Kitabı oxu: «Von der Kunst Bäume zu pflanzen»

Şrift:

Hermine Hackl

VON DER KUNST

BÄUME ZU PFLANZEN

Wie Nachhaltigkeit

in der Praxis gelingt

20 Beispiele


Bibliografische Information Der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über

http://dnb.d-nb.de abrufbar.

2. Auflage 2014

© Verlagsanstalt Tyrolia, Innsbruck

Umschlaggestaltung und Layout: Tyrolia-Verlag, Innsbruck

Umschlagfoto: sunny studio (www.shutterstock.com) Abbildungen: Wenn nicht anders angegeben, wurden die Bilder von den betreffenden Personen zur Verfügung gestellt. Druck und Bindung: Grasl Druck, Bad Vöslau ISBN 978-3-7022-3394-5 (gedrucktes Buch) ISBN 978-3-7022-3395-2 (E-Book) E-Mail: buchverlag@tyrolia.at Internet: www.tyrolia-verlag.at

„Der Sinn des Lebens besteht darin,

Bäume zu pflanzen, unter deren Schatten

man nicht mehr selber sitzen wird.“

Nelson Henderson

INHALTSVERZEICHNIS

VORWORT

ÖKOLOGIE

Über Wald und Flur mit Georg Grabherr Nachhaltigkeit = Der Natur ihre Ordnung lassen

Auf Fischfang mit Franz Hechinger Nachhaltigkeit = Den Dingen ihre Zeit geben

In der Küche mit Elisabeth Lust-Sauberer Nachhaltigkeit = Action und Satisfaction

Auf den Spuren von Josef Schöffel Nachhaltigkeit = Eine gelungen Mischung

Im Glashaus mit Walter Stockenhuber Nachhaltigkeit = Vielfalt statt Einfalt

ÖKONOMIE

Auf den Spuren von Carl von Carlowitz Nachhaltigkeit = Aus Krisen lernen

In der Werkstatt mit Sepp Eisenriegler Nachhaltigkeit = Reparieren statt wegwerfen

Im Kräuterreich von Johannes Gutmann Nachhaltigkeit = Wertschöpfung durch Wertschätzung

In der Chefetage mit Christof Kastner Nachhaltigkeit = Kapieren statt kopieren

Wiedersehen mit Josef Pröll Nachhaltigkeit = Säen und ernten

SOZIALES

Auf den Spuren von Erzherzog Johann Nachhaltigkeit = Den Menschen Gutes tun

Begegnung mit Martin Haiderer Nachhaltigkeit = Geben und nehmen

Farbenfroh unterwegs mit Otto Hirsch Nachhaltigkeit = Spuren hinterlassen

Im Gespräch mit Nicole Prop Nachhaltigkeit = Zurück zur Natur

Im Schloss mit Georg Starhemberg Nachhaltigkeit = Die Nachwelt im Blick haben

KULTUR

Begegnung mit Manuela Lanzinger Nachhaltigkeit = Kommunikation und Eigenverantwortung

Über den Wolken mit Pater Michael Hüttl Nachhaltigkeit = Stabilitas und Glaubwürdigkeit

Im Tanzschritt mit Thomas Schäfer-Elmayer Nachhaltigkeit = Vertrauen und Sympathie

Im Rathaus mit Karl Schlögl Nachhaltigkeit = Leben und leben lassen

Im Stammhaus mit Gexi Tostmann Nachhaltigkeit = Zurück in die Zukunft

NACHBETRACHTUNG

Wie Nachhaltigkeit gelingen kann Ein Wegweiser

VORWORT

An jenem Tag, als ich zur sicheren Erkenntnis gekommen war, dass es absolut unmöglich ist, das Thema Nachhaltigkeit vollständig zu erfassen, habe ich mich hingesetzt und angefangen, dieses Buch zu schreiben. Seit vielen Jahren werde ich von diesem Thema regelrecht verfolgt. Ständig schwanke ich zwischen Ärger und blanker Verblüffung, wenn es um die Verwendung dieses Wortes geht. Nachhaltigkeit ist wohl eines der meist gebrauchten, vielleicht sogar am meisten missbrauchten Begriffe unserer Zeit geworden. Manchmal empfinde ich es sogar als Geburt – besser Missgeburt – einer Gutmenschen-Generation, die nicht einmal in Ansätzen dazu bereit scheint, sich mit den Wurzeln dieser genialen Lebenshaltung auseinanderzusetzen.

Ja, Nachhaltigkeit ist eine Lebenshaltung, ein gesellschaftspolitisches Prinzip, das dazu angetan wäre, diese Welt auf allen Ebenen um so vieles besser zu machen. Das Prinzip der Nachhaltigkeit ist definitiv zu schade dafür, als einlullendes Modewort an den Pranger der Eitelkeiten gestellt zu werden. Es gibt Unternehmen, die sich eigene Nachhaltigkeitsbeauftragte oder sogar ganze Nachhaltigkeitsabteilungen leisten. Dagegen ist absolut nichts einzuwenden. Doch dabei darf es nicht bleiben. Denn Nachhaltigkeit darf nicht nur laut schreiend zu Markte getragen werden. Nachhaltigkeit geht uns alle an. Jeden einzelnen von uns. Sie kann nur gelingen, wenn wir alle – jeder in seiner aktuellen Lebenssituation – unseren konkreten Beitrag leisten. Gleichzeitig ist kaum jemand von uns in der Lage, Nachhaltigkeit in jeder Faser zu erklären. Das hängt wohl auch damit zusammen, dass Nachhaltigkeit mehr „getan“ als „besprochen“ werden muss, dass wir sie sogar „spüren“ können müssen. Intellektuelle Spiele sind zu wenig, das Festklammern an Facts and Figures führt in eine Sackgasse. Das Erfassen und Beschreiben von Fakten ist ein wichtiger Schritt. Es schärft das Bewusstsein für dieses sagenhaft geniale Prinzip, aber das ist nur ein erster Schritt.

Dieses kleine Buch soll dazu beitragen, das Prinzip der Nachhaltigkeit aus der Kopflastigkeit zu befreien und – mit einem freundlichen Augenzwinkern – zu einer wahren Herzensangelegenheit zu machen. Nachhaltigkeit ist ein leises Prinzip. Es will gelebt und nicht in die Welt hinausgebrüllt werden. Nachhaltigkeit braucht ein hohes Maß an Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit – zu sich selber und zu den anderen, eine ruhige, besonnene Innenschau. Es verlangt eine flexible Zukunftsorientiertheit und die Bereitschaft, sich selber und seine Bedürfnisse zurückzunehmen. Denn Nachhaltigkeit ist ein zutiefst unegoistisches Prinzip – ohne zu verlangen, seine eigenen Bedürfnisse und Wünsche gänzlich hintanzuhalten.

Ein Leben, ein Werk, ein Projekt kann dann als gelungen bezeichnet werden, wenn Ökologie, Ökonomie, Soziales und auch Kulturelles miteinander im Einklang stehen. Alle diese Säulen haben ihre Berechtigung, keine darf sich prahlerisch in den Vordergrund drängen. Deshalb gilt auch für die Nachhaltigkeit: Nur wenn alle vier Säulen einer Halle gleich stark und gleich hoch sind, kann das Dach darauf vertrauen, nicht eines Tages einzubrechen. Je mehr Säulen ein Dach tragen, umso stabiler ist die Konstruktion. Dieses Bild kann auch auf die Natur und überhaupt auf alle Bereiche des Lebens umgelegt werden. Ein Ökosystem, das sich auf viele Arten stützen kann, wird bei weitem stabiler sein als Monokulturen. Wer viele gute Freunde hat, wird in schweren Zeiten leichter eine Schulter zum Verweilen finden. Wer sein Vermögen auf unterschiedliche Bereiche aufgeteilt hat, wird einer wirtschaftlichen Krise eher trotzen. Nicht Eintönigkeit und Monotonie sind gefragt, sondern gelebte Vielfalt: im Tun, im Denken, im Handeln.

Liebe Leserin, lieber Leser, vielleicht ist Nachhaltigkeit ja jenes Lebensprinzip, das dazu angetan ist, diese Welt zu retten – falls das einmal nötig ist. Dafür notwendig ist allerdings, dass wir eher gestern als morgen alle damit anfangen und zwar nicht beim jeweils anderen, sondern ausschließlich jeder bei sich selbst. Dabei dürfen wir nicht die ganz normale Bodenhaftung verlieren. Mit bunter Sozialromantik kommen wir auch nicht weiter. Es geht darum, selber „anzupacken“, Eigen-Verantwortung und Verantwortung für unser Gegenüber zu übernehmen und nicht auf andere abzuschieben. Es geht darum, Mut zu beweisen und Mut zu spenden. In erster Linie geht es darum, sich selber zu hinterfragen. Auch ich tue das.

Die Kapitel in diesem Buch sollen Menschen vor den Vorhang holen, die diese Herausforderung bereits angenommen und damit Erfolg haben. Vielleicht sind sie sich gar nicht bewusst, dass sie einen wertvollen Beitrag zu gelebter Nachhaltigkeit geleistet haben, und vielleicht ist es ihnen auch egal, das zu erfahren. Sie sind einfach glücklich und haben andere glücklich gemacht. Jeder einzelne von ihnen ist aber auch der lebende Beweis dafür, dass es jedem Menschen in so gut wie jeder Lebenssituation mit dem entsprechenden Willen möglich ist, seinen ganz persönlichen Beitrag zu mehr Nachhaltigkeit zu leisten. Deswegen finden sich in diesem Buch auch Menschen aus allen Alters-, Bildungs- und Gesellschaftsschichten. Da spricht ein katholischer Priester genauso zu uns wie eine Bäuerin, wir begegnen einem Fischmeister aus dem Waldviertel wie auch einem Fürst aus uraltem Adelsgeschlecht, selbst Politiker kommen zu Wort, die ihre ganz eigenen Wege gegangen sind, und Menschen, die sich sozialen Diensten verschrieben haben und neue, mutige und innovative Wege gegangen sind. Aber auch die Lebensgeschichten und Ideen historischer Persönlichkeiten wie dem „Retter des Wienerwaldes“, Josef Schöffel, oder dem „Erfinder der Nachhaltigkeit“, Carl von Carlowitz, werden unter die Lupe genommen und auf die Nachhaltigkeit ihrer Aktivitäten abgeklopft. Die Auswahl der Lebensgeschichten beruht auf ganz subjektiven Kriterien. Basis dafür waren persönliche Begegnungen, Gespräche und Beobachtungen. Die grundlegenden „Nachhaltigkeits-Erkenntnisse“ aus diesen Gesprächen finden sich zusammengefasst im Anschluss an die Menschenbilder.

Die Seiten in diesem Buch bieten Gedanken und Anregungen und erheben keinen Anspruch auf die letztgültige Wahrheit. Zur Nachhaltigkeit gehört wohl auch, Fragen zu stellen, die andere beantworten, und Wege zu eröffnen, die andere zu Ende gehen. Einen großen Wunsch aber habe ich schon: Mögen die Überlegungen und Lebensgeschichten in diesem Buch dazu beitragen, den etwas erstarrten Begriff Nachhaltigkeit weiterzuentwickeln und mit Leben zu füllen. Nachhaltigkeit ist mir ein Herzensanliegen, und das möge sie auch für andere werden.

Hermine Hackl

ÖKOLOGIE

ÜBER WALD UND FLUR MIT GEORG GRABHERR
Nachhaltigkeit = Der Natur ihre Ordnung lassen

Es war die Zeit, als das Waldsterben und der dazugehörige „saure Regen“ ziemlich große Besorgniskreise in der Welt zog. Manche Naturschutzorganisationen versuchten, den Weltuntergang herbeizureden, die Forstleute warfen sich in eine Art Dauerverteidigungsposition oder schwiegen streckenweise gänzlich, und das angstgebeutelte Volk verlangte nach fundierten Antworten und nach Lösungen. In dieser Situation wagte es Professor Georg Grabherr, der Naturschutzprofessor der Nation, eine Studie zu starten, die die Hemerobie, also die Natürlichkeit der heimischen Wälder untersuchen sollte. Die Aufregung darob war groß, besonders unter den Forstleuten. Heimlich ballte man die Fäuste. Einer aus der Naturschutzszene, der sich über den geliebten Wald Gedanken macht? Ja, darf denn der das überhaupt?

Er durfte und tat. Was am Ende der Studie herauskam, belegte wissenschaftlich, dass es um den Wald in Österreich gar nicht so schlecht bestellt war und dass die generationenübergreifende, naturnahe Waldwirtschaft der heimischen Forstleute einen wesentlichen Teil zu diesem – im Vergleich zu anderen Ländern – ausgezeichneten Befund beigetragen hatte. Die Fäuste entspannten sich. Entsprechende Gesetze wurden geschaffen, die zu einer deutlichen Verbesserung der Situation beitrugen. Das Waldsterben geriet allmählich in Vergessenheit. Manchmal flammt es hie und da noch kurz auf – Bedrohungsszenarien bringen immer gute Schlagzeilen. Aber Dauerhiobsbotschaften haben einen starken Abnutzungseffekt und schmälern das Vertrauenskonto der Nachrichtenempfänger. Dieser Mechanismus funktioniert von Mal zu Mal immer schlechter.

Georg Grabherr, hoch dekoriert mit unzähligen wissenschaftlichen Auszeichnungen und nicht zuletzt auch Österreichs „Wissenschaftler des Jahres 2012“, ist deshalb davon überzeugt, dass die Debatte rund um das Waldsterben der Wissenschaft und dem Ansehen der Wissenschaftler langfristig ernstlichen Schaden zugefügt hat. Die meisten Prognosen hätten sich nicht bewahrheitet. Das ist mit einem Blick hinaus in den Wald leicht verifizierbar.

Forschung hätte die Aufgabe, den Dingen auf den Grund zu gehen, für Phänomene und Entwicklungen eine fundierte Erklärung zu suchen und zu finden. Der Erklärung folge die Aufklärung, die einhergehen müsse mit konkreten Handlungsempfehlungen und Lösungsansätzen. Diese „nützliche“ Seite der Wissenschaften sei nicht minder zu achten. In Abwandlung des PR-Grundsatzes „Tue Gutes und rede darüber“ müsste es für die Wissenschaft heißen: „Erforsche die Wahrheit und teile sie mit.“ Die Wissenschaft müsse heraus aus dem Elfenbeinturm und habe die Aufgabe, „begründete Zuversicht zur Lösbarkeit von Problemen zu vermitteln“. Dabei dürften niemals Hypothesen als die absolute und einzige Wahrheit oder als finale Erkenntnis kommuniziert werden. Ein Wissenschaftler müsse sich diesbezüglich „beherrschen“ können. Die Unterscheidung zwischen Hypothese und absoluter Erkenntnis ist für den Laien nur schwer erkennbar und führt oft zu Fehleinschätzungen. Beim Erkennen der Fehleinschätzung aber schwindet das Vertrauen und nutzt sich ab.

Interessant für einen Wissenschaftler ist auch Grabherrs Erkenntnis, dass es manchmal eben keine Erkenntnis, keine Erklärung gebe. An dieser Stelle sei der Punkt gekommen, an dem Bescheidenheit und Demut gefragt sind, weil manches Erkenntnisstreben an der menschlichen Begrenztheit scheitert. Ein Beispiel gefällig? Ein Mammutbaum kann bis zu 4000 Jahre alt werden. Den Lebenszyklus eines solchen Gewächses bis ins Detail zu studieren, ist für einen einzigen Wissenschaftler – im wahrsten Sinne des Wortes – menschenunmöglich. Alle Erkenntnisse dazu können immer nur Momentaufnahmen sein und können nur schwer ein Endergebnis bieten. Ähnlich verhält es sich mit anderen Langzeitthemen, wie eben dem Waldsterben oder etwa dem Klimawandel. Es kann immer nur Hypothesen und Theorien dazu geben, keine absoluten Wahrheiten. Es kann alles ganz anders kommen, als erwartet: deutlich freundlicher, aber auch deutlich heftiger als vorhergesagt. Wesentlich ist, sich bewusst zu machen, dass alles auf der Welt in Systeme eingebunden ist. Wer an einer Stelle im System eine noch so kleine Veränderung vornimmt, kann unter Umständen das gesamte Gefüge verändern. So kann der Ausfall auch nur einer Pflanzen- oder Tierart unter Umständen eine ganze, ungewollte Kettenreaktion in Gang setzen. Grabherr, der begnadete Kommunikator und beseelte Pflanzenliebhaber, hat seine eigenen Bilder, dies zu erklären: Jede Pflanzenart ist wie ein Buchstabe in der Natur. Diese Buchstaben bilden miteinander Wörter und ganze Sätze. Wer nur einen Buchstaben verändert, kann den Sinn eines Wortes, eines ganzen Satzes, einer ganzen Welt verändern. Alles, was wir tun und denken, ist Teil eines großen Ganzen. Eine zu mechanistische Sichtweise ist allerdings fehl am Platz. Verglichen mit einer Präzisionsmaschine sind die ökologischen Systeme und Funktionsstrukturen „lose Werkel, die scheppern, knirschen und krachen“. Daher sind präzise ökologische Prognosen so schwierig.

Der zauberhafte Garten von Georg Grabherr im Wienerwald bietet hier ein verblüffendes Beispiel. Ebendort, in diesem „Garten für das 21. Jahrhundert“ steht ein Bambus. Von dieser Pflanze wurden über Generationen hinweg zahllose Klone, sprich Setzlinge, genommen, die eigentlich nicht mehr miteinander verbunden sind. Alle Klone dieser Pflanze, blühen – wie von Zauberhand geführt – überall auf der ganzen Welt exakt zur gleichen Zeit.

Erst im Laufe des Gesprächs mit dem Wissenschaftler Georg Grabherr ist mir bewusst geworden, wie viele menschliche Züge auch die Pflanzen tragen. Pflanzen stehen genauso in Konkurrenz zueinander wie Menschen und ergehen sich mitunter in brutalen Ausleseverfahren. Wenn sich jedoch die Richtigen am geeigneten Ort treffen, bilden sie friedvolle Gemeinschaften und beschützen und fördern einander. Wo hingegen viele von einer einzigen Art an einem Platz sind, wie es bei Monokulturen der Fall ist, kann sich das Einzelindividuum nur spärlich entfalten. Das geschieht sogar nach einer exakt berechenbaren mathematischen Gesetzmäßigkeit. Wenn jedoch mehrere Arten an einem Ort stehen, ist die gegenseitige Förderung sehr viel wahrscheinlicher und damit das System wesentlich stabiler. Alleine das ist schon ein besonders schlagkräftiges Argument für Artenvielfalt.

„Die Natur hat ihre eigene Ordnung – und die ist nicht der rechte Winkel“, sagt der Biologe Georg Grabherr. In diesen Worten ist unglaublich viel Liebe spürbar und tiefster Respekt für die Pflanzen, die er ein Leben lang erforscht hat. Es ist fast eine Art Zärtlichkeit, die da mitschwingt, eine Eigenschaft, die man bei Wissenschaftlern wahrscheinlich nur selten vorfindet. Woher kommt diese Zuneigung für sein Wissenschaftsgebiet? Es sind wieder einmal die Zusammenhänge, die persönlichen Umstände, einzelne Begegnungen, welche die Summe des Ganzen ergeben. Da war der vogelkundige Vater, der fachkundige Naturgeschichtsprofessor, das Wiener Ehepaar, das sogar die wissenschaftlichen Pflanzennamen kannte. Da war irgendwann dieses Geschenk, ein Buch über Orchideen, die eigenständige Beschäftigung mit dem neuen Wissen, die Reflexion in der Natur. Mit dem Wissen geht die Faszination einher, die ständig vorantreibt zu noch mehr „wissen wollen“. Je größer das Wissen, umso größer auch die Neugierde, hinter das Wissen zu schauen. Erkenntnis durch Kenntnis. Ideale Bedingungen für ein Wissenschaftlerleben. Mit dem fundierten Wissen und dem wachsenden Verständnis für die Zusammenhänge kommt auch die Bereitschaft, sich für die geliebte Sache einzusetzen. Und so war es dann auch. Ein Leben lang.

Ein erstes Mal machte der Naturschützer Grabherr im Alter von 16 Jahren von sich reden. Damals machte er die Eingabe für die Unterschutzstellung der „Schmelwiese“ in seiner Vorarlberger Heimatgemeinde Hörbranz. Der besagte Feuchtbiotopkomplex war ein Raritätenkabinett ersten Ranges und ist es heute noch.

Georg Grabherr ist das jüngste von fünf Kindern. Die meisten Familienmitglieder sind seit Generationen Lehrer. Nur der Vater betreibt eine Schuhmacherwerkstatt im kleinen Ort Hörbranz am Bodensee. Nach dem Krieg ist hochqualitative Handwerkskunst für den Durchschnittsbürger aber nicht leistbar. Die Familie lebt deshalb in bescheidenen Verhältnissen. Auch die Kinder müssen ihren Arbeitsbeitrag leisten. Freiheit, Kindheit, Friede, Abenteuer findet der Familienjüngste in der Natur. „Alles, was im Leben schön ist, hat im Wald stattgefunden“, wird Grabherr später einmal über seine Jugend resümieren. „Die Natur, der Wald lehrt uns Bescheidenheit und Demut.“ Eigenschaften, die auch der hochangesehene Wissenschaftler nicht verloren hat, ja, sie sogar einfordert. Bescheidenheit und Demut führen auch zur Erkenntnis, dass nur ein Leben in Sparsamkeit ein nachhaltiges Leben sein kann. Sparsamkeit bedeutet, alle Güter auf das Notwendige zu reduzieren und damit alle nur erdenklichen Ressourcen zu schonen. „Wenig, aber gut und qualitätsvoll“, ist seine Devise. Die Reduktion auf das Wesentliche bedeutet aber ganz und gar nicht Verzicht auf Genuss. Da würde der Professor nun doch heftig protestieren. Genuss kann aber nur bereiten, was selten und kostbar ist und nicht aus dem Überfluss kommt. Ein logischer Rückschluss, nicht wahr?

Genuss und Überfluss. Wissen und Ignoranz. Naturschutz und Naturausbeutung. Die Welt ist mehr denn je von Gegensätzen geprägt. Durch die zunehmende Verstädterung der Bevölkerung war die Naturferne noch nie so groß wie jetzt, aber auch die Natursehnsucht. Wohlmeinende streben aus tiefer Sehnsucht nach Weltverbesserung möglichst ökologische Lösungen an und müssen erkennen, dass ökologische Lösungen oft die meiste Natur „verbrauchen“, wie das etwa beim Heizen mit Holz oder mit anderen natürlichen Brennstoffen ist. Die Menschheit sitzt in ihrem Streben nach wohlmeinender Weltverbesserung oft zwischen allen erdenklichen Stühlen und ist nur schwer in der Lage, die richtigen Wege zu finden. Je präziser die Wissenschaft arbeitet, je genauer die technischen Ergebnisse werden, umso schwieriger wird es, eine Art erträgliches Mittelmaß zwischen Sendungsauftrag und Bequemlichkeit zu finden, das uns alle gerade noch mit gutem Gewissen leben lässt. Für sich diesen Weg zu finden, liegt in der Verantwortung des Einzelnen, aus dieser kann er nicht entlassen werden.

Faszination und ehrliche Begeisterung, wie sie der Wissenschaftler Georg Grabherr an den Tag legt, sind wohl der effizienteste und – im besten Sinne des Wortes nachhaltigste – Weg, mit Wissen die Herzen zu öffnen. Ich erinnere mich da an einen lauen Spätnachmittag im frühlingshaften Wienerwald. Wir waren gerade mit dem Auto auf der Rückreise von einer forstlichen Tagung. In unseren Köpfen kreisten noch Meinungen und Diskussionsbeiträge. Plötzlich sagt Professor Grabherr: „Bieg dort vorne ab. Ich zeige dir den schönsten Wald der Welt.“ Und tatsächlich. Wenige Schritte von der Straße entfernt, breitete sich im hohen Laubwald ein unendlich weiter Teppich aus, dicht gewebt aus blauen, weißen und gelben Blumen. Das Laub der Buchen und Eichen war jung und grün. Wiedergeburt liegt in der Luft. Von der Donau dringen ganz leise Beweise von naher Zivilisation herauf, die romantische Gemüter auch als Wellenrauschen hätten interpretieren mögen. Noch zwitschern die Vögel aufgeregt durcheinander. Der Weg wird schmäler. Äste liegen über dem scharfen Grad. Niemand stößt sich daran. Nichts ist lebendiger als totes Holz. Georg hebt mit seinem Gehstock vorsichtig einen Stein zur Seite. Leben pur. Ein Grashalm spielt mit dem Wind und bemerkt gar nicht, dass der Wissenschaftler ihn als etwas Besonderes qualifiziert hat. Schleichend wie ein listiger Dieb drängt die Nacht in den Wald. Wenn man den Kopf hebt und nach oben schaut, kann man ganz klar erkennen, dass die alten Baumriesen tatsächlich den Himmel berühren. Sie stehen da und geben Zeugnis einer anderen Zeit. Ihre schwarzen Stämme und Äste stützen das Nachtblau des Himmels. Der Neuntöter hat seinen Gesang beendet. Die Nacht hat jetzt ein leichtes Spiel. Auf den letzten Metern zurück zum Auto wage ich kaum zu atmen, um den Zauber dieses Nachtwaldes nicht zu stören. Ich werde niemals wieder hierher kommen. Geschenke wie diese bekommt jeder Mensch nur einmal im Leben. Doch hier will ich Zeugnis davon geben. Man kann Blumen in einen Garten pflanzen und sich an ihrer Farbenpracht erfreuen. Man kann Studien darüber verfassen und veröffentlichen. Man kann den Menschen aber auch die Liebe zu all dieser Pracht ins Herz pflanzen. Was von alledem wird wohl die Zeiten überdauern?


Zur Person: GEORG GRABHERR, geboren 1946 in Bregenz, ist angesehener Vegetations- und Landschaftsökologe und bekannt als „der Naturschutzprofessor“ in Österreich. Von 1986 bis 2011 war er Abteilungsleiter und Universitätsprofessor für Naturschutzbiologie, Vegetations- und Landschaftsökologie an der Universität Wien, 2003–2014 Vorsitzender des österreichischen Man and the Biosphere (MAB)-Nationalkomitees der UNESCO (seit 2014 dessen Ehrenmitglied), Mitbegründer von „Global Observation Research Initiative in Alpine Environments“ (GLORIA), in deren Rahmen vegetationsökologische Langzeitstudien zum Nachweis des Klimawandels vorgenommen werden. Er ist Träger des „Österreichischen Naturschutzpreises“ des Naturschutzbundes Österreich, des Vorarlberger Wissenschaftspreises, des Großen Verdienstzeichens des Landes Vorarlberg, des Ehrenzeichens des Vorarlberger Alpwirtschaftsvereins, des Österreichischen Ehrenkreuzes für Wissenschaft und Kunst I. Klasse und Österreichs Wissenschaftler des Jahres 2012.

AUF FISCHFANG MIT
FRANZ HECHINGER
Nachhaltigkeit = Den Dingen
ihre Zeit geben

Es gibt Menschen auf dieser Erde, die haben offenbar absolut keine Feinde, nicht einmal ernstliche Kritiker. Niemand scheint ihnen etwas zu missgönnen, überall sind sie beliebt, obwohl sie Ecken und Kanten haben und mit ihrer Meinung nicht hinter dem Berg halten. Wenn sie erscheinen, zaubert das allen Anwesenden ein Lächeln auf die Lippen, und jene, die eigentlich schon längst gehen wollten, bleiben ihretwegen noch ein bisschen länger.

Ich brüste mich damit, das Privileg zu besitzen, einen solchen Menschen zu kennen. Nicht nur seine Freunde nennen ihn Hecht, denn er ist Fischmeister im Waldviertel. Ein Schelm ist, wer bei „Hecht“ an etwas Schelmisches denkt. Hecht ist einfach die Abkürzung für den Familiennamen Hechinger. Wie passend und stimmig hier der Volksmund abkürzt! Hecht für Hechinger. Nomen est omen, wie der Lateiner sagt, das Wort steht für die Bestimmung. Für die meisten aber ist er einfach Franz, für einige auch „Freund Franz“. Wie er zu diesem Kosenamen kam, ist eine eigene, im wahrsten Sinne des Wortes filmreife Geschichte, die mit einer Sendung zu tun hat, in der Bauern Frauen suchen. Aber die Details dazu bleiben hier unser Geheimnis. Und es ist schon wieder alles anders, als Sie jetzt vielleicht gedacht haben.

Vielleicht haben Sie auch schon gedacht, das ist ein ganz schön bunter Vogel, dieser Fischmeister, und offenbar ist das Leben eines Fischmeisters doch aufregender, als wir zunächst vermuten würden. Ja, so ist es. Freund Franz hat sich lange geweigert, sich an ein Mobiltelefon zu gewöhnen. Jetzt aber ist es sein verlässlichster Begleiter, und es klingelt ohne Unterlass. Jeder Generaldirektor könnte vor Neid erblassen. Freund Franz ist auch gelernter Zimmermann. Seine Expertise zu allen Holzarbeiten ist gefragt, an den Bootsanlegestellen am Stausee, in den Volairen bei den Greifvögeln, draußen im Wald beim Bau der Hochstände für die Jagd. In der Fischkammer warten Kunden. Nein, nur der Fischmeister persönlich kann den Festtagskarpfen schröpfen. Nebenbei rennt der Schmäh. Die Fischliebhaber kommen nächste Woche sicher in Begleitung wieder.

Der Wirtschaftsdirektor ruft an. Für den alten, historischen Getreidespeicher ist eine neue Nutzung angedacht. Ein Sozialprojekt soll hier untergebracht werden. Eine Abordnung des Denkmalamtes ist angereist. Sie soll den Umbau fachlich begleiten. Die Kosten sind plötzlich eine unüberbrückbare Hürde. Das Sozialprojekt steht vor dem Scheitern, der Umbau insgesamt rückt in weite Ferne. Freund Franz, der die ganze Zeit bescheiden und wortlos im Hintergrund geblieben ist, legt mit wenigen unaufgeregten Worten eine kostengünstige, ressourcenschonende und alle seligmachende Lösung auf den Tisch, an die bis jetzt noch niemand gedacht hatte. Die zahlreich angereisten Experten hängen plötzlich an seinen Lippen. So etwas haben sie noch nie gehört. Ungewöhnlich dieser Vorschlag, aber absolut denkbar. Und der Wirtschaftsdirektor hält alles für finanzierbar. Alle sind glücklich und gehen miteinander auf ein Bier.

Freund Franz hat kein Verständnis für lautstarke, emotionsgeladene Auseinandersetzungen. „Das ist lediglich Vergeudung von Zeit und Nerven. Beides sind zu kostbare Ressourcen, die man besser und zielgerichteter einsetzen kann“, meint er in ruhigem und überzeugendem Ton.

Die Teiche des Waldviertels haben Franz Hechinger zu einem Philosophen mit bemerkenswerter Bodenhaftung gemacht. Was wie ein Widerspruch klingt, ist einfach gelebte Nachhaltigkeit mit Köpfchen. Beispiele gefällig? Die vielen Autofahrten im riesigen Forstbetrieb werden sorgsam geplant, um möglichst vieles „im Vorbeifahren“ zu erledigen. Umwege sind in diesem Fall energetische Irrwege. Mitdenken ist gefragt. „Zuerst denken, dann fahren“, bringt es Franz Hechinger auf den Punkt.

Das Auto von Franz Hechinger hat weder eine Klimaanlage noch eine Sitzheizung, und während des Tages und bei gutem Wetter fährt er ohne Licht. Alles andere ist in seinen Augen blanke Vergeudung. Er rechnet vor, wie viel wir sparen würden, wenn alle auf solche „Details“ verzichteten. Im trauten Heim werden Geschirrspüler und Waschmaschine nur angeworfen, wenn sie optimal und bis obenhin gut gefüllt sind. Darauf achtet der begeisterte Hausmann persönlich. Was bei anderen spießig und kleinlich klingt, kommt hier mit dem Brustton der Überzeugung und verbreitet Freude. Die Freunde und Kollegen werden sanft, aber doch bestimmt zur Mülltrennung motiviert. Franz Hechinger rechnet vor, wie viel Energie durch die Wiederverwendung wertvoller Stoffe gespart werden könnte und wie viel an CO2-Ausstoß weniger das bedeuten würde. Ich habe mir die Zahlen nicht gemerkt, aber ich gelobe hoch und heilig, nie mehr wieder an der Mülltrennung zu zweifeln.

Als ein wichtiger Aspekt von Nachhaltigkeit spielt im Gespräch mit Freund Franz der Faktor Zeit eine immer und immer wiederkehrende und vielfältige Rolle. Das beginnt schon damit, dass Franz Hechinger vor 20 Jahren seine Uhr abgelegt und sie bis heute nicht mehr aktiviert hat. Zeit hat im Leben von Franz Hechinger eine andere Dimension als für Sie und für mich. Daran musste sich auch seine Umgebung gnadenlos gewöhnen und hat gelernt, damit umzugehen. Konkrete Termine mit ihm auszumachen, ist ein eher nutzloses Unterfangen. Was ist schon Zeit!? Zeit ist ausschließlich das, was die Natur vorgibt. Die Fische sind nicht nach ein, zwei, drei oder vier Jahren verkaufsfertig, sondern schlicht dann, wenn sie groß genug sind, um eine ausreichende Portion zu ergeben. Gemüse wird dann geerntet, wenn es schön reif und knackig ist, und nicht, wenn es ein möglicher Speiseplan vorgibt.

Früher wurden Bäume nach den Mondphasen geschlägert. Von den positiven Eigenschaften dieses Holzes haben Generationen profitiert. Heute wird dann geerntet, wenn die Sägewerke nach Auslastung schreien. Also quasi das ganze Jahr. Früher wurden die Bäume gleich im Wald entastet, entrindet und bearbeitet. Heute werden sie aus dem Wald zu Verarbeitungsstätten und dann erst zur Endbestimmungsstelle gebracht. Das kostet Zeit, Geld und Energie und manchmal auch Nerven.

Eine weitere „Zeiterkenntnis“, die ich unserem Protagonisten zu verdanken habe: Im Spätherbst gibt es jedes Jahr ein großes Abfischfest im Betrieb. Dann kommen hunderte Menschen, um dem „Kochen der Teiche“ beizuwohnen und frisch aus den Teichen die Karpfen zu verkosten. Da müssen alle mitanpacken. Die gastronomische Laientruppe aus Holzarbeitern, Forstfrauen, Sekretärinnen und Hausfreunden geben ihr absolut Bestes. Trotzdem kann nicht jeder der Anwesenden promptest bedient werden. Franz Hechinger versteht nicht, warum manche Gäste wutentbrannt und hungergrantig das Fest verlassen, wenn ihr Hunger nicht augenblicklich gestillt wird. Man könnte die Zeit ja nutzen, um sich mit den anderen zu unterhalten, einen Spaziergang unternehmen oder den Eisblumen beim Wachsen zuschauen. Ich zum Beispiel habe meinen Fisch voriges Jahr nach Stunden serviert bekommen. In dieser Zeit habe ich mit dem Bezirkshauptmann und seiner lieben Frau die Welt neu geordnet, mit einem kritischen Geist aus dem Nachbardorf Freundschaft geschlossen, der örtlichen Regionalzeitung ein Interview gegeben, eine neue Biersorte kennengelernt, vier alte Freunde wiedergetroffen und mit ihnen Wiedersehenstermine vereinbart und die Idee für dieses Buch mit dem örtlichen Freigeist gewälzt. Last but not least habe ich mich in Geduld geübt und diese Übung perfektioniert. Ohne diese Stunden wäre mein Leben wesentlich ärmer. Abgesehen davon, hat sich das Warten auch kulinarisch mehr als gelohnt. Der nach Stunden servierte serbische Karpfen war der beste Fisch, den ich jemals in meinem Leben gegessen habe. Bedauern muss ich heute noch jene Kreaturen, die bereits nach kurzer Wartezeit w. o. gegeben haben.

Den Dingen nicht die Zeit zu geben, die sie brauchen, ist wider die Natur. Und für so etwas Unnatürliches ist Franz Hechinger nicht zu haben. Bio ist seine Maxime. Alles darf in seinem Garten wachsen, wie es gerade lustig ist, ohne Chemie und ohne Blick auf die Uhr.

Das Gemüse braucht seine Zeit, der Wald braucht seine Zeit, die Fische brauchen ihre Zeit, der Mensch braucht seine Zeit. Das Erkennen und die Erkenntnis brauchen ihre Zeit. Die Schönheit der Natur zu erkennen, braucht viele ruhige und einsame Bootsfahrten über die Teiche und viele Urlaube am immer gleichen Campingplatz. Der einzige Hotelurlaub im Leben von Franz Hechinger ist kläglich gescheitert. Zu anonym, zu weit weg von Wind und Wetter. „Es ist schön, im Leben etwas schaffen zu können, etwas zu bauen, ein Ergebnis zu sehen“, resümiert er. Geld verdienen ist gut, aber keine Antriebsfeder. Geld ist Mittel zum Zweck. Aber Geldvergeudung ist auch Vergeudung und irgendwie unverständlich. Keine Anstrengung macht Sinn, wenn der Benefit daraus dann sinnlos vergeudet wird. Sinn und Sinnhaftigkeit spielen eine große Rolle. So stellt Hechinger etwa die Sinnhaftigkeit kirchlicher und anderer Feiertage in Frage, wenn sie nur dazu dienen, die Anzahl der bezahlten Urlaubstage und den Freizeitstress zu vermehren. Da ist es doch besser, man geht seiner geliebten Arbeit nach, meint Freund Franz.

Selbst im Leben des gelassenen und besonnenen Franz Hechinger gibt es Ereignisse, die nicht nur sein Unverständnis, sondern sogar seinen Zorn provozieren. Hier ein Beispiel dafür: Bis in die 1990er Jahre gab es im Waldviertel Pelztierfarmen, in denen Minks gehalten wurden. Diese putzigen kleinen Nerztiere sollten zu Mänteln verarbeitet werden. Das rief Tierschützer auf den Plan, die wahrscheinlich in bester Absicht in einer Nacht- und Nebelaktion die Tiere freiließen. Minks sind ausgesprochene Fischliebhaber und überaus flinke Räuber, die seit jener Stunde mit Begeisterung die umliegenden Teiche plündern. Die Teichufer sind übersät mit totgebissenen Karpfen. Der wirtschaftliche Schaden ist enorm, die Natur bis auf Weiteres geschädigt, das ökologische Gleichgewicht aus dem Lot gekommen, da die Tiere in der Region keine natürlichen Feinde haben und sich ungestört vermehren können. Und die Jagd auf diese Tiere wäre nur mit unlauteren Mitteln möglich. Zusammengefasst: gut gemeint ist nicht immer gut gemacht.

Dieses Beispiel führt deutlich vor Augen, dass alles, was wir tun, Wirkung hat und dass auch eine noch so gut gemeinte Aktion katastrophale Folgen haben kann. Hat das vielleicht mit einer ganz besonderen Form von Egoismus zu tun, die um sich greift? Die chronische Ich-Bezogenheit unserer Zeit hat zur Folge, dass sich ein Teil der Menschheit selbstüberschätzend als „Experten für eh alles“ betrachtet und durch unbedachte und unqualifizierte Einflussnahme Schaden anrichtet. Diese Menschen sind in der Regel leicht zu mobilisieren und werden – im Extremfall – missbraucht, ohne dass sie es ernstlich wahrnehmen. Ein anderer Teil der Menschheit hingegen frönt dem Egoismus der Art „mir ist eh alles wurscht“ und schaut aus Bequemlichkeit in entscheidenden Momenten gerne weg. Warum diese Betrachtung zum Egoismus hier Erwähnung findet? Weil das auch mit Nachhaltigkeit zu tun hat und weil selbst ein Mensch wie Franz Hechinger bei diesem Thema an seine persönlichen, emotionalen Grenzen stößt. Und das sollte uns zu denken geben.


Foto: Gabriele Moser

Zur Person: FRANZ HECHINGER ist gelernter Zimmermann und wirkt als Fischmeister im Forstamt Ottenstein. Privat ist er Philosoph mit Bodenhaftung und überall gern gesehener Geschäfts- und Gesprächspartner.

IN DER KÜCHE MIT
ELISABETH LUST-SAUBERER
Nachhaltigkeit = Action
und Satisfaction

Als man ihre Sendung im Fernsehen absetzte, brach ein Proteststurm los. Sehr deutliche Briefe und E-Mails erreichten die Redaktion. Manche Menschen verstanden die Welt nicht mehr. Diese Frau hatte doch den Nerv der Zeit getroffen! Viel mehr noch: sie hat ein leer gelaufenes Becken an Wissen wieder mit selbstverständlichen Erstaunlichkeiten und mit Sinn gefüllt. Was also war der Hit, das Sensationelle, das Einmalige, wonach die geneigte Hörer- und Seherschaft so gierte? Wurden hier die Lottozahlen vor der Ziehung veröffentlicht, gab es vielleicht sichere Anleitung für ein erfülltes Leben oder wurden Wundermittel zur verlässlichen Weltverbesserung angepriesen? Nein! Die Dame, um die sich diese Geschichte dreht, heißt Elisabeth Lust-Sauberer und sie gibt – Putztipps. Wie das gemeint ist? Na, ganz einfach! Sie beantwortet Fragen wie: Wie putze ich die Fenster sauber und kostengünstig? Was muss beim Reinigen von Holzböden beachtet werden? Was ist bei verstopften Abflüssen zu tun? Wie bekommt man harzige Hände wieder sauber? Wie poliert man Möbel schonend, und wie bringt man Silberlöffel wieder zum Glänzen? Was tun bei hohen Vasen, für die alles Reinigungsgerät zu kurz ist, um an den verdreckten Boden zu gelangen? Die Wissensnot in diesen Dingen war groß, hatte aber mit dem Auftauchen von Seminarbäuerin Elisabeth Lust-Sauberer am Fernsehschirm ein abruptes Ende gefunden. Was früher von Generation zu Generation – um nicht zu sagen von Mutter auf Tochter – wie selbstverständlich weitergegeben wurde, war zu einem Medienhit geworden. Kein langes, umständliches Herumgerede, keine leeren Worthülsen, keine kunstvollen intellektuellen Ergüsse, sondern: Klartext, einfach, direkt und in einer erfrischend ungekünstelten Sprache. Worte, die trotz aller knallharten Praxisnähe aus dem Herzen kommen, unverblümt und ohne Umschweife. Zum Fensterputzen nehmen wir bitte niemals heißes, sondern immer kaltes Wasser. Ein zugesetzter Spritzer Spiritus oder Haarshampoo (natürlich ohne Balsam) nimmt zusätzlich das Fett auf. Basta! Unbehandelte Holzböden wiederum werden mit nasser Holzasche abgeschrubbt, dann mit klarem Wasser nachgewaschen. Alles klar!? Verstopfte Abflüsse? Kein Problem! Hier gilt allerdings: Vorbeugen ist besser als heilen. Man gebe zwei bis drei Esslöffel Soda in den Abfluss und gieße Wasser nach. Diesmal allerdings heißes, wohlgemerkt!

Haushaltstipps, nichts als einfache Haushaltstipps, werden Sie jetzt vielleicht denken. Wie kann man damit jemanden hinter dem Ofen hervorlocken? Ganz einfach: Haushaltstipps strahlen Heimeligkeit aus, Fürsorge für das traute Heim und dessen Bewohner, eine Art neues Biedermeier schimmert da durch, unverblümte Geborgenheit, eine Art von „ein ungeschriebenes Geheimnis miteinander teilen“ liegt in der Luft. Und Menschen, die mir solche Tipps geben, müssen es wohl gut mit mir meinen. Oder sind Sie jetzt entrüstet? Ist da vielleicht ein Jahrhunderte langer Kampf um Gleichberechtigung spurlos an uns vorüber gegangen? Soll die Frau wieder an den Putzlappen gefesselt werden und kommt gar die gesamte gegenderte Welt ins Wanken? Hat sich um Gottes willen nichts auf dieser Welt geändert! Doch. Und das ist ein gutes Beispiel dafür: Für Haushaltstipps interessieren sich nunmehr Männer und Frauen gleichermaßen. Das nenne ich neue Gleichberechtigung. Und das alles ökologisch und ohne Chemie.

Elisabeth Lust-Sauberer betreibt mit ihrem Mann einen landwirtschaftlichen Betrieb im Weinviertel, hat zwei schon erwachsene Töchter, lebt in einem zauberhaften Haus mit entzückendem Innenhof. Wer bei ihr zu Gast sein darf, betritt Heimeligkeit pur und geht zumindest mit einem Glas köstlicher Paprikamarmelade heim – die übrigens hervorragend zu Käse schmeckt. Im Eingangsbereich steht auf einer alten Truhe eine bunte Schale mit Obst, die zusätzlich mit Blumen geschmückt ist. Am Küchentisch steht ein Teller mit selbst gemachten Mehlspeisen. Solche gibt es zum Auftauen immer im Eiskasten. Es könnten ja überraschend Gäste kommen. Elisabeth Lust-Sauberer: eine perfekte Hausfrau also? Sie protestiert heftig: „Eine Überputze war ich nie!“. Als die bescheidene Hausfrau das Angebot erhielt, eine Sendung mit Haushaltstipps zu gestalten, plagten sie ernstliche Bedenken. Was würden wohl Freunde und Familienmitglieder von ihr denken, die ja um ihre „Unperfektheit“ in Haushaltsdingen wüssten. Würde sie ihre persönliche Glaubwürdigkeit aufs Spiel setzen? Schlussendlich siegte dann doch der Wunsch, „etwas zu tun, was zufrieden macht“. Die Kinder sind aus dem Haus und die so entstandene Lücke musste gefüllt werden. Only action brings satisfaction! Etwas Sinnvolles tun, nicht nur für die anderen, sondern auch für sich selber. Was gibt es Schöneres, als sich mit anderen Menschen auszutauschen und Erfahrungen weiterzugeben? Und in diesem Moment kam das Fernsehangebot.

Lust-Sauberer ist gelernte Seminarbäuerin und als solche an Begegnungen mit Konsumentinnen und Konsumenten gewohnt. So ist sie auf Messen und in Supermärkten unterwegs, um dort über Lebensmittel und deren Verwendung zu informieren. Erdäpfel kommen aus der Erde, Marillen vom Baum, Ribiseln vom Strauch und die berühmte Kuh ist eben nicht lila. Was für eine agrarische Gesellschaft selbstverständlich war, muss heute wie Spezialwissen vermittelt werden und wird wie von einem Schwamm aufgesaugt. Da ist etwa das spannende Kapitel der Vorratshaltung. Nur so viel kaufen, wie man braucht, zuerst überlegen, dann einen Einkaufzettel schreiben. Reste verwerten. Das entlastet das Budget und macht auch noch Spaß. Fact aber ist: Viel zu viele Lebensmittel werden weggeworfen. Der unverschämte Überfluss unserer Breiten verlockt zur allzu leichtfertigen Vergeudung. Da hinten im Kühlschrank vergammelt doch glatt der liebevoll erzeugte Käse, in der Dose verschimmelt das köstliche Brot, weil man es dort schlicht und einfach vergessen hatte. Egal, das können wir uns doch leisten! Sparsamkeit ist doch nur etwas für Spießer! Sparsamkeit ist nur etwas für Spießer!? Nein, Sparsamkeit ist für verantwortungsvolle Menschen ein Beitrag zur Nachhaltigkeit, weil Schonung der Ressourcen und Respekt vor dem Erzeuger und dem Erzeugnis damit verbunden sind. Mit dem Brot, das Tag für Tag in Wien weggeworfen wird, könnte man eine Stadt wie Graz versorgen, hat einmal jemand ausgerechnet. Das ist die Realität.

Das „Interesse an der Realität“ schätzt Lust-Sauberer als enorm ein. Damit ist auch das Interesse an der Landwirtschaft gemeint, an der Erzeugung der Lebensmittel und an deren Zubereitung. Deshalb gibt sie bei Kochkursen ihr Wissen weiter und paart es mit ihrer ansteckenden Begeisterungsfähigkeit. Als praktizierende Bäuerin und Produzentin ist sie – genauso wie alle anderen Seminarbäuerinnen – besonders glaubwürdig und authentisch in Fragen der Lebensmittelerzeugung und -verwendung. Diese Frauen wissen, wovon sie reden, und stehen auch dahinter. Das können Sie mir glauben!

Die Kinder der Familie Lust-Sauberer sind zwar schon aus dem Haus, kommen aber an Wochenenden immer wieder gerne heim zu ihren Eltern. Dabei ist allen das gemeinsame Frühstück heilig. Gemeinsam essen, an einem Tisch, zum gleichen Zeitpunkt, die gleichen Speisen, selber zubereitet, und dabei einander die Tagespläne anvertrauen oder auch manchmal gemeinsam schweigen. Das ist mehr als bloße Nahrungsaufnahme. Gemeinsam „Mahl halten“ ist Zuneigung, Interesse für den anderen und am anderen, genauso wie Reflexion von Gefühlen und Gedanken. Alle sind gleich in ihrer Notwendigkeit, Nahrungsmittel zu sich zu nehmen. Essen ist Lust am Leben, ist Quelle des Weiterlebens, das man miteinander teilt.

Die Begeisterung der Töchter am Kochen hielt sich anfänglich in Grenzen. Mit dem Auszug aus dem trauten Heim hat sich das aber geändert. Mutters tolle Tipps und Rezepte waren plötzlich gefragt. Immer nur anrufen und jede Kleinigkeit erfragen ist auch irgendwie uncool. Immerhin will man im Freundeskreis ja auch mit eigenem Wissen glänzen und selber etwas auf den Tisch zaubern können. Lust-Sauberer schrieb alles nieder, was die Töchter gerne wissen wollten, und so entstand ganz nebenbei auch noch ein Kochbuch, dessen Inhalt nicht nur den Töchtern Vorbehalten ist.

Wer sich nun vielleicht die Frage stellt, wie man denn so vieles unter einen Hut bringen kann: den Job als Landwirtin, Seminarbäuerin, Medienstar, Buchautorin, Mutter, Ehefrau usw., für den hat Elisabeth Lust-Sauberer ihren Lieblingsspruch parat, der da heißt: „Es ist nicht zu wenig Zeit, die wir haben. Es ist zu viel Zeit, die wir nicht nützen.“

Weitere Geheimnisse hinter dem Erfolg sind: Einfache Antworten geben auf Fragen, die gestellt werden oder irgendwie in der Luft liegen. Ohne große Hintergedanken, ohne persönliche Profilierungssucht, ohne maximales Gewinnstreben. Einfach den Menschen Gutes tun wollen.

Da fällt mir ein, wir sind Ihnen noch ein paar Antworten schuldig. Auf die Fragen, die wir eingangs gestellt haben. Also: Harzige Hände bekommt man sauber, indem man sie mit Schmalz oder Öl einreibt und dann mit Papier, zum Beispiel von der Küchenrolle, abwischt. Holzmöbel poliert man am besten mit ganz gewöhnlichem Speiseöl: das Öl einfach auf ein Tuch auftragen und wischen. Bei dunklen Türen empfiehlt sich, dem Öl Rotwein beizufügen. Die Qualität des Weins spielt in diesem Fall ausnahmsweise nur eine untergeordnete Rolle. Dann hätten wir da noch die Reinigung der Silberlöffel. Das bedarf doch ein wenig der Vorbereitung, denn dazu sollte man zunächst eine Schüssel mit Alufolie auslegen und darin einige Löffel Salz in lauwarmem Wasser auflösen. Die Silberlöffel einlegen. Nach fünf Minuten sind sie blitzblank. Und wie reinigen Sie den schmutzigen Boden einer schmalen, hohen Glasvase? Ganz einfach, indem Sie Zahnreinigungstabletten im Gefäß auflösen. Fertig!

Ach ja, und wie man richtig und umweltschonend Schuhe putzt, das erfahren wir bei unserem nächsten Besuch. Versprochen.


Zur Person: ELISABETH LUST-SAUBERER ist niederösterreichische Seminarbäuerin und AMA-Lebensmittelberaterin, ORF-Haushaltsexpertin, Landwirtin, Köchin, Ehefrau und Mutter; Autorin des Kochbuches „So schmeckt das Weinviertel“.

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