Kitabı oxu: «Ein Spatz auf dem Eis»
Ein Spatz auf dem Eis
Ein Roman von Hiroki Jäger
Impressum
© dead soft verlag, Mettingen 2020
http://www.deadsoft.de
© the author
Cover: Irene Repp
http://www.daylinart.webnode.com
Bildrechte:
© PKpix – shutterstock.com
© Romolo Tavani – Shutterstock.com
1. Auflage
ISBN 978-3-96089-403-2
ISBN 978-3-96089-404-9 (epub)
Inhalt:
Er kann sie alle haben – und das weiß er auch.
Als Tänzer und Sänger des Hamburger Clubs ‚MakeMeMoan‘ gibt Aleksei vor, das Singleleben und seinen Ruf des unnahbaren Herzensbrechers zu genießen.
Erst mit Serik, dem neuen Security des Clubs, trifft Aleksei auf einen Mann, an dem sein Charme abzuprallen scheint.
Serik ist ernst und distanziert. Trotzdem geht er Aleksei unter die Haut, der zum ersten Mal ernsthaftes Interesse an jemandem hat.
Mit der Zeit steht jedoch nicht nur Alekseis Herz auf dem Spiel. Auch Seriks Seele hat Narben, die sich bemerkbar machen, je näher sich die beiden kommen.
1. Kapitel
Aleksei
Joseph seufzt wohlig meinen Namen und rollt sich von mir herunter. »Das, was ich über dich gehört habe, war eine absolute Untertreibung.« Der Typ schnauft, als würde er gleich einen Herzinfarkt bekommen, während ich neben ihm liege und mich frage, wann er endlich gehen wird.
»Ach ja?« Die Haare zwirbele ich mir um die Fingerspitze, ehe ich sie mir hinter das Ohr lege. Auf einer Skala von eins bis zehn war sein erbärmlicher Versuch, mich zum Höhepunkt zu bringen, eine Eins. Er hat andauernd gefragt, ob ich komme, bis ich gar nicht mehr abschalten konnte. Dazu der penetrante Alkohol-Mundgeruch und mir wurde der letzte Spaß geraubt.
»Du bist so schön«, brummt er, rückt an mich heran und küsst meine Schultern. Sein Bart kratzt über gereizte Haut und ich verziehe das Gesicht.
»Ich kann es kaum glauben. Deine Augen sind wie geschmolzene Milchschokolade und deine Haare sind so hell und weich. Ich habe noch niemanden gesehen, der an dich rankommt, du bist so … Wow. Kein Wunder, dass ich dich nie vergessen konnte.«
Was redet der da?
Anstatt aufzustehen, kuschelt er sich an mich und bereitet mir damit eine eisige Gänsehaut. Ich rümpfe die Nase und schiebe ihn von mir weg. Was will der denn jetzt? Sehe ich so aus, als wäre ich im Kuschelmodus? Auf keinen Fall. Der soll sich bloß verziehen. Das sage ich ihm vielleicht ein wenig zu deutlich.
»Nimm deinen Muskelarsch und verpiss dich.«
»Was? Was ist los?« Sein Brustkorb bebt, während er nach Luft schnappt. Aus seinen hellen Augen starrt er mich entsetzt an.
Ich trete die Decke vom Bett herunter und stehe auf. Auf dem Boden liegen noch die Klamotten, die wir uns vor wenigen Minuten wild vom Körper gerissen haben. Ich beachte sie nicht weiter, gehe zur Tür hinüber und ziehe diese auf.
»Na los, verschwinde!«
Das Licht des Clubs lässt mein Zimmer in bunten Farben flackern. Der Typ ist grün, rot und blau, ehe er merkt, dass ich es ernst meine. Jede Sekunde, in der er nur starrt, fühlt sich an wie eine halbe Ewigkeit. Beim Aufspringen reißt er meine Pflanzen vom Fensterbrett herunter.
»Also haben alle recht?«, schreit er. »Du bist so eingebildet, dabei hast du neben deinem Aussehen gar nichts. Nur ein hübsches Gesicht für einen verdorbenen Charakter!« Er fischt sich seine Hose von der umgekippten Gitarre.
Was denkt er sich dabei? Erst demoliert er meine geliebten Pflanzen und nun präsentiert er mir sein wahres Gesicht? Mir wird flau im Magen, trotzdem starre ich ihm direkt in die Augen, in denen es zu brodeln scheint, und beiße die Zähne zusammen.
»Es war ein Fehler, den Männern nicht zu glauben, die mich vor dir gewarnt haben«, sagt er und zieht sich das Hemd über seinen Sixpack.
»Und?« Mit erhobener Augenbraue verschränke ich die Arme vor der Brust. »Was hast du erwartet?« Meine Mundwinkel zucken, während ich mir ein lautes Lachen verkneife. »Ich wollte geilen Sex und den habe ich nicht bekommen. Was soll ich jetzt machen? Das noch mal ertragen? Wofür? Eine weitere grottige Erfahrun…«
»Schlampe!« Er stampft auf mich zu, aber ich weiche nicht zurück. Näher und noch näher. Mir prallt sein Alkoholgeruch ins Gesicht, was mich schwer schlucken lässt. Widerlich.
Die Hand wirft er in die Luft und ich kann nicht mehr ausweichen, stoße mit der Schulter gegen die Wand und kriege eine Backpfeife ab. Autsch. Die hat gesessen. Meine Wange brennt und kribbelt, während mir die Tränen in die Augen schießen.
Spinnt der?
Er bemängelt meine Oberflächlichkeit, aber bei sich legt er ebenso viel Wert auf sein Erscheinungsbild. Er hat Bräunungscreme am Hemdkragen und so viel Gel in den Haaren, damit selbst jetzt noch jede Haarsträhne perfekt in Form liegt. Allerdings sieht er nur aus wie eine billige Kopie des verführerischen Gotts des Donners: Thor. Ja, ich mag kraftstrotzende Männer, nur haben diese öfter den Drang, ihre Muskeln zu zeigen und ihre Fäuste sprechen zu lassen.
»Tschüss, Süßer«, zische ich.
Ausgiebig betrachtet Joseph mich. Seine Blicke gleiten an mir hoch und herunter, ehe sie an meinen Lippen hängen bleiben. Seinen Mund presst er zu einer harten Linie zusammen, was mir unangenehmes Herzrasen bereitet.
»Warum bist du nur so ein eingebildetes Stück Scheiße? Spiel nicht schwer zu haben. Du willst mich doch. Ich weiß das.« Seine Blicke scheinen mich in eine Ecke drängen zu wollen. Ebenso wie seine Haltung. Er will mich berühren, mich an der Wand einkesseln, aber ich hebe die Hand schützend hoch.
Es ist eindeutig, dass er mich begehrt und dennoch hasst. Kann ich es ihm verübeln? Nein. Ich weiß, wie ich auf Männer wirke. Es ist die milchweiße nackte Haut, die schemenhaft von den Partylichtern beleuchtet wird und mein Engelsgesicht. Außerdem habe ich beeindruckende, dunkle Augen, und Lippen, von denen jeder gerne kosten würde.
Zumindest höre ich das andauernd. Diese Beschreibungen und dass ich zu schön bin, um wahr zu sein. Es beschert mir Sexpartner und Orgasmen. Meistens jedenfalls.
»Ist noch etwas?«, frage ich und tippe mit dem Fuß auf der Stelle. »Ich frier mir meinen Arsch ab, wenn du dich nicht endlich verziehst.« Wie lange will der in meiner Zimmertür stehen?
Josephs Atem bringt mein Gesicht zum Kribbeln. Den Mund öffnet er leicht, als ob er mich küssen will, doch ich weiche zurück. Die Faust landet neben mir im Türrahmen und ich zucke zusammen. Mein Nacken prickelt und mein Magen rumort nun lautstark. Der soll bloß nicht auf die Idee kommen, mich mit Gewalt willig zu machen! Wenn er aufdringlich wird, ziehe ich ihm meine Gitarre über den Kopf. Das heißt, wenn ich aus meiner Schockstarre erwache. Ich halte die Luft an und kralle die Finger in meine Ellenbogen, als er die geballten Hände hebt und kraftlos wieder fallen lässt.
»Ich dachte, du wärst anders«, flüstert er und streichelt mir mit dem Rücken des Zeigefingers über die Wange. »Alle sagen, du frisst jeden Mann lieblos und servierst ihn danach ab. Aber vorhin, da hast du mich angesehen, als wärst du so allein auf der Welt. Ich wollte dir die Einsamkeit nehmen.«
»Das hast du aber nicht, tut mir leid.«
Will er einziehen? Soll ich in der Zwischenzeit den Mietvertrag aufsetzen? Das nächste Mal schnappe ich mir keinen, der derart stolz auf sein Gemächt ist. Joseph hat mir direkt seine Umrisse in der engen Hose präsentiert und ich war neugierig. Das war ein überaus überzeugendes Argument für Sex. Okay, ich muss zugeben, es war auch erregend, wie er mich angestarrt hat und manchmal denke ich, dass es da mehr gibt, das ich gerne hätte, nur …
Es ist lächerlich, Glück bei Sexpartnern zu suchen, trotzdem glaube ich, kurz davor zu sein, es zu finden. Wozu sollten sonst die ganzen One-Night-Stands gut sein? Verschwende ich am Ende noch meine Zeit?
»Gute Nacht.« Ich schubse ihn aus dem Türrahmen und knalle die Tür zu.
»Mach auf!«, schreit er und tritt gegen das klapprige Holz. »Du Mistkerl!«
Die Musik des Clubs ist dumpf zu hören, genau so wie Josephs Gebrüll.
»Aleksei! Ich schwöre, ich mache dich fertig!«
»Ja, ja!« Von wegen! Trotzdem rast mein Herz, die Finger zittern und ich schließe doppelt ab. Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Vor allem bei der Delle im Holz kann ich froh sein, dass er nicht mit der Faust auf mein Gesicht gezielt hat.
Ich lecke mir über die trockenen Lippen und hole tief Luft. Joseph flucht noch und ich versuche mein Herz zu beruhigen. Es hüpft ängstlich in seinem Käfig herum, dabei sind wir nicht mehr in Gefahr. Solange ich Männern wie Joseph nicht zeige, wie mich ihre Gestalt einschüchtern kann, bin ich sicher. Sobald sie Angst schnuppern, werden sie noch schneller handgreiflich.
Ich schnappe mir die Tagesdecke vom Boden und lege sie mir um die Schultern. Die drei Kakteen stelle ich auf die Fensterbank zurück und lege die Erdkrümel wieder in ihre Töpfe.
Meine Hüfte tut weh. Keine Ahnung, was der Kerl gemacht hat, aber es war unangenehm. Immerhin hat er ein Kondom benutzt. Alles andere wäre jetzt der Tropfen, der das Fass überlaufen lässt. Die Spuren unserer gemeinsamen Katastrophe werfe ich in den Mülleimer, ehe ich mich ins Bett fallen lasse.
Etwas Gutes hatte diese traurige Begegnung dennoch: Ich habe nicht vor Lust geschrien, also kann ich morgen Abend wenigstens performen. Die Auftritte auf der Bühne sind mir am Wichtigsten. Es gibt nichts, das ich mehr genieße, als die Nächte, in denen ich mein Talent unter Beweis stellen kann. Vielleicht verknallen sich die Typen in mich, weil ich von der Liebe singe? Allerdings wissen sie nicht, wie es in mir drin aussieht. Sie sehen mich und drücken mir ihre Hoffnungen auf, die ich allesamt nicht erfüllen kann.
Sie stellen sich bestimmt keinen Kerl vor, der nachts alleine im Bett liegt und das kalte Laken neben sich streichelt. Für sie bin ich doch eine Fantasie-Gestalt, die immer nur vögelt und hyperaktiv herumhüpft. Niemand kennt mich wirklich.
Mit den Fingern zeichne ich ein Herz auf den weichen Stoff. Es ist komisch, dass ich mich nach Wärme sehne, mich jedoch von ihr erdrückt fühle, sobald sie zum Greifen nah ist.
Genervt kuschele ich mich in die Decken und presse die Augenlider zusammen. Es bringt nichts, sich den Kopf zu zerbrechen. Der Abend ist gelaufen und morgen gibt es wieder andere Männer, die mir nachsabbern. Schließlich bin ich jeden Tag von willigen Kerlen umgeben. Das geht mit meinem Job Hand in Hand.
Das ›MakeMeMoan‹ ist ein Gay-Club, oder eher gesagt eine Bar mit Dancefloors, in der ich arbeite und wohne. Es war nicht mein Traum, in diesem Zimmer unterzukommen, aber manchmal muss man sich an den rettenden Strohhalm klammern, bevor man ertrinkt. Besser, als auf der Straße zu hocken, nachdem ich beim letzten Job rausgeflogen bin.
Es war meine eigene Schuld. Ich habe den sexy Transkerl hinter der Bühne vernascht und na ja, dann habe ich meinen Auftritt verpasst. Ich konnte ja nicht ahnen, dass der Inhaber mich direkt rauswirft. Der hat mir die totale Szene gemacht, obwohl auch er regelmäßig in den Genuss meines Körpers gekommen ist. Dabei hatte er trotz unserer Intimitäten keinen alleinigen Anspruch auf mich. Das hat er nur nicht verstanden. Mistkerl. Außerdem stehe ich nicht auf Typen, die ihre Fäuste sprechen lassen. Wenn Sex sich wie eine Erniedrigung anfühlt, ist es für mich nicht das Richtige.
Meine Augenlider sind schon schwer, aber ich sehe zu meinem Nachtschränkchen hinüber. Die Rosenblätter liegen neben der Vase, als würden sie mich auffordern wollen, den Strauß wegzuwerfen. Es ist nicht so, dass mir ein Liebhaber jemals welche geschenkt hätte. Vielleicht gibt es Blumen ausschließlich für Männer, für die man sich bemüht. Ein Kerl, den man hingegen nur ficken will, bekommt dementsprechend Cocktails oder harte Shots ausgegeben. Der Alkohol fließt, die Hemmschwelle sinkt und somit geht es schnell ins Bett. Willenloser Sex. Rein und raus. Das ist alles, was ich wert bin. Zumindest hat nie jemand etwas anderes behauptet. »Du bist nur so schön, damit es von deinem widerlichen Charakter ablenkt«, sagen die One-Night-Stands, die mich zwar berühren, aber dennoch nur an der Oberfläche kratzen. Liebenswert? Ich wäre es gerne.
Es kommt mir vor, als würde sich mein Leben nie ändern. Ich stecke fest in diesem Loch aus gierigen Händen, die nach mir grabschen und Mündern, die mich küssen wollen. Der Ausweg ist in so weite Ferne gerutscht, dass ich ihn nicht einmal erahnen kann. Um mich herum ist nur Finsternis, die mich eingeschlossen hält. Und trotzdem hoffe ich, den Ausgang mit Hilfe der vielen Männer zu finden, die mir für einen Moment Wärme versprechen.
Ich vergrabe das Gesicht im Kissen und wische mir über die brennenden Augenwinkel.
Blumensträuße sind hingegen ein anderes Kaliber. Es ist ein Zeichen der Anerkennung, nicht wahr? Eine Aufmerksamkeit, ein ›ich bin froh, dass es dich gibt‹. Wie wäre es wohl, wenn mir jemand Rosen schenken würde? Eigentlich bin ich nicht kitschig und auch kein hoffnungsloser Romantiker, aber manchmal …
Ab und an, wenn ich einkaufen gehe, stehen direkt am Eingang schwarze Eimer, gefüllt mit bunten Sträußen. Ich kann mich meistens gezielt an ihnen vorbei quetschen, nur manchmal … manchmal kann ich nicht widerstehen.
Ich streichele mir über die Seite und nehme mich selbst in den Arm. Ist es heute nicht kälter als sonst?
2. Kapitel
Aleksei
Es riecht nach Theaterschminke und billigem Parfüm, das fies in der Nase kribbelt. Irgendjemand dachte anscheinend Marshmallows und Vanille wären zusammen ein himmlisches Aroma. Da hat er sich aber geirrt.
Von den Decken hängen rote und pinke Tücher, die nur von den runden Glühbirnen beleuchtet werden, welche die vielen Spiegel umrahmen. Jeder Tänzer hat seinen eigenen Platz, an dem er sich zurechtmachen kann. Meiner ist der am Ende des Raumes. Hier ist die Musik nur dumpf zu hören und es gibt ein Sofa und mehrere Sessel, auf denen wir nach einem harten Arbeitstag entspannen können. Außerdem will ich nicht direkt neben den Zicken sitzen und mir macht es nichts aus, halb in der Garderobe zu stehen. Draußen, auf den Dancefloors, haben sowieso alle nur Augen für mich. Das erklärt auch den großen Konkurrenzkampf zwischen den anderen und mir.
Klingt es dumm, dass ich erleichtert bin, weil ich nicht gemobbt werde? In meinem Alter sollte ich da eigentlich drüber stehen. Manchmal bin ich eben doch nur ein eingeschüchterter, kleiner Junge, der denkt, nichts wert zu sein.
An meiner Schminktasche lehnt ein Kondom neben einer Karte, die jemand mit einer Büroklammer festgeklemmt hat. Darauf wurde eine Handynummer in wackeligen Buchstaben gekritzelt. Wer weiß, von wem die schon wieder ist. Ich bekomme Dutzende Nummern von Namen, die mir allesamt nichts sagen.
Die Tür wird aufgezogen und das darauffolgende, begeisterte Quietschen lässt mich aufhorchen.
»Guten Abend!«, begrüßen die Tänzer den Mann, der den Raum betritt und uns sein schiefes Grinsen präsentiert. Wie die Schmeißfliegen werfen sie sich auf meinen Kindheitsfreund.
»Siehst du mir nachher zu?«
»Kommst du zum zweiten Dancefloor? Da trete ich heute auf!«
»Natürlich«, verspricht er ihnen, während er nur mich ansieht.
Jesse hat sich die Haare weinrot gefärbt, was seine grünen Augen unreal aussehen lässt. Sie sind zu hell für seine sonnengebräunte Haut. Vielleicht ist es das, was die Tänzer verrückt nach ihm macht?
Er hat ein eckiges Gesicht mit einem runden Kinn, das in der Mitte ein tiefes Grübchen ziert. Die Narbe an der gezupften Augenbraue, verdankt er mir. Damals bin ich von einem Baum heruntergefallen und habe ihm den Fuß direkt auf die Zwölf geschmettert. Es war eine Platzwunde, die geblutet hat, als wäre er kurz vorm Sterben. Ich hatte schreckliche Angst um ihn. Die anderen Narben sind von den Windpocken. Es sind kleine auf der Stirn und eine neben seinen breiten Lippen. Generell hat er unzählige Schrammen, die seinen Körper zieren. So oft, wie Jesse sich geprügelt hat, ist es ein Wunder, dass noch alle Körperteile dran sind.
Jesse vergräbt seine Nase an meinem Nacken und nimmt mich von hinten in den Arm.
»Was ist denn?«, frage ich ihn und tätschele seinen Hinterkopf.
»Ich bin müde.«
Normalerweise ist es den Gästen nicht gestattet, sich in der Umkleide aufzuhalten, allerdings gibt es für Jesse eine Ausnahme. Die anderen Tänzer mögen es, ihn bei sich zu haben. Zumindest verpfeifen sie ihn nicht, wenn er sich hereinschleicht. Die meisten erhoffen sich dadurch, seine Aufmerksamkeit zu erhaschen. Sie kennen keine Scham und laufen absichtlich nackt oder leicht bekleidet vor seiner Nase herum, ehe sie sich ihre Outfits heraussuchen. Das gedimmte blaue Licht formt ihre makellosen Körper nach und lässt die Bodylotion auf ihrer Haut glitzern. Sie sind allesamt attraktive Männer und das wissen sie. Es zeigt sich in ihren Augen und dem selbstverliebten Lächeln, das sie sich im Spiegel zuwerfen, bevor sie zu den Dancefloors hinausgehen.
Einer von ihnen zieht sich die Strümpfe bis zu den Oberschenkeln hoch und betrachtet Jesse dabei, wie er meinen Nacken liebkost. Ich lächele unbeholfen und knöpfe mir das Hemd zu.
Einerseits tut es gut, wie Jesse an allen vorbei geht und nur mich in seinem Fokus hat. Ich bin Aleksei, der Mann, mit dem er alles machen kann. Andererseits ist es unangenehm. Jesse behandelt mich, als würde er Nettigkeits-Lose sammeln, bis er Sex als Hauptgewinn einlösen kann.
»Für wen machst du dich so hübsch?«, fragt er.
»Für die Gäste.« Ich stecke mir das Haar mit Spangen zurück, ehe ich Jesse wegdrücke, der seine Hände in meine Hose schiebt. »Ärger mich jetzt nicht.« Wie soll ich mich so fertig machen?
Die anderen benutzen gerne schrille Schminke, aber ich mag Make-up nicht. Danach sieht meine Haut aus wie ein Streuselkuchen. Etwas Puder genügt oder auch mal Glitzersteine, die ich mir auf die Wangenknochen klebe. Allerdings ist Jesse unzufrieden, dass er nicht meine gesamte Aufmerksamkeit bekommt. Er schnalzt mit der Zunge und streichelt meine Seiten unter dem Hemd.
»Die Arbeit war schrecklich. Gönn mir doch etwas Spaß.«
»Wieder das monatliche Meeting?«
»Es geht um die Gehaltsgespräche. Das ist kein Kaffeekränzchen.«
Den Schminkbeutel schiebe ich in die Ecke und zupfe mir die Haare zurecht. Die schimmernde Bodylotion riecht nach Vanille, ein Geruch, den ich gar nicht ausstehen kann. Aber sie ist hübsch, also muss ich da durch.
»Kommt ihr?«, ruft Timmy, der in seinem knappen Kellner-Outfit seinen halben Hintern präsentiert. »Die Leute wollen bespaßt werden!«
Ich ziehe meine Hose aus und greife mir die schwarze Jeans, was Jesse als Aufforderung sieht, mich hochzuheben und sich mit mir auf einen Sessel fallen zu lassen. Wir sind umrahmt von farbenfrohen Boas, von denen sich einige Federn lösen und um unsere Köpfe herumschwirren. Grinsend zwickt er mir in den Po.
»Sehr witzig, Jesse.« Ich hänge mit einem Bein noch in der Hose und kann nicht aufstehen, ohne peinlich von ihm herunter zu krabbeln. Am Kinn drücke ich ihn weg, als er meine gepunktete Unterhose anstarrt.
Was ist heute mit ihm? Normalerweise hält er sich vor anderen zurück, aber in letzter Zeit wird er immer fordernder.
Es gab mal eine Abmachung, dass wir nur knutschen, wenn wir miteinander schlafen, doch inzwischen haben sich alle Grenzen verschoben. Jesse macht, was er will.
»Ich muss gleich raus. Der Inhaber möchte mit mir reden und ich …« Kaum stelle ich mich wackelig auf ein Bein, packt er mich aus der Luft und platziert mich auf seinem Schoß.
»Was ist mit dem Lapdance, den du mir versprochen hast?« Mehrmals wackelt er mit seiner Augenbraue. »Als verspätetes Geburtstagsgeschenk!«
»In deinen Träumen vielleicht.«
»Alek.« Wie er meinen Namen betont, lässt die anderen Tänzer herübersehen. Es ist diese tiefe Stimme, die jeden Kerl schwach machen würde. Aber ich bin keiner seiner dummen One-Night-Stands. Ich mag es nicht, wenn er mich wie eine seiner Liebschaften behandelt. Wir sind Freunde.
Wir haben Sex und mir ist bewusst, dass das alles kompliziert macht, aber ich kann eben nicht ›nein‹ sagen, auch wenn ich es gerne würde. Jesse ist alles, was ich habe, meine Familie und mein bester Freund. Wenn ich ihn vor den Kopf stoße, könnte ich alles verlieren.
Als mein Vater mich im Kinderheim abgegeben hat, war Jesse derjenige, der mich vor den Älteren beschützt hat. Sie wollten mich verprügeln, weil ich schmächtig und neu war. Seitdem bin ich Jesse nicht mehr von der Seite gewichen. Wir waren Außenseiter, doch wir hatten uns. Und das hat mir immer gereicht. Für ihn würde ich den Mount Everest erklimmen. Wenn er etwas verlangt, mache ich es ohne Rücksicht auf Verluste. Solange er dafür bei mir bleibt.
Die Schultern lasse ich fallen und kuschele mich an seine verschwitzte Brust. Ich höre, wie hektisch sein Herz schlägt, während seine rauen Hände meinen Hals liebkosen.
Die anderen Tänzer verlassen die Umkleide und Jesse knüpft mein Hemd wieder auf.
In seinen Küssen ist eine Wahrheit versteckt, die ich nicht sehen will. Selbst, wenn wir miteinander schlafen, bin ich wie eine Hülle, mit der er spielen kann. Es ist, als könnte niemand etwas in mir berühren, egal, wie sehr ich es mir wünsche.
Mit der Nase streicht er mir über die Kehle, ehe er mir in die Haut beißt.
Meine Finger gleiten in seinen Undercut und ich neige mich vor, sodass er mich küssen kann.
***
Die Arme lege ich fester um Jesses Nacken, als er mich hochhebt und aus der Umkleide trägt. Er präsentiert mich erst dem Barkeeper, der uns skeptisch mustert und danach dem Dancefloor, über den er geht. Ich bin wie eine Trophäe, die er allen zeigen will. Aleksei Worobjow – der Mann, den man mal gehabt haben muss.
Hoffentlich hat der Inhaber nicht schon nach mir gefragt. Wenn er sieht, dass ich nicht auf der Bühne war, sondern mit Jesse in der Umkleide, gibt es Ärger. Warum lasse ich mich nur immer zu Dingen verführen, die mich Kopf und Kragen kosten könnten? Manchmal bin ich wirklich ein Fähnchen im Wind.
An Jesses breiten Schultern kann ich mein Gesicht verstecken. Die Gäste des Clubs starren und ich spüre, wie ihre Blicke auf meinem Körper brennen. Für sie bin ich nur eine Hure. Ich kenne meinen Ruf und meistens ist es mir egal. Die Leute bilden sich ihre Meinung sowieso und ich kann es nicht ändern. Andererseits gibt es auch Tage, an denen ich mir wünsche, sie würden mich als das sehen, was ich in Wahrheit bin. Aber wer gibt sich schon die Mühe?
Die Männer erzählen, ich wäre eine Schlampe? Die gebe ich ihnen. Sie wollen meine Arroganz? Ich hoffe, sie ersticken dran.
Die Musik pulsiert nicht nur in unseren Brustkörben, sondern auch im Club. Den Gästen wird heute mit Elektrosounds eingeheizt. Es gibt viele Männer, die meine Aufmerksamkeit kurzzeitig auf sich ziehen, sie haben geile Körper und attraktive Gesichter, trotzdem sind sie jedes Mal eine Enttäuschung.
Ich weiß nicht, was mit mir falsch ist. Für mich ist Jesse der wichtigste Mensch auf der Welt. Warum fühle ich mich dennoch, als wäre ich alleine?
»Zieh nicht so eine Schnute«, sagt er und streichelt meinen Hinterkopf. »Wolltest du mir nicht noch dein heißes neues Outfit zeigen?«
Neben der Abstellkammer, auf der dick und fett Privat steht, ist eine Tür, hinter der sich eine Wendeltreppe befindet. Jesse trägt mich diese hoch. In der ersten Etage sind nur kleine Lagerräume, die früher einmal zu einem Bürokomplex gehört haben. Es ist ein langer Flur, von dem die zweite der vielen Türen zu meinem Zimmer führt.
»Fall nicht wieder über deine Müllberge«, flüstert Jesse, als er mich absetzt. Ich halte ihn einen Moment länger im Arm, ehe ich die Wärme aufgebe. Ich bin so dankbar, ihn in meinem Leben zu haben. Ohne ihn würde ich durchdrehen. Ich bin wie ein Parasit, der an einem Baum klebt, weil er ohne nicht überleben kann. Lächelnd knuffe ich ihm in den Bauch.
»Ich habe aufgeräumt.« Mit Stolz geschwollener Brust schalte ich das Licht ein und präsentiere ihm mein Wohn-Schlafzimmer.
Dadurch, dass ich einige Regale voller Comics und Fotos habe, sieht es immer chaotisch aus. Allerdings ist der Boden frei von zerknüllten Tüchern und alten Unterhosen. Das ist eine Verbesserung!
»Du räumst doch nie auf. Wie kommt es denn dazu? Staatsbesuch der Königin?«
»Der Kerl gestern war die größte Enttäuschung des Jahres«, erkläre ich und schalte die Lichterketten an, die neben meinem Bett hängen. Was sollte ich ansonsten tun, wenn ich die ganze Nacht wach liege? Die Wollmäuse haben mich so hartnäckig beim Flennen beobachtet, da musste ich sie wegscheuchen. »Der Typ dachte, er könnte mit seinem Knüppel richtig gut umgehen, aber es war total traurig. Ehrlich.« Lächelnd verdrehe ich die Augen, was Jesse zum Schmunzeln bringt.
»Dabei ist es gar nicht so schwer bei dir«, sagt er und reißt mich von hinten an seinen Brustkorb. Verspielt knabbert er mein Ohr an, was mich quietschen lässt.
»Lass das!«, protestiere ich. »Keine Knutschflecken!« Wenn das jemand sieht, fliege ich hier wieder raus.
Seine Hand schiebt er in meine Hose und packt sich meine Backen.
»Du solltest echt mal ein Kondom benutzen«, flüstere ich und schiebe ihn weg.
»Ohne fühlt es sich besser an.«
»Aber ich muss mich jetzt noch waschen, bevor ich auftrete. Das dauert. Außerdem kriege ich davon Bauchweh und das weißt du ganz genau.«
»Die Wichstüten sind hier alle viel zu eng.«
Seufzend verschränke ich die Arme vor der Brust. Wenn ich nicht wüsste, dass nahezu ein LKW in ein Kondom passt, würde ich es ihm ja glauben. Mein Bio-Lehrer hat mal ein Gummi über seinen ganzen Arm gestülpt, um zu zeigen, wie elastisch die sind. Allerdings will ich nicht deswegen streiten. Jesse macht ja sowieso immer, was er will.
Während ich ein fleckenfreies Bühnenoutfit aus dem Schrank heraussuche, zieht Jesse mich aus.
»Alek«, raunt er und küsst die Wirbel in meinem Nacken herunter. Eine Gänsehaut begleitet seine Berührungen, die gleichzeitig heiß und kalt ist.
»Was machst du da?« Ich keuche und drehe den Oberkörper herum. Seine Nase versenkt er plump in meinem Hintern, da spüre ich eine freche Zunge.
»Jesse!« Ich drücke seinen Kopf an der Stirn zurück. »Bist du eigentlich Banane?«
»Wer weiß das schon?« Als wäre ich federleicht, reißt er mich von den Füßen und wirft mich auf das Bett. Meine Hose geht fliegen und befördert auf ihrem Weg eine Star-Wars-Figur von meiner Kommode.
Wenn die kaputt ist, dann breche ich ihm die Arme.
»Darf ich?«, flüstert er und verteilt kleine Küsse auf meinem Bauch. Es sind die hellen Narben, deren Geschichte nur er kennt. Sie sind inzwischen kaum noch sichtbar, aber er liebkost jede einzelne, meine Lenden entlang.
»Ich kaufe einen Club«, flüstert er gegen meine Haut. »Dann hast du deine eigene Bühne, auf der du auftreten kannst. Ich habe das alles gut durchdacht, Alek.« Seine Augen glühen, als er zu mir hochsieht.
Was für ein Bild: Da liegt er zwischen meinen Beinen, eins sogar über seine Schulter gelegt, als wäre das der ideale Moment, so etwas zu besprechen. Was für ein Idiot.
»Hört sich nicht so überzeugend an, wenn mein Schwanz halb in deinem Mund steckt«, flüstere ich und schaue weg. Die Hitze breitet sich in meinem Gesicht aus und frisst sich herunter zu Jesse, der seine Zunge gekonnt einsetzt, um mir Lust zu verschaffen.
»Ich sag nur, was ich mir überlegt habe.« Langsam küsst er seinen Weg wieder hoch. Meine Hände drückt er zur Seite, als dürfte ich ihn nicht berühren. »Ich wäre der Inhaber und ich schenke dir einen Ort, ohne Zwänge. Nur für dich.«
Er sollte mir nicht solche Hoffnungen machen. Am Ende glaube ich ihm noch.
Das rote Haar streiche ich ihm zurück, wofür er mein Handgelenk über meinem Kopf festhält und es liebkost.
»Versprochen.«
Warum sagt er das so, als könnte ich mich darauf verlassen? Ich kann nicht. Er hat nur einen Bürojob und verbringt beinahe jeden Abend bei mir, um zu sehen, dass es mir gut geht. Woher sollte er all das Geld haben? Einen eigenen Club zu haben ist eine Wunschvorstellung. Und so lange er keine Bank überfällt, bleibt es nur ein Traum.
Sachte ziehe ich ihn in meine Arme.
»Dafür darfst du mich noch mal rannehmen«, hauche ich ihm zu und lecke ihm über die Lippen. Jemand, der mir so viel Gutes tun will, verdient auch, wie ein König behandelt zu werden.
Sein Adamsapfel hüpft hoch und runter, ehe er säuselt: »Bist du nicht schon voll?«
»Willst du nicht?«
»Ein süßes Cremebällchen? Als ob ich da ›nein‹ sagen könnte.«
Ein was?
»Ich bin kein Windbeutel.«
»Hm«, brummt er und küsst mich nur inniger. »Für mich schon.«
Er macht so oft diese dermaßen blöden Anspielungen, dass ich nicht anders kann, als zu lachen. »Ich will kein Sperma-Windbeutel sein.«
»Ach nein? Warum das denn nicht?« Das Grinsen in seinem Gesicht wird immer breiter, während er meine Hände festhält, mit denen ich ihn wegdrücke.
»Schmeckt bestimmt fies.«
»Ich knabbere gern an dir.«
»Du bist auch dumm.«
Amüsiert stößt er die Luft aus der Nase und legt die Unterarme auf meiner Brust ab. »Ist das so?«, flüstert er.
»Ja.«
»Na, dann muss es ja stimmen.«
Dieser Idiot. Lächelnd nehme ich ihn in den Arm und kraule ihm den Nacken. Sein angenehmer Geruch kitzelt meine Nase. Es ist etwas Herbes, Männliches, das mir gefällt.
»Manchmal«, flüstere ich und lecke mir über die Lippen, »wenn wir hier so liegen und die Musik von einem blöden Partysong zum nächsten wechselt, dann ist es, als wären wir komplett allein auf der Welt. Also … Nur für einen Moment. So als gäbe es nur uns.«
»Gibt es doch auch.« Jesse rutscht neben mich. Zweimal schlägt er ins Kissen, um es in die richtige Position zu bekommen und macht es sich daraufhin gemütlich.
Die Haare streicht er mir aus dem Gesicht, ehe er sich nach vorne neigt und sich einen Kuss stiehlt.
»Ich habe nur mit dir diese Gefühle«, säuselt er, als wäre ich eine seiner vielen Romanzen, die er andauernd hat. »Ich wünschte, die Zeit würde einfach stoppen, wenn ich bei dir bin.« Seine breiten Lippen umspielt ein Lächeln, das mich ebenso grinsen lässt.
Ich weiß nicht, was Jesse sich genau für einen Partner wünscht, aber ich habe mir meinen schon oft vorgestellt. Es ist die Idee eines naiven Kindes und ich weiß, dass es dumme Ideale sind. Ich hätte dennoch so gerne einen Mann, der mich sieht – nicht das Äußerliche, sondern mein Inneres. Jemanden, mit dem ich lachen und weinen kann. Ich will einen ehrlichen Liebhaber, der mich respektiert und ebenbürtig behandelt. Am besten einen Kerl, der keine Angst vor den Narben auf meinem Herzen hat, sondern jemand, der sie hinnimmt und sich um sie sorgt. Er soll mich verstehen und trotz all dem lieben, was ich bin. Macht das Sinn? Kann man mich überhaupt trotz meiner Fehler lieben? Und wenn man die Liebe seines Lebens trifft … Merkt man das dann? Ist es wie an der Rolltreppe eine gewischt zu kriegen oder ein Kribbeln, das meinen gesamten Körper erfasst? Erkenne ich ihn oder könnte ich den Moment verpassen, in dem …
Ach, was denke ich denn da? Schlussendlich macht sich niemand die Mühe, mich kennenzulernen. Wann denn auch? Beim Sex wird nie gesprochen und danach reden sie sowieso nur von meinem Aussehen.
Ich tippe Jesse auf den Leberfleck, den er am Kinn hat und lasse meinen Daumen darüber fahren. »Du müsstest dich mal wieder rasieren.« Die Stoppeln sind kaum zu sehen, aber ich spüre ganz genau, wie sie kratzen.
»Ja. Später vielleicht.« Die Lichterkette spiegelt sich in seinen hellen Augen wider. Wenn Jesse wüsste, dass ich das lodernde Feuer in ihnen erkenne und dennoch blind spiele, was würde er sagen?
»Ich muss gleich auftreten«, flüstere ich ihm gegen die Finger, die über meinen Mund fahren.
»Ich weiß.«
»Also …« Mehrmals ziehe ich die Augenbraue anzüglich hoch. »Willst du noch mal?«
»Gerade nicht.« Seine Hände umrahmen mein Gesicht, ehe er sich auf mich rollt und meine Lippen mit seinen versiegelt. Jesse versteht nicht, wie sinnlos es ist, bei mir zu sein. Ein leerer Mensch kann einem nichts wiedergeben.
Seine Küsse erzählen von einer Sehnsucht, die sein ganzes Herz in Dunkelheit reißt. Es sind schwarze Fäden, die sich ausbreiten und selbst an mir kleben bleiben. Sie suchen Nähe, Wärme und etwas, das sie für sich haben können. Aber ich bin nicht derjenige, den er sucht. Würde Jesse sich noch weiter vergessen, würden wir alles verlieren.
Ich wünschte, Jesse würde mich nicht wie seine Bettgeschichten behandeln. Als bester Freund bin ich eigentlich etwas Wertvolleres. Ich habe doch einen anderen Platz in seinem Herzen.
Jesse lehnt seine Stirn an meine und schließt die Augen.
»Singst du gleich für mich?«, fragt er und zupft an meinem langen Haar.
»Was denn?«
»Lips of an angel?«
Jesse zieht die Bettdecke höher und reibt mir über den Oberarm. Manchmal würde ich gerne sagen: »Komm, wir brennen durch, wie in einem dummen Teenie-Film und hoffen auf das Beste!« Wir könnten ein anderes Leben führen, unsere Namen ändern und all den Kummer vergessen. Wir hätten die Chance, die Person zu werden, die wir sein wollen.
Aber es geht nicht. Egal, wie oft ich davon träume, die Schatten der Vergangenheit hinter mir zu lassen. Jesse und ich sind Nichtschwimmer in einem tobenden Ozean, die sich verzweifelt aneinander krallen. Merkt er nicht, dass wir ertrinken?
»Ich singe dir ein anderes Lied, versprochen.« Grinsend wuschele ich ihm durchs Haar. »In der Zwischenzeit fallen dir sowieso die heißen Tänzer um den Hals. Meinst du, ich habe nicht gesehen, wie Timmy dich anstarrt? Der hat sich heute in sein kürzestes Outfit geschmissen.«
Jesse stößt die Luft aus der Nase und gackert. »Der hat sich gestern drei Mal vor mir umgezogen, als ich auf dich gewartet habe.«
»Auffällig unauffällig.«
Mein Handywecker will mich aus dem Bett reißen, aber Jesse hält mich fest.
»Bleib doch noch einen Moment.«
»Ich muss arbeiten, du Nase.« Lächelnd streichele ich seine Arme, die mich zu zerdrücken scheinen.
»Hast du schon einmal über eine Beziehung nachgedacht?«, flüstert Jesse und der Kloß in meiner Kehle wird so riesig, dass ich nicht mehr atmen kann.
»W-was?«
»Nur ein Spaß.« Lauthals lachend steht er auf und kneift mir in die Wange. »Du hast echt blöd geglotzt!«
»Ja.« So schnell ich kann, ziehe ich mich an und flüchte aus dem Zimmer. Was war das denn jetzt? Das war richtig unangenehm. Ich kratze mir über die Brust und spüre meinen flatternden Herzschlag unter den Fingerspitzen. Normalerweise reden wir nicht über so etwas. Vor allem nicht in so einer Situation. Beziehungen sind gefährlich. Wie kann er mir nun also eine derart bescheuerte Frage stellen? Außerdem muss ich auf die Dancefloors. Ich kann es mir nicht leisten, mir den Kopf über Blödsinn zu zerbrechen. Jesse weiß doch ganz genau, was so eine Andeutung in mir auslöst.
***
Zusammen mit meiner Kleidung rücke ich die Maske in meinem Gesicht zurecht. Die Dancefloors erwarten mich und die Scheinwerfer schnappen gierig nach mir.
In meinem Kopf kippt ein Schalter um und ich mache mich für die grabschenden Hände und die gefräßigen Blicke bereit. Niemand sagt, dass es leicht ist. Es macht Spaß, das will ich nicht leugnen. Dennoch ist es ein Job, auf den ich mich einstellen muss. Besonders, wenn Jesse mir nachläuft, als würde er auf mich aufpassen, kann ich nicht wirklich abschalten.
Verdammt, was will ich eigentlich? Mir sollte es fantastisch gehen. Ich habe One-Night-Stands, einen Job, bei dem ich singen darf und einen besten Freund. Was könnte ich also mehr wollen? Was fehlt mir nur, dass ich nicht zufrieden bin?
3. Kapitel
Serik
Ich habe Sodom und Gomorra betreten.
Mein Onkel hat uns hergeschickt, um die alte Security zu ersetzen, aber ich bin geschockt vom ersten Eindruck des Ladens. Was sollen wir ausgerechnet in diesem Schwulenclub? Die Luft ist so feuchtwarm, als wären wir in einem Tropenhaus. Das Kondenswasser tropft von der Decke und von den Spiegeln, die überall aufgehängt wurden.
Hier verhalten sich alle wie Prostituierte, die erwartungsvoll einen Freier suchen. Zwar habe ich schon einiges vom ›MakeMeMoan‹ gehört, aber tatsächlich hier zu sein, ist kaum mit den Erzählungen vergleichbar.
Es ist ein Nachtclub, in dem der Boden klebt, als wäre er die letzten Monate nicht gewischt worden. Die Wände sind beschmiert mit Sprüchen und Namen, die teilweise wieder heruntergekratzt wurden. Neben der viel zu lauten Musik, kann ich nur die Gäste grölen hören. Es ist unterste Schublade. Die Lichter blenden, die Musik ist abgehackt elektrisch und außerdem stinkt es.
Die süßlichen Frucht-Parfüms kratzen in meinem Rachen, obendrein bin ich mir sicher, Terpene von Hanfpflanzen im Zigarettenqualm zu riechen. Dass die Kerle heimlich auf den Toiletten rauchen, zeigt nur, dass hier niemand richtig durchgreift. Das Rauchen in Diskotheken ist seit Jahren nur noch in gesonderten Räumen erlaubt. Und davon sehe ich hier keinen.
Der Club ist ganz und gar nicht meins. Wenn mein Onkel mich nicht gebeten hätte, den Auftrag anzunehmen, hätte ich in der Sekunde abgelehnt, als ich den Namen gelesen habe.
›MakeMeMoan‹ es klingt so billig, wie es auf den ersten Blick rüberkommt.
Dass ich meine neuen Stiefel angezogen habe, bereue ich spätestens, als ich in etwas Dickflüssiges trete. Mir rennt eine Gänsehaut die Beine hoch und kribbelt in meinem Rücken weiter. Ekelerregend.
»Herr Yazdani! Ich freue mich, Sie zu sehen! Schön, dass Sie es so kurzfristig einrichten konnten!«
Herr Meyer ist der Inhaber des Clubs. Er ist ein kleiner, rundlicher Mann mit sonnengegerbter Haut, der uns herumführt. Anstatt uns das Ambiente vorzustellen, wenn keine Gäste hier sind, bevorzugt er es, uns ins kalte Wasser zu werfen. Aber damit habe ich kein Problem.
Für diesen Club bin ich der Sicherheitschef. Meine Angestellten laufen uns nach und sehen sich ebenfalls um. Es sind gute Jungs, mit denen ich schon viele Jahre zusammenarbeite. Sie wissen, worauf ich Wert lege und wie wichtig es ist, aufmerksam zu sein.
An den Ecken, die problematisch sind, nicke ich ihnen zu. Jeder nimmt einen Platz ein und überwacht diesen.
Eigentlich ist es nur ein Job und trotzdem bin ich angespannt, wenn ich mich hier umsehe.
Die Tänzer und selbst die Kellner tragen hautenge Kleidung oder Stofffetzen, die ich nicht einmal als solche bezeichnen kann. Die Gäste schieben Trinkgeld in ihre Tangas oder Höschen und gieren das Personal an, als wären wir in einem Strip-Club.
Wie können sie sich das bieten lassen? Und warum wurde ausgerechnet unsere Firma beauftragt hier aufzupassen? Natürlich ist es eine Herausforderung, die ich gerne annehme, aber ich habe eine private Differenz mit solchen Clubs. Meine Sexualität behalte ich strikt für mich, doch die Fassade könnte bröckeln bei der Unmenge an attraktiven Männern. Normalerweise meide ich Schwulenbars komplett. Ich möchte außerdienstlich nicht in diesen Kreisen gesehen werden. Aber nun muss ich jedem Gast meine Aufmerksamkeit schenken und kann mich nicht von dem Gedanken abhalten, dass ich sie um ihre Offenheit beneide.
Verflucht, woran denke ich da nur? Ein Job ist ein Job.
Mir zwinkert ein Kellner zu, der sich seine braunen Locken aus dem Gesicht pustet. Im Vorbeigehen wirft er mir einen Handkuss zu und er beobachtet mich selbst noch, als er hinter der Bar verschwindet, um neues Bier zu holen. Seine Blicke liegen auf mir und er grinst mich wissend an, während mein Mund so trocken wird, als hätte ich seit Stunden nichts mehr getrunken. Er winkt mich zu sich herüber, doch ich drehe mich weg. Ich habe keine Zeit für Spielereien.
Die Lichter flackern im Rhythmus der Musik. Bei jedem neuen Lied werden wir kurz in Dunkelheit und dann wieder in grelles Licht getaucht. Die Gäste tanzen, werfen die Arme in die Luft und verschütten dabei noch mehr Alkohol. Aber das macht ihnen nichts aus. Die klebrige Flüssigkeit lässt ihre Haut schimmern, und die vielen kleinen Tröpfchen auf ihren Schultern sehen aus wie funkelnde Diamanten.
Ein Kerl rempelt mich an und fällt beinahe über meine Füße, ehe er mich anmault und mir seinen Alkohol-Atem entgegen schleudert.
»Die Party ist hiermit für Sie beendet. Mein Kollege begleitet Sie nach draußen.«
Ich winke Mattheo herüber und lasse ihn sich um den Betrunkenen kümmern. Mattheo ist ein hagerer Blondschopf mit einer zwielichtigen Vergangenheit. Über die unübersehbare Narbe auf seiner Wange gibt es viele Gerüchte. In den Raucherpausen witzeln die anderen Sicherheitsmänner oft darüber, woher er sie haben könnte. Mattheo lächelt jedoch nur und hüllt sich in Schweigen. Dieses Verhalten hat uns bereits die beeindruckendsten und ausgefallensten Theorien beschert. Niemand kann auch nur erahnen, was wirklich passiert ist. Mir hat Mattheo sich in einer kalten Dezembernacht anvertraut. Wir standen vor einer Disko und haben die letzten Gäste durchgewunken. Er erzählte von einer unfassbar schönen Frau und wie er ihr geholfen hat, als sie belästigt wurde. Dabei zückte der fremde Mann ein Messer und verletzte ihn. Die Narbe wird Mattheo sein Leben lang begleiten. Allerdings auch die Frau, die er damals beschützt hat. Es ist kaum vorzustellen, aber in ein paar Wochen haben sie ihren ersten Hochzeitstag. Bei manchen klappt es mit der Liebe eben doch.
»Du Wichser, ich fick dein Leben!«, schreit der Gast mich an und Mattheo schiebt ihn in Richtung Ausgang.
Die Kundschaft ist jedenfalls unterirdisch. Sie benehmen sich, als könnten sie machen, was sie wollen, und auch in den wenigen Sitzecken, die es hier gibt, fallen sie auf. Wie sie die Angestellten begrabschen und sich auf den Schoß ziehen wollen, ist etwas, das wir unterbinden müssen. Im Vorfeld gab es schon Gespräche, um was wir uns kümmern sollen. Dennoch ist es etwas anderes, es real zu sehen. Es gibt keinen Eintrittspreis, sodass sich die heruntergekommensten Schlucker hier tummeln. Sie wollen sich günstig amüsieren? Dafür ist das ›MakeMeMoan‹ perfekt.
Da lobe ich mir die exklusiven Läden Hamburgs, in denen ich nur Männer kennenlerne, die in ähnlich gehobenen Kreisen verkehren.
Arme Leute sind hinterlistig. Alles, was sie wollen, ist Geld oder berühmt werden. Sie benutzen einen nur als Sprungbrett. Es ist meine Wahrheit, die ich auf die harte Weise lernen musste.
***
»Sie wurden mir wärmstens empfohlen. Ich hoffe also auf das Beste«, sagt Herr Meyer, nachdem ich allen meinen Jungs einen Bereich zugewiesen habe. »Ihnen muss ich noch einen besonderen Platz ans Herz legen, der Ihre Aufmerksamkeit verlangt.«
Hat er sich das Highlight für den Schluss aufbewahrt?
Wir laufen weiter an den Spiegeln entlang, die anscheinend an jeder Wand hängen.
In dem Gang, in den wir gehen, gibt es nur indirekte rote Beleuchtung. Es sind Fenster anstatt Türen, hinter denen Kerle übereinander herfallen. Manche Scheiben sind mit Zeichnungen verziert, die im UV-Licht schrill leuchten, sodass wir nicht alles unverblümt präsentiert bekommen. Bei anderen kann ich jedoch jedes kleinste Detail sehen. Es ist anstößig. Von mir aus wäre ich nie auf die Idee gekommen, auch nur einen Fuß in diesen Laden zu setzen.
Vor einem blauen Raum stehen zwei Männer, die aufmerksam dabei zusehen, wie drei Kerle miteinander rummachen.
Ich ziehe die Augenbrauen hoch und lege die Hand an die Hüfte. So etwas Geschmackloses habe ich noch nie erlebt.
Seufzend drehe ich mich dem Inhaber zu. »Soll ich mir das wirklich ansehen?«
»Auf den müssen Sie besonders Acht geben.«
»Auf wen?«
»Aleksei. Er ist unser Unterhaltungskünstler.«
Bitte? Das kann er doch kaum ernst meinen. Welchen von denen meint er? Den rothaarigen Muskelprotz, den Blonden, oder den Kleinen mit den Tattoos?
»Viele Leute kommen her, um ihn zu sehen und zu erleben. Er spielt eine Unmenge Geld in die Kasse.«
Ich wende mich fassungslos vom Inhaber ab und mein Nacken beginnt zu kribbeln. Es sind schwarze, lustverschleierte Augen, die mich betrachten, als würden sie verhungern. Zum Beat der Musik räkelt sich der blonde Mann und ich kann mir schon denken, wer der Animateur ist, von dem gesprochen wurde. Der macht sogar aus so etwas Obszönem eine Darbietung, die andere genießen sollen.
Das lange Haar umrahmt sein Gesicht, während er mich betrachtet, als wäre ich sein nächstes Opfer.
Sieht er mich? Oder starrt er blind die Kerle an, die vor dem Fenster lauern?
»Also sind das hier Sexräume?«, frage ich Herrn Meyer, der sich grinsend an der Nase kratzt. Ist das hier für seine private Unterhaltung? Eine Art Swinger-Club?
»Normalerweise nur für unsere Gäste, aber Aleksei macht immer, was er will. So ist er eben.«
Und das lässt man ihm durchgehen?
Mir rinnt der Schweiß über den Nacken. Aleksei perlt dieser hingegen über den Adamsapfel, die Kehle hinunter. An seinem Hals hat er seitlich ein Tattoo. ›Lover‹ steht dort. Wie kommt er nur auf dieses Motiv? Die Muskeln sind sehnig und flach und ich kann mir vorstellen, wie erregend er sich unter einem winden kann. Straffe, im Licht schimmernde Haut und Blicke, die mein Herz hart gegen meinen Brustkorb schlagen lassen.
Das Problem bei diesem Job ist, dass die Männer, die hier herumlaufen, auch auf Männer stehen. Dementsprechend ist mit Sicherheit einer unter ihnen, der mir gefällt. Das ist grundsätzlich nicht schlimm, nur: Ausgerechnet Aleksei ist genau mein Typ. Gerade er bringt das Blut in meinen Adern zum Brodeln und mich zum Verstummen.
Er hat ein atemberaubend schönes Gesicht. Es ist kantig, aber er lässt den breiten Kiefer hinter den fransigen, langen Haaren verschwinden. Es klebt ihm verschwitzt an den ausgeprägten Wangenknochen und an der Schläfe. Es sind volle Lippen, denen stöhnende Laute entweichen, die ich von dieser Seite des Fensters nicht hören kann.
Obwohl er blond ist, hat er dunkle Augenbrauen, die ihm durch ihre Dicke etwas Maskulines geben, das mich anspricht.
Der Blick, den er mir zuwirft, lässt mich einen Schritt näher herantreten.
Er sieht so traurig aus, flüstert meine innere Stimme, als würde das Wasser, das am Fenster herunterrinnt, ihm über die Wangen fließen.
Was ist mit ihm? Und warum interessiert es mich derart? Jemand, der sich so widerlich anbietet, ist unter meiner Würde.
Was mache ich gerade eigentlich? Starre ich ihn etwa an? Die Hände balle ich zu Fäusten und schiebe sie mir in die Hosentaschen. Das gibt es doch nicht. Ich arbeite, zum Donnerwetter noch mal.
»Nun denn. Haben Sie noch andere Räume, die Sie mir zeigen wollen?« Ich muss mich wieder auf das Wichtige konzentrieren. Außerdem habe ich kein Interesse an promiskuitiven Männern. Zwar kann ich einen guten Körper anerkennen, aber ich bevorzuge Jungfrauen. Sie haben eben das gewisse Etwas. Es wäre ideal, wenn sie niemals diese zurückhaltende Unschuld verlieren würden, egal, wie oft ich mit ihnen schlafe. Leider stehle ich ihnen den Moment und danach ist es nicht mehr dasselbe. Es ist nur ein Traum, jemanden zu finden, der einen für immer auf diese Art verzaubert.
Ist es überhaupt möglich, jeden Morgen denselben Mann zu küssen und dabei hingerissen von ihm zu sein? Es scheint mir, als wäre es eine absurde Idee eines Hollywoodproduzenten. In meinem Leben wollte ich bisher nur einen Mann mehrmals küssen. Und er hat mir gezeigt, warum es besser ist, dies nicht zu tun.
Der Inhaber winkt mich hinter sich her und ich folge ihm. Einen letzten Blick werfe ich Aleksei zu, der sich in seinem Rausch vergisst und sich an dem rothaarigen Mann festkrallt.
Wieder auf den Dancefloors lasse ich meinen Blick schweifen. Der Kellner mit den braunen Locken bringt mir eine Cola und quetscht noch eine Zitrone an den Rand, sodass seine Finger flüchtig meine berühren.
»Ich bin Timmy«, sagt er und ich schüttele den Kopf.
»Ich trenne Arbeit und Privates.«
Die Enttäuschung ist ihm ins Gesicht geschrieben. Allerdings hält sie nur so lange an, bis er einen von meinen Jungs erspäht und sich auf die Socken macht, um ihm ein Getränk zu bringen. Anscheinend mag er Männer in Anzügen. Und was soll ich sagen? Elgin ist mit seinem südländischen Teint zwei ausgiebige Blicke wert. Dazu noch der Bodybuilderkörper. Neben dem Job macht er unvorstellbar viel Sport. Boxen und Kickboxen sind seine wahre Leidenschaft. Was meine wahre Leidenschaft ist, behalte ich für mich.
Die Cola halte ich fest. Zwar würde ich mir gerne die unliebsamen Gefühle mit der Frische herunter spülen, aber hier trinke ich sicherlich nichts. Zumal es auch etwas Härteres bräuchte, um den Gang mit den Fenstern zu vergessen.
Was habe ich da nur für einen Moment gedacht? Warum sollte ich mehr über Aleksei wissen wollen? Es gibt hier unzählige Männer, die mit Schönheit gesegnet sind und ich bin überwältigt von so jemandem? Das ist unvorstellbar. Seufzend drücke ich mich durch die Tänzer und verschaffe mir einen Überblick.
Die Musik dröhnt in meinen Ohren und je länger ich an dunkle Augen denke, desto schlimmer werden meine Kopfschmerzen. Es ist nur ein Job. Egal, ob mein Onkel mich hier mit Absicht hingelotst hat, ich werde mich nicht lächerlich machen lassen.
Sie alle leben aus, was ich stillschweigend genieße. Der Trotz schreit, dass ich aufhören sollte, reserviert zu spielen, aber ich kann nicht. Ja, es ist eine Gay-Bar, aber ich bin kein Idiot, der sich den nächstbesten nimmt. Da können sie noch so reizvoll mit ihrem Hintern vor mir wackeln.
Genervt reibe ich mir über die Stirn. Das werden von nun an lange Nächte. So begeistert, wie die Gäste von mir sind und ihre Finger auf meinen Bauch legen wollen, muss ich meine Jungs noch einmal instruieren, wie wir sie höflich und doch bestimmt abweisen.
4. Kapitel
Aleksei
Eric, der Inhaber des Clubs, hat mir auf dem Weg zur Bühne von unseren neuen Securitymännern erzählt. Später werde ich sie wohl kennenlernen. Hoffentlich sind es nicht wieder Idioten. Die Letzten waren eher aufdringlich, als uns zu helfen, wenn wir belästigt wurden. Und was soll ich sagen? Ich werde andauernd begrabscht und nur, weil ich promiskuitiv bin, bedeutet das nicht, dass ich absolut jeden nehme.
Wie in einem Strip-Club gibt es um die erhöhte Plattform herum Stühle und kleine Tische. Manchmal wollen einem Kerle auch Geld in die Hose stecken, obwohl es verboten ist. Aber was soll ich machen? Trinkgeld ist gerne gesehen, auch, wenn das Fummeln nervt.
In einer knallengen, taillierten Röhrenjeans hüpfe ich auf das Parkett. Das weiße Rüschenhemd habe ich in den Bund gesteckt, damit jeder meinen athletischen Oberkörper sehen kann. Ich bin einzigartig. Ich bin exklusiv. Ich bin Aleksei und mich muss man einmal erlebt haben.
Den Schlüssel zu meinem Herzen habe ich weggeworfen. Wohin? Das kann ich nicht verraten. Macht es nicht den Spaß kaputt, wenn man jedes Geheimnis lüftet?
Zwar bin ich schmaler als der Durchschnitt, aber ich habe trotzdem Muskeln und verdammt, ich werde sie einsetzen, wenn mir der Kerl da noch mal an den Arsch geht. Was denkt der sich eigentlich?
Und wo ist die Security, die bei so etwas helfen sollte? Na, für ihren ersten Arbeitstag stellen die sich nicht sonderlich gut an.
»Guten Abend«, brumme ich ins Mikro und werfe mir das Kabel über die Schulter. »Seid ihr gut drauf?« Ein Bein stelle ich auf eine Erhöhung, unter denen weitere Scheinwerfer versteckt sind. Ich lehne mich vor, um dem Kerl in der ersten Reihe eine Idee davon zu geben, wie es wäre, mich zu küssen. Er starrt mir auf die Lippen und ich wende mich grinsend ab. Die Lautsprecher quietschen und selbst der Barkeeper hält sich bei dem Krach ein Ohr zu.
»Ich fragte, ob ihr gut drauf seid?«, rufe ich und knöpfe mir die Hose auf. »Wir sind hier im ›MakeMeMoan‹, lasst mich doch einmal hören, wie ihr das findet!« Sie starren mich an und vergessen zu atmen. Ihre Blicke sind auf meine Hand gerichtet, die ich langsam in meine Hose schiebe. Ich seufze wohlig ins Mikrofon, da grölen sie schon begeistert. Ha, na geht doch. Ich drücke den Rücken durch, atme die stickige Luft tief ein und singe ihnen einen Partysong. Es macht Spaß. Die Männer tanzen zum Beat meines Herzens und der guten Musik. Natürlich habe ich wieder eine ganz besondere Auswahl getroffen. Hauptsache, niemand steht still und es wird getanzt, bis die Füße wehtun!
Ich wirbele herum und benutze die gesamte Fläche der Bühne, um auch dem letzten Gast einzuheizen. Einen Süßen hole ich mir für eine kurze Tanzeinlage hoch, ehe ich mich wieder auf das Lied konzentriere.
Das Publikum tobt und obwohl ich nicht auf dem großen Dancefloor auftrete, sondern in dem Raum, in dem die Bar steht, ist es genug für mich. Ich freue mich, wenn mir zugehört wird. Zwar weiß ich, was ich zu bieten habe, aber es ist schwer, sich einen Namen zu machen. Es gibt zu viele Ausnahmetalente, die trällern können wie ein Goldkehlchen.
Jesse zuliebe singe ich ›I just had sex‹, was die Menge ebenso lauthals mit grölt. Na, immerhin haben wir den gleichen Geschmack oder denselben dummen Humor.
An der Bar sitzt Jesse, der mir mit einem Bier zunickt. »Tortuga«, formen seine Lippen und ich drehe mich an der Stange.
Vielleicht haben wir zu viel ›Fluch der Karibik‹ geschaut, aber nach endlosen Film-Marathons ist ›Tortuga‹ eindeutig unser Lieblingswort für alles. Fürs Zuprosten, wenn etwas gut gelaufen ist, oder einfach nur so, um den anderen zum Grinsen zu bringen.
Wir schauen zu viele Filme.
Nicht nur ›Harry Potter‹ oder ›Der Herr der Ringe‹, sobald es eine Trilogie gibt, sind wir dabei. Es ist uns egal, ob wir eine ganze Nacht wach bleiben und viereckige Augen bekommen. Wir ziehen alles am Stück durch!
Meine Hüfte wippt von links nach rechts, während sich die bunten Lichter auf den Gesichtern der Gäste sammeln. Deren Klatschen und Hüpfen ist meine Genugtuung. Mir ist hier oben heiß geworden, ihnen da unten auch?
Es sind die Augen von Raubtieren, die mich beobachten. Sie alle starren mich an.
Aus dieser Position heraus ist es leicht, sich jemanden für gemeinsame Stunden auszusuchen, allerdings bin ich für heute bedient. Ich hatte wirklich guten Sex und gerade singe ich mir die Seele aus dem Leib. Auch wenn ich dank Jesse eine kratzigere Stimme habe. Es gibt nicht nur trashige Songs, die ich trällere, sondern auch alles, was sich die Kunden wünschen. Solange ich die Leute unterhalte, ist mein Job sicher.
Und obwohl ich hier oben Spaß habe, driften meine Gedanken ab. Das Gespräch mit Jesse vor einigen Stunden lässt mich nicht in Ruhe.
Will er sich ernsthaft eine Bar kaufen? Nicht, dass ich es erwarten würde. Es ist viel zu teuer. Aber warum nimmt er sich das vor? Ist das sein Traum? Macht ihm sein Beruf keinen Spaß mehr? Das kann ich schon nachvollziehen. So einen Job im Büro stelle ich mir langweilig vor. Aber auch ich will nicht für ewig in einem drittklassigen Club arbeiten.
Ehrlich gesagt habe ich darüber nachgedacht, ob ich an einem Talentwettbewerb teilnehme. Der Gewinn würde genug Geld bringen, das ich dem Kinderheim schicken könnte, in dem wir aufgewachsen sind. Die Leitung hat mir erzählt, dass sie Geldprobleme haben und schließen müssen. Aber was wird dann aus den Kleinen? Was passiert mit den Angestellten? Sie haben sich so lange um mich gekümmert und ich würde ihnen gerne etwas zurückgeben.
Ich schaue so oft vorbei, wie ich kann. Durch meinen nächtlichen Job, sind die Tage ziemlich öde. Jesse ist die ganze Zeit beschäftigt und ich vergammele in meinem Zimmer, wenn ich mich nicht zwinge, rauszugehen. Und dann besuche ich eben meine ›Familie‹.
Von dem restlichen Geld würde ich mir eine Wohnung suchen. Meinen eigenen Rückzugsort. So etwas hatte ich noch nie.
Nach meinem letzten Song verneige ich mich und lasse mich von dem Applaus berauschen. Ich hüpfe von der Bühne, anstatt die Treppe zu nehmen, da rückt mir schon jemand auf die Pelle.
»Gute Show.« Neben mir steht ein Traum von einem Mann. In der Hand hält er einen Drink, den er mir fast in den Brustkorb rammt. Ist der für mich? Und was ist das überhaupt für ein Kerl? Habe ich gesagt, dass ich genug Sex für heute hatte? Mamma Mia, das habe ich mir doch flott anders überlegt.
Er sagt mit tiefer Stimme: »Ich sollte mich vorstellen, ich bin …«
»Super heiß.«
Lächelnd springe ich an der Bühne hoch, um mich auf die Kante zu setzen. Von hier oben kann ich ihm doch eine bessere Vorstellung geben. Für meinen fremden Traumprinzen raune ich ›Only You‹ ins Mikrofon und räkele mich lasziv auf dem Parkettboden. Vielleicht ist es nicht so fesselnd, als wäre ich auf einem Klavier, trotzdem weiß ich, wie ich mir seine Aufmerksamkeit sichern kann.
Allerdings zieht der Mann nur eine Augenbraue hoch. Sein Blick liegt zwar auf mir, aber er leckt sich nicht lüstern über den Mund, sondern wartet, bis ich mit meiner Vorführung fertig bin. Langweile ich ihn?
Ich stehe jedenfalls auf seine sehnigen Hände und die Adern, die seine Unterarme zieren. Sein Gesicht ist hingegen übertrieben ernst, was ihn ziemlich sexy macht. Es sind der Dreitagebart und die Narbe am Kiefer, die mich gaffen lassen.
Ich befeuchte mir die Lippen und schlucke schwer.
Über den mandelförmigen Augen sind dunkle Brauen, die er zusammenkneift, als ich weiter zu ihm herüber rutsche. Näher und noch näher.
Die braunen Haare sind an den Seiten kurz und oben länger, sodass er sie sich mit etwas Haargel nach hinten stylen kann. Ob er ein Geheimagent ist? Wo kommt denn der lebende Augenschmaus her? Ah, das kann nicht sein, aber …
»Bist du der neue Securitymann?«, raune ich und lege das Mikro auf den Boden der Bühne. Wenn es stimmt, dann werden wir sicherlich viel Spaß miteinander haben. Schließlich sehen wir uns dann jeden Abend. Das Haar werfe ich mir über die Schultern, als wäre ich in einer Shampoowerbung aus einem Wasserfall herausgesprungen, um ihm meine feuchten Lippen hinzuhalten.
»Serik Yazdani«, stellt er sich vor und platziert den roten Cocktail vor meiner Nase. Irre ich mich, oder hat er einen russischen Akzent? Das ist wohl meine größte Schwäche. Der Geruch von Orangen entzückt mich, ebenso wie der herbe, der Serik umgibt.
»Ich bin Aleksei.« Und mehr als heiß auf dich.
Wo hat sich so ein Schnuckel nur verkrochen? Unverschämt lege ich ihm die Arme um den Hals und flechte die Finger hinter seinem Nacken ineinander.
»Soll ich dir den Club zeigen?«, frage ich ihn, aber Serik wirkt nicht so angetan wie alle anderen Männer, die jetzt sabbern würden, wenn ich ihnen mein bestes Lächeln präsentiere.
»Mir wurde alles gezeigt.«
»Ausführlich? Ich kann mir vorstellen, dass es die eine oder andere Ecke gibt, die …«
»Wie gesagt.« Räuspernd drückt er meine Beine weg, die ich um sein Becken klammern wollte. Als ob so ein muskulöser Kerl mich nicht tragen könnte. Was ist nur mit ihm?
Schmollend schiebe ich die Unterlippe nach vorne. »Sei doch kein Spielverderber.«
Seine Augen sind so unreal. Es sieht aus, als wären die Polarlichter in ihnen gefangen. Sind sie grün? Oder ist das nur das bunte Licht der Scheinwerfer, das mich träumen lässt?
»Du benimmst dich unangemessen«, sagt er mit einem Unterton in der Stimme, der mir gar nicht passt. »Du solltest ein gewisses Schamgefühl entwickeln, ehe du dich einem Mann, noch dazu einem Clubmitarbeiter, an den Hals wirfst.«
Was redet er da? Und warum unterdrückt er überhaupt seinen Akzent? Was für eine Verschwendung! Laut schnalze ich mit der Zunge und hopse ihm auf die Hüfte. Tatsächlich lässt Serik mich hart auf die Bühne herunter plumpsen. Autsch, mein Arsch! Was für ein uncharmanter Penner. Warum hat er mich nicht gefangen? Ich sehe gut aus und niemand sagt ›nein‹ zu mir. Niemand. Außerdem hätte ich beinahe den Cocktail unter meinem Hintern zerdrückt. Diesen schiebe ich weiter hinten auf die Bühne.
»Gib’s zu, du findest mich geil.« Gereizt recke ich Serik den Kiefer entgegen, während in mir der Trotz brodelt und meinen Körper glühen lässt. Wie kann er mich eiskalt fallen lassen?
Egal. Das ist nur ein kleiner Rückschlag. Die Beine spreize ich und mache somit genug Platz für ihn. Serik gibt sich reserviert, aber ich erkenne an seinen leuchtenden Augen, dass er nicht so sein will. Die Hände stütze ich zwischen meinen Oberschenkeln an der Bühne ab und lehne mich zu ihm vor.
»Na, zu schüchtern? Fehlt dir die Sprache?«
»Herr Meyer bat mich, dir eine Erfrischung zu bringen und mich dir vorzustellen. Das habe ich hiermit erledigt.«
Unvorstellbar!
»Hat dir mein Gesang nicht gefallen?«
Serik betrachtet mich lange und ruhig, ehe er überhaupt darüber nachdenkt, zu antworten. Um uns herum sind so viele Kerle und dennoch liegt mein Fokus nur auf ihm. Ihm kleben einige nasse Strähnen an der Schläfe und der Stirn, die er so herrlich runzelt. Seinen Bartschatten kann ich ebenso genau erkennen. Frisch rasiert und trotzdem sind die Stoppeln so dunkel, dass er aussieht wie ein verwegener Biker. Um ehrlich zu sein, habe ich ewig keinen Mann gesehen, der mir direkt zusagt. Außerdem … Was ist das bitte für ein Blick, der mich durchdringt und mich ganz kribbelig macht?
Seine Zungenspitze befeuchtet kurz die Oberlippe und ich erschaudere. Er könnte mir ruhig zeigen, was seine Zunge noch alles kann. Von der Geschicklichkeit von meiner bin ich jedenfalls überzeugt. Das könnte ihm gefallen.
»Die Gäste sind hier, um deinen Auftritt zu sehen. Es wäre gut, sie nicht zu enttäuschen, indem du deine Pause überziehst«, sagt er monoton.
War das gerade ein Korb? Ist der denn verrückt? Als ob es einen Kerl auf der Welt gäbe, der mich nicht will? Es kribbelt mir in den Fingern, ihn anzufassen. Die breiten Schultern, das enganliegende Hemd und die Muskeln, die sich darunter verbergen. Wie würden sie sich anfühlen? Hart? Heiß? Wenn er Haare auf der Brust hat, könnte ich meine Finger zwischen den Knöpfen in sein Hemd fahren lassen und sie berühren? Und wenn die Klamotten erst einmal weg sind, dürfte ich dann meine Zunge benutzen, um seinen Bauch runter zu küssen? Er riecht jetzt schon so unwiderstehlich, wie würde es erst sein, wenn wir Körper an Körper liegen, eng umschlungen, in meinem Bett?
Vielleicht gibt er vor, mich nicht gut zu finden, aber ich kann ihn mit Sicherheit überzeugen.
»Es ist doch so kalt heute, soll ich dir wirklich nicht ein paar warme und gemütliche Ecken zeigen?« Der Winter steht vor der Tür und es schneit seit einigen Tagen. Als ob Serik lieber heimgehen würde, wenn er seine Nacht bei mir verbringen könnte? Schwachsinn!
Den Kopf neige ich, um ihm meine Kehle zu präsentieren, da streicht er sich über die Stirn.
Serik starrt mich an. Allerdings nicht so wie die anderen Kerle. Sein Blick ist undurchdringlich, die Augenbrauen zieht er dabei zusammen. Ohne mir auch nur eine Erklärung zu bieten, legt er die Finger an sein Ohr, sagt etwas zu seinen Kollegen und dreht sich weg. Er präsentiert mir sein Kreuz und ich schmachte ihm nach wie ein abservierter Dummkopf. Wie kann er mich wortlos sitzen lassen?
Einige Gäste haben sich schon umgedreht und beobachten die peinliche Szene. Es kribbelt in meinem Nacken, so unangenehm, dass ich mir die Hand auf die Haut drücke. Meine Gelassenheit verschwindet und macht einem anderen Gefühl Platz, das sich aus den Tiefen meines Herzens an die Oberfläche kämpft. Es reißt die Gedärme zur Seite, zersprengt meine Rippen und lässt mich aufspringen. Ist es Sehnsucht oder doch die Angst, nicht gut genug zu sein? Ich wage es gar nicht, zu benennen.
Meine Beine sind weich wie Gummi und trotzdem laufe ich ihm hinterher.
»Warte! Ich mag dich!« Mit wild pochendem Herzen drängele ich mich durch die Menge. Warum rennt er jetzt weg?
»Du bist genau mein Typ!«, erkläre ich ihm und greife nach seiner Hand, die er auf der Stelle zurückzieht. Allein wie weich sie sich anfühlt, gefällt mir. Benutzt er Feuchtigkeitscreme? Geht er zur Maniküre? Das ist voll mein Ding. Was er wohl mit mir anstellen könnte, wenn er seine Finger in mich schiebt? Zu gerne würde ich sie in den Mund nehmen und daran saugen.
Es gibt selten Männer, die derart sinnliche und gepflegte Hände haben. Sicher, dass er zur Security gehört? Er sieht nicht aus, als hätte er schon mal jemandem das Gesicht eingeschlagen. Allerdings kann ich nicht sagen, ob das eine Voraussetzung für den Job ist.
Mein Herz hüpft schneller, denn er sieht mich mit strengem Blick an. Ist er neugierig auf mich? Will er mehr von mir sehen? Verdammt, der Kerl ist zum Anbeißen. Er hat die perfekte Größe und einen muskulösen Körperbau, als würde er für diesen Job täglich trainieren. Ist er nebenbei Model? So ein sportlicher Typ muss doch fotografiert und ausgestellt werden!
Ach, jetzt habe ich nur gestarrt. Was wollte ich noch mal? Ich klammere mich an ihm fest, als ich mich auf die Zehenspitzen stelle und ihm zuflüstere: »Einmal genügt mir. Nur ein Fick und ich werde dich besser befriedigen, als jeder andere Kerl, der dir jemals begegnet ist.« Schließlich leckt sich jeder nach mir die …
»Hey! Was soll das?«
»Nicht anfassen«, sagt er mit einem Ton, als wäre ich ein quengelndes Kleinkind, das er beruhigen müsste. Sachte schiebt er mich an der Brust von sich weg. »Tut mir leid, ich habe keine Zeit für deine Spielchen, ich werde am Eingang gebraucht.«
Warum? Wie kann er sich erneut wegdrehen und mich vor allen lächerlich machen?
Es gab nie jemanden, der nach einer gemeinsamen Nacht nicht mehr wollte! Niemanden. Das Prickeln, die Erotik – reizt ihn das nicht? Ich schnappe angespannt nach Luft und versuche, die Stimme zu verdrängen, die flüstert: »Vielleicht bist du nicht gut genug?«
Lächelnd tänzele ich zur Musik um ihn herum und versperre ihm den Weg zur Bar. Ich mache eine Drehung und packe mir seinen Arm. Träumerisch schließe ich die Augen, als ich seinen Bizeps abtaste. Er hat den Körper eines Gottes und einen aromatischen Moschusduft, der von Sekunde zu Sekunde intensiver wird. Mir wird so heiß, dass ich kaum klar denken kann. Spürt er das Knistern denn nicht?
Seine Hand legt er auf meine und löst den Griff. Erneut schiebt er mich von sich weg und sagt: »Ich bin gerade im Dienst. Wenn du dich unterhalten willst, kannst du später auf mich zukommen.«
Die Partysongs, die mir normalerweise das Trommelfell zerreißen, sind kaum zu hören. Da ist nur Seriks brummende Stimme, die meine Beine weich werden lässt.
»Also findest du mich gut?«, frage ich und trete näher an ihn heran. Ich will ihn berühren, schmecken, fühlen. Ich will alles und ich weiß nicht einmal warum. Da ist nur dieses Bedürfnis, ihn zu verschlingen, mit Haut und Haaren, komplett. Wie kann man nur so geil aussehen?
»Sorry«, sagt er und neigt den Kopf zur Seite, als würde er gerade nicht mit mir reden. »Ihr habt die Situation unter Kontrolle? Gut. Verstanden.« Unterhält er sich jetzt mit den anderen Sicherheitsmännern? Vor mir? Ich will mich schon wieder in sein Blickfeld drängen, da straft er mich mit einem Seufzen.
»Tut mir leid, ich habe kein Interesse.«
Mir rinnt ein eiskalter Schauer über den Rücken, der auf seinem Weg jedes Haar kribbeln lässt.
Serik drückt mich an der Schulter aus dem Weg, wodurch ich tollpatschig gegen den Tresen der Bar knalle. Autsch, das hat wehgetan.
Mit offenem Mund starre ich ihm nach, ehe ich mir die Hand auf das schnell pochende Herz lege. Was für ein Kerl! Der hat ja richtig Eier mich abzuweisen!
So etwas ist mir noch nie passiert. Meine Gefühle drehen durch und ich sitze in der ersten Reihe einer Achterbahn. Serik hat irgendetwas, das mich gleichzeitig begeistert, wie es mich auch wild macht. Ich will ihn. Verdammt, ich will ihn.
Laut lachend drücke ich mich durch die Menge und sehe Serik dabei zu, wie er sich an den Eingang stellt und alles überwacht. Nicht ein einziges Mal schaut er zu mir herüber.
Was für ein Arschloch. Was für ein attraktives Arschloch. Wenn er davon ausgeht, mich los zu sein, dann hat er sich geirrt. Das ist nur eine Herausforderung, die ich annehmen werde.
Mein Herz bricht einen Geschwindigkeitsrekord, während ich mich auf einen Barhocker setze und Serik beobachte. Ob er wirklich nicht auf mich steht? Unvorstellbar! Ich habe das Aussehen eines Models! Klar würde es nicht für etwas Ernstes reichen, aber das will ich auch gar nicht. Für mich zählt nur grandioser Sex und wie wäre dieser mit ihm? Serik sieht aus, als könnte er mich zum Japsen und meinen Körper zum Beben bringen. Warum gönnt er mir den Spaß nicht?
Ich bekomme einen Cocktail hingestellt, den ich direkt bis zur Hälfte leer trinke. Die fruchtige Süße kommt genau passend.
Wenn ich recht überlege, war es nicht die beste Art, mich unüberlegt an Serik heranzumachen. Vielleicht wäre eine weniger provokante Taktik besser gewesen. Nur woher hätte ich das wissen sollen? Normalerweise springen alle darauf an.
»Was war das denn für einer?« Jesse drängt den Kerl neben mir weg, der mir über den Rücken gestreichelt hat.
»Keine Ahnung.«
»Nicht der. Der da drüben. Der Mafiosi.«
»Ah. Serik«, sage ich und schlürfe am Strohhalm. »Der arbeitet ab heute hier. Neue Security.«
Jesses Mund wird eine gerade Linie. Voller Abscheu verzieht er das Gesicht und betrachtet den Mann, der uns keines Blickes würdigt. »Der sieht aus wie ein aufgeblasener Mistkerl.«
»Ist er auch.«
Mein Magen gluckert. Zum Glück habe ich heute nicht viel zu tun. Es ist nicht sonderlich voll und die meisten sind auf dem Dancefloor. Eigentlich liebe ich das Singen, aber manchmal gibt es Tage, an denen nur wenige vor der Bühne stehen. Dann kommt es mir so vor, als wollten sie nur gaffen und gar nicht hören wie ich klinge. Mir ist bewusst, dass ich mich verhalte wie ein Stripper, aber das ist zum Teil mein Job. Die anderen Tänzer sind doch auch halb nackt. Dadurch will ich aber nicht ausschließlich auf meinen Körper reduziert werden. Zumindest ist das ein geheimer Wunsch. Bei Serik wäre mir jedoch jedes Mittel recht gewesen, damit er länger bei mir bleibt. So ein seltsames Kribbeln hatte ich noch nie im Bauch. Wie er mich angesehen hat, war so außergewöhnlich, als wäre es in Zeitlupe geschehen.
Ich kaue auf dem Strohhalm herum und lasse die Schultern fallen.
Aber was, wenn es wirklich nichts neben meinem Aussehen gibt? Haben die Kerle am Ende sogar recht, die mich benutzen und wegwerfen? Es ist ja nicht so, dass ich mich nie nach einer Beziehung gesehnt habe. Es ist nur so verdammt kompliziert.
Die Hand, die Jesse auf meinen Nacken legt, ist angenehm schwer. Er lässt sie über meine verschwitzte Haut gleiten, ehe er mir den Hinterkopf krault.
»Soll ich dich hochbringen?«
Auf mein Zimmer? Aber es ist ja nicht einmal ein Uhr morgens. Ich muss noch bis drei durchhalten.
»Musst du nicht nach Hause? Es ist schon spät.«
»Ich starte einfach von hier aus zum Job.« Lächelnd nimmt er meine Hand und zieht mich an Serik und allen anderen vorbei zur Wendeltreppe. »Wenn ich in der Nähe wohnen würde, wäre es leichter.«
Das stimmt. Andererseits wäre es Schwachsinn. Sein Job ist im Luxusviertel und damit ziemlich weit weg von hier. Der Arbeitsweg wäre noch länger und außerdem ist das ›MakeMeMoan‹ nicht gerade the place to be. Ehrlich gesagt kommt hier das ganze Gesocks hin, das nirgendwo sonst untertauchen kann. Wer hier ohne einen One-Night-Stand geht, ist selbst schuld. Alle wissen es, auch wenn man so tut, als wäre es nicht so.
»Bringst du mich ins Bett?«, fragt Jesse mit einem sanften Zug um die Lippen. »Das konntest du schon immer gut.«
Das weiß er noch? Hach, wie peinlich. »Du kannst nicht andauernd hier pennen. Das kann echt Ärger geben.« Ich mag den Inhaber, aber wenn er von meinem Theater genug hat, dann fliege ich schneller raus, als ich bis drei zählen kann.
5. Kapitel
Aleksei
»Meinst du, Leute würden kommen, um mich singen zu hören?«, wispere ich gegen Jesses Haare, der mit dem Kopf auf meiner Brust liegt. »So viele, dass ich einen Saal füllen könnte?« Mit dem Zeigefinger fährt er die Höfe meiner Brustwarzen nach, während er sich mein Geschwafel anhört. Es ist bereits vier Uhr morgens, aber ich kann nicht einschlafen. Nachts sind meine Wünsche am lautesten.
»Das schaffst du bald«, flüstert er schleppend. Wahrscheinlich hat er die Augen schon längst geschlossen und meine blöden Fragen reißen ihn immer wieder aus dem Halbschlaf heraus.
Warum kommt er überhaupt her? Ist er so gerne bei mir, wenn er doch in seiner Wohnung sein könnte? Dort hat er ein großes Bett, niemanden, der ihn nervt und eine Aussicht über die Dächer von Hamburg. Vielleicht ist Jesse nicht reich, aber er hat sich ausreichend Geld erarbeitet. Ihm fehlt es an nichts.
Die Hilfe, die er mir anbietet, kann ich nicht annehmen. Was würde das aus mir machen? Früher oder später würde er mich leid werden und dann sitze ich auf der Straße. Solange wir unsere Freundschaft haben, genieße ich sie in vollen Zügen. Es ist letztendlich nur eine Frage der Zeit, bis ich weggeworfen werde. So war es bei meiner Familie schließlich auch.
Mein Vater sagte: »Es wird sich nichts durch die Hochzeit verändern.« Aber ich hätte ahnen müssen, dass eine neue Frau auch neue Probleme mit sich bringen würde. Im Endeffekt war alles anders.
Die gesamte Aufmerksamkeit lag auf meinen gerade erst geborenen Stiefschwestern. Marie und Alina. Die beiden waren winzige Püppchen in Rüschenhemden und pinken Bettdecken. Damals war ich jedoch zu dumm, um zu verstehen, was die Blicke meiner neuen Mutter bedeutet haben. Den Hass und die Abneigung, die sie bei meinem Anblick empfunden haben muss, konnte ich erst Jahre später nachvollziehen. Für sie war ich ein Eindringling. Ich war das Puzzlestück, das nicht in ihre ›straßenköterbraune‹ Welt gepasst hat. Also musste ich weg.
Die ersten deutschen Wörter, die ich gelernt habe, waren Höflichkeitsfloskeln und Schimpfwörter. Zuerst hielt ich ›Nichtsnutz‹ sogar für einen süßen Kosenamen für mich. Ich war so ein Dummkopf.
Es war ein gut überlegtes Gerüst aus Lügen, das meine Stiefmutter aufgebaut hat, um mich endlich loszuwerden. Sie hat sich selbst geschnitten, um meinem Vater erklären zu können, dass ich sie mit der Schere angegriffen hätte.
»Er ist eifersüchtig! Er wird uns niemals akzeptieren!«, hat sie geschrien.
Zuerst hat er mich verteidigt, aber mit der Zeit wurde ihr Einfluss auf ihn größer und der Widerstand, mich wegzugeben, verschwand.
»Du machst alles kaputt! Dein Verhalten ist untragbar«, hat er gebrüllt und mir Disziplin eingeprügelt. Irgendwann hat er mir nicht mehr geglaubt. Meine Stiefmutter hat andauernd geweint und ich war an allem schuld. Es wurde sogar so schlimm, dass meine Versöhnungsversuche nur ihren Hass gesteigert haben. Die Blumen, die ich pflückte, könnten bei den Babys Allergien auslösen oder gefährliche Bienen anlocken. Die gemalten Bilder wurden weggeworfen und schließlich hat sie mich beschuldigt, ihr Reißzwecke in die Schuhe gelegt zu haben.
Sie hat andauernd gelogen. Vor meinem Vater war sie so liebevoll zu mir, aber wenn er auf Arbeit war, begannen die schlimmsten Stunden des Tages. Ich war so unsagbar einsam. Ich mag mich gar nicht daran erinnern, wie oft ich im Garten saß und mit den Marienkäfern und Raupen geredet habe, als wären sie meine einzigen Freunde.
Meine Stiefmutter drohte letztendlich mit der Trennung, wenn ich mich nicht endlich benehmen würde. Die Tage wurden länger, die Schläge härter und die Nächte kälter. Ich weiß bis heute nicht, was ich ihr getan habe. Ich war sogar glücklich, eine neue Mutter zu haben. Ich wollte wieder in den Arm genommen werden, zusammen singen und abends Geschichten vorgelesen bekommen. Aber es war anders. Alles war so anders.
Für meine Stiefmutter war ich überflüssig, eine Made, die missfiel und vernichtet werden musste. Mit ihrem Eintreten in mein Leben, hat sie mir gezeigt, dass ich nur Ballast bin.
Anfangs haben sie sogar gesagt, ich würde nur für ein paar Monate im Kinderheim bleiben. Auch gelogen.
Sobald ich nicht mehr vonnöten, nicht mehr hilfreich bin, werde ich weggegeben. Vielleicht ist es bei Jesse auch so? Wenn der Sex öde und unsere Gespräche langweilig werden, was geschieht dann? Er sagt zwar, es würde niemals passieren, aber was, wenn doch?
Ich will nicht allein sein.
Um ehrlich zu sein, habe ich Angst davor, mich zu verlieben. Das sind Gefühle, die ich nicht haben kann. Sie machen einen dumm und am Ende … Jeder weiß doch, wie es ausgeht. Es gibt nur Kummer und Schmerz.
Die Arme lege ich enger um Jesse und drücke ihn an mich. Ich will ihn nicht verlieren. Er ist alles, was ich auf dieser Welt habe. Er ist meine Familie und mein bester Freund. Ich hoffe, es wird immer so bleiben.
Ich will nicht länger allein im Bett liegen und mir die Augen rot heulen, weil dort niemand ist, der sieht, wie es mir wirklich geht. Es sind zu viele Nächte, die ich so verbringe, während ich den Sternenhimmel anstarre, als könnte er mir die Leere nehmen.
Jesse ist jemand, der meine Träume nicht als lächerlich abstempelt. Selbst, wenn sie es sind. Ich werde eben nicht auf die Bühne gestellt, weil ich der größte Sänger bin. Mögliche Arbeitgeber sehen mein Gesicht und geben mir den Job, ohne einen Ton gehört zu haben. Es war bisher immer so. Manche versprechen sich Sex, wiederum andere wollen nur, dass ich halbnackt tanze.
Vor Jesse zeige ich es nicht, wie mich die Gedanken quälen, was einmal aus mir wird. Mein Aussehen ist vergänglich und was geschieht dann?
Bei der Ausbildung zum Erzieher bin ich rausgeflogen, weil ich mich nicht antatschen lassen wollte. Niemand aus dem Vorstand hat mich ernst genommen. Es waren Frauen mit seidenen Halstüchern und bunten Ohrsteckern, die mich belächelt haben, als ich ihnen von den Problemen berichtet habe.
Die Hand von meinem Ausbilder lag meistens nicht nur auf meinem Oberschenkel, sondern auch an meinem Intimbereich. Es war nach einer Teambesprechung, dass ich es nicht mehr ertragen habe. Er hat die Tür geschlossen und mich an sich herangezogen. »Ich kann nicht anders. Du musst doch wissen, wie du auf Männer wirkst«, hat er mir ins Ohr geflüstert und seinen Schritt an mir gerieben.
Zur Polizei konnte ich nicht gehen. Ich stand zwar schon vor dem Revier, aber vor diesem unterhielten sich gerade zwei Polizisten. Einer von ihnen hat mich angelächelt und sogar gefragt, ob ich Hilfe benötige. Aber meine Beine haben geschlottert und ich bin weggelaufen. Was, wenn sie mich ebenso auslachen? Meine Kumpels in der Berufsschule haben die Augen verdreht und gesagt, dass man einen Mann nicht belästigen könnte. Für sie war ich jemand, der Aufmerksamkeit braucht und alles dafür macht, um diese zu bekommen. Ich konnte ihnen nicht trauen. Also habe ich alles hingeworfen und bin bei Jesse untergekommen, wofür er Ärger gekriegt hat. Die Mieter in seinem Haus haben uns angeschwärzt und ich musste raus. Es war wohl unpassend, dort zu wohnen, ohne an der Adresse gemeldet zu sein.
Ich mache ihm immer nur Unannehmlichkeiten.
Danach habe ich mich zwar um weitere Ausbildungsplätze bemüht, doch sobald ich ein Bewerbungsgespräch hatte, bin ich in Schweiß und Tränen ausgebrochen. Allein der Gedanke, mit Fremden in einem geschlossenen Raum zu sein, war unerträglich.
Jesses Handy brummt und erhellt mein Zimmer. Es sind Namen von Bettgeschichten, die ich allesamt nicht kenne. Sie haben ihm über die letzten Stunden einige Nachrichten geschrieben. Manchmal schicken sie ihm Nacktbilder, die er mir dann stolz präsentiert. Das Vibrieren nervt, also stelle ich es auf stumm.
Die Liebhaber reißen sich um ihn und trotzdem könnten sie ihm auch mal eine Verschnaufpause gönnen.
Mist, jetzt liege ich wieder wach und denke über mein ganzes Leben nach. Wie ich das hasse. Normalerweise treffen die Erinnerungen mich nicht so und ich kämpfe eben um meine Ziele, aber ab und zu … Ich weiß auch nicht. Vielleicht macht die Nacht mich sentimental? Wenn ich mir vorstelle, dass Jesse irgendwann weg ist, mit einem süßen Kerl, mit dem er sich ein Haus kauft. Was wird dann aus mir? Ich bin hin und her gerissen, ob er sein Versprechen hält und bei mir bleibt, oder ob er eines Tages doch verschwindet.
Als ich meinen ersten Freund hatte, gab es viele Gerüchte über ihn. Zuerst konnte ich es gar nicht glauben. Zu mir war er immer zuckersüß und hat mir sogar Schokoladenriegel in der Pause gegeben. Schlussendlich wollte er nur Sex von mir und ich eben nicht. Also wurde ich weggeschmissen.
Es ist, als würde ich es ausstrahlen, dass ich nur so lange brauchbar bin, bis ich auf den letzten Tropfen Blut ausgesaugt wurde.
›People pleaser‹ war der Begriff, den ich gelesen habe, als ich auf unzähligen Internetseiten suchte, was eigentlich mein Problem sein soll.
Menschen wie ich brauchen das Gefühl, gebraucht zu werden, sogar so sehr, dass sie sich hintenanstellen und ›ja‹ sagen, wenn sie ›nein‹ denken. Aber ich will auch nützlich sein. Ich will Jesse bei mir behalten. Ist das denn verwerflich? Was ist falsch daran? Dummes Internet. Das hat doch keine Ahnung von meinem Leben!
Genervt schnappe ich mir Jesses Handy, das erneut blinkt. Wer zur Hölle ist Smoochie Poo? Wie kann er denn so jemanden einspeichern?
0210 und das Smartphone ist entsperrt. Es ist das Datum unseres ersten Star-Wars-Kinobesuchs. Als ob ich mir den Code nicht merken könnte. Denkt er wirklich, er wäre nicht zu knacken?
Smoochie Poo hat einen geilen Body und einen kleinen Leberfleck an seinem Bauchnabel. Warum schickt der um die Uhrzeit ein Nacktfoto? Ist der etwa so verzweifelt?
In den ganzen anderen Chats gibt es eine Unmenge an Nacktbildern von attraktiven Kerlen. Verdammt, mit solchen Granaten hängt er rum?
Neben Cupcake und Sweetkins gibt es auch Honey Pie. Was sind das nur für Kosenamen? Ist Jesse so ein Player, dass die Typen alle keine ordentlichen Namen haben? Wobei … Warum rege ich mich auf? Ich kann mir ebenfalls kaum einen Typ merken, den ich im Bett hatte.
Mein Herz hüpft vor Freude, als ich unsere Nachrichten entdecke. Er hat mich als Alek eingespeichert. Na geht doch.
»Was machst du?« Jesse grummelt schlaftrunken und küsst meine Schulter. »Kannst du nicht pennen?«
»Geht so.« Sein Handy lege ich schnell weg, ehe er mein Rumschnüffeln bemerkt. Die feine Art ist das ja nicht.
»Komm her. Na komm, Alek.« Die Arme hält er auf, damit ich mich an ihn kuscheln kann. Eine Hand drückt er unter meiner Taille durch, während er mich mit der anderen zu sich zieht. »Sch. Schlaf jetzt etwas.«
Seine Stimme ist angenehm tief. Ich mag seinen Leder-Zitrus-Geruch und wie ruhig sein Herzschlag sich anhört. Regelmäßig pulsiert es und scheint mein Herz anzustecken.
Langsam fahren seine Finger die Linien an meinem Hals nach. »Lover«, wispert er.
Vor ein paar Jahren habe ich mein Erspartes zusammengekratzt, um mir ein Tattoo zu leisten. Vielleicht haben manch andere Tattoos die größte Bedeutung und die umwerfendste Geschichte, aber ich wollte es schlicht. Alles, was ich immer wollte, war …
Manchmal ertrage ich es nicht, bei Jesse zu sein. So bei ihm zu liegen, zeigt mir nur, wie ein Leben wäre, das ich mit einem Liebhaber führen könnte.
Liebhaber? Von wegen. Wer kann mich schon lieben?
Wenn ich auf der Bühne stehe und den Gästen mein Theater vorführe, sehe ich oft Verliebte im Publikum. Sie sind nicht wie alle anderen, die sich darum reißen, meine Aufmerksamkeit zu erhaschen. Die Paare haben nur Augen für sich. Es ist etwas, von dem ich mich nicht abwenden kann. Ich bin gefesselt von diesen Blicken, die sie sich zuwerfen.
Ich kann nur erahnen, was sie fühlen und beneide sie darum. Ist das nicht skurril? Vor mir drängeln sich meistens dreißig Kerle und ich schmachte dem Pärchen hinterher. Ich wünschte, ich wäre mutig genug, jemanden in mein Herz zu lassen.
Aber was mache ich mir vor? Mein Charakter ist schlecht, ich rede vulgär und meinen Humor habe ich von Jesse geklaut.
6. Kapitel
Serik
»Wo gehst du hin?«, fragt Alie. »Willst du nicht im Bett bleiben?« Bei den vielen Partys, die wir im VIP-Bereich verbracht haben, hat er schon lange um meine Gunst gebuhlt. Ich nahm an, es wäre eine gute Idee, ihn einzuladen. Etwas Ablenkung war nach diesem Abend dringend nötig.
Seine Augen sind große, dunkle Knöpfe, die mich mustern. Er räuspert sich und wirft mir von unten flüchtige Blicke zu, während er den Arm um seine Körpermitte legt.
Vielleicht gefällt es ihm nicht, dass ich nach unserer gemeinsamen Nacht durch mein Apartment laufe. Aber was soll ich tun, wenn ich nicht schlafen kann?
Der Mann, den ich abgeschleppt habe, ist genau derselbe Typ wie Aleksei. Goldenes Haar und eine ebenmäßige, makellose Haut. Ich habe selten einen Mann wie Aleksei gesehen. Er hat einen strengen, aber gleichzeitig auch unsagbar sinnlichen Mund. Sein reizvolles Grinsen verfolgt mich, ebenso wie ich noch die Wärme spüre, als er mich im Club berührt hat. Die Gänsehaut, die ich hatte, hat bis in meine Lenden geprickelt. Seine Augen sind schwarze Sandstürme, die meine Aufmerksamkeit an sich reißen, während ich ihm auf die leicht geöffneten Lippen starre. Sein markantes Gesicht ist umrahmt von langem goldenen Haar und ich kann nicht aufhören, an ihn zu denken.
Alie geht ins Schlafzimmer zurück und hustet absichtlich laut.
Sie sehen sich ähnlich. Allerdings ist jemand, der nur aussieht wie Aleksei, nicht dasselbe.
Warum habe ich das getan? Ich habe kein Interesse an leichten Männern. Das ist ein Fakt. Aber ich mag hübsche Dinge, mochte sie immer.
Vielleicht wurde ich auch so erzogen. Meine Eltern sind reich und mir hat es nie an etwas gefehlt. Ich habe ein gewaltiges Luxusapartment über den Dächern Hamburgs und so viel Geld, dass ich nicht einmal mehr weiß, wofür ich es ausgeben soll.
»Serik?« Alie kommt mit der Decke um seine Brust auf mich zu. Ansonsten hat er nur die knappe Pants an, die seinen Hintern so gut betont. »Kommst du wieder ins Bett?«
Seine Blicke huschen an mir vorbei zu meinen Bücherregalen, in denen ich alle Klassiker der modernen Literatur habe. Meine Privatlehrer haben auf diese Art der Bildung sehr viel Wert gelegt. Aber auch Größen wie Stephen King, Dan Brown und John Grisham verschlinge ich regelrecht. Mit offenem Mund starrt Alie auf die Vitrine, in der meine Auszeichnungen und Medaillen verstaut sind.
»Sind das alles deine?«
Ja, aber darüber müssen wir nicht reden. Von hinten streichele ich ihm über die schmalen Schultern. Sie sind ganz kalt.
»Wir sollten ins Schlafzimmer zurück.« Bevor ich ihn rauswerfe. Eigentlich liebe ich Jungfrauen ja, aber Alie war eine Enttäuschung. Ein Ersatz kann eben die Gier nach dem Original nicht befriedigen.
Vielleicht sollte ich wirklich die flüchtigen One-Night-Stands aufgeben und mir jemanden für eine Beziehung suchen. Meine Familie nervt ohnehin seit einiger Zeit damit, dass ich mir endlich einen Partner an die Seite holen soll, den ich mit auf Events nehmen kann.
Die neuste Gala mit meinem Lebensgefährten und mir – da würden nicht nur meine Eltern ausflippen. Die Zeitungen wären mit Sicherheit voll mit Klatsch und Tratsch. Bei der Erinnerung an meinen Namen in der Schlagzeile, grummelt mein Magen schmerzhaft. Bindungen sind heikel. Intime Dinge können an die Öffentlichkeit gelangen und vieles ruinieren.
Eine Beziehung wäre ein Wagnis. Dazu noch, wenn mein Partner keine Frau ist. Meine Eltern haben zwar aufgegeben, sich eine Schwiegertochter zu wünschen, trotzdem fällt es mir schwer, ihnen einen Mann zu präsentieren. Es würde alte Wunden aufreißen und ich bin mir unsicher, ob ich den Skandal noch einmal ertragen könnte.
Sie wollen nur, dass ich glücklich bin, aber das ist leichter gesagt als getan.
Wie dem auch sei, es ist ein verschwendeter Gedanke.
Die Kerzen puste ich aus und folge Alie ins Schlafzimmer, um ihm beim Anziehen zu helfen. Den Rest der Nacht möchte ich für mich allein haben. Während Alie sich leise fluchend in meinen Fahrstuhl begibt und fährt, laufe ich zum Fenster hinüber. Die Lichter der Nacht erhellen die Straßen und ich kann in ihnen nur die Scheinwerfer des ›MakeMeMoan‹ sehen.
War es ein Fehler, wieder nach Deutschland zu kommen und hier zu arbeiten? Mein Onkel hatte mich gebeten, ihm auszuhelfen, aber was ist der Preis dafür? Ich verbringe mein Leben im Schatten und er drängt mich ins Licht, in dem sich auch andere Gestalten tummeln. Die Männer dort sind wie Schmetterlinge, die von Blume zu Blume flattern. Außerdem ist mir jemand aufgefallen, der zur gefährlichsten Sorte gehört.
Ist es nicht seltsam, wie unverblümt Aleksei mit seiner Sexualität umgeht? Es ist gleichzeitig beeindruckend, wie auch abschreckend. Für so ein Verhalten wäre ich an den Pranger gestellt worden, aber Aleksei lebt sich aus, wie er möchte. Er ist aufdringlich und sexbesessen. Warum muss ich mich dennoch wundern, was es mit diesem Blick auf sich hatte? In dem Moment, als er mir nachgerannt ist, sah er aus, als hätten seine Eltern ihn auf einem Jahrmarkt vergessen. Er hat verzweifelt nach meiner Hand gegriffen, als wollte er sagen: »Bitte lass mich nicht allein.«
Wie kann er nur derart verloren aussehen? War es womöglich nur eine Einbildung? Vielleicht wollte ich es ja sehen. Ich weiß ja nicht einmal, wer Aleksei wirklich ist. Trotzdem lässt die Neugierde mich nicht schlafen. Warum hat er ausgerechnet mich so angesehen?
Seufzend streiche ich mir über den Nacken und wende mich ab. Warum zerbreche ich mir nur den Kopf? Das alles gehörte sicher zu seiner Masche dazu, mich aufzureißen. Er will mich mit Tricks um den Finger wickeln.
Mein Herz pocht im selben heftigen Rhythmus gegen meine Rippen, als wären es die Beats im Club. Dieser neue Job stellt mich vor Schwierigkeiten, die ich nicht erahnt hätte. Ich übe die Arbeit als Sicherheitschef gerne aus, nur war ich noch nie in einer Gay-Bar eingesetzt. Es strapaziert meine Nerven und ich kann den Männern gar nicht dabei zusehen, was sie offen ausleben, was ich nie durfte. Es ist, als hätte mein Onkel mich in die Hölle geschickt, um zu warten, wann ich meinen inneren Teufel nicht mehr verstecken kann. Und dann kommt die Presse und zerreißt mich in der Luft.
An Homosexualität ist nichts verwerflich, ich weiß das. Allerdings sehen viele das anders und ich möchte nicht mehr erleben, wie verstohlen mit dem Finger auf mich gezeigt wird.
7. Kapitel
Aleksei
»Für Troja!«, rufe ich und klopfe Jesse auf die Schulter. Durch die Massen aus Schnee hat er mich zur Akademie gefahren. Alles nur, damit ich die Anmeldefrist nicht verpasse.
»Du schaffst das!« Die Hand ballt er zu einer Faust und nickt mir zu. »Für Tortuga!«
»Für Troja!« Lachend kralle ich mich an dem Brief fest, den ich nicht nur einmal zerknittert und weggeschmissen habe.
»Mach keinen Rückzieher. Alek.« Beherzt kneift er mir in den Oberschenkel, um mich zum Aussteigen zu animieren. Wir stehen schon seit fünf Minuten mit gesetztem Blinker am Straßenrand und ich … Verdammt, ich bin so ein Schisser. Den Schal ziehe ich mir bis über die Nase und hole tief Luft, da hupt uns irgendein Arschloch an.
»Fahr doch weiter, du Penner!«, ruft Jesse.
»Verpiss dich! Ja, glotz doch, du Sack!«, stimme ich mit ein.
Mit vollem Enthusiasmus zeigen wir dem Kerl den Mittelfinger, der noch den Kopf schüttelt, als er an uns vorbeifährt.
Jesse schnaubt und sieht zu mir herüber. Seine Mundwinkel zucken und wir beide lachen. Es ist so typisch, dass wir keinen Geduldsfaden haben. Besonders nicht, wenn wir gemeinsam im Auto unterwegs sind.
»Tu es für Troja.« Sachte klopft er noch die Fussel von meiner Mütze, ehe er sie mir auf den Kopf setzt. »Beeil dich, sonst kommen wir zu spät zum All-You-Can-Sushi.«
O Gott. All-You-Can-Eat-Restaurants sind meine große Liebe. Zwar ist mein Lieblingsladen nicht billig, aber ab und zu gönnen wir uns den Luxus mal.
»Drück mir die Daumen.« Mein Herz hüpft mir gleich aus dem Mund raus, wenn es sich nicht endlich beruhigt.
»Ich drücke dir alles«, versichert er mir und beugt sich über mich. Mit einem Klack ist die Tür auf und er schubst mich vom Sitz herunter. »Und nun mach.«
Nur ungern verlasse ich die kuschelig warme Rostlaube und werfe mich ins Schneegestöber. Die vielen Stufen zur Akademie renne ich hoch. Die Frauen und Männer, die vor dem Eingang stehen und rauchen, ignoriere ich.
Ich habe kein Geld, um mich hier einzuschreiben, allerdings habe ich durch den Talentwettbewerb eine Chance. Jesse hat erfahren, dass man nicht nur das Preisgeld gewinnt, sondern auch ein Stipendium! Dafür muss ich mich notgedrungen erst einmal anmelden.
Die Akademie sieht aus wie ein Gebäude aus Griechenland mit riesigen Säulen und Torbögen. Sie wollten wohl, dass der erste Eindruck einen aus den Socken haut. Das haben sie geschafft. Außerdem werden darin auch Theaterstücke aufgeführt und Musicals! Die Hallen und Säle müssen gewaltig sein!
Mit meinen Klamotten komme ich mir schäbig vor. Eigentlich ist es ein Outfit, in dem ich mich sexy fühle, egal wie lausig der Tag ist, aber neben grazilen Frauen, die eine Ausstrahlung haben, als wären sie bereits Stars, bin ich ein Nichts.
Die ›Melodiya‹ ist eine Akademie, in der Sänger und Tänzer ausgebildet werden. Es ist eine Fabrik für Supertalente, die der Schönheit und Ästhetik ihr Leben gewidmet haben.
Mit schnellen Schritten laufe ich durch die gewaltigen Gänge. Irgendwo klimpert jemand auf einem Klavier herum und ich genieße die muntere Melodie. Allein die Luft hier drin riecht schon so vielversprechend, dass ich sie gierig einatme. Es sind feine Aromen von Klavierholz, altem Linoleum und vergilbten Notenblättern. Die Hände balle ich zu Fäusten und schlucke noch einmal schwer. Das habe ich mir immer gewünscht. Nicht unbedingt Tanzen, aber singen! Was, wenn ich mal in einem Musical mitspielen dürfte? Das wäre doch der Wahnsinn!
Hastig folge ich dem Pfeil, der die Richtung zum Sekretariat andeutet. Ich biege zwei Mal falsch ab, muss eine junge Frau um den Weg fragen und verliere mich beinahe in dem Labyrinth aus Gängen und Türen. Zum Glück habe ich es letztendlich gefunden, bevor mich der Mut verlassen hat.
In meinen Klamotten rinnt mir der Schweiß in Wasserfällen am Körper herunter.
War das wirklich die richtige Entscheidung? Was, wenn ich nicht gut genug bin? Verdammt, diese Zweifel helfen mir auch nicht weiter. Augen zu und rein da!
Die Türklinke reiße ich beinahe inklusive geschnörkelter Halterung heraus, ehe ich durch die Tür stürme und nach Atem schnappe.
»Guten Tag!«, sage ich zu engagiert. Ob es unverschämt ist, dass ich das Klopfen vergessen habe? Egal, da muss ich jetzt durch. »Ich möchte meine Anmeldung abgeben. Ah … Bitte.«
»Für die Winterkurse?«
Boah, keinen Schimmer. »Äh ja. Bitte.« Höflich sein wird mich sicher vorwärtsbringen.
Die Frau, die auf mich zukommt, sieht aus, als hätte sie in ihrem ganzen Leben noch nie gelacht. Ihr Mund ist zu einer geraden Linie zusammengepresst. Anscheinend will sie sich nicht mit einem freundlichen Lächeln die Mühe machen, um mir ein wenig der Nervosität zu nehmen. Ihre Haare hat sie zu einem Dutt nach hinten gebunden, was sie aussehen lässt wie Gollum, als er schon jahrelang vom Ring der Macht besessen war.
Verkniffen zeige ich ihr mein schönstes Lächeln. Das würde vielleicht besser ankommen, wenn ich nicht spüren würde, wie mir ein dicker Rotzfaden aus der Nase läuft. Wie kann ich ihn unbemerkt wegwischen? Schnell nehme ich einen tiefen Atemzug, um einen zusätzlichen Tropfen zu verhindern, der bereits auf dem Boden gelandet ist. Ich zupfe an den Fransen meines Schals herum, während ich meine Mundwinkel zwinge, oben zu bleiben.
Ihre Augen huschen über meine Handschuhhände, ehe sie mir den Brief abnimmt.
»Aleksei … Worobjow?«, fragt sie und betont den Namen komplett falsch.
»Das bedeutet ›Spatz‹«, kläre ich sie auf. Sie würdigt mich keines Blickes. Anscheinend ist ihr Gummibaum spannender, dem sie einen Staubkrümel vom Blatt wischt.
»Haben Sie alles richtig ausgefüllt?«
»Natürlich.«
»Sie können keine Unterlagen nachreichen.«
Ich bin den Mist dreimal durchgegangen und ich habe ihn extra noch Jesse gegeben, damit ich sicher nichts vergesse. Trotzdem habe ich gerade Muffensausen. Was, wenn ich etwas übersehen habe? Was, wenn mir Seiten rausgefallen sind?
»Alles vorhanden.« Verdammte Scheiße.
»Dann melden wir uns bei Ihnen.« Warum sagt sie das so, als würde sie sich gleich umdrehen und den Umschlag in den Mülleimer werfen?
»Äh … Also wann höre ich denn von Ihnen?« Ich zupfe mir an den Handschuhen herum, bevor ich noch weiter stammele und mich zum Idioten mache.
»Das kann vier bis sechs Monate dauern.«
Meine Hoffnungen platzen wie Seifenblasen vor meinen Augen. Das ist zu spät. Das Geld brauche ich doch für das Kinderheim und die haben nicht mehr vier Monate!
»Aber es … Im Internet stand, dass man sich noch für jetzt bewerben kann?«
»Das ist nur für herausragende Talente.«
»Ich bin ein besonderes Talent!«, platzt es aus mir heraus. Was sage ich da?
»Wir melden uns bei Ihnen, Herr …« Sie schielt auf meinen Brief herunter. »Worobjow.«
***
»Diese blöde Kacksau!«, brülle ich, als ich bei Jesse ins Auto springe. Den gesamten Weg bin ich nur gestampft. Wenn mir jemand dumm gekommen wäre, wäre ich sicher sofort ausgerastet.
»Was ist denn passiert?« Jesse kratzt sich an der Schläfe und zieht die Handbremse an. »Haben sie dich weggeschickt?«
»Ne.« Schön wär’s. »Die meinte, ich kriege in vier bis sechs Monaten Bescheid! Das ist viel zu spät, Jesse. Die blöde Kuh hat mich gesehen und erkannt, dass ich nur irgend so ein Kneipensänger bin, den man nicht ernst nehmen muss. Verdammte Scheiße.«
»Alek.« Beruhigend sagt er meinen Namen, aber ich bin außer mir. Mit voller Wucht ramme ich die Hände auf das Armaturenbrett, ehe ich meinen Kopf dort ablege.
»Ich werde immer ein jämmerlicher Loser bleiben. Das ist so eine Scheiße. Ich weiß auch nicht, ich habe mir direkt so Hoffnungen gemacht!«
»Hey. Du hast dich angemeldet und das ist toll. Die melden sich sicher bei dir.«
Jesse hat doch keine Ahnung. Bei meinem musischen Lebenslauf rasten die nicht aus. Was sehen sie denn da? Ich bin irgendein Kerl, der von der Realschule geflogen ist und die Ausbildung geschmissen hat. Danach gab es nur Gelegenheitsjobs und … Ach, ich weiß doch auch nicht. Warum habe ich mich da überhaupt hingetraut? Die lachen sich jetzt bestimmt kaputt.
»Die blöden Krücken mit ihren teuren Fummeln.«
»Scheiß auf die Kröten«, sagt Jesse und legt seine Hand in meinen Nacken. »Wenigstens hast du es versucht. Lass dich nicht unterkriegen.« Sein Lächeln ist aufmunternd, aber trotzdem fühle ich mich dadurch nicht besser. Seine Finger sind hingegen angenehm warm und schenken Trost.
»Wir fressen uns gleich bis oben hin zu, okay?«, sagt er und schaltet den Warnblinker aus. »Wir sollten uns verpissen, ehe sie die Polizei holen und uns abschleppen.«
Da hat er recht. Es ist aber auch unverständlich, warum es so wenige Parkplätze gibt. Die meisten sind fürs Personal und die anderen sind alle belegt.
»Ich futter mich so voll, dass ich mich danach nie wieder bewegen kann«, sage ich und schwärme innerlich schon von den Köstlichkeiten, die mich erwarten werden.
»Solange du nicht platzt.« Schmunzelnd zwinkert Jesse mir zu, ehe er in den Verkehr einschert. Sein Golf ist nicht wirklich High-Class, aber er hat eine funktionierende Heizung und er fährt. Mir reicht das. Ich brauche keinen Luxus.
»Weißt du noch, als Khurtin so hart gekackt hat, dass niemand mehr auf Klo wollte?«, frage ich Jesse, dem die Luft aus der Nase schießt.
»Explosionsartiger Durchfall«, bestätigt er mir und stimmt in mein Gackern mit ein.
»Der hat sein Sushi anscheinend nicht vertragen.«
»Eher die totale Lebensmittelvergiftung.«
»Ich fand’s lecker«, sage ich und drehe das Radio lauter, um mitzusingen. Die Autofahrten mit Jesse sind die besten. Wir grölen die Songs mit und geben uns nichts dabei. Bei ›Griechischer Wein‹ trommeln wir auf den Armaturen herum, während Jesse auf einem imaginären Glockenspiel herumklimpert. Ich kann gar nicht mehr aufhören zu lachen.
Zum Glück hat er mich zur Akademie gefahren. Alleine hätte ich niemals die Eier dazu gehabt. So einen tollen Kerl wie ihn habe ich gar nicht verdient.
Wann wohl der Moment kommt, in dem er mich zurücklässt? Vielleicht ja für Smoochie Poo, oder Cupcake? Die waren zum Anbeißen. Ich würde es ihm nicht einmal krummnehmen, wenn er wieder eine Beziehung hat. Seine letzte ist ungefähr fünf Jahre her. Von mir kann ich da nicht reden. Nach meinem ersten Freund wollte ich niemanden mehr so an mich ranlassen.
Damals fand es ich cool, dass jemand mit mir zusammen sein wollte, aber Ekki hat mir echt wehgetan. Wie wäre es dann, wenn ich richtig Schmetterlinge im Bauch gehabt hätte? Nein. Verlieben ist ein zu hohes Risiko.
»Sie werden sich bei dir melden«, sagt Jesse und zwinkert mir zu. »Wenn du erst mal singst, dann kippen die sicher um.«
»Meinst du?«
»Klar. Denen fliegen die Perücken runter!«
Prustend ramme ich ihm den Ellenbogen in die Seite. Ganz genau. Weil ja jeder reiche Macker mindestens ein Toupet hat, damit man die Glatze nicht sieht.
Die Hände halte ich vor die Heizung und lasse sie anpusten. Wenn wir jetzt nur zum Burgerladen fahren würden, um uns etwas mitzunehmen, wäre das auch in Ordnung. Wir könnten uns bei mir hinlegen und den restlichen Tag witzige Videos schauen. Da hätte ich Lust drauf.
»Hüpf schonmal raus«, befiehlt Jesse und hält am Straßenrand. »Ich suche einen Parkplatz und komme nach.«
8. Kapitel
Serik
»Und deswegen sollte man es vermeiden, Kirschkerne zu essen«, faselt Maik, der mir gegenüber am Tisch sitzt. Ich weiß nicht, wie lange er noch einen Monolog führen will, aber er dauert eindeutig mein halbes Leben.
Meine Eltern haben mich gezwungen, auf eins dieser Treffen zu gehen, das ihnen einen Schwiegersohn verspricht. Es ist ein Verkuppeln auf ganz hohem Niveau mit dem einzigen schwulen Sohn eines Geschäftspartners, den ich schon zweimal aus Mitleid mit ins Bett genommen habe.
Wir harmonieren nicht. Kein bisschen. Trotzdem sitze ich hier in diesem Sushi-Restaurant, in dem es keine feste Bedienung gibt. Das Ambiente ist zwanghaft aufpoliert worden, aber dadurch wirkt es leider noch billiger. Die wenige goldene Deko an den schwarzen Tischen ist aus Plastik und die dunkle Farbe blättert an den Stuhllehnen bereits ab. Die Kellner knallen uns Teller mit Häppchen vor die Nase und Maik bestellt alles auf einem Tablet. Wenn er eine romantische Atmosphäre schaffen wollte, hat er es nicht geschafft.
Maik hat mich hergelotst, weil das Restaurant in einer Zeitschrift gelobt wurde. Das kann ich ehrlich gesagt nicht nachvollziehen. Maik hat braune Locken und einen Bart, der ihn aussehen lässt, wie einen Baumfäller. Was soll ich nur mit ihm? Er ist in keiner Weise mein Typ. Wir teilen nicht einmal denselben Humor.
Die Tische stehen jedenfalls unerfreulich nah beieinander. Die Frau neben mir ist inzwischen so nah an mich heran gerutscht, dass ich sie schmatzen hören kann. Dazu beleidigt ihr süßliches Parfüm meine Nase. Soll das Yasmin sein? Schrecklich.
Die Geräuschkulisse ist mehr als unpassend für ein Date und das Geklapper mit dem Besteck ist kaum auszuhalten. Wären wir doch wenigstens zu dem Sushi-Restaurant gegangen, bei dem die Einrichtung nicht nur auf den ersten Blick gut aussieht, sondern es auch ist.
Bisher habe ich die Sushirollen nur mit dem Stäbchen angeschubst und zur Seite gerollt. Wie lange muss ich hier sitzen, bis ich gehen kann, ohne unhöflich zu sein? Eine Stunde vielleicht? Theoretisch können wir zwei hier verbringen, aber das schaffe ich nicht. Mein Terminkalender ist voll und später muss ich noch in diesen heruntergekommenen Club. Ich kann kaum glauben, wie mein Leben sich innerhalb von ein paar Jahren verändert hat. Hätte ich nicht die chronischen Knieschmerzen und den Ermüdungsbruch im Oberschenkel gehabt, es wäre alles anders gelaufen.
Wahrscheinlich habe ich mich zu sehr verausgabt? Wer kann mir das schon beantworten. Wollen meine Eltern mich deswegen zu einer festen Partnerschaft drängen? Ist es ein Versuch, sich anzunähern?
»Hier, Serik. Nimm all unser Geld und gestalte dir dein Leben so, wie du nur möchtest! Hoffentlich entschädigt es dich dafür, dass du dein Bein nie wieder richtig belasten kannst. Das mit deiner Verletzung tut uns leid. Wir wollten dich nicht über deine körperlichen Grenzen bis zum Zusammenbruch quälen.«
Von wegen. Nichts macht es gut. Ich bin ein Schmerztabletten-Junkie, der zu nichts taugt.
Die Schultern drücke ich durch, aber ich kann mich nicht zu einem Lächeln zwingen. Zwar gebe ich vor, höflich zu sein, dennoch fällt es mir manchmal schwer. Besonders gerade. Maik ist so eine Quasselstrippe. Nur zum Trinken hört er mal auf zu reden. Luft scheint er ja nicht zu benötigen.
Der einzige attraktive Kerl kommt mit roter Nase und glühenden Wangen ins Restaurant gepurzelt. Sein Lachen ist so ehrlich und einnehmend, dass ich gar nicht wegsehen kann.
Es ist unmöglich …
Die langen strammen Beine und die Präsenz, als würde jeder Anwesende im Raum innehalten und verstummen, können nur zu einer Person gehören. Aleksei ist ein schöner Mann. Einer, der mein Herz ungewollt schneller schlagen lässt. Ich wische meine Hände an der Hose ab, da kullert mein Essstäbchen schon auf den Boden.
Dunkle Augen haben mich ausfindig gemacht. Er hat ein Funkeln in ihnen, das meine Neugierde weckt. Ich mag seine rote Nase und wie der bevorstehende Winter Alekseis Gesicht eine andere Farbe gegeben hat. Es lässt mich an Scheinwerferlicht auf Eis denken, das in meiner Erinnerung nie kalt war, sondern mir das Gefühl von Geborgenheit geschenkt hat.
Es ist diese lockere Art, wie Aleksei mir zuwinkt, als würde er sich freuen, mich hier zu sehen. Tut er das? Mich kratzt das Hemd am Hals und ich kann wie alle anderen Restaurantbesucher nur wortlos starren. Ich verstehe es nicht. Ein Mann wie er hat mich nie gereizt. Warum kribbelt es also in meinen Fingerspitzen, als er sich an den Tischen vorbei quetscht, um sich neben mich zu stellen?
»Serik! Was machst du denn hier?«
Lächelnd lehne ich mich zurück und betrachte ihn von oben bis unten. Schicke Klamotten. Für wen hat Aleksei sich so herausgeputzt? Enge Jeans, ein Hemd und eine rote Bomberjacke, die seine Figur verhüllt.
Mehrmals zieht er die Nase hoch, als er auf meine Antwort wartet.
»Ich esse. Und was machst du? Suchst du dir einen Sugardaddy?« Den Kopf neige ich zur Seite und mustere ihn.
Meine Gehässigkeit prallt komplett an ihm ab. Unbekümmert sieht er sich im Restaurant um und entzückt meine Sinne mit einem Duft von Sandelholz und Minze.
Warum ist er in seiner Männerwahl nur so anspruchslos? Es ist bedauerlich. Aleksei hat dieses gewisse Etwas, das mich nachts nicht zur Ruhe kommen lässt. Es gibt sicher Dutzende Männer, die davon träumen, von ihm eines Blickes gewürdigt zu werden. Wie viele Verehrer hat er? Sind es alles One-Night-Stands oder hat er auch länger anhaltende Affären?
»Ich bin mit einem Freund hier«, erklärt er grinsend und streicht sich das Haar hinter das Ohr. Auf diesem kleben einzelne Schneeflocken-,
»Hallo, ich bin Aleksei«, stellt er sich Maik vor, der nur die Nase rümpft. Jemand, der eine Menge Wert auf Markenkleidung legt, wird nicht mit Aleksei reden, egal wie höflich er ist.
»Störe ich?« Mit hochgezogenen Augenbrauen dreht er sich mir zu, aber ich schüttele den Kopf. Die drei Leberflecken, die er an seinem linken Mundwinkel hat, verschwinden in einem Grübchen, als er lächelnd sagt: »Cool! Dann können wir uns ja zu euch setzen!«
Seinen bunt gefleckten Turnbeutel wirft er neben mich auf den freien Stuhl, ehe er diesen laut knarrend zurückzieht.
»Auf keinen Fall!«, sagt Maik und springt empört auf. »Wir haben ein Date!«
Ob es Sinn macht, dass er das so plump erzählt? Das halbe Restaurant beobachtet uns und ich habe keine Lust darauf, in der Zeitung zu landen, nur weil der Idiot nicht die Klappe halten kann.
»Millionenerbe Serik Yazdani ist nach seinem Karriereende wieder aufgetaucht! Seine Begleitung: ein Mann! Mehr dazu auf Seite 3.«
Das wäre es ja noch.
»Jesse!«, ruft Aleksei und winkt seinen rothaarigen Freund herüber.
Der Typ sieht gefährlich aus. Kein ›ich schlag dir in einer dunklen Ecke die Fresse ein‹, sondern ein ›ich schmeiße mich hier und jetzt auf dich, wenn du Aleksei anfasst‹.
Das ist also sein Wachhund?
»Was machst du bei denen?«, fragt Jesse und würdigt mich keines Blickes. »Ich habe uns den besten Tisch gesichert. Komm, die Bedienung bringt uns hin.«
»Sorry«, säuselt Aleksei mir zu und packt sich seinen Turnbeutel. »Wir sehen uns ja später. Ich singe dann nur für dich.« Verspielt schießt er mich mit Fingerpistolen ab, ehe er seiner Begleitung folgt.
Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass die beiden einen annehmbaren Platz haben.
Neugierig lege ich den Arm auf der Lehne ab, um mitzubekommen, wohin sie gehen. Sie sitzen an einem langen Tisch mit unzähligen Fremden, aber auch eingequetscht am Fenster.
»Ich möchte gehen«, sagt Maik mit gedämpfter Stimme. Anscheinend hat ihm das Gespräch den Appetit verdorben. »Können wir wenigstens noch zu dir?«
Also will er sich in meinen Armen trösten? Der Gedanke ist nicht sonderlich ansprechend. Tief hole ich Luft und sehe auf meine Armbanduhr herunter. »Meine Schicht fängt gleich an.«
»Du musst arbeiten?«, fragt er kopfschüttelnd. »Aber du kommst doch aus einer wohlhabenden Familie. Du hast doch genug Kohle.«
Habe ich. Dennoch wollte ich einen Cut zu meinem vorherigen Leben und habe deswegen bei meinem Onkel angefangen. Wer hätte ahnen können, dass meine Eltern mir trotzdem im Nacken hängen? Mein ganzes Leben lang, haben sie mich gedrillt und irgendwie fällt es mir immer noch schwer, mich von ihnen zu lösen. Trotz allem sind sie eben meine Familie.
Seufzend reibe ich mir über die Stirn und hebe die andere Hand.
»Wir möchten zahlen, bitte«, sage ich dem Kellner und zücke schonmal das Portmonee aus der Hosentasche. Es ist besser, wenn der Tag schnell endet.
9. Kapitel
Aleksei
»Ich platze!«, stöhne ich und streiche mir über die Wampe. »Noch ein Sushistück und boom!«
Jesse ist auch schon ein wenig grün um die Nase. Vor mir sitzt er an dem langen Tisch und hängt wie ein Schluck Wasser auf dem Stuhl. Während ich mir die dicke Kugel halte, kratzt er sich über die Kehle, als müsste er gleich kotzen.
Wenn wir zu einem All-You-Can-Eat-Restaurant gehen, dann wird es immer ein Drama. Am Anfang lachen wir und stopfen uns voll, bis wir plötzlich dermaßen voll sind, dass wir Schweißausbrüche kriegen. In diesem tragischen Moment kommt dann meistens noch die Bedienung und bringt einen riesigen Teller mit Sushi vorbei.
»Wir sollten eine Handtasche mitbringen«, flüstert Jesse und schluckt zweimal schwer. »Für alles, was übrigbleibt.«
»Ne, du musst das alles essen.« Wenn wir beim Diebstahl erwischt werden, bekommen wir Hausverbot!
Seufzend lehne ich mich zurück und rutsche tiefer. Wie soll ich nachher überhaupt tanzen, wenn ich jetzt nicht einmal aufstehen kann? Wir müssen die letzte dieser zwei Stunden so verbringen, dass ich mich wieder bewegen kann. Von wegen diesmal futtern wir die ganze Zeit durch. Das schaffen wir nie.
»Das ist der beste Laden«, säusele ich und spieße ein Essstäbchen in ein Maki. »Selbst bei meiner Hochzeit würde ich herkommen, sodass sich alle ins Koma mampfen.«
»Du willst heiraten?« Jesse reibt sich über die dichten Augenbrauen und wirft mir einen skeptischen Blick zu.
»Ne, ich meinte nur ›wenn‹.« Als ob ich mich so binden wollen würde. Das ist wirklich das Letzte, was auf meiner To-do-Liste steht. Beziehungen und all das … Das holt doch nur das Schlechte aus einem Menschen heraus. Entweder man wird abgegeben oder verprügelt. Das möchte ich nicht. Weder für meinen Partner noch für mich.
Neben uns schmatzen die Gäste. Im Gegensatz zu uns schlingen sie nicht, sondern lassen sich Zeit und genießen jedes einzelne Stück, das ihnen präsentiert wird.
Ich neige mich vor und schiele auf ihr Tablet, mit welchem sie die Bestellung aufgeben müssen. Während sie genüsslich bei Runde drei sind, sind wir schon bei der achten.
»Was für Loser«, nuschelt Jesse hinter vorgehaltener Hand, was mich breit grinsen lässt. Es ist manchmal, als könnte er Gedanken lesen.
»Meinst du, wir schaffen noch eine Portion?«, frage ich und wackele mit den Schultern, während Jesse sich mit gequältem Gesicht etwas Sushi in den Mund schiebt. Als wäre es aus Gummi, kaut er lange und ausgiebig darauf herum.
»Wenn ich das runterschlucke, dann war es das für mich«, erklärt er.
Ich kann nicht anders als loszuprusten. So fertig habe ich Jesse definitiv noch nie gesehen. Der hängt da ja, wie ein überdimensional großer Wackelpudding, der gleich vom Stuhl purzelt.
»Iss! Iss! Iss!«, feuere ich ihn an und werfe meine Faust im selben Rhythmus wenige Zentimeter nach oben.
»Alek, halt die Klappe.«
»Wenn du mich weiter zum Lachen bringst, muss ich kotzen.« Das brodelt echt gefährlich in meinem Magen.
Wie zwei Alkoholleichen drücken wir uns hoch und taumeln zur Theke hinüber, um zu bezahlen. Jesse lädt mich ein und ich folge ihm zum Auto. Ich kann mich kaum alleine bewegen. Meine Beine sind wabbelig, was ich auch von meinem Bauch sagen kann. Mir platzt die Hose.
»Weißt du, was schlimm ist?«, fragt Jesse, als ich mir den obersten Knopf der Jeans öffne und durchatme. Wir laufen zur Tiefgarage hinunter, da grinst er ganz verschmitzt.
»Was denn?«
»Wenn man denkt ›Ach, ich bin so voll. Ich mache mir den obersten Knopf der Hose auf‹ und dann ist er schon offen.«
Gackernd halte ich mir die Hand auf den Mund und die andere auf meine Körpermitte. »Mann, Jesse! Ich sagte, du sollst mich nicht zum Lachen bringen! Ich schwöre dir, ich kotze dir ins Auto!«
»Ah, bloß nicht!«
Wie ein Gentleman hält er mir die Beifahrertür auf, damit ich mich wie eine Schwangere im neunten Monat hinsetzen kann.
»Ich habe keine Ahnung, wie du noch fahren kannst.«
Jesse setzt sich hinter das Lenkrad und holt tief Luft.
»Weiß ich auch nicht.«
Den Kopf lehne ich an seiner Schulter an, nachdem ich mich angeschnallt habe. Ich bin so vollgefuttert. Ein Nickerchen wäre jetzt echt genial.
Das Radio drehe ich leiser, damit mir das schrille Gebrüll von Jesses Lieblingsband nicht auf den Magen schlägt. Obwohl da etwas anderes ist, das mich nicht zur Ruhe kommen lässt. Dieses dumme Vorsingen.
»Ich hoffe, ich bekomme schnell eine Antwort von der Akademie.« Auch, wenn es erst für das nächste Semester ist, will ich dabei sein. Es ist egoistisch, aber ich habe nur eine Chance und die will ich nutzen.
»Die haben sicher viele Anmeldungen. Eine oder zwei Wochen wird das schon dauern.«
Genervt verziehe ich den Mund. »So lange will ich nicht warten.«
»Oh, entschuldigen Sie, Prinz Aleksei von und zu Worobjow. Für Sie machen wir natürlich eine Ausnahme und werden Sie unverzüglich informieren.« Mit übertrieben hoher Stimme albert er herum. Er wirft einen Blick über die Schulter und haut den Rückwärtsgang rein, um auszuparken.
»Du bist echt blöd.«
»Du musst geduldiger sein.«
Die Heizung pustet mir warme Luft ins Gesicht, was mir die letzten Kraftreserven nimmt. Wenn ich hier im Beifahrersitz schmelze, dann ist das eben so. Meine Augen werden schwer und ich kann sie kaum noch offen halten.
Jesse fährt vorsichtig durch die Innenstadt, um mich vorm ›MakeMeMoan‹ abzusetzen. Früher wurde der Laden mal ›Tripple M‹ genannt. Das war quasi ein Insider-Tipp. Aber ich mag den verruchten Klang von ›Moan‹. Denn das machen wir schließlich, wir bringen die Gäste zum Stöhnen.
Jesses Hand liegt auf meinem Oberschenkel, während er an der Ampel darauf wartet, dass sie grün wird.
Seine Finger tippen im Rhythmus der Musik auf meiner Jeans herum. Es sind gute Beats. Welche, bei denen ich unweigerlich an Jesses Vorhaben denken muss. Meint er es eigentlich ernst mit dem Club? Will er sich einen eigenen kaufen? Seitdem er es angesprochen hat, hat er es nie wieder erwähnt. Vielleicht hat er es auch nur aus dem Moment heraus gesagt? Nach dem Sex ist man voller fälschlicher Glücksgefühle, die einen Dinge anders wahrnehmen lassen. Man sagt und tut Sachen, die man nicht einmal meint.
Es gibt Kerle, die danach weinen. Sie sind überfordert von den Gefühlen, die einen überkommen und dann flennen sie als Ausgleich, bis sie sich beruhigt haben. Das habe ich schon einige Male erlebt. Mir taten die Typen leid und trotzdem konnte ich sie nicht trösten. Was erwarten sie von mir? Ich bin nicht ihr Liebhaber, sondern nur ein schneller Fick.
»Ich muss gleich noch woanders hin«, säuselt Jesse und dreht das Radio aus. »Schreib mir später, ja?«
Wo will er denn hin? Langsam blinzelnd sehe ich zu ihm hinüber und nicke.
Von mir aus.
Jesse verhält sich nicht zum ersten Mal so, als hätte er neben mir eine Familie mit Frau und zwei zuckersüßen Kindern. Aber was soll ich dazu sagen? Nichts. Das Auto ruckelt und brummt laut, während mir keine Antwort einfällt.
»Danke, dass du mich eingeladen hast«, singe ich und er bleibt vor dem Eingang des Clubs stehen.
Tagsüber sind die vergilbten Lichterketten ausgeschaltet, die überall in den Bäumen hängen. Nachts sieht es aus, als würden bunte Feen im Außenbereich tanzen.
Allerdings ist es im Winter zu kalt, um draußen zu sitzen. Also gibt es nur im Sommer diese magischen Momente.
Letztes Jahr habe ich mit einem Kerl unter den Bäumen geknutscht. Es war sogar schön, wie die bunten Lichter sich in den Drinks widergespiegelt haben. Der Typ hat mir ein Schirmchen ins Haar gesteckt und mir seine Liebe gestanden. Normalerweise wäre ich direkt weggerannt, oder hätte ihm den Cocktail ins Gesicht geschüttet. Aber er hatte etwas an sich, das mich angesprochen hat.
Er war eher der ruhige Typ. Ein Macho vom Aussehen her und dennoch sanft. Mit seinem bosnischen Akzent und den vielen Tattoos an Hals und den Oberarmen hat er mich ganz wuschig gemacht. Vielleicht auch, weil er mir die ganze Zeit am Ohr geknabbert hat, während er wollte, dass ich ihn ›Daddy‹ nenne?
Ich habe ihm ebenfalls ein paar russische Worte auf die Lippen gehaucht und er hat gestöhnt, als würde er gleich abspritzen. Das hat ihn und die Umherstehenden umso heißer gemacht. Mich ebenso. Wahrscheinlich habe ich eine Schwäche für die Männer aus den Balkanstaaten.
Na ja, trotzdem kam sein Freund nach ein paar schönen Momenten um die Ecke gerannt und hat mir ein Glas Alkohol ins Gesicht gekippt.
»Du widerliche Hure!«, hat er geschrien und jedem Gast damit erklärt, dass ich mal wieder irgendeine Beziehung zerstört habe.
Ich habe wahrscheinlich gar kein Gefühl mehr für liebenswerte Männer. Immer, wenn ich annehme, sie wären eine Ausnahme, werde ich vom Gegenteil überzeugt. Aber vielleicht war auch der Alkohol zum Teil schuld an meiner Wahrnehmung.
Danach hat Jesse sich auf den Kerl geschmissen und sich mit ihm geprügelt. Er wollte meine Ehre verteidigen. Es war wie damals im Kinderheim. Wenn alle mich fallen lassen, ist Jesse jederzeit für mich da.
»Steigst du bald aus oder machst du blau?«, fragt Jesse und reißt mich aus den Gedanken raus. Der Blinker klackt im gleichmäßigen Rhythmus und ich nehme Jesse noch einmal fest in den Arm.
»Ich gehe.«
10. Kapitel
Aleksei
Der Kerl, der seinen Schwanz an meinem Arsch reibt, ist ein echter Hingucker. Zwar schwinge ich auf der Tanzfläche meine Hüfte, um Serik aufzufallen, aber er straft mich mit Desinteresse. Ich streiche mir das Haar aus dem Gesicht, die Hände werfe ich in die Luft und trotzdem schaut er nicht ein einziges Mal zu mir herüber, egal, wie ich vor ihm herumhampele.
Es klingt bescheuert, aber es törnt mich dennoch an. Es ist ein Katz- und Mausspiel, das ich mit Sicherheit gewinnen werde. Er nimmt doch nicht an, ich würde ihm abkaufen, dass er schwer zu haben ist? Ich kriege ihn. Ich kriege jeden.
Lippen gleiten über meine Schulter, während sich Hände auf meinen Bauch legen. Gekonnt presst der Kerl seinen Schritt gegen meinen Hintern und ich spüre, wie hart er ist. Nicht nur halb, sondern steinhart.
Jordan, oder Joe, hat dunkelbraune Haut und hellblaue Augen, als wäre er der verwunschene Sohn eines Sonnengottes.
»Du bist so schön«, flüstert er mir zu und will mich anscheinend damit willig machen. Wenn nicht mit Worten, dann mit den Shots, die er mir kauft. Dafür zieht er mich zur Bar hinüber. Der Erste ist für die Seele, der Zweite für die Hemmschwelle und der Dritte? Damit erlaubt er sich, mir die Zunge in den Rachen zu rammen.
Ich streichele ihm über den Bauch und lasse mich von ihm verführen. Warum auch nicht? Sex verdrängt die Dunkelheit, die sich in mir wie Nebel ausbreitet. Außerdem ist Jesse nicht da und ich will nicht allein sein. Neuerdings fressen mich die Fragen auch nachts auf, wenn ich genialen Sex hatte. Irgendetwas stimmt nicht mehr mit mir. Irgendwas hat sich verändert und das bereitet mir Bauchschmerzen.
»Aleksei, du kannst die Beine echt hinter den Kopf verbiegen?«, fragt Jordan und quatscht mir noch zwei Kurze auf.
»Finde es heraus.«
Warum bin ich so unendlich müde? Vor mir steht ein echt reizvoller Kerl, aber ich wäre lieber im Bett. Vielleicht habe ich mich überfressen. Die Idee von Sport am Abend macht mich in diesem Fall nicht gerade an.
Mein Blick wandert zu Serik, der den Kopf wegdreht.
Bilde ich mir das ein oder hat der mich angegafft? Kaum zu glauben. Oder doch? Nein, er muss die Umgebung im Auge behalten und dazu gehöre auch ich.
Ich hasse den Gedanken, die leise Stimme, die flüstert: »Er hat kein Interesse an dir.« Was habe ich zu bieten? Guten Sex und weiter? Was sonst? Ich verdränge die unangenehmen Gefühle mit einem Shot und straffe die Schultern. Vielleicht muss Serik auch zu seinem Glück geführt werden.
»Ich muss mal eben zum Securitykerl«, erkläre ich Jordan mit einem niedlichen Augenaufschlag. Wer kann mir schon widerstehen? Seltsamerweise niemand, außer Serik. Was ist nur mit ihm? Ach ja, der hat davon gefaselt, dass ich kein Schamgefühl hätte. Aber das kann ich mir nicht leisten. Ich verkaufe meinen Körper. Die Leute wollen mich auf der Tanzfläche und auf der Bühne sehen. Sie kommen absichtlich her und ich biete ihnen eine aufreizende Show mit knappen Outfits. Sex sells. Das macht es aber auch schwer, zu meinem Traumprinzen zu gelangen.
»Aleksei, bock zu tanzen?«
»Komm, ich lad dich ein, Süßer.«
Die Kerle können ihre Finger nicht von mir lassen, aber ich habe jemand ganz anderen im Auge.
»Sorry, keine Zeit«, sage ich jedem. Trotzdem brennen sich ihre Blicke in meinen Nacken, als ich an ihnen vorbei gehe.
»Er tut mal wieder auf schwer zu haben, dabei darf jeder ran.«
»So eine arrogante Hure.«
»Ich wollte sowieso nicht mit einer lebenden Geschlechtskrankheit tanzen. Abartig.«
Die weiteren Schimpfworte ignoriere ich und setze mein hübsches Lächeln auf.
»Guten Abend, Serik!« Oh, wie er dasteht, wie ein Fels in der Brandung. Was spricht mich an ihm eigentlich nicht an?
Serik mustert mich überaus ausführlich von oben nach unten. Für ihn drehe ich mich sogar einmal, damit er auch bloß nichts übersieht.
Anscheinend gefällt es ihm, denn sein rechter Mundwinkel gleitet nach oben.
»Aleksei.« Nur ein kurzes Nicken, trotzdem prickelt die Anerkennung in meinen Adern. Das ist ein Fortschritt! Letztens hat er mich noch weggeschoben und wütend gestarrt, aber jetzt wirkt er offener.
Wobei … Warum ist er so wortkarg? Ist es Provokation? Nach dem Motto: ›Gib dir mehr Mühe, Schätzchen‹ oder so etwas? Hadert er, mich anzugraben? Aber ich sehe doch das Glühen in seinen Augen und wie starr er den Blick auf mich gerichtet hält. Das kann ich mir unmöglich einbilden. Nur wie kann ich ihn aus der Reserve locken? Soll ich mich etwa nackt vor ihn hinknien? Könnte ich natürlich. Das ist eine Vorstellung, die mir ziemlich gut gefällt.
Ich würde sein Hemd hochziehen und seinen Bauch herunter küssen, bis zum Bund der Hose. Dort würde ich einen Moment verweilen und mich von seinem Geruch bezaubern lassen. Ich mag den Duft von Moschus und um ehrlich zu sein, würde ich gerne erfahren, wie Serik schmeckt. Wenn ich die Zunge über seine Haut gleiten lasse und seine Hose runterziehe, dann …
»Wo ist dein Wachhund?«, fragt er und reißt mich aus meinem Kopfkino raus. Ich blinzele mehrmals und zwinge mich, den Blick von seinem Schritt hochzureißen. Verdammt, hat er mitbekommen, wie offensichtlich ich geschmachtet habe? Wenn ja, spielt Serik es cool. Er drückt sich den Knopf tiefer ins Ohr und schaut sich im Club um. Es nervt, dass er so tut, als wären die Gäste spannender als ich.
Und wen meint er überhaupt mit Wachhund? Es gibt nur einen Mann, der öfters bei mir ist.
»Jesse? Der hat etwas anderes vor.«
»Oh? Ein heimlicher Geliebter neben dir?« Wie verhöhnend er das sagt, passt mir ganz und gar nicht. Mir schießt die Hitze in die Wangen, während ich mich an einem unverfänglichen Lächeln übe.
Noch so ein Spruch und ich ramme ihm die Faust ins Gesicht. Mich sollte das nicht so wütend machen, aber irgendwie bin ich es dennoch.
Was sieht Serik in mir? Bin ich ein Spielzeug für ihn? Will er mich nur ärgern?
Wenn ich ihn betrachte und ihn so nah vor mir stehen habe, schaltet mein Kopf aus. Der Hebel für rationales Denken kippt um und ich lasse mich von dem leisen Gedanken zu ihm schieben, der von ihm festgehalten werden will.
Es ist ungewohnt, dass ich so verbissen bin, jemanden von mir zu überzeugen. Allerdings ist Serik der Erste, der mich nicht ansieht, als wäre ich ein Silvesterknaller. Die meisten genießen mich einen Moment und dann lande ich im Müll. Aber Serik ist ein ernster Mensch. Ich mag sein Lächeln. Er zeigt es so selten und nur, wenn er es auch ehrlich meint. Außerdem hat er letztens seinen Teamkollegen vorm Inhaber gedeckt, als dieser zu spät zur Arbeit kam. Das war echt toll. Zuerst dachte ich, Serik würde ausrasten oder den Typen feuern, aber er hat ihn zur Seite genommen und ruhig mit ihm gesprochen. Serik ist so anders, als all die Männer, die ich bisher kennengelernt habe.
Beobachte ich ihn deswegen andauernd?
Bevor Serik hier angefangen hat, habe ich die Teammeetings gehasst. Es geht nur darum, Herrn Meyer auf dem neusten Stand zu halten, ihm von Konflikten zu erzählen und davon, ob die Themen-Partys gut ankommen. Es ist öde. Aber nun gehe ich sogar freiwillig früher hin, um einen guten Sitzplatz zu ergattern.
Ich setze mich für gewöhnlich gegenüber von Serik an den Tisch, was er mit einem Seufzen quittiert. Selten erwische ich den Stuhl direkt neben ihm, weil da immer einer seiner Jungs sitzt. Also schmachte ich von weitem.
Ab und an, wenn Serik vor Ladenöffnung jeden Raum abläuft, wackele ich ihm hinterher. Meistens erzähle ich dabei irgendeinen Blödsinn, den ich vorher im TV aufgeschnappt habe. Ich nerve ihn bestimmt. Er hat nicht einmal Interesse an den knappen Outfits, die ich ihm vor einem Auftritt präsentiere. Warum tue ich das? Warum kämpfe ich derart um seine Aufmerksamkeit?
Letztens habe ich sogar schon Elgin ausgequetscht. Der muskulöse Securitykerl ist aber überaus sparsam in seinen Aussagen. »Der mag Sport und dicke Titten. Wie jeder unserer Männer. Beiß dir nicht die Zähne an ihm aus, Tanzmaus.« Hoffentlich war das gelogen. Elgin könnte ein Hete sein, aber Serik? Auf keinen Fall. Der hatte doch auch ein Date mit einem Kerl im Sushi-Restaurant!
Die Musik im Club ändert sich und ein Popsong wird gespielt. Das ist eine gute Gelegenheit, um noch einen Schritt näher an Serik heranzutreten.
Ich lecke mir über die Lippen und er starrt mir in die Augen. Ich räkele mich vor ihm und er zuckt nicht einmal mit der Wimper.
Ich wünschte, ich könnte ihm zeigen, was ich fühle, wenn er mich so betrachtet.
Mein Herz hüpft euphorisch und seine Augen werden abwechselnd grün und blau beleuchtet.
»Und was machst du hier so allein?« Meine Finger gleiten über seinen Gürtel, ehe ich verspielt an der Schnalle ziehe. »Du trägst immer nur schwarz. Ist das vorgegeben?«
»Ich mag es schlicht.«
»Ach ja,« raune ich ihm provokant ins Ohr. »Im Bett auch. Langweiliger Blümchensex, ohne Höhepunkt.«
Serik springt darauf an. Grob packt er mich an den Schultern und schiebt mich von sich weg. »Lenk mich nicht ab und geh auf deine Bühne.«
Habe ich da einen wunden Punkt getroffen? Natürlich. Sonst würde er nicht so reagieren.
»Es gibt gewisse Gerüchte.« Was erzähle ich denn da? Ich habe keine Ahnung, was in seinem Privatleben vor sich geht. Gehässig kichernd lege ich eine Hand an die Taille. Mit der anderen wedele ich in der Luft herum. »Dies und das eben.«
»Na dann.« Seine Halsschlagader pulsiert, während er die Zähne aufeinanderbeißt.
Volltreffer. So benimmt sich niemand, der nichts zu verheimlichen hat.
»Beweis mir das Gegenteil«, flüstere ich und trete noch näher an ihn heran. Meine Hüfte lehne ich an seine.
Ah, er ist nicht hart? Schade, ich dachte, unser kleines Wortgefecht hätte uns beiden eingeheizt. Mein Blut sammelt sich jedenfalls in meiner Körpermitte.
Serik riecht unsagbar gut. Es sind herber Moschus und Lavendel, was mich direkt wehmütig macht. Es ist ein Duft, der mich an meine Kindheit erinnert. Damals, als alles noch gut war. Wir hatten immer Lavendelseife im Bad stehen und somit hat die ganze Wohnung danach gerochen. Meine Mutter hat sogar kleine Duftsäckchen gefüllt und sie an mein Bett gehangen, damit ich besser schlafen kann. Das war einer der letzten Momente, in denen ich glücklich war.
Schwer schluckend gehe ich einen Schritt zurück. Das sind Gefühle, die ich nicht haben will. Ich habe mein Leben auch so auf die Reihe bekommen, ohne Liebe, ohne Kompromisse.
»Ich habe dir bereits erklärt, dass ich kein Interesse an dir habe.«
Ich weiß. Aber kann ich nicht die große Ausnahme sein?
»Vielleicht kann ich deine Meinung ändern?«, sage ich und ignoriere den Arm, der mich auf Abstand halten will. »Eine Nacht mit dir reicht mir schon.« Das würde er mit Sicherheit niemals vergessen. Außerdem möchte ich ungern allein sein. Die Nächte werden immer kälter. Will er mich nicht wärmen?
Im Takt der Musik lasse ich meine Hüfte kreisen, was ihm zu gefallen scheint. Immerhin schaut er nun weniger durch die Gegend, sondern betrachtet mich.
Das Haar streiche ich mir zu einem Zopf zusammen, der sich direkt wieder löst. Viele Kerle mögen langes Haar nicht, aber ich finde es irgendwie verrucht und sexy, besonders, wenn man tanzt und es einem verschwitzt im Gesicht klebt.
»Bezirz die Gäste. An mir verschwendest du deine Zeit.«
»Das glaube ich nicht.«
Das ist nicht sein Ernst. Ich beiße mir auf die Unterlippe, um nicht zu grinsen. Mein Herz passt sich dem Rhythmus der Musik an und ich schmecke schon den honigsüßen Triumph auf meiner Zunge. In jedem Winkel spüre ich den Beat und bewege meine Hüfte nur für Serik.
Die Lichter erfassen uns nie, sie streifen uns nur. Wir sind Nachtgestalten, verschwunden in den Schatten, in denen wir tun und lassen können, was auch immer wir wollen. Obwohl es mir wirklich schwerfällt, meine Hände bei mir zu behalten. Ich will ihm zwischen die Beine greifen und ertasten, was er mit sich herumträgt. Er will es doch genau so wie ich.
Tief atme ich seinen Duft ein und schließe die Augen. Der süße Schmerz der Sehnsucht befällt mein Herz. Ich wehre mich nicht. Lavendel und Moschus. Wie herrlich.
Mein Herz schlägt heftig und mein ganzer Körper pulsiert. Ich werfe den umherstehenden Menschen einen Blick zu. Auch sie beobachten uns und ich genieße es. Der Neid, die Begierde und die Missgunst. Es haben schon viele versucht, bei Serik oder mir zu landen, allerdings haben wir gerade nur uns im Visier.
»Jungs? Könnt ihr verstärkt aufpassen? Ich muss hier etwas klären.«
Es ist das erste Mal, dass Serik mich ansieht, als wäre er ein Raubtier, das mich verschlingen will. Seine Krallen spüre ich im Hintern, ebenso wie die Gier, mich komplett an sich zu reißen.
»Es gibt keinen Ärger im Liebesparadies. Danke, Elgin«, sagt er mit kühler Stimme, was mir überaus gut gefällt.
Wem will er etwas vorspielen? Er ist scharf auf mich und ich will von ihm durchgenommen werden. Vielleicht bei ihm oder bei mir. Ist es nicht egal wo?
Meine Lippen formen das Lied lüstern mit, das durch den Club hallt. Während Serik meinen Mund betrachtet, reibe ich meinen Schritt an seinem und verringere die Distanz zwischen uns nur noch mehr.
Ich glaube, er hat einen ziemlich großen Schwanz. In der Hose formt er sich ab, aber ich fühle ihn nur. Nachschauen kann ich gerade nicht, denn Serik hat mich in seinen Augen gefangen genommen. Ich kann mich jetzt nicht abwenden. Wenn ich nachgebe, verliere ich ihn wahrscheinlich.
Mir läuft ein heißer Schauer durch den Körper, gefolgt von einem kalten, als Serik mich am Nacken packt und neben sich gegen die Wand rammt.
Meine Hüfte drücke ich an seine, damit wir bloß nicht den Körperkontakt lösen.
»Du bist so armselig«, stößt er aus, als würde er sich gleich auf mich werfen und das bisschen verschwitzte Haut zwischen Jeans und Top küssen. Seine Blicke brennen auf meinem Bauch, ebenso wie auf meinem Schritt.
»Du willst mich.«
Verächtlich verzieht er das Gesicht und lässt von mir ab. »Ich muss meinen Job machen, lenk mich nicht ab.«
»Aber der Club beobachtet uns. Ich bin Entertainer und du hilfst mir dabei, den Gästen einzuheizen.« Lächelnd strecke ich die Arme zur Seite und räkele mich an der Wand für ihn. Es ist selten, dass ich mir derart viel Mühe geben muss, um jemanden aufzureißen. Hoffentlich ist es der Sex wert.
»Oder …« Ich ziehe die Augenbrauen hoch und halte mir die Hand vor den Mund. »Ist deine Gurke doch eher ein Gewürzgürkchen?«
»Wie bitte?«
»Du hast mich schon verstanden.« Ich kichere gespielt und drehe mich um ihn herum. Meinen Hintern lasse ich vor seinem Schritt kreisen, nur um mich wegzudrehen, als er mich packen will.
Er ist so gierig, sieht er das selbst nicht ein? Ich muss nur meine Finger ausstrecken und er gehört mir. Möglicherweise ist es leichter als angenommen.
An der Bar steht Joe oder Jordan oder wie auch immer. Er beobachtet mich auffällig. Wahrscheinlich kann ich ihn mir zum Trost nehmen, wenn es mit Serik ein Reinfall wird.
Ich bin nicht deine große Liebe, ich bin dein heißer One-Night-Stand. Mehr verlange ich nicht.
Die Scheinwerfer liebkosen mich, während ich mich zur Fleischbeschauung hergebe.
Alle Anwesenden betteln mich doch an, dass ich sie ranlasse. Es ist nicht nur hier so. Seitdem ich die Ausbildung geschmissen habe, gibt es nur noch lüsterne Blicke und etwas, das ich tun muss, um mir ein wenig der Einsamkeit zu nehmen. Langsam frisst sie mich auf.
Egal, ob Mann oder Frau. Es ist mir schnuppe. Solange sie ihren Zweck erfüllen.
Die Schmerzen ziehen sich durch meinen Hinterkopf, als ich mit der Wand zusammenpralle. Hat der mich ernsthaft dagegen geschubst? Spinnt der?
Lippen pressen sich auf meine und es ist Serik, der mich an der Hüfte an sich heran reißt. Stoppeln kratzen an meiner Oberlippe, während seine Zunge forsch in meinen Mund eindringen will. Serik ist wie eine ungezügelte Bestie.
Ich kann ihn kaum schmecken, kaum wahrnehmen, wie überwältigend es sich anfühlt, da wird er zur Seite gestoßen.
»Bist du in Ordnung?« Schnaufend steht Jesse vor mir und wird im gleichen Moment von Serik zu Boden gerissen. Dieser fixiert ihn unter sich und hält ihm die Hände auf dem Rücken fest, während er etwas in sein Headset spricht. Alles geschieht so wahnsinnig schnell. Ich bin wie gelähmt und starre, genauso wie die Leute, die um uns herumstehen. Jesses Brustkorb hebt und senkt sich so schnell, als wäre er einen Marathon gerannt. Hat er Serik gerade wirklich von mir weggerissen? Das war ja wie in einem Film!
»Jesse?«, keuche ich. Wo kommt er überhaupt her? Wollte er heute nicht wegbleiben?
»Denken Sie nicht, dass Sie Ihre Grenzen überschreiten?«, fragt er Serik mit einem bedrohlichen Unterton, während ihn dieser auf die Beine zieht, den Griff jedoch nicht lockert. Die beiden starren sich an, als würden sie sich gleich an die Gurgel springen. Was ist jetzt los? Die Luft sprüht Funken und wenn wir nicht aufpassen, steht der Club in Flammen!
»Was machst du denn hier, Jesse?« Meine Stimme ist nur ein heiseres Fiepsen. Die Musik dröhnt und ich atme angestrengt ein. »Du bist …«
»Ich muss Sie bitten, den Club zu verlassen!«, erklärt Serik und strafft die Schultern. Sein Blick gleitet über die umherstehenden Gäste, bevor er mich mustert. »Kommst du zurecht?« Zögerlich nicke ich ihm zu, da schiebt er Jesse schon von mir weg.
***
Vor dem Eingang überkreuzt Serik die Hände vor dem Brustkorb. Seine Augen wirken so wütend, dabei haben wir doch gar nichts Böses getan. Erst hier lässt er von Jesse ab, der ihm schwungvoll den Mittelfinger hinhält.
»Was …«
»Komm, Alek. Wir verlassen diesen Drecksladen.« Jesses Hand ist schwitzig, als er meine nimmt und mich hinter sich herzerrt. Welche Laus ist dem denn über die Leber gelaufen? Es ist schließlich nicht das erste Mal, dass wir herumspielen. Weder er noch ich.
Jesse zieht mich an den Rauchern vorbei, in die Seitengasse und seufzt gedehnt.
»Eigentlich wollte ich dich überraschen, aber …« Jesse hält sich die Stirn und schüttelt den Kopf.
Seine Schultern zittern angespannt, sein Atem wirkt hektisch. Was ist denn mit ihm? Es ist nicht lange her, da haben wir zusammen einen Dreier gehabt. Warum ist er jetzt derart entsetzt, dass ich mit Serik knutsche? Fuck, ich war vor allem so kurz davor, den heißen Securitykerl zu knacken. Es hätte nicht einmal viel gefehlt. Verdammt.
»Hast du dir mal überlegt, wie dein Auftreten bei anderen ankommt?«, fragt Jesse ungewohnt kühl. »Scheiße, manchmal … Manchmal, da …«
Es ist, als hätte ich einen gewaltigen Felsen auf dem Brustkorb liegen, der mich nicht atmen lässt.
»Jesse? Was ist denn?« Die Hand, die ich nach ihm ausstrecke, nimmt er nicht. Ist er sauer auf mich? Warum? Habe ich mich falsch verhalten? Das macht keinen Sinn. Es ist normal, dass ich mir jemanden für die Nacht aufreiße. Ist er angepisst, weil ich ausgerechnet Serik angegraben habe? Aber was ist daran schlimm? Ich verstehe es nicht.
Der Wind ist in der Seitengasse unangenehm kühl. Auf den Straßen schimmern die Spiegelungen der Laternen, als hätte es geregnet, während ich drinnen getanzt habe. Ich reibe mir über die Arme, vertreibe die Gänsehaut für einen Moment und trete näher an Jesse heran.
»Was ist denn los?«, frage ich.
»Ich hatte eine Überraschung für dich, nur …« Die Worte würgt er heraus, als würde er sie gar nicht sagen wollen. »Ich brauche etwas Zeit für mich.«
»Wozu?« Mir kommt die Galle hoch. »Ist es wegen Serik? Er bedeutet mir nichts.« Ich kenne ihn ja nicht einmal. Es war nur eventueller Sex und er ist halt mein Typ. Aber er ist mir doch nicht wichtiger als Jesse.
»Nein. Es ist … Generell …« Er schüttelt den Kopf und dreht sich von mir weg. Warum ist er so durcheinander?
»Was ist denn passiert?« Ich kralle mich an seinem Hemd fest, als würde es ihn davon abhalten, sich abzuwenden. »Jesse. Rede doch mit mir.«
Aber er schweigt. Seufzend tätschelt er meine Hände und gibt sie mir zurück.
»Ich brauche Zeit.«
Wofür? Was macht das für einen Sinn? Er ist gerade erst gekommen, warum will er dann gehen? Mir wird von jetzt auf gleich so schlecht, dass ich mich kaum auf den Beinen halten kann. Emotionslos geht Jesse an mir vorbei und lässt mich stehen. Ich bin wie gelähmt.
Am anderen Ende der Straße höre ich eine Gruppe grölen. Es sind Frauen und Männer, die auf uns zukommen. Die Bierflaschen halten sie hoch und stimmen ein Lied an. Wollte Jesse deswegen das Gespräch beenden?
»Jesse!« Ich gehe ihm hinterher, aber es ist zu spät. Vor dem Club sehe ich nur ein paar Kerle, die an ihren Zigaretten ziehen und sich unterhalten. Ein Pärchen knutscht direkt neben dem Tor, das zum Außenbereich führt. Es scheint, als hätte der Club ihn verschlungen.
»Habt ihr einen Kerl gesehen? Ungefähr so groß? Rote Haare?«, frage ich sie, aber sie zucken nur mit den Schultern.
»Ist der nicht reingegangen?« Ein Mann betrachtet mich ausführlich und hält mir eine weiße Packung hin. »Willst du eine Kippe?«
»Nein. Aber danke für deine Hilfe!« Also renne ich wieder in den Club und quetsche mich an der neuen Security vorbei, die mich tatsächlich schief anglotzt. Ja, ich bin Angestellter! Ja, ich tanze hier verdammt noch mal!
»Jesse!«, rufe ich gegen die laute Musik an. Ich kann ihn nirgends sehen.
Hastig zerre ich das Handy aus der Hose, doch es flutscht mir aus der Hand. Bevor jemand drauftritt, schnappe ich es zwischen den tanzenden Füßen weg und wähle seine Nummer.
Mein Herz pocht immer schneller, je länger er nicht drangeht. Er ist also sauer auf mich? Warum?
11. Kapitel
Aleksei
»Der gewünschte Teilnehmer ist zurzeit nicht erreichbar. Bitte hinterlassen sie nach dem Signalton eine Nachricht.«
Es ist der fünfte Tag, an dem ich nichts von Jesse höre. Als würde er mich hassen, ist er wie vom Erdboden verschwunden. Vielleicht ist er mich leid geworden. Wer weiß das schon.
Meine Motivation ist nicht vorhanden und mein gestriges Tanzen war grottig. Ich fühle mich so klein und unwichtig. Wenn ich so im Bett liege und durch das Fenster starre, bin ich wie eine Hülle. Mein Herz hält meinen Körper am Leben, obwohl ich nichts mehr habe, wofür es sich durchzuhalten lohnt. Jesse ist doch meine Familie. Außer ihm habe ich niemanden.
Die Bettdecke ziehe ich mir über den Kopf, damit die Sonne mich nicht weiter blendet. Ich will nicht aufstehen. Wozu sollte ich? Meine gesamte Energie ist weg und ich habe nicht einmal die Kraft, mich zu einem Lächeln zu zwingen. Ich verstehe es nicht. Es war, als wäre er eifersüchtig, weil Serik mich geküsst hat. Warum sonst würde er ihn derart grob von mir wegschlagen? Allerdings hat Jesse mich öfter mit einem Mann gesehen. Auch in obszöneren Lagen als nur knutschend. Warum ist er jetzt so?
Außerdem hat er ebenfalls Liebhaber wie Smoochie Poo, Cupcake und wie sie nicht alle heißen. Er wäre also der Letzte, der mir eine Szene machen dürfte!
Genervt trete ich die Decke weg und schlüpfe in meine Klamotten. Es ist kaum zu glauben. Warum verhält er sich wie ein beleidigtes Kleinkind, dem das Spielzeug geklaut wurde? Bisher war auch noch kein Streit so schlimm, dass wir uns nicht mehr beim anderen gemeldet haben. Wir konnten es jedes Mal klären und danach waren wir fester zusammengeschweißt, als vorher. Weshalb hält er es diesmal für besser, es totzuschweigen?
Sogar nach seinem Abschlussball haben wir uns vertragen. Da hat mich ein Kerl angegraben und ich fand ihn ganz süß. Ich konnte ja nicht ahnen, dass Jesse ihn hasst und die beiden immer im Konkurrenzkampf miteinander standen. Ben kannte ich zwar von Erzählungen her, aber vom Aussehen nicht. Außerdem hätte ich mich ja nicht auf das Flirten eingelassen, wenn ich es gewusst hätte!
Allerdings ist es nun ganz anders. Serik hat doch nichts mit Jesse zu tun. Ja, ich finde den Securitymann heiß und wir haben geknutscht, aber kann Jesse mir das nicht verzeihen? Verdammt, wenn ich geahnt hätte, was das für Konsequenzen mit sich zieht, hätte ich es niemals gemacht.
Jesse sollte mir die Chance geben, mich zu erklären. Warum kann ich ihn nicht erreichen? Hat der Mistkerl mich geblockt? Will er nie wieder von mir hören?
Meine Nase kribbelt, als mir die Tränen in die Augen steigen. Ich will mir kein Leben vorstellen, in dem er nicht an meiner Seite ist.
Ich verstehe das alles nicht. Wenn er ein Problem hat, dann kann er es mir doch sagen. Denkt er, ich wäre zu blöd, um seine Sichtweise nachzuvollziehen?
Die Wäscheberge schiebe ich beim Gehen aus dem Weg. Vor meiner Tür liegt ein kleiner Haufen Post. Es ist hauptsächlich Werbung.
Mit offenem Mund starre ich einen Brief an. Das Papier ist dicker und die silberne Schrift und das Wappen der Akademie lassen meine Hände zittern. Hastig reiße ich den Umschlag auf und überfliege die Zeilen. Ich kann es kaum lesen, so verschwimmen die Buchstaben ineinander. Ich sehe nur ein dick gedrucktes Datum und eine Uhrzeit.
Es ist ein Vorsingen. Verdammt noch mal, die wollen mich dieses Jahr noch in den Unterricht quetschen? Wie ist das möglich? Das ist der Wahnsinn!
»O Gott!«, schreie ich und hüpfe in die Luft. Endlich habe ich die Chance, es allen zu zeigen! Juhu! Darauf habe ich schon immer gewartet! Wenn Jesse das hört, wird er bestimmt ausflippen!
Ich werfe mich auf das Bett und schnappe mir im Herumkullern das Handy. Ich muss Jesse anrufen. Also drücke ich auf dem Display herum und halte es mir an das Ohr.
»Der gewünschte Teilnehmer ist zurzeit nicht erreichbar. Bitte hinterlassen sie nach dem Signalton eine Nachricht.«
Mir schießen die Tränen in die Augen. Wie konnte ich denn vergessen, dass ich für ihn gestorben bin? Da passiert so etwas Bombastisches und ich will meine Freude mit ihm teilen und er? Bin ich ihm wirklich egal?
Das Schreiben zerknülle ich und werfe es gegen den Mülleimer, den ich leeren sollte, ehe der Berg herunter rieselt wie eine Lawine.
Was für eine Scheiße.
Wackelig setze ich mich auf das Bett und wische mir über die Wangen. Ich weiß nicht einmal sicher, was ich getan habe. Warum verhält er sich wie ein gottverdammtes Arschloch?
Grummelnd packe ich mir das Schreiben vom Boden und stopfe es in meine Jeanstasche. Wenn er mich abwimmeln will, dann soll er das mal persönlich machen. So ein blöder Mistkerl. Was denkt er sich eigentlich? Ich bin nicht irgendeines seiner Liebchen, die er ignorieren kann.
Stampfend stürme ich durch den Club und renne gegen Serik. Dieser hebt die Hand zum Gruß und ringt um Worte, aber ich habe keine Zeit. Mir ist unser Rumknutschen und das bisschen Gefummel unangenehm. Vor allem, wenn das der Grund sein sollte, weswegen Jesse sauer ist.
Und Serik? Der denkt jetzt anscheinend, er wäre meine große Liebe. Der eiert andauernd um mich herum, als würde er fragen wollen, ob ich in ihn verknallt bin. Nein, bin ich nicht. Ich wollte nur Sex. Aber das Thema ist durch.
»Aleksei?«, bringt er schließlich hervor und zieht sich seine Weste zurecht. »Ich weiß, wir hatten so unsere Probleme. Wir arbeiten jedoch miteinander, demzufolge …«
»Was willst du?«
»Darf ich dich zum Essen ausführen?«
Ist der übergeschnappt? Ich verziehe das Gesicht und lasse ihn dumm stehen.
Es wäre besser, wenn ich direkt die Finger von ihm gelassen hätte. Er ist schuld an all dem und jetzt muss ich seine Visage jeden Tag ertragen, weil wir im selben Club arbeiten. Wie konnte ich nur so einen Fehler begehen? Und warum sieht Serik auch so verdammt gut aus? Das ist doch unfair. Niemand hätte bei ihm widerstanden, wenn er einem so erregende Blicke zuwirft.
Aber was macht der überhaupt so früh hier? Ist es ein Meeting mit dem Inhaber?
Mir wäre es lieb, wenn die Security wieder ausgewechselt wird. Egal, ob sie ihren Job gut machen oder nicht.
Im letzten Moment erwische ich den Bus auf der anderen Straßenseite und zwänge mich zwischen die ganzen kleinen Schulkinder, die gerade Schluss haben. So ein Mist. Die Lautstärke zerfetzt mir fast das Trommelfell und ich habe meine Kopfhörer vergessen. Das ist die größte Strafe. Es ist nicht nur arschkalt, sondern auch ungemütlich, eingequetscht zu stehen.
Drei Jungs versuchen, an den Griffen zu turnen, die dafür gedacht sind, dass man sich an ihnen festhält. Was ist nur mit denen los? Das kann saugefährlich sein.
Genervt verdrehe ich die Augen und starre auf mein Handy. Irgendwie muss ich die zwanzig Minuten rumkriegen, bis ich bei Jesses Wohnung bin. Vielleicht ist er noch nicht zu Hause, aber er sollte bald Feierabend haben.
Mit dem Bus ist es ätzend zu ihm zu fahren. Ich muss umsteigen und rennen, damit ich den nächsten überhaupt kriege, denn der fährt nur alle Viertelstunde.
***
Vor Jesses Haus hibbele ich hin und her. In der zweiten Etage brennt Licht. Also ist er schon da?
Ich war so lange nicht mehr hier. Das macht mich auch zu einem miesen Freund. Braucht es also einen Streit, damit ich den Arsch bewege?
Den Schal ziehe ich höher, dass mein Gesicht nicht einfriert. Es ist kaum fünf Uhr, aber so dunkel, als wäre gleich Mitternacht.
Mehrmals klingele ich, bis die Tür summt und ich sie aufdrücken kann. Das Treppenhaus ist bitterkalt, wie eine Tiefkühltruhe. Die Wände sind beschmiert mit Graffiti und in der Ecke sind drei Fahrräder angekettet.
Mein Herz hüpft immer schneller, während ich direkt zwei Stufen auf einmal nehme.
Jesse steht vor der geöffneten Wohnungstür und starrt mich mit gerunzelter Stirn an. Na also! Jesse ist da! Wie kann er sich dennoch zu fein sein, um an sein Telefon zu gehen? Mistkerl!
In seiner grauen Jogginghose sieht er aus, als hätte er gerade auf dem Sofa herumgelümmelt. Dazu ist er oberkörperfrei, sodass ich seine trainierte Brust sehen kann.
»Aleksei?«, fragt er, als hätte er mit jedem gerechnet, außer mit mir. Wäre ihm ein Postbote etwa lieber gewesen? Meine Augenbraue zuckt.
»Schönen guten Abend«, sage ich und streiche mir den Schnee von den Schultern und der Mütze. »Hast du mich schon vermisst?«
»Was machst du hier?«
Wow, warum sagt er das so?
»Ich komme dich besuchen?« Wozu sollte ich sonst hier sein? Lächelnd wickele ich mir den Schal herunter, aber Jesse weicht nicht zur Seite, als ich in seine Wohnung will. Hinter ihm ist der Flur in einem warmen Gelb beleuchtet. Auf der Kommode stehen Kerzen und da ist doch auch Weihnachtsdeko und ein Teller voller Kekse. Der Wahnsinn!
Es sieht unglaublich einladend und gemütlich aus, warum war ich so lange nicht mehr hier? Ach ja, der Rückweg zur Bar dauert ewig. Mit meinem Bus verpasse ich knapp den nächsten, sodass ich rumstehe, bis ich bis zur Nasenspitze eingeschneit bin.
»Jesse? Wo bleibst du? Das Essen ist …«
Irritiert ziehe ich mir die Mütze hoch, um zu sehen, wer der Kerl ist, der da mit einem Auflauf im Raum steht. Mit genau so großen Augen glotzt er mich an.
Wer zum Teufel ist der Pimpf? Keine Ahnung, ob das ein Freund ist, aber gleich auf den ersten Blick hasse ich sein bildschönes Gesicht und die hellbraunen, welligen Haare. Was sind das für hohe Wangenknochen und warum sieht seine Haut aus, als wäre ein Weichzeichner drübergelegt worden? Ist der Typ real? Unmöglich!
»Ich habe jetzt keine Zeit, Alek«, flüstert Jesse und kratzt sich über den Nacken.
»Wer ist das?« Eigentlich habe ich angenommen, dass meine Stimme schrillt, doch sie ist seltsam ruhig. Mein Herz setzt ein paar Schläge aus, als ich merke, was für eine Art von Blicken sie sich zuwerfen.
Der Kleine trägt eine verwaschene Jeans und einen bordeauxroten, viel zu kurzen Pulli, dessen Hoodiebänder über seinem bebenden Brustkorb baumeln.
»Es ist nicht das, wonach es aussieht«, erklärt Jesse. Sein Süßer stellt den Auflauf auf der Kommode ab und kuschelt sich an meinen besten Freund. Die braunen Augen betrachten mich, ehe er verkniffen lächelt.
»Dich kenne ich gar nicht. Bist du ein Bekannter von Jesse?« Als wäre ich ein Verkäufer, den man abwimmeln will, ändert sich sein Tonfall. Er starrt mich an, wie einen Endboss im Videospiel.
Ich hasse seine Sommersprossen. Am liebsten würde ich sie ihm herunterkratzen und meine Faust auf seinen vollen Lippen platzieren.
»Ich bin Shishko.«
Smoochie Poo? Ist er das? Von der Statur und dem Leberfleck am Bauchnabel könnte es hinhauen. Es sind diese schmalen Schultern und der zierliche Körperbau, die Jesses Standard-Beuteschema sind. Dazu noch die fluffigen Haare und es ist perfekt.
Den Brief in meiner Hosentasche zerknittere ich. Es ist, als stünde ich in Flammen. Meine Wangen glühen und meine Augen sind unangenehm trocken. Ich knirsche mit den Zähnen, da sagt Smoochie Poo: »Willst du reinkommen? Wir wollten gerade zu Abend essen.«
»Shishko, wir sollten nicht …«
»Ist in Ordnung«, würge ich hervor und wickele mich in meinen nassen Schal ein.
Hauptsache Jesse rastet aus, weil ich mit jemandem knutsche, aber er spielt hier auf Familienleben mit einem Liebhaber? Will der mich komplett verarschen?
»Wir sind nicht zusammen«, erklärt Jesse, was seinen Typen blöd glotzen lässt.
Ich weiß nicht, wie ich schaue. Vielleicht bin ich gerade die Kuh im Scheinwerferlicht.
O Gott, ich habe es die ganze Zeit geahnt.
»Ich wollte es dir erklären, Alek«, flüstert Jesse und kratzt sich über die Kehle. »Es war nur nie der richtige Zeitpunkt und es ist so viel passiert. Du warst beschäftigt und ich irgendwie auch und dann kam eins zum anderen und … Ich wollte es dir ja sagen. Ehrlich.«
»Wann? Vor oder nachdem du mich gefickt hast?«, platzt es aus mir heraus. In mir brodelt die Wut. Mein Herz krempelt die Ärmel hoch und will Jesse eins auf die Nase schlagen.
Wie kann er mir so etwas antun? Warum er? Im Endeffekt sind alle Menschen gleich. Es gibt niemanden, dem ich vertrauen kann. Niemanden. Selbst mein bester Freund, der mir immer versprochen hat, für mich da zu sein, hat mir so ins Gesicht gelogen.
Ich kann ihn nicht einmal mehr ansehen.
»Du bist das Letzte.« Ich muss hier weg, bevor ich vor ihm losheule. Meine Beine wackeln, aber ich renne los.
»Alek«, ruft er und folgt mir die Treppen herunter. Seine Socken sind klitschnass, als er mich vor der Haustür abfängt und festhält.
»Ich kann das nicht mehr«, sagt er und schnauft. Angespannt stolpere ich zurück, bis ich die Wand im Rücken spüre.
Ich starre ihm auf den Bauch, um nicht seinem Blick zu begegnen.
»Du bist ein Verräter.« Wie konnte er mir das antun? Er weiß ganz genau, wie ich auf so etwas reagiere! Wenn er eine Beziehung hat, dann hätte er es mir sagen können. Es ist nicht so, als würde ich es ihm verbieten. Er soll mit jemandem zusammen sein, der ihn im Arm hält, wenn es ihm schlecht geht und mit ihm seine Sorgen teilt, nur …
Was ist mit mir? Lässt er mich dafür links liegen? Meldet er sich deswegen nicht bei mir?
Seine Hände sind vertraut warm, die er auf meine Wangen legt. Sie riechen nach Plätzchenteig und Zimt, so als hätten die beiden gebacken. Haben sie das? Standen sie vorhin in der Küche und haben herumgealbert, während sie sich den Teig von den Fingern geleckt haben?
Die Tränen fluten meine Augen, als hätten sie nur darauf gewartet, herauszuplatzen. Hastig blinzele ich sie weg. Ich will jetzt nicht vor Jesse heulen. Nicht vor ihm.
Mein Körper wird immer schwerer und ich kann kaum noch Luft holen. Warum tut er mir das an? Es ist ja nicht so, als wäre ich ein Monster! Denkt er, dass ich kein Verständnis hätte? Ich würde ihm so viel durchgehen lassen, um nicht weggeworfen zu werden.
»Es ist die einzige Lösung, damit alles so bleiben kann, wie es ist«, flüstert er. »Ich kann dir nicht länger dabei zusehen, wie du Fremde küsst und so tun, als wäre es mir egal.«
Was soll das bedeuten?
»Ich bin so in dich verliebt, du gigantischer Vollidiot«, sagt er mit geschlossenen Augen und lehnt seine Stirn an meine.
Ich kann nicht atmen. Mein Herz schlägt immer schneller und mein gesamter Körper zittert unter der Berührung, wie er meine Wangen streichelt. Sein Daumen kratzt über meinen Kiefer, während Jesse seinen Mund leicht öffnet, um meinen zu verschließen. Es sind die rauen Finger, verziert mit Narben, die ich in- und auswendig kenne.
Auf dem Kinn hat er einen Leberfleck und das Grübchen, das …
»Ich kann das nicht. Ich kann das nicht«, schreit meine innere Stimme.
Vor mir sehe ich meinen Vater stehen, der mich geschlagen und abgegeben hat, obwohl er mich liebt. Mein Ex hat auch geflüstert, dass ich für ihn der wichtigste Mensch bin, aber er wollte nur Sex. Was ist, wenn ich Jesse nicht das geben kann, was er verlangt? Was, wenn ich seiner Art der Liebe nicht gerecht werde?
Ich weiß nicht einmal, was das ist. Was ist ›Liebe‹ für ihn? Was ist sie für mich? Wie soll ich ihm vertrauen? Was, wenn er mich leid wird? Meine Gedanken überschlagen sich. Die Männchen in meinem Körper haben den Notstand ausgerufen und springen aus den Fenstern. Weder sie noch ich können mit all dem umgehen.
Unter Tränen ramme ich ihn von mir weg und laufe los. Ich kann das nicht. Verdammt, ich kann das einfach nicht.
Er ist mein bester Freund. Jesse ist meine Familie! Ich kann ihn nicht verlieren! Gefühle würden alles kaputt machen!
Schnaufend renne ich an der Bushaltestelle vorbei, die Straße hinunter. Ich habe kein Ziel, ich will nur weg von hier und nie wiederkommen.
Ich kann das nicht. Es geht nicht.
Schluchzend verstecke ich mein Gesicht hinter den Händen und husche in eine Seitengasse. Ich bin ein Trottel.
Was soll ich tun? Ich weiß nicht einmal, wie ich ihm die Liebe geben soll, die er verdient? Ich könnte niemals so schnuckelig sein wie Smoochie Poo und ihm einen Auflauf kochen. In meinem ganzen Leben habe ich bisher nie richtig gekocht und ich habe auch nie Plätzchen gebacken. Die seltenen Momente, in denen ich Nudeln gemacht habe, um sie danach in Ketchup zu ertränken, waren mit Jesse.
Er ist der einzige Mensch, den ich nie verlieren wollte. Es musste früher oder später so kommen, aber …
Warum hat er sich in mich verliebt? Wie kann er das behaupten, während er mit einem anderen Mann zusammen ist? War das am Ende nur eine Lüge?
Wie kann er zwei Kerle gleichzeitig im Herzen tragen?
Mein Atem geht so hastig, dass mir schwindelig wird. Vor mir zieht der Schnee mit der Hauswand seltsame Formen, ehe ich mich auf den Boden hocke.
»Ruhig atmen«, sage ich mir selbst, bevor ich noch hyperventiliere.
Das kann alles nicht passieren.
Ich bin wie ein Vögelchen, das in einen Käfig gesetzt wurde. Jeden Tag warte ich nur brav darauf, dass Jesse mir ein paar Körner reinwirft und mir zufrieden über den Kopf streichelt. Es ist kein beengendes Gefühl. Die goldenen Gitterstäbe bieten mir Schutz und Sicherheit. Außerdem ist die Tür nie abgeschlossen. Sie steht einen winzigen Spalt offen und wenn ich sie betrachte, träume ich oft davon, was geschehen würde, wenn ich einfach wegfliegen würde. Ich müsste nur die Flügel ausbreiten und mich in die Luft erheben. Der Wind würde mir durch die Federn gleiten und mich am Bauch kitzeln, während ich zum ersten Mal die Welt erkunden kann.
Doch mit Jesses Liebesgeständnis ist es anders. Die Hand legt er auf die Tür und schließt sie vor meiner Nase zu. Ich könnte nie wieder entkommen. Ich wäre für immer gefangen.
Und dennoch möchte ich nicht lieblos weggescheucht werden, als wäre es ihm egal, ob ich je wieder Futter bekommen würde. Jesse reißt den Käfig von mir weg und bemerkt gar nicht, wie die Metallstäbe dabei tiefe Wunden auf meiner Haut hinterlassen.
Pulsuz fraqment bitdi.