Kitabı oxu: «Psychologie für Schiedsrichter»
Psychologie für Schiedsrichter
Allgemeine Hinweise
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HILKO PAULSEN
Psychologie für Schiedsrichter
Souverän urteilen und entscheiden
• Stressmanagement • Persönlichkeitsentwicklung • Interaktion auf dem Platz
Meyer & Meyer Verlag
Psychologie für Schiedsrichter
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© 2021 by Meyer & Meyer Verlag, Aachen
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ISBN 978-3-8403-7736-5
eISBN 978-3-8403-3762-8
E-Mail: verlag@m-m-sports.com
www.dersportverlag.de
Inhalt
Vorwort
1 Einführung
1.1 Anforderungen auf dem Platz
1.2 Psychologie – die Wissenschaft vom Erleben und Verhalten
1.2.1 Beschreiben, Erklären, Vorhersagen und Beeinflussen – Aufgaben der Psychologie
1.2.2 Der Schiedsrichter – Psychologe auf dem Platz
2 Entscheiden – Ablauf mehrerer mentaler Prozesse
2.1 Wahrnehmungsprozesse
2.1.1 Wahrnehmung ist selektiv und subjektiv
2.1.2 Warum Aufmerksamkeit blind macht
2.1.3 Das Gehirn ergänzt fehlende Puzzleteile
2.1.4 Lauf- und Stellungsspiel im Dienst der Wahrnehmung
2.2 Urteilsprozesse
2.2.1 Das Linsenmodell – Entscheidungen durch die Linse
2.2.2 Zuschauer und Spielergeschrei – Fehlschlüsse beim Urteilen
2.2.3 Entscheidungen optimieren
2.2.4 Mentale Mediathek aufbauen
2.2.5 Kalibrierung der persönlichen Linie im Spiel
2.3 Game Management – mehr als eine Entscheidung
2.3.1 Ein Unterschied: Akkurate und adäquate Entscheidungen
2.3.2 Schwellenmodelle der Entscheidung
2.3.3 Spielcharakter
3 Kommunikation
3.1 Kommunikationsaxiome von Paul Watzlawick
3.1.1 Man kann nicht nicht kommunizieren!
3.1.2 Jede Kommunikation hat einen Sach- und einen Beziehungsaspekt
3.1.3 Kommunikation ist ein Kreislauf
3.1.4 Es gibt verbale und nonverbale Kommunikation
3.1.5 Kommunikation verläuft symmetrisch oder komplementär
3.2 Sender-Empfänger-Modell
3.2.1 Unklarheit durch fehlende Zeichen
3.2.2 Unklarheit durch zu kurze Zeichen
3.2.3 Unklarheit durch fehlende Erklärung
3.2.4 Rückkopplung: Reaktionen beobachten und beachten
3.2.5 Mit Außenwirkung – mehr als ein Empfänger
3.3 Das Kommunikationsquadrat
3.3.1 Die Sachebene – Klarheit über die Entscheidung
3.3.2 Die Selbstoffenbarung – einen Eindruck hinterlassen
3.3.3 Die Beziehungsebene – eine Frage des Miteinanders
3.3.4 Appelle – Aufforderungen, etwas zu tun oder zu lassen
3.3.5 Empfänger hören mit verschiedenen Ohren
4 Konflikte und Konfliktmanagement
4.1 Konfliktarten und -anzeichen
4.2 Konfliktursachen
4.3 Konfliktdynamiken
4.4 Umgang mit Konflikten
5 Persönlichkeit und Persönlichkeitsentwicklung
5.1 Persönlichkeitsmodell und -unterschiede
5.1.1 Faktorenmodell der Persönlichkeit – die Big Five
5.1.2 Persönlichkeitsunterschiede zwischen Spielklassen
5.1.3 Kompetenzen für die Spielleitung
5.1.4 Persönlichkeit im Spiegel der Kommunikation mit Spielern und Offiziellen
5.2 Persönlichkeits- und Kompetenzentwicklung
5.2.1 Acht Komponenten des Lernens in der Praxis
6 Motivation
6.1 Die Entstehung von Motivation
6.1.1 Person und Situation
6.1.2 Motivation von innen und von außen
6.1.3 Erwartungen und Wert
6.2 Persönlichkeit und Motivation
6.2.1 Zwei Arten der Leidenschaft
6.2.2 Leistung, Macht und Anschluss
6.3 Motivationsdynamiken – hoch und tief
6.3.1 Vom Wünschen und Wollen
6.3.2 Flow-Erleben
7 Stress
7.1 Stress – ein Zusammenspiel von Anforderungen und Bewältigungsmöglichkeiten
7.1.1 Stress und die Rolle von Bewertungen
7.1.2 Stressspirale – wenn sich Stress hochschaukelt
7.2 Umgang mit Stress
7.2.1 Instrumentelle Ansätze
7.2.2 Mentale Ansätze
7.2.3 Erholung
8 Training im Kopf: Psychologisches Training
8.1 Grundsätze und Ziele des psychologischen Trainings
8.2. Selbstgesprächsregulation
8.3 Vorstellungstraining
8.3.1 Vorstellung einfacher Bewegungen
8.3.2 Vorstellung komplexer Handlungen
9 Teamarbeit
9.1 Merkmale der Teamarbeit – wie Teams sich unterscheiden
9.2 Teamprozesse – was die Leistung fördert, was sie reduziert
9.3 Teamentwicklung – zusammenwachsen und zusammen wachsen
10 Psychologie der Beobachtung
10.1 Beobachtung als Prozess der Urteilsbildung
10.2 Akzeptanz von Beobachtungen
10.3 Umgang mit Beobachtungen
10.3.1 Vor dem Spiel
10.3.2 Während des Spiels
10.3.3 Nach dem Spiel
Anhang
1 Literaturverzeichnis
2 Bildnachweis
Vorwort
Der Schiedsrichter soll dem Regelwerk Geltung verschaffen. Um dies zu tun, trifft der Schiedsrichter Entscheidungen und kommuniziert diese. Zum Teil werden diese Entscheidungen unter hohem Druck getroffen. Ein Schiedsrichter muss daher mit Stress umgehen können. Für viele Schiedsrichter ist die Tätigkeit auch Teil der eigenen Persönlichkeit. Die Erfahrungen als Spielleiter prägen die Persönlichkeitsentwicklung.
Dies war auch bei mir so. Schiedsrichter bin ich seit 2002. Allerdings pfiff ich bereits in der Grundschule Spiele auf dem Pausenhof, weil ich zufällig einmal eine Trillerpfeife mithatte und mir die Aufgabe gefiel. Um an einem Anwärterlehrgang teilzunehmen, war ich allerdings noch zu jung. Nach einem Ausflug in die Leichtathletik holte ich dies acht Jahre später nach.
Am Schiedsrichterwesen hat mich von Beginn an fasziniert, dass der Schiedsrichter nicht nur körperlich, sondern vor allem auch mental gefordert ist. So begann ich dann – auch beeinflusst durch das Pfeifen –, Psychologie zu studieren. Noch im ersten Semester begann ich das Wissen auf die Schiedsrichterei zu übertragen, indem ich einen Vortrag im Perspektivteam des Fußballverbands Mittelrhein hielt, dem ich damals als aktiver Schiedsrichter angehörte.
Ein besonderer Dank gilt an dieser Stelle dem damaligen Leiter Markus Müller, der mir die Möglichkeit gab, einen Vortrag zu halten und damit, ohne es zu wissen, auch den Weg zu diesem Buch ebnete. Das Buch ist das Ergebnis der Auseinandersetzung mit Schiedsrichterforschung und der praktischen Tätigkeit in der Nachwuchsförderung.
Bedanken möchte ich mich auch bei Alex Feuerherdt, Frederick Assmuth, Ronald Schober und Jens Goldmann für die Beiträge in Form von Interviews, die in Exkursen wiederzufinden sind. Ein besonderer Dank gilt den Schiedsrichterkollegen Christoph Hamer, Hannes Göldenitz, Niklas Bahr, Florian Hiller, Maik Chamier-Gliszczynski, Joel Hannemann, Jonathan Sterner, Rene Rose und Johannes Schmidt für das Feedback während des Schreibprozesses. Heide Gliss danke ich für die Korrekturen. Alexa Deutz danke ich für die Betreuung beim Meyer & Meyer Verlag.
1 Einführung
1.1 Anforderungen auf dem Platz
Schiedsrichter sind körperlich und mental gefordert. Sie treffen eine Reihe von Entscheidungen auf dem Platz. Doch wie viel Prozent einer Spielleitung sind Kopfsache? Schätze doch einmal und schreibe einen Wert von 0 bis 100 % auf den Zettel! Am besten bevor du weiterliest.
Zu was für einem Ergebnis bist du gekommen? Vielleicht ist der Wert bereits hoch und liegt bei 50 % oder sogar weit darüber. Dann wird dich Folgendes vielleicht wenig überraschen und in deiner Einschätzung, dass Pfeifen auch Kopfsache ist, bestätigen. Vielleicht ist der Wert aber auch niedriger und liegt unter 50 %. Dann bin ich gespannt, was du nach dem Lesen der folgenden Abschnitte denkst. Diese sollen einen kleinen Eindruck von den Anforderungen geben, die mit der Schiedsrichtertätigkeit verbunden sind.
Als Schiedsrichter triffst du viele Entscheidungen während einer Spielleitung. Eine Analyse der Europameisterschaften 2004 zählte 137 beobachtbare und 60 nicht beobachtbare Entscheidungen eines Schiedsrichterteams (Helsen & Bultynck, 2004). Setzt man dies zur Nettospielzeit in Relation, trifft der Schiedsrichter alle 15-20 Sekunden eine Entscheidung. Für die Entscheidung selbst bleiben auch nur wenige Sekunden (vgl. Raab, Avugos, Bar-Eli & Mac-Mahon, 2020). Du nimmst eine Situation wahr, beurteilst sie im Kopf und fügst in Sekundenschnelle alle Informationen zusammen, um eine Entscheidung zu treffen und diese dann auch zu kommunizieren. Das Zeitfenster für die Entscheidung ist eng. Die Situationen oft nicht eindeutig.
Stelle dir einmal folgendes Szenario vor: Du leitest als Schiedsrichter ein Spiel. Es steht unentschieden und es läuft bereits die Nachspielzeit. Du schaust auf die Uhr. In nicht einmal einer Minute ist Schluss. Bleibt es bei einem Unentschieden, dann steigen beide Mannschaften ab. Gewinnt eine Mannschaft, hält sie die Klasse.
Ein Angriff der Gäste wird nun abgefangen. Es kommt zum Konter: zwei gegen zwei. Du sprintest. Ein Angreifer – der Gastgeber – dringt in den Strafraum ein. Es kommt zum Zweikampf mit dem Torhüter. Der Angreifer geht zu Boden. Foul oder kein Foul? Du musst nun eine Entscheidung treffen – es spielt keine Rolle, wie gut du die Situation beobachtet hast. Als Schiedsrichter kannst du keiner Anforderung so einfach entfliehen. Das macht es auch schwer, auf dem Platz die richtigen Entscheidungen zu treffen.
Von außen betrachtet, erscheint der Job des Schiedsrichters oft spielend leicht. „Das muss der doch sehen. Warum pfeift der nicht?“, ist dann am Spielfeldrand zu hören. Leichter gesagt, als getan. Auf dem Platz ist die Perspektive eine andere. Der Schiedsrichter trägt die Verantwortung und muss binnen kurzer Zeit eine Entscheidung treffen, die korrekt ist und nach Möglichkeit auch die Akzeptanz bei Spielern, Offiziellen und Zuschauern findet. Als Schiedsrichter reicht es nicht aus, sehr gut zu sein, man muss immer dann sehr gut sein, wenn es darauf ankommt – eine typische mentale Anforderung von Leistungssportlern (vgl. Eberspächer, 2011).
Im Beispiel oben hängt von deiner Entscheidung als Schiedsrichter der Klassenerhalt einer Mannschaft ab. Deine Entscheidung hat Konsequenzen für andere. Im Regelwerk spielen die Konsequenzen keine Rolle: Ein Foul ist ein Foul. Doch Konsequenzen beeinflussen bewusst oder unbewusst den Schiedsrichter und seine mentale Verfassung auf dem Platz. Es ist etwas anderes, ein Vorbereitungsspiel zu pfeifen als ein Pokalfinale. Ein Spiel um die „Goldene Ananas“ ist (zumeist) leichter als der Abstiegskampf am letzten Spieltag.
So manch ein talentierter Nachwuchsschiedsrichter erweckte bei einer bedeutsamen Spielleitung den Eindruck, als habe er neben sich gestanden. Dieses Phänomen ist aus anderen Sportarten bekannt: Dort gibt es Trainingsweltmeister, denen im Training alles gelingt. Im Wettkampf unter Druck können sie jedoch die Leistungen nicht abrufen (Baumeister, 1984).
Konsequenzen führen dazu, dass Entscheidungen unter Druck getroffen werden müssen. Als Schiedsrichter musst du auch unter Druck souverän urteilen und entscheiden. Dies erfordert auch ein Stressmanagement.
Zeitdruck kann nicht nur auf dem Fußballplatz Stress auslösen. Auf dem Platz gibt es weitere Stressoren: Konflikte zwischen Spielern, Kommentare von Spielern, Trainern und Zuschauern sowie eigene Ansprüche an sich selbst, möglichst keinen Fehler zu machen, können den mentalen Druck weiter erhöhen und einen Schiedsrichter in eine Stresssituation bringen.
Greifen wir das Beispiel von oben wieder auf. Gleiches Szenario: Die letzte Minute der Nachspielzeit läuft. Es steht 1 : 1. Bleibt es dabei, steigen beide ab. Wer gewinnt, der hält die Klasse. Nun ist es aber ein Gästestürmer, der im Duell mit dem Torwart der Heimmannschaft zu Fall kommt. Du hast eine leichte Berührung gesehen. Der Torwart streift mit seiner Hand das Standbein. Der Stürmer kann weiterlaufen, gerät aber ins Straucheln, kann kaum das Gleichgewicht halten und fällt dann demonstrativ zu Boden.
Dir schießt vermutlich eine Frage durch den Kopf: War der Kontakt ausschlaggebend, damit der Spieler zu Fall kommt? Idealerweise beantwortest du für dich diese Frage schnell. Dir bleibt nicht viel Zeit, um nachzudenken.
Oft haben Schiedsrichter daher ein intuitives Gefühl. Im Gespann kannst du je nach Ort des Vergehens auch noch den Kontakt mit deinem Assistenten suchen. Je nach technischem Equipment kann es Funksignale, verdeckte Zeichen oder klare verbale Hinweise geben, die dich bestätigen oder nicht. Vielleicht schießt dir aber noch eine andere Frage durch den Kopf. Was ist, wenn ich jetzt den Strafstoß gebe? Was passiert dann? Eine derartige Frage führt schnell zu Zweifeln, die verunsichern. Die Folge kann sein, dass die Entscheidung – wie immer sie auch ausfällt – nicht so selbstbewusst wie nötig kommuniziert wird.
Zu viel über die Konsequenzen nachzudenken, schadet. Im schlimmsten Fall kann es zu Abwärtsspiralen kommen. Das ist meist der Fall, wenn im Spielverlauf Zweifel an vorangegangenen Entscheidungen aufgekommen sind. Nehmen wir einmal an, die strittige Strafstoßentscheidung ist nicht in der Nachspielzeit zu treffen, sondern bereits in den ersten zehn Minuten der Begegnung.
Dann kann es sein, dass das weitere Spiel den Schiedsrichter mental besonders fordert. Die Gedanken schweifen dann möglicherweise immer wieder ab. Sie sind dann nicht in der Zukunft bei den Konsequenzen, sondern in der Vergangenheit. Dann beginnt das Grübeln. War das richtig, vorhin weiterlaufen zu lassen?
Die Aufmerksamkeit wandert nach innen auf die eigenen Gedanken. Die Gefahr, dass dir dann auf dem Platz als Schiedsrichter etwas entgeht, steigt. Konzentrationsschwierigkeiten und Fehler können weitere Folgen sein. Verschärft wird dies dann, wenn du unter Beobachtung stehst. Dann kreisen die Gedanken zwischen Vergangenheit und Zukunft: „Habe ich einen Fehler gemacht? Wird der Fehler mich meine Klasse kosten?“
Als Schiedsrichter bedarf es hier einer Stressresistenz. Du musst auch in potenziellen Stresssituationen souverän urteilen und entscheiden. Besser noch, du kommst gar nicht in Stress, beugst Stress vor oder bewältigst aufkommenden Stress schnell und regulierst dich herunter. Die Reflexion von Stresssituationen, das Lernen aus Fehlern kann dazu führen, dass du künftige Stresssituationen besser meisterst. Das Gefühl, in Drucksituationen souverän geurteilt und entschieden zu haben, fördert die Stressbewältigungskompetenzen. Ein gelungenes Stressmanagement trägt auch zur Persönlichkeitsentwicklung bei (Kuhl, 2001).
Viele Schiedsrichter berichten, dass die Schiedsrichterei zur Persönlichkeitsentwicklung beigetragen hat. An die Rolle eines Schiedsrichters sind widersprüchliche Erwartungen gerichtet. Der Schiedsrichter kann es selten allen recht machen und muss dennoch unbeirrt handeln. Entscheidungen zu treffen, auch unter Druck, dies lernen Schiedsrichter mit der Zeit. Schiedsrichter werden so oft kompetenter und erleben, dass sie in ihrer Persönlichkeit reifen. Die Persönlichkeit wird vor allem aber auch durch kommunikative Anforderungen gefordert und idealerweise auch gefördert.
Als Schiedsrichter im Fußball bist du mittendrin, statt dabei. Du interagierst mit 22 Spielern und den Offiziellen. Gleichzeitig wirst du von Außenstehenden beobachtet. Die Schiedsrichtertätigkeit bietet so viele Lerngelegenheiten, den Umgang mit Menschen zu verbessern und sich Methoden anzueignen, um Konflikten zu begegnen. Die Persönlichkeit zeigt sich immer auch in der Interaktion mit Menschen – insbesondere in Stresssituationen.
Hier bietet die Psychologie Ansatzpunkte. Sie ersetzt nicht die eigene Erfahrung. Doch sie bietet dir Werkzeuge, mit denen du Erfahrungen reflektieren kannst. Doch was ist eigentlich Gegenstand der Psychologie?
1.2 Psychologie – die Wissenschaft vom Erleben und Verhalten
Die Psychologie ist die Wissenschaft vom menschlichen Erleben und Verhalten (Dorsch, Häcker & Becker-Carus, 2004). Das Erleben bezieht sich auf das, was in uns Menschen vorgeht. Dies sind vor allem Gedanken und Gefühle, die wir Menschen haben. Es geht dabei nicht nur um Abweichungen und Störungen, sondern um alltägliche Dinge. Entsprechend umfangreich sind die Berufsfelder von Psychologen, die sich von Psychotherapeuten und Psychiatern abgrenzen lassen (siehe Exkurs 1.1).
Menschliches Erleben und Verhalten ist auch auf dem Fußballplatz allgegenwärtig. Das Erleben fängt mit der Wahrnehmung und Beurteilung von Zweikämpfen an. Der Schiedsrichter erlebt ferner den Spielcharakter und schätzt diesen ein. Er erlebt sich vielleicht als konzentriert oder unkonzentriert. Spieler erleben eine Entscheidung möglicherweise als unfair und erleben Emotionen – oft Ärger oder Wut.
In Tab. 1.1 sind einige Beispiele für Erleben und Verhalten von Schiedsrichtern und Spielern dargestellt. Die Auswahl zeigt bereits, dass ein Fußballspiel viel mit Psychologie zu tun hat.
Tab. 1.1: Erleben und Verhalten auf dem Fußballplatz (Beispiele)
| Erleben | Verhalten | |
| Schiedsrichter | • Zweikampfbeurteilung (Foul/kein Foul) • Intensität der Foulspiele • Spielcharakter fair/unfair • (Un-)konzentriert sein („bei der Sache“ vs. „Abschweifen“) • Selbstsicherheit vs. Zweifel • Motivation (Lust vs. Unlust) • Emotionen (z. B. Ärger/ Freude nach Beobachtung) | • Entscheidungen • Nonverbales Verhalten (Gestik, Mimik) • Ansprachen durch Worte • Lauf- und Stellungsspiel • Blickkontakt im Gespann • Training in der Woche • Spielvorbereitung |
| Spieler | • Emotionen (z. B. Frust, Ärger) • Fairness von Entscheidungen • Erleben des Schiedsrichters als Person (z. B. kompetent, zuverlässig) • Erleben von Gegenspielern als fair oder unfair | • Zweikampfverhalten • (Nicht) zum Mitspieler abspielen • Shakehands mit Gegner • Den Gegner verbal angehen • Unmutsäußerungen gegenüber Schiedsrichter • Nonverbales Verhalten nach Entscheidungen, verlorenen Zweikämpfen |
Das Erleben umfasst neben der Wahrnehmung von Spielsituationen auch, wie Menschen sich selbst und andere Menschen wahrnehmen – also erleben. Beim Schiedsrichter kann das das Gefühl von Sicherheit sein oder aber Zweifel, die aufkommen. Bei Spielern das Erleben des Schiedsrichters und der Gegenspieler. Menschen erleben sich und andere.
Bei Spielen unter Beobachtung ist gerade dieser Abgleich sehr spannend.
• Wie hat der Schiedsrichter eine Situation wahrgenommen?
• Wie hat der Beobachter den Schiedsrichter erlebt?
• Welches Selbstbild hat der Schiedsrichter von seiner Leistung?
• Deckt sich dies mit dem Bild, das der Beobachter und die Assistenten von seiner Leistung haben, mit dem Fremdbild?
Der Abgleich setzt voraus, dass in einer Nachbesprechung darüber gesprochen wird. Denn grundsätzlich bleibt das Erleben anderen verborgen.
Manche Menschen denken, dass Psychologen in sie hineinschauen können und Gedanken lesen könnten. Dies trifft nicht zu. Psychologen können jedoch Vermutungen anstellen, die oft zutreffen, weil viele Menschen in vergleichbaren Situationen Ähnliches erleben. Auch können sie oft besser aus dem, was andere sagen, herausfiltern, was andere erleben. Doch das Erleben wird hier nur erschlossen, in die Köpfe gucken kann niemand. Für Außenstehende ist daher das Verhalten, das andere an den Tag legen, entscheidend.
Das Verhalten können wir beobachten. Hier geht es darum, was eine Person tut oder mehrere Personen tun. Auf dem Platz sind das unter anderem konkrete Entscheidungen. Der Schiedsrichter pfeift. Er entscheidet auf Strafstoß. Auf dem Platz passiert aber noch viel mehr.
Der Schiedsrichter spricht Spieler an. Er ermahnt sie. Dies macht er auf eine bestimmte Art und Weise: mal besonnen, mal energisch. Die Spieler foulen, regen sich auf, beruhigen sich usw. Abseits des Platzes gibt es auch ein breites Verhaltensrepertoire, das Schiedsrichter zeigen können. Schiedsrichter reflektieren sich mehr oder weniger. Schiedsrichter holen sich Feedback ein oder nicht. Schiedsrichter trainieren viel oder wenig.
Erleben und Verhalten sind natürlich nicht isoliert voneinander zu betrachten. Gedanken und Gefühle beeinflussen – mal mehr, mal weniger – das Verhalten.
Einstellungen führen zu Handlungsabsichten, die sich dann auch im Verhalten widerspiegeln (Ajzen, 1985). Wenn der Schiedsrichter denkt, dass eine Ermahnung nicht notwendig ist und er das Spiel ebenso mit einer Ansprache beruhigen kann, verzichtet er wahrscheinlich auf eine Verwarnung.
Nicht immer ist der Mensch jedoch so überlegt. Auch Gefühle spielen eine Rolle und können der Auslöser für ein Verhalten sein. Auf Schiedsrichter bezogen wären Entscheidungen dann beispielsweise impulsiver und weniger reflektiert (vgl. Raab et al., 2020).
Wie könnte sich das konkret auf dem Platz auswirken? Wenn ein Schiedsrichter bereits von einem Spieler genervt ist, dann kann es sein, dass dieser schneller zu einer Karte greift, wenn dieser erneut eine Entscheidung kritisiert. Unser Verhalten gibt uns zudem Rückschlüsse über unsere eigene Person und beeinflusst so unser Erleben.
Ein Schiedsrichter, der nach Spielen feststellt, dass er immer wieder in Spielen ein Späßchen mit Spielern macht, wird sich vermutlich eher als „Kumpeltyp“ erleben (Bem, 1972). Auch andere Menschen ziehen aus dem Verhalten Rückschlüsse auf innere Zustände. Wenn der Schiedsrichter kurz zögert, erleben ihn andere als unsicher.
Exkurs 1.1: Psychologe, Psychotherapeut, Psychiater
Psychologen werden oft mit einer Couch in Verbindung gebracht. Die Annahme ist, dass sie sich als „Seelenklempner“ um psychisch kranke Menschen kümmern.
Zu unterscheiden ist zwischen verschiedenen Berufsgruppen: den Psychologen, den Psychotherapeuten und den Psychiatern.
Psychologen haben ein Studium der Psychologie absolviert. Sie arbeiten in vielen Feldern, z. B. in der Wirtschaft, in Schulen oder im Sport. Sie beschäftigten sich vorrangig mit gesunden Menschen. Oft zielt ihr Handeln darauf ab, das Wohlbefinden, die Leistungsfähigkeit und -bereitschaft von Menschen zu fördern. Psychologen sind keine Ärzte. Sie therapieren auch nicht.
Ebenfalls keine Ärzte, jedoch therapeutisch tätig sind Psychotherapeuten. Psychologische Psychotherapeuten haben in der Regel Psychologie studiert. Sie haben zudem eine mehrjährige Zusatzausbildung, die es ihnen erlaubt, Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen zu therapieren. Sie unterstützen beispielsweise Menschen mit Depressionen, Suchterkrankungen oder traumatischen Erlebnissen, wie Gewalterfahrungen.
Psychiater haben Medizin studiert und haben eine mehrjährige Facharztausbildung. Sie betrachten vor allem körperliche Ursachen psychischer Störungsbilder und behandeln vorrangig mit Medikamenten.
Erleben und Verhalten von Menschen spielt immer eine Rolle, wenn Menschen irgendwo tätig sind. Auf dem Fußballplatz gibt es viele Menschen, die zusammenkommen. Entsprechend komplex wird das Erleben und Verhalten von Menschen. Die Psychologie als Wissenschaft nähert sich dem Ganzen systematisch. Auch praktisch tätige Psychologen gehen ähnlich strukturiert an Aufgaben heran.
1.2.1 Beschreiben, Erklären, Vorhersagen und Beeinflussen – Aufgaben der Psychologie
Die Psychologie als Wissenschaft vom Erleben und Verhalten hat vier Aufgaben. Sie beschreibt das Erleben und Verhalten, erklärt dieses, trifft Vorhersagen und entwickelt Ansätze, um das Erleben und Verhalten zu beeinflussen. Dies erfolgt dabei immer auf bestimmte Themen bezogen. Es gibt also nicht eine Psychologie, die den Menschen, sein Erleben und sein Verhalten in der Gesamtheit umfasst, sondern eine Vielzahl an Theorien und Modellen und dazugehörigen Befunden.
Es ist ein wenig so, dass es für unterschiedliche Aspekte des menschlichen Erlebens und Verhaltens unterschiedliche Brillen gibt. Eine Brille kann mehr oder wenig geeignet sein, einen Sachverhalt besonders gut zu erfassen. Manchmal hilft es aber, einen Sachverhalt durch verschiedene Brillen zu betrachten, um ein umfassenderes Bild zu gewinnen.
So beschäftigt sich beispielsweise die Psychologie damit, Aggressionen in unterschiedlichen Formen zu beschreiben, zu erklären, wieso Menschen Aggressionen erleben und Aggressionen zeigen, sie sagt vorher, unter welchen Bedingungen Aggressionen auftreten und zeigt Maßnahmen auf, um das Auftreten von Aggressionen zu reduzieren (Anderson & Bushman, 2002).
Exkurs 1.2: Aufgaben der Psychologie
Die wissenschaftliche Psychologie umfasst ein strukturiertes Vorgehen bei der Auseinandersetzung mit einem Gegenstand (Ulich & Bösel, 2005):
• Beschreiben: Hier geht es darum, Erleben und Verhaltensweisen zu benennen und zu kategorisieren. Von Interesse sind auch Auftretenshäufigkeit und Verbreitung von Erleben und Verhalten, z. B. aggressivem Verhalten und das Erleben von Aggression.
• Erklären: Es geht darum, Antworten auf Fragen nach dem Warum? zu geben. Es werden Ursachen ermittelt, die bestimmtes Erleben und Verhalten begünstigen. Zudem begünstigen Ursachen nur das Auftreten von Erleben und Verhalten. Es ist also nicht in jedem Einzelfall, bei dem Ursachen vorliegen, so, dass dann das zu erklärende Erleben oder Verhalten auftritt. Bei einer Vielzahl von Fällen ist es jedoch häufig der Fall. Menschliches Erleben und Verhalten lässt sich dabei nicht auf eine einzige Ursache zurückführen. Zumeist kommt eine Vielzahl an Ursachen zusammen.
• Vorhersagen: Rückblickend lassen sich zumeist Erklärungen finden. Diese Erklärungen erlauben Vorhersagen. In der Wissenschaft werden dazu sorgfältig geplante Studien durchgeführt, die es erlauben, die gemachten Vorhersagen zu überprüfen.
• Beeinflussen: Um gewünschtes Erleben und Verhalten zu fördern und unerwünschtes Erleben und Verhalten zu minimieren, zielt die Psychologie darauf, Interventionen zu entwickeln. Dies sind zum Beispiel Trainingskonzepte. Darüber ergeben sich aus Forschungsbefunden Hinweise, was man anders machen kann, um gewünschte Ergebnisse zu erzielen.
Konkret bezogen auf Fußballschiedsrichter hat sich die Psychologie beispielsweise mit dem Treffen von Entscheidungen beschäftigt, diese beschrieben und erklärt. Aufbauend auf diesen Erklärungen, wurden dann Vorhersagen getroffen, die in Studien überprüft wurden. Auch wurden Maßnahmen, z. B. Videotrainingseinheiten, entwickelt, um das Entscheidungsverhalten zu optimieren.
Es gibt viele weitere Theorien, Modelle und Befunde, die für Fußballschiedsrichter interessant sind. Zum einen sind es direkte Forschungsarbeiten, die sich mit (Fußball-)Schiedsrichtern beschäftigt haben, zum anderen sind dies allgemeinere Theorien.
Für dieses Buch habe ich wichtige und interessante Arbeiten zusammengestellt. Die Idee ist, dass du mit verschiedenen Brillen auf Geschehnisse auf dem Fußballplatz gucken kannst und dir so ein möglichst scharfes Bild von diesen machen kannst, sodass du in deiner Rolle als Psychologe auf dem Platz noch besser vorbereitet bist.
1.2.2 Der Schiedsrichter – Psychologe auf dem Platz
Bereits früh in meinem Studium hat mir ein Gedanke des amerikanischen Psychologen George Kelly imponiert. Er hat die These aufgestellt, dass Menschen wie Psychologen menschliches Erleben und Verhalten beschreiben, erklären, vorhersagen und beeinflussen (Kelly, 1955).
Bereits damals habe ich die Idee aufgegriffen und in einem Vortrag unter Schiedsrichterkollegen dargelegt: „Der Schiedsrichter – Psychologe auf dem Platz“. Was ist damit gemeint? Auch als Schiedsrichter bist du gefordert, das Erleben und Verhalten von dir und vor allem von den Spielern einzuordnen. Du erklärst dir, was Ursachen sind, wirst Vorhersagen über den weiteren Spielverlauf treffen und überlegst dir, mit welchen Maßnahmen du Spielfluss förderst und die Spielkontrolle behältst – sprich, das Verhalten der Spieler beeinflusst.
Stelle dir folgende Situation vor. Nachdem die Gäste früh mit 2:0 geführt haben, konnte die Heimmannschaft fünf Minuten vor der Halbzeitpause den Anschlusstreffer erzielen. Es folgten noch härtere Zweikämpfe, drei Gelbe Karten und eine Gelb-Rote-Karte vor dem Pausenpfiff. Du leitest die Partie im Gespann. In der Pause wirst du dich mit deinen Assistenten vermutlich über den Spielverlauf austauschen. Ihr werdet das Erleben und Verhalten der Spieler, voraussichtlich auch der Trainer und weiterer Offizieller beschreiben. Ihr erklärt Situationen. Vor allem werdet ihr aber auch darüber sprechen, was wohl in der zweiten Halbzeit passieren wird. Ihr werdet Vorhersagen treffen, ob die Spieler aggressiv auftreten werden – und ihr werdet euch abstimmen, wie darauf zu reagieren ist.
Als Schiedsrichter wirst du nicht wie ein Wissenschaftler systematisch vorgehen. Dafür fehlt schlichtweg auch die Zeit. Als Schiedsrichter bist du gefordert, bei Zeitdruck auch unter Unsicherheit zu handeln und dich für eine Option zu entscheiden. Dies führt zwangsläufig dazu, dass du dich manchmal irrst und rückblickend vermutlich anders gehandelt hättest. Gelingt es dir allerdings in einem Spiel, das Erleben und Verhalten von Menschen vorherzusagen und zu beeinflussen, wird dies die Spielleitung vermutlich deutlich erleichtern.
In diesem Buch bekommst du Impulse und Anregungen, die du dazu nutzen kannst, bereits gemachte Erfahrungen zu reflektieren und künftige Erfahrungen einzuordnen.
Bevor du nun weiterliest: Erinnerst du dich noch an die Eingangsfrage? Auf einer Skala von 0 bis 100 % solltest du angeben, wie viel Kopfsache eine Spielleitung für dich sei.
• Was würdest du nun sagen?
• Hat sich nach dem Lesen des Einführungskapitels schon etwas geändert?
• Welche eigenen Erfahrungen hast du bereits mit mentalen Anforderungen auf dem Platz gemacht?
• Welche Fragen hast du dir immer wieder gestellt?
Im folgenden Kapitel werden verschiedene inhaltliche Schwerpunkte in einzelnen Kapiteln behandelt, vom Urteilen und Entscheiden bis hin zur Psychologie der Schiedsrichterbeobachtung. Du wirst vermutlich während des Lesens die Erfahrung machen, dass dir einiges bekannt vorkommt. Wahrscheinlich nutzt du unbewusst bereits die eine oder andere Theorie in deinen Spielleitungen, um das Erleben und Verhalten von Spielern zu beschreiben, zu erklären und vorherzusagen.
In der Zukunft kannst du davon profitieren, bewusster mit diesen Brillen auf Ereignisse zu schauen. Ebenso wirst du neue Brillen kennenlernen, die dir helfen, eine neue Perspektive einzunehmen. So erweiterst du deinen Horizont.
Infobox 1.1: Lesetipps für das Buch
Du kannst dieses Buch selbstverständlich von vorne bis hinten lesen. Wahrscheinlich interessieren dich aber einige Dinge mehr als andere. Von daher kannst du in dem Buch auch einzelne Kapitel lesen und die Reihenfolge selbst festlegen.
In den meisten Kapiteln findest du verschiedene Übungen, die dir helfen, dich und deine Erfahrungen zu reflektieren und so Impulse für die Praxis zu geben. Weniger ist dabei manchmal mehr. Bearbeite lieber eine Übung intensiv, als alle oberflächlich. Du kannst das Buch auch als Saisonbegleiter sehen und immer wieder in Kapitel reinstöbern. Denn, wenn du neue Erfahrungen auf dem Platz sammelst, findest du oft auch noch Anknüpfungspunkte an die Inhalte des Buchs.
2 Entscheiden – Ablauf mehrerer mentaler Prozesse
Einer Schiedsrichterentscheidung liegen mehrere mentale Prozesse zugrunde. Die Grundlagen dazu wurden in einem frühen Modell von Plessner and Raab (1999) beschrieben. Ausgangspunkt ist ein Ereignis wie ein Zweikampf oder ein potenzielles Handspiel. Endpunkt die tatsächliche Entscheidung und deren Kommunikation. Die mentalen Prozesse umfassen
• die Wahrnehmung wie die Aufmerksamkeitsprozesse, Blickbewegungen und Einflüsse durch die Position und Blickwinkel;
• eine Kategorisierung und Einordung und Rückgriff auf Regelwissen, Erfahrungen und Kontextinformationen;
• eine Integration verschiedener Informationen ebenfalls unter Rückgriff auf Regelwissen, Erfahrungen und Kontextinformationen.
Am Anfang steht ein Wahrnehmungsprozess. Wichtig ist vor allem, dass der Schiedsrichter einen Zweikampf sieht. Neben dem Sehen ist jedoch auch das Hören für die späteren Prozesse von Bedeutung (dazu später mehr). Der Wahrnehmung folgt dann eine Kategorisierung des gesehenen Zweikampfs und eine erste, vorläufige Einordnung.
• War es überhaupt ein Foulspiel?
• Wenn ja, wie hart war das Vergehen?
• Ist eine persönliche Strafe erforderlich?
• Wenn ja, welche?
Dazu erfolgt ein Abgleich von Informationen aus dem Gedächtnis. Beim Gedächtnis denken viele Menschen erst einmal an einen großen Wissensspeicher. Das Gedächtnis eines Schiedsrichters umfasst beispielsweise das Regelwissen. Aber auch persönliche Erfahrungen aus der Vergangenheit sind im Gedächtnis hinterlegt. Erfahrungen sind anschaulich, diese können beispielsweise konkrete Spielszenen sein, die du als Schiedsrichter in vergangenen Spielen erlebt hast oder Szenen, die auf einem Lehrabend gezeigt wurden.
Auch eigene Erfahrungen als aktiver Spieler, sogenannte motorische Erfahrungen, spielen hier eine Rolle (Pizzera & Raab, 2012): Wer erlebt hat, wie es sich anfühlt, einen Tritt zwischen die Beine zu bekommen, dem fällt es leichter, die Härte eines Vergehens, das er sieht, einzuordnen. Die wahrgenommenen Informationen werden dann zusammen mit den Erfahrungen zu einem Urteil zusammengefasst. Fehlentscheidungen können auf fehlender Wahrnehmung oder einer fehlerhaften Einordnung basieren.
Eine modifizierte Variante des Modells ist in Abb. 2.1 dargestellt.

Abb. 2.1: Prozessmodell einer Schiedsrichterentscheidung (modifziert nach Plessner & Raab, 1999)
Zu beachten ist, dass Entscheidungen auf dem Platz in der Regel sehr schnell getroffen werden. Mentale Prozesse basieren im Wesentlichen auf zwei, sich gegenseitig ergänzenden Systemen (Deutsch & Strack, 2006; Furley, Schweizer & Bertrams, 2015). Ein bewusstes System, das System 2, das langsam und anstrengend ist und vergleichsweise viel Aufmerksamkeit erfordert und ein unbewusstes System, das System 1, das auf schnelle Automatismen zurückgreift. Es ist anzunehmen, dass überwiegend System 1 bei den mentalen Prozessen am Werk ist und System 2 erst spät eingreift.
Nach einem Pfiff bleibt meistens etwas Zeit, um abzuwägen, ob eine Karte gegeben wird. Mit der Zeit und der Spielpraxis bilden sich zunehmend Automatismen aus. Diese führen zu mehr Handlungsschnelligkeit. Wahrscheinlich wirst du bereits die Erfahrung gemacht haben, dass du bei einem taktischen Halten nach dem Pfiff gleich zur Verwarnung gegriffen hast. In solchen Fällen war der Autopilot am Werk (System 1).
Der Autopilot mit seinen Automatismen erleichtert uns das Leben im Alltag. Lesen, kleinere Rechenaufgaben, sich im Straßenverkehr bewegen oder die Bedienung der Gangschaltung im Auto: Vieles geschieht unbewusst ohne große mentale Anstrengung.
Doch Automatismen sind zugleich rigide. Dann greift die Macht der Gewohnheit. Auf dem Platz hebt der Assistent bereits die Fahne, obgleich der im Abseits stehende Spieler stehen bleibt und ein Mitspieler von hinten angelaufen kommt. Ein klares Foulspiel ist bereits gepfiffen, da erkennt der Schiedsrichter die sich ergebende Vorteilssituation. Automatismen betreffen eine Vielzahl von psychischen Prozessen und somit auch die Wahrnehmung und weitere Denkprozesse.
2.1 Wahrnehmungsprozesse
2.1.1 Wahrnehmung ist selektiv und subjektiv

Abb. 2.2: Subjektive Wahrnehmung und Umwelt
Menschliche Wahrnehmung ist kein vollständiges Abbild der Umwelt. Wir nehmen immer nur einen Teil, also Ausschnitte, wahr und gleichzeitig sehen wir auch mehr, als objektiv gegeben ist (siehe Abb. 2.2). Denn unsere eigene Verfassung beeinflusst unsere Wahrnehmung. Wer Hunger hat, dem wird vermutlich der Geruch der Bratwurst auffallen. Wahrnehmung ist immer selektiv – und damit auch subjektiv. Wir schenken bewusst oder unbewusst immer nur gewissen Dingen unsere Aufmerksamkeit.
Als Schiedsrichter wirst du bereits die Erfahrung gemacht haben, wie entscheidend die Perspektive auf ein Geschehen für die Wahrnehmung ist. Eine Situation kann sich aus unterschiedlichen Blickwinkeln ganz anders darstellen. Auch der Profifußball zeigt, dass das eine oder andere Foulspiel erst durch eine bestimmte Kameraperspektive aufgedeckt werden kann.

Abb. 2.3: Top-down- und Bottom-up-Wahrnehmung
Unsere Wahrnehmung wird gesteuert durch Aufmerksamkeitsprozesse. Dabei gibt es zwei unterschiedliche Arten der Aufmerksamkeitssteuerung (Abb. 2.3). Zum einen erfolgt eine Aufmerksamkeit Bottom-up (vgl. Kebeck, 1997). Das heißt, dass irgendetwas um uns herum und in unmittelbarer Nähe passiert, das Aufmerksamkeit erzeugt. Schreit beispielsweise ein Spieler hinter unserem Rücken, werden wir uns schnell umdrehen. Besonders akustische Signale erzeugen Aufmerksamkeit. Deshalb nutzt der Schiedsrichter auch eine Pfeife und kein Lichtsignal.
Ferner wird unsere Aufmerksamkeit durch uns gesteuert: Top-down. Wir haben vorab in der Regel eine ungefähre Vorstellung davon, was passieren könnte und richten unsere Aufmerksamkeit darauf. Unsere Erfahrungen und gegenwärtige Verfassung nehmen Einfluss darauf, was wir wahrnehmen. Wir achten auf Dinge und fokussieren uns beispielsweise auf den Armeinsatz bei hohen Bällen. Wahrnehmen heißt also immer auch Vorwegnehmen: Als Schiedsrichter antizipierst du Handlungen und nimmst diese schneller wahr.
Unbewusst richten Schiedsrichter die Aufmerksamkeit auf bestimmte Bereiche aus. Hier ist dann der Autopilot am Werk und Automatismen steuern, wohin wir schauen. Die ist das bereits angesprochene System 1. Dieses ist bei höherklassigen Schiedsrichtern offenbar besser trainiert: Höherklassige Schiedsrichter richten ihre Aufmerksamkeit unbewusst besser aus als unterklassige Schiedsrichter, wie eine Studie mit Schiedsrichtern unterschiedlicher Leistungsgruppen zeigt (Spitz, Put, Wagemans, Williams & Helsen, 2016).
Die Autoren der Studie haben das Blickverhalten von Elite-Schiedsrichtern mit unterklassigen Schiedsrichtern verglichen. Elite-Schiedsrichter fokussierten im Vergleich zu unterklassigen Schiedsrichtern bei Videoszenen länger solche Bereiche, in denen es später zum Kontakt kam und die für die Beurteilung des Zweikampfs informativ waren (Spitz et al., 2016). Diese Antizipationsfähigkeit wird sich im Laufe der Jahre bei den Elite-Schiedsrichtern entwickelt haben. Elite-Schiedsrichter zeichnen sich insgesamt durch bessere visuelle Fertigkeiten als unterklassige Schiedsrichter aus (Ghasemi, Momeni, Rezaee & Gholami, 2009).
Eine weitere Studie zeigte, dass polnische FIFA- und UEFA-Schiedsrichter bessere Leistungen in einem standardisierten Aufmerksamkeitstest erzielen, als Schiedsrichter, die lediglich in der ersten polnischen Liga ihres Landes pfeifen (Pietraszewski et al., 2014). Interessanterweise waren in derselben Studie Schiedsrichterassistenten auch Schiedsrichtern überlegen.
Eine weitere Studie mit Assistenten der ersten und zweiten belgischen Liga zeigt, dass die Breite des Aufmerksamkeitsfensters, die sich mit psychologischen Testverfahren messen lässt, die Akkuratheit von Abseitsentscheidungen in einem Videotest vorhersagt (Hüttermann, Helsen, Put & Memmert, 2018). Dies deutet darauf hin, dass Schiedsrichterentscheidungen und diejenigen von Assistenten durch personelle Faktoren wie die Aufmerksamkeitsfähigkeit beeinflusst werden.
2.1.2 Warum Aufmerksamkeit blind macht
Aufmerksamkeitssteuerung hat jedoch einen Nachteil. Vieles von dem, was wir nicht erwarten und worauf wir nicht achten, geht an uns vorbei. Dieses Phänomen wird auch als Inattentional Blindness bezeichnet, zu Deutsch etwa unaufmerksame Blindheit (Memmert, 2019; Simons & Chabris, 1999).
Zum Phänomen der „Inattentional Blindness“ gibt es interessante Videos und Tests im Internet, die zwar nichts mit Fußball zu tun haben, aber das Phänomen veranschaulichen. Einfach nach „Inattentional Blindness“ bei YouTube® suchen. Zu viel sei hier nicht verraten – einfach ausprobieren.
Gerade Schiedsrichtern wird auf dem Platz des Öfteren vorgeworfen, „blind“ zu sein. Kurioserweise mag es Situationen geben, in denen sich für außenstehende Zuschauer ein derartiger Eindruck tatsächlich aufdrängt. Wenn beispielsweise direkt vor den Augen des Schiedsrichters ein Spieler nachtritt, der Schiedsrichter sich aber wieder auf den abgespielten Ball fokussiert hat, kann es gut sein, dass dem Schiedsrichter diese Tätlichkeit entgeht (siehe Fallbeispiel 2.1).
Fallbeispiel 2.1: Das Nachtreten nicht wahrgenommen
Das Spiel nähert sich der Halbzeitpause. Während das Spiel anfangs ruhig geblieben war, kam zwischendurch etwas Hektik auf. Doch die Akteure haben sich wieder beruhigt. Nun ereignet sich unmittelbar vor den Augen des Schiedsrichters ein Zweikampf. Der Spielführer der Heimmannschaft geht zu Boden. Für den Schiedsrichter lag kein Vergehen vor. Er entscheidet auf Weiterspielen. Der Ball wird gespielt.
Der Schiedsrichter schaut noch auf die Szene, hat aber den Ball im Fokus. Plötzlich gibt es ein Geschrei. Die Gäste beschweren sich darüber, dass der Spielerführer der Heimmannschaft nachgetreten habe. Der Schiedsrichter hatte nichts gesehen, obgleich er unmittelbar davorstand. Dies kritisierte auch der Beobachter nach dem Spiel und bestrafte die Schlüsselszene im Spiel auch mit einem ordentlichen Punktabzug. Am Ende der Saison stieg der Schiedsrichter ab, weil er den Abzug nicht mehr kompensieren konnte.
2.1.3 Das Gehirn ergänzt fehlende Puzzleteile
Unsere Wahrnehmung kann uns aber auch einen Streich spielen. Denn, wenn wir etwas nicht sehen, ergänzt unser Gehirn fehlende Puzzleteile in unserer Vorstellung. Bis zu Zeiten des Videoschiedsrichterassistenten kam es zwar selten, doch immer wieder vor, dass ein falscher Spieler eine Karte erhielt oder gar vom Platz gestellt wurde. Für Zuschauer auf den Rängen meist ein Skandal. Psychologisch jedoch zu erklären: Meistens standen die Spieler in Moment der Entscheidung näher am Tatort als der Täter, der sich bereits geschickt aus der Affäre gezogen hat.
In vielen dieser Fälle werden die jeweiligen Schiedsrichter keinen Zweifel daran gehabt haben, den richtigen Spieler erwischt zu haben. Umso wichtiger ist es,
1. auf solche Tücken menschlicher Wahrnehmung vorzubereitet zu sein und
2. Spieler sofort nach einem Pfiff zu fixieren oder sich besser noch im Vorfeld bereits die Nummern einzuprägen.
Bei einer Spielleitung im Team ist es eine Aufgabe des Teams, Schutzmechanismen gegenüber solchen Wahrnehmungsfallen aufzubauen. Doch dies gelingt nicht immer. Denn auch kann die Erwartung, z. B. einer „Notbremse“, dazu führen, dass wir ein Vergehen ahnden, obgleich der Ball gespielt wurde. Die Erwartungshaltung beeinflusst dann unsere Wahrnehmung.
Gelegentlich nutzen Spieler dies aus, indem sie sich beispielsweise nach einem gegenseitigen Kopf an Kopf theatralisch fallen lassen, in der Hoffnung, dass beim Schiedsrichtergespann der Eindruck entsteht, es habe eine schlimme Tätlichkeit gegeben (siehe Exkurs 2.1).
Exkurs 2.1: Täuschen und Tricksen
Der Schiedsrichter und Wissenschaftler Wilhelm Lai aus Hongkong beschreibt in seinem Buch „Fußball: 80 schmutzige Tricks auf dem Platz: Zeitspiel, Dirty Tricks, Karten provozieren“ Verhaltensweisen, die sich die Tücken menschlicher Wahrnehmung zunutze machen (Lai, 2020).
Ein besonders dreister Täuschungsversuch ging vor ein paar Jahren auf YouTube® viral: Ein Spieler greift nach dem Ellbogen des Gegners und „haut“ sich diesen selbst ins Gesicht. Aus der Ferne betrachtet, sieht es wie eine Tätlichkeit aus. Ebenfalls in die Kategorie fällt ein vorgetäuschter Kopfstoß. Ein Spieler sinkt nach einem Kopf an Kopf theatralisch zu Boden. Schnell spielt uns unsere Wahrnehmung einen Streich, indem wir das, was wir sehen, zu einem für uns plausiblen Bild zusammenfügen.
Für dich als Schiedsrichter ist es wichtig, im Kopf zu behalten, dass Wahrnehmen kein passiver Prozess ist. Wahrnehmen ist etwas, dass du aktiv tust und umfasst, wie geschrieben, auch das Erahnen.
Aufmerksamkeit ist zudem limitiert. Wir können nicht unendlich viele Dinge gleichzeitig tun. Wenn dir eine Entscheidung noch nachhängt und du über diese grübelst, geht Aufmerksamkeit für das Hier und Jetzt verloren. Schnell bist du dann nicht mehr bei der Sache. Dann kann es sogar im schlimmsten Fall zu Abwärtsspiralen von Unachtsamkeit, daraus resultierenden Fehlern und Aufmerksamkeitsverlust kommen.
Aufgrund der begrenzten Aufmerksamkeitskapazität sind Automatismen wichtig. Viele Dinge in einer Spielleitung solltest du als Routinen an den Autopiloten delegieren, damit der Kopf frei ist für die wesentlichen Dinge. So solltest du Routinen dafür haben, was bei einer Mauerstellung in Strafraumnähe, bei einer Auswechslung oder nach einem Platzverweis wichtig ist und worauf du die Aufmerksamkeit richten sollst. Im Spiel fehlt dir die Zeit, jedes Mal zu überlegen, wohin du deinen Blick richtest. Eine kleine Reflexionsübung kann dir helfen.
Übung 2.1: Aufmerksamkeit in Standardsituationen
Ein Fußballspiel ist einerseits dynamisch, andererseits kommt es immer wieder zu Standardsituationen.
• Worauf richtest du deine Aufmerksamkeit in der jeweiligen Situation?
• Gibt es vielleicht sogar mehrere Aspekte, die du im Blick haben musst?
• Wenn du im Gespann unterwegs bist, welche Assistenten sollten was im Blick haben?
Tab. 2.1: Übung Aufmerksamkeit in Standardsituationen
| Standardsituation | Worauf richtest du die Aufmerksamkeit? | Worauf sollten deine Assistenten die Aufmerksamkeit richten? |
| Anstoß | ||
| Eckstoß | ||
| Abstoß | ||
| Freistoß vor dem Strafraum mit Mauer | ||
| Auswechslung | ||
| Strafstoß | ||
| Verletzungsunterbrechung |
2.1.4 Lauf- und Stellungsspiel im Dienst der Wahrnehmung
Das Lauf- und Stellungsspiel ist ein Mittel zum Zweck. Es gilt der Spruch: „Kondition ist nicht alles, aber ohne Kondition ist alles nichts!“ Ziel ist es, dir eine gute Position zu verschaffen, aus denen du Zweikämpfe beurteilen kannst. Das Lauf- und Stellungsspiel steht im Dienst der Wahrnehmung. Du solltest also dein Lauf- und Stellungsspiel so ausrichten, dass du in der Situation relevante Bereiche im Blick hast (Slack, Maynard, Butt & Olusoga, 2013).
Die flexible Diagonale ermöglicht dir einen leicht versetzten Seiteneinblick, der für die Bewertung von Fußvergehen oft vorteilhaft ist. Bei Standardsituationen wie Freistößen stellt sich die Frage nach der Spielvariante. Erfolgt voraussichtlich ein direkter Torschuss, ist es sinnvoller, die Mauer im Blick zu haben, anstatt die komplette Seiteneinsicht. Letztere ist bei einer Flanke wichtiger.
Oft wird die Nähe zum Spielgeschehen positiv erwähnt und mit der Entscheidungsqualität in einen Zusammenhang gebracht.
Doch machen Schiedsrichter tatsächlich mehr Fehler, wenn sie weiter entfernt sind? Eine aktuelle Studie aus Norwegen mit dortigen Elite-Schiedsrichtern (Riiser, Andersen, Sæterbakken, Ylvisaker & Moe, 2019) zeigt, dass die Entfernung keine Rolle spielt. Allerdings machten die Schiedsrichter in den Spielen insgesamt auch nur wenige Fehler. Möglich ist auch, dass Elite-Schiedsrichter fit genug sind, um immer nah genug am Geschehen zu sein.
In unteren Klassen ist es denkbar, dass ein Schiedsrichter konditionsbedingt deutlich hinterherläuft. Nicht untersucht wurde zudem, ob Entscheidungen eher akzeptiert werden, wenn der Schiedsrichter in unmittelbarer Spielnähe war. Neben der Entfernung wird häufig auch das Lauftempo als Einflussfaktor erwähnt.
Gibt es denn Zusammenhänge zwischen Tempo und Fehlern? Im Vollsprint fehlt möglicherweise die Aufmerksamkeit für Details. Eine frühe Studie deutete darauf hin, dass Schiedsrichterassistenten mehr Fehler machen, wenn sie schneller laufen (Oudejans et al., 2005). Gilt das auch für Schiedsrichter? Sollten Schiedsrichter etwa nur locker joggen?
Eine aktuelle systematische Analyse verschiedener Einzelstudien zeigt, dass es keine einheitlichen Befunde zum Einfluss des Lauftempos auf die Entscheidungsqualität gibt (Bloß, Schorer, Loffing & Büsch, 2020). Wissenschaftlich betrachtet, gibt es also derzeit keine Belege dafür, dass Schiedsrichter nur noch joggen sollten.
Exkurs 2.2: Wahrnehmungsfehler und -fallen bei Abseitsentscheidungen

Abb. 2.4: Fehler bei der Abseitswahrnehmung
Mit dem Videoschiedsrichterassistenten und der Einführung der kalibrierten Abseitslinie wird auf ein Phänomen bei der Beurteilung von Abseitsstellungen aufmerksam gemacht. Wenn die Linie nicht richtig ausgerichtet ist, kann es in diesem Bereich zu Fehlern kommen. Dann wird eine Abseitsposition nicht erkannt oder ein Abseits angezeigt, obgleich der Angreifer nicht im Abseits stand. Auf diesen optischen Fehler wurde früh aufmerksam gemacht.
Assistenten, die ihren Blickwinkel nicht parallel zur Torlinie ausrichten, machen eher Fehler (Oudejans et al., 2000). Eine schematische Darstellung findet sich in Abb. 2.4. Salopp formuliert: Die Assistenten haben einen Knick in der Optik.
Eine sehr ausgefeilte Studie, die die Blickbewegungen von Schiedsrichtern analysierte, zeigte, dass bei korrekten Entscheidungen eine längere Fixation des Blicks auf die Abseitslinie anstatt auf den Angreifer oder den abspielenden Mitspieler vorlag (Schnyder, Koedijker, Kredel & Hossner, 2017).
Dieser Effekt wird durch eine weitere Studie bestätigt, bei der Assistenten mit Spielern verglichen wurden: Hier zeigte sich, dass auch Assistenten aus Amateurligen eine längere Fixation des vorletzten Verteidigers und damit der Abseitslinie vornahmen, als Spieler (Luis del Campo, Canelo Fariñas, Domínguez Márquez & Morenas Martín, 2018).
Ein weiterer Erklärungsansatz für Fehler liegt in einer Wahrnehmungstäuschung, die bei sich bewegenden Objekten auftritt. Beim sogenannten Flash-Lag-Effekt wird die Entfernung eines sich bewegenden Objekts – wie ein schneller, durchstartender Angreifer – überschätzt. In der Folge wirkt es so, als stünde der Spieler abseits.
In der Praxis tritt dieser Effekt besonders bei gegenläufigen Laufrichtungen auf. Der Verteidiger läuft raus, bleibt stehen, der Stürmer läuft zum Tor. Hier täuscht die menschliche Wahrnehmung. Es entsteht der Eindruck, dass im Moment der Ballabgabe die Entfernung größer war und der Angreifer nicht mehr auf Höhe des vorletzten Verteidigers stand. Zeitlupenbilder belehren uns dann eines Besseren.
Wenig überraschend zeigt sich, dass höherklassige Assistenten deutlich weniger anfällig für derartige Wahrnehmungstäuschungen sind (Catteeuw, Gilis, Wagemans & Helsen, 2010). Zudem lässt sich die Wahrnehmungstäuschung abtrainieren. Entsprechende Trainingsprogramme auf dem Platz (Catteeuw et al., 2010) als auch videobasierte Trainingsprogramme zielen darauf ab, Wahrnehmungsprozesse zu schulen und Fehler zu reduzieren, um bessere Abseitsentscheidungen zu erzielen (Put, Wagemans, Jaspers & Helsen, 2013; Put, Wagemans, Spitz, Williams & Helsen, 2016).
Dabei scheinen zwei Faktoren entscheidend zu sein: Zum einen gelingt es den Trainingsteilnehmenden besser, den Moment der Ballabgabe mental einzufrieren, also quasi ein inneres Standbild zu erzeugen. Zum anderen scheinen sie – mehr oder weniger bewusst – den Fehler zu korrigieren, indem sie die Fahne im Zweifel unten lassen.
Eine weitere Studie findet hier auch Unterschiede zwischen Schiedsrichterassistenten und Fußballspielern. Anders als die Assistenten korrigieren Spieler nicht den Flash-Lag-Effekt und entscheiden zu häufig auf Abseits (Luis del Campo et al., 2018).
Eine weitere Studie zeigt auf, dass es mehr Fehler in unmittelbarer Nähe des Assistenten gibt. Die Autoren erklären dies damit, dass das Blickfeld des Assistenten breiter sein muss (Hüttermann, Noël & Memmert, 2017). Für den Assistenten wird es daher schwieriger, die Situationen zu erfassen, die direkt vor seinen Füßen ablaufen. Aus der Entfernung sind hingegen Spieler besser im Blick. Das erklärt auch – so die Autoren –, weshalb Zuschauer manchmal den besseren Blick auf die Geschehnisse haben.
2.2 Urteilsprozesse
Ein Vergehen wahrgenommen zu haben, ist eine Voraussetzung dafür, dass eine Entscheidung getroffen wird. In der Regel ist es jedoch so, dass die Geschehnisse auf dem Platz schnell ablaufen. Manchmal ist ein Foul wie ein Trikotziehen sehr deutlich und nicht zu übersehen. Häufiger sind Foulspiele jedoch nicht so eindeutig.
Da du dich als Schiedsrichter auf dem Feld bewegst, wirst du vielleicht eine günstige, aber in der Regel selten eine ideale Einsicht haben. Fernsehbilder zeigen, dass manchmal zwei, drei Zeitlupen nötig sind, um zweifelsfrei aufzuklären, ob ein Kontakt vorlag. Auf dem Platz steht dir keine Zeitlupe zur Verfügung.
Weiterhin ist die Einordung der Intensität ebenfalls nicht immer leicht. Schiedsrichter berichten, dass oft das erste Gefühl das richtige ist. Woran liegt das? Schiedsrichterentscheidungen sind vor allem auch intuitive Entscheidungen (Plessner, Schweizer, Brand & O’Hare, 2009; Schweizer, Plessner, Kahlert & Brand, 2011). Umgangssprachlich würde man sagen, sie sind mehr Bauch- als Kopfentscheidungen. Dies liegt in der Natur der Sache.
Hoher Zeitdruck, gepaart mit einer zumeist nicht idealen Sicht, erfordert eine schnelle Informationsverarbeitung und rasches Entscheiden. Dies gelingt durch gute Intuition, die einen in die Lage versetzt, viele Informationen gleichzeitig zu berücksichtigen. Intuition basiert dabei auf einer Vielzahl von Automatismen, schnellen, unbewussten Denkprozessen im Autopiloten, deren Gründe nicht unmittelbar bekannt sind.
2.2.1 Das Linsenmodell – Entscheidungen durch die Linse

Abb. 2.5: Das Linsenmodell (in Anlehnung an Brunswik, 1952)
Intuitive Entscheidungen von Schiedsrichtern lassen sich mit dem sogenannten Linsenmodell erklären (Brand, Plessner & Schweizer, 2009; Brunswik, 1952; Schweizer et al., 2011). Das Linsenmodell ist in Abb. 2.5 an einem Beispiel dargestellt.
Demnach betrachtet ein Schiedsrichter einen Zweikampf durch eine Art Linse. Er sieht dabei nicht immer direkt, ob ein Foulspiel vorlag und wie intensiv dieses geführt wurde, sondern erhält verschiedene andere Informationen, die mehr oder weniger auf ein Foulspiel schließen lassen.
Dies sind beispielsweise die Bewegungsabläufe vor und nach dem Zweikampf, die Bewegungsgeschwindigkeit, die Ballbewegung, aber auch Zuschauerschreie oder das Verhalten der Spieler nach dem Zweikampf. Diese Informationen stellen sogenannte Cues (englisch Hinweise) dar. Diese Hinweise sind mehr oder weniger aufschlussreich für die Beurteilung eines Foulspiels.
Aufgrund der Ablaufgeschwindigkeit von Zweikämpfen und wegen seiner eingeschränkten Perspektive nimmt der Schiedsrichter mal mehr und mal weniger Hinweise wahr. Die vorhandenen Hinweise werden genutzt und in Sekundenschnelle im Kopf zu einem Urteil zusammengefügt: Foulspiel ja oder nein? Keine Karte, Verwarnung oder Platzverweis? Das Linsenmodell erklärt dabei vor allem auch, weshalb es zu Fehlern kommen kann. Eine Reihe von Studien zeigt nämlich, dass nicht nur relevante Hinweisreize verarbeitet werden.
2.2.2 Zuschauer und Spielergeschrei – Fehlschlüsse beim Urteilen
Interessanterweise lässt sich der Schiedsrichter von Hinweisreizen manchmal auch in die Irre führen. Viele Studien zeigen, dass Schiedsrichter sich z. B. von Zuschauern unbewusst beeinflussen lassen und demnach dazu tendieren, z. B. eine Gelbe Karte zu zeigen, wenn die Zuschauer aufgebracht sind und ihren Unmut durch Schreien ausdrücken (Nevill, Balmer & Mark Williams, 2002; Unkelbach & Memmert, 2010). Dieses Phänomen wird als Crowd- Noise-Effekt bezeichnet.
Eine Studie, bei der Schiedsrichter Videoszenen mal mit und mal ohne Originalton beurteilen mussten, zeigte, dass die Schiedsrichter nur bei einer Geräuschkulisse weniger Foulspiele gegen die Heimmannschaft pfiffen (Nevill et al., 2002). Eine weitere Studie untersucht den Unterschied bei Gelben Karten und erklärt die Befunde mithilfe des Linsenmodells.
Die Studie zeigt, dass Schiedsrichter bei mehrdeutigen Szenen die Geräuschkulisse als Hinweisreiz nutzen und in der Folge bei einem höheren Lärmpegel mehr Verwarnungen aussprechen. Im Stadion schreit das Publikum mehr bei einem Vergehen des Gegners und die Schiedsrichter ordnen diese in der Folge unbewusst als härter ein (Unkelbach & Memmert, 2010).
Die Geisterspiele zum Ende der Saison 2019/20 während der COVID-19-Pandemie boten eine weitere Möglichkeit, um diese Effekte zu beobachten. Denn bei Geisterspielen sollte der Crowd-Noise-Effekt nicht auftreten. Tatsächlich zeigt sich bei einer Analyse von Daten aus 15 europäischen Profiligen, dass die Unterschiede in der durchschnittlichen Anzahl an Verwarnungen und Platzverweisen zugunsten der Heimmannschaft verschwanden (McCarrick, Bilalic, Neave & Wolfson, 2020).
Ein ähnlicher Effekt ist auch zu beobachten, wenn ein gefoulter Spieler schreit (Lex, Pizzera, Kurtes & Schack, 2015). Wie ist das zu erklären? Wenn härtere Foulspiele vorliegen, ist ja tatsächlich das Gebrüll größer. Die Psychologik im Kopf vertauscht allerdings Ursache und Wirkung. Ist eine Situation etwas unübersichtlich und der Schiedsrichter hat keinen klaren Blick darauf, dann ist für ihn das Schreien ein Hinweis, dass das Foul härter gewesen sein muss.
Zuschauer, Spieler und Trainer wissen natürlich darum und versuchen, durch theatralisches Auftreten und entsprechende Aktionen die Schiedsrichter in die Irre zu führen. Spieler wälzen sich schreiend auf dem Boden. Zuschauer grölen und toben. Trainer randalieren am Spielfeldrand. Dies soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass man Foulspiele tatsächlich auch hören kann (siehe Exkurs 2.3).
Exkurs 2.3: Foulspiele kann man hören
Bei der Beurteilung von Fußballspielen spielt neben dem visuellen Wahrnehmungssystem auch das akustische Wahrnehmungssystem eine zentrale Rolle. Demnach kann ein Schiedsrichter, sofern es die Geräuschkulisse zulässt, ein Foulspiel auch hören.
Der FIFA-Schiedsrichter Daniel Siebert berichtete im „Talk aus Berlin“ im RBB-Fernsehen im Mai 2020 über Erfahrungen aus den Geisterspielen ohne Zuschauer in der Rückrunde 2019/20 in den Fußballbundesligen: „Jedes Geräusch auf dem Fußballplatz hat sozusagen eine bestimmte Akustik, einen bestimmten Klang. […] Wenn der Ball zum Beispiel auf die Hand fällt oder auf den Kopf fällt, dann kann man das als Schiedsrichter unterscheiden. Man entwickelt da so ein gewisses Gespür dafür und so ist es auch möglich, Foulspiele zu hören. Denn manchmal reicht ein simpler Kontakt aus, den man sonst nicht wahrnimmt, akustisch. Jetzt ist keine Geräuschkulisse drum herum da und entsprechend kann man diese Kontakte auch mal hören.“ […] „Je intensiver ein Foul, desto lauter und dumpfer ist das Geräusch.“
Zu beachten ist, dass auch Spieler, Offizielle und Zuschauer Szenen durch die Linse (und nicht zuletzt auch die Vereinsbrille) bewerten. Für andere Beteiligte wirkt das Foulspiel durch die Hektik von außen ebenfalls härter. Typische Szenen sind Foulspiele vor der Trainerbank, bei der die Bank aufspringt. Hier ist das Gejohle oft größer als auf der gegenüberliegenden Seite. Der Schiedsrichter sollte daher das Verhalten von Zuschauern, Bänken und Spielern mit einkalkulieren – ohne auf plumpe Beeinflussungsversuche reinzufallen.
2.2.3 Entscheidungen optimieren
Die beschriebenen Befunde zu Urteilsverzerrungen aufgrund irrelevanter Hinweisreize führten zu Trainingsprogrammen zur Entscheidungsoptimierung (Plessner et al., 2009; Schweizer et al., 2011). Das Trainingsprinzip besteht darin, Erfahrung und unmittelbares Feedback zu sammeln, um besser zwischen relevanten und irrelevanten Hinweisen zu unterscheiden.
Ein interessanter Ansatz, um intuitive Entscheidungen zu trainieren, wurde von mehreren Sportpsychologen entwickelt (Plessner et al., 2009; Schweizer et al., 2011).
Beim Schiedsrichter-Entscheidungs-Training, kurz SET, wurden Schiedsrichtern Videosequenzen vorgespielt, die es zu bewerten galt. Dabei zeigt sich, dass sich die Trainingseffektivität insbesondere dann steigern lässt, wenn die Schiedsrichter unmittelbar nach dem Training ein Feedback erhalten haben. Erhielten die Schiedsrichter ein Feedback, dann verbesserten sie sich in einem weiteren Videotest. Dabei erhielten die Schiedsrichter nur eine Rückmeldung, ob die Entscheidung korrekt war oder nicht. Eine ausführliche Begründung erfolgte nicht.
Beim Schiedsrichter-Entscheidungs-Training sind Erklärungen, also welche Gründe zu einer Entscheidung geführt haben, nicht notwendig (Schweizer et al., 2011). Wieso ist das so? Da Entscheidungen intuitiv sind, bedarf es keiner ausführlichen Erklärungen mit Worten. Manchmal fehlen einem sogar die Worte, um zu beschreiben, was man fühlt.
Es geht beim Training darum, den Autopiloten anzusprechen, der für Reaktionsschnelligkeit und Handlungssicherheit unter Zeitdruck wichtig ist. Dieser ist aber wenig empfänglich für lange Erklärungen. Der Autopilot braucht eher viele Durchgänge mit einer unmittelbaren Rückmeldung. Übung macht hier den Meister.
Dieser Befund widerspricht oft der Praxis der Lehrarbeit. Auf vielen Lehrabenden in Schiedsrichtergemeinschaften werden manchmal Videoszenen von Zweikämpfen bis ins letzte Detail analysiert. Dies fördert sicherlich das formale Regelverständnis. Dieses Regelwissen reicht jedoch bei Weitem nicht für die praktische Umsetzung.
Ein Paradebeispiel dafür ist die Bewertung von Handspielszenen. Im Video und mit Standbild sind aufgrund verschiedener Regelanpassungen der vergangenen Jahre strafbares und nicht strafbares Handspiel nun besser abzugrenzen. In der Praxis – ohne Video - stehen Schiedsrichter vor der Herausforderung, die Armhaltung und -bewegung genau zu beobachten. Neben dem Regelverständnis ist es daher notwendig, viele Szenen in kurzer Zeit unter Zeitdruck zu beurteilen und eine Rückmeldung zu erhalten.
Damit lassen sich die Automatismen, die im Spiel gefragt sind, am besten trainieren. Dank digitaler Möglichkeiten ist es inzwischen auch leichter, eine Vielzahl an Videomaterial zu erhalten und derartige moderne Trainingsformen umzusetzen. Dabei kannst du auch selbst dein Entscheidungsverhalten optimieren, indem du dir eine mentale Mediathek aufbaust.
2.2.4 Mentale Mediathek aufbauen
So ist es förderlich, sich Spiele und Zweikämpfe anzuschauen (Pizzera & Raab, 2012). Konkret besteht eine Möglichkeit darin, sich eine Art mentale Mediathek anzueignen. Diese umfasst dann mehrere Referenzszenen zu typischen Situationen auf dem Platz: z. B. taktische Foulspiele, Notbremsen oder Rückpass zum Torwart.
Aus allgemeineren Forschungsarbeiten zum menschlichen Denken weiß man, dass Menschen sich bei vielen Urteilen auf Daumenregeln (sogenannte Heuristiken) verlassen (Raab, 2012). Daumenregeln können zu Denkfehlern führen. Doch die Daumenregeln dienen dazu, schnell eine Lösung zu finden. Hier ist wieder der Autopilot aktiv. Genau darauf kommt es auf dem Fußballplatz an. Entscheidungsfreudig und entschlossen soll der Schiedsrichter sein. Das ist er, wenn er schnell ist.
Eine Daumenregel ist die sogenannte Verfügbarkeitsregel (Schwarz, Bless, Strack, Klumpp & al., 1991). Das heißt, das, was gerade in unserem Kopf präsent ist und demnach schnell verfügbar ist, beeinflusst nachfolgende Entscheidungen. Eine weitere ist die Ähnlichkeitsregel, auch Repräsentativitätsheuristik genannt (Kahneman & Tversky, 1972).
Wir machen Abgleiche mit ähnlichen Erfahrungen und ziehen diese für Urteile heran. Demzufolge sollte eine Vielzahl verfügbarer unterschiedlicher Szenen einen schnellen Abgleich auf dem Platz erlauben. In der Praxis der Lehrarbeit sind dies die jedem bekannten Bilderbuchszenen, die so gut wie keine Diskussionen nach sich ziehen und z. B. eine „ideale Notbremse“ repräsentieren. Neben diesen Idealszenen sind auch Abgrenzungsszenen notwendig. Schließlich liegt hier zumeist die Schwierigkeit.
Übung 2.2: Mentale Mediathek füllen
Als Schiedsrichter wirst du bereits eine mentale Mediathek in deinem Kopf haben. Je länger du pfeifst, desto mehr Clips wirst du aus deinen Spielleitungen in Erinnerung haben. Überlege einmal, welche Szenen kommen dir in den Kopf für folgende Beispiele:
• Verhinderung einer eindeutigen Torchance (Notbremse)
• Grobes Foulspiel
• Taktisches Foulspiel
• Handelfmeter
• Erlaubtes, nicht strafbares Handspiel von einem Verteidiger
• Nachtreten
• Rücksichtloser, verwarnungswürdiger Ellbogeneinsatz
• Schwalbe
Tipp: Spiele dir regelmäßig vor deinem inneren Auge derartige Szenen ab. Aktualisiere deine mentale Mediathek, indem du regelmäßig neue Szenen aufnimmst. Tausche dich darüber mit gleichgesinnten Schiedsrichtern aus. Doch Vorsicht: Bei Regeländerungen, wie z. B. zum Handspiel, musst du einige Szenen neu zusortieren oder gar ganz aus der Mediathek streichen.
Die mentale Mediathek hilft dir, Musterszenen zu entdecken. Sie sind die Eckpfeiler einer Spielleitung. Gleichzeitig gibt es allerdings in jedem Spiel auch einen immer wieder neu auszulotenden Ermessensspielraum und es kommt dementsprechend darauf an, eine gute Linie zu finden. Auch hier können Referenzszenen hilfreich sein.
Der Bundesligaschiedsrichter Patrick Ittrich formuliert es in seinem kürzlich erschienenen Buch (Ittrich & Nickelsen, 2020, S. 72f.) wie folgt: „In jedem Spiel speichere ich mir im Kopf Referenzszenen ab. Lasse ich einen harten Zweikampf auf der einen Seite laufen, muss ich eine vergleichbare Situation auf der anderen Seite genauso bewerten.“
Die klare Linie und der damit in Verbindung stehende Ermessensspielraum zeigt auch, dass nicht in jedem Spiel ein Foul ein Foul ist – und es demnach auch Unterschiede bei der Anwendung von persönlichen Strafen geben kann. Die Kalibrierung dieser Linie ist auch eine Aufgabe von Schiedsrichtern.
2.2.5 Kalibrierung der persönlichen Linie im Spiel
Gelbe Karten sind über die Spielzeit nicht gleich verteilt. Zu Beginn eines Spiels gibt es seltener Gelbe Karten als im weiteren Spielverlauf (Unkelbach & Memmert, 2010). Dies mag daran liegen, dass die Kräfte nachlassen und sich Spieler gegen Ende der Spielzeit öfter nur noch durch Foulspiele zu helfen wissen. Die ungleiche Kartenverteilung lässt sich jedoch auch durch grundlegende Entscheidungsprozesse erklären.
Es liegt vor allem daran, dass der Schiedsrichter seine Linie an das Spiel anpasst. Foulspiele unterscheiden sich in ihrer Intensität. Es gibt Foulspiele, bei denen hat der Schiedsrichter keinen Spielraum und ist gezwungen, eine Karte zu zeigen. Doch bei vielen Foulspielen bleibt ein erheblicher Ermessensspielraum.
In Spielen ist es öfter der Fall, dass sich Foulspiele im Spielverlauf mehren. Es kommt im Verlauf in kurzer Zeit zu härteren Foulspielen. Die Schiedsrichter reagieren dann zumeist und wollen durch eine Gelbe Karte ein Zeichen setzen. Verbunden ist damit die Hoffnung, dass fortan härtere Foulspiele unterbleiben.
Für den weiteren Spielverlauf und die Linie bei den persönlichen Strafen ist es wichtig, dass Schiedsrichter einen guten Einstieg bei der Kartenvergabe finden. Der Schiedsrichter signalisiert dadurch, welche Spielweise er heute nicht toleriert. Gerade für Beobachter ist dies ein wichtiges Kriterium im Bereich des Managements der persönlichen Strafen. Der Schiedsrichter sollte weder zu früh noch zu spät einsteigen. Dass dies nicht immer so leicht ist, liegt daran, dass der Gradmesser für eine Verwarnung von Spiel zu Spiel abweichen kann.
Die Intensität von Foulspielen ist relativ. Zu Beginn eines Spiels ist die Gefahr groß, dass noch intensivere Foulspiele folgen. In den ersten Minuten sind Schiedsrichter daher in ihren Entscheidungen zumeist eher zurückhaltend mit Karten. Sonst besteht die Gefahr, dass sie unter Zugzwang geraten. Das Spiel ist noch lang und die Wahrscheinlichkeit groß, dass weitere und auch deutlich härtere Foulspiele konsequenterweise das gleiche Strafmaß oder gar ein stärkeres Strafmaß erfordern.
Dies gilt vor allem für Zweikämpfe in der Grauzone der persönlichen Strafen. Also Vergehen, für die man Gelb oder Rot geben könnte. Hier ist jeder Schiedsrichter gut beraten, zuerst abzuwarten und sich dann einen für das konkrete Spiel geeigneten Maßstab zu bilden.
Fallbeispiel 2.1
Bei den Weltmeisterschaften 2006 kam es im Achtelfinale zwischen Portugal und den Niederlanden zu einer Kartenflut. Am Ende waren es 12 Gelbe Karten und vier Platzverweise mit der Ampelkarte.
Bereits nach zwei Minuten zeigte der russische Schiedsrichter Valentin Ivanov Mark van Bommel die Gelbe Karte. Fünf Minuten später folgte die zweite Gelbe Karte. Zur Pause waren es vier Verwarnungen und eine Gelb-Rote-Karte. Es folgten acht weitere Verwarnungen und drei Hinausstellungen mit Gelb-Rot in der zweiten Hälfte. Früh geriet Ivanov so unter Zugzwang.
Eine Kalibrierung der persönlichen Strafen im Spielverlauf erhöht die Flexibilität. Allerdings geht mit dem Mechanismus der Kalibrierung auch ein Problem einher. Über Spiele hinweg kann der Eindruck eines unterschiedlichen Strafmaßes entstehen. Spieler, Trainer und Zuschauer beschweren sich des Öfteren mit Worten wie: „Dafür hat unser Spieler letzte Woche Gelb bekommen.“
Auch die Rückmeldung des Beobachters kann im Vergleich mit einer vorherigen Beobachtung irritieren. Gedanken wie: „Letzte Woche hatte ich eine ähnliche Situation und da wollte der Beobachter keine Verwarnung sehen“, drängen sich dann möglicherweise beim Schiedsrichter auf. Die Rückmeldungen verschiedener Beobachter wirken widersprüchlich.
Allerdings agieren Schiedsrichter nicht komplett ohne Kompass auf dem Platz. Sie haben als Bezugsrahmen mehr als ein Spiel und greifen auf vorangegangene Erfahrungen bei der Einordnung persönlicher Strafen zurück. Je mehr Erfahrung ein Schiedsrichter in einer Spielklasse hat, desto größer ist das mentale Archiv an Foulspielen. Dies hilft dann in wenigen Sekunden, besser einzuordnen, ob eine Schwelle zur Karte bereits überschritten ist.
Klare Regelverstöße wie die Verhinderung von eindeutigen Torchancen oder offensichtliche taktische Foulspiele sind hiervon natürlich ausgenommen. Derartige Szenen sind gerne Bestandteil von sogenannten Konformitätstests.
Konformitätstests zielen auf eine konforme, d. h. einheitliche Regelanwendung in einer Spielklasse ab. Neben 100%ig klaren Fällen gibt es natürlich auch Szenen, die nicht von allen, aber von einer Mehrheit aller Schiedsrichter, einheitlich bewertet werden.
Wenn beispielsweise mehr als 80 % aller Schiedsrichter dieselbe Entscheidung treffen, braucht derjenige, der davon abweicht, gute Gründe dafür. Umgekehrt gibt es ebenso Szenen, die kaum Bestandteil eines Konformitätstests sind, weil es sich um 50:50-Entscheidungen handelt. In solchen Szenen gewinnt der Spielcharakter an Bedeutung.
2.3 Game Management – mehr als eine Entscheidung
Das Regelwerk schreibt vor, wo der Schiedsrichter einzugreifen hat. Kommt es zu einer Tätlichkeit, hat der Schiedsrichter keinen Spielraum. Es gibt Szenen, die werden unabhängig vom Spielverlauf von nahezu 100 % aller Schiedsrichter gleich beurteilt.
Doch es gibt auch viele Szenen, bei denen ist die Entscheidung weniger klar. Der Schiedsrichter muss dem Regelwerk Geltung verschaffen, sollte Spieler vor Verletzungen schützen und gleichzeitig den Spielfluss fördern. Es gibt Spiele, da kann man den Vorteil laufen lassen – es gibt Spiele, da ist wenig angebracht. Auch das, was von Spielern als Foul erlebt wird, unterscheidet sich.
Meistens, und so auch auf dem Fußballplatz, ist die Welt nicht schwarz und weiß, sondern bietet viele Grautöne dazwischen. Je nach Spielcharakter wird mal eine engere Regelauslegung notwendig sein oder der Schiedsrichter kann das Spiel laufen lassen. Wer gewöhnlich höherklassig pfeift und dann in den niederen Amateurligen unterwegs ist, wird Unterschiede feststellen.
Die Intensität von Zweikämpfen ist eher eine graduelle Abstufung. Die Entscheidung, ob Foul oder nicht, erfordert jedoch eine klare Abgrenzung. Ebenso ist dies bei der Einordnung von persönlichen Strafen der Fall. Je nach Spielcharakter verschieben sich diese Linien.
Das, was in einem Spiel noch erlaubt ist, wird in einem anderen Spiel von den Beteiligten als Regelverletzung erlebt. Um Akzeptanz zu schaffen, muss der Schiedsrichter hierauf reagieren. Gleichzeitig legt er durch seine Entscheidungen auch den Rahmen fest, in dem sich die Spieler bewegen können.
Früh wurde darauf aufmerksam gemacht, dass der Schiedsrichter nicht nur Regelverwalter ist, sondern viel mehr ein Spielleiter (Mascarenhas, Collins & Mortimer, 2002). Schiedsrichter betreiben demnach aktives Game Management. Sie legen das Regelwerk aus, sodass Sicherheit gewährleistet ist, Pflichtvergehen geahndet werden, aber möglichst viel Spielfluss entsteht.
Entscheidungen haben immer zwei Perspektiven: erstens einen Rückblick auf das gerade Geschehene und zweitens einen Ausblick auf künftige Regelauslegungen (Brand & Neß, 2004).
Der Rückblick bezieht sich auf die vorangegangene Aktion („Das Vergehen war regelwidrig“). Beim Rückblick betrachtet der Schiedsrichter nicht unmittelbar die vergangene Situation, sondern auch das bisherige Spielgeschehen und ordnet die Aktion ein.
Der Ausblick bezieht sich auf die Ausrichtung des Regelwerks („Derartige Vergehen bitte in Zukunft unterlassen“). Durch den Ausblick kommuniziert der Schiedsrichter seine Entscheidungen (siehe Kap 3.1.1) mit allen Beteiligten.
Diese kommunikative Funktion von Entscheidungen wird besonders dann deutlich, wenn der Schiedsrichter beispielsweise nach der Anfangsphase plötzlich kleinlicher pfeift, um auf aufkommende Unruhe zu reagieren und Grenzen aufzuzeigen und von seiner bisherigen Linie bewusst abweicht. Auch die erste Gelbe Karte im Spiel stellt einen Ausblick dar: bis hierhin und nicht weiter.

Abb. 2.6: Game-Management-Modell
Eine aktuelle Interviewstudie zeigt, dass Schiedsrichter zwei höherrangige Ziele verfolgen: Zum einen wollen sie die Spielkontrolle aufrechterhalten und zum anderen die „Integrität des Spiels“ bewahren. Dies gelingt durch die Beachtung von vier Säulen: Sicherheit, Fairness, Akzeptanz und Unterhaltung (Russell, Renshaw & Davids, 2019).
Das Prinzip des Game Managements zeigt, dass es nicht nur regeltechnisch korrekte Entscheidungen gibt, sondern Entscheidungen auch zum Kontext passen müssen. Diese Entscheidungen können darauf ausgelegt sein, den Spielfluss und somit den Unterhaltungswert der Begegnung zu erhöhen. Als konkretes Instrument eignet sich dann beispielsweise der verzögerte Pfiff. Umgekehrt ist möglicherweise auch taktisches Pfeifen sinnvoll.
Die Beachtung von Warnsignalen, wie die Entfernung zu einem Tackling (Grätsche, die sich über mehrere Meter zieht) oder zum Tatort (z. B. vor der Trainerbank), sind hier hilfreiche Indikatoren, die ein präventives Eingreifen erforderlich machen. Sinnvoll kann es auch sein, bei Vergehen vor der Trainerbank das Spiel zu unterbrechen.
Das Game Management steht im Dienst der Spielkontrolle. Wichtig: Dabei geht es nicht nur darum, ob die Entscheidung regeltechnisch korrekt ist, sondern vielmehr darum, was für das weitere Spiel förderlich ist. Zusammenfassend finden sich Aspekte des Game Managements in Abb. 2.6.
2.3.1 Ein Unterschied: Akkurate und adäquate Entscheidungen
Ein Fundament, auf dem das Game Management aufbaut, ist die Unterscheidung zwischen akkuraten und adäquaten Entscheidungen (Plessner et al., 2009). Entscheidungen können in der Sache richtig sein. Dies sind akkurate Entscheidungen. Sind sie nicht durch das Regelwerk gedeckt, sind sie inakkurat. Neben akkuraten Entscheidungen gibt es auch adäquate Entscheidungen. Dies sind Entscheidungen, die in einer bestimmten Situation als angemessen gelten.
Stelle dir folgende Situation vor. Im Strafraum kommt es nach einer Ecke zu einem kleinen, jedoch nicht folgenreichen Stoß des Verteidigers abseits des Geschehens. Der Gegner läuft unbeirrt weiter. Pfeift der Schiedsrichter in einer solchen Situation einen Strafstoß, wären alle Beteiligten überrascht. Regeltechnisch handelt es sich um eine akkurate Entscheidung, jedoch wäre die Entscheidung wahrscheinlich nicht adäquat.
Umgekehrt wäre es, wenn der Angreifer stößt, also ein Stürmerfoul begeht. Diese Entscheidung würde vermutlich eher akzeptiert und wäre daher adäquat. Auf dem Platz gibt es eine Vielzahl von Entscheidungen, die zwar akkurat, aber nicht adäquat sind.
Manchmal ist es genau das, was gerade Spieler und Offizielle als Fingerspitzengefühl bezeichnen (auch wenn die Forderung nach Fingerspitzengefühl oft auch aus Regelunkenntnis resultiert). Die Entscheidung muss zum Kontext passen. Dies kann eine konkrete Situation sein, aber auch der Spielcharakter sowie die Vorgeschichte prägt das, was als adäquat gesehen wird.
Eine Fehlentscheidung, wie bspw. ein nicht gegebener Feldverweis bei einer Notbremse, ist inakkurat und inadäquat. Akkurate, aber inadäquate Entscheidungen sind beispielsweise zu kleinliche Regelauslegungen. Aber auch eine zu großzügige Regelauslegung kann inadäquat werden. Beispielsweise, wenn der Schiedsrichter bei einem nassen Boden harte Tacklings zulässt, die bei den Spielern zu Unruhe führen.
Eine akkurate und adäquate Entscheidung basiert auf einer situationsgerechten Regelauslegung. Der Schiedsrichter nutzt seinen Ermessensspielraum, um sich die nötige Akzeptanz zu verschaffen, bspw. im Umgang mit Verhaltensweisen am Rande der Unsportlichkeit, wie das Sperren des Balls oder das Wegspitzeln des Balls.
Auch wenn in der Regel adäquate Entscheidungen akkurate Entscheidungen benötigen (Plessner et al., 2009), gibt es diverse Ausnahmen. Eine Entscheidung kann paradoxerweise adäquat sein und auf Akzeptanz stoßen, dennoch aber inakkurat sein. Dabei handelt es sich um bewusste Regelbeugungen.
Eine Studie zeigt beispielsweise, dass die Sechs-Sekunden-Regel oder Regelverstöße bei Strafstößen in der Regel ungeahndet bleiben (Kolbinger & Stöckl, 2019). Diese Praktik ist nicht vom Regelwerk gedeckt und widerspricht diesem sogar.
Es scheint also ungeschriebene Gesetze zu geben, die das formale Regelwerk und dessen Auslegung ergänzen. Auch darüber hinaus gibt es immer wieder auf dem Platz Situationen, in denen der Schiedsrichter gut wegkommt, wenn er die Karten stecken lässt, die laut Regelwerk eigentlich nötig wären. Der Schiedsrichter drückt dann beide Augen zu.
Doch Vorsicht: Derartige Entscheidungen sind oft ein Spiel mit dem Feuer, das schnell zum Flächenbrand führen kann.
Tab. 2.2: Entscheidungsarten
| Inadäquat | Adäquat | |
| Akkurat | Sehr kleinliche (oder sehr großzügige) Regelauslegung | Nutzung des Ermessensspielraums |
| Inakkurat | Klassische Fehlentscheidung | Kalkulierte Regelbeugung; ungeschriebene Gesetze |
Exkurs 2.4: Akkurate vs. adäquate Entscheidung – eine Analyse von Collinas Erben
Alex Feuerherdt ist Publizist sowie Betreiber von Collinas Erben, einem Schiedsrichterpodcast. Er ist seit 1985 selbst Schiedsrichter, hat Spiele bis zur Oberliga geleitet und beobachtet u. a. in der Juniorenbundesliga.
„Alex, du hattest bei Collinas Erben über eine Szene aus dem Zweitligaspiel Darmstadt 98 – FC St. Pauli im Oktober 2020 geschrieben, die für viel Aufregung und Kritik sorgte, obwohl in ihr regeltechnisch korrekt entschieden wurde. Was genau ist geschehen?“
Alex Feuerherdt: „Es lief die Nachspielzeit, Darmstadt führte mit 2:1, St. Pauli war im Angriff. Lukas Daschner kam im Darmstädter Strafraum in Ballbesitz, verlor die Kugel im Zweikampf jedoch gleich wieder. Nach einer Körperdrehung versuchte er mit einem Ausfallschritt, wieder an den Ball zu kommen, den der Darmstädter Adrian Stanilewicz gerade aus dem Strafraum schlagen wollte. Stanilewicz hatte bereits zum Schuss ausgeholt, als Daschner sein Bein zwischen den Ball und den Fuß des Gegners brachte.
Stanilewicz konnte die Schussbewegung nicht mehr abbrechen und zog folgerichtig durch. Dabei traf er nicht den Ball, sondern den Fuß von Daschner, bevor schließlich ein Mitspieler klären konnte. Der Schiedsrichter ließ erst weiterspielen, doch der Videoassistent (VAR) griff ein – und nach dem Review gab es einen Elfmeter, den St. Pauli zum 2:2-Endstand verwandelte.“
„Wie haben die Spieler beider Mannschaften reagiert?“
Alex Feuerherdt: „Bei St. Pauli haben einige reklamiert, als Daschner getroffen wurde. Nach dem Review und der Elfmeterentscheidung haben dann die Darmstädter protestiert, die es nicht fassen konnten. Stanilewicz dürfte argumentiert haben, dass er ja gar nicht mehr zurückziehen konnte, voll auf den Ball fokussiert war und das Bein von Daschner gar nicht gesehen hat.“
„Was macht die Entscheidung zwar akkurat, aber nicht unbedingt auch adäquat?“
Alex Feuerherdt: „Regeltechnisch blieb dem Schiedsrichter nach dem Betrachten der Bilder kaum etwas anderes übrig, als auf Strafstoß zu entscheiden. Stanilewicz konnte man zwar eigentlich keinen Vorwurf machen – als er zum Schuss ausholte, war da ja noch kein gegnerisches Bein. Aber beim Foulspiel ist nicht die Absicht ein Kriterium, sondern beispielsweise Fahrlässigkeit, die etwa aus Unachtsamkeit resultiert. So kam es zu diesem Tritt. Und Daschner hatte weder gefährlich gespielt noch Stanilewicz gefoult. Er hatte lediglich beim – erfolglosen – Versuch, den Ball zu erreichen, den Fuß in die Schussbewegung gebracht. Und das ist ja nicht verboten, solange der Gegner nicht gefährdet wird.
Dennoch sträubt man sich innerlich gegen diese Entscheidung, vor allem, weil Daschner eben nicht den Ball gespielt hatte. Die Fernsehkommentatoren argumentierten deshalb, er habe ‚den Fuß reingehalten‘, sie wollten die Aktion also als Offensivfoul gewertet wissen, auch wenn es dafür eigentlich keine regeltechnische Grundlage gibt. Aber man sieht daran: Die Akzeptanz für diese Entscheidung war auch bei neutralen Beobachtern gering. Das ist nachvollziehbar, weil man sich beim Betrachten der Szene fragt: Wie hätte Stanilewicz den Tritt vermeiden sollen, wenn Daschners Bein beim Ausholen noch gar nicht im Weg war? Und konnte Daschner überhaupt den Ball erreichen?“
„War die Szene dann überhaupt ein Fall für einen Eingriff des Videoassistenten?“
Alex Feuerherdt: „Auf dem offiziellen Twitter®-Account der DFB-Schiedsrichter hieß es: ‚Der VAR greift ein, da der SR diesen Kontakt im Fußbereich nicht wahrgenommen hatte (ein sogenannter Serious Missed Incident) und das Bildmaterial diesen nachweisen kann.‘ Der Grund für die Intervention war also kein klarer und offensichtlicher Fehler, sondern ein übersehener schwerwiegender Vorfall. Formal war der Eingriff damit korrekt.“
„Trägt der VAR dazu bei, dass vermehrt akkurate Entscheidungen getroffen werden, die jedoch viele als inadäquat wahrnehmen?“
Alex Feuerherdt: „Zumindest verengt sich der Ermessensspielraum bei der Zweikampfbeurteilung und der Bewertung von Handspielen. Wenn die Bilder etwa bei einem Zweikampf im Strafraum zeigen, dass es einen Kontakt am Bein eines Angreifers gab, den der Schiedsrichter nicht wahrgenommen oder nicht als strafwürdig bewertet hat, fällt es oft schwer, zu argumentieren, warum es keinen Elfmeter geben soll. Dabei dramatisiert die Zeitlupe häufig und vermittelt dadurch ein verzerrtes Bild. Viele Aktionen wirken durch die Verlangsamung deutlich bewusster und gezielter, als sie es in Wirklichkeit waren. Die Dynamik wird nicht adäquat widergespiegelt, dabei ist sie ein wichtiger Faktor.
Manchmal gaukeln die Bilder eine Objektivität vor, die so gar nicht gegeben ist. Sie drängen dem Beobachter – in diesem Fall also dem Schiedsrichter – oft eine vermeintliche Eindeutigkeit auf, die in Wirklichkeit nicht existiert. Besonders bei Zweikämpfen gibt es einen Graubereich, in dem das Ermessen des Unparteiischen gefragt und auch nützlich ist, gerade mit Blick auf die Akzeptanz und die Frage, wie eine 50:50-Entscheidung zum Spielcharakter und zur Linie des Schiedsrichters passt.
Was situativ adäquat ist und was nicht, kann man als Referee auf dem Feld oftmals besser beurteilen als am Bildschirm. Dazu benötigt man auch ein gutes Gespür – und das ist plötzlich kein Faktor mehr, wenn beim Review eine Szene sozusagen aus dem Kontext gerissen wird.“
„In Darmstadt hätte der Schiedsrichter also nicht bei seiner Entscheidung ‚kein Strafstoß‘ bleiben können?“
Alex Feueherdt: „Er war in einem Dilemma: Wenn es in diesem Spiel keinen VAR gegeben hätte, dann hätten wohl die meisten aus den genannten Gründen gesagt, dass es eine Entscheidung im Sinne des Fußballs war, die unglückliche und kaum zu vermeidende Aktion von Stanilewicz nicht mit einem Elfmeter zu ahnden. St. Pauli hätte zwar sicherlich ein bisschen gemurrt, die Entscheidung aber wohl trotzdem als adäquat empfunden und hingenommen. Mit VAR dagegen blieb eigentlich nur noch der regeltechnisch streng akkurate Elfmeterpfiff übrig, der für erheblich mehr Diskussionen gesorgt hat, weil er für unangemessen kleinlich gehalten wurde.“
Pulsuz fraqment bitdi.