wer sich ihr verschreibt, muss ‚dicke Bretter bohren‘ oder – um ein anderes Bild zu bemühen – weite Wege gehen können, die am Schluss zum richtigen Ziel führen. Dass rund 30 Prozent der Deutschen sich bürgerschaftlich engagieren, aber nur zwei Prozent im engeren Sinne parteipolitisch, macht mir Sorgen. Deshalb ist dieses Buch als doppelte Aufforderung zur Politik zu verstehen. Die Bürgergesellschaft muss in der Politik ihre ureigene Sache sehen. Politiker und Parteien müssen zum Engagement ermutigen. Eine „Zuschauerdemokratie“, vor der Werner Remmers vor 30 Jahre gewarnt hat, können wir uns nicht leisten. Deshalb braucht es Reformen im Verhältnis zwischen den Parteien und der Bürgergesellschaft.
Entfremdung – darauf läuft das Verhältnis zwischen ‚der Politik‘ und den Bürgerinnen und Bürgern hinaus. Entfremdung kennzeichnet auch das Verhältnis der Gläubigen zur Kirche – in meinem Falle zur katholischen Kirche. Der Vertrauensverlust, den sie derzeit erleidet, ist dramatisch. Im Jahr 2010 sind mehr Leute aus der Kirche ausgetreten als getauft wurden, rund 180 000.
Man muss schon – in einem biblischen Bild – von einem Exodus in großem Stile sprechen. Er schmerzt mich. Denn ich bin überzeugt, dass unsere Gesellschaft ohne eine vitale, engagierte Kirche ärmer wäre. Viele kehren ihr den Rücken, aber sie geben ihr religiöses Suchen nicht auf. Unsere Gesellschaft braucht den Rat der Kirchen, vor allem in sozialen und ethischen Fragen. Es war kein Zufall, dass Reinhard Marx als Vertreter der deutschen Bischöfe und Alois Glück als Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken in der Ethik-Kommission zu Fragen der Kernenergie ein gewichtiges Wort mitgesprochen haben. Darin liegt ein großer Vertrauensvorschuss. Eine Gesellschaft, die nach Orientierung sucht, kann auf die Stimme der Kirchen nicht verzichten. Allerdings müssen die Kirchen auch sich selbst reformfähig zeigen, wenn sie plausible Antworten auf die Fragen der Zeit geben wollen. Ich fürchte, dass die Repräsentanten der Kirche noch viel zu wenig Kraft darauf verwenden, Vertrauen zurückzugewinnen und für ihre Sache zu werben, zumal dies nicht mit Appellen allein, sondern zuerst dadurch möglich wird, dass die Kirche sich ändert – und spürbar auf die Menschen zugeht. Da sind nicht nur die Amtsträger gefragt. Alle, die wie ich den Glauben als Kind kennengelernt haben, haben Verantwortung dafür, dass er weitergetragen wird.

An der Ems in meiner Heimatstadt Lingen. Für die Politik hilft es enorm, die Bodenhaftung nicht zu verlieren und ein normales Leben in Familie, Verwandtschaft, Gemeinde und unter Freunden zu führen. (Foto: Frank Ossenbrink)
Als christlich orientierter Politiker bewege ich mich beständig im Spannungsfeld widerstrebender Ansprüche. Dabei geht es nicht nur um Forderungen der Kirche, die sich möglicherweise nicht eins zu eins politisch durchsetzen lassen. Es geht um die noch grundsätzlichere Frage, ob sich überhaupt aus dem Glauben heraus Politik gestalten lässt. Die beiden Sphären des Religiösen und des Politischen dürfen sich nicht misstrauisch beäugen, sie dürfen sich auch nicht gegeneinander abgrenzen. Vor allem aber dürfen sich nicht gegenseitig überfordern.
Auch in dieser Hinsicht bin ich Optimist. Ich glaube, dass das christliche Menschenbild durchaus politiktauglich ist. Meiner Partei – der CDU – bietet es nach wie vor einen soliden Orientierungsrahmen. Die christliche Sozialethik, wie sie im 19. Jahrhundert seit Wilhelm Emmanuel von Ketteler und Papst Leo XIII. entwickelt wurde und bis zum gegenwärtigen Papst immer wieder fortgeschrieben wird, hat ein enormes Anregungspotential. Politik braucht solche Leitbilder, an denen sie sich orientiert, aber sie muss dann pragmatisch handeln. Das ist ihre Kunst: Das Wünschbare an der Lebenswirklichkeit zu messen.
Ich hatte in den letzten acht Jahren das Glück, Gesellschafts- und Familienpolitik mitzugestalten. Für Familien, für Alleinerziehende, für Kinder mit prekären Startbedingungen, für Pflegebedürftige und pflegende Angehörige ist eine ganze Menge erreicht worden – jenseits dogmatischer Scheuklappen. Dass viele Themen – man denke nur an das Betreuungsgeld und den Ausbau der frühkindlichen Förderung – in der Öffentlichkeit heiß diskutiert worden sind, sehe ich als ein positives Signal für eine wache Gesellschaft.
Politiker sollten Spannungen aushalten, Gräben überbrücken und kluge Kompromisse finden können. Das ist ihre vornehmste, aber sicher auch schwierigste Aufgabe. Dabei hilft es enorm, die Bodenhaftung nicht zu verlieren und ein normales Leben abseits der Politik in Familie, Verwandtschaft, Gemeinde und unter Freunden zu führen. Dort habe ich viele Anregungen bekommen, die dann am Ende doch wieder Politik geworden sind. Deshalb sei allen gedankt, die mir Rat gegeben, mich ermutigt und bestärkt, gelegentlich auch kritisch angefragt haben.
Begreifst du aber, wieviel andächtig Schwärmen leichter als gut handeln ist?
Lessing, Nathan der Weise
Christliche Politik – zwischen festen Grundsätzen und praktikablen Lösungen
Eine künstliche Befruchtung ist für Paare, deren Kinderwunsch sich auf natürlichem Wege nicht erfüllt, eine belastende Prozedur. Die Frau muss sich einer Hormonbehandlung unterziehen, damit mehrere Eizellen in einem Zyklus reifen. Sie werden operativ entfernt und künstlich in Reagenzglas und Brutschrank befruchtet. Anschließend werden bis zu drei Embryonen in die Gebärmutter eingesetzt, in der Hoffnung, dass sich einer von ihnen in die Gebärmutterschleimhaut einnistet und weiterentwickelt. Die Aussicht, tatsächlich schwanger zu werden, liegt bei rund 28 Prozent. Häufig muss das Verfahren mehrmals wiederholt werden, bis sich der Erfolg einstellt.
Eine kleine Gruppe werdender Eltern, die sich der In-Vitro-Fertilisation unterzieht, trägt ein zusätzliches Risiko, die Veranlagung zu einer schweren Erbkrankheit oder die Wahrscheinlichkeit einer Fehlgeburt. Die Präimplantationsdiagnostik (PID) minimiert dieses Risiko. Sie untersucht Embryonen nach einer künstlichen Befruchtung auf genetisch bedingte Krankheiten. Gesunde Embryonen werden der Mutter eingepflanzt, belastete aber verworfen. Das Verfahren gibt es seit den 1990er Jahren, es ist bislang weltweit in rund 11 000 Fällen angewendet worden.
Für die Eltern bedeutet die erfolgreiche PID häufig die letzte Chance auf ein gesundes Kind. Vor allem vermeidet sie – darauf weisen ihre Befürworter hin – die Abtreibung im Verlauf der Schwangerschaft, wenn sich bei der Pränataldiagnostik herausstellt, dass das Ungeborene tatsächlich schwer behindert ist. Andererseits gibt es eine Reihe ethischer Bedenken gegen die PID. Sie greift massiv in den Anfang menschlichen Lebens ein, der eigentlich der Verfügbarkeit durch Wissenschaft und Technik entzogen sein sollte. Embryonen sollten den höchsten Schutz genießen, gerade weil sie die schwächsten Mitglieder der menschlichen Gemeinschaft sind. Sie dürfen nicht von bestimmten Eigenschaften abhängig gemacht werden, Menschen dürfen keinen Qualitätstests unterliegen. Zudem sind Fernwirkungen der PID zu bedenken, die zwar nicht sofort eintreten, aber in Zukunft zu erwarten sind. Die Fachleute nennen das ‚slippery slope‘, die schiefe Ebene: Mit der PID könnte eine neue Eugenik salonfähig werden, die Entscheidungen über den Wert oder Unwert menschlichen Lebens trifft. Designerbabys sind denkbar, Eltern können via Präimplantationsdiagnostik bestimmte Eigenschaften ihres Kindes vorausplanen. Was das Geschlecht angeht, so ist dies in den Vereinigten Staaten und Israel heute schon der Fall. Die gesellschaftliche Akzeptanz von kranken und behinderten Menschen könnte nachlassen, wenn sich zukünftig Behinderungen vorhersagen und möglicherweise ausschließen lassen. Zusammengefasst: Die Präimplantationsdiagnostik mag eine beeindruckende technische Möglichkeit der Fortpflanzungsmedizin sein, sie lässt sich aber mit dem Grundwert der uneingeschränkten Würde jedes Menschen von Anfang an nicht vereinbaren.

Mit Kardinal Ratzinger, damals noch Präfekt der Glaubenskongregation, in Rom. Gesetzt den Fall, so habe ich ihn gefragt, ich müsste eine Ethik-Kommission leiten, deren Ergebnis sich mit der Position der Kirche nicht deckt. Erhalte ich von der Kirche Zustimmung oder werde ich verurteilt? Seine Antwort: Weder noch. Die letzte Verantwortung müsse ich vor mir selbst, vor meinem Gewissen tragen. (Foto: Privat)
Diese – notwendigerweise knappe und sicher nicht vollständige – Darstellung eines schwierigen Problems habe ich mit Bedacht an den Anfang dieses Buches gestellt. Der Deutsche Bundestag hat am 7. Juli 2011 über die Zulassung der Präimplantationsdiagnostik entschieden. Vorausgegangen war eine jahrelange Diskussion, und die Voten waren quer über die politischen und weltanschaulichen Lager verteilt. Der Bundesgerichtshof hatte einen Arzt freigesprochen, der die PID angewendet und sich selbst angezeigt hatte, um Rechtssicherheit zu erlangen. Die Bundesärztekammer sprach sich für die Zulassung bei hohem genetischem Risiko der Eltern aus, ihr Vorsitzender Frank Ulrich Montgomery allerdings lehnt sie als einen „Ansatz zur Selektion menschlichen Lebens“ ab. Der deutsche Ethikrat, der sich wohl am intensivsten mit der Problematik auseinandergesetzt hat, fand keine einhellige Meinung. Eine knappe Mehrheit votierte dafür, die Minderheit dagegen. Einige Behindertenverbände setzten sich für ein Verbot ein, ebenso die beiden großen Kirchen, wobei die Ablehnung der katholischen Kirche einhellig ausfällt, während es in der evangelischen auch abweichende Stimmen gibt.
Dieses Gesamtbild der Unentschiedenheit prägte auch den CDU-Parteitag 2010 in Karlsruhe, auf dem sich am Ende eine knappe Mehrheit von 51 Prozent der Delegierten für ein Verbot der PID ausgesprochen hat. Angela Merkel, Volker Kauder und Hermann Gröhe hatten sich für das Verbot ausgesprochen. Peter Hintze, Katherina Reiche und Ursula von der Leyen votierten – neben vielen anderen – dagegen. Keinem kann man vorwerfen, sich die Entscheidung leicht gemacht zu haben. Die Erfüllung des Kinderwunsches, die Unterstützung von Eltern in einer schwierigen Situation, die Verhinderung von Abtreibungen – das sind gewichtige Argumente. Und andererseits: Hier wird, wie Volker Kauder es formuliert hat, eine Tür geöffnet „und wir wissen nicht, was nach der Tür kommt“.
Ich habe in Karlsruhe für ein Moratorium plädiert, weil ich das Gefühl hatte, es werde noch mehr Zeit benötigt, um die Frage wirklich nach allen Seiten hin zu beleuchten. Scheinbar klare, einfache Antworten helfen oft eben nicht weiter. Der medizinische Fortschritt stellt uns vor Entscheidungen, denen wir moralisch noch nicht gewachsen sind.
Als die Entscheidung im Bundestag anstand, habe ich mich dem Entwurf von Karin Göring-Eckardt (Bündnis 90/Die Grünen) und Johannes Singhammer (CSU) für ein striktes Verbot der PID angeschlossen. Er fand 228 Anhänger. Durchgesetzt hat sich mit knapper Mehrheit von 306 Stimmen der Gesetzentwurf von Ulrike Flach und Peter Hintze, der die PID in engen Grenzen erlaubt. Er bedeutet keinen Freifahrtschein. Es wird in Deutschland drei, höchstens vier PID-Zentren geben, an denen jeder Einzelfall von einer Ethik-Kommission geprüft wird.
„PID“ ist ein Musterfall für das Dilemma, in dem christlich orientierte Politiker stecken. Ich komme um die Mahnung von Papst Johannes XXIII. nicht herum, dass Leben von Anfang an heilig ist, weil „es von seinem ersten Aufkeimen an das schöpferische Eingreifen Gottes verlangt“ (Mater et Magistra Nr. 194). Der ungeborene Mensch ist auch im Anfangsstadium ein Wunder, das wir Menschen nicht ergründen können und gerade deshalb besonders schützen müssen. Ich komme auch nicht um die Sorge vor einer Art Dammbruch herum, die Frank Ulrich Montgomery umtreibt: „Denken Sie allein daran, dass heute 95 Prozent der Kinder mit Down-Syndrom abgetrieben werden. Ich sehe auch bei Gentests an künstlich erzeugten Embryonen die große Gefahr, dass am Ende alles gemacht werden könnte, was medizinisch-technisch möglich ist. Wir leben in einer Welt der Salami-Taktik, wo Stückchen für Stückchen abgeschnitten wird“ (Das Parlament vom 11. Juli 2011).
Andererseits: Die Erfahrung anderer Länder, in denen die PID seit längerem erlaubt ist, deutet nicht darauf hin, dass Behinderungen weniger akzeptiert werden. Ohnehin wäre es illusorisch zu hoffen, auf diesem Wege ließen sie sich aus der Welt schaffen. Es gibt in Deutschland rund 1,5 Mio. Menschen mit einer schweren Behinderung. Nur zehn Prozent davon sind genetisch bedingt, die meisten entstehen bei der Geburt oder später im Leben durch einen Unfall. Und selbst von den genetisch bedingten lassen sich die meisten durch eine PID nicht diagnostizieren. Gewichtig ist auch das Argument von Ursula von der Leyen, man könne nicht Gen-Untersuchungen bei einer befruchteten Eizelle in der Glasschale verbieten, die dann später am Embryo im Mutterleib stattfinden dürfen. Die PID müsse – immer in den beschriebenen engen Grenzen – erlaubt sein, weil sie es einer kleinen schicksalsgeprüften Gruppe von erblich belasteten Paaren erlaube, ja zum Kind zu sagen.
Gesellschaft und Politik haben sich schwer mit der Entscheidung getan, Für und Wider hielten sich geradezu die Waage. Ähnliches haben wir schon in den 1970er Jahren bei der Reform des Paragraphen 218 StGB erlebt. Auch hier zog sich die Debatte über viele Jahre hin, von einer ursprünglichen Fristenregelung (1974), die das Bundesverfassungsgericht verwarf, bis zu einer Indikationenlösung mit verbindlich vorgeschriebener Beratung. Sie unterscheidet deutsches Recht von dem in den meisten Ländern der Erde. Ideal im Sinne einer fundamentalen Position ist sie nicht, aber ein guter Kompromiss, getragen von der Hoffnung, dass die Beratung vielen Frauen hilft, sich letztlich für das Kind zu entscheiden. Der wirksamste Schutz für das Kind kann eben nur gemeinsam mit der Mutter erreicht werden (vgl. Maier 2011).
Für den Rückzug der Katholischen Kirche aus der Schwangerschaftskonfliktberatung habe ich deshalb bis heute wenig Verständnis. Ich weiß aus vielen Gesprächen mit Beraterinnen, wie wertvoll und – im wahrsten Sinne des Wortes – lebensrettend ihre Arbeit gewesen ist. War es wirklich berechtigt, sich aus dieser höchst verantwortungsvollen Aufgabe zurückzuziehen, mit dem Argument, die reine kirchliche Lehre könne „verdunkelt“ werden? Kann die Kirche wirklich die Verantwortung dafür übernehmen, dass ein Kind möglicherweise nur deshalb nicht zur Welt gekommen ist, weil es kein adäquates kirchliches Beratungsangebot gegeben hat? Annette Schavan hat diesen Rückzug ein beschämendes Beispiel für Dialogunfähigkeit genannt (Schavan 2010,57).
Ein letztes Beispiel aus dem Bereich der Lebensschutz-Politik: Ich war Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion für Kirchen und Religionsgemeinschaften (2000–2005), als es am 30. Januar 2002 um das Importverbot für embryonale Stammzellen ging. Diese Debatte ist mir besonders in Erinnerung geblieben. Worum ging es? – Ein Hauptinteresse der biomedizinischen Forschung besteht darin zu verstehen, wie sich aus den pluripotenten Stammzellen differenzierte Körperzellen entwickeln, also z. B. Leber-, Haut- oder Hirnzellen. Abgesehen davon, dass dies eine faszinierende Forschungsfrage ist, verspricht sich die Medizin von ihrer Beantwortung auf die Dauer die Möglichkeit, Krankheiten wie Parkinson, Alzheimer oder Diabetes besser verstehen und wirksam bekämpfen zu können. Ethisch unbedenklich ist die Forschung an sog. adulten Stammzellen, erfolgversprechender aus der Sicht der Biomedizin erschien die Forschung an embryonalen Stammzellen. Sie werden aus überzähligen Embryonen gewonnen, die bei der künstlichen Befruchtung keine Verwendung gefunden haben. Dies ist durch das deutsche Embryonenschutzgesetz verboten. In anderen Ländern wie England und Frankreich ist es erlaubt. Die Frage, die dem Deutschen Bundestag vorlag, war nun, ob so gewonnene Stammzelllinien nach Deutschland eingeführt und der Forschung zur Verfügung gestellt werden dürfen oder ob das Verbot der Embryonenforschung auch das der Einführung von bereits bestehenden Stammzellen einschließen muss.
Ich habe federführend und gemeinsam mit Wolfgang Wodarg, Wolfgang Thierse, Norbert Lammert, Christa Nickels und vielen anderen für ein totales Verbot des Imports embryonaler Stammzellen votiert. Eine andere Position wurde von Ulrike Flach, Katherina Reiche, Peter Hintze und anderen vertreten. Sie plädierten für eine „verantwortungsbewusste Forschung an embryonalen Stammzellen“. Einen vermittelnden Vorschlag, den Import unter Auflagen und mit einer Stichtagsregelung zu ermöglichen, machte eine Gruppe mit Maria Böhmer und Margot von Renesse. Sie hat sich schließlich durchgesetzt.
Alle, die sich damals zu Wort gemeldet haben, waren sich des Dilemmas bewusst. Tatsächlich kam, um es ein wenig despektierlich zu sagen, niemand völlig ungeschoren davon. Die Importgegner mussten sich fragen lassen, ob sie eines Tages auch auf die möglicherweise segensreichen Ergebnisse der Stammzellforschung verzichten würden, weil sie ja auf ethisch bedenklichem Wege zustande gekommen sind. Die Befürworter mussten erklären, warum sie den Import der Stammzellen erlauben, deren Gewinnung hierzulande aber weiterhin verbieten wollen.
Wer nicht genau hinschaut, mag in der mühsam gefundenen Lösung einen ‚faulen‘ Kompromiss sehen, zumal dann, wenn man in Rechnung stellt, dass die zur Verfügung stehenden Stammzelllinien nicht gut genug waren, um den Ansprüchen der Forschung zu genügen. 2008 wurde deshalb eine zweite Stichtagsregelung getroffen, das Gesetz musste also „nachgebessert“ werden. Forschungsministerin war damals Annette Schavan, zugleich Moraltheologin und Vizepräsidentin des Zentralkomitees der Deutschen Katholiken. Sie sah sich bei dieser zweiten Stichtagsregelung massiven Vorwürfen ausgesetzt, hat aber, wie ich finde, sehr plausibel dagegengehalten: Als sie sich in Brüssel für eine Stichtagsregelung auf europäischer Ebene einsetzte, um der verbrauchenden Embryonenforschung wenigstens einen Riegel vorzuschieben, unterlag sie gerade deshalb, weil einige Länder jede Stammzellforschung und deshalb auch jeden Stichtag ablehnten. Die Liberalisierung setzte sich durch, weil ihre Gegner kompromissunfähig waren. „Es lässt sich“, schreibt sie, „geradezu als ein Lehrstück für eine christliche Politik nehmen, wie verheerend eine stringente und konsequente, aber kompromisslose Haltung sich auswirken kann“ (Schavan 2010,68).
Die Würde des Kompromisses
Als Politiker stehe ich für Werte ein. Deshalb achte ich auf die Positionen der Kirchen und suche den Dialog mit ihnen. Kirchen sind und bleiben moralische Autoritäten. Allerdings: Ich muss mich auch mit den Folgen politischer Entscheidungen auseinandersetzen. Fundamentale Positionen, die keine Mehrheiten finden, bewirken im gesellschaftlichen Kräftespiel oft gerade das Gegenteil dessen, was sie eigentlich beabsichtigen. Das Problem ist seit Max Weber oft diskutiert worden. Weber hielt es für einen abgrundtiefen Gegensatz, „ob man unter der gesinnungsethischen Maxime handelt – religiös geredet: ‚Der Christ tut recht und stellt den Erfolg anheim‘ – oder unter der verantwortungsethischen: dass man für die (voraussehbaren) Folgen seines Handelns aufzukommen hat“ (Weber 1992, 70). Nach seiner Vorstellung muss der Politiker die Folgen einer Entscheidung im Blick haben, wenn sie denn absehbar sind. Die Kirche – Weber spricht tatsächlich von dem ‚Heiligen‘ – braucht das in seiner Vorstellung nicht. Sie bewertet nur, ob eine Handlung in sich moralisch richtig ist oder nicht.
Mit dieser Aufgabenteilung kann ich mich nicht anfreunden. Ein Politiker fragt niemals nur nach den Folgen seiner Entscheidungen. Immer muss er auch prüfen, ob der ‚Kompass‘ noch stimmt, ob die einzelne Entscheidung mit der allgemeinen Ausrichtung an Werten und Überzeugungen verträglich ist. Ohne stabiles Wertefundament, das mich verpflichtet, geht es nicht, ohne verantwortliche Abschätzung der Folgen einer Entscheidung aber auch nicht. Beides zusammenzuführen, genau das ist meine Aufgabe als christlicher Politiker.
Ich wünsche mir von der Kirche, dass sie die Würde des Kompromisses anerkennt und damit auch diejenigen, die sich der mühseligen Aufgabe unterziehen, solche Kompromisse zu finden. Man tut das aus Respekt vor der Meinung der anderen und aus gesunder Skepsis gegenüber der eigenen Überzeugung, weil man Pluralität aus Überzeugung bejaht und trotzdem versucht, die Vielfalt der Meinungen und Lebensformen irgendwie zusammenzuhalten.
Als der gegenwärtige Papst Benedikt XVI. noch Präfekt der Glaubenskongregation war, hatte ich einmal die Gelegenheit, mit ihm über das Dilemma des christlichen Politikers zu sprechen. Gesetzt den Fall, so fragte ich ihn, ich müsste eine Ethik-Kommission leiten, deren Ergebnis sich mit der Position der Kirche nicht deckt: Erhalte ich von der Kirche Zustimmung oder werde ich verurteilt? Seine Antwort: Weder noch. Die letzte Verantwortung müsse ich vor mir selbst, vor meinem Gewissen tragen.
Die Kirchen können sich hierzulande nicht darüber beklagen, zu wenig Gehör zu finden. Allerdings überzeugen sie umso mehr, je positiver sie sich auf die Vielstimmigkeit der pluralen Gesellschaft einlassen. „Moralische Autoritäten“, sagt der Mainzer Sozialethiker Gerhard Kruip, „können heute nicht mehr einfach Gehorsam einfordern. Im Gegenteil: Wer dies tut, macht sich verdächtig. Er scheint zu befürchten, seine moralischen Forderungen seien zu schwach, um argumentativ begründet und eingesehen werden zu können“ (Kruip 2011,174).
Kirche und Politik dürfen sich nicht gegenseitig überfordern. Die Politik kann nichts ‚verordnen‘, was nicht letztlich von den Menschen auch mitgetragen wird. Hier – wo es um Überzeugungen in den Köpfen und Herzen der Leute geht – sind auch die Kirchen gefragt. Da geht der Ruf an die Politik oft ins Leere. Man kann sonntagsfreundliche Ladenöffnungszeiten fordern, aber man kann nicht daran vorbeisehen, dass sich sonntägliches ‚Shopping‘ ständig steigender Beliebtheit erfreut. Mit Verboten und Geboten allein richtet man da gar nichts aus. Die Kirchen selbst müssen überzeugen und ein Bewusstsein für den Wert des Sonntags schaffen, das aufs Ganze gesehen in unserer Gesellschaft verlorengegangen ist. Ich glaube, das meint auch der Papst, wenn er sagt, die Kirche wolle keine Macht über den Staat und wolle auch nicht „Einsichten und Verhaltensweisen, die dem Glauben angehören, denen aufdrängen, die diesen Glauben nicht teilen. Sie will schlicht zur Reinigung der Vernunft beitragen“ (Deus Caritas Est Nr. 28).
Im Feld der Fortpflanzungsmedizin heißt das: den Sinn für den Wert des Lebens wachzuhalten. Dabei wird sie viele Verbündete finden. Frank Ulrich Montgomery, den ich oben schon zitiert habe, fragt beispielsweise, ob die Erfüllung des Kinderwunsches um jeden Preis nicht völlig überschätzt wird, weil Paare die ungewollte Kinderlosigkeit als ein großes Unglück, vielleicht sogar als einen Makel sehen. Wenn sie sich fragen, welchen Sinn ihr Schicksal haben mag, ist die Politik überfordert, die Kirchen sollten es nicht sein. Von ihnen werden verständliche Antworten erwartet. Aufgabe der Politik ist es, pragmatisch zu helfen. Dazu gehört es, über die Gründe für ungewollte Kinderlosigkeit aufzuklären, bei der Finanzierung künstlicher Befruchtung zu helfen, die Chancen für eine Adoption zu erleichtern und Frauen zu helfen, die sich früh – möglicherweise noch während des Studiums oder der Ausbildung – für ein Kind entscheiden.
Politik im Geiste des Evangeliums?
In seinem schönen Büchlein „Christ sein heißt politisch sein“ über den Mainzer Bischof von Ketteler schreibt Reinhard Marx, das biblische Gleichnis vom Barmherzigen Samariter sei nicht nur als Aufforderung zu verstehen, dem unter die Räuber Gefallenen zu helfen, sondern „auch politisch dafür zu sorgen, dass die Wege von Jerusalem nach Jericho sicherer werden. Die tätige Nächstenliebe zielt auch auf strukturelle Fragen der Gerechtigkeit“ (Marx 2011,12). Mit anderen Worten: Wer es mit der Bibel, namentlich mit der Bergpredigt und ihrem zentralen Gebot der Feindesliebe, ernst meint, der findet darin auch die Aufforderung, die Gesellschaft nicht nur im Kleinen, sondern im Großen und Ganzen humaner zu gestalten.
Nun ist in der Geschichte viel darüber gestritten worden, ob die Bergpredigt überhaupt politisch zu verstehen sei. Bismarck hat sich darüber lustig gemacht („Mit der Bergpredigt lässt sich kein Staat machen“), selbst Luther sah in ihr eher einen ‚Bußruf‘ als eine Handlungsanweisung fürs tägliche Leben. In der katholischen Tradition galt es als ausgemacht, dass sie sich an die auserwählten strengeren Christen, also etwa an die Orden, richtet, aber nicht an das ‚gemeine Volk‘ der Gläubigen.
Dem kann ich nicht folgen. Der Kern der Bergpredigt besteht doch darin, dass die Schwächeren einer Gesellschaft besondere Zuwendung und besonderen Schutz – eben Solidarität – verdienen. Sie erschöpft sich nicht in christlicher Mildtätigkeit, sondern braucht Strukturen und Gesetze. Sie formuliert einen Anspruch auf Solidarität für diejenigen, die sich aus eigener Kraft nicht helfen können.
Während meiner ‚Jugendjahre‘ in der Politik in den 1970er und 1980er Jahren wurde das Thema ‚Christ und Politik‘ am heftigsten in der Friedensfrage diskutiert. Franz Alt und Eugen Drewermann, um nur zwei prominente Vertreter der sogenannten Friedensbewegung zu nennen, forderten – immer mit dem Verweis auf das Gebot der Feindesliebe – einen radikalen Pazifismus. Er richtete sich damals gegen die Nachrüstung und richtet sich heute gegen die Auslandseinsätze der Bundeswehr in Afghanistan, im Kosovo oder vor Somalia.
Was ich in diesem Kapitel sagen möchte, gilt auch hier: Christliche Politiker stehen vor einem Dilemma, wenn sie eine friedlichere, gerechtere Welt mit unfriedlichen, militärischen Mitteln aufbauen wollen. Verfolgt man die öffentliche Meinung, so findet man dort das gleiche Hin-und-Hergerissen-Sein. Dass Deutschland nicht am Irak-Krieg teilnahm, ist überwiegend begrüßt worden, dass es sich nicht militärisch gegen Ghaddafi engagiert hat, wurde dagegen heftig kritisiert. Aus moralischer Perspektive wäre eine Intervention in Syrien mindestens ebenso gerechtfertigt wie in Libyen, politisch wäre sie ein durch nichts zu rechtfertigendes Abenteuer. Als es vor zehn Jahren um den Irak-Krieg ging, habe ich in einem Artikel geschrieben: „Als Christ ist man verpflichtet, für den Frieden einzutreten, auch um die Menschenwürde zu wahren. ‚Selig sind die, die Frieden stiften‘ heißt es in der Bergpredigt. ‚Frieden stiften‘ kann jedoch auch bedeuten, (militärisch) zu handeln, um Schlimmeres zu verhüten. Manch Unrecht auf der Welt wäre vermutlich nicht geschehen, wenn andere rechtzeitig eingegriffen hätten“ (Kues 2003,15). Wer so wie ich häufiger im Kosovo oder in Bosnien-Herzegowina zu Besuch ist, wo die Ludwig-Windthorst-Stiftung beim Aufbau einer Katholischen Akademie in Banja Luka hilft, der weiß, wie verheerend die Wunden heute noch sind, die der Balkan-Krieg der 90er Jahre geschlagen hat. Von einer echten Versöhnung zwischen orthodoxen Serben, katholischen Kroaten und muslimischen Bosniern sind wir weit entfernt. Und Europa muss sich fragen, ob das Schlimmste in einem Krieg, der allein in Bosnien 100 000 Menschen das Leben kostete, nicht hätte verhindert werden können, wenn früher und massiver eingegriffen worden wäre.
Ich bin froh, dass unser Verteidigungsminister sich ausdrücklich als Christ versteht und zugleich sehr zurückhaltend ist, wenn es um die ‚Umsetzung‘ des Christlichen in die Politik geht. Ihn stört es genau wie mich, wenn „Menschen ganz schnell wissen, welche Antwort die Bibel auf eine weltliche Frage gibt“. Thomas de Maizière glaubt nicht, dass es gerechte Kriege gibt. Damit stellt er sich skeptisch gegen eine jahrhundertealte christliche Überzeugung. Aber: „Kriege können gerechtfertigt sein. Die Anwendung von Gewalt führt in ein moralisches Dilemma, aber sie kann geboten sein, um Schlimmeres zu verhindern“ (in: Süddeutsche Zeitung vom 9. April 2012).
Auch in diesem Feld ist der Rat der Kirchen erwünscht, und es ist gut, dass er so ganz unterschiedlich ausfällt. Margot Käßmann hat sich – noch als Ratsvorsitzende der EKD – mit dem Satz, nichts sei gut in Afghanistan, zugunsten eines baldigen Rückzugs positioniert. Anders Franz-Josef Overbeck, der Bischof von Essen und katholische Militärbischof. Er setzt sich dafür ein, das Land nicht sich selbst zu überlassen: „Wir dürfen uns nicht aus Skepsis zurückziehen. … Das würde meinem Verantwortungsideal nicht entsprechen“ (in: Welt Online vom 24. Februar 2012). Möglicherweise sagen beide etwas Richtiges. Aber sie müssen, anders als wir Politiker, nicht entscheiden.
Die Attraktivität des christlichen Menschenbildes
Immer dann, wenn von „christlicher Politik“ die Rede ist, kommt das ‚christliche Menschenbild‘ als ihr Fundament ins Spiel. Was es damit auf sich hat, würde ich so übersetzen: Christlich ist zuallererst die Würde, die Unersetzbarkeit, der Wert jedes Einzelnen. Christen leiten ihn daraus ab, dass der Mensch nach dem Ebenbild Gottes geschaffen ist. Die schlechteste christliche Gesellschaft – so hat es Heinrich Böll einmal formuliert – würde er der besten heidnischen vorziehen, weil in ihr Platz für Alte, Kranke und Schwache sei. Konkret heißt das: Der Mensch ist, gleich ob er arm oder reich, gesund oder krank, jung oder alt, Deutscher oder Ausländer, geboren oder ungeboren ist, von Gott gewollt. Und für Gesellschaft und Politik kommt es darauf an, allen Menschen ein Leben in Würde zu ermöglichen.
Zweitens: Der Mensch ist zur Freiheit und zur Selbständigkeit berufen. Er soll sich etwas zutrauen und etwas aus sich machen. Es gehört zur Menschenwürde, das Leben in die eigenen Hände zu nehmen. In diesem Sinne ist es, auch wenn das hart klingen mag, menschen unwürdig, auf Dauer „am Tropf“ staatlicher Leistungen zu hängen, wenn man sich auch selbst helfen könnte.
Drittens: Der Mensch ist ein soziales, ein solidarisches Wesen. Er steht nicht allein da, er kann niemals nur an sich denken. Er ist auf Gemeinschaft angewiesen, in erster Linie auf die Familie. Er braucht Solidarität, kann aber auch Solidarität geben. Eine solidarische Gesellschaft fördert deshalb die Familie, weil sie der beste Schutzraum für Menschen ist. Sie integriert Arbeitslose, damit sie ihren Lebensunterhalt selbst verdienen können. Sie will, dass keiner aufgegeben wird.
Und schließlich viertens: Solidarität gilt heute über unsere Generation hinaus im Blick auf unsere Kinder und deren Kinder. Je mehr wir in Natur und Schöpfung eingreifen und die Welt ‚umgestalten‘, umso mehr muss das Prinzip Nachhaltigkeit gelten. Wir tragen Verantwortung dafür, dass die Menschheit auch in Zukunft existieren kann.
So sehe ich – kurz und knapp – den Kernbestand des christlichen Menschenbildes. Zu ihm gehört aber auch, die Menschen nicht zu überfordern, sondern mit ihren Schwächen, ihrer Unvollkommenheit und ihren Fehlern zu rechnen. Das christliche Menschenbild propagiert nicht den idealen Menschen, sondern den Menschen, wie er nun einmal ist. Als ich Büroleiter des niedersächsischen Umweltministers in den 1980er Jahren war, habe ich darüber viel nachdenken müssen. Nirgendwo auf der Welt war das Umweltbewusstsein so ausgeprägt wie hierzulande. Manchmal hat es sich zu echten Untergangsszenarien ausgewachsen. Aber wenn es dann darum ging, von der Straße auf die Schiene auszuweichen, innerhalb Deutschlands auf das Flugzeug zu verzichten, die Kinder mit dem Fahrrad statt mit dem Auto vom Kindergarten abzuholen – dann klafften Theorie und Praxis weit auseinander. Wie kommt das? Offenbar können wir Menschen das logisch Unverträgliche ganz gut vertragen. Werte sind das eine, Bequemlichkeiten das andere. Als Politiker sollte man sich klarmachen, dass sie auch ihr, allerdings begrenztes, Recht haben.
Schließlich sollte im Kontext des christlichen Menschenbildes die Gelassenheit nicht vergessen werden. Wer Politik betreibt, merkt schnell, dass viele Vorhaben Stückwerk bleiben. Das ist schmerzlich, sollte aber für den Christen leichter zu ertragen sein als für den Nicht-Gläubigen. Denn wer sich erlöst weiß, braucht sich nicht selbst zu erlösen. Wer darauf vertraut, dass Gott das Seine dazutut, muss nicht auf Gedeih und Verderb die gute Gesellschaft schaffen – ein politischer Traum, der sich ohnehin noch nie verwirklicht hat. Wenn man es in dieser Tugend der Gelassenheit weit gebracht hat, sollte man mehr Geduld im Umgang mit dem politischen Gegner aufbringen und auf die letzte Schärfe in der Auseinandersetzung verzichten.
Während ich dies schreibe, liegt die Affäre um den ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff schon etwas zurück, ist aber, wenn man tiefer blickt, noch längst nicht ausgestanden. Sie hatte Züge einer mittelalterlichen Hexenjagd, in der es keinen Respekt der Medien – leider auch der öffentlich-rechtlichen – vor der Privatsphäre und keine Unschuldsvermutung mehr gab, auf die doch jeder von uns Anspruch erheben darf. Es war für mich einer der wenigen Lichtblicke, dass der Liedermacher Heinz Rudolf Kunze auf der Höhe der Kampagne Barmherzigkeit für Wulff forderte, eine christliche Tugend, die darin besteht, dann nicht mehr nachzutreten, wenn jemand ohnehin schon am Boden liegt. Und was die Sache noch schlimmer macht: Während der Beschuldigte mit seiner Familie öffentlich am Pranger steht, wird er aus der sicheren Deckung der Anonymität mit Häme überzogen. Wir haben, sagt der Hannoveraner Landesbischof Ralf Meister, „eine Kultur der permanenten Beschuldigung und Anklage entwickelt“ (Neue Osnabrücker Zeitung vom 30. Januar 2012). Und es ist sehr feinsinnig, wenn er hinzufügt: Wo es die öffentliche Anklage gibt, da müsste es eigentlich auch die öffentliche Vergebung geben. Sie würde unsere Gesellschaft menschlicher und christlicher machen.
Familienpolitik: wertbezogen und pragmatisch
In der katholischen Soziallehre spielt ein idealtypisches Bild der Familie eine gewichtige Rolle. Der Mann ist (alleiniger) Ernährer, die Frau Hausfrau und Mutter. Dieses Modell schlägt durch bis zu dem zentralen Problem der Sozialethik, der Frage nach dem gerechten Lohn: Er müsse so bemessen sein, dass der gemeinsame häusliche Aufwand angemessen bestritten werden könne, heißt es in der Sozialenzyklika Quadragesimo Anno. Dass Mütter einer außerhäuslichen Tätigkeit nachgehen und dafür den Haushalt und die Kindererziehung vernachlässigen müssten, sei ein „schändlicher Missbrauch“ (QA Nr. 71). Diese Position zieht sich bis in die jüngsten päpstlichen Verlautbarungen zu sozialen Fragen durch. Benedikt XVI. nennt in seinen Überlegungen zur Würde der Arbeit sechs Faktoren, von denen vier familienorientiert sind: Arbeit müsse die unmittelbaren Bedürfnisse der ganzen Familie abdecken, Schulbildung der Kinder ermöglichen, Kinderarbeit ausschließen und genügend Raum für eine spirituelle Familienkultur lassen (vgl. Caritas in Veritate Nr. 63).
Das Bild der Hausfrauen- und Alleinverdienerehe wird aber schon von Joseph Höffner kritisch ‚gegengelesen‘. Er ist dabei – wie auch sonst – wohltuend undogmatisch. In seiner Christlichen Gesellschaftslehre schreibt er, es sei zwar üblich geworden, über die Krise und den Zerfall der Familie in der industriellen Gesellschaft bewegte Klage zu führen, dieses verallgemeinernde Urteil sei aber falsch. „Auch im vorindustriellen Zeitalter stand die Frau keineswegs nur unter dem Leitbild der Gattin und Mutter. Sie arbeitete vielmehr im landwirtschaftlichen, handwerklichen und kaufmännischen Familienbetrieb mit“ (Höffner 1978,116). Die Eingliederung der Frau in das Berufs- und Erwerbsleben nimmt er zur Kenntnis, bedenklich sei in erster Linie, dass in der Regel die Frau die Doppelbelastung durch berufliche und häusliche Pflichten tragen müsse.
Das hat sich bis heute nicht wesentlich geändert. Der weit größte Teil der Erziehungsarbeit wird weiterhin von den Müttern geleistet. 80 Prozent der jungen Frauen wünschen sich ein gleichberechtigtes Lebensmodell, aber nur 40 Prozent der Männer können sich eine Partnerschaft vorstellen, in der alle Aufgaben gleichberechtigt verteilt werden (vgl. 15. Shell Jugendstudie 2006). Die Doppelbelastung ist immer noch weiblich.
Ansonsten haben sich die Verhältnisse seit den 1970er Jahren geradezu dramatisch verändert. Damals waren von 15 Mio. verheirateten Frauen in der alten Bundesrepublik nur 5,5 Mio. erwerbstätig, davon 2 Mio. als mithelfende Angehörige haushaltsnah in Landwirtschaft, Handel und Gewerbe. Einer außerhäuslichen Tätigkeit im strengen Sinne gingen 3,5 Mio. Ehefrauen nach. Die Erwerbsquote der Mütter lag unter 20 Prozent, solange das jüngste Kind noch nicht 18 Jahre alt war.
Und heute? – Die Erwerbsquote von Müttern insgesamt liegt bei 65 Prozent. Sie steigt mit dem Alter des jüngsten Kindes an und erreicht rund 78 Prozent, wenn es mindestens 12 Jahre alt ist. Aber schon in der Kindergartenzeit vereinbaren rund 50 Prozent der Mütter Beruf und Familie. Lediglich das ‚Babyjahr‘ ist weitgehend der Familie vorbehalten. In dieser Zeit sind rund 11 Prozent der Mütter berufstätig. Dieser Schonraum für die junge Familie entspricht einem tief verinnerlichten Wunsch der Eltern, beim Start ins Leben viel Zeit füreinander zu haben. Die Familienpolitik hat mit dem im Jahre 2008 eingeführten Elterngeld die richtigen Akzente gesetzt und vielen jungen Paaren geholfen, diesen Wunsch in die Tat umzusetzen. Und es hatte einen schönen Nebeneffekt. Die seinerzeit aus Skandinavien entlehnten und hierzulande anfangs viel belächelten ‚Partnermonate‘ werden mittlerweile von einem guten Viertel der jungen Väter in Anspruch genommen.

Zu Gast in der Kindertagesstätte St. Elisabeth in Lingen. In Kindertagesstätten geht es nicht um Betreuung, sondern um Förderung. Wer die Potenziale von Bildung in dieser Lebensphase unterschätzt, verbaut den Kindern ihre Chancen. (Foto: Manfred Buschhaus)
Die Erwerbsorientierung der Frauen ist – das kann man allein dem Längsschnitt über 40 Jahre entnehmen – eine der dynamischen Entwicklungen unserer Gesellschaft. Sie ist zugleich Folge der verbesserten Schul- und Berufsausbildung, eines neuen Leitbildes von gleichberechtigter Partnerschaft und eines dynamischen Arbeitsmarktes, der in nächster Zeit weniger von Arbeitslosigkeit denn vom Fachkräftemangel geprägt sein wird. Gut ausgebildete Frauen sind da gesucht und umworben. In den 1980er Jahren ging man bei Überlegungen zu einer „weiblichen Normalbiografie“ noch von einer durchschnittlich 15-jährigen Auszeit aus, in der sich die Frau ausschließlich der Familie widmen würde. Danach kam der ‚Neue Start ab 35‘. Von diesem Modell haben wir uns mittlerweile weit entfernt. Entscheidend ist: Die Möglichkeiten der Lebensgestaltung sind vielfältiger geworden. Auch die traditionelle Rollenverteilung ist nicht tot. Die Zahl der Familien, in denen der Mann den Lebensunterhalt verdient und die Frau die Kinder betreut, wird zwar weniger, aber immerhin: Gut die Hälfte (52 Prozent) der Paare mit Kindern ‚fahren‘ das Doppelverdienermodell, die andere Hälfte hat sich für die traditionellere Variante entschieden.
Wertorientierte Familienpolitik sollte deshalb ‚asketisch‘ sein. Sie tut gut daran, nicht dem einen oder anderen Lebensmodell den Vorrang zu geben, sondern die Wahlfreiheit ganz oben anzusetzen. Sie hat schon eine Menge erreicht, wenn sie Chancen eröffnet und junge Leute dazu ermutigt, sich für Partnerschaft und Familie zu entscheiden. Wie sie die dann ausgestalten, sollte ihre eigene Sache sein. „Wir werden es“, haben CDU und CSU 2009 als ihr Leitziel formuliert, „Familien leichter machen, so zu leben, wie sie es selbst wollen.“ Anders gesagt: Der Staat hat den Menschen nicht vorzuschreiben, wie sie leben sollen, sondern muss ihnen helfen, dass sie so leben können, wie sie wollen.
In dem Zusammenhang – und wenn man sich nach den tatsächlich gelebten Werten fragt – ist das Votum der Kinder ganz interessant. Der Kinderwerte-Monitor 2010 weist nämlich aus, dass die Kinder selbst der Berufstätigkeit ihrer Mütter und Väter durchweg positiv gegenüberstehen. Sie sehen die damit verbundene finanzielle und materielle Sicherheit, traurig sind sie allerdings über Zeitstress und Ungeduld der Eltern als Schattenseite der doppelten Belastung. Ein deutliches Defizit: Die Väter haben immer noch zu wenig Zeit für ihre Kinder. Aus Sicht der Kinder nehmen sich Mütter unter der Woche zu 80 Prozent viel Zeit, die Väter fallen mit 44 Prozent weit ab (vgl. Familienreport 2011,55).
Jenseits der Grundsatzdiskussionen um das ‚richtige‘ Familienmodell stellt sich die Zeitgestaltung als das zentrale Problem unserer Familien heraus. Zeit, so hat Bundesfamilienministerin Kristina Schröder prägnant formuliert, ist die „Leitwährung der Familienpolitik“. Der aktuelle Achte Familienbericht der Bundesregierung zeigt an vielen Beispielen, wie vertrackt die Situation sich immer noch darstellt: Teilzeitbeschäftigte Mütter würden gern länger arbeiten, finden aber keine passenden Arbeitszeitmodelle. Väter würden im Gegenzug gern reduzieren, arbeiten aber in Betrieben, die keine Teilzeitstellen anbieten. Zeitstress entsteht, weil Behörden geschlossen sind, wenn Eltern von der Arbeit kommen. 14 Wochen Schulferien bedeuten für viele Eltern ein Riesenproblem, würden da nicht die Großeltern einspringen. Gefragt sind familiengerechte Arbeitsplätze und nicht arbeitsplatzgerechte Familien.
Ein Reizthema ist der Ausbau der frühkindlichen Bildung und Betreuung geblieben. Die Katholische Kirche betont den Primat der Elternverantwortung, das Zentralkomitee der deutschen Katholiken meint, die Kindertagesbetreuung könne „Erziehung und Bildung in der Familie jedoch sinnvoll ergänzen“ (ZdK 2008,23). Auch Franz-Xaver Kaufmann (2006) hat ins Feld geführt, dass Kinder in der Regel in den ersten zwei Lebensjahren am besten in der Familie aufgehoben sind.
Auf der anderen Seite: Jedes dritte Kind unter sechs Jahren hat eine Zuwanderungsgeschichte. Viele von ihnen benötigen Unterstützung, beispielsweise beim Erlernen der deutschen Sprache. 1,7 Mio. Kinder beziehen Hartz IV – in einigen Großstädten ist das jedes dritte Kind. Bildung kann der Vererbung der Armut entgegenwirken. Manche Eltern haben erhebliche Schwierigkeiten in der Erziehung. Und was nicht vernachlässigt werden darf: Kindern tut Gemeinschaft gut. Die klassischen Großfamilien oder nachbarschaftliche Spielgruppen werden weniger. Geschwister sind selten geworden.
Wir sollten deshalb die Spitzen aus der Diskussion nehmen. Wichtig ist aus meiner Sicht: In Kindertagesstätten geht es nicht um Betreuung, sondern um Förderung. Wer die Potenziale von Bildung in dieser Lebensphase unterschätzt, verbaut den Kindern ihre Chancen. Was hier versäumt wird, lässt sich später schwer nachholen. Nie wieder lernen Menschen im Lebenslauf so leicht, geradezu spielerisch, kann ihre Entdeckungsfreude kaum befriedigt werden, sind sie für alle möglichen Lernanregungen dankbar.
Oft wird in der Debatte angeführt, Kindertagesstätten seien mit diesen Aufgaben überfordert. Sie sollen die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sichern, Versäumnisse familiärer Erziehung ausgleichen und die Kinder fit fürs Leben machen. Das sind tatsächlich hohe Anforderungen. Doch man tut den Erzieherinnen unrecht, wenn man ihnen nicht zutraut, diesen Anforderungen gerecht zu werden. Ihr Beruf muss aufgewertet, ihre Professionalität erhöht werden. Es braucht sicher transparente Qualitätsstandards und entsprechende Fortbildungsmöglichkeiten, vielleicht sogar eine Akademisierung der Ausbildung. Mein allgemeiner Eindruck ist aber, dass der Bereich der frühkindlichen Bildung sich schon heute durch viel Kreativität und Engagement des Personals auszeichnet. Das wird mir bei Besuchen in Kindertagesstätten immer wieder bestätigt und zeigt sich auch in Umfragen unter Eltern.
Frühkindliche Förderung ohne Beteiligung der Eltern läuft ins Leere. Es muss ein Miteinander im Sinne einer echten Erziehungspartnerschaft geben. Erste Bildungseinrichtung bleibt die Familie. Kindertagesstätten haben geradezu ideale Möglichkeiten, gerade die Eltern anzusprechen, die sich sonst Angeboten von außen verschließen.
Pulsuz fraqment bitdi.