Kitabı oxu: «3 zu viel für diesen Job»
Herwig Silber
3 zu viel für diesen Job

Herwig Silber
3 zu viel
für diesen Job
Roman

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
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ISBN 978-3-937717-48-7
© Dittrich Verlag GmbH, Berlin 2010
Umschlaggestaltung: Guido Klütsch
Fotos: Männerbeine: zazou, Frauenbeine:
Nenuphar, PHOTOCASE
www.dittrich-verlag.de
»Robert, ich muss dir eine unglaubliche Geschichte erzählen.« Er warf die Zeitschrift auf den Tisch, nahm die Sonnenbrille ab und legte den Kopf erwartungsvoll in den Nacken.
HERZBERGS GEWERBE
Fasziniert, kein bisschen besorgt, blickte Artur Herzberg auf den schwarzen Revolver in seiner rechten Hand. Mit leichtem Druck presste er die Waffe gegen seine Schläfe und beobachtete aufmerksam sein Mienenspiel im großen Wandspiegel des Flurs. Während der Zeigefinger sich unmerklich um den Abzug krümmte, verklärte sich sein Gesichtsausdruck. Es schien, als durchströmte ihn ein erlösendes Einvernehmen mit einer lang geplanten Entscheidung. Jäh verfinsterte sich der Blick und der markante Schädel mit den abstehenden Ohren mutierte zu einer einzigen, wild entschlossenen grimmigen Fratze. Genau so würde er es machen, genau so! Atemlos würden sie zuschauen, kein Wort würde sich auf ihre verängstigten Lippen verirren. Wie scheue, in einen Käfig gepferchte Kaninchen würden sie dem inszenierten Schauspiel ausgeliefert sein. Genießen würde er diesen Augenblick des Entsetzens, der Ohnmacht, des stummen Versagens seiner Geiseln. Und dann … Herzberg riss den Revolver herum, zielte in Sekundenbruchteilen auf eine weiße Porzellanvase, die der ohrenbetäubende Schuss in Einzelteile zerlegte.
Herzberg schob den aus der Mündung dampfenden Trommelrevolver vorsichtig zurück auf den Glastisch. Die werden sich ducken und sich ängstlich fragen, ob ich noch alle beieinanderhabe. Aber spätestens ab diesem Moment ist auch dem Dickfälligsten klar, wo die Musik spielt: ausschließlich bei mir. Wer aufmuckt, dem geht es an den Kragen. Also Vorsicht, Herrschaften, mit mir ist nicht zu spaßen, ich bin unberechenbar.
Herzberg sammelte die Scherben ein, die durch eine winzige, mittels akustischem Zünder ausgelöste Explosion von der Vase übrig geblieben waren. Mit derlei frivolem Nervenkitzel wusste er seine Kundschaft immer neu zu überraschen, in der Hoffnung, dass der Name Herzberg dauerhaft und werbewirksam in deren Gedächtnis haften bliebe.
Nachdem er die Scherben entsorgt hatte, widmete er sich wieder der To-do-Liste. Aufmerksam ging er die aufgeführten Positionen nochmals durch, Nichts durfte fehlen, alles musste ineinandergreifen, nur so war sichergestellt, dass die geplanten Aktionen wie am Schnürchen abliefen. Zufrieden legte er die randlose Brille beiseite, stand auf, dimmte das Licht und trat hinaus auf die Terrasse. Er schätzte das frische Waldklima, den Blick auf den Brocken und das beschauliche Leben in diesem Städtchen. Klein, stämmig, aber nicht fett, eher athletisch, näherte sich Personaldienstleister Herzberg seinem fünfzigsten Geburtstag. Den quadratischen Schädel mit den bemerkenswert großen, ein wenig abstehenden Ohren umkränzte ein leicht gewellter Haarsaum. Im Business pflegte er schwarze oder nachtblaue Maßanzüge zu tragen, von seinem Düsseldorfer Herrenschneider aus wertvollen Stoffen auf das sorgsamste gefertigt. Die Schuhe, weich und bequem, ließ er sich in Paris von Berluti anpassen. Fünf Paar, gut gefettet und glanzpoliert, standen stets griffbereit im Schuhschrank. Die Seidenkrawatten – keine unter zweihundert Euro –, gedeckte Farben, dezent gemustert, lagerten staubgeschützt in Folie verpackt. In weiteren Schubladen der geräumigen Kommode befanden sich die akkurat gebügelten, weißen, ausschließlich mit Manschettenknöpfen zu tragenden Hemden. So penibel wie er auf seine Kleidung achtete, so gewissenhaft war er auch im Job. Nur ausgeruht und voller Spannkraft präsentierte er sich seinen Klienten. Last-Minute-Aufträge – zum Vielfachen seines Tagessatzes – hatte er mehrfach abgelehnt, weil er sich nach einem anstrengenden Einsatz dafür nicht fit genug fühlte. Seine konsequenten Geschäftspraktiken hatten ihm nicht geschadet, im Gegenteil, er war für Monate im Voraus ausgebucht.
Aber es gab auch andere Zeiten, an die er sich nicht so gerne zurückerinnerte. Vor Jahren war er gezwungen, in einem beinharten Verdrängungswettbewerb gegen seine Konkurrenten anzukämpfen. In dieser Phase lief sein Organismus ständig auf Hochtouren. Wie von sich, so forderte er auch von seiner Frau, der Filmschauspielerin Laura Bernadotte, professionelle Höchstleistungen. Sie war zunächst sehr angetan von seinem ausgeprägten Interesse an ihrer Karriere. Doch als er sie immer häufiger und schließlich bei der geringsten Kleinigkeit kritisierte und dabei ständig ihr schauspielerisches Talent infrage stellte, kam es zu heftigen Auseinandersetzungen. Klatschjournalisten bekamen Wind von den Zerwürfnissen und schürten zusätzlich das Feuer. Der folgende Scheidungskrieg verursachte ein ziemliches Tamtam in der Boulevardpresse. Herzberg wurde öffentlich als Vampir diffamiert, dem es nur um das Geld und die Popularität der Diva gegangen sei. Sie behauptete, sie habe wegen all der Beleidigungen und Demütigungen nicht mehr arbeiten können, und forderte Schadenersatz in beträchtlicher Höhe. Dass es vorwiegend sein Geld war, das sie in Gourmet-Restaurants, Schmuckgeschäften, Edelboutiquen und auf Luxusreisen gemeinsam verjubelten, wurde in der Presse nicht erwähnt. Man hatte sich auf ihn, als den allein Schuldigen eingeschossen. Als das öffentliche Interesse nachzulassen und das Gerichtsverfahren auf einen, für sie ungünstigen Vergleich hinauszulaufen drohte, dichtete Laura ihrem Noch-Ehemann sexuelle Gewalt an, die er ihr im Suff zugefügt haben sollte. Als die wenigen verbliebenen Kunden davon hörten, kündigten auch sie die Geschäftsverbindung. Die Anwälte empfahlen, durch eine Gegendarstellung den letzten Rest an Reputation zu retten, aber die Rufschädigung war bereits nachhaltig eingetreten und auch der Freispruch aus Mangel an Beweisen brachte keine Kunden zurück. Noch heute fuhr Herzberg beim Gedanken an die Pressefotos, die ihn bleichgesichtig mit einem Karton Habseligkeiten auf der Freitreppe seiner zwangsgeräumten Münchener Villa zeigten, ein eiskalter Schauer über den Rücken.
Was nach dem Fiasko übrig blieb, bestand im Wesentlichen aus zwei goldenen Rolex-Uhren, ein wenig Bargeld und dem Angebot eines Freundes, ein ziemlich heruntergekommenes Häuschen am Rande des Harzes bis auf weiteres mietfrei bewohnen zu können. Später kaufte er es ihm ab, befreite das Interieur vom verstaubten Charme des Nutzlosen und ließ im hinteren Teil des Grundstücks einen gediegenen Anbau errichten. Aber zuvor durchmaß er ein tiefes Tal der Agonie, in dem er in fatalistischer Sturheit die Tage mit Chips und Bier vor einem angejahrten Röhrenfernseher verdämmerte, bis die Getränkevorräte und sein Selbstmitleid so weit aufgezehrt waren, dass die Entscheidung im Raum stand, sich entweder wieder aufzurappeln oder bis zum Ende aller Tage in der Rumpelkammer trauriger Erinnerungen zu verharren. Er entschied sich fürs Aufrappeln, versetzte eine der wertvollen Uhren, kaufte sich einen weit geschnittenen, die Kummerschlacke im Hüftbereich kaschierenden Anzug, dazu elegante Schuhe sowie ein dezent duftendes, den persönlichen Gesamteindruck vorteilhaft abrundendes Rasierwasser.
Es war an einem wohltemperierten Sommernachmittag in Hannover, an dem Herzberg im Café »georxx« in den ausliegenden Zeitungen nach geeigneten Stellenangeboten forschte. Eine ihm bis dato unbekannte Personalagentur warb mit sofortiger Festanstellung, Voraussetzung: mehrjährige Berufserfahrung und erfolgreiche Teilnahme an einem Eignungstest. Herzberg rief ein Taxi – von der verpfändeten Uhr war genug Geld für bescheidenen Luxus übrig – und ließ sich zu der angegebenen Adresse bringen. Das Viertel, in dem das Taxi hielt, zählte nicht zu den besten der Stadt. Inmitten von alten, restaurationsbedürftigen Wohn- und Geschäftshäusern wirkte dieses von Grund auf renovierte Bürogebäude, vor dem er stand, merkwürdig deplatziert. Neugierig trat er ein in das repräsentative, von rötlichem Dämmerlicht durchglühte Treppenhaus mit prächtigem Holzdekor an den Wänden. Sich auf seinen Auftritt konzentrierend, stieg er langsam hinauf in die erste Etage. »Personalagentur Valander« stand auf einem blank gewienerten Messingschild. Als er die Klingel betätigte, öffnete sich die Tür durch einen elektrischen Mechanismus. Eine Blondine im Rüschenrock, verziert mit Kettchen an den Armen, Fußgelenken und am Hals, starrte Herzberg über den Schreibtisch hinweg ungnädig an.
»Sind Sie angemeldet?«
»Nein, aber Sie waren so freundlich, mir zu öffnen.«
»So«, entgegnete sie. »Ich wollte eigentlich nur die Kollegin reinlassen.« Eine schlanke Frau schlängelte sich hinter Herzberg in den Empfangsbereich.
»Wir haben bereits geschlossen«, sagte die Kollegin schnippisch und rauschte erhobenen Hauptes an ihm vorbei, in eines der angrenzenden Büros.
»Ich hatte heute geschäftlich in Hannover zu tun.« Herzberg ließ sich nicht beirren, sein Bariton vibrierte sanft, während er sich liebenswürdig lächelnd auf das Empfangsfräulein konzentrierte. »Vorhin, beim Durchblättern der Zeitung, fiel mir Ihre Annonce in die Augen.« Er wedelte mit seiner Visitenkarte. »Und da ich über langjährige Erfahrungen in der Personalberatung verfüge, habe ich mich spontan entschlossen, mal bei Ihnen vorbeizuschauen.« Er blinzelte munter mit den Augendeckeln. Das blonde Gift schien zu zögern.
»Wir sind heute eigentlich schon ausgebucht. Außerdem ist gleich Feierabend.« Herzberg holte Luft, wollte gerade eine Kostprobe seiner bewährten Überredungskünste geben, als sich links von ihm eine gepolsterte Tür öffnete. Ein junger Mann mit hochrotem Kopf kam heraus, von einem älteren Herrn jovial hinauskomplimentiert.
»Herzlichen Dank, Sie haben sich redlich bemüht. Aber leider«, der Ältere zog bekümmert die Stirn in Falten, »es hat nicht gereicht. Ich sage Ihnen das ganz offen. Warum sollten Sie sich falsche Hoffnungen machen?« Der Kandidat war dabei, seinen Mantel von der Garderobe zu nehmen, als der Ältere Herzberg bemerkte.
»Wir haben geschlossen, kommen Sie morgen wieder«, befand er schroff.
»Guten Abend, Herr Valander.« Herzberg ging aufs Ganze. »Ich bin freier Unternehmensberater, Persönlichkeitstests sind meine Spezialität und da ich ganz zufällig heute in der Stadt bin«, er strahlte mit dem gewinnendsten Lächeln, das ihm zu Gebote stand, »würde ich mich Ihnen gerne vorstellen.«
»Kennen wir uns?«, wunderte sich der Ältere.
»Der spannende Artikel in der Fachzeitschrift, dazu Ihr Bild, ich habe Sie sofort wiedererkannt.« Glück gehabt, dachte Herzberg, dieser Schuss ins Blaue saß. Valander war bemüht, sich nicht anmerken zu lassen, dass er sich geschmeichelt fühlte. Nur die Hemdknöpfe spannten jetzt noch ein wenig stärker über seiner Brust.
»Also gut, wenn Sie schon mal da sind, dann zeigen Sie, was Sie auf dem Kasten haben. Aber ich muss Sie vorwarnen«, Valanders Miene überzog ein Hauch von Strenge, »die Prüfung ist nicht leicht. Deshalb seien Sie nicht enttäuscht, wenn Sie den Test vergeigen, Herr …?«
»Herzberg! Weshalb sollte ich enttäuscht sein, Herr Valander? Im Gegenteil, ich bin stets beeindruckt von ausgeklügelten Testmethoden, von solchen, die den Kandidaten fordern, anstatt ihn zu langweilen.«
»Ach ja, tatsächlich? So was hört man selten. Alle, die bis jetzt dran waren, schienen mir davon überhaupt nicht begeistert, eher nervlich strapaziert. Aber meine Kundschaft erwartet Berater, die über eine tipp-topp Performance verfügen, verstehen Sie? Darauf richte ich mein ganzes Augenmerk, bevor ich mich für jemanden entscheide.« Er rieb die Fingerspitzen leicht aneinander. »Ehe wir uns hier im Vorzimmer weiter verplaudern, können wir auch gleich zur Tat schreiten, das heißt, wenn Sie das möchten.« Valanders Augen huschten prüfend vom breiten Scheitel bis zu Herzbergs blank gewienerten Schuhen.
»Ich wüsste nicht, was mich davon abhalten sollte«, erklärte Herzberg forsch. Valander griente hintergründig.
»Also gut, dann zeigen Sie mal, was in Ihnen steckt.« Der Alte schob den Kandidaten in sein, mit schweren englischen Möbeln ausgestattetes Büro. Ein schäbiger Beistelltisch voller Akten und ein altersschwacher Drehstuhl im hinteren Eck wirkten seltsam fremd inmitten des noblen Interieurs.
»Kommen wir zum Rollenspiel.« Valander ließ sich in den gewaltigen Ledersessel hinter dem klotzigen Schreibtisch fallen, schob die Beine auf die Schreibunterlage und faltete gemütlich die Hände vor der Brust. »Sie heißen Waldemar Mops.« Valander musste bezüglich seiner Namenskreation ein wenig grinsen. »Sie sind ab sofort mein Assistent, den ersten Tag im Einsatz und gleich für alles verantwortlich.« Er beobachtete Herzberg, der gespannt zuhörte. »Eingestellt hat Sie meine Frau, gegen meinen Willen. Aber was soll ich machen, sie ist die Inhaberin und ich nur der leitende Angestellte.« Im Raum war es unerträglich heiß, obwohl die Fenster weit offen standen und kühle Abendluft hereinwehte. »Noch irgendwelche Fragen?« Valander schubberte mit dem Hinterteil auf dem Drehsessel herum. Herzberg blickte sich im Zimmer um.
»Wo ist mein Arbeitsplatz?«
»Da hinten.« Valander deutete mit herablassender Geste auf einen schäbigen Beistelltisch, auf dem bereits unablässig das Telefon schnarrte.
»Was ist los, Herr Mops«, Valanders Stimme schrillte wie eine hochtourige Kreissäge, »sind Sie taub? Telefon!«
»Wie heißt die Firma, auch Valander?« Herzberg war in die Ecke gesaust und hielt bereits den Hörer in der Hand.
»Wie kommen Sie auf Valander, Mops? Fiedel heißen wir ab jetzt. Also, ran an den Speck, Kundschaft.« Winzige Lachfältchen in Valanders Gesicht verrieten sein diebisches Vergnügen an dem Spiel. Herzberg meldete sich artig.
»Agentur Fiedel, guten Abend, was kann ich für Sie tun?« Am Ende der Leitung schnaufte ein Rhinozeros.
»Was Sie für mich tun können, Sie Armleuchter? Mir endlich den Bericht schicken, auf dem Sie sich seit einem Monat Ihren pickligen Arsch breitsitzen … Mit wem, zum Teufel, spreche ich eigentlich?«
»Mops, ich bin der neue Assistent von Herrn Fiedel.«
»Mops – Fiedel? Wollen Sie mich verarschen?«, schnappte das Tier an Herzbergs Ohr gurgelnd nach Luft. »Aber die gute Laune wird Ihnen noch vergehen. Geben Sie mir Ihren Chef, Mops oder wie immer Sie heißen.« Herzberg deutete stumm auf den Hörer. Valander wehrte heftig ab, schloss in Windeseile sämtliche Fenster und eilte aus dem Büro. Herzberg widmete sich wieder dem Teilnehmer.
»Ich werde mich sofort um alles kümmern. Wenn Sie mir bitte das Thema des Berichts, Ihren Namen und Ihre Telefonnummer nennen würden.«
»Ach so, Sie wollen mich abwimmeln, verstehe. Aber, so haben wir nicht gewettet. Sie sagen mir jetzt auf der Stelle, was mit dem Bericht los ist, klar.«
»Herr Mops«, krächzte eine weibliche Stimme aus der Gegensprechanlage. »Der Chef muss dringend zum nächsten Termin. Er braucht die Akte Schweikart. Ist die schon abschließend bearbeitet?«
»Moment, ich habe hier einen Kunden …«
»Der Chef braucht den Vorgang jetzt!«
»Sofort, ich schau gleich nach.«
»›Ich schau gleich nach, ich schau gleich nach‹, was ist das nur für eine Trantüte«, grummelte es aus dem Telefon. »Haben Sie überhaupt kapiert, wovon ich rede, Meister? Das ist doch nicht zu fassen!«
»Ich verstehe Ihre Ungeduld, aber es dauert noch einen klitzekleinen Moment.« Herzberg begann, den Hörer zwischen Ohr und Schulter geklemmt, fieberhaft erst seinen, dann Valanders Schreibtisch abzusuchen. In einem mit Schriftstücken vollgestopften Pultordner wurde er fündig. Herzberg schnappte sich die Akte »Schweikart«, stürzte mit dem Telefon am langen Kabel aus dem Raum und drückte sie dem nervös auf und ab laufenden Valander in die Hand.
»Seien Sie versichert, mein Herr«, flötete Herzberg in die knisternde Leitung, »wir alle tun unser Möglichstes. Aber ich muss zumindest einen Anhaltspunkt haben, wonach ich suchen soll.« Aus dem Hörer gurgelten Laute, die wie »Qualm« klangen. »Aha, Sie sprechen vom Ergebnis der Raucherkampagne?«, bemerkte Herzberg arglos.
»Ich habe Qualm gesagt«, schepperte es ihm entgegen. »Qualm! Los Mops, such!« Ein mühsam unterdrücktes vielstimmiges Kichern waberte aus dem Hörer. Offensichtlich erfreute sich die gesamte Agentur an Valanders Foltermethoden. Saubande, stöhnte Herzberg unhörbar. »QUALM«, das konnte ein Tarnname, eine Abkürzung oder sonst was sein. Bloß was? Die Luft im Büro schien zu kochen. Herzberg rüttelte an einem der Fenstergriffe, aber Valander hatte die Sicherungsschlüssel abgezogen.
»Was ist los, hat’s Ihnen da drüben die Stimme verschlagen?«
»Moment, ich …« Das Getöse einer Höllenmaschine ließ Herzberg zusammenfahren. Er blickte hinter sich, sah wie ein museales Staubsaugerungetüm hingebungsvoll über den dunkelbraunen Teppichboden geschoben wurde. Herzberg riss das Stromkabel aus der Steckdose, der Lärm fiel in sich zusammen.
»Ich hier saubermachen, sagt Chef. Dann, wenn er nicht da.« Die kompakte türkische Putzfrau näherte sich kampfbereit.
»Besser, Sie machen jetzt mal eine Pause«, erklärte Herzberg mit sanfter Stimme.
»Nix Pause, muss arbeiten.« Sie umklammerte das Saugrohr, als wollte sie damit auf ihn einprügeln.
»Mops, sind Sie eigentlich noch da?« Das Rhinozeros schnaubte hinterhältig.
»Ja, bin gleich wieder bei Ihnen, muss hier nur ein kleines Problem lösen.« Herzberg fingerte einen Fünfeuroschein aus der Tasche. »Trinken Sie in Ruhe einen Tee, bis ich Sie wieder rufe«, flüsterte er ihr eindringlich zu.
»Wenn Sie jetzt auflegen, Mops, dann bekommt ihr eine Konventionalstrafe übergebraten, von der sich euer Laden nicht mehr erholt.« Wie auf Kommando stampfte Valander durch die Tür, schmiss die Akte »Schweikart« auf den schwankenden Beistelltisch und baute sich gebieterisch vor Herzberg auf.
»Der Termin ist geplatzt«, giftete er los. »Alles Ihre Schuld, Mops. Wenn dieser wichtige Kunde abspringt, sind Sie schneller gefeuert, als meine Frau Sie eingestellt hat.«
»Na, Herr Mops …«, tröpfelte es scheinheilig aus dem Hörer, »schon wieder Scheiße gebaut? Fiedel ist sauer, stimmt’s?« Es folgte ein kaum wahrnehmbares Rauschen. »Und ich auch, Mops!«, explodierte die Stimme unvermittelt im Hörer.
»Beruhigen Sie sich, bitte …« Herzbergs Hemd klebte am Körper. Diese Hitze, woher kam nur diese unerträgliche Hitze? »Sie wollen den Sachstand zum Projekt ›Qualitäts-Management‹ wissen, richtig?« Eine spontane Eingebung lenkte seinen Blick auf das Deckblatt einer der Unterlagen auf Valanders Schreibtisch. Nun klärte sich für ihn, was das Rhinozeros unter der Abkürzung »QUALM« verstand.
»Der Bericht liegt vor, es fehlt nur noch die Freigabe des Chefs. Ich werde Herrn Fiedel umgehend darauf ansprechen. Sie bekommen sofort Bescheid, sobald … Hallo?« Das Rhinozeros hatte wortlos eingehängt.
»Sie schwindeln Mops, Sie haben gar keinen Bericht. Sie wollten nur diesen lästigen Kunden abwimmeln, stimmt’s?« Valanders Augen blitzten tückisch.
»Sie irren sich …«
»Ach ja, dann zeigen Sie mir doch mal den Bericht.«
»In Ihrer aufgeschlagenen Unterschriftenmappe liegt er.« Valander stutzte, dann entspannte sich sein Gesicht.
»Donnerwetter, so weit hat es vor Ihnen noch niemand gebracht.« Valander riss alle Fenster wieder auf, dann stellte er die Ventile der kochenden Heizkörper ab. »Wann können Sie anfangen?« Herzbergs Antwort kam wie aus der Pistole geschossen.
»Wenn wir heute den Vertrag machen, sage ich bei der Konkurrenz ab und stehe Ihnen ab sofort zur Verfügung.«
Valander war einverstanden, dieses Talent wollte er unbedingt für sich gewinnen.
Herzberg erinnerte sich, wie er rundum zufrieden in sein schäbiges Häuschen zurückgekehrt war. Statt Bier gönnte er sich ein Siegerfläschchen Prosecco. Und Valander? Der war ebenfalls bester Laune. Erst einige Zeit später erfuhr er, ganz beiläufig im Kundengespräch, wen er sich da eingekauft hatte. Doch Vertrag war Vertrag, außerdem, so beruhigte sich Valander, warum sollte man es nicht mit diesem Herzberg versuchen, ihm eine faire Chance geben? Sollte dennoch etwas schieflaufen, als Angestelltem auf Probe konnte man dem Neuen problemlos kündigen. Aber nichts lief schief, im Gegenteil, Valanders Auftraggeber waren voll des Lobes über diesen umsichtig handelnden und im entscheidenden Moment knallhart ergebnisorientiert zupackenden Berater. Dessen Fähigkeiten sprachen sich in der Branche schnell herum. Besonders in kniffligen Personalangelegenheiten vertrauten Chefs der überwiegend mittelständisch geprägten Kundschaft auf Herzbergs persönlichen Rat. Valanders Agentur nahm spürbar Aufschwung und bald bezog die Firma neue, verkehrsgünstig gelegene Räume im Zentrum von Hannover.
Eines Tages meldete sich die Personaldirektorin eines pharmazeutischen Unternehmens direkt bei Herzberg, fragte an, ob er – nebenberuflich – einen delikaten Auftrag übernehmen könne. Zwar musste er, mit Hinweis auf bestehende arbeitsvertragliche Regelungen, ablehnen, zugleich bestätigte sich seine Hoffnung, dass die alten Geschichten vergessen waren. Nun konnte er einen Neustart als selbständiger Personaldienstleister wagen.
Als Valander erfuhr, dass Herzberg kündigen wollte, bekniete er ihn zu bleiben, bot, neben besserer Bezahlung, eine Beteiligung am Unternehmen an. Herzberg bedankte sich für das großzügige Angebot, aber sein Entschluss, wieder in die Selbständigkeit zu gehen, stand fest.
Zum Abschied floss viel Alkohol und auch die eine oder andere heimlich geweinte Träne. Als sich weit nach Mitternacht die Belegschaft sektselig in den Armen lag, verließ er die Räume der Agentur in der festen Überzeugung, den richtigen Schritt für seine weitere berufliche Zukunft getan zu haben.
Während Herzberg versonnen auf die Nebelbänke im fahlen Dämmerlicht starrte, verblassten die turbulenten Erinnerungen langsam in seinem Kopf. Er wandte sich ab, ging zurück ins Wohnzimmer und schloss mechanisch die Terrassentür. Ob er Valanders Test heute noch bestehen würde? Er war froh, den Beweis nicht antreten zu müssen. In jedem Fall hatte er manch Nützliches von seinem ehemaligen Brötchengeber gelernt. Zum Beispiel wie man Schwächen aufdeckt, Schwächen, die angehende Stelleninhaber hinter schönfärberischen Arbeitszeugnissen, sprühendem Fachwissen oder exzellenten Umgangsformen zu verbergen suchen. Er hatte Valanders Test zu einem umfassenden Prüfungsszenario fortentwickelt, und ein Verfahren kreiert, das den Probanden ein Höchstmaß an Geschick, Nervenstärke und Durchhaltevermögen abverlangte. Aufgrund dieser speziellen Methodik war er nunmehr mit fast hundertprozentiger Sicherheit in der Lage, am Ende eines entsprechenden Bewerbungsmarathons den richtigen Mann beziehungsweise die geeignete Frau für den jeweils ausgeschriebenen Job zu präsentieren. Nicht zuletzt wegen dieser Erfolgssicherheit war sein Tagessatz in eine Höhe geklettert, den nur noch kapitalkräftige Unternehmen bereit waren zu zahlen.
Entschlossen nahm er den Pilotenkoffer und stellte ihn in den Flur, zu den anderen Reiseutensilien. Er wollte früh loszufahren, um gegen Mittag im gebuchten Hotel in Berlin einzutreffen. Lauenroth, sein Assistent, besaß genaueste Anweisung, wie er die Seminarräume auszustatten hatte. Vor Ort würde man gemeinsam alles noch einmal überprüfen und letzte Details besprechen. Herzberg widerstand der Versuchung, zum Hörer zu greifen, um sich nach dem Stand der Vorbereitungen zu erkundigen. Lauenroth sollte sich an eigenverantwortliches Handeln gewöhnen. Wie es wohl wäre, dachte Herzberg, wenn er diesen Lauenroth nicht im Rahmen einer Dozententätigkeit an der Fachhochschule Braunschweig/Wolfenbüttel kennengelernt und später als Mitarbeiter eingestellt hätte? Er erinnerte sich noch ziemlich genau an die Abschlussarbeit mit dem Thema: »Aggressive Methoden der Personalauswahl«. Äußerst bemerkenswert, was dieser Lauenroth mittels akribischer Recherche damals alles zutage gefördert hatte: brutale Inquisitions-Interviews bei großen Softwarefirmen, hinterhältige Fallenstellerfragen in der Pharmaindustrie sowie subtile Psychotests im Bankgewerbe. Was der Bursche in kompakter Form damals ablieferte, war keine der üblichen Fleißarbeiten, sondern eine umfassende, methodisch saubere Recherche, die dem Kandidaten ein »Sehr gut« eingebracht hatte. Und dann bewarb sich der frischgebackene Bachelor als Assistent und entpuppte sich vom Start weg als unermüdliches Arbeitstier, überzeugte durch Fantasie, Einfühlungsvermögen, technischen Sachverstand und moderate Gehaltsforderungen.
»Wie gut, dass ich diesen kleinen Wuselknecht habe«, dachte Herzberg, wie zufällig im Schlafzimmer angelangt, wo er noch einen routinemäßigen Blick auf die Zusammenstellung der Garderobe warf. Neben zwei dunklen Anzügen und dazu passenden Seidenkrawatten hatte er ein leichtes Sommerjackett ausgewählt. Entschlossen zog er den Reißverschluss des Kleidersacks zu, löschte das Licht und begab sich in den Salon. Wohlig streckte er sich auf sein Lieblingssofa, kam noch mal hoch, um sich einen alten französischen Cognac einzugießen. Im Liegen startete er mit der Fernbedienung den Player, worauf zwei Sekunden später Count Basie beherzt in die Tasten griff. Im Anschluss vielleicht noch eine Prise Moody Blues oder eher etwas Klassisches, vielleicht ein Stück von diesem exzentrischen Berlioz? – Man würde sehen, in welche Richtung dieser wundervolle Cognac den Musikgeschmack lenken würde. Der Abend war lang und das Auswahlverfahren – wie immer – sorgfältig vorbereitet.
DER ENGERE KREIS
Herzberg hatte sich gleich zu Beginn seiner wiedergewonnenen Selbständigkeit bei einer Bürogemeinschaft in Goslar eingemietet. Es gab keine festen Bürozeiten, nur wenn Projekte vorzubereiten, Bewerbungen zu sichten und sonstiger dringender Papierkram zu erledigen war, traf er sich mit seinem Assistenten in dem zweckmäßig eingerichteten Arbeitsraum. Die ständige Erreichbarkeit der Agentur wurde durch ein zentrales Sekretariat gewährleistet. Auf diesem Wege erfuhr Herzberg, dass ihn ein Herr Samuel Fischer von der CarNet-Development dringend sprechen wollte. Herzberg kannte den Personalleiter und wusste, dass die CarNetDev mit seinen bisherigen Stellenbesetzungsvorschlägen stets zufrieden gewesen war. Fischer wollte über einen neuen Auftrag verhandeln und vereinbarte zu diesem Zweck einen Termin im Stammhaus der Firma.
»Kommen Sie, nehmen Sie Platz.« Fischer, ein rundlicher, agiler Mittfünfziger, sprang aus seinem ledergepolsterten Drehsessel, eilte Herzberg entgegen und geleitete seinen Gast in die elegant möblierte Besucherecke seines großen Büros: »Kaffee, Cognac?«, fragte er mit unüberhörbar norddeutschem Einschlag.
»Gern.«
Fischer gab seiner Mitarbeiterin, die wie auf ein geheimes Kommando erschienen war, einen knappen Wink. Man mochte sie nicht als sonderlich hübsch bezeichnen, aber was sie tat – nein, wie sie es tat, musste bei jedem, der ihren Handgriffen folgte, unweigerlich Wohlgefallen hervorrufen. Mit minimalistischer Eleganz deckte sie den Couchtisch und gab Cognac in die bauchigen Gläser. Nicht zu viel, nicht zu wenig.
»Greifen Sie zu«, knusperte Fischer, der bereits das zweite Krokanttäfelchen in den Mund geschoben hatte. Die Mitarbeiterin glitt mit palmenschlanker Biegsamkeit aus dem Raum, zog geräuschlos die Tür zu und hinterließ einen Duft, als hätte sie in einem üppig blühenden Seerosenteich gebadet. Herzberg konnte gar nicht anders, als ihr hinterherzustarren.
»Mein Job ist eine Katastrophe«, schmatzte Fischer. Der einzige Lichtblick besteht darin, dass ich Zugriff auf sämtliche Personaldaten habe und mir so die fähigsten Leute für meine Abteilung herauspicken kann.« Fischer zupfte ein weiteres Schokoladentäfelchen aus der Umhüllung. »Wir haben Ihr Buch mit großem Interesse gelesen«, fuhr er übergangslos fort. Herzberg hatte es längst entdeckt, es lag unübersehbar auf dem Couchtisch. »Haben Sie alles, was Sie darin beschreiben, schon mal ausprobiert?« Fischer deutete auf den Einband, der einen matt schimmernden Revolverlauf zeigte, den eine sehnige Hand gegen einen kahl rasierten Schädel presste. Herzberg haderte noch immer mit dem Umschlagmotiv, wenngleich er sich den Marketingargumenten des Verlags kurz vor Drucklegung zähneknirschend gebeugt hatte.
»Nein, nicht alles, manches muss ich noch einem Praxistest unterziehen.« Herzberg machte Anstalten, nach dem Buch zu greifen, hielt sich dann aber doch zurück. »Einige der Episoden sind ziemlich aufwändig, zugegeben. Und wegen der anfallenden Kosten entscheiden sich viele Kunden dann doch für ein konventionelles Assessment-Center. Obwohl ich mir den Mund fusselig rede und erkläre, dass man von einem Standardverfahren auch nur ein Standardergebnis erwarten kann.« Herzberg schloss theatralisch die Augen. »Qualität hat eben ihren Preis, und wer an der falschen Stelle spart, der darf sich nicht beschweren, dass auch mal eine Niete in seiner Firma landet.« Fischer betrachtete ihn amüsiert, nahm das Buch vom Tisch und blätterte darin.
»Millionen Arbeitslose suchen einen Job, gleichzeitig stöhnen die Firmen, dass sie keine Leute kriegen, Wahnsinn.« Er legte das Buch zurück und erhob das Glas. Herzberg nippte und verzog anerkennend das Gesicht. Fischer strich mit dem Handrücken über sein Kinn. »Wissen Sie, wer schuld ist an diesem offensichtlichen Missverhältnis zwischen überzogener Erwartungshaltung und realem Angebot? Es sind die Frauen.«
»Ach ja?« Herzberg schmunzelte, Fischer war bei seinem Lieblingsthema.
»Männer sind anspruchslos, achten bei der Partnerwahl nur auf die schnuckelige Verpackung, Frauen wollen mehr. Die wollen den großen, starken, durchsetzungsfähigen Alphamann, den Strategen, Problembeseitiger, Nestbauer und Beschützer. Zugleich den treuen, zärtlichen, verantwortungsvollen Windelwechsler und Sämtliche-Wünsche-von-den-Augen-Ableser. Und wenn das alles stimmt, dann muss er, bitteschön, mit Gardemaß und Waschbrettbauch ausgestattet sein. Ja, Sie freuen sich, Herr Herzberg, dieses gigantische Anspruchsniveau haben sich die Betriebe von den Frauen abgeguckt. Und nun fragen sich die Bosse, warum sie sich mit Halbheiten zufriedengeben sollen, wenn es irgendwo im Universum einen potentiellen Mitarbeiter gibt, der höchsten Ansprüchen genügt. Und weil jeder pieselige Unternehmer so einen haben will, sind sämtliche Personalfritzen auf der Suche nach dem erfahrenen, intelligenten, durchsetzungsfähigen, kreativen, nimmermüden, jungen Mitarbeiter, der wenig kostet, sich dennoch heldenhaft für die Belange der Firma aufopfert.« Fischer ließ die bernsteinfarbene Flüssigkeit im Glas rotieren, nahm einen kräftigen Schluck, blickte Herzberg mit tränendem Auge an und krächzte. »Und weshalb sollten gerade wir mit unseren Anforderungen da zurückstehen? Wir zählen in unserem Segment zur Spitze und wollen es bleiben.« Fischer strich sich die Augenbrauen glatt. »Ich teile im Übrigen Ihre Meinung, dass man die Fähigkeiten von Top-Leuten nicht mittels Standardverfahren beurteilen kann. Die gebräuchlichen Methoden Ihrer Kollegen Personaler sind viel zu grobmaschig, da flutscht mir viel zu viel Beifang durch. Und wenn man so eine Niete erst mal an Deck gehievt hat, kriegt man diesen stinkenden Fisch kaum mehr von Bord.« Fischer fletschte die Zähne. »Also, Herr Herzberg, Sie wissen, wir sind bereit, gutes Geld auszugeben, wenn Sie es schaffen, aus dem trüben Meer der Mittelmäßigkeit die Perle herauszuangeln, die wir haben wollen. Ob Mann oder Frau, egal. Gut ausgebildet, Führungserfahrung, Auslandsaufenthalt, stressresistent und natürlich im besten Lebensalter, so was suchen wir.« Fischers buschige Brauen wackelten im Gleichtakt. »Im Gegenzug bieten wir ein Spitzengehalt, Prämienzahlungen, Firmenwagen der Oberklasse, ein schickes Büro und …«, Fischer senkte die Stimme, »bei entsprechender Eignung ist mittelfristig der Aufstieg in die Geschäftsleitung drin. Sie sehen, in diesem Job steckt mächtig Musik. Und wir sind nicht irgendwer, wie Sie wissen, sondern mit unseren Produkten das führende Unternehmen in der Branche.« Fischer beugte sich über den Tisch. »Fühlen Sie dem Bewerberkreis gründlichst auf den Zahn. Wählen Sie aus Ihrem Folterrepertoire die Methode, die Ihnen am geeignetsten erscheint. Maximaler Erfolg bei freier Mittelwahl, so lautet die Vorgabe, von ganz oben.«
»Sie sprechen von Frau Karrt?« Fischer nickte und deutete mit verschwörerischer Geste hoch zur Zimmerdecke. Herzberg presste sein Rückgrat wohlig in das Lederpolster. Das Plazet der einflussreichen Dame würde ihm Gelegenheit verschaffen, endlich die Dinge auszuprobieren, die bisher an zu schmalen Budgets und/oder am fehlenden Wagemut seiner Auftraggeber gescheitert waren. Und da hatte er so einiges an kreativen Konzepten in der Pipeline.
Während Fischer sich über den – aus seiner Sicht – idealen Stellenbewerber verbreitete, begann Herzberg im Geist bereits den Text für die Stellenausschreibung zu skizzieren:
»Multinational operierendes mittelständisches Unternehmen der Automobilzulieferindustrie, das sich auf innovative und hochwertige Fahrzeugkomponenten spezialisiert hat, sucht zum nächstmöglichen Zeitpunkt engagierte Führungskraft (m/w) für die Leitung des Ressorts:
Unternehmensplanung/strategisches Controlling. Erwartet wird, neben den entsprechenden fachlichen Voraussetzungen, ein hohes Maß an interkultureller Kompetenz (Auslandstätigkeit), gepaart mit überdurchschnittlichen analytischen und kommunikativen Fähigkeiten. Sollten Sie sich von dieser außergewöhnlichen, darüber hinaus ausbaufähigen Aufgabe angesprochen fühlen und idealerweise Mitte dreißig bis Anfang vierzig sein, so senden Sie bitte Ihre ausführlichen Bewerbungsunterlagen mit Gehaltsvorstellungen an:
Personalberatungsagentur Herzberg in 38640 Goslar, Postfach.«
Kurz nachdem das Stellenangebot in den wichtigsten überregionalen Zeitungen erschienen war, stapelten sich prall gefüllte Kuverts im Posteingangskorb der Agentur. Herzberg und Lauenroth machten sich an die Arbeit. Mit Systematik und professionellem Gespür wurden aus der Flut der Bewerbungen zunächst diejenigen herausgefiltert, die das Anforderungsprofil hinreichend erfüllten. Hieraus formten sich zwei kleine Häufchen: »Gut geeignet« und »Akzeptabel«, sowie ein voluminöser Papierberg, dem das Attribut: »Ungeeignet« anhaftete. Mit den Unterlagen der »gut geeigneten Kandidaten«, traf sich Herzberg erneut mit Fischer. Nach einigem Hin und Her verständigte man sich auf die beiden männlichen Bewerber, Dr. Michael Marr und Robert von Kampen, sowie auf Rita Sessinger, deren Teilnahme am Bewerbungsverfahren Personalchef Fischer ausdrücklich wünschte. Bereits am nächsten Tag wurden die drei informiert, dass sie die erste Hürde erfolgreich genommen hatten:
Rita Sessinger hatte überhaupt nicht mehr damit gerechnet und deshalb versetzte sie die Nachricht aus der Heimat in höchste Euphorie. Sie hatte nach dem juristischen Staatsexamen – ein Fach, das sie auf Wunsch ihrer Adoptiveltern nur zähneknirschend absolvierte – in einem Aufbaustudium noch den ›Master of Business Administration‹ erlangt. Gute Noten und eine lebensbejahende Ausstrahlung verhalfen ihr zu einem fulminanten Karrierestart bei einer angesehenen Consultingfirma. Zügig stieg sie zur Projektleiterin auf, doch falscher Ehrgeiz, Fehler bei der Projektabwicklung und in der Folge Ärger mit ihrem Vorgesetzten, stürzten sie in eine Krise. Nach Therapie und Kur rappelte sie sich wieder auf, aber an die Leitung eines eigenen Projekts war nun nicht mehr zu denken. So begann sie, sich erneut zu bewerben, auf attraktive Positionen, auch außerhalb Europas. Alsbald erhielt sie ein Beschäftigungsangebot aus Kanada, von einem mittelständischen Holzverarbeitungsunternehmen. Sie zog nach Ottawa, krempelte die Ärmel hoch und es gelang ihr wieder, eine Leitungsposition zu erringen. Der Job war spannend, die Kollegen nett und das Gehalt stimmte, aber die endlosen einsamen Wochenenden gerieten für sie zur Qual. Es gab einige ernst zu nehmende Avancen, aber mit den naturverbundenen und hemdsärmeligen Kandidaten wusste sie nur wenig anzufangen. Im Pick-up durch unwegsame Landschaften zu holpern, um irgendwo in der kanadischen Wildnis ein Zelt aufzuschlagen, traf so gar nicht ihre Vorstellung von kultiviertem Freizeitvergnügen. Zu allem Überfluss schien die Damenwelt in ihrer Umgebung die eher schöngeistig orientierten Männer bereits vollzählig unter ihre Fittiche genommen zu haben. Und da keine Veränderung zum Besseren in Sicht war, breitete sich in ihr das schleichende Gift der Melancholie aus. Mehr und mehr begann sie, sich nach Europa zurückzusehnen, vor allem nach den großen Städten in Deutschland, nach München, Berlin, Hamburg und nach Nürnberg, ihrer Heimatstadt. Vom Heimweh geplagt, offenbarte sie sich ihren Eltern. Ihr Vater setzte daraufhin alle Hebel in Bewegung, sprach Mandanten seiner Rechtsanwaltskanzlei an, schaltete Stellengesuche und versorgte seine Tochter mit sämtlichen Angeboten, die ihm passend erschienen. Nach ersten Absagen bot Rita Sessinger an, Flug und Unterkunft aus eigener Tasche zu zahlen. Aber auch das half nicht, niemand schien sich ernsthaft für sie und ihren beruflichen Werdegang zu interessieren. Frustriert, aber auch geläutert gab sie schließlich auf und fasste den Vorsatz, sich mit der bestehenden Situation zu arrangieren.
Eines Tages lag ein Kuvert ohne Absender in ihrem Briefkasten. Darin befand sich eine zusammengefaltete Zeitungsseite mit aktuellen Stellenangeboten aus Deutschland. Die Annonce der Agentur Herzberg war rot umrandet, irgendeinen Hinweis, eine Erklärung oder einen Kommentar gab es nicht. Sie rief ihren Vater an, aber der hatte ihr nichts geschickt. Möglich, dass sie im privaten Kreis mit dem einen oder anderen über ihre Absichten gesprochen hatte, aber warum gab sich der Adressant nicht zu erkennen? Dem offensichtlichen Wink des Schicksals folgend, bewarb sie sich. Drei Wochen später erhielt sie die Aufforderung, an einem Auswahlverfahren teilzunehmen. Ihre Mitarbeiter erlebten in der Folge eine völlig verwandelte Teamchefin. Sie war wie umgewandelt, ausgelassen, lustig, voller Esprit. Als sie wenig später verkündete, dringend für ein paar Tage nach Deutschland zu reisen, stand für alle fest, dass nur ein Mann hinter diesem geheimnisvollen Aufbruch stecken konnte. Über eine baldige Hochzeit mit einem wohlhabenden Europäer wurde spekuliert; allein Rita Sessinger wusste es besser. Auf dem Flug nach Frankfurt gelobte sie, so sie den Job bekäme, eine bombastische Abschiedsfeier auszurichten, von der ihre Mitarbeiter noch Jahre später schwärmen würden.
Dr. Michael Marr gelang es nur mit Mühe, seine Anspannung zu unterdrücken. Er saß vor dem Fernseher, konnte sich aber nicht auf die polternden Politprofis in der Talkrunde konzentrieren. Seine Gedanken kreisten um den Inhalt des Schreibens, das er morgens in seiner Post vorgefunden hatte. Normalerweise brachte den achtunddreißigjährigen Diplomkaufmann nichts so schnell aus der Ruhe, doch seit einiger Zeit lastete ein ungewohnter Druck auf ihm. Und so war es nicht verwunderlich, dass Herzbergs Einladung zum »Auswahlwettbewerb« Marrs Fantasie beflügelte.
Schon vor der beruflichen Krise hatte er hin und wieder über einen Wechsel nachgedacht. Seine Tätigkeit als Marketingleiter bei der Firma Sanitech bot Sicherheit und ein gutes Einkommen, andererseits hatte er keine Lust, sich ewig für Mullbinden, Bruchbänder und Heftpflaster ins Zeug zu legen. Irgendwann wollte er wieder Neues wagen. Vielleicht bei einem international tätigen Unternehmen einsteigen wie damals in Kalkutta, als er für Bosch im Controlling arbeitete. Was er nicht ahnte, war, dass aus diesem »Irgendwann« schon sehr schnell eine konkrete berufliche Option werden würde, und das kam so: Professor Weidenfels, Marrs Chef, verschaffte ihm Gelegenheit, an einer Tagung der »Stiftung für transatlantische Begegnungen« teilzunehmen. Die Seminarthemen im Programmheft klangen anspruchsvoll, entpuppten sich jedoch in den Vorträgen und Diskussionsrunden als klägliche Luftnummern. Mit Inbrunst wurden Modebegriffe wie Innovation, Ressourcen und Globalisierung mit dem Zusatz »Management« zu aberwitzigen Worthülsen verquirlt. Natürlich wusste auch Marr, dass derartige Veranstaltungen weniger dem Erkenntnisgewinn als der persönlichen Profilierung und Netzwerkbildung dienten, aber etwas mehr an fachlicher Substanz hatte er dann doch erwartet. Aus Verärgerung über das leere Wortgeklingel provozierte er einen heftigen Disput mit einem namhaften Referenten und trieb ihn vor versammelter Mannschaft mit messerscharfen Argumenten in die Enge. In der Pause stellte er sich mit seiner Kaffeetasse demonstrativ an einen leeren Stehtisch und wartete auf mögliche Reaktionen. Einige Jüngere schlichen um ihn herum, blickten verstohlen auf das Namensschildchen an seinem Revers, wagten aber nicht, mit ihm ins Gespräch zu kommen. Ein graumelierter Herr gesellte sich schließlich zu ihm und sogleich entspann sich eine angeregte Unterhaltung. Am gleichen Abend wollte es der Zufall, dass Marr wieder mit demselben Herrn – einem Vorstandsmitglied des Verbandes der Automobilindustrie, wie sich herausstellte – zu Tisch saß. Das Gespräch vom Mittag wurde vertieft. Man plauderte über Politik, über Weltwirtschaft, die Zukunft der Automobilindustrie und kam, vom Gesprächspartner geschickt eingefädelt, auf das Thema »berufliche Veränderung« zu sprechen und zur Frage, was Marr diesbezüglich für Vorstellungen habe. Beim Abschied versprach man, in Kontakt zu bleiben. Für Marr eine reine Höflichkeitsfloskel, gänzlich unverbindlich.
Nach zwei Monaten erhielt Marr einen Brief mit der Kopie einer Stellenanzeige. Der handschriftliche Text auf dem Kopfbogen des Kraftfahrzeugverbandes enthielt nur einen einzigen Satz: »Herr Dr. Marr, sollten Sie ernsthaftes Interesse an der ausgeschriebenen Position haben, so könnte ich mich mit einer persönlichen Empfehlung für Sie verwenden.« Wenige Tage später schickte Marr seine Unterlagen an die Agentur Herzberg sowie eine Kopie der Bewerbung mit Danksagung an seinen Mentor. In seiner Firma waren die Verkaufszahlen zwischenzeitlich derart in den Keller gestürzt, dass Krisensitzung auf Krisensitzung folgte. Seine ehedem erfolgreichen Kampagnen zogen nicht mehr. Von Marr wurden tiefgreifende Lösungen erwartet, aber er hatte keine. Er fühlte sich ausgebrannt, fand kein schlüssiges Marketingkonzept, um die Umsatzzahlen wieder auf ein halbwegs befriedigendes Niveau zu stemmen. Kein Wunder also, dass er in Herzbergs Einladung zum »Auswahlwettbewerb« die rettende Chance sah, sich aus dieser Zwickmühle zu befreien und außerdem einen Karrieresprung zu machen.
Robert von Kampen hatte ebenfalls Herzbergs Schreiben erhalten. Gespannt riss er das Kuvert auf und überflog die Zeilen:
»… dass Sie als Professional Ihr Fach beherrschen, konnten wir den eingereichten Unterlagen entnehmen. Die ausgeschriebene Position verlangt von dem zukünftigen Stelleninhaber bzw. der zukünftigen Stelleninhaberin jedoch auch ein besonderes Maß an körperlich-geistiger Fitness. Bitte, stellen Sie sich darauf ein, dass wir Ihre physischen und mentalen Fähigkeiten, mittels eines von unserer Agentur entwickelten Testverfahrens, prüfen.«
Nach allem, was da geschrieben stand, war kein normales Assessment-Center mit den üblichen Postkorbübungen, Teamspielchen und Fachgebietsplaudereien zu erwarten, eher musste man wohl auf eine Art Seelenstriptease gefasst sein. Ernüchtert las er den Brief zu Ende:
»Sollten Sie sich entschließen, nicht an diesem Auswahlverfahren teilzunehmen, bitten wir um rechtzeitige Absage. Sie eröffnen damit einem anderen Bewerber, einer anderen Bewerberin die Chance zur Teilnahme.«
Grübelnd wendete er das Schreiben hin und her. Sollte er trotz aller Vorbehalte den Versuch wagen? Was konnte schon schiefgehen, sagte er sich. Es blieb ihm ja unbenommen, jederzeit auszusteigen, falls ihm die Sache zu dämlich wurde.
Objektiv betrachtet, gab es für Robert von Kampen keinen zwingenden Grund, sich zu bewerben. Aber er war es leid, sich wegen fundamental unterschiedlicher Ansichten weiter diesem zermürbenden familiären Dauerzwist auszusetzen. Noch gelangte nicht allzu viel Sand ins Firmengetriebe, weil der Vater die hochemotional geführten Auseinandersetzungen zwischen den Geschwistern vom Geschäftsbetrieb abzuschirmen wusste. Aber die Macht des Patriarchen bröckelte. Um die Streitenden auseinander zu halten, erfand der Senior den Job des »Generalmanagers für Auslandsbeteiligungen«. Robert, der Jüngere, dem die Aufgabe zugeordnet wurde, fühlte sich kalt abserviert, denn außer Inspektionsreisen zu einer Handvoll Servicestationen gab es in dieser Funktion wenig zu managen. Währenddessen Reiner, der Ältere, weiter den Juniorchef in der Firma für PKW-Zubehörteile, spielen durfte. Nach mehreren zermürbenden, hochemotional geführten Aussprachen gab der Alte schließlich klein bei und erklärte, er würde kurzfristig aus der Firmenleitung aussteigen, wenn die Söhne folgende Kompetenzaufteilung akzeptierten: Robert sollte technischer, Reiner kaufmännischer Geschäftsführer des Unternehmens werden. Da platzte Reiner der Kragen. Nur einer, nämlich er, als der mit den älteren Rechten, könne das alleinige Sagen in der Firma haben, andernfalls würde er seinen Pflichtteil am Erbe fordern, was unweigerlich die Liquidierung der Firma zur Konsequenz hätte. Der Vater appellierte an den Familiensinn und beschwor den Älteren, sich doch mit seinem Bruder zu einigen. Robert, der talentierte Maschinenbauingenieur mit betriebswirtschaftlichem Zusatzstudium, sei doch der ideale Geschäftspartner. Gemeinsam an einem Strang ziehend, könnten die Söhne den Betrieb zu neuer Blüte führen. Doch die Argumente des Seniors erstarrten im Frost der Unvereinbarkeit. Die Fronten verhärteten sich derart, dass der Betriebsablauf in Mitleidenschaft gezogen zu werden drohte. Robert zog sich daraufhin aus dem Tagesgeschäft zurück und begann, nach einer Beschäftigungsalternative zu suchen. Die Einladung zu diesem Auswahlverfahren verschaffte ihm endlich wieder Genugtuung und stärkte sein Selbstvertrauen.
ERSTES ZUSAMMENTREFFEN
Die Agentur hatte drei Räume im Hotel Steigenbach in Berlin gemietet. Einen großen, fast saalartigen Raum, durch Stellwände in kleinere Einheiten gegliedert, einen zweiten für das »Monitoring« und zusätzlich noch einen kleinen als Büro. Assistent Lauenroth hatte in den vorausgegangenen Tagen diverse technische Vorbereitungen getroffen (unter anderem eine Deckenplatte mit einem akustischen Zünder präpariert). Herzberg wusste nicht, ob er den Schreckschussrevolver tatsächlich benutzen würde, er wollte abwarten und schauen, wie sich die Teilnehmer generell verhielten.
Wie immer bei derart aufwändigen Veranstaltungen hatte Herzberg zusätzlich eine Fachkraft bei einer spezialisierten Zeitarbeitsvermittlung angeheuert. Evelyn Skrotzki kannte das Geschäft von ähnlichen Einsätzen bei anderen Personalagenturen. Dass sie wusste, worauf es bei dem Job ankam, merkte man der jungen Frau an. Zudem hatte Lauenroth sie bereits Tage vorher in den Ablauf eingewiesen, so dass alles zum Besten bestellt schien.
Kurz vor der Veranstaltung hatte die CarNetDev – ohne mit Herzberg Rücksprache zu nehmen – per Faxschreiben noch einen weiteren Kandidaten angekündigt, Dr. Harald Stein. Eine Begründung, weshalb dieser Mann als vierter Bewerber dazukommen sollte, und nähere Angaben zu seiner Person fehlten. Herzberg schäumte.
»Marc, Sie rufen jetzt bei der Firma an. Ich will wissen, was das zu bedeuten hat. Ich brauche Unterlagen, Zeugnisse, den Lebenslauf von diesem Stein, und zwar plötzlich. Was denkt sich dieser Fischer, so kann man doch nicht arbeiten.« Unbeherrscht knallte er einen Stapel Papiere auf den Tisch. Lauenroth huschte aus dem Raum. In dieser Situation war es angeraten, nicht in Gegenwart des Chefs zu telefonieren.
Rita Sessinger war, mit dem Frühzug aus Nürnberg kommend, in Berlin auf dem Hauptbahnhof eingetroffen, mit der S-Bahn zum Bahnhof Zoo gefahren und von dort zum Hotel gelaufen. Sie lag gut in der Zeit, fühlte sich fit, fast ein wenig quirlig. Bevor sie kurz auf das Zimmer gehen und sich ein wenig frisch machen würde, wollte sie sich in jedem Fall schon einmal bei der Agentur Herzberg melden. Als sich der gläserne Drehflügel am Eingang des Hotels in Bewegung setzte, drängelte sich eine weitere Person hinein.
»Welch ein Glück, sie ist noch da.« Der Mann mittleren Alters deutete hektisch in Richtung Empfangstresen. »Sie können sich gar nicht vorstellen, was ich für einen Schreck bekommen habe.« Aufgeregt wirbelte er mit den Armen vor ihrer Nase herum, schnappte nach Luft, ergriff ihren Arm, um ihn zu schütteln. »Entschuldigen Sie, ich bin so froh. Es ist nämlich ein Geschenk, ein ziemlich teures«, sprudelte es in einem leicht fremdländischen Akzent aus ihm heraus. Abrupt drehte er ihr den Rücken zu, lief zu der großen Einkaufstüte neben dem Tresen und eilte damit zurück auf die Straße. Rita Sessinger blickte ihm verdutzt nach, bis sich seine Gestalt im Menschentrubel verlor. Ohne einen weiteren Gedanken an den Vorfall zu verschwenden, steuerte sie einen der Glastischchen in der Hotelhalle an, stellte ihre Handtasche darauf und kramte das Einladungsschreiben hervor. Mit dem Brief in der Hand ging sie zur Rezeption. Der Mitarbeiter am Empfang blickte in sein Reservierungssystem, überreichte ihr, nachdem die Anmeldeformalitäten erledigt waren, den Zimmerpass und wies den Weg zum Fahrstuhl.
Als sie im Lift verschwunden war, kehrte der Mann mit der KaDeWe-Tüte in der Hand ins Hotel zurück und platzierte sie wieder unterhalb des Empfangstresens. Anschließend begab er sich wieselflink ins Freie, um von der gegenüberliegenden Straßenseite den Eingangsbereich zu beobachten. Immer wenn männliche Personen mittleren Alters auf das Hotel zustrebten, warf er einen kurzen Blick auf die beiden Passfotos in seiner Handfläche. Als Robert von Kampen aus einem haltenden Taxi kletterte, erkannte er ihn sofort. Blitzschnell drängelte er sich an ihn heran und der Vorgang in der Drehtür wiederholte sich.
»So ein Glück, da steht sie noch. Wie mir der Schreck in den Gliedern steckt.« Der Mann berührte Kampens Schulter und zuckte im gleichen Moment schon wieder zurück. »Entschuldigen Sie, aber ich habe richtig Herzstiche bekommen. Ein teures Hochzeitsgeschenk, dort in der Tüte. Wenn das weg gewesen wäre, nicht auszudenken.« Kampen rang sich ein süßsaures Grinsen ab und wandte sich dem Mann an der Rezeption zu.
»Wo finde ich die Agentur Herzberg?«
»Im zweiten Stock, der Herr.« Der Portier zwinkerte dem Mann mit der KaDeWe-Tüte konspirativ zu. Kampen, mit dem Ausfüllen des Anmeldeformulars beschäftigt, entging diese seltsame Vertrautheit. Erneut wartete der Mann draußen auf das dritte Opfer. Aber Dr. Michael Marr kam nicht, denn er hatte seinen Volvo in der Hotelgarage geparkt und war von dort mit dem Lift hochgefahren.
»Guten Morgen meine Dame, guten Morgen meine Herren. Ich hoffe, Sie hatten eine angenehme Anreise.« Herzbergs sonore Stimme verströmte Vertrautheit, was die Kandidaten veranlasste, aufmerksam an seinen Lippen zu hängen. Nichts deutete darauf hin, dass dieser freundliche Herr noch vor einer Viertelstunde hocherregt durch den Raum gebrüllt hatte. Auf den im Halbrund angeordneten Tischen standen Namensschilder. Das für Dr. Harald Stein hatte Evelyn Skrotzki rasch von Hand beschriftet. Lauenroth saß neben dem Overhead-Projektor, konzentriert auf seinen Einsatz wartend.
»Ich freue mich außerordentlich, mit Ihnen eine spannende Zeit verleben zu dürfen. Gestatten Sie, dass ich mich vorstelle. Mein Name ist Artur Herzberg.« Er klappte den Unterarm nach rechts. »Mir zur Seite steht Herr Marc Lauenroth und darüber hinaus …«, dabei den anderen Arm nach links schwenkend, »Frau Evelyn Skrotzki, sie betreut das Sekretariat.« Rita Sessinger musste grinsen. Herzbergs Handbewegungen erinnerten sie an Stewardessen, die vor dem Abflug auf Notausgänge aufmerksam machen. »Wenn Sie Wünsche haben, können Sie sich jederzeit an jeden von uns wenden. Wir sind bemüht, Sie von jeglichem organisatorischen Kleinkram zu entlasten. Sie sollen sich mit ganzer Kraft dem Bewerbungsverfahren widmen können.« Herzberg verneigte sich. »Meinen Glückwunsch, Sie haben sich im Wettstreit gegen eine starke Konkurrenz durchgesetzt.« Herzberg rückte sein randloses Brillengestell mit einer winzigen Bewegung zurecht. »Viele Aspekte haben bei dieser Vorentscheidung eine Rolle gespielt. Sie wissen ja selbst, wie unterschiedliche Leistungen benotet werden. Die zugrunde liegenden Kriterien variieren von Uni zu Uni und von Arbeitgeber zu Arbeitgeber.« Mit schelmenhafter Miene fuhr er fort: »Ich las mal in einem Arbeitszeugnis den Satz: ›Probleme löste Herr X auf der Stelle‹, die darin versteckte Botschaft aber lautete: ›Herr X löste sich kaum vom Fleck.‹« Über die Gesichter der Teilnehmer huschte ein zaghaftes Grinsen. »Tja, meine Dame, meine Herren, Arbeitszeugnisse richtig zu interpretieren, ist eine hohe Kunst. Auch diejenigen, die behaupten, alle Codes zu kennen, müssen immer wieder feststellen, dass sie verschlüsselte Hinweise falsch deuten. Deshalb sind Zeugnisse aller Art nur Teil meines Beurteilungskatalogs. Wichtig für mich ist vielmehr die komplette Story im Leben eines Kandidaten.« Herzberg streckte die Hände vor und begann, an den Fingern abzuzählen. »Dazu gehört: Wie zielstrebig wurde der berufliche Werdegang verfolgt, passen die Berufsstationen zueinander? Sind Beschäftigungslücken vorhanden und falls ja, gibt es dafür eine stimmige Begründung? Als Nächstes prüfe ich, ob sämtliche Anforderungen, die sich aus der Stelle ergeben, erfüllt sind. Außerdem ist es für mich sehr aufschlussreich, ob und welche außerberuflichen Begleitaktivitäten die Kandidatin oder der Kandidat vorweisen kann. Sportverein, Ehrenämter, künstlerische Betätigung, soziales Engagement …«
Robert von Kampen begann, ganz zart mit den Fingern auf der Stuhllehne herumzutrommeln. Wann kommt der Mann zur Sache? Er hatte selbst genug Leute eingestellt, um zu wissen, worauf es ankam. Also, bitte, Herr Personalberater, Schluss mit dem Gedöns und jetzt mal Butter bei die Fische.
Herzberg hatte einen Schluck Wasser getrunken und das Glas behutsam auf den Tisch zurückgestellt.
»Ja, und nun sind Sie hier. Jeder von Ihnen hat aufgrund vorliegender Unterlagen die Zulassungsbedingungen mit Bravour erfüllt.« Er verschränkte die Hände hinter dem Rücken, seine Stimme wurde nun ernst. »Aber, Papier ist geduldig und deshalb führe ich Sie jetzt ins Gelände und da kann es schon mal richtig holprig werden.« Herzberg beugte sich weit über den Tisch. »Warum möchten Sie sich eigentlich beruflich verändern, Frau Sessinger?« Rita Sessinger fuhr zusammen, aber Herzberg war schon beim Nächsten. »Es gibt Gerüchte, Dr. Marr, dass Ihr jetziger Arbeitgeber wirtschaftliche Probleme hat. Wollen Sie die Gelegenheit nutzen, um das sinkende Schiff zu verlassen?« Ehe Marr den Mund zu einer Antwort aufsperren konnte, war Herzberg schon beim Dritten. »Sind es zwischenmenschliche Gründe, die Sie zu einem Jobwechsel veranlassen, Dr. Stein?« Stein schüttelte den Kopf und musste ein wenig schmunzeln. Herzberg vollführte einen kleinen Sprung. »Zu Ihnen, Herr von Kampen, wie würden Sie Ihre größte Schwäche beschreiben?« Kampen lehnte sich betont entspannt zurück. Herzbergs Augen funkelten. »Nun ja, Sie könnten sagen, dass Sie immer so schrecklich ungeduldig sind. Aber nein, Sie sind schlau und wissen, dass diese Phrase viel zu abgedroschen klingt.« Herzberg rümpfte die Nase. »Deshalb bin ich mir sicher, Sie gestehen ziemlich kleinlaut, Ihre größte Untugend bestehe in Ihrer Direktheit, ach je, ach je. Aus Erfahrung wissen Sie, dass es sich besonders gut macht, an seinen Schwächen zu arbeiten. Und deshalb behaupten Sie, sich ab sofort intensiv in die Motivationslage Ihrer Mitarbeiter hineinzuversetzen – um Sie besser zu verstehen. Ganz große Klasse, Herr von Kampen, mir kommen die Tränen bei so viel Verstellung.« Herzberg verschränkte die Arme hinter seinem Rücken. »Meine größte Schwäche, ich trau es mich kaum zu sagen, ist: schwarze Herrenschokolade. Auch so was habe ich schon zur Antwort bekommen.« Evelyn Skrotzki prustete in ihren Ärmel und Assistent Lauenroth gluckste fröhlich dazu. Herzberg zog mit dem kleinen Zeigefinger das linke Augenlid ein wenig herunter. »Ich bitte Sie, unter uns Pastorentöchtern müssen wir uns doch nichts vormachen. Jeder von Ihnen kennt solche Fangfragen und selbstverständlich haben Sie sich entsprechend präpariert. Deshalb erspare ich uns dieses fruchtlose Geplänkel. Ich werde Sie mit meiner eigenen Methodik überraschen und wir werden viel Spaß miteinander haben, das verspreche ich.« Da sitzen sie und lauern, dachte er. Immer das Gleiche, am Anfang geben sich alle lammfromm, bis der Erste rumzickt und versucht, die Grenzen auszutesten.
»Bevor ich Sie bitte, sich vorzustellen, möchte ich noch etwas zu der Annonce sagen. Sicherlich haben Sie sich gefragt, welches Unternehmen hinter dem Stellenangebot steckt. Ich kann es Ihnen aus Wettbewerbsgründen leider noch nicht sagen. Nur so viel: Es handelt sich um ein sehr innovationsstarkes Unternehmen, das im Bereich zukunftsweisender Antriebstechniken einen erstklassigen Ruf genießt und deshalb in der Lage ist, selbst in Krisenzeiten, hochqualifiziertes Personal einzustellen.« Herzberg sah in die Runde und ließ seine Worte wirken. Ihm war nicht entgangen, dass Marr auf seinem Stuhl hin und her rutschte.
»Ja bitte, Herr Dr. Marr.« Der zuckte zusammen.
»Also ich sag mal, was sind denn das für Wettbewerbsvorbehalte?« Herzberg schmunzelte in sich hinein. Da hatte er bereits am Anfang jemanden erwischt, dem es offenbar an Selbstbewusstsein mangelte. Er ließ sich Zeit mit der Antwort, Marr blinzelte nervös zu ihm rüber.
»Ihre Frage ist durchaus verständlich«, erklärte Herzberg sanftmütig. »Aber mein Auftraggeber bittet um Geduld. Die bevorstehenden Umstrukturierungsmaßnahmen im Unternehmen erfordern ein Höchstmaß an Diskretion und die Einhaltung dieser Maßgabe gilt ausdrücklich auch für den Kreis der Bewerber.« Prompt gab es Protest.
»Leuchtet mir nicht ein, was Sie da sagen. Ich möchte bitte wissen, wann wir den Namen der Firma erfahren und wann wir mit kompetenten Firmenvertretern sprechen können.« Was bei Marr zu zögerlich klang, dröhnte bei von Kampen eindeutig zu forsch. Laut wurde Herzberg selbst, wenn er wollte, das überließ er niemand anderem.
»Ich will Ihnen das gerne erklären. Zunächst absolvieren die Kandidaten die von mir vorgesehenen Prüfungen. Am Ende des Veranstaltungszyklus gebe ich ein Votum ab, daraufhin erfolgen Einzelgespräche mit der Firmenleitung. Ob Sie nun zu solch einem Chefgespräch eingeladen werden, bestimmen Sie selbst, durch Ihre Leistung, hier im Auswahlverfahren. Also gedulden Sie sich, vielleicht zerbrechen Sie sich völlig unnötig den Kopf. Weitere Fragen?« Herzberg blickte wachsam in die Runde, ob ihn jeder verstanden hatte. Sie waren die Schüler und er verteilte die Noten, das musste von jetzt an klar sein.
»Ich stelle fest, das ist nicht der Fall. Dann beginnen wir jetzt mit der Vorstellungsrunde.« Herzbergs Chamäleonmimik wechselte blitzschnell von gestreng zu sanftmütig. »Herr Dr. Stein, machen Sie uns die Freude und beginnen?« Diesen Dr. Stein betrachtete er als Kuckucksei, das man ihm untergeschoben hatte. Den würde er seinem Auftraggeber, wenn überhaupt, als Allerletzten empfehlen, das war schon mal sicher. Stein richtete sich auf, streckte sein scharfgeschnittenes Kinn vor und begann, mit übertrieben kräftiger Stimme zu sprechen.
»Mein Name ist Harald Stein, ich bin Diplom-Wirtschaftsingenieur, verheiratet und habe drei Kinder. Zunächst habe ich eine kaufmännische Lehre bei der Firma Continental absolviert und nach der Prüfung zwei Jahre dort im Einkauf gearbeitet. Anschließend Studium an der Technischen Universität Berlin, dann fünf Jahre wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl von Professor Blohm. Während dieser Zeit Promotion zum Thema »Kostenoptimierter Einsatz von Verbundwerkstoffen im PKW«. Anschließend war ich bei Opel in der Forschung tätig, danach ging ich für drei Jahre nach Amerika, zu General Motors. Jetzt bin ich wieder in Rüsselsheim und trage die Gesamtverantwortung für das rechnergestützte Transportsystem in allen deutschen Werken.« Herzberg fand leider nichts, was auf den ersten Blick an dem beschriebenen Berufsweg auszusetzen wäre, wenngleich er mit der knappen Vorstellung keinesfalls zufrieden war. Er beließ es dabei, nahm sich aber vor, den Kandidaten in einer ruhigen Minute detailliert und inquisitorisch zu befragen.
»Danke, Herr Dr. Stein, ein bisschen knapp zwar Ihre Darstellung, aber wir werden sicherlich später noch Gelegenheit zum ausführlichen Gespräch haben. Herr von Kampen, bitte, Sie sind dran.«
Assistent Lauenroth nutzte die Vorstellungsrunde, um sich sein Bild von den Kandidaten zu machen. Von Kampen war ihm sofort ins Auge gesprungen. Ein Kerl mit vollem, schwarzem Haar, der an die Einsneunzig heranreichen dürfte. Dazu noch dieser sauber gestutzte Dreitagebart, der ihm eine verwegene Lässigkeit verlieh. Typ Schwiegermutterherzensbrecher, um den sich die Frauen vermutlich rissen wie um ein Perlencollier. Lauenroth seufzte kaum hörbar, denn er spürte Neid in sich aufwallen. Bevor der sich in seinem Gefühlshaushalt einnisten konnte, richtete er seinen Blick vorsorglich auf den kompakt gebauten Dr. Marr, dessen hellwache Augen aus einem freundlichen, rundum pumperlgesunden Gesicht leuchteten. Marrs Kopf zierten kraftvolle, kurz geschnittene dunkelblonde Haare. Statt einer Krawatte trug er eine zart gemusterte Fliege, die beim Sprechen, er war gerade an der Reihe, sich vorzustellen, lebhaft auf und ab flatterte. Unterhalb des Gürtels zeigte sich ein leichter Hüftansatz, den er durch dezente, in den Anzugstoff eingewebte Längsstreifen, zu kaschieren suchte. Im Vergleich zu Marrs angehender Moppeligkeit, wirkte der neben ihm sitzende Dr. Stein mit seinem durchtrainierten, fast hageren Körper und den scharf geschnittenen Gesichtszügen wie ein Modellasket. Noch etwas fiel Lauenroth auf. Irgendwie passte der Mann nicht so recht in diese Runde. Vielleicht weil er älter war und eine Spur distinguierter wirkte als die drei anderen. Oder lag es an der Besonderheit des »Seiteneinstiegs«? Blieb Rita Sessinger, die in natura nicht so hübsch aussah wie auf ihrem durchgestylten Bewerbungsfoto. Gleichwohl besaß sie eine interessante, unverwechselbare Note, die durch ihr intensiv leuchtendes kupferfarbenes Haar maßgeblich mitbestimmt wurde. Im Gegensatz zu Evelyn Skrotzkis frechem, stupsnasigem Gesicht wirkte ihres glatt, fast schon ein wenig bieder. Lauenroths Blick wanderte über die helle Bluse mit dem winzigen Ausschnitt, weiter den halblangen anthrazitfarbenen Rock hinab, zu ihren wohlgeformten Waden, von denen er sich kaum lösen konnte. Bevor er Gefahr lief, dass sein Gaffen irgendjemandem auffiel, begann er geschäftig in seinen Unterlagen zu blättern.
Nachdem auch von Kampen als Letzter in der Runde seinen Lebenslauf vorgetragen hatte, stand Herzberg auf, um die Besonderheiten des Auswahlverfahrens zu erläutern.
»Sie kennen alle die klassische Art des Vorstellungsgesprächs. Aussichtsreiche Bewerber werden eingeladen und von einem Auswahlkomitee wie am Fließband examiniert. Das Ganze geschieht häufig im Dreiviertelstundenrhythmus, in lockerer Gesprächsrunde bei Kaffee und Plätzchen – ich überspitze jetzt mal. Aber im Ernst, wie soll unter solch kuscheligen Bedingungen die entscheidende Schlüsselqualifikation einer Führungskraft – nämlich Entscheidungssicherheit unter Stress – herausgearbeitet werden?«
»Ich sag mal …«, meldete sich Marr, doch Herzberg fiel ihm ins Wort.
»Ich weiß, was Sie sagen wollen. Natürlich gibt es verschiedene Ansätze, um die Führungsfähigkeit zu testen. Aber nach meiner Erfahrung traut man sich dann doch nicht so tief zu bohren, wie es nötig ist.« Sessinger hüstelte und stopfte sich einen Bonbon in den Mund. Herzberg zog einen schwarzen Filzstift aus einem Plastiketui: »Wovon spreche ich?« Er begann, auf eine Folie zu schreiben, Lauenroth regelte eifrig die Bildschärfe am Projektor nach. »Ich spreche von Einfühlungsvermögen, Führungsstärke, Flexibilität, Verhandlungsgeschick und Durchsetzungskraft. Kurzum stellt sich die Frage, verfügt der Kandidat oder die Kandidatin über das erforderliche Bauchgefühl?« Herzberg umrundete das Geschriebene mit dem Filzstift und blickte in gespannte Gesichter. »Eine entschiedene Geste, ein klares Wort oder eine blitzschnelle Reaktion, und zwar im entscheidenden Moment, kann im Job entweder zu einem triumphalen Erfolg oder zu einer katastrophalen Niederlage führen. – Ja, bitte, Herr von Kampen?«
»Herr Herzberg«, Kampen räusperte sich, »wir haben uns laut Ausschreibung auf eine Führungsposition in einem aufstrebenden Unternehmen beworben. Dass Sie den Namen der Firma im Moment nicht preisgeben wollen oder nicht preisgeben dürfen, finde ich bedauerlich. Gut, ich muss es erst mal so akzeptieren. Aber was ich nicht verstehe, ist, dass Sie, wie haben Sie es genannt, augenscheinlich unser Bauchgefühl ergründen wollen. ›Bauchgefühl‹, das hört sich an wie … wie Darmwinde.« Ein allseitig unterdrücktes Glucksen und Kichern hob an. Herzberg zauberte ein verbindliches Lächeln auf seine Lippen, obwohl es in ihm brodelte.
»Wie ich eingangs sagte, Herr von Kampen, fachliches Können setze ich bei jedem von Ihnen voraus. Wenn das alles wäre, was Unternehmen von ihren zukünftigen Spitzenkräften erwarten, man könnte sich das Honorar für meine Dienste sparen.« Er schlenzte den schwarzen Filzstift lässig auf die Tischplatte. »Nehmen Sie zum Beispiel einen gut ausgebildeten Juristen, einen, der alle Rechtsverordnungen und Paragrafen aus dem Effeff kennt. Damit ist er beileibe noch kein guter Anwalt. Was ihn erfolgreich macht, ist, neben seiner Expertise, seine intuitive Erfahrung.« Herzberg trat dicht an Kampens Tisch heran. »Für Ihre klugen Ideen, fundierten Empfehlungen und rechtzeitigen Warnhinweise ist man bereit, gutes Geld auszugeben. Fantasielose Lehrbuchakademiker haben in Führungsetagen auf Dauer keine Chance. Aber da erzähle ich Ihnen sicherlich nichts Neues.«
»Ist Ihr Unternehmen eigentlich zertifiziert?«, es klang scheinheilig. »Mit Sicherheit kennen Sie die Norm 33430, nach der diagnostische Testverfahren und Kontrollen der Eignungsbeurteilung an strengste Kriterien gebunden sind.« Herzberg ließ sich seine Verblüffung nicht anmerken. Kampen legte nach, wobei er seine langen Beine selbstgefällig von sich streckte. »Ich gehe davon aus, dass wir hier keiner Scharlatanerie ausgesetzt sind und dass Sie sich an die Regeln der ›Offiziellen Qualitätsgemeinschaft internationaler Wirtschaftstrainer‹ halten«, erklärte er kühl. ›Seht her, ich trau mich was‹, lautete seine Botschaft. Die Runde blickte gespannt auf Herzberg, der sich ruckartig nach unten gebeugte hatte. Nach kurzem Kramen zog er das Buch »Nieten in Nadelstreifen« aus einer Seitentasche. Den Revolver, dem der spontane Griff eigentlich galt, beließ er dann doch im Pilotenkoffer.
»Sie kennen den Titel? Dann wissen Sie, was ich meine. Nieten im Management sind eine Katastrophe für jeden Betrieb.« Er klatschte das Buch auf die Tischplatte, stemmte den Rücken in aufrechte Position und nahm eine militärische Haltung an. »Aber vielleicht sind es gar keine Nieten, wie gerne behauptet wird, sondern fähige Leute? Mitarbeiter, die durch schlampige Personalauswahl auf der falschen Stelle gelandet sind, Menschen, die in der richtigen Position hervorragende Arbeit leisten könnten.« Herzberg wedelte abwehrend mit den Händen. »Personalchefs und Berater wehren sich natürlich vehement gegen den Vorwurf, sie hätten Mist gebaut. Erstens trägt man, wenn überhaupt, nicht die alleinige Schuld, wenn ein Neuling nicht spurt, und zweitens, wozu, bitteschön gibt es die Probezeit? Und so wird viel unnützes Geld verplempert und Personal verheizt.« Herzberg stemmte sich beidhändig vom Tisch hoch. »Das Recruiting von Spitzenkräften erfordert: Erfahrung, Sorgfalt und Engagement. Ich lade Sie ein, bilden Sie sich doch einfach ein eigenes Urteil über meine Arbeitsweise.« Herzberg durchbohrte Kampen mit seinem Blick, der nickte ihm steif zu. Davon überzeugt, den passenden Ton getroffen zu haben, für den »Klugscheißer«, drehte sich Herzberg wieder zum Flip-Chart-Ständer um. In ausladenden Handbewegungen fuhr er mit dem Filzschreiber über das Papier, unterstrich Regeln und schrieb darunter die Punkte: »1. Mitwirkung, 2. Ausschluss, 3. Kommunikationsmittel«. Anschließend trat er einen Schritt beiseite.
»Die erste Regel lautet: Niemand von Ihnen wird zur Mitwirkung an den folgenden Spielhandlungen gezwungen. Aber …«, Herzberg tippte mit dem Filzstift auf Punkt 2, »wer sich der Teilnahme entzieht, schließt sich selbst vom weiteren Verfahren aus.«
»Wie, bitte, ist das zu verstehen?«
»Moment, Frau Sessinger, ich komme gleich auf Ihre Frage zurück. Zunächst noch die dritte Regel: Die Nutzung privater Kommunikationsmittel ist nicht gestattet. Geben Sie bitte Ihre Handys, Notebooks, Taschencomputer und ähnliche technische Hilfsmittel bei meiner Sekretärin ab. Anrufe, die Sie erhalten, werden selbstverständlich notiert und Sie haben in den Pausen Gelegenheit, zurückzurufen. Nun aber zu Ihrer Frage.« Herzberg unterstrich das Wort »Ausschluss«. »Die gesamte Veranstaltung ist in Abschnitte oder besser gesagt in kurze Episoden gegliedert. Nun kann es sein, dass Sie in einer dieser Episoden, aus welchen Gründen auch immer, nicht mitspielen können oder wollen. Dann sagen Sie einfach ›Joker‹ und Sie sind, ohne dass Ihnen daraus Nachteile entstehen, von der Mitwirkung befreit.«
»Wie praktisch, ich sag mal, da melde ich mich jetzt schon mal an.«
»Das können Sie gerne tun, Herr Dr. Marr.«
»War nur als Scherz gemeint.«
»Ich weiß, Dr. Marr.« Herzberg lächelte nachsichtig. »Aber zurück zum Joker. Jedem steht nur eine Auszeit zu. Deshalb rate ich, diese Option nicht leichtfertig zu verspielen.« Herzberg schrieb »Joker« und malte ein Smiley daneben. Stein meldete sich.
»Sie sprechen von ›Episoden‹, wie viele davon haben Sie denn in petto?« Herzberg blickte zu seinem Assistenten rüber.
»Was haben wir denn alles in der Pipeline?«
»So einiges.« Lauenroth peilte auf seinen Zettel und zählte nach. »Je nachdem, wie viel Zeit wir insgesamt benötigen, acht bis zwölf Episoden.« Herzberg nickte zufrieden und fuhr fort.
»Wir haben uns bemüht, Ihnen einen Mix aus – nun sagen wir mal – lebhaften und eher beschaulichen Spielszenen zu bieten. Damit Sie sich ganz auf die Aufgabe konzentrieren können, verschwinden wir zu Beginn jeder Episode und verfolgen die Aktion im Nebenraum auf dem Bildschirm.«
»Machen Sie irgendwelche Aufzeichnungen?«, erkundigte sich Marr.
»Nein, es werden weder Bild- noch Tonaufzeichnungen gemacht, vielleicht mit einer Ausnahme, aber darüber informieren wir Sie rechtzeitig.«
»Kriegen wir von Ihnen irgendeine Rückmeldung? Also, ich meine …« Rita Sessinger biss sich auf die Lippe. Am liebsten hätte sie ihre dämliche Frage gleich wieder getilgt, aber Herzberg ging bereits darauf ein, rieb sich insgeheim die Hände.
»Was für eine interessante Frage, Frau Sessinger. Aber schauen Sie, das hier ist kein Verhaltenstraining oder eine Seminarübung. Sie kämpfen um einen attraktiven Job. Ob Sie erfolgreich sind, das hängt von meinem Urteil über Ihre Leistung ab.« Die Klimaanlage zischte giftig in die peinliche Stille. Die Sonne hatte den Giebel umrundet und strahlte mit geballter Kraft in den Raum. Evelyn Skrotzki schlug ihre Beine übereinander, wobei sich eine statische Aufladung zwischen den Falten ihres Rocks knisternd entlud. Der Stoff klebte jetzt wie Leim an ihren Oberschenkeln. Sie zog am Stoff, was zu weiterem Knistern führte. Lauenroth blickte sie von der Seite an, wollte ihr etwas zuraunen, aber Herzberg unterbrach ihn.
»Ich meine, für den Augenblick ist alles Wesentliche gesagt oder haben wir etwas vergessen, Marc?« Der Assistent wirbelte den Kopf herum.
»Die Form der Anrede wollten wir noch thematisieren«, sprudelte es geistesgegenwärtig aus ihm heraus.
»Ja, richtig. Ähem«, Herzberg stupste sich mit dem Zeigefinger auf die Nasenspitze, das Thema betraf einen heiklen Punkt. »Unsere gemeinsame Arbeit wird in diesen zwei Tagen ausgesprochen intensiv sein. Viele Aufgaben erfordern Teamarbeit und eine gewisse Form der Vertrautheit ist bei der Problembewältigung durchaus förderlich. Also rundheraus, was halten Sie von dem Vorschlag, dass wir uns gegenseitig mit dem Vornamen anreden?« Er blickte in erstaunte Gesichter und argumentierte weiter: »Ich habe bisher nur positive Erfahrungen gemacht, womit natürlich nicht gemeint ist, dass wir uns ab jetzt duzen sollten.« Kampen öffnete den Mund und schloss ihn wieder. »Nun?«, fragte Herzberg und sah wachsam in die Runde. »Gibt es Einwendungen? Keine? Gut, dann lassen Sie uns nach der langen Vorrede endlich beginnen. Bitte, Marc, erläutern Sie unseren Teilnehmern die Aufgabe, die im ersten Durchgang zu lösen ist.« Herzberg nahm Platz, um sich betont entspannt in seinem Stuhl zurückzulehnen. Ein bisschen holprig für den Anfang, befand er selbstkritisch, doch spätestens mit Beginn der Rollenspiele würde er die Zügel wie gewohnt fest in den Händen halten.
REISE NACH MÜNCHEN
Lauenroth stand auf, faltete eine Straßenkarte auseinander und heftete sie mit Nadeln an die Pinnwand.
»Meine Dame, meine Herren«, begann er. »Sie wollen mit Ihrem Pörschle oder BMWle von Berlin nach München fahren.« Mit dem Zeigefinger glitt er auf der Karte die Strecke entlang. Pörschle, das ist doch lustig, dachte er sich und fuhr in seinen Ausführungen fort. »Drei Freunde haben davon gehört und sind auf die Idee gekommen, mit Ihnen ein kleines Spiel zu spielen. Für jede von Ihnen richtig genannte Autobahnabfahrt spendieren sie einen Liter Superbenzin. Und damit Sie sich orientieren können, zeigt Ihnen ein digitaler Routenplaner die Strecke mit allen Zu- und Abfahrten, allerdings ohne Ortsbezeichnung. Das heißt, Sie müssen Ihr Gedächtnis schon ein wenig ankurbeln, um den Tank vollzumachen. Aber das fällt Ihnen sicherlich nicht schwer.« Lauenroth verzog den rechten Mundwinkel zu einem verkniffenen Grinsen. »Es gibt noch etwas zu bedenken. Wenn Sie eine Autobahnabfahrt falsch angeben, müssen Sie jedem Ihrer drei Freunde einen Liter Kraftstoff kaufen. Also überlegen Sie besser zwei Mal, bevor Sie sich festlegen.« Lauenroth genoss, dass die Teilnehmer gespannt an seinen schmalen Lippen hingen. »Rita, Sie waren sicherlich längere Zeit nicht mehr auf unseren Autobahnen unterwegs?« Die Angesprochene blickte Lauenroth irritiert an. Sie musste sich erst daran gewöhnen, dass er sie beim Vornamen nannte. »Ich könnte Ihnen eine vergleichbare Strecke in Kanada anbieten, falls Sie das wünschen.« Er tippte die Spitzen der Finger gegeneinander, so dass sich ein Dach formte.
»Oh nein, besser nicht«, entgegnete sie. »Auf Kanadas Straßen kenne ich mich noch weniger aus als hier.«
»Okay, dann wäre auch das geklärt. Die Handhabung des Spiels ist ganz simpel, ich zeig’s Ihnen an den Rechnern.« Lauenroth umrundete geschäftig die Teilnehmergruppe und flitzte zu den durch Trennwände separierten Schreibplätzen. Herzberg übernahm wieder die Sprecherrolle.
»Bevor Sie Marc folgen, möchte ich Sie alle um Ihre Führerscheine bitten.« Er wartete und genoss die erstaunten Gesichter. Mit gespielt vorwurfsvollem Unterton in der Stimme fuhr er fort. »Sie gucken so ungläubig, Harald, Sie werden sich doch nicht ohne Fahrerlaubnis hinters Steuer setzen, um von hier nach München zu fahren?«
»Sie machen Witze, Herr Herzberg.«
»Artur!«, raunte er vertrauensvoll. »Haben Sie keine Fahrerlaubnis?«
»Meinen Führerschein, den wollen Sie jetzt wirklich sehen?«
»Ich bitte darum.« Stein griff zögernd in die Innentasche des Jacketts, zog seine Brieftasche heraus und nestelte widerwillig etwas Graues aus der Plastikhülle. Herzberg faltete das verschlissene Dokument auseinander und prüfte eingehend die Eintragungen. »Nett, das sind Sie?« Herzberg betrachtete das Bild, auf dem ihm ein langmähniger, schmalgesichtiger Bursche entgegenstarrte. »Darf ich das mal den anderen zeigen?«
»Nichts dagegen«, knurrte Stein. Herzberg zeigte den Führerschein herum, die anderen grinsten, dann wandte er sich an Rita Sessinger.
»Die Dame, bitte.« Sie zuckte belustigt mit den Achseln, griff in ihre Handtasche, suchte, wühlte mit ansteigender Intensität in den Fächern.
»Nanu!«, ihr Gesicht erbleichte unter dem zarten Make-up. Sie durchpflügte jeden Winkel ihrer schwarzen Handtasche. »Meine Kreditkarten, das Geld, mein Ausweis, alles ist weg«, zeterte sie. Die anderen blickten unverwandt auf das hektische Treiben. Ein Quäntchen Schadenfreude lag in der Luft, doch nach kurzem Moment begann auch bei den Übrigen die Sucherei. Stein atmete als Erster auf, sämtliche Papiere sowie das Bargeld waren da. Auch Marr fehlte nichts. Kampen dagegen wühlte leise fluchend in den Taschen seines Anzugs.
»Verdammt, meine Brieftasche ist auch weg.«
»Sagen Sie bloß? Gestohlen?«, erkundigte sich Herzberg mit scheinheiliger Betroffenheit in der Stimme. Rita Sessinger hatte ihre Habseligkeiten vor sich auf dem Tisch ausgebreitet und war dabei, fahrig ihren Kalender durchzublättern.
»In der Drehtür des Hotels, da war so eine merkwürdige Gestalt. Hat mich fast über den Haufen gerannt, wegen irgendeiner blöden Einkaufstüte, die er in der Halle vergessen hatte.« Ihre Stimme klang belegt.
»Genau wie bei mir. Wie eine Fledermaus ist der um mich herumgeflattert, hat mich vollkommen konfus gemacht, der Trottel.« Kampen kratzte sich die Wange, dass die Barthaare knisterten.
»Uralt, der Trick. Ablenken, um dem Opfer unbemerkt Wertgegenstände aus der Tasche zu ziehen«, erklärte Marr mit kriminalistischem Scharfsinn.
»Wir müssen sofort die Polizei verständigen«, stöhnte Sessinger.
»Das können Sie uns überlassen. Evelyn!« Herzberg wandte sich an die Sekretärin. »Benachrichtigen Sie die Polizei. Und bitte, informieren Sie auch gleich das Hotelmanagement.« Evelyn Skrotzki nickte. »Wir machen inzwischen weiter im Programm«, erklärte Herzberg geschäftsmäßig.
»Aber, so geht das nicht«, lamentierte Sessinger. »Meine Kreditkarten müssen sofort gesperrt werden. Der Kerl rennt in der Stadt rum und kauft auf meine Rechnung die Geschäfte leer.«
»I wo, Kreditkarten sind gegen Diebstahl versichert. Evelyn wird sich um alles kümmern, machen Sie sich keine Gedanken.« Rita Sessinger sah verzweifelt zu Herzberg auf, der plinkerte vertrauensbildend zurück. »Aber falls Sie die Angelegenheit selbst in die Hand nehmen wollen, dann nutzen Sie Ihren Joker, dazu ist er ja da.«
»Sollte es irgendwelche Probleme geben, melde ich mich sofort bei Ihnen«, erklärte die Sekretärin im Ton einer fürsorglichen Amme. »Dann können Sie immer noch selbst tätig werden.«
»Hier«, Kampen gab der Sekretärin einen Zettel. »Da stehen die Gesellschaften drauf, von denen ich Kreditkarten habe. Bitte anrufen und meine Karten sperren lassen.« Rita Sessinger zögerte, aber dann schrieb auch sie Visa und Eurocard auf einen Zettel und reichte die Information weiter an Evelyn Skrotzki, die daraufhin aus dem Raum huschte.
»Die Kartennummern habe ich mir nicht notiert. Wer ahnt denn, dass man so dreist beklaut wird.« Herzberg blickte sie aufmunternd an. Sie schluckte, bemühte sich um ein Lächeln, das jedoch ziemlich gequält ausfiel.
»Also dann, auf, auf und frisch ans Werk, allesamt!« Herzberg klatschte in die Hände. Lauenroth hatte zwischenzeitlich die Rechnerstationen hochgefahren und die Funktionsfähigkeit des Spiels kontrolliert. Trennwände verhinderten den Blick auf benachbarte Bildschirme. Lauenroth demonstrierte, wie man mit Maus und Tastatur die namenlosen Abfahrten beschriften konnte.
»Sie haben exakt zwanzig Minuten, dann stoppen wir die Eingabemöglichkeit.« Herzberg blickte auf seine Uhr. »Die Zeit läuft ab … jetzt!« Lauenroth sah den Kandidaten für einen Augenblick über die Schulter, beobachtete, ob alle mit dem Programm zurechtkamen. Dann verließen er und Herzberg gemeinsam den Aktionsraum.
Der Fremde aus der Hotelhalle lieferte die entwendeten Gegenstände, wie vereinbart, im Sekretariat ab. Skrotzki quittierte den Empfang und händigte dem Taschenspieler die Gage aus. Der bedankte und empfahl sich für weitere Aufträge. Nachdem er gegangen war, entnahm Evelyn Skrotzki das Bargeld aus den beiden Portemonnaies, steckte es in Kuverts und versah die Umschläge mit den Namen Sessinger und von Kampen. Ausweispapiere und Kreditkarten beließ sie in den Brieftaschen. Bis auf weiteres sollte kein Kandidat erfahren, dass der Diebstahl nur inszeniert war; derartige »Betriebsgeheimnisse« behielt man besser für sich. Herzberg steckte seinen Kopf durch die Tür.
»Na, hat alles geklappt?«
»Alles klar, Chef, hier sind die Sachen.« Herzberg steckte Brieftaschen und Geldbörsen ein, ging in den angrenzenden Monitorraum, wo Lauenroth bereits Bild und Ton eingeschaltet hatte. Auf einem großen, vierfach geteilten Bildschirm konnte man die Aktionen der Kandidaten verfolgen. Ein eingeblendetes Zählwerk am unteren Bildrand zeigte die jeweils richtigen und falschen Nennungen.
»Das mit dem Qualitätszertifikat war dreist. Fast hätten Sie den Revolver gezückt, um Kampen eine Lektion zu erteilen, stimmt’s?« Lauenroth kicherte und zog dabei ein Gesicht wie ein vergnügtes Ferkel. »Ich muss schon sagen, cool, wie Sie den dann haben abblitzen lassen.« Herzberg ließ sich nicht anmerken, dass Lauenroths Bemerkung ihm schmeichelte. »Warum macht der überhaupt so einen Stress?«, erkundigte sich der Assistent, Herzberg sog Luft in die Lungen.
»Sie haben doch seine Vita gelesen. Der fühlt sich den anderen überlegen, weil er durch den väterlichen Betrieb finanziell gut gepolstert ist. Aber auch der Herr wird ruhiger werden, sehr viel ruhiger.« Herzberg presste die Hacken in die Auslegeware. »Apropos Vita, wo bleiben die Unterlagen von Stein?«
»Ups, das habe ich vergessen, Ihnen zu sagen. Die in der Personalabteilung haben sich für die Panne entschuldigt.«
»Ja und, weiter?« Lauenroth schluckte.
»Der Fischer war nicht da, wollte auch vor Montag nicht mehr in den Betrieb kommen, so hat’s mir jedenfalls die Sekretärin gesagt. Problem bei allem ist, die Bewerbungsunterlagen liegen verschlossen in seinem Panzerschrank, da kommt außer ihm keiner ran.«
»Das heißt, wir kriegen weder einen Lebenslauf noch Zeugnisse von dem Stein?« Lauenroth rutschte verunsichert auf seinem Stuhl hin und her.
»Na ja, die Sekretärin hat gemeint, Dr. Stein sei ein erstklassiger Bewerber und Frau Karrt hätte der Teilnahme ausdrücklich zugestimmt.« Herzberg kratzte sich grimmig die Schläfe. Lauenroth schielte zu ihm rüber. »Am Montag wird alles per Eilboten nachgereicht, das hat man mir in die Hand versprochen.«
»Ein zweites Mal passiert mir so etwas nicht. Nur Kandidaten, die ich vorher begutachtet habe, werden in meinem Auswahlverfahren geduldet. Ich werde eine entsprechende Klausel in die Verträge einarbeiten, erinnern Sie mich bitte daran.« Lauenroth nickte devot. Beide konzentrierten sich wieder auf den Bildschirm. Herzberg warf einen kurzen Blick zur Seite. »Übrigens, ich hab beschlossen, der Revolver bleibt im Koffer!«
»Ach ja, weshalb, wenn ich fragen darf?«
»Dieser Kampen kriegt’s fertig und hetzt mir die Polizei auf den Hals. Und noch was, wir nehmen die Chemiefabrik ins Programm, bekommen Sie das zeitlich hin?«
»Kein Problem, die beiden Trainer warten auf Abruf und das Studio ist sowieso gebucht.«
Auf dem Bildschirm sah man Rita Sessinger, mit einem Gesichtsausdruck seltener Hilflosigkeit, in ihrer Handtasche herumkramen. »Die Hoffnung stirbt zuletzt«, murmelte Lauenroth nicht ohne Häme. »Sehen Sie, klappt alles wie am Schnürchen«, fügte er mit hörbarem Stolz hinzu. Lauenroth hatte das Spiel programmiert, doch Herzberg fand keine Veranlassung, ihn dafür zu loben.
»Auf diesen Taschendieb werden wir zukünftig verzichten. Eine Trefferquote von fünfzig Prozent ist völlig indiskutabel.«
»Aber dass Dr. Stein als Überraschungskandidat dazustößt, konnte keiner wissen, und dass Dr. Marr mit dem Lift aus der Tiefgarage kommt, war auch nicht absehbar«, ereiferte sich Lauenroth. Es war seine Idee, die Kandidaten mit vermeintlichen Diebstählen zu verunsichern, um ihre Nervenstärke zu testen.
»Kein Aber, die Aktion bringt nichts, kostet nur Geld«, erklärte Herzberg barsch; damit war die Diskussion beendet.
Schweigend verfolgten sie das weitere Geschehen auf dem Bildschirm. Stein hatte sich eine Spitzenposition erarbeitet. Sein System, zunächst die großen Städte zu benennen – Dessau, Leipzig, Bayreuth, Nürnberg – und danach die kleineren Orte, trug Früchte. Kampen kannte sich im Fichtelgebirge und Frankenwald ganz gut aus und punktete dort. Die Konzentrationsfähigkeit von Rita Sessinger schien dagegen stark beeinträchtigt, entsprechend mager sah ihr Kontostand aus. Auch Marr konnte nicht überzeugen. Aus Unsicherheit tippte und löschte er Eintragungen in schneller Folge. Kurz vor Ablauf der Spielzeit ging es bei Stein mit den Nennungen nicht mehr voran. Er griff in seine Aktentasche und zog einen flachen, silbern glänzenden Gegenstand heraus. Elektrisiert deutete Lauenroth auf den Bildschirm.
»Der hat da so einen Mini-PC, damit kann man auch Routen planen.«
»Sobald er das Ding einschaltet, lassen wir ihn auffliegen«, meinte Herzberg fröhlich. Man sah, wie Stein das Gerät erst unschlüssig in den Händen hielt und es dann auf den Tisch legte, um es von sich fort zu schieben.
»Hab ich leider vergessen, abzugeben«, brummelte seine Stimme aus den Lautsprechern.
»Da hast du aber noch mal Glück gehabt«, zischte Herzberg.
»Sie haben was gegen den Stein?«
»Gegen ihn persönlich? Nein, wirklich nicht.« Herzberg lachte trocken. Und wieder widmete man sich schweigend dem Bildschirm, wo sich jedoch kaum mehr etwas tat.
Als das Schlusssignal ertönte, aktivierte Lauenroth, nun für jeden sichtbar, die Ergebnisse. Stein hatte einundzwanzig richtige und zwei falsche Benennungen für Autobahnzufahrten beziehungsweise -abfahrten, ergab fünfzehn Punkte (die falschen zählten dreifach und wurden abgezogen). Kampen kam, nach Abzug einer falschen Ortsbezeichnung, auf elf Richtige. Marr und Sessinger unterschieden sich im negativen Ergebnis nicht wesentlich voneinander, in der Summe brachte sie es auf einige Minuspunkte mehr als ihr Mitstreiter.
»Ich darf gleich mehrere Gewinner in dieser ersten Runde beglückwünschen«, verkündete Herzberg beim Betreten des Aktionsraums.
»Mehrere?«, wunderte sich Marr.
»Zunächst einmal hat laut Computerzählung Dr. Harald Stein die höchste Punktzahl errungen und damit umgerechnet fünfzehn Liter Kraftstoff gewonnen. Vielleicht zeigen sich die Verlierer erkenntlich und spendieren dem Sieger heute Abend statt Benzin an der Bar ein Getränk.«
»Würde ich ja, aber wer gibt mir Kredit?«
»Gar kein Problem, Rita.« Herzbergs Wangen spannten vor Vergnügen. »Sie zählen ebenfalls zu den Gewinnern des Vormittags.« Sie blickte ihn erstaunt an. »Schauen Sie, Ihre und Roberts Ausweispapiere und Kreditkarten sind wieder da.« Herzberg griff in die Innentaschen seines Jacketts und zauberte die Gegenstände hervor. »Wir hatten das Hotel informiert, worauf ein Angestellter Nachforschungen angestellt und die Sachen aus einem Abfallbehälter gefischt hat.« Herzberg wandte sich direkt an Kampen. »Respekt, Sie haben Nervenstärke bewiesen und trotz des Diebstahls das zweitbeste Ergebnis erzielt.« Dann klatschte er aufgeräumt in die Hände »So, Herrschaften, nach diesem erfreulichen Auftakt gönnen wir uns eine kurze Kaffeepause, danach geht’s munter weiter.«
TOD EINES PFERDES
Rita Sessinger ließ Kreditkarten, Ausweis und Führerschein durch ihre Hände gleiten. Außer ihrem Bargeld war alles da. Sie nahm einen Schluck Tee und atmete erleichtert durch. Stein und Marr hatten sich zur Anrichte begeben, nippten an ihren Kaffeetassen, während sie sich angeregt über Diebstähle, Kreditkartenbetrug und Internetpiraterie unterhielten. Kampen stand allein an einem der großen, in bronzefarbene Aluminiumrahmen gefassten Fenster. Versonnen betrachtete er die Giebel der gegenüberliegenden Häuser, wo hoch oben die Sonne stand und mit der Intensität eines wolkenlosen Julivormittags die Stadt aufheizte. Sein Blick wanderte in die Tiefe. Die Leute an den Tischen, unten auf der Terrasse, löffelten Eis, tranken Cappuccino oder Bier und sahen dabei ungemein relaxt aus. Das friedfertige Ensemble erinnerte ihn an ein südländisches Straßencafé, irgendwo zwischen St. Tropez und Cannes, dort, wo er die französischen Zwillingsschwestern kennengelernt und mit ihnen die Semesterferien verbracht hatte. Eine unbeschwerte Zeit damals, im Käfercabrio, am Strand, in Diskotheken und Bars. Die kurzen Nächte in preiswerten Hotels, mit zerwühlten Betten, ekstatischen Verrenkungen und trunkenem Glück. Stets zu dritt, ohne den geringsten Anflug von Eifersucht. Die Bilder der Erinnerung waren so stark, dass er Rita Sessinger erst wahrnahm, als sie direkt neben ihm stand.
»Schön, nicht?«
»Mmmh«, murmelte er. Fast berührten sich ihre Arme und Wohlbehagen breitete sich zwischen ihnen aus. Ihr heimlicher Blick glitt wohlwollend an ihm herab. So einer würde sich nie mit Kettchen, Ringen und Ohrsteckern aufhübschen, sinnierte sie. Das Rasierwasser … An wen oder was erinnerte sie bloß dieses Rasierwasser? Beide genossen es, nicht zu sprechen, nur ihrem momentanen Gefühl Raum zu lassen. Eine träumerische Zweisamkeit für einen kurzen, sinnlichen Augenblick. Unvermittelt flog die Saaltür auf, Herzberg stürmte herein, wirbelte zu seinem Platz und begann sofort, munter draufloszuplaudern.
»Als Jugendlicher wollte ich reiten lernen, bin damit aber kläglich gescheitert.« Er stockte und betrachtete seine Fingernägel. »Nun fragen Sie sich vielleicht, woran ich gescheitert bin? Die Antwort: Ich war dort nie richtig bei der Sache, weil ich im Grunde Mädchen kennenlernen wollte, die Pferde auf dem Reiterhof waren allein Mittel zum Zweck.« Spitzbübisch schielte er über sein Brillengestell. »Als ich endlich kapierte, dass die komplette Riege der Zahnspangenträgerinnen neben Mähnenkämmen und Hufeisenkratzern ausschließlich ihre Gäule im Kopf hatte und ich ihnen ansonsten völlig egal war, habe ich aus Frust nie wieder einen Pferdestall betreten.«
»Kein Futter, kein Tierarzt, keine Stallmiete«, zählte Marr auf, »da haben Ihre Eltern sehr viel Geld gespart.«
»Das Gegenteil ist richtig. Weder meine Eltern noch ich hatten eine Ahnung, wie viel Geld man mit Pferden verdienen kann. Man muss allerdings ein Händchen für dieses Geschäft haben und das heißt, man muss den Pferdesport pragmatisch, besser gesagt betriebswirtschaftlich sehen.« Herzbergs Augen begannen zu leuchten. »Sagt Ihnen der Name ›Deep Impact‹ was, nein? Neun Millionen Euro hat der Besitzer des Pferdes insgesamt an Preisgeldern eingestrichen. Aber das sind nur Peanuts im Vergleich zum Ertrag, den die Körpersäfte des Deckhengstes ›Giant’s Causeway‹ einbringen. Rechnen Sie selbst: Hundertachtundsechzig lebend gezeugte Fohlen, bei einer Decktaxe von jeweils dreihunderttausend US-Dollar ergibt round about fünfzig Millionen Dollar und, das in einer einzigen Saison. Gigantisch, wie viele Talerchen man aus den Lenden so eines Prachtburschen rauskitzeln kann, wenn man’s richtig anstellt. Mögen Sie Pferde?«, fragte er, sich unvermittelt an Rita Sessinger wendend. Sie musste sich räuspern, ehe sie antworten konnte.
»Ich kann Pferde überhaupt nicht einschätzen. Vierbeiner, größer als ein Dackel, sind mir generell unheimlich.« Herzberg beschrieb mit der Hand einen weiten, bis zu einem imaginären Horizont reichenden Bogen.
»Robert, können Sie sich vorstellen, auf einem seidig glänzenden Rappen über die Prärie zu galoppieren, die untergehende Sonne im Rücken, die endlose Weite vor sich?« Kampen winkte ab.
»Das klingt mir viel zu pathetisch, mit solchen Kitschbildern kann ich nichts anfangen.«
»Schade, die Vorstellung, Sie hier rausreiten zu sehen, hätte mir gut gefallen.« Herzberg wandte sich Stein zu, der lässig die Arme hinter dem Kopf verschränkt hielt.
»Aber Sie mögen Pferde, oder?«
»Pferde? Klar, kann gar nicht genug davon kriegen. Mindestens zweihundert, besser zweihundertfünfzig – unter der Motorhaube.« Herzberg nickte verständnisvoll.
»Und Sie, auch so ein Pferdenarr?« Herzberg fixierte Marr.
»Pferdenarr? Ich sag mal, ich hatte früher mal ein paar Reitstunden, aber jetzt, wo der Kleine da ist, gibt es wichtigere Dinge in meinem Leben als Pferdesport.« Herzberg legte die Hände ineinander und blickte gut gelaunt in die Runde.
»Vielleicht hassen Sie allesamt Pferde und würden diese eingebildeten Heufresser am liebsten zu Lebensmitteln verwursten. Ist es so?« Herzberg strahlte Stein unverschämt an. Der kräuselte die Nase.
»Was soll dieses ganze Vorgeplänkel, Herr Herzberg? Jetzt sagen Sie uns doch mal klipp und klar, was Sie eigentlich vorhaben.«
»Gut! Das werde ich Ihnen jetzt zeigen.« Herzberg stand mit einem Ruck auf, um einen der vielen Schalter an der Stirnseite des Raumes zu betätigen. Zwei Holzsegmente glitten zur Seite und gaben die Sicht auf eine Leinwand frei. Die aufflammende Projektion zeichnete das Logo der Personalagentur in blauen formatfüllenden Lettern.
»Bitte betrachten Sie den Film, den ich gleich starte, so genau wie möglich. Sie werden Szenen mit verschiedenen Pferden sehen. Es handelt sich durchgehend um Amateuraufnahmen, deshalb die bescheidene Bildqualität.« Herzberg tippte auf die Fernbedienung, die er von der Konsole genommen hatte, und der Film lief an. »Sehen Sie, wie die Tiere herumtollen?« Die Teilnehmer sahen stumm zu. »Das da ist eine Stute, in der nächsten Szene sehen Sie einen Wallach; bei beiden handelt es sich um Springpferde. Das dritte Tier ist ein Traberhengst.«
»Wallach, woran erkennt man das denn?«, wollte Marr wissen.
»Ein Wallach ist ein Kastrat, das sieht nur der Fachmann, es ist im Übrigen auch nicht wichtig bei diesem Spiel. Aber da Sie schon fragen«, Herzberg stoppte den Film und das Standbild verharrte bei einem der Pferde mitten im Galopp, »so ein Wallach wird gern als Turnierpferd eingesetzt, weil er sich nicht von Stuten ablenken lässt. Ist wie bei uns im Sport, Männlein und Weiblein besser getrennt.« Herzberg ließ den Film weiterlaufen. Schmunzelnd wandte er sich an Rita Sessinger. »Gefällt Ihnen der Film?«
»Nun ja … ich weiß nicht.«
»Sie wissen nicht, was das Ganze soll? Aber die herrlichen Tiere, die gefallen Ihnen?« Sie zuckte mit den Schultern.
»Keine Ahnung, irgendwelche Pferde halt.« Herzberg trat einen Schritt beiseite; die Szenen des Films begannen sich zu wiederholten.
»Sind Sie entschlussfreudig, Rita?«
»Ich denke schon, klar. Warum?«
»Was würden Sie sagen, wenn Wohl und Wehe der Tierchen«, seine Stimme senkte sich um eine halbe Oktave, »also Leben oder Tod davon abhängen, wie Sie sich in den nächsten 15 Minuten entscheiden?« Er musterte sie eindringlich, dann entspannten sich seine Gesichtszüge. »Na ja, Sie müssen die Entscheidung nicht alleine treffen.« Herzberg machte einen Ausfallschritt zur Seite. »Michael, Sie haben gesagt, Sie hatten mal Reitstunden. Dass heißt, Sie können von uns allen die Qualität des Materials am besten beurteilen. Welches dieser Tiere gehört Ihrer Meinung nach auf die Schlachtbank?«
»Na keins«, entgegnete er entrüstet. »Die machen alle einen topfitten Eindruck.« Herzberg nickte.
»Dem Anschein nach haben Sie Recht. Bedauerlicherweise erlitt eines der Tiere einen schweren Unfall. Die Veterinärärzte haben alles versucht, um das Tier zu retten, leider ohne Erfolg. Jetzt muss das Pferd getötet werden, und Sie müssen entscheiden, um welches der drei Tiere es sich handelt. Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, was passiert, falls Sie aufs falsche Pferd setzen.« Herzberg schlug die Augen nieder. »Natürlich können Sie sich wehren und sagen, dass Sie bei so einer Aktion nicht mitmachen, Ihr gutes Recht.« Herzberg sah hoch und blinzelte hinterhältig in die Runde. Kampen öffnete den Mund, aber noch ehe er einen Ton hervorbringen konnte, wurde ihm das Wort abgeschnitten. »Ich weiß genau, was Sie denken. Sie denken, ich bluffe, treibe mit Ihnen Schabernack, aber Sie irren sich. Ich verspreche jedem von Ihnen in die Hand, Ihre gemeinsam getroffene Entscheidung gilt und wird zeitnah vollstreckt. Ist sie richtig, wird nur das verletzte Tier von seinen Qualen erlöst, ist sie falsch, wird ein weiteres Tier getötet, auf das Sie sich geeinigt haben.« Die Teilnehmer blickten sich sprachlos an. »Nun dann, viel Glück.« Herzberg war im Begriff zu gehen.
»Ja … aber, Moment noch!«
»Robert?«
»Was passiert, wenn wir uns nicht einigen können?«
»Dann empfehle ich, Ihren Koffer heute Abend gar nicht erst auszupacken, denn was soll mein Auftraggeber mit einem Bewerber anfangen, der schon bei der ersten, halbwegs robusten Aufgabe versagt?«
»Also nun, Moment mal …«, ereiferte sich Kampen.
»Sie wollen, dass ich schon mal einen Tisch zum Abschied auf Ihren Namen vorbestelle? Die Alte Fischerhütte ist berühmt für ihr Pferdegulasch in Rotweinsauce.« Keiner konnte darüber lachen.
»Sie sagen, eins der drei Pferde, die wir im Film gesehen haben, muss verletzungsbedingt getötet werden und jetzt sollen wir auf gut Glück darüber entscheiden …?«
»Nicht auf gut Glück, Michael, sondern aufgrund reiflicher Überlegung sollen Sie gemeinsam ein Urteil fällen.«
»Was passiert eigentlich …?« Herzberg unterbrach Stein.
»Schluss! Ich kann und will keine Frage mehr beantworten, wir müssen jetzt anfangen. In genau einer viertel Stunde erwarte ich Ihr gemeinsames Votum.« Im Türrahmen drehte er sich nochmals um. »Nun gucken Sie nicht so entsetzt, Rita. Ist doch alles halb so wild, die Mähren sind längst abgeschrieben, andernfalls könnte ich das finanzielle Risiko einer Fehlentscheidung gar nicht tragen. So, und jetzt konzentrieren Sie sich mal auf den Film.« Herzberg trat ab.
»Das glaub ich nicht.« Rita Sessinger starrte fassungslos hinter ihm her. Die Pferde auf der Leinwand galoppierten derweil munter durch die Endlosschleife.
»Ach, ist doch alles nur ein Trick. Die Pferde gibt’s nur in diesem dämlichen Film. Wer soll denn kontrollieren, was mit denen am Ende wirklich passiert?« Kampen lehnte sich weit und betont entspannt zurück.
»Also Vorsicht, ich sag mal, ich glaube nicht, dass wir es uns so einfach machen können.« Marr hatte seine Stirn in Falten gelegt.
»Das ist die gängige Methode, um Stress zu erzeugen, alles nur leeres Gequatsche. Wir nehmen irgendeinen Gaul und damit hat es sich.« Kampen wies lässig auf eins der Pferde. »Hier, der da ist so ein wilder Geselle, der hat sich bei irgendeinem Sprung garantiert die Haxen gebrochen und muss jetzt die Konsequenzen tragen.«
»Also, bitte, so trifft man doch keine Entscheidung, das ist ja grausig«, erklärte Rita Sessinger mit fester Stimme. »Wir werden uns an das halten, was gesagt wurde.«
»Und was wurde gesagt, von unserem Tierfreund?«, zischte Kampen.
»Jeder hält jetzt einfach mal den Mund und wir schauen ganz genau hin, was da vorne läuft«, erklärte Stein. Kampen wollte etwas entgegnen, sagte dann aber nichts. Diesen Stein konnte er noch am wenigsten einschätzen.
»Wenn einem der gesunden Pferde auch nur ein Haar gekrümmt wird, benachrichtige ich den Tierschutz«, giftete Rita Sessinger.
»Ruhig Blut«, empfahl Stein. »Wir können im Anschluss immer noch überlegen, was wir mit dem Herrn Personalberater anstellen. Im Übrigen gebe ich Herrn von Kampen Recht, die Sache ist ein Trick. Ich weiß zwar nicht, was für einer, aber wir sollten versuchen dahinterzukommen. Uns bleiben genau noch neun Minuten, also, bitte, konzentrieren wir uns auf die Bilder.« Nach einer kurzen Pause fuhr er fort. »Wir sehen Freiland, eine Koppel, darauf der Traberhengst. In der nächsten Einstellung …«
»Oh, Mann.« Stein ließ sich durch Kampens Stöhnen nicht irritieren, sprach einfach weiter. »… ist eins der Springpferde im Bild.« Nachdenklich strich er sich über das Kinn. »Weiß jemand, bei welcher Disziplin die Verletzungsgefahr höher ist, beim Springen oder bei der Dressur?« Rita Sessinger schüttelte ungehalten den Kopf.
»Das ist doch irrelevant. Immer und bei jeder Gelegenheit kann im Sport was Ernstes passieren. Im Übrigen sollten wir nicht nur auf die Tiere starren. Da muss es noch etwas anderes geben, irgendetwas, ein versteckter Hinweis im Film zum Beispiel.« Ihr Kopf schoss herum. »Menschenskinder, nun sagen Sie doch auch mal was.« Marr räkelte seinen zusammengefalteten Körper aus dem Sitz.
»Schöne Idee, Rita, aber wo, bitte, wo? Ich sehe nur trabende Rösser in blühenden Landschaften, nichts, was mir besonders ins Auge springen würde.« Er sackte wieder in sich zusammen.
»Rita hat Recht«, bekräftigte Stein. »Wir starren jetzt nicht nur auf die Gäule, sondern achten ganz genau auf alles, was sich noch so darum herum abspielt.« Im unteren Bildschirmrand wurde die Restzeit eingeblendet. »So, uns bleiben noch fünf Minuten, in Kürze treffen wir eine Entscheidung, welche auch immer«, erklärte Stein.
»Welche auch immer«, wiederholte Kampen verächtlich. ›Dieser Stein versucht sich als Macher aufzuspielen und kocht selbst nur auf kleiner Flamme‹, dachte er voller Genugtuung.
»Bitte, jetzt noch mal absolute Konzentration«, donnerte Stein, während die Bilder der Amateuraufnahmen vor den Augen der Betrachter flackerten.
»Da, die Hinterhand des Rappens«, erregte sich Stein, »ist das normal?«
»Völlig normal, hat nur einen eigenwilligen Gang, der Bursche«, befand Marr mit dem fehlbaren Blick des Gelegenheitsreiters.
»Plattfüße«, höhnte Kampen, aber niemand lachte.
»Also ich kann beim besten Willen nichts Auffälliges entdecken.« Marr nahm die Brille ab und rieb sich die Augen. »Wo wurde das überhaupt gedreht?«
»Nur Feld, Wald und Wiese, kann überall sein«, knurrte Stein.
»Dort!«, rief Rita Sessinger und sprang auf. »Da oben rechts, in der Szene mit dem dunkelbraunen Pferd. Im Holzbogen, da stand etwas.« Gespannt warteten die vier, bis die Einstellung wiederkehrte. Für einen winzigen Moment sahen es alle. Eine gekerbte Inschrift in dem geschwungen Torbalken des Koppelzauns.
»Schlazig oder Schlenzig? Ich probier’s einfach.« Rita Sessinger eilte zum Fernsprechapparat auf der Anrichte und wählte die Nummer der Auskunft. »… Ja? … Es gibt tatsächlich einen Reiterhof mit diesem Namen?« Sie notierte die Nummer und wählte erneut.
»Guten Tag, mein Name ist … Ach, Sie wissen Bescheid? Das Pferd mit der schweren Verletzung? … Ja? Ach, das ist wirklich sehr traurig … Danke und alles Gute für Sie.« Sie kam zurück, setzte sich und strahlte. »Bingo, es ist tatsächlich der Dunkelbraune.« Herzberg hatte den Raum durch den hinteren Eingang betreten und klatschte laut Beifall.
»Bravo, Sie haben die Lösung gefunden.« Rita Sessinger sprang auf und stapfte ihm mit zusammengepressten Lippen entgegen.
»Dieses Spiel war eine Sauerei.«
»Weshalb?«, fragte er unschuldig.
»Was wäre, wenn wir falsch gelegen hätten?« Sie baute sich herausfordernd vor ihm auf.
»Nichts!«
»Was heißt ›nichts‹? Sie haben gesagt, bei einer falschen Entscheidung würde ein weiteres, nämlich unverletztes Tier sterben. Oder war doch nur alles ein Bluff? Auch das wäre eine Sauerei.« Sie zitterte vor Wut.
»Nun mal halblang. Sie haben doch das gesuchte Tier gefunden. Also beruhigen Sie sich erst mal wieder.« Er dämpfte mit der Hand ihre Erregung. »Wollen Sie wissen, was mit den beiden anderen Pferden ist?«
»Was soll denn diese Frage?«, entfuhr es ihr ziemlich lautstark.
»Die müssen leider auch getötet werden, allerdings wegen Altersschwäche.«
»Altersschwäche? Sie haben doch behauptet, der Unfall sei erst vor kurzem passiert.«
»Das stimmt, bezogen auf das braune Pferd, aber die Aufnahmen mit den beiden anderen Tieren wurden bereits vor vielen Jahren gemacht. Marc hat die Filme bearbeitet, um das Material anzugleichen, ist ihm prima gelungen, nicht? Na jedenfalls sind die beiden anderen nun sehr, sehr alt und furchtbar klapprig. Es wäre eine einzige Quälerei, sie länger leben zu lassen.« Rita Sessinger drehte sich weg. »Sind Sie jetzt knatschig, Rita?« Herzberg bemühte sich ernst zu bleiben.
»Ja!«, sie spürte, wie die Anspannung aus ihrem Körper wich.
»Na, dann atmen Sie erst mal kräftig durch. Bestimmt wollen Sie alle wissen, wie es zu der schweren Verletzung des Braunen kam, ich zeig’s Ihnen.« Herzberg betätigte die Bildsteuerung. Eine neue, bislang unbekannte Szene wurde eingespielt. Nur noch wenige Meter bis zum Hindernis. Der Reiter, ein Kind, saß geduckt im Sattel. Der braune Hengst bohrte seine Hufe in den Boden. Ohne in der Geschwindigkeit nachzulassen oder Muskelkraft zum Absprung auf die Hinterhand zu lenken, prallte das Tier ungebremst in die aufgeschichteten Birkenstämme. Das Bild begann zu wackeln, schemenhaft war zu erkennen, wie sich das Pferd überschlug und der Körper des kleinen Reiters in hohem Bogen über das Hindernis flog. Der Film endete abrupt.
»Der Junge hatte unglaubliches Glück. Außer ein paar Schrammen ist ihm nichts passiert. Aber das Pferd hat schwer gelitten. Wie gesagt, die Tierärzte haben alles versucht, aber da war nichts mehr zu machen.« Herzberg zuckte mit den Schultern.
»Und wer hat das alles gefilmt?«, fragte Marr.
»Die Eltern, alte Bremer Kaufmannsfamilie, die haben die Reitkünste ihres Sprösslings total überschätzt.« Herzberg ließ die Videoleinwand verschwinden und setzte ein Feiertagsgesicht auf. »Kompliment, Rita, ich muss schon sagen, Sie haben eine bemerkenswerte Beobachtungsgabe.« Sie schwieg, denn ihre Verärgerung war noch nicht ganz verflogen. Herzberg klopfte auf den Tisch. »Jetzt machen wir aber erst mal eine Mittagspause und ich verspreche Ihnen, dass es im nächsten Durchgang ganz friedlich und märchenhaft zugeht.«
»Kann man Ihnen trauen?«, fragte sie mit gespieltem Argwohn.
»Na sicher, habe ich Sie bisher hinters Licht geführt?«
»Aber Sie haben es noch vor?«, fragte sie.
»Ach, kommen Sie«, er zwinkerte ihr listig zu. »Die Episode am Nachmittag handelt von schönen alten Geschichten, Sie können sich schon mal darauf freuen.« Herzberg ging nach vorn, öffnete die große Flügeltür, trat in einer respektvollen Geste beiseite, um die Kandidaten in den Speisesaal zu entlassen.
JEMELJA UND DER ZAUBERER
Nach dem Verzehr von Lendchen in Safransauce schlenderten die Kandidaten zurück in den Aktionsraum. Rita Sessinger plauderte mit Harald Stein über Neuerscheinungen auf dem Büchermarkt, während Robert von Kampen und Michael Marr sich über die scheckige Betonfassade des Kanzleramtes und in diesem Zusammenhang auch noch über das verkorkste Stummeldach des Berliner Hauptbahnhofs mokierten.
Für Herzberg und Mitarbeiter fiel die Mittagspause aus. Ein Anruf der Werksvertretung und die geplante Mutprobe an der großen Kletterwand in der Mercedeshalle in Charlottenburg war gecancelt worden. Aus Sicherheitsgründen, wie die Geschäftsleitung des Hauses kurzfristig wissen ließ. Insbesondere Lauenroth hatte sich schon auf das Schauspiel gefreut: Marr, die Hosen gestrichen voll an der Steilwand klebend; neben ihm Sessinger mit kalkweißem Gesicht, zitternd an einen der schmalen Vorsprünge gekrallt; über beiden dieser anmaßende Kampen, kopfüber im Fangseil pendelnd, irgendwo dazwischen Stein, der sich vor Angst schlotternd weder vor noch zurück traute. Aber statt in hämischer Vorfreude zu schwelgen, glühten in dem kleinen Büro die Köpfe bei der Suche nach kurzfristigem Ersatz für die geplatzte Aktion.
Rita Sessinger zog sich die Jacke über. Ihr schien die Temperatur, hier im Aktionsraum, deutlich kühler als im Restaurant zu sein. Sie, Stein und Kampen hatten bereits ihre Plätze eingenommen. Nur Marr stand noch hinter seinem Stuhl, vornübergebeugt, die Hände auf die Rückenlehne gestützt.
»Bin richtig gespannt, wie’s jetzt weitergeht. War doch ganz nett bisher, oder?« Die anderen betrachteten ihn wie einen Geistesgestörten. »Von alten Geschichten hat Herzberg gesprochen. Also ich sag mal, da kenne ich auch ein paar schöne Geschichten, über die Scheidung von seiner Frau, Laura Bernadotte. Ob er uns davon ein paar Takte erzählen will?«
»Die Filmschauspielerin?«, fragte Rita Sessinger. »Mit der war Herzberg verheiratet?« Marr rollte bedeutungsschwer mit den Augen.
»Informieren Sie sich nicht im Internet, bevor Sie zu einem Auswahlverfahren gehen? Herzberg war doch mal eine große Nummer als Personaler. Später dann hat man ihn nur noch in den Klatschspalten der Regenbogenpresse zerrissen.«
»Ist das die, die in der Serie Im Nonnenhaus so eine verhuschte Oberin spielt?«, fragte Kampen und schnaufte abschätzig durch die Nase. Marr plumpste auf seinen Stuhl. »Genau! War schon eine üble Geschichte, damals mit der Bernadotte. Ich sag mal, Sex and Drugs and Rock’n’ Roll, die ganze Palette. Hätte ihn fast ins Armenhaus gebracht, unseren …« Wie eine Mausefalle schnappte Marrs Mund zu, als Herzberg unvermittelt in den Saal stürmte. Lauenroth, im Windschatten seines Chefs, schloss leise die Tür und setzte sich artig neben ihn.
»General Motors hat in den 90ern 15.000 Dollar und mehr Tagesgage für Kreativitätsseminare ausgegeben. Und damals war der Dollar noch was wert. Die Verantwortlichen im Konzern hofften, die Leute würden anschließend nur so sprühen vor Geist. War wohl eine ziemliche Fehlinvestition, wenn man rückblickend auf das Ergebnis schaut.« Stein fühlte sich angesprochen.
»Ich weiß nicht, was Sie meinen. Das Mutterhaus hat eine Jahresproduktion von 8,4 Millionen Autos. GM ist nach Toyota die Nummer zwei auf dem Weltmarkt, weit vor Volkswagen.« Er blieb ganz ruhig, nur seine Augen rollten in den Höhlen. »Wenn im Herbst die neuen Modelle auf den Markt kommen, geht’s nach dem kleinen Sommerloch wieder ganz nach oben. 2009 wird ein richtig gutes Autojahr für uns, da werden manche noch staunen.«
»Worüber, über die durstigen Geländewagen und fetten Pick-ups, die überall wie Blei in den Verkaufsräumen stehen?«
»Ich spreche von Opel! Schauen Sie sich die jüngste Generation der kompakten Fahrzeuge an, da steckt massenweise modernstes technisches Know-how drin.« Das klang jetzt schon etwas lauter. Herzberg winkte ab.
»Wenn Ihr Haus so gut dasteht, dann verstehe ich nicht, weshalb Sie sich ausgerechnet bei einem Zulieferer bewerben? Warum bleiben Sie nicht dort und feiern die riesigen Verkaufserfolge?« Bevor Stein den Mund aufsperren konnte, um nun richtig gegenzuhalten, lenkte Herzberg ein. »Spaß beiseite, Harald, ich kann sowohl Ihnen als auch den anderen garantieren, wer den ausgeschriebenen Job kriegt, der oder die hat das große Los gezogen. Beim Automobil läuft doch früher oder später alles auf den Elektroantrieb hinaus und ich versichere Ihnen, gerade bei der Entwicklung zukunftweisender Radnabenmotoren spielt mein Auftraggeber ganz vorn mit, in der ersten Liga.« Herzberg blickte aufmerksam in die Runde, schob den Zeigefinger unter den Kragen, um am Hals etwas Spielraum zu haben. Mit seiner Provokation wäre er bei Stein fast übers Ziel hinausgeschossen und diese Blöße wollte er sich keinesfalls geben. »Womit wir bereits beim eigentlichen Thema, dem kreativen Mitarbeiter, wären. Leider können Firmen den Wert dieser Humanressource häufig gar nicht hoch genug einschätzen.«
»Humanressource«, knurrte Stein abfällig. »Das ist dieser typische Berater-Slang.« Herzberg ignorierte Steins Einwurf und trat an den Flipchartständer.
»Kennt jemand den Namen Ian Kay?«
»Der Erfinder des Notebooks?«, fragte Marr.
»Genau! Kay beantragte bei seinem Arbeitgeber eine Dusche, Begründung: unter einem heißen Wasserstrahl kämen ihm die besten Einfälle. Sein bisheriger Brötchengeber, Rank Xerox, lehnte das Ansinnen strikt ab, Apple dagegen akzeptierte den Spleen und angelte sich damit einen höchst talentierten Tüftler.« Herzberg trat einen Schritt beiseite. »Es sind Leute wie Kay, die Intelligenz, Schrulligkeit und Intuition kongenial miteinander verknüpfen, die reinsten Innovationsschleudern, nicht mit Gold aufzuwiegen.« Herzberg streckte ein großformatiges Buch hoch. Auf dem ramponierten Einband waren Männer mit Pelzmützen und Frauen in prächtigen Gewändern vor einer russisch-orthodoxen Kirche zu sehen. »Dem russischen Großfürsten Wladimir wird nachgesagt, dass seine Strategien für erfolgreiche Feldzüge im Wesentlichen auf der Inspiration eines begnadeten Märchenerzählers gründen. Märchen, Geschichten, Erzählungen, all das basiert auf Kreativität. Kreativität als Humus für neue Produkte und Verfahren, ohne die auf Dauer kein Umsatz, kein Gewinn, keine unternehmerische Expansion möglich ist. Und weil Kreativität in Führungspositionen unerlässlich ist, möchte ich jetzt feststellen, wie es um Ihre Fantasie bestellt ist. Zeigen Sie, was Sie Ihrem zukünftigen Arbeitgeber auf diesem Feld bieten.« Herzberg ließ das Buch sinken. Erst jetzt bemerkte er, dass er ziemlich laut geworden war. »Warum sehen Sie mich eigentlich alle so erstaunt an?«, fragte er.
»Weil wir gespannt sind, wie Sie das rauskriegen wollen«, erklärte Stein, die anderen nickten.
»Okay, na dann. Marc erklärt Ihnen, was wir uns dazu ausgedacht haben.« Der Assistent nahm ein Holzkästchen vom Tisch und stellte sich in Positur wie ein Beamtenanwärter in Erstausübung eines wichtigen Verwaltungsakts.
»Hier drin sind acht Zettel. Auf den weißen steht der Anfang eines alten russischen Märchens. Ihre Aufgabe besteht darin, die Geschichte im Stil der Textvorlage zu Ende zu erzählen. Außerdem gibt es noch gelbe Zettel. Darauf finden Sie ein gängiges Produkt der Jetztzeit. Das müssen Sie möglichst geschickt in die Geschichte einflechten. Alles klar?« Lauenroth schüttelte das Kästchen und hielt es Rita Sessinger hin. »So, die Dame, Sie haben die erste Wahl.« Sie griff zögernd in die Schachtel, entnahm einen gelben und einen weißen Zettel. »Jetzt die Herren, bitte sehr.« Während Lauenroth die Schachtel herumreichte, schaltete sich Herzberg wieder ein.
»Sie kennen ja bereits die Stellwände da hinten. Da können Sie jetzt ungestört schreiben. Gibt es noch Fragen zum Prozedere?«
»Wie lang soll der Text werden?«, wollte Marr wissen.
»Das bleibt Ihnen überlassen, wichtig ist nur, dass Sie die Geschichte rechtzeitig beendet haben, wenn das Zeichen ertönt. Unsere Auswertung geht übrigens ganz schnell, wir können die Textentstehung am Bildschirm verfolgen.« Herzberg sah auf die Uhr. »Viertel nach vier sehen wir uns hier wieder.«
»Moment bitte noch.« Rita Sessinger zögerte, sollte sie wirklich mit ihrer Idee herausrücken? Sie hatte sich gleich zu Anfang schon hinreichend blamiert.
»Ja, Rita?«
»Auch auf die Gefahr hin, dass es albern klingt, ich fände es schön, wenn wir was von den Geschichten der anderen hören könnten.«
»Das ist überhaupt nicht albern, sondern eine tolle Anregung.« Herzberg strahlte und ihr fiel ein Stein vom Herzen. »Also, beschlossen und verkündet, die schönste Geschichte wird vorgetragen, vorausgesetzt der Autor beziehungsweise die Autorin ist damit einverstanden.« Herzberg schob sich das Märchenbuch unter den Arm und verließ den Raum. Stein blickte abwechselnd auf den weißen und den gelben Zettel in seinen Händen, wirkte dabei ein wenig unbeholfen.
»Das kann ja heiter werden.«
»Irgendwie aber auch eine witzige Idee, finden Sie nicht?«, flötete sie gut gelaunt.
»Was haben Sie denn gezogen?«
»Dürfen wir das denn verraten?« Sie musterte ihn spitzbübisch.
»Selbstverständlich, niemand hat von einem Geheimnis gesprochen.«
»Also, bei mir steht«, sie zögerte, »Navigationssystem.«
»Wow, viel Spaß damit am Hof des Zaren.«
»Wie kommen Sie auf den Zarenhof?«
»In jedem anständigen russischen Märchen taucht irgendwann der Zar auf, das ist nun mal so.«
»Und was steht auf Ihrem Zettel?«, fragte sie neugierig wie ein Kind.
»Trockenrasierer, ganz schön blöd, ohne Strom. Na egal, werde mir schon irgendetwas zurechtspinnen.« Er ließ den Zeigefinger an seiner Schläfe rotieren.
Lauenroth bedeutete den Teilnehmern, zu ihm zu kommen. Nachdem er jedem seinen Platz zwischen den Stellwänden zugewiesen hatte, folgte er Herzberg in den Monitorraum. Alsbald vernahm man das leise Klappern der Tastaturen aus dem Lautsprecher. Herzberg und Lauenroth lasen am Bildschirm die Mitteilung, die Kampen ihnen schrieb. Herzberg zuckte lakonisch mit den Schultern, Lauenroth kicherte leise. Dann konzentrierte man sich wieder auf die Wörter und Sätze der anderen drei, die verändert, verschoben, gelöscht, teils wiederhergestellt wurden und die zügig, dann wieder stockend, zum endgültigen Textkörper heranreiften. Um zehn nach vier ertönte das vorläufige Schlusssignal, fünf Minuten später das endgültige, danach verriegelte Lauenroth die Eingabe.
»So«, meldete sich Herzberg, nachdem er mit seinem Assistenten in den Aktionsraum zurückgekehrt war. »Wir haben Erzählungen von ganz unterschiedlicher Qualität gelesen. Am elegantesten – jedenfalls unserer Meinung nach – hat Dr. Michael Marr die Aufgabe gelöst.« Herzberg sah ihn aufmunternd an. »Wie wär’s, Michael, haben Sie Lust, Ihre Geschichte vorzutragen?« Marr zierte sich erst ein wenig, doch da die anderen ihn bedrängten, ließ er sich sehr schnell zum Vortrag überreden. Derweil blätterte Herzberg in dem mitgebrachten Märchenbuch eine bestimmte Seite auf und begann daraus vorzulesen:
In einem Dorf lebten einmal drei Brüder: Semjon, Wassili und der jüngste, der dumme Jemelja. Semjon und Wassili trieben Handel und Geschäfte, Jemelja lag den ganzen Tag faul auf dem Ofen. Einmal mussten die beiden älteren Brüder in die Stadt fahren und sagten zu Jemelja: ›Wir bleiben eine ganze Woche weg. Hör auf unsere Frauen, hilf ihnen, und wenn du artig bist, bringen wir dir aus der Stadt Lebkuchen und Wodka mit.‹ ›Von mir aus‹, sagte der dumme Jemelja, drehte sich auf die andere Seite und schlief weiter.
So weit der Text des Märchens im Original.« Herzberg klappte das Buch zu. »Nun möchten wir vom Autor erfahren, wie er die Geschichte weitergesponnen hat, bitte schön.« Marrs Wangen überzog eine leichte Röte. Er schob die Brille zurecht, raschelte Aufmerksamkeit heischend mit seinem Manuskript und begann:
»Es handelt sich um ›Inlineskates‹, die ich in den Stoff des Märchens einweben sollte. Also, ich sag mal … es geht los:
»Jemelja verfiel in einen tiefen, schweren Traum. Der handelte von einem Zauberer, der in einer kleinen Hütte am Rande des Dorfes lebte. Die Dorfbewohner hatten ihren Kindern strengstens verboten, mit dem grimmig dreinblickenden Sonderling zu sprechen. Sie fürchteten, er könne sie verhexen, um sie dann in seine Gewalt zu bringen. Jemeljas Neugierde aber war stärker als all die Ängste, die seine Familie bei dem Namen ›Roganow‹ – so hieß der Zauberer – äußerte. Eines Tages erklomm Jemelja den Baum vor Roganows Hütte und wartete neugierig, was wohl geschehen würde. Bald hörte er drinnen ein lautes Rumoren und kurz danach flog mit ohrenbetäubendem Krachen die Tür aus den Angeln.«
Marr blickte unsicher von seinem Manuskript auf. Stellte dann aber mit Genugtuung fest, dass man seinen Ausführungen offensichtlich mit Interesse folgte. Der Stimme mehr Druck verleihend und die Sätze wohl artikulierend, fuhr er fort in seiner Erzählung:
»Jemelja kletterte rasch vom Baum, näherte sich neugierig der Hütte und blickte durch den schwarzen, beißenden Qualm in das Innere der Behausung. Es war nichts zu erkennen und so wagte er sich weiter vor. Kaum hatte er den ersten Schritt über die Türschwelle getan, da wurde er gepackt und in die Hütte gezerrt. Alles Wehren half ihm nicht. Erst als der Zauberer ihn in ein Zimmer zerrte, ließen die kräftigen, knochigen Hände von ihm ab. ›Was willst du hier, Bürschchen?‹, fragte ihn der große weißbärtige Roganow. ›Ich habe dich schon die ganze Zeit beobachtet.‹ ›Nii…chts‹, stammelte Jemelja. ›So, so, nichts. Aber für Lügen ist es jetzt zu spät‹, fauchte der Zauberer. ›Du kommst mir gerade recht, denn ich brauche Menschenblut; am besten, das eines Zwölfjährigen. Der Versuch mit dem Lebenssaft der streunenden Katzen ist fehlgeschlagen, wie du selbst gerade gesehen hast‹. Der Zauberer blickte mürrisch auf den ätzenden Qualm, der sich nur langsam verzog. ›Aber mein Blut ist völlig ungeeignet‹, jammerte Jemelja. ›Ich habe eine ansteckende Krankheit mit Durchfall und Übelkeit.‹ ›Papperlapapp, du kommst jetzt an den Haken zum Ausbluten.‹ ›Nein, nein, ich gebe Euch alles, was ich habe, aber lasst mich am Leben‹, wimmerte der Knabe vor Entsetzen. ›Nun ja, es gäbe da vielleicht noch eine andere Möglichkeit‹, grübelte der Zauberer. ›Alles mache ich für Euch, Herr, lasst mich wissen, was Ihr von mir verlangt.‹ ›Nun‹, der Alte zupfte an seinem Bart, ›du musst versprechen, jede Nacht von mir zu träumen, denn auch so wirkt die Magie. Als Dank bringe ich dir Dinge bei, die außer mir niemand beherrscht.‹ Per Handschlag besiegelten sie den Pakt. Vom kräftigen Händeschütteln durchgerüttelt, fiel er vom Ofen und wachte erschrocken vor den Füßen der lachenden Frauen auf. Von nun an erschien der geheimnisvolle Roganow dem dummen Jemelja Nacht für Nacht und führte ihn in seine Zauberkünste ein. Am Tag versuchte Jemelja das Erlernte nachzumachen, stellte sich aber entsetzlich ungeschickt dabei an. Zwischenzeitlich waren die Brüder wieder von ihrer Reise zurückgekehrt und sie wunderten sich, dass der mitgebrachte Lebkuchen nach Spinat und der Wodka nach Wasser schmeckten. Jemelja ärgerte sich furchtbar. Eigentlich wollte er den verhassten Spinat zu köstlichem Lebkuchen und das Wasser in der Karaffe zu berauschendem Wodka verwandeln. Aber er hatte – wie so oft – den Zauberspruch verdreht und es gelang ihm nicht, die Dinge wieder rückgängig zu machen. ›Du bist zwar der erbärmlichste Magier, den ich kenne‹, seufzte Roganow in einem seiner Träume, ›aber ich will einen letzten Versuch mit dir wagen. Ich zeige dir jetzt die Zukunft, nicht alles natürlich, sondern nur einen klitzekleinen Ausschnitt daraus. Kannst du dir vorstellen, dass sich manche Menschen in zweihundert Jahren so schnell fortbewegen wie ein galoppierendes Pferd, und das über viele, viele Werst hinweg?‹ Jemelja schüttelte ungläubig den Kopf. ›Nun, sie können noch mehr, zum Beispiel auf der Stelle wenden, um rückwärts ebenso schnell davonzueilen. Manche drehen waghalsige Pirouetten, hüpfen wie Frösche über Treppenstufen und stürzen wie der Blitz vom hohen Berg zu Tal.‹ ›Wie kann das gehen?‹, fragte Jemelja. Roganow lächelte verschmitzt. ›Sie tragen Stiefel an denen Räder befestigt sind.‹ ›Die sind doch viel zu groß und außerdem zu schwer‹, entgegnete Jemelja, der sich überhaupt nicht vorstellen konnte, wie einer mit großen Holzrädern unter den Füßen die Geschwindigkeit eines galoppierenden Pferdes erreichen sollte. ›Nun, ich will dir das Geheimnis der rasenden Stiefel zeigen.‹ Roganow vollzog eine elegante Bewegung mit dem Zauberstab, murmelte einen dreisilbigen Manifestationsspruch und schon hielt er ein paar Inlineskates mit pechschwarz schimmernden Kunststoffrollen in den Händen. ›Beim Barte des Zarewitschs‹, staunte Jemelja und hielt die Hände an seine leuchtenden Wangen. ›Was sind das für prächtige Stiefel? Und diese kleinen, feinen Räder daran, so etwas habe ich mein Lebtag noch nicht gesehen.‹ ›Das glaub ich wohl‹, sagte der Alte. ›Es sind die neuesten Modelle aus der Zukunft. Zieh sie einfach über deine Fußlappen, die Größe müsste stimmen.‹ Jemelja schlüpfte in die Inlineskates und stakste vorsichtig über den Holzboden. ›Die sitzen wie angegossen und die Räder drehen sich wie von selbst‹, begeisterte sich der Junge. Wild mit den Händen um sich schlagend, schoss er über die Holzbohlen, schlingerte um die eigene Achse und krachte unsanft auf den Boden. ›Jemelja‹, hörte er die vertraute Stimme seines Bruders. ›Vielleicht könntest du dich ein wenig im Haushalt nützlich machen, statt immerfort zu träumen und dabei vom Ofen zu fallen.‹ ›Wassili, mein großer Bruder, ich kann mit meinen Räderschuhen über den Boden fliegen, schneller als der Schnellste im gesamten Zarenreich.‹ ›Oh Jemelja, du bist und bleibst der Dümmste im gesamten Zarenreich. Solche Räderschuhe gibt es nicht und es wird sie nie geben.‹ Jemelja aber schwieg, denn er wusste, was er gesehen hatte, und eines Tages würde er damit jedem davoneilen, schneller als auf einem Rennpferd. Und Roganow, der Zauberer, der ist ihm in seinen Träumen fortan nie wieder erschienen.«
»Wirklich sehr schön, Michael«, Herzberg lächelte leutselig; Stein und Sessinger applaudierten kräftig.
»Kunden hübsche Geschichten zu erzählen, das ist doch die Hauptaufgabe eines Marketingleiters.« Es klang bescheiden.
»Super ausgedacht, und das in der kurzen Zeit, toll.« Rita Sessinger strahlte Marr mit ehrlicher Bewunderung an.
»Och, einen griffigen Text für Analschaum finden oder die Lust auf Stützstrümpfe wecken, so was ist wirklich harte Arbeit.«
»Interessant«, brummelte Kampen, die Arme betont desinteressiert vor der Brust verschränkend.
»Warum denn so miesepetrig?«, fragte Sessinger erstaunt.
»Ich glaube, dazu kann ich was sagen«, mischte sich Herzberg ein. »Robert meint, dass die Kunst des Schreibens darin besteht, das Wesentliche knapp und unmissverständlich auszudrücken.«
»Ach so?«, wunderte sich Rita Sessinger. »Muss ich das jetzt verstehen?«
»Ich les mal vor, was Robert schreibt: ›Ich – ziehe – den – Joker‹. Vier Worte, und schon ist alles gesagt.«
»Jemelja und die Mikrowelle, was soll einem dazu einfallen?«, platzte es aus Kampen heraus. »Ich bin Wirtschaftsingenieur und kein Märchenonkel. Und im Übrigen halte ich nichts von Ihrer These, dass man mit solchen Geschichten die Wirtschaft ankurbelt. Unser Land lebt von der industriellen Produktion und nicht von irgendwelchen Spinnereien, die sich in irgendwelchen russischen Märchen zutragen, meine Meinung!«
»Ob und wann jemand seinen Joker nutzt, muss jeder selbst entscheiden. Ich war dennoch ziemlich überrascht, bei dieser Aufgabe hatte ich das am wenigsten erwartet.« Herzberg blickte flüchtig auf seine Uhr. »Okay, dann machen wir jetzt eine kurze Kaffeepause.« Herzberg gab Lauenroth ein Zeichen, worauf beide den Raum verließen. Im Flur, außer Hörweite der Teilnehmer, blieb Herzberg unvermittelt stehen.
»Dieser Kampen, unglaublich wie stur der sein kann.« Er schüttelte verständnislos den Kopf. »Welchen Eindruck haben Sie von den Leuten?« Lauenroth verengte überrascht die Augen. Als er antworten wollte, fegte Skrotzki um die Ecke. Ihr Sommerröckchen flatterte aufgeregt um ihre Knie und ihr Hals war gerötet. »Gibt’s was Dringendes?«, fragte Herzberg streng. Sie war außer Atem, wedelte sich mit der Hand Luft zu.
»Puh. Also Swan und Redcliff sind informiert und bereiten sich auf ihren Einsatz vor. Das Studio habe ich sicherheitshalber noch mal gecheckt, geht auch alles klar.« Sie versah ihre Notizen mit einem Haken. »Professor Sneider hat angerufen und lässt Sie herzlich grüßen, er freut sich auf das Wiedersehen mit Ihnen.«
»Sehr schön!« Herzberg setzte sich wieder in Bewegung, Skrotzki und Lauenroth folgten ihm dichtauf.
»Den Herrn Breitling erreiche ich nicht, versuche es aber ständig weiter.« Im Gehen faltete sie den Notizzettel zusammen. »Das wär’s erst mal von mir.«
»Ist Leuthäuser schon da?«
»Ja, wartet bereits im Monitorraum. Ich musste die Fenster aufreißen, es war – wie soll ich sagen – da drin kaum auszuhalten.« Alle drei mussten grinsen, sie wussten, was es mit Leuthäuser und dessen Geruch auf sich hatte.
»Ach ja, eine Frau Karrt hat angerufen.« Herzberg blieb wie vom Donner gerührt stehen.
»Frau Karrt, was hat sie gewollt?«
»Das wollte Sie Ihnen nur selbst sagen. Sie sagte, sie sei in der nächsten Zeit nicht erreichbar, würde sich deshalb direkt bei Ihnen melden.« Herzberg presste die Schneidezähne in die Unterlippe. Was es wohl Dringendes gab? Wenn diese Frau persönlich anrief, musste es außerordentlich wichtig sein. Herzberg bemühte sich, sich nichts anmerken zu lassen, wenngleich ihm ein wenig mulmig zumute war. Dieser Frau war jedwede Überraschung zuzutrauen, im Guten wie im Bösen.
»Für diese Rätselrunde morgen, da fehlt mir noch eine Prise – wie soll ich sagen …? Okkultismus!« Der Assistent sah seinen Chef amüsiert von der Seite an.
»Wollen Sie rauskriegen, ob jemand an Geister oder ähnlichen Schwachsinn glaubt?«
»Ich will wissen, ob und wie leicht sich die Leute aus dem Konzept bringen lassen«, es klang konzentriert, geschäftsmäßig.
»Ich habe da was in petto, Chef, das könnte Ihnen gefallen. Soll ich es Ihnen gleich zeigen?«, schleimte Lauenroth.
»Nein, später«, knurrte Herzberg beim Betreten des Büros. Er zog sich einen Stuhl heran und setzte sich verkehrt herum darauf, Lauenroth blieb an der Tür stehen. »So, jetzt schießen Sie mal los, was halten Sie von unseren Kandidaten?« Der Assistent zögerte.
»Also, wenn ich mir den Dr. Stein ansehe …«
»In einem Satz, Marc, bitte!«
»Gut, wie Sie wollen.« Lauenroth lehnte sich mit dem Rücken gegen die Türzarge. »Dieser Dr. Stein ist ein zynischer Snob, der außer guten Geografiekenntnissen nichts Bemerkenswertes vorweisen kann. Dr. Marr ist ein introvertierter Märchenerzähler mit auffälligem Sprachfehler.«
»Sprachfehler?«, staunte Skrotzki.
»Na dieses: ›Ich-sag-mal, ich-sag-mal, ich-sagmal‹. Gut, vielleicht kein Sprachfehler im eigentlichen Sinne, dann eben eine Macke. Rita Sessinger, unsere Quotenfrau, stellt kindische Fragen und reagiert völlig kopflos, als sie mitkriegt, dass ihr die Brieftasche geklaut wurde. Schließlich, Herr von Kampen«, Lauenroth zog die Mundwinkel verächtlich nach unten. »Mit Verlaub, ein adliger Armleuchter ohne Substanz und Format.« Herzberg betrachtete seinen Assistenten nachdenklich. Was war denn plötzlich in den gefahren? So unreflektiert pauschalisierend, fast schon pöbelnd, so kannte er ihn gar nicht. War es vielleicht wegen Evelyn Skrotzki, der jungen wendigen Zeitarbeitskraft, dass er die Backen so mächtig aufblies?
»Gut, Chef«, Lauenroth hielt die Augen gesenkt, »das war jetzt vielleicht ein bisschen überpointiert dahergeredet. Aber Sie wollten meine Meinung in einem einzigen Satz. Da dürfen Sie keine ausgetüftelte Typologie erwarten.« Er fuhr sich fahrig durch den Brillantineschopf. »Wir stehen ja auch erst am Anfang mit den Prüfungen, da kann sich bei dem einen oder anderen noch viel zum Positiven wenden. Und, wie schätzen Sie die Kandidaten ein?«, erkundigte er sich vorsichtig.
»Später«, entgegnete Herzberg kurz angebunden. »Ich gehe jetzt erst mal rüber und begrüße Herrn Leuthäuser.« Wie ein Wink, den er bisher immer beiseitegewischt hatte, so kam ihm der Gedanke, sich bei Gelegenheit doch mal nach einer Alternative für Lauenroth umzusehen. In jedem Fall sollte man wachsamer sein und sich nicht steif und fest auf so jemanden verlassen, sinnierte er beim Gang über den Hotelflur.
DER GOLDENE HANDSCHLAG
»Sooo, meine Herrschaften«, Herzberg zupfte den Krawattenknoten am Kragen zurecht, »im Folgenden müssen Sie Ihr Verhandlungsgeschick unter Beweis stellen. Personaleinsparung – die klassische Situation. Ich denke, Sie ahnen bereits, was auf Sie zukommt. Kurz gesagt, jemand von Ihnen ist Personalchef oder Personalchefin, der Gegenspieler oder die Gegenspielerin eine Leitungskraft, die entlassen werden soll. Alles klar? Dann kann’s ja losgehen.« Gar nichts war klar, doch er wollte sehen, ob die Schäfchen die rudimentäre Beschreibung des Spiels schlucken würden.
»Und warum?«, fragte Kampen dann ebenso knapp.
»Aha, gut, Sie wollen wissen, weshalb die Leitungskraft entlassen wird? Ich will’s Ihnen sagen. In der Firma findet eine grundlegende Umorganisation statt und dabei fallen auch Leitungsfunktionen weg. Pokern Sie deshalb um die Abfindungssumme. Dabei ist eins zu beachten, sollten sich die Gesprächspartner innerhalb von zwanzig Minuten nicht einigen, haben beide Kontrahenten ihre Chance in diesem Spiel vertan.« Herzberg spürte fast körperlich, wie es in den Köpfen der Teilnehmer rumorte. Stein meldete sich.
»Ist die Höhe der Abfindungssumme bekannt?«
»Der Personalchef weiß es natürlich und er kennt auch das Limit. Die andere Seite tappt dennoch nicht völlig im Dunkeln. Es sind Summen zwischen zweihundert- und vierhunderttausend Euro im Gespräch, abhängig von der jeweiligen Funktion und der Betriebszugehörigkeit.«
»Mal angenommen«, Kampen strich nachdenklich über sein sauber gestutztes Barthaar, »der Personalchef fackelt nicht lange und erklärt, dass er dreihundertfünfzigtausend Euro zahlen kann, keinen Cent mehr. Der Entlassungskandidat willigt ein, schnappt sich das Geld und verschwindet. Die Angelegenheit ist damit nach weniger als einer Minute erledigt. Daraus könnten Sie doch keinerlei Schlüsse über das Verhandlungsgeschick der jeweiligen Personen ziehen.« Herzberg runzelte die Stirn.
»Richtig, aber dazu wird es nicht kommen, beide werden kämpfen! Der Entlassungskandidat um eine maximale Abfindung und der Personalchef um seine Reputation als harter Verhandlungsführer.« Herzberg gab Lauenroth einen Wink. »Haben Sie die Zettel?« Der Assistent hielt zur Bestätigung das Holzkästchen hoch. »Gut, also los. Wir ermitteln die Kandidaten für den ersten Durchgang. Noch was, auf dem Zettel des Personalchefs steht das Limit der Abfindungssumme.« Lauenroth reichte das Schächtelchen herum und die vier griffen nacheinander hinein.
»Ich bin der Personalchef«, gab Kampen bekannt.
»Okay, dann bin ich Ihr Partner.« Stein wedelte mit seinem Zettel.
»Ach ja, da wäre noch eine Kleinigkeit«, Herzberg fasste sich an die Stirn, als wäre ihm gerade eben noch etwas Wichtiges eingefallen. »Die Kontrahenten waren mal gut miteinander befreundet. Das wäre nicht weiter erwähnenswert, wenn der Personalchef in der Freizeit nicht gern, na ja … ein wenig zocken würde. Da er aber ein miserabler Spieler und deswegen notorisch pleite ist, hat sein ehemaliger Freund, Dr. Harald Stein, der von ihm gleich die Kündigung erhält, Schuldscheine im Wert von zwanzigtausend Euro gesammelt.« Herzberg griente gehässig. »Immer diese Schwächen und Laster, die einem dann, im ungünstigsten Moment, auf die Füße fallen, stimmt’s, Robert?« Herzberg wendete sich abrupt an Lauenroth, bedeutete ihm, er möge übernehmen.
»Darf ich die Herrschaften dann in das Besprechungszimmer bitten.« Lauenroth zeigte in Richtung eines hohen dunkel gebeizten Paravents, hinter dem man ein improvisiertes Chefzimmer eingerichtet hatte: Topfpflanzen, ein ovaler Mahagonitisch, weiche Ledersessel, Telefonanlage, Laptop. Die Dekoration vermittelte eine gediegene Arbeitsatmosphäre. Lauenroth machte die Kontrahenten mit den Gegebenheiten bekannt. »Wenn Sie wollen, können Sie über die Gegensprechanlage bei Ihrer Sekretärin Getränke und etwas zum Knabbern ordern, Herr Abteilungsleiter.«
»Na, dann schauen wir mal.« Kampen drückte die Sprechtaste. »Zwei Tassen Kaffee, bitte«, raunzte er forsch in den Apparat. »Und im Übrigen möchte ich die nächste Zeit nicht gestört werden.«
»Wie Sie wünschen, Herr von Kampen«, zwitscherte prompt eine weibliche Stimme aus dem Lautsprecher. Kurz danach wehte Evelyn Skrotzki in einem bemerkenswert stramm sitzenden, anthrazitfarbenen Kostüm herein. Auf einem silbernen Tablett balancierte sie ein Kaffeegedeck für zwei Personen, eine Isolierkanne und ein Schälchen mit allerfeinstem Spritzgebäck. Mit graziösem Schwung stellte sie das Tablett auf dem Mahagonitisch ab und schenkte den beiden Herren ein. Sie wusste, was von ihr verlangt wurde, da Lauenroth den Ablauf des gesamten Bewerbungsverfahrens in einer Art Drehbuch vorgezeichnet hatte.
»Mit Zucker oder Sahne, Herr Dr. Stein?«
»Nein danke, nichts«, brummelte Stein, mental bereits in seine Rolle vertieft. Kampen genoss die kurze Ablenkung, indem er sich erst auf die blutrot lackierten Fingernägel konzentrierte, der Blick dann weiter über ihre schmalen Hüften glitt, bis er an den bleistiftdünnen Absätzen ihres schwarzen Lackschuhs haften blieb.
»Darf ich Ihnen vielleicht etwas Sahne einschenken, Chef?«, strahlte sie von Kampen an.
»Nein, vielen Dank. Lassen Sie das Zeug auf dem Tisch stehen. Wenn ich noch etwas brauche, melde ich mich.« Skrotzki umrundete mit einer gekonnten Beckendrehung den Paravent und verschwand.
»Wie ich sehe, haben die Herren bereits ihre Plätze eingenommen.« Herzberg trat zwei Schritte vor und schnappte sich ein mit Schokolade überzogenes Gebäckstück aus dem Schälchen. »Dann wollen wir Ihr Gespräch jetzt nicht mehr länger stören.« Geräuschvoll biss er in den Keks. »Viel Spaß miteinander.« Gemeinsam mit Marr und Sessinger ging er hinaus, Richtung Monitorraum, wo Lauenroth bereits den großen Flachbildschirm eingeschaltet hatte. Als alle saßen, gab Herzberg über Mikrofon das Startkommando.
»Ab jetzt zwanzig Minuten, die Uhr läuft.«
»Du willst also deine Schulden zurückzahlen?« Stein ging sofort in die Offensive.
»Einen Moment, Herr Dr. Stein, das ist ein dienstliches, kein privates Gespräch. Also sollten wir es auch so handhaben.« Kampen streckte den Oberkörper durch und rückte von der Tischkante ab. »Die Firma Chemie-Rogal« – den Namen las er vom Zettel ab – »wird große Teile der Fertigung nach Osteuropa verlagern.«
»Ist mir bekannt«, winkte Stein ab, »weiter …«
»Im Zuge dieser Neustrukturierung wird es zu betriebsbedingten Kündigungen kommen, die nicht auf die Produktion beschränkt sind.« Ohne den Augenkontakt zu verlieren, langte Kampen nach seiner Kaffeetasse.
»Was wollen Sie damit andeuten?«, knurrte Stein. Kampen wippte ein wenig mit der Rückenlehne. »Falls Sie mir damit durch die Blume sagen wollen, dass ich gehen soll, so sage ich Ihnen, dass Sie mich nicht so einfach rausschmeißen können. Ich bin über 20 Jahre in der Firma und ich werde meine Rechte mit allen Mitteln verteidigen. Und wenn ich sage: mit allen Mitteln, dann meine ich: mit allen Mitteln, darauf können Sie sich gefasst machen.« Kampens Hand begann ein wenig zu zittern, vorsichtig stellte er die Tasse zurück.
»Eine Entlassung im klassischen Sinne? Darum geht es ja gar nicht. Es geht …«, er suchte nach einem geeigneten Begriff, »um Vertragsgestaltung. Ja, um gegenseitiges Einvernehmen.« Treue Hundeaugen richteten sich auf die des Gegners.
»Einvernehmen mit wem?«
»Mit Ihnen, Dr. Stein, und der Firma Chemie-Rogal«, flötete Kampen.
»Ich habe mein Einvernehmen mit der Firma.«
»Nun gut, wir bieten Ihnen einen Auflösungsvertrag, und zwar zu sehr günstigen Konditionen für Sie.« Kampen klappte eine Mappe mit Schriftstücken auf. Stein beobachtete ihn argwöhnisch dabei.
»Gehe ich recht in der Annahme«, die Stimme wurde lauter, »dass Sie mich feuern wollen, und damit ich nicht vor Gericht ziehe, versuchen Sie mich mit ein paar Euros abzuspeisen?«
»Wir sprechen nicht über ein paar Euros, wir verhandeln über einen sechsstelligen Betrag«, stellte Kampen klar.
»Was haben Sie gegen meine Arbeitsleistung einzuwenden?«, ereiferte sich Stein. »Ich war nie krank, habe an vielen Patenten mitgewirkt, habe auch in schwierigen Zeiten immer zu der Firma gestanden, sogar Gehaltseinbußen in Kauf genommen. Bayer, BASF – all die Großen wollten mich abwerben, aber ich bin immer standhaft geblieben und habe dem Unternehmen all die Jahre die Treue gehalten.« Er packte Kampen am Handgelenk. »Meine Söhne sind hier in die Lehre gegangen. Ich habe diese Abteilung von Beginn an aufgebaut und obwohl alles wie geschmiert läuft, weisen Sie mir nach all den Jahren die Tür?« Er beugte sich über den Tisch. »Können Sie das mit Ihrem Gewissen vereinbaren?«
»Nein, nein«, stöhnte Kampen und zog mit einem Ruck die Hand zurück. »Es geht um grundsätzliche organisatorische Maßnahmen, die das gesamte Unternehmen betreffen. Das hat weder mit Ihnen persönlich noch mit Ihrer Arbeitsleistung etwas zu tun.« Stein verzog das Gesicht zu einer Grimasse.
»Werden Sie im gleichen Zug auch entlassen oder können Sie sich von Ihrer reizenden Sekretärin weiterhin verwöhnen lassen?«
»Sie meinen … Evelyn?« Beide sahen sich einen kurzen Moment schweigend an. Steins Mundwinkel begann zu zucken, dann musste auch Robert von Kampen kichern. »Okay, okay, zurück zum Thema.« Kampen, wieder ernst, fuhr fort. »Es geht doch darum, …«
»Es geht darum, dass willfährige Personalchefs immer warm und trocken sitzen, während die restliche Belegschaft reihenweise auf der Straße landet. Was ist das nur für ein jämmerlicher Job.«
»Nun sehen Sie das Ganze bitte mal von der positiven Seite.«
»Der positiven Seite?« Stein tat, als hätte er sich gründlich verhört.
»Sie kriegen –«, Kampen schielte auf den Zettel mit dem Prämienlimit, »um mal eine Hausnummer zu nennen – von uns zweihunderttausend Euro, melden sich für drei, vier Monate beim Arbeitsamt und nutzen in der Zwischenzeit die Gelegenheit, Ihre Verbindungen zur Großchemie wieder aufzufrischen.«
»Wollen Sie mich verkohlen? Ich rufe bei der BASF an, frage nach einer Leitungsposition und die rollen für mich gleich den roten Teppich aus, weil sie nur auf den Chemiker Stein gewartet haben? Das ist doch … gaga.« Er wedelte mit der flachen Hand vor dem eigenen Gesicht herum.
»Aber sehen Sie mal, es gibt doch auch eine Vielzahl mittelständischer Unternehmen hier bei uns in der Gegend, die suchen händeringend nach qualifiziertem Personal.« Kampen breitete die Arme aus und ließ seine Zähne blitzen. »Michael, ich verspreche dir, du bekommst ein Spitzenzeugnis von uns. Du wirst sehen, du wirst dich vor Stellenangeboten nicht retten können, glaub es mir.« Stein wich abrupt von der Tischkante zurück.
»Bleiben wir beim ›Sie‹, Herr von Kampen, darum möchte ich wirklich ganz herzlich bitten.« Seine Stimme klang tiefgekühlt. »Ich fordere Sie auf, innerhalb von 24 Stunden Ihre Spielschulden bei mir, in Höhe von zwanzigtausend Euro nebst Zinsen, zu begleichen. Mehr gibt es zu diesem Thema nicht zu sagen.« Beide starrten sich feindselig an. Kampen war es, der schließlich den Kopf zur Seite wandte.
»Gut, dann kommt es zu einer fristgerechten Kündigung – ohne Abfindung!«
»Zweihunderttausend Euro sind ein Witz. Die Hälfte davon kassiert das Finanzamt. Und wo soll ich eine adäquate Beschäftigung finden? Ich bin doch für die meisten Jobs überqualifiziert.« Stein presste die Ellenbogen in die Stuhllehne. Verbissen zischte er seine Forderung heraus. »Vierhunderttausend Euro Abfindung und Ihre gesamten Spielschulden, rückzahlbar auf einen Schlag. Nur dann unterschreibe ich, alles andere kommt nicht in Frage.« Kampen spannte die Halssehnen und starrte zur Decke. »Ihre Antwort?«, insistierte Stein. Kampen senkte langsam den Kopf, während er die Handflächen aneinanderrieb.
»Also, die übliche Summe für die Leitungskräfte unseres Hauses liegt bei zirka Zweihunderttausend. Aber in Ihrem Fall, denke ich …«, er zögerte, wiegte bedächtig den Kopf.
»Was?«
»Nun ja, dass die Geschäftsleitung gegebenenfalls noch vierzig-, ach was, sagen wir fünfzigtausend Euro draufpacken könnte.« Kampen blickte sein Gegenüber sorgenvoll an. »Aber bitte, hängen Sie das nicht an die große Glocke.«
»Wer wird eigentlich mein Nachfolger?« Kampen zog überrascht die Augenbrauen hoch.
»Es gibt keinen Nachfolger, die Abteilung wird …«
»Aber irgendwer muss doch die Verantwortung für die chemischen Prozesse tragen?«
»Das wird sich dann finden.«
»Kerilenkow übernimmt das, stimmt’s?« Kampen antwortete nicht, sondern blickte verstohlen zur Stoppuhr, die für beide gut einsehbar auf dem Schreibtisch stand. Schon viel zu viel Zeit verquatscht, dachte er und lehnte sich, die Anspannung vor dem Gegner verbergend, behäbig zurück. Stein rieb seine Handflächen aneinander. »Guter Mann, dieser Kerilenkow, muss man wohl so sagen. Jung, unabhängig, Ausbildung auf dem neuesten Stand. Hat auch viel gelernt bei mir, deshalb könnt Ihr mich ja jetzt getrost entsorgen. Ein paar Tausender in die Hand gedrückt und dann weg mit dem Alten.« Stein fasste nach seinem rechten Schuh, riss ihn vom Fuß und schleuderte ihn mit voller Wucht gegen den Paravent. Kampen zuckte zusammen. Stein drehte sich aus dem Sitz und hob den Schuh wieder auf. »Ich hätte auf den Tisch springen sollen, vielleicht wären Sie dann aufgewacht.« Kampen hatte sich schon wieder gefangen.
»Zweihundertfünfzigtausend! Das sind fast zwei Jahresgehälter, so viel hat hier noch keiner gekriegt.«
»Brutto?«
»Natürlich brutto.«
»Das ist mir aber zu wenig«, giftete Stein.
»Dann muss eben das Arbeitsgericht entscheiden, mehr ist absolut nicht drin.« Stein strich sich nachdenklich über die Wange.
»Wie sieht’s denn mit den Spielschulden aus, wann krieg ich die bezahlt?«
»Ich muss mit meiner Bank reden«, presste Kampen hervor und suchte die Deckenverkleidung nach Problemlösungen ab.
»Sie haben mir immer vorgejammert, dass die Bank Ihnen nichts mehr gibt, und plötzlich soll es doch gehen?«
»Sie bekommen Ihr Geld!«
»Das ist mir alles viel zu vage.« Stein schielte angestrengt zum Telefon, seine Hand näherte sich dem Hörer. »Ich rufe jetzt Magda an und frage, was sie dazu sagt, dass ihr Göttergatte seine Schulden nicht zahlt und mir stattdessen den Stuhl vor die Tür stellt. Als Nächstes ist unser gemeinsamer Chef dran, dem werde ich erzählen, dass sein leitender Mitarbeiter spielsüchtig ist.« Kampens Hände verkrampften, doch er riss sich zusammen und setzte ein Schelmengesicht auf.
»Bange machen gilt nicht, lieber Freund, ich … Was ist denn?«
»Herr von Kampen«, Skrotzki schlängelte sich um den Paravent. »Entschuldigung, dass ich störe.«
»Sie stören wirklich!«, knurrte Kampen.
»Es ist dringend, der Chef wartet.« Sie lächelte spitzbübisch. »Spätestens in sieben Minuten müssen Sie bei ihm sein, sonst fliegt er alleine und Sie beide sind raus aus dem Spiel. Entschuldigung, ich wiederhole nur, was er gesagt hat. Noch ein Schlückchen Kaffee, die Herren?« Ihr strahlendes Gesicht erinnerte an einen sonnigen Urlaubstag. Als beide abwinkten, zog sich Skrotzki elastisch hinter die Trennwand zurück.
»Also gut, dann sollten wir nicht länger palavern, sondern zügig zu einem Ergebnis kommen.« Kampen katapultierte sich aus dem Sessel. »Ich mache jetzt mal einen Vorschlag, Harald«, säuselte er wie ein Versicherungsvertreter an der Schwelle zu einem lukrativen Abschluss. »Lass uns ganz offen miteinander sprechen. Ich habe mich beim Chef immer für dich eingesetzt, schließlich sind wir Freunde.«
»… waren wir mal Freunde«, korrigierte Stein.
»Nun lass mich doch mal ausreden. Also, die Zwanzigtausend kann ich in zwei Tagen nicht auftreiben, das muss dir klar sein.« Er zog ein leeres Blatt aus der Schreibmappe. »Ich unterschreibe dir jetzt diesen Schuldschein über die Gesamtsumme von einundzwanzig- … ach was, über dreiundzwanzigtausend Euro, einzulösen in zehn Tagen. Du siehst, ich denke auch an die Zinsen«, schnurrte er versöhnlich.
»Das kenne ich, habe schon oft genug vergeblich auf mein Geld gewartet.«
»Nun hör doch mal zu.« Kampen rollte wild mit den Augen. »Als Pfand bekommst du die Lebensversicherung meiner Frau, mit einem Kapitalwert von Dreißigtausend.«
»Die bestimmt schon anderweitig beliehen ist. Aber gut, weiter, wie steht es mit der Abfindung?«
»Zweihundertfünfzigtausend, habe ich doch bereits zugesagt.«
»Ich kenne Kollegen in vergleichbarer Position, die haben Vierhunderttausend bekommen.«
»Das ist völliger Quatsch, wer sagt denn so was? Vollkommen unrealistisch, diese Größenordnung. Harald«, hauchte Kampen, »wir haben nur noch drei Minuten. Du solltest jetzt nicht nach den Sternen greifen, sondern versuchen, mit mir zu einer vernünftigen Lösung zu kommen.«
»Scheißsituation, stimmt’s, Herr Personalleiter?« Stein grinste überlegen.
»Zweihundertsechzig. Komm, Harald, der Alte wird mich zum Teufel jagen, wenn ich ihn darum anflehe.«
»Ich will mindestens Dreihundert, keinen Euro weniger.«
»Okay, wir hören auf.« Kampen klappte geräuschvoll die Unterschriftenmappe zu. Stein starrte ihn verblüfft an. Die Stoppuhr auf dem Tisch zählte 58 Sekunden, 57 Sekunden … Stein kratzte sich am Knie.
»Also gut, wie viel ist denn nun wirklich drin?«
»Hab ich dir doch gesagt, Zweihundertsechzig.« Kampens Augenlider flatterten nervös. 32 Sekunden, 31 Sekunden, …
«Also dann, treffen wir uns bei der Hälfte, Zweihundertachtzig!«, schnaubte Stein und streckte Kampen die Hand entgegen, der schüttelte traurig den Kopf.
»Zu viel, da kann ich absolut nicht mitgehen.«
13 Sekunden, 12 Sekunden, 11 Sekunden … Stein presste den Zeigefinger gegen die Oberlippe, bis das Blut daraus wich. Wieder schoss seine Hand vor. »Zweihundertfünfundsiebzig«, stöhnte er, doch Kampen schien jegliches Interesse an der Verhandlung verloren zu haben. »Verdammt, dann eben Zweihundertsiebzig. Los, einschlagen!« Kampen saß mit geschlossenen Augen da und rührte sich nicht.
»Also, wie viel?« 5 Sekunden, 4 Sekunden, 3 Sekunden. »Hallo!! Gleich ist Schicht im Schacht.«
«Zweihundertfünfundsechzig«, hauchte Kampen, »keinen Cent mehr.« Stein packte Kampens Arm.
»Einverstanden!« Die Ziffern der Stoppuhr sprangen auf null. Stein sackte zurück in seinen Sessel. »Mensch, das war aber knapp!«, stöhnte er. Kampen löste sich aus seiner künstlichen Starre und atmete tief durch.
»Allerdings. Glück gehabt.«
»Glück? Wer? Sie?«, fragte Stein ungehalten.
»Auch, ich meine, wir wären fast beide Verlierer des Spiels.«
»So, jetzt aber raus mit der Sprache, wie lautet das Prämienlimit?« Stein wollte seine Neugierde nicht weiter zügeln.
»Na, dann wollen wir doch mal nachschauen, was exakt auf meinem Zettel steht.« Kampen fingerte seinen Loszettel aus der Hosentasche, legte ihn auf den Tisch und strich das Papier umständlich glatt. »Oh«, er tat erstaunt. »Geeinigt haben wir uns bei Zweihundertfünfundsechzig, auf dem Los steht Dreihundertachtzig, ergibt eine Ersparnis von hundertfünfzehntausend Euro für die Chemie-Rogal.« Kampen sah grinsend hoch. »Lassen Sie den Kopf nicht hängen, Herr Kollege, war doch alles nur Show und heiße Luft. Und es gibt noch eine gute Nachricht. Sie dürfen bei Opel bleiben, das haben wir hier einstimmig so beschlossen.«
RAUSWURF
Marc Lauenroth hielt die flache Hand über das Holzkästchen, das er bereits beim ersten Durchgang benutzt hatte, und schüttelte es kräftig.
»Bitte greifen Sie zu.« Marr und Rita Sessinger fassten in das Kästchen.
»Hab schon wieder einen Zettel, wo nichts draufsteht«, wunderte sie sich.
»Dann ist Michael jetzt an der Reihe«, erklärte Lauenroth.
»Ja, und ich?«
»Geduld«, säuselte er dicht an ihrem Ohr. Herzberg hob derweil die Arme und mimte den Conférencier.
»Verehrte Dame, meine Herren, Vorhang auf zum zweiten Akt. Die Dekoration ist bereits eingeleuchtet. Wir erleben Dr. Michael Marr in der spannenden Rolle des couragierten Personalchefs.« Herzberg vollführte eine halbe Drehung auf den Hacken. »Wer seinen Auftritt genießen möchte, möge mir in den Monitorraum folgen. Evelyn, bitte, walten Sie Ihres Amtes.« Er gab ihr ein Zeichen und sie wusste, was jetzt zu tun war.
»Bitte, Herr Doktor«, sie lief voraus, Marr stiefelte mit gemischten Gefühlen hinterher. In der Chefzimmerdekoration angelangt, betete sie ihr Sprüchlein herunter. »Den Kaffee mit Sahne, Herr Dr. Marr?« Marr winkte ab, blickte sich verunsichert um. »Ihr Besuch wartet bereits im Vorzimmer«, erklärte sie im liebenswürdigen Ton.
»Besuch, ja und wer bitte?«
»Na, der Herr Markus Müller. Ich habe den Vorgang bereits auf Ihren Schreibtisch gelegt. Mit Verlaub, nicht ganz einfach der Herr.« Ihre sorgfältig lackierten Fingernägel deuteten auf eine abgegriffene Akte. »Entschuldigung, da wäre noch etwas.« Sie schlug die Augen unschuldsvoll nieder.
»Ja?«
»Ich müsste für zwei Stunden außer Haus, mein Weisheitszahn macht Probleme. Wenn Sie wollen, stelle ich das Telefon ab, damit Sie niemand beim Gespräch stört.«
»In Ordnung. Äh, Frau Skrotzki …?«
»Bitte?«
»Können Sie mir verraten, um was es sich eigentlich dreht?«
»Das haben Sie vergessen?« Sie betrachtete ihn mit Erstaunen. »Herrn Müller soll gekündigt werden. Wollen Sie noch mal in die Personalakte schauen, bevor ich ihn hereinbitte?« Sie deutete auf den Aktenordner auf dem Schreibtisch.
»Was? Ja gut, geben Sie mir ein paar Minuten. Ich sag mal, ich melde mich dann.« Evelyn Skrotzki ging ab. Marr setzte sich in den Drehstuhl und nahm die Akte zur Hand. Ihm fielen sofort die zahlreichen Zettel mit Krankmeldungen ins Auge. Beim Blättern entdeckte er einen Vermerk mit der Überschrift »Kündigungsgrund«. Er überflog den Text. Müller war während einer seiner vielen Krankschreibungen von einem Kollegen, namens Scholz, auf dem Gerüst einer Baustelle beobachtet worden. Nach einer Abmahnung wurde er erneut bei der Schwarzarbeit ertappt, so dass nun seine fristlose Kündigung anstand. Marr wühlte sich weiter durch die Blätter und fand den Personalbogen mit folgenden Daten: Markus Müller, Kraftfahrer, geschieden, ein Kind, 27 Jahre alt, seit gut zwei Jahren bei der Firma beschäftigt. Außerdem entdeckte er noch eine handschriftliche Notiz, in der stand, dass Müller einem gewissen Scholz wegen Denunziation Prügel angedroht habe. Marr klappte den Aktendeckel zu, schob den Ordner nachdenklich an die äußerste rechte Tischkante, dann drückte er den Knopf der Sprechanlage.
»Okay, Frau Skrotzki, der Besuch kann jetzt kommen.« Eine halbe Minute später erschien Evelyn mit einem Zuckerlächeln auf den Lippen. Hinter ihrem schmalen Körper erhob sich ein männliches Ungetüm, mit Muskelpaketen, die sich gebirgig unter einem stark verschwitzten T-Shirt spannten. Die Füße des Hünen steckten in schweren, eisenbewehrten Stiefeln, über denen sich eine speckig glänzende, seitlich mit Riemen geschnürte Lederhose stülpte. Die Schultern vom Format eines Preisboxers trugen einen verhältnismäßig kleinen, blankrasierten Schädel.
Lauenroth hatte Evelyn Skrotzki bei der Vorbesprechung erzählt, dass er Ambrosius Leuthäuser – Sportstudent und Zehnkämpfer – nach längerem Suchen aus einer Kleindarstellerdatei herausgefischt hatte. Bei der Probe stellte sich aber heraus, dass der Mann zu introvertiert war, um einen renitenten Mitarbeiter zu spielen. Da er aber körperlich wie kein Zweiter für die Aufgabe geschaffen schien, übernahm Herzberg das Training. Leuthäuser hätte wie ein Besessener gearbeitet, bis er die Rolle des um seine berufliche Existenz ringenden Kraftfahrers Müller verinnerlicht habe. Um das Äußerste aus dem Sportstudenten herauszuholen, versprach ihm Herzberg die Gage zu verdoppeln, falls es gelänge, dem Personalchef im Verlauf der Auseinandersetzung Schweißperlen ins Gesicht zu treiben. Evelyn Skrotzki war nun sehr gespannt, ob Leuthäuser dieses Ziel erreichen würde. »Das ist Herr Müller und ich bin auch gleich weg«, verkündete sie im heiteren Plauderton und verschwand.
»Herr Müller …« Marr versuchte, den Blick vom Körper des Kolosses zu lösen und sich auf die Personalakte zu konzentrieren.
»Ja«, dröhnte Leuthäuser und beugte sich beflissen vor. Marr zuckte zurück und griff sich unvermittelt an die Nase.
»Geht’s Ihnen nicht gut?«, fragte Leuthäuser. Auch die Teilnehmer vor dem Bildschirm des Monitorraums wunderten sich über Marrs merkwürdige Reaktion.
»Der Müller riecht ein wenig streng«, erklärte Herzberg munter.
»Wie streng? Nach Alkohol?«, wollte Rita Sessinger wissen.
»Nein, nach einem Knoblauch-Zwiebel-Heringssaucencocktail«, kicherte Lauenroth und zoomte mit dem Kameraobjektiv auf Marrs verdrießliches Gesicht.
»Herr Müller, Sie wissen, warum wir Sie heute herbestellt haben?« Marr zwang sich, Abscheu und Widerwillen zu unterdrücken. Der kleine Kopf mit dem nicht unfreundlichen Gesicht wirkt doch eher nett und ungefährlich, sprach er sich selber Mut zu. Und diese Ausdünstungen, da musste man halt durch. Möglichst flach atmen, lautete die Devise. Allenfalls diese fürchterlichen Tattoos, der Totenkopf am Hals, das Piratenschiff auf der Brust und züngelnde Schlangen links und rechts auf den baumdicken Oberarmen, gaben Anlass zu gewisser Besorgnis.
»Keine Ahnung, was Sie von mir wollen«, quetschte Leuthäuser kaugummikauend heraus.
»Sie arbeiten doch bei uns als Kraftfahrer?«
»Korrekt!«
»Wie erklären Sie es sich, dass Sie, ich sag mal … ähhem … letzte Woche schon wieder auf einer Baustelle gesehen wurden, mit Werkzeug in den Händen.«
»Wer sagt das, Scholz?« Leuthäuser spannte den Brustkorb und atmete eine gewaltige Brise Knoblauchdunst aus.
»Das …«, krächzte Marr, »tut nichts zur Sache. Sie haben bereits eine Abmahnung kassiert, das hätte Warnung genug sein müssen. Die weiteren Konsequenzen brauch ich Ihnen bestimmt nicht zu erklären.« Marr spürte, wie er zusehends Sicherheit gewann. Im wahren Berufsleben hätte er dieses Gespräch gar nicht geführt, dem Mann schriftlich gekündigt und den Rest den Anwälten überlassen. Aber Herzbergs Strategie war ihm natürlich klar, er wollte feststellen, ob und wie man mit schwierigen Zeitgenossen zurechtkam. Und da musste er jetzt durch und beweisen, dass er sich von niemandem einschüchtern ließ.
»Also, was haben Sie dazu zu sagen?«, fragte er zackig.
»Ich muss doch für meine Tochter und meine geschiedene Frau zahlen«, begann Müller mit einer ungewöhnlich piepsigen Stimme zu jammern. »Sie haben ja keine Ahnung, wie schwierig das ist, mit dem bisschen Geld, was da übrig bleibt. Die Lohnpfändung frisst alles weg.« Die traurigen Augen des Kraftfahrers ähnelten dem eines Buben, dem man seinen Kuschelhasen weggenommen hatte. »Auf dem Bau hab ich nur mal ganz kurz ausgeholfen und krank war ich da auch nicht.«
»Klar, dass Sie da nicht krank waren, aber bei uns haben Sie wegen Krankheit gefehlt.« Marr hatte den Eindruck, als würde der Körper des Kraftfahrers zusammenschrumpfen, wie wenn man Luft aus einem Fesselballon ablässt.
»Sie irren sich, Chef. Wenn ich krank bin, bin ich krank und wenn nicht, dann fahre ich für die Firma, so und nicht anders ist das.«
Marr ging in die Offensive. Jetzt war der richtige Moment, um das Theater um diesen Schwachkopf konsequent zu beenden.
»Unsinn, es gibt Zeugen für Ihre Schwarzarbeit und hier«, Marr wedelte mit den Zetteln, »sind Ihre Krankmeldungen im angegebenen Zeitraum. Ich kann gar nicht anders, als Ihnen die fristlose Kündigung auszusprechen. Wenn ich bei Ihnen eine Ausnahme mache, tanzt mir die restliche Belegschaft auf der Nase herum. Also, hier bitte, unterschreiben Sie die Empfangsbestätigung für Ihre Papiere.« Marr tippte auf die Stelle, wo er umgehend das Gekritzel einer Unterschrift wünschte. Leuthäuser hatte seinen Kopf tief zwischen die Schulterblätter gezogen, so dass der tätowierte Totenkopf am Hals wirkte wie eine plattgedrückte Pampelmuse. Der Kraftfahrer vermittelte dabei den Eindruck, als wüsste er nicht, was man von ihm wollte.
»Herr Müller, hier unterschreiben!« Der Entlassungskandidat nahm das Papier, betrachtete es und griff zögernd nach dem bereitgelegten Kugelschreiber. Na komm schon, dachte Marr, mach endlich deine drei Kreuze. Aber Leuthäuser hatte nur auf einen geeigneten Moment gewartet, um sein frisch erworbenes schauspielerisches Talent zu entfalten. Und so blähte er den Oberkörper und brüllte, dass seinem Gegenüber die Ohren schmerzten.
»Scholz, das Schwein, will mich fertigmachen mit seinen Lügen. Der denkt, er kriegt meinen Job, aber da hat er sich geschnitten.« Mit zwei dicken Strichen durchkreuzte er das Papier. Marr sprang aus seinem Sessel hoch.
»Ich kann Ihnen die Kündigung auch per Post zustellen, am Ergebnis ändert das gar nichts.« Erregt betätigte er die Sprechanlage. »Frau Skrotzki, der Besuch will gehen.« Richtig, Zahnarzttermin, schoss es ihm durch den Kopf. Das Fräulein Skrotzki hatte sich wohlwissentlich aus dem Staub gemacht. Er ließ die Taste wieder los. »Also bitte, verlassen Sie jetzt mein Büro, Sie hören von uns.« Der Kraftfahrer erhob sich, stampfte zum Kleiderständer, doch anstatt nach seiner Jacke zu greifen, kramte er eine Schnur aus der Tasche. Marr beobachtete das Treiben argwöhnisch. Der Kraftfahrer fuhr herum und flitzte in einem Tempo, das man dem schweren Körper nicht zugetraut hätte, zurück zu dem verblüfft dreinblickenden Personalchef. Blitzschnell packte er dessen Arme und verknotete sie hinter dem Stuhl. Marrs Stimme versagte vor Schreck, dafür tönte Leuthäuser umso kräftiger.
»Mich wollen Sie rausschmeißen und Scholz, der Spanner, kriegt Kohle, weil er mich verpfiffen hat? Nee, mein Lieber, so läuft das nicht.« Leuthäuser presste seinen blankrasierten Schädel gegen Marrs Stirn. »Sie machen die Scheiße rückgängig oder Sie werden was erleben.« Marrs Gedanken galoppierten. Auf Überraschungen aus der Trickkiste dieses Walrosses hatte er so gar keine Lust.
»Was is’ nu, muss ich erst wütend werden?«, zischte Leuthäuser.
Pulsuz fraqment bitdi.