Kitabı oxu: «Des Girolamo Cardano von Mailand eigene Lebensbeschreibung»

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© Chiron Verlag Tübingen, 2014

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Umschlag: Judith Hamann, Tübingen

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Des Girolamo Cardano

von Mailand

eigene Lebensbeschreibung

- 1576 -


Inhalt

Des Girolamo Cardano von Mailand eigene Lebensbeschreibung

Heimat und Familie

Meine Geburt

Einiges Allgemeine aus dem Leben meiner Eltern

Kurze Schilderung meines ganzen Lebens von der Geburt bis auf den heutigen Tag, den letzten Oktober des Jahres 1575

Gestalt und Aussehen

Von meiner Gesundheit

Von meinen Leibesübungen

Lebensweise

Der Gedanke, meinen Namen zu verewigen

Mein Lebensweg

Lebensklugheit

Meine Freude am Disputieren und Dozieren

Mein Charakter, geistige Mängel und Schwächen

Meine geistigen Vorzüge, Standhaftigkeit und Charakterfestigkeit

Von meinen Freunden und Gönnern

Von meinen Feinden und Neidern

Verleumdungen, falsche Anklagen, heimtückische Anschläge, mit denen mich Denunzianten verfolgten

Liebhabereien

Spiel und Würfelspiel

Kleidung

Meine Nachdenklichkeit und meine Art zu gehen

Religion und Frömmigkeit

Meine wichtigsten Lebensregeln

Meine Wohnungen

Armut und ungünstige Vermögensverhältnisse

Ehe und Kinder

Das böse Schicksal meiner Kinder

Prozesse ohne Ende

Reisen

Unfälle und Zufälle. Von vielen mannigfachen und unaufhörlichen Nachstellungen

Glück

Ehren, die mir zuteilwurden

Was ich an Unehren erlitt. Was von Träumen zu halten ist. Von der Schwalbe in meinem Wappen

Meine Lehrer

Zöglinge und Schüler

Von meinen Testamenten

Einige natürliche, aber sonderbare Eigentümlichkeiten, worunter einige Träume

Fünf Eigentümlichkeiten, die mir von Nutzen waren

Gelehrsamkeit und äußere Bildung

Glückliche Kuren

Wunderbare Dinge natürlicher Art, wovon ich aber nur weniges selbst erlebte. Und wie mein Sohn gerächt wurde

Meine Fähigkeit des Voraussehens in beruflichen und anderen Dingen

Dinge durchaus übernatürlicher Art

Was ich in den verschiedenen Disziplinen an denkwürdigen Erfindungen machte

Die Bücher, die ich verfasst habe. Wann und warum ich sie schrieb, und was sich dabei ereignet hat

Von mir selbst

Mein Schutzgeist

Urteile berühmter Männer über mich

Meine Meinung über die Dinge dieser Welt

Redensarten, die ich im Munde führe, fernerhin Beobachtungen und Lebensregeln. Zurückweisung einer falschen Ansicht. Totenklage auf meinen Sohn. Ein Dialog über den Wert dieser Aufzeichnungen

Worin ich glaube gefehlt zu haben

Wie ich mich im Laufe der Jahre änderte

Meine Art im Verkehr mit anderen

Und zugleich Nachwort

Nachwort von Hermann Hefele

Anhang

VORREDE

Da es uns scheinen will, als sei von all den Dingen, die der Mensch erstreben darf, das Angenehmste und das Schönste die Erkenntnis der Wahrheit, und da wiederum nichts, was Sterbliche unternehmen, vollkommen, um wie viel weniger vor Verleumdung sicher sein kann, so machen wir uns denn daran, über unser eigenes Leben ein Buch zu schreiben nach dem Vorbild eines überaus weisen und für vortrefflich erachteten Mannes, des Philosophen Marc Aurel1. Wir erklären, dass wir dabei der Wahrheit nichts hinzudichten, etwa um zu prahlen oder die Sache auszuschmücken. Wir haben, wie es eben ging, die Darstellung von Begebenheiten, die meine Schüler, vor allem Ercole Visconti, Paolo Eufomia, Rodolfo Silvestre, miterlebten, mit solchen Teilen, die ich selbst früher schon niedergeschrieben, zu einem Buch zusammen verarbeitet. Dies hatte schon vor einigen Jahren einer meiner Verwandten und Schüler versucht, Gaspare Cardano, Arzt von Beruf. Aber der Tod ereilte ihn, und so konnte er die Arbeit nicht vollenden.

Was ich hier unternehme, das ist jedem Privatmann, einem Juden selbst, zu tun erlaubt, ohne dass er irgendwelchen Tadel fände. Und wenn mir auch keine gar so großen Dinge zugestoßen sind, so doch gewiss manche, die Bewunderung verdienen. Auch wissen wir wohl, dass Galen2 den gleichen Versuch unternommen hat: Er tat dies, indem er in seine anderen Schriften, weil es ihm so schicklicher schien, gelegentlich einzelne Notizen einfließen ließ. Der Lässigkeit der Gelehrten haben wir es zu danken, dass noch kein Wissenschaftler von Bedeutung versucht hat, diese Notizen geordnet zusammenzustellen.

Dies Buch hier ist geschrieben ohne jede Schminke und will niemanden belehren; es begnügt sich mit der Erzählung bloßer Tatsachen und schildert ein Menschenleben, keine großen Staatsaktionen. So haben auch Lucius Sulla3, Gaius Caesar4 und Augustus5, wie erwiesen ist, ihr Leben und ihr Tun beschrieben, sodass also diese Sache durchaus nach dem Vorgang der Alten unternommen, nicht neu oder von uns erdacht ist.

ERSTES KAPITEL
Heimat und Familie

Meine Heimat ist Mailand; das Städtchen, aus dem die Familie stammt, Cardano, 24 000 Schritte von Mailand, 7000 von Gallarate entfernt. Mein Vater hieß Fazio und war Advokat; der Großvater hieß Antonio, der Urgroßvater wieder Fazio, dessen Vater Aldo. Die Söhne des älteren Fazio waren Giovanni, ein weiterer Aldo und mein Großvater Antonio. Antonio hatte drei Söhne: Es waren dies Gotardo, Paolo, ein Advokat und Gemeindevorsteher, und mein Vater Fazio; dazu hatte er noch einen unehelichen Sohn, der mit Vornamen wieder Paolo hieß. Heute leben noch von dieser ganzen Linie ungefähr dreißig Verwandte. Strittig ist, ob die Familie der Cardani eigenen Ursprungs oder, wie einige glauben, ein Zweig des Hauses Castiglione6 ist; jedenfalls ist sie alt und vornehm. Denn ein Milo Cardano stand schon im Jahre 1189 an der Spitze unserer Stadt, in weltlichen wie geistlichen Angelegenheiten, 92 Monate lang. Und zwar erstreckte sich seine Jurisdiktion nicht nur auf Fälle des bürgerlichen, sondern gleich der eines Fürsten auch auf solche des Strafrechts. Auch umspannte sein Herrschaftsbezirk noch andere Städte, die damals unter mailändischer Oberhoheit standen, die ganze Umgebung Mailands, darunter auch Como. Diese Gewalt hatte dem Milo der Erzbischof Crivelli übertragen, als er Papst Urban III.7 geworden war. Einige wollen, auch Francesco Cardano, der General des Matteo Visconti8, habe unserer Familie angehört. Stammen wir vollends tatsächlich vom Hause Castiglione ab, so sind wir noch viel vornehmer, da ja auch ein Papst, nämlich Coelestin IV.9, aus dieser Familie hervorgegangen ist.

Unsere Ahnen erreichten alle ein hohes Alter. Des älteren Fazio Söhne wurden 94, 88 und 86 Jahre alt. Giovanni hatte zwei Söhne: Antonio, der 88, und Angelo, der 96 Jahre alt wurde. Diesen habe ich in meiner Jugend selbst noch gekannt, wie er ganz hinfällig war. Aldo hatte einen einzigen Sohn, Giacomo, der mit 72 Jahren starb. Mein Oheim Gotardo, den ich selbst noch gesehen habe, wurde 84, mein Vater 80 Jahre alt. Der genannte Angelo hat als ein nahezu Achtzigjähriger noch Söhne gezeugt, die freilich einen ganz altersschwachen Eindruck machten (einer von ihnen lebt gleichwohl noch heute, 70 Jahre alt), und hat sogar nach seinem 80. Jahre das verlorene Augenlicht wieder gewonnen. Wie ich höre, und einige von ihnen habe ich ja selbst gesehen, waren meine Ahnen von ziemlich schlankem Wuchs.

Mütterlicherseits gehöre ich zur Familie Micheria; meine Mutter war eine Chiara Micheria, und mein Großvater hieß Giacomo und erreichte ein Alter von 75 Jahren. Dessen Bruder Angelo war, als ich noch ein ganz kleiner Knabe war, 85 Jahre alt, wie ich von ihm selbst gehört habe. Mein Vater hatte mit meinem Oheim väterlicherseits und mit meinem mütterlichen Großvater die Gelehrsamkeit und eine ganz außergewöhnliche geistige Frische, mit meinem mütterlichen Großvater außerdem das hohe Alter und die Kenntnis in der Mathematik gemein. Dieser selbe Großvater mütterlicherseits wurde, wie ich, eingekerkert, fast im gleichen Alter; beide waren wir, als dies Schicksal uns traf, 70 Jahre alt.

Es gab noch fünf andere Linien des Hauses Cardano, die alle von dem älteren Aldo, unserem Ahnherrn, abstammen: die des Antoniolo vom Jahre 1388, die des Gasparino vom Jahre 1409, die des Rainerio vom Jahre 1391 und endlich die älteste, die des Enrico vom Jahre 1300, dessen Nachkommen Berto und Giovanni Facioli fast im gleichen Alter [mit Girolamo Cardano?] stehen. Dazu kommt noch die Linie des Guglielmo. Unsicher ist, wann dieser lebte; doch hatte er drei Söhne: Zolo, Martino und Giovanni, welch Letzterer zu Gallarate wohnte.

ZWEITES KAPITEL
Meine Geburt

Nachdem, wie man mir erzählt, vergebens Abtreibungsmittel angewandt worden waren, kam ich zur Welt im Jahre 1501, am 24. September, als die erste Stunde der Nacht noch nicht vollendet, nur wenig mehr als zur Hälfte, aber noch nicht zu zwei Dritteln verflossen war. Die wichtigste Stellung der Figuren des horoskopischen Aspektes war so, wie ich sie im 8. Kapitel des als Anhang zu meinem Kommentar der vier astronomischen Bücher des Ptolemaeus10 gegebenen Buches der zwölf Nativitäten mitgeteilt habe. Ich habe festgestellt, dass damals die beiden großen Sterne [Sonne und Mond] unter bestimmten Winkeln niederstiegen und dass keiner von ihnen den Ort des Horoskopes beschaute, da sie sich an der 6. und an der 12. Stelle befanden. Es konnte auch, mit dem gleichen Resultat, einer von ihnen an der 8. Stelle stehen; er wäre dann im Sinken begriffen gewesen, ohne dass ein Winkel gegeben war, sodass man hätte sagen können: er steigt nieder außerhalb des Winkels. Und standen auch sonst keine unglückverheißenden Sterne innerhalb dieser Winkel, so schadete doch der Mars den beiden großen Sternen wegen der Ungunst ihrer Stellung, und da er vollends mit dem Mond im Geviertschein11 stand, so konnte ich sehr wohl missgestaltet zur Welt kommen. Des Weiteren aber, weil der Ort der vorhergehenden Konjunktion unter dem 29. Grad der Jungfrau lag, die den Merkur beherrscht, und da weder der Merkur noch der Ort des Mondes, noch der meines Horoskopes zusammenfielen und keiner von ihnen den vorletzten Grad der Jungfrau beschaute, so musste ich missgestaltet zur Welt kommen. Tatsächlich hätte es auch leicht geschehen können, dass ich zerstückt aus dem Leibe meiner Mutter kam; nur wenig hat gefehlt. So ward ich denn geboren, oder vielmehr aus der Mutter herausgezogen, fast wie tot, mit schwarzem, krausem Haar. In einem Bad heißen Weines, das einem anderen hätte gefährlich werden können, kam ich zu Kräften. Drei volle Tage war meine Mutter in schweren Geburtswehen gelegen. Schließlich kam ich doch lebend davon.

Um aber wieder auf mein Horoskop zurückzukommen: Da die Sonne und die beiden verderbenbringenden Sterne12, auch die Venus und der Merkur, gerade in männlichen Zeichen des Tierkreises13 standen, behielt mein Leib normale menschliche Gestalt. Und weil der Jupiter am Ort des Horoskopes stand und die Venus Herrin der ganzen Konstellation war, so ward ich nirgends verletzt als an den Geschlechtsteilen, sodass ich von meinem 21. bis zum 31. Lebensjahre nicht mit Weibern verkehren konnte und oft darob mein trauriges Schicksal beklagt, jeden anderen um sein glücklicheres Geschick beneidet habe. Und obwohl, wie ich schon sagte, die Venus die ganze Konstellation beherrschte und der Jupiter in der Linie meines Horoskopes stand, ward mir doch ein wenig günstiges Los zuteil: Ich bekam eine etwas schwere, stammelnde Zunge und dazu eine geistige Neigung, die, wie Ptolemaeus sagt, zwischen einem kühl besonnenen Wesen und einer harpokratischen Natur14, nämlich einer unwiderstehlichen, unbewussten Sehergabe, die Mitte hielt. In dieser Art des Vorauswissens – Ahnung nennt man sie mit einem passenderen Wort – habe ich mitunter ganz deutliche und offensichtliche Erfolge gehabt, ebenso auch in anderen Arten des Weissagens. Und weil die Venus und der Merkur unter den Strahlen der Sonne standen und dieser ihre ganze Kraft liehen, so hätte auch diese gute Konstellation für mich von günstigen Folgen sein können – trotz meiner, um mit Ptolemaeus zu reden, ganz jämmerlichen und unglücklichen Geburt, wenn eben nicht die Sonne selbst in ungünstiger Lage gewesen wäre, da sie von ihrer Höhe niedersteigend an der Unglück verheißenden 6. Stelle sich befand. Es blieb mir also nur eine gewisse Verschmitztheit, aber eine sehr wenig freie Gesinnung, lauter harte, schroffe Grundsätze. Alles in allem kurz gesagt: Es fehlen mir körperliche Kräfte, ich habe nur wenig Freunde, ein kleines Vermögen, dagegen immer mehr Feinde, deren größten Teil ich weder dem Namen nach noch von Angesicht kenne; es fehlt mir die rein menschliche Weisheit, ich habe auch kein gutes Gedächtnis, dafür aber ein etwas größeres Maß von guter Voraussicht. So weiß ich wirklich nicht, was meine Verhältnisse, die in Bezug auf Familie und Ahnen geringschätzig bewertet werden, meinen Neidern so herrlich und beneidenswert erscheinen lässt. Am gleichen Tage wie ich ist einst Augustus15 zur Welt gekommen. Im ganzen römischen Reiche fängt an diesem Tag eine neue Zinszahl an. Und am nämlichen Tage haben der hocherlauchte König Ferdinand von Spanien16 und seine Gemahlin Elisabeth die erste Flotte ausgesandt, die ihnen den ganzen Westen erobern sollte.

DRITTES KAPITEL
Einiges Allgemeine aus dem Leben meiner Eltern

Mein Vater kleidete sich in Purpur, nach alter städtischer Sitte, wozu er aber immer ein schwarzes Käppchen trug. Er stotterte beim Reden, betrieb als Dilettant mancherlei Studien, war rot, hatte weißgraue Augen, die nachtsichtig waren, und brauchte bis an sein Lebensende nie Augengläser. Beständig führte er das Wort im Munde: »Aller Geist lobe den Herrn, denn er ist die Quelle aller Tüchtigkeit.« Als er noch jung war, hatte er durch eine Verwundung am Kopf mehrere Knochen verloren, sodass er nie lange ohne Kopfbedeckung sein konnte. Von seinem 55. Lebensjahre an hatte er gar keine Zähne mehr. Er gab sich alle Mühe, die Werke des Euklid17 zu studieren, und hatte eingebogene Schultern. Mein ältester Sohn ähnelte ihm sehr, im Gesicht, an den Augen, im Gang und an den Schultern; nur im Sprechen war er, vielleicht der jüngeren Jahre wegen, etwas gewandter. Mein Vater verkehrte nur mit einem einzigen Freund und Vertrauten, der freilich einen ganz anderen Beruf als er selber hatte; er hieß Galeazzo, mit dem Familiennamen Rossi, und ist vor ihm gestorben. Dann verkehrte mein Vater freundschaftlich mit dem Senator Gianangelo Salvatico, der einst sein Schüler und Hausgenosse gewesen war. Die Ähnlichkeit des Charakters und der Interessen hatte einen Schmied [Galeazzo Rossi] zum Freund meines Vaters gemacht. Dieser Rossi war es, der die Schraube des Archimedes18 erfunden hat, ehe noch die Werke des Archimedes veröffentlicht waren. Auch verfertigte er Säbel, die sich wie Blei biegen ließen und Eisen fast wie Holz spalteten, und – was eine noch viel bedeutendere Leistung war – eiserne Panzer, die den Kugeln der Schusswaffen von Infanteriesoldaten Widerstand leisteten. Ich selbst habe, freilich als ganz kleiner Bube, diesem Experiment oft zugeschaut. Eine einzige Panzerplatte genügte, einem fünffachen Schuss standzuhalten, und zeigte daraufhin kaum eine kleine Schramme.

Meine Mutter war jähzornig, von gutem Gedächtnis und klarem Verstand, klein von Gestalt, fett, fromm.

Jähzornig waren beide Eltern gleichermaßen und wenig konsequent und beständig in der Liebe zu ihrem Kinde; dabei wieder nachsichtig, sodass mein Vater zum Beispiel duldete, ja befahl, dass ich nie vor vollendeter zweiter Tagesstunde19 vom Bette aufstand, was mir für mein ganzes Leben und mein gesundheitliches Wohlbefinden von großem Nutzen war. Es scheint auch – wenn es erlaubt ist zu sagen – mein Vater besser und liebevoller gewesen zu sein als meine Mutter.

VIERTES KAPITEL
Kurze Schilderung meines ganzen Lebens von der Geburt bis auf den heutigen Tag, den letzten Oktober des Jahres 1575

Eine solche Zusammenfassung hätte auch Sueton20, wenn er überhaupt sein Augenmerk darauf gerichtet hätte, der Bequemlichkeit seiner Leser zuliebe seinen Biografien beigeben können, denn, wie die Philosophen sagen: nichts ist etwas, wenn es nicht in sich ein Ganzes ist. – Ich bin also geboren zu Pavia. Im ersten Monat meines Lebens verlor ich meine Amme, die, wie man mir erzählt hat, am gleichen Tage, da sie erkrankte, an der Pest starb. Man gab mich meiner Mutter zurück. Damals bekam ich im Gesicht fünf Karbunkeln, so in Form eines Kreuzes gestellt, dass mir einer auf der Nasenspitze saß; genau an denselben Stellen sind nach drei Jahren ebenso viel Geschwüre – man nennt sie auch Pocken – von Neuem ausgebrochen. Der zweite Monat meines Lebens war noch nicht verflossen, da zog Isidoro de' Resti, ein Adliger aus Pavia, mich nackt aus einem Bad von heißem Essig und gab mich einer Amme. Die brachte mich nach Moirago, einem Landhaus, 7000 Schritte von Mailand entfernt, an der Straße, die von dieser Stadt über die Ortschaft Binasco nach Pavia führt. Dort begann eines Tages mein Bauch hart zu werden und aufzuschwellen, und mein ganzer Körper siechte dahin; man suchte nach den Ursachen und fand, dass meine Amme schwanger war. Darauf übergab man mich einer besseren Amme, die mich im dritten Lebensjahr entwöhnte. Im vierten brachte man mich nach Mailand, und meine Mutter und ihre Schwester Margarita, meine Tante – eine Frau, der, wie ich glaube, jede Galle gefehlt hat, – behandelten mich mild und freundlich; nur wurde ich oft von Vater und Mutter ohne jeden Grund so sehr geprügelt, dass ich häufig bis auf den Tod erkrankte. Als ich dann endlich 7 Jahre alt geworden war – Vater und Mutter wohnten damals getrennt – und in das Alter kam, da ich Prügel hätte verdienen können, beschlossen sie, mich künftighin nicht mehr zu schlagen. Aber mein böser Stern verließ mich nicht; er änderte nur meine traurige Lage, hob sie nicht auf. Mein Vater vereinigte den Hausstand wieder und nahm mich, Mutter und Tante zu sich in sein Haus. Dort musste ich nun meinem Vater Dienste tun, so zart und jung wie ich damals war, und sah mich aus der vollkommenen Ruhe kindlichen Daseins plötzlich in den Zustand strengster und andauernder Arbeit versetzt. Da fiel ich zu Beginn meines 8. Lebensjahres in Krankheit; ich litt an Ruhr und Fieber. Es war dies eine damals in Mailand grassierende Epidemie, wenn nicht eine Art von Pest, und ich hatte zudem heimlich eine große Menge unreifer Trauben gegessen. Man zog zwei Ärzte bei, den Bernabone della Croce und den Angelo Gira, doch mein Zustand ließ erst wieder Besserung erhoffen, als schon Vater, Mutter und Tante mich als tot bejammert hatten. Mein Vater hatte für meine Gesundheit dem heiligen Hieronymus21 ein Gelübde getan; er war ein Mann, der ein frommes Herz hatte, und wollte darum lieber des Heiligen wundertätige Kraft erproben als die eines gewissen bösen Geistes, mit dem er, wie er versicherte, in vertrautem Verkehr stand – eine dunkle Sache, der ich stets versäumt habe auf den Grund zu gehen. So bin ich denn wieder gesund geworden, gerade damals, als die Franzosen nach ihrem Sieg über die Venezianer22 bei Adda einen Triumphzug durch die Stadt hielten, dem ich vom Fenster aus zuschauen durfte.

Nach dieser Krankheit hat auch die ewige Mühe und Plackerei im Dienst meines Vaters für einige Zeit aufgehört. Aber der Juno Zorn23 war noch nicht gesättigt: Ich hatte mich noch nicht völlig von der Krankheit erholt, als ich – wir wohnten damals in der Via Dei Maini – die Treppe herabfiel, einen Hammer in der Hand, der mich an der linken Stirnseite ganz oben traf. Ich erlitt eine schwere Verletzung, auch der Knochen war getroffen, sodass eine dauernde, heute noch sichtbare Narbe blieb. Die Wunde war kaum geheilt, ich saß eines Tages vor der Haustüre, da fiel vom Dache des sehr hohen Nachbarhauses ein Ziegelstein, in der Länge und Breite wie eine Nuss, aber dünn wie ein Stückchen Rinde, und verwundete mich links oben am Kopf, wo reichlich Haare standen. Zu Beginn meines 10. Lebensjahres wechselte mein Vater die Wohnung; er verließ das Haus, das ihm der Unglücksfälle wegen unheimlich wurde, und bezog ein anderes in der gleichen Straße, wo ich nun volle drei Jahre lang lebte. Mein Schicksal aber änderte sich nicht: Wieder führte mein Vater mich wie einen Sklaven mit sich, in so auffallender Strenge, um nicht zu sagen Grausamkeit, dass ich – nach den Erfahrungen, die ich später gemacht habe – glauben möchte, es sei dies eher des Himmels Wille als des Vaters Schuld gewesen, umso mehr, als auch Mutter und Tante mit dieser Behandlung einverstanden waren. Immerhin verfuhr er nun mit mir viel milder als früher, denn inzwischen hatte er zwei Neffen, einen nach dem andern, zu sich ins Haus genommen, und da diese zu den gleichen Diensten angehalten wurden, ward meine Knechtschaft erleichtert oder war doch weniger schwer zu tragen, denn entweder musste ich jetzt den Vater gar nicht mehr oder doch nur gemeinsam mit den Neffen begleiten. Mehrmals wechselten wir die Wohnung, ich immer in des Vaters Begleitung, bis wir schließlich, da ich das 16. Lebensjahr vollendet, in das Haus des Alessandro Cardano zogen, bei der Mühle der Bossi.

Mein Vater hatte zwei Neffen, Söhne seiner Schwester: Einer, Evangelista, trat in den Orden des heiligen Franziskus und wurde fast 70 Jahre alt, der andere, Oddone Cantone, war Steuereinnehmer, ein reicher Mann. Der wollte vor seinem Tode mich zum einzigen Erben seines ganzen Vermögens einsetzen; aber der Vater duldete dies nicht, er sagte, das Geld sei unrecht erworbenes Gut. So wurde sein Vermögen nach Gutdünken seines Bruders, der damals noch lebte, verteilt.

Neunzehn Jahre alt geworden bezog ich zusammen mit Giovanni Ambrogio Targio die Universität zu Pavia und blieb dort, dieses Mal ohne meinen Kameraden, auch ein zweites Jahr. Als ich das 21. Lebensjahr zurückgelegt, begab ich mich, wiederum mit Targio, ein drittes Mal nach Pavia, hielt nun meine öffentliche Disputation und las im Gymnasium über den Euklid und schon nach wenigen Tagen auch über Dialektik und die Anfangsgründe der Philosophie, zuerst für den Servitenbruder Romolo und kurze Zeit darauf für einen gewissen Arzt namens Pandolfo. Nach vollendetem 22. Lebensjahre blieb ich für einige Zeit zu Hause in Mailand, der Kriegswirren24 wegen, unter denen unsere Gegend damals schwer zu leiden hatte. Zu Beginn des Jahres 1524 begab ich mich nach Padua; gegen Ende des Jahres, das heißt im Monat August, führte mich, in Begleitung des Gianangelo Corio, irgendein Zufall wieder nach Mailand zurück. Ich fand meinen Vater todkrank in den letzten Zügen. Doch er kümmerte sich mehr um mein als um sein eigenes Wohlergehen und verlangte, dass ich nach Padua zurückkehre; glücklich war er, hören zu dürfen, dass ich das sogenannte Bakkalaureat der freien Künste25 zu Venedig erworben. Ich reiste also wieder nach Padua und erhielt bald nach meiner Ankunft die briefliche Nachricht, mein Vater sei gestorben, acht Tage, nachdem er sich jeder Speise enthalten habe. Gestorben ist er am 28. August, und zu fasten fing er an am 20., einem Samstag. Gegen Ende meines 24. Lebensjahres wurde ich Rektor der Universität zu Padua, ein Jahr später Doktor der Medizin. Bei der Wahl als Rektor drang ich nach zweimal wiederholter Abstimmung mit einer Stimme Mehrheit durch. Bei der Promotion zum Doktorat war ich zuerst zweimal durchgefallen, da 47 Stimmen gegen mich abgegeben wurden, und erst bei der dritten Abstimmung, über die hinaus keine weitere mehr zulässig war, blieb ich Sieger: Nurmehr neun Stimmen wurden gegen mich abgegeben; ebensoviele hatten bei den ersten Abstimmungen, gegenüber 47 ablehnenden Stimmen, für mich gestimmt. Ich weiß wohl, dass dies alles Kleinigkeiten sind, aber ich berichte sie genau, wie sie stattgefunden haben, weil ich meinen Spaß daran haben will, wenn ich es wieder lese (für mich allein nämlich, nicht für andere, mache ich diese Aufzeichnungen), weil ferner jeder, der vielleicht doch einmal dies zu lesen geruht, wissen möge, dass großer Dinge Anfang wie ihr Ausgang oft trüb und dunkel ist, und endlich, weil manchem andern schon Ähnliches begegnet ist, ohne dass er Gewicht darauf gelegt hat.

Nachdem nun also mein Vater gestorben und meine Amtszeit als Rektor abgelaufen war, begab ich mich, zu Beginn meines 26. Lebensjahres, nach dem Städtchen Sacco, das 10000 Schritt von Padua, 25000 von Venedig entfernt liegt, ermuntert und unterstützt durch einen Arzt in Padua, Francesco Buonafede. Dieser Mann, dem ich nie irgendwelchen Dienst getan – nicht einmal sein Hörer bin ich gewesen, obwohl er zu Padua öffentlich las –, war mir in höchst uneigennützigem freundschaftlichem Eifer zugetan. Ich blieb nun zunächst in Sacco, indes mein Vaterland durch alle Art von Übel heimgesucht wurde: Im Jahre 1524 wütete zu Mailand eine fürchterliche Pest, zweimal wechselte die Stadt den Landesherrn26, und in den Jahren 1526 und 1527 litt sie unter einer vernichtenden Hungersnot; die Preise für die amtlichen Getreidescheine waren kaum zu erschwingen. Dazu kamen unerträglich drückende Abgaben. Im Jahre 1528 wüteten wieder Pest und andere Seuchen – Übel, die vielleicht nur aus einem einzigen Grunde ein weniges leichter zu ertragen waren, weil sie nämlich das ganze Land verheerten.

Im Jahre 1529, da die Kriegswirren ein wenig nachließen, siedelte ich wieder nach meiner Vaterstadt über. Ich wollte in das Kollegium der Ärzte aufgenommen werden, wurde aber abgewiesen. Bei den Barbiani27 war nichts für mich zu erreichen, und da zudem meine Mutter launisch und griesgrämig war, kehrte ich wieder in mein Landstädtchen28 zurück, nicht so gesund freilich, als ich es verlassen hatte. Die Aufregungen, Mühen, Sorgen und Arbeiten, dazu Husten und eiternde Geschwüre, ein übelriechender Auswurf infolge verdorbenen Magens hatten mich auf einen Zustand gebracht, von wo aus sonst niemand mehr gesund zu werden pflegt. Doch ein Gelübde, das ich der Allerseligsten Jungfrau gemacht, rettete mich aus dieser Krankheit, und unmittelbar darauf, gegen Ende meines 31. Lebensjahres, vermählte ich mich mit Lucia Bandarini aus dem Städtchen Sacco.

Vier Beobachtungen habe ich im Laufe meines Lebens gemacht: einmal, dass alle meine Unternehmungen, ohne dass ich es beabsichtigte, immer vor dem Vollmond zum Abschluss kamen; zweitens, dass ich immer dann frohe Hoffnung schöpfen durfte, wenn andere sie zu verlieren pflegen; weiter, dass ich mir das Glück, wie ich schon gesagt, tatsächlich immer im letzten Augenblick zum Besten wandte; und endlich, dass ich bis zu meinem 60. Lebensjahre fast alle meine Reisen im Monat Februar angetreten habe. – Meine Frau gebar mir nach zwei Fehlgeburten zwei Söhne und zwischenhinein eine Tochter. Im Jahre nach meiner Vermählung begab ich mich gegen Ende April nach Gallarate, blieb dort neunzehn Monate und erholte mich in dieser Zeit völlig. Und damals hörte ich auch auf, arm zu sein, denn es war mir allmählich gar nichts mehr geblieben. Doch jetzt ermöglichte es mir das liebevolle Entgegenkommen der Vorsteher des großen Xenodochiums29 und vor allem die Unterstützung des erlauchten Filippo Archinti30, damals berühmt als Redner, nach Mailand zu ziehen und dort öffentlich Mathematik zu lehren, nunmehr im Alter von mehr als 33 Jahren. Zwei Jahre darauf bot sich mir die Gelegenheit, zu Pavia öffentlich Medizin zu dozieren; ich nahm nicht an, weil ich keinerlei Aussicht hatte, dort auch nur den nötigsten Lebensunterhalt zu finden. Im nämlichen Jahre, 1536, reiste ich nach Piacenza; ein Brief des Bischofs Archinti – er war damals übrigens noch nicht Priester – rief mich dorthin zum Papst31, doch wurde nichts aus der Sache. Auch der französische Vizekönig von Mailand nahm sich meiner an und zwar, wie ich später erfuhr, auf Drängen des erlauchten Herrn Louis Birague, des Kommandanten der in Italien stationierten Infanterie des französischen Königs. Dieser Vizekönig Brissac32 war ein überaus eifriger Freund und Gönner der Gelehrten; er machte mir viele und große Angebote, aber die Sache zerschlug sich. Im Jahre darauf, 1537, verhandelte ich wieder mit dem Kollegium der mailändischen Ärzte, aber mein Gesuch um Aufnahme wurde wiederum glattweg abgewiesen. Im Jahre 1539 dagegen, als nicht mehr so viele gegen mich stimmten, bin ich tatsächlich wider alles Erwarten aufgenommen worden, auf Betreiben des Senators Sfondrat33i und des ganz vortrefflichen Francesco Deila Croce. Später, nämlich im Jahre 1543, habe ich dann auch zu Mailand über Medizin gelesen, aber schon im folgenden Jahre bin ich, als mein Haus in Mailand einstürzte, nach Pavia gezogen und habe dort Heilkunde doziert; einen Konkurrenten im Lehramt hatte ich zwar nicht, doch wurde mir auch mein Gehalt nicht ausbezahlt. So gab ich denn gegen Ende meines 44. Lebensjahres diese Stellung wieder auf und blieb nun zu Mailand mit meinem ältesten Sohn Giovanni Battista, der damals 11 Jahre alt war; meine Tochter Chiara war 9 und Aldo 2 Jahre alt geworden. Da machte mir im Sommer des Jahres 1546 der Kardinal Morone34 – ich nenne ihn hier, um ihm ein ehrendes Denkmal zu setzen – ein Angebot35 unter nicht zu verachtenden Bedingungen. Aber da ich nun schon einmal, wie ich oben erklärt habe, das ahnungsvolle Wesen einer harpokratischen Natur36 besitze, so sagte ich mir: Der Papst37 ist alt und gebrechlich, eine Mauer, die morgen einstürzen kann – soll ich Sicheres gegen Unsicheres eintauschen? Ich kannte ja auch damals weder die Redlichkeit des Morone, noch die glänzende Freigebigkeit des Farnese. Auch hatte ich seit dem Jahre 1542 die freundschaftliche Zuneigung des Fürsten von Este38 gewonnen, der mir schon einiges an Geld gegeben hatte. Er wollte mir weiteres geben, doch ich nahm nichts an. Vielmehr kehrte ich mit dem Ende des Sommers wieder auf meine Stelle als Dozent in Pavia zurück, und im folgenden Jahr erhielt ich durch Vermittlung des hochberühmten, mir befreundeten Andreas Vesal39 vom König von Dänemark40 die Einladung, mit einem Gehalt von jährlich 800 Kronen in seine Dienste zu treten. Ich lehnte ab, nicht nur wegen der Ungunst des dänischen Klimas – auch hätte meine dortige Lebenshaltung zu großen Aufwand verlangt, sondern vor allem der fremden Religion41 wegen. Ich wäre dort entweder schlecht aufgenommen worden oder aber gezwungen gewesen, mein Vaterland und meine und meiner Ahnen Sitte und Art ganz aufzugeben. Nach vollendetem 50. Lebensjahre blieb ich wieder einige Zeit in Mailand, weil man mir in Pavia mein Gehalt nicht ausbezahlte. Im Februar des Jahres 1552 bot sich mir die Gelegenheit einer Dienstreise nach Schottland42. Ich erhielt vor meiner Abreise aus Italien 500 Kronen französischer Währung und 1200 bei meiner Rückkehr. 311 Tage war ich unterwegs. Ich hätte, wenn ich dort hätte bleiben wollen, eine noch viel größere Summe erhalten können. Von Anfang Januar 1553 bis Anfang Oktober 1559 lebte ich wieder in Mailand. Neue, größere Angebote lehnte ich ab: eines vom französischen König43 deshalb, weil ich fürchtete, die kaiserlich Gesinnten in Mailand vor den Kopf zu stoßen, denn damals wüteten Kriege zwischen beiden Fürsten; ein anderes, das mir gleich nach meiner Rückkehr von Schottland durch Vermittlung des Ferrante Gonzaga44 von dessen Oheim, dem Herzog von Mantua, gemacht wurde; ein drittes endlich, ein weit einträglicheres noch, aber allzu unbestimmtes, das von der Königin von Schottland45 ausging, deren Schwager ich in ärztlicher Behandlung gehabt hatte und die von mir geheilt zu werden hoffte. Bezahlt freilich sollte ich erst werden, wenn die Heilung geglückt wäre.

Im Jahre 1559 kehrte ich wieder nach Pavia zurück, und hier trat bald darauf das unselige Verhängnis ein, das meinem Sohne Giovanni Battista das Leben kosten sollte. Mein Aufenthalt währte gleichwohl fast bis ins Jahr 1562. Dann folgte ich einem Ruf nach Bologna und setzte dort meine Lehrtätigkeit fort bis ins Jahr 1570. Am 6. Oktober dieses Jahres bin ich eingekerkert worden; man behandelte mich dabei in allem, abgesehen vom Verlust meiner Freiheit, durchaus milde. Am 22. Dezember 1570, am gleichen Wochentag und zur gleichen Tagesstunde, als ich eingekerkert worden war, ließ man mich frei, an einem Freitag, in der abendlichen Dämmerung. Ich bezog wieder mein Haus, wurde aber dort zunächst unter Hausarrest gehalten. Sodass ich, da die Kerkerhaft 77 und der Hausarrest 86 Tage währte, im ganzen 163 Tage in Haft war. Ich blieb noch das Jahr 1571, bis in die letzten Tage des Septembers, in Bologna und habe dort mein 70. Lebensjahr beendet. Dann zog ich nach Rom und kam dort an am 6. Oktober, eben als man den Sieg gegen die Türken46 feierte.

Und heute ist seit meinem Einzug in Rom das vierte, seit meiner Verhaftung das fünfte Jahr verstrichen. Ich lebe seither hier als Privatmann; doch hat mich am 13. September dieses Jahres das Kollegium der römischen Ärzte in seine Reihen aufgenommen, und der Papst47 zahlt mir eine Pension.

FÜNFTES KAPITEL
Gestalt und Aussehen

Meine Gestalt ist mittelgroß. Meine Füße sind klein, vorn an den Zehen breit und haben einen etwas hochgewölbten Rücken, sodass ich nur mit Mühe passende Schuhe finde und gezwungen bin, mir solche eigens herstellen zu lassen. Meine Brust ist etwas eng. Die Arme sind viel zu dünn, die rechte Hand zu plump und ihre Finger unförmig, woraus die Handwahrsager wohl schließen möchten, dass ich dumm und roh sei. Sie mögen sich dieser ihrer Wissenschaft schämen. In der rechten Hand ist die Lebenslinie48 kurz, die sogenannte Saturninische49 lang und tief. Die linke Hand ist schön, hat längliche, schlanke und wohlgefügte Finger. Meine Nägel sind glänzend. Mein Hals ist etwas zu lang und zu dünn, das Kinn geteilt, die Unterlippe schwülstig und herabhängend. Meine Augen sind klein und fast wie blinzelnd zugedrückt, außer wenn ich einen Gegenstand schärfer beobachte. Auf dem linken Augenlid habe ich ein linsenförmiges Mal, so klein, dass es nicht leicht zu sehen ist. Die Stirn ist breit und an den Seiten, wo die Schläfen anstoßen, von Haaren frei. Haupt- und Barthaare waren früher blond. Den Kopf pflege ich kurz geschoren und den Bart gestutzt zu tragen. Der Letztere ist zweigeteilt wie das Kinn. Unterhalb des Kinns wachsen viel reichlichere und längere Haare, sodass ich dort einen stärkeren Bart tragen könnte. Mit dem Alter hat der Bart die Farbe gewechselt, das Haupthaar nur wenig. Meine Sprechweise ist etwas laut, sodass ich mitunter darob von Leuten getadelt wurde, die sich gern als meine Freunde ausgaben; die Stimme selbst ist rau und stark und wurde gleichwohl in meinen Vorlesungen schon in einiger Entfernung nicht mehr verstanden. Meine Redeweise ist nicht gerade angenehm und viel zu umständlich; mein Blick fest und starr wie der eines Nachdenkenden. Die oberen Vorderzähne sind groß. Meine Hautfarbe ist ein ins Rötliche spielendes Weiß; mein Gesicht länglich, freilich nicht übertrieben. Der Schädel läuft nach hinten stark verengend und in einer Art kleiner Kugelform aus.

So ist also nichts Besonderes an mir. Und die Maler, deren mehrere aus fremden Gegenden gekommen sind, um mich zu porträtieren, konnten nichts Charakteristisches an mir finden, woran ich im Porträt leicht hätte erkannt werden können. Unten an der Kehle habe ich eine – nicht sehr gut sichtbare – harte, kugelförmige Geschwulst; sie ist von der Mutter vererbt und angeboren.

SECHSTES KAPITEL
Von meiner Gesundheit

Ich hatte viel unter körperlichen Schwächezuständen zu leiden, und zwar handelte es sich dabei sowohl um natürliche Erkrankung als um Unfälle äußerer Art und um bloße krankheitssymptomatische Erscheinungen. Von Natur litt mein Kopf an Katarrhen, die sich bald auf den Magen, bald auf die Brust legten, sodass ich mich immer dann am gesündesten fühle, wenn ich an Husten und Heiserkeit leide. Denn legte sich der Katarrh auf den Magen, so waren Durchfall und Appetitlosigkeit die Folge. Mehr als einmal glaubte ich, Gift zu haben, aber jedesmal kehrte bald und wider alles Erwarten die Gesundheit wieder. Auch die Zähne litten unter diesen Katarrhen, und ich habe auf diese Weise vom Jahre 1563 an rasch hintereinander viele verloren, während mir bis dahin nur einer oder zwei gefehlt hatten. Jetzt habe ich noch 14 gesunde und einen kranken; aber der kann noch lange halten, glaube ich, denn ärztliche Sorge hat viel geholfen. Auch an überladenem und schwachem Magen litt ich viel; und von meinem 72. Lebensjahre an habe ich sofort, wenn ich etwas zu viel oder zu hastig aß oder trank, oder wenn ich etwas meinem Magen wenig Bekömmliches zu mir nahm, Schmerzen gefühlt. Ein Mittel dagegen habe ich im zweiten Teil meines Werkes De tuenda sanitate mitgeteilt. In meiner Jugend hatte ich viel mit Herzklopfen zu tun; es war dies ein Familienerbstück, aber die ärztliche Kunst hat mich ganz davon befreit. Desgleichen litt ich auch an Hämorrhoiden und Podagra, bin aber von diesem Letzteren so gründlich geheilt worden, dass ich oft hätte wünschen mögen, nicht gerade diese Krankheit wiederzubekommen, wohl aber, wenn sie käme, sie wieder vertreiben zu dürfen. Einen Darmbruch, woran ich litt, hatte ich anfangs ganz unbeachtet gelassen; später, von meinem 62. Lebensjahre an, reute es mich, ihn nicht genügend behandelt zu haben, vor allem, als ich merkte, dass er mir vom Vater vererbt war. Dabei ist mir Folgendes ganz Sonderbare begegnet: der Bruch war auf beiden Seiten eingetreten; auf der linken nun, wo ich ihn durchaus vernachlässigte, ist er ohne jedes Zutun völlig geheilt, auf der rechten dagegen, wo ich sorgfältig mit Bindungen und anderen Mitteln ihm zu begegnen suchte, ist er nur noch stärker geworden. Des Weiteren litt ich auch ständig an Hautkrankheiten und lästigem Jucken am ganzen Körper, bald hier, bald dort. Und dann im Jahre 1536 – wer hätte es geglaubt? – bekam ich den Harnfluss und zwar in sehr starker Weise, ungefähr 40 bis 100 Unzen im Tag. Und nun habe ich schon fast 40 Jahre damit zu tun und lebe noch und leide durchaus nicht an Auszehrung – ich trage noch immer dieselben Ringe – noch an Durst. Auch viele andere Leute, die im nämlichen Jahre von diesem Übel ergriffen worden sind und keinerlei ärztliche Hilfe suchten, sind weit länger am Leben geblieben als solche, die sich in ärztliche Behandlung gaben. Zehntens endlich leide ich an einer alljährlich viermal, im Frühjahr, Sommer, Herbst und Winter, wiederkehrenden Schlaflosigkeit, die jedesmal fast acht Tage währt, sodass ich auf diese Weise im Jahre fast einen Monat, mitunter weniger, mitunter auch zwei, verliere. Diesem Leiden pflege ich durch Diät, und zwar in Bezug auf Qualität, nicht Quantität, zu begegnen, vor allem durch Enthaltung von allen harten Speisen. Es hat aber noch in keinem Jahre ausgesetzt.

Die Krankheiten, die ich äußerem Zufall zu verdanken habe, waren folgende: Die Pest, die ich im zweiten Monat nach meiner Geburt durch Ansteckung bekommen habe, und dann noch einmal in meinem 19. oder 18. Lebensjahre, ich erinnere mich nicht mehr genau, weiß nur noch, dass es im August war und dass ich drei Tage lang fast ohne alle Nahrung blieb. Ich streifte vor der Stadt und in den Gärten umher, und wenn ich am Abend nach Hause kam, log ich, ich hätte bei Agostino Lanizario, einem Freund meines Vaters, gespeist. Wie viel ich in diesen drei Tagen an Wasser getrunken habe, will ich nicht sagen. Am dritten Tage konnte ich nicht mehr schlafen, mein Herz zitterte heftig, ein starkes Fieber hatte mich gepackt, und ich glaubte, im Bett des Asklepiades50 zu liegen und mit diesem unter heftigen Stößen ununterbrochen in die Höhe zu steigen und wieder in die Tiefe zu stürzen. Damals glaubte ich, noch in der Nacht sterben zu müssen. Aber inzwischen überkam mich der Schlaf, und ein Geschwür, das sich an meiner rechten Seite oben bei der ersten sogenannten falschen Rippe gebildet hatte, brach auf, und eine anfänglich nur kleine Menge schwarzen Stoffes drang heraus. Vermutlich der Arznei wegen, die mir mein Vater gegeben und die ich viermal im Tag hinunterschlang, begann ich dann so stark zu schwitzen, dass der Schweiß durch das ganze Bett drang und durch die Bretter hindurch auf den Boden rann. In meinem 27. Lebensjahre sodann befiel mich ein einfaches Tertianfieber51; am vierten und siebenten Tage kam dann je ein Ohnmachtsanfall, und am gleichen siebenten Tage wurde ich ganz gesund. Mit 43 Jahren spürte ich zu Pavia, zum erstenmal, mein Podagra, und mit 54 bekam ich ein Quotidianfieber52, das 40 Tage lang anhielt und wovon mich, am 13. Oktober des Jahres 1555, eine Krisis befreite, bei der ich 120 Unzen Urin ließ. Und 1559 endlich, in dem Jahre, da ich nach Pavia zurückkehrte, litt ich zwei Tage lang an Schmerzen im Halse.

Krankheitssymptome zeigten sich mannigfache. Das erste war, dass ich von meinem siebenten bis fast zum zwölften Jahre bei Nacht mich erhob und Schreie ausstieß, die aber keinen bestimmten Sinn hatten. Und hätten Mutter und Tante, zwischen denen ich schlief, mich nicht gehalten, so wäre ich öfter aus dem Bette gestürzt. So hatte ich nur heftiges Herzklopfen, das aber, sobald man die Hand darauf drückte, sich beruhigte, was das wesentliche Merkmal eines beschleunigten Atems ist. Gleichzeitig – doch dauerte diese Erscheinung bis fast in mein 19. Jahr – hatte ich darunter zu leiden, dass ich nicht Atem fassen konnte, wenn ich dem Winde, vor allem einem kalten, entgegenging. Doch schwand dieses Übel, sobald ich darauf achtete und den Atem zurückhielt. In dieser Zeit konnte ich auch im Bette, selbst wenn ich schon in der sechsten Stunde lag, von den Knien abwärts nicht warm werden. Deshalb vor allem und auch aus anderen Gründen sagte meine Mutter oft, ich werde gewiss kein hohes Alter erreichen. Und dann wieder konnte in einzelnen Nächten, wenn ich einmal warm geworden war, mir am ganzen Leib ein so starker und glühend heißer Schweiß ausbrechen, dass, wer es hörte, es nicht glauben möchte. Mit 26 Jahren fiel ich dann in ein doppeltes Tertianfieber, das sich am siebenten Tage löste; später, mit 54 Jahren, in ein Quotidianfieber, das 40 Tage anhielt. Im November des Jahres 1556 erlitt ich infolge eines mäßigen Trunkes von Meerzwiebelessig einen überaus heftigen Anfall von Dysurie53; ich fastete darauf zuerst 34 und dann zum zweiten mal 20 Stunden, aß etwas Tannenharz und genas.

Ich hatte die Gepflogenheit – worüber manche Leute sich wunderten –, dass ich, sobald ich keine Schmerzen hatte, mir solche selbst zu bereiten suchte, wie ich oben vom Podagra gesagt habe. Auf diese Weise ging ich häufig der Gefahr einer Krankheit entgegen, um nur, so gut es irgend ging, der Schlaflosigkeit entgehen zu können. Ich bin nämlich der Ansicht, die Lust bestehe wesentlich in dem Stillen eines gehabten Schmerzes, und wenn ein Schmerz freiwillig verursacht ist, so kann er ja leicht gestillt werden. Und nun weiß ich aus Erfahrung, dass ich nie ganz ohne Schmerzen sein kann; denn ist dies einmal der Fall, so befällt mich eine so widerwärtige Stimmung, dass ich nicht wüsste, was schwerer zu ertragen ist. Ein viel geringeres Übel ist mir dann der Schmerz oder dessen Ursache, die weder mit einer entstellenden Verletzung noch mit irgendwelcher Lebensgefahr verbunden zu sein braucht. So habe ich mir zu diesem Zwecke Schmerzen ausgedacht, die mir Tränen erpressen können: ein Beißen in die Lippen, ein Verrenken der Finger, ein Quetschen der Haut oder einer zarten Muskel des linken Armes. Und mithilfe solcher Vorbeugungsmittel lebe ich noch heute ohne jede Schädigung.

Von Natur fürchte ich erhöhte Orte, und seien sie auch noch so breit, desgleichen solche Plätze, wo mir ein wütender Hund begegnen könnte. Mitunter habe ich auch mit einer gewissen heroischen Leidenschaft zu tun gehabt, einer starken Neigung zum Selbstmord. Ich vermute freilich, dass dies auch anderen begegnet, nur dass sie es nicht in Büchern berichten. In früher Jugend endlich, bis ungefähr in mein zweites Jahr, schien mir ein Krebsleiden zu drohen; und vielleicht war wirklich ein Anfang dazu vorhanden an meiner linken Brustwarze, wo sich eine rote und dann schwärzlich werdende Geschwulst zeigte, eine Unempfindlichkeit und dann ein Beißen zu spüren war. Dies Übel lösten mit zunehmenden Jahren Krampfadern ab, und diesen folgte dann in meinen Knabenjahren das Herzklopfen, wovon ich schon erzählt habe. Später kamen dann Hämorrhoiden mit starken Blutungen, das erwähnte Jucken und andere Hautunreinlichkeiten. Von alldem bin ich wider alles Erwarten und ohne jede ärztliche Behandlung geheilt worden; denn habe ich auch gegen einige dieser Krankheiten Mittel gebraucht, so hat sich doch dadurch nur der natürliche Sitz des Krankseins verändert.

SIEBENTES KAPITEL
Von meinen Leibesübungen

Von früher Jugend an habe ich mich allen Arten von gladiatorischen Übungen eifrig gewidmet, sodass ich es bei dieser wilden und übermütigen Klasse von Menschen wohl hätte zu einigem Ansehen bringen können. Ich machte Fechtübungen mit dem Schwert, und zwar mit diesem allein oder auch mit einem Schild, mit dem oblongen oder mit dem großen oder kleinen Rundschild. Auch lernte ich mit dem Stoßdegen und Schwert zugleich, mit der langen Lanze und mit Wurfspeeren, oder aber auch mit Schwert und schwerem Mantel ohne besondere Anstrengung auf ein hölzernes Pferd zu springen und verstand es, unbewaffnet einem andern den gezückten Dolch zu entreißen. Ich übte mich auch im Laufen und Springen und habe es darin zu genügender Fertigkeit gebracht; weniger bei Übungen mit den Armen, meiner schwachen Armmuskeln wegen. Beim Reiten, Schwimmen oder Abfeuern von Schusswaffen war es mir noch nicht recht behaglich, fürchtete ich doch auch die Blitze wie den Zorn der Götter. Von Natur nämlich war ich feig, nur künstliche Übung hat mich mutig gemacht, weshalb ich mich auch in die Reihen der freiwilligen Miliztruppen aufnehmen ließ. Auch streifte ich oft bei Nacht, entgegen den Vorschriften der Obrigkeit, bewaffnet durch die Straßen der Stadt, wo ich gerade wohnte. Bei Tage ging ich bewaffnet, mit bleiernen Sohlen von 8 Pfund Gewicht an den Schuhen, bei Nacht verhüllte ich das Gesicht mit einem schwarzen Leinentuch und trug Strumpfschuhe aus starkem Wollstoff. Oft machte ich meine Leibesübungen in voller Waffenrüstung vom frühesten Morgen bis zum Abend und mühte mich dann noch schweißdurchnässt mit meinen Musikinstrumenten ab, trieb mich auch oft die ganze Nacht bis zum Morgen im Freien herum.

Bei Ausübung meiner ärztlichen Praxis ritt ich auf einem Pferd oder Maultier, häufiger aber ging ich zu Fuß. Vom Jahre 1562 an benutzte ich die Kutsche, in Bologna wie in Rom, und tue dies heute noch. Morgens fahre ich im Wagen aus und kehre dann zu Fuß zurück. Vom Mittagessen an trage ich leichtere Kleidung, etwas schwerere immer dann, wenn ich fahre.

ACHTES KAPITEL
Lebensweise

Ich pflege zehn Stunden im Bett zuzubringen, und von diesen, wenn ich gesund und ohne Störung bin, acht, wenn ich mich weniger wohl befinde, vier oder fünf zu schlafen. In der zweiten Stunde nach Sonnenaufgang stehe ich auf. Quält mich nachts Schlaflosigkeit, so stehe ich auf, spaziere um mein Bett und zähle in Gedanken bis auf Tausend; auch enthalte ich mich dann der Speisen ganz oder esse doch um mehr als die Hälfte weniger als sonst. Arzneimittel gegen das Übel gebrauche ich wenig, außer etwas Pappelsalbe oder Bärenfett oder Haarwurzöl, womit ich dann meinen Leib an 17 Stellen einreibe: an den Schenkeln, den Fußsohlen, am Nacken, an den Ellbogen, den Handgelenken, den Schläfen, den Halsadern, in der Herz- und in der Lebergegend und auf der Oberlippe. Namentlich morgens quält mich oft die Schlaflosigkeit über die Maßen. Vormittags pflege ich stets weniger Speisen zu mir zu nehmen als am Abend bei der Hauptmahlzeit. Nach meinem 50. Lebensjahre begnügte ich mich morgens mit einer Brotsuppe; früher bestand mein Frühstück sogar nur aus Brot in Wasser getunkt und großen kretischen Trauben, sogenannten Zibeben. Später wünschte ich mehr Abwechslung und verlangte zum Frühstück mindestens einen Eidotter und zwei oder wenig mehr Unzen Brot, manchmal ohne, manchmal mit einem bescheidenen Quantum reinen Weines. Am Freitag oder Samstag wünsche ich am liebsten ein mäßiges Stück Fleisch mit einer Suppe von Gienmuscheln54 oder Meerkrebsen. Nichts habe ich lieber als ein kräftiges Stück Kalbfleisch im Topf, und zwar ohne Zutat irgendeiner Flüssigkeit, gekocht; doch muss es vorher mit dem Messerrücken lange geklopft sein. So schmeckt es mir am besten; eine Brühe pflegt dabei ganz von selbst herauszuträufeln. Es ist dies die beste Art der Zubereitung; auf diese Weise ist das Fleisch viel saftiger und fetter noch als selbst ein am Spieß geschmortes.

Zum Abendessen nehme ich gern einen Gang Gemüse, am liebsten Mangold, mitunter auch Reis oder Endiviensalat, aber noch lieber esse ich das breite Blatt der stachligen Gänsedistel und die weiße Wurzel der Endivie. Fische esse ich lieber als Fleisch, doch müssen sie gut und frisch sein. Vom Fleisch liebe ich die kräftigen Stücke – so namentlich Kalbs- und Schweinsbrust – geschmort und mit sehr scharfen und zwar heißen Messern fein zerrieben. Zur Mahlzeit lasse ich mir süßen, auch neuen Wein schmecken, im Maß von ungefähr einem halben Pfund, dazu das Doppelte, oder auch mehr, an Wasser. Ganz besonders liebe ich die Flügel von ganz jungen Hühnchen, die Leber und alle anderen blutreichen inneren Teile von Hühnern und Turteltauben. Auch Flusskrebse esse ich gern – wohl deshalb, weil meine Mutter, da sie mich im Leibe trug, solche mit besonderer Lust gegessen hatte desgleichen auch Gienmuscheln und Austern. Des Weiteren nähre ich mich lieber und mit größerem Nutzen für meine Gesundheit von Fisch- als von Fleischspeisen. Fische, die ich gerne esse, sind der Zungenfisch, der Stachelflunder, die Steinbutte, der Gründling, die Landschildkröte, die Plötze, besonders aber der Rotbart oder die Meerbarbe, ferner die Steinbarbe und das Rotauge, der Seebrassen und der Kabeljau, ein ganz leckerer Fisch, auch der Seebarsch, die gewöhnlichen Arten der Weißfische, die große und die kleine Äsche; von den Süßwasserfischen sind es vor allem der Hecht, der Karpfen, der Barsch, beide Arten von Rotflossen oder Brachsen, außerdem der Schmerling, der Drachenkopf, die verschiedenen Arten der Thunfische, gesalzene Sardinen, die zarten und mehr noch die etwas härteren. Sonderbar ist, dass wir die Platt- oder Gienmuschel als eine sehr angenehme Speise lieben, die Miesmuschel oder gewöhnliche Meermuschel dagegen als giftig meiden, desgleichen auch die Wegschnecke, außer sie wäre gereinigt. Auch Süßwasserkrebse und andere Schaltiere schmecken mir; die Meerschaltiere sind mir zu hart und Aale, Frösche und Morcheln zu schwer verdaulich. Ich bin ein großer Freund von Süßigkeiten; besonders liebe ich den Honig, Zucker, frische reife Trauben, Melonen, nachdem ich einmal ihre heilsame Wirkung verspürt habe, Feigen, Kirschen, Pfirsiche, eingekochten Most, und bis heute hat mir noch keines von allen diesen je geschadet. Öl liebe ich über die Maßen, rein oder auch mit Salz und weichen Oliven. Auch die Zwiebel bekommt mir gut, und die Raute habe ich, für mich wenigstens, in meiner Jugend wie im Alter, als Gegengift, nicht nur als Vorbeugungsmittel, sondern auch als gegen jede Art von Vergiftung wirksam erprobt. Auch der römische Wermut hat sich mir als gesundheitsfördernd erwiesen.

Den geschlechtlichen Genüssen habe ich mich immer mit Maß hingegeben und habe auch nie mit den Wirkungen eines übermäßigen Genusses viel zu tun gehabt. Jetzt freilich beginnt offensichtlich mein Magen darunter zu leiden. Das weiße Fleisch von kleinen, am Rost gebratenen Fischen, wenn sie nur frisch und weich sind, schmeckt und bekommt mir vortrefflich. Auch recht fetten Schafkäse verachte ich nicht. Ein Karpfen aber, der ausgenommen drei bis sieben Pfund wiegt, ist mir lieber als jede andere Speise. Von den großen Fischen nehme ich Kopf und Bauch, von den kleinen Rücken und Schwanz. Der Kopf und bei den großen Fischen auch die übrigen Teile sollen immer in Wasser gesotten oder in der Schüssel gedämpft, die kleinen Fische dagegen geröstet, getrocknet, oder auch gesotten oder am Rost gebraten sein. Sind sie ganz zart, so liebe ich sie geröstet oder nur ganz wenig gesotten. Von den vierfüßigen Tieren sind die weißen Fleischteile die besten; die blutreichen inneren Teile, Herz, Leber, Nieren sind weniger leicht verdaulich, die Lunge etwas leichter. Doch sind alle diese letztgenannten von geringem Nährwert. Die roten Fleischteile, das Herz ausgenommen, sind leicht verdaulich, die weißen mittelmäßig, mit Ausnahme der Hoden, die leicht verdaulich sind; schwerer verdaulich sind die blauen Fleischteile.

Der obersten Genera dieser ganzen Sache sind es sieben: Luft, Schlaf, Leibesübung, Speise, Trank, Arznei und Vorbeugungsmittel. Der Spezies sind es 15: Luft, Schlaf, Übung, Brot, Fleisch, Milch, Eier, Fische, Öl, Salz, Wasser, Feigen, Raute, Trauben und scharfe Zwiebeln. Zubereitungsmittel haben wir 15: Feuer, Asche, Bad, Wasser, Topf, Bratpfanne, Bratspieß, Bratrost, Mörser, Messerrücken und Messerschneide, Reibeisen, Petersilie, Rosmarin und Lorbeer. Von Übungsmitteln kennen wir: das Mühlrad, den Spaziergang, das Reiten, kleine Wurfspieße, die Kutsche, Geräte, wie sie der Waffenschmied hat, noch einmal das Reiten, den Sattel, die Schifffahrt, das Polieren von Platten, Reiben und Waschen, wiederum genau 15. – So habe ich denn, wie es die Herren Theologen machen, durch tiefsinnige Gedankenarbeit und blendende Vernunftschlüsse die Sache auf wenige Begriffe zusammengeordnet. Denn ohne solche glänzende begriffliche Klarheit wird dir alles dunkel und verschlossen bleiben, und wäre es auch noch so hell und selbstverständlich. Fahren wir darum ebenso fort: Fünf Dinge sind es, die man ohne Maß (man wäre denn ein Greis) genießen darf: Brot, Fisch, Käse, Wein und Wasser. Zwei Dinge dienen als Arznei: Mastix und Koriander, jedoch nur in großen Mengen Zucker; zwei als Gewürze: Safran und Salz, wovon das Letztere zugleich ein Element ist. Vier Dinge sind nur mit Maß zu nehmen, denn es sind Nahrungsmittel: Fleisch, Eidotter, Rosinen und Öl. Und dieses Letztere ist ein verborgenes Element, das in seinen Eigenschaften den Sternen zu vergleichen ist, nämlich wenn es brennt.

NEUNTES KAPITEL
Der Gedanke, meinen Namen zu verewigen

Gedanke und Wunsch, meinen Namen zu verewigen, stellten sich ebenso frühe bei mir ein, als spät ich Aussicht hatte, sie zu verwirklichen. Es war mir klar, dass es ohne Zweifel ein doppeltes Leben gebe, ein derbwirkliches, das wir Menschen mit Tier und Pflanze gemein haben, und ein anderes, das nur der Mensch lebt, der nach Ruhm und Arbeit strebt. Frühe sah ich auch, dass schon für jenes erste Leben die Natur mich stiefmütterlich behandelt und zu wünschen genug mir gelassen hat und dass mir vollends für das zweite, höhere Leben rein gar nichts geworden war, das frohe Hoffnung mir hätte schenken können, weder Macht noch Mittel, keine feste Gesundheit und keine Arbeitskraft, keine angesehene Familie, keine besonders regsame Begabung, nicht einmal die Kenntnis der lateinischen Sprache, keine Freunde und bei meinen Eltern nichts als Armut und Verachtung. Einige Jahre später hat mir ein Traum die feste Hoffnung auf ein ruhmreiches Leben erweckt; die nähere Art und Weise freilich sah ich nicht, nur dass dabei ein wunderbarer Zufall mir zum Verständnis des Lateinischen geholfen hat. Vernünftige Erwägungen haben mich dann freilich von solchen sehnsüchtigen Gedanken wieder abgebracht, und ich sah ein, dass es nichts Aussichtsloseres geben könne als diese Hoffnung, geschweige denn den bloßen Wunsch. Ich sagte mir: Wie kannst du wohl ein Buch schreiben, das man lesen wird? Findest du wohl einen Gegenstand, der von so allgemeinem Interesse und der so wohlbekannt und geläufig ist, dass er Leser anziehen wird? Verfügst du über genügend guten Stil und sprachliche Gewandtheit und Feinheit, um die Leser zu fesseln? Und, gesetzt den Fall, du fändest Leser, häuft sich denn nicht im Laufe der Zeit Tag für Tag die Menge der Bücher, sodass, was früher einmal geschrieben, der Verachtung, jedenfalls aber der Vergessenheit verfällt? Oder werden deine Schriften ein paar Jahre dauern? Wieviel Jahre? Hundert? Tausend? Zehntausend? Nenne mir irgendein Buch aus der Geschichte, auch nur ein einziges von so vielen Tausenden, dem ein so langes Leben beschieden war! Und einmal wird doch alles ganz und gar zugrunde gehen müssen, auch dann, wenn die Welt – wie die Akademiker55 wollen – in ewiger Wiederkehr sich erneuern sollte, nicht weniger als wenn sie nun ein Ende nehmen wird, wie sie einst einen Anfang genommen hat. Was liegt denn daran, ob dies nach Tagen oder nach 10000 Myriaden von Jahren der Fall sein wird? Nichts, gar nichts gegenüber der unermesslichen Spanne der Ewigkeit! Und du willst dich inzwischen mit Hoffnung abquälen, mit Furcht plagen, mit nutzloser Arbeit abhetzen? Und du verscherzest dabei, was das Leben schließlich noch an Angenehmem dir bieten mag. O herrlicher Einfall! – Und doch haben Caesar, Alexander56, Hannibal, Scipio57, Curtius58, Herostratus59 dasselbe getan, haben ihr Leben geopfert, die größte Schande auf sich genommen, die ärgsten Qualen erduldet, nur weil die Hoffnung auf ewigen Ruhm ihnen mehr bedeutete als alles andere. Sei es drum! Aber so nichtig auch ihr Ziel war, sie waren ihm doch schon sehr nahe gerückt. Jenen weisen philosophischen Rat haben sie freilich nicht beachtet, geschweige denn befolgt. Wohl aber hatten sie viele Hilfsmittel bereit, ihr Ziel zu erreichen. Und doch, wer will leugnen, dass sie Toren durchaus gewesen sind? Das waren sie auch in des Horaz' Urteil, wie seine Ode Tyrrhena regum progenies, die 29. des III. Buches, zeigt. Ich meine die Stelle:

»… Der ist sein eigner Herr

Und frohen Glücks, der täglich sich sagen darf:

Ich hab gelebt. Mag schwarz der Himmel

Morgen bewölket uns dröhn, die Sonne

Erstrahlend glühn, nicht rückwärts geschraubet wird,

Was hinter uns liegt, nicht ungeschehn gemacht

Und wieder neu zum Tun gestellet,

Was mit dem fliehenden Tag entschwunden.«

Die praktische Lehre aus diesem Gedanken hat er kurz zuvor mit wenigen Worten gezogen: »Was vor dir liegt, das ordne in Gleichmut.« Mit anderen Worten: Klüger wirst du tun, zu nützen, was du in den Händen hast, als ferne Pläne zu schmieden. Ein Caesar freilich, ein Hannibal und Alexander waren entschlossen, sich einen ewigen Namen zu erschachern um ihr eigen Leben, um das der Ihrigen und ihres ganzen Hauses, selbst um das Wohl der Stadt und ganzer Länder, und bis dahin froh des Erworbenen sich zu freuen. Was haben sie damit erreicht? Was war das Ende? Schon ein Sulla60 hat seinem Ruhm zuliebe das von allen Früheren mühevoll Errungene und alles, was an wunderherrlichen Werken vor ihm war, vergeudet und zerstört. Und jeder der anderen, die seinen Spuren folgten, haben ihre Familie und ihr eigenes Haus geopfert und vernichtet. So hat Kaiser Commodus61 das Geschlecht der Julier völlig ausgerottet, denn vor jedem rechtmäßigen Zweig des Herrscherhauses hat sich der Fürst zu fürchten, der wider Recht und Ordnung sich die Krone angemaßt. Und selbst das Vaterland hat jener große Gedanke ewigen Ruhmes preisgegeben. Denn wo ist heute das römische Kaisertum? Lächerlich und ganz unerhört: in Deutschland! Wäre es nicht viel besser gewesen, das herrliche Haus der Julier, der Enkel des Aeneas62, hätte seinen Namen überlebt? Viel besser, die Römer wären noch heute die Herren der Welt, als dass mit Caesars leerem Namen sich blöde Larven und Puppen putzen?

Und dann, wenn die Seele unsterblich ist, was bedarf es dann eines eitlen Namens? Und geht sie zugrunde, was nützt es ihr? Wenn einmal das Menschengeschlecht ein Ende hat, wird auch all dies ein Ende nehmen, und von uns Menschen wird nicht mehr übrig bleiben als von Hasen und Kaninchen. – Kein Wunder war es, dass ich einst brannte, besessen von der Gier nach Ruhm; aber heute ist es ein Wunder, dass ich immer noch brenne, obwohl ich all dies eingesehen habe. Und doch ist jene tölpelhafte Gier geblieben. Des Caesar und jener andern Pläne waren töricht; meine Ruhmbegierde aber, die ich inmitten so viel widriger Geschicke und solcher Hindernisse hege, ist tölpelhaft dumm, nicht bloß töricht.

Und doch habe ich nach Ruhm und äußeren Ehren nie gelechzt; ich habe sie vielmehr stets verachtet: ich möchte wohl, dass es bekannt sei, dass ich bin; ich wünsche aber nicht, dass jeder wisse, wie ich bin. Was aber das Fortleben in seinen Kindern und Kindeskindern anlangt, so weiß ich wohl, was für eine dunkel unsichere Sache dies ist und wie wenig wir in solchen Dingen vorsorgen können. Darum habe ich auch immer, soviel ich konnte, mir gelebt und habe stets, auf Besseres hoffend, meine Zeit verachtet. Wenn es aber irgendeine Entschuldigung für diese meine eitlen Wünsche gibt, so wäre es wohl die, dass ich trotz allem in der Zwischenzeit gelebt habe, so gut ich eben konnte. Dies, dünkt mir, ist ehrenvoll genug, und täuscht mich auch meine Hoffnung, so ist doch mein stolzer Wunsch, weil er natürlich war, des Lobes würdig.

ZEHNTES KAPITEL
Mein Lebensweg

So habe ich mir denn meinen Lebensweg selbst zurechtgelegt, nicht gerade so freilich, wie ich ihn mir hätte wünschen mögen, aber doch so gut, als es mir eben möglich war. Ich habe mir auch nie das gewählt, was ich mir hätte wählen sollen, sondern das, was ich für das Beste hielt. Ich bin auch nie beharrlich bei einem und demselben geblieben – ist ja doch alles voll Gefahren, Mühsal und Unvollkommenheit –, sondern habe mir immer gewählt, was mir zu jeder Zeit gerade das Günstigste schien. Daher es denn auch kam, dass solche, die mich an fremdem Maße messen, mich für unbeständig, ja für wankelmütig halten. Doch wer keinen geraden, sicheren Lebensweg vor sich sieht, der muss eben manche Wege gehen und mit mancherlei Winkelzügen vorwärts zu kommen suchen. Und wie er auch im Einzelnen sich ändern mochte, beharrlich war im Grunde genommen mein Zustand immer: keine Mittel und keine Muße, nicht Ehre, noch Amt, noch Macht, wohl aber jene Sehnsucht nach ewigem Ruhm. Auch hemmten mich stets nacheinander böse Zwischenfälle, meine Widersacher, der Zeiten Missgunst und meine eigene Unwissenheit; dazu fehlte mir durchaus jede äußere Möglichkeit, das Ziel zu erreichen. Auch war mir meine Kenntnis in der Astrologie, die ich damals betrieb, sehr im Wege: ich glaubte nämlich, und von allen Seiten sagte man es mir, dass ich das 40. Lebensjahr nicht überschreiten, keinesfalls das 45. erreichen werde. Und so bin ich denn, indes ich nach dem rechten Lebenswege Ausschau hielt, teils im Zwang der Umstände, teils gelockt von Lust und Vergnügungen, die sich mir boten, häufig in die Irre gegangen. Einer trügerischen Hoffnung zuliebe habe ich den wirklichen Wert der Dinge missachtet; in meinen Plänen und Überlegungen ging ich fehl und häufiger noch habe ich in meinem Tun gesündigt. So kam es denn, dass mein Leben eigentlich erst anfing, da ich sein Ende gekommen glaubte, in meinem 43. Lebensjahre.

Mein Alter, mein Charakter, die überstandenen Sorgen und günstige Gelegenheiten verführten mich, das neue, frohe Leben ganz auf Genuss und Vergnügen einzustellen. Frühmorgens absolvierte ich meine Vorlesungen, wenn ich gerade, wie zuerst in Mailand und später viel häufiger noch in Pavia, solche zu halten hatte; dann spazierte ich im Schatten draußen vor den Mauern der Stadt, frühstückte, trieb Musik, ging dann bei den Hainen und Wäldern in der Nähe der Stadt zum Fischen, las, schrieb und zog mich am Abend in mein Haus zurück. Sechs Jahre dauerte diese glückliche Zeit, dann aber, ach, hieß es bald: »Entschwunden sind die Tage63, da heiter die Sonne dir strahlte«, wie der Dichter sagt. Eine bittere Einkehr gab es nach einem langen, ehrenvollen Wege. Fahrt wohl, gewonnenes irdisches Glück und stolze Ehren, du eitles Buhlen um Ruhm, unzeitiges Genießen! Mich selbst habe ich vergeudet und zugrund gerichtet; drängende Sorgen und schwere Mühsale wuchsen wieder gleich dem Schatten eines Taxusbaumes, wie das Sprichwort sagt. Nirgendwo blieb mir ein anderer Trost als der, der zum Tode führt. Doch Glückseligkeit kann in solchem Tun nicht liegen, sonst wären ja wohl die Tyrannen, die am fernsten dem wahren Glücke stehen, die glückseligsten! – Wenn ein Stier im wildesten Ungestüm mit verbundenen Augen seines Weges rast, so muss er unfehlbar bald wider eine Mauer rennen und stürzen. So rannte denn auch ich wider eine Mauer64 und stürzte. Inzwischen, noch vor dieser Sache, traf mich das unselige Geschick meines ältesten Sohnes. Einige seiner Richter haben eingestanden – ich glaube freilich, sie wollten nicht, dass man dies Geständnis auf sie selbst beziehe, – sie hätten ihn nur deshalb verurteilt, dass ich aus Schmerz darüber sterben oder doch den Verstand verlieren sollte. Wie wenig ich davon entfernt war, wissen die Götter, und ich selbst will am gegebenen Ort65 davon erzählen. Erfüllt hat sich freilich ihr Wunsch nicht. Ich will – darum habe ich dies so nebenbei mitgeteilt —, dass der Leser sehe, was dies für Zeiten, für Sitten sind! Weiß ich doch gewiss, dass keiner dieser Leute je von mir, auch nicht einmal von meinem Schatten, ist gekränkt worden. Ich habe mich damals, so gut es ging, auf eine Verteidigungsrede für meinen Sohn vorbereitet. Doch was konnte sie nützen gegenüber so feindselig erbitterten Richtern? Ich selbst war ganz gebrochen von schmerzlichem Mitleid mit dem Elend meines Sohnes, zitterte angstvoll vor dem, was ihm noch drohte, war wie gelähmt durch das Unglück, das über mich hereingebrochen, und bangte vor dem, was noch kommen sollte. Und doch sprach ich, begann damit, das Gericht an seine oft bewiesene Menschlichkeit und Billigkeit, an einzelne Beispiele seines Mitleids zu erinnern. Ich erwähnte die Milde, die der Senat damals in der Sache des Notars Giovanni Pietro Solari bewiesen hatte, dessen unehelicher Sohn überführt worden war, seine beiden legitimen Schwestern vergiftet zu haben, nur um ihr Vermögen zu erben; man begnügte sich damals, ihn zu den Galeeren zu verurteilen. Ich erwähnte auch, dass damals das Gericht beim Verhör dem Angeklagten lobend zugestand, dass er doch den eignen Vater nicht ermordet habe. Und dann fuhr ich fort: »Was wäre das für eine Grausamkeit, mich, den unschuldigen, altersschwachen Vater, in meinem Sohne zu töten! Wenn damals der Vater der Gunst einer Milderung für würdig erachtet wurde, als sein Sohn zum Tierkampf verurteilt war[?]66, um wie viel mehr heute, wo es sich um ein anderes, leichteres Vergehen handelt? Was vermögen künftighin alle Verdienste der Menschheit, wenn die schönste Tugend, die Unschuld, so schwer getroffen wird? Ist es denn nicht viel ärger, den Vater mit seines Sohnes, als mit seinem eigenen Tode zu bestrafen? Werde ich getötet, so stirbt nur einer, der doch gar bald auch so ohne weitere Leibesfrucht sterben würde. Tötet ihr aber meinen Sohn, so raubt ihr mir die Hoffnung auf Leibeserben. Beredet euch, die ganze Menschheit flehe euch an für den Sohn dessen, dem alle sich verschuldet fühlen: für einen zornerregten hitzigen Jüngling, der unter so vielen Widerwärtigkeiten leidet, den die größte Schmach getroffen hat, von seinem Weib betrogen worden zu sein, das er ohne Heiratsgabe genommen hat, von einem verdorbenen, schamlosen Weibe, dem er sich wider Wissen und Willen seines Vaters vermählte – was würdet ihr tun? Doch freilich, niemand fleht für ihn, niemand kennt sein Unglück?! Und keiner kann doch so sehr mein oder meines Sohnes Todfeind sein, dass er nicht gerne dem das Leben schenkte, dessen Tod die Teufel selbst zu Mitleid rühren würde.« Dies und anderes der Art brachte ich vor; was ich erreichte, war einzig und allein der Gerichtsbeschluss, dass man sein Leben schonen werde, wenn es ihm gelinge, von den Verwandten seiner Frau Verzeihung zu erlangen. Dies vermochte er nicht; der Tor hatte mit Reichtümern geprahlt, die ich nicht hatte, und seine Verwandten forderten Summen, die ich nie zahlen konnte.

Doch lassen wir dies alles! Von früher Jugend an hielt ich stets den Beruf für den besten, der für das Leben selbst sorgte. Von diesem Gesichtspunkt aus schien mir das Studium der Medizin förderlicher zu sein als das der Jurisprudenz. Und ich fand, dass es nicht nur diesem Zwecke näher steht und auf der ganzen Erde und zu allen Zeiten gleich gültig und wertvoll, sondern auch ehrlicher und reiner ist und dass es auf der Vernunft, dem ewigen Gesetze der Natur, und nicht wie die Jurisprudenz auf den vorübergehenden Meinungen der Menschen ruht. Darum ergriff ich den Beruf des Arztes, nicht den des Juristen; auch deshalb vor allem, weil ich, wie ich schon gesagt habe, die Förderung durch Freunde, Mittel, Macht und Ehren nicht bloß verachtete, sondern floh. Mein Vater freilich, als er merkte, dass ich mich vom Studium der Jurisprudenz abwandte und zu dem der philosophischen Disziplinen neigte, weinte in meiner Gegenwart und klagte darüber, dass ich nicht dieselben Studien wie er betreiben wolle. Er hielt nämlich die Jurisprudenz für eine vornehmere Disziplin – und zitierte auch dafür mit Stolz eine Stelle aus Aristoteles –, eine Disziplin, die auch viel geeigneter sei, Geld und Macht zu erwerben und vor allem auch die ganze Familie in die Höhe zu bringen. Auch schmerzte es ihn, dass er sein juristisches Lehramt in Mailand, dessen er sich schon seit vielen Jahren erfreute und das ein Honorar von 100 Scudi abwarf, nicht auf mich vererben könne, wie er gehofft hatte, sondern einst einen fremden Nachfolger auf seinem Lehrstuhle sehen müsse und dass auf diese Weise seine Kommentarienwerke nicht vollendet, noch von mir herausgegeben werden sollten. Kurz zuvor nämlich hatte in seinem Kopfe die Hoffnung auf ewigen Ruhm aufgeleuchtet; er hatte eine verbesserte Neuausgabe des Werkes des Erzbischofs John67 von Canterbury über Optik und Perspektive vorbereitet und hoffte, in diesem Buche sollten einst, mit Lettern gedruckt, die Verse stehen:

»Stolz nennt diesen das Haus der Cardani sein eigen. Es wusste Alles der Eine. Nicht kennt seinesgleichen die Zeit.«

Diese Weissagung galt freilich mehr denen, die einst auf seine Arbeit sich stützend Erfolge haben sollten, als ihm selbst, der zwar die Jurisprudenz, wie ich erfuhr, ganz vorzüglich beherrschte, in der Mathematik aber nicht über die Anfänge hinauskam, nichts Neues darin erdacht, auch nichts aus dem Griechischen übersetzt hat. Daran war freilich mehr der stete Wechsel in seinen wissenschaftlichen Arbeiten und die Unbeständigkeit seiner Pläne schuld, als dass er von der Natur mit Gaben kärglich ausgestattet, träge oder von geringer Urteilskraft gewesen wäre, Mängel, von denen er durchaus frei war.

In mir aber waren damals mein Wunsch und mein Vorsatz unerschütterlich fest gewurzelt, vielerlei Gründe sprachen dafür, auch sah ich wohl, dass auch mein Vater durchaus nicht ohne Schwierigkeiten und Hindernisse seinen Weg gemacht hatte. Deshalb und auch aus anderen Gründen blieb ich seinen Mahnungen gegenüber unbewegt.

ELFTES KAPITEL
Lebensklugheit

Bisweilen ist es besser, auf seinem Vorsatz zu beharren, auch wenn er nicht gerade sehr gut gewählt wäre, als den allerbesten Vorsatz zu fassen und ihn dann wieder zu ändern, und sollte auch nichts anderes daran schuld sein als lebhaft tätiger Eifer oder die allgemeine Unbeständigkeit, Wandelbarkeit und Nutzlosigkeit menschlichen Tuns.

Ich persönlich habe – um zugleich von mir selbst und von der Lebensklugheit im Allgemeinen zu sprechen –, nachdem ich mir über diese sehr schwierige Sache genau Rechenschaft gegeben, eingesehen, dass es nicht nur um manches andere, sondern auch um diese Tugend eine sehr leichte Sache ist. Fürs erste deshalb, weil ja die Dinge so mannigfach in ihrem Endzweck sind und jeder wählen kann, was ihm am meisten zusagt, und weil es dann ferner im Einzelnen so viele Arten und Möglichkeiten, Gegenstände und Gelegenheiten gibt, dass es gewiss niemand wagen darf, mir mit einigem Recht Unklugheit vorzuwerfen, außer er wollte behaupten, meine Pläne und meine Verhältnisse besser durchschauen zu können als ich selbst, was doch sicher nicht der Fall sein kann. Sind wir uns aber über unsere Ziele klar, so handelt es sich für uns nur noch darum, zu erkennen, welcher Weg zum Ziele der bessere und ob ihn zu gehen erlaubt ist, was freilich meiner Ansicht nach das Wichtigste ist. Dann, welcher Weg der bequemere; des Weiteren, wie das Erreichte festzuhalten; endlich, wie das Erreichte zu nutzen ist.

Von Anfang an habe ich bewiesen, wie wenig ich von dem besitze, was der Grieche εύβούλία nennt. Und wenn auch diese Worte nur so viel bedeuten als Klugheit an sich, so ist es doch dasselbe, als sagten wir »menschliche Klugheit«; denn von allen Dingen, die wir kennen, besitzt doch keines Klugheit als allein der Mensch, auch keines der übrigen Lebewesen. Die Himmlischen nämlich besitzen etwas weit Besseres, das unmittelbare Schauen. Von den harpokratischen68 Naturen aber, die eine Gattung für sich sind, ist hier nicht die Rede.

So ist es mit dem Begriff der Lebensklugheit eine unklare Sache. Im Einzelnen urteilt jeder anders, weil eben alle an die Dinge den Maßstab ihres eigenen Geistes anlegen. Ich für meinen Teil aber sehe sehr wohl ein, dass ich von jener Gewandtheit und sicheren Klugheit wenig besitze und wenig besessen habe. Daran ändert auch das wenig, was ich oben ausgeführt habe.

ZWÖLFTES KAPITEL
Meine Freude am Disputieren und Dozieren

Umso größeren Eifer und Erfolg hatte ich auf diesem Gebiete. Zu Bologna dozierte ich fast immer auswendig. Weshalb auch die Gelehrten, die mit mir hätten disputieren sollen, nicht wagten, mir gegenüberzutreten. Ich erinnere an jene dreitägige Disputation, die zu Pavia zwischen mir und Andrea Camuzio69 angesagt und beim Senat der Akademie angemeldet worden war: schon am ersten Tage nach meiner ersten Ausführung schwieg mein Gegner. Dies bezeugten auch alle meine Widersacher, die damals anwesend waren. Wird davon auch einmal, mit eingemeißelten Lettern, auf den Denkmälern des Camuzio zu lesen sein? So sehr war die Sache damals allen Leuten bekannt, dass man schon gar nicht mehr vom Gegenstand meiner Ausführung sprach, sondern nur noch von meiner Redegewalt, die unwiderstehlich schien. Und heute noch, glaube ich, mag die Erinnerung daran lebendig sein. Branda Porro70, mein Lehrer, schrieb meinen Sieg meinem Können und meiner größeren Begabung zu, meine Widersacher dem Teufel, andere – und diese Vermutung wird der Wahrheit näher kommen – einem besseren und wirksameren Grunde. Ich habe nämlich weder in Mailand, noch in Pavia oder in Bologna, auch nicht in Frankreich oder Deutschland in den letzten 23 Jahren jemanden gefunden, der sich mit mir in eine Auseinandersetzung oder in eine Disputation eingelassen hätte. Ich will damit nicht prahlen; ich glaube vielmehr, wenn ich ein Stein wäre, so wäre die Sache nicht anders. Denn es ist dies kein Verdienst meiner Veranlagung und meines glänzenden Geistes, sondern nur eine Folge der Unklarheit und Unwissenheit jener Leute, die sich mit mir messen wollten. Wenn der Tintenfisch den Delphin angreift und zu fliehen zwingt, so braucht das keine Heldentat des Tintenfisches zu sein. Solche Dinge sind uns vom Schicksal in die Wiege gelegt.

Als Angelo Candiano71 sich einmal vor vielen Fachleuten über einen Gegenstand geäußert und ich mich bereiterklärt hatte, ihm zu erwidern, schämte er sich nicht, zu versichern: »Ich habe von vornherein erklärt, mich über diese Sache äußern, nicht aber mit Euch mich auseinandersetzen zu wollen.« Und das war ein ganz vortrefflicher Arzt, der in Mailand bei unserem Fürsten72 und bei der Königin von Ungarn und Regentin der Niederlande die größte Rolle spielte, ein Mann von allerhöchstem Ansehen und, wenn dies etwas zur Sache tut, von großem Reichtum. Und wenn ich dann in solchen Fällen auf meine ehrliche Schlichtheit und auf meine mangelnden Kenntnisse hinwies, sagten viele: »In diesem einen Punkte wissen wir, dass du lügst und dass du die größten Kenntnisse besitzest; den anderen Punkt betreffend aber sind wir uns nicht klar, weil wir nicht sehen, wo hinaus das mit deiner Schlichtheit will, vor allem bei einem Mann, der, wie du, so oft erklärt hat, nie zu lügen. Und was deine unnachahmliche Art zu dozieren betrifft, so hat längst jedes Urteil, das im Positiv steht, wie die Grammatiker sagen, aufgehört uns wunderzunehmen, da uns ja selbst ein im Superlativ gesetztes Lob vertraut geworden ist. Zwar hat niemand das Verlangen geäußert, eine Probe davon zu hören; aber wenn auch eine dunkle Wolke sie verhängt, so hört die Sonne doch nicht auf zu sein. Und du brauchst dich auch nicht darob zu grämen, dass du so viele herrliche Lichter im stillen Schlafzimmer hast, die niemand von denen sehen will, die draußen sind. Denn es steht nicht zu fürchten, dass eine so göttliche Sache zugrunde gehe. Die Afrikaner von Phloria73 beten die aufgehende Sonne an, die von Garama74 verfluchen sie. Über allem thront nicht nur die göttliche Vorsehung, sondern strahlt auch die ewige Herrlichkeit.« – Von der Gabe des freien Vortrags habe ich nicht nur selbst immer rühmlichen Gebrauch gemacht, sondern habe auch andere darin unterrichtet. Wenn ich also auch hierin als so bedeutend erscheinen konnte, so besaß ich doch keinerlei gefälligen Ton in der Sprechweise, noch auch irgendwelche eigentliche Fertigkeit im Vortrag selbst; hatte ich einmal auf der einen Seite ein Mehr, so durfte man glauben, dass mir dafür ebenso viel auf der anderen Seite entzogen worden sei. Im Disputieren freilich war ich von solcher Gewandtheit und Schärfe, dass alle mich bewunderten und jeder einer Probe aus dem Wege ging. Weshalb ich auch lange Zeit ohne solche Plackerei leben durfte. Nur zwei Fälle mussten meine Gegner wider alle Hoffnung erleben. Das eine Mal war es in Pavia. Branda Porro, der einst mein Lehrer in der Philosophie gewesen war, hatte sich in die öffentliche Disputation eingemischt, die ich mit Camuzio über ein Thema aus der Philosophie hatte. Meine Gegner lockten mich nämlich häufig auf philosophischen Boden, weil sie auf dem Gebiet der Medizin keine Hoffnung hatten, Lorbeern gegen mich zu sammeln. Branda führte damals eine Stelle aus Aristoteles an, und als er den Text zitiert hatte, sagte ich: »Gib acht, nach dem Wort „weiß“ fehlt ein „nicht“; in Wahrheit spricht der ganze Satz gegen dich.« Darauf rief Branda, das könne nicht sein. Ich hatte wie gewöhnlich einen Schnupfen, schneuzte mich und widersprach in aller Ruhe, bis Branda wütend nach dem Kodex schickte. Ich verlange ihn, er lässt ihn mir geben, und ich lese den Text, wie er dasteht. Branda glaubt, ich wolle ihn hintergehen, reißt mir das Buch aus den Händen, schreit, ich wolle die Zuhörer täuschen, und fängt selbst zu lesen an. Er kommt zu dem betreffenden Wort, liest es, schweigt, alles ist überrascht, und aller Anwesenden Augen sind bewundernd auf mich gerichtet. Ein Zufall wollte es, dass Branda ein paar Tage darauf nach Mailand ging; dem Senat der dortigen Akademie war die Sache schon geschrieben worden, und einige fragten ihn nun, ob es wirklich wahr sei. Branda, ein ehrlicher und wackerer Mann, hat gewiss geantwortet: »Nur zu wahr; ich glaube, dass ich damals betrunken war.« Und die Herren vom Senat verzogen den Mund und schwiegen.

Der andere Fall spielte zu Bologna mit Andrea Fracanzano, dem dortigen ersten Professor der praktischen Medizin. Als dieser in seinen Ausführungen auf den Weg zu sprechen kam, den die Galle zum Magen nimmt, zitierte er vor der ganzen Akademie – man hatte gerade eine anatomische Vorführung – eine griechische Stelle. Ich sagte: »Ihr lasst ein ού75 aus.« Worauf er entgegnete, das sei nicht wahr. Ich, in aller Ruhe, beharre darauf, und einige Schüler rufen, man solle das Buch holen. Er schickt lächelnd darnach, es wird sofort gebracht, er liest, findet, dass ich bis aufs Haar recht hatte, er schweigt, staunt, sieht mich bewundernd an. Noch mehr freilich taten dies die Schüler, die mich damals zu diesem Zweck mit Gewalt in den Hörsaal geschleppt hatten. Fracanzano aber floh von diesem Tag an jedes Zusammentreffen mit mir, so zwar, dass er den Diener bat, ihn darauf aufmerksam zu machen, wenn ich käme. Und dann bog er aus, um mir ja nie zu begegnen. Und als ihn die Studenten einmal mit List in den gefüllten Hörsaal der Anatomie führten, machte er rasch kehrt, verwickelte sich in seinen Mantel und fiel zu Boden, worauf alle Anwesenden staunend den Kopf schüttelten. Er selbst aber zog bald darauf von Bologna fort, obwohl er noch für mehrere Jahre dort angestellt war.

DREIZEHNTES KAPITEL
Mein Charakter, geistige Mängel und Schwächen

Ist es schon an sich schwer, über dieses Thema zu schreiben, so noch viel mehr, wenn man bedenkt, dass die Menschen, die sonst wohl Selbstbiografien zu lesen pflegen, nicht gewohnt sind, darin eine ehrliche, aufrichtige Schilderung zu hören, wie ich sie hier geben will. Die einen, wie etwa Antoninus76, äußern sich darüber, wie sie hätten sein sollen; andere, wie Flavius Josephus77, berichten alles wahrheitsgetreu bis auf ihre eigenen Fehler, die sie unterschlagen. Wir aber wollen in dieser Sache der Wahrheit völlig zu Willen sein, obschon wir wohl wissen, dass, wer in sittlichen Dingen sich verfehlt, nicht, wie bei anderen Fehlern, Entschuldigung findet. Wer aber konnte mich zu dieser Aufrichtigkeit zwingen? Bin ich also nicht der eine von den zehn geheilten Aussätzigen, der dankbar zum Herrn zurückkehrte?

Ärzte und Astrologen sehen die natürlichen Charaktereigenschaften in den angeborenen Grundformen der Veranlagung begründet, die Formen der Charakterbildung dagegen von Erziehung, geistiger Beschäftigung und gesellschaftlichem Verkehr beeinflusst. Alles dies trifft nun zwar bei allen Menschen zu, doch weisen die einzelnen Altersstufen spezifische Unterschiede auf, und aus den gleichen äußeren Anlässen entstehen oft die allerverschiedensten Folgen. Weshalb in diesen Dingen Scheidung und Auswahl nötig ist. Ich will nun also vor allem von diesen wesentlichen Charaktereigenschaften sprechen, soweit eben jenes griechische γνωδτ σέαυιόν78 von mir gilt. Über meinen natürlichen Charakter bin ich mir durchaus klar geworden: Ich bin heftig von Temperament, naiv, der Sinnlichkeit ergeben. Und aus diesen Eigenschaften, gleichwie aus Prämissen, folgen die weiteren: Grausamkeit, hartnäckige Streitsucht, eine gewisse Rauheit des Charakters, Unvorsichtigkeit, Jähzorn und eine Rachgier, die das Maß meiner Kräfte und Mittel weit übersteigt, jedenfalls aber ein stets zur Vergeltung geneigter Wille, der dem alten Worte huldigte, das so viele – mit dem Munde wenigstens – verdammen:

»Süßeres Gut noch als selbst mein Leben dünkt mir die Rache.79«

Im Allgemeinen habe ich nie gewollt, dass der berühmte Satz an mir seine Gültigkeit verliere: »Unsere Natur ist geneigt zum Bösen.« Doch bin ich ein wahrheitsliebender Mensch, treu dankbar für empfangene Wohltaten, voll Gerechtigkeitsgefühl, anhänglich an die Meinigen, ein Verächter des Geldes, beseelt von dem Wunsche eines ruhmvollen Fortlebens in der Nachwelt. Stets gewohnt, Dinge von mittelmäßigem, geschweige denn von geringem Werte zu missachten, pflege ich doch keinerlei Gelegenheit, die sich mir bietet, geringschätzig zu übersehen, wohl wissend, von welch großer Bedeutung oft die kleinsten Dinge sind. Zwar bin ich von Natur zu jedem Laster und zu jedem Bösen geneigt, doch frei von jedem Streben nach äußeren Ehren und kenne meine eigene Unfähigkeit mehr als irgendein anderer. Auch übersehe ich oft mit Absicht Gelegenheiten, die sich mir zur Befriedigung meiner Rache bieten mögen, aus einer gewissen religiösen Empfindung heraus und weil ich sehr wohl einsehe, wie lächerlich all diese Dinge sind.

Ich bin von Natur furchtsam, habe ein kaltes Herz, aber einen heißen Kopf, bin ständig in Gedanken versunken und mit vielen und sehr großen, oft auch ganz unmöglichen und undurchführbaren Dingen beschäftigt. Auch ist mein Geist imstande, sich mit zwei verschiedenen Arbeiten zugleich zu befassen.

Die Leute, die mir Geschwätzigkeit und maßloses Eigenlob vorwerfen, klagen mich eines Lasters an, das mir fremd ist. Ich greife niemanden an, verteidige mich nur. Und muss ich mich denn solcher Vorwürfe wegen abmühen, da ich doch oft genug versichert habe, für wie wertlos ich dies Leben halte? Was eine Entschuldigung ist, halten diese Leute für ein Selbstlob; ein so großes Ding dünkt es ihnen, einmal ohne Fehler zu sein.

Ich habe mich daran gewöhnt, meinen Gesichtszügen unmittelbar nacheinander den ganz entgegengesetzten Ausdruck zu geben. Ich vermag auf diese Weise ein fremdes Gefühl zu heucheln, doch verstehe ich es nicht, ein Gefühl, das ich wirklich besitze, zu verbergen. Dies ist nur dann leicht, wenn es sich darum handelt, den Ausdruck der Hoffnungslosigkeit vorzutäuschen. Volle 15 Jahre lang habe ich mir die größte Mühe gegeben, mir diese Fertigkeit anzueignen, und es gelang. Zu diesem Zwecke gehe ich bald in Lumpen, bald reich geschmückt, bin jetzt schweigsam, dann wieder gesprächig, bald heiter, bald traurig; denn jede Art des Benehmens und jeden Gefühlsausdruck gebe ich sofort auch in seinem Gegenspiel wieder.

In meinen jüngeren Jahren habe ich selten und nur wenig auf die äußere Pflege meiner Person geachtet, immer gierig besorgt, Wichtigeres zu tun. Meine Gangart ist ungleichmäßig: bald rasch, bald langsam. Zu Hause pflege ich die Beine bis zu den Knöcheln nackt zu tragen. Ich bin wenig fromm und sehr vorlaut im Reden; überaus jähzornig, sodass ich mich darob schäme und mir vor mir selber ekelt. Und wennschon ich stets bereut habe, so habe ich doch immer die schwersten Strafen des Geschicks auf mich genommen, um nur das schändlich üppige Leben eines Sardanapal80 abzubüßen, das ich in den Jahren meines Rektorats an der Universität zu Padua führte. Doch um zu meiner Schande ein Lob, zu meinem Verbrechen eine Tugend zu gesellen, füge ich hinzu, dass ich all dies mit Weisheit und Geduld getragen und stets mich zu bessern getrachtet habe. Zur Entschuldigung dieses Selbstlobs diene mir, dass ich mich gezwungen fühle, es auszusprechen. Ich wäre ja undankbar, wollte ich die gütigen Gaben Gottes verschweigen, und noch weniger darf ich doch von den Opfern reden, die ich gebracht, ohne zu erzählen, wie ich sie gebracht habe. Auch sind ja, wie ich schon gesagt, all diese Dinge durchaus nicht so hoch einzuschätzen, wie der Pöbel will; es sind wertlose und lächerliche Kleinigkeiten, sind wie die Schatten, die die untergehende Sonne wirft, groß, doch ohne Nutzen und von kurzer Dauer. Wenn man dies ohne Gehässigkeit erwägen und dazu überlegen wollte, warum es mir nicht erlaubt sein soll, auszuführen, mit welcher Gesinnung, unter welchem Druck und Zwang der Verhältnisse ich meine Fehler beging und wie viele Schmerzen mir alle diese Dinge schon bereitet haben; wenn man weiter bedenken wollte, dass andere Menschen, ohne dem geringsten Zwang zu unterstehen, viel schwerere Sünden als diese begangen haben, ohne sie zu bekennen, weder vor sich, noch öffentlich vor anderen, dass diese Leute ferner empfangene Wohltaten weder dankbar erwähnen, noch auch überhaupt ihrer gedenken, so würde man mich vielleicht etwas billiger beurteilen.

Doch fahren wir fort. Als eine eigenartige und große Untugend empfinde und betrachte ich es, dass ich gewohnt bin, lieber gar nichts zu reden, als etwas, was meinen Zuhörern missfallen könnte. Doch beharre ich in diesem Fehler mit Wissen und Willen, denn ich weiß sehr wohl, wie oft schon diese Sitte allein mir Feinde versöhnt und gewonnen hat. So viel vermag natürliche Anlage, wenn sie mit langer Gewohnheit verbunden ist. Meinen Wohltätern, auch angesehenen und mächtigen Leuten gegenüber unterlasse ich dies. Ich will kein Speichellecker, nicht einmal ein Schmeichler sein.

Auch im Handeln bin ich vorlaut und unbesonnen, wennschon ich sehr wohl weiß, was zu tun mir nützlich und schicklich wäre. Aber kaum wird man einen Menschen finden können, der so hartnäckig in diesem Fehler steckt wie ich. Ich lebe auch gerne und so viel ich kann in der Einsamkeit, obwohl mir bekannt ist, dass Aristoteles diese Lebensart verurteilt. Er sagt nämlich: »Der Einsiedler wird entweder zum Tier oder zum Gott.« Und den Beweis für die Wahrheit dieser Lehre habe ich selbst erbracht. Ein ähnlicher Wahnwitz, der mir nicht minder schadet, ist es, dass ich Diener bei mir zu behalten pflege, von denen ich ganz bestimmt weiß, dass sie nicht bloß mir nutzlos, sondern auch meinem guten Namen schädlich sind – ebenso, wie ich auch Tiere, die ich irgendeinmal zum Geschenk erhalten habe, wie Ziegenböckchen, Schafe, Hasen, Kaninchen, Störche, um mich behalte, sodass ihr Gestank das ganze Haus verpestet.

Auch habe ich immer unter dem Mangel an Freunden, besonders an treuen, sehr gelitten. Und viele, ja überaus viele Fehler habe ich dadurch begangen, dass ich mich überall in alle Dinge, von denen ich erfuhr, in wichtige und unwichtige, einzumischen suchte, bald mit, bald ohne Erfolg. Ganz besonders fehlte ich darin, dass ich Menschen beleidigte, die zu loben ich mir vorgenommen hatte; so war es auch gegenüber dem Präsidenten81 zu Paris, einem höchst gebildeten Manne, namens Aimar82 de Ranconet, von Nation ein Franzose. Und solche Fehler habe ich nicht etwa bloß aus meiner vorlauten, unbedachten Art heraus begangen oder aus einer Unkenntnis der Eigenschaften und Verhältnisse des anderen – Mängel, die leicht auszugleichen gewesen wären, – sondern darum, weil ich auf gewisse Formen gesellschaftlicher Lebensart, die ich erst später erlernte, nicht achtete, Umgangsformen, die den Menschen von Rang und Bildung fast durchweg geläufig sind.

Wenn es gilt zu überlegen, bin ich allzu rasch und hastig, weshalb meine Pläne zumeist überstürzt und voreilig sind. Bei Geschäften jeder Art dagegen dulde ich keinerlei Drängen. Nun haben meine Gegner wohl bemerkt, dass ich dann schwer zu fassen bin, wenn ich Zeit habe; darum richten sie nun ihr ganzes Augenmerk darauf, mich zu drängen. Ich ertappe sie oft bei solchem offenkundigen Treiben und hüte mich vor ihnen wie vor schlimmen Widersachern und betrachte sie als meine Feinde, was sie auch in Wirklichkeit sind.

Hätte ich mich nicht daran gewöhnt, nie eine Sache zu bereuen, die ich freiwillig unternommen habe, und hätte sie auch ein noch so übles Ende genommen, so hätte ich wohl beständig unter der unglücklichsten Stimmung zu leiden gehabt. Das meiste Unglück, das mich getroffen, hat jedoch die ungeheure Torheit meiner Söhne verschuldet, verbunden mit dem schändlichen Benehmen und der beschränkten Gesinnung meiner Verwandten, die stets gewohnt sind, die Ihrigen mit Neid und Scheelsucht zu betrachten – ein spezifisches Laster unserer Familie, das freilich fast allen Kleinstädtern anhaftet.

Von früher Jugend an bin ich ein über alle Maßen leidenschaftlicher Schachspieler gewesen. Ich habe auf diese Weise die Bekanntschaft des Herzogs Francesco Sforza II.83 von Mailand gemacht und mir außerdem die Freundschaft vieler vornehmer Herren erworben. Da ich mich aber viele Jahre, fast 40, beständig diesem Spiele widmete, ist kaum zu sagen, wie viel an Vermögen, ohne jeden greifbaren Nutzen, ich durch diese Leidenschaft vergeudet habe. Noch schädlicher freilich ist mir das Würfelspiel geworden; denn ich habe darin auch meine Kinder unterrichtet, und nur zu oft stand mein Haus allen Würfelspielern offen. Ich habe für dieses Laster nur eine einzige, recht dürftige Entschuldigung: die ärmlichen Verhältnisse, in denen ich geboren bin, verbunden mit der nicht unbedeutenden Geschicklichkeit, die ich nun einmal für solche Dinge habe.

Es ist dies eben eine menschliche Unsitte. Andere gibt es, die man nicht nennen will und nicht nennen darf, und wer weiß, ob sie besser und weiser sind? Wie, wenn einer zu den Königen der Erde sich wenden und ihnen sagen wollte: »Ist doch keiner unter euch, der nicht schon Läuse, Fliegen, Wanzen, Flöhe und anderen noch hässlicheren Unrat aus der Hand seiner Diener gegessen hat«? Wie werden die Herren dies hören mögen? Und doch ist es sicher wahr. Wir wollen eben gewisse Dinge nicht wissen, auch wenn sie uns eigentlich längst bekannt sind, und wollen sie lieber mit Gewalt unterdrücken. Und was ist der Grund? Nichts anders als eine Unkenntnis unseres allgemeinen Zustandes. So ist es auch mit unseren Sünden und allem andern; es sind eben hässliche, lächerliche, unordentliche und unzuverlässige Dinge: faules Fallobst am Baume. Ich habe also hier nichts Neues vorgebracht, nur die nackte Wahrheit gesprochen.

VIERZEHNTES KAPITEL
Meine geistigen Vorzüge, Standhaftigkeit und Charakterfestigkeit

In vielen Irrtümern sind die Menschen befangen, keiner aber ist größer als der, wenn sie das Wort »Standhaftigkeit« schwatzend im Munde führen. Denn einmal muss hier wohl unterschieden werden: die wahre Beharrlichkeit ist eine Gabe Gottes, die unechte dagegen eine Sache der Tölpel und Narren. Jedermann wird die Standhaftigkeit des Diogenes, der den ganzen Sommer in der Sonne lag und im glühend heißen Sand sich wälzte und winters eiskalte Säulen nackt umarmte, lächerlich und völlig töricht finden. Eine ganz herrliche Tugend aber war die Standhaftigkeit des Bragadino84, jenes venezianischen Adligen, der Dinge erduldete, die selbst der roheste seiner übermütigen Besieger sich scheute an ihm zu vollziehen, Qualen, die ihn unsterblichen Ruhmes würdig machten: Es wurde ihm lebendigen Leibes die Haut abgezogen. Und wenn es auch Gnade Gottes war, dass er solche Martern ertragen konnte, so war es doch gewiss menschliche Größe, sie ertragen zu wollen.

Und wenn nun auch im Unglück leichter einer zu strahlender Seelengröße sich erheben mag, so gibt es doch auch in glücklichen Lebenslagen nicht seltener Gelegenheiten, sich echter Bewunderung würdig zu erweisen. Und weiter sind auch Menschen, denen solche Gelegenheiten fehlen, darum doch nicht als minder standhaft zu betrachten. Da man sich nun auf so vielerlei Weise in Bezug auf diese Tugend irren kann, so ist jedenfalls festzuhalten, dass wir an sich es uns weder zum Ruhm anrechnen dürfen, wenn wir ein Übel ertragen haben, noch zum Tadel, wenn uns die Gelegenheit dazu fehlte, dass wir nicht als unser Verdienst noch als unsere Schande betrachten dürfen, was die Natur getan oder unterlassen hat. Ich will mich nicht damit verteidigen, dass ich behaupte, es habe mir in irgendeiner Weise an Gelegenheiten zum Erweis meiner Standhaftigkeit gefehlt; denn niemand, glaube ich, ist mir so feind und beurteilt mich so ungerecht, dass er nicht eher meine Geduld im Unglück und meine Selbstbeherrschung im Glück bewunderte, als mir zum Vorwurfe machte, dass ich angenehme Dinge missachte oder unangenehme ruhig ertrage. Ich erinnere an die Vergnügungen und heiteren Ereignisse meines Lebens, aber auch an meine Krankheiten, an meine stets schwachen Leibeskräfte, an die Verleumdungen meiner Neider, an manche wenig glücklichen Erfolge, an Prozesse, Anfeindungen, an die Drohungen einflussreicher Leute, an die Verdächtigungen, womit Einzelne mich verfolgten, an das Unglück in meiner Familie, an den Mangel so vieler irdischer Güter, endlich an die zweifelhaften Ratschläge, die mir solche gaben, die wirklich meine Freunde waren oder mir doch Freundschaft heuchelten, vor allem an die Gefahren, die für mich die überall wuchernden Irrlehren mit sich brachten.

Mochte mir auch manchmal ein freundliches Geschick lächeln und mochten mir auch noch so viele glückliche Erfolge beschieden sein, nie habe ich meine Sitten und mein Betragen geändert; ich bin dadurch nicht hochmütiger geworden, noch ehrgeiziger, noch auch ungeduldiger, ich habe deswegen nicht die Armen verachtet, noch meine alten Freunde vergessen, ich bin nicht spröder im Verkehr, noch hochfahrender in meiner Rede geworden; ich habe auch darum keine kostbareren Kleider getragen, außer, wenn die gesellschaftliche Stellung, die ich einnahm, mich dazu zwang, und vielleicht auch im Allgemeinen, weil ich, wie ich schon erzählte, in früheren Jahren meiner Armut wegen eben allzu schäbige Kleidung getragen hatte. In widrigen Lebenslagen freilich erwies sich mein Charakter als nicht ganz so fest und standhaft. Hatte ich doch auch Dinge zu ertragen, die in keinem Verhältnis zu meinen Kräften standen. In solchen Fällen habe ich mit äußeren Mitteln meine Natur bezwungen. Ich habe nämlich mitten unter den ärgsten Seelenqualen mit einer Rute meine Beine gepeitscht, habe mich stark in den linken Arm gebissen, habe gefastet und durch reichliche Tränen mein Herz erleichtert, wenn es mir gelang zu weinen, was freilich nur sehr selten der Fall war. Auch habe ich dann mit Vernunftgründen gegen meine seelischen Schmerzen angekämpft, habe mir selbst versichert: »Es ist ja gar nichts Neues geschehen, die Zeit nur hat sich geändert, rascher freilich, als ich dachte. Aber hätte ich denn für ewige Zeiten von dieser Stunde und ihrer Qual verschont bleiben können? Und bin ich so um ein paar Jahre betrogen worden, was soll dies bisschen Zeit, verglichen mit der Ewigkeit? Schließlich, habe ich nur noch wenige Jahre, so habe ich nur wenig verloren; lebe ich noch länger, nun, so lacht mir ein langes Leben, und vielleicht wird noch manches eintreten, das meinen Schmerz lindert und mir an seiner Stelle ewigen Ruhm schenken mag. Und endlich, stünde ich besser, wenn dieser Schmerz mir nie geworden wäre? In Wirklichkeit freilich war ich dem Schmerz nie gewachsen, wie ich weiter unten erzählen werde, Gottes Barmherzigkeit und ein offensichtliches Wunder haben mich von ihm befreit.

Bei meinen wissenschaftlichen Arbeiten bewies ich eine noch größere Beharrlichkeit, vor allem bei der Abfassung meiner Bücher. Boten sich mir auch die günstigsten Gelegenheiten anderer Art, ich ließ doch nie von dem einmal Angefangenen ab, sondern harrte treu bei der begonnenen Arbeit aus; bei meinem Vater nämlich hatte ich die Beobachtung gemacht, wie viel ihm der stete Wechsel in seinen Beschäftigungen geschadet hat. Ich glaube nicht, dass mich jemand darum tadeln wird, dass ich damals, als man mich in die Accademia degli Affidati85 aufnahm, in der viele Fürstlichkeiten und Kardinäle die erste Rolle spielten, nicht von vornherein ablehnte und mich der Sache ganz entzog. Nur aus ängstlicher Bescheidenheit nahm ich damals an; als die Akademiker aber, mit allen Insignien bekleidet, dem König vorgestellt werden sollten, lehnte ich für meinen Teil ab und erklärte offen, dass ein derartiger Pomp meinem Charakter nicht entspreche. Bezüglich der Tugend im Allgemeinen habe ich nichts anderes zu sagen, als was schon Horaz gesagt hat:

»Tugend heißt das Laster fliehen.«86

Nie habe ich mit einem Freunde gebrochen, und war es dennoch einmal wider meinen Willen zum Bruch gekommen, so habe ich nie Geheimnisse ausgeschwatzt, die ich als Freund erfahren – wie ich denn überhaupt mir niemals fremdes geistiges Eigentum angeeignet habe –, und habe auch nie dem mir Verfeindeten frühere Äußerungen vorgehalten, ein Punkt, in dem ein Aristoteles manches, ein Galenus, der bis zu den hässlichsten Streitereien sich hinreißen ließ, sehr viel gesündigt hat. Nur dem Plato stehe ich in dieser Sache nach. Ein Vorbild in dieser Tugend hatte ich an Andreas Vesal, einem vornehm ruhigen Charakter, der, von Matteo Curzio87 durch kleinliche Angriffe gereizt, gleichwohl dessen nie tadelnd erwähnen wollte. Auch habe ich, stets von reinem wissenschaftlichem Interesse beherrscht, den Curzio seiner Gelehrsamkeit wegen nie beneidet. Und wenn er mich auch als Dieb verschrien hat, weil ich einmal ein Pfand von ihm zurückbehielt für eine Geldsumme, die er mir ohne Zeugen versprochen hatte, so hat er doch, als er nach Pisa übersiedelte und der Senat der Universität von Pavia ihn frug, ob ich wohl geeignet sei, seine Stelle einzunehmen, geantwortet: »Mehr als irgendein anderer.« Und da der Senat wohl wusste, dass wir uns nicht versöhnt hatten, erteilte er mir den Lehrauftrag, den Curzio innegehabt. Zu meinen guten Eigenschaften gehört auch zweifellos, dass ich von frühester Jugend an niemals eine Lüge gesprochen, dass ich Armut, Verleumdungen und so viel anderes Unglück ertragen habe und dass man mit einigem Rechte mich niemals der Undankbarkeit bezichtigen konnte. Doch schon zu viel des Selbstlobes!

FÜNFZEHNTES KAPITEL
Von meinen Freunden und Gönnern

Mein erster Jugendfreund war Ambrogio Varadeo, mein Genosse im Schachspiel und im Musizieren; Ähnlichkeit des Charakters hatte uns zusammengeführt. In späteren Jugendjahren war ich dann vor allem befreundet mit Prospero Marinoni aus Pavia, mit dem Mailänder Ottaviano Scotto, der mir oft mit Darlehen aus Geldverlegenheiten geholfen hat, und mit Gaspare Gallareato. Während meines Aufenthaltes im Städtchen Sacco verband mich eine enge Freundschaft mit Giovanni Maria Mauroceno, einem venezianischen Adligen, und mit dem Drogisten Paolo Illirico. Nach meiner Rückkehr nach Mailand gewann ich die Freundschaft des dortigen Erzbischofs, Filippo Archinti, der mich dann mit Lodovico Madio bekannt machte, dessen Unterstützung ich bedurfte und genossen habe. Unter manchen anderen lernte ich zu Mailand den Juwelier Girolamo Guerrini kennen, von dem ich viele Geheimmittel erfuhr, über die ich später in meinen Büchern berichtet habe, aber nicht in der Art der Plagiatoren, die aus fremden Büchern ihre Weisheit zusammenstehlen. Durch Guerrini wurde ich auch bei dem Florentiner Francesco Belloti eingeführt. Des Weiteren befreundete ich mich mit dem Rechtsgelehrten Francesco della Croce, einem angesehenen, wackeren Manne, der auch in der Mathematik Bescheid wusste und dessen Hilfe ich sehr viel verdankte, als es sich um meine Aufnahme in das Kollegium der Ärzte handelte. Durch die Vermittlung des Drogisten Donato Lanza wurde ich mit dem Senator von Cremona, Francesco Sfondrati, befreundet, der später Kardinal wurde; und durch diesen wiederum machte ich die Bekanntschaft des Giambattista Speciario, der gleichfalls von Cremona gebürtig und Vorstand des dortigen Kriminalgerichtshofes war, ein gebildeter und überaus tüchtiger Mann, durch den ich dem Gouverneur von Mailand und Kommandanten der kaiserlichen Armee, Alfonso d'Avalos88, vorgestellt wurde. Sfondrati war es auch, der mir die Stelle eines Dozenten der Medizin in Pavia verschaffte.

Später schenkte mir Andrea Alciati89 seine Freundschaft, jener berühmte Jurist und glänzende Redner, und nach ihm sein Neffe Francesco Alciati90, der jetzt Kardinal ist. Einige Zeit darauf lernte ich noch zwei andere Kardinäle kennen, den Giovanni Morone und den Pietro Donato Cesi. Und auf dem Mäzenat dieser drei Kardinäle ruht heute meine Lebensstellung. Ein vierter Kardinal, mit dem ich befreundet bin, ist Christoforo Madruzzo91, Bischof von Trient, der Sprössling eines hocherlauchten Fürstengeschlechts, der wie kein Zweiter mich mit Wohltaten überhäuft und freigebig ist gegen jedermann.

Dann stand ich – um wieder von Freunden zu sprechen, die mir gleichgestellt waren, – in herzlichem Verkehr mit Panaetius Benevento aus Arezzo, dem allertrefflichsten Manne, und diese Freundschaft, die nur auf der eigenen Kraft unserer Zuneigung ruhte, schien mir würdiger und köstlicher als alle anderen, die für mich mit finanziellen Vorteilen verknüpft waren. In Rom war ich befreundet mit dem ehrwürdigen Bischof Taddeo Massa, einem ebenso hochintelligenten Kopf als reinen Charakter, und schon früher mit Giovanni Meone, einem der Räte des Dom Ferrante Gonzaga92, Gouverneurs von Mailand und Generals der kaiserlichen Armee. Auch mit den Kardinälen Carlo Borromeo93 und Marco Antonio Amulio94, einem Venezianer, zwei ganz ausgezeichneten Männern, war ich befreundet und mit noch so viel anderen, dass es zu viel wäre, sie alle aufzuzählen. Dem Einfluss der angesehenen Kardinäle Borromeo und Alciati verdanke ich es auch, dass ich, als ich nach Bologna kam, Medizin zu dozieren, die Freundschaft des ganzen dortigen erlauchten Senats gewonnen habe; denn diese edlen Herren sind ganz staunenswert gefällig und liebenswürdig und ebenso klug als vornehm.

Von den Ärzten, die ich kannte, verband mich ein besonders freundschaftliches Wohlwollen mit Camillo Montagnani und Aurelio Stagni, beide aus Modena gebürtig, von untadelhafter Lebensführung und nicht geringer Bildung, des Weiteren mit dem Mailänder Melchiorre della Valle und mit Toma Iseo aus Brescia; ich habe freilich darum auch die schwersten Feindschaften auf mich genommen. In England lernte ich an vornehmen Männern vor allem den Sir John Cheke, den Jugendlehrer des späteren Königs Eduard VI.95, kennen und den Franzosen Claude Laval, Herrn von Boisdauphin, der damals Gesandter seines Königs am englischen Hofe war. Von den Bürgern unserer Stadt schuldete ich nicht wenig Dank der unvergleichlichen Tüchtigkeit des sehr intelligenten Stadtpräfekten Lodovico Taverna. Von den Professoren achtete ich am meisten den Francesco Vicomercato, Professor der Philosophie in Mailand, und den Andreas Vesal, die erste Autorität im Fach der Anatomie. Zwei Freunde meines Vaters verehrte ich besonders in meinen jungen Jahren, den Senatssekretär Agostino Lanizario aus Como und den Schmied Galeazzo Rossi, die beide ich mehrfach schon erwähnt habe; ebenso den Francesco Buonafede, Arzt zu Padua, von dem gleichfalls an anderer Stelle die Rede war. Viele andere sehr gebildete und mir befreundete Männer übergehe ich hier, weil sie auch ohne mein Zutun bekannt genug geworden sind durch ihre Gelehrsamkeit. Ich gebe nur einige Beispiele meiner dankbaren Gesinnung, die dem Leser beweisen sollen, dass ich keinen vergessen habe, dem ich Dank schulde, sodass ich, so viel an mir liegt, gerne jedem dadurch, dass ich ihn hier nenne, einen ewigen Namen schenken würde. Ich nenne also noch den Guillaume Choul, den königlichen Statthalter in Savoyen und in der Dauphine, der ein gelehrter Herr war, und den Bonifazio Rodigino, bekannt als Rechtsgelehrter und zugleich als trefflicher Astrolog, des Weiteren den Giorgio Porro aus Rhätien, den Genuesen Luca Giustiniani und den berühmten Mathematiker Gabriele Aratore aus Caravaggio. Einen ganz außerordentlich regen freundschaftlichen Verkehr pflog ich mit dem Mailänder Arzt und Professor Gianpietro Albuzio, mit Marco Antonio Majoragio96 und mit Mario Gessio aus Bologna.

Viel aufrichtige Freundestreue, große Dienste und Wohltaten erwies mir auch der kärntische Arzt Lorenz Zehener und der Belgier Adrian. Noch göttlicher aber war die Gunst, die mir der Fürst von Matelica97 schenkte; größer ist sie, als dass ich glauben könnte, sie aus menschlichen Gründen gewonnen zu haben. Ich will hier nicht von des Fürsten seltenen Geistesgaben reden, die einer Königskrone würdig wären; von seiner allseitigen Kenntnis und Bildung, von der Liebenswürdigkeit und Freundlichkeit seines Charakters, nicht von der Größe seines Vermögens noch von seiner vornehmen Abstammung, von seiner Weisheit, die alle menschlichen Begriffe übersteigt, oder von seiner dankbaren Gesinnung, die nie empfangener Dienste und früherer Beziehungen vergisst. – Was war an mir, das ihn zu solch huldvoller Freundschaft bewegen konnte? Ich hatte ihm nie Dienste geleistet, und er konnte nichts mehr von mir erhoffen; ich bin ein alter Mann, verachtet und gebrochen, ein unsympathischer Mensch. Wenn es etwas sein konnte, so war es einzig und allein der Glaube an meine Redlichkeit.

Mögen die Leser alle diese Männer – Götter sollte ich lieber sagen – achten und schätzen, die in warmem Bildungsinteresse, in edel einfacher Lebensauffassung und dankbaren, treuen Sinnes den lobwürdigen Versuchen und Unternehmungen einer auf ewige Werte gerichteten wissenschaftlichen Arbeit so viele und große Opfer gebracht haben, als sonst wohl ein anderer dem Machthunger oder stolzen Hoffnungen, der alltäglichen Gewohnheit, dienstbeflissener Unterwürfigkeit und Schmeicheleien zu bringen pflegt.

SECHZEHNTES KAPITEL
Von meinen Feinden und Neidern

Ich will in dieser Sache nicht die gleiche Methode verfolgen wie vorhin und die Namen meiner Feinde und Neider nicht ebenso eifrig aufzählen wie die meiner Freunde. Ich bin nämlich der Ansicht, dass Galenus keinen kleinen Fehler gemacht hat, den Thessalus98 überhaupt zu nennen; denn dadurch, dass er ihn zerpflückt und zerreißt, unterrichtet er seine Leser erst von dessen Existenz und zeigt, wie viel Achtung er selbst ihm schenkte. Wenn es nicht gerade feige ist, ist es immer besser, sich den Gegner, von dem man Unbill erlitten, zu versöhnen oder jedenfalls sich nicht zu rächen; tut man dies doch, so soll man es lieber mit Taten, nicht mit bloßen Worten tun. Ich habe gelernt, meine Gegner nicht bloß zu verachten, sondern sie in ihrer Erbärmlichkeit zu bemitleiden. Feinde, die uns im Geheimen angreifen, beweisen schon dadurch, dass sie nur zu bedauern sind; nur solche, die uns offen angreifen, sind darum anzuklagen, vorausgesetzt, dass sie auf gleicher Stufe mit uns stehen.

SIEBZEHNTES KAPITEL
Verleumdungen, falsche Anklagen, heimtückische Anschläge, mit denen mich Denunzianten verfolgten

Es gibt zwei Arten von verleumderischen Anschlägen: Die einen richten sich gegen unseren guten Ruf und unsere Ehre, und von solchen will ich hier erzählen; von den andern wird später die Rede sein. Wenn ich mich nun hier entschlossen habe, von derartigen Anschlägen, vor allem von geheimen, hinterlistigen, zu sprechen, so darf ich gleich hinzufügen, dass es sich dabei nur um Kleinigkeiten handelt; denn größere, wichtigere Dinge lassen sich nur schwer verheimlichen, und was in der Öffentlichkeit geschieht, ist eben nicht so heimlich-hinterlistig. Auf solche Kleinigkeiten nun aber seine angestrengte Aufmerksamkeit zu richten, wäre eine zu alberne Sache. Darum will ich mich hier mit der Erzählung von vier Fällen begnügen.

Der erste Fall spielte sich ab, als es sich für mich darum handelte, nach Bologna berufen zu werden. Damals schickten meine dortigen Feinde irgendeinen Beamten nach Pavia, Erkundigungen über mich einzuziehen; der sah weder mein Auditorium, noch befrug er meine Schüler, sondern schrieb glattweg, nachdem er zuvor einige ganz wunderbare Dinge von einem andern Herrn erzählt – wahrscheinlich, weil er glaubte, dass der ja doch nicht berufen würde, – ich weiß nicht, wie er dazu kam, folgenden Satz oder besser Urteilsspruch über mich nach Bologna zurück: »Was den Girolamo Cardano betrifft, so habe ich in Erfahrung gebracht, dass er ohne Schüler vor leeren Bänken unterrichtet. Er ist ein übelgesitteter Mensch, jedermann verhasst und nicht frei von Dummheit, hat ein völlig ungebildetes Auftreten, versteht auch von der medizinischen Wissenschaft recht wenig, sondern schwätzt hierin einigen fremden Meinungen nach; in seiner Heimat hat ihn darum auch niemand als Arzt angenommen, und so übt er keinerlei ärztliche Praxis aus.« Der Abgesandte selber verlas dies Schriftstück im Senat von Bologna in Gegenwart des hocherlauchten Borromeo, des päpstlichen Legaten in dieser Stadt, und man war schon entschlossen, meine Berufung fallen zu lassen. Als er aber zu der Stelle kam, wo es hieß, ich übte keinerlei ärztliche Praxis aus, rief einer der Anwesenden: »Ei, ei! Ich weiß, dass das Gegenteil wahr ist! Ich habe die angesehensten Herren kennengelernt, die ihn konsultierten, und habe selbst, obschon ich nicht zu den angesehensten Herren gehöre, mich von ihm kurieren lassen.« Und dann ergriff der Legat das Wort und sagte: »Auch ich kann bezeugen, dass er meine Mutter, die schon von allen andern Ärzten aufgegeben war, geheilt hat.« Worauf ein anderer hinzufügte: »In der Tat, dann wird wohl alles andere in diesem Bericht genau so wahr sein wie dies!« Dem stimmte der Legat bei, und der Abgesandte wurde still und schamrot. Daraufhin fasste dann der Senat folgenden Beschluss: »Cardano soll zunächst das Lehramt nur für ein Jahr, vom Tage des Beschlusses ab gerechnet, erhalten. Erweist er sich so, wie er im Bericht geschildert ist, oder auch sonst wenig nützlich und brauchbar für die Akademie und die Stadt, so mag er sich anderswo eine Stellung suchen; verhält sich dagegen die Sache anders, so können wir dann immer noch den Kontrakt verlängern und auch über die strittige Frage des Gehaltes festen Beschluss fassen.« Dem stimmte der Legat bei, und so wurde auch beschlossen.

Damit waren nun aber meine Gegner nicht zufrieden; sie setzten es durch, dass der Senat bald darauf einen weiteren Boten an mich absandte, der zu den Bedingungen, auf die wir uns schon geeinigt hatten, andere beizufügen hatte. Ich lehnte jedoch die Annahme seiner Angebote ab; mein Gehalt war darin niedriger als zuvor angesetzt, kein bestimmter Ort für meine Vorlesungen war in Aussicht genommen, kein Heller Beitrag für meine Umzugskosten bewilligt. Da ich also glatt ablehnte, musste der Bote wieder nach Bologna zurückkehren und dann ein zweites Mal wiederkommen, diesmal mit den schon verabredeten Bedingungen. – Obwohl derlei Treibereien offensichtlich allen Beteiligten überaus schaden, so kommen sie doch immer wieder vor, infolge eines ganz verkehrten menschlichen Vorurteils. Alles nämlich, was wir Menschen tun, richtet sich nur nach schnell vergänglichen Zwecken, geschweige denn, dass es sich einmal um ewige Gedanken handelte. Darum ist es dem Weisen genug, auf diese Zwecke sein Augenmerk zu richten und sich nur um sie zu kümmern. Um die Wahl seiner Mittel macht er sich keine, auch nicht die allerleisesten Sorgen; jedermann steht es ja frei, die Augen offenzuhalten und auf alles zu achten. Er glaubt vielmehr, die Mittel durchaus als nebensächlich betrachten zu dürfen, weil sie ja, verglichen mit dem Zweck, um kein Haar wichtiger sind als die Nüsse, womit Kinder spielen. Wäre also der nicht ein vollendeter Narr, der sich über die Mittel und ihre Folgen und ihren Charakter Gedanken machte, wenn es sich darum handelt, mit einiger Geschicklichkeit sich den Lorbeer oder ein Amt oder eine Herrschaft zu erwerben, die ihm der Zufall in den Weg treibt? – Als ich dann meine Vorlesungen begann, suchten sie mir auf folgende hinterlistige Weise den Hörsaal zu entziehen: Sie setzten meine Vorlesungen ganz nahe der Essenszeit an und gaben überdies den Saal für die nämliche Stunde oder doch kurz zuvor einem andern Dozenten. Ich machte nun diesem drei Vorschläge: entweder solle er seine Vorlesungen früher beginnen, jedenfalls aber zeitiger schließen, oder aber sich einen andern Hörsaal aussuchen, sodass ich in dem mir angewiesenen unbehindert lesen könne, oder endlich, er möge in dem besagten Hörsaal lesen, worauf ich mir dann einen andern aussuchen würde. Als ich sah, dass er alle drei Vorschläge ablehnte, verlangte ich und setzte es auch tatsächlich durch, dass eine neue Anordnung getroffen und ihm irgend ein anderer Hörsaal angewiesen wurde. Darob nun großes Geschrei und Jammern. Aber inzwischen trat jener vierte Fall ein, wovon ich gleich reden werde, und hat es schließlich dahin gebracht, dass einerseits ich mit heiler Haut aus so vielen Anfeindungen und Komplotten entrann und andererseits meine Feinde davon verschont blieben, mich mein Lehramt ausüben sehen zu müssen.

Schließlich, als die Vertragsfrist zu Ende ging, verbreiteten sie das Gerücht, vor allem in den Ohren des Kardinals Morone, ich dozierte vor einem verschwindend kleinen Hörerkreis. Dies war nun durch und durch unwahr; ich hatte vielmehr von Anfang des Schuljahres bis in die Fastenzeit hinein eine sehr große Anzahl Hörer, trotz allen Verleumdungen und Intrigen meiner zahllosen Feinde. Aber schließlich wich dennoch die Tüchtigkeit, wie man zu sagen pflegt, der brutalen Gewalt. Sie hatten dem Kardinal eingeredet, scheinbar ganz im Interesse meiner Ehre, es sei notwendig, dass ich freiwillig auf mein Amt verzichte, und erreichten es wirklich, dass er entsprechende Schritte tat. So entschied sich die Sache, meinen Gegnern, die diesen Ausgang so sehnlichst herbeigewünscht hatten, mehr zu Gefallen als zu gutem Nutzen.

Ich will nicht weiter von dem reden, was ich sonst noch unter Verleumdungen und Ehrabschneidungen zu leiden hatte. Sie waren alle so übertrieben stark, so unermüdlich wiederkehrend, so töricht und so durchaus absurd, dass sie ihr Ziel, mich auf die Angeklagtenbank zu bringen, nicht erreichten, sondern nur die erwünschten Stänkereien zur Folge hatten. Offensichtlich haben meine Feinde damit auch mehr ihr eigenes Gewissen geplagt, als mir geschadet. Denn während sie mit vieler List mich von den allzu großen Mühen des Lehrberufs befreiten, wuchs mir die Arbeitslust und mehrte sich mein Wissen von vielen verborgenen Dingen; ich gewann durch ihr Treiben nur noch mehr freie Zeit zur Abfassung meiner Bücher, sorgte damit noch wirksamer für die Verbreitung meines Namens und verlängerte mein Leben. Deshalb pflege ich zu sagen und jedermann zu versichern, dass ich meine Feinde nicht hasse, wie auch keiner Strafe für würdig erachte, weil sie mir geschadet hätten; sie wollten mir ja nur schaden. Von jenen weit böseren Angriffen, die sie damals auf mich richteten, als ich in Bologna angestellt wurde, soll weiter unten, im dreißigsten Kapitel, die Rede sein.

ACHTZEHNTES KAPITEL
Liebhabereien

Ich habe Freude an feinen stilettartigen Schreibgriffeln, für die ich schon mehr als 20 Golddukaten ausgegeben habe. Große Geldsummen verwendete ich auch auf den Kauf verschiedener Arten von Federn; ich glaube sagen zu dürfen, dass mich mein ganzes Schreibzeug mehr als 200 Dukaten gekostet hat. Auch für Edelsteine habe ich eine große Leidenschaft, ferner für kleine Vasen, für Körbchen aus Bronze oder Silber, auch für kleine bemalte Glaskugeln99 und seltene Bücher. Das Schwimmen hat mir nur wenig, das Fischen sehr viel Freude gemacht, und ich habe, als ich zu Pavia wohnte, dieser Beschäftigung mich mit Eifer hingegeben und wollte, ich wäre nie davon abgekommen. Sehr gern lese ich Geschichtswerke, von den Philosophen am liebsten Aristoteles und Plotin100, abenteuerliche mystische Abhandlungen, auch medizinische Bücher. Die liebsten italienischen Dichter sind mir Petrarca101 und Luigi Pulci102. Einsamkeit ist mir lieber als der Umgang mit Freunden, denn ich habe deren nur ganz wenige ehrliche, gar keine gelehrten. Ich sage dies nicht etwa deshalb, weil ich von jedem Gelehrsamkeit verlangte – die ist ja doch immer und überall eine kleine –, aber wer will uns zwingen, unsere kostbare Zeit zu vergeuden? Das ist es, was ich verabscheue.

NEUNZEHNTES KAPITEL
Spiel und Würfelspiel

Vielleicht verdiene ich in keiner Beziehung Lob, am allerwenigsten aber darob, dass ich dem Schach- und Würfelspiel frönte; ich tat dies so über die Maßen leidenschaftlich, dass ich mir vielmehr bewusst bin, Tadel zu verdienen. Beide Spiele habe ich während vieler Jahre getrieben, das Schachspiel mehr als 40, das Würfelspiel etwa 25 Jahre lang, und zwar während dieser Zeit – zu meiner Schande sei es gesagt – Tag für Tag. Ich habe auf diese Weise gleichermaßen an Achtung wie an Vermögen und Zeit Einbuße erlitten. Und ich habe nicht das leiseste Recht, mich zu entschuldigen, es sei denn, dass einer mich damit verteidigen wollte, dass er sagte, ich hätte nicht das Spiel geliebt, sondern die bitteren Umstände gehasst, die mich zum Spiel getrieben haben: erlittenes Unrecht, Verleumdungen, Armut, die Unverschämtheit gewisser Leute, die beständige Unklarheit meiner beruflichen Stellung, das Missachtetsein, meine dauernde Kränklichkeit und die Folge aller dieser üblen Umstände, die unwürdige und unfreiwillige Beschäftigungslosigkeit. Dass diese Erklärung berechtigt ist, das beweist der Umstand, dass ich tatsächlich das Spielen aufgegeben habe, sobald ich eine standesgemäße berufliche Stellung gefunden hatte. Ich habe also nicht aus Spielwut oder Vergnügungssucht gespielt, sondern aus Missmut und um meine üble Lage zu vergessen. – In meinem Buch über das Schachspiel103 habe ich viele wichtige Erfindungen und Beobachtungen aus diesem Gebiete niedergeschrieben. Manches davon ging freilich unter der Beschäftigung mit anderen Dingen wieder verloren. Acht oder zehn Punkte waren es vor allem, die ich nie wieder finden noch auch rekonstruieren konnte und die von ganz unglaublicher Stärke der Erfindung waren und allen menschlichen Scharfsinn zu übersteigen schienen. Ich erwähne dies hier deshalb, weil ich hoffe, dass bald ein neugieriger Leser darauf stoßen und dem Werkchen die Krone, das heißt den Schlussschnörkel aufsetzen möge.

ZWANZIGSTES KAPITEL
Kleidung

Was ich in diesem Punkt über mich zu sagen habe, das deckt sich ganz mit dem, was Horaz von seinem Tigellius104 sagt; ja ich möchte fast sagen, Horaz habe mich selbst mit dieser Person gemeint:

»Nichts von Gleichmaß war an dem Mann. Bald rannt er, als folgt' ihm

Hart auf den Fersen der Feind, bald ging er behutsam und würdig, Gleich als trüg er ein Heiligtum. Heut hat er zweihundert,

Morgen nur zehn der Diener. Heut spricht er prahlend von Fürsten,

Kön'gen und Herrlichkeiten und morgen heißt es: Ein Tischchen Klein und bescheiden lieb ich, ein Schüsselchen Salz und der Kälte Wegen ein Kleid und wär‘s noch so grob.«

Und willst du den Grund oder die Gründe hierfür wissen, so habe ich deren zur Genüge bereit: Erstens ist der stete Wechsel in meinen Ansichten und Sitten daran schuld, sodann der Umstand, dass ich immer in erster Linie für meine körperliche Gesundheit Sorge trage. Ferner zwang mich auch der häufige Orts- und Wohnungswechsel zu Änderungen in meiner Kleidung; ich konnte die Kleider weder verkaufen, des Verlustes wegen, den ich dabei erlitten hätte, noch sie immer wieder unbenutzt für spätere Zeiten aufbewahren. So war mir hierin die Not ein Gesetz. Ein anderer Grund, der nicht weniger wichtig als dieser, noch auch weniger zwingend war, lag darin, dass ich der wissenschaftlichen Arbeiten wegen mein Hauswesen vernachlässigte; die Folge davon war eine Vernachlässigung meiner Kleider, deren große Zahl durch die wenig schonende Benutzung auf eine recht geringe zusammenschmolz. Ich bin darum mit Galen durchaus einverstanden, wenn er erklärt, der Mensch müsse mit vier Kleidern zufrieden sein, oder auch nur mit zweien, wenn man nämlich die Unterkleider nicht dazu zählen will. Und da man tatsächlich mit diesen Kleidern im einzelnen Falle dem Zweck und den Umständen entsprechend wechseln kann und soll, so glaube auch ich, dass vier Anzüge genügen, ein solcher von etwas schwerem, einer von ganz schwerem, einer von leichterem und endlich einer von ganz leichtem Stoffe. Damit kann man dann 14 Zusammenstellungen erzielen, wobei die eine nicht gerechnet ist, die darin besteht, dass man alle zugleich anzieht.

EINUNDZWANZIGSTES KAPITEL
Meine Nachdenklichkeit und meine Art zu gehen

Der Grund meiner ungleichmäßigen Art zu gehen liegt in meinem dauernden Versunkensein in Gedanken. Sobald nämlich einer nicht darauf achtet, bewegen sich seine Beine ganz von selbst; bei vielen Leuten kann man auch ein unwillkürliches Fuchteln mit den Händen als ein Zeichen ihres unruhig beschäftigten Geistes beobachten. Dazu kommen dann noch der Wechsel in der beruflichen Beschäftigung, Überraschungen, vor allem aber auch der gesundheitliche Zustand des Körpers: Befinden wir uns wohl und sind wir jugendlich lebhaft, nicht ermüdet, sorglos und heiter, so pflegen wir rasch zu gehen; alle anderen Zustände und Stimmungen verlangsamen den Gang. Meine Art zu gehen passt wie ein Exempel zu dieser Regel: Sie ist stets hastig und unregelmäßig, wenn ich mich im Geiste gerade mit anderen Dingen befasse als denen, die vor meinen Augen liegen. Überhaupt sind wohl alle Bewegungen dann ungleichmäßig, wenn die harte Notwendigkeit drängt und ein von Natur ungestümer Geist die Zügel führt, der alles Gute dauernd machen kann und nichts Übles ertragen möchte. Diese Nachdenklichkeit, von der ich sprach, beherrscht mich zwar ununterbrochen, richtet sich aber nicht ununterbrochen auf denselben Gegenstand. Nichtsdestoweniger ist sie immer so stark, dass ich nicht essen oder sonstiger Vergnügung mich hingeben, ja nicht einmal Schmerzen verspüren oder schlafen kann, ohne von ihr beherrscht zu sein. Und doch weiß ich nicht, ob es zu größerem Nutzen oder Schaden wäre, wenn sie aufhörte; denn der einzige Vorteil wäre dann, dass ich Ruhe hätte und ein anderes Übel käme. – Im Übrigen ist mein Gang bald rasch, bald langsam, bald sind Kopf und Schultern aufrecht, bald gesenkt, eine Unregelmäßigkeit, die den Eindruck der Jugendlichkeit macht, in Wirklichkeit freilich weit davon entfernt ist.

ZWEIUNDZWANZIGSTES KAPITEL
Religion und Frömmigkeit

Ich bin geboren in der Zeit der größten Religionswirren, hatte, von Armut niedergedrückt, zahllose Gelegenheiten zum Abfall, habe auf meinen Reisen viele Menschen kennengelernt, die der Religion nicht nur fremd, sondern feindselig gegenüberstanden – wenn ich mich trotz alledem nicht habe verführen lassen, so ist dies mehr einem Wunder als meiner Weisheit, der göttlichen Hilfe eher als meiner Stärke zuzuschreiben. War ich doch auch von früher Jugend an zu beten gewohnt: »Herr mein Gott, in deiner grenzenlosen Güte schenke mir ein langes Leben, Weisheit und Gesundheit an Leib und Seele.« So ist es kein Wunder, wenn ich stets ein treuer Anhänger meiner Religion und ein gottesfürchtiger Mann geblieben bin. Auch andere Gaben sind mir zuteil geworden, wie man meinen könnte, aber sie waren derart, dass sie offenbar eher einem andern zu Nutz und Vorteil wurden als mir. Ich war in Wirklichkeit ununterbrochen krank und war gelehrt, um es gerade herauszusagen, mehr in solchen Dingen, die ich gar nicht studierte und die ich auch von keinem andern gelernt habe, als in denen, deretwegen ich den Lehrern nachlief.

Meinen Kindern war ich ein liebevoller Vater, und ich habe damals gegen den Tod und das Leiden meines Sohnes nach Kräften gekämpft. Er sollte sterben, und wenig fehlte, so hätte er die Welt ohne Nachkommenschaft verlassen; nun habe ich von ihm einen Enkel, der, wenn ich mich nicht täusche, noch im Jahre seines Todes zur Welt kam. – Doch was soll dies? Warum willst du der Menschen Leiden und Elend dem Glück der Seligen gegenüberstellen? Freimütig sei es gesagt: Würde er denn ewig leben, wenn er damals nicht gestorben wäre? Was soll das also nur? Was habe ich dabei verloren? O eitel törichtes Denken der Menschen! Sträflicher Wahnwitz!

Ich gedenke im Gebete nicht nur der göttlichen Majestät, sondern auch der seligsten Jungfrau Maria und des heiligen Martinus; denn ein Traum hat mir verheißen, dass ich unter seinem Schutze einst noch ein ruhigeres, langes Leben führen werde.

Ich habe vor Jahren einmal eine Abhandlung geschrieben, von der ich hier einen Auszug geben will. Ich führte darin aus, dass die Trübsal dieses Lebens in keiner Weise mit dem Glück verglichen werden könne, das wir vom anderen Leben uns erhoffen. Wenn derartige übernatürliche Hoffnungen uns beseelen, so sind sie freilich so stark, dass wir nicht an ihnen zweifeln können und sie für das höchste Gut halten möchten; sobald sie uns aber entschwunden sind, scheint uns der ganze Glaube wie ein Traum. O dass es Gott gefallen hätte, diese Charybdis des Zweifels zum höchsten Heile von uns zu nehmen! Viel eifriger würden die Menschen den göttlichen Weisungen gehorchen, viel treuer der Gebote Gottes gedenken und die Wohltat dieser Gebote viel reichlicher genießen, viel frömmer würden sie leben und andern zum guten Beispiele sein! – Doch ich sehe ein, dass nur Schande und Schmach mich für meine Mühe lohnt, den Menschen ein Gesetz der Weisheit aufnötigen zu wollen. Frommes Mitleid mit den Leiden dieser Armen riss mich hin. So habe ich auch über die Unsterblichkeit der Seele in der besagten Abhandlung einige Gedanken vorgebracht, die mit Plato, Aristoteles und Plotin, mit dem gesunden Menschenverstand und der allgemeinen Lehre übereinstimmen, die natürlichsten Gedanken, glaube ich, von all denen, die einfache Laien darüber geäußert haben. Bei Plato nämlich ist die Tiefe der Gedanken, bei Aristoteles die scharfe logische Einteilung, bei Plotin die klare letzte Definition, was hervorgehoben zu werden verdient, der Hinweis auf die Folgen aber wird vermisst – eine Entdeckung, die freilich nicht ich gemacht habe, sondern Avicenna105, dessen Ansicht in diesem Punkte, als die vernünftigste aller Philosophen, ich gerne unterschreibe.

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