Kitabı oxu: «Gender - Sprache - Stereotype»

Hilke Elsen
Gender - Sprache - Stereotype
Geschlechtersensibilität in Alltag und Unterricht
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© 2020 • Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG
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Print-ISBN 978-3-8252-5302-8
ePub-ISBN 978-3-8463-5302-8
Inhalt
für meinen Vater, Ernst ...
Vorwort
Dank
1. Einleitung1.1 Einige Fakten1.2 Verhalten von Frauen und Männern1.3 Begriffe1.4 Leitgedanken1.5 Aufbau1.6 Zusammenfassung1.7 Forschungsaufgaben1.8 Literatur
2. Geschichte2.1 Begriffe2.2 Philosophische, kulturelle und gesellschaftspolitische Gesichtspunkte2.3 Auseinandersetzungen mit dem Thema Frau und Sprache2.4 Feministische Sprachkritik2.5 Zusammenfassung2.6 Literatur
3. Theorien3.1 Anfänge3.2 Defizit und Differenz – Feministische Linguistik3.3 Diversität – Gender und doing gender3.4 Dekonstruktion – undoing gender3.5 Evolution, aber nicht Determiniertheit3.6 Abgrenzungen3.7 Zusammenfassung3.8 Forschungsaufgaben3.9 Literatur
4. Sprache und Denken4.1 Die Sapir-Whorf-Hypothese4.2 Sprache, Macht, Manipulation4.3 Sprachliche Diskriminierung4.4 Zusammenfassung4.5 Literatur
5. Gender und Sprachsystem5.1 Geschichte5.2 Markierung5.3 Probleme5.3.1 Asymmetrien5.3.2 Genus und Sexus als unabhängige Kategorien5.4 Alternativen5.5 Strategien des Widerstands5.6 Zusammenfassung5.7 Forschungsaufgaben5.8 Literatur
6. Studien zum Einfluss von Sprache auf Denken und Handeln6.1 Das Problem sprachlicher Asymmetrien6.2 Experimente zur Interpretation asymmetrischer Sprache6.2.1 Generisches Maskulinum im Deutschen6.2.2 Generisches Maskulinum in anderen Sprachen6.2.3 Erste Veränderungen und Ergebnisse6.3 Interaktion mit außersprachlichen Faktoren6.4 Auswirkungen6.4.1 Folgen auf kognitiver Ebene6.4.2 Folgen für Verhalten und Gesellschaft6.5 Deaktivierung von falschen Zuordnungen6.6 Zusammenfassung6.7 Forschungsaufgaben6.8 Literatur
7. Stereotype7.1 Begriff7.2 Beispiele7.3 Wann treten Geschlechtsstereotype auf?7.4 Wie entstehen Geschlechtsstereotype?7.4.1 Die Rolle des Elternhauses7.4.2 Die Rolle der Schule7.4.3 Medien7.5 Gefahren7.5.1 Veränderte Wahrnehmungen und Erwartungen7.5.2 Stereotypbedrohung7.5.3 Welche Mechanismen liegen der Stereotypbedrohung zugrunde?7.6 Abbau von Stereotypen7.7 Zusammenfassung7.8 Forschungsaufgaben7.9 Literatur
8. Neurobiologie8.1 Hormone8.2 Gehirn8.3 Kognition8.4 Evolutionärer Ansatz8.4.1 Spielverhalten8.4.2 Partnerwahl8.4.3 Dominanz und Empathie8.5 Zusammenfassung8.6 Forschungsaufgaben8.7 Literatur
9. Linguistische Gesprächsforschung9.1 Rolle der Interaktion9.2 Gesprächsforschung9.3 Gesprächsverhalten von Frauen und Männern9.3.1 Erste Studien9.3.2 Kritik9.4 Fazit9.5 Zusammenfassung9.6 Forschungsaufgaben9.7 Literatur
10. Genderentwicklung10.1 Geschlechtsidentität10.2 Sprachliche Unterschiede der Kinder10.3 Verhalten der Erwachsenen10.4 Sprachliche und stilistische Unterschiede der Erwachsenen10.5 Der Einfluss der Erwartungshaltungen der Erwachsenen10.6 Der Einfluss Gleichaltriger10.7 Weitere Faktoren10.8 Zusammenfassung10.9 Forschungsaufgaben10.10 Literatur
11. Medien11.1 Wachsende Rolle der Massenmedien11.2 Werbung11.3 Fernsehen und Filme11.4 Zeitung11.4.1 Pronomina, Substantive, Kotext11.4.2 Unklare Verwendung maskuliner Formen11.5 Bilderbücher11.6 Zusammenfassung11.7 Forschungsaufgaben11.8 Literatur
12. Schulbücher12.1 Kritische Analysen: Sprachlehrwerke12.2 Weitere Fächer: Naturwissenschaften12.3 AnalyseaspekteStereotypeBeispielsätzeDialogeTextebeneWeitere Aspekte12.4 Zusammenfassung12.5 Forschungsaufgaben12.6 Literatur
13. Unterricht 13.1 Die Rolle der Lehrerinnen und Lehrer 13.2 Historischer Hintergrund 13.3 Verhalten im Gespräch 13.4 Verhalten im Unterricht 13.5 Entdramatisierung 13.6 Erste Schritte 13.7 Zusammenfassung 13.8 Forschungsaufgaben 13.9 Literatur
14. Vorschläge für den Unterricht14.1 Sprache und Geschlecht als Unterrichtsthema14.2 Verfahrensplan14.3 Checklisten und Fragebögen14.4 Beispiele für den Unterricht14.4.1 Grundschule14.4.2 Ab 5. Klassenstufe14.4.3 Berufsschule14.5 Forschungsaufgaben14.6 Literatur
Literaturverzeichnis
Sachregister
für meinen Vater, Ernst Elsen (†)
Vorwort
Die Gleichberechtigung der Geschlechter schreitet voran. Längst sind Frauen nicht mehr nur für Kinder und Haushalt zuständig. Für viele unserer VäterVater war die Kinderbetreuung unmännlich, heute bleiben immer mehr junge Männer zu Hause, um sich zumindest ein, zwei Monate um die Neugeborenen mit zu kümmern. Das ist ein guter Schritt in Richtung Gleichberechtigung und für mehr Freiheit bei den Lebensentwürfen. Doch politische Maßnahmen stoßen schnell an ihre Grenzen. Sobald die verpflichtenden dreißig Prozent an Frauen in Gremien erreicht sind, stagniert die Zahl oder sie wird wieder rückläufig. Wenn es mit der Umsetzung nicht weitergeht und die Politik mit Vorgaben und finanzieller Unterstützung („less than 1 % of the EU’s Structural and Investment Funds“, CEWS 2019b: 59) nicht vorwärtskommt, muss auch an anderer Stelle angesetzt werden: in unseren Köpfen. Dies ist kurzfristig umsetzbar und langfristig wirksamer als alle politischen Maßnahmen. Dazu trug die Diskussion um gendergerechte Sprache bereits ihren Teil bei. Aber althergebrachte Denkweisen, falsche Argumente, etwa es ginge um Gleichmacherei, Verteidigung von etablierten Machtstrukturen und besonders verfestigte Rollenbilder behindern ab einem bestimmten Punkt die Weiterentwicklung. Es geht jedoch eben nicht darum, dass Männer und Frauen gleichgemacht werden sollen, sondern darum, sie als gleichwertig zu akzeptieren und gleichberechtigt zu behandeln. Dazu gehört auch Respekt vor vermeintlich selbstverständlichen Frauenleistungen wie Altenpflege und Kinderbetreuung. Stereotype wie diese blockieren viele Lebenswege, und viele Einflüsse tragen dazu bei, sie aufzubauen und zu stabilisieren.
Wie kommt es nun aber, dass wir trotz aller politischer Maßnahmen und gesellschaftlicher Auseinandersetzungen faktisch noch keine Gleichberechtigung haben? Warum gibt es nach wie vor große Unterschiede zwischen der in den Grundgesetzen eigentlich zugesicherten Chancengleichheit und der Realität? Verliert unsere Gesellschaft nicht, wenn sie auf die Präsenz und Leistung der Mädchen und Frauen in vielen Sparten, aber auch die der Jungen und Männer in anderen verzichtet? Verlieren nicht auch Jungen und Mädchen, wenn sie davon abgebracht werden, das Leben nach eigenen Wünschen zu gestalten statt nach Rollenvorgaben und Geschlechterklischees?
Immer mehr junge Frauen in den Seminaren an Universitäten sind der Meinung, sie hätten keine Nachteile aufgrund ihres Geschlechts und es gäbe wirkliche Chancengleichheit und individuelle Freiheit in Deutschland. Dies entspricht nicht den Tatsachen, die sich unter anderem aus den Statistiken zum Einkommen und zum Anteil von Männern und Frauen in den verschiedenen Berufsfeldern ablesen lassen. Wie kommt es zu dieser Diskrepanz zwischen der EigenwahrnehmungEigenwahrnehmung/selektive Wahrnehmung und der Realität?
Dies zu verstehen und Verbesserungen anzustoßen ist ein wesentlicher Beweggrund für dieses Buch. Es will die Fragen beantworten, welche Möglichkeiten wir als (zukünftige) Eltern und Lehrende haben, mehr Chancengleichheit zu schaffen, und welche Potenziale die Schulsituation bietet.
Zunächst müssen wir mehr über Fakten und Zusammenhänge erfahren. Der Band will daher über die verschiedenen Faktoren, die für die Ausbildung der GeschlechtsrollenGeschlechtsrolle während des Sozialisierungsprozesses ineinandergreifen, informieren. Er will die GenderkompetenzGenderkompetenz der Erwachsenen fördern, da sie die Grundlage für entsprechendes Wissen der Kinder darstellt. Vor allem will er die Rolle der Sprache beleuchten. Das komplexe Kausalgefüge, das zur Entstehung und Festigung von Geschlechterklischees führt, umfasst die gesamte Lebenszeit und bewegt sich teils außerhalb unseres bewussten Zugangs. Sprache spielt dabei eine wesentliche Rolle als Informationsträgerin und als Ausdrucksmittel. Rollenvorgaben lernen wir bereits als kleine Kinder in der InteraktionInteraktion mit den anderen, mit unseren Eltern, ErzieherErzieher/in/innen und Lehrer/innen, den Gleichaltrigen und über die MedienMedien. Stereotype beeinflussen unsere Einstellungen und die Erwartungshaltung, die wir uns und den anderen gegenüber entwickeln. Sie formen unser Selbstbild und wirken sich darauf aus, wie wir die anderen wahrnehmen. Wenn alles zusammenpasst und wir agieren, wie wir glauben, agieren zu sollen, fühlen wir uns gut. Damit entsprechen wir den Stereotypen. Das ergibt einen sich stabilisierenden Kreislauf. Für manche aber bewirken Stereotype einen inneren Leistungsdruck, wenn sie dem Bild entgegen ihrer Neigungen und Bedürfnisse entsprechen wollen.
Der Band will den Leserinnen und Lesern den Einfluss von Sprache auf die Wahrnehmung von GeschlechtsrollenGeschlechtsrolle bewusst machen und sie für das Problem sprachlicher Stereotype sensibilisieren, um Verbesserungsmöglichkeiten erkennen zu können, Kindern und Jugendlichen mehr Chancengleichheit zu ermöglichen und Diskriminierung zu begegnen. Die Unterschiede zwischen den Geschlechtern werden behandelt und quasi dramatisiert, damit sie sichtbar und dadurch kognitivKognition, kognitiv fassbar werden als Voraussetzung für die kritische Auseinandersetzung und die Entwicklung eines eigenen Standpunktes. Alle, die Teil im sozialen System sind, vor allem aber diejenigen, die mit der Betreuung von Kindern und Jugendlichen zu tun haben (werden), sind dabei angesprochen. Daher runden praktische Anregungen für den Schulalltag die Ausführungen ab.
Spätestens bei der Darstellung der biologischen Faktoren zeigen sich auch Genderausprägungen jenseits der typischen binären Pole, die alternativ zu oder in einem Übergangsbereich zwischen den zwei Geschlechtern anzusiedeln sind. Die aktuelle Forschungslage legt hierauf weit größeren Wert, als im Rahmen des Bandes für die momentane öffentliche Realität umsetzbar wäre. Für das Buch ergibt sich daraus das Dilemma, einerseits theoretisch auf dem neuesten Stand sein zu wollen, andererseits aber zunächst ein Umdenken mit praktikablen und akzeptablen Alternativen zu fördern. Da Letzteres ein zentrales Anliegen des Bandes ist, bedeutet die Fokussierung auf die beiden typischen Gendervarianten einen pragmatischen Kompromiss und vorläufigen Verzicht auf ein derzeit noch utopisches Ideal.
Die Kapitel schließen jeweils mit Hinweisen auf einige wichtige und weiterführende Literatur ab. Außerdem finden sich unter der Überschrift „Forschungsaufgaben“ Themenvorschläge für kleinere Abschlussarbeiten.
Dank
Die Arbeit an diesem Band profitierte von viel positivem Feedback meines wissenschaftlichen und privaten Umfelds. Ellina Totoeva, Eddy Ngome und Florian Bogon unterstützten mich praktisch und moralisch und versorgten mich ständig mit neuem Lesestoff. Hans J. Hanke sicherte alles Technische. Die Abbildung 2 stellte mir Eva Sondershaus zur Verfügung. Diana Hebel erstellte das Register. Wolfgang Schindler half mit wertvollen Kommentaren zu einzelnen Kapiteln. Hümeyra Uzunkaya und Ute Hofmann lasen das Manuskript sorgfältig und sehr kritisch durch und steuerten viele Verbesserungsvorschläge bei. Aline Kodantke half bei der finalen Manuskripterstellung. Meine Lektorin Valeska Lembke vom Narr Verlag schließlich erwies sich als zuverlässige und kompetente Partnerin auf dem Weg zur Veröffentlichung. Allen vielen herzlichen Dank!
Oberschneitbach, im August 2019 Hilke Elsen
1. Einleitung
1.1 Einige Fakten
So lautet die aktuelle Rechtslage zur Gleichstellung von Frau und Mann:
Bundesverfassungsgesetz (Österreich)
Erstes Hauptstück, Artikel 7
(1) Alle Staatsbürger sind vor dem Gesetz gleich. […]
(2) Bund, Länder und Gemeinden bekennen sich zur tatsächlichen Gleichstellung von Mann und Frau. Maßnahmen zur Förderung der faktischen Gleichstellung von Frauen und Männern insbesondere durch Beseitigung tatsächlich bestehender Ungleichheiten sind zulässig.
Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft
Artikel 8 Rechtsgleichheit
(1) Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.
(2) Niemand darf diskriminiert werden, namentlich nicht wegen der Herkunft, der Rasse, des Geschlechts, des Alters, der Sprache, der sozialen Stellung, der Lebensform, der religiösen, weltanschaulichen oder politischen Überzeugung oder wegen einer körperlichen, geistigen oder psychischen Behinderung.
(3) Mann und Frau sind gleichberechtigt. Das Gesetz sorgt für ihre rechtliche und tatsächliche Gleichstellung, vor allem in Familie, Ausbildung und Arbeit. Mann und Frau haben Anspruch auf gleichen Lohn für gleichwertige Arbeit.
Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland
Artikel 3
(1) Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.
(2) Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.
(3) Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.
Charta der Grundrechte der Europäischen Union
Titel III: Gleichheit, Artikel 21 Nichtdiskriminierung
(1) Diskriminierungen insbesondere wegen des Geschlechts, der Rasse, der Hautfarbe, der ethnischen oder sozialen Herkunft, der genetischen Merkmale, der Sprache, der ReligionReligion oder der Weltanschauung, der politischen oder sonstigen Anschauung, der Zugehörigkeit zu einer nationalen Minderheit, des Vermögens, der Geburt, einer Behinderung, des Alters oder der sexuellen Ausrichtung sind verboten.
Haben alle Frauen und Männer in Deutschland – und Österreich und der Schweiz etc. – wirklich die gleichen Chancen und sind sie damit gleichberechtigt in Berufswahl und Lebensgestaltung? Trotz Mindeststandards für die EU erzielen einer Studie der Universität Duisburg-Essen zufolge „die ‚vorbildlichen‘ deutschen Maßnahmen aber nicht die intendierten gleichstellungspolitischen Effekte, da sich bezüglich der Rollenverteilung auf Seiten der Männer durch die familienpolitischen Programme kaum etwas getan habe“ (Dalhoff 2019: 1). Nach wie vor verdienen deutsche Männer deutlich mehr als Frauen. Seit Jahren ist der Gender Pay Gap, also der Unterschied im Einkommen, in kaum einem anderen Land in Europa so hoch wie in Deutschland (vgl. Abb. 1). Und er erklärt sich sicher nicht aus der Ausbildung.
2009 veröffentlichte die Zeitschrift Grundschule, dass 5,3 % der deutschen Mädchen und 8,7 % der deutschen Jungen keinen Hauptschulabschluss bekommen. 28 % der Jungen und 36,3 % der Mädchen erhalten die allgemeine Hochschulreife (vgl. Ohne Autorenangabe, Grundschule 2009/9). Laut Bildungsbericht (Maaz et al. 2018) erhielten 2016 18749 Mädchen und 30444 Jungen keinen Hauptschulabschluss. In diesem Jahr hatten 46,6 % der jungen Männer und 58,2 % der jungen Frauen eine Studienberechtigung. Mit Diplom (U) schlossen 9,0 % Männer und 11,0 % Frauen ab, das Lehramtsstudium absolvierten 5,2 % Männer und 12,6 % Frauen. Es promovierten aber 16053 Männer gegenüber 13248 Frauen. So gibt es also auf jeder Ebene mehr gut ausgebildete Frauen als Männer, mit Ausnahme der Promotion.

Abb. 1: Gender Pay GapGender (pay) gap in den 28 EU-Ländern, 2016 (WSI GenderDatenPortal, Hans-Böckler-Stiftung, https://www.boeckler.de/62518.htm)1
Wenn es um die Berufssituation geht, befinden sich in den besser bezahlten Branchen die Männer in der Überzahl, obwohl während der Ausbildung und bei den Abschlüssen noch die Frauen in der Mehrheit waren. Laut Grundschule 2009 sind 93,3 % des Personals in Kitas und in der Tagespflege sowie 85 % der Lehrkräfte an Grundschulen weiblich. In Baden-Württemberg sind jedoch 76 % der Grund- und Hauptschulleitungen männlich, in Bayern 79 % (vgl. Ohne Autorenangabe, Grundschule 2009/9). 2016 war 95 % des Bildungspersonals in Kindertageseinrichtungen und der Tagespflege weiblich, das an den Hochschulen jedoch nur zu 38,5 % (Maaz et al. 2018).
Unternehmen mit Quotenregelung nähern sich bei Neueinstellungen zwar dem geforderten Mindestwert von 30 % in Aufsichtsräten an, Frauen kommen aber kaum in Ausschüsse mit Entscheidungsfunktion (CEWS 2018: 14f.). Wenn Unternehmen die Quote für die Aufsichtsräte erfüllt haben, nehmen sie ihre Anstrengungen wieder zurück (CEWS 2019a: 14). EU-weit waren in großen börsennotierten Unternehmen 6,3 % aller Führungspositionen von Frauen besetzt (CEWS 2019b: 11). 2017 bildeten Frauen mit 62 % den Großteil der Personen, die ausschließlich geringfügig beschäftigt waren (WSI). 2013 lag das Bruttoeinkommen von Frauen im Schnitt um 22 % niedriger als das der Männer, natürlich auch, weil 45,5 % der erwerbstätigen Frauen in Teilzeit arbeiten gegenüber 9,7 % der Männer (2011, vgl. Focks 2016: 30). Der Gender Pay Gap beträgt 21 % und ist für Akademikerinnen besonders gravierend (CEWS 2018: 18f.). Frauen in der Besoldungsgruppe W32 erhielten im Monat Juli 2017 im Schnitt 650 Euro brutto weniger als die Kollegen (Detmer 2018: 1064). Der Gender Pension Gap für das Jahr 2015 lag in Deutschland bei 53 % (CEWS 2018: 22). Das bedeutet, dass Frauen im Alter mit weniger als der Hälfte von dem Geld auskommen müssen, das Männern zur Verfügung steht. In jeder Beziehung befinden sich Frauen finanziell im Nachteil. Andererseits ergab eine deutschlandweite Umfrage aus dem Jahr 2003, dass lediglich 5,2 % der befragten VäterVater alleiniger Ernährer der Familie sein wollten (Westheuser 2015). Realität und Bedarf decken sich hier also nicht.
1.2 Verhalten von Frauen und Männern
Aus einer Filmszene: Fünf Personen sind vom Rest der Menschheit zeitweise getrennt. Alle haben sich mit einer tödlichen Krankheit angesteckt. Sie finden vier Ampullen mit dem Gegenmittel. Es gibt dazu zwei Kommentare: „Einer bekommt keine, wir losen.“ – „Wir teilen das Serum auf, dann bekommt jeder etwas.“ Welcher Satz stammt von einer Frau, welcher von einem Mann?
Oft wird betont, dass die Gemeinsamkeiten und Ähnlichkeiten zwischen den Geschlechtern größer sind als die Unterschiede und dass die Unterschiede innerhalb der weiblichen bzw. männlichen Gruppen größer sind als die zwischen ihnen. Trotz allem aber überstrahlen die Geschlechtsunterschiede alle anderen wie EthnieEthnie, Hautfarbe, ReligionReligion usw. Sie prägen unser Leben gleich von Geburt an oder bereits vorher, wenn in einigen Kulturen die weiblichen Föten abgetrieben werden, die männlichen aber leben dürfen. Der Unterschied ist in allen Kulturen und zu allen Zeiten grundlegend gewesen und führte und führt für einzelne Männer, mehr aber für die Frauen, zu Ungerechtigkeit und Diskriminierung: In den allermeisten Kulturen gilt das Wirken der Männer als prestigeträchtiger, die Arbeit der Frauen wird weniger geschätzt und weniger gut bezahlt. Abweichungen vom erwarteten geschlechtsspezifischen Verhalten werden mehr oder weniger offen missbilligt oder bestraft. Der Mann ist noch immer die Norm, an der die Frau gemessen wird. Und auch die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist für Frauen nach wie vor schwierig oder hält sie gar von ertragreicheren Karrieren ab als denen sie nachgehen.
Obwohl in vielen Ländern die Leistungen von Mädchen und Jungen z.B. in MathematikMathematik, Mathe, <i>math</i> mittlerweile gleich gut sind (vgl. Kap. 7.4.2), mögen viele Mädchen dieses Fach nicht, sind weniger motiviert und selbstsicher und bleiben im Ingenieurwesen und in mathematisch-naturwissenschaftlichen Berufen, also den besser bezahlten Arbeitsbereichen, nach wie vor deutlich unterrepräsentiert. Nosek et al. (2009) finden im internationalen Vergleich einen klaren Zusammenhang zwischen impliziten Stereotypen und geschlechtsbedingten Unterschieden, die sich gegenseitig verstärken, und zeigen, dass sie soziokulturell bedingt sind. Else-Quest et al. (2010) machen in einer Metaanalyse mit Daten aus vielen Nationen Zusammenhänge zwischen Gleichberechtigung beim Schulbesuch, dem Anteil der Frauen an Forschungsstellen und im Parlament und Unterschieden bei den Mathematikleistungen aus. Wenn Mädchen wissen, dass sie ein Recht auf die gleiche Schulbildung haben wie Jungen und dass ihre Gesellschaft die Leistungen von Mädchen schätzt, stärkt das auch das Selbstbewusstsein und das Interesse an besser bezahlten Berufen. Die Autorinnen messen daher der Schule eine bedeutende Rolle beim Mathematik Gender Gap zu.
Zahlreiche Theorien listen Faktoren auf, die dazu beitragen, warum Mädchen sich weniger für MINTMINT-Fächer interessieren und entsprechende Berufe ausüben: HormoneHormone und neuronale Strukturen, schlechte Erfahrungen, die StereotypbedrohungStereotypbedrohung, <i>stereotype threat</i>, schlechte Zukunftsprognosen, die gesellschaftliche Schichtung, die den Mädchen wenig Aussichten auf solch einen Beruf suggeriert und zu wenig Ausbildungsmöglichkeiten anbietet oder einige sogar einschränkt, fehlende Rollenvorbilder in der Kultur und/oder konkret in der Familie, einengende Vorgaben für geschlechtsadäquates Verhalten, einengende Erwartungshaltung von Eltern und Lehrer/innen und falsche Selbsteinschätzung („das kann ich sowieso nicht“). Schüler/innen wenden sich in der Regel eher den Fächern zu, die sie für ihre spätere Laufbahn für wichtig erachten, in denen sie sich kompetent fühlen und glauben, erfolgreich sein zu können. Hier kann die Schule ausgleichend wirken.
[G]irls will perform at the same level as their male classmates when they are encouraged to succeed, are given the necessary educational tools, and have visible female role models excelling in mathematics (Else-Quest et al. 2010: 125).
Das Faktorenbündel, das über die Wahl des späteren Berufs entscheidet, ist hochkomplex und führt dazu, dass immer noch sehr viele Mädchen technische und Jungen soziale Karrieren oder solche mit Sprachen meiden, obwohl es sie oftmals interessieren würde und sie vielleicht glücklicher damit wären. Dazu kommt, dass die Gesellschaft die Leistungen von Mädchen gern geringschätzt; daher bilden sie weniger Selbstbewusstsein aus – eine elementare Voraussetzung für Erfolg, Zugang zu Führungspositionen und damit mehr Geld und mehr Unabhängigkeit. Das heißt, dass im Wesentlichen Kultur, Gesellschaft und Schule in einem vielschichtigen Kausalgefüge mit psychologischen, kognitiven und sozialen Aspekten für im Endeffekt ungleiche Einkommens- und Lebenssituationen von Männern und Frauen verantwortlich sind. Der vorliegende Band legt den einen Schwerpunkt auf die Rolle der Sprache als Teil des Kausalgefüges.
Sprache sozialisiert und schafft neue Wirklichkeit. In der Lehre ist Sprache das wichtigste Mittel, welches der oder dem Lehrenden zur Verfügung steht. Daher liegt es nahe, diesem ‚Werkzeug‘ besondere Aufmerksamkeit zu widmen (Spieß 2008: 43).
Deswegen sollte zur Ausbildung an den Universitäten bereits eine geschlechtergerechte Sprache gehören, eine symmetrische Behandlung der Studierenden, die Überprüfung von Stereotypen in den MedienMedien, die Würdigung der Leistungen von Frauen in der Wissenschaft sowie die Thematisierung der Probleme (Spieß 2008: 44f.).
Im Elternhaus, im KindergartenKindergarten, in SchulenSchule und anderen Institutionen gibt es geschlechtsbedingte Unterschiede im Umgang mit Kindern und Heranwachsenden, was zu Benachteiligung und Chancenungleichheit führen kann. Hierbei spielt die Sprache eine nicht zu unterschätzende Rolle: Durch die Sprache schaffen, zementieren und vermitteln wir Stereotype, die Denken und Wahrnehmung und damit Handeln beeinflussen. In der Sprache und in der tagtäglichen InteraktionInteraktion werden Unterschiede hergestellt, gefestigt, tradiert.
Sprache ist Ausdruck des Denkens und Instrument des Denkens und Handelns.
Der zweite Schwerpunkt liegt auf der Position der Schule. Die Lehramtsstudiengänge bereiten nicht genügend auf das Gender-Thema vor. Wie Martina Mittag formuliert: „Es scheint diesbezüglich nicht nur in der fachwissenschaftlichen Ausbildung, sondern auch und gerade in der Fachdidaktik Optimierungspotenzial zu geben“ (Mittag 2015: 257). Das Thema Gender fehlt im Fächerkanon bei der Ausbildung der Lehrer/innen (Bartsch/Wedl 2015). Dieser Band möchte dazu beisteuern, die Lücke zu schließen. Er soll dazu anregen, sich der Zusammenhänge bewusst zu werden und einen gendersensiblen Umgang miteinander zu praktizieren.
Frauen und Mädchen, Männer und Jungen sollen lernen und wirklich wissen, dass sie im Prinzip jede Rolle übernehmen können, wenn sie das wollen. Das muss ihnen von Anfang an auch vorgelebt werden. Elternhaus, Schule, peer group und die MedienMedien wirken auf Kinder und Jugendliche zu unterschiedlichen Zeiten in unterschiedlichen Gewichtungen ein. Informationsvermittlung und die Aushandlung von Rollen funktionieren im Wesentlichen sprachlich.
Sprache ist ein zentrales Mittel, um mehr Gendergerechtigkeit zu erzeugen.
1.3 Begriffe
Stereotype sind stark vereinfachte, generalisierende und gleichzeitig starre Meinungen über Gruppen.
Geschlechtsstereotype sagen uns, wie Männer und Frauen zu sein und was sie zu tun haben: Männer verdienen das Geld für die Familie – Frauen bleiben zu Hause bei den Kindern. Stereotype sind nicht grundsätzlich schlecht. Sie können anfangs bei der Wahrnehmung und Orientierung helfen, da sie den Interpretationsspielraum einschränken. Daher bedeuten sie eine wichtige Ökonomisierungsstrategie im Umgang mit anderen (vgl. ausführlich Kap. 7). Die emotional aufgeladenen Begriffe Diskriminierung und Sexismus möchte ich weitgehend, wenn auch nicht ganz, umgehen. Sexismus ist „die Benachteiligung aufgrund des Geschlechts“ (Wetschanow/Wiesinger 2004: 21). Der Begriff entstand in den USA in Anlehnung an Rassismus und wird mittlerweile auch auf konkrete Verhaltensweisen bezogen. Moderner Sexismus heißt, die Diskriminierung von Frauen zu bestreiten und sich gegen Bestrebungen zu stellen, mehr Gleichberechtigung zu schaffen (Sczesny et al. 2016: 6).
1.4 Leitgedanken
Vorstellungen werden durch Erfahrung, Stereotype und Sprache beeinflusst. Erwachsene tragen ihren Teil dazu bei, Geschlechtsunterschiede zu stärken und die Kinder auf stereotypkonformen Bahnen zu halten. Die verschiedenen Faktoren greifen ineinander und sind daher nicht ganz sauber zu trennen.
1 Unabhängig von sprachsystematischer Regularität gibt es eine enge assoziative Verbindung zwischen GenusGenus und Geschlecht.
2 a) Die Sprache behandelt die Geschlechter nicht gleich.b) Sprachlich agieren die Geschlechter nicht gleich.
3 Der Sprachgebrauch beeinflusst Denken und Wahrnehmung und damit Handeln.
4 Mädchen und Jungen unterscheiden sich in der hormonellenHormone Entwicklung, bei neuronalen Strukturen und Funktionen und in kognitiven Leistungen, was zu unterschiedlichem Verhalten, auch auf sprachlicher Ebene, führt. Das formt und stützt Stereotype.
5 Stereotype beeinflussen Denken und Wahrnehmung und damit Handeln. Familie, Institutionen und MedienMedien sind die wesentlichen Quellen für Stereotype. Sie entstehen und etablieren sich sprachlich und durch KontextKontext- und Frequenzwissen.
6 Sprache und Stereotype führen zu Unterschieden im Denken über und im Umgang mit Frauen und Männern. Dies ist nicht zu beanstanden, solange damit eine faire, gleichberechtigte Behandlung nicht gefährdet wird. Geschlechtsstereotype und geschlechterungerechte Sprache lösen jedoch einen voreingenommenen Umgang mit Mädchen und Jungen bzw. Frauen und Männern aus. Das führt zu ungleichen Chancen im täglichen Miteinander, bei Identitätsfindung und Lebensentwurf.
7 Über Sprache lernen wir gesellschaftliche Positionen, Normen und Rollen. Mit Sprache dokumentieren wir sie und geben sie weiter. Damit manifestieren und reproduzieren wir auch Ungleichheit.
8 Wir alle tragen also zur Situation, wie sie ist, mit bei und sorgen dafür, dass sie bleibt. Den wenigsten ist dies jedoch bewusst. Die Analyse von Sprachgebrauch und Sprache soll die Beziehung zwischen Sprache, Denken und Handeln sichtbar machen.
9 Weiterhin sind Richtlinien bzw. politische Vorgaben zur Bewusstmachung von 6. und damit zur Veränderung von 2. (und 5.) nötig.
10 Dies führt zu gendergerechter Sprache im öffentlichen Diskurs (Ämter, MedienMedien).
11 Ein gendersensibler Umgang miteinander kann auch in der Ausbildungssituation erreicht werden (KitaKita, Schule, Universität; Integration von Geflüchteten), indem er durch Lehrkräfte erkannt und umgesetzt und bei Kindern und Jugendlichen gefördert wird. Daher sind die Verantwortlichen über die verschiedenen Zusammenhänge aufzuklären und für die Auswirkungen zu sensibilisieren.
12 Kinder, die genderbewusst aufwachsen, haben gerechtere Chancen im Privaten und im Beruf. Sie können dies wieder an andere weitergeben und als Vorbilder fungieren. Somit sind im Endeffekt gesellschaftspolitische Auswirkungen erwartbar.
Ziel ist es nicht, Frauen und Männer gleich zu machen, sondern die Anerkennung ihrer faktischen Gleichwertigkeit und entsprechend mehr Chancengleichheit zu erreichen.
1.5 Aufbau
Die ersten Kapitel beschäftigen sich mit der historisch-theoretischen Positionierung – die geschichtliche Entwicklung der Genderlinguistik und die gesellschaftspolitischen Einflüsse (2) und verschiedene theoretische Ansätze von Feministischer LinguistikFeministische Linguistik bis hin zu Queer Studies (3). Dies dient einem allgemeinen theoretischen Hintergrund, der u.a. auch helfen soll, die gesellschaftlich begründbaren Widerstände gegen genderlinguistische Themen zu verstehen.
Es folgen sprachwissenschaftliche Grundlagen. Sie betreffen den Zusammenhang zwischen Sprache und Denken (4), den Zusammenhang zwischen Sexusbiologisches Geschlecht, Sexus und GenusGenus sowie die Stellung des Genderaspekts innerhalb des Sprachsystems (5). Diese Kapitel sind wichtig, da sie die Themen behandeln, die im öffentlichen Diskurs zumeist ignoriert werden und zu Vorurteilen und Fehleinschätzungen führen, jedoch als linguistisches Fundament für die weitere Argumentation Voraussetzung sind.
Kapitel 6 beschäftigt sich mit dem Einfluss sprachlicher AsymmetrienAsymmetrie und mit dem Einfluss der über Sprache transportierten Stereotype auf unser Denken und Handeln – welche Auswirkungen hat geschlechter(un)gerechte Sprache? Diese Informationen sind für das Erkennen des eigenen stereotypen Verhaltens unabdingbar. Kapitel 7 behandelt die Stereotype – wie entstehen Geschlechtsstereotype und warum sind sie wichtig? Es schließt sich ein Kapitel (8) über die hormonellenHormone, neurologischen und kognitiven Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen an: Welchen Anteil haben diese biologischen Faktoren an gendertypischen Verhaltensweisen und Fähigkeiten? Es folgen Informationen zum Gesprächsverhalten (9), denn das tagtägliche sprachliche Miteinander trägt zu Aufbau und Pflege der Rollenvorstellungen bei. Kapitel 10 zur Genderentwicklung fragt, wie und unter welchen Einflüssen sich das Geschlechtsbewusstsein entwickelt und welche Rolle Stereotype und Sprache dabei spielen.
Das Kapitel 11 zu den MedienMedien thematisiert die Ungleichbehandlung und die klischeehafte Darstellung von Mädchen und Jungen, Männern und Frauen in der medialen Scheinwelt und ihre Rolle bei Herstellung und Zementierung von Stereotypen, auch durch die Sprache. Dazu werden Zahlen und Sprachanalysen aus Zeitung, WerbungWerbung, FernsehenFernsehen und von Bilderbüchern vorgestellt, die veranschaulichen, wie die Medien traditionelle Verhaltensmuster für die Geschlechter schon im frühen Kindesalter und dann permanent weiter pflegen.
Die nächsten Kapitel widmen sich konkret der Rolle der Schule: Welche Bedeutung kommt den Unterrichtsmaterialien zu? Wo finden wir Geschlechtsstereotype und AsymmetrienAsymmetrie (12)? Wie tragen Institution und Unterricht (13) zu Geschlechter(un)gerechtigkeit bei und wie können wir das vermeiden? Kapitel 14 möchte abschließend die Frage beantworten, was in der Unterrichtssituation konkret getan werden kann.
1.6 Zusammenfassung
Obwohl das Recht auf Gleichstellung in der EU gesetzmäßig verankert ist, Mädchen in der Schule meist bessere Noten haben und mehr von ihnen bessere Abschlüsse als Jungen erzielen, verdienen Frauen weniger, verbringen mehr Zeit mit Hausarbeit, Kindern und Altenpflege und enden bei einer wesentlich schlechteren Altersversorgung als Männer.
Dieser Band will über die Entstehung der unterschiedlichen Denk- und Verhaltensweisen bei Kindern und Erwachsenen sowie über Zusammenhänge informieren und dabei die bedeutende Rolle der Sprache betonen. Er will auf die Auswirkungen auf Alltag, Unterricht und die Lehr- und Lernsituation aufmerksam machen und Möglichkeiten des Umgangs damit aufzeigen. Er will die GenderkompetenzenGenderkompetenz der Erwachsenen fördern für die kritische Auseinandersetzung und die Entwicklung einer eigenen Position sowie Anleitungen für die Praxis bieten. Ziel ist mehr Chancengleichheit und Individualität in Alltag und Unterricht.
1.7 Forschungsaufgaben
Stimmt das mit den Stereotypen? Fragen Sie im Bekanntenkreis, wie Ingenieure, Chirurgen oder Bürgermeister aussehen, wie sie sich verhalten. Sind das Vorstellungen, die zu Frauen passen? Kinder können Bilder malen zu LehrernLehrer/in, -kraft, -schaft, Ärzten, Bauern, Metzgern. Malen sie sowohl Frauen als auch Männer? Was ändert sich, wenn Sie Berufe wie Verkäufer, Tänzer oder ErzieherErzieher/in benennen? Welche Veränderungen ergeben sich aus der BeidnennungBeidnennung? Skeptische Leser/innen können auch einige Experimente wiederholen und die Ergebnisse vergleichen, z.B. Levinson (1975), Hay (1996), Riach/Rich (2006).
1.8 Literatur
Statistische Informationen liefern regelmäßig die Bildungs- und Gleichstellungsberichte der einzelnen Länder, die online einsehbar sind, z.B. (jeweils 01.08.2019):
https://www.bildungsbericht.de/de/nationaler-bildungsbericht/bildung-in-deutschland
https://www.bundesregierung.de/breg-de/service/publikationen/zweiter-gleichstellungsbericht-der-bundesregierung-855554
https://www.skbf-csre.ch/news/details/news/der-neue-bildungsbericht-schweiz-2018/?tx_news_pi1%5Bcontroller%5D=News&tx_news_pi1%5Baction%5D=detail&cHash=778131ff7e58b3e9093e1eff919e20d2
https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/statistiken/wirtschaftliche-soziale-situation-bevoelkerung/gleichstellung-frau-mann.html
https://www.bifie.at/material/nationale-bildungsberichterstattung/nationaler-bildungsbericht-2018/
https://bmbwf.gv.at/fileadmin/user_upload/gender/2018/DE_KV_BMBWF_GSD_BFREI_FINAL.pdf
2. Geschichte
2.1 Begriffe
Ausgehend von der aus den reproduktiven Aufgaben sich ergebenden Unterscheidung zwischen Mann und Frau stellte Stoller (1968: 6ff.) beim Verhalten graduelle Unterschiede fest und fragte, welche Aspekte nun angeboren und welche anerzogen sind. Um die Darstellung zu vereinfachen, trennte er im weiteren Verlauf zwischen sex, der Gesamtheit der biologischen Merkmale wie Genitalien, Chromosome,Chromosomen HormoneHormone etc., und gender, was psychologisch und kulturell geprägt ist. Er betrachtete auch die gender identity, die „starts with the knowledge and awareness, whether conscious or unconscious, that one belongs to one sex and not the other“ (Stoller 1968: 10), und die gender role als „overt behavior one displays in society“ (ibd.). Gender behavior ist erlernt und spielt eine wesentliche Rolle beim biologisch bedingten sexual behavior. Ein Problem für Stoller als Psychiater entsteht daraus, dass es Menschen gibt, bei denen gender, gender identity und gender role nicht konform gehen, und dass sexual behavior und gender behavior nicht immer zu trennen sind. Das englische gender (‚Geschlecht‘, auch im grammatischen Sinn wie ‚Genus‘Genus, eigentlich ‚Art, Gattung‘) etablierte sich daraufhin seit den 70er Jahren im englischsprachigen Raum mit dem Aspekt ‚kulturell-sozial und anerzogen‘ als Gegenbegriff zu sex. Das bedeutet ebenfalls ‚Geschlecht‘, aber mit der Zusatzbedeutung ‚natürlich, biologisch‘.
Da das Deutsche keine Möglichkeit für diese Differenzierung bereitstellt, bot sich die Fremdwortübernahme an, so dass im Laufe der 90er Jahre nun Gender im Deutschen in der Bedeutung ‚soziales Geschlecht‘ auch für den wissenschaftlichen Diskurs verwendet wurde. Darum lösten dann die Gender-Studien die frühere feministische Forschung ab.
Im Deutschen verfügen wir über drei Termini, die drei Bedeutungen von Geschlecht unterscheiden: Sexusbiologisches Geschlecht, Sexus für das biologische, GenusGenus für das grammatische und Gender für das soziale Geschlecht.
Der Begriff Gender bzw. Genderforschung impliziert die Auseinandersetzung mit dem weiblichen und dem männlichen Geschlecht. Das Verb gendern bezieht sich auf die gendergerechte Gestaltung der Sprache. Frauenforschung versteht sich als Forschung über Frauen, allerdings ohne den Einbezug des biologischen Geschlechts neben dem sozialen, wie das bei Geschlechterforschung der Fall wäre (Frey Steffen 2017: 15ff.). Frauenforschung bildet einen Teilbereich der Geschlechterforschung. Letztendlich werden aber alle Begriffe oft genug synonym verwendet. Als wichtige Vorläufer der Frauenforschung gelten die FrauenbewegungenFrauenbewegung und literaturwissenschaftliche Kritik, vgl. Virginia Woolf, A room of one’s own (1929), Simone de Beauvoir, Le deuxième sexe (1949). Deswegen bedeutet die Beschäftigung mit Sprache nur einen von vielen Aspekten.
Der Begriff FeminismusFeminismus für eine politische Theorie bzw. Strömung kam in den 1880er Jahren in Frankreich auf (Gerhard 2009: 7f.). Er wird später auch erweitert auf die FrauenbewegungFrauenbewegung bezogen (Kusterle 2011: 14). Feministische LinguistikFeministische Linguistik beginnt als feministische Sprachkritik und bleibt bis heute deskriptiv-kritisch. Sie wird mittlerweile zumeist anders bezeichnet, etwa als Gender und Sprache oder Genderlinguistik.
2.2 Philosophische, kulturelle und gesellschaftspolitische Gesichtspunkte
FrauenbewegungFrauenbewegung und Frauenforschung sind eng mit dem Bestreben nach Freiheit, Gerechtigkeit und Demokratie verknüpft und daher immer auch politisch und sozialkritisch motiviert. Sie erhalten wichtige Anstöße aus Politik- und Sozialwissenschaft, aber auch Literaturwissenschaft und Philosophie.
Seit der Antike herrschte das Modell nur eines Geschlechts vor, in dem es verschiedene Ausprägungen des Menschen gab, die sich graduell unterschieden und bei dem die weibliche Variante die weniger gut gelungene war. Zum Ende des 17. Jahrhunderts gab es einige neue medizinische Erkenntnisse über die grundlegenden biologischen Unterschiede zwischen den Geschlechtern, die den bisherigen Blick auf rein Äußerliches erweiterten. Daraufhin etablierte sich im 18. Jahrhundert u.a. durch Rousseau die Vorstellung von der auf natürliche Bedingungen rückführbaren Unterscheidung zwischen Männern und Frauen. Diese waren tugendhaft, sittsam und fleißig und agierten nur zu Hause, zumindest im Bürgertum. Daraus entstanden vor allem die „natürliche“ Unterordnung der Frauen, für den Mann zu existieren, und die Autonomie der Männer. „Rousseau entfaltet in seinen Schriften dasjenige Geschlechtermodell, das bis weit in das 20. Jahrhundert hinein Geltung besitzen wird und die Reichweite männlicher / weiblicher Aktivität definiert“ (Schößler 2012: 19). Die sich hieraus ergebende Arbeitsteilung sieht in dem Anteil der Frauen keine Leistung, denn ihre Arbeit ist unbezahlt und unsichtbar und auch „politisch nicht repräsentiert“ (Schößler 2012: 20). Dieses Modell führte dazu, dass die Hälfte der Bevölkerung die gleiche Tätigkeit (Haushalt und Pflege) zu übernehmen hatte. Diese Vorstellung der Geschlechtertrennung setzt sich im 19. Jahrhundert weiter durch. Unser heutiges binäres Geschlechtermodell, das beiden Geschlechtern klar unterschiedliche körperliche und psychische Eigenschaften zuspricht und damit eine gesellschaftspolitische Hierarchie schafft, ist also noch nicht so alt, es dürfte sich allerdings „um eine (gesellschaftlich-kulturelle) Konstruktion handeln, die auch im Zusammenhang mit den sich professionalisierenden Wissenschaften gesehen werden muss“ (Schößler 2012: 20).
Ende des 19. Jahrhunderts stellten einige Frauen diese „natürliche“ Ordnung infrage. Sie prangerten vor allem die schlechten finanziellen Verhältnisse, fehlende Erwerbsmöglichkeiten und die katastrophale Bildungssituation vieler Frauen an. Die erste Welle der FrauenbewegungFrauenbewegung ab ca. Mitte des 19. Jahrhunderts forderte, Frauen und Männer in Staat und Gesellschaft gleichzustellen, sie als gleichwertig zu betrachten und ihnen die grundlegenden Rechte zuzuerkennen: das Wahlrecht, das Recht auf Bildung und das Recht auf bezahlte Arbeit. Es ging hier also zunächst um entscheidende Bürgerrechte. Dabei hatte die Französische Revolution (1789–1799) einen wesentlichen Anteil. Die Forderung nach Gleichwertigkeit von Frau und Mann, Demokratie und Menschenrechten auch für Frauen brachte einige Vorreiterinnen für Frauenrechte hervor.
Frühe Frauenforschung war sozialwissenschaftlich und empirisch ausgerichtet und zeichnete sich vor allem dadurch aus, dass die beteiligten Forscherinnen keinen Zugang zu öffentlicher Bildung hatten und sich in der Regel über individuelle Wege und autodidaktisch fortbilden mussten; entsprechend zäh war die Akzeptanz in Akademikerkreisen. Sie wurde höchstens wohlwollend geduldet, aber nicht als ebenbürtig mit den Arbeiten der Männer erachtet, daher nicht diskutiert und weitgehend ignoriert.
In Deutschland initiierte Louise Otto-Peters die FrauenbewegungFrauenbewegung im Zusammenhang mit der 1848er Revolution mit ihren Forderungen, dass Frauen an Staatsinteressen zu beteiligen seien, und gründete 1849 eine eigene politische Frauen-Zeitung (Nave-Herz 1997: 11). Das Recht auf Arbeit und Bildung sollte als kulturelle Bereicherung, aber auch als Grundlage für eine selbstständige Existenz zu verstehen sein, wobei sich hier die bürgerliche von der proletarischen Frauenbewegung unterschied, da die Arbeiterinnen bereits, meist in Fabriken, arbeiteten, jedoch nicht unbedingt freiwillig und für viel zu wenig Lohn. Für sie ging es weniger um Bildung, sondern dringlicher um faire Bezahlung und Mutterschutz. Neben verschiedenen Organisationen und Vereinen1 sind es vor allem die Schriftstellerinnen, die aktiv und kritisch ihre Unzufriedenheit äußern, u.a. Virginia Woolf oder Simone de Beauvoir. Diese führte in Le deuxième sexe (1949) bereits aus, dass Frauen und Männer „gemacht“ werden, denn welche Bedeutung den biologischen Unterschieden tatsächlich beigemessen wird, entscheiden die Menschen.
Seit Anfang des letzten Jahrhunderts kam es ganz langsam zu einigen Verbesserungen bei der Gleichstellung. Zum ersten Mal durften sich Frauen zwischen 1900 (Baden) und 1909 (Mecklenburg) an den Landesuniversitäten immatrikulieren. 1918 erhielten Frauen in Deutschland und Österreich das aktive und passive Wahlrecht, in der Schweiz erst 1971. Im Dritten Reich wurden dann die wesentlichen Zugeständnisse an Frauen wieder zurückgenommen, was Berufswahl und Studienmöglichkeiten betraf. Außerdem wurde das passive Wahlrecht wieder abgeschafft. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges beteiligten sich deutsche Frauen bewusst am Demokratisierungsprozess. Die mit dem Beginn des Nationalsozialismus aufgelösten verschiedenen Frauengruppierungen formierten sich neu. Für sie waren die Frauenrechte ein wesentlicher Pfeiler einer Demokratie. Im Grundgesetz der BRD wurden so gleich zu Beginn (1949) Frauen und Männer offiziell gleichberechtigt, ohne dass es jedoch sofort zu einer Umsetzung kam. Die väterliche Gewalt etwa wurde erst in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts durch die elterliche Sorge bzw. Erziehung ersetzt (1965 DDR, 1957/80 BRD, 1970 Österreich, 1978 in der Schweiz, vgl. Guentherodt 1983/84: 277). Vorher hatte der Vater das alleinige Recht, über die Kinder zu verfügen. In Deutschland dürfen verheiratete Frauen erst seit 1962 ein Bankkonto eröffnen, ohne ihren Mann zu fragen. Seit 1969 gelten sie als geschäftsfähig, und erst seit 1977 dürfen sie ohne Erlaubnis des Mannes erwerbstätig werden – das heißt, vorher war Haushalt Verpflichtung gewesen, wenn nicht Bedienstete die wesentlichen Aufgaben übernahmen, und einen Anspruch auf eigenes Geld gab es nicht.2 Die Frauen bewegten sich gezwungenermaßen zu Hause. Der Aufgabenbereich war eindimensional, eine Ausbildung individueller (intellektueller) Fähigkeiten oder gar des Selbstbewusstseins schwierig. Sie hatten somit wenig Chancen, eine eigene Identität zu entfalten. Da dies auch an kommunikative bzw. sprachliche Möglichkeiten gebunden ist, galt es, hier mögliche Ungleichgewichte aufzuspüren, was sich zu einer der Hauptrichtungen der feministischen Sprachkritik weiterentwickelte. Die Unzufriedenheit mit der sozialen und politischen Situation erwies sich als auslösendes Moment für FrauenbewegungenFrauenbewegung, den FeminismusFeminismus und letztendlich die gesamten Gender-Debatten.
Ende der 60er Jahre kam es zur Neuen FrauenbewegungFrauenbewegung (2. Welle) im Zusammenhang mit der Außerparlamentarischen Opposition (ab 1967), der Studentenbewegung (1967/68) und in den USA auch mit Rassenunruhen und den Protesten gegen den Vietnamkrieg. Zu den Themen gehörten Diskriminierung, Missbrauch und Vergewaltigung, faire Bezahlung und Schwangerschaftsabbruch. Nachdem es Anfang des letzten Jahrhunderts bereits erste empirische Studien zur Lage der Frau gegeben hatte, entstanden in den 1960er Jahren in Deutschland und den USA die Women’s Studies. Gleichzeitig erschienen erste kritische Schriften zur Behandlung von Frauen in der und durch die Sprache. Aus den Feminist Studies entwickelten sich die Gender Studies, aus den Gay / Lesbian Studies die Queer Theory (Frey Steffen 2017: 85).
Viele der ursprünglichen Forderungen waren umgesetzt. Die Wahrnehmung richtete sich langsam auf individuelles Wohlempfinden, so traten Frauenthemen etwas in den Hintergrund. Die Jüngeren nahmen vieles als selbstverständlich wahr und erkannten dann oft erst bei Eintritt in das Berufsleben die immer noch unfaire Chancenverteilung. Zudem erlitten in Deutschland mit der Vereinigung der zwei deutschen Staaten die FrauenbewegungenFrauenbewegung einen Rückschlag, da ihre Interessen bei der Neuorganisation untergingen (Gerhard 2009: 120ff.). In den 90ern formierte sich trotzdem weltweit die dritte Welle ausgehend von den USA, auch aufgrund antifeministischer Bewegungen. Es gab internationale Frauenkonferenzen und Initiativen, die die Anerkennung der Rechte der Frauen als Menschenrechte und Schutz vor Diskriminierung überall auf der Welt forderten. Zu den Themen gehörte zunehmend auch HomosexualitätHomosexualität. Als Auslöser gilt unter anderem Gender Trouble der Philosophin Judith Butler von 1990 mit der These, dass auch das biologische Geschlecht gesellschaftlich beeinflusst zu sehen ist. Das Werk stieß die Queer Theory mit an. Damit wurde die grundsätzliche Zweiteilung der Geschlechter hinterfragt. Der Schwerpunkt lag nicht mehr auf dem Sichtbarmachen der Frauen, sondern mehr auf der DekonstruktionDekonstruktion von Geschlecht. Eine gesellschaftliche und politische Gleichbehandlung sollte auch durch die sprachliche ergänzt werden.
Die geschichtlichen Tatsachen können teils nicht verständliche, gut etablierte Gewohnheiten erklären. Freiheit und Gleichheit sind für Frauen neu und ungewohnt. Sie blicken auf jahrtausendealte Rechtlosigkeit zurück3. Sie hatten Objektstatus, waren Eigentum von VäternVater oder Ehemännern, hatten keine Rechte, kein Geld, keine eigene Meinung, durften nicht nein sagen – Vergewaltigung in der Ehe war bis 1997 erlaubt und ein Recht des Ehemannes. Sie gilt in Deutschland erst seit 2004 als Offizialdelikt.
Frauen hatten auch keine eigenen Bedürfnisse zu haben und mussten zu Hause bleiben. Der öffentliche Raum gehörte den Männern. Da Frauen bis auf wenige adlige Ausnahmen nie Eigentum hatten, ist es verständlich, dass Männer um Macht kämpften, Frauen jedoch um Männer mit Macht und dass es deswegen auch den Frauen so schwerfiel – und zuweilen immer noch -fällt –, zusammenzuhalten. In diesen wenigen Jahren seit der offiziellen Gleichberechtigung können sie kaum das gleiche Selbstbewusstsein und SelbstwertgefühlSelbstbewusstsein, Selbstwertgefühl entwickeln, wie wir es von den meisten Männern kennen. Dies dürfte die ablehnende Haltung vieler Frauen gegenüber feministischen Gleichstellungsversuchen mit erklären.
Viele Frauen haben eine über Generationen tradierte Tendenz zur Angst vor Macht und vor der Verantwortung, während Männer Angst vor dem Verlust der Macht haben.
2.3 Auseinandersetzungen mit dem Thema Frau und Sprache
Die Thematisierung von Frauen und Sprache erfolgte bis weit in das letzte Jahrhundert hinein intuitiv und aus männlicher Sicht. Otto Jespersen gehört zu denjenigen Sprachwissenschaftlern (m.), die in diesem Zusammenhang sehr oft zitiert werden, weil er Anfang des letzten Jahrhunderts nicht nur auf das andere Sprachverhalten der Frau hinwies, sondern auch Erklärungen dazu formulierte: Die Sprache der Frau sei insgesamt primitiver, para- und nicht hypotaktisch, inhaltsärmer, unvollständiger. Frauen hätten einen kleineren Wortschatz und bewegten sich in jeder Beziehung im durchschnittlichen Bereich. Jespersen verdanken wir Beobachtungen wie
[…], daß manche männer unverbesserliche wortspieler sind, während die frauen im allgemeinen langsam im begreifen eines solchen wortwitzes sind und kaum jemals selbst etwas derartiges verbrechen […], daß die Frauen viel öfter als die männer mitten in der rede aufhören und den satz unbeendet lassen, weil sie zu sprechen anfangen, ohne das, was sie sagen wollen, zu ende zu denken (Jespersen 1925: 233f.).
Auch Überlegenheit wird uminterpretiert:
Nicht nur, daß sie [die Frauen] schneller lesen konnten als die männer, sie waren auch imstande, bessere rechenschaft über den absatz als ganzen zu geben. Eine dame z.b. konnte genau viermal so schnell lesen als ihr mann und überdies noch einen vollständigeren bericht niederschreiben als er von dem kleinen stück des absatzes, das er zu bewältigen vermochte. Aber es ergab sich, daß diese geschwindigkeit kein beweis für geisteskraft war (ibd.: 236).
Die Gründe dafür suchte Jespersen bei Unterschieden in der Ausbildung, in den täglichen Anforderungen und der Arbeitsverteilung. Im Gegensatz zu einigen außereuropäischen Sprachen gibt es für den deutschen Sprachraum aber keine „FrauenspracheFrauensprache, <i>women’s language</i>“ mit grammatischen, lexikalischen und / oder phonologischen Eigenheiten und damit auch kein geschlechtsspezifisches Sprachverhalten, sondern nur mehr oder weniger typische Merkmale.
Die SoziolinguistikSoziolinguistik, -isch nahm den Faktor Geschlecht Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre mit in ihren Untersuchungskanon zu Sprachvariation auf, beginnend mit William Labov und Peter Trudgill. Zunächst waren oft genug nur männliche Probanden untersucht worden (Thorne/Henley 1975b, Hellinger 1990: 20). Die Studien mit Frauen zeigten, dass sie im Vergleich zu Männern eher standardnah sprechen.
Eine erste auf tatsächlichen Belegen beruhende Abhandlung über 1500 Spott-, Scherz- und Schimpfnamen für Frauen in der schweizerdeutschen Volkssprache legte 1935 Luise Frei (Frei 1981) vor mit einer erstaunlichen Menge und Bandbreite an affektiven, zumeist negativ konnotierten Begriffen zu den Themenbereichen ‚hässlich‘, ‚dick‘, ‚faul‘, ‚geschwätzig‘, vor allem ‚moralisch fragwürdig‘, und aus zahlreichen Wortschatzbereichen wie TierenTier oder Objekten. So wurden Behälter, Gefäße oder allgemeiner Hohlräume in Übertragung auf weibliche Organe verwendet (Schmutzsack, Stinkloch, Schmutzampele). Alle Bezeichnungen waren laut Autorin von Männern geschaffen. Das sagt nun aber hauptsächlich etwas über die Männer und über das, was ihnen wichtig ist, aus (Wyss in Frei 1981: 9).
Batliner (1981) argumentierte ähnlich. Er überprüfte statistisch Denotate und Konnotate von Nomen und Nominalphrasen mit Bezug auf Frauen und Männer (angefasste Apfelsine für eine Frau, ein Bär von einem Mann) in einem Synonymwörterbuch. Zunächst ging es ihm um die Häufigkeitsverteilung und darum zu zeigen, dass die Sprache eher von Männern als von Frauen geprägt wird. Zahlenmäßig überwiegen ganz klar die Denotate für die Frau (418, für den Mann 44; Batliner 1981: 325). Inhaltliche Aspekte verstärken dann die Argumentation: Attribute für Frauen beziehen sich auf das äußere Erscheinungsbild, auf das Verhalten gegenüber Männern und auf Themen wie ‚jungfräulich‘ oder ‚liederlich‘, während der Mann Machtansprüchen gewachsen ist oder nicht, vgl. bei der Frau schön, attraktiv, sexy, dumm, zanksüchtig gegenüber dem Mann potent, fruchtbar, jugendlich, schwach, senil (Batliner 1981: 320ff.). Anhand der Ausdifferenzierung bei den Bezeichnungen für die Frau werden die inhaltlichen Tendenzen und die vielen Rollenklischees sichtbar, die in dieser Ausrichtung und Breite den männlichen Sprachbenutzern offenbar wichtig sind.
Ruth Römer (1973) untersuchte das Weltbild, das Lehrbücher vermitteln. Sie sammelte Beispielsätze aus renommierten Grammatiken in Hinblick auf Erwähnung, Rollen und Tätigkeiten von Frauen und Männern und fand die klassische Verteilung und Stereotype. Hauptsächlich agieren Männer, Frauen sind selten berufstätig, sondern mit Kindern und Haushalt beschäftigt. „Während er alles weiß, weiß sie nichts.“ „Der Mann ist gebildet. Das Mädchen ist reizend.“ „Der Vater liest. Er liest ein Buch. Die MutterMutter liest Erbsen“ (Römer 1973: 77f.). Solche Untersuchungen gab es später noch öfter (Kap. 11, 12).
Die aktuelle Auseinandersetzung mit der Thematik fand ihren Anfang u.a. mit Key (1972, ausführlich 1975). Sie beleuchtete in Anlehnung an Arbeiten von z.B. Jespersen die Unterschiede der Sprache von Frauen und Männern in einigen Kulturen und trennte dabei auch zwischen gender (‚GenusGenus‘) und sex. Darüber hinaus stellte sie Vorüberlegungen zu unterschiedlichem sprachlichen Verhalten als auch zu Unausgewogenheiten in der sprachlichen Behandlung an, etwa bei den Pronomina, beim Sprechen über Frauen, vgl. „[w]omen fret […]; men get angry. Men have careers; women have jobs“ (Key 1972: 22), „[m]en yell; women scream (or squeal)“ (Key 1975: 81), oder bei der Gruppierung, vgl. „the blind, the lame, and the women“ (Key 1972: 23), „minors, the mentally incapacitated, and sometimes special groups such as married women, convicts, and aliens“, „women, minors, convicts, and idiots“ (ibd.), „Women and dogs and other impure animals“ (ibd.). Kurz darauf erschien Lakoff (1973) und führte die beiden Themen, wie Frauen sprechen und wie über sie gesprochen wird, fort. Sie überlegte, unser Sprachverhalten zu nutzen, um daran unsere unbewussten Einstellungen zu erkennen. Über beide Wege erfahren Frauen Diskriminierung, wenn sie auf unterwürfige Aufgaben („subservient functions“) degradiert werden. Die Autorin sieht die Gründe bereits in der frühen Sozialisation. Schon kleine Mädchen müssen lernen, sich wie ein „richtiges“ Mädchen zu verhalten und damit auch „ordentlich“ zu sprechen. Dann bedienen sie als Erwachsene aber wieder die bestehenden Stereotype mit dem typischen Frauenverhalten und werden als unfähig eingestuft. Wenn sie es nicht tun, sind sie unweiblich.
So a girl is damned if she does, damned if she doesn’t. If she refuses to talk like a lady, she is ridiculed and subjected to criticism as unfeminine; if she does learn, she is ridiculed as unable to think clearly, unable to take part in a serious discussion (Lakoff 1973: 48).
Beide Wege führen dazu, dass den Frauen Führungskompetenzen und Machtpositionen verweigert werden, jeweils mit der Begründung, nicht intelligent genug oder aber zu aggressiv und hart zu sein. Ein Dazwischen gibt es nicht. Dieses Manko an Neutralität bei den Entscheidungsmöglichkeiten der Frauen und die damit verbundene unlösbare double-bind-Problematik bleiben Themen, die bei den Untersuchungen von Kommunikationsverhalten auch heute noch aktuell sind. Anders der Begriff women’s language: Er erwies sich für unseren Kulturraum als unpassend.
Lakoff (u.a. 1973, 1977) sprach zwar von FrauenspracheFrauensprache, <i>women’s language</i>, listete aber zahlreiche Unterschiede im sprachlichen Verhalten auf. Es ging nicht um zwei verschiedene grammatische bzw. lexikalische Systeme, sondern um andere Gewohnheiten, was die Verwendung des Begriffs Frauen- bzw. MännerspracheFrauensprache, <i>women’s language</i> nicht rechtfertigte. Lakoff stellte fest, dass Frauen über mehr Farbbezeichnungen als Männer verfügen (mauve, lavendel, beige), die von Männern aber als unwichtig erachtet werden. Sie verwenden „bedeutungslose“ Partikeln wie oh dear, dear me oder goodness. Andere frauentypische Begriffe sind charming, lovely, sweet, Intensivierungen wie so, such, Euphemismen, Diminutiva, Modalverben, HeckenausdrückeHeckenausdrücke, <i>hedges</i> (sorta, more or less) und tags wie isn’t it (Lakoff 1977: 22ff.). Solche Ausdrücke können zwar eine gewisse Differenziertheit zum Ausdruck bringen, schwächen eine Behauptung aber oft ab, um eine klare Aussage zu vermeiden, um Unstimmigkeiten zu mildern und um Kompromisse und Anpassung zu fördern. Das wird wiederum als Unsicherheit gedeutet. Ähnlich wirkt das Anheben der Stimme zum Ende eines Aussagesatzes, wie es eigentlich für Fragen typisch ist. Auf diese Weise klingen Frauen zwar höflicher, aber auch etwas unsicher und werden daher nicht ganz ernst genommen (Lakoff 1973: 57).
Lakoff führte einige AsymmetrienAsymmetrie auf der Sprachsystemebene auf wie die Pronomina, die Verwendung von master (‚Herr, Meister‘) gegenüber mistress (‚Geliebte‘), was im Übrigen nicht allein stehen kann, sondern immer nur in Bezug auf jemanden (Rhonda is *a / his mistress), oder auch der Unterschied zwischen he / she is a professional. Frauen sind in diesem Zusammenhang Prostituierte, Männer Profis in ihrem Beruf. Diese Asymmetrien reduzieren Frauen darüber hinaus wieder auf eine ihrer wenigen Hauptfunktionen. Hierzu gehörten laut Lakoff weiter auch die Unterscheidung von Miss und Mrs., vgl. sogar Mrs. John Smith, was kein Pendant auf männlicher Seite aufweist. Es zeigte sich außerdem, dass Frauen meist in Abhängigkeitsverhältnissen zu einem Mann dargestellt werden, vgl. auch Mary is John’s widow – *John is Mary’s widower (Lakoff 1973: 63ff.). Diese und andere sprachliche Disbalancen reflektieren soziale Ungleichheit, bezogen auf die Rollenverteilung. Lakoff (1973) trat aber ganz dezidiert nicht dafür ein, die sprachlichen Asymmetrien abzuschaffen.
Barrie Thorne und Nancy Henley legten 1975 einen Sammelband vor mit damals neuen Daten aus verschiedenen Erhebungsmethoden und Quellen und konnten die wesentlichen Behauptungen zu AsymmetrienAsymmetrie und männlicher Dominanz in der Sprache dadurch empirisch stützen. Auch sie gingen primär von sozialen Faktoren als Grund für Unterschiede aus und sahen „gender“ als kompliziertes soziales und kulturelles Phänomen (Thorne/Henley 1975b: 14). Insgesamt bot der Band ein zum damaligen Zeitpunkt sehr differenziertes Bild an beteiligten Disziplinen, Untersuchungsmöglichkeiten und Einflussfaktoren.
2.4 Feministische Sprachkritik
Das Thema Frauen und Sprache kam nach Europa, nachdem im Zuge der feministischen Bewegungen auch die Wissenschaft die Rolle der Sprache entdeckt hatte, etwa zehn Jahre nach der Etablierung der Feministischen Linguistik als wissenschaftliche Disziplin in den USA. 1978 veröffentlichte Senta Trömel-Plötz einen Artikel, der für hitzige Debatten sorgen sollte. Sie und ihre Ko-Wegbereiterin der Feministischen LinguistikFeministische Linguistik in Deutschland, Luise F. Pusch, beanstandeten das generische Maskulinum, das manchmal auf Frauen und Männer referiert und manchmal nur auf Männer, was zu Unklarheiten und Missverständnissen führt. Sie beziehen sich dabei auf das Sprachsystem und die entsprechenden Normen. Der zweite Bereich betrifft das Gesprächsverhalten. Frauen haben aufgrund ihrer Verhaltensweisen in der KommunikationKommunikation mit Männern Nachteile. Diese beiden Aufgabenstränge wurden damals bereits für den englischen Sprachraum diskutiert.
Mit ihrem Überblicksartikel von 1978 wollte Trömel-Plötz zunächst nur die Aufmerksamkeit auf das Thema FrauenspracheFrauensprache, <i>women’s language</i> und women’s studies lenken und auf die Ungleichheit der Frau, die sich auch sprachlich ausdrückt. Sie fragte daher, wie Frauen von der Sprache und von den Sprecher/innen behandelt werden. Das generische Maskulinum bevorzugt Männer und benachteiligt Frauen. Darum ist es nicht, wie gern behauptet, geschlechtsindifferent. Einerseits ist die alleinige Verwendung der Maskulinformen oft genug nicht nötig – es gibt Kundin und Käuferin, warum also bei uns ist der Kunde König? Andererseits sind Frauen nur manchmal mitgemeint. Mit der maskulinen Form sind dann allerdings auch nur Männer mental präsent. In jedem Falle ist das grammatische System unausgewogen zum Vorteil der Männer, da es Frauen sprachlich und gedanklich oft ausschließt. Darüber hinaus gibt es weitere AsymmetrienAsymmetrie wie fehlende Gegenformen (*Kindergärtner, *Putzmann), besser konnotierte männliche Varianten (alte Jungfer/Junggeselle), eine große Bandbreite an Schimpfwörtern für Frauen sowie Unausgewogenheiten in SprichwörternSprichwort (vgl. Kap. 5.3.1). Auch die Sprachgewohnheiten von Frauen sind manchmal anders als die der Männer (Verniedlichungen, Euphemismen etc., weniger Vulgärausdrücke, mehr Fragen, Entschuldigungen, Konjunktive, indirekte Aussagen, Wortschatz im Bereich Kindererziehung und Haushalt), was auf traditionelle Rollen bzw. die Strategie der Höflichkeit, Konfliktvermeidung und Abschwächung hinweist. Dies gilt jedoch als Unsicherheit, so dass die Frau nicht ernst genommen wird und es schwer hat, sich zu behaupten. Die Bereitschaft zur Kooperation geht mit dem Verlust an Autorität einher.
Wieder stoßen wir auf die ‚double bind<i>double bind</i>‘ Situation. Um ernst genommen und gehört zu werden, muß die Frau reden wie der Mann. Redet sie aber so wie ein Mann, dann ist sie männlich und wird als Frau entwertet (Trömel-Plötz 1978: 62).
Da die Sprache auf der Ebene des Systems als auch auf der des Handelns die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern in der Gesellschaft widerspiegelt, sollte sie auch langfristig gleichberechtigt eingesetzt werden. Diese sprachkritischen Überlegungen sehen damit durchaus sprachlichen Wandel vor.
Die Antwort auf den Artikel kam einige Monate später von Kalverkämper (1979a) in Form eines polemischen Aufsatzes mit vielen rhetorischen Figuren und unsachlichen, provozierenden, stark wertenden und diskreditierenden Anteilen. Er ging auf die eigentliche Problemlage nur am Rande ein. Der Begriff Übersichtsartikel wird in Anführungszeichen gestellt und dadurch ironisiert, die inhaltliche Darstellung zu einem „plakativen Geschlechterstreit und Rollenkampf“ (Kalverkämper 1979a: 56). Ausdrücke wie „grob-globale[s] Freund-Feind-Bild“ und Fragen wie „Wer hat bloß für solche Thesen Pate gestanden? Das Modell des Heimchens am Herde und der Marlboro-Mann?“ (Kalverkämper 1979a: 67) wirken in einem wissenschaftlichen Artikel deplatziert. Ironisch gemeint ist auch seine „Hoffnung, auf die Diskussion um ‚die Frau und die (d.h. ihre) Sprache‘ einen beruhigenden Einfluß ausüben zu können“ (ibd.: 56). Neben diesen groben stilistischen (und menschlichen) Schwächen sieht aber Kalverkämper das eigentliche Problem nicht: Er ignoriert die Handlungsebene der Sprache. Auf Systemebene postuliert er eine völlige Unabhängigkeit des Sexusbiologisches Geschlecht, Sexus vom GenusGenus gemäß Saussures Postulat der Arbitrarität des sprachlichen Zeichens. Er wirft Trömel-Plötz deswegen Methodenfehler vor, da sie eine Verbindung zwischen sprachlichen Zeichen und außersprachlichen Aspekten anerkennt und die „Grundprinzipien der struktural-funktionalen SemantikSemantik, -isch und somit der Linguistik überhaupt außer acht“ (ibd.: 62) lässt, ihre Argumentation sei „unlinguistisch“ (ibd.: 60). Vor diesem Hintergrund gebe es nur die LangueLangueLangueParole1, die zählt, und keinen Zusammenhang zwischen Sprache und Denken. Die Argumentation zur ParoleParole, in der es Unterschiede geben mag, wird nicht als seriös akzeptiert (ibd.: 67). Kalverkämper ignoriert, dass bei Bedarf maskuline Formen durchaus nur auf Männer bezogen werden, so dass Frauen dadurch nach Belieben ausgeschlossen werden können, etwa in der Argumentation der Schweiz gegen ein Wahlrecht für Frauen, das laut Gesetz eben nur „Schweizern“ zusteht (Trömel-Plötz 1982: 201f., Kusterle 2011: 22). Warum bei PersonenbezeichnungenPersonenbezeichnung grundsätzlich die maskulinen Formen gewählt werden, bleibt ebenfalls offen. Auf beide Umstände zielt jedoch Trömel-Plötz ab. Kalverkämper versäumt es aber nicht nur, in seinem Artikel auf alle vorgetragenen Argumente einzugehen, er stellt auch Trömel-Plötz’ fachliche Kompetenz infrage. Beides ist wissenschaftlich unangemessen. Dies und der emotionale, provokative Stil führen die Debatte von der wissenschaftlichen Ebene in die Polemik, die Pusch (1979) fortsetzt. Sie fasst zunächst die Argumente von Trömel-Plötz zusammen, ergänzt sie um weitere Beispiele, um dann auf Kalverkämpers Kritik einzugehen: Die strukturalistische Denkweise sei nur eine von mehreren Möglichkeiten. Kalverkämper ignoriere sozio- und psycholinguistischePsycholinguistik, -isch Alternativen. Die Arbitrarität des sprachlichen Zeichens gelte nicht in hundert Prozent aller Fälle, die feministische Kritik ziele auf Referenz- und Assoziationsprobleme ab, da mit einem angeblich neutralen PronomenPronomen man oder jedermann an Mann gedacht werde und nicht an Frauen (Pusch 1979: 93). Gerade im Bereich der Personenbezeichnungen, aber nicht nur hier, decken sich im Übrigen Genus und Sexus, die Trömel-Plötz keineswegs verwechselt, sondern bewusst – und kritisch – beleuchtet. Diese Replik von Pusch ist zwar auch stilistisch stark markiert und für sie der Beginn zahlreicher Streitschriften und glossenartiger Artikel. Sie basiert aber außerhalb der provokativen Passagen immer noch auf wissenschaftlicher Argumentation. Doch Kalverkämper (1979b) antwortet noch heftiger als zuvor mit Quo vadis linguistica? – oder: Der feministische Mumpsimus in der Linguistik. Er bleibt bei einer prinzipiellen Trennung von Genus und Sexus und schließt mit der Feststellung, dass die Feministische LinguistikFeministische Linguistik für die Sprachwissenschaft nichts Substantielles beizutragen habe (Kalverkämper 1979b: 105), worauf dann wieder Pusch (1980) teils sachlich, teils ironisch-übertrieben antwortet. Leser/innen befinden sich dadurch in der schwierigen Situation, die tatsächlichen Fakten herauszufiltern, ohne sich emotional zu beteiligen. Eine sachliche Auseinandersetzung mit dem Thema war fast unmöglich, da die Gegner/innen der sprachkritischen Position kaum bereit waren, sich ernsthaft mit der Thematik zu befassen und auf alle Argumente einzugehen, wie ein weiteres Beispiel zeigt.
Auf ein Buch, das alternative Schreibweisen wie man oder frau verwendet, gibt es ebenfalls eine extreme Reaktion mit stark emotionalen, disqualifizierenden und beleidigenden Passagen. Griesbach (1985) rezensiert Herrad Meese mit wenig wissenschaftlichen Ausführungen. „Man muß sich wirklich fragen, wer – um Himmels willen – hat denn der Autorin diesen Stuß im Manuskript durchgehen lassen?“ (Griesbach 1985: 50), „Für was für Ignoranten ist dieses Buch eigentlich bestimmt?“ (51). „‚Linguistinnen‘ nennen sich die, die in ihrer entwaffnenden Ahnungslosigkeit etwas im Deutschen entdeckt zu haben glauben, was in ihr feministisches Konzept paßt, aber ebenso töricht wie falsch ist“ (ibd.: 50). Auf die Verfasserin (und die Gruppe der Sprachkritiker/innen) wird referiert als „Einäugige“ (50), „Verbohrte“ (51), „empfindliche[…] Linguistinnen und ihre Anbeter“ (51) mit ihren „verworrenen Vorstellungen“ (51). Die sprachlichen Alternativen seien „ein geradezu geni(t)aler Einfall, der von einem bedrückenden Mangel an Sachkenntnis zeugt und entmutigende Rückschlüsse auf die derzeitige Qualität ihrer Ausbildung und ihres Studiums herausfordert“ (51). Auch Griesbach verweist auf die strikte Unabhängigkeit von GenusGenus und Sexusbiologisches Geschlecht, Sexus und der daraus resultierenden völlig neutralen Verwendung des Genus. Diejenigen, die das verwechseln, werden als inkompetent hingestellt. Zu Recht fragt sich Herrad Meese (1985) in ihrer Replik, „was Heinz Griesbach dermaßen in Rage geraten läßt“ (Meese 1985: 53). Was veranlasst Wissenschaftler (m.) wie Kalverkämper und Griesbach, die bislang als seriös und kompetent wahrgenommen wurden, zu solch emotionalen Ausbrüchen? Darüber hinaus darf auch gefragt werden, warum wissenschaftliche ZeitschriftenZeitschrift solche Texte im Rahmen einer eigentlich akademischen Debatte akzeptieren.
Die weiteren Beiträge verteilen sich mehr oder weniger auf diese zwei Lager: Die Vertreter/innen der feministischen Kritik meinen, die deutsche Sprache sei ungerecht aufgrund zahlreicher AsymmetrienAsymmetrie und der die Frauen benachteiligenden Auswirkungen von Sprache auf Denken und damit auch Handeln (u.a. Guentherodt et al. 1980, Trömel-Plötz et al. 1981, Schoenthal 1985, Müller 1988, Trömel-Plötz 1982, 1984, 1996). Die Gegner/innen argumentieren mit der grammatischen Trennung von GenusGenus und Sexusbiologisches Geschlecht, Sexus und erkennen Asymmetrien, Wechselbeziehungen zwischen Sprache und Denken und Sprachwandelmöglichkeiten nicht an (vgl. auch Ulrich 1988, Lieb/Richter 1990, Leiss 1994). Zwischendurch gab es durchaus auch seriöse und fundierte Kritik an der feministischen Position (Stickel 1988). Es folgten Forderungen, die Menschen sprachsensibler zu machen und Ungerechtigkeiten zu ändern, was wiederum zahlreiche sprachpolitische Maßnahmen nach sich zog. Gisela Schoenthal führte in ihrem Forschungsbericht von 1985 neben der sprachsystematischen und kommunikativen Perspektive dann einen dritten Gesichtspunkt im Rahmen der Diskussion um Sprache und Geschlecht auf – den der Rolle für die sprachliche Sozialisation.
Polemische Debatten und aggressive Reaktionen sind bis heute nicht abgerissen (Kap. 5.5.5). Aber sie waren und sind wohl weniger gegen die eigentliche Sachlage als generell gegen Frauen und Feministinnen gerichtet und der Angst geschuldet, eine privilegierte Position zu verlieren. Die sozialpolitische Situation hatte sich jedoch verändert: Frauen wurden mehr und mehr Rechte zuerkannt mit dem Ziel, eine Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern aktiv herzustellen. Die feministische Sprachkritik richtete sich darauf, dies auch auf der sprachlichen Ebene sichtbar zu machen. Daher führte sie immer wieder AsymmetrienAsymmetrie an, die fast immer zum Nachteil der Frauen arbeiten. Hätte es ein ausgewogenes Verhältnis der Ungleichmäßigkeiten mit Vor- und Nachteilen für Frauen und Männer gegeben, wäre das Thema nicht so nachdrücklich diskutiert worden. Stattdessen aber liegt gerade in diesem überproportional hohen Nachteil schon die erste Asymmetrie. Die Diskussion wurde erschwert durch die anfänglich eher auf Intuition beruhende Argumentation auf Seiten der Kritiker/innen und die grundsätzlich ablehnende Haltung der Gegenseite, die auf die meisten Argumente nicht wirklich einging.
Auf der Ebene des Sprachsystems ist eine Kategorie wie GenusGenus durchaus neutralNeutralform und zunächst nicht an biologische Eigenschaften von Referent/innen gekoppelt, zumal der überwiegende Teil von Nomen für unbelebte Dinge oder Abstrakta steht. Die Diskussion ging von Linguistinnen aus, die sich dieser Tatsache bewusst waren. Aber das war nicht der Punkt. Vielmehr ging es darum, wie eine Form mental verarbeitet bzw. verstanden wird. Beispiele aus anderen Sprachen und anderen Zeitstufen zeigen, dass bei Bedarf eine angeblich neutrale maskuline Form als Beleg für gemeinte männliche Referenten herangezogen wurde / wird. Die feministische Kritik zielte also vorrangig auf das Verständnis außerhalb des Kreises der linguistisch geschulten Sprachbenutzer/innen ab. So kam es auch zur Verwendung des Begriffs Sexismus bzw. sexistische Sprache. Sexismus bedeutet unabhängig davon, welches Geschlecht betroffen ist, Benachteiligung bzw. Diskriminierung aufgrund des Geschlechts, wird jedoch de facto kaum auf Benachteiligung von Männern bezogen. Gefordert wurde daher, Frauen gleichberechtigt zu behandeln, dann aber auch sichtbar zu machen. Dafür bot sich die BeidnennungBeidnennung durchaus an. Darüber hinaus sollte dabei auch sprachlich klar werden, dass eigentlich männlich erlebte Funktionen und Aufgaben auch von Frauen übernommen werden können und dass schließlich sprachlich präziser zu formulieren sei (Müller 1988). Weiterhin haben zwar PronominaPronomen wie man und jedermann keine maskuline Referenz im grammatischen Sinne, nichtsdestotrotz lösen sie Assoziationen aus, die eher nicht weibliche Bezüge haben. Die Argumentationen, die auf eine konsequente NeutralitätNeutralform des Genus abzielen, ignorieren völlig die Tatsachen und gehen auf die eigentliche Kritik nicht ein, dass aufgrund der veränderten gesellschaftlichen Bedingungen auch ein veränderter Bedarf besteht, Sprache zu verwenden.
Die feministischen Bedenken richteten sich damit auch gegen die Willkürlichkeit der Interpretation, die rein nach Erfordernis ein Maskulinum als neutral oder männlich (und Frauen damit ausschließend) auslegte. Sie forderten Gleichbehandlung. Die Strukturalist/innen verkennen ein wesentliches Problem des deutschen Genussystems, dass nämlich in einigen Bereichen über ein GenusGenus durchaus auf Sexusbiologisches Geschlecht, Sexus referiert wird, vgl. der Mann/die Frau, die MutterMutter / der Vater, die Oma/der Opa, die Henne/der Hahn, die LehrerinLehrer/in, -kraft, -schaft/der Lehrer etc. Sexus und Genus sind daher nicht grundsätzlich und ausnahmslos unabhängig voneinander. Dies war aber zunächst noch nicht empirisch bewiesen.
Der feministischen Sprachkritik ging es aber auch um die öffentliche Wahrnehmung: Luise Pusch mit ihren stark übertriebenen, aber nicht unbedingt immer ernst gemeinten Forderungen war sie auf jeden Fall sicher. Wie sich Jahre darauf zeigen sollte, erwies sich die feministische Sprachkritik als effektiv, da sie öffentliche Diskussionen bewirkte, Vorschriften und Gesetzgebungen beeinflusste und die nötigen Sprachwandelerscheinungen auslöste, die heute für mehr Gerechtigkeit in der deutschen Sprache sorgen (weiter auch Kap. 5).
2.5 Zusammenfassung
Im Zuge der Französischen Revolution formierten sich Ende des 18. Jahrhunderts aus sozialpolitischer Unzufriedenheit heraus Proteste, die neben Demokratie und Gerechtigkeit auch eigens Frauenrechte forderten. Im Zusammenhang mit den FrauenbewegungenFrauenbewegung setzte sich in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts die Erkenntnis durch, dass es keine sprachliche Gleichberechtigung gab. So kam es zur Forderung, Gleichheit auch sprachlich zu realisieren. Die frühe Sprachkritik fand Unterschiede bei der sprachlichen Behandlung von Frauen und bei den sprachlichen Verhaltensweisen. Frauen verwenden gern Ausdrücke, die eine Behauptung abschwächen. Sie vermeiden dadurch aus Höflichkeit und Kompromissbereitschaft klare Aussagen. Dies wiederum wird als Unsicherheit und Schwäche gedeutet. Beim Sprechen über Frauen geht der eindeutige Bezug auf die Frau durch das generische Maskulinum verloren. Beides wirkt sich zum Nachteil von Frauen aus. Die feministische Sprachkritik forderte darum, sich dieser Probleme bewusst zu werden und beispielsweise maskuline Bezeichnungen für Frauen zu meiden, weil das missverständlich und unklar ist und dadurch Frauen willkürlich ausgeschlossen werden können und unsichtbar sind. Sie kritisierten aber auch andere AsymmetrienAsymmetrie, die sich jeweils für die Männer vorteilhaft auswirkten.
Die Gegenposition bestritt die Möglichkeit einer assoziativen Verbindung zwischen GenusGenus und Gender, erklärte das Thema für unwichtig, da es einerseits im Rahmen der Gleichstellung andere Themen gebe, andererseits die Referenz in der Regel klar sei. Die Alternativformen seien unnötig, kompliziert bzw. umständlich. Die Rolle der ParoleParole wurde ebenfalls als belanglos gesehen. Sehr auffällig aber waren die vielen polemischen und beleidigenden Reaktionen, die eine ernsthafte Diskussion behinderten.
Vorerst fehlten noch empirische Studien, die eine assoziative Verbindung von GenusGenus und Gender beweisen konnten. So blieb es zunächst bei Annahmen, die sich in theoretischen Grundsatzdiskussionen gegenüberstanden.
2.6 Literatur
Giele (1988) veröffentlichte einen geschichtlichen Überblick aus soziologischer Sicht. Eine kurze Geschichte der Feministischen LinguistikFeministische Linguistik liefert Samel (2000, Kap. 1). Zur literatur- und kulturwissenschaftlichen Perspektive vgl. Frey Steffen (2017), Bergmann et al. (2012). Von Thorne/Henley (1975b) kommt ein sehr detaillierter Überblick über den Stand der Forschung Mitte der 70er Jahre. Über die ganze Vielfalt der Gender Studien stellten beispielsweise Braun/Stephan (2006) eine Artikelsammlung zusammen. Kurze Darstellungen der Situation zum Ende des letzten Jahrhunderts aus Sicht verschiedener deutschsprachiger Länder stammen von Doleschal (1998), Peyer/Wyss (1998), Schoenthal (1998), Trempelmann (1998). Überblicksdarstellungen kommen von Schoenthal (1985), Hornscheidt (2006). Zur Situation in Österreich vgl. Aspöck (1983).
3. Theorien
3.1 Anfänge
Die frühen Stellungnahmen zum Zusammenhang von Sprache und Geschlecht Anfang des letzten Jahrhunderts beruhten auf eigenen impressionistischen und sehr subjektiven Beobachtungen, wie etwa die von Otto Jespersen, oder verschiedenen anthropologischen Arbeiten, die alle ausschließlich von Männern publiziert waren. Frühe Analysen basierten auf unsystematisch zusammengestellten Datensammlungen, waren nicht repräsentativ und setzten alles Männliche als Norm an (vgl. Hellinger 1990). Etwas später berücksichtigten die ersten soziolinguistischenSoziolinguistik, -isch Studien Geschlecht als Variable und räumten den Frauen eine Rolle bei Sprachwandelerscheinungen ein.
3.2 Defizit und Differenz – Feministische LinguistikFeministische Linguistik
Die FrauenbewegungFrauenbewegung Ende der 60er Jahre führte zu Diskussionen zu sprachlichen Themen, so dass wir seit den Arbeiten von Mary Ritchie Key (1972, 1975), Robin Lakoff (1973, 1977), Barry Thorne und Nancy Henley (1975) von feministischer Linguistik sprechen.
Key und Lakoff verwendeten introspektive Daten, weswegen sie später wiederholt kritisiert wurden. Sie behandelten das Thema jedoch systematischer als zuvor und auf bestimmte Fragen hin ausgerichtet. Beide unterschieden zwischen der Sprache über und der von Frauen. Dabei galt zunächst vielfach noch vom männlichen System ausgehend das weibliche als das sekundäre und schlechtere. Allerdings stellten sie einen Bezug zwischen sprachlichen AsymmetrienAsymmetrie und sozialer Benachteiligung her. Mit diesem neuen Ansatz legten die Arbeiten den wesentlichen Grundstein für den Kern der Feministischen Linguistik, die im weiteren Verlauf zunächst die empirischen Belege zu typischen Verhaltensweisen von Frauen nachzuliefern hatte, etwa höflichere Ausdrücke, Euphemismen, Abschwächungen, Entschuldigungen, Frageintonation, Übertreibungen, hedgesHeckenausdrücke, <i>hedges</i> bzw. Weichmacher (glaube ich, irgendwie, oder so), tag-questions (isn’t it/nicht wahr?) bzw. den unsicheren Stil, aber insgesamt „korrekteres“ Sprachverhalten. Außerdem spezialisieren sich Frauen auf unterschiedliche Wortfelder, deswegen bezeichnen sie zum Beispiel Farben differenzierter. Auf Seiten der Männer sind mehr UnterbrechungenUnterbrechung, mehr Witze und gröbere Sprache und klare Ansagen typisch, auf Ebene des Sprachsystems männliche Formen auch für Frauen.
Im deutschen Sprachraum griffen Senta Trömel-Plötz und Luise Pusch als Erste die diskriminierende Wirkung der Sprache an und machten auch Verbesserungsvorschläge. Auf Luise Pusch geht der Begriff Feministische LinguistikFeministische Linguistik zurück (Samel 2000: 10). Sie wandte sich gegen das generische Maskulinum und andere AsymmetrienAsymmetrie wie Fräulein oder Herr Meier und Frau und kritisierte die dominierenden Gesprächsstrategien der Männer.
Als Marlis Hellinger 1990 ihren Überblick über die Kontrastive Feministische LinguistikFeministische Linguistik aus deutscher Sicht veröffentlichte, war die Forschung keine zwanzig Jahre alt. Sie sah als ein wesentliches Kennzeichen feministischer Linguistik die kritische Haltung in Verbindung mit dem politischen Ziel, Gleichberechtigung herzustellen und Benachteiligung abzuschaffen. In dieser Hinsicht unterscheidet sich die Feministische Linguistik wesentlich von den anderen sprachwissenschaftlichen Disziplinen und ähnelt mit ihren Forderungen denen der FrauenbewegungFrauenbewegung. Kontrastiv betrachtet ergeben sich aus Hellingers Analysen drei Tendenzen, und zwar, dass das Männliche als Norm gesehen wird, dass es positiv belegt wird und dass es daher dominiert (Hellinger 1990: 58). „Die neue Perspektive der geschlechtsbezogenen Sprachforschung bestand in der These, dass Geschlecht in Sprache und Sprachgebrauch Reflex patriarchaler Machtverhältnisse und dieses in Forschung und Theoriebildung aufzuklären ist“ (Klann-Delius 2005: 9).
Wenn das Männliche die Regel ist, weichen Frauen davon ab, ihr Sprechen ist „schlechter“, also defizitär – Grundlage der DefizithypotheseDefizithypothese.
Vertreterinnen der DefizithypotheseDefizithypothese als dem ersten Ansatz im Rahmen der Feministischen Linguistik, u.a. Pusch und Trömel-Plötz, bewerten und hierarchisieren die Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Die Defizithypothese schließt an die frühen Beobachtungen von Wissenschaftlerinnen wie Key oder Lakoff an. Sie interpretierten den höflichen Sprachstil der Frauen als notwendiges Sicherheitsdenken, um nicht zu bestimmt aufzutreten, keinen Dissens hervorzurufen und dadurch Sicherheitsabstand zu gewinnen. Frauen versuchten sich dadurch vor möglichen verbalen Angriffen durch Männer zu schützen. Dieses Verhalten werde ihnen als Unsicherheit, Machtlosigkeit und Nichtwissen ausgelegt und schwäche ihre Position im Gespräch, während sich die Männer dadurch gleichzeitig besser durchsetzen können. Der weibliche Stil ist also nachteiliger als der männliche, weil er dazu führt, dass sich die Frau weniger gut behauptet. Wenn sie sich aber durchsetzen will, muss sie auf die typisch männlichen Verhaltensweisen zurückgreifen, was sie dann unweiblich und aggressiv wirken lässt.
Das führte zu weiteren Untersuchungen des Gesprächsverhaltens. Der Blick richtete sich jedoch zunächst noch wenig auf Kontexteffekte, so dass der einzige Faktor für Unterschiede das Geschlecht zu sein schien. Entsprechend war der Stand, immer noch in Fortsetzung der früheren Thesen, dass Frauen häufiger unterbrochen werden. Männer reden mehr und länger, unterbrechen mehr, vor allem Frauen. Sie verwenden wenige tag-questions oder andere Unterstützungen und überhaupt weniger Fragen, aber mehr Behauptungen und ImperativeDirektive, Befehle, Imperativ. Frauen stützen das Gespräch und halten es am Laufen, sie sind höflicher, aber auch unsicherer, werden dominiert, während sie gleichzeitig kooperativer sind. In den späteren Untersuchungen werden diese Unterschiede aber nurmehr konstatiert, nicht mehr bewertet: Sie folgen der DifferenzhypotheseDifferenzhypothese.
Die DifferenzhypotheseDifferenzhypothese zeigt die Unterschiede auf und billigt beiden Geschlechtern gleiche Fähigkeiten zu. Weibliches Sprechen ist nicht schlechter, sondern anders.
Maltz/Borker (1982/2008) übertrugen einen Ansatz, der für Probleme bei der KommunikationKommunikation zwischen EthnienEthnie entwickelt wurde, auf die Kommunikation zwischen den Geschlechtern. Nicht Macht- oder psychologische Unterschiede, sondern hauptsächlich kulturelle Differenzen und deren Regeln und Interpretation führen in gemischtgeschlechtlicher Kommunikation zu Missverständnissen. Diese Idee wurde durch anthropologische Arbeiten aus dem Mittleren Osten und Südeuropa inspiriert. So lautet der Grundgedanke, dass (in den USA) Männer und Frauen aus verschiedenen soziolinguistischenSoziolinguistik, -isch Subkulturen kommen.
Die Theorie der zwei Kulturenzwei Kulturen geht ebenfalls von zwei gleichwertigen Systemen aus, betont aber die Unterschiede sehr stark, die auf zwei getrennten Sozialisierungswegen entstehen sollen.
Das führt vor allem im Sinne von Tannen (u.a. 1990) auch zu eher homogenen Gruppierungen. Kinder spielen von Anfang an in gleichgeschlechtlichen Gruppen und entwickeln eigene Interaktionsstile, die nicht genügend geschlechtsübergreifende Gemeinsamkeiten aufweisen, so dass es ständig zu Missverständnissen und Auseinandersetzungen kommt. Während Mädchen früh üben, Konflikte verbal zu lösen und zu kritisieren und damit einen kooperativen Gesprächsstil einüben, positionieren sich Jungen von Anfang an auch sprachlich deutlich, was zu Dominanzverhalten führt. Die klare Einteilung nach zwei Geschlechtergruppen ist mittlerweile überholt, denn es gibt Übergänge und biologisch und sozial bedingt auch mehr Gruppen. Mädchen und Jungen agieren außerdem auch immer wieder miteinander. Der Ansatz vereinheitlicht und vereinfacht zu sehr und vernachlässigt Gemeinsamkeiten sowie andere Erklärungsmöglichkeiten für Missverständnisse.
Die Feministische LinguistikFeministische Linguistik beschäftigte sich mit Macht, Benachteiligung und Gewalt durch Sprache und damit, wie sprachliche Unterdrückungsmechanismen funktionieren, wie Gleichbehandlung herzustellen und auf politischer Ebene durchzusetzen ist. Die Untersuchungen konzentrierten sich auf das Sprachsystem, Gespräche und Gesprächsstile.
Die Arbeiten dieser Phase wurden vielfach wegen ihres eher intuitiven, methodisch noch nicht ausgereiften Vorgehens kritisiert. Frauen galten global als die einzig Leidtragenden. Die Datengrundlage war noch dünn, die Verallgemeinerungen vernachlässigten andere Aspekte wie Situation, soziale Schicht und StatusStatus. Auch populäre Begriffe wie FrauenspracheFrauensprache, <i>women’s language</i>/Männersprache oder GenderlektGenderlekt erwiesen sich als für unsere Kulturkreise nicht angebracht, da sie von zu großen Unterschieden im System oder Verhalten ausgehen. Sie suggerieren Stabilität und Homogenität der Varietät sowie Kontextlosigkeit. Die situative Abhängigkeit aber ist ein entscheidender Faktor des Doing gender-Ansatzes. Während die Feministische LinguistikFeministische Linguistik die Unterschiede und vor allem AsymmetrienAsymmetrie und dadurch die Diskriminierung in der Sprache und im Sprachgebrauch zu beschreiben suchte und für mehr sprachliche Gleichberechtigung eintrat, verschob sich hier der Schwerpunkt der Genderstudien auf die Konstruktion von Geschlecht und darauf, wie sich die verschiedenen Geschlechter inszenieren. Dabei beschäftigt sich die Genderlinguistik gezielt mit der sprachlichen Konstruktion von Geschlecht.
3.3 Diversität – Gender und doing gender<i>doing gender</i>
Lange galt Geschlecht als feste Größe, als natürlich definiert, unveränderbar und universell (so) gegeben. Vor allem aber handelte es sich um ein bipolares Konzept. Das Geschlecht als entweder Mann oder Frau stand mit der Geburt automatisch fest und blieb für immer gleich, „one’s identity is known to oneself and seen by others as one’s body“ (Fryer 2012: 41). Damit war auch die GeschlechtsidentitätGeschlechtsidentität stabil. Das Geschlecht eines Menschen galt als so selbstverständlich, dass es nicht hinterfragt, ja nicht einmal darüber nachgedacht werden musste. Probleme gab es nur für diejenigen, die nicht oder nicht ganz zu einer der beiden Kategorien passten. Diese Vorstellung dürfte auch heute noch die übliche sein. Die beiden Geschlechtskategorien manifestieren sich in Verhaltensweisen, zum Beispiel in der InteraktionInteraktion, Kleidung, Mimik, Gestik, Vornamen oder einer Entscheidung zwischen männlich und weiblich in amtlichen Dokumenten.
Die meisten Aspekte, die die Geschlechter ausmachen, sind allerdings gar nicht angeboren, so die aktuelle Genderforschung, vielmehr werden sie uns anerzogen, und wir selbst richten uns, bewusst oder unbewusst, auch nach den Erwartungen der anderen, um im täglichen Umgang miteinander nicht benachteiligt zu werden. Damit gehorcht Geschlecht vielen Einflüssen, es ist nicht fix, sondern variabel, es kann auch nicht immer von anderen, etwa sozialen Aspekten getrennt werden. Das Englische unterscheidet daher zwischen dem biologischen Geschlecht (sex) und dem sozialen (gender). Geschlecht in diesem Sinne ist ein gesellschaftliches Konstrukt, es wird gemacht, gelernt, interpretiert:
differences in what happens to women and to men derive in considerable measure from people’s mutually developed beliefs about sexual differences, their interpretations of its significance, and their reliance on those beliefs and interpretations to justify the unequal treatment of women and men (Eckert/McConnell-Ginet 2013: 7).
Dieser Aspekt von Geschlecht wird aufgefasst als konstruiert – in der InteraktionInteraktion, in den MedienMedien. Auch unsere Bildungsinstitutionen sind am doing gender<i>doing gender</i> beteiligt, weil sie die unterschiedlichen Rollen ständig reproduzieren und inszenieren. Dies geschieht unbewusst und automatisch.
Das Gender-Konzept, das zwischen gender und sex trennt, führte weg von einer Selbstverständlichkeit der beiden Kategorien. Es erfolgte eine Ausweitung der natürlichen Zweiteilung. Hier ist Geschlecht weder fest noch biologisch determiniert, sondern durch unser Miteinander bestimmt und damit kulturell-sozial bedingt1. Der Ansatz beschäftigt sich mehr mit GeschlechtsidentitätGeschlechtsidentität, wie sie entsteht, wie sie immer wieder ausgehandelt wird und welche Facetten jenseits der traditionellen Zweiteilung möglich sind. So kam es zur Konfrontation und letztendlich für viele auch zur Trennung in biologisches und gesellschaftliches Geschlecht. Diese Auffassung sieht Geschlecht im Sinne von Gender als veränderbar und nicht mehr binär. Daran schloss sich die Vorstellung an, dass Gender situationsspezifisch und auch zeitlich punktuell ständig immer wieder inszeniert wird: Wir „machen“ unser Geschlecht.
Doing gender heißt, dass Gender im täglichen Leben permanent und immer wieder konstruiert wird und erst dann und dadurch überhaupt erst entsteht, dass es eine soziale Gewohnheit ist.
Der Gedanke des doing gender<i>doing gender</i> findet sich in zahlreichen Debatten und theoretischen Strömungen wieder, in denen verschiedene Wissenschaftstraditionen unterschiedliche Akzente setzen. Für Hirschauer (1994, 2001) dient aus Sicht der Soziologie die Aufteilung in zwei Geschlechter der sozialen Organisation. Die Ethnomethodolog/innen West/Zimmerman (1987) prägten den Begriff des doing gender als eine Routine, eine Fertigkeit, die wir in der InteraktionInteraktion mit anderen immer wieder neu schaffen. Die soziale Wirklichkeit erzeugen wir erst im alltäglichen Miteinander. Sie nahmen den Fall der transsexuellen Agnes als Ausgangspunkt. Agnes wurde zunächst als Junge erzogen, wollte dann aber trotz männlicher Genitalien Frau sein und ließ sich schließlich auch umoperieren. Als wesentlich erwies sich die Beobachtung, dass sie ständig ihr Geschlecht durch ihr Tun beweisen musste, unterstützt von adäquater Sprache, Stimmführung, Kleidung, Schminke, Frisur etc. Sie hatte das angemessene Verhalten, sich in jeder Situation als Frau und damit anders als bisher zu benehmen, um als Frau auch wahrgenommen zu werden, erst mühsam zu erlernen und war auf die Hinweise ihres Freundes angewiesen, etwa, eher einmal nichts zu sagen als sich durchzusetzen. Die Sichtweise des Doing gender-Konzepts rückt deswegen das Verhalten sowie die tragende Rolle der Gesellschaft in den Mittelpunkt. Gender im Vergleich zu sex ist weniger Eigenschaft als immer wieder neu in der Interaktion miteinander hervorgerufenes Tun, was AsymmetrienAsymmetrie nicht ausschließt, aber Varianten mit einbezieht, die über +/- weiblich bzw. männlich hinausgehen, also verschiedene Transgenderformen, Hermaphroditen, Homosexuelle. Geschlecht ist nicht gegeben und auch nicht fix. Es ist „emergent“Heterosexualität<i>performing gender</i>2. Über die Interaktion aber rückt die Sprache etwas mehr in den Blickpunkt. Studien untersuchen u.a., wie genau Gender zustande kommt.
Kotthoff (2002) kritisiert allerdings die zu starke Betonung von Gender als soziale Kategorie. Denn erstens sieht sie durchaus Zusammenhänge zwischen sex und gender, zweitens sind NeutralisierungsstrategienNeutralisierung möglich, die von Einzelnen ausgehen können. Außerdem zeigt sich doing gender<i>doing gender</i> nicht nur in der InteraktionInteraktion, sondern auch in Äußerlichkeiten und Körpersprache. Gender wird nicht immer und in jeder Situation gleich „gemacht“. Meistens ist der/die Einzelne auch nicht allein beteiligt. Kotthoff möchte das Phänomen relativieren in rezipiertes gegenüber produziertes, bewusstes und nicht bewusstes, mehr oder weniger Gender.
Das biologische Geschlecht ist für Doing gender-Ansätze unwichtig oder sogar nicht existent, da Gender stets im Moment und abhängig von der Situation inszeniert wird und die Kategorie durch die sprachliche Benennung erst entsteht.
In der Tradition des ‚Doing gender‘-Ansatzes gibt es Gender nicht, außer wenn es sprachlich konstituiert wird. Sprache ist damit nicht Abbild von Gender, sondern Sprache ist herstellende Bedingung für Gender (Hornscheidt 2013: 346).
Diese Position ist in ihrer extremen Variante, auch die tatsächlich angeborenen Geschlechtsmerkmale zu negieren und sie erst gelten zu lassen, wenn sie für relevant erklärt werden, sehr umstritten. Es stellt sich auch die Frage, wie realistisch die komplette Ausblendung jeglicher biologischen Aspekte letztendlich ist.
3.4 DekonstruktionDekonstruktion – undoing gender<i>undoing gender</i>
Während für West/Zimmerman (1987) doing gender<i>doing gender</i> und damit die Zuschreibung geschlechtsspezifischer Eigenschaften sowie das entsprechende Handeln unvermeidbar ist, sieht Hirschauer (1994: 678, Westheuser 2015) auch die Möglichkeit von undoing gender<i>undoing gender</i>.
Undoing gender heißt, die Geschlechtsunterscheidung in manchen, z.B. schulischen oder beruflichen, Situationen zu neutralisierenNeutralisierung, wenn es angebracht ist, indem sie unwichtig und nicht mehr wahrgenommen wird.
Für Hirschauer ist die Geschlechtsunterscheidung im Gegensatz zu West/Zimmerman nicht „omnirelevant“. Deutsch (2007) kritisiert ähnlich, dass (doing) Gender nicht universell, allgegenwärtig und unvermeidbar ist, weil das die Möglichkeit des Wandels ausschließen würde. Beispiele für undoing gender<i>undoing gender</i> sind die NeutralisierungNeutralisierung des Aussehens, Meiden körperbetonter Kleidung, wenig Schmuck, wenig Make up, tiefere Stimmlagen, Unisex-Produkte oder Egalitätsnormen (Hirschauer 2001) bis hin zu Widerstand gegen Geschlechtsnormen und -stereotype (Deutsch 2007).
Therefore, I propose that we adopt a new convention, namely, that we reserve the phrase ‘doing gender<i>doing gender</i>’ to refer to social interactions that reproduce gender difference and use the phrase ‘undoing gender<i>undoing gender</i>’ to refer to social interactions that reduce gender differences (Deutsch 2007: 122).
Die verschiedenen Richtungen schwanken zwischen Widerstand gegen Unterscheidung, Verneinung und Abmildern der Unterschiede.
Der Ansatz von Penelope Eckert und Sally McConnell-Ginet (u.a. 1999) zieht weitere soziokulturelle Faktoren mit in die Betrachtung ein, die ihrer Meinung nach stark miteinander verflochten sind und den Genderaspekt schwer isolierbar machen. Geschlecht muss im Zusammenhang mit weiteren gesellschaftlich bedingten Variablen, die der Identitätsstiftung dienen, gesehen werden wie sozialer StatusStatus, EthnieEthnie, HeterosexualitätHeterosexualität oder Alter. Diese soziolinguistischeSoziolinguistik, -isch Sicht betrachtet eher den Stil einer bestimmten Gruppe und legt Wert auf die tragende Rolle der Sprache für die Identitätskonstruktion. Sie bezieht ebenfalls die Möglichkeit ein, sich einer Kategorisierung entziehen zu können.
3.5 EvolutionEvolution, aber nicht Determiniertheit
Schließlich vertreten einige Ansätze die Meinung, dass biologische Faktoren nicht irrelevant sind. Auf der Suche nach Erklärungen, warum es etwa im Gesprächsverhalten zu Unterschieden kommt, flossen auch evolutionsbedingte Gründe mit ein, da die Arbeiten der Feministischen Linguistik für viele keine zufrieden stellenden Erklärungen für die Beobachtungen lieferten, weil sie lediglich Thesen und Vermutungen aufstellten und nicht nach Ursachen suchten. Auch der Doing gender-Ansatz erfährt Kritik: Die Universalität, die Stabilität und die psychischen Verankerungen der Geschlechterhierarchien werden nicht erklärt und dem Einzelnen wird zudem ein zu großer Handlungsspielraum beigemessen (Rendtorff 2006: 137f.). Deswegen versucht u.a. Locke (2011) zu zeigen, dass sich die großen Unterschiede zwischen Männer- und Frauengesprächen nicht über Gendereffekte, sondern über unterschiedliche biologisch bestimmte Eigenschaften erklären lassen, die ihren Ursprung in den verschiedenen Aufgaben bei der Fortpflanzung haben – „men and women speak in fundamentally different ways largely because they are outfitted by Nature to do so“ (Locke 2011: 9). Locke sieht in den Unterschieden jedoch keine Rechtfertigung für Ungleichbehandlung, vielmehr will er Frauen und Männer als sich gegenseitig ergänzend begreifen. Er betont die Vorzüge des Zusammenwirkens.
Bereits zu Zeiten der Jäger und Sammler(innen), die damals noch als egalitär zu betrachten waren, bedingten die biologischen Unterschiede vor allem die klassische Arbeitsteilung (Wood/Eagly 2012). Sie führten aufgrund des je anderen Evolutionsdrucks über viele tausende von Jahren hinweg zu Unterschieden von Körper und GehirnGehirn. Locke führt zahlreiche Belege zu universellem Verhalten, Parallelen bei anderen Spezies, höheren Testosteronwerten im Zusammenhang mit Dominanz und kindlicher Entwicklung an.
Besonders die sehr stark verbreiteten Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Sprachstilen lassen sich seiner Meinung nach schlecht als je unmittelbar konstruiert verstehen. Hier sieht Locke weniger psychologisches als vielmehr biologisches Erklärungspotenzial. Auffälligerweise sprechen kulturübergreifend Frauen eher ungern vor vielen Menschen, während Männer dazu tendieren, den öffentlichen Rahmen für die Selbstdarstellung und verbale Wettkämpfe zu nutzen, dazu gehören auch Witze, lange Monologe und Herumalbern. Wie die EvolutionEvolution uns lehrt, haben stärkere und intelligentere TiereTier bessere Überlebenschancen. Kämpfe, die jedoch nicht tödlich enden, und laute und gefährlich klingende Drohgebärden dienen dazu, den Stärksten und damit Statushöchsten auszuhandeln und damit weibliche Tiere zu beeindrucken und für die Fortpflanzung zu gewinnen. Diese wiederum bevorzugen möglichst starke Partner, die das Wohlergehen des Nachwuchses für längere Zeit gewährleisten. Bei den Menschen ersetzen verbale Gefechte die körperlichen Auseinandersetzungen. Dominanz und StatusStatus korrelieren mit Testosteron. Beispielsweise weisen Berufsschauspieler, Berufsfußballer und Prozessanwälte1 wesentlich höhere Testosteronwerte auf als andere Berufsgruppen (Locke 2011: 93). Das viele Sprechen über sich selbst, das verbale Dominanzverhalten und Statussichern entspricht der körperlichen Selbstdarstellung, etwa bei der WerbungWerbung, während das kooperative Verhalten Beziehungsgeflechte pflegt, die für die Aufzucht des Nachwuchses zwischen den weiblichen Mitgliedern einer Gruppe unentbehrlich waren.
So sieht es auch Scheunpflug (2004). Um das Überleben über erfolgreiche Reproduktion zu sichern, müssen männliche Individuen stark, gesund und schnell sein. Sie treten gegen viele andere Konkurrenten an und demonstrieren entsprechend ihre Vorteile wie körperliche Kraft oder beim Menschen hohes Einkommen und andere vergleichbare Leistungen. Sie wollen ihre Energie in möglichst junge (und viele) gesunde Weibchen investieren, müssen aber dafür lediglich Kraft für WerbungWerbung aufbringen. Im Gegensatz dazu wenden weibliche Säugetiere sehr viel Energie für Mutterschaft, Geburt, Stillen und Betreuung auf. Sie produzieren nur wenig Nachkommen und diese sind oft sehr unselbstständig und benötigen Schutz. Außerdem ist, je weniger Nachwuchs ein Weibchen hat, dieser umso wertvoller. Wenn sich das Weibchen um den Nachwuchs kümmern muss, benötigt es ebenfalls Schutz. Die weiblichen TiereTier sind deswegen auf die Hilfe durch die anderen weiblichen Mitglieder der Gruppe und das möglichst starke und mächtige Männchen angewiesen. Sie investieren darum ganz anders in den Partner: Er will sorgfältig ausgesucht sein, weil er für längere Zeit für die Gruppe bzw. das Weibchen sorgen soll, denn das Überleben der Kinder hat absolute Priorität.
Die Gruppe, die aus anderen weiblichen Mitgliedern bestand, die bei der Betreuung des Nachwuchses zusammenarbeiteten, stellte ein komplexes soziales Netzwerk dar, in dem sich die Einzelne kooperativ platzieren musste. Einige Ansätze gehen deswegen davon aus, dass die soziale Entwicklung über die weiblichen Mitglieder entstand. Die soziale Intelligenz, die mit der Größe der Gruppen korreliert, entwickelte sich zunächst über höhere kognitiveKognition, kognitiv Ansprüche und entsprechend größerem Gehirnbereich auf der Seite der weiblichen Primaten (Lindenfors et al. 2004, Lindenfors 2005, Locke 2011: 144).
Das viele Reden über Beziehungen und zwischenmenschliche Ereignisse bei Frauen entspricht einem Pflegen sozialer Bindungen, das viele Reden über sich selbst bei Männern der Selbstdarstellung und der StatusStatusdemonstration. Beides ist interpretierbar als sprachliche Entsprechung des evolutionärEvolution bedingten geschlechtstypischen Verhaltens mit dem Ziel, optimal zu reproduzieren und damit letztendlich die Art zu sichern.
Entsprechend lassen sich auch die unterschiedlichen Interessen schon im KindergartenKindergarten – Schönheit vs. Stärke – erklären: Da Männchen ihre Energie (Samen) optimal anlegen wollen, müssen die Weibchen gesund und im richtigen (jungen) Alter sein. Das Interesse auch kleiner Mädchen am Äußeren ist in diesem Ansatz ein Relikt aus den Zeiten, in denen das Äußere die für die Fortpflanzung grundlegenden Eigenschaften Jugend und Gesundheit signalisierte. Da die Weibchen um Männchen konkurrieren, mussten sie ihr Äußeres effektiv in Szene setzen. Andersherum benötigten Weibchen starke und gesunde Partner, die die Chancen auf erfolgreiche Aufzucht des Nachwuchses verbesserten. Ein starkes Männchen hat mehr Chancen bei den Weibchen. So erklärt sich die ständige Konkurrenz, die sich schon im Kindergarten zwischen Jungen oft auf körperlicher Ebene zeigt. Sie äußert sich später in StatusStatus, erfolgreicher Karriere, Einkommen und großen Autos oder aber Gewalt.
Da Männer bei der Partnerwahl potenziell das Risiko tragen, leer auszugehen, war es für sie in der Geschichte der männlichen EvolutionEvolution vorteilhaft, neben dem kommunikativen Konkurrenzverhalten eine hohe Risikobereitschaft zu entwickeln. Zudem kann die geschlechtsspezifisch hoch signifikante männliche Gewaltbereitschaft als ein Ausdruck innergeschlechtlicher Konkurrenz interpretiert werden (Scheunpflug 2004: 208).
Biologisch-evolutionäre Gründe für Unterschiede zwischen Frau und Mann werden gern dazu missbraucht, bestehende Statusunterschiede zu rechtfertigen und Veränderungen zu blockieren, die die männlichen Machtpositionen schwächen könnten. Dieser Missbrauch ist ein wichtiges Motiv für die vielfach vehemente Ablehnung des Ansatzes.
Der evolutionäre Ansatz ist nicht als Entschuldigung für stereotype Verhaltensweisen misszuverstehen, sondern als wichtig für Wissenserweiterung und die Möglichkeit, die Beobachtungen der Geschlechterforschung zu verstehen.
Zweifellos überlagert der kulturelle Fortschritt viele der angeborenen Tendenzen oder macht sie obsolet. Die durch unsere moderne Entwicklung nötige und/oder forcierte Flexibilität relativiert die genetischen Anlagen. Ganz aber verschwinden sie nicht, sonst gäbe es kein Streiten um Frauen und Macht und keine Vergewaltigungen mehr. Wir können unsere Handlungen selbst bestimmen, und je mehr wir über möglicherweise angeborene Zwänge wissen, umso eher können wir uns dagegen entscheiden und uns auch gegenseitig besser verstehen. In diesem Ansatz geht es nicht primär darum, dass Frauen und Männer nicht gleich sind. Sie sind trotz aller Unterschiede gleichberechtigt.
3.6 Abgrenzungen
Im Rahmen der verschiedenen Diskussionen werden wir auch mit thematisch nahestehenden, aber nicht unbedingt gleichzusetzenden Begriffen von Gender oder Genderstudien konfrontiert, die an dieser Stelle geklärt werden, und zwar Sexismus in der Sprache, Gender Mainstreaming und Queer Studien.
Zu Sexismus als Verhalten oder auch Ideologie zählen sexuelle Belästigung und alle offenen und unterschwelligen Formen der Benachteiligung und Unterdrückung, auch die Verweigerung von Gleichbehandlung. Dies kann sich sprachlich äußern, etwa durch Beleidigungen, üble Nachrede, falsche stereotype Beschreibungen, abfällige oder lächerlich machende Bemerkungen, Herabwürdigung von Leistungen, Ablenken von relevanten Aussagen, UnterbrechungenUnterbrechung, Ignorieren, sprachliches Unsichtbarmachen.
Gender Mainstreaming stellt eine offizielle Richtlinie der EU dar (Amsterdamer Vertrag, 1997). Es ist keine Theorie, nicht akademisch oder theoretisch, sondern als politisch-gesellschaftlicher Gleichstellungsansatz praktisch ausgerichtet. Es handelt sich um eine Strategie, mit der die Chancengleichheit zwischen Männern und Frauen, auch als politische Vorgabe, umzusetzen ist. Es strebt umfassend und präventiv die Gleichstellung im öffentlichen KontextKontext an und betrifft alle politischen Bereiche.
Die Queer Studies als wissenschaftliche Disziplin entstanden Anfang der 90er Jahre aus den Gay und Lesbian Studies im philosophischen und literaturwissenschaftlichen KontextKontext und beschäftigten sich weniger mit dem Gender-Aspekt als vielmehr mit Sexualität. Engl. queer ‚eigenartig, seltsam‘, aber auch ‚schwul‘, vor allem geringschätzend, bezeichnet sexuelle Randgruppen und als Queer Studies auch das theoretische Konzept. Es wertet das Thema zu einem Forschungsgegenstand auf, der sich mit Brüchen zwischen sex, gender und Begehren bzw. Praxis befasst (Jagose 2005: 15).
Jeder Ansatz hat seine eigene Vorstellung davon, wie und in welchen Gewichtungen Geschlecht und Gesellschaft interagieren. Entsprechend anders gestaltet sich aus den verschiedenen Perspektiven die Möglichkeit, zu intervenieren und für Chancengleichheit zu sorgen. Dabei wird manche eher extreme und sehr umstrittene Vorstellung wie die von Butler im vorliegenden Buch nicht behandelt.
Gender entwickelt sich immer mehr zu einem interdisziplinären Forschungsgegenstand. Grundsätzlich erweist es sich als plausibel, neben den biologischen Faktoren Unterschiede in der Sozialisation zu erkennen. Verantwortliche Erwachsene müssen daher zunächst sensibilisiert sein, um zu verstehen, dass wir alle unseren Teil dazu beitragen können, Mädchen und Jungen gleichberechtigt zu fördern. Ob die BiologieBiologie dann einen großen oder kleinen Anteil zum typisch männlichen oder weiblichen Verhalten beisteuert, kann momentan nicht entschieden werden. Wie die weiteren Kapitel zeigen, gibt es durchaus angeborene Faktoren, die uns beeinflussen. Nichtsdestotrotz sind wir als vernunftbegabte, kulturell entwickelte Individuen in der Lage, uns darüber hinwegzusetzen, wenn wir denn wissen, wie und wo wir dabei ansetzen müssen.
Zunächst sollten wir erkennen, dass ganz im Sinne des Doing gender-Gedankens Geschlecht nicht einfach biologisch, binär und statisch und von Anfang gegeben ist, sondern dass es in der Gesellschaft und im Miteinander konstruiert wird. Die Erklärungen für Verhaltensweisen sowie die Erwartungen dürften nicht auf einem der beiden Endpunkte angeboren – anerzogen zu finden sein. Vielmehr ist es nötig, beide Aspekte in Betracht zu ziehen. Eine einfache Unterscheidung von erworben oder angeboren gibt es nicht, dazu ist das Zusammenwirken der verschiedenen Aspekte zu komplex. Auch Stereotype beeinflussen unsere Erwartungen, diese wiederum das Verhalten und die Wahrnehmung des Verhaltens.
Auch wenn die genetischen Anlagen viele unserer Reaktionen steuern, ist jederzeit ein Eingreifen möglich. Viele kleine Schritte im privaten und öffentlichen Alltag können mithelfen, für mehr Chancengleichheit zu sorgen, und jede/r kann dazu beitragen.
3.7 Zusammenfassung
Die Forschung zu Sprache und Geschlecht hob zunächst den Dominanzaspekt hervor, dann den der Differenz, um danach sozial-performative Faktoren, Variabilität und ständiges Neukonstruieren von Gender zu betonen und auch die verschiedenen Möglichkeiten von Diversität zu beachten.
Die frühe feministische Sprachwissenschaft konzentrierte sich noch auf einzelne Beobachtungen von Sprechen über und von Frauen. Die männliche Sprache galt als Norm, von der Frauen abwichen und dadurch Nachteile hatten. Dieser Zusammenhang zwischen sprachlichen und gesellschaftlichen AsymmetrienAsymmetrie bildete den Ausgangspunkt für die Feministische LinguistikFeministische Linguistik und für die sich daraus entwickelnde kritische Haltung mit dem Ziel, Gleichbehandlung zu erreichen. In der Folge wurde die Sprache der Frauen und Männer mehr und mehr als stilistisch zwar unterschiedlich, aber als gleichwertig aufgefasst.
Zum Ende der 90er Jahre hin löst der Begriff der Genderstudien den der Feministischen Linguistik langsam ab. Das Geschlecht gilt nicht mehr als gegeben, sondern als Konstruktion, als sozial bedingtes Handeln. Es ist damit breiter, variabel und abhängig auch von anderen Faktoren wie EthnieEthnie, sozialer Schicht und ReligionReligion. Die Genderstudien arbeiten interdisziplinär. Die politisch-kritische Perspektive jedoch bleibt. Das Genderkonzept gibt zunächst die (für einige) gewaltsame Zweiteilung auf, will dann aber auch die AsymmetrienAsymmetrie anprangern, die damit zum Nachteil aller, die nicht zur Kategorie des „richtigen“ (weißen Mittelschicht-) Mannes zählen, verbunden sind.
Mit Gender als sozial konstruierter Größe, mit Diskriminierung und Macht beschäftigen sich viele andere Disziplinen, so dass die feministischFeminismus-linguistische Sicht innerhalb der Genderstudien nur noch eine von vielen ist. Sie nähern sich aufgrund der Breite der Themenfelder stark den Kulturwissenschaften an. Die verschiedenen Erklärungsansätze setzen außerdem unterschiedliche Schwerpunkte: von erlernt und erworben bis hin zur völligen Negation angeborener Aspekte im philosophischen Rahmen. Es ist aber fraglich, inwiefern die biologischen Unterschiede in der Praxis völlig ausgeblendet werden sollten/können. Außerdem scheint es auch evolutionsbedingte unterschiedliche Tendenzen im Verhalten zu geben, aber sie sind den Auswirkungen durch kulturellen Fortschritt untergeordnet. Wir sollten sie kennen, um besser damit umgehen zu können, nicht, um die Errungenschaften jahrzehntelanger Arbeit um Gleichberechtigung und Chancengleichheit zu bagatellisieren oder uns aus unserer Verantwortung, diese umzusetzen, herauszureden. Dies kann nicht oft genug betont werden.
3.8 Forschungsaufgaben
Der soziolinguistischeSoziolinguistik, -isch Ansatz von Eckert/McConnell-Ginet (1999) dürfte für diejenigen relevant werden, die mit heterogenen Gruppen arbeiten. Allerdings ist die Situation in den USA nicht auf die deutschsprachigen Länder übertragbar. Hier müssen eigene Studien zeigen, wie EthnienEthnie und Dominanzstrukturen in Abhängigkeit der Herkunftsländer und der spezifischen Migrationssituation auf das Verhalten Einzelner innerhalb der Gruppe wirken und welche Rolle die Sprache spielt. Gergen (2010) diskutiert Prinzipien, Typen und Fragestellungen der qualitativen Forschung, Murnen/Smolak (2010) die der quantitativen Ansätze in der Genderforschung, sie können als Anstoß für eigene Vorhaben dienen. Auch in Nentwich/Kelan (2014: 132) finden wir Forschungsfragen.
3.9 Literatur
Zur Vertiefung vgl. Meissner (2008). Nentwich/Kelan (2014) geben einen Überblick über Studien und Themen des Doing gender-Konzepts mit Schwerpunkt auf englischsprachigen Arbeiten. Sammelbände stammen von Braun/Stephan (2006), Günthner et al. (2012), Bergmann et al. (2012). Zu Feministischer LinguistikFeministische Linguistik vgl. Samel (2000), zu Queer Theory vgl. Laufenberg (2017), zu „Queerer Linguistik“ vgl. Motschenbacher (2012). Die Kritik an dem evolutionären Ansatz ist teilweise vehement und unterstellt zu starke Annahmen, für eine relativierende Position sei Newcombe (2010) genannt.
Bucholtz (2014) skizziert verschiedene feministische Strömungen, die auch Sprache mitberücksichtigen, aus US-Sicht. Sie zeigt, dass vermehrt die ethnische Perspektive, soziale Schicht, masculinity- sowie queer-studies in die Theoriebildung einfließen können und dass es sehr unterschiedliche Sichtweisen zum Verhältnis der Geschlechter untereinander sowie zu Macht und Gesellschaft gibt.
4. Sprache und Denken
4.1 Die Sapir-Whorf-HypotheseRelativität, sprachliche, Relativismus, Sapir-Whorf-Hypothese
Für viele Linguist/innen gilt es heute als selbstverständlich, dass sich neurologische, kognitiveKognition, kognitiv und soziale Aspekte beim Sprechen verbinden. Das GehirnGehirn verarbeitet gleichzeitig Weltwissen, kontextuell-gesellschaftliche Zusammenhänge, persönliche Informationen der Sprecher/innen und Sprache. Alles trifft gleichzeitig im Informationsverarbeitungssystem ein, wird verwaltet und zum Dekodieren von Mitteilungen herangezogen. Die modernen neurobiologischen und kognitiven Wissenschaften liefern hierzu immer mehr Beweise.
Innerhalb der (Sprach-)Wissenschaft ging jedoch nicht immer jede/r davon aus, dass zwischen Denken, Handeln und Sprache eine Verbindung bestehen könnte. Schon seit Aristoteles wird immer wieder die Auffassung vertreten, Sprache und KognitionKognition, kognitiv seien vielmehr getrennte Systeme und wechselseitige Einflüsse eher nicht anzunehmen. Demnach ist Sprache in sich geschlossen, objektiv fassbar und unabhängig vom Sprechen und von den Sprecher/innen. Also benötigen wir für das Denken keine Sprache, und Sprache bildet lediglich die Gedanken ab. Sprache folgt ihren eigenen Regeln, die bei allen Menschen gleich sind (sprachlicher UniversalismusUniversalismus). Diese Ansicht fand seit Mitte des letzten Jahrhunderts große Verbreitung durch die Dominanz amerikanischer Sprachwissenschaftler, die sich primär auf das Englische stützten.
Demgegenüber vertraten andere die Auffassung einer direkten Verbindung. Neben einigen frühen Vorläufern wie Gottfried Herder oder Wilhelm von Humboldt gingen Franz Boas (1858–1942), Edward Sapir (1884–1939) und Benjamin Lee Whorf (1897–1941) Anfang des letzten Jahrhunderts explizit davon aus, dass Sprachen auf ihre Sprecher/innen einwirken. Dadurch können sie das Denken beeinflussen und mithin das Handeln ebenfalls. Somit ist die jeweilige Wirklichkeit eine relative und abhängig von Sprache und Kultur. Jede Kultur ermöglicht eine etwas andere Sicht der Welt, die sie unter anderem durch Sprache vermittelt. Eine Kultur, die in Schnee und Eis überlebt, muss zwangsläufig mehr Wörter für Schnee haben. Eine Kultur in der Wüste verfügt über mehr Begriffe von Brauntönen. Jede ist im Prinzip dazu in der Lage, die Dinge der Welt zu sehen, aber kulturell wählt sie nur bestimmte aus, die sie versprachlicht. Das gilt auch für grammatische Strukturen. Die Sprache filtert die Wahrnehmung, was unterschiedliche Realitäten in den Köpfen der Menschen mit sich bringt. Ein absolutes, einzig wahres Bild der Dinge gibt es daher nicht.
Ausgangspunkt in den USA waren ethnologische Beobachtungen mit der Erkenntnis, dass fremde Kulturen und ihre Sprachen einige bisher als selbstverständlich geltende Dinge anders ausdrückten und auch anders sahen, sowie der Versuch, möglichst objektiv-beschreibend und ohne Vorurteile vorzugehen. Denn zu diesem Zeitpunkt wurden die indigenen Völker und ihre Sprachen noch als weniger wertvoll als das Englische betrachtet und somit negativ bewertet.
Für die Vertreter der später so genannten Sapir-Whorf-HypotheseRelativität, sprachliche, Relativismus, Sapir-Whorf-Hypothese gilt der Einfluss der Sprache auf das Denken als zentral (sprachlicher Relativismus). Das beinhaltet jedoch nicht die Bestimmung, Abhängigkeit bzw. Festlegung des Denkens durch die Sprache (sprachlicher DeterminismusDeterminismus) (vgl. auch Elsen 2014: 75ff.). Letzteres impliziert, dass Denken ohne Sprache nicht möglich ist, und schließt Änderungen der durch die Sprache vermittelten Auffassung der Welt aus, etwa durch den Erwerb einer weiteren Sprache. Damit wäre die geistige Freiheit gar nicht gegeben, aus dem durch die eigene Sprache auferlegten Gefängnis herauszukommen. Dies war jedoch gerade nicht im Sinne der Vertreter der Sapir-Whorf-Hypothese. Sie gingen vielmehr davon aus, dass die Beziehung zwischen Sprache und Denken eben eine relative ist und neue Sprachen, neue Strukturen, Wörter und Konzepte die bereits vorhandenen relativieren und erweitern.
Die Versprachlichung bestimmter Inhalte zwingt die Menschen dazu, darüber nachzudenken. So ist es im Deutschen zunächst unwichtig, ob wir gerade oder grundsätzlich etwas tun, während im Englischen wegen der Unterscheidung she eats meat oder she is eating meat durchaus darüber nachgedacht werden muss, weil immer eines von beiden formuliert wird. Ebenso sind für Spanischsprachige die beiden Zeitangaben mañana und madrugada selbstverständlich zu differenzieren, also, ob der Morgen früher oder später ist. Im Deutschen ist das nicht in jeder Situation relevant, und dann können wir auch immer noch anhand einer Zeitangabe präzisieren, welchen Zeitabschnitt wir meinen. Auch räumliche Angaben lassen sich unterschiedlich ausdrücken, etwa relativ zur eigenen Person oder anderen Orientierungspunkten wie im Englischen oder Deutschen, vgl. links von, vor. Daneben gibt es absolute Referenzrahmen, beispielsweise die Beschreibung mithilfe von Himmelsrichtungen, vgl. „‚[t]here’s an ant on your south-east leg‘ or ‚Move the cup to the north-northwest a little bit‘“ (Boroditsky 2009: 121) in Pormpuraaw, Australien. Die Sprecher/innen dort müssen sich stets über ihre lokale Position im Klaren sein, was dazu führt, dass sie sich auch besser in unbekanntem Terrain zurechtfinden im Vergleich zu Sprecher/innen des Englischen oder Deutschen. Versuche ergeben, dass wir beim Erwerb einer neuen Sprache auch entsprechende kognitiveKognition, kognitiv Fähigkeit erlernen (Boroditsky 2009, dort weitere Beispiele). „In practical terms, it means that when you’re learning a new language, you’re not simply learning a new way of talking, you are also inadvertently learning a new way of thinking“ (Boroditsky 2009: 125). Weiterhin hat sich gezeigt, dass Sprecher/innen von Sprachen mit grammatischem Geschlecht ein stärkeres Genderbewusstsein entwickeln, was eine geschlechtsspezifische Voreingenommenheit nach sich zieht, sogar bei nicht belebten Objekten (Sato et al. 2017).
Die theoretischen Annahmen zur Beziehung zwischen Sprache und Denken und Wirklichkeit lassen sich, verkürzt gesprochen, zusammenfassen in keine (UniversalismusUniversalismus), eine relative (RelativismusRelativität, sprachliche, Relativismus, Sapir-Whorf-Hypothese) und eine bestimmende (DeterminismusDeterminismus) Beziehung.
In der Folge zeigten vergleichende Studien und psycholinguistischePsycholinguistik, -isch Experimente immer mehr den Einfluss der Sprache auf das Denken. Die sprachphilosophischen Überlegungen sind für die gesamte Debatte um AsymmetrienAsymmetrie in und durch Sprache grundlegend, weil die relativistische Sicht sprachliche, kulturelle und biologische Systeme durchlässig macht und für einander öffnet. Gleichzeitig aber werden auch sprachtheoretische Begründungen ins Feld geführt, um die Verweigerung von Änderungen zu rechtfertigen (vgl. Kap. 5.3.3, 5.5).
4.2 Sprache, Macht, Manipulation
Meinungslenkung erfolgt im Rahmen eines Geflechts aus Sprache und Klischees, denn neben dem unbewussten Tradieren von Stereotypen durch Sprache gibt es bewusst eingesetzte lexikalische und grammatische Strategien, die zum eigenen Nutzen verschweigen, verschleiern oder beschönigen. Eine Bezeichnung wie religiöse Gemeinschaft ist neutralNeutralform, während Sekte negativ wertet. Ein und dieselbe Person kann beschützenswert und harmlos als junge MutterMutter oder aber abwertend als Partygirl bezeichnet werden. Thibodeau/Boroditsky (2015) zeigen, wie die Wahl der Metapher in einem Zeitungsartikel die Einstellungen der Rezipient/innen zu Gewalt und den Umgang damit lenkt. Während bei „Crime is a VIRUS ravaging the city of Addison“ (ibd.: 4/22) die Versuchspersonen das Problem analysieren und mit Sozialreformen und besserer Schulbildung beheben möchten, wollen sie sich bei „Crime is a BEAST ravaging the city of Addison“ (ibd.) wehren, die Einsatzkräfte der Polizei verstärken und härtere Strafen verhängen. Gezielt aktivierte Konnotationen dienen der Assoziations- und Meinungssteuerung (Elsen 2009). Solche nicht neutralen Begriffe arbeiten über einen Text verstreut noch wesentlich intensiver. Es kommt zu einem komplexen Geflecht, das auch zwischen den Zeilen wirkt (vgl. auch Lakoff/Wehling 2008).
Andererseits lassen sich aber auch eigentlich neutraleNeutralform Termini wertend verwenden. Wenn das oft genug geschieht, entwickeln sie die entsprechenden Konnotationen, also Zusatzbedeutungen, mit lexikalisiertem StatusStatus. Ehrlich/King (1994) zeigen, wie die Lexeme chairperson und spokesperson als gendergerechte Alternativen zu chairman und spokesman in den untersuchten Texten ausschließlich für Frauen gebraucht wurden und so ihre Aufgabe, genderneutral zu fungieren, verloren. Ms. als Parallele zu Mr. (anstelle von Miss vs. Mrs.) wurde teilweise nur für geschiedene Frauen verwendet. Statt also wie Mr. auf eine Bestimmung des Familienstands zu verzichten, zeigte Ms. eine dritte Möglichkeit an, und die (für Männer durchaus interessante) sprachliche Unterscheidung zwischen verheirateten und nicht verheirateten Frauen scheint sich zu halten.
Um Texte zu verstehen, greifen wir neben dem lexikalisch-grammatischen auch auf unser Weltwissen zurück, denn Informationen stecken nicht nur in Wörtern und ihren Kombinationen, sondern zusätzlich in den Assoziationen, Metaphern und Interferenzen, die sich u.a. durch Stereotype aktivieren lassen. In dem Satz U. seufzte laut und lehnte sich fröstelnd an Manfred an können wir aus dem ersten Namen keine klaren Aussagen über das Geschlecht treffen. Da jedoch typischerweise Männer nicht so leicht frösteln wie Frauen, interpretieren wir U. als weiblich, obwohl es dort nicht steht. Wir nutzen die aus Erfahrung gewonnenen Wahrscheinlichkeiten, vgl. den folgenden Text, eine Anzeige, die eine Frau in einer Zeitung aufgibt:
Vor Kurzem bekam ich einen kleinen Welpen geschenkt. Er ist noch ganz klein und so süß. Aber mein Mann ist gegen Hunde und Katzen allergisch, deswegen kann ich ihn leider nicht behalten. Wer ihn haben möchte, solle sich bitte bei mir melden. Er ist 30 Jahre alt, 1,70 groß und heißt Karl-Heribert.
In diesem Text geben die PronominaPronomen er und ihn keine genauen Hinweise darauf, wer gemeint ist, da es zwei maskuline Referenten, Welpe und Mann, gibt. So sind die Leser/innen auf die Erfahrung angewiesen, die mit nicht behalten können typischerweise nicht auf Ehemänner zielt, wodurch der Bezug des Pronomens auf Welpe aktiviert wird. Die Leser/innen verstehen also ‚ich kann den Welpen nicht behalten‘. Der Schlusssatz wiederum zählt Eigenschaften auf, die sich nur schwer auf Hunde beziehen lassen, so dass dann doch mit ihn der Mann gemeint sein muss, denn Hunde sind wahrscheinlich nicht so groß, werden erfahrungsgemäß nicht so alt und heißen auch eher nicht Karl-Heribert. Von dem Effekt, dass zwei unterschiedliche Interpretationsmöglichkeiten aufeinandertreffen und die Frau ihren Ehemann abholen lassen will, lebt der Witz.
Auf lexikalischer Ebene beeinflussen Wortspiele, Euphemismen, Synonymie, Polysemie oder verwandte Begriffe mit gezielt anderer Konnotation oder Denotation die Veränderung der Perspektive, vgl. Ermordung aller Juden vs. Endlösung, Freiheitskämpfer vs. Terrorist, Täter vs. Mörder. In dem Satz das Krebsgeschwür des FeminismusFeminismus verbreitet sich immer weiter wird über das erste Nomen, die Krebs-Metapher, das semantischeSemantik, -isch Netz zur bösartigen und häufig tödlichen Krankheit eröffnet und auf den neutralen Terminus Feminismus übertragen. Weiter kommen unnötige Übertreibungen vor, vgl. es herrscht ein absolutes Vertrauensverhältnis.
Die Macht einzelner Wörter lässt sich am Beispiel der Begriffe Vergewaltigungsopfer und Vergewaltigungsüberlebende (rape victim, rape survivor) zeigen, ein Thema, bei dem es bedauerlicherweise auch zahlreiche männliche Opfer gibt. Hockett et al. (2014) führten verschiedene Experimente mit englischsprachigen Versuchspersonen durch. U.a. sollten Studierende fünf Charakteristika von rape victims und rape survivors benennen. Das Geschlecht wurde nicht erwähnt. Rape victims wurde zumeist assoziiert mit afraid, attractive, female, aber auch distrusting und young. Der Begriff rape survivors war sehr stark mit afraid und strong, weniger mit angry, distrusting oder depressed gekoppelt. Der Begriff ‚Vergewaltigungsopfer‘ ruft offenbar das Bild einer hübschen, eher schwachen Frau hervor. Außerdem ist rape victim häufiger mit Selbstverschulden und Machtlosigkeit assoziiert. Solche Personen werden auch mehr als Objekt gesehen, ‚Vergewaltigungsüberlebende‘ hingegen als aktiver, fähiger und stärker. Dazu gibt es Hinweise, dass mit Opfer und der damit verbundenen Hilflosigkeit ein Zustand assoziiert wird, während die Rolle als Überlebende ein Ergebnis ist. Am Opferstatus wäre dann kaum etwas zu ändern, während Überlebende über Hilfsmaßnahmen erreicht werden. Im Vergleich zu Frauen schreiben Männer einer rape victim häufiger die Schuld zu. Einer Frau who has been raped oder einer rape survivor wird weniger oft die Verantwortung für die Vergewaltigung gegeben als einer rape victim. Bewusste oder unbewusste Schuldzuweisungen hängen also auch mit den Begriffen zusammen. Der verfehlte Ausdruck und die dazugehörenden Assoziationen können darüber hinaus den Heilungsprozess und die Unterstützung durch andere behindern (Hockett et al. 2014).
Auf syntaktischer Ebene eignet sich das PassivPassiv (grammatische Kategorie) gut, um Täter unsichtbar zu machen. Dadurch rückt das Patiens in den Fokus der Leser/innen. Auffälligerweise verwenden einige Massenmedien überwiegend Passivstrukturen ohne Agensangabe, um über sexuelle Gewalt zu berichten (vgl. Kap. 11.4). Außerdem ist die Akzeptanz eines Verbrechens bei der Passivformulierung höher. Die Versprachlichung der Täter korreliert mit weniger Toleranz gegenüber dem Verbrechen (Parker/Mahlstedt 2010, Henley et al. 1995). Hier lässt sich also gut zeigen, wie sich über Sprache Blickwinkel verschieben lassen.
Manche sprachlichen Einheiten und Strukturen weisen auf Machtlosigkeit hin. Oft lässt sich ein Tatbestand sprachlich so darstellen, dass bestimmte Verantwortlichkeiten verschleiert oder erst impliziert werden. Auch wenn im Satz „Frau in rotem Minirock nach Diskobesuch vergewaltigt“ die eigentlichen Fakten stimmen, bleibt das Opfer ohne Namen, was die Frau weniger wichtig erscheinen lässt. Der Minirock im Zusammenhang mit dem Diskobesuch impliziert eine Mitschuld („hätte sie sich vernünftig angezogen, wäre das nicht passiert“). Die Tat wird anonymisiert und bagatellisiert, im PassivPassiv (grammatische Kategorie) und ohne Agensangabe ist der Täter nicht präsent. In der Formulierung „In der Nacht zum Montag kam es zu einer Vergewaltigung“ wirkt die Tat abstrakt, weniger vorstellbar, ohne aktive Beteiligte oder Opfer und noch harmloser1. Die Formulierungen mögen journalistischem Kalkül oder fehlenden Informationen zum Tathergang eher geschuldet sein als gezielter Manipulation. Sie entfalten gleichwohl ihre Wirkung. Aufgrund von Häufungen derartiger Strategien bestätigen und verstärken sich Stereotype. Diese werden von den Sprachbenutzer/innen unbewusst weitergepflegt. Implikationen etablieren sich als Tatsachen. Vergewaltigungen erscheinen weniger schlimm und von den Opfern mitverschuldet. Dies ist nur ein Beispiel von vielen, wie sich Denken, Einstellungen und Meinungen mit der Zeit verändern lassen.
Direkte Kommunikationssituationen bilden einen weiteren Bereich, in dem Beeinflussung anderer stattfindet. Ein dominanter, einflussnehmender Gesprächsstil zeichnet sich durch wenig HeckenausdrückeHeckenausdrücke, <i>hedges</i>, Zöger- und Verunsicherungssignale, Bestätigungsfragen, Pausenfüller und Intensivierungen aus. Der Machtlosigkeit ausstrahlende Stil hat davon viel (wirklich, irgendwie, glaub’ ich, nicht wahr?, äh, mmh, total), er wirkt unsicherer, höflicher. Ein dominanter Sprachstil wird zudem mit höherem StatusStatus in Verbindung gebracht und er ist trotz gleichem Inhalt bzw. Aussage überzeugender (Hosman 2015).
Menschen mit Macht und bestimmte Formulierungsweisen nehmen Einfluss darauf, wie Diskurse strukturiert und geführt werden, nicht nur auf deren Inhalte.
4.3 Sprachliche Diskriminierung
Wenn Sprache sich auf das Denken auswirken kann, wird auch verständlich, warum es zu sprachlicher Diskriminierung kommt. Dies ist umso gefährlicher, als wir es nicht bemerken. Wenn ungerechte Sprache bzw. Verhalten häufig genug sind, gewöhnen wir uns daran und empfinden es als normal. Dann wird das sprachliche Handeln nicht mehr als falsch interpretiert und Diskriminierung ist unsichtbar geworden.
„Discrimination, as distinct from prejudice and bigotry, is overt behavior that affects another individual or a group of individuals. Its enactment is therefore a fully social act“ (Ng 2007: 111). Hierfür ist Sprache eines der effektivsten MedienMedien. Die sprachliche Kodierung von Diskriminierung richtet sich gegen Frauen, Andersgläubige und -farbige oder alte Menschen, aber auch gegen ganze soziale Schichten. So ist die Gesetzessprache so verklausuliert, dass nur Jurist/innen sie verstehen, was ihnen einen Vorteil gegenüber den anderen verschafft. Wirklichkeiten und Zusammenhänge können über geschickte Formulierungen falsch dargestellt werden. Um hier Einfluss auf andere zu nehmen, geschieht das möglichst indirekt, indem man (?!) die anderen dazu bringt, das zu wollen, was man (?!) will, „language provides a rich repertoire of masking devices for reducing resistance and perceived conflicts of interest while enacting discrimination“ (Ng 2007: 112f.).
Ng (2007) bespricht mehrere Aspekte sprachlicher Diskriminierung, u.a., dass Sprache als Sammelbecken kultureller Werte diskriminierende Stereotype kodiert, Diskriminierung umsetzt und zur Regel macht.
Sprache wirkt auf das Denken und unsere Sicht auf die Welt. Dadurch konstruiert sie die Wirklichkeit mit. Sie stellt bestimmte Kategorien und Assoziationen her und lenkt durch andere unseren Blick darauf.
So it appears that linguistic categories can influence people’s thinking by encouraging them to carry out comparisons that they wouldn’t have otherwise carried out (Boroditsky et al. 2003: 74).
Maskuline Formen reproduzieren das Männliche als das Häufige und damit Normale. Als Selbstverständlichkeit im alltäglichen Diskurs nehmen wir diese Diskriminierung nicht mehr wahr. Sie gehört zu einem Teil des Lebens, über den wir nicht nachdenken. Eine Veränderung der Sprache kann aber zu einer veränderten Wahrnehmung führen.
4.4 Zusammenfassung
Sprachtheoretische Ansätze gehen entweder von keinerlei Beziehung zwischen Sprache, Denken und Wirklichkeit aus (UniversalismusUniversalismus), von der Möglichkeit einer gegenseitigen Beeinflussung (RelativismusRelativität, sprachliche, Relativismus, Sapir-Whorf-Hypothese) oder von der Abhängigkeit des Denkens von der Sprache (DeterminismusDeterminismus). Verschiedene Studien bestätigen lediglich die Auffassung des Relativismus.
Sprachen wirken auf ihre Sprecher/innen ein und können dadurch das Denken beeinflussen und mithin das Handeln ebenfalls. Die jeweilige Wirklichkeit ist eine relative und abhängig von der Sprache und von der Kultur, die immer eine etwas spezifische Sicht der Welt hat und sie mit durch Sprache vermittelt. Die relativistische Sicht macht sprachliche, kulturelle und biologische Systeme durchlässig und öffnet sie für einander. Das erklärt, dass bewusst eingesetzte lexikalische und grammatische Strategien zum eigenen Nutzen verschweigen, verschleiern oder beschönigen können. Wortwahl und Formulierungen wirken darauf ein, wie Rezipient/innen über den entsprechenden Sachverhalt denken. Über den richtigen Sprachgebrauch kann so die Wahrnehmung beeinflusst werden. Vielfach nicht bewusst wird genderungerechte Sprache als normal empfunden, so dass Diskriminierung unsichtbar wird.
4.5 Literatur
Eine sehr ausführliche Darstellung des sprachlichen Relativitätsprinzips liefert Werlen (1989), konziser Werlen (2002).
Verschiedene Zugänge und Möglichkeiten der Erforschung der Beziehung zwischen Sprache und Denken stellt Funke (2015) zusammen. Von Ives/Rana (2018) stammt ein aktueller Überblick über die Möglichkeiten von Machtausübung durch Sprache. Kusterle (2011) beschäftigt sich gezielt mit dem Zusammenhang von Denken, Sprache und Genderwahrnehmung.
5. Gender und Sprachsystem
5.1 Geschichte
Sprachen haben unterschiedlich viele Genera. Das sind grammatische Klassen, nach denen sie Nomen einteilen. Anders als etwa Plural und Mehrzahl – der Plural beschreibt immer eine Mehrzahl des Bezeichneten – waren ursprünglich GenusGenus und Sexusbiologisches Geschlecht, Sexus getrennte Systeme. In der Geschichte des Deutschen ordneten aber einige Wissenschaftler (m.) den maskulinen Wörtern Eigenschaften der Männer zu. So wurden Genus und Sexus vermengt, wobei das Maskulinum als höherwertig galt, z.B. bei Jacob Grimm. Renaissance und Barock gebrauchten üblicherweise für Frauen und Männer noch je unterschiedliche Formen. Deswegen war klar, wer nun mit Sächsin, Wächterin, Schmidin, Doctrin bzw. Doctor etc. (Doleschal 2002: 43) gemeint war. Frauen traten dabei nicht nur als Ehefrau des jeweiligen Mannes auf, sondern übten die Tätigkeiten durchaus auch selbst aus, wie etwa die Uhrmacherinnen in Augsburg und Friedberg (Arnold-Becker et al. 2019). Die Aufklärung grenzt in den Grammatiken das Weibliche mehr und mehr aus, in dieser Zeit beginnt die Entwicklung des neutralenNeutralform Gebrauchs männlicher Endungen. Anfang des 19. Jahrhunderts hatte sich die Bezeichnung des Wortbildungselements -er für Männer (zu lat. -ārius ‚männliche Person, die etwas tut‘) auch auf Personen allgemein verschoben. Dies entspricht dem heutigen System: Wenn eine maskuline Form für beide Geschlechter verwendet werden kann, heißt sie generisches Maskulinumgenerisches Maskulinum.
Das generische Maskulinum war im deutschen Sprachsystem historisch nicht gegeben, -er ist eine ursprünglich maskuline (nicht neutrale) Endung.
5.2 Markierung
Sprachen kennzeichnen das Geschlecht auf unterschiedliche Weise. Bußmann/Hellinger (2003) und Hellinger/Pauwels (2007) beispielsweise unterscheiden zwischen erstens dem grammatischen Geschlecht, morphosyntaktischen Eigenschaften von Nomen, zweitens dem lexikalischen, also den semantischenSemantik, -isch Eigenschaften von Nomen für belebte Referent/innen, und drittens dem sozialen Geschlecht, das über Stereotype wirkt und sich indirekt zeigt (z.B. Pronomina)Pronomen.
Das Deutsche teilt auf der Ebene des Sprachsystems die Substantive in die drei Gruppen Maskulinum, Femininum und Neutrum. Genus istGenus eine rein grammatische Kategorie und hat zunächst nichts zu tun mit Sexusbiologisches Geschlecht, Sexus, dem natürlichen Geschlecht. Das grammatische Geschlecht hat also keine außersprachliche Entsprechung und ist nicht motiviert. Es gehört zu jedem Nomen dazu, wird aber meist nicht markiert, indem es eine eigene Endung erhält. Wir wissen, dass Tisch Maskulinum, Sofa Neutrum und Lampe Femininum ist. Zweit- und Fremdsprachler/innen müssen dies mit jedem Nomen lernen. Abhängige Wörter wie Artikel, PronominaPronomen und Adjektive haben mit dem Bezugsnomen grammatisch übereinzustimmen (bezogen auf Genus, Kasus, Numerus) und werden entsprechend flektiert. Dann wird Genus sichtbar, vgl. ein schöner Tisch, er gefällt mir!, ein weiches Sofa, es gefällt mir!, eine süße Lampe, sie gefällt mir! Viele Ableitungen bestimmen ebenfalls Genus, vgl. der Leser – die Leserschaft, die Luft – das Lüftchen, die Witwe – der Witwer, der Arzt – die Ärztin. Da es sich um formale Eigenschaften von Wörtern und Morphemen handelt, richten sie sich nach grammatischen Regeln. Das Deutsche unterscheidet Genus nur bei der dritten Person Singular, anders z.B. das Französische elles/ils, ‚sie‘ (f. pl.)/‚sie‘ (m. pl.) oder das Arabische, vgl. anti/anta ‚du‘ (f.)/‚du‘ (m.), antunna/antum ‚ihr‘ (f.)/‚ihr‘ (m.). Im Deutschen sind du und ihr daher geschlechtsindifferent, das Geschlecht spielt keine Rolle.
GenusGenus entspricht heute in einigen Wortschatzbereichen tatsächlich dem Sexusbiologisches Geschlecht, Sexus, dem natürlichen Geschlecht, z.B. bei Personen wie Hexe, Tante, Frau oder Zauberer, Opa, Vater und bei vielen TierenTier, vgl. Erpel, Bulle, Färse, Henne. Aber es gibt auch Ausnahmen, vgl. Vamp, Mädchen, Weib, Memme oder Tunte. Hier stehen Genus und Sexus zueinander im Widerspruch. In der Regel ist das Genus fest. Ein Nomen, das über Konversion entsteht, kann jedoch maskulin oder feminin sein, vgl. tot, der/die Tote, angestellt, die/der Angestellte (DifferenzialgenusDifferenzialgenus).
5.3 Probleme
5.3.1 AsymmetrienAsymmetrie
Das Deutsche weist AsymmetrienAsymmetrie auf mehreren Ebenen auf, was Benennung von und Bezug auf Frauen anbelangt, z.B. bei PersonenbezeichnungenPersonenbezeichnung, Ableitungen, Reihenfolgen und Häufigkeiten, Sprachwandel, PhraseologismenPhraseologismus und Metaphern.
Bei der Referenz einer sprachlichen Form gibt es mehrere Untertypen. Unter anderem kann zwischen Klassen und Individuen getrennt werden. In dem Satz Dozenten an der Fakultät verdienen zu wenig Geld bezieht sich der Begriff Dozent auf eine ganze Klasse, nicht auf spezielle Individuen, daher generische (‚verallgemeinernd, generalisierend, nicht-spezifisch‘) bzw. klassenbezogene Referenz. Genauso könnte es heißen Alle Dozenten an der Fakultät verdienen zu wenig Geld. Wenn ein bestimmtes Individuum gemeint ist, handelt es sich um spezifische Referenz, vgl. der Dozent (gemeint ist Herr X.Y. Müller) verdient zu wenig Geld. Dieser Satz kann auch klassenbezogen gemeint sein, wenn er darauf hinweist, dass generell alle Dozenten nicht viel Geld verdienen (vgl. der Dozent an sich verdient zu wenig Geld). Hier muss der Zusammenhang entscheiden oder die Formulierung bleibt mehrdeutig. Die verschiedenen Referenztypen sind unterschiedlich wichtig für die Versprachlichung von Geschlecht (Diewald/Steinhauer 2017).
Dazu tritt die Trennung in die Geschlechtergruppen. Das generische Maskulinum ist eine maskuline Form, die sich auf beide Geschlechter beziehen kann, etwa, wenn in dem Satz Dozenten an der Fakultät verdienen zu wenig Geld sowohl Frauen als auch Männer gemeint sind. Die gängige Behauptung ist, dass Frauen selbstverständlich mitgedacht werden. Diese Interpretation ist, wie bereits erwähnt, historisch entstanden und hat sich im allgemeinen Sprachgebrauch durchgesetzt.
Allerdings entspricht der allgemeine Sprachgebrauch nicht immer den grammatischen Vorgaben. Sprecher/innen grenzen klassenbezogene und spezifische Referenzweisen nicht genau voneinander ab, sie verwenden sie nicht präzis. Rein grammatisch gesehen kann nur in verallgemeinernden Verwendungsweisen das generische Maskulinum stehen. Der allgemeine Sprachgebrauch trennte jedoch oft nicht zwischen dieser klassenbezogenen und der spezifischen Referenz. So kommt es zu Sätzen wie Frau Dr. Müller, unser Arzt hier am Klinikum, wird Ihnen weiterhelfen mit einem falsch verwendeten generischen Maskulinum. Auch im Falle der Prädikative scheiden sich die Meinungen. Für Diewald/Steinhauer (2017: 82f.) sind Sätze wie sie ist Tischler möglich, aber veraltet, für Kotthoff et al. (2018: 94) grammatisch fraglich, für Motschenbacher (2016) spezifisch. Sie subsumieren Frauen unter der männlichen Norm. Wir finden sie regelmäßig (vgl. auch Schröter et al. 2012). Bei Geschichten wie
Ein Vater fährt mit seinem Sohn im Auto. Sie verunglücken. Der Vater stirbt, der Sohn wird schwer verletzt ins Krankenhaus eingeliefert und muss operiert werden. Der Arzt kommt, aber sagt: „Ich kann nicht operieren. Dies ist mein Sohn.“
wird Arzt männlich ausgelegt, und die Geschichte verwirrt daher, weil es sich um die MutterMutter des Sohnes handelt. Im allgemeinen Sprachgebrauch kann die mit dem bestimmten Artikel eingeführte Berufsbezeichnung geschlechtsindifferent interpretiert werden, wenn der individuelle Sprachgebrauch keine Femininformen zulässt, was für eine Vielzahl der Sprecher/innen noch der Fall ist (vgl. auch Irmen/Köhncke 1996). Dann klingt Arzt aufgrund der Stereotype nach einem Mann. Oft genug wird noch immer nicht zwischen generischen und spezifischen Gebrauchsweisen unterschieden. Klare Trennungen bei PersonenbezeichnungenPersonenbezeichnung im allgemeinen Sprachgebrauch zwischen klassen- und individuenbezogener Referenz sind ein Zeichen für Sprachwandel, der mit der verbreiteten Verwendung femininer Ableitungen zu erwarten ist.
Ein anderes Beispiel für das generische Maskulinum sind PronominaPronomen wie man, niemand oder jemand, zu denen es keine feminine Entsprechung gibt. Sie gelten daher für Männer und Frauen. Der grammatische Bezug ist Maskulinum, was zu irritierenden Formulierungen führen kann, vgl. wer seine Tage hat, der ist oft müde.
Unschärfe und Unklarheit sind ein Kritikpunkt am generischen Maskulinum, was mit weiteren Bedenken eng zusammenhängt, nämlich, dass Frauen sprachlich nicht sichtbar sind (vgl. Kap. 6) und sie darum weniger Identifizierungsmöglichkeiten haben. Eine AsymmetrieAsymmetrie ergibt sich, weil einerseits eine maskuline Form wie der Dozent für weibliche Inhalte ohne formale Markierung stehen kann, während sich eine Femininform immer nur auf Frauen bezieht, und weil andererseits die Selbstverständlichkeit des Mitgemeintseins nicht immer gilt. Mit anderen Worten, Feminina haben eine Verwendungsweise, Maskulina jedoch zwei. Welche gerade erwünscht ist, ist nicht immer klar.
Das generische Maskulinum fasst Frauen unter Männern zusammen. Es ist nicht geschlechtsneutralgeschlechtsneutral, denn es macht Frauen sprachlich und kognitivKognition, kognitiv unsichtbar.
Es gibt eine Vielzahl von Begriffen für Frauen, die in der Regel schlechtere Bedeutungen, auch Konnotationen und Assoziationen aufweisen, vgl. Beißzange, Heulsuse, Giftnudel, Klatschbase, alte Jungfer. Das wird bei verwandten Paaren besonders deutlich, vgl. Gouverneur/Gouvernante, Sekretär/Sekretärin, Hausherr/Hausfrau, Jungfrau/Junggeselle. Beim Sprachwandel verschlechtern sich Frauenwörter mehr als Wörter für Männer, vgl. Weib, das ursprünglich neutral verwendet wurde (Bußmann 1995: 134f.). Für Keller (1994) liegt das an einem Abnutzungseffekt. Männer wollen über und mit Frauen gern höflich sprechen, mit der Zeit werden die höflichen Ausdrücke neutralerNeutralisierung. Wohl eher aber dürfte das mit veränderten „Aufgaben“ bzw. mit der Einstellung gegenüber Frauen zusammenhängen. Das Wort Dirne bezeichnete zunächst eine Jungfrau, bedeutete auch ‚Mädchen‘, dann ‚Dienerin‘ (Kluge 1999 und Pfeifer 1999 sind sich hier nicht einig) und schließlich ‚Prostituierte‘. Noch heute werden freizügige Frauen schnell als Schlampe beschimpft. Außerdem führt die InteraktionInteraktion mit sozialen Umständen dazu, dass an sich neutrale Sprache nicht neutral verwendet wird und sich dieser Gebrauch mit der Zeit als Bedeutungswandel niederschlägt (vgl. Kap. 11.4.1).
Ein weiteres Ungleichgewicht existiert auf der morphologischen Ebene (vgl. Bußmann 1995: 137, Scheele/Rothmund 2001: 86). So werden Vornamen in der Regel von Männernamen abgeleitet (Michael/Michaela), andersherum nicht, und es gibt keine Nachnamen auf -frau. Weibliche Nomen werden von männlichen abgeleitet, andersherum gibt es bei Bedarf in der Regel neue Wörter statt Ableitungen, vgl. Krankenpfleger, Entbindungspfleger.
Auf der syntaktischen Ebene erweisen sich Reihenfolgen als genderungerecht. Bei zweigliedrigen Titeln oder Namenpaaren steht in der Regel der männliche vorn, damit wird automatisch eine Hierarchisierung vorgenommen, vgl. Herr und Frau Müller, Romeo und Julia, Adam und Eva, Tristan und Isolde, Männer und Frauen, Brüder und Schwestern (Hellinger 1990: 43), in den Grammatiken auch er, sie, es. Frequenzanalysen ergeben für männliche und weibliche Formen unterschiedliche Häufigkeiten in Satz und Text.
Auch PhraseologismenPhraseologismus und Sprichwörter versprachlichen stereotype AsymmetrienAsymmetrie. So lernen Kinder schon früh, dass Frauen viel reden und listig, boshaft und dumm seien. Männer seien überlegen, männlich und standhaft (Daniels 1985), vgl. einem Problem Herr werden; ein Mann, ein Wort; Herr im Haus.
Auch auf der Wortebene werden Stereotype versprachlicht, vgl. staatsmännisch, Mannschaft, beherrschen, Herrgott, bemuttern, Rabenmutter, Milchmädchenrechnung.
Sprache lenkt unsere Gedanken über Reihenfolgen, denn was zuerst genannt wird, ist wichtiger (Mann und Frau). Ebenso sind Häufigkeiten und KollokationenKollokation relevant. Was zusammen genannt wird, gehört zusammen, vor allem, wenn das oft geschieht (Frau und MutterMutter). Sprache lenkt über Konnotationen, Assoziationen und mitaktivierte Wortfelder.
Die Unterschiede auf lexikalischer und phraseologischer Ebene lassen sich teilweise aus der früheren Rollenverteilung herleiten. Frauen waren keine Seeleute, daher Mann über Bord. Sie hatten privat und beruflich Nebenrollen – Herr im Haus, Herr und Meister. Dies erklärt jedoch nicht, warum die Studien mehr negativ konnotierte Beispiele und mehr Themenbereiche für Frauen finden als für Männer. Hier sind fehlende Manneskraft oder HomosexualitätHomosexualität, Trunksucht und Gewalt kritisch (warmer Bruder, Schlappschwanz, Saufbruder, Trunkenbold, Raufbold). Bei Frauen werden Abweichungen von der „natürlichen“ Ordnung und den auferlegten Normen in Form von „zu viel“ Sprechen, Ungehorsam, Bosheit, Unsauberkeit, auch mangelnde Intelligenz, immer wieder aber sexuelle Freizügigkeit sanktioniert. Dies spiegelt gesellschaftliche Klischees wieder: Männer müssen stark und potent sein, Frauen schön, brav, fleißig, schwach. Sexualität ist nur im Rahmen der Ehe angebracht.
Aufgrund des generischen Maskulinums kommt es zu AsymmetrienAsymmetrie bei Personen- und Berufsbezeichnungen, weil es mehr männliche Formen gibt, weil manche davon flexibel interpretierbar sind als männlich oder neutral und weil demgegenüber weibliche Formen klar weiblich aufgefasst werden. Asymmetrien lassen einerseits Frauen sprachlich und damit gedanklich verschwinden, andererseits wirken Femininmarkierungen als auffällig, negativ konnotierend und als abweichend, zumindest anfangs. Durch weitere Asymmetrien wirken darüber hinaus Stereotype. So entwickeln und stabilisieren sich unterschwellige Botschaften zu Hierarchien und Klischees.
5.3.2 GenusGenus und Sexusbiologisches Geschlecht, Sexus als unabhängige Kategorien
Grammatisch gesehen seien GenusGenus und Sexusbiologisches Geschlecht, Sexus zwei unabhängige Systeme. So argumentieren vor allem viele Gegner/innen einer gendergerechten Sprache und berufen sich auf strukturalistische Ansichten, die der LangueLangue die Priorität einräumen. Für sie ist sowohl die neutrale Interpretation als auch die Verwendung des generischen Maskulinums generell auf sprachsystematischer Ebene anzusiedeln und damit regelhaft und notwendig. Dies kollidiert jedoch mit der tatsächlichen Verwendungsweise, denn die Sprachbenutzer/innen interpretieren Genus als Hinweis auf das natürliche Geschlecht. Das ist einer der Hauptdiskussionspunkte der Feministischen LinguistikFeministische Linguistik, da daraus Forderungen nach Änderungen des Sprachsystems folgen. Auch wenn dies auf rein grammatischer Ebene eigentlich gar nicht sein sollte, weil hier grammatische Eigenschaften von Lexemen und Bedeutungsaspekte verwechselt werden, tendieren die Sprachnutzer/innen dennoch immer wieder zu dieser Interpretation. Deswegen werden maskuline Formen auch männlich aufgefasst. Da außerdem Sprachwandel in der Regel vom Gebrauch ausgeht und sich irgendwann als Regelhaftigkeit und damit Teil des Sprachsystems niederschlägt, verbinden sich hier zwei Pseudoprobleme, die weniger an der Sprachwirklichkeit als vielmehr an der theoretischen Position hängen.
Eine Veränderung des Sprachsystems, um Änderungen im Denken zu erreichen, ist für strukturalistisch und generativ orientierte Sprachwissenschaftler/innen nicht möglich. Gerade die zweite Gruppe setzt Sprache unabhängig von anderen kognitiven Fähigkeiten als Modul an. Bei solchen Diskussionen geht es darum immer auch um die Verteidigung eigener sprachpolitischer Ideologien, so dass ein Konsens nicht angestrebt wird. Daher sind in den Diskussionen immer wieder die Argumente zu hören, das generische Maskulinum sei neutral und systemhaft und daher nicht zu beanstanden. Deswegen seien Änderungen nicht nötig. Dabei werden historische und psycholinguistischePsycholinguistik, -isch Fakten ignoriert.
5.4 Alternativen
Die kritischen Diskussionen führten zu der Forderung, u.a. Frauen eigens zu benennen. Dafür bieten sich verschiedene Möglichkeiten an, zum Beispiel die Doppel- oder BeidnennungBeidnennung (Studentinnen und Studenten), Beidnennung mit SchrägstrichSchrägstrich (die Studenten/Studentinnen, die Student/innen), geschlechtsneutralegeschlechtsneutral PersonenbezeichnungenPersonenbezeichnung (Studierende, Lehrende im Plural, LehrkraftLehrer/in, -kraft, -schaft) oder das Binnen-IBinnen-<i>I</i> (StudentInnen, LehrerInnen). Der UnterstrichUnterstrich, auch gender gap genannt (Lehrer_innen), und das SternchenSternchen (Lehrer*innen) verweisen auf die Leerstelle zwischen weiblichen und männlichen Formen und berücksichtigen auch „queer“1. Sie sollen dabei bewusst irritieren (vgl. Bergmann/Schößler/Schreck 2012: 13, Diewald/Steinhauer 2017: 46f.).

Abb. 2: Straßenschild in Basel
Weiter lässt sich der Geschlechtsunterschied lexikalisch, durch den Zusatz von Adjektiven (weiblich, männlich) oder Kompositionsgliedern (Frau, Mann) klären, vgl. männliches/weibliches Kind, Ehefrau/Ehemann. Eine andere Möglichkeit ist Abstraktion: Statt sich zwischen einem Präsidenten und einer Präsidentin zu entscheiden, kann das Präsidium gewählt werden (Bußmann/Hellinger 2003: 157). Alternativ vermeiden geschickte Umformulierungen generische Maskulina, vgl. Antragsteller müssen das Formular vollständig ausfüllen vs. Um einen Antrag zu stellen, ist das Formular vollständig auszufüllen.
5.5 Strategien des Widerstands
Die Forderungen, durch sprachliche Änderungen mehr Gleichheit zwischen den Geschlechtern zu erzielen, stießen und stoßen immer noch auf erstaunliche Widerstände (Kap. 2.4). Hellinger (1990: 133ff.) stellte sechs Strategien zusammen: leugnen, beschwichtigen, ignorieren, warnen, herabsetzen und lächerlich machen. Es wird geleugnet, dass Sprache und Gesellschaft zusammenhängen und dass Maskulina Frauen ausschließen. Die Interrelation wird als trivial gesehen, ein möglicher Sexismus durch Maskulina sei nicht so gemeint. Die Thematisierung des Problems und die Alternativvorschläge werden ignoriert. Vor den Alternativen wird gewarnt, da sie umständlich oder unschön seien und die Redefreiheit bedrohten. Schließlich werden die Vertreter/innen gendergerechter Sprache bzw. ihre Arbeiten als unwissenschaftlich kritisiert oder auch lächerlich gemacht. Diese Vorgehensweisen sind nach wie vor aktuell trotz beinahe 40 Jahre dauernder Versuche, auf einer sachlichen Ebene zu bleiben und Argumente durch Forschungsergebnisse zu untermauern. Nach wie vor wird behauptet, generische Maskulina seien geschlechtsneutralgeschlechtsneutral und GenusGenus und Sexusbiologisches Geschlecht, Sexus seien stets zu trennen. Einige meinen, kognitiveKognition, kognitiv Effekte seien zwar möglich, aber nicht wichtig, ein aktives Bemühen um gendergerechte Sprache sei daher unnötig oder gar unzumutbar. Noch weiter gehen polemische oder gar aggressive Kritik oder Spott (Mensch*_Innen). Hierzu sei auf die vielen Kommentare zu ernst gemeinten wissenschaftlichen Veröffentlichungen verwiesen, vorzugsweise im Internet, wo im Schutz der Anonymität mit emotionalen und oft auch beleidigenden Bewertungen wie Schwachsinn, Quatsch, Gender-Gaga, Sprachverstümmelung, Sprachklempnerinnen, totalitärer Irrsinn, unsinnig, abstrus, manipulativ nicht gespart wird, ohne gleichzeitig die Argumente und die Diskussion zur Kenntnis zu nehmen. Selbst in seriösen ZeitschriftenZeitschrift und ZeitungenZeitung sind immer wieder aggressive und unwissenschaftliche Kommentare zu lesen. Auch aktuell gibt es noch Diskussionen zwischen wissenschaftlichen und polemischen Gruppen, die immer wieder die längst entkräfteten Argumente bemühen. So will der Band von Meinunger/Baumann (2017) in einem gut gemeinten Versuch einen sachlichen und aktuellen Beitrag zur Debatte zusammenstellen, wiederholt aber alte, längst widerlegte Argumente oder Fehler und ist auch stilistisch keineswegs immer sachlich-neutral. Es ist die Rede von Ungeheuerlichkeiten, von Unsinnin, die es auf die Gipfelin treibt, von Genderei. Die Reihenfolge Bürgerinnen und Bürger wird als verkehrt herum bezeichnet, die Sapir-Whorf-HypotheseRelativität, sprachliche, Relativismus, Sapir-Whorf-Hypothese als sprachdeterminierend charakterisiert und nicht ernst genommen. Das generische Maskulinum sei Schicksal, reiche vollkommen aus und richte sich an alle Menschen. Gendergerechte Sprache sei ermüdend, unmöglich zu lesen.
Als weiteres Beispiel sei Josef Bayer in der NZZ genannt mit Formulierungen wie „[u]nd da kommen jetzt auf einmal missionarisch getriebene Sprachklempnerinnen daher“1. Die Debatte ist mittlerweile von konservativen, rechts ausgerichteten Seiten auch politisch instrumentalisiert worden.
5.6 Zusammenfassung
GenusGenus und Sexusbiologisches Geschlecht, Sexus sind verschiedene Systeme, die grammatische vs. semantischeSemantik, -isch Informationen anzeigen. Sprachen nutzen unterschiedlich viele Genera, das Deutsche hat drei. Unabhängig davon markieren Sprachen das Geschlecht grammatisch, lexikalisch und sozial. Auf der grammatischen Ebene werden im Deutschen wie in vielen anderen Sprachen Maskulina auch neutral bzw. generisch verwendet und dann entsprechend generisches Maskulinumgenerisches Maskulinum genannt. Das war im Sprachsystem historisch nicht gegeben.
Bei Menschen- und Tierbezeichnungen korrelieren Sexusbiologisches Geschlecht, Sexus und GenusGenus oft, so dass sich die Grenzen zwischen dem grammatischen und semantischen System verwischen und Genus immer mehr als semantische Information uminterpretiert wird. Die Sprachbenutzer/innen fassen daher Maskulina tatsächlich männlich auf, so dass die generische Funktion unklar und beliebig wird. Dies können viele psycholinguistischePsycholinguistik, -isch Verfahren belegen.
Das generische Maskulinum wird u.a. deswegen kritisiert, weil es mehrdeutig ist, weil Frauen sprachlich nicht sichtbar werden, weil sie darum weniger Identifizierungsmöglichkeiten haben und weniger wahrgenommen werden. Darüber hinaus kommt es zu weiteren Ungleichbehandlungen von Frauen und Männern auf sprachlicher Ebene, die unterschwellige Botschaften zu Hierarchien und Klischees vermitteln. In den Debatten um mehr Gleichberechtigung stellten sich diese Aspekte als Kritikpunkte heraus: Solche sprachlichen AsymmetrienAsymmetrie bestimmen gesellschaftliche Asymmetrien wesentlich mit. Versuche, dies zu ändern, etwa mithilfe von alternativen Schreibweisen, die Frauen sichtbar machen oder die weitere Gendertypen berücksichtigen, stießen und stoßen nach wie vor auf erheblichen Widerstand.
Viele der sprachlichen AsymmetrienAsymmetrie auf Wort- und Phraseologismenebene spiegeln längst überkommene Klischees wider. Einige Beispiele lassen sich historisch erklären, denn auch heute bildet unsere Sprache die früher männlich dominierte Wirklichkeit ab. Entsprechend ist es berechtigt, neue Realitäten auch sprachlich auszudrücken.
5.7 Forschungsaufgaben
In kleineren Forschungsarbeiten können emotionale, polemische Kommentare von Wissenschaftler/innen und Politiker/innen auf Methodik, Taktik und den Wahrheitsgehalt hin geprüft werden als Übung zu Manipulation, richtigem Argumentieren und wissenschaftlich korrektem Verhalten. Hier ist vor allem auf Falschaussagen und Verschweigen von Tatsachen zu achten. Haß-Zumkehr (2003) macht Vorschläge, wie sich anhand von Korpusanalysen Sprachwandelerscheinungen untersuchen lassen. Motschenbacher (2017) listet einige Fragestellungen und Analysevorschläge auf. Kleinere Studien können aktuelle Texte auf die Verwendung des generischen Maskulinums hin prüfen. Hier erscheinen auch bei unbelebten Subjekten mittlerweile öfter Femininformen, etwa die Firma Müller ist Auftraggeberin für die Baumaßnahmen, die Mafia gilt als Drahtzieherin hinter den Morden, die Universitätsbibliothek als Betreiberin, die Firma X als Partnerin. Es gibt bislang keine Untersuchungen, seit wann, in welchem Ausmaß, in welchen Textzusammenhängen und bezogen auf welche Begriffe dieser Typ Kongruenz auftritt. Ein Vergleich mit älteren Texten mit mehr maskulinen Formen könnte einen Sprachwandel zeigen. Ein anderer Aspekt bezieht sich auf belebte Bezugsnomen im grammatischen Neutrum, aber mit weiblicher SemantikSemantik, -isch, die vermehrt feminin aufgenommen werden, vgl. das Mädchen von nebenan ist der Gewinner/die Gewinnerin des Wettbewerbs.
5.8 Literatur
Diewald/Steinhauer (2017) bieten einen übersichtlichen und gut verständlichen Überblick über die sprachsystematischen Grundlagen. Zur Vertiefung eignen sich beispielsweise Samel (2000), Bußmann/Hellinger (2003), Kotthoff et al. (2018). Vor- und Nachteile der Möglichkeiten bespricht Henning (2016). Zur Geschichte des generischen Maskulinums vgl. Doleschal (2002), Irmen/Steiger (2005). Kurze Darstellungen der Situation zum Ende des letzten Jahrhunderts aus Sicht verschiedener deutschsprachiger Länder stammen von Doleschal (1998), Peyer/Wyss (1998), Schoenthal (1998), Trempelmann (1998). Diewald/Steinhauer (2017) diskutieren die verschiedenen Möglichkeiten gendergerechter Sprache und die damit verbundenen Probleme und bieten Formulierungshilfen. Argumentationshilfen bei Einwänden stellen auch Tanzberger/Schneider (2007) oder Schneider et al. (2011) zusammen. Zu sprachpolitischen Maßnahmen und Umsetzungen in Österreich vgl. Wetschanow/Doleschal (2013), in der Schweiz vgl. Elmiger et al. (2017). Zu Widerständen gegen Gleichstellungsarbeit und gendergerechte Sprache vgl. u.a. Hayn/Marx (2019), für Österreich Wetschanow/Doleschal (2013). Die textlinguistisch ausgerichtete Studie von Pettersson (2011) untersucht die konkrete Verwendung generischer Maskulina in Abhängigkeit von Textsorte, Ko- und KontextKontext.
Die meisten Institutionen haben mittlerweile Leitfäden zu gendergerechter Sprache zusammengestellt, die Vorschläge, Formulierungs-, aber auch Argumentationshilfen und Verhaltensratschläge enthalten. Eine Sammlung findet sich z.B. unter http://www.forschungsnetzwerk.at/downloadpub/gender_budget__leitfaden_checklisten.pdf. Wetschanow (2017) gibt eine kritische Zusammenstellung. Harnisch (2016) macht auf Fehler aufmerksam (der Studierende statt der Student ist keine Verbesserung).
6. Studien zum Einfluss von Sprache auf Denken und Handeln
6.1 Das Problem sprachlicher AsymmetrienAsymmetrie
Wie erwähnt weist das Deutsche auf der Ebene des Sprachsystems zahlreiche AsymmetrienAsymmetrie auf. Vor allem: Die männliche Form ist die unmarkierte, neutraleNeutralform bzw. „normale“. Daher sind Frauen sprachlich weniger repräsentiert. Diese Unausgewogenheit fördert die Benachteiligung von Frauen und verstärkt die im Denken verankerten Stereotype (Kap. 7). Hier wirkt auch die Lebenserfahrung mit hinein. Wer häufig Mitglieder einer Gruppe mit bestimmten Eigenschaften erlebt, überträgt diese Eigenschaften auf alle Mitglieder der Gruppe, besonders, wenn sie auffällig und/oder unangenehm sind. Ein Stereotyp entsteht oder wird verstärkt. Lange wurde der benachteiligende Einfluss sprachlicher Asymmetrien lediglich angenommen, was zu erstaunlich intensiver Ablehnung sowohl der These als auch der Maßnahmen führte (und führt). In diesem Kapitel soll nun die psycholinguistischePsycholinguistik, -isch Forschung zu Wort kommen, die dem tatsächlichen Zusammenhang zwischen Sprache und Denken vor allem anhand des generischen Maskulinums nachgeht. Viele der Ansätze und Experimente sind dabei so konzipiert, dass sie sich auch im Rahmen von Abschlussarbeiten umsetzen lassen. Relevant sind solche Studien, weil sie zeigen, dass asymmetrische Sprache nicht nur ungerecht, sondern auch verletzend oder schädlich ist.
Seit einigen Jahren gibt es Studien, die den Einfluss von grammatischen Strukturen und von Lexik auf das Denken erforschen. Sie gehen dabei auch der Frage nach, ob die eigentlich rein grammatische Kategorie GenusGenus nicht doch kognitivKognition, kognitiv-semantischSemantik, -isch belegt ist und ob bei der Dekodierung der Zusammenhang zwischen Genus und Sexusbiologisches Geschlecht, Sexus relevant wird. Verstehen wir das generische Maskulinum also tatsächlich neutral wie stets propagiert? Interpretieren wir es maskulin? Oder ist es unklar und wir meinen manchmal Frauen mit, manchmal nicht? Dann wären KontextKontext und Vorwissen für eine Entscheidung mit verantwortlich. Eine derartig mehrdeutige Form führt aber in jedem Fall zu Missverständnissen. Wenn Frauen tatsächlich automatisch mitgemeint sind, müssten wir das kognitiv nachvollziehen können. Es geht also zunächst darum zu prüfen, was die Menschen bei einer generisch maskulinen Form denken: Evoziert sie gleich häufig männliche wie weibliche Bilder oder eher nur männliche? Nachweisbare signifikante Ungleichheiten führen zu der nächsten Aufgabe, nämlich herauszufinden, wie diese sprachliche Ungleichheit korrigiert werden kann. Es geht also sowohl um Wirkung als auch um Alternativen.
Eine weitere Frage beschäftigt sich damit, ob die Interpretationen der Maskulina auf einer asymmetrischen sprachlichen Darstellung beruhen oder ob weitere Aspekte wie Erfahrung und Stereotype mit einfließen. Schließlich sind auch die realen Auswirkungen asymmetrischer Assoziationen für die Debatte zu gendergerechter Sprache zu bedenken, weil sie eine breite Auseinandersetzung und praktische Umsetzung von Verbesserungsvorschlägen nach sich ziehen müssen.
Die Untersuchungen der PsycholinguistikPsycholinguistik, -isch haben damit Auswirkungen nicht nur auf Genderdebatten und Genderfairness, sondern auch auf unsere Vorstellungen von sprachlicher Relativität und, auf lange Sicht, auf die sprachlichen Möglichkeiten der Manipulation und Diskriminierung, nicht nur von Frauen.
6.2 Experimente zur Interpretation asymmetrischer Sprache
6.2.1 Generisches Maskulinum im Deutschen
Zur Frage nach dem Verständnis maskuliner Formen als neutralNeutralform oder männlich gab es verschiedene Forschungsszenarien, die sich über die Zeit hin verbesserten und verfeinerten. Eines der ersten Experimente, das die mentalen AsymmetrienAsymmetrie darlegte, stammt von Moulton et al. (1978) für das Englische. Dann konnte Klein (1988) Kalverkämpers u.a. (Kap. 2.4) theoretische Überlegungen entkräften, als er zeigte, dass GenusGenus und Sexusbiologisches Geschlecht, Sexus bzw. Sprachsystem und -verwendung durchaus etwas miteinander zu tun haben, da das männliche Genus bei PersonenbezeichnungenPersonenbezeichnung nicht neutral, sondern überwiegend auf Männer referierend verwendet wird. Seine Studie mit insgesamt 290 Versuchspersonen zeichnet sich durch ein einfaches und gut nachvollziehbares Forschungsdesign aus. Die Versuchspersonen bekamen kurze Texte mit einem Einleitungssatz mit generischem Maskulinum und einem Folgesatz mit einer Lücke, in die ein Vorname oder ein Titel einzusetzen war, vgl. „Die Wähler unseres Stadtteils gingen dieses Jahr erstmals in der neuen Grundschule zur Wahlurne. (Anrede: … / Vorname: … ) Schmidt konnte den richtigen Raum nicht finden“ (ibd.: 314). Dazu gab es Aufgaben zum Ablenken wie „Mein Freund beschwerte sich bei der Stadtverwaltung: a) ‚Der Autolärm ist unerträglich!‘ b) ‚Sauerei, dieser Krach von den Autos!‘“ (ibd. 313). Als CoverstoryCoverstory wurde den Proband/innen mitgeteilt, es ginge in der Studie um stilistische Aspekte im Umgang miteinander, so dass möglichst wenige den Sinn der Studie durchschauen konnten. Denn das hätte die Ergebnisse verfälscht. Da die Thematik oft emotionale Reaktionen hervorruft und viele Menschen eine vorgefasste Meinung dazu haben oder voreingenommen sind, ist besonders auf die Verwendung von DistraktorenDistraktoren zu achten, die den eigentlichen Zweck der Untersuchungen verschleiern. In Nachgesprächen wurden diejenigen, die das Thema erkannt hatten, ermittelt und die Beiträge aussortiert. Auch dies ist wichtig, um die Qualität der Ergebnisse nicht zu gefährden. Schließlich fanden bei dieser Studie auch nichtsprachliche Faktoren Berücksichtigung. Denn erstens sollten die KontexteKontext möglichst neutral sein wie beim Szenario Schule, zweitens auch die Personenbezeichnungen (Einwohner, Schüler, Bürger, Leser, Kunden, Wähler). Beides sollte sich auf erfahrungsgemäß nicht männlich dominierte Bereiche beziehen.
Im ersten Teil mit generischem Maskulinum (Wähler) überwogen die maskulinen Antworten deutlich, bis zu 81 %. An der zweiten Studie nahmen neue Versuchspersonen teil. Nun enthielten die Sätze aus Test A BeidnennungenBeidnennung (Wählerinnen und Wähler). Trotzdem aber verteilten sich die Antworten nicht gleich. Immer noch überwogen männliche Namen bzw. Titel, wenn auch mit etwas niedrigeren Werten. Darüber hinaus beobachtete Klein im Teil B, dass es zu einem fast ausgewogenen Verhältnis kam in Situationen, in denen eher mehr Frauen agieren wie beim Einkaufen. Auch im Fall von Schülerinnen und Schüler war im Gegensatz zu Test A, bei dem zu 20 % weiblich interpretiert wurde, nun das Verhältnis ausgewogen, wahrscheinlich, weil die männliche Form bereits als geschlechtsspezifisch interpretiert wird. Das bedeutet, so Klein, dass stereotype und erfahrungsbedingte kognitiveKognition, kognitiv Faktoren bei den Entscheidungen eine Rolle spielen und das generische Maskulinum einen eindeutig verstärkenden Einfluss hat. Weitere PronominaPronomen in den Beispieltexten könnten die männliche Lesart verstärken (Kotthoff et al. 2018: 100). Die Benachteiligung der Frauen durch das generische Maskulinum ist nachweisbar, trotz allem aber nicht rein sprachlich bedingt. Die Schwierigkeit liegt darin, diese Aspekte voneinander zu trennen.
Auch Scheele/Gauler (1993) ließen Versuchspersonen Sätze mit Lücken ausfüllen („Wissenschaftler von Bedeutung wählen ihre Probleme, wie sie ihre ____ wählen“). Bei dieser sehr freien Entscheidungsmöglichkeit kommen jedoch zu viele unspezifische Antworten (Deo, Schuhe) im Vergleich zu solchen, die Rückschlüsse auf ein gedachtes Konzept Frau/Mann erlauben (Rasierwasser oder Frauen als Hinweis auf die Männerkategorie). Auch ist der interpretatorische Anteil zu hoch. Trotzdem war die Deutung des Testwortes Wissenschaftler als männlich klar erkennbar. Alternative Formulierungen führen zum gedanklichen Einbezug von Frauen, wenn sie explizit sind (statt Wissenschaftler: Männer wie Frauen im Gegensatz zu Mensch oder Individuum).
Bei Irmen/Köhncke (1996) sollten die Proband/innen anhand von Sätzen mit genusvariierenden PersonenbezeichnungenPersonenbezeichnung spontan und unter Zeitdruck entscheiden, welchem Sexusbiologisches Geschlecht, Sexus, m. oder f., die bezeichneten Personen angehören. Die Autorinnen verwendeten 76 Sätze wie „Ein Student kann Bafög beantragen“ oder „jemand hat eben das letzte Brot gekauft“ (ibd.: 165), außerdem 124 Sätze als DistraktorenDistraktoren, also mit einem anderen Thema, z.B. „Eine Forelle ernährt sich von Insekten“ oder „Das Bier ist unterwegs warm geworden“. Hier ging es entsprechend um andere Kategorien. Außerdem wurde den Versuchspersonen gesagt, die Studie beschäftige sich mit der Reaktionsschnelligkeit bei den Antworten. Beides sollte die Teilnehmer/innen wieder vom eigentlichen Gegenstand der Studie ablenken. Für die Sätze mit Personenbezeichnungen wurden bewusst keine Berufe gewählt, in denen überwiegend Männer arbeiten, um Kontexteffekte zu vermeiden. Es zeigt sich:
Auch in gezielt geschlechtsneutralgeschlechtsneutralen Zusammenhängen wird das generische Maskulinum männlich verstanden.
Für Braun et al. (1998) lasen die Versuchspersonen Texte zu einem Thema mit entweder generischen Maskulina, BeidnennungenBeidnennung oder NeutralformenNeutralform, vgl. Wissenschaftler – Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler – wissenschaftlich Tätige. Die Texte verwendeten eine ablenkende CoverstoryCoverstory und berücksichtigten Faktoren wie Ko- und KontextKontext. Dazu bestimmten andere Versuchsteilnehmer/innen zunächst Berufs- und Sportgruppen als eher männlich (Geophysik, Hockey), weiblich (Ökotrophologie, Gymnastik) oder neutral (Badminton) konnotiert. So entstand beispielsweise ein Zeitungstext über eine wissenschaftliche Veranstaltung mit Begriffen wie Geophysiker und Teilnehmer und weitere Texte mit verschiedenen Verbindungen der alternativen Formen, was die Möglichkeit einer Kreuzqualifikation von Sprache und Kontext eröffnete. Die Versuchspersonen erhielten verschiedene Fragen zum Text als DistraktorenDistraktoren. Nebenbei sollten sie den Frauenanteil der im Text genannten Personengruppen schätzen. Es zeigte sich u.a., dass sogar im typischen Frauenkontext bei Neutralformen der Frauenanteil deutlich niedriger beurteilt wurde als der der Männer (47,81 vs. 60,03 %). Frauen schätzten gegenüber den Männern bei den Beidnennungen mehr Frauen als bei den maskulinen Formen. Der männliche Kontext führte im Maskulinum zum höchsten Männeranteil, bei den Neutralformen war er geringer, bei den Beidnennungen noch geringer. Aber die Schwankungen der geschätzten Frauenanteile waren groß. Die Schlussfolgerungen entsprechen denen der Studie Kleins. Bei vermeintlich neutralen Endungen (Studier-ende) kann der Kontext eine ausschlaggebende oder sogar dominante Rolle spielen.
Neutrale FormulierungenNeutralform rufen keine Verbesserungen in der Wahrnehmung hervor und stellen somit keine Alternative dar. Tendenziell entscheiden sich erwachsene männliche Versuchspersonen etwas mehr für maskuline Interpretationen.
Auch Heise (2000) wollte einerseits die Wirkung der männlichen Form, andererseits die verschiedener Alternativen testen. Ihre insgesamt 150 Versuchspersonen hatten zu einer Person, die in einem Satz vorgegeben wurde, eine schriftliche Beschreibung zu verfassen und einen Namen zu vergeben. Die Form der Vorgabe wurde variiert zwischen generischem Maskulinum, Binnen-IBinnen-<i>I</i>- und SchrägstrichSchrägstrichvarianten, vgl. Vegetarier, VegetarierInnen, Vegetarier/innen, sowie einer geschlechtsneutralen Form (Kinder). Keine der Versuchspersonen erkannte die Absicht der Untersuchung. Wieder erwies es sich, dass das generische Maskulinum männlich interpretiert wird. Neutrale Varianten ergaben mehr männliche Konkretisierungen. Die Form mit dem Binnen-I führte zu einer Frauendominanz, Schrägstrichvarianten zu einer Gleichverteilung. Männer interpretierten die Formen insgesamt häufiger männlich als Frauen.
Stahlberg et al. (2001) baten in ihrer Studie um drei Namen von Politikern, Sportlern, Sängern etc. Neben dem generischen Maskulinum verwendeten sie die BeidnennungBeidnennung (Politikerinnen und Politiker) oder die Variante mit dem Binnen-IBinnen-<i>I</i> (PolitikerInnen) bei der Frageformulierung. Das generische Maskulinum ergab hauptsächlich Männernamen, die Beidnennung führte zu mehr Frauennamen, die I-Variante bevorzugte noch stärker die Frauenantworten. Weibliche Versuchspersonen führten insgesamt mehr Frauennamen auf. Ähnlich fragten Braun et al. (2002) nach dem Lieblingssportler oder Lieblingsromanhelden und zählten, wie häufig Männer und Frauen als Antwort genannt wurden.
In allen Studien interpretierten die Versuchspersonen die maskuline Form überwiegend männlich (vgl. auch Rothmund/Scheele 2004, Gabriel/Mellenberger 2004, Irmen/Roßberg 2004, Kusterle 2011). Dazu kommt, dass die Entscheidung weiblich bei einem generischen Maskulinum länger dauert im Vergleich zur Entscheidung männlich und auch im Vergleich zu weiblich bei einer femininen Form (Irmen/Köhncken 1996, Stahlberg/Sczesny 2001).
Das generische Maskulinum kann keinesfalls als geschlechtsneutralgeschlechtsneutral gelten, denn es führt eindeutig zu einem geringeren gedanklichen Einbezug von Frauen. Neutrale FormNeutralformulierungen rufen ebenfalls bevorzugt männliche Assoziationen hervor, die I-Schreibweise bevorzugt weibliche. BeidnennungenBeidnennung erhöhen den gedanklichen Frauenanteil.
Eine durchaus interessante Beobachtung stammt von Rothmund/Scheele (2004), die feststellten, dass eine Fußnote, die die maskuline Form als Vereinfachung charakterisiert, aber natürlich Frauen mitmeint, zu einer noch stärkeren Assoziation der generischen Maskulina mit Männern führt.
Der Hinweis, aus ökonomischen und lesetechnischen Gründen auf geschlechtergerechte Formulierungen zu verzichten, ist kontraproduktiv und sollte vermieden werden.
Schließlich sei noch auf Arbeiten verwiesen, die die Behauptung widerlegen, Alternativformen würden den Lesefluss und die Rezeption von Texten stören. Denn gendergerechte Sprache in beispielsweise informierenden bzw. Gesetzestexten erschwert das Verständnis nicht (Rothmund/Christmann 2002, Braun et al. 2007, Blake/Klimmt 2010, Steiger-Loerbroks/von Stockhausen 2014). Männliche Teilnehmer empfanden die Textversion mit generischem Maskulinum als verständlicher, obwohl sie sie genauso gut verarbeiteten wie die Alternativtexte. Die schlechtere Verständlichkeit war also rein subjektiv (Braun et al. 2007). Dieses viel zitierte Argument gegen gendergerechte Sprache ist mithin widerlegt.
Alternativformen erschweren die Textrezeption nicht.
Oelkers (1996, vgl. auch Bülow 2017: 243f.) beschäftigte sich nicht mit Personen- bzw. Berufsbezeichnungen, sondern mit rückverweisenden PronominaPronomen. Sie wollte wissen, wie ihre 74 Versuchspersonen bei einem Sexusbiologisches Geschlecht, Sexus-GenusGenus-Konflikt entscheiden. Die These der Gegner/innen der Feministischen LinguistikFeministische Linguistik lautete ja u.a., es gäbe keinen Zusammenhang zwischen Sexus und Genus. Wenn das zutrifft, sollte in Konfliktsituationen ausschließlich grammatisch entschieden werden, etwa bei Texten wie „Elizabeth Taylor plant den achten Gang zum Traualtar. Auf einer Prominentenparty in Beverly Hills gab der Filmstar offiziell … (seine/ihre) Heiratsabsichten bekannt […]“ (Oelkers 1996: 8). Zu den Versuchspersonen zählten bewusst keine Linguistikstudierenden. Sie entschieden zu 70,9 % der Fälle biologisch (Elizabeth – Filmstar: sie). Aufgrund dieses hohen Wertes dürfte das Prinzip, die Kongruenz biologisch zu wählen, sehr ernst zu nehmen sein. Als weiteres Ergebnis hielt die Autorin fest, dass mit mehr PronominaPronomen für ein Bezugswort in längeren syntaktischen Abschnitten die biologischen Entscheidungen zunahmen. Beides bedeutet, dass Genus und Sexus sicher nicht unabhängig voneinander wirken, sondern sich im Falle von Personennamen und Pronomina systematisch aufeinander beziehen und dass häufigere grammatisch motivierte Pronominalisierungen das Wirken des generischen Maskulinums als männlich noch verstärken, da hier normalerweise eben nicht grammatisch (weiblicher Name … der Gast …, er …), sondern biologisch (weiblicher Name … der Gast …, sie …) gedacht wird. Insgesamt kommt dem KontextKontext hier eine wichtige Rolle zu (Bülow 2017: 244).
Bei den meisten dieser Experimente ist es etwas problematisch, dass die Versuchspersonen fast immer Studierende waren, zumeist des Faches Psychologie. Sie sind nicht als repräsentativ für den Bevölkerungsdurchschnitt zu sehen, denn sie sind gebildet, in der Regel in den Zwanzigern und gehen, vor allem im Fall von Studierenden der Psychologie, routiniert mit der Experimentalsituation um. Weiterhin bilden Studien, bei denen sich die Versuchspersonen zwischen einer weiblichen und einer männlichen Form entscheiden müssen, nicht ab, inwiefern Frauen „mitgemeint“ sind. Stahlberg/Sczesny (2001) merken darüber hinaus an, dass negative KontexteKontext wie Versagen oder Straftaten bisher kaum untersucht wurden (2001). Die Versuchsgruppen, Reiztypen und Kontexte sind in Zukunft zu erweitern. Trotz allem – die Ergebnisse sprechen dafür, dass Frauen im generischen Maskulinum unterrepräsentiert sind, daher sollte eine Gesellschaft, in der Männer und Frauen gleichberechtigt sind und sein sollen, das generische Maskulinum aufgeben.
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