Kitabı oxu: «Bindungstraumatisierungen bei Kindern und Jugendlichen»

Die Autor*innen
Prof. Dr. Nicole Vliegen ist als psychodynamisch ausgerichtete Kinderpsychotherapeutin im Arbeitsbereich Klinische Psychologie der Universität Leuven tätig. Sie lehrt an der Universität Leuven im Bereich der psychoanalytischen Therapie und ist akademische Leiterin der postgradualen Ausbildung für psychoanalytische Kinder- und Jugendtherapeut*innen sowie akademisch Verantwortliche der Kinder- und Jugendtherapie am universitären Praxiszentrum ›Praxis P‹ in Leuven. Sie ist Leiterin des Forschungsprogramms zu komplexen Traumata und Bindungstraumatisierungen bei Pflege- und Adoptivkindern und des Ausbildungsinstituts RINO-Flandern, mit dem Fokus auf die psychische Gesundheit in der frühen Kindheit.
Prof. Dr. Eileen Tang ist Postdoc im Arbeitsbereich Klinische Psychologie der Universität Leuven. In ihrer Forschung widmet sie sich der Entwicklung von Pflege- und Adoptivkindern mit komplexen Traumatisierungen. Als psychoanalytische Psychotherapeutin ist sie im Therapiezentrum Praxis P der Fakultät Psychologie und Pädagogische Wissenschaften der Universität Leuven wirksam und lehrt überdies psychodynamische Psychotherapie an der Fakultät der Psychologie und Erziehungswissenschaften der Freien Universität Brüssel.
Prof. Dr. Patrick Meurs ist Direktor am Sigmund-Freud-Institut in Frankfurt/Main. Hier leitet er die Forschung zu Prozessen und Effekten der psychoanalytischen Kindertherapie und zur Entwicklung von Kindern und Jugendlichen mit Migrations- oder Fluchthintergrund. Er ist Leiter der Fachgruppe Psychoanalyse der Universität Kassel und lehrt am Institut für Erziehungswissenschaften psychoanalytische Entwicklungspsychologie und Kinderpsychotherapie. Zudem ist er akademischer Verantwortlicher für psychoanalytische Ausbildungen in Kassel und Leuven und praktizierender psychoanalytischer Psychotherapeut für Kinder und Jugendliche. Er ist auch Mitglied des Scientific Board des Frankfurter IDeA-Zentrums (Individual Development and Adaptive Education of Children at Risk).
Nicole Vliegen/Eileen Tang/Patrick Meurs
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Aus dem Flämischen übersetzt von: Corinna Poholski, Constanze Rickmeyer und Judith Lebiger-Vogel
Flämische Originalausgabe:
Van kwetsuur naar litteken. Hulpverlening aan kinderen met complex trauma.
Alle Rechte vorbehalten
© 2017 Nicole Vliegen, Eileen Tang, Patrick Meurs
Illustrationen: Mark Borgions
Für die deutschsprachige Ausgabe:
1. Auflage 2021
Alle Rechte vorbehalten
© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Print:
ISBN 978-3-17-037186-6
E-Book-Formate:
pdf: ISBN 978-3-17-037187-3
epub: ISBN 978-3-17-037188-0
mobi: ISBN 978-3-17-037189-7
Inhalt
1 Vorwort von Dr. phil. Marianne Rauwald
2 Vorwort der Autor*innen zur deutschen Version
3 Vorwort von Dr. med. Peter Adriaenssens
4 Danksagung der Autor*innen und Anerkennung
5 Einleitung
6 Entwicklung im Schatten eines komplexen Traumas
7 Einleitung
8 1 Außergewöhnliche Kinder, außergewöhnlicher Versorgungsbedarf
9 1.1 Jedes Kind ist anders
10 1.2 Kinder mit Gebrauchsanweisung
11 1.3 Über das frühe Trauma nachdenken können und dürfen
12 1.4 Definition der Traumatisierung
13 1.5 Die komplexe Traumatisierung
14 1.6 Von der Verletzung zur Narbe
15 2 Ein kurzer Einblick in die Entwicklungspsychologie
16 2.1 Ein von Fürsorge abhängiges und sozial orientiertes Kleinkind
17 2.2 Von der gemeinsamen Regulierung am Anfang des Lebens zur späteren Selbstregulierung
18 2.3 Der Aufbau von Erinnerungen und dem Gefühl einer eigenen Lebensgeschichte
19 2.4 Was passiert, wenn Kinder nicht beruhigt und getröstet werden?
20 2.5 Die Bedeutsamkeit davon, den Kontakt wieder herzustellen
21 2.6 Komplexes Trauma: Ein Rucksack voll überwältigender Erlebnisse
22 2.7 Wie frühe Stresserfahrungen die Gehirnentwicklung beeinflussen
23 2.8 Jedes Kind ist einzigartig: Die Symphonie der Entwicklung eines Kindes
24 3 Die Relevanz der Bindungsentwicklung für den Aufbau der Persönlichkeit
25 3.1 Von der Regulierung bis zur Bindung
26 3.2 Bindungsentwicklung als ein lebenslanger Prozess von Wachstum und Reifung
27 3.3 Die versorgende Person: Von einer sicheren Basis zum Hafen, der Erholung bietet
28 3.4 Eine sichere Bindungsbeziehung als Grundlage für eine gesunde emotionale Entwicklung
29 3.5 Bindung im Kontext eines komplexen Traumas: Entwurf einer inneren Welt voller Angst und Misstrauen
30 3.6 Eine neue Landkarte?
31 4 Notwendigkeit reflektierender und haltender Eltern und Umgebungen
32 4.1 Über die eigene Innenwelt nachzudenken, wird innerhalb einer »normalen« Familienkonstellation erlernt
33 4.2 Mentalisierung: ein Psy-Wort für den sorgsamen Umgang mit Kindern
34 4.3 Eltern wird man ohne Ausbildung oder Gebrauchs- anweisung: Auf der Suche nach einem Kompass
35 4.4 Ein Kind findet sich in den Spiegeln, die versorgende Personen ihm vorhalten
36 4.5 Kinder mit einem komplexen Trauma sind schwerer zu lesen
37 4.6 Die elterliche Mentalisierung unter Druck
38 4.7 Wie hält man als Eltern dann im Sturm noch den Kurs?
39 4.8 »Außergewöhnlich gute Eltern« gesucht: Verletzte Kinder benötigen Eltern mit besonders ausgeprägten Reflexions- fähigkeiten
40 4.9 It takes (more than) a village to raise a child (with complex trauma): Ein traumasensitiver Kontext für Eltern
41 4.10 Traumasensible Hilfestellung
42 Behandlung: Von der Verletzung zur Narbe
43 Einleitung
44 Ein Beratungsrahmen, ein dreiteiliges Angebot
45 Kinderpsychotherapie im Therapiezimmer: spielen, malen und erzählen
46 Was Psychotherapie bei Kindern mit einem komplexen Trauma bedeutet
47 5 Das Spielzimmer als Ort des sich Wiederfindens
48 5.1 Spielen, Malen und Erzählen bei Kindern mit einem komplexen Trauma
49 5.2 Narrative Entwicklung: die ersten Geschichten im Leben sind »Co-Constructions« (gemeinsame Konstruktionen)
50 5.3 Wenn die bisherigen Erfahrungen zu intensiv sind und zu früh auftreten, um in Worte gefasst zu werden
51 5.4 Traumatrigger: Traumaspuren als Störsender beim Spielen, im Verhalten und in der Kommunikation
52 5.5 Spielen ist wichtig, um zu wachsen und zu verarbeiten
53 5.6 Auf der Suche nach Wörtern und Bildern
54 5.7 Eine Schublade, eine Schachtel und ein Zeichenblock als »Container« für Erfahrungen
55 5.8 Regisseur der eigenen Geschichte werden: Das Spielen und Erzählen als Wiederholen, Meistern und ›In-den-Griff- bekommen‹
56 5.9 Gemeinsam Sprache und Bilder für Erfahrungen in der Psychotherapie finden
57 5.10 Zum Abschluss dieses Kapitels
58 6 Von der emotionalen Achterbahnfahrt zu neuen Erfahrungen der Regulierung
59 6.1 Das Regulationssystem von Kindern mit einem komplexen Trauma: Eine Innenwelt, die schnell dereguliert ist
60 6.2 Hypervigilanz und erhöhte Stressempfindlichkeit: Die biopsychosoziale Falle
61 6.3 Das Kontinuum der Erregung bei Kindern mit einem komplexen Trauma
62 6.4 Traumatrigger – Reize, die an das Trauma erinnern
63 6.5 Erste Hilfe bei Störungen: Co-regulierende Erwachsene, die tief durchatmen und ruhig nachdenken
64 6.6 Bilder, Worte und Sprache als Grundlage für Regulierung und Kontrolle
65 6.7 Vom »Eigenbrötler« bis zum »Ausflippen«: Metaphern, die helfen, sich selbst zu verstehen
66 6.8 Über Löwen, Rehe und Kaninchen: Die Beute eines primitiven fight-, flight- oder freeze-Modus
67 6.9 Wiederherstellung des Körpervertrauens
68 6.10 »Stop and rewind«: Von fight, flight und freeze zum gemeinsamen Spielen, Sprechen und Nachdenken
69 6.11 Abschließend
70 7 Inseln des Vertrauens in einer Erfahrungswelt unzuverlässiger Versorgung
71 7.1 Komplexes Trauma ist auch ein »Bindungstrauma«: Eine innere Welt, die auf einem grundlegenden Gefühl des Misstrauens beruht
72 7.2 Internale Arbeitsmodelle: Ein »Skript« für Beziehungen – eine Landkarte der sozialen Welt
73 7.3 Das Spielzimmer als Labor für soziale und emotionale Erfahrungen/Entwicklung
74 7.4 Brückentester: Die Kraft von und der ewige Kampf mit einer tief verwurzelten Verlassensangst
75 7.5 Intermezzo
76 7.6 The witching hour: Gelegentlich überwältigt von grausigen »Hexen«-Gefühlen gegenüber anderen
77 7.7 »Gespensterstunde-Erfahrungen im Kleinen«
78 7.8 Außen wütend, Innen zerbrechlich: Wutanfälle als Tarnung der Angst
79 7.9 Sich verstecken, um gefunden zu werden: Erstes vorsichtiges Vertrauen
80 7.10 Im Spielzimmer noch mehr Wechselseitigkeit und Vertrauen üben
81 7.11 Zum Abschluss des 7. Kapitels
82 8 Ein Selbstnarrativ aufbauen und sich in neuen sozialen Beziehungen engagieren als Fundament der eigenen Identität
83 8.1 Das komplexe Trauma, der Bindungsabbruch und die Identitätsentwicklung: In einem Labyrinth aus schwierigen Erfahrungen kann man sich auch selbst verlieren
84 8.2 Eine betäubte Innenwelt: Niemand weiß, wie lange Sprösslinge auf Regen warten können
85 8.3 Die Quelle der Vitalität anbohren und den Keim unter einer Kappe schützen
86 8.4 Verliert man sich selbst, verliert man den inneren Kompass
87 8.5 Kollidieren mit neuen Bezugspersonen und Konflikte suchen, um ein Selbstgefühl neu aufzubauen und Keime eines inneren Kompasses (wieder) zu finden
88 8.6 Identitätsentwicklung: Schrittweise ein neues Narrativ mit verschiedenen Versionen oder Kapiteln des Selbst entwickeln
89 8.7 Eine Lebensgeschichte mit Lücken, Sprüngen und Inkonsistenzen
90 8.8 Trauer und Verlust betrifft mehr als nur eine versorgende Person
91 8.9 Die unvermeidlichen Seelennarben als Teil des Selbst akzeptieren
92 8.10 Zum Abschluss
93 Als Fazit: Ein Zehn-Punkte-Programm für eine traumasensible Gesellschaft
94 Literatur
Vorwort von Dr. phil. Marianne Rauwald
Seit Erscheinen des DSM-5 haben wir die Möglichkeit, auch komplexe Verläufe einer Posttraumatischen Belastungsstörung zu diagnostizieren, die in Erwartung stehende ICD-11 wird die Diagnose einer Komplexen Traumatisierung als eigene Einheit aufnehmen und so der Erfahrung Rechnung tragen, dass gerade frühe und wiederholte im Bindungskontext erfahrene traumatische Erlebnisse bei den betroffenen Kinder langfristig kognitive, affektive und psychosoziale Beeinträchtigungen in unterschiedlicher Weise und Ausprägung bedingen können. Kinder, die häufig in ihrer nächsten Umgebung, in ihrer Familie, dort, wo sie Halt, Schutz und Geborgenheit erfahren sollten, zutiefst verletzt wurden, erfahren nahe Bindungen als Ort oft permanent drohender Gefahr, vor der es kaum einen Schutz gibt. Sie reagieren darauf abhängig von Alter und individuellen Faktoren sehr unterschiedlich mit aggressivem Verhalten, Rückzug und depressiver Entwicklung oder auch mit nach außen gezeigter auffälliger Unauffälligkeit, dies oft zum Schutz ihrer Eltern.
Kinderschutz und Jugendhilfe haben sich zur Aufgabe gemacht, Kindern in Not, Kindern, die in ihren Herkunftsfamilien unerträgliche Erfahrungen machen mussten, zu helfen. Mit Angeboten der ambulanten Hilfen versuchen sie, gefährdeten Kindern wie auch solchen, die bereits Beeinträchtigungen in ihrer bisherigen bio-psycho-sozialen Entwicklung erfahren mussten, zu helfen. In anderen Fällen kommt es zu einer Herausnahme und stationären Unterbringung betroffener Kinder in Einrichtungen, Wohngruppen oder auch Pflege- und Adoptivfamilien. Es besteht die Hoffnung, dass Kinder in dieser neuen Umgebung nun die Voraussetzung für eine gesunde und freie Entwicklung erfahren.
Immer wieder jedoch kommt es auch unter den neuen Lebensbedingungen zu schwierigen Entwicklungen und Situationen, die gerade die betreuenden Adoptiv- oder Pflegeeltern vor große Herausforderungen stellen und sie oft bis an die Belastungsgrenze bringen. Manchmal scheint schon eine Eingewöhnung schwierig, häufiger treten Konflikte und Verhaltensauffälligkeiten erst nach Monaten oder Jahren auf. Gerade Entwicklungskrisen wie Pubertät und Adoleszenz stellen für einige diese Kinder risikobehaftete Schritte dar und gehen oft mit aufwühlenden Erfahrungen einher – für sie selbst ebenso wie für ihre nahe Umgebung. Manchmal zeigen Kinder und Jugendliche dieses herausfordernde Verhalten hauptsächlich in den Familien, in denen es zu unerträglichen Streitigkeiten und zunehmend gegenseitigem Misstrauen und beiderseitigen Vorwürfen kommt, während die Schule oder die soziale Umgebung weiterhin freundliche, interessierte und aufgeschlossene jungen Menschen wahrnimmt. Bisweilen scheinen betroffene Kinder und Jugendliche nach einem hoffnungsvollen Start alle Brücken hinter sich abbrechen zu wollen und sich – kaum erreichbar für ihre Familien – über autoaggressive oder dissoziale Tendenzen einer positiven Entwicklung zu verschließen. Neben dem so ausgedrückten Leid der Kinder gehen derartige Entwicklungen für ihre Eltern bzw. Betreuungspersonen mit gravierenden Enttäuschungen, Verunsicherungen und häufig mit schwer aushaltbaren Schuld- und Versagensgefühlen einher. Eltern ebenso wie das professionelle Hilfesystem stehen dann oft ratlos einer destruktiv erlebten Entwicklung gegenüber, die hilfreiche Angebote auszuhebeln scheint und die Helfer hilflos zurückzulassen scheint.
Das vorliegende Buch zeigt, dass die Autor*innen bereits lange aus ihrer praktischen Arbeit und aus der begleitenden Forschung heraus die besondere Entwicklung von Kindern, die früh im Leben unter traumatischen Bedingungen aufwachsen mussten, in den Fokus ihrer Aufmerksamkeit gestellt haben. Im Zentrum ihres Verständnisses, das sie vor allem in der intensiven gemeinsamen therapeutischen Arbeit mit betroffenen Kindern und ihren Bezugspersonen entwickelt haben, stehen die belasteten Bindungserfahrungen dieser Kinder, die alle zumindest einen, oft mehrere Bindungsabbrüche erlebt haben. Es sind gerade diese erlebten Bindungsabbrüche, die als tiefe Erschütterung kindlichen Vertrauens und überdauernde Verunsicherung ihres Selbstverständnisses und Selbstgefühls verinnerlicht werden und in kritischen Momenten immer wieder neu aktiviert werden.
Lebendig und einfühlsam vermittelt der vorliegende Band anhand zahlreicher Vignetten und Erfahrungen aus kindertherapeutischen Behandlungen wie über ein genaues und einfühlsames Zuhören und eine zuverlässige Begleitung ihrer jungen Klient*innen sowie über offene und vertrauensvolle Gespräche mit ihren aktuellen Bezugspersonen, wie Pflege- oder Adoptiveltern aber auch Betreuer*innen in Hilfeeinrichtungen, ein vertieftes Verständnis des Erlebens, der Sorgen und Verhaltensweisen betroffener Kinder und Jugendlicher möglich wird. Anhand ihrer Erfahrungen aus der therapeutischen Begleitung betroffener Familien verdeutlichen die Autor*innen, wie die erlebten frühen Verletzungen dieser Kinder und Jugendlichen, die oft jenseits eines sprachlichen Zugangs tief in der sich entwickelnden kindlichen Persönlichkeit verankert sind, von hier aus die weitere Entwicklung und besonders das weitere Beziehungserleben nachhaltig beeinflussen. Die weitreichenden Folgen früh erlebter Erfahrungen von fehlender emotionaler Verfügbarkeit, grenzüberschreitendem Verhalten, Missbrauch oder Vernachlässigung äußern sich dann oftmals in überdauernden Schwierigkeiten der Emotionsregulierung, des Selbstgefühls, der Identitätsentwicklung und vor allem auch in ihrem späteren Bindungsverhalten.
Die Autor*innen des vorliegenden Bands machen deutlich, wie sehr gerade in diesen Krisen die früh erlebten traumatischen Bindungserfahrungen und vor allem Bindungsabbrüche neu inszeniert werden. Sie öffnen einen Blick in die Welt dieser früh verletzten Kinder und zeigen, wie über ein traumasensibles Verständnis der Verhaltens- und Erlebensweisen ein neuer Zugang zu Kindern und Jugendlichen möglich wird. Sie geben Eltern, Pflege- und Adoptiveltern, Begleitpersonen, Erzieher*innen, Pflegediensten, und auch Pädagog*innen und Therapeut*innen Hilfen an die Hand, mit den Herausforderungen, die das frühe Schicksal der in ihrer Obhut aufwachsenden Kinder und Jugendlichen an sie stellt, umzugehen.
Ich wünsche allen Lesern, vor allem den Eltern, Pflege- und Adoptiveltern und Betreuer*innen unter ihnen, die in ihrem Alltag und Zusammenleben mit betroffenen Kindern, täglich die Herausforderungen meistern müssen, die in den frühen Verletzungen der Kinder ihre Wurzeln haben, dass sie beim Lesen über ein vertieftes Verständnis der inneren Welt ihrer Kinder in ihrem Optimismus und ihrer Hoffnung, dass die neue Stabilität, Sicherheit und Liebe, die sie diesen Kindern geben, eine heilsame Wirkung zeigen wird, bestärkt werden.
Marianne Rauwald
Dr. Phil. Dipl.-Psychologin, Psychoanalytikerin;
Leiterin des Instituts für Trauma-Bearbeitung und Weiterbildung,
Frankfurt-am-Main
Vorwort der Autor*innen zur deutschen Version
In der internationalen Traumaliteratur unterscheidet man man-made und nature-made Traumata, wobei innerhalb der man-made Traumata Traumatisierungen durch die meist nahen Bindungspersonen eine besondere Position eingeräumt worden ist. Wenn traumatische Erfahrungen im sehr jungen Alter und innerhalb des engsten Fürsorgekontexts des Kindes auftreten, spricht man von komplexen Traumatisierungen (Herman, 1992; Solomon & Heide, 1999; Weinberg, 2005 und 2010; Zorzi, 2019), Entwicklungstraumatisierungen (van der Kolk, 2005; Garbe, 2015; siehe auch: Schmid, Petermann & Fegert, 2013) oder Bindungstraumatisierungen (Osofsky, 2004; Brisch, 2012 und 2016). Diese Traumatisierungen können in bestimmten Fällen lange andauern und aus einem Zusammenwirken von Vernachlässigung, Gewalt und Missbrauch entstehen. Nicht selten führen sie auch zu einer zeitlichen Unterbrechung oder einem endgültigen Abbruch der frühesten Bindungsbeziehungen. Aufgrund der enormen Komplexität dieser Traumatisierungen und/oder deren Potenzial, in neuen Bindungssituationen ›nachträglich‹ re-inszeniert zu werden, spricht man in der Psychotraumatologie von einer ›mehrfach komplexen Traumatisierung‹ (multiple complex trauma, van der Kolk, 2005).
In der deutschsprachigen Fachliteratur haben die Richtungen der Psychotraumatologie und der Bindungsforschung in den letzten Jahren näher zueinandergefunden (siehe: Brisch & Hellbrügge, 2003; Brisch, 2016). Die trauma-therapeutische Perspektive ist u. a. von Weinberg (2005, 2010, 2015) und Rauwald (2013) ausgearbeitet worden. Auch der Prävention dieser Traumata in der Eltern-Kind-Beziehung oder der Prävention der intergenerationalen Weitergabe von Bindungstraumatisierungen wurde bereits mehrfach Aufmerksamkeit gewidmet (siehe u. a. Franz & West-Leuer, 2008; Quindeau & Rauwald, 2016; Leuzinger-Bohleber & Lebiger-Vogel, 2016). Unter anderem hat die entwicklungsneurologische und -psychologische Forschung zu den Effekten von frühkindlichen Traumatisierungen deutlich hervorgebracht, wie wichtig die Trias ›Traumaforschung und -therapie‹, ›Bindungsforschung und bindungsorientierte Therapie‹, ›Entwicklungstrauma und entwicklungsorientierte Kindertherapie‹ ist und wie eng diese drei Forschungs- und Praxisfelder verknüpft sind (siehe u. a. Krüger & Reddemann, 2004; Brisch, 2016; Wöller, 2016).
Mit dem vorliegenden Buch widmen wir der bedeutenden Teilperspektive der Fürsorge für komplex traumatisierte Kinder besondere Aufmerksamkeit. In der Betreuung von neuen Bindungspersonen wie z. B. Pflege- oder Adoptiveltern oder Betreuer*innen in Heimen, Schulen, Jugendvereinen, Initiativen des ›begleiteten selbstständigen Wohnens‹, usw. bemerken wir, wie konflikthaft die Betreuung dieser komplex traumatisierten Kinder sein kann. Immerhin besteht das Risiko, das neue Bindungsbeziehungen, die diesen Kindern wichtige Entwicklungschancen bieten, erneut unter enormen Druck geraten und abgebrochen werden müssen. Die Begleitung der neuen Bindungspersonen von komplex traumatisierten Kindern stand bis heute weniger im Fokus. Bisher behandelten die Publikationen zum Thema komplexes Trauma oder Bindungstrauma in besonderer Weise das schmerzvolle Schicksal dieser Kinder oder die Besonderheiten dieser children-at-risk. Später ist dann die Zerrüttung oder der Abbruch der Bindung und das Entwicklungstrauma, das damit einhergehen kann, beschrieben worden. Beforscht wurden auch die Eltern, die als primäre Bindungspersonen zu Täter*innen geworden sind (Brisch, 2016). In der (system)therapeutischen Literatur wurde beschrieben, wie man nach einem komplexen Trauma mit den ›Eltern, die Täter*innen geworden waren‹ arbeiten kann, damit die elterliche Position besser hergestellt werden kann (siehe: Sells & Souder, 2018). Aber schrittweise wurde auch deutlich, dass die Therapeut*innen dieser komplex traumatisierten Kindern immer mehr mit den neuen Bindungspersonen arbeiten mussten (Pflege- und Adoptiveltern) und dass die Traumadynamik auch die Erzieher*innen, Lehrer*innen, Sozialarbeiter*innen und andere Betreuer*innen in Pflegeeinrichtungen erreichte. So wurde deutlich, dass es eines Leitfadens bedarf, der die neuen Bindungspersonen und Hilfeleistenden hinsichtlich eines traumasensiblen Umgangs mit diesen Kindern unterstützt. Ohne Leitfaden geraten diese Betreuer*innen allzu oft in eine Pattsituation mit diesen Kindern. Im vorliegenden Buch wird die Quintessenz einer traumasensiblen Betreuung dieser Kinder in (Pflege-)Familien, Heimen, Schulen, Therapien und Gesellschaft verdeutlicht. Das ist aktuell ein wichtiges Thema, weil zu den bindungstraumatisierten Kindern nicht nur die ›klassischen‹ Pflege- und Adoptivkinder zählen, sondern auch eine Untergruppe von geflüchteten Kindern und Minderjährigen (Rauwald, 2013 und 2016). Wie kann man im Schatten des Bindungstraumas und der Bindungsabbrüche diese Kinder und Jugendliche betreuen? In unserem Buch verdeutlichen wir, was ein traumasensibler Umgang mit Kindern und Jugendlichen beinhaltet; wir beschreiben Hintergründe dieser traumasensiblen Arbeit sowie Perspektiven auf und Handlungsempfehlungen für die Betreuung.
Bei einer Fremdunterbringung oder in verschiedenen Formen der Pflegefürsorge können bindungstraumatisierte Kinder vor den Folgen ihrer early adversity geschützt werden. Jedoch ist damit die Wirkung des Bindungstraumas nicht aufgehoben, da diese Kinder ihre traumatisierende Bindungsgeschichte in sich bzw. in ihr körperliches, persönliches und relationales Funktionieren aufgenommen haben. Bei einer Teilgruppe der bindungstraumatisierten Kinder besteht das Risiko, dass das erlebte Trauma in der Pflege- oder Adoptivfamilie reaktiviert oder re-inszeniert wird, was dann zu einer neuen potenziellen Bruchlinie innerhalb eines vielversprechenden neuen Kontextes führen kann. Pflege- oder Adoptiveltern, aber auch Lehrkräfte, Familienbegleiter*innen, Erzieher*innen und andere Betreuer*innen werden in dem Moment auf eine harte Probe gestellt, sobald sie die unerträglichsten Anteile der Traumata dieser Kinder sowie ihr Misstrauen zu spüren bekommen. Manche Betreuer*innen fühlen sich dann zu einer Gegenreaktion getrieben, wodurch das bindungstraumatisierte Kind sich vernachlässigt, abgewiesen oder verlassen fühlt und die befürchtete Wiederholung des Traumas sich zu realisieren scheint. Andere Betreuer*innen werden ratlos und fühlen sich in dieser Traumadynamik gefangen, worauf sie nicht vorbereitet waren. Diese Traumadynamik ist manchmal so ausgeprägt, dass die Betreuer*innen sehr stark betroffen sind und nicht selten einem Burn-out nahekommen, was die Bedeutsamkeit einer indirekten oder sekundären Traumatisierung (Keilson, 1979) hervorhebt.
Die Autor*innen, die dieses Buch konzipiert haben, sind berufsbedingt in Deutschland und Belgien tätig. Der Hintergrund, vor dem sie das Verhalten und die kognitiven Schwierigkeiten der früh bindungstraumatisierten Kinder betrachten, ist psychodynamisch. Frühe Bindungstraumatisierungen beeinflussen neuropsychologische Reaktionsmuster und implizite unbewusste Vorstellungen von Beziehungen. Sowohl auf neuropsychologischer sowie psychodynamischer Ebene hat sich das frühe Trauma tief eingeprägt. Das Trauma kann sich folglich in einer neuen Bindungssituation manifestieren, da mit einem verzweifelten Versuch, etwas vom Trauma zu kommunizieren, das Risiko einhergeht, die neuen Beziehungen mit der waltenden Dynamik unter Druck zu setzen und in bestimmten Fällen ein neuer Abbruch der Bindung droht.
Obwohl das frühe Bindungstrauma chronologisch vorbei ist und der Vergangenheit angehört, lebt es dynamisch aktiv weiter im Unbewussten, in tief eingeschliffenen Stressreaktionen und verzeichneten Bindungsrepräsentanzen, deren Wirkung außerhalb der Möglichkeiten der Regulierung und kognitiver Kontrolle dieser Kinder besteht. In diesem Zustand sind diese Kinder für ein neues entwicklungsförderndes Angebot nicht gut erreichbar. Aus unserer psychodynamischen Perspektive beschreiben wir, wie diese Kinder neue Regulierungsfähigkeiten lernen können, wie sie ein Narrativ aufbauen, das ihnen mehr Chancen bietet, ihre Mentalisierungsfähigkeiten zu vergrößern, und wie sie im Spielen und Sprechen im Therapiezimmer an ihrem Selbstwert und Identitätsgefühl arbeiten können. Regulierung, bindungsorientierter Beziehungsaufbau, Identitätsbildung, und sich in symbolisierender Körperarbeit, im Symbolspiel, im Gespräch und während des Geschichtenerzählens ausdrücken zu lernen, werden in dieses Buch als therapeutische Ziele beschrieben. Dieses Buch ist ein Buch zu komplex traumatisierten Kindern, jedoch ist es geschrieben für deren Sorgepersonen, Betreuer*innen und Netzwerke.
Eine zentrale Dynamik bestimmter bindungstraumatisierter Kinder ist die des Rückzugs bzw. des auf Distanz-Bleibens, um sich vor neuen Bindungstraumatisierungen schützen zu können. Diese Kinder können in einer neuen Pflegesituation unerreichbar erscheinen und lassen sich nicht selten nur schwer dazu aktivieren bzw. motivieren, Beziehungen einzugehen. Wenn sie letztendlich in Beziehung treten und eine neue Bindung entstehen könnte, sind sie schon bald überaktiviert, übererregt; es wird ihnen zu viel. Diese raschen Verschiebungen zwischen ›zu weit weg‹ und ›zu nah‹, ›zu wenig‹ und ›zu viel aktiviert‹, deuten darauf hin, dass ›der wirksame Rahmen‹ dieser Kinder eher schmal ist (a small window of tolerance). Gerade deshalb gilt bei der Betreuung dieser Kinder die goldene Regel: first regulate, then relate, then reason! (Perry, 2016, in: Vliegen, Tang & Meurs, 2017). Beim Regulieren zu helfen, bedeutet, dass die Betreuer*innen für das Kind die Spannung einer neuen Bindung auf einem optimalen, jedoch schwierig zu bestimmendem Niveau halten. Nur auf dem optimalen, aber flüchtigen Niveau des Arousal wird es möglich, bei diesen Kindern anzuknüpfen und in Kontakt zu bleiben. Die Erwartungen, die mit neuen Bindungsbeziehungen einhergehen, die Vertiefung des Kontakts, die Besprechung von schwierigeren Aspekten der Beziehung und die Verarbeitung der schmerzhaften Vergangenheit wird nur möglich sein, wenn man beachtet, dass die Spannung immer in diesem schmalen Bereich des affektiv Erträglichen bleibt. Die Betreuer*innen dieser Kinder wissen, wie schwierig diese Aufgabe ist, gerade weil die mit Trauma verbundene Dynamik des Streits, des Rückzugs, des Abbrechens, der Unerreichbarkeit oder der Überforderung, des Masochismus, usw. das Kind sehr leicht aus dem schmalen optimalen Bereich des window of tolerance wirft. Unser Buch richtet sich an die mutigen Betreuer*innen, wie z. B. die Pflege- oder Adoptiveltern, die im Schatten der unsagbaren, undenkbaren, unvorstellbaren Bindungstraumata und Bruchlinien der ihnen anvertrauten Kinder arbeiten und dabei das Beste geben. Mit diesem spezifischen Fokus auf neue Bindungspersonen, Pflegeleistende und Betreuer*innen hoffen wir, die Autor*innen des vorliegenden Buches, eine Lücke in der bindungsorientierten Traumaliteratur zu schließen.
Mit unserem Buch schließen wir außerdem an eine wachsende Aufmerksamkeit in der internationalen Fachliteratur für das Thema multiple complex trauma, breakdown of attachment relationships, looked- after and adopted children (LAAC), foster care after attachment trauma, children at risk, children with early adversity an, die sowohl in der psychoanalytischen Literatur (z. B. Mortensen & Grünbaum, 2010; Lanyado, 2010, 2013 und 2019) als auch in der breiteren klinisch-psychologischen Literatur (z. B. Cooper & Redfern, 2016; de Thierry, 2017; Hughes, Golding & Hudson, 2017; Gordon, 2018; McLean, 2019; Saint Arnauld & Sinha, 2019; Naish, Dillon & Mitchell, 2020; Norris & Rodwell, 2020; Rocha et al., 2020; Jones, 2021) und in der Therapieforschung zur seelischer Entwicklung von Kindern und Jugendlichen nach frühen stressvollen Lebenserfahrungen (z. B. Grünbaum & Mortensen, 2018) deutlich wird. In dieser Perspektive kann auch das Leipziger Forschungsprojekt AMIS / AMIS II (Leitung: von Klitzing und White, ab 2012): Analysing pathways from childhood maltreatment to internalizing symptoms and disorders in children and adolescents) erwähnt werden, genau wie die Forschungsprojekte des Frankfurter Sigmund-Freud-Instituts in Zusammenarbeit mit dem IDeA-Zentrum: BAPAS – Bindungstrauma bei Adoptiv- und Pflegekindern: Eine psychoanalytische Therapiestudie (Lebiger-Vogel, Rickmeyer & Meurs, 2020) und MUKI – ›Mutige Kinder‹: Untersuchung emotionaler Erwartungs- und Bewertungsprozesse bei komplex traumatisierte Kindern im Alter von 8 bis 12 Jahren (Hug, Fischmann & Meurs, 2019). Diese deutschen Studien schließen sich gleichartigen Projekten in anderen Ländern an, so wie am University College London (Child Psychotherapy with looked after and adopted children, von: Robinson, Luyten & Midgley, 2021), am Yale Child Study Center (Developing more resilience in children after life-diminishing hardship, Mayes, 2019), und die seit 2008 in Belgien durchgeführte Leuven Adoption Study (Casalin et al., 2011; Luyten et al., 2020; Nijssens, et al., 2020; Malcorps, Vliegen et al., 2021).
Vorwort von Dr. med. Peter Adriaenssens
In den vergangenen Jahren wurden erhebliche Fortschritte im Bereich der Forschung und Behandlung komplexer Traumata erzielt. In diesem Buch wurden viele dieser neuen Erkenntnisse in einer sich integrierenden Perspektive zusammengeführt, wobei der Schwerpunkt auf Adoptiv- und Pflegekindern liegt, die oftmals vielfältige traumatische Erfahrungen in Form von bedrohten oder abgebrochenen Bindungsbeziehungen erlitten haben. Komplexe traumatische Belastungsstörungen stellen insofern eine große Herausforderung dar, als mit ihnen einhergehende klinische Symptome zu einer Vielzahl von Schwierigkeiten führen können, wie z. B. Traumatrigger, Bindungsdefizite, das Vermeiden von Augenkontakt, Hyperaktivität, pathologische und perverse Verhaltensweisen bis hin zu Suchtproblemen und Selbstverletzungen. Um betroffenen Kindern eine trauma-spezifische Betreuung oder Behandlung zur Verfügung stellen zu können, ist es wichtig, neuste Erkenntnisse zu bündeln und verständlich zu machen.
Die Autor*innen des Buches veranschaulichen, dass es sich beim Verstehen komplex traumatisierter Kinder nicht einfach um das Lösen eines intellektuellen oder kognitiven Puzzles handelt. Dass wir heute von einem komplexen Trauma als Dysfunktion sprechen, bei dem bestimmte biologische und psychologische Mechanismen versagen, ist ein erster und wichtiger Schritt im Verstehen der Entstehungsgeschichte traumatischer und stressbezogener Störungen. ›Shell shock‹, ›Combat Shock‹, ›Kriegsneurose‹: im zwanzigsten Jahrhundert wechselten die Begriffe, die die schwerwiegenden Auswirkungen von Gewalt, Missbrauch und Krieg darstellen sollten, einander ab. Nach dem Vietnamkrieg stellten Psychotherapeut*innen bei Soldaten nach ihrer Entlassung aus dem Militärdienst traumabezogene Symptome fest. Sie nannten dies das Post Vietnam Syndrom und verbanden es mit traumatischen Kriegserlebnissen. Weder die Militärverwaltung, noch die Krankenkassen teilten jedoch diese Einsicht. Für sie handelte es sich dabei um Störungen, die schon zuvor vorhanden gewesen wären und sich jetzt erst bemerkbar machen würden. Die Forschenden blieben jedoch bei ihren Erkenntnissen und verglichen die Erfahrungen der Soldaten mit traumatisierenden Erfahrungen von Überlebenden des Holocausts oder Opfern von Vergewaltigung. Dieselbe Debatte ist nun im Zusammenhang mit Traumatisierungen bei Geflüchteten erneut entfacht: Auch ihre Symptome sind oftmals nicht nur auf die Erfahrungen vor der Flucht zurückzuführen. Nachdem man die verschiedenen Biografien auf Gemeinsamkeiten hin analysierte, erkannte man, dass das posttraumatische Belastungs-Syndrom (PTBS) eine universelle Antwort auf bedrohliche und überwältigende Ereignisse ist, die außerhalb normaler Lebenserfahrungen auftreten und innerpsychisch nicht zu bewältigen sind. Während man zuerst annahm, dass das PTBS nur bei einer geringen Anzahl von Personen auftritt, beschrieben Forscher*innen und Therapeut*innen ein klinisches Bild, das die herkömmlichen konkreten Beispiele und Situationen überstieg, sodass das PTBS von da dann als objektive Tatsache anerkannt wurde. Ein komplexes Trauma schreibt sich tief in den Entwicklungsverlauf ein. Es handelt sich dabei sowohl um einen beschreibenden als auch um einen erklärenden Begriff, der sich darauf bezieht, wie chronische traumatische Erfahrungen und/oder Verluste und Abbrüche in Bindungsbeziehungen, die oftmals bereits in jungen Jahren eintreffen und nicht bewältigt werden können, zu einem Spektrum an Symptomen führen können.
Personen mit einem Trauma konfrontieren uns mit schwierigen Begriffsbestimmungen: Was ist eine Tatsache, die man als Trauma ansehen kann? Welche Bedeutung trägt die Zeit im Lebenslauf? Liegt das Trauma nur in der Vergangenheit und wie kann man erklären, dass die Spuren des Traumas in neuen Bindungsbeziehungen von Pflege- und Adoptivkindern aktiviert oder reinszeniert werden können? Und was bedeutet die An- oder Abwesenheit eines Symptoms? In unserer Arbeit mit Adoptiv- und Pflegekindern stießen die Autor*innen dieses Buches auf verschiedene Schwierigkeiten: So haben die meisten traumatisierten Kinder in ihrer individuellen Lebensgeschichte einen Bindungsabbruch oder eine deutliche Bruchlinie in wichtigen Bindungsbeziehungen erlebt, ein schreckliches Erlebnis, das eingemauert oder abgespaltet worden ist, jedoch in dem Gesamtbild einen Platz finden muss. Die Autor*innen erkannten dies und wollen versuchen, das komplexe Thema so weit wie möglich zu ordnen und eine Übersicht zu geben. Ihre Offenheit gegenüber diesem komplizierten klinischen Bild entwickelte in ihnen eine Sensibilität für das Spezifische des komplexen Traumas des Kindes sowie für das Risiko, dass das ursprüngliche Trauma auch spätere bessere Beziehungen überschatten kann bzw. wiederholt wird und bei Pflegepersonen zu sekundären oder indirekten Traumatisierungen führen kann. Die Autor*innen gehen dabei auf schwierige und komplexe Fälle ein und zeigen damit auf, dass die spezifische Diagnose ›komplex Trauma‹ nicht länger als Fiktion der Psychotherapeut*innen abgetan und geringgeschätzt werden darf.
Das vorliegende Buch soll Bezugspersonen als Unterstützung dienen, verletzten Kindern und Jugendlichen zu begegnen, die oftmals unsichtbar bleiben oder missverstanden werden und demzufolge keine ausreichende Hilfe erhalten. Es ist nicht einfach, mit jemandem zusammenzuarbeiten, der misstrauisch ist, Widerstand gegenüber jedem Erwachsenen zeigt und nur unregelmäßig zu Terminen erscheint. Dieses Buch soll nicht nur Kliniker*innen/Therapeut*innen, sondern auch Pflegeeltern, Adoptiveltern und anderen Begleitpersonen in Pflegeheimen oder anderen familienvertretenden Organisationen eine solide Grundlage für die Arbeit mit komplex traumatisierten Kindern und Jugendlichen bieten, indem es Zusammenhänge zwischen Klinik und Forschung herstellt und einen aktuellen Überblick über die Neurobiologie des Traumas, die Bindungs- und Entwicklungspsychologie, die psychosozialen Mechanismen liefert und das, was heute im Kontext von Behandlungsmethoden gilt als evidenzbasiert, zur Diskussion stellt. Auf diese Weise beleuchtet das vorliegende Buch jenen Weg, der sich zwischen den als Hindernis darbietenden Bäumen hindurchschlängelt und zeigt, wie wichtig es ist, die Bäume vielmehr als Wegweiser für eine diagnostische Sichtweise anzuerkennen, die als Ankerpunkte für den Therapieprozess zu verstehen sind. Je mehr sich Berater*innen oder Therapeut*innen auf ein solides Fachwissen verlassen können, desto deutlicher können sie das Kind/den Jugendlichen einschätzen und folglich eine entsprechende Behandlung anbieten.
Es ist unsere Aufgabe, durch Fortschritte in der Beschreibung, Diagnose, Erklärung und Behandlung von Komplextraumatisierungen das Leiden, den Verlust an Fähigkeiten und den Verlust der Selbstregulierung zu begrenzen. Das ist es, was dieses Buch relevant macht. Zudem ist es wichtig, dass die Forschung deutlich zeigt, dass die Nutzung dieser Erkenntnisse das Potenzial hat, das Wiederauftreten eines Traumas zu vermeiden oder die Auswirkungen der traumabezogenen Schwierigkeiten im Leben zu mindern. Deshalb sollten Pflege- und Adoptiveltern, Erzieher*innen, Begleiter*innen und Psychotherapeut*innen den Inhalt dieses Buch kennen.
Letztendlich ist das Buch eine Hommage an viele Klient*innen, Pflege- und Adoptivkinder sowie deren Familien. Die Autor*innen wurden davon inspiriert, was sie von den Kindern gelernt haben und zwar insbesondere von der Erfahrung, dass sich Betroffene und ihre Pflege- und Adoptivfamilien von chronischen und den mehrfach traumatischen Erfahrungen der Vergangenheit erholen können und dass ihnen im Hier und Jetzt spezifische Hilfen bereitstehen.
Prof. Dr. Peter Adriaenssens
Psychiater für Kinder und Jugendliche;
Vertrauensarzt für Betroffene von Missbrauch, Misshandlung und
Traumatisierung
Universitätsklinik Gasthuisberg, Katholische Universität Leuven/Vertrauens- zentrum Kindermisshandlung
Danksagung der Autor*innen und Anerkennung
Unser größter Dank gilt allen Kindern, die es sich getraut haben, ihre verletzliche und verletzte Innenwelt zu zeigen und uns als Therapeut*innen daran teilhaben ließen, um uns mit ihnen innerhalb des Praxiszentrums PraxisP der Fakultät für Psychologie und Erziehungswissenschaften an der Universität Leuven (Belgien) auf einen gemeinsamen Weg zu begeben.
In diesem Buch werden die betroffenen Kinder Petra, Luke, Maya oder Veronika, usw. genannt. Diese Namen sind selbstverständlich nicht die wirklichen Namen der Kinder. Umso wirklicher sind jedoch die beschriebenen Schwierigkeiten und Entwicklungsprobleme, denen diese Kinder in ihrem Leben ausgesetzt waren. Wir haben von ihnen – durch Versuch und Irrtum – gelernt, unsere klinischen und theoretischen Fähigkeiten weiter zu verfeinern, bis sie zu dem wurden, was wir in diesem Buch zu ›komplexen Traumata und Bindungsabbrüchen‹ zusammenführen.
Unser Dank gilt gleichermaßen allen (Pflege- oder Adoptiv-)Eltern, die an diesem Projekt mitgewirkt haben: den Eltern, die uns konsultierten und uns die Möglichkeit gaben, sich an der Suche nach den oft sehr verletzlichen und schmerzhaften Themen zu beteiligen, mit denen sie in ihrer Elternschaft konfrontiert werden. Darüber hinaus sind es die Eltern, die Teile dieses Buches lasen, mit darüber nachdachten, auf Lücken oder Nuancen hinwiesen und Beispiele gaben. Für diese Kinder und ihre Eltern, aber auch für andere, die eine ähnliche Phase des Übergangs in ihrem Leben bewältigen, wurde dieses Buch geschrieben.
Vielen Dank auch an ›Christiana‹, die nach einem Artikel in der belgischen Zeitung »De Standaard« uns ein Stück Lebensgeschichte erzählt hat (
Kap. 1) und somit auf die Langzeitfolgen von frühen Bindungsabbrüchen hinwies.
Ein großer Dank gilt auch unseren Kolleg*innen Kris Breesch, Anny Cooreman, Jos Corveleyn und Catherine Maes, die als enge und befreundete Kolleg*innen sowie Adoptiv- oder Pflegeeltern dem Projekt wertvolle Gedanken hinzugefügt haben. Wir danken auch Erik De Belie für seine konstruktiven Kommentare aus einer pädagogisch-psychotherapeutischen Perspektive.
Unser Dank gilt auch Stefanie Hesemans, die sich engagiert, den mit diesem Buch eingeschlagenen Weg fortzusetzen. Stefanie befragte Eltern und coachte Studierende beim Schreiben und Analysieren von Interviewdaten, sie las und kommentierte und hielt – sehr sorgfältig und gewissenhaft – viele wichtige Fäden zusammen. Lieve Van Lier hielt an unzähligen Ideen fest, um sicherzustellen, dass diese Arbeit die Form erhält, die sie jetzt hat.
Unser Dank gilt auch allen Kolleg*innen aus dem Bereich der Psychologie und Psychotherapie des psychodynamischen PraxisP-Teams und der Leuvener Adoption Study (LAS). Denn diese Arbeit ist das Ergebnis jahrelanger Zusammenarbeit und eines gemeinsamen Nachdenkens über die immer bessere Abstimmung unserer Pflegeangebote auf die Bedürfnisse gefährdeter Kinder und ihrer Eltern: Eva Bervoets, Dries Bleys, Sara Casalin, Ilse Declippeleer, Saskia Malcorps, Let Moustie, Liesbet Nijssens, Femke Permentier, Hilde Seys, Ann Van de Vel, Camille Van Havere, Yannic Verhaest, Ann-Sofie Viaene und Sus Weytens. Ein besonderer Dank geht an unseren Kollegen Prof. Dr. Patrick Luyten, der uns immer wieder ermutigte und mit großer Anteilnahme unser Interesse daran teilt, was die Kinderentwicklung und Erziehung so besonders und bisweilen auch kompliziert macht.
Wir danken unseren Kolleg*innen von RINO Flandern für ihre unentwegte Unterstützung bei einem erneuten Projekt, sowie dem ›Dr. Pierre Vereecken Fund‹, der uns die Möglichkeiten bot, diese wichtige klinische Thematik auch von der Forschungsseite aus weiterzuentwickeln.
Ein großes Dankeschön gilt auch unseren Kolleg*innen des Leuven Centers for Irish Studies, unter Leitung von Hedwig Schwall, ganz besonders für den herzlichen Empfang und den fortwährenden freundlichen Schreibplatz.
Und – last but not least – danken wir Nancy Derboven vom Pelckmans Pro Verlag, die mit vollem Enthusiasmus hinter unserem Vorhaben stand, selbst in Momenten, als dies noch nicht viel mehr als ein Traum war sowie Hanna Maes und Mark Borgions, die dem Traum seine Form und seinen Realitätsbezug verliehen.
Ein besonderer Dank gilt dem Kohlhammer Verlag (Stuttgart), der uns immer ermutigt hat, an einer deutschen Version des flämischen Buches weiterzuarbeiten. Wir danken auch an unseren Kolleg*innen des Sigmund-Freud-Instituts für ihre Hilfe bei der deutschen Übersetzung und/oder ihre präventive und therapeutische Arbeit mit oder ihre Forschung zu komplex traumatisierten Kindern oder zu Trauma im Allgemeinen: Corinna Poholski (Koordinatorin der Übersetzungsarbeit), Dr. Constanze Rickmeyer, Dr. Nora Hettich, Dr. Judith Lebiger-Vogel, Patrick Stier, Sima Saligheh, Tom Degen, Felicitas Hug, Prof. Dr. Tamara Fischmann, Dr. Kurt Grünberg, Prof. em. Dr. Marianne Leuzinger-Bohleber, Hauke Witzel, Raem Abd-al-Majeed, Magdalena Kuhn, Simon Arnold, Andreas Jensen, Rana Zokaï. Vielen Dank auch an Johannes Vogel. Wir bedanken uns auch herzlich bei den Leitungskollegen von Patrick Meurs am Sigmund Freud Institut Frankfurt, Prof. Dr. Vera King und Prof. Dr. Heinz Weiß sowie bei den Kollegen des Scientific Board des IDeA-Zentrums in Frankfurt.
Das Aufschreiben all dieser erworbenen Einsichten und Erkenntnisse hat uns reicher gemacht. Wenn das Wissen zunimmt, vertieft sich das Staunen, sagt Charles Morgan.
Nicole Vliegen, Eileen Tang und Patrick Meurs
Herbst 2020
Einleitung
Celine ist jetzt 13 Jahre alt. Sie ist seit mehr als 10 Jahren bei uns. Allmählich bekomme ich eine Vorstellung davon, was mit ihr los ist, obwohl ich weiterhin das Gefühl habe, dass ich meine anderen (also meine biologisch eigenen) Kinder besser ›lesen‹ und verstehen kann. (…) Meine anderen Kinder sagten bei einem Streit nie: »Ich gehe weg, du bist nicht meine Mutter! Du hast mir nichts zu sagen. Warum wolltest du mich überhaupt? Du siehst mich so oder so nicht gern.«
Mama von Celine1
Dieses Buch richtet sich an die Eltern, Pflegepersonen, Erzieher*innen, Betreuer*innen und Therapeut*innen von Adoptiv- und Pflegekindern mit einem komplexen Trauma2 (Herman, 1992), die wir in der psychotherapeutischen Praxis kennenlernen. Diese Kinder sind oft bei Sozial- und Therapiediensten angemeldet, weil der Umgang mit ihnen so kompliziert und schwierig ist. Das Handbuch soll ihre Pflege- oder Adoptiveltern, Erzieher*innen und Betreuer*innen dabei unterstützten, diesen Kindern dabei zu helfen, ohne sich wiederholende Probleme und ohne gravierende Beeinträchtigungen aufgrund ihrer traumatischen Erfahrungen aufzuwachsen. Entwicklungsaufgaben, die bei anderen Kindern »natürlicher« verlaufen oder nur als »kleinere Hindernisse« im Wege stehen, können von diesen Bindungs- oder komplex traumatisierten Kinder manchmal als unüberwindbare Hürde erlebt werden oder sogar zum Stillstand in ihrer Entwicklung führen. Im Zusammenhang mit diesen Kindern werden häufig Begriffe wie »Entwicklungsstörungen«, »Verhaltensstörungen« oder »Bindungsstörungen« verwendet. Diese Diagnosen kommen nicht von ungefähr und sind auch nicht immer ungerechtfertigt. Wichtig ist jedoch, dass sie nicht als das Ergebnis und Ende eines Beratungsprozesses verstanden werden, sondern als Beginn eines Beratungsangebots, das die festgefahrenen Entwicklungen wieder in Gang bringt. Schließlich sind die Schwierigkeiten dieser Kinder oft das Ergebnis von meist frühen traumatischen Erfahrungen und Bindungsabbrüchen.
Unter sich ändernden Umständen oder in einem neuen familiären Kontext mit neuen Bindungsmöglichkeiten werden diese bisherigen Erfahrungen nicht immer als (noch) relevant erkannt, jedoch wirken sie sich immer wieder auf die Entwicklung des Kindes im Hier und Jetzt aus. Betroffene Kinder und ihre Eltern benötigen daher eine ›traumasensitive‹ (trauma-informed context, Osofsky, 2011) Umgebung mit viel Verständnis und professionellem Wissen.
Mit diesem Buch wollen wir das bestehende Wissen zu diesem Thema, welches aus einer Vielzahl von wissenschaftlichen Quellen und klinischen Erfahrungen gewonnen wurde, mit Pflege- oder Adoptiveltern, Begleiter*innen und Therapeut*innen teilen. Als Erstes möchten wir aktuelle Erkenntnisse aus internationalen Fachzeitschriften und Handbüchern beschreiben, welche uns dazu inspiriert haben, nach Wegen zu suchen, um mit diesen Kindern in Kontakt zu kommen. Literaturangaben und Inspirationsquellen, die unser Denken und unsere Arbeit mit diesen Kindern und ihrer Umwelt beeinflusst haben, sind in der Literaturliste3 zu finden. Wir beschreiben, wie wir diese empirisch und theoretisch fundierten Erkenntnisse in unsere Praxis integrieren und stellen Gedanken und Werkzeuge, Handlungsempfehlungen und Behandlungsprinzipien für den Umgang mit diesen Kindern bereit, um ihre Entwicklungschancen zu verbessern. Zudem gründet unser Wissen auf empirischen Untersuchungen, die wir seit mehreren Jahren mit adoptierten Kindern und ihren Familien durchführen und zwar sowohl im Rahmen der Leuven Adoption Study (LAS; www.leuvense-adoptiestudie.be), als auch in weiteren Untersuchungen, in denen wir Eltern und ihre Kinder zu verschiedenen Aspekten ihrer sozialen und emotionalen Erfahrungen befragt haben. Drittens wurden wir durch die klinische Praxis im Therapiezentrum PraxisP – dem Praxiszentrum der Fakultät für Psychologie und Erziehungswissenschaften an der KU Leuven (Belgien) – inspiriert welches für uns ein kontinuierlicher Experimentierraum und eine herausfordernde Lernumgebung darstellt und uns davor schützt, ›Wissenschaftler*innen in einem Elfenbeinturm‹ zu werden.
Mit diesem Buch wollen wir in erster Linie dazu beitragen, eine Unterstützungsbasis für ein verständnisvolles und traumasensitives Vorgehen mit diesen Kindern und ihren Eltern zu schaffen. Wir hoffen mit diesem Buch, die Hemmschwelle für Beratung und Unterstützung dieser Familien verringern zu können.
Der Druck, der derzeit auf »guter und kompetenter Elternschaft« lastet, erhöht manchmal die Angst, eine Beratung aufzusuchen oder sich spezifische Hilfe zu suchen. Michelle, die Mutter einer Adoptivtochter mit ernsthaften Schwierigkeiten, wagt es erst nach mehreren Gesprächen der Beraterin zu sagen, wie sehr ihre Tochter sie manchmal »provoziert« und wie sie sie schon mal »hart angepackt« hat.
Sie scheint davon auszugehen, für ihre Schwierigkeiten in der Erziehung verurteilt zu werden, während gerade diese Mutter für ihre unendliche Geduld, die sie im Umgang mit ihrem bedürftigen Kind zeigt, Verständnis und Unterstützung verdient. Wir möchten das Wissen, das wir sowohl im Rahmen der Begleitung von komplex traumatisierten Kindern als auch in der Vielzahl an Gesprächen mit deren Betreuern*innen, Erziehern*innen und Beratern*innen erhalten haben, an diejenigen zurückgeben, die es so dringend benötigen: Die Kinder, die sich aufgrund schwerwiegender beziehungstraumatischer Verletzungen durch das Leben kämpfen und die Umgebung der Kinder, die Möglichkeiten für eine gute Entwicklung versucht zu bieten.
Das Schreiben eines Buches über solch ein komplexes Thema ähnelt einem Seiltanz: Auf der einen Seite möchten wir das, was wir von und über diese Kinder und ihre Familien gelernt haben, weitergeben, auf der anderen Seite möchten wir, dass jedes Elternteil sein Kind weiterhin in seiner Einzigartigkeit sehen kann und nicht als ein Kind, das in eine bestimmte Schublade passt oder einfach ein Diagnose-Etikett aufgedrückt bekommt. Wir wollen nicht, dass Adoptivkinder oder Pflegekinder durch dieses Buch einfach das neue Label »traumatisiert« bekommen. Wenn wir von Bindungstraumatisierungen oder komplexen Traumatisierungen sprechen, dann nur, weil dieses Konzept auf spezifische, bislang noch nicht richtig verstandene Phänomene hinweist.
Das Etikett, damit habe ich auch Schwierigkeiten. Das löst gemischte Gefühle aus. In gewisser Hinsicht tut es gut, zu begreifen, dass das Verhalten von Lucas häufiger und auch bei anderen vorkommt, das gibt einem Halt. Aber man möchte auch die Einzigartigkeit seines Kindes sehen und kein aufgeklebtes Etikett.
Mama von Lucas
Darüber hinaus sind nicht alle Adoptiv- und Pflegekinder traumatisierte Kinder. Für die sich gut entwickelnden Kinder, denen es in ihrem Leben gut geht, ist dieses Buch möglicherweise nicht unbedingt ein Mehrwert. Adoptiv- und Pflegekinder sind aufgrund ihrer Vorgeschichte von mindestens einer Trennung und manchmal sogar mehreren Trennungen in ihren ersten Bindungsbeziehungen einem höheren Risiko für traumatische Verletzungen ausgeliefert als andere Kinder. Auch hierauf werden wir in diesem Buch eingehen. Es ist die Gruppe der traumatisierten Adoptiv- und Pflegekinder, die uns als Begleitpersonen mit einem herausfordernden und besonderen (und manchmal komplizierten) Suchprozess konfrontiert: einer Suche nach der geeigneten Hilfe, die ihnen maximale Entwicklungsmöglichkeiten bietet und Wachstum ermöglicht.
Es ist uns aber auch wichtig, zu betonen, dass nicht nur eine Adoptions- oder Pflegegeschichte mit einem erhöhten Risiko einer komplexen Traumatisierung einhergeht. Dieses Buch ist auch für Kinder relevant, die mit einem oder beiden leiblichen Elternteil(en) aufwachsen und mehrfach traumatisch verletzt worden sind. Die Berichte und Beispiele in diesem Buch handeln jedoch hauptsächlich von Adoptiv- und Pflegekindern, da sie öfter in unser Therapiezentrum kommen.
Mit diesem Buch wollen wir Raum für Einzigartigkeit schaffen, denn jedes Kind – egal wie verletzt – ist allem voran »ein Kind, das einzigartig in seinem Wesen ist«, wie es die Mutter von Lucas so schön formuliert hat. Gleichzeitig möchten wir aber auch Anerkennung für Erfahrungen bieten, mit denen viele Kinder und Eltern konfrontiert werden.
Dass die Lebensgeschichten von anderen Familien so ähnlich sind, hilft einem. Es hilft einem dabei für sich selbst und für sein Kind wieder Verständnis zu finden. Wenn andere Kinder in anderen Familien in ihrem Verhalten sehr ähnlich sind, kann das nichts anderes bedeuten, als dass etwas los ist, ein Problem wofür es einen Namen oder eine Diagnose gibt, ein Problem also, mit dem man nicht allein bleiben muss.
Mama von Marianne
Dieses Buch besteht aus zwei Teilen. Im ersten Teil betrachten wir, wie schwierige Erfahrungen in der ersten Lebensphase die Entwicklung eines Kindes nachhaltig beeinflussen können und welchen Verlauf die Entwicklung dieser Kinder nehmen kann. Wir möchten zeigen, was das für diese Kinder, ihren Eltern und das soziale Umfeld bedeuten kann. Im zweiten Teil nehmen wir die Lesenden mit in den Therapieraum, um über mögliche Veränderungsprozesse und Wachstumsmöglichkeiten zu informieren, die eine konstruktivere Entwicklung von komplex traumatisierten Kindern ermöglichen können.
1 Alle Fallvignetten in diesem Buch sind authentisch und basieren auf wahren Berichten von Kindern und Eltern. Wir haben sie aus Gründen der Anonymität und Privatsphäre unkenntlich gemacht, indem wir Details in den Lebensläufen verändert haben, die jedoch für das Verständnis dessen, worum es geht, nicht ausschlaggebend sind. Auch alle Namen sind fiktiv.
2 Wir sprechen in diesem Buch durchweg von einem »komplexen Trauma« oder einer »Bindungstraumatisierung«, was in der empirischen und klinischen Literatur auch als »Bindungstrauma« »frühes Beziehungstrauma« und »frühes Entwicklungstrauma« bezeichnet wird.
3 Die oben beschriebenen Einsichten und Erkenntnisse haben wir von den vielen Autor*innen erhalten, die sich weltweit mit diesem Thema beschäftigen; wir haben ihre Erkenntnisse aufgearbeitet, integriert und in unserem eigenen Arbeitskontext angewendet. Aus Gründen der Lesbarkeit haben wir nur eine Auswahl an Literaturverweisen in den Text aufgenommen. Die Literaturliste enthält daher auch Quellen, die im Text nicht zitiert werden.
Entwicklung im Schatten eines komplexen Traumas
Wie frühe negative Lebenserfahrungen und Bindungstraumatisierungen ein junges Kind und sein Umfeld beeinflussen
Einleitung
Im ersten Teil betrachten wir, wie schwierige Erfahrungen im Kontext der Bindungsbeziehungen der ersten Lebensphase die Entwicklung eines Kindes beeinflussen können. Zudem gehen wir darauf ein, was dies für Pflegepersonen und neue Bindungspersonen sowie für ihr Umfeld bedeutet.
Im ersten Kapitel beschreiben wir zunächst, um welche Kinder es sich dabei konkret handelt und was Psychotherapie und Elternbetreuung für die Verletzungen, die diese Kinder früh in ihrem Leben erlitten haben, bedeuten kann und könnte.
Im zweiten Kapitel liefern wir Anknüpfungspunkte, um zu verstehen, was »Stress« im Leben eines sehr kleinen Kindes bedeuten kann und inwiefern permanente und verstärkte Stresserfahrungen die frühe Entwicklung beeinträchtigen und dadurch den biologischen Organismus eines jungen Kindes traumatisieren können. Zu diesem Zweck beginnen wir mit Hintergrundinformation über entwicklungspsychologische Aspekte. Diese kurze entwicklungspsychologische Einführung erleichtert es zu verstehen, was junge Eltern unter normalen Umständen alles unternehmen, um ihrem Kind einen guten Start ins Leben zu ermöglichen, ohne sich dessen permanent bewusst zu sein. Anschließend wird erläutert, was es für ein Baby bedeutet, wenn eine »genügend gute« Versorgung – auch wenn es nur für eine kurze Zeit ist – fehlt.
Im dritten Kapitel wird beschrieben, wie Kinder mit einem komplexen Trauma mit Entwicklungsaufgaben ringen und mit verschiedenen Hindernissen während ihrer Kindheit und im Erwachsenenalter konfrontiert werden, die die Entwicklung langfristig prägen können. Dabei kann es zu »eigenartigen« oder »andersartigen« Bindungs- und Persönlichkeitsentwicklungen kommen.
Im vierten Kapitel beschäftigen wir uns schließlich mit der Frage, wie (Pflege- oder Adoptiv-)Eltern und ein breites Betreuungsnetzwerk einen entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung von Kindern mit einem komplexen Trauma haben können. Die Erziehung von oder professionelle Hilfe für diese Kinder erfordert jedoch zuweilen viel von Eltern, Großeltern, Lehrer*innen, Erzieher*innen und anderen Begleiter*innen. Wir beschreiben, wie ein solches – »komplex traumasensibles« – Betreuungsnetzwerk den Wachstums- und Entwicklungsprozess eines Kindes mit einem komplexen Trauma, ausgehend von einem angemessenen Verständnis der Besonderheiten dieser Kinder, grundlegend unterstützen kann.
1 Außergewöhnliche Kinder, außergewöhnlicher Versorgungsbedarf

1.1 Jedes Kind ist anders
Louise ist 3 Jahre alt, als ihre Eltern für eine diagnostische Abklärung in unser Zentrum kommen. Sie selbst vermuten, dass Louise eine Bindungsstörung hat. Sie finden ihr Kind in der Beschreibung des »unersättlichen Kindes« (van Egmond, 1987; im Sinne von Kindern als ›ein Fass ohne Boden‹) wieder, die sie im Internet lesen: Egal was man für Louise auch macht, sie scheint unersättlich und niemals zufrieden zu sein.
Leonardo ist 8 Jahre alt. Zu Hause ist er aufsässig, unbeherrschbar und hat seinen Vater schon einmal so weit gekriegt, dass er die Zimmertür entfernt hat, weil Leonardo sie zeitweise laut zu geschlagen oder diese demoliert hat. Leonardo ist auch schon mal mit einem Messer auf seinen Bruder losgegangen, nachdem dieser ihn an seinen Schultern gepackt hatte. »Wir befürchten, dass er sich zu einem Problemfall entwickelt, der die Metros in Brüssel unsicher macht«, ist die ängstliche – aber vielleicht nicht einmal ungerechtfertigte – Vorstellung seiner Eltern. Sie sind ratlos.
Maya, 8 Jahre alt, hat immer wieder Wutausbrüche, die ihre Eltern überfordern. Es gibt Zeiten, in denen sie scheinbar ohne Grund in blinder Wut um sich schlägt und beißt. Die Eltern sind in großer Sorge.
Celine, 12 Jahre alt, fängt, sobald sie aus dem Auto aussteigen muss, an zu brüllen, sie schreit ihre Pflegeeltern an und beschimpft sie. Mit solchen Szenen bringt sie ihre äußerst fürsorglichen Pflegeeltern immer wieder in große Verlegenheit.
Die Eltern von Vreni, 14 Jahre alt, kommen zu uns und fragen um Rat, weil ihre Tochter zu Hause tagelang nicht gesprochen hat. Sie sitzt einfach wütend da und starrt vor sich hin und belastet so das familiäre Zusammensein. Sie schweigt dann stunden- sogar tagelang und sobald jemand versucht, mit ihr zu sprechen, schnauzt sie denjenigen an.
Wenn man den Eltern dieser Kinder zuhört, zeigt sich eine Vielzahl an Symptomen und Beschwerden, die die betroffenen Kinder aufweisen. Diese Kinder zeigen oftmals immense Verhaltensauffälligkeiten, die für ihre Umwelt sehr belastend sein können, und werden daher anfangs häufig wegen einer »Verhaltensstörung« behandelt. Sie haben Schwierigkeiten, ihr Verhalten zu kontrollieren und Emotionen zu regulieren – Fähigkeiten, die viele gleichaltrige Kinder bereits entwickelt haben. In bestimmten Situationen scheint es, als würde ihnen jegliche Kontrolle oder Regulierung fehlen. Zudem können kleine, unscheinbare Ereignisse in diesen Kindern schon viel auslösen.
Es gibt jedoch auch viele Situationen, in denen sich diese Kinder scheinbar gut im Griff haben und sich vorbildlich verhalten. Dadurch wird es für die Eltern dieser Kinder jedoch nicht gerade einfacher.
Wenn der Therapeut mit den Eltern und Lehrer*innen von Leonardo am Tisch sitzt, entsteht oft der Eindruck, als ob beide Parteien über ein gänzlich anderes Kind sprächen. Im Klassenzimmer sehen die Lehrer*innen ein Kind, das sein Bestes gibt, auch wenn dies oft nicht zum gewünschten Ergebnis führt. Sie sind verwundert, wenn die Eltern über das äußerst schwierige Verhalten von Leonardo zu Hause reden, und haben Zweifel an den erzieherischen Kompetenzen der Eltern. Die Eltern fühlen sich aus diesem Grund oft von ihrem Kind manipuliert: »Wenn er will, kann er es. Wenn die Lehrerin neben ihm steht, dann begreift er, was ihm gesagt wird, aber wenn ich zu Hause dann mit ihm die Hausaufgaben mache, dann geht plötzlich gar nichts.«
»Wenn jemand von der Verwandtschaft da ist, weiß sie genau, wie sie sich zu benehmen hat. Aber sobald wir wieder mit ihr allein sind, bricht die Hölle aus und sie wird unendlich wütend. (…) Vreni, die tagelang zu Hause schweigt, kann bei anderen hingegen einen sehr umgänglichen Eindruck hinterlassen.«
Es wird dabei oft nicht erkennbar, dass diese Kinder ihr Möglichstes tun, um sich in der Schule oder bei Familienbesuchen zu behaupten, sich sehr anstrengen und ihr Bestes geben. Zurück in der gewohnten häuslichen Umgebung fallen dann jedoch alle Hemmungen weg und die Angst der Eltern bestätigt sich: »Na, da sieht man es: Nur bei uns verhält sie sich so schwierig.«
Er hatte eine sehr gute Taktik. In der Schule bemerkte man nichts, er gab sein Bestes. Als er nach Hause kam, war er dann aber komplett erschöpft. Er konnte keine Reize mehr ertragen, selbst das Telefon musste ausgeschaltet werden. Wenn jemand unerwartet ins Zimmer kam, wurde er hysterisch.
Mama von Lucas
Die Lehrerin der sechsten Klasse meinte am Elternabend, dass Maité das Gymnasium in der Oberstufe »gut schaffen würde«. »Sie ist sehr fleißig, außerordentlich höflich und sehr nett. Ich nehme an, daheim ist sie genauso.« Ich dachte, ich höre nicht richtig. Aber ich war froh, dass sie zumindest in der Schule keine Probleme machte und da einen guten Eindruck hinterlässt. Zu Hause bricht sie dann jedoch völlig zusammen, weil die Schule zu anstrengend ist und so viel Energie kostet.
Mama von Maité
Das soziale Umfeld dieser Kinder ist von diesen Schwankungen oft irritiert, kann das widersprüchliche Verhalten dieser Kinder nicht verstehen. Solch ein Kind wirkt daher oft »manipulativ«. Es besteht die Gefahr, dass es als »ein Kind, das nur manipuliert« behandelt wird, wodurch das Selbstbild des Kindes wiederum weiter geschwächt werden kann. Und dafür gibt es einige Gründe.
Die Eltern von Leonardo zum Beispiel beschreiben ihn als manipulativ, weil er lügt. Manchmal benimmt er sich, als ob er von nichts eine Ahnung habe, obwohl er genau weiß, um was es geht. Er kann sehr nett sein. Seine Tanten und Onkel kennen ihn beispielsweise ausschließlich als sehr nettes Kind, während er in anderen Momenten – besonders zu Hause – seine Eltern zur Weißglut treiben kann. Zudem fühlt er sich ständig benachteiligt: So ist Leonardo davon überzeugt, dass seine Brüder zu Hause viel weniger mithelfen müssen, viel mehr Geschenke als er bekommen und auch noch viel mehr zum Anziehen haben als er. Wenn er dann etwas bekommt, wirkt er zwar für einen Moment beruhigt, aber seine Sehnsucht nach materiellen Dingen ist so groß, dass er schnell wieder unzufrieden ist und noch mehr will.
Aufgrund dieser »manipulierenden« Aspekte im Verhalten dieser Kinder zögern die betroffenen Eltern oft lange, bis sie eine Beratung in Anspruch nehmen. Dass die Probleme sich vor allem zu Hause zeigen, vermittelt den Eltern den Eindruck als seien sie keine guten Eltern, und diese Widersprüchlichkeit in der Wahrnehmung des kindlichen Verhaltens hindert die Eltern oft daran, sich auf die Suche nach einer »komplex traumasensiblen Beratung« zu machen.
Vreni’s Eltern berichten, dass ihre Tochter manchmal vollkommen überzeugend die »Opferrolle« spielt, weshalb sie Angst haben, dass ein Therapeut oder eine Therapeutin tatsächlich denken könnte, sie würden sich nicht gut um ihre Tochter kümmern. Zum Beispiel gab sie in der Schule einmal vor, zu Hause nie einen Duden zu bekommen, weshalb sie einfach nicht in der Lage gewesen sei, ihre Hausaufgaben ordentlich zu machen.
In ähnlicher Weise teilte Leonardo, als sie an einem Spielplatz vorbeiliefen, seinem Lehrer mit, dass er noch nie so etwas Schönes gesehen habe. Als die Eltern dann vorsichtig von den Lehrer*innen darauf angesprochen wurden, fühlten sie sich verurteilt und so, als ob sie Eltern wären, die ihr Kind vernachlässigten und noch nie mit ihm zum Spielplatz gegangen wären. Sie fühlten sich auch von Leonardo verraten, denn sie waren ja schon so oft mit ihm auf einem Spielplatz, und fragten sich, warum er so etwas nur sage.
Obwohl dies oft nur schwer zu erkennen ist, steckt hinter solch schwierigen Verhaltensweisen meist eine sehr große Angst.
Louise und Maya leiden unter Alpträumen. Louise wacht nachts oft schreiend und ängstlich auf, Maya träumt davon, dass ihre Eltern sie weggeben.
Viele dieser Kinder können, ihren Eltern zufolge, Verluste und Trennungen überhaupt nicht ertragen. Beispielsweise mögen diese Kinder zwar Gesellschaftsspiele, sobald sie jedoch verlieren, kommt es häufig zu fürchterlichen Szenen. Möglicherweise assoziieren diese Kinder bereits einen minimalen oder unvermeidbaren Verlust – wie bei dem Gesellschaftsspiel ›Mensch ärger’ dich nicht‹ – mit einem tieferen, existenzielleren Gefühl von Verlust und Mangel.
Hinzu kommt, dass diese Kinder häufig auch disharmonische Entwicklungsprofile oder inkonsistente Leistungen im schulischen Kontext aufzeigen.
Maya scheint in einigen Momenten problemlos zu lernen, zeigt dann aber eine unerwartet schlechte Leistung. Leonardo kann sich selbst basale Rechenkenntnisse nicht aneignen und sein Intelligenztest deutet auf eine geistige Einschränkung hin. In anderen Bereichen ist von so einer Einschränkung jedoch nichts zu sehen. Bei Vreni kommen eine ausgeprägte Legasthenie und Dyskalkulie vor. Celine durchläuft problemlos die Grundschule, bleibt allerdings in der Sekundarstufe hängen.
1.2 Kinder mit Gebrauchsanweisung
Was all diese Kinder gemeinsam haben, ist die Vielfalt an Symptomen, die sie aufweisen sowie große Schwankungen in ihren Leistungen und ihrem Verhalten. Dadurch passen sie nur selten in ein einziges Profil, was die Diagnosestellung erschwert. Oft erhalten diese Kinder daher von verschiedenen Therapeut*innen unterschiedliche Diagnosen. Das widersprüchliche, unvorhersehbare und manchmal explosive Verhalten ist typisch für diese Kinder und führt oft dazu, dass ein Therapeut oder eine Therapeutin ein Kind ganz anders einschätzt als ein anderer Therapeut oder eine andere Therapeutin oder ein Lehrer bzw. eine Lehrerin ein vollkommen anderen Eindruck von einem Kind bekommt als die Eltern des Kindes. Es wird jedoch nur selten angenommen, dass dieses widersprüchliche Verhalten das Ergebnis einer traumatischen Erfahrung sein könnte. Und selbst wenn das Trauma erkannt wird, ist es oft schwer vorstellbar, dass das Trauma einen Einfluss auf all diese Verhaltens-, Gefühls- oder Entwicklungsprobleme hat und dabei die zentrale Rolle spielt. So wird manchmal behauptet: »Okay, da ist das Trauma von früher, aber das kann doch nicht die Erklärung für all diese aktuellen Verhaltensauffälligkeiten sein?«
Gerade wegen der großen Schwankungen im Verhalten und im Funktionieren ist das Leben mit diesen Kindern für die Pflege- oder Adoptiveltern häufig besonders herausfordernd. Die Eltern berichten oft, dass sie »keine normale Familie« sein können. Was vielen Kindern Spaß macht, wie zum Beispiel gemeinsam zum Jahrmarkt oder zu einer Geburtstagsfeier zu gehen, ist für diese Kinder oft so überwältigend und aufregend, dass der Spaß durch die damit einhergehende Anspannung und Stressbelastung verschwindet. Einige Kinder benötigen strenge Rituale, um ein Gleichgewicht aufrechtzuerhalten.
Zum Beispiel kann Maya nicht zur Schule gehen, solange sich ihre Buntstifte nicht in geordneter Reihenfolge in ihrem Mäppchen befinden. Hierdurch kommt ihre Mutter jedes Mal zu spät zur Arbeit. Jeder Versuch, Maya von diesem Ritual abzubringen, führt zu Auseinandersetzungen, wodurch der Morgen nur noch schwieriger wird. Tina fängt grundsätzlich an zu streiten, wenn ihr gesagt wird, dass es Schlafenszeit ist. Ihre Mutter beschreibt, wie das Adrenalin nach dem Streit noch stundenlang durch Tinas Körper rast, während sie doch dringend Ruhe bräuchte und Energie für den nächsten Tag tanken müsse.
Darüber hinaus haben viele der betroffenen Eltern auf der Suche nach einem angemessenen Gleichgewicht gelernt, Eskalationen zu vermeiden. Sie haben gelernt, sich weniger aufzuregen und nicht alles so ernst zu nehmen und nicht jeden Streit auszutragen (»choose your battles!«).
Das bedeutet zum Beispiel, dass Mayas Vater nicht gleich sauer wird, wenn Maya auf dem Spielplatz herumschreit: »Loser, nennst du das pünktlich sein?« Er teilt ihr dann in Ruhe mit, dass er der Meinung ist, dass man so nicht mit dem Papa redet, ohne auf eine weitere Diskussion einzusteigen. Dass dies für sie die beste Lösung ist, zeigt sich darin, dass sie sich anschließend erstmals für ihren Wutausbruch entschuldigen kann.
Diese elterliche Haltung löst im sozialen Umfeld jedoch oft nur wenige unterstützende Reaktionen aus. Meist hören sie dann Folgendes: »Bei mir wäre das anders.« oder »Wenn Sie das alles zulassen, ist es kein Wunder, dass sich Ihr Kind schlecht benimmt.« Dass Verhaltensprobleme und Erziehungsschwierigkeiten mit einem Trauma verbunden sein können und dass Eltern manchmal auf »ungewöhnliches« Verhalten mit »positiven Reaktionen« reagieren, ist für Außenstehende dabei meist unbegreiflich.
1.3 Über das frühe Trauma nachdenken können und dürfen
Lange Zeit und auch heute noch wird oft behauptet, dass Babys und Kleinkinder gar nicht in der Lage seien, durch schreckliche Ereignissen, die sie erlebt haben, »ein Trauma zu bekommen«, wie beispielsweise durch ein Blutbad in ihrer vertrauten Kindertagesstätte mit körperlichen Verletzungen, das dazu führte, dass Kinder ins Krankenhaus gebracht werden mussten. Man behauptet dann, »dass das Kind zu jung ist, um sich zu erinnern«. Ähnliches konnte man 2013 im Zusammenhang mit einem solchen Vorfall in einer Kindertagesstätte in verschiedenen belgischen Zeitungen lesen. Wir würden gerne glauben, dass diese Kinder nicht traumatisiert wurden. Vielleicht ist das auch möglich, aber nur wenn die betroffenen Kinder und ihre Eltern nach einem solchen Ereignis eine ausreichend gute Betreuung erhalten und genug Raum vorhanden ist, um einem solchen Trauma einen Platz in der Lebensgeschichte des Kindes und seinem Umfeld zu geben. Wenn sichere, kompetente und vertrauenswürdige Betreuungspersonen und/oder Therapeut*innen vorhanden sind, kann ein Kind sich von einem solchen Ereignis schneller erholen. Nur so ist es möglich, dass die Folgen eines solchen Traumas begrenzt bleiben.
Es gibt zwei Gründe, warum es oft schwer ist, sich vorzustellen, dass Kleinkinder traumatisiert werden können: Der eine Grund hängt damit zusammen, wie wir Kinder sehen, der andere damit, wie wir über Trauma denken. Der erste und vielleicht wichtigste Grund ist vermutlich der, dass wir uns Kinder am liebsten als gesund, makellos, unschuldig und unversehrt vorstellen. Gerade weil eine gute Versorgung für die Entwicklung eines kleinen Kindes so wichtig ist, ist es fast unerträglich, dass in einem solch jungen Alter traumatische Erfahrungen vorkommen können. Es fällt einem gesunden, liebevollen Erwachsenen schwer, sich vorzustellen, dass Kleinkinder viel zu früh übermäßigem Stress ausgeliefert sind, was allerdings lebenslange Konsequenzen nach sich ziehen kann. Daher ist es für Kinder mit traumatischen Erfahrungen in ihrer Vorgeschichte entscheidend, dass erwachsene Betreuungspersonen ihr Bild vom unschuldigen und unversehrten Kind anpassen und bereit sind, Zeichen psychischer Verletzungen zu sehen und bereit sind, ein ›wissender Zeuge‹ zu sein, um in den Worten von A. Miller (1979 und 1980) zu sprechen. Schließlich brauchen diese Kinder Betreuer*innen, Lehrer*innen, Ärzt*innen und vor allem Eltern (einschließlich Pflege- und Adoptiveltern), die ihre Signale, in denen sie ihr Trauma ausdrücken, wahrnehmen und bereit sind, mit ihnen den schwierigen Weg zu einem möglichst ausgeglichenen Leben zu gehen.
Dieses Bedürfnis der Kinder wird jedoch oft nicht erkannt. Kinder, die in ihrer Kindheit traumatische Erfahrungen machen mussten, mit diesen aber allein blieben, erkennen oft erst später in ihrem Leben, dass sie einen großen Bedarf an entsprechender Unterstützung hatten, diese aber nicht bekommen haben. Christiana, die jetzt 82 Jahre alt ist, sagt Folgendes zu ihrer traumatischen Verlusterfahrungen im Alter von zwei Jahren:
Ich war zweieinhalb Jahre alt, als meine Mutter nicht mehr zurückkam. Sie war auf dem Weg nach Hause und wurde von einer Bombe getroffen. Neun Tage später starb sie. Es war 1940. Mein Vater gab vor, stark zu sein (»weinen macht einen schwach«), um ein Vorbild für sein Kind zu sein. Frauen in meiner nahen Umgebung weinten zwar, aber als ich es sah, drehten sie sich entweder um oder gaben vor, erkältet zu sein. Frauen auf der Straße schwiegen plötzlich als ich vorbeikam oder ich hörte wie sie mitleidig sagten: »Zum Glück ist sie noch zu klein, um sich daran zu erinnern.«
Mein Vater hat nie über meine Mutter gesprochen, weil sein Kummer zu groß war. Er begriff nie, dass gerade dieses Schweigen mich so wütend machte, vor allem in dem Augenblick als unerwartet eine »neue Mutter« den Platz meiner Mutter einnahm. Als Kind konnte und wagte ich es nicht, diese Frustration auszudrücken. Dadurch wurde ich zu einer harten Frau.
Erst als ich ungefähr fünfunddreißig Jahre alt war, begann ich mich mit dem, was damals passiert ist, auseinanderzusetzen. Es war ein langer Weg, der mich mit dem Schmerz, der Trauer und der Wut über so viele verpasste Gelegenheiten konfrontierte. Dies gab mir jedoch die Gelegenheit, meinen Vater um Vergebung zu bitten und auch ich war in der Lage, ihm zu vergeben. (…) Inzwischen war er dement geworden und weinte nur noch. Nur ich wusste warum. Ich bin jetzt mehr als 80 Jahre alt und konnte erst vor kurzem allen Teilen meines Lebens einen Platz geben, um den Kreis meiner Lebensgeschichte zu schließen. Der letzte Teil war das Lesen eines niederländischen Buches mit dem Titel »Kind ohne Mutter« von Vroegop-Zandbergen (zum ersten Mal erschienen in 1994). Das Buch hat mir geholfen, zu begreifen, dass mein Gefühl des Verlustes richtig und weder Einbildung noch Selbstmitleid war. Ich fasste daraufhin den Entschluss, meinen Lebenslauf für mich aufzuschreiben.
Mein Leben nahm letztendlich einen guten Lauf. Der Verlust, den es immer gab und über den ich mit niemandem sprechen konnte, wurde kompensiert. Ich bin eine glückliche Frau, Ehefrau, Mutter von zwei Töchtern und liebevolle Großmutter einer Enkelin und zweier Enkel. Ich bin froh, dass Kinder heute nicht mehr so lange auf Hilfe warten müssen.
Christiana
1.4 Definition der Traumatisierung
Es gibt einen zweiten Grund, warum wir bei Kindern, die Verhaltensauffälligkeiten zeigen, nicht immer sofort an die Verarbeitung von Traumatisierungen denken. Bei dem Wort »Trauma« denken wir vielleicht an einen Tsunami, ein Erdbeben oder einen Brand, bei dem das Kind sein Zu Hause und seine Umgebung verloren hat, oder an einen fürchterlichen Autounfall, der beispielsweise zu dem Verlust von engen Bezugspersonen führte, oder an einen gewalttätigen Überfall auf der Straße. Bei einem Trauma geht es um Ereignisse, die einen großen und unerwarteten Einfluss auf den Alltag haben, also um Erfahrungen, auf die man sich unmöglich vorbereiten kann. Dabei handelt es sich um Ereignisse, die so einschneidend sind, dass der innere psychologische Apparat sie nicht bewältigen und verarbeiten kann, wie es bei anderen Erfahrungen der Fall ist. Ein Trauma bringt das Leben und das psychische Funktionieren einer Person vollkommen durcheinander.
Es gibt verschiedene Arten von Traumatisierung, die sich voneinander unterscheiden. Wir sprechen von einer sogenannten Typ-I-Traumatisierung, wenn es sich um ein einmalig auftretendes überwältigendes Ereignis kurzer Dauer, wie z. B. bei einem Erdbeben, handelt. Bei einer Typ-II-Traumatisierung liegen hingegen einmalige (z. B. eine Vergewaltigung durch eine für das Kind (un)bekannte Person) oder sich über einen längeren Zeitraum erstreckende und wiederholende traumatische Ereignisse vor (z. B. sexueller Missbrauch, Missachtung, Misshandlung oder Gewalt durch die Bindungspersonen). Das Typ I-Trauma galt als »nature-made«, die Typ-II-Traumatisierung als »man-made« (Terr, 1991). Jedoch bemerkte man schon bald, dass Typ-II-Traumatisierungen, die im Kontext von Bindungsbeziehungen auftreten (also nicht durch Unbekannten), viel häufiger vorkommen (mehr als 95 % der man-made Traumata von Kindern), oftmals jahrelang andauern und gerade dadurch zu einer besonders schweren Symptomatik führen, die mehrere oder alle Entwicklungsbereiche betrifft. Folglich handelt es sich um eine Symptomatik, die über die Symptome der PTSB hinausgeht. Um diese Traumata von anderen man-made-Traumata des Typ-II – wie z. B. eine einmalige Vergewaltigung durch einen Unbekannten – zu unterscheiden, wird in der Literatur von einer weiteren, dritten Art der Traumatisierung gesprochen und zwar von der »komplexen Traumatisierung« (Solomon & Heide, 1999). Wenn es dabei zusätzlich zu (wiederholten) Abbrüchen in den Beziehungen zu den primären Bezugspersonen gekommen ist, spricht man von Typ-III-Traumatisierungen. Bestimmte Autor*innen sprechen jedoch auch dann von Typ-III-Traumata, wenn es nicht zum Abbruch der Bindung gekommen ist, jedoch lang andauernde man-made-Traumata im Kontext von Bindungsbeziehungen – also komplexe Traumatisierungen – vorliegen. Die Fachliteratur ist dabei nicht ganz eindeutig. In diesem Buch wird von einem Typ-III-Trauma die Rede sein, wenn die Traumatisierung im Rahmen der Bindungsbeziehungen stattfand, über längere Zeit andauert und es zu einem zeitweiligen oder endgültigen Abbruch der Bindungsbeziehungen gekommen ist, z. B. weil die Bezugsperson das Kind zurückgelassen hat und das Kind nachher (in einem Pflegeheim, einer Pflegefamilie) fremduntergebracht (oder adoptiert) wurde. Im Zusammenhang mit dem Typ-III-Trauma wird manchmal von mehrfach oder multipel-komplex-Traumatisierungen (›multiple complex Trauma‹) gesprochen, weil das Trauma nicht nur Bedrohung, Gewalt oder Missbrauch beinhaltet, sondern auch mit Verlust(en) oder abgebrochenen Beziehungen und möglichen Wiederholungen und Re-inszenierungen der Problematik in einer neuen Pflegesituation einher gegangen ist. Nicht selten geraten die betroffenen Kinder beim Eingehen neuer Bindungsbeziehungen unter enormen Druck und die Kinder haben enorme Angst, wieder weggegeben zu werden und einen erneuten Abbruch der Beziehung ausgesetzt zu sein (
Tab. 1.1). Die Langzeiteffekte dieser frühen komplexen Traumatisierungen sind im ICD-10 (International Classification of Diseases, WHO, 1992) unterdessen für Erwachsenen anerkannt worden als CPTSD (complex post-traumatic stress disorder); in den ICD-Klassifikation psychischer Störungen im Kindes- und Jugendalter fehlt uns bislang noch die diagnostische Kategorie des multiplen komplexen Traumas der Kindheit. Die ICD-11, die 2022 in Kraft tritt, wird – laut den Mitteilungen der WHO seit 2019 – die diagnostische Kategorie komplexe Traumatisierung bei den psychischen Störungen im Kindes- und Jugendalter aufnehmen (Maercken, 2021; Ford & Courtois, 2021).
Als Erwachsene können wir uns mehr oder weniger vorstellen, wie ein traumatisches Ereignis von Typ I oder II das innere psychische Gleichgewicht erschüttern kann. Was von solch einer einschneidenden und überwältigenden traumatischen Erfahrung übrigbleibt, ist meist eine »Erinnerung« an das, was passiert ist. Die traumatische Erfahrung brennt sich in das Gedächtnis ein, wie ein Film, der mit allen Details gespeichert wird und der, um verarbeitet werden zu können, sich immer wieder in Träumen und Geschichten wiederholt. Das Trauma muss neu durchlebt und erzählt werden, um ihm einen Platz in der eigenen Lebensgeschichte geben zu können. Dabei ist es wichtig, das traumatische Ereignis jemandem erzählen zu können, der zuhört.
Wir können uns als Erwachsene auch vorstellen, dass man nach einem Typ-I-Trauma oder einer relativ kurze Typ-II-Traumatisierung nach einer bestimmten Zeit (wieder) an die ursprünglichen individuellen Stärken und widerstandsfähigen (resilienten) Elemente im psychologischen Funktionieren anknüpfen kann. Manchen Menschen hilft es, in schwierigen Zeiten allein zu sein oder mit anderen über ihre Erlebnisse zu reden, andere kümmern sich lieber um andere, während wieder andere sich voll in ihre Arbeit stürzen oder sportliche Aktivitäten nutzen, um diese Situation bewältigen zu können. Während der Eine das traumatische loswerden will, kapselt der Andere es in sich ein.
Tab. 1.1: Verschiedene Formen der Traumatisierung


Bei Kindern, deren erste Entwicklungsphase relativ gut verlaufen ist, kann eine traumatische Erfahrung die gesamte kindliche Entwicklung bedrohen. Die bis dahin gut verlaufene Entwicklung kann so sehr ins Wanken kommen, dass die Gefahr einer Stagnation der Entwicklung besteht und verschiedene Beschwerden und Symptome, sogenannte posttraumatische Belastungssymptome, auftreten können. Diese können sowohl das Lernen und die sozio-emotionale Entwicklung als auch das Verhalten der Kinder beeinträchtigen und sich in vielfältiger Weise zeigen. Während das eine Kind beispielsweise sehr verhaltensauffällig ist, passt ein anderes Kind sich auf den ersten Blick gut an, zieht sich aber allmählich immer mehr in sich selbst zurück und wird unerreichbar. Das Trauma beeinträchtigt die Entwicklung des Kindes und führt zu einer Bruchlinie oder einem ›Knick‹ im Entwicklungsprozess, auch wenn die Entwicklung des Kindes vorher relativ gut verlaufen ist. Niemand ist gegenüber Traumata unverletzbar!
Eine wichtige Frage ist aber auch, was passiert, wenn ein Kind von vornherein benachteiligt aufwächst sowie zu jung war, um sich an traumatische Erfahrungen erinnern zu können und Missbrauch, Gewalt, Misshandlungen, Bedrohungen und Beziehungsabbrüche in den ersten Lebensjahren stattgefunden haben, z. B. wenn das Kind noch keine Sprache zur Verfügung hatte (< 2 oder 3 Jahre) und an die meisten Erfahrungen noch keine bewusste Erinnerungen hat (< 5 oder 6 Jahren). Auch an die späteren Kindheitserfahrungen können sich komplex traumatisierte Kinder oft nicht erinnern, haben daran nur schreckliche Erinnerungen oder konnten dafür keine Sprache entwickeln (<10 bis 12 Jahren).Wenn es an die traumatischen Erfahrungen keine Erinnerungen gibt oder die Erfahrungen sprachlich nicht repräsentiert werden können, wird das Trauma im Form eines körperlichen Schreckens (van der Kolk, 2016) festgehalten.
1.5 Die komplexe Traumatisierung
Bei einem »komplexen Trauma«, auch »frühes Beziehungstrauma/Bindungstrauma« (attachment trauma) oder »Entwicklungstrauma« (early developmental trauma – developmental trauma disorder) genannt, handelt sich um traumatische Erfahrungen, die sich in sehr jungen Jahren innerhalb der Beziehungen zu den engsten Fürsorgepersonen ereignen, die eigentlich eine Quelle der Versorgung, Sicherheit und Stabilität sein sollten. Diese Personen stellen für die Kinder stattdessen Angst, Bedrohung, Gefahr sowie einen Mangel an Fürsorge, Wärme und Liebe dar. Dabei kommt es oft zu einer unvorhersehbaren Versorgung, beispielsweise in dem Sinne, als dass ein liebes, fürsorgliches Elternteil unter dem Einfluss von Alkohol oder Drogen plötzlich aggressiv und gewalttätig wird oder ein psychisch krankes Elternteil zeitweise unberechenbare Reaktionen zeigt.
Das komplexe Trauma bezieht sich auf Erfahrungen, wie die Vernachlässigung der grundlegenden körperlichen Bedürfnisse nach Ernährung, Wärme und Versorgung, sowie der psychologischen Bedürfnisse wie Liebe und Zuneigung, Freude, Entwicklungsstimulierung und Struktur. Es verweist auf die Einflüsse direkter oder indirekter Gewalt, unangemessener oder sadistischer Strafen, großer Unberechenbarkeit und/oder auf Erfahrungen von Verlust. Ein Trauma aufgrund von emotionaler Vernachlässigung (»deprivation«) wird oft weniger eindeutig als traumatisch wahrgenommen, hat aber genau wie die deutlich sichtbarere Gewalt schwerwiegende Auswirkungen auf das Leben und die Entwicklung eines Kindes sowie auf das Leben der Adoptiv- und Pflegeeltern und anderer Bezugspersonen, die sich um betroffene Kinder kümmern.
Solche Erfahrungen werden nicht nur in Form von Ängsten und »eigenartigen« unverständlichen Gefühlen, Gedanken oder Verhaltensweisen verankert, sondern führen auch zu der Erfahrung, dass das Leben unberechenbar und instabil ist und dass man sich nicht auf Erwachsene verlassen kann. Pflege- und Adoptiveltern bemerken dies häufig, sobald das Kind mit einem komplexen Trauma nach einer Weile beginnt, sich an sie zu binden. Durch den Beziehungsaufbau und eine damit einhergehende Annäherung wird die Angst vor einer erneuten Verletzung oder Ablehnung aktiviert. Genau in dem Moment, in dem Eltern damit rechnen, dass sich die Beziehung weiter vertieft, kommt es oftmals zu turbulenten Krisen in den Pflege- oder Adoptivfamilien. Kinder mit einem komplexen Trauma werden manchmal auch als »bindungsverunsichert« beschrieben, weil es ihnen schwerfällt, Bindungsbeziehungen aufzubauen und sie diese Beziehungen oft auf ganz andere Art und Weise nutzen als sicher gebundene Kinder (
Kap. 3). Oft haben diese Kinder erst vor kurzem traumatische Erfahrungen in ihren Beziehungen zu ihren ursprünglichen Fürsorgepersonen erlitten (Bindungsbeziehungen) und in ihren ersten Lebenswochen, -monaten und manchmal -jahren, wenig Aufmerksamkeit und einen Mangel an Bedürfnisbefriedigung sowie eine unberechenbare Versorgung erfahren. Es gibt Autor*innen, zum Beispiel Jon Allen (2013) oder Allan Schore (2009), die es vorziehen, von einem »Bindungstrauma« zu sprechen. Die Auswirkungen solcher Traumata (durch Deprivation, Verluste, Vernachlässigung und/oder Gewalt, Missbrauch, Misshandlung) werden in verschiedenen Entwicklungsbereichen deutlich, weshalb andere Autor*innen, wie Bessel van der Kolk (2003, 2005, 2009) den Begriff des »Entwicklungstrauma« bevorzugen.
1.6 Von der Verletzung zur Narbe
Ein sehr junges Kind ist nur auf eine altersspezifische Art und Weise in der Lage, zu fühlen und zu denken. Es erlebt zunächst physisch empfundene Zustände und Prozesse, deren Intensität (Arousal) durch seine primären Bezugspersonen gehalten und so erträglich gemacht werden. Dabei achten Eltern und Betreuungspersonen von kleinen Kindern einerseits darauf, dass die Frustration, das Stressniveau oder die Aufregung des Kindes nicht zu groß wird, andererseits stimulieren und aktivieren sie das Kind, wenn es sich zu wenig in Kontakt begibt; sie ›bewegen‹ das Kind auf diese Art und Weise zum Kontaktaufbau. In traumatischen Situationen innerhalb der frühen Betreuungsumgebung, die geprägt sind von Missachtung, Vernachlässigung oder Gewalt wird das Kind hingegen chronisch über ein unerträgliches Maß hinaus so stark gestresst, dass es sehr früh lernt, auf sich selbst angewiesen zu sein, wodurch es schwer wird, es zu erreichen.
Dieser Prozess führt bei jungen Kindern zu eingeschränkten, unklaren Erinnerungen an das, was sie erlebt haben. Die Ereignisreihenfolge hinterlässt eher vage, körperlich fühlbare Ängste zurück, ein körperlicher Schrecken (van der Kolk) das sich auch in Träumen und Alpträumen äußern kann. Es gibt keine konkreten Erinnerungsspuren an das, was die Ursache oder der Anlass dieser »seltsamen« Ängste sein könnte, die das Kind durchlebt; es gibt auch keine Worte dafür. Anders ausgedrückt, sollte das komplexe Trauma eher von der Brücke oder Verflochtenheit aus betrachtet werden, die sich normalerweise in der Entwicklung zwischen Körper und Psyche, zwischen »body« und »mind« entwickelt (Schore, 2009): the psychosomatic unity. Es scheint, als wäre es nach komplexen Traumatisierungen weniger der Kopf, sondern vielmehr der Körper eines Kindes, der die Erinnerungen trägt (»The body keeps the score«, van der Kolk, 2014).
Zusätzlich sind diese körperlichen Signale und Spuren des komplexen Traumas für die verbale, kognitive Bearbeitung zum größten Teil nicht zugänglich. Sie existieren sozusagen auf einer anderen Ebene weiter. Die Abbrüche der Bindung, die die Kinder erlebten, gehören chronologisch zwar zur Vergangenheit, bleiben jedoch psychodynamisch und unbewusst aktiv, und zwar in der Form von tief verinnerlichten Vorstellungen von unsicheren Bindungen und fixierten Reaktionen im Gehirn sowie im zentralen Nervensystem, also als neuropsychologische Muster, die unter besser organisierten Bindungsmustern meistens gut verborgen bleiben. In dem Moment, in dem die tieferliegende Problematik, durch die Spannung, die mit neuen Bindungsmöglichkeiten in der Adoptionsfamilie oder einer Pflegefamilie einhergeht, wieder inszeniert wird, zeichnen sich die Wunden der Vergangenheit umso deutlicher ab. Weder das Kind noch die Eltern können im Moment der Re-inszenierung realisieren, was passiert, wenn die Vergangenheit des Kindes dafür sorgt, dass neue Entwicklungschancen nicht ergriffen werden können. Die Re-inszenierung tritt meist dann auf, wenn das Kind merkt, dass es sich erneut binden könnte und seine Verletzung spürt, und/oder während bedeutsamer phasenspezifischer Entwicklungsaufgaben, wie z. B. während einer Identitätskrise und -suche in der Adoleszenz.
Wir dürfen dabei nicht vergessen, dass dieses für ein multiples komplexes Trauma typische Aneinanderreihen belastender und traumatischer Erfahrungen in einer Lebensphase stattfindet, in der ein Kind zahlreiche neue und lebenswichtige Entwicklungsschritte durchläuft. Zuerst ist das Kind voll und ganz damit beschäftigt ein Urvertrauen zu erwerben (erstes Lebensjahr), dann experimentiert es mit ersten Schritten Richtung Autonomie (zweites und drittes Lebensjahr), gefolgt von einer Phase der gesunden (sexuellen) Neugierde (viertes bis sechstes Lebensjahr) und einer Phase des Erwerbs von Lernfähigkeit und sozialer Kompetenz (sechstes bis zwölftes Lebensjahr). All dies erlebt das Kind in den ersten Phasen seines Lebens, in denen es auch die Fähigkeit entwickelt, sich durch Spiele, Worte und Geschichten auszudrücken (durch die Entwicklung eines verbalen oder narrativen Selbstgefühls). Die Besonderheit eines komplexen Traumas besteht gerade darin, dass all diese Bereiche und Entwicklungsaufgaben unweigerlich durch den traumatischen Charakter des Ereignisses beeinträchtigt werden. Wenn eine betreuende Person, die dem Kind eigentlich Sicherheit und Versorgung vermitteln soll, das Kind körperlich oder psychisch verletzt, ignoriert oder vernachlässigt, führt dies zu »Störungen« basaler Fähigkeiten. Im Gegensatz zu anderen Arten von Trauma haben Kinder, die ein komplexes Trauma erleben, keine primäre Betreuungsperson, die sich außerhalb des traumatischen Ereignisses befindet. Es mangelt ihnen an Betreuungspersonen, die sich liebevoll um sie kümmern und sie auffangen oder dabei helfen können, ein Trauma zu verarbeiten. Bei einem komplexen Trauma ist es die Fürsorge selbst, die sich in der Körpererfahrung und der kaum vorhandenen oder erst entstehenden psychologischen Erfahrung des Kindes, von innen mit dem Trauma verbindet. Diese Erfahrung ist für einen Außenstehenden häufig schwer zu begreifen, sie hat aber einen großen Einfluss auf die Gehirnentwicklung und das damit verbundene physiologische Stresssystems und somit auf das Verhalten sowie das emotionale Erleben, die Affektregulierung und das spätere Bindungsmuster (Perry & Szalavitz, 2006).
Zum Beispiel sehen wir bei einigen Kindern eine andauernde Hypersensibilität des Stresssystems oder eine andauernde Beeinträchtigung in der kognitiven und emotionalen Entwicklung sowie im Beziehungsverhalten. Einige der Kinder versuchen den überwältigenden Einfluss des Traumas zu verringern, indem sie unerreichbar werden und nichts mehr spüren. Vielleicht haben sie erfahren, dass es ihrer Bezugsperson egal war, wer sie sind, wodurch sie einen unüberwindlichen Abstand in Beziehungen erfahren und wodurch sie auch nie eine Verbindung zwischen ihrer eigenen Psyche und ihrem Körper herstellen konnten. Manche Kinder sind dadurch schließlich nicht in der Lage zu unterscheiden, was gut und was bedrohlich ist, ihnen fehlt sozusagen ein innerer Kompass. Dadurch besteht das Risiko, dass sich die traumatischen Beziehungserfahrungen wiederholen, denn diese Kinder erwarten bei neuen und sicheren Pflege- oder Adoptiveltern ein erneutes Trauma, und/oder suchen auch manchmal Fürsorge und Liebe bei bedrohlichen Personen.
Es lässt sich also festhalten, dass traumatische Erfahrungen in den ersten Monaten und Jahren des Lebens für die Gehirnentwicklung und die Persönlichkeitsentwicklung prägend sind. Sie haben einen gravierenden Einfluss auf alle Entwicklungsbereiche und können sich auf das Lernen, Denken, Sprechen sowie die emotionale Entwicklung und das Beziehungsverhalten auswirken. Deshalb zeigen betroffene Kinder, selbst nachdem sie bereits seit Jahren bei fürsorglichen Pflege- und Adoptiveltern gelebt haben, oft noch immer Verhaltensauffälligkeiten und Beeinträchtigungen in ihrer Entwicklung. Das erklärt auch, warum viele Eltern in Pflege- und Adoptivfamilien, die diese Kinder später in ihrer Entwicklung begleiten, so viel investieren müssen, um zumindest eine gewisse tägliche Routine mit ihrem Kind zu erreichen und warum manche Kinder scheinbar so wenig von der positiven Fürsorge annehmen, die sie umgibt und sich so sehr auf das, was sie nicht haben oder bekommen, fokussieren. Und es erklärt auch, warum diese Kinder zusätzlich andere anhaltende Schwierigkeiten, wie beispielsweise Lese- und Rechenprobleme entwickeln und es ihnen schwerfällt zu verbalisieren, was in ihrer inneren und äußeren Welt passiert oder passiert ist.
Gerade weil aber diese Form der traumatischen Erfahrung in einer Lebensphase stattfindet, in der die Entwicklung des Kindes noch besonders veränderbar ist, gibt es Möglichkeiten, die Entwicklung der Kinder zu unterstützen. Die Verarbeitung innerhalb eines therapeutischen Prozesses kann den Kindern die genügende Ruhe geben und helfen, den traumatischen Erfahrungen einen heilsamen Rahmen oder Ort zu geben, an dem Bruchstücke dieser Erfahrungen aufgehoben werden können. Auch wenn ein therapeutischer Prozess nicht zu einer »Heilung aller Wunden« führt, kann es für Kinder und Eltern dennoch hilfreich sein, die vulnerablen Punkte besser kennenzulernen und zu lernen, damit umzugehen. Zudem bietet eine Therapie auch eine Möglichkeit, um in späteren Entwicklungsphasen nicht (erneut) zu stagnieren. Bei einigen Kindern bleibt das Zusammenleben in der (Pflege- oder Adoptiv-)Familie schwierig oder verbunden mit Konflikten. Der Unterschied kann jedoch darin bestehen, dass während dieser Konflikte eine Perspektive für die Betreuer*innen und die Kinder eröffnet wird. Durch einen psychotherapeutischen Prozess kann man sich der offenen Wunde oder dem eingekapselten Trauma annähern und eine Narbe entwickeln, die die ursprüngliche rohe Wunde ablöst. Ein basales Misstrauen kann durch lebenswerte Beziehungen ersetzt werden, in denen Empfindlichkeiten berücksichtigt werden können. Auch wenn eine Narbe viel weniger flexibel ist, als die ursprüngliche Beziehungsflexibilität, die hätte entstehen können, wäre es nicht zu einer traumatischen Entwicklung gekommen, bietet solch ein Narbengewebe mehr Möglichkeiten für ein »gutes Leben« als die offene Wunde oder die eingekapselte eiternde unbehandelte Traumazyste. Ein solcher therapeutischer Prozess kann das Leid grundlegend verändern, auch wenn diese Narbe vielleicht lebenslang ein sensibler oder verletzlicher und wenig flexibler Bereich bleibt.
»One does not have to be a combat soldier, or visit a refugee camp in Syria or in the Congo to encounter trauma. Trauma happens to us, our friends, and our neighbours.« (van der Kolk, 2014, S. 1)
2 Ein kurzer Einblick in die Entwicklungspsychologie

2.1 Ein von Fürsorge abhängiges und sozial orientiertes Kleinkind
Ein Baby wird nur mit einer begrenzten Fähigkeit, sich selbst zu regulieren, geboren. In den ersten Monaten und Jahren seines Lebens ist es abhängig von der Fürsorge Anderer, die sehen und begreifen, was es benötigt. Daher konzentriert es sich fast ausschließlich auf seine Bezugspersonen. Um eine Verbindung zu ihnen aufzubauen, bedient sich das Kleinkind dabei seiner stark ausgeprägten sozialen Fähigkeiten. So kann es in den ersten Wochen und Monaten ein faszinierendes Lächeln hervorzaubern, zutiefst zufrieden mit sich selbst sein oder weinen und schreien, sobald es jemanden benötigt. Das alles sind Möglichkeiten, die Nähe der Erwachsenen zu gewährleisten. Dabei entwickelt sich die Kommunikation bereits mit der Geburt eines Kindes von zwei Seiten. Denn ein Baby erkennt die Stimme seiner Eltern schon vor der Geburt, es erkennt ihren Geruch unmittelbar nach der Geburt und ihr Gesicht schon wenige Tage später. Es kommuniziert lange bevor es über irgendwelche Worte verfügt: So drückt es Unruhe und Angst durch Körpersignale, den Gesichtsausdruck, Bewegungen, die Stimme oder durch Weinen aus. Sowohl das Weinen als auch das Wegschauen in beunruhigenden Situationen sind sehr starke soziale Signale, die eine Veränderung des Umfelds hervorrufen sollen. Lachen und Augenkontakt sind dabei sehr erfolgreiche Mittel, den Pflegepersonen zu signalisieren, dass sie es gut machen (Schmeets, 2011). Ein weiteres Mittel, das dem Kleinkind zur Verfügung steht, um die Umgebung zu regulieren, ist seine Motorik: So wird ein Kleinkind bei ungünstigen Bedingungen schon sehr früh zu viel oder zu wenig aktiv sein (Hyper- oder Hypoaktivität) oder sein Körper spannt sich zu stark oder zu schwach an (Hyper- oder Hypotonie). Auch das Essen und das Schlafen sind schon sehr frühe Aspekte der Kommunikation, mit denen das Baby mitteilt, wie es ihm geht (Derckx, 2011).
Ein kleines Kind ist mit anderen Worten ein (etwas besonderer und anfangs nonverbaler) sozialer und aktiver Interaktionspartner, der sehr viel Aufmerksamkeit, Zeit und Energie von seinen Eltern und Betreuungspersonen in Anspruch nehmen kann. Die Tatsache, dass ein kleines Kind für alle Bedürfnisse und Erwartungen ständig von diesen Betreuungspersonen abhängig ist, sorgt dafür, dass junge Eltern oft zu guten und aufmerksamen Beobachter*innen werden. Sie beobachten und hören ständig all die kleinen Signale und Ausdrucksformen, die das Kleinkind durch seinen Körper, sein Gesicht und seine Stimme ausdrückt und die etwas darüber aussagen, wie es ihm geht und was es von ihnen benötigt. Es ist eine der wichtigsten Aufgaben junger Eltern, die Körpersprache ihres Kleinkindes »lesen« zu lernen und das, was sie sehen und die Absicht, die sie dahinter vermuten, in Worten auszudrücken (Derckx, 2011). Das Lesen der Körpersprache des Babys ist wie eine Art des Bedeutung-Verleihens der relational-affektiven Kommunikation, eine Art der Affektinterpretation also (Emde, Osofsky & Butterfield, 1993), die wichtig ist für die spätere Emotionsregulierung des Kindes (Meurs & Vliegen, 2020). Fürsorgliche Eltern lernen, was weinende Geräusche, die Mimik und die Art, wie sich das Baby an Mutter oder Vater anschmiegt, bedeuten. Sie lernen aus der physisch-affektiven Kommunikation des Kindes zu schließen, wann es zufrieden ist, Hunger hat oder Aufmerksamkeit braucht. Auf diese Weise zeigt ein Kleinkind seinen Eltern einen ihnen noch vollkommen unbekannten Lernprozess. Obwohl dieser Lernprozess Zeit benötigt und weitgehend nur durch »Trial-and-Error« erlernt werden kann, sind sowohl das Kleinkind sowie seine Eltern durch die Evolution dafür ausgestattet. Tägliche Aktivitäten wie Füttern und Wechseln der Windeln sind die optimalen Momente für das Kleinkind und seine versorgenden Personen sich gegenseitig kennenzulernen. Das gegenseitige Ansehen, die Berührungen und das Erzeugen von Geräuschen, sorgen dafür, dass ein zwischenmenschliches Band entsteht. Auf diese Weise lernt die versorgende Person den Rhythmus sowie die Bedürfnisse und die Stimmungen des Kleinkindes kennen. In dieser frühen Phase der völlig neuen Beziehung wird durch den oben beschriebenen, intensiven und gegenseitigen Austausch der Grundstein für ein lebenslanges Band zwischen dem Kind und seinen Eltern gelegt.
Das Weinen eines Kleinkindes ist oft ergreifend, wodurch Eltern/Fürsorgepersonen dazu veranlasst werden, schnell und adäquat zu handeln. Die Dringlichkeit des Weinens eines Kleinkindes hat natürlich einen Grund. Sie ist evolutionsbedingt, denn für das sich entwickelnde Kind ist es wichtig, dass die Fürsorgepersonen bei Bedarf schnell und adäquat reagieren. Es ist kein Zufall, dass Versorgung und Trost für Kleinkinder so wichtig sind. Sie können primitive Gefühle erleben, die noch ungeformte und undefinierte negative Emotionen auslösen. Diese ersten Formen der Affekte – meistens Affektzustände oder Affektintensitäten – werden in der Fachliteratur auch Affekt-Arousal genannt: Das Ausmaß an Affektzuständen, die durch äußere und/oder inneren Reize des Kindes aktiviert werden, kann für Kleinkinder schwer auszuhalten sein, da es für sie noch schwierig ist, damit umzugehen. Daher brauchen Babys eine nahezu permanente Anwesenheit und Beruhigung: eine Ko-Regulierung.
Natürlich gibt es jedoch große Unterschiede zwischen verschiedenen Kleinkindern. Frühgeborene oder sehr temperamentvolle Babys verlangen in dieser Hinsicht mehr von ihren jungen Eltern, als ruhige oder kräftige und reif geborene Kinder. Während das eine Kind mehr Aufmerksamkeit fordern kann, ist ein anderes Kind viel schwieriger entgegenzukommen. Im Verlauf dieses Kapitels werden wir darauf eingehen, was unter Umständen passieren kann, wenn ein Baby nicht die adäquate Versorgung erhält, die es benötigt, da es beispielsweise früh eine Fürsorgeperson verloren hat oder die Fürsorgeperson durch eigene Sorgen abgelenkt war und/oder kein Interesse an dem Kind hatte.
2.2 Von der gemeinsamen Regulierung am Anfang des Lebens zur späteren Selbstregulierung
Die Entwicklung der emotionalen Regulierungsprozesse, die hauptsächlich durch die Fürsorge von Betreuungspersonen (Co-Regulation) im Kleinkind angestoßen werden, ist ein wichtiger erster Schritt für die weitere sozio-emotionale Entwicklung des Kindes. Solange das Kleinkind nicht die physische und kognitive Reife besitzt, um z. B. auf das Fläschchen oder das Windelwechseln warten zu können, ist es davon abhängig, dass seine Fürsorgeperson schnell, präzise und adäquat reagiert. Anfänglich wird jeder Moment der Unruhe durch die Fürsorgeperson reguliert: »Erst wenn man seine Decke um ihn wickelt, schläft er ruhig ein«, oder »Man muss das Fläschchen so festhalten, dann trinkt sie ruhig und hat später weniger Bauchkrämpfe.« Ein Gefühl der Sicherheit entsteht, wenn das Baby erlebt, dass es sich darauf verlassen kann, dass für es gesorgt wird und Mama und Papa immer da sind, wenn sie gebraucht werden. Auch die Erfahrung, dass der Hunger gestillt wird und immer wieder eine Bezugsperson auftaucht, wenn man sich im Bett allein fühlt, trägt zu diesem Gefühl der Sicherheit bei. Das Kleinkind lernt, das Kuscheln, Spielen, Teilen und Zusammensein zu genießen. Es lernt all das in dieser ersten Zeit des Zusammenseins. In den ersten Wochen verlässt sich das Kleinkind darauf, dass seine Eltern und andere versorgende Personen seine großen und kleinen Momente der Unruhe und des Unbehagens bemerken, verstehen und sie lösen. Dabei helfen sie ihm, Momente des positiven Gefühls zu entwickeln und zu teilen.
Wenn die gemeinsame Regulierung zufriedenstellend und auf die Fähigkeiten des Babys abgestimmt ist, weicht sie allmählich einer immer stärkeren Selbstregulierung. Der Körper scheint Erfahrungen des »Ruhefindens« zu speichern. Dem Kind gelingt es dann allmählich selbst, die gespeicherten Erfahrungen abzurufen. Zum Beispiel dann, wenn das Baby seine Decke selbst zu seiner Wange heranziehen kann, was sich dann genauso anfühlt, als würden Papa oder Mama es zudecken. In solchen Momenten erfährt das Kind – manchmal zum ersten Mal – dass es selbst Ruhe und Trost finden kann. Das Kind kann allmählich mehr Aufschub aushalten und mit wachsenden kognitiven Fähigkeiten lernt es, dass es sich auf seine fürsorgenden Personen verlassen kann. Das kleine Kind muss nun nicht länger unmittelbar anfangen zu weinen und nach seinen Eltern zu schreien, sondern ist in der Lage sich selbst zu beruhigen. So lernt es auch, die eigenen affektiven Körpersignale zu beobachten und ihnen Bedeutung zu verleihen, sie sinnvoll zu »interpretieren« und dadurch den ersten Baustein der weiteren Emotionsregulierung selbst zu entwickeln.
2.3 Der Aufbau von Erinnerungen und dem Gefühl einer eigenen Lebensgeschichte
Schon ab der Geburt ist das Gehirn eines Babys aktiv und verarbeitet den ständigen Informationsfluss, der über die Sinne (Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und Fühlen) hereinströmt. Sich wiederholende, sichere und vertrauensvolle Informationen bilden wichtige erste Erinnerungsspuren. Genau deshalb gestalten wir die Welt für Kleinkinder so vorhersehbar wie möglich. Wenn zum Beispiel das Kleinkind »Ping« hört, weiß es, dass es seinen Brei bekommt. Das Gedächtnis ermöglicht es, Erfahrungen aus der Vergangenheit zu nutzen, um die Zukunft vorhersehbar zu machen. Schließlich lernt das Kind allmählich, dass Mama oder Papa immer wieder ans Bett kommen, sobald es zu viel Unruhe oder Spannung signalisiert. Dadurch ist es nicht länger notwendig, jedes Mal, wenn das Kind nachts Angst hat oder Hunger verspürt, panisch zu reagieren. Das Gehirn speichert unsere Erfahrungen, unseren persönlichen Lebenslauf, auch in der Zeit, in der wir noch nicht einmal über eine Sprache verfügen, ab.
Das bedeutet, dass alle Erfahrungen, die wir machen, Spuren hinterlassen, auch diejenigen, die schmerzhaft oder beängstigend sind. So kann beispielsweise das Kind während eines Tsunamis folgende komplexe sensorische Erfahrungen machen, die abgespeichert werden:
Es hat erst die panischen Schreie der Erwachsenen gehört, dann das Wasser gesehen und erlebt, wie es in den Raum hineindrang. Es hat laute, schwappende und fließende Geräusche wahrgenommen, dann unbekannte Arme um seinen Körper gefühlt und seltsame, laute Stimmen gehört… Die Kombination all dieser sensorischen Erfahrungen lässt neue Verbindungen im Gehirn entstehen. Später kann es ausreichen, nur einen sensorischen Reiz zu erfahren (das Geräusch von schwappendem Wasser), wodurch automatisch andere Aspekte des damaligen Erlebnisses hervorgerufen werden (das Bild des einströmenden Wassers und die damit verbundene Angst).
Die Tatsache, dass das Gehirn all diese Erfahrungen erfasst und speichert, ermöglicht es uns, aus Erfahrung zu lernen. Mit Hilfe von Assoziationen verweben wir alle eindringenden sensorischen Reize zu einem Ganzen. Dass Erwachsene manchmal glauben, Kleinkinder würden sich an frühe und sehr schmerzhafte Ereignisse »nicht erinnern« und daher auch nicht unter ihnen leiden, hat damit zu tun, welche Bedeutung der Begriff »Erinnern« für Erwachsene hat. Das Wort »Erinnerung« bezieht sich in diesem Kontext darauf, wie Erwachsene sich an bestimmte Ereignisse erinnern und sie in Worten ausdrücken. Einige Beispiele: Vielleicht denken Sie an den warmen Sommerabend in Südfrankreich, wie Sie dort in Ruhe gesessen haben, als es plötzlich anfing stark zu regnen oder Sie denken zurück an den Abend, als Sie einfach zu Hause auf der Couch saßen und das Handy plötzlich klingelte und Ihr Vater Ihnen mitteilte, dass Ihre Mutter gestorben ist.
Was wir im Gedächtnis speichern, ist jedoch viel weitreichender als das, an was wir uns bewusst erinnern können. Daneben gibt es noch weitere Formen von Gedächtnisspuren, die sich schwierig in Worte fassen lassen. Diese spielen im Zusammenhang mit frühen Erfahrungen und deren Auswirkungen auf unsere Psyche, jedoch eine entscheidende Rolle. Vielleicht haben Sie es als Erwachsene(r) selbst erlebt, wie Sie – beispielsweise nach diesem Telefongespräch, bei dem Sie vom Tod ihrer Mutter erfahren haben – plötzlich bei jedem Telefongeräusch heftig zu zittern angefangen haben. Solche Erinnerungsspuren entstammen in gewisser Weise dem »denkbaren« und »bewussten« Funktionieren. Es sind Erinnerungsspuren einer anderen Art, die sich in der Psyche eines Kleinkindes festsetzen und so seine weitere Entwicklung und sein Verhalten beeinflussen können, ohne dass es dies überhaupt bemerkt.
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