Kitabı oxu: «Geschichte im politischen Raum»

Şrift:

Hilmar Sack

Geschichte im politischen Raum

Theorie – Praxis – Berufsfelder

Bärenreiter-Verlag Karl Vötterle GmbH & Co. KG

A. Francke Verlag Tübingen

© 2016 • Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG

Dischingerweg 5 • D-72070 Tübingen

www.francke.de • info@francke.de

Print-ISBN 978-3-8252-4619-8

ePub-ISBN 978-3-8463-4619-8

Inhalt

  Zusatzmaterial

  1 Einleitung Die Themen

 2 Erinnerungskultur: Leitbegriff in Wissenschaft und Gesellschaft2.1 Von der Sehnsucht nach Geschichte in Zeiten globalen Wandels2.2 Dreiklang der geschichtswissenschaftlichen Gedächtnisforschung: Kollektives, kommunikatives und kulturelles Gedächtnis2.3 Zur Relevanz politischer Mythen2.4 Geschichtspolitik und Geschichtsgefühl2.5 Kein Recht auf Vergessen? Und wo bleibt die Zukunft?

  3 Zur Zukunft des Gedenkens – neue Herausforderungen der Geschichtspolitik 3.1 Das Ende der NS-Zeitzeugenschaft 3.2 Erinnern in Zeiten von Europäisierung und Globalisierung 3.3 Erinnern in der Einwanderungsgesellschaft

 4 Deutsche Geschichtsbezüge und die großen geschichtspolitischen Debatten4.1 GeschichtsbezügeIn weiter Ferne so nah: Das Mittelalter und die regionale IdentitätsstiftungPreußens langer SchattenDie Gewaltgeschichte zwischen 1914 und 1945Doppelte Diktaturerfahrung: Die DDRVom langen ‚Sonderweg‘ nach Westen: Deutsche Freiheits- und Demokratiegeschichte4.2 GeschichtsdebattenKontroverse reloaded: Die KriegsschuldfrageDie Mutter aller Debatten – der ‚Historikerstreit‘‚Ganz normale‘ Deutsche? Goldhagen-Debatte und WehrmachtsausstellungDie DDR: ein Unrechtsstaat?

  5 Politische Symbolik: Von Verfassung, Hoheitszeichen und Architektur

 6 Erinnern und Gedenken als kulturpolitisches Handlungs- und Berufsfeld6.1 Von der Vergangenheitsbewältigung zur Aufarbeitung6.1.1 Begriffsbestimmung6.1.2 Fallbeispiel: Die politische Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit6.2 Grundlagen und Akteure deutscher KulturpolitikBerufsfelderDas Berufsfeld Kulturpolitik: 3 Fragen ...6.3 Das Gedenkstättenkonzept des Bundes6.4 Nationalfeiertag und GedenktageDer NationalfeiertagPolitische Gedenktage6.5 Arbeiten am authentischen Ort: Die GedenkstätteDas Berufsfeld Gedenkstätte: 3 Fragen ...6.6 Forschungseinrichtungen, Museen und außerschulische BildungsträgerDas Berufsfeld politisch-historische Bildung: ...6.7 In Stein gemeißeltes Erinnern: Deutsche DenkmalspolitikPolitischer Totenkult: Die „Neue Wache“Das Denkmal für die ermordeten Juden Europas: NS-Vergangenheit im MahnmalSteinerne Freiheits- und Demokratietradition: Das Einheitsdenkmal

 7 „Auch Reden sind Taten“: Geschichte in der politischen Rhetorik7.1 Politische Reden und die Rolle von Geschichte7.2 Gelungene, misslungene und überhörte Reden: Drei FallbeispieleEin Anlass, zwei Bundespräsidenten, gänzlich unterschiedliche Wirkung: Reden zum 8. MaiDie „Jenninger-Rede“ zum 9. November und ihre Folgen7.3 Redenschreiben ist keine Wissenschaft – aber eine Kunst7.4 Redenschreiben als BerufDas Berufsfeld Redeschreiben: 3 Fragen ...

  8 Geschichtspolitik und Medien Das Berufsfeld Verlagswesen und ...

  9 Glossar

  10 Wichtige Institutionen, Ansprechpartner, Zeitschriften und Links Verbände, Arbeitskreise Staatliche Institutionen Zentralen für politische Bildung Stiftungen/Vereine Gedenkstättenportale Forschungsinstitute (Auswahl – wichtig sind vor allem die Institute an den jeweiligen Universitäten) Wichtige Zeitschriften und Webportale

  11 Literatur

  13 Abbildungsnachweis

  Personenregister

  Sachregister

www.utb-shop.de/9783825246198.


Abb. 1: Deutscher Reichsmythos: Kaiser Rot- und Weißbart am Kyffhäuser-DenkmalDenkmal

Einer der wirkmächtigsten deutschen Mythen kommt völlig unmilitärisch daher: Der Mythos Deutschlands als KulturnationKulturnation. Er knüpft sich an Orte (vor allem Weimar und Königsberg), an Epochen (Aufklärung, deutsche Klassik etc.) und Persönlichkeiten aus Literatur (von LessingLessing, Gotthold Ephraim über GoetheGoethe, Johann Wolfgang v. und SchillerSchiller, Friedrich v. bis Thomas MannMann, Thomas und Bertolt BrechtBrecht, Bertolt), Philosophie (von KantKant, Imanuel über NietzscheNietzsche, Friedrich bis HeideggerHeidegger, Martin), Musik (von Bach und HändelBach, Johann Sebastian über Beethoven bis WagnerBeethoven, Ludwig van) und Kunst (von den alten Meistern über die Romantiker bis zu den Malern der Moderne). Gerade in Zeiten staatlicher Schwäche, ob im partikular zersplitterten 19. Jahrhundert oder in der geteilten Nation nach 1945, blieb es das einigende Band, auf das sich die Deutschen über alle realen und ideologischen Grenzen hinweg beziehen konnten. Dass die Stilisierung der Deutschen als Kulturnation in Kriegszeiten auch zum Instrument kulturchauvinistischer Propaganda taugt, zeigte sich im Ersten WeltkriegErster Weltkrieg, als deutsche Intellektuelle den Krieg gegen Frankreich zum Kampf zwischen deutscher Kultur und ‚welscher‘ (= romanischer, v.a. französischer) Zivilisation erklärten.

Mythen kennen Konjunkturen, das heißt auf Latenzphasen folgen Perioden, in denen die Narrationen wieder aktiviert werden, um Gegenwartserfahrungen zu verarbeiten. Und sie können sich aufeinander beziehen, sich gegenseitig verstärken. Im nationalen Diskurs der Deutschen verbanden sich etwa der Mythos um den Römerbezwinger ArminiusArminius/Hermann der Cherusker mit den herausragenden Mythenfiguren aus der frühen Neuzeit, dem „deutschen LutherLuther, Martin“, der mit der Reformation den Kampf gegen den römischen Katholizismus aufnahm (siehe Lehmann 2000), sowie Friedrich dem GroßenFriedrich II., preuß. König, dessen protestantisches PreußenPreußen dem katholischen Habsburg die Stirn bot und sich gegen eine Welt von Feinden durchsetzte. Im 19. Jahrhundert wurde daraus eine immens wirkungsvolle nationale Großerzählung des Kampfes gegen ausländische Bevormundung konstruiert, die als einigendes Band die Vorstellung einer spezifisch „teutschen Freiheit“ transportierte. In BismarckBismarck, Otto v. fand sie ihren Abschluss als ‚Reichseiniger‘, der im Ringen „deutscher Kultur“ gegen „welsche (d.h. romanische) Zivilisation“ den modernen Nationalstaat durch Blut und Eisen „schmiedete“ – eine wirkmächtige Mythoserzählung, die zur bedingungslosen Opferbereitschaft noch in den Weltkriegen des 20. Jahrhunderts anstiftete (siehe Gerwarth 2007).

Und heute? Die eingangs erwähnte Präsenz konstruierter moderner Konsum-, Marken- und Lebensstilmythen steht in einem auffallenden Kontrast zur Verdrängung nationaler Mythen aus der staatlich-politischen Sphäre. Während in der DDRDDR der AntifaschismusAntifaschismus zu einem staatstragenden Gründungsmythos aufstieg, tat sich die Bundesrepublik schwer mit einer auf Mythen basierenden Staatsrepräsentation. Vom übersteigerten Nationalismus und der NS-Diktatur desavouiert und im staatlichen Provisorium der geteilten Nation ihres nationalstaatlichen Bezugsrahmens beraubt, blieben die überkommenen nationalen Großerzählungen auf der Strecke (siehe Hacke/Münkler 2009; Cammann/Hacke/Schlak 2005). Aus der mythenarmen bundesdeutschen Geschichtserzählung ragt insbesondere ein positiver Gründungsmythos heraus: das WirtschaftswunderWirtschaftswunder (siehe Gries 2005; Münkler 2004). Seine Erzählung zielt politisch auf die im Wirtschaftsaufschwung gewonnene demokratische Stabilität. Er bot der noch jungen Demokratie Orientierung – zusätzlich verstärkt durch die Komplementärgeschichte des Scheiterns der Weimarer RepublikWeimarer Republik in Inflation und Wirtschaftskrise. Das Wirtschaftswunder als Gründungsmythos der Bundesrepublik fand seine ikonische Verdichtung in der DM, in den Bildern sich füllender Schaufenster – eine Ursprungserzählung, die sich vom Konzept der Sozialen Marktwirtschaft bis in die Werbung großer Unternehmen hinein bis heute wiederholt. Im Bild „blühender Landschaften“, das Helmut KohlKohl, Helmut nach 1990 für die neuen Bundesländer bemühte, wurde die Wirtschaftswunder-Narration auch für das wiedervereinigte Deutschland anschlussfähig und um ein neues Kapitel erweitert. Die Erzählung vom rasanten Aufschwung zum Exportweltmeister hat ihre Stärke dabei weniger im Politischen. Kein DenkmalDenkmal transportiert sie, und kein Staatsakt muss ihrer gedenken. Das Wirtschaftswunder ist genuin und auch in der Erinnerung vieler eine Geschichte des Konsums – und damit auch die Geschichte seiner Marken. Vom „Wir sind wieder da“ der Markenprodukte bis zum „Wir sind wieder wer“ im Behelfsmythos „Wunder von Bern“ (dem Gewinn des Fußball-WM-Titels 1954) tradiert sich die bundesrepublikanische Ursprungserzählung aus den Wirtschaftswundertagen wirkungsvoll in den Markenmythen der Populärkultur. Denn auch die Werbung ist längst ein Erinnerungsträger, sie bedient eine Erinnerung „en passant“ (Welzer 2001, 12).

Und welches mythische Potential entfalten die historischen Ereignisse von 1989/90? Die Erzählung von einer nach Freiheit strebenden Bürgerbewegung, die Mauern niederzureißen vermochte, hat in der dichten Folge von immer stärker inszenierten Gedenkveranstaltungen bereits Kontur gewonnen. Sie gründet aber nur in der Erfahrung eines (zudem bedeutend kleineren) Teils der Bevölkerung – so wie der Achtundsechziger-Mythos, der die Protestbewegung zum eigentlichen Begründer der liberalen Gesellschaftsordnung in der Bundesrepublik stilisiert, ein rein westdeutsches Phänomen ist. Die mythische Überhöhung einer einzelnen Person, die historisch im BismarckBismarck, Otto v.-Mythos begegnet, blieb bislang aus – wohl auch, weil der zum „Kanzler der Einheit“ erkorene Helmut KohlKohl, Helmut durch eine Parteispendenaffäre sein Bild wenn auch vielleicht nicht endgültig so doch nachhaltig demontiert hat. Außerdem erweist sich das Personaltableau der deutschen Einheit von Willy BrandtBrandt, Willy bis Michail GorbatschowGorbatschow, Michail als durchaus heterogen und die Wiedervereinigung vollzog sich in enger Verbindung zum parallel laufenden europäischen EinigungsprozessEuropa, der über die Nation hinausweist.

Prägend für die ErinnerungskulturErinnerungskultur in Deutschland ist vor diesem Hintergrund also weniger ein unhinterfragbarer Mythos – jedenfalls dann, wenn die negative Ursprungserzählung der deutschen Demokratie aus der Erfahrung des HolocaustsHolocaust/Shoah nicht als ein solcher bezeichnet werden soll. Vielmehr ist es die lebendige und kontroverse Erinnerungspolitik, die in der AufarbeitungVergangenheitsbewältigung einer doppelten Diktaturerfahrung gründet (→ Kapitel 6.1). Der Grund für die Schwäche politischer MythenMythos, politischerbildung liegt aber nicht alleine in der nachhaltigen ‚Kontaminierung‘ deutscher Geschichte durch die NS-Vergangenheit und der jahrzehntewährenden deutschen Teilung. Sie ist auch der veränderten Medialität mythischer Erzählungen geschuldet: der Dominanz neuer Mythenproduzenten wie Film und Fernsehen, die die alten mythischen Ausdrucksformen, vom Buch über das DenkmalDenkmal bis zum Fest, herausfordern. Da jedenfalls, wo der Versuch zur offiziellen Inszenierung eines positiv konnotierten Staatsmythos im wiedervereinigten Deutschland gewagt wird, begegnet dieser eher als geschichtspolitisches Rätsel. So werden nur die wenigsten Besucher des vor dem Brandenburger Tor gelegenen „Platz des 18. März“ (Abb. 2) die mit der Namensgebung intendierte demokratische Traditionsbildung nachvollziehen: Eher angestrengt als überzeugend wird hier eine Linie vom 18. März 1848 (deutsche Revolution) zum 18. März 1990Gedenktage18. März (erste freie Wahlen zur Volkskammer in der DDRDDR) gezogen. Und doch kommt eine neue Tendenz zum Vorschein, nationale Identitätsangebote zu machen, für die nicht der Bruch mit der negativen Vergangenheit, sondern eine positive Traditionsbildung konstitutiv ist. Offen bleibt allerdings, ob sich dies fort- oder sogar durchsetzt.


Abb. 2: Geschichtspolitisches Rätsel: Welche Deutung verbirgt sich hinter dem Platz des 18. März?

Weiterführende Literatur

Berding 1996: Helmut Berding (Hg.), Mythos und Nation. Studien zur Entwicklung des kollektiven Bewußtseins in der Neuzeit (Frankfurt a.M. 1996).

Bizeul 2000: Yves Bizeul (Hg.), Politische Mythen und Rituale in Deutschland, Frankreich und Polen (Berlin 2000).

Flacke 1998: Monika Flacke (Hg.), Mythen der Nationen. Ein europäisches Panorama. (= Ausstellung des Deutschen Historischen MuseumsMuseenDHM vom 20. März 1998 bis 9. Juni 1998) (München/Berlin 1998).

Hacke/MünklerMünkler, Herfried 2009: JensJens, Walter Hacke/Herfried Münkler (Hg.), Wege in die neue Bundesrepublik. Politische Mythen und kollektive Selbstbilder nach 1989 (Frankfurt a.M. 2009).

MünklerMünkler, Herfried 2009: Herfried Münkler, Die Deutschen und ihre Mythen (Berlin 2009).

2.4 GeschichtspolitikGeschichtspolitik und GeschichtsgefühlGeschichtsgefühl

Alle Geschichte, postuliert Heinrich August WinklerWinkler, Heinrich August (2004, 7), sei eine Geschichte von Kämpfen um die Deutung von Geschichte. Was meint er damit? Erinnerungen sind an die Gegenwart gebunden, die Deutungen von Geschichte also zeitimmanent und kontextabhängig. Damit sind divergierende Interpretationen möglich, um historischen Ereignissen Sinn zu verleihen, unterschiedliche Geschichtsbilder treten in Konkurrenz zueinander. Da diese aber auf das gesellschaftliche Selbstverständnis zielen, erwächst dem Streit um die historische Deutungshoheit eine eminent politische Dimension (siehe Steinbach 2013). Beim „Griff nach der Deutungsmacht“ (Winkler 2004) geht es also immer auch um die politische Diskurshegemonie. Der politische Kampf wird zum Geschichtskampf, die Deutung von Vergangenheit zur „GeschichtspolitikGeschichtspolitik“ (siehe Schmid 2009 und 2009c; Troebst 2013).

Edgar WolfrumWolfrum, Edgar hat maßgeblich dazu beigetragen, den im ‚HistorikerstreitHistorikerstreit‘ (→ Kapitel 4.2) als „publizistischen Kampfbegriff“ (Schmid 2009c) geprägten Terminus zu einem eigenständigen Theorieansatz fortzuentwickeln (siehe Wolfrum 1996; ders. 1998; ders. 2001). Wolfrum versteht unter GeschichtspolitikGeschichtspolitik die Untersuchung eines Handlungs- und Politikfeldes, „auf dem verschiedene politische Akteure die Vergangenheit mit bestimmten Interessen befrachten und in der Öffentlichkeit um Zustimmung ringen“ (Wolfrum 1998b, 4f.). Weil die Praxis der politischen Indienstnahme von Geschichte und die Erforschung dieser Praxis begrifflich nicht getrennt voneinander sind, sondern beides unter ‚Geschichtspolitik‘ firmiert, unterstreicht Wolfrum (2013, 37) die Ideologiefreiheit der Forschungen zur Geschichtspolitik: Sie „wollen mitnichten Rezepte für den Umgang mit Vergangenheiten liefern. Sie wollen vielmehr herausfinden, wer, wann, warum und mit welchen Mitteln Vergangenheit nutzt, sich auf sie beruft, sie politisch deutet und ummodelt“. Ergebnisse dieser Forschungen sind mithin auch gerade für den interessant, der heute selbst an historisch fundierter politischer Sinnstiftung mitwirken möchte oder daran bereits teilhat.

Das geschichtspolitische Forschungsinteresse liegt weniger auf dem mythisch verdichteten und verinnerlichten Ereignis als vielmehr auf den Akteuren des Deutungskampfes, die die Mobilisierungs- und Integrationskraft der kollektiven Vorstellungen, Denk- und Weltbilder in den Dienst ihrer politischen Interessen stellten (siehe Fröhlich/Heinrich 2004). Die geschichtspolitische Forschung richtet ihren Blick über die ‚Höhenkammliteratur‘ hinaus wesentlich auf den außerwissenschaftlichen Raum. Denn gerade politische Eliten geben nachhaltig Impulse auf die öffentlich zirkulierenden Geschichtsbilder, die in politischen Debatten Breitenwirkung entfalten (Wolfrum 1996, 390). Nicht nur das Verhältnis von Geschichte und Politik, sondern auch das zwischen Politiker und Historiker ist delikat. Zitate zweier Repräsentanten aus Wissenschaft und Politik veranschaulichen die Selbstwahrnehmung der jeweils eigenen Rolle: Während sich BundespräsidentBundespräsident Richard von WeizsäckerWeizsäcker, Richard v. (1920–2015) auf dem Historikertag 1988 bescheiden als „Verbraucher“ geschichtswissenschaftlicher Erkenntnisse präsentierte (Weizsäcker 1990,115), formulierte der Historiker Lothar GallGall, Lothar (1997, 1) bei gleicher Gelegenheit acht Jahre später das Verhältnis aus Sicht des Wissenschaftlers so: „Und der Historiker war über Jahrhunderte oft nicht mehr als ein zur Dienstleistung für andere Zwecke herbeigezogener Knecht, seine Wissenschaft eine Dienstmagd, eine ancilla.“ Die Indienstnahme von Geschichte in der Politik hat eine Orientierungsfunktion, sie soll Öffentlichkeit mobilisieren, politisieren und als Bindemittel dienen, um nationale, soziale und andere Gruppen zu integrieren, sie kann ausgrenzen, Gegner diffamieren und gleichzeitig das eigene Handeln legitimieren (Wolfrum 2001, 5f.). Daher lauten zentrale Fragestellungen geschichtspolitischer Forschung, wer die Geschichte wie und mit welchem Kalkül in die politische Debatte einbringt, welche Reaktionen sie provozierte und welche Grenzen ihrer Wirksamkeit gesetzt sind.

Welche Rolle spielt dabei der Staat mit seinen Institutionen und Repräsentanten? Er greift einerseits mit seiner Gedenkpolitik aktiv ein, andererseits bündeln sich in den quasi staatlich sanktionierten Geschichtsbildern die gesellschaftlich mehrheitsfähigen Deutungen. Derart kulturell gestiftetes Erinnern tritt zwangsläufig in Konkurrenz zu den privaten Erinnerungen, die in Familien über Generationen weitergegeben werden. Nach Einschätzung von Aleida AssmannAssmann, Aleida (2006, 4) entwickeln sich in vielen Gesellschaften Zweigleisigkeiten zwischen einem offiziellen und einem inoffiziellen GedächtnisGedächtnis: „Unter den monumentalen Deklamationen und Zeichensetzungen des Staates erhält sich das Netz eines sozialen Gedächtnisses, das eine kognitive Dissonanz produziert, damit aber auch eine kritische Distanz zur offiziell verordneten Gegenwartsdeutung ermöglicht.“ Neben den großen nationalen und heute nicht selten europäischen Narrativen eines verordneten offiziellen Gedächtnisses, in dem den ‚alten‘ Institutionen des Kulturbetriebs eine Vermittlerrolle zukommen, existieren – neben den ganz privaten – zahlreiche weitere, für die Alltagswelt der Menschen dabei oftmals drängendere und anschlussfähigere Erinnerungsbezüge. In diesem Kontext werden Gefühle als die eigentlichen Konservatoren der Erinnerung relevant. Jede Erfahrung transportiert und überträgt sich demnach durch Gefühle, die ihrerseits die Erfahrung im Gedächtnis bewahren. Sie verknüpfen Vergangenheit und ZukunftZukunft, indem sie Erfahrungen und Erinnerungen in Erwartungen überführen – angstvolle oder auch optimistische (Frevert 2000, 102).

Vor und nach der Jahrtausendwende erlebte Deutschland eine „emotionale Schleusenöffnung“ (Seitz 2006). Lange verschüttete und neue Themen von hoher Sprengkraft bestimmten die Debatten: Deutsche als Opfer von FluchtFlucht und Vertreibung, Vertreibung und alliiertem Luftkrieg, aber auch DDRDDR-Nostalgiewellen unterliefen die üblichen Prämissen des Gedenkens, die auf rationale AufarbeitungVergangenheitsbewältigung der doppelten Diktaturgeschichte zielen. Parallel dazu führte 2002 der Schriftsteller Martin WalserWalser, MartinAffärenWalser einen Begriff in die Debatte ein, von dem Kritiker spitz sagen, er scheue die Definition wie Walser den intellektuellen Standpunkt (Cammann/Hacke/Schlak 2003, 12). Er hat trotzdem (oder gerade deshalb) in der Folge eine erstaunliche Karriere gemacht: das „GeschichtsgefühlGeschichtsgefühl“. Dolf SternbergerSternberger, Dolf (1987, 733) postulierte einst, Geschichte sei „leichenstarr“, und darum könne man Geschichte nicht „erleben“: „Fängt man an, Geschichte für das Erlebnis zuzubereiten, so löscht man ihre Geschichtlichkeit, hebt ihre unwiderrufliche Faktizität auf.“ Walser hingegen rückte gerade das emotionale Erlebnis ins Zentrum seines Vergangenheitsbezugs und verwies auf Grenzen einer bloß rational argumentierenden Identitätsstiftung: „Eine Zugehörigkeit muss man erleben, nicht definieren. Auch die Zugehörigkeit zu einem Geschichtlichen hat man nicht zuerst als Erkenntnis parat, sondern als Empfindung, als Gefühl. So kommt es wenigstens bei mir zu einem Geschichts-Gefühl. Frage sich jeder selbst, ob er, wenn er versucht, das Wort Nation zu definieren, nach dem Definieren mehr weiß als er vorher durch Empfindung wusste.“ (Walser 2002) Man könne durch Empfinden wissend werden, hielt Walser seinen Kritikern entgegen: „Wer als Intellektueller glaubt, er könne oder müsse gar über Nation gefühlsfrei denken, den darf man wohl mit allem Respekt einfältig nennen. Mein Geschichtsgefühl Deutschland betreffend ist der Bestand aller Erfahrungen, die ich mit Deutschland gemacht habe – mit dieser Nation.“ (ebd.) Ein Sturm der Entrüstung entlud sich über den Schriftsteller, auch weil Walser in seinem Plädoyer für ein „Geschichtsgefühl“ zwar von den Karolingern bis zu den Hohenzollern, vom Rhein bis zu den Alpen einige „historische Ströme“ benannte, die er „erleben“ könne, die dunklen Phasen der deutschen Geschichte aber aussparte. Walsers geschichtsgefühliger Einwurf wurde als Kampfansage an den Intellekt und die kritische Geschichtswissenschaft verstanden, als Angriff auf die Grundlagen des kulturell gestifteten kollektiven GedächtnissesGedächtniskollektives und unseren Umgang mit der Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts (→ Kapitel 4, Infobox AffärenAffären). Die Frage, was angesichts erfahrener Gewalt erinnert und was vergessen werden soll, ist, wie im folgenden Kapitel gezeigt wird, so alt wie die Menschheit. Die Antwort darauf war allerdings lange eine andere als heute.

Weiterführende Literatur

Cammann/Hacke/Schlak 2003: Alexander Cammann/JensJens, Walter Hacke/Stephan Schlak (Hg.), GeschichtsgefühlGeschichtsgefühl. In: Ästhetik und Kommunikation. 34 (2003), H. 122/123.

Fröhlich/Heinrich 2004: Claudia Fröhlich/Horst-Alfred Heinrich, GeschichtspolitikGeschichtspolitik. Wer sind ihre Akteure, wer ihre Rezipienten? (Stuttgart 2004).

SchmidSchmid, Harald 2009: Harald Schmid (Hg.), GeschichtspolitikGeschichtspolitik und kollektives GedächtnisGedächtniskollektives: ErinnerungskulturenErinnerungskultur in Theorie und Praxis (Göttingen 2009).

François u.a. 2013: Etienne François/Kornelia Konczal/Robert Traba/Stefan Troebst (Hg.), GeschichtspolitikGeschichtspolitik in EuropaEuropa seit 1989: Deutschland, Frankreich und Polen im internationalen Vergleich (Göttingen 2013).

WinklerWinkler, Heinrich August 2004: Heinrich August Winkler (Hg.), Griff nach der Deutungsmacht. Zur Geschichte der GeschichtspolitikGeschichtspolitik in Deutschland (Göttingen 2004).

WolfrumWolfrum, Edgar 2001: Edgar Wolfrum, Geschichte als Waffe. Vom KaiserreichKaiserreich bis zur Wiedervereinigung (Göttingen 2001).

2.5 Kein Recht auf Vergessen? Und wo bleibt die Zukunft?

„Das Zukünftige nimmt ab, das Vergangene wächst an,

bis die Zukunft verbraucht und das Ganze vergangen ist.“

(AugustinusAugustinus, Bekenntnisse XI)

Das VergessenVergessen hat gegenwärtig keinen guten Leumund. Doch das war nicht immer so. „Zu allem Handeln gehört Vergessen: wie zum Leben alles Organischen nicht nur Licht, sondern auch Dunkel gehört“, schreibt Friedrich NietzscheNietzsche, Friedrich (1844–1900) in seiner für die Gedächtnisforschung inspirierenden Abhandlung „Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben“ (Nietzsche 1893, 209). Ein Mensch, der durch und durch nur historisch empfinden wollte, wäre dem ähnlich, „der sich des Schlafens zu enthalten gezwungen würde, oder dem Tiere, das nur vom Wiederkäuen und immer wiederholtem Wiederkäuen leben sollte“ (ebd. 212). Das berühmte Philosophen-Fazit lautet deshalb: „Es ist möglich, fast ohne Erinnerung zu leben, ja glücklich zu leben, wie das Tier zeigt; es ist aber ganz und gar unmöglich, ohne Vergessen überhaupt zu leben“ (ebd.).

Erinnern und VergessenVergessen sind zwei Seiten der gleichen Medaille. NietzschesNietzsche, Friedrich Einwand antizipiert ein Unbehagen, das sich gegenüber dem dominierenden Erinnerungsimperativ zu regen beginnt: Gibt es nicht auch das Recht, vielleicht sogar die Notwendigkeit zu vergessen? Mit Blick auf zahlreiche historisch aufgeladene Konflikte formuliert Jan AssmannAssmann, Jan einen naheliegenden Gedankengang (ohne ihn sich gemein zu machen): „Allen wäre geholfen, wenn die Vergangenheit begraben, ein Schlussstrich gezogen und endlich eine gemeinsame Zukunft gefunden werden könnte. […] Die Vergangenheit hat uns im Griff, sie verengt unseren Blick für die Zukunft und beschränkt unsere Handlungsfreiheit. In solchen Fällen wäre mit Vergessen viel zu erreichen“ (Assmann 1999a, 25). Der Althistoriker Christian MeierMeier, Christian hat dazu unter dem Titel „Das Gebot zu vergessen und die Unabweisbarkeit des Erinnerns“ einen anregenden Essay vorgelegt (Meier 2010). Seine Untersuchung zum öffentlichen Umgang mit „schlimmer Vergangenheit“ bürstet das gegenwärtige Erinnerungsdogma gehörig gegen den Strich. Meier zeichnet nach, dass die Menschheit über Jahrtausende auf das Vergessen und gerade nicht das Erinnern setzte, um den gestörten Frieden untereinander wiederherzustellen. Von der Antike über das MittelalterMittelalter bis zur Neuzeit enthielten die Verträge nach Kriegen und Bürgerkriegen Bestimmungen, vergessen zu sollen, es regierte Amnestie und Amnesie. Erst das 20. Jahrhundert räumte welthistorisch neuartig mit dieser Praxis auf, beginnend mit der AufarbeitungVergangenheitsbewältigung des Ersten WeltkriegsErster Weltkrieg. Auschwitz schließlich habe die völlige Abkehr vom Gebot des Vergessens bewirkt. Meier schildert diesen Wandlungsprozess nicht allein deskriptiv-chronologisch, er bindet das Erinnern und Vergessen zugleich normativ an die Forderung nach Gerechtigkeit und die Notwendigkeit zum Frieden (ebd. 9ff., 81ff.). An diesen zwei konfliktreichen Alternativen haben sich Gesellschaften in der „Konfrontation mit schlimmer Vergangenheit“ abzuarbeiten – und es bedarf keiner expliziten Erwähnung, in welche Richtung sich die Waagschale in Deutschland neigt. Dabei hat sich heute weitgehend die Erkenntnis durchgesetzt, „dass es keinen wirklichen Frieden geben kann, solange nicht den Opfern, ihren Angehörigen und Nachkommen Gerechtigkeit widerfährt, im Erinnern an das, was tatsächlich geschehen ist.“ (Norbert Lammert, BT-Plenarprotokoll 18/101, S. 9653)

Und die Zukunft? Wo bleibt bei all den Vergangenheitsbezügen der Gegenwart, dieser „Übersättigung einer Zeit in Historie“ (Friedrich NietzscheNietzsche, Friedrich), eigentlich die Zukunft? Der Philosoph Sir Karl Raimund PopperPopper, Karl Raimund (1902–1994) hat gegenüber teleologischen Ansprüchen der Geschichtsphilosophie proklamiert: „Die Zukunft hängt von uns selbst ab, und wir sind von keiner historischen Notwendigkeit abhängig“ (Popper 1945, 5). Gegenüber dieser normativ gesetzten Freiheit des Menschen, seine Zukunft selbst zu gestalten, betont das Erinnerungsparadigma unsere Abhängigkeit von der Vergangenheit – überlagert sie unsere Zukunftsvorstellungen inzwischen bereits? Der Befund ist nicht eindeutig. Der Publizist und frühere Mitherausgeber der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ Joachim FestFest, Joachim (1926–2006) urteilte noch 2004 über das deutsche GeschichtsbewusstseinGeschichtsbewusstsein: „Deutschland hat einerseits Angst vor dem Neuen, und andererseits ist es völlig geschichtslos. Das Gestern hat in Deutschland keine Anwälte, nicht erst seit HitlerHitler, Adolf. Die Deutschen haben sich stets in irgendwelche Zukünfte hineingeträumt, aber die sind ihnen durch den Zusammenbruch der Ideologien und Utopien genommen. Jetzt leben sie nur noch in der Gegenwart“ (Amend 2004). Und „Die Zeit“ konstatierte ein Jahrzehnt später: „Alles, wirklich alles dreht sich zurzeit um die Zukunft der Herkunft! Das heißt aber: Wir sind dabei, den Begriff der Herkunft inflationär zu verwenden. Tag für Tag verliert er an Wert. Bald wird er weiter nichts sein als ein Gespenst der Vergangenheit“ (Das kommt davon. In: Die Zeit, 11.12.2014). Auch der Sozialpsychologe Harald WelzerWelzer, Harald (2012, 34f.) sieht in der deutschen ErinnerungskulturErinnerungskultur die Tendenz zu „einer ‚Memorymania‘ (A. Assmann), in der Vergangenes nicht auf seinen Gebrauchswert hin befragt, sondern an sich für erinnernswert gehalten wird.“ Diese „Zukunftsvergessenheit“ definiert Welzer als „eine seltsam indifferente Haltung allem gegenüber, was Zukunftsbewältigung sein könnte“. Die Vergangenheit bekomme demnach ein solches Gewicht, dass sie – im Sinne des Eingangszitats von AugustinusAugustinus – die Gegenwart dominiere und die Zukunft dezimiere.

Gewarnt wird also nicht nur vor der banalisierenden Aushöhlung des Vergangenheitsbezugs, beklagt wird auch der zunehmende Verlust an Fortschrittsglauben und Utopien. Der Kulturhistoriker Thomas MachoMacho, Thomas fragt angesichts der Gedächtniskonjunktur, wie viel Zukunft wir eigentlich überhaupt noch der Zukunft geben: Was wird kommen, was bringt die Zukunft? Diese Fragen würden wir gar nicht mehr stellen, während sich alle Kulturen stets auch in ihrem Umgang mit der Zukunft konstituiert hätten: durch ihre Techniken der Voraussage, der Planung, der Prognostik (Macho 2007; siehe auch Mayer/Pandel/Schneider 2000, 260–269). Der Historiker Paul NolteNolte, Ernst (2003, 28) empfahl deshalb bereits Anfang des Jahrtausends, als der gesellschaftliche Reformstau der Nachwende-Ära die Debatten prägte, der übermäßigen Historisierung Grenzen zu setzen und sich, statt Vergangenheit als Zukunft zu präsentieren, wieder dem Gegenwartsprojekt der Gesellschaftsreform zuzuwenden. Diese Mahnung von Wissenschaftsseite hat die Politik erreicht. 2014 eröffnete BundespräsidentBundespräsident Joachim GauckGauck, Joachim den 50. Historikertag mit der bemerkenswerten rhetorischen Frage, ob die Geschichte nicht dabei sei, über die Gegenwart und über die Zukunft zu siegen? „Wo ist nur die Zukunft hin?“, fragte ein angesichts der unaufhörlichen Konfrontation mit der Geschichte, mit Jubiläen, Gedenktagen, Erinnerungen, Denkmälern oder Denkmalplanungen verunsicherter Bundespräsident in seinem eindrücklichen politischen Plädoyer dafür, sich nicht nur der Vergangenheit zu stellen, sondern auch die Zukunft zu gestalten (Gauck 2014). Doch ein Ende des Vergangenheitsbooms ist nicht in Sicht, im Gegenteil.

Weiterführende Literatur

Dimbath/Wehling 2011: Oliver Dimbath/Peter Wehling (Hrsg.), Soziologie des VergessensVergessen: Konturen, Themen und Perspektiven (Konstanz 2011).

MeierMeier, Christian 2010: Christian Meier, Das Gebot zu VergessenVergessen und die Unabweisbarkeit des Erinnerns. Vom öffentlichen Umgang mit schlimmer Vergangenheit (München 2010).

NietzscheNietzsche, Friedrich 1893: Friedrich Nietzsche, Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben. In: Friedrich Nietzsche: Unzeitgemäße Betrachtungen (Berlin 20143) 59–118 [Erstdruck: Leipzig 1893].

3 Zur Zukunft des Gedenkens – neue Herausforderungen der GeschichtspolitikGeschichtspolitik

Gesellschaften und mit ihnen Erinnerungsgemeinschaften befinden sich im steten Wandel. ErinnerungskulturErinnerungskultur(en) und auch das öffentliche Gedenken sind deshalb nie statisch. In einem sich verändernden sozialen Bezugsrahmen durch Generationenwechsel sowie die Dynamik sozialer und politischer Umbrüche verlieren historische Epochen an geschichtspolitischer Relevanz, dafür rücken andere neu oder mit modifizierten Fragestellungen in den Fokus. Drei solcher grundlegenden Wandlungsprozesse und ihre geschichtspolitischen Implikationen werden im Folgenden exemplarisch vorgestellt (siehe dazu auch Zukunft 2010). Denn den damit verbundenen Herausforderungen wird sich absehbar jeder stellen müssen, der sich in der Politik aktiv am erinnerungskulturellen Diskurs beteiligen will.

3.1 Das Ende der NS-Zeitzeugenschaft

Geschichtsschreibung stützt sich auch auf Selbstzeugnisse von Menschen, dazu gehören Tagebücher, Briefe, Memoiren, Gerichtsaussagen und andere mehr. Die Aussagen des ZeitzeugenZeitzeuge unterscheiden sich von diesen historischen Quellen grundlegend, da sie nicht aus der Zeit stammen, sondern erst später verfasst werden. Der Begriff Zeitzeuge hat seine Ursprünge in den 1970er Jahren. Er ist eng mit der Oral history (→ Glossar) verknüpft (siehe Sabrow 2012). Sein Aufstieg hat vor allem mit der veränderten medialen Vermittlung von Geschichte zu tun, vor allem im Fernsehen, wo der Authentizität versprechende Zeitzeuge längst den geschichtliche Sachverhalte beglaubigenden Historiker ergänzt, wenn nicht sogar verdrängt hat.

Mit dem ZeitzeugenZeitzeuge rückt gegenüber schriftlichen Selbstzeugnissen das Interview ins Zentrum, das sich durch die körperliche Präsenz des Erzählers auszeichnet. Martin SabrowSabrow, Martin (2012, 13) beschreibt den erzählenden Zeitzeugen bildlich als Wanderer zwischen der Welt der Vergangenheit und der Gegenwart und definiert ihn in Abgrenzung zum Tat- oder Augenzeugen: „Der Zeitzeuge […] beglaubigt nicht so sehr außerhalb seiner selbst liegende Geschehnisse, wie dies der klassische Tat- und Augenzeuge tut; er konstituiert vielmehr durch seine Erzählung eine eigene Geschehniswelt.“ Er bestätige weniger durch sein Wissen fragliche Einzelheiten eines sich häufig ohne sein Zutun abspielenden Vorgangs, sondern dokumentiere durch seine Person eine raumzeitliche Gesamtsituation der Vergangenheit: Er „autorisiert eine bestimmte Sicht auf die Vergangenheit von innen als Träger von Erfahrung und nicht von außen als wahrnehmender Beobachter.“

Der Bedeutungsgewinn des ZeitzeugenZeitzeuge ist untrennbar mit der AufarbeitungVergangenheitsbewältigung der nationalsozialistischenNationalsozialismus Vergangenheit verbunden. Anfänglich diente er einer ‚Gegengeschichte‘ von unten: gegen die Fixierung auf die Täter durch die Übermacht ihrer schriftlichen Überlieferung in Form von Akten, gegen abstrakt-theoretische Erklärungen, gegen Distanzierungsbestrebungen, wie sie der Begriff ‚VergangenheitsbewältigungAufarbeitung‘ (→ Kapitel 6.1) suggeriert. Diese ursprünglich kritische Funktion büßte der Zeitzeuge jedoch in seinem medialen Siegeszug zugunsten seiner heute vorrangig bekräftigenden, meist nur illustrierenden Rolle ein (Sabrow 2012, 21). Die Geschichtswissenschaft begegnet dem Zeitzeugen dementsprechend mit Vorbehalten. Er gilt gemeinhin als ihr größter Feind (siehe Plato 2000). Die Kritik, die hier nur ansatzweise skizziert wird, baut auf der trügerischen persönlichen Erinnerung, auf der Subjektivität im Erleben historischer Ereignisse und Prozesse, die nicht selten in Konflikt mit anderen überlieferten Zeugnissen gerät. Der Informationsgehalt der Zeitzeugenaussage gilt dem kritischen Historiker als überschätzt, da er selten über den anderer Quellen hinausgehe. Dafür reproduziere der Zeitzeuge aber gern verbreitete Stereotype. Dem Historiker komme deshalb die Aufgabe zu, die Zeitzeugenaussagen zu prüfen, abzugleichen, zu kontextualisieren und so in ihrer Bedeutung zu gewichten. In einem medialen Umfeld aber, das den Zeitzeugen weitgehend unhinterfragt zur zentralen Beglaubigungsinstanz erhoben hat, gewinnt der Zeitzeuge aus Sicht seiner Kritiker eine problematische Dominanz. Die emotionalisierende Suggestionskraft der Zeitzeugenschilderung unterlaufe die wissenschaftlichen Prämissen des auf Aufklärung bedachten Historikers – und macht den Zeitzeugen gerade deshalb so attraktiv für eine Geschichtsaufbereitung, die weniger einem sachlich-nüchternen Erkenntnisanspruch folgt als vielmehr in einer breiten Öffentlichkeit den emphatischen Geschichtszugang sucht.

Insbesondere die gemeinhin dem ZeitzeugenZeitzeuge zugesprochene Authentizität (→ Glossar), das heißt sein angenommener „Wirklichkeitsvorsprung gegenüber anderen Erzähltypen“ (Welzer 2012, 33), erregt den Widerspruch der Historiker. Sie betonen seinen Charakter als Kunstfigur, der eine Vermittlerrolle zwischen Vergangenheit und Gegenwart ausübe. Der Zeitzeuge verspreche zwar den unmittelbaren Zugang zur Vergangenheit, der perspektivische Fluchtpunkt der erinnernden Erzählung liege aber in der Gegenwart (ebd.). In Wirklichkeit passe der Zeitzeuge seine Erinnerung den Wertmaßstäben der Gegenwart an. Das unterscheide ihn vom Mitlebenden bzw. Zeitgenossen. Ein Erzähler, der den Geist der Zeit, von der er zeugt, willentlich oder unwillentlich in die Gegenwart transportiere, falle jedoch aus seiner Rolle. Denn die vom Rezipienten erwünschte Leistung des Zeitzeugen sei gerade die kathartische Distanzierung von der Vergangenheit. Deshalb komme im Regelfall allenfalls der geläuterte Mit-Täter zu Wort, nie aber der bekennende Nazi oder Kommunist. Denn der würde die Vergangenheit nicht in ihrer Überwundenheit und Unwiderbringlichkeit, sondern im Gegenteil in ihrer Ungebrochenheit und vorstellbaren Wiederholbarkeit beschwören (Sabrow 2012, 25ff.).

Trotz solcher Kritik: Der ZeitzeugeZeitzeuge ist das goldene Kalb, um das sich die Erinnerungsgemeinschaft versammelt. Mit dem Ableben der letzten Generation, die den NationalsozialismusNationalsozialismus noch selbst erlebt hat, zeichnet sich jedoch ein tiefgreifender Wandel ab. Damit sind tektonische Verschiebungen in den Grundpfeilern der ErinnerungskulturErinnerungskultur verbunden. Der Hinweis auf das nahende Ende der NS-Zeitzeugenschaft gehört längst zum festen Grundbestand jeder Gedenkrede. Von geschichtspolitischer Brisanz ist, dass natürlich nicht die Zeitzeugenschaft an sich endet, sondern nur das lebendige Zeugnis von NS-Diktatur, Krieg und Holocaust, das bislang alle vorangegangenen und späteren Epochen dominierte. Wenn also, was unter den Bedingungen der modernen Mediengesellschaft anzunehmen ist, dem Zeitzeugen ungebrochen die herausragende Bedeutung in der Vermittlung von Geschichte wie bisher zukommen wird, dann werden sich zwangsläufig Epochen der Zeitgeschichte verstärkt in den Fokus schieben, die bislang weniger Aufmerksamkeit gefunden haben. Denn mit noch lebenden Zeitzeugen verfügen sie über ein größeres mediales Darstellungspotential als die Vergangenheit, die mit dem Ende der Generation von Mitlebenden ins Stadium ‚toter‘ Geschichte übergegangen ist. Mit dem Schwinden der Zeitzeugen geht natürlich nicht zwangsläufig die Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit zu Ende, mit Blick auf den kategorischen Erinnerungsimperativ ist das in Deutschland auch nicht zu erwarten; es geht aber die unmittelbare Präsenz der Erfahrung der Überlebenden verloren, „die auf einzigartige Weise zu berühren vermag und Lernprozesse in Gang setzen kann“ (Knigge 2005). Anders ausgedrückt: Es beginnt das Stadium der Historisierung. Die Geschichtsschreibung wird zwar auch weiterhin über einen gigantischen Pool an Zeitzeugenstimmen in Schrift, Ton und Bild verfügen, und zahlreiche Initiativen widmen sich derzeit bereits der Aufgabe, möglichst viele dieser Interview-Zeugnisse zu sammeln, um sie zukünftigen Generationen bereitzustellen (etwa die Shoah-Foundation von Steven SpielbergSpielberg, Steven oder das deutsche Projekt „GedächtnisGedächtnis der Nation“ mit seinem Jahrhundertbus). Moderne technische Mittel sollen den NS-Zeitzeugen auf diese Weise virtuell in die Nachwelt retten. Nicht nur Totgesagte, sondern Tote leben länger, ironisiert Christoph ClassenClassen, Christoph (2012, 302) das Vorgehen. Doch die ‚Konserve‘ ist von grundlegend anderer Qualität, denn der Zeitzeuge könne die „Imagination der unmittelbaren Begegnung mit der Vergangenheit“ nur so lange verbürgen wie er selbst der Gegenwart angehöre. Sein Zeugnis verliere für die Geschichtsvermittlung an Relevanz, wenn das Band der Generationen gerissen sei (Sabrow 2012, 25f.).

Wenn die AufarbeitungVergangenheitsbewältigung von NationalsozialismusNationalsozialismus, Krieg und ShoahHolocaust/Shoah weiterhin das erinnerungskulturelle Fundament im Selbstverständnis der Deutschen bilden soll, woran politisch kein Zweifel gelassen wird, bedarf es besonderer Anstrengungen, um die Erinnerung auch künftig wachzuhalten. Das gilt für Darstellungen in den Medien genauso wie für Veranstaltungen, die dem offiziellen Gedenken dienen, und in denen – etwa bei den jährlichen Bundestags-Gedenkveranstaltungen zum 27. JanuarGedenktage27. Januar, dem Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus (→ Kapitel 6.4) – regelmäßig erst der Auftritt von ZeitzeugenZeitzeuge mit ihrer auratischen Präsenz die gewünschte öffentliche Aufmerksamkeit schafft. „Niemand zeugt für den Zeugen“, heißt es in dem Gedicht „Aschenglorie“ von Paul CelanCelan, Paul (1920–1970). Demgegenüber betonte der Friedensnobelpreisträger Elie WieselWiesel, Eli, dass jeder, der einem Zeugen zuhört, selbst zum Zeugen wird (Doerry 2006). Auch die Politik betont die Notwendigkeit einer solchen Generation von Zeugen der Zeugen (siehe beispielhaft die Rede des BundestagspräsidentenLammert, Norbert bei der in der Web-Mediathek des BundestagesBundestag abrufbaren zentralen Gedenkveranstaltung zum 27. Januar 2015). Die Wissenschaft spricht in diesem Zusammenhang von der sekundären oder stellvertretenden Zeugenschaft, bei der den Nachgeborenen die Rolle des Berichterstatters zufällt. Schon heute beglaubigen Kinder und Enkel mit ihren Erzählungen die authentischen Erfahrungen ihrer Eltern und Großeltern. Einen Schritt weiter gehen Fernsehformate, die in einer Vermischung von Fakten und Fiktionen Schauspieler in die Rolle von Zeitzeugen schlüpfen lassen, wobei sich – je populärer der Darsteller und bekannter die jeweilige Rollenfigur – das Image des Schauspielers und die Aura des Zeitzeugen nicht unproblematisch wechselseitig vermischen können (siehe Gries 2012).

Das Authentizitätsbedürfnis des Menschen lässt vermuten, dass die authentischen Stätten des Verbrechens zukünftig weiter an Bedeutung gewinnen werden. Das zöge kulturpolitisch die Forderung nach personeller wie materieller Stärkung der Gedenkstätten nach sich. Volkhard KniggeKnigge, Volkhard sieht als Leiter der StiftungStiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora darin die Chance zu einer grundlegenden Neujustierung unseres Umgangs mit der NS-VergangenheitNationalsozialismus: weg vom Paradigma der Erinnerung als bloß appellative, moralisch aufgeladene Pathosformel, hin zu neuen Wegen historischen Lernens, kritischer Selbstvergewisserung und der Bildung eines selbstreflexiven GeschichtsbewusstseinsGeschichtsbewusstsein (Knigge 2010). Damit würde nicht zuletzt auch ein grundsätzlicher Bedeutungsgewinn der Geschichtswissenschaft einhergehen.

Weiterführende Literatur

Baer 2000: Ulrich Baer (Hg.), „Niemand zeugt für den Zeugen“ – ErinnerungskulturErinnerungskultur und historische Verantwortung nach der Shoah (Frankfurt a.M. 2000).

Plato 2000: Alexander von Plato, ZeitzeugenZeitzeuge und die historische Zunft. Erinnerung, kommunikative Tradierung und kollektives GedächtnisGedächtniskollektives in der qualitativen Geschichtswissenschaft – ein Problemaufriss. In: BIOS – Zeitschrift für Biographieforschung, Oral History und Lebensverlaufsanalysen 13, H. 1, 2000, 5–29.

SabrowSabrow, Martin/FreiFrei, Norbert 2012: Martin Sabrow/Norbert Frei (Hg.), Die Geburt des ZeitzeugenZeitzeuge nach 1945 (Göttingen 2012).

3.2 Erinnern in Zeiten von EuropäisierungEuropa und GlobalisierungGlobalisierung

Kollektives Erinnern vollzieht sich auch heute noch wesentlich im Referenzrahmen der Nation und ihrer Geschichte(n), der ererbten Kultur und den überkommenen Traditionen. Doch im Zeitalter der GlobalisierungGlobalisierung und supranationaler politischer Strukturen steht die Dominanz nationaler Erinnerungsbezüge in Kontrast zu zunehmend transnationalen Verflechtungen. Sie finden ihren stärksten Ausdruck im europäischen EinigungsprozessEuropa, der neue und erweiterte Identifikationsmöglichkeiten bietet bzw. erfordert und zugleich überkommene nationale Identitäten in Frage stellt.

Die Geschichtswissenschaft reagiert auf die genannten Prozesse mit unterschiedlichen Konzepten, denen gemeinsam ist, dass sie Alternativen zur national fokussierten Geschichtsschreibung aufzeigen. Dazu gehört die Globalgeschichte und Postkolonialgeschichtsschreibung; besonders wirkmächtig, jedenfalls begrifflich einprägsam und in der Öffentlichkeit stärker rezipiert ist die transnationale Geschichte (siehe Budde/Conrad/Janz 2006). Sie ist nicht als Antithese zur konventionellen Nationalgeschichte zu verstehen, sondern „umfasst all das, was jenseits (und manchmal auch diesseits) des Nationalen liegt, sich aber auch durch dieses definiert – sei es, dass es sich daraus speist oder davon abgrenzt, dass es das Nationale erst konstituiert oder dass es sich um wechselseitige und dynamische Konstruktionsprozesse zwischen dem Nationalen und dem Transnationalen handelt.“ (Patel 2005)

Was sind die geschichtspolitischen Implikationen? Hier steht zweierlei im Fokus: erstens die Auswirkungen der europäischen Integration auf die nationalen Erinnerungsgemeinschaften, also in wie weit sich die nationale Perspektive europäisiertEuropa; und zweitens die Schaffung einer gemeinsamen, historisch begründeten europäischen Identität, dass also neben die nationale Perspektive eine spezifisch europäische tritt.

Hinsichtlich der Auswirkungen der europäischen IntegrationEuropa auf nationale Erinnerungsgemeinschaften zeigt sich, dass die konkurrierenden nationalen Geschichtserzählungen mit dem europäischen Einigungsprozess einen neuen, gemeinsamen Fluchtpunkt erhalten haben. Stärker noch als in anderen Staaten ist dies in Deutschland der Fall, wo die Erfahrung des NationalsozialismusNationalsozialismus zum Bruch mit überkommenen nationalen Traditionen und Mythen geführt hat. Mehr als das: Die Nation an sich galt nach den Schrecken, die von Deutschen und im Namen einer vermeintlich deutschen Kulturüberlegenheit ausgegangen sind, als desavouiert. Die Bundesrepublik verstand sich nicht zuletzt angesichts ihres Sonderstatus durch die eingeschränkten Souveränitätsrechte als „postnationale Demokratie unter Nationalstaaten“ (Bracher 1979, 544). Stärker als anderswo bedeutete der Weg in die europäische Integration die Flucht aus einer beklemmend empfundenen nationalen Geschichte. Es gehört zu den historischen Merkwürdigkeiten, dass 1990 die Europäisierung der Bundesrepublik, die mit der Westbindung (→ Glossar) eine eigene politische MythosMythos, politischererzählung gefunden hat, den Deutschen den Weg zur Wiedervereinigung öffnete und damit zugleich die Grundlagen für ein unbefangeneres Verhältnis zur eigenen Nation legte. Deutschland ist heute ein „postklassischer demokratischer Nationalstaat“ (Winkler 2000, 638) wie die anderen europäischen Staaten auch, die Teile ihrer Hoheitsrechte gemeinsam ausüben oder auf supranationale (→ Glossar) Einrichtungen übertragen haben. In Deutschland verzichtet kaum noch eine historische Ausstellung auf EuropaEuropa als Deutungsrahmen oder Kulminationspunkt der nationalen Erzählung, so wie fast jede Gedenkrede wenigstens an einer Stelle die europäische Perspektive einnimmt. Beispielhaft für diesen Trend ist die zentrale deutsche Schau anlässlich des 150. Jahrestages der Revolution von 1848/49Revolution von 1848 in Frankfurt am Main: Sie gipfelte 1998 in der Präsentation des Maastricht-Vertrages. Beim offiziellen Gedenken an den Ausbruch des Ersten WeltkriegsErster Weltkrieg dominierte 2014 in Deutschland ein Deutungsmuster, bei dem der Weltkrieg vor allem als Ausgangspunkt für die Erzählung gelungener Gewaltüberwindung im vereinten Europa diente. Die sich daran entzündende Kritik, vor allem das Unverständnis anderer europäischer Nationen, die ganz selbstverständlich ihre überkommenen nationalen Opfer- und/oder Heldenerzählung rekapitulierten, verweisen zugleich auf die Grenzen solch transnationaler Erzählungen.

Hinsichtlich der Schaffung einer gemeinsamen europäischen Identität zeigt sich der Wunsch, dem politischen Projekt eine „Seele“ einzuhauchen, wie es der frühere EU-Kommissionspräsident Jaques DelorsDelors, Jacques bildlich ausgedrückt hat (siehe Assmann 2012; Boer u.a. 2011; Leggewie 2011). Gegenüber dem Image der EU als vor allem wirtschaftliche Ziele verfolgende Vertragsgemeinschaft mit einer gern und oft übertrieben gescholtenen Bürokratie wird der ideelle Kern EuropasEuropa, also die gemeinsamen kulturellen Wurzeln und Werte, betont, um die Bindungskräfte zwischen den Nationen weiter zu stärken. Das birgt geschichtspolitische Herausforderungen (siehe Schmid 2008a, 174–199, zu weiterer Literatur dort Anm. 1; außerdem Arendes/Duyster Borredà 2015):

 Die Probleme beginnen definitorisch damit, welches EuropaEuropa eigentlich gemeint ist: ein geographischer Raum (mit oder ohne Russland bzw. der Türkei), ein Kulturraum (dessen prägende geistigen Kräfte, von der Antike und den großen Religionen über den Humanismus und die Aufklärung bis zum liberalen Verfassungsdenken, immer auch eigene Teil-Erinnerungsgemeinschaften herausgebildet haben) oder etwa der Raum eines gemeinsamen politischen Projekts (wozu neben der Europäischen Union genauso der Europarat, die OSZE und andere zählen könnten)? Europa bildet offenkundig auch noch jenseits der Vielfalt an Nationen mit ihrer jeweils eigenen Geschichte einen überaus heterogenen Erinnerungsraum; es haben sich transnationale Teilgemeinschaften herausgebildet, die zwar über die Nation hinausweisen, aber nicht in Europa aufgehen müssen: etwa die Unterscheidung in Ost und West (politisch aufgeladen in ein ‚neues‘ und ein ‚altes‘ Europa) oder in einen ‚reichen‘ Norden und ‚armen‘ Süden. Dazu treten regionale Erinnerungskreise wie die baltischen Staaten, die Benelux-Staaten, der deutschsprachige Raum, die Staaten des ehemaligen Jugoslawien oder der Mittelmeerraum (der wiederum über Europa weit hinausweist). Und auch das bi-nationale Erinnern, etwa zwischen Deutschland und Frankreich oder neuerdings verstärkt zwischen Deutschland und Polen, gehört in diesen Zusammenhang.

 Als Hemmnis für die Stärkung der europäischen Bindungskräfte erscheint ein Empathie-Defizit: Das Potential zur Homogenisierung von Geschichtsbildern liegt zwar im Gründungsimpuls der EU, also dem Wunsch, nach der Katastrophe zweier Weltkriege eine dauerhafte Friedensordnung auf einem Kontinent zu schaffen, der im gnadenlos geführten Wettstreit der Nationen zuvor den Weg der Selbstzerstörung gegangen war. Diese Gewalterfahrung ist zwar transnational, liefert aber nur Stoff für eine negative Gründungserzählung, die noch dazu auf die divergierenden und konkurrierenden Lesarten der Nationen zurückverweist. Seitdem die Bürger der EU fast sieben Jahrzehnte in Frieden leben, haben Kriegserfahrung und Friedenssehnsucht zudem längst von ihrer früheren emotional verbindenden Zugkraft verloren. Gegenüber den miteinander geteilten negativen Erfahrungen fällt es sehr viel schwerer, die gemeinsam erreichten Errungenschaften im kollektiven GedächtnisGedächtniskollektives zu verankern: Denn die europäische IntegrationsgeschichteEuropa besitzt in ihrer Abfolge von Vertragsabschlüssen wenig Potential zur emotionalen Bindung. Die EU erscheint – gerade gegenüber der Nation – als eher mythenarm und wenig symbolträchtig. Die beiden als Europatag begangenen Daten – 5. Mai (Gründung des Europarates 1949) bzw. 9. MaiGedenktage9. Mai (Rede des französischen Außenministers Robert SchumanSchuman, Robert 1950 zur Gründung einer Gemeinschaft von Kohle und Stahl) – stehen bis heute völlig im Schatten des 8. MaiGedenktage8. Mai, dem Tag des Kriegsendes 1945 (→ Kapitel 6.4).

 Erschwerend für die Stiftung kollektiver Identität in der Europäischen Union ist deren Selbstverständnis. Ihr Motto lautet „Einheit in Vielfalt“. Es braucht nicht weiter erläutert zu werden, dass sich dieser Markenkern der EU, der auf die Pluralität gleichberechtigter Geschichtsbilder verweist, realpolitisch zwar einleuchtet, sich aber für gemeinsame Geschichtserzählungen als problematisch erweisen muss. Angesichts der skizzierten Diversität kann die spezifisch europäische Erinnerung sicher nie Ersatz, sondern immer nur „spannungsreiche Erweiterung“ (Reichel/Schmid/Steinbach 2009, 408) nationaler Erinnerungen sein. Unter europäischer Gedächtniskultur versteht der Osteuropa-Historiker Karl SchlögelSchlögel, Karl (2008, 166) deshalb auch nicht ein „homogenes Narrativ aus einem Guss, […] sondern die Entstehung eines geschützten Raumes für den Strom der Erzählungen, die jetzt am Ende des Kalten Krieges und am Ende der Verfeindung möglich geworden sind.“

 Es stellen sich nicht zuletzt strukturelle Probleme: Inzwischen gab es zwar eine Reihe gedenkpolitisch bedeutsamer Resolutionen des EU-Parlaments (siehe Hammerstein/Hofmann 2009). Ein gemeinsames europäisches Erinnern lässt sich aber nicht per EU-Richtlinie verordnen; eine lebendige ErinnerungskulturErinnerungskultur wächst von unten. Dazu bedarf es eines gemeinsamen Kommunikationsraums, eine grenzüberschreitende Arena zur Austragung des Deutungskampfes über (miteinander) geteilte Erinnerungen, mithin eine europäische Öffentlichkeit. Die ist jedoch erst im Entstehen (etwa mit dem Nachrichtensender „Euronews“, Zeitungsangeboten wie „Le monde diplomatique“ und der gemeinsamen EuropaEuropa-Beilage mehrerer großer nationaler Tageszeitungen [darunter die „Süddeutsche Zeitung“], vor allem aber im Netz mit dem Onlineportal Historiana oder dem Geschichtsnetzwerk EUSTORY). Die institutionellen Rahmenbedingungen, öffentliche wie zivilgesellschaftliche, sind auf europäischer Ebene bei weitem nicht so ausgebaut wie auf nationalstaatlicher Ebene. Immerhin: Ansätze gibt es, insbesondere auf Ebene der MuseenMuseen mit einer Reihe von EU-, nationalstaatlichen und nicht-staatlichen Einrichtungen, darunter das im Entstehen begriffene „Haus der Europäischen Geschichte“, das auf eine Initiative des Europäischen ParlamentsEuropäisches Parlament zurückgeht (siehe Troebst 2012). Die Grenzen einer europäischen Erinnerungspolitik verdeutlicht beispielhaft das immer wieder neu angeregte Projekt eines transnationalen Geschichtsschulbuchs, ohne dass es bislang gelungen wäre, ein bereits 1992 inoffiziell erarbeitetes europäisches Schullehrbuch in allen Mitgliedsstaaten durchzusetzen (in Deutschland konnten jedoch bi-nationale Schulbücher mit Frankreich und mit Polen realisiert werden).

 Das Bemühen um die Intensivierung transnationalen Erinnerns in EuropaEuropa wird am deutlichsten in der Etablierung europäischer GedenktageGedenktage wie dem 27. JanuarGedenktage27. Januar zum Gedenken an den HolocaustHolocaust/Shoah (→ Kapitel 6.4). Der „Europäische Tag des Gedenkens an die Opfer von Stalinismus und NationalsozialismusNationalsozialismus“, der seit 2009 am 23. AugustGedenktage23. August, dem Tag der Unterzeichnung des HitlerHitler, Adolf-StalinStalin, Josef-Pakts 1939, begangen wird, verdeutlicht, wie nach 1989 neue Erzählungen in die geschichtspolitische Arena getreten sind, die mit überkommenen westlichen Geschichtsauffassungen um die Deutungshoheit konkurrieren. Während das Kriegsende 1945Zweiter Weltkrieg in den westeuropäischen Staaten als Befreiung gilt, begann für die osteuropäischen Nationen ein Leben unter neuer Diktatur. In diesen Ländern hat das Jahr 1989 als Fluchtpunkt ihrer Geschichtserzählungen eine weit größere Bedeutung als 1945. Mit dem Gedenktag am 23. August (→ Kapitel 6.4), der an die doppelte Diktaturerfahrung unter Nationalsozialisten und Kommunisten erinnert, gewinnt auf europäischer Ebene der vergleichende Totalitarismus-Ansatz an Auftrieb, der das Diktum von der Singularität und Unvergleichbarkeit der nationalsozialistischen Verbrechen und des Holocaust in Frage stellt. Missverständnisse, Unverständnis und heftige geschichtspolitische Debatten sind da vorprogrammiert. Mit der Osterweiterung ist die ErinnerungskulturErinnerungskultur in der EU also vielfältiger geworden, die Einflussmöglichkeiten einer offiziellen Gedenkpolitik gleichzeitig begrenzter. Das zeigt sich nicht zuletzt darin, dass der 23. August in den meisten EU-Staaten gar nicht als Gedenktag begangen wird.

Verlassen wir die europäische Ebene. Angesichts neuer transnationaler Erfahrungsräume im Zuge der GlobalisierungGlobalisierung und der Fähigkeit zur unbegrenzten Kommunikation im World Wide Web stellt sich die Frage: Wird das GedächtnisGedächtnis künftig ‚ortlos‘? Solch ein Internationalisierungsprozess, in dem Geschichtsbilder universelle Bedeutung erhalten und es gleichzeitig zur Umdeutung überkommener partikularer Geschichtsauffassungen kommen kann, zeichnet sich bislang am stärksten im Umgang mit dem HolocaustHolocaust/Shoah ab (SchmidSchmid, Harald 2008a, 197f.; Levy/Sznaider 2001). Kennzeichnend für den universalen Geschichtsbezug ist das Moralisieren anstelle der Historisierung. Das internationale Auschwitz-Gedenken löst sich von der Perspektive auf die deutsche Schuld. Der Holocaust wird – aus seinem geschichtlichen Kontext gerissen – zur Chiffre für das Verbrechen gegen die Menschlichkeit schlechthin und damit gleichzeitig für die Forderung nach universalen Menschenrechten. Damit ist er heute global anschlussfähig, übertragbar auf andere Ereignisse, auf andere Opfergruppen. Auschwitz liegt dann, diametral zu seinem Verständnis als – auch metaphysisch – singulärer Ort, „potentiell überall“ (Augstein 2002, 225), der Holocaust wird „zu einem ‚Container‘ für Erinnerungen an unterschiedliche Opfer“ (Levy/Sznaider 2001, 223). Umstritten ist, inwieweit die Instrumentalisierung des Holocaust wirklich der Universalisierung von Menschenrechten dient oder nur der Legitimation politischen Handelns, bei der die Trivialisierung des Verbrechens und das Verwischen von Grenzen zwischen Tätern und Opfern billigend in Kauf genommen wird. Kontrovers diskutiert werden in diesem Zusammenhang die provokanten Thesen des amerikanischen Politikwissenschaftlers Norman FinkelsteinFinkelstein, Norman über die Instrumentalisierung der Massenvernichtung der europäischen Juden in der US-amerikanischen Nahost-Debatte zugunsten der Position Israels (Finkelstein 2001; siehe Piper 2001, Steinberger 2001).

Weiterführende Literatur

Boer u.a. 2011: Pim den Boer/Heinz Duchhardt/Georg Kreis u.a. (Hg.), Europäische ErinnerungsorteErinnerungsorte, 3 Bde. (München 2011ff.).

Eckel/Moisel 2008: Jan Eckel/Claudia Moisel (Hg.), Universalisierung des Holocaust? ErinnerungskulturErinnerungskultur und GeschichtspolitikGeschichtspolitik in internationaler Perspektive (Göttingen 2008).

Feindt u.a. 2014: Gregor Feindt/Félix Krawatzek/Daniela Mehler/Friedemann Pestel/Rieke Trimçev (Hg.), Europäische Erinnerung als verflochtene Erinnerung. Vielstimmige und vielschichtige Vergangenheitsdeutungen jenseits der Nation (Göttingen 2014).

Kroh 2008: JensJens, Walter Kroh, Erinnern global. In: Bundeszentrale für politische BildungBundeszentrale für politische Bildung, Dossier Geschichte und Erinnerung, 21. November 2008 URL: <http://www.bpb.de/geschichte/zeitgeschichte/geschichte-und-erinnerung/39863/erinnern-global> [Zugriff: 03.04.2016]

Sznaider 2016: Natan Sznaider, GedächtnisGedächtnis im Zeitalter der GlobalisierungGlobalisierung. Prinzipien für eine neue Politik im 21. Jahrhundert. In: Aus Politik und Zeitgeschichte, H. 3–4, 2016, 10–15.

3.3 Erinnern in der EinwanderungsgesellschaftEinwanderungsgesellschaft

Auch die globalen Wanderungsströme der zurückliegenden Jahrzehnte verändern die ErinnerungskulturErinnerungskultur. Welche Auswirkungen hat die Zuwanderung ethnischer und religiöser Minderheiten auf bestehende Erinnerungsgemeinschaften im Einwanderungsland? Vor welchen Herausforderungen stehen Mehrheitsgesellschaft und Migranten bzw. Einwanderer-Communities, jeweils für sich und im gesellschaftlichen Mit- und Gegeneinander? Das sind hochpolitische Fragen, die sich bereits heute stellen und im ‚Zeitalter der Migration‘ absehbar weiter an Bedeutung gewinnen werden.

Deutschland ist ein Einwanderungsland. Es hat lange gedauert, bis sich Gesellschaft und Politik zu diesem empirisch unbestreitbaren Befund bekannten. Insgesamt leben bereits heute rund 16,5 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund in der Bundesrepublik, das sind über 20 Prozent der Bevölkerung. Frühere ‚Gastarbeiter‘-Familien (→ Glossar) befinden sich inzwischen in zweiter und dritter Generation in Deutschland, ihre Kinder und Enkel sind hier geboren, oft im Besitz der deutschen Staatsangehörigkeit – und nicht selten geprägt von einem doppelten, z.T. sogar multiplen Heimat- bzw. Zugehörigkeitsgefühl.

Zuwanderung (und im Übrigen auch Auswanderung) hat es immer schon gegeben. So berichtet jedes örtliche Telefonbuch des Ruhrgebiets mit der Massierung polnischer Nachnamen vom ‚Pott‘ als Einwanderungsregion im Zeitalter der Industrialisierung. Und auch die Anfangsjahre der Bundesrepublik waren von einer immensen Integrationsaufgabe geprägt: Die Millionen Vertriebenen aus den ehemals deutschen Ostgebieten mussten nicht nur in Lohn und Brot gebracht werden, auch ihre Erinnerungen an FluchtFlucht und Vertreibung und Vertreibung, an die alte Heimat und die abgebrochenen deutschen Kulturtraditionen im Osten verlangten nach politischer und gesellschaftlicher Achtung (→ Kapitel 4.1).

Während der Staat sich bemüht, das ostdeutsche Kulturgut in den erinnerungskulturellen Haushalt der Bundesrepublik aufzunehmen, gibt es derzeit wenige Versuche, auch die Erfahrungen der Zuwanderer aus anderen Staaten und Kulturen in die kollektive Erinnerung einzubeziehen. Als „augenfällig blass und unterbelichtet“ beurteilten die Historiker Jan MotteMotte, Jan und Rainer OhligerOhliger, Rainer die historische Dimension im Migrationsdiskurs. Sie kritisieren, Einheimische und Zuwanderer bzw. deren Kinder lebten noch immer in „getrennten Erinnerungslandschaften“ (Motte/Ohliger 2004, 47). Unter Migranten wie unter Angehörigen der Mehrheitsgesellschaft herrschen wechselseitig gravierende Defizite im Wissen um die Geschichtsbilder ihres Gegenübers. Allenfalls das Foto des Portugiesen Armando Rodrigues, der 1964 als millionster Gastarbeiter ein Moped geschenkt bekam, zählt als Ikone der Wirtschaftswunderjahre zum nationalen Bilderschatz. Eine Historisierung der Migration steckt aber noch immer in den Anfängen, auch wenn deutsche MuseenMuseen begonnen haben, Migrationsprozesse darzustellen, und die Musealisierung der Migration international durchaus Konjunktur hat (siehe Baur 2009; ders. 2010; ders. 2013).


Abb. 3: Migration im Museum: Vitrine des Realschulprojekts in der Geschichtswerkstatt zur Sonderausstellung des DHMMuseenDHM „Zuwanderungsland Deutschland“

Die öffentliche Zuwanderungs-Debatte pendelte in Deutschland lange zwischen den Auswüchsen von Fremdenfeindlichkeit in der Mehrheitsgesellschaft einerseits und andererseits einem Nützlichkeitsdenken in Wirtschaft und Politik, in dem Zuwanderung angesichts des demographischen Wandels zur Sicherung des Sozialstaats ausdrücklich gefordert wird. Seit einigen Jahren gewinnt unter dem Schlagwort „Zweite deutsche Einheit“ das Bemühen um eine bessere gesellschaftliche Integration der Zugewanderten an Fahrt. Dabei geht es vorrangig um Spracherwerb, um Ausbildungs- und Beschäftigungsperspektiven, um die Überwindung der Bildungssegregation, also der ungleichen Verteilung von Bildungschancen. Integrationsbemühungen berühren aber auch ganz wesentlich Fragen von Zugehörigkeit und Identität, und dabei bündeln sich vielfältige Dimensionen von Geschichte und Politik. Wie bei der Teilhabe am Arbeitsmarkt geht es auch hier um Partizipation, um emotionale Zugehörigkeit. So betonen Jan MotteMotte, Jan und Rainer OhligerOhliger, Rainer (2004, 48) die Notwendigkeit historisch-symbolischer Anerkennung als wichtigen Baustein „einer vollständigen, auch staatsbürgerlichen Akzeptanz und Voraussetzung für volle Partizipation im Gemeinwesen.“

Unter dem Begriff Integration sammeln sich ganz unterschiedliche Vorstellungen gesellschaftlichen Zusammenlebens, ihre Schlagworte lauten u.a. „Kulturelle Vielfalt“, „Multikulturelle Gesellschaft“, aber auch „Leitkultur“ und „Assimilation“. Die öffentliche Debatte fokussiert – so wie während der leidenschaftlich geführten Debatte zu Beginn des Jahrtausends, als sich die deutsche Mehrheitsgesellschaft in überaus kontroversen Diskussionen ihrer zentralen Werte und Normen vergewisserte (siehe Lammert 2006) – vorrangig auf die Integrationsbereitschaft der Migranten in die verfassungsrechtlichen und kulturellen Grundlagen der Mehrheitsgesellschaft. Den gesellschaftlichen Veränderungen, die Zuwanderung auch für die aufnehmende Gesellschaft brachte, und den Erfahrungen der Migranten wurden und werden hingegen nur wenig Aufmerksamkeit und Interesse entgegengebracht.

Im schier uferlosen Strom wissenschaftlicher Literatur zur ErinnerungskulturErinnerungskultur bilden die Studien, die sich dezidiert dem Erinnern in der EinwanderungsgesellschaftEinwanderungsgesellschaft widmen, noch immer ein Rinnsal. Vor allem die Erziehungswissenschaften leisten wichtige Pionierarbeit. Viola B. GeorgiGeorgi, Viola B. erkennt sechs „Dimensionen historischer Sinnbildung“ in der Einwanderungsgesellschaft: „1. Die Geschichte des Aufnahmelandes bzw. des Einwanderungslandes, die als Nationalgeschichte verfasst ist, also die öffentlichen Narrative der Mehrheit. 2. Die familiär-tradierten Geschichten und Erzählungen der Repräsentanten der Mehrheitsgesellschaft, also die privaten Narrative der Mehrheit. 3. Die Geschichte der Herkunftsländer und Regionen der Migranten und Migrantinnen, die als Nationalgeschichte verfasst ist, also die öffentlichen Narrative der Minderheit. 4. Die familiär-tradierten Geschichten und Erzählungen der Repräsentanten der Einwanderer-Communities, also die privaten Narrative der Mehrheit. 5. Die spezifische Migrationsgeschichten der und über die Einwanderer-Communities, also die Narrative der Migration. 6. Die im doppelten Sinn geteilte – trennende und gemeinsame – Geschichte der Beziehungen von Einheimischen und Eingewanderten, also die geteilten Narrative.“ (Georgi/Ohliger 2009, 11)

Menschen mit Migrationsgeschichte stehen in einem Spannungsfeld zwischen dem Wunsch nach Anerkennung der eigenen Vergangenheit einerseits und nach Zugehörigkeit zur Geschichte der Mehrheitsgesellschaft andererseits. GeorgiGeorgi, Viola B. unterscheidet bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund deshalb fünf Varianten der Aneignung von Geschichte (ebd. 12f.): 1. Orientierung an den historischen Traditionen des Herkunftslandes; 2. Übernahme kollektiver Geschichtsdeutungen aus der Mehrheitsgesellschaft; 3. Verortung ausschließlich in der ErinnerungskulturErinnerungskultur der jeweiligen Einwanderer-Community, die mit konstituiert und tradiert wird; 4. Mischen von Elementen unterschiedlicher Kollektivgedächtnisse; 5. Geschichts- und Erinnerungslosigkeit, weil einerseits Verlust der historischen Traditionen aus dem Herkunftsland und gleichzeitig Ausschluss vom GeschichtsbewusstseinGeschichtsbewusstsein des Einwanderungslandes.

In der multi-ethnischen Gesellschaft erfahren die an sich schon pluralen ErinnerungskulturenErinnerungskultur also weitere Diversität. „Das Vielfältige ist die Zukunft der Vergangenheit“ (Georgi/Ohliger 2009, 20) – dieser programmatische Satz zeigt: Das Kaleidoskop der historischen Betrachtung wird in der modernen EinwanderungsgesellschaftEinwanderungsgesellschaft mit seiner ethnischen, kulturellen und religiösen Vielfalt bunter. Historische Erzählungen und Geschichtsbilder können neue, bislang nicht vorhandene Formen annehmen. Migrationsgeschichte, Herkunftsgeschichte, Familiengeschichte und die Geschichte der Aufnahmegesellschaft müssten, so die Forderung der Wissenschaftler, zukünftig weit stärker auf ihre Gemeinsamkeiten, Zusammenhängen und Wechselwirkungen hin betrachtet werden.

Für die ErinnerungskulturErinnerungskultur im Einwanderungsland Deutschland stellen sich vor diesem Hintergrund und unter dem Gesichtspunkt nationaler Identität, also der Bindekraft miteinander geteilter Erinnerungen, gravierende Herausforderungen. Es wird verstärkt auszuhandeln sein, welchen Stellenwert die verschiedenen Erinnerungskulturen innerhalb der Gesellschaft haben sollen. Hier sind besondere Vermittlungsanstrengungen nötig, denn mit einer dauerhaften ‚Segregation der Erinnerung‘ gehen Ausgrenzungsprozesse einher, fehlen zentrale Aspekte des gesellschaftlichen Alltags in der Erinnerungskultur.

Konfliktpotential steckt insbesondere in der Frage, wie sich Eingewanderte zu den kollektiv erinnerten Geschichten der Mehrheitsgesellschaft positionieren. Zu berücksichtigen ist dabei, dass nicht alle historischen Erzählungen der Mehrheitsgesellschaft für Zuwanderer anschlussfähig sind, gerade bei schuldbeladenen Narrativen, die zum identitätsstiftenden Grundbestand der deutschen ErinnerungskulturErinnerungskultur gehören, ist das schwierig. Gefragt wird etwa, wie historisch unbelastete Migranten die Gewaltgeschichte des NationalsozialismusNationalsozialismus als „negatives Eigentum“ (Jean Améry) annehmen sollen (siehe Gryglewski 2013; Messerschmidt 2016). BundespräsidentBundespräsident Joachim GauckGauck, Joachim prägte in diesem Zusammenhang den Begriff der „Verantwortungsgemeinschaft“, zu der sich die „Erfahrungsgemeinschaft“ wandeln müsse, damit in diese auch die Zuwanderer eintreten könnten. Die Größe dieser Aufgabe wird deutlich angesichts von Konflikt-, Diskriminierungs- und Gewalterfahrungen in den Zuwanderer-Communities, die mit historisch gewachsenen Normen in der Mehrheitsgesellschaft kollidieren. Beispielhaft veranschaulicht das der Israel-Palästina-Konflikt oder der Völkermord an den Armeniern. Um solche widersprüchlichen Interpretationen aufzufangen, braucht es verstärkte Anstrengungen bei der Vermittlung historischen Wissens und der darauf gewachsenen Werte. Es wird dazu neuer Kontextualisierungen der deutschen Geschichte bedürfen. MuseenMuseen und Gedenkstätten werden in ihren pädagogischen Angeboten stärker die jeweiligen kulturellen Vorkenntnisse und Erfahrungen berücksichtigen und auf Interessen der Migranten eingehen müssen, sie werden die Menschen mit ihren unterschiedlichen kulturellen Hintergründen häufiger als bisher bei ihren eigenen biographischen Erinnerungen ‚abholen‘ und neue Vermittlungs- und Aneignungswege ausprobieren müssen.

Wie reagiert die Politik? Sie hat die Herausforderung zwischenzeitlich erkannt (siehe Wagner 2009, 227–279). „Integration bedeutet die Einbindung in das gesellschaftliche, wirtschaftliche, geistig-kulturelle und rechtliche Gefüge des Aufnahmelandes ohne Aufgabe der eigenen kulturellen Identität“, heißt es im Nationalem Integrationsplan (→ Glossar), der den „angemessene[n] Umgang mit kultureller Vielfalt [als] eine notwendige Kompetenz für alle Teile der Gesellschaft“ beschreibt (BundesregierungBundesregierung 2007, 127). Auch die Enquete-Kommission des Deutschen BundestagesBundestag „Kultur in Deutschland“ widmete sich in ihrem Abschlussbericht dem neuen Leitgedanken „Interkultur“ (Bundestag 2008, 308ff.). Explizit angesprochen wird die historische Dimension der Zuwanderung indes nicht. Immerhin verband 2011 die damalige Integrationsbeauftragte Maria BöhmerBöhmer, Maria (CDU) die Einsetzung eines neuen Bundesbeirats für Integration ausdrücklich mit dem Wunsch, dieser solle auch die gesellschaftliche Identitätsdebatte voranbringen. Mit Blick auf „Heimatgefühle“ in der EinwanderungsgesellschaftEinwanderungsgesellschaft postulierte der Beirat 2013, Heimat sei nicht mehr nur eine „Schicksalsgemeinschaft, die sich aus einer gemeinsamen Vergangenheit definiere“, sondern eine „Gemeinschaft der Zukunft.“ Gleichzeitig wurde aber auch betont, dass Heimat ohne eine gemeinsame Geschichts- und ErinnerungskulturErinnerungskultur inhaltslos sei. Der „Bau einer modernen Identität als Einwanderungsgesellschaft“ müsse mit der Entwicklung eines neuen Zugangs zur deutschen Geschichte anfangen, wozu etwa ein nationaler Erzähl-Marathon einberufen werden solle (Beirat 2012). Die Geschichte der Einwanderung, die Aufbauleistung von Einheimischen und Zugewanderten als gemeinsamer Erfolg müssten als Teil der Erinnerungskultur künftig stärker vermittelt und in Schulbüchern und Ausstellungen thematisiert werden. Geschichts- und Zeitbilder der Einwanderung und Integration sollten zudem in der Benennung von Straßen und Plätzen deutlich werden. Diese Form der Symbolpolitik steckt allerdings noch gänzlich in den Anfängen, ebenso verhallen vereinzelte Aufrufe, einen Gedenktag zu etablieren, bislang ungehört. Immerhin: Bei einem Festakt zum 60. Jahrestag der ersten Gastarbeiteranwerbung dankte BundeskanzlerinBundeskanzler/in Angela MerkelMerkel, Angela allen, die am WirtschaftswunderWirtschaftswunder mitgearbeitet haben. Bereits zuvor setzte das Parlament ein wichtiges Zeichen: Am 23. Mai 2014 hielt im Deutschen Bundestag der Schriftsteller Navid KermaniKermani, Navid, Deutscher iranischer Herkunft und Muslim, die zentrale Festrede zum 65. Jahrestag des GrundgesetzesGrundgesetz (Kermani 2014). Angesichts der prognostizierten tiefgreifenden demographischen Veränderungen in der deutschen Gesellschaft und der anhaltenden Zuwanderung wird die Debatte über das Erinnern in der Zuwanderungsgesellschaft absehbar weiter an Bedeutung gewinnen.

Weiterführende Literatur

GeorgiGeorgi, Viola B. 2003: Viola B. Georgi, Entliehene Erinnerung. Geschichtsbilder junger Migranten in Deutschland (Hamburg 2003).

GeorgiGeorgi, Viola B./Ohliger 2009: Viola B. Georgi/Rainer Ohliger (Hg.), Crossover Geschichte. Historisches Bewusstsein Jugendlicher in der EinwanderungsgesellschaftEinwanderungsgesellschaft (Hamburg 2009).

Motte/Ohliger 2004: Jan Motte/Rainer Ohliger (Hg.), Geschichte und GedächtnisGedächtnis in der EinwanderungsgesellschaftEinwanderungsgesellschaft. Migration zwischen historischer Rekonstruktion und Erinnerungspolitik (Essen 2004).

www.luther2017.de; www.impuls-reformation.de).

PreußensPreußen langer Schatten

Als besonders wechselvoll erweist sich die Erinnerung an PreußenPreußen, das die deutsche Geschichte seit dem 18. Jahrhundert maßgeblich geprägt hat. Unter seiner Führung wurde im 19. Jahrhundert ein (klein)deutscher Nationalstaat im Zentrum EuropasEuropa militärisch durchgesetzt. Während Preußen immer wieder als ‚Aufreger‘-Thema taugt, sind die Habsburger als historischer Widerpart im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation und im Deutschen Bund aus dem Gesichtsfeld der Deutschen gerückt, und mit ihnen eine jahrhundertalte österreichisch-deutsche Geschichte. Hier zeigt sich die erstaunliche Langzeitwirkung der kleindeutsch-preußischen und zudem protestantisch geprägten Geschichtsschreibung des KaiserreichsKaiserreich – und auf erdrückende Weise, dass es die Sieger sind, die Geschichte schreiben.

Dabei bedeutete PreußenPreußen für das Wilhelminische KaiserreichKaiserreich – wie später auch für die Weimarer RepublikWeimarer Republik – wegen seiner Dominanz in Größe und Einwohnerzahl eine schwerwiegende Belastung des Staatsgefüges. Der Preußen-MythosMythos, politischer wurde trotzdem gepflegt – auch von den Nationalsozialisten, etwa beim ‚Tag von Potsdam‘ 1933 (→ Glossar) oder in HitlersHitler, Adolf bizarrer Verehrung Friedrichs des GroßenFriedrich II., preuß. König als Kriegsherr. Nach 1945 verbanden sich mit Preußen jedoch statt Glanz und Gloria, spezifischer Tugenden und eines aufgeklärten Absolutismus vor allem negative Attribute: Preußen galt nunmehr als Hort der Reaktion, eines fatalen Obrigkeitsdenkens und folgenschweren Militarismus. Als Staat hatte Preußen bei Kriegsende faktisch aufgehört zu existieren, 1947 vollzog der Alliierte Kontrollrat mit dem Kontrollratsgesetz Nr. 46 das Ende dann auch de jure. Der Bruch mit der preußischen Tradition war radikal. Für alle sichtbar machte ihn die DDRDDR-Führung 1950 mit der symbolbeladenen Sprengung des Berliner Stadtschlosses, um die Spuren der alten Ära auch im Stadtbild zu tilgen. Aber auch die Bundesrepublik, die mit Bonn ihren politischen Mittelpunkt in den ehemals preußischen Rheinlanden hatte, suchte Abstand und fand im bewussten Gegensatz zum preußisch-protestantischen Obrigkeitsstaat ihr prägendes Signum als rheinische Republik (mit bedeutend stärkeren katholischen Einflüssen). Dabei bestimmte in Ost und West gleichermaßen Ambivalenz den Umgang mit der preußischen Geschichte. Nicht allein, dass die aus der staatlichen Neuordnung hervorgegangenen Länder auf dem ehemaligen preußischen Territorium die Rechtsnachfolge antraten, auch ansonsten sind die Spuren Preußens mannigfaltig – und das nicht nur in Vereinsnamen wie „Borussia“ oder „Preußen“. Dazu zählen politisch das während der Teilung gepflegte Bewusstsein für Berlin als deutsche Hauptstadt und die preußischen Ursprünge von Verwaltungs- und Kirchengliederungen. Militärisch präsent blieb der untergegangene Staat ausgerechnet in der DDR: im ‚Exerzierschritt‘ der Nationalen Volksarmee (NVA), der sich am preußischen Stechschritt orientierte. Und er ist es noch heute mit dem Eisernen Kreuz als Hoheitszeichen der Bundeswehr sowie in der musikalischen Traditionspflege beim Zapfenstreich und der Ehrenformation. Das kulturelle Erbe traten mehrere Universitäten und die großen Kulturstiftungen wie Preußischer Kulturbesitz oder Preußische Schlösser und Gärten an.

Zur bewussten Wiederentdeckung PreußensPreußen in der Bundesrepublik wie in der DDRDDR kam es in den frühen 1980er Jahren. Beide Seiten suchten sich damals vor dem Hintergrund der faktischen Zweistaatlichkeit ihres historischen Erbes zu vergewissern. In West-Berlin sorgte 1981 eine Preußen-Ausstellung für Furore (siehe Uhde 2015), zeitgleich erfuhr auch im Arbeiter- und Bauernstaat die preußische Geschichte und insbesondere König Friedrich II.Friedrich II., preuß. König eine Neubewertung. Sie gipfelte in der Wiedererrichtung seines einst abgeräumten Reiterstandbilds aus dem 19. Jahrhundert im Zentrum der Hauptstadt der DDR: Unter den Linden auf Höhe der Humboldt-Universität.

Ihren vorläufigen Höhepunkt erlebte die PreußenPreußen-Renaissance nach der deutschen Einheit mit der Überführung der sterblichen Überreste Friedrichs des Großen von der Burg Hohenzollern nach Sanssouci. Sie geriet 1991 zur großen staatlichen Inszenierung. Widerspruchsfrei blieb die Preußen-Reminiszenz freilich nie, wie der Streit um Statuen preußischer Militärreformer und Generäle aus der Ära der BefreiungskriegeBefreiungskriege zeigt. Ihre Wiederaufstellung in Berlin Unter den Linden – vor der zur zentralen staatlichen GedenkstätteGedenkstätte für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft erhobenen Neuen WacheDenkmalNeue Wache (→ Kapitel 6.7) – stieß auf massiven Widerstand. Die Statuen Gerhard von Scharnhorsts (1755–1813) und Friedrich Wilhelm Bülows (1755–1816) sollten nicht in der Nähe der Käthe KollwitzKollwitz, Käthe-Büste in der Gedenkstätte platziert werden und rückten deshalb auf die gegenüberliegende Straßenseite. Dort verdrängten sie die Standbilder Ludwig Yorck von Wartenburgs (1759–1830), Gebhard Leberecht von Blüchers (1742–1819) und August Neidhardt von Gneisenaus (1760–1831), die ihrerseits zurückversetzt neue Aufstellung am Opernplatz fanden. Trotzdem hat die Debatte um Preußen längst nicht mehr die Schärfe früherer Jahrzehnte. So verwiesen Kritiker des Wiederaufbaus des Hohenzollernschlosses in der Berliner Mitte weniger auf den alten preußisch-militaristischen Geist, der mit dem Schloss heraufbeschworen werden könnte, sondern störten sich vorrangig am Vorzug, den architektonisch die Rekonstruktion gegenüber dem Mut zum Neuen gefunden hatte. Andererseits führten die Schloss-Befürworter weniger die preußischen Traditionen ins Feld, als vielmehr stadtplanerische Argumente, wonach das Schloss das Zentrum Berlins gewesen sei, auf das sich die gesamte Mitte der Stadt ausgerichtet habe. Die Nutzung des rekonstruierten Gebäudes als Humboldt-Forum, das der Weltkunst gewidmet sein wird, unterstreicht allerdings den offensichtlichen Willen, bei der Umsetzung dieses größten nationalen Bauprojekts der letzten Jahrzehnte jeder unerwünschten Assoziation bereits im Ansatz vorzubeugen (siehe www.humboldt-forum.de).


Abb. 4: Umbettung Friedrichs des Großen

Die Gewaltgeschichte zwischen 1914 und 1945

Mit Kriegsende setzte zunächst eine bis weit in die 1950er Jahre reichende Phase ein, der bereits die Zeitgenossen eine ausgeprägte Geschichtsvergessenheit bescheinigten. Die Überwindung der Kriegsfolgen und der Aufbau einer neuen Nachkriegsordnung absorbierten die Kräfte. Wenn in diesem Zusammenhang von einer ‚Stunde Null‘ gesprochen wird, ist das missverständlich, weil personell wie strukturell vielfach an Überkommenem angeknüpft wurde. Alexander und Margarete MitscherlichMitscherlich, Alexander und Margarete sprachen später von der „Unfähigkeit zu trauern“ (Mitscherlich/Mitscherlich 1967) und Ralph GiordanGiordano, Ralpho von der „zweiten Schuld“ durch Verdrängen und Verleugnen der ersten (Giordano 1987). Demgegenüber vertritt der Philosoph Hermann LübbeLübbe, Hermann die These, dass damals weniger „Verdrängung“ als vielmehr ein bewusstes „kommunikatives Beschweigen“ der allen bekannten individuellen Verstrickungen geherrscht habe, um die Deutschen in den jungen demokratischen Staat zu integrieren (Lübbe 2007) – für andere ist diese Zeit deshalb eine „skandalgepflasterte Periode gesellschaftlicher Reintegration um fast jeden Preis“ (FreiFrei, Norbert 1996, 467). Das Pendel schlug bald darauf in die andere Richtung: Die juristische AufarbeitungVergangenheitsbewältigung der NS-VerbrechenNationalsozialismus im Übergang zu den 1960er Jahren (vor allem die Frankfurter Auschwitz-Prozesse und der Eichmann-Prozess in Jerusalem) leitete einen heftigen Generationenkonflikt ein, in dem die Jugend ihre Eltern- und Großelterngeneration zur Rede stellten. Die NS-Zeit rückte damit ins Zentrum des öffentlichen Bewusstseins – und ist dort bis heute geblieben. Dabei ging – und geht es noch heute – sowohl um die AufarbeitungVergangenheitsbewältigung der Diktaturjahre selbst, als auch um die Vor- und Wirkungsgeschichte: Wie konnte es dazu kommen und wie wollen wir mit dieser Vergangenheit weiter umgehen? (→ Kapitel 6.1).

Der Umgang mit der NS-Vergangenheit ist nicht nur hochemotional, sondern auch immens politisch. Während sich die DDRDDR in der Pflege ihres MythosMythospolitischer vom antifaschistischen Staat einer weitreichenden gesellschaftlichen AufarbeitungVergangenheitsbewältigung entzog, prägten die Bundesrepublik immer wieder heftige Debatten. Möchte man wesentliche Stränge dieses (bundes)deutschen Ringens um ihr Verständnis der NS-Terrorherrschaft zusammenfassen, bieten sich mindestens diese vier Begriffspaare an:

Machtergreifung – Machtübertragung

Jahrzehnte war es üblich, vom 30. Januar 1933 als Tag der „Machtergreifung“ HitlersHitler, Adolf zu sprechen. Damit wurde auf einen Begriff zurückgegriffen, den die Nationalsozialisten selbst geprägt hatten und der im Kontext der Stilisierung der Vorgänge von 1933/34 als nationale „Revolution“ steht (Hacke 2004). In der unreflektierten Nutzung dieses Schlagworts reproduzierte sich das NS-Verständnis von der aktionistischen Tat. Bedenklicher noch: Es transportierte sich darin zugleich ein Verständnis der Deutschen als erstes Opfer der Diktatur, denen die Demokratie quasi entrissen worden sei. Tatsächlich aber lieferte sich das Weimarer SystemWeimarer Republik selbst aus, wurde Hitler die Macht 1933 übertragen. Und selbst wenn die NSDAP in den bereits von Terror und Verfolgung geprägten Wahlen im März 1933 keine absolute Mehrheit erreichen konnte: Dass die Weimarer Republik wesentlich an der eigenen Schwäche, an den fehlenden Demokraten zugrunde ging, ist heute unbestritten. In der Ablösung der Begriffe zeigt sich ein über viele Jahre vollzogener Lernprozess, in dem die zweite Demokratie die Fehler ihrer Vorgänger-Republik erkannte und nun auch begrifflich korrekt benennt – wobei sicher noch immer zwischen dem offiziellen und dem alltäglichen Sprachgebrauch unterschieden werden muss.

Niederlage – Befreiung

Von besonderer emotionaler Wucht geprägt war die Auseinandersetzung um das Verständnis des 8. MaiGedenktage8. Mai, des Kriegsendes 1945. Eigenes Erleben, darauf gründende historische Erfahrung und das reflexive Geschichtsverständnis reiben sich hier besonders heftig. Denn der 8. Mai ist aus Sicht der Deutschen ein Tag von ambivalenter Bedeutung. Je nach politischem Standort und nach persönlicher Situation konnten Deutsche diesen Tag als Befreiung – z.B. vom Krieg oder von der Diktatur – oder aber als Niederlage begreifen, persönlich wie der Nation. Hinzu kamen die Erfahrungen millionenfachen Leids durch FluchtFlucht und Vertreibung und Vertreibung, die sich mit der deutschen Niederlage verbanden. Es brauchte entsprechend lange, bis die Bundesrepublik zu einer eigenen Haltung fand und den Tag in eigenen Gedenkfeiern würdigte. Vor allem die epochemachende Rede von BundespräsidentBundespräsident Richard von WeizsäckerWeizsäcker, Richard v. 1985 sorgte für einen nachhaltigen Wandel im Verständnis des 8. Mai, der fortan auch in Deutschland als ein Tag der Befreiung begangen wird (Weizsäcker 1985; → Kapitel 7.2).

Schuld – Verantwortung

Der Umgang mit dunkler Vergangenheit ist immer einer mit Schuld. Die Auseinandersetzung mit der NS-VergangenheitNationalsozialismus war deshalb immer auch eine juristische, beginnend mit den Nürnberger Prozessen. Noch heute stehen Menschen, die sich nach 1933 und vor allem im Zweiten WeltkriegZweiter Weltkrieg schuldig gemacht haben, vor Gericht. Und noch immer wird der deutsche Staat mit Forderungen zur Wiedergutmachung konfrontiert, zuletzt 2014/2015 von Griechenland. Angesichts der Monstrosität des Verbrechens stellte sich die Schuldfrage nach 1945 in bislang nicht gekannter Weise. 1946 veröffentlichte der Heidelberger Philosoph Karl JaspersJaspers, Karl (1883–1969) eine nachhaltig wirkende Schrift zur Schuldfrage, in der er unterschiedliche Kategorien von Schuld definierte: 1. die nachweisbare, vor Gericht zu ahnende kriminelle Schuld, 2. die politische Schuld der Staatsverantwortlichen, 3. die moralische Schuld, der sich vor dem eigenen Gewissen auch nicht dadurch zu entziehen ist, dass Taten befohlen wurde, und schließlich 4. die metaphysische Schuld vor Gott, Unrecht gewährt lassen zu haben (Jaspers 1946). Die politische Debatte drehte lange um die Frage einer deutschen Kollektivschuld, die umso drängender wurde, als nachfolgende, unbelastete Generationen die Konfrontation mit ‚ihrer‘ Schuld infrage stellten. Richard von WeizsäckerWeizsäcker, Richard v. betonte dazu 1985 in seiner Rede zum 8. MaiGedenktage8. Mai: „Schuld oder Unschuld eines ganzen Volkes gibt es nicht. Schuld ist, wie Unschuld, nicht kollektiv, sondern persönlich. […] Die Jungen sind nicht verantwortlich für das, was damals geschah. Aber sie sind verantwortlich für das, was in der Geschichte daraus wird“ (Weizsäcker 1985). In diesem Sinne meint die Übernahme von Verantwortung noch heute, die Erinnerung an das Verbrechen wachzuhalten und einer Schlussstrich-Mentalität vorzubeugen. „Es gibt keine deutsche Identität ohne Auschwitz“, betonte dementsprechend 2015 BundespräsidentBundespräsident Joachim GauckGauck, Joachim aus Anlass des 70. Jahrestages der Befreiung von Auschwitz: „Die Erinnerung an den HolocaustHolocaust/Shoah bleibt eine Sache aller Bürger, die in Deutschland leben“ (Gauck 2015).

Politisches Handeln wird in der Bundesrepublik maßgeblich von Verweisen auf die historische Verantwortung des Landes bestimmt; dies gilt auch und gerade für die Außen- und Sicherheitspolitik. Die jahrzehntelange (bundes)deutsche Zurückhaltung auf internationalem Parkett war nicht allein die Folge der eingeschränkten staatlichen Souveränität, sie wurde immer auch aus der deutschen Geschichte heraus begründet. Gegenüber dem militärischen Engagement anderer Nationen setzte die Bundesrepublik auf finanzielle Unterstützung, wofür sich einbürgerte, von der deutschen Scheckbuch-Diplomatie zu sprechen. Mit Wiedergewinnung der vollen Souveränität und im politisch vereinten EuropaEuropa haben sich inzwischen aber nicht nur die politischen Gewichte verschoben. Auch die damit verbundenen Erwartungen der Partner und Freunde an das Land sind andere als früher. Damit stellt sich die Frage nach der Tragfähigkeit überkommener historischer Begründungen. Wie brüchig sich diese erweisen konnten, zeigte sich Ende der 1990er Jahre in den Argumenten für den ersten Kampfeinsatz deutscher Soldaten nach dem Zweiten WeltkriegZweiter Weltkrieg. Wegen massiver Menschenrechtsverletzungen und um einen drohenden Völkermord im Kosovo-Krieg zu verhindern, griff 1999 die NATO Serbien aus der Luft an. Dass sich die Bundeswehr daran beteiligte, rechtfertigte mit Joschka FischerFischer, Joschka ausgerechnet ein aus der Friedensbewegung hervorgegangener Außenminister damit, er habe aus der Geschichte nicht nur gelernt „Nie wieder Krieg“, sondern auch „Nie wieder Ausschwitz“ (Fischer 1999). Angesichts der heute immensen Erwartungen an Deutschland als politisch einflussreichstem wie wirtschaftlich stärkstem Land in Europa stellt sich die Frage nach der historischen Begründung außenpolitischen Handelns völlig neu. Für Aufsehen sorgte 2014 BundespräsidentBundespräsident Joachim GauckGauck, Joachim bei der Eröffnung der jährlichen Münchner Sicherheitskonferenz, als er forderte, die Bundesrepublik solle sich künftig international „früher, entschiedener und substantieller einbringen“ (Gauck 2014a). Zwar zollte er „aufrichtigen Pazifisten“ Respekt, warnte aber davor, „Deutschlands historische Schuld [zu] benutzen, um dahinter Weltabgewandtheit oder Bequemlichkeit zu verstecken.“ Mit den Worten des Historikers Heinrich August WinklerWinkler, Heinrich August kritisierte er das als eine Haltung, die Deutschland ein fragwürdiges Recht auf Wegsehen bescheinige, das andere westliche Demokratien nicht für sich in Anspruch nehmen könnten. Aus Zurückhaltung könne – so die Kehrtwende in der Argumentation – so etwas wie Selbstprivilegierung entstehen. Damit ist nun aber die Auseinandersetzung um die historische Verantwortung als politisches Argument eröffnet und ihr wird sich die deutsche Öffentlichkeit nicht entziehen können.

Täter – Opfer

Mit der umfassenden gesellschaftlichen AufarbeitungVergangenheitsbewältigung der Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts ist an die Stelle des Helden heute das Opfer als Zentralfigur des Gedächtnisses getreten (François 2009, 25). In Deutschland hat der Opferdiskurs eine lange Tradition. In den Erzählungen aus der Zeit des frühen Nationalismus erschienen die Deutschen selbst noch als Spielball anderer Mächte, als Leidtragende ihrer eigenen Schwächen, der inneren Zerrissen- und vergeistigten Machtvergessenenheit. Nach 1945 bildete sich angesichts der beispiellosen Verbrechen, die nicht nur – wie es lange hieß – im Namen Deutschlands, sondern – wie es später in heftigen Kontroversen konkretisiert wurde – von Deutschen begangen wurden, eine völlig neue Situation heraus: Nun sahen sich die Deutschen damit konfrontiert, der Welt als Volk von Tätern zu gelten. Eine gewisse Form des ‚Tragikstolzes‘ blieb dabei erhalten: im rechten politischen Lager, das über viele Jahrzehnte den Verlust ehemals deutscher Ostgebiete und das Leid der Vertriebenen pflegte, aber auch im linksliberalen Milieu, das dazu aufforderte, die Teilung der Nation und mit ihr die Berliner Mauer als logische Konsequenz der deutschen Geschichte anzunehmen.

Mit Gründung des neuen westdeutschen Staates stellte sich die drängende Frage nach dem Umgang mit den Tätern. Deutsche Nachkriegsspielfilme wie „Die Mörder sind unter uns“ (1946) und „Rosen für den Staatsanwalt“ (1959) stehen paradigmatisch dafür, dass ein nicht unbedeutender Teil belasteter Personen, insbesondere Amtsträger in Justiz, Schulen und Verwaltung, unbehelligt blieben. Erst mit der juristischen AufarbeitungVergangenheitsbewältigung Ende der 1950er Jahre (u.a. Auschwitzprozesse, Eichmann-Prozess) rückten die Täter überhaupt wieder stärker in den Fokus. In den 1960er Jahren schloss sich eine breite gesellschaftliche Debatte an, in der die Frage nach Schuld und Verantwortung in den Familien ausgetragen wurde. Dabei zeigten sich Verdrängungs- und Leugnungsprozesse nicht nur in der Generation der Großeltern und Eltern, sondern auch bei Kindern und Enkeln. Die Wissenschaft hat dieses Phänomen in das plakative Schlagwort gefasst: „Opa war kein Nazi“ (Moller/Tschuggnal/Welzer 2002). Die Fixierung auf die zweifelsfrei schuldige NS-Führungselite ließ Deutsche, die behaupteten, von den Verbrechen in den Lagern nichts gewusst zu haben, sich lange quasi selbst als erste Opfer der Nazis gerieren.

Im Blick auf die VertreibungFlucht und Vertreibung Millionen Deutscher aus den ehemals deutschen Ostgebieten verschwimmen die Grenzen zwischen Opfern und Tätern. Denn weder lassen sich aus der Vorgeschichte die Verbrechen an Deutschen während der VertreibungenFlucht und Vertreibung rechtfertigen, noch sich das deutsche Leid von eben dieser Vorgeschichte trennen. Die unbedingte Anerkennung der historischen Kausalitäten von Krieg und VertreibungFlucht und Vertreibung bildet die Grundlage für den Aussöhnungsprozess der Deutschen mit ihren osteuropäischen Nachbarn. Der gesellschaftliche Diskurs über die Vertriebenen war zuvor über viele Jahrzehnte hochpolitisiert gewesen (siehe Gauger/Kittel 2004; Hahn/Hahn 2010). In der bundesdeutschen Gesellschaft bildeten die rund 15 Millionen Heimatvertriebenen eine politisch überaus einflussreiche Gruppe (von 1949 bis 1969 gab es ein eigenständiges Bundesministerium für Vertriebene, Flüchtlinge und Kriegsgeschädigte). In zahlreichen Verbänden und Landsmannschaften gut organisiert, wussten sie ihren Interessen in der Öffentlichkeit Gehör zu verschaffen – und tun das in inzwischen dritter Generation bis heute. Ganze Stadtviertel erinnern in StraßennamenStraßennamen an verloren gegangene Landschaften und Städte, Erinnerungs- und Reisebücher waren wiederholt Bestseller.

Das öffentliche Bekenntnis zur Heimat und den nach 1945 abgebrochenen Kulturtraditionen blieb nicht widerspruchsfrei, insbesondere die hochpolitisierten „Tag der Heimat“-Veranstaltungen führten regelmäßig zu teils heftigen Kontroversen. Das Festhalten an Eigentumsansprüchen in der alten Heimat geriet immer wieder unter den Verdacht des Revanchismus und Revisionismus. Erst die Umwälzungen nach 1989 und die deutsche Wiedervereinigung, in deren Zuge die deutschen Ostgrenzen an Oder und Neiße endgültig anerkannt wurden, trugen zur Entspannung auf allen Seiten bei. Mit der neu gewonnenen Möglichkeit, die alte Heimat durch Reisen vor Ort wieder zu entdecken, hat sich ein Klima der wechselseitigen Anerkennung des gemeinsamen Vertreibungsschicksals entwickelt, das die Basis zur Aussöhnung legt. Gleichwohl zeigt sich an wiederkehrenden Querelen um die „BundesstiftungStiftung FluchtFlucht und Vertreibung, Vertreibung, Versöhnung“, dass man sich hier auch 70 Jahre nach den Ereignissen auf dünnem Eis bewegt.

Seit den 1970er Jahren trat vor allem die Ermordung der europäischen JudenHolocaust/Shoah, deren systematische industrielle Vernichtung beispiellos gewesen ist, in den Fokus der AufarbeitungVergangenheitsbewältigung. Andere Opfergruppen wie Sinti und Roma, Slawen, Homosexuelle, Behinderte oder Zwangsarbeiter fanden sehr viel später und in weit geringerem Ausmaß öffentliche Aufmerksamkeit. Die Opfer deutscher Massaker in Frankreich (Oradour), Italien (Sant’Anna di Stazzema) oder Griechenland (Ligiades) wurden in den vergangenen Jahren durch Besuche des BundespräsidentenBundespräsident als Teil staatlicher Gedenkpolitik einer breiteren Öffentlichkeit überhaupt erst bekannt. Ansprüche auf Entschädigung, wie sie etwa die Griechen 2014 angemeldet haben, überraschten viele und stoßen gesellschaftlich auf wenig Verständnis.

Infobox

Vertriebene und FlüchtlingeFlucht und Vertreibung

Der „Bund der Vertriebenen“ ist der Zusammenschluss von 20 Landsmannschaften, 16 Landesverbänden und 4 angeschlossenen Mitgliedsorganisationen, in denen sich in Deutschland Vertriebene, Aussiedler und Spätaussiedler organisiert haben (www.bund-der-vertriebenen.de). Das Bundesvertriebenengesetz (BVFG) – das als „Magna Charta der Vertriebenen“ gilt – stammt aus dem Jahr 1953 und erfuhr seitdem mehrfach eine Novellierung (→ Glossar). Bund und Länder haben sich in § 96 BVFG dazu verpflichtet, das Kulturgut der Deutschen im östlichen EuropaEuropa zu bewahren, zu präsentieren und zu erforschen. Zu wichtigen Akteuren auf diesem Gebiet zählen neben zahlreichen lokalen Heimatstuben und historisch-landeskundlichen MuseenMuseen die zwei wissenschaftlichen Institute für die Kultur und Geschichte der Deutschen in Nordost- und in Südosteuropa, das „Bundesinstitut für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa“ in Oldenburg sowie das „Deutsche Kulturforum östliches Europa e.V.“ in Potsdam. Ein eigener „Beauftragter der BundesregierungBundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten“ ist auf Bundesebene Ansprechpartner für Aussiedler (→ Glossar) und in dieser Funktion verantwortlich für die Koordination des Aufnahmeverfahrens und der Integrationsmaßnahmen, er ist aber auch für diejenigen zuständig, die als Angehörige der deutschen Minderheit in den Herkunftsländern der Aussiedler geblieben sind (siehe www.aussiedlerbeauftragter.de).

Seit 2015 wird jährlich am 20. JuniGedenktage20. Juni der weltweiten Opfer von FluchtFlucht und Vertreibung und Vertreibung, in Deutschland insbesondere der deutschen Vertriebenen, gedacht (→ Kapitel 6.4). Künftig wird in der Hauptstadt als „Sichtbares Zeichen“, wie der Arbeitstitel lautete, ein Ausstellungs- und Informationszentrum an die VertreibungFlucht und Vertreibung erinnern. Dazu wurde 2008 die „Bundesstiftung FluchtFlucht und Vertreibung, Vertreibung, Versöhnung“ als StiftungStiftung des öffentlichen Rechts in Berlin errichtet. Stiftungszweck ist es, „im Geiste der Versöhnung die Erinnerung und das Gedenken an FluchtFlucht und Vertreibung und Vertreibung im 20. Jahrhundert im historischen Kontext des Zweiten WeltkriegesZweiter Weltkrieg und der nationalsozialistischen Expansions- und Vernichtungspolitik und ihren Folgen wachzuhalten“ (www.sfvv.de). Die VertreibungFlucht und Vertreibung der Deutschen nach 1945 steht zwar im Zentrum, sie soll aber im Kontext der europäischen Vertreibungen präsentiert werden. Die Stiftungsarbeit wird seit Beginn der Planungen immer wieder von heftigen politischen Auseinandersetzungen um den angemessenen Standort des geplanten Dokumentationszentrums, die inhaltliche Gewichtung der an Deutschen begangenen Verbrechen und – damit zusammenhängend – die personelle Besetzung von Direktor und Beirat begleitet.

Eine von heftigen Auseinandersetzungen begleitete umfassende Neubewertung der Täter erfolgte vor allem seit den 1990er Jahren, als über die Taten ‚ganz normaler‘ Deutscher debattiert wurde und die Ausstellung „Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944“ das Bild der vermeintlich ‚sauberen Wehrmacht‘ gehörig gegen den Strich kehrte (→ Kapitel 4.2). Unter die kontroverse Betrachtung der Täter, die tief in die Familiengeschichten eingriffen, mischten sich verstärkt auch wieder deutsche Opfererzählungen: Dazu gehören die verheerenden Folgen der alliierten Luftangriffe, deren emotionalisierende Darstellung als „Bombenkrieg“ gegen die Deutschen zum Bestseller wurde (Friedrich 2002). Symbol dafür ist die Zerstörung Dresdens Anfang 1945, was die Elbestadt immer wieder zum Gegenstand rechtsradikaler und geschichtsrevisionistischer Propaganda macht. Auch das Vertriebenenschicksal findet wieder verstärkt eine Öffentlichkeit im aufwendig inszenierten Film und in der Literatur, etwa im Bestseller „Im Krebsgang“ (2002) von Literaturnobelpreisträger Günter GrassGrass, Günter.

Doppelte Diktaturerfahrung: Die DDRDDR

Mit der Wiedervereinigung wurde die untergegangene DDRDDR zum Gegenstand geschichtspolitischer Debatten. Dabei geht es um ihren historischen Ort und die gesellschaftlichen Folgewirkungen der doppelten Diktaturerfahrung. Die viel beschworene „Mauer in den Köpfen“ zog und zieht sich teilweise auch weiterhin durch die Erinnerungen von Ost- und Westdeutschen. Dabei begann anders als nach 1945 unmittelbar mit der politischen Wende die juristische wie politische AufarbeitungVergangenheitsbewältigung (→ Kapitel 6.1). Die Erinnerungsproduktion lief früh heiß. Frank HoffmannHoffmann, Frank regt an, die Erinnerungsflut nach 1990 als eine bewusste Antwort auf das Erinnerungstabu nach 1945 zu deuten; an die Stelle des kommunikativen Beschweigens einer ungeheuerlichen Vergangenheit sei das rauschhafte Zerreden einer tragikomischen Erfahrung getreten (Hoffmann 2011, 275). Zentrale Fragen dabei sind, „ob die DDR von Anfang an und in jeder Phase ein von außen aufgezwungenes, zum Scheitern verurteiltes System war; ob sie vor allem von ihrer diktatorischen Seite definiert werden kann; welche Rolle dabei die Alltagserfahrungen der Individuen spielen, die in ihrer Mehrheit weder Täter noch Opfer von Repression waren; ob die Zweistaatlichkeit nur eine Episode in der Geschichte war oder ein wichtiger Zeitabschnitt“ (Leo 2003, 28). Auch ein Vierteljahrhundert nach den Ereignissen von 1989/90 ist aus Sicht von Thomas GroßböltingGroßbölting, Thomas gegenüber der inzwischen erreichten gesellschaftlichen Verständigung über die historische Bewertung des NationalsozialismusNationalsozialismus kein breiter Konsens darüber in Sicht, welchen Ort der deutsche Staatssozialismus sowjetischen Typs in der Gedenk- und ErinnerungskulturErinnerungskultur der Bundesrepublik einnehmen solle. Die geschichtspolitische Forderung nach einem delegitimierenden Umgang mit der DDR-Geschichte sieht er mit heterogenen, konträren und teils DDR-affirmativen Deutungen im geschichtskulturellen Diskursfeld konfrontiert. Hier komme die Diskrepanz zwischen kulturellem und kommunikativem GedächtnisGedächtnis, zwischen Erfahrungs-, aber keineswegs homogener Erinnerungsgemeinschaft der Ostdeutschen zum Tragen (Großbölting 2013, 21). Diese Fragmentierung unterstreicht auch Anette LeoLeo, Anette. Für die Mehrheit der ehemaligen DDR-Bürger stehe im Rückblick vor allem der eigene Alltag im Vordergrund, während der Geschichtsdiskurs in der Öffentlichkeit in den Gedenkstätten und Denkmälern vom Thema Machtstrukturen, Repression und Verfolgung bestimmt würde (Leo 2003, 32).

Untergegangen ist 1990 nicht nur die DDRDDR, sondern auch die alte Bundesrepublik. Die Bonner Republik existiert nicht mehr, sie erlebte einen schleichenden Wandel zur Berliner Republik, was einen Historisierungsschub der bundesrepublikanischen Geschichte einleitete (Cammann/Hacke/Schlak 2005). Wiederkehrendes Thema sind dabei die lange wenig beleuchteten Kontinuitäten von der NS-ZeitNationalsozialismus zur Bundesrepublik. Sie haben zuletzt zahlreiche Ministerien dazu veranlasst, ihre eigene Geschichte aufzuarbeiten (siehe dazu die Antwort der BundesregierungBundesregierung auf die Kleine Anfrage von Bündnis 90/Die Grünen [BT-Drucksache 18/4238] sowie Mentel/Weise 2016).

Ein Wiedergänger ist auch die 68er-Bewegung. Während der durch die Protestbewegung angestoßene Impuls zur gesellschaftlichen Liberalisierung heute wenn auch unterschiedlich bewertet so doch weitgehend einhellig anerkannt ist, wird ihr Beitrag zur historischen AufarbeitungVergangenheitsbewältigung kritisch hinterfragt; vor allem das Umschlagen von Teilen der gleichen Bewegung in den Linksterrorismus der 1970er Jahre provoziert immer wieder kontroverse Debatten über Abwege und Irrwege dieser Epoche und ihrer Ideologien.

Vom langen ‚SonderwegSonderweg‘ nach Westen: Deutsche Freiheits- und Demokratiegeschichte

Hinweise auf eigene deutsche Freiheits- und Demokratietraditionen hatten es nach 1945 aus nachvollziehbaren Gründen schwer, Gehör zu finden. In der DDRDDR gab die marxistische Geschichtsauffassung von der bürgerlichen Verfallsgeschichte und ihrer Überwindung den Ton an, sie zog die Linie von den Bauernkriegen über die „Mainzer Republik“ 1793 und die gescheiterten Revolutionen von 1848 und 1918 zur Gegenwart des realexistierenden Sozialismus. In der Bundesrepublik dominierte hingegen die AufarbeitungVergangenheitsbewältigung der NS-Diktatur durch die kritische Geschichtswissenschaft, deren „Sonderwegsthese“ über Jahrzehnte leitend blieb. Allerdings bemühte sich während der sozialliberalen Ära insbesondere BundespräsidentBundespräsident Gustav HeinemannHeinemann, Gustav W. (1899–1976) um eine positive Traditionsbildung der inzwischen etablierten jungen Demokratie. 1970 sah er es an der Zeit, „dass ein freiheitlich-demokratisches Deutschland unsere Geschichte bis in die Schulbücher hinein anders schreibt“ (Heinemann 1975, 34). Nichts könne die Deutschen daran hindern, „in der Geschichte unseres Volkes nach jenen Kräften zu spüren und ihnen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, die dafür gelebt und gekämpft haben, damit das deutsche Volk politisch mündig und moralisch verantwortlich sein Leben und seine Ordnung selbst gestalten kann“ (ebd.). Heinemann initiierte den breitenwirksamen Schülerwettbewerb um den Preis des Bundespräsidenten, den die Hamburger Körber-StiftungStiftung seitdem mit anhaltend großem Erfolg durchführt (www.koerber-stiftung.de/bildung/geschichtswettbewerb.html), und er ergriff die Initiative zur Errichtung einer „Erinnerungsstätte für die FreiheitsbewegungRastatt, Erinnerungsstätte für die Freiheitsbewegungen in der deutschen Geschichte“ in Rastatt. Aus Anlass ihrer Eröffnung betonte er: „Man sagt gelegentlich, und ich habe es auch getan, die Geschichte werde vom Sieger geschrieben. […] Doch wer ist nun Sieger und wer Besiegter? […] Sind wirklich jene die Sieger, die damals die deutsche Einheit verhindert und die demokratischen Freiheitsrechte niedergeschossen haben? Haben nicht sie letztlich unser Land in die Schande und in schreckliche Zusammenbrüche geführt? Sind nicht am Ende doch sie die Verlierer und Sieger jene, die einst für das kämpften, was wir heute unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung nennen?“ (Heinemann 1974).

In den 1980er Jahren gewannen diese Bemühungen weiter an institutioneller Kontur, u. a. mit der Einrichtung des „Deutschen Historischen MuseumsMuseenDHM“ in Berlin und den Planungen für das „Haus der Geschichte der Bundesrepublik DeutschlandMuseenHdG“ in Bonn (→ Kapitel 6.6). Die Bundesrepublik sollte nicht nur in den Kontext ihres nationalen Erbes gestellt, sondern selbst historisiert werden, von der Westbindung in der AdenauerAdenauer, Konrad-Ära über die Phase des „Mehr Demokratie wagen“ bis zum Aufgehen in der supranationalen Europäischen Gemeinschaft. Die deutsche Einheit bedeutete eine Zäsur, denn nun blieb das Jahr 1933 nicht mehr der alleinige Kulminationspunkt deutscher Geschichte. Zwar ist und bleibt wohl auch weiterhin die NS-Zeit Dreh- und Angelpunkt, doch hat sich mit den Ereignissen 1989/90 ein neuer Fluchtpunkt der Geschichtserzählung aufgetan. Zum geflügelten Wort für die Irrwege und Umwege der Deutschen wurde der Titel einer zweibändigen Darstellung des Historikers Heinrich August WinklerWinkler, Heinrich August (2000): „Der lange Weg nach Westen“. Damit gingen Neubewertungen früherer, auch demokratischer Traditionsbestände in der deutschen Geschichte einher. So erfuhren vor allem die Revolution von 1848Revolution von 1848 und die Weimarer RepublikWeimarer Republik neue Beachtung, aber auch Ereignisse wie die ‚Mainzer Republik‘ oder die preußischen Reformen. Ob sich allerdings neben der dominierenden Ursprungserzählung der zweiten deutschen Demokratie aus der Katastrophe des NationalsozialismusNationalsozialismus eine parallele Erzählung über parlamentarische und demokratische Traditionen entwickeln und behaupten wird, bleibt abzuwarten – und noch mehr, ob die Deutschen daran anschließend auch wieder im Sinne Karl Heinz BohrersBohrer, Karl Heinz ein engeres Fernverhältnis zu ihrer Geschichte entwickeln werden.

Infobox

SonderwegSonderweg

Unter dem Begriff ‚SonderwegSonderweg‘ wird eine über Jahrzehnte Wissenschaft wie bundesdeutsche Öffentlichkeit dominierende Lehrmeinung verstanden, der zufolge sich Nation und Demokratie in Deutschland anders als in anderen westlichen Staaten, vor allem Frankreich und Großbritannien, entwickelte habe. Ausgehend von der Frage, wie es zur Katastrophe von 1933–1945 kommen konnte, werden die Antworten in der deutschen Geschichte seit dem MittelalterMittelalter gesucht. Wesentliche Aspekte sind dabei die Folgewirkungen des Reichsgedankens und der verspäteten Nationswerdung, die gescheiterten Revolutionen (1848/49Revolution von 1848 und 1918), der preußische Militarismus und das den Deutschen nachgesagte Obrigkeitsdenken. Die ‚Sonderwegs‘-Theorie, die eng mit der neuen Sozialgeschichte seit den 1970er Jahren und deren Leitfrage nach den historischen Bedingungen gesellschaftlicher Modernisierung verbunden ist, steht heute zunehmend in der Kritik. Die These von der Einzigartigkeit des deutschen Weges wird als zu einseitig zurückgewiesen, in dem sie Negatives in der Demokratieentwicklung anderer Staaten ebenso ausblende (z.B. die Dreyfuss-Affäre in Frankreich) wie Positives in der politischen Kultur des KaiserreichsKaiserreich (z.B. das allgemeine Wahlrecht, auch für Frauen, früher als anderswo). Vielmehr sei, da es keine Norm oder Regel dafür gebe, was ein normaler Weg hätte sein können, von zahlreichen ‚Eigenwegen‘ der Nationen auszugehen. Die Frage aber nach den Gründen dafür, warum ausgerechnet in und nur in Deutschland Nationalismus, Militarismus, Chauvinismus und Antisemitismus in die Katastrophe geführt haben, bleibt noch immer zentrale Herausforderung für die Geschichtswissenschaft und ihre Deutungsangebote.

4.2 Geschichtsdebatten

Mitte der 1970er Jahre machte der Geschichtsdidaktiker Karl-Ernst JeismannJeismann, Karl-Ernst (1977, 12f.) die Beobachtung, dass sich das individuelle und gesellschaftliche Geschichtsverständnis immer stärker zu einem wesentlichen Element politischer Grundsatzentscheidungen entwickeln würde. Und er ergänzte: „GeschichtsbewusstseinGeschichtsbewusstsein als politisch heikler, feuergefährlicher Stoff lagert heute flächig.“ Diese Prophezeiung hat sich bewahrheitet. Der (richtige) Umgang mit der Historie hat zu zahlreichen heftigen Kontroversen geführt, die das Geschichtsbewusstsein und die politische Kultur in Deutschland nachhaltig prägten. Einige, die noch heute Referenzgrößen der geschichtspolitischen Debatte sind und die deshalb jeder kennen sollte, der im Bereich der Angewandten Geschichte tätig wird, werden im Folgenden kurz skizziert.

Kontroverse reloaded: Die Kriegsschuldfrage

Die Frage nach der Schuld am Ausbruch des Ersten WeltkriegsErster Weltkrieg beantworteten die Siegermächte im Versailler Friedensvertrag 1919 eindeutig. Ihre einseitige Schuldzuweisung an das Deutsche Reich hatte verheerende Auswirkungen auf das politische Klima der Weimarer RepublikWeimarer Republik, wo sich Staat, Politik und große Teile der Öffentlichkeit dieser Lesart widersetzten. Bis in die frühe Bundesrepublik hinein dominierte die Überzeugung, alle europäischen Mächte seien 1914 gleichermaßen ungewollt in den Krieg ‚hineingeschlittert‘. Aus diesem Konsens brach in den 1960er Jahren der Hamburger Historiker Fritz FischerFischer, Fritz aus. Auf Grundlage neu erschlossener Quellen analysierte Fischer die Kriegsziele der Reichsleitung, die er als deutschen „Griff nach der Weltmacht“ deutete (Fischer 1961). Fischers Argumente, die in der Öffentlichkeit zur These deutscher Alleinschuld verkürzt wurden, schlugen international hohe Wellen. In der Bundesrepublik erlebte die Kontroverse ihren Höhepunkt 1964, als sich der Ausbruch des Ersten und Zweiten WeltkriegZweiter Weltkriegs jährte und sich die Frage nach der Kontinuität deutscher Schuld stellte. Die Auseinandersetzung tobte nicht nur in der Fachöffentlichkeit, in der prominente Historiker Zweifel an Fischers Thesen äußerten, sondern auch im Feuilleton und in der Politik. Führende Staatsrepräsentanten widersprachen Fischer, dessen Reise in die USA im selben Jahr zum Politikum avancierte. Die Hintergründe für die Absage einer finanziellen Unterstützung Fischers durch das Goethe-Institut und das Auswärtige Amt gerieten sogar zum Gegenstand einer Fragestunde im Deutschen BundestagBundestag (Plenarprotokoll 4/126, 6137).

Die Geschichtswissenschaft wurde von der Fischer-Kontroverse gleichwohl nachhaltig geprägt und es bildete sich ein breiter Konsens über Deutschlands Hauptverantwortung am Krieg heraus (siehe Große Kracht 2005, 47ff., Jarausch 2003, Wieland 1992). Aufgewärmt wurde die Debatte 2014, als EuropaEuropa ein halbes Jahrhundert später mit großem Aufwand des Ausbruchs des Ersten WeltkriegsErster Weltkrieg vor 100 Jahren gedachte (siehe Mombauer 2014). Nun avancierte die Studie „Die Schlafwandler“ von Christopher ClarkClark, Christopher (2013) zum umstrittenen Bestseller, insbesondere in Deutschland. Denn der australische Historiker lenkt darin den Fokus auf Serbien in der Julikrise 1914 und kommt zu einer Neubewertung der Schuldfrage, bei der Deutschlands Hauptrolle relativiert wird.

Die Kontroverse der frühen 1960er Jahre hatte sich vor allem an einem gesellschaftspolitischen Klima entzündet, das von der intensivierten AufarbeitungVergangenheitsbewältigung der NS-Vergangenheit aufgeladen war. Das Doppel-Gedenken 2014–100 Jahre ErsterErster Weltkrieg und 75 Jahre Zweiter WeltkriegZweiter Weltkrieg – fiel demgegenüber in eine Phase deutscher Selbstfindung: Deutschlands gewachsenes internationales Gewicht erforderte eine Neubestimmung seiner außenpolitischen Rolle. Argumente zur Begründung der jahrzehntelangen Zurückhaltung, die in der deutschen Verantwortung zweier Weltkriege gründeten, wurden daher neu bewertet. Aufsehen erregte BundespräsidentBundespräsident GauckGauck, Joachim, als er in seiner Rede zum 1. September 2014 in Danzig als Lehre aus der Geschichte gerade keine Zurückhaltung mehr, sondern im Gegenteil eine harte Haltung gegenüber Russlands Aggression gegen die Ukraine forderte (Gauck 2014b).

Am heftigsten entwickelte sich 2014 der publizistische Schlagabtausch zwischen Heinrich August WinklerWinkler, Heinrich August als prominentem Protagonisten der These von einem deutschen SonderwegSonderweg und Historikern einer jüngeren Generation, die dieses Jahrzehnte dominierende Axiom in Frage stellten. Mehr noch: Aus dem postulierten Paradigmenwechsel im Urteil der Geschichtswissenschaft über deutsche Schuld zogen sie völlig neue politische Schlüsse. Demnach seien Pazifismus und die Überwindung des Nationalstaats nicht die einzig denkbaren Schlussfolgerungen aus den Weltkriegen, nötig sei statt eines „Schuldstolzes“ durch deutsche Selbstbezogenheit und der historisch grundierten Moralisierung außenpolitischen Handelns ein abgeklärter Blick auf die Vergangenheit (Geppert u.a. 2014). Für Heinrich August Winkler, der darin die Absage an die supranationale Einbindung Deutschlands in EuropaEuropa erkannte, lief diese Empfehlung auf eine „Umdeutung der Geschichte in volkspädagogischer Absicht“ hinaus (Winkler 2014). Der Abwehr moralischer Fragen und Urteile hielt er entgegen, eine Geschichtswissenschaft, die dieser Devise folge, würde entweder in plattem Positivismus landen oder bei jenem spezifisch deutschen Verständnis von ‚Realpolitik‘, das mit dazu beigetragen habe, Deutschland auf den Weg in den Ersten WeltkriegErster Weltkrieg zu führen (zur Debatte siehe auch Geppert 2014, Jessen 2014, Kurbjuweit 2014).

Die Mutter aller Debatten – der ‚HistorikerstreitHistorikerstreit‘

Den Anfang machte der Abdruck einer nichtgehaltenen Rede des Historikers Ernst NolteNolte, Ernst in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (FAZ), auf die eine scharfe Replik des Philosophen Jürgen HabermasHabermas, Jürgen in „Die Zeit“ folgte (Habermas 1986; Nolte 1986). Aus diesem publizistischen Schlagabtausch entwickelte sich im Sommer 1986 die bis dahin heftigste Debatte über das Verhältnis der Deutschen zu ihrer NS-VergangenheitNationalsozialismus. Dabei war die Auseinandersetzung, an der sich in der Folge große Teile der Historiker-Zunft beteiligten, alles andere als eine wissenschaftliche Fachdiskussion in einem geschützten akademischen Raum (zeitgenössische Dokumentation bei Piper 1987; ein Rückblick bei Brodkorb 2011). Vielmehr wurde der Streit unter den führenden Intellektuellen der Bundesrepublik unter großer Anteilnahme der Öffentlichkeit ausgetragen. Die Lagerbildung erfolgte um bedeutende Vertreter einer eher klassischen Politikgeschichte auf der einen sowie Hauptakteuren der Sozial- und Strukturgeschichte auf der anderen Seite; sie fanden ihre publizistische Arena wahlweise in der liberalkonservativen „FAZ“ oder den eher linksliberalen Blättern „Die Zeit“, „Frankfurter Rundschau“ bzw. der linken „tageszeitung“.

Auslöser des Streits waren keine neuen Fakten oder bislang unbekannte Quellen, kontrovers waren die Deutungen der Geschichte. Im Zentrum standen bereits früher formulierte Thesen NoltesNolte, Ernst über den kausalen Zusammenhang der beiden totalitären Ideologien des 20. Jahrhunderts, dem Bolschewismus und dem Faschismus. In der geschichtsphilosophischen Lesart des Berliner Historikers standen sich diese in einer Art „Weltbürgerkrieg“ gegenüber, wobei Nolte die NS-Verbrechen als Reaktion auf die stalinistischen Gewaltexzesse begriff: „War nicht der ‚Archipel Gulag‘ ursprünglicher als Auschwitz? War nicht der ‚Klassenmord‘ der Bolschewiki das logische und faktische Prius des ‚Rassenmords‘ der Nationalsozialisten?“ (Nolte 1986). Jürgen HabermasHabermas, Jürgen wies in seinem Leitartikel diese Deutung eines „kausalen Nexus“ zwischen dem „bolschewistischen Klassenmord“ und dem „nationalsozialistischen Rassenmord“ vehement zurück. Er erkannte darin, wobei er auch die Historiker Andreas Hillgruber, Klaus Hildebrand und Michael Stürmer attackierte, den Versuch zur Umdeutung der Geschichte und Entsorgung von Vergangenheit, mithin einen revisionistischen Frontalangriff auf den etablierten bundesrepublikanischen Konsens im Verständnis des NationalsozialismusNationalsozialismus (Habermas 1986). Der HistorikerstreitHistorikerstreit war als geschichtspolitische Debatte vor allem ein Kampf um die Deutungshoheit (wobei „GeschichtspolitikGeschichtspolitik“ begrifflich erstmals überhaupt eingeführt wurde). Leidenschaft und Schärfe der Auseinandersetzung erklären sich aus dem politischen, kulturellen und gesellschaftlichen Kontext, der im Zeichen der von Helmut KohlKohl, Helmut ausgerufenen „geistig-moralischen Wende“ neu entfachten Debatte über nationale Identität und das Selbstverständnis der Bundesrepublik „im Schatten HitlersHitler, Adolf“ (Evans 1991; siehe auch Kapitel 7.2): „Auf der einen Seite sammelten sich jene, die den sozialliberalen Zeitgeist des vorangehenden Jahrzehnts in geschichtspolitischer Absicht einer konservativen Revision zu unterziehen versuchten, auf der anderen Seite jene, die den linksliberalen Konsens bekräftigen und das Bekenntnis zur Einzigartigkeit des Holocausts zum Ankerpunkt einer posttradtionalen kollektiven Identität der (West-)Deutschen erheben wollten“ (Große Kracht 2010).

Die Frontlinien verliefen entlang folgender Fragestellungen, die seitdem immer wieder Gegenstand der Debatten sind: Gibt es Tabus in der Wissenschaft? Lässt sich der Holocaust ‚historisieren‘ (im Unterschied zur moralischen Relativierung), konkret: Wie weit können die NS-Verbrechen verglichen werden und wie weit tragen dabei Forschungsansätze der Totalitarismustheorie (die mit dem Untergang des realexistierenden Sozialismus kurz darauf neu belebt wurden)? Demgegenüber: Inwieweit entzieht sich der HolocaustHolocaust/Shoah dem Begreifen? Oder hemmt gerade das quasi ‚sakralisierende‘ Diktum von der Einzigartigkeit des Holocaust den wissenschaftlichen Erkenntnisdrang unzulässig? Und: Braucht es die ‚Renormalisierung‘ des deutschen GeschichtsbewusstseinsGeschichtsbewusstsein? Wo liegen die Grenzen dafür angesichts des von Deutschen und in deutschem Namen begangenen Menschheitsverbrechens?

Während sich NolteNolte, Ernst in der Folge mit weiter zugespitzten Thesen immer stärker ins Abseits manövrierte, blieb der NationalsozialismusNationalsozialismus für die Deutschen das, was Nolte und seine Mitstreiter 1986 kritisch hinterfragt hatten: eine Geschichte, die nicht vergeht. Als solche ist sie immer wieder Gegenstand von Debatten über deutsche Identität (→ siehe folgenden Abschnitt) – ohne dass diese freilich noch einmal zu einer vergleichbar weit in die Gesellschaft reichenden Lagerbildung führten wie im ‚HistorikerstreitHistorikerstreit‘ 1986.


Abb. 5: Bücher, Ausstellungen, Kontroversen: Die Geschichtswissenschaft löst politische Debatte aus

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