Kitabı oxu: «Das Holly Summer Lesebuch»
Inhaltsverzeichnis
Boston Bad Boys 1: Secret Stranger
Bosten Bad Boys 2. Dark Guardian
Master 1: Master of my Heart
Master 2: Master of my Dreams
Master 3: Master of my Passion
Master 4: Master of my Feelings
Two of us

Holly Summer
Secret Stranger
Boston Bad Boys Band 1

»Elijah?«, rufe ich laut in den Flur, dabei hüpfe ich unbeholfen auf einem Bein aus der Tür meines Schlafzimmers, während ich die flachen Schuhe überstreife.
Der Duft von frischem Kaffee steigt mir verführerisch in die Nase. Aber ein Blick auf meine Armbanduhr genügt, um mir darüber klar zu werden, dass aus einem gemütlichen Frühstück mit Elijah heute nichts werden wird. Ich bin spät dran. Fast wäre ich in meiner Eile auf der vorletzten Treppenstufe hängen geblieben und murmle wilde Verwünschungen. Verdammter Stromausfall letzte Nacht! An der Tür stecke ich den Kopf zur Küche hinein. Elijah steht mit der Hüfte schwingend am Herd und wippt im Takt der Musik aus dem Radio mit.
»Eliiiijjjaaah«, rufe ich ihn laut und wild mit der Hand fuchtelnd. Endlich dreht er sich zu mir um und stellt das Radio leise.
»Guten Morgen, Süße. Du bist spät, hast du mal auf die Uhr geschaut?«
»Das weiß ich selbst«, stöhne ich. Wäre Elijah nicht der beste Freund, den man sich wünschen kann, würde ich ihm seinen Sarkasmus übel nehmen. Aber ihm böse zu sein, ist genauso, als wollte man den Mond vom Himmel holen: unmöglich.
»Mein Wecker war aus. Wir hatten letzte Nacht einen Stromausfall, falls du es nicht bemerkt haben solltest. Du hättest mich ruhig wecken können«, halte ich ihm vor und betrete die Küche.
»Sorry, Süße.«
»Schon gut. Ich nehme dein Rennrad, okay? Mit dem Bus schaffe ich es nicht mehr.« Das ist eigentlich keine Frage, sondern eine Feststellung.
»Ich würde dich gerne fahren, aber ich erwarte jeden Moment den Handwerker, damit endlich diese verdammte Treppenstufe repariert wird. Also gut, nimm das Rennrad. Es ist gestern Nacht spät geworden bei mir, wir hatten Ärger im Club«, teilt er mir mit, während er geschäftig in der Pfanne rührt. Ich ziehe fragend eine Augenbraue hoch, aber sein Bericht muss bis heute Abend warten.
»Lass uns später darüber reden, okay? Und mach dir keine Gedanken, mit dem Rad bin ich ohnehin viel schneller im Büro. Ich nehme einfach die Abkürzung durch den Park.«
»Okay, aber pass auf, dass es nicht geklaut wird«, sagt er und wendet das Omelett in der Pfanne.
»Ich lass doch dein heiß geliebtes Rennrad nicht auf der Straße stehen. Was denkst du denn von mir? Ich stelle es natürlich in den Hausflur«, verspreche ich ihm.
Der Geruch von geschmolzenem Käse und frischen Tomaten steigt mir verführerisch in die Nase. Elijah ist ein fabelhafter Koch. Seit ich nach der Trennung von meinem Ex vor einem Monat bei ihm eingezogen bin, habe ich sicher schon ein Kilo zugenommen. Darüber sollte ich eigentlich glücklich sein, denn die Trennungsphase war alles andere als leicht. Sechs Jahre streicht man nicht einfach so aus dem Leben. Auch wenn Sean, mein Ex, sich wie ein verficktes Arschloch verhalten hat, habe ich immer noch Gefühle für ihn. Als ich erfahren musste, dass er schon seit über einem Jahr ein Verhältnis mit einer anderen Frau hatte, brach eine Welt für mich zusammen.
Vielleicht hätten wir unsere Beziehung noch kitten können, doch die Situation, in der er sich jetzt befindet, hat das unmöglich gemacht. Zwar versprach er mir hoch und heilig, sein Verhältnis zu beenden, aber das wollte ich nicht. Von dem Baby, das er mit ihr hat, kann er sich schließlich nicht so einfach trennen.
Als ich das Bild von seinem Kind sah, gab es für mich nur noch eins: Meine Koffer packen und ausziehen. Einen glatten Schlussstrich ziehen, auch wenn es noch so sehr wehtat. Seitdem wohne ich bei Elijah in seinem Haus, aber über kurz oder lang muss ich mir eine eigene Wohnung suchen und meine Möbel bei Sean abholen.
Elijah und ich haben uns vor einigen Jahren kennengelernt, er hatte meinem Ex und mir Jobs als Bedienungen in seinem Nachtclub angeboten. So konnten Sean und ich uns trotz des Studiums die schöne Wohnung leisten, in der ich so glücklich war. Jetzt quält mich der Gedanke an unser Zuhause nur noch. Ich konnte es nicht mehr ertragen, dortzubleiben. Dort, wo mich alles an unsere gemeinsame Zeit erinnerte.
Für manche Menschen mag es merkwürdig klingen, mit einem schwulen Nachtclubbesitzer zusammen zu wohnen, dessen Körper über und über mit Tattoos bemalt ist. Meine Eltern würden die Nase darüber rümpfen, wenn sie wüssten, dass ich nicht mehr mit Sean zusammen bin und stattdessen im Haus eines Mannes lebe, der ein ziemlich ungeordnetes und zügelloses Leben führt und auf Konventionen und Vorurteile pfeift. Aber gleichzeitig ist Elijah der liebevollste Mensch, den ich hier in Boston kenne, ein wirklicher Freund.
Meine Eltern wissen noch nichts von der Trennung von Sean und seinem Doppelleben.; Ich muss es ihnen endlich sagen. Spätestens nächsten Monat kommt es sowieso raus, denn meine Mom feiert ihren fünfzigsten Geburtstag, und dann erwartet sie, dass ich mit Sean bei ihr aufkreuze. Er war für sie immer der perfekte Schwiegersohn, und wenn es nach ihr ginge, wären wir sicher schon verheiratet. Es wäre unfair, wenn ich es ihr nicht vorher sage.
Schnell schiebe ich, nicht zum ersten Mal, diese negativen Gedanken zur Seite und angele nach dem Brötchen, das Elijah sich aufgeschnitten und mit Butter bestrichen hat. Er zieht lächelnd eine Augenbraue hoch und haut mir leicht auf die Finger.
»Hab dich auch lieb«, rufe ich ihm zu und sehe nur noch seinen gespielt tadelnden Gesichtsausdruck, als ich mich umdrehe und herzhaft in das Brötchen beiße.
»Sunday?«, pfeift er mich zurück.
»Ja?«, sage ich undeutlich mit vollem Mund.
»Pass auf mein Rennrad auf«, warnt er mich schmunzelnd mit erhobenem Holzlöffel.
Lächelnd werfe ich ihm einen Kuss zu, bevor ich das Haus verlasse und mich auf den Weg ins Büro mache.
Meinen Beruf als Immobilienmaklerin liebe ich sehr, ich hatte schon immer eine Schwäche für schöne Häuser. Sobald ich ein leeres Haus betrete, richte ich es in Gedanken ein. Leider ist mein neuer Chef, Mister Fullerton Junior, ein widerlicher Stinkstiefel, der mir nicht nur einmal zweideutige Angebote gemacht hat. Ein Blick auf meine Uhr zeigt mir, dass er mich in zehn Minuten zu einem Brainstorming erwartet. Mein kleiner roter Nissan ist in der Werkstatt und zu Fuß oder gar mit den öffentlichen Verkehrsmitteln schaffe ich es unmöglich, pünktlich zu sein. Ich hänge die große Tasche um, in die ich mein Kleid und ein Paar Pumps gepackt habe, und schwinge mich auf den Sattel. Da Freitag ist und ich keine Kundentermine habe, ist es völlig in Ordnung, mit Jeans, Bluse und Blazer im Büro zu erscheinen, aber für alle Fälle habe ich ordentlich zusammengelegt mein Businesskleid dabei. Korrekte Kleidung und Etikette sind das A und O in der Firma.
Manchmal wünschte ich mir, wir hätten keinen Dresscode, so wie es in anderen modernen Firmen üblich ist. Besonders, wenn ich an den Hai von einem Chef denke. In letzter Zeit ist er besonders penetrant. Mister Fullerton Junior ist und bleibt ein alter Kotzbrocken, der nur Dollarzeichen in den Augen hat – wenn er nicht gerade seine Mitarbeiterinnen betatscht.
Diesen Monat konnte ich trotz vieler Außentermine noch keinen Abschluss machen. Das liegt nicht an mir, sondern an der Konkurrenz. Besonders an unserem stärksten Rivalen, J. Edwards Immobilien. Jedes Mal, wenn ich glaubte, das Geschäft in der Tasche zu haben, kam ein Mitarbeiter seiner Firma und hat dazwischengefunkt.
Dieser Edwards ist nicht nur mir ein Dorn im Auge, er ist der Schrecken der ganzen Immobilienbranche. Ich kenne ihn nicht, weiß nicht mal, wie er aussieht, aber ich kann ihn mir lebhaft vorstellen. Sicher ein schmieriger Businesstyp mit Bauchansatz, schütterem Haar und einem dicken Schlitten, mit dem er bei seinen Kunden vorfährt, um Eindruck zu schinden. Man hört, dass er in der High Society von Boston verkehrt.
Seine Methoden sind mir ein Rätsel, aber sicher spielt er mit den oberen Zehntausend am Sonntagmorgen Golf oder wickelt seine Klienten mit Besuchen in Nachtclubs um den Finger, in denen die Frauen mehr zeigen, als nötig wäre. Was für ein Klischee! Vorstellen könnte ich es mir, denn dass er nicht ehrlich spielt, ist in der Branche bekannt.
Nächste Woche habe ich einen Termin für ein Objekt, das richtig viel Provision bringt, da muss es klappen. Mein Klient ist ein Mann und keine von den reichen First-Class-Ladys, die auf ein bisschen Speichelleckerei abfahren und sich von einem arroganten Sack wie Edwards einwickeln lassen. Ich sehe mich schon, wie ich meinem Chef den unterschriebenen Vertrag auf den Tisch knalle, innerlich zufrieden grinsend, während er fett und feist hinter seinem Schreibtisch sitzt und ein verdutztes Gesicht macht.
Schnell weiche ich einer Pfütze aus und hätte dabei beinahe den Lenker verrissen. Die Straßen sind noch nass von dem Unwetter, das gestern Nacht über die Stadt gefegt ist, und überall liegen Blätter, die der Wind von den Bäumen gerissen hat. Die Luft riecht frisch nach feuchter Erde. Ich sauge sie gierig ein, als ich in den Park einbiege. Nur noch ein kurzes Stück, dann habe ich es geschafft. Vor mir ragt schon der Wolkenkratzer auf, in dem sich das Maklerbüro Fullerton befindet. Um diese frühe Tageszeit ist es noch ruhig hier, nur ein Jogger und eine Frau mit einem kleinen Kind an ihrer Seite kommen mir entgegen. Die Kleine zerrt quengelnd am Arm der Frau, die mit dem Handy in der anderen Hand keinen Blick für das Mädchensie übrig hat. Stattdessen ist sie ganz auf ihr Gespräch konzentriert.
Plötzlich reißt sich das Kind von der Hand der Frau los, deutet auf irgendetwas auf meiner linken Seite und läuft ohne zu schauen direkt in meine Fahrtrichtung. Die Kleine muss mich total übersehen haben. Ihr Schrei, der folgt, als sie mich dann doch entdeckt, hallt in meinen Ohren, der entsetzte Blick brennt sich in meine Gedanken und ich reagiere instinktiv. Ich greife in die Bremsen und reiße den Lenker zur anderen Seite. Den Jogger, der jetzt fast auf meiner Höhe ist, blende ich dabei völlig aus.
Dann passiert das Unvermeidliche: Statt einen Sprint über die Rasenfläche zu machen und dem Jogger damit noch auszuweichen, bleibe ich mit dem Vorderrad an einem kleinen Mäuerchen hängen, das ein Blumenbeet abgrenzt, und verliere die Kontrolle über das Rad. Der entsetzte Ausruf des Joggers, die aufgerissenen Augen der Frau und mein Aufprall auf dem sandigen Boden sind alles, was ich noch wahrnehme, bevor ich mit dem Kopf auf den weichen Sandboden aufschlage.
Verdammte Scheiße! Im ersten Moment verspüre ich keinen Schmerz, sehe in Gedanken nur die schreckliche Szene vor mir, wie das Kind blutend auf dem Weg und der Jogger unter dem Rennrad begraben liegen. Ich öffne die Augen und ein Stöhnen entfährt mir, als ich meinen Kopf heben will. Zum Glück scheint mir nichts Schlimmeres passiert zu sein. Vielleicht eine Gehirnerschütterung? Dafür war der Aufprall nicht heftig genug. Das erschrockene Weinen des Kindes durchdringt die Stille um mich herum.
Nachdem der erste Schock überwunden ist, sehe ich unter dem Schmutz an meinen Händen, dass die Haut leicht aufgekratzt ist. Der Schreck sitzt mir in allen Gliedern und mein linker Arm schmerzt ein wenig. Mit der anderen Hand streiche ich darüber. Ein Blick auf den Mann, den ich zu Boden gerissen habe, zeigt mir, dass ihm vermutlich auch nicht viel passiert ist. Er steht auf, klopft sich den Schmutz von der Kleidung und schaut sich nach dem Kind um, das für den Unfall verantwortlich war und jetzt unbeschadet in den Armen der Frau an seiner Seite liegt und sich langsam wieder beruhigt. Dann gleitet sein Blick zu mir und alle Freundlichkeit verschwindet wie durch Zauberhand aus seinem Gesicht.
Dabei sieht er verdammt sexy aus.
Warum beunruhigt mich das? Vielleicht weil er mich mit diesem drakonischen Gesichtsausdruck fixiert? Ein kurzer Schauer legt sich über meine Haut und ich ziehe unbewusst die Schultern nach oben, als würde es mich frösteln. Ich spüre, wie sich meine Nippel hart zusammenziehen. Er zieht sich die Kopfhörer aus den Ohren und spricht mich an.
»Können Sie aufstehen? Oder sind Sie verletzt?«
Seine Stimme ist kräftig und doch wirkt sie sinnlich und anziehend auf mich. Ich muss bei dem Sturz doch etwas mehr abbekommen haben, anders kann ich mir meine Reaktion auf ihn nicht erklären. Ich versuche umständlich, auf die Beine zu kommen.
»Es geht schon. Ich glaube nicht.«
Jetzt, wo er direkt vor mir steht, wird mir seine Wirkung auf mich erst bewusst. Er ist groß, muskulös gebaut und sieht nicht nur fantastisch aus, er ist ein Traum von einem Mann. Das fällt mir jetzt so richtig auf, als ich vor ihm auf dem Boden sitze und zu ihm aufschaue. Mein Blick gleitet unbewusst zu seinem Ringfinger. Da ist nichts, nur glatte Haut.
Immer noch fixieren seine stahlblauen Augen mich unter seiner Baseballkappe. Ich kann nur verlegen zur Seite sehen. Er geht zwei Schritte auf mich zu, greift entschlossen unter meine Arme und zieht mich vorsichtig hoch, nachdem er sich davon überzeugt hat, dass mir wirklich nichts weiter fehlt, dann setzt er mich auf dem Gras neben dem Fußgängerweg ab. Anschließend dreht er sich um, greift nach dem Rennrad und hebt es hoch wie ein Spielzeug, um es aus dem Weg zu räumen. Als ich den verkratzten Rahmen und das verbogene Vorderrad sehe, bin ich schlagartig wieder im Hier und Jetzt und kann einen Fluch nicht unterdrücken.
»Verdammter Mist!«
Wieder trifft mich sein strenger Blick. Hat er noch nie eine Frau fluchen gehört? Das Nächste, was ich aufschnappe, ist die laute Stimme der Frau, die das Kind immer noch an sich gedrückt hält. Sie beschimpft mich auf das Übelste, während sie mit der freien Hand in der Luft herumfuchtelt. Seit dem Augenblick, als ich in die Augen dieses Alphagottes geschaut habe, hat sich alles um mich herum in Luft aufgelöst. Ich sollte mich bei der Frau entschuldigen, das ist das Mindeste, was ich tun kann. Dennoch sitze ich einfach hier und bin wie verhext von diesem Mann.
»An Ihrer Stelle würde ich den Mund halten«, wendet der große Unbekannte sich an die Frau, was sie sofort verstummen lässt.
Seine Stimme ist überlegen, aber nicht beleidigend oder laut. Völlig sprachlos wegen seiner Impertinenz bleiben ihr die Worte im Hals stecken. Sie reißt die Augen auf und schnaubt aufgebracht. Ich halte kurz die Luft an, als mir die Unverschämtheit seiner Worte bewusst wird. Warum ergreift er Partei für mich, obwohl ich ihn gerade über den Haufen gefahren habe?
»Der Kleinen ist doch nichts passiert, oder? Sie sollten besser auf sie aufpassen und Ihre Pflichten nicht vernachlässigen, dann wäre das hier nicht geschehen«, zischt er. Dem kleinen Mädchen zwinkert er dabei verschwörerisch, ja fast liebevoll zu.
Innerlich lächle ich über seine Worte, aber gleichzeitig kann ich nur den Kopf schütteln über seine Dreistigkeit ihr gegenüber. Ich hätte mich niemals getraut, die Frau in diesem beleidigenden Ton anzugreifen, besonders, da das hier ein Fußgängerweg ist, und die Schuld damit ganz allein bei mir liegt.
»Es tut mir leid«, versuche ich, zu retten, was zu retten ist. »Es war meine Schuld.«
»Die Menschen werden immer dreister«, dringen noch die verärgerten Worte der Frau an mein Ohr. Meine Entschuldigung hat sie überhaupt nicht zur Kenntnis genommen.
Dann dreht sie sich völlig empört über seine Reaktion um, nimmt das Kind an der Hand und verschwindet vor sich hin schimpfend hinter der nächsten Biegung. Bevor ich aufstehen kann, wendet er sich wieder mir zu.
»So, und jetzt zu Ihnen«, funkelt er mich aufgebracht an.
Ich schaue zu ihm hoch, während ich vorsichtig den Schmutz von meinen Händen reibe, und verziehe nun angefressen das Gesicht. Ups, scheinbar habe ich ihn falsch eingeschätzt. Jetzt bin ich es, die in sein Visier geraten ist.
»Sie hätten sie nicht so anfahren dürfen. Es war ganz allein meine Schuld.«
»Dann brauche ich Ihnen ja auch nicht zu erklären, dass das hier ein Fußgängerweg ist!« Dabei zeigt er provozierend auf den Gehweg und das Schild hinter mir.
Mein Gott, seine Belehrung kann ich jetzt gebrauchen wie einen Pickel an meinem Hintern. Und was heißt hier überhaupt »erklären«? Ich bin nicht blöd. Nur, weil ich blondes Haar habe, muss er mich nicht behandeln wie die sprichwörtliche Blondine. Dieser Machomann mir gegenüber spielt sich auf wie einer meiner Lehrer in der Schule, der auch bei jedem kleinsten Vergehen den Autoritären raushängen lassen musste.
»Ach, wirklich?«, rutscht es mir jetzt herablassend heraus, dabei streiche ich mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Eigentlich wollte ich mich bei ihm entschuldigen, aber seine überhebliche Art lässt meinen Adrenalinspiegel wieder in die Höhe schnellen.
»Sie finden das wohl auch noch witzig?«, brummt er.
»Sehe ich etwa so aus?«, kontere ich genervt. »Ja klar, ich liebe es, mich auf dem Boden im Dreck zu wälzen. Was dachten Sie denn?« So viel Zynismus ist eigentlich ganz untypisch für mich.
»Werden wir jetzt etwa auch noch zickig?«, provoziert er mich weiter. Dabei umspielt ein kleines Lächeln seine Mundwinkel. Ich atme hörbar ein und will ihm antworten, doch er unterbricht mich sofort. »Ich sage Ihnen mal was. Wenn Sie mir gehören würden, würde ich dafür sorgen, dass Ihnen so etwas nicht noch einmal passiert. Ich kann sehr überzeugend sein.« Dabei zeigt er mit dem Finger auf mich.
Mir bleibt im ersten Moment vor Sprachlosigkeit der Mund offen stehen. Ist dieser Kerl denn verrückt? In welcher Welt lebt er eigentlich? Und was fällt ihm ein, von mir als Besitz zu sprechen? Der hat doch nicht mehr alle Latten am Zaun! Schnell fasse ich mich wieder.
»Das glaube ich Ihnen sofort«, antworte ich schnippisch. »Allerdings finde ich Ihre Wortwahl etwas übertrieben.«
»Ach ja? Inwiefern?«
Dabei fixiert er mich wie eine Klapperschlange, die ihr Opfer vor sich sieht und nur darauf wartet, im richtigen Moment die Giftzähne in das Objekt ihrer Begierde zu schlagen. Seine Worte sind leise, aber sehr bestimmt, sodass es mir heiß und kalt wird.
»Na, Menschen als Besitz zu bezeichnen. Das geht ja wohl entschieden zu weit. Finden Sie nicht?«
Seine einzige Antwort auf meine Frage ist ein geheimnisvolles Lächeln. Dabei beobachtet er mich, als wollte er abschätzen, wie ich reagiere. Er regt mich auf eine Art auf, die mir unbegreiflich ist. Ob es an den Worten liegt, die er gerade zu mir gesagt hat, oder an seinem verdammt guten Aussehen, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass das warme Gefühl in meinem Bauch bis in meine Scham dringt. Was ich überhaupt nicht verstehen kann.
Schnell besinne ich mich wieder darauf, wo ich mich befinde, und die unverschämten Worte eines mir völlig Fremden.
Wenn ich ihm gehören würde? Was fällt diesem eingebildeten, arroganten Arsch eigentlich ein? Seit wann gehört ein Mensch einem anderen? Vielleicht sollte ich ihm klar machen, dass die Sklaverei schon vor über 100 Jahren endgültig abgeschafft worden ist. Seine Augen bohren sich hypnotisierend in meine. Oh Gott, diese Augen, sie scheinen mich verschlingen zu wollen. Warum stehe ich nicht einfach auf und sage ihm, was er mich mal kann? Damit habe ich doch sonst kein Problem. Warum kommen mir bei ihm keine coolen Sprüche über die Lippen?
Ich bin unfähig, mich zu bewegen. Das Einzige, was ich wahrnehme, ist mein Herzschlag, der sich von Sekunde zu Sekunde beschleunigt, je länger er mich ansieht, und das ärgert mich. Ich öffne den Mund und bewege die Lippen, ohne ein Wort herauszubringen, was ihm wiederum ein angedeutetes Lächeln entlockt. Er hält mir die Hand hin und zieht mich vorsichtig nach oben. Als ich vor ihm stehe, wird mir seine männliche Ausstrahlung erst recht bewusst. Er ist mindestens 20 Zentimeter größer als ich. Ich muss den Kopf in den Nacken legen, um ihm ins Gesicht zu schauen. Seine Haut glänzt noch leicht vom Schweiß, aber er riecht gut. Verdammt, riecht er gut ... Es ist eine Mischung aus frischem Aftershave und seinem Körpergeruch. Wie kann ein Mann, der Sport treibt, dabei noch so gut riechen? Und warum kann ich den Blick nicht von seinen sinnlichen Lippen nehmen? Kurz flackert der Gedanke in meinem Kopf auf, von diesen Lippen geküsst zu werden. Wie mag sich der Dreitagebart auf meiner Haut anfühlen, wenn er mich damit an Stellen berührt, die ... Sunday, deine Fantasie geht mit dir durch. Reiß dich gefälligst zusammen, ermahne ich mich stumm. Er hält mich immer noch am Arm fest, während ich in seinen Augen zu ertrinken drohe. Dann streckt er die Hand aus und ich weiche unwillkürlich zurück. Aber er lässt sich von meiner Reaktion nicht beirren und wischt zärtlich über meine Wange.
»Was soll das?«
Er zuckt nur die Achseln. »Da war ein Schmutzfleck«, rechtfertigt er sein Verhalten. Und wieder sind es seine Worte, die mir noch im Kopf herumspuken. Da er nichts sagt, greife ich das Thema noch einmal auf.
»Ich gehöre Ihnen aber nicht«, kommt es jetzt doch über meine Lippen. »Im Grunde gehört kein Mensch einem anderen. Es gibt Gesetze, die die Menschenrechte ganz klar definieren«, setze ich noch bestimmt hinzu, als würde ich gerade ein Referat halten. Warum ich noch einmal auf dieses Thema eingegangen bin, weiß ich eigentlich nicht. Aber irgendwie beschäftigt es mich. »1804 hat Massachusetts die Sklaverei abgeschafft und bereits 1773 fing alles mit der Boston Tea Party an«, sprudelt es aus mir heraus. »Das ist alles rechtlich geregelt.«
Jetzt lacht er mich doch tatsächlich aus. Aber dieses Lachen ist nicht provozierend oder anmaßend, es wirkt versöhnlich und liebevoll.
»Okay, kleine Lady. Nicht im rechtlichen Sinne, aber auf eine andere Art. Eine freiwillige Art. Außerdem hatte ich nicht vor, Ihnen die Ohren abzuschneiden. Ich zwinge auch niemanden mit Mitteln zur Disziplin, die menschenunwürdig sind«, sagt er kopfschüttelnd. Als er die Mundwinkel nach oben zieht, zeigt sich wieder das kleine Grübchen.
Wenn ich es nicht besser wüsste, könnte ich annehmen, er hätte Interesse an mir. Welcher Art dieses Interesse sein soll, kann ich aber nicht sagen. Irgendetwas Magisches liegt zwischen uns in der Luft.
»Eine freiwillige Art? Was meinen Sie damit?«, stoße ich empört aus. Wer will schon freiwillig einem anderen Menschen dienen? Wir befinden uns nicht mehr im Mittelalter, sondern im 21. Jahrhundert. Wofür gibt es Menschenrechte und Gesetze? Er unterbricht meine Gedankengänge, als er zu meinen Händen greift und die Handflächen nach oben dreht.
»Vergessen Sie es. Es ist nicht wichtig. Reinigen Sie die Wunden gut. Es sind zwar nur kleine Kratzer, doch auch damit sollte man vorsichtig sein. Sind Sie geimpft?«
Seine Stimme nimmt jetzt einen neutralen Ton an. Die provozierende Haltung ist völlig verschwunden, was ich fast ein wenig bedaure. Selbst die aufgeladene Atmosphäre zwischen uns hat Normalität Platz gemacht. Ich ziehe meine Hände aus seinem Griff, als hätte ich mich verbrannt, und wische die letzten Reste Erde an meiner Jeans ab.
»So schlimm ist es nicht«, wehre ich ab.
»Sagen Sie das nicht. Es gibt Menschen, die sind schon wegen kleinereren Kratzern an einer Blutvergiftung gestorben.«
»Ich glaube, jetzt übertreiben Sie.«
»Mein bester Freund ist Arzt. Sie können mir also glauben.« Dabei greift er wieder nach meinem Arm, um sich meine Kratzer anzusehen. »Wissen Sie, wie gefährlich Bakterien sind und was sie im Blutkreislauf anrichten können?«
Als hätte mir der Tag heute nicht schon genug schlechte Überraschungen gebracht; ich brauche jetzt nicht auch noch eine Lehrstunde in medizinischer Hygiene. Und doch lässt er mich nicht kalt. Im Gegenteil, sein Interesse an mir ist nicht gespielt, als würde er sich aufrichtig Sorgen machen.
Das laute Kreischen einiger Kinder, die auf dem Weg zur Schule sind, lässt mich aus meiner Benommenheit erwachen, die mich bei seiner Frage wieder überkommen hat, sodass ich nicht gezwungen bin, auf seine Äußerung einzugehen. Abrupt gibt er mich frei, tritt einen Schritt zurück und bückt sich, um das Rennrad vom Boden aufzuheben.
»Passen Sie das nächste Mal besser auf«, belehrt er mich in einem ruhigen, versöhnlichen Ton und schiebt das Rad neben mich.
Ein letzter Blick in seine verführerischen Augen und er ist weg. Ich drehe mich um und starre ihm nach, wie er schnell um die nächste Biegung joggt. Aber er wendet sich nicht mehr um und dann ist er aus meinem Blickfeld verschwunden. Als hätte ich etwas verloren, stehe ich stumm da und schaue auf den leeren Weg, in der Hoffnung, ihn wiederzusehen. Doch nur die Blätter, die der Wind von den Bäumen gerissen hat, wirbeln über den sandigen Boden. Ich möchte ihm am liebsten nachlaufen, ihn nach seinem Namen oder seiner Telefonnummer fragen, aber das ist unmöglich. Resigniert schnappe ich mir das Rennrad und schiebe es den Weg entlang.
Was meinte er damit, ›nicht im rechtlichen Sinne‹, sondern auf eine andere Art? Welche Art sollte das sein? Auf dem restlichen Weg zum Büro lässt mich dieser Gedanke nicht mehr los. Er beherrscht mich regelrecht, sodass ich gar nicht mitkriege, dass ich schon vor dem Firmengebäude angekommen bin. Die einzige Verbindung, die für mich akzeptabel ist, ist die einer aufrichtigen Beziehung, in der Vertrauen und Liebe die Basis bilden, rede ich mir ein, während die Eingangstür des Bürokomplexes geräuschvoll hinter mir ins Schloss fällt.
Aber welche Garantie gibt es schon? Bin ich nicht erst vor kurzem mit der harten Realität konfrontiert worden? Ich sollte diesen Typen schnellstens aus meinen Gedanken streichen. Ein Mann mit diesem Aussehen kann nicht der Richtige sein. Niemals! Schöne Männer hat man nie für sich allein. Da brauche ich nur an Sean zu denken. Schwanzgesteuert, alle!
Ich drücke auf den Aufzugknopf und warte.
Jetzt bereue ich es fast, dass nicht mehr passiert ist, denn dann hätten wie unsere Personalien austauschen müssen. Über mich selbst und meine hirnrissigen Gedanken den Kopf schüttelnd steige ich in den Aufzug und fahre in den zweiten Stock. Ich muss doch härter mit dem Kopf aufgeschlagen sein, als ich dachte. Habe ich nicht gerade erst eine beschissene Beziehung hinter mich gebracht? Daraus sollte ich doch gelernt haben.
Es ist zehn Minuten nach neun, als ich den Gang bis ans Ende hechte, die Büroräume von Fullerton & Fullerton Immobilien betrete und Elijahs Fahrrad im Flur in die Ecke schiebe. Mein Chef steht mit einer Tasse dampfenden Kaffee in der Hand in seiner offenen Bürotür und schaut provozierend auf seine Armbanduhr, die er von seinem Vater geerbt hat. Innerlich mache ich mich schon für eine Auseinandersetzung bereit.
Mister Fullerton Senior ist vor einem Jahr verstorben, sein Bild hängt neben dem von Fullerton Junior im Foyer und darunter ein kleines Schild mit seinem Namen und der Information, dass er der Gründer der Immobiliengesellschaft war. Jetzt wird die Firma ganz allein von seinem Sohn geführt.
Nicht zum ersten Mal bedauere ich den Tod von Mister Fullerton Senior. Er war ganz anders als sein Sohn, hatte immer ein offenes Ohr und stand loyal zu seinen Mitarbeitern. Bei ihm florierte das Geschäft trotz der Konkurrenz, was man heute nicht mehr behaupten kann. Sonst hätte Mister Fullerton Junior Adam und Mia nicht entlassen müssen. Wie ich diesen Sack von Juniorchef hasse. Nicht, weil er einen pedantischen Stil verfolgt und auf Pünktlichkeit und Ordnung Wert legt, das tue ich auch. Es ist vielmehr sein Charakter, der mich ihn hassen lässt. Vor kurzem, als ich wieder einmal Überstunden machen musste und wir allein im Büro waren, drückte er sich von hinten an mich, bis ich seinen harten Schwanz durch seine Hose an meinem Po gespürt habe. Sein schneller Atem, der mir signalisierte, wie scharf er auf mich war, trieb mir vor lauter Ekel eine Gänsehaut über den Körper. Als ich mich erschrocken zu ihm umdrehte, leckte er sich gerade mit der Zunge über die schmalen Lippen und ein wenig Speichel klebte in seinem Mundwinkel. Mich schüttelt es jetzt noch, wenn ich daran denke. Unangenehm berührt wandte ich mich einfach ab und gab der ganzen Situation etwas Belangloses, um ihn nicht bloßzustellen.
Am Ende machte er mich dafür verantwortlich, ich hätte ihn mit meiner engen Jeans gereizt und angemacht. Natürlich entsprach das nicht der Wahrheit. Was bildet sich dieser Mensch nur ein? Er ist an die 60, ich bin 27. Außerdem ist er verheiratet und wirklich nicht das, was ich als attraktiv einstufen würde. Er wirkt schwammig, hat mindestens 20 Kilo Übergewicht, leidet an Bluthochdruck und ist Choleriker.
Ich hätte mir nach diesem Vorfall einen anderen Arbeitgeber suchen sollen, aber nach der Trennung von Sean hatte ich einfach nicht die Energie dazu. Nur weil ich nicht auf seine Annäherungsversuche eingegangen bin, versucht mein Chef jetzt, mich zu tyrannisieren, wo er nur kann. Als sein Vater noch lebte, hätte er sich solche Unverschämtheiten nicht herausnehmen dürfen.
Seine Stimme holt mich aus meinen Gedanken und katapultiert mich zurück in die Wirklichkeit.
»Schön, dass Sie sich auch zu uns gesellen, Miss Anderson, dann können wir endlich mit unserer Besprechung beginnen. Wir warten bereits seit zehn Minuten auf Sie.«
»Tut mir leid, ich hatte einen Unfall«, verteidige ich mich reserviert, obwohl jeder sehen kann, was passiert ist. Meine Hose ist total verschmutzt und zerrissen, meine Haare haben sich aus dem Zopf gelöst und auch mein Gesicht dürfte immer noch einige Schmutzspuren aufweisen. Meine Kollegin kommt auf mich zu.
»Sunday, was ist denn passiert?«
Ich winke ab. »Ich bin auf dem Weg hierher mit einem Jogger kollidiert und vom Fahrrad gefallen.«
»Wie lange wollen Sie meine Zeit noch strapazieren? Erzählen Sie Ihre Geschichten jemand anderem, aber nicht mir«, grunzt der Alte.
Manchmal könnte ich ihn in der Luft zerreißen. Seine Besserwisserei und Arroganz gehen mir schon lange auf die Nerven. In gewisser Weise unterstellt er mir, ich wäre eine Lügnerin. Da kann ich nur lachen: Er betrügt seine Frau seit Jahren. Ich sollte ihn wirklich bei der nächsten Gelegenheit in die Pfanne hauen, aber am Ende werde ich es doch nicht tun. Meine Kollegin wirft ihm einen vernichtenden Blick zu.
»Gehen Sie schon und machen sich frisch. Ich erwarte Sie in zehn Minuten in meinem Büro«, teilt uns mein Chef noch mit, bevor er seine heiligen Hallen betritt und die Tür geräuschvoll hinter sich schließt.
»Was hat der Alte denn?«, frage ich Jessy auf dem Weg zum Waschraum.
»Du kennst ihn doch. Heute ist er besonders schlecht drauf. Keine Ahnung, was los ist. Vielleicht hat seine Frau ihn wieder mal abgewiesen und was Neues hat er nicht in Aussicht«, mutmaßt sie belustigt.
»Ich weiß nicht. Irgendetwas stimmt nicht.»
»Ach was, er ist schrecklich wie eh und je.«
Ich zucke mit den Achseln.
»Soll ich dir helfen? Du hast noch Schmutz an der Wange.«
Wir betreten den Waschraum und ich nehme meine Wechselklamotten aus der Tasche, während Jessy einige Tücher aus dem Spender zieht und sie mit Wasser und Seife befeuchtet.
»Hier, bitte.«
Sie reicht mir die Papiertücher, damit ich mir vor dem Spiegel das Gesicht reinigen kann.
»Du solltest dir diese Unverschämtheiten von Fullerton wirklich nicht gefallen lassen«, redet Jessy auf mich ein.
»Ich weiß. Aber solange ich keinen neuen Job in Aussicht habe, werde ich mich zurückhalten.«
»Suchst du eigentlich nach einem neuen Job?«, will Jessy wissen und grinst mich an.
»Lass mich erst mal die Sache mit der Wohnung in Angriff nehmen.«
»Tut mir leid. Erzähl, was war denn heute Morgen los?«
»Durch den verdammten Stromausfall war mein Wecker aus und du weißt doch, dass mein Auto in der Werkstatt ist. Es kommt immer alles zusammen«, erkläre ich ihr die Situation, während wir uns im Spiegel anschauen und ich die Schmutzstreifen aus meinem Gesicht wische.
»Du Arme hast es wirklich nicht leicht in letzter Zeit.«
»Das kannst du laut sagen.« Dabei schlüpfe ich schnell aus der zerrissenen Hose, streife mir die Bluse von den Schultern und ziehe mir mein Etuikleid über.
»Und wie ist das passiert?« Dabei deutet sie auf meine zerrissene Jeans.
»Ich wollte die Abkürzung durch den Park nehmen, da kam mir ein Jogger entgegen und eine Frau mit einem Kind, das einem Eichhörnchen oder so nachlaufen wollte. Wenn ich nicht eine Vollbremsung hingelegt und den Lenker zur Seite gerissen hätte, wäre das Kind mir direkt ins Fahrrad gelaufen. Also habe ich mich dafür entschieden, diesen tollen Typen einfach umzufahren, um so mit ihm anzubändeln.« Dabei rolle ich genervt die Augen.
»Ach, so kenne ich dich ja gar nicht«, wundert sich Jessy grinsend.
»Nein, wirklich, ich wollte ausweichen und habe stattdessen den Jogger über den Haufen gefahren.«
»Oh Gott, hoffentlich ist ihm nichts passiert! Und dem Kind?«
Ich schüttle verneinend den Kopf.
»Nein, alles okay. Ich war die Einzige, die etwas abbekommen hat. Aber am schlimmsten hat es Elijahs Rennrad erwischt. Ich weiß doch, wie sehr er an dem Teil hängt. Von diesen Rennrädern gibt es nicht viele.«
»Männer und ihre Spielzeuge«, sagt sie und grinst mich im Spiegel an. »Aber erzähl mal, sah er wirklich so scharf aus?«
Ich werfe das benutzte Papiertuch in den Abfalleimer und schaue auf.
»Wer?«
»Na, der Typ, den du umgefahren hast.«
Ich zucke mit den Achseln, um Gleichgültigkeit zu signalisieren. Leider ist er ebenso schnell wieder aus meinem Leben verschwunden, wie er mit voller Power hineingetreten ist. Zu schade, dass wir uns nicht unter anderen Umständen kennengelernt haben. Er war wirklich eine Sahneschnitte ...
»Lassen wir den Alten nicht unnötig warten«, entscheide ich, anstatt Jessys Frage zu beantworten, und stopfe die schmutzige Hose und die Bluse in die Tasche.
Fullerton sitzt mit ernster Miene wie eine Spinne im Netz in seinem Chefsessel hinter seinem Schreibtisch, während Jessy, seine Sekretärin und ich uns auf den unbequemen Stühlen davor niederlassen.
»Wir haben einige neue Objekte zum Verkauf bekommen. Die müssen sofort beworben werden«, bestimmt er. »Jessy, übernehmen Sie das?«
»Natürlich«, sagt sie reserviert.
Nach 20 Minuten weiterer Belanglosigkeiten zum Tagesgeschäft, fordert er uns auf, wieder an die Arbeit zu gehen.
»Sie nicht, Miss Anderson. Mit Ihnen habe ich noch etwas zu besprechen.«
Ich werfe Jessy einen genervten Blick zu, da ich genau weiß, um was es geht, und setze mich wieder. Als Jessy und die Sekretärin die Tür hinter sich geschlossen haben, wendet sich Mister Fullerton an mich und beugt sich über seinen Schreibtisch nach vorne, während er seinen silbernen Kugelschreiber durch die wulstigen Finger gleiten lässt. Diese Besprechung war so unnötig wie ein Kropf. Der kollektive Arschtritt, den er uns ab und zu verpasst, hat dazu beigetragen, mir den Tag so richtig zu vermiesen, und jetzt wird er das Fass zum Überlaufen bringen.
»Der nächste Punkt betrifft Sie, Miss Anderson. Ich brauche Sie in der nächsten Woche für einen Abend hier.« Ich schaue verwundert auf. »Für das Marketingkonzept, das ich ausarbeiten werde«, lässt er mich wissen. Als wäre ich diejenige, die Hintergedanken hat.
»Nächste Woche habe ich einige private Termine am Abend, Mister Fullerton«, will ich seinen Versuch, mich nach Büroschluss hierzubehalten, abwehren.
Er tippt auf seiner Computertastatur und ruft eine Excelliste auf.
»Ich glaube nicht, dass Sie in der Position sind, Forderungen zu stellen«, wirft er beiläufig ein, ohne sich vom Bildschirm abzuwenden. Ich spüre, wie Wut in mir aufsteigt, und balle unbewusst die Hände zu Fäusten.
Am liebsten hätte ich laut aufgelacht. Was heißt hier Forderungen stellen? Er redet von Überstunden, die weit über mein Tätigkeitsfeld hinausgehen. Ich bin Immobilienmaklerin, ich zeige Kunden Häuser und hochwertige Wohnungen, fertige Verträge und Expertisen aus, aber ich bin nicht sein Mädchen für alles. Das sollte ich ihm endlich klar machen.
»Ich kann mich nicht erinnern, Forderungen gestellt zu haben«, antworte ich leicht angefressen. Aber er geht nicht weiter darauf ein. Im Gegenteil, jetzt kommt die Ansprache, die ihm schon die ganze Zeit unter den Nägeln brennt.
»Soweit ich sehen kann, haben Sie in der letzten Zeit nicht einen einzigen Abschluss getätigt. Was ist mit dem Grundstück in der Elm Street? Wieso sind die Interessenten abgesprungen? Sie hatten den Vertrag doch schon so gut wie unterzeichnet.«
»Sie wissen genauso gut wie ich, dass unser stärkster Konkurrent J. Edwards dazwischen gefunkt hat. Wie er es so oft tut«, verteidige ich mich. Fullerton winkt genervt ab.
»Sie machen es sich reichlich einfach, Miss Anderson. Setzen Sie Ihren Charme ein. Das können Sie doch.«
Ich ziehe entsetzt die Luft ein. Diese Anspielung hat gesessen und war obendrein vollkommen aus der Luft gegriffen. Ich sollte mir diese Unverschämtheiten nicht weiter gefallen lassen, also stehe ich jetzt entschlossen auf. Mein Stuhl rutscht dabei über den polierten Parkettboden nach hinten und kippt, aber ich kann ihn zum Glück noch davor bewahren, auf dem Boden aufzuschlagen.
»Ich habe nicht vor, mir weiter Ihre Frechheiten anzuhören«, kontere ich erhitzt.
Fullertons arrogantes Grinsen verschwindet augenblicklich aus seinem Gesicht. Dann bedeutet er mir, mich wieder zu setzen, und räuspert sich kurz.
»Ich kann mich nicht erinnern, Sie beleidigt zu haben«, zischt er durch die Zähne.
»Das sehe ich anders.«
»Dann tut es mir leid, wenn ich den Eindruck erweckt haben sollte. Bitte, setzen Sie sich.«
Ich nehme wieder Platz und verschränke die Arme vor der Brust. »Wenn Sie keine weiteren Themen haben, würde ich jetzt gerne anfangen zu arbeiten. Ich erwarte einen Anruf von einem Kunden«, lasse ich ihn wissen.
»Wir sind gleich fertig. Um auf die aktuelle Situation zurückzukommen: Wie stellen Sie sich eigentlich vor, wie ich weiter Ihr Gehalt finanzieren soll?«
Natürlich, er versucht wieder die alte Nummer. Er will mich einschüchtern. Aber dieses Mal werde ich ihm entschlossen entgegentreten. Das hätte ich schon längst tun sollen.
»Mister Fullerton, Sie wissen, dass es nicht an mir liegt. Ich habe jeden Tag mehrere Termine vereinbart und den Kunden die Häuser und Wohnungen gezeigt. Wieso wir den Abschluss am Ende nicht machen konnten, weiß ich nicht. Vielleicht arbeitet dieser Edwards mit Mitteln, die mir zuwider sind«, erkläre ich. »Ich konnte für nächste Woche einige Termine vereinbaren, die sehr vielversprechend klingen. Ich bin ganz sicher, dass ...«
Er unterbricht mich, indem er die Hand hebt.
»Also schön, verkaufen Sie das Watson-Anwesen«, bestimmt er.
»Was? Mister Fullerton, diese Immobilie wird nicht nur von uns offeriert. Auch J. Edwards hat sie im Angebot. Das Objekt ist das Hochpreisigste, das wir haben. Sie glauben doch nicht, dass Edwards sich dieses Geschäft von uns vor der Nase wegschnappen lässt!«
Mein Chef grinst mich falsch an, indem er die Lippen nach oben zieht. Er erinnert mich an eine Hyäne.
»Eben, zeigen Sie mal, was Sie können, und luchsen Sie ihm den Auftrag ab. Hängen Sie sich ans Telefon und bieten Sie diese Immobilie unseren Interessenten an.«
Ich spüre, wie mir die Felle wegschwimmen. Es ist so schon schwierig genug, gegen J. Edwards anzukommen, aber dieses Objekt ist eine allzu große Herausforderung. Wie Edwards die Abschlüsse für sich gewinnt, weiß ich nicht. Vielleicht verzichtet er auf Provisionen, macht seine Abschlüsse beim Golfspielen oder wendet irgendwelche skrupellosen Methoden an. Doch das ist nicht meine Art.
»Wie sieht es mit dem Haus auf der Washington Avenue aus?«, versuche ich, einen Kompromiss auszuhandeln. »Dafür hätte ich einen Interessenten. Ich bin sicher, dass er unterschreibt.«
Der Alte schüttelt den Kopf, bevor er antwortet. »Das ist Ihre letzte Chance. Wenn Sie diesen Auftrag auch nicht bekommen, dann können Sie sich nach einer neuen Stellung umschauen. Das ist alles, Miss Anderson.«
Er wendet sich wieder seinen Zahlen zu und ich bin entlassen. Dieser verdammte Mistkerl. Ich weiß genau, dass es nicht an meiner Arbeit liegt, sondern daran, dass ich ihn abgewiesen habe. Deshalb will er mich loswerden. Nur aus diesem Grund verlangt er das Unmögliche von mir. Sein verdammtes Ego ist angekratzt. Er selbst bekommt nichts auf die Reihe und mich stellt er hin wie einen Versager. Ich stehe wortlos auf und verlasse sein Büro.
Jessy schaut von ihrem PC auf, als ich unser Büro betrete. »Und, was wollte das Ekel von dir?«
Ich zucke mit den Achseln und lasse mich auf meinen Schreibtischstuhl fallen.
»Was wohl. Ich soll das Watson-Anwesen verkaufen«, stoße ich verärgert aus.
Sie lacht erstickt auf. »Das Haus wird auch von J. Edwards angeboten. Der hat doch schon längst seine besten Leute darauf angesetzt. Was erwartet diese Mistkröte denn eigentlich von dir? Soll er doch selbst versuchen, den Kasten zu verhökern.«
Ich fahre meinen PC hoch und gehe meine Adresslisten durch. Vielleicht ist wirklich ein Klient dabei, der sich dafür interessieren könnte. Am Nachmittag habe ich einen Termin für nächste Woche vereinbart, der sehr vielversprechend klingt.
»Ich habe einen Termin«, rufe ich Jessy zu.
»Gratuliere, ich hoffe, der Kunde nimmt das Ding.«
»Ich auch, sonst bin ich geliefert.«
Als ich am Abend nach Hause komme, sehe ich Skys Wagen vor dem Haus stehen. Sky ist Elijahs Ex. Die beiden haben sich vor einigen Wochen getrennt, doch wie es aussieht, haben sie wieder zusammengefunden. Da zumindest in dieser Richtung alles in Ordnung zu sein scheint, gehe ich etwas entspannter auf die Haustür zu und stecke den Schlüssel ins Schloss, als die Tür von innen geöffnet wird.
»Hi, Elijah, ist das Skys Wagen?«, frage ich und deute auf das Fahrzeug.
Er zieht mich rein und nickt. Ein Blick in sein Gesicht und ich weiß, dass ihm etwas schwer im Magen liegt.
»Was ist los?«, frage ich besorgt.
»Sunday, Sky wird hier wohnen. Wir haben uns ausgesprochen. Aber wenn das ein Problem für dich ist, ich meine, falls es dir zu viel wird mit einem schwulen Pärchen unter einem Dach zu leben, dann ...«
Ich unterbreche ihn sofort und lege meinen Zeigefinger auf seine Lippen. Er wirkt verunsichert, etwas, das ich von ihm nicht kenne.
»Elijah, das ist dein Haus. Du kannst tun und lassen, was du willst. Ich bin dir unendlich dankbar, dass ich hier wohnen kann, und sobald ich etwas Passendes gefunden habe, bist du mich auch wieder los.«
»Hey, davon will ich nichts hören. Du kannst hier wohnen, so lange du willst, ist das klar.«
Elijah kann unwahrscheinlich beharrlich sein, wenn es darum geht, seine Interessen durchzusetzen. Scheinbar hat er sich wirklich Gedanken darüber gemacht, wie ich darauf reagieren werde, dass Sky hier mit einzieht. Aber das war vollkommen unnötig.
»Na gut, wenn du mir versprichst, die Schlafzimmertür zu schließen, sobald du und Sky dort drinnen seid, habe ich kein Problem«, spiele ich auf seine speziellen Sexpraktiken an.
Zwischen Elijah und Sky sind die Rollen klar verteilt. Elijah ist der Mann im Haus und gibt den Ton an, wohingegen Sky liebevoll und anschmiegsam ist. Manchmal tut er mir direkt leid, mit einem Alphatier wie Elijah zusammen zu sein. Mein Freund kneift mich liebevoll in die Wange und grinst mich an.
»Wer sagt denn, dass wir uns nur auf das Schlafzimmer beschränken? Du weißt, dass ich Sky quer durch das ganze Haus ficke, wenn mir der Sinn danach steht.«
Ich spüre die Hitze in meinen Wangen, ein sicheres Zeichen, dass ich rot werde, und schüttle den Kopf.
»Hör auf! Auf diese Art Kopfkino kann ich verzichten.« Dann fällt mir sein Rennrad ein, das beschädigt in der Garage liegt. »Elijah«, sage ich langsam zu ihm und starre auf seine Brust, die unter einem engen schwarzen T-Shirt verborgen liegt, dabei fahre ich mit dem Finger über den Stoff. Er neigt den Kopf zur Seite, fasst mich an den Armen und ermuntert mich, weiterzusprechen.
Gott, wie soll ich es ihm nur sagen? Das Rennrad bedeutet ihm so viel ... Aber was soll’s, einfach gerade raus. »Dein Rennrad ... aber das ist gar nicht so schlimm, das lässt sich alles wieder reparieren.«
»Was?«
»Ich hatte heute Morgen einen Unfall im Park, dabei bin ich gestürzt und dein Rad hat einiges abbekommen. Es tut mir wirklich leid, Elijah«, gestehe ich ihm zerknirscht.
»Ist alles in Ordnung mit dir, Sunday? Warum hast du mich nicht angerufen?«
Ich zucke mit den Schultern, als Sky uns entgegnen kommt.
»Hi, süße Prinzessin, du siehst wieder fantastisch aus«, begrüßt er mich mit einem Kuss auf die Wange. Ich lächle ihn an.
»Und du bist der charmanteste Lügner aller Zeiten.«
»Wo ist das Rennrad?«, unterbricht Elijah.
»In der Garage.«
»Mh, ich schaue es mir später an. Und dir ist wirklich nichts passiert?«
»Nein, nur ein paar Schrammen, nichts, was nicht nach ein paar Tagen wieder heilt.« Aber der unbekannte Fremde wird mir sicher noch einige Zeit länger im Kopf herumspuken. »Und du bist mir nicht böse?«
»Spinnst du? Natürlich nicht. Hauptsache, dir ist nichts zugestoßen.«
Körperlich ist mir nichts zugestoßen, bis auf ein paar Kratzer und vielleicht den einen oder anderen blauen Fleck. Aber was ist mit den aufwühlenden Gefühlen, die ich immer stärker empfinde, sobald ich nur an ihn denke?

Warum geht mir diese Frau nicht mehr aus dem Kopf? Die ganze Strecke über hat sie meine Gedanken beherrscht. Sie ist eine von den Schüchternen, sicher mit einem exzellenten Schulabschluss, weil sie die meiste Zeit über ihren Büchern gesessen hat, anstatt wie die anderen das Leben zu genießen. Der Typ Frau, der mich noch nie sonderlich interessiert, geschweige denn in irgendeiner Weise erregt hätte. Aber heute hat mein kleiner Freund in der Hose reagiert. Sehr sogar. Das Kopfkino, das immer intensiver geworden ist, seit sie mir in die Augen geschaut hat, ist der beste Beweis dafür, dass ich diese kleine Göre gerne hinter die nächste Hecke gezogen hätte. Aber daran war überhaupt nicht zu denken. Sie ist ein Goodgirl! Keine von den Frauen, die sich beim Sex offen und experimentierfreudig zeigen. Sicher ist sie korrekt und durchorganisiert. Außer heute Morgen, da muss etwas in ihrem Fahrplan durcheinandergeraten sein.
Was für ein Schicksal es war, das uns zusammengebracht und sie in mein Leben katapultiert hat, kann ich nicht sagen. Aber ich bin überzeugt davon, sie wiederzusehen.
Im ersten Moment, als sie mich von unten keck angeschaut hat, war ich mir fast sicher, dass sie die richtige Partnerin für meine Spielchen sein könnte, aber spätestens ihre naiven Fragen haben mir gezeigt, dass sie keine Ahnung hat, wovon ich spreche. Da war mir bewusst, dass ich es mit einem scheuen Reh zu tun habe, von dem ich dringend die Finger lassen sollte.
Aber gerade aus diesem Grund muss ich immer wieder an sie denken. Wie sie versucht hat, mir das Ende des Unabhängigkeitskrieges näherzubringen, bringt mich zum Schmunzeln. Mein Gott, Kleine, wenn du wüsstest, welche schmutzigen Spielchen mir in dem Moment durch den Kopf gingen, als du ahnungslos zu mir aufgeschaut hast, würdest du schreiend davonlaufen. Ich würde ihr schon zeigen, wo bei mir der Unabhängigkeitskrieg aufhört und Unterwerfung beginnt. Zumindest, was den Sex betrifft.
Wie sie mich angesehen hat! Da war so ein trauriger Ausdruck in ihrem Gesicht, der zum ersten Mal in meinem Leben den Beschützerinstinkt in mir geweckt hat.Ich laufe um die letzte Ecke und biege in die Valentine Street ein. Mein Shirt klebt mir verschwitzt auf der Haut und mein Knöchel, der bei dem Zusammenstoß doch einiges abbekommen hat, fängt jetzt an zu schmerzen.
Beim Betreten meines Grundstücks höre ich Hundegebell von drinnen. Ich schließe die Haustür auf und werde von Charly begrüßt. Jeden Morgen begleitet er mich beim Joggen, heute musste er allerdings auf die große Runde verzichten, da er sich eine Verletzung an der Pfote zugezogen hat. Als ich die Tür öffne, kommt er mir schon entgegengesprungen. Ein Blick auf sein verletztes Bein und den Verband, der nur noch lose darum baumelt, sagt mir, dass er die letzte Stunde dazu genutzt hat, sich diese störende Binde herunterzureißen.
»Charly!«, rufe ich streng und zeige auf seine verletzte Pfote. Sofort hört er mit dem Gebell auf und gibt ein leises Jaulen von sich, schmiegt sich an mich und folgt mir ins Haus zurück.
»Wenn du immer diesen verdammten Verband abbeißt, ziehe ich dir doch noch einen von diesen Plastiktrichtern über den Kopf«, schimpfe ich mit ihm. Charly trottet hinter mir her ins Wohnzimmer. Ich lasse mich auf die Couch fallen, während er sich vor mich legt.
»Zeig mal her!« Ich greife nach seiner verletzten Pfote. Die Wunde ist fast verheilt, also beschließe ich, den Verband nicht zu erneuern. Dafür bleibt er heute im Haus, anstatt im Garten herumzutollen. Im oberen Stockwerk höre ich Margarita, meine Haushälterin, herumwerkeln. Ich stehe auf und gehe nach oben.
»Guten Morgen, Señor«, werde ich von ihr gut gelaunt begrüßt, während sie mit dem Wischmopp in der Hand den Eimer aus dem Raum schiebt.
»Guten Morgen, Margarita. Charly bleibt heute im Haus, außer den üblichen Gassirunden, die Sie mit ihm gehen«, rufe ich ihr nach, dann verschwinde ich im Bad und freue mich auf eine heiße Dusche.
Als das Wasser auf meinen Körper prasselt, ist sie wieder da. Das Goodgirl, wie ich sie in Gedanken getauft habe. Ob ich sie jemals wiedersehen werde? Seit mindestens einem Jahr laufe ich morgens diese Strecke, aber gesehen habe ich sie nie, nur heute.
Da ich bereits spät dran bin, vertreibe ich die Gedanken an sie, greife zum Duschgel und lasse das heiße Wasser über meinen Körper laufen. Von unten dringen die Geräusche des Staubsaugers und das Gebell von Charly nach oben. Dazwischen immer wieder Margaritas Verwünschungen. Als ich aus der Dusche steige, sehe ich im Geiste Charly vor mir, wie er versucht, Margarita und dem Staubsauger auszuweichen, während er gleichzeitig das laute Gerät in Grund und Boden bellt. Ich rufe Charlys Namen nach unten, damit er endlich mit dem schrecklichen Gebell aufhört, was aber nichts nützt. Ich bin selbst schuld, ich habe ihn zu sehr verwöhnt und jetzt tanzt er mir und Margarita auf der Nase herum.
In meinem begehbaren Schrank schnappe ich mir ein Businesshemd, einen meiner unzähligen Anzüge, Unterwäsche, Socken und schwarze italienische Schuhe. Meine Haare modelliere ich mit Gel nach hinten, und wenn ich die dunkle Hornbrille trage, könnte wirklich der Eindruck entstehen, die Menschen haben es mit einem nüchternen Unternehmer zu tun. Aber im Grunde bin ich alles andere als nüchtern. Ich bin ein Hai, ein unberechenbar harter Verhandlungspartner und kalter Geschäftsmann. Mein Äußeres ist nur Tarnung, um mein Gegenüber in Sicherheit zu wiegen und dann erbarmungslos zuzuschlagen.
In Gedanken bereits bei meinem ersten Termin heute, betrete ich mein Schlafzimmer. Auf dem großen Bett liegt hechelnd Charly und wirft mir einen von seinen berüchtigten Hundeblicken zu, da er genau weiß, dass das Bett für ihn tabu ist.
»Runter, aber schnell!«, schimpfe ich mit ihm, während ich das Schlafzimmer verlasse und die Treppe nach unten gehe. Er folgt mir.
Ich habe den Hund vor drei Jahren in einem Karton gefunden. Er war noch ein Baby. Als ich ein leises Winseln hörte, folgte ich dem Geräusch und fand ihn neben einer Mülltonne in einer verschlossenen Kiste. Ich öffnete sie und er schaute mich mit seinen großen Augen an. Dann griff ich hinein, zog ihn vorsichtig heraus und von diesem Moment an waren wir Freunde fürs Leben. Mir war sofort klar, dass ich ihn nicht zurücklassen konnte. Jemand hatte ihn ausgesetzt und ohne meine Hilfe wäre dieses kleine Bündel in der Nacht erfroren. Ich steckte ihn vorsichtig unter meine Jacke und ging mit ihm nach Hause.
Margarita ist mittlerweile in der Küche angelangt und bereitet für Charly das Fressen vor.
»Geben Sie dem Hund nicht zu viel extra«, rufe ich ihr zu, als ich die Küche betrete, den Kühlschrank öffne und eine kleine Flasche Wasser herausnehme.
Empört dreht sie sich zu mir um und versucht, sich in ihrer unschuldigen Art zu verteidigen. »Señor, ich würde nie ...«
Dabei weiß ich ganz genau, dass sie sich und Charly mit Leckereien verwöhnt. Mein versöhnliches Lächeln stimmt sie wieder gütig. »Und warum hat Charly wieder zugenommen?«, necke ich sie.
Sie zuckt nur unwissend die Achseln, als hätte sie nichts damit zu tun, und widmet sich wieder ihrer Arbeit. Message angekommen, wenn Margarita nichts hören will, ist sie plötzlich taub und murmelt nur noch in ihrem spanischen Dialekt vor sich hin. Sie weiß nicht, dass ich mehr von ihrer Muttersprache verstehe, als sie denkt.
»Ich komme heute Abend erst spät nach Hause«, teile ich ihr noch mit, bevor ich die Küche verlasse.
»Machen Sie sich keine Gedanken, Señor. Ich habe viel zu erledigen im Haus und Charly ist dann nicht alleine«, ruft sie mir noch nach.
Ich nicke und bin wieder einmal froh, diese Frau zu haben. Sie kümmert sich rührend um meinen kleinen Freund, wenn ich ihn nicht mitnehmen kann, und ich vertraue ihr blind. Etwas, das ich bei sehr wenigen Menschen tue. Außerdem ist sie sehr verschwiegen und loyal, was meine häufig wechselnden Beziehungen betrifft.
Charly folgt mir aus der Küche zur Haustür. Ich beuge mich zu ihm hinunter und kraule seinen Kopf.
»Tut mir leid, Sportsfreund, heute nicht.«
Er bleibt zurück und schaut mir traurig nach. Mein Gott, wenn er das tut, bin ich fast versucht, ihn doch mitzunehmen. Aber heute ist das unmöglich, also schließe ich die Tür und atme die frische Luft ein.
Vor meiner Garage parkt mein Sportwagen. Ich steige ein und verlasse das Grundstück in Richtung der Bostoner Innenstadt, in der meine Büroräume liegen.
Leise fluche ich vor mich hin, als die nächste Ampel auf Rot umschaltet und ich gezwungen bin, zu halten. Eine junge Frau mit einer Lockenmähne überquert die Straße. Ich starre ihr hinterher. Mein Goodgirl! Da ist sie wieder. Dieser blonde Wuschelkopf, der mich heute Morgen tatsächlich von der Strecke gefegt hat. Ich bin fast versucht, die Scheibe herunterzulassen und ihr etwas nachzurufen. Als sie sich zu einem jungen Mann umdreht, der sie an der Hand nimmt, und beide eilig die Straße überqueren, muss ich feststellen, dass mir meine Fantasie einen Streich gespielt hat.
Hinter mir schreckt mich penetrantes Hupen aus den Gedanken. Die Ampel ist grün und das sicher schon eine ganze Weile. Ich werfe einen verärgerten Blick in den Rückspiegel, hebe die Hand und hätte dem Idioten hinter mir am liebsten den Mittelfinger gezeigt, entscheide mich aber dagegen und gebe stattdessen Gas.

»Hi, Sunday, lange nicht gesehen. Was trinkst du?«, fragt mich Cole, der Barkeeper in Jimmy’s Bar, während er über die Theke wischt. Cole ist ein guter Freund von Elijah und wir kennen uns aus meiner Zeit, als ich auch im Service gearbeitet habe. Elijah ist in der Garage mit seinem Fahrrad beschäftigt und später steht noch ein Gespräch mit seinem Teilhaber an, mit dem es gestern Nacht schon Ärger gab. Elijah will ihn ausbezahlen, aber die Verhandlungen scheinen sich schwierig zu gestalten. Also habe ich mich allein in diese Bar geschleppt, um einfach mal raus zu kommen.
»Einen Zombie«, bestelle ich gelangweilt den Drink. Cole schaut mich kritisch an, da ich ansonsten höchstens mal einen Sex on the Beach oder eine Pina Colada trinke, leichte Drinks mit wenig Alkohol. Er zieht seine gepiercte Augenbraue hoch und legt den Kopf schräg.
»Alles in Ordnung mit dir? Bist du sicher?«
»Vollkommen.«
»Scheißtag gehabt?«, fragt er, während er Eiswürfel in ein Glas füllt.
»Ich weiß nicht, was du unter einem Scheißtag verstehst. Aber wenn es reicht, dass ich von meinem Chef unter Druck gesetzt wurde und er mir mehr oder weniger die Kündigung unter die Nase gehalten hat, dann würde ich sagen, ja, es war ein Scheißtag. Außerdem habe ich einen Jogger mit dem Fahrrad über den Haufen gefahren.«
»Okay, ich denke, da hast du dir einen Zombie verdient. Hier wird es auch in nächster Zeit einige Veränderungen geben.«
»Wie meinst du das?«
»Der Club wird verkauft. Es gibt drei Interessenten, die ihn übernehmen wollen. Hat Elijah nichts davon erzählt?«
Ich schüttle den Kopf. »Nein, hat er nicht. Er hat im Moment andere Sorgen. Sein Partner macht ihm Probleme.«
»Ich dachte, es hat sich schon rumgesprochen. Ich hatte ja gehofft, Elijah würde diesen Club kaufen, gerade weil er so einige Schwierigkeiten mit seinem Teilhaber hat.«
»Elijah wird versuchen, ihn auszubezahlen.«
Cole nickt. »Kann ich verstehen. Das Black Sugar ist der In-Club. Hat eine super Lage und ist nicht nur bei den jungen Leuten angesagt. Die ganze Szene trifft sich dort. Außerdem müsste er hier in diesem Laden einen Haufen Geld investieren, wenn er neue Leute anziehen will.«
Ich schaue mich in der Bar um, dabei habe ich die Einrichtung schon viele Male gesehen. Aber es ist mir nie aufgefallen, wie heruntergekommen und veraltet hier alles ist.
»Vielleicht kommen die Leute gerade aus diesem Grund her.«
»Mag sein. Ich will mich auch gar nicht beschweren, aber ...« Cole unterbricht seinen Satz. Ich folge seinem ernsten Blick. »Da hinten kommen sie.« Er weist mit einem Kopfnicken zur Tür, die gerade aufgeht.
Drei Männer betreten die Bar. Sie tragen legere Kleidung und doch wirken sie wie die Sorte Businesstypen, die nur im Sinn haben, Geld zu verdienen. Ihre Blicke gleiten kurz durch die Bar, aber keiner der drei verzieht eine Miene. Die würden sich sicher nicht hinter die Bar stellen, wenn mal Not am Mann ist, so wie es Elijah in seinem Nachtclub des Öfteren tut.
»Aalglatte Businesstypen«, spuckt Cole verächtlich aus, dann wendet er sich wieder der Bestellung zu, die eine Angestellte über den Tresen geschoben hat.
»Drei Bier, Cole«, höre ich Judy, eine der Bedienungen, hinter mir über die Theke rufen.
»Kriegst du«, verspricht Cole. »Heute ist wieder die Hölle los. Ich sag dir, wer diesen Club übernimmt, bekommt eine Goldgrube. Der Laden braucht nur einen neuen Anstrich.«
Ich beachte die drei Neuankömmlinge nicht weiter und wende mich wieder Cole zu.
»Warum wird der Club überhaupt verkauft?«, will ich wissen.
»Der Boss ist zu alt. Er will alles hinter sich lassen und sich in den sonnigen Süden nach Florida absetzen.«
»Verstehe. Kennst du die neuen Besitzer schon?«
Cole schüttelt verneinend den Kopf. »Hab sie nur ein paar Mal hier ins Büro gehen sehen. Aber schau sie dir doch an.« Dabei nickt er Richtung Büro, hinter dessen Tür die Männer verschwinden.
»Glaubst du, die neuen Besitzer werden das Personal entlassen?«
Cole dreht sich um und greift nach den Flaschen, um einen Drink zu mixen, der neben mir bestellt wurde. Er zuckt mit den Achseln.
»Wer weiß das schon? Auf jeden Fall sehen sie nicht danach aus, als könnte man mit ihnen verhandeln. Die wissen doch ganz genau, was sie wollen. Und das ist Kohle machen.«
»Warte doch erst mal ab. Für meine Begriffe sehen sie nicht so aus, als wollten sie dir deinen Platz als Chef der Bar streitig machen.«
»Da könntest du recht haben. Die kommen nur zum Abkassieren.«
Die Frau neben mir greift zu ihrem Glas, das Cole vor sie gestellt hat. Sie stößt aus Versehen gegen die Flasche, die ebenfalls auf dem Tresen steht. Bevor ich überhaupt mitbekomme, was passiert ist, läuft der Inhalt über die Theke und mir auf meine Jeans. Erschrocken springe ich vom Barhocker hoch, aber es ist zu spät, meine Hose ist durch und durch nass, genau wie meine Bluse.
»Oh, sorry Süße, das tut mir leid«, entschuldigt sie sich bei mir.
»Ist nicht schlimm. Außer, dass ich jetzt rieche wie ein ganzes Spirituosenlager, ist ja nichts passiert«, antworte ich sarkastisch.
Cole schüttelt den Kopf und reicht mir einige Papierservietten. Das ist wieder mal typisch. Die Bar ist voll mit Menschen, aber mich muss dieses Schicksal ereilen. Warum immer ich?, denke ich deprimiert. In jedes Fettnäpfchen muss ich treten. Ich wüsste nicht, was mir heute noch passieren könnte.
»Warte, ich habe ein Kleid in meiner Tasche, das kannst du anziehen«, bietet sie mir großzügig an.
Ich werfe ihr einen zweifelnden Blick zu. Sie sieht nicht gerade aus wie eine Büroangestellte. Eher wie eine der Prostituierten, die hier immer mal wieder einkehren. Was für ein Kleid soll das wohl sein? Schon zieht sie ein kurzes, enges Kunstleder-Ding aus ihrer Tasche, das mehr zeigt als verdeckt. Mir kommt sofort die Szene mit Julia Roberts in Pretty Woman in den Sinn, wie sie in dem kurzen blauen Rock und dem angedeuteten weißen Top, die mit einem Metallring verbunden sind, die Straße entlang flaniert und dann auf den reichen Geschäftsmann trifft, der sie aus dem Elend herausholt. Aschenputtel in modern! Aber eben leider nur eine Utopie.
»Hier, zieh das an. Bei deiner Figur sieht das richtig heiß aus.«
»Ich weiß nicht«, blocke ich ab.
»Warum denn nicht. Du kannst das tragen, Sunday«, bestärkt mich Cole lächelnd.
»Du spinnst ja«, sage ich lachend.
Doch irgendwie bin ich heute in der merkwürdigen Stimmung, so einen Blödsinn mitzumachen. Ich zögere noch kurz, dann nehme ich den kleinen Kunstlederfetzen und verschwinde nach hinten zu den Waschräumen. Von den Gästen in der Bar hat sonst keiner etwas von dem Fauxpas mitbekommen. Die Gespräche an den Tischen werden immer lauter, je mehr sich die Bar füllt, während ich mich an einer Gruppe junger Frauen vorbei dränge. Ich könnte auch einfach nach Hause gehen. Aber ich tue es nicht, betrete stattdessen eine der Kabinen, befreie mich von der nach Alkohol riechenden hellen Hose und der Bluse und streife mir das Lederkleid über.
Als ich aus der Kabine trete, fällt mein Blick in den großen Spiegel, der quer über der hinteren Wand hängt und ich muss zugeben, das Outfit sieht wirklich scharf aus, obwohl das so gar nicht mein Kleiderstil ist. Eine junge Frau tritt ebenfalls vor den Spiegel und überprüft ihr Make-up. Unsere Blicke treffen sich im Spiegel.
»Sieht scharf aus«, bemerkt sie anerkennend. Ich lächle sie an, stopfe heute schon zum zweiten Mal verschmutzte Kleidung in meine große Handtasche und gehe wieder zurück in die Bar. Mittlerweile steht mein Zombie auf der Theke und die Prostituierte ist verschwunden.
»Wo ist sie hin?«, frage ich Cole, nachdem ich mich vorsichtig auf den Barhocker geschoben habe, sodass der kurze Rock wenigstens meinen Po bedeckt.
»Sie hatte es plötzlich sehr eilig. Vielleicht ein Klient?«
Klient, wie sich das anhört. Wenn ich einen Klienten habe, dann zeige ich ihm Häuser oder Wohnungen in Beacon Hill oder Back Bay, aber mehr als einen Händedruck und ein Lächeln kann mein Kunde von mir nicht erwarten.
»Du siehst wirklich heiß aus, Sunday«, gibt Cole nickend von sich.
Ich schlage die Beine übereinander und ernte dafür von einigen jungen Männern an den Tischen aufmerksame Blicke und Pfiffe. Durch die Schnüre, die sich über meine Brüste ziehen und sie optisch so richtig in Szene setzen, trifft der Begriff »heiß« absolut zu. Im normalen Leben trage ich Körbchengröße B, aber in dieser Korsage könnte man annehmen, ich hätte Titten in Doppel-C. Ich schaue an mir herunter und muss feststellen, dass die Schnürer so gar nicht zum Kleid passen. Ein Stilbruch, der schon mehrere Male auf den internationalen Laufstegen gezeigt wurde. Ich bin keine Modeikone, aber meine Freundin Tyler hat einen ähnlichen Style erst vor kurzem für ein Modelabel getragen.
»Ich soll dir sagen, du sollst das Kleid einfach in den nächsten Tagen hier abgeben. Sie holt es sich dann wieder ab«, unterbricht Cole meine Gedankengänge.
»Ist gut. Ich hatte auch nicht vor, dieses Teil zu behalten. Ist schon peinlich genug, hier an der Bar in so einer Aufmachung zu sitzen.« Dabei schaue ich an mir herunter.
»Ich pass schon auf dich auf, Sunday.«
Dann rollt Cole genervt die Augen, als er von seinem Chef ins Hinterzimmer gerufen wird.
»Tut mir leid, ich muss mal kurz nach hinten. Das war es dann wohl? War schön, dich kennengelernt zu haben«, sagt er zu mir, legt das Handtuch auf die Theke und verschwindet nach hinten ins Büro.
Ich greife zu meinem Glas und trinke den Cocktail, der unwahrscheinlich viel Alkohol enthält, zu schnell. Aber irgendwie fühle ich mich unter den Blicken der Typen hinter mir gar nicht wohl. Die erregende Stimmung, die ich gerade noch in den Waschräumen empfunden habe, ist wie weggewischt und jetzt ärgere ich mich, diesen Fetzen überhaupt angezogen zu haben. Bin ich denn total verrückt geworden?
Ich kann die Männer im Spiegel vor mir beobachten, wie sie scherzend zu mir schauen. Jetzt stehen zwei von ihnen auf und kommen auf mich zu. Ich will schnell die Bar verlassen und krame in meiner Handtasche, um das Geld für den Drink auf den Tresen zu legen. Aber leider zu spät. Der eine stellt sich rechts von mir an die Bar, der andere quetscht sich auf der anderen Seite zwischen die Barhocker.
»So allein?«
»Das kann man in einer voll besetzten Bar wohl nicht behaupten«, antworte ich reserviert, drehe mich erst gar nicht um und starre weiter geradeaus auf das Regal mit den Flaschen vor dem Spiegel. Ich hoffe, sie haben verstanden und verschwinden wieder.
»Für 20 Piepen, Bunny, kannst du mir einen blasen.« Dabei zieht er einen Geldschein aus seiner Hosentasche und wedelt damit vor meinem Gesicht herum.
Ich ziehe scharf die Luft ein und verziehe angeekelt das Gesicht. Das darf doch nicht wahr sein. Mal ganz abgesehen davon, dass ich diesen widerlichen Typen nicht mal mit der Kneifzange anfassen würde, läuft es mir eiskalt den Rücken herunter, wenn ich mir vorstelle, ihn mit meinem Mund an einer Stelle zu berühren, die in mir nur einen Würgereiz hervorruft. Ich kenne die Preise in der Branche nicht, aber für lumpige 20 Dollar kann er nicht mal erwarten, dass ich es ihm mit der Hand besorge, geschweige denn, meine Lippen um seinen Schwanz lege. Allein der abgestandene Zigarettengeruch, der ihn umgibt und der ihm bei jedem Wort aus dem Mund schleicht, vermischt mit Schweiß, der an seinem Körper klebt, und den Ausdünstungen des Alkohols, ekelt mich an. Jetzt legt er seine große, raue Hand auf meine Schulter und lässt seine Finger über meine nackte Haut wandern. Unter der Gänsehaut, die sich sofort ausbreitet, zucke ich angewidert zusammen.
Jetzt reicht es!

Holly Summer
Dark Guardian
Boston Bad Boys Band 2

»Elijah?«, rufe ich laut in den Flur, dabei hüpfe ich unbeholfen auf einem Bein aus der Tür meines Schlafzimmers, während ich die flachen Schuhe überstreife.
Der Duft von frischem Kaffee steigt mir verführerisch in die Nase. Aber ein Blick auf meine Armbanduhr genügt, um mir darüber klar zu werden, dass aus einem gemütlichen Frühstück mit Elijah heute nichts werden wird. Ich bin spät dran. Fast wäre ich in meiner Eile auf der vorletzten Treppenstufe hängen geblieben und murmle wilde Verwünschungen. Verdammter Stromausfall letzte Nacht! An der Tür stecke ich den Kopf zur Küche hinein. Elijah steht mit der Hüfte schwingend am Herd und wippt im Takt der Musik aus dem Radio mit.
»Eliiiijjjaaah«, rufe ich ihn laut und wild mit der Hand fuchtelnd. Endlich dreht er sich zu mir um und stellt das Radio leise.
»Guten Morgen, Süße. Du bist spät, hast du mal auf die Uhr geschaut?«
»Das weiß ich selbst«, stöhne ich. Wäre Elijah nicht der beste Freund, den man sich wünschen kann, würde ich ihm seinen Sarkasmus übel nehmen. Aber ihm böse zu sein, ist genauso, als wollte man den Mond vom Himmel holen: unmöglich.
»Mein Wecker war aus. Wir hatten letzte Nacht einen Stromausfall, falls du es nicht bemerkt haben solltest. Du hättest mich ruhig wecken können«, halte ich ihm vor und betrete die Küche.
»Sorry, Süße.«
»Schon gut. Ich nehme dein Rennrad, okay? Mit dem Bus schaffe ich es nicht mehr.« Das ist eigentlich keine Frage, sondern eine Feststellung.
»Ich würde dich gerne fahren, aber ich erwarte jeden Moment den Handwerker, damit endlich diese verdammte Treppenstufe repariert wird. Also gut, nimm das Rennrad. Es ist gestern Nacht spät geworden bei mir, wir hatten Ärger im Club«, teilt er mir mit, während er geschäftig in der Pfanne rührt. Ich ziehe fragend eine Augenbraue hoch, aber sein Bericht muss bis heute Abend warten.
»Lass uns später darüber reden, okay? Und mach dir keine Gedanken, mit dem Rad bin ich ohnehin viel schneller im Büro. Ich nehme einfach die Abkürzung durch den Park.«
»Okay, aber pass auf, dass es nicht geklaut wird«, sagt er und wendet das Omelett in der Pfanne.
»Ich lass doch dein heiß geliebtes Rennrad nicht auf der Straße stehen. Was denkst du denn von mir? Ich stelle es natürlich in den Hausflur«, verspreche ich ihm.
Der Geruch von geschmolzenem Käse und frischen Tomaten steigt mir verführerisch in die Nase. Elijah ist ein fabelhafter Koch. Seit ich nach der Trennung von meinem Ex vor einem Monat bei ihm eingezogen bin, habe ich sicher schon ein Kilo zugenommen. Darüber sollte ich eigentlich glücklich sein, denn die Trennungsphase war alles andere als leicht. Sechs Jahre streicht man nicht einfach so aus dem Leben. Auch wenn Sean, mein Ex, sich wie ein verficktes Arschloch verhalten hat, habe ich immer noch Gefühle für ihn. Als ich erfahren musste, dass er schon seit über einem Jahr ein Verhältnis mit einer anderen Frau hatte, brach eine Welt für mich zusammen.
Vielleicht hätten wir unsere Beziehung noch kitten können, doch die Situation, in der er sich jetzt befindet, hat das unmöglich gemacht. Zwar versprach er mir hoch und heilig, sein Verhältnis zu beenden, aber das wollte ich nicht. Von dem Baby, das er mit ihr hat, kann er sich schließlich nicht so einfach trennen.
Als ich das Bild von seinem Kind sah, gab es für mich nur noch eins: Meine Koffer packen und ausziehen. Einen glatten Schlussstrich ziehen, auch wenn es noch so sehr wehtat. Seitdem wohne ich bei Elijah in seinem Haus, aber über kurz oder lang muss ich mir eine eigene Wohnung suchen und meine Möbel bei Sean abholen.
Elijah und ich haben uns vor einigen Jahren kennengelernt, er hatte meinem Ex und mir Jobs als Bedienungen in seinem Nachtclub angeboten. So konnten Sean und ich uns trotz des Studiums die schöne Wohnung leisten, in der ich so glücklich war. Jetzt quält mich der Gedanke an unser Zuhause nur noch. Ich konnte es nicht mehr ertragen, dortzubleiben. Dort, wo mich alles an unsere gemeinsame Zeit erinnerte.
Für manche Menschen mag es merkwürdig klingen, mit einem schwulen Nachtclubbesitzer zusammen zu wohnen, dessen Körper über und über mit Tattoos bemalt ist. Meine Eltern würden die Nase darüber rümpfen, wenn sie wüssten, dass ich nicht mehr mit Sean zusammen bin und stattdessen im Haus eines Mannes lebe, der ein ziemlich ungeordnetes und zügelloses Leben führt und auf Konventionen und Vorurteile pfeift. Aber gleichzeitig ist Elijah der liebevollste Mensch, den ich hier in Boston kenne, ein wirklicher Freund.
Meine Eltern wissen noch nichts von der Trennung von Sean und seinem Doppelleben.; Ich muss es ihnen endlich sagen. Spätestens nächsten Monat kommt es sowieso raus, denn meine Mom feiert ihren fünfzigsten Geburtstag, und dann erwartet sie, dass ich mit Sean bei ihr aufkreuze. Er war für sie immer der perfekte Schwiegersohn, und wenn es nach ihr ginge, wären wir sicher schon verheiratet. Es wäre unfair, wenn ich es ihr nicht vorher sage.
Schnell schiebe ich, nicht zum ersten Mal, diese negativen Gedanken zur Seite und angele nach dem Brötchen, das Elijah sich aufgeschnitten und mit Butter bestrichen hat. Er zieht lächelnd eine Augenbraue hoch und haut mir leicht auf die Finger.
»Hab dich auch lieb«, rufe ich ihm zu und sehe nur noch seinen gespielt tadelnden Gesichtsausdruck, als ich mich umdrehe und herzhaft in das Brötchen beiße.
»Sunday?«, pfeift er mich zurück.
»Ja?«, sage ich undeutlich mit vollem Mund.
»Pass auf mein Rennrad auf«, warnt er mich schmunzelnd mit erhobenem Holzlöffel.
Lächelnd werfe ich ihm einen Kuss zu, bevor ich das Haus verlasse und mich auf den Weg ins Büro mache.
Meinen Beruf als Immobilienmaklerin liebe ich sehr, ich hatte schon immer eine Schwäche für schöne Häuser. Sobald ich ein leeres Haus betrete, richte ich es in Gedanken ein. Leider ist mein neuer Chef, Mister Fullerton Junior, ein widerlicher Stinkstiefel, der mir nicht nur einmal zweideutige Angebote gemacht hat. Ein Blick auf meine Uhr zeigt mir, dass er mich in zehn Minuten zu einem Brainstorming erwartet. Mein kleiner roter Nissan ist in der Werkstatt und zu Fuß oder gar mit den öffentlichen Verkehrsmitteln schaffe ich es unmöglich, pünktlich zu sein. Ich hänge die große Tasche um, in die ich mein Kleid und ein Paar Pumps gepackt habe, und schwinge mich auf den Sattel. Da Freitag ist und ich keine Kundentermine habe, ist es völlig in Ordnung, mit Jeans, Bluse und Blazer im Büro zu erscheinen, aber für alle Fälle habe ich ordentlich zusammengelegt mein Businesskleid dabei. Korrekte Kleidung und Etikette sind das A und O in der Firma.
Manchmal wünschte ich mir, wir hätten keinen Dresscode, so wie es in anderen modernen Firmen üblich ist. Besonders, wenn ich an den Hai von einem Chef denke. In letzter Zeit ist er besonders penetrant. Mister Fullerton Junior ist und bleibt ein alter Kotzbrocken, der nur Dollarzeichen in den Augen hat – wenn er nicht gerade seine Mitarbeiterinnen betatscht.
Diesen Monat konnte ich trotz vieler Außentermine noch keinen Abschluss machen. Das liegt nicht an mir, sondern an der Konkurrenz. Besonders an unserem stärksten Rivalen, J. Edwards Immobilien. Jedes Mal, wenn ich glaubte, das Geschäft in der Tasche zu haben, kam ein Mitarbeiter seiner Firma und hat dazwischengefunkt.
Dieser Edwards ist nicht nur mir ein Dorn im Auge, er ist der Schrecken der ganzen Immobilienbranche. Ich kenne ihn nicht, weiß nicht mal, wie er aussieht, aber ich kann ihn mir lebhaft vorstellen. Sicher ein schmieriger Businesstyp mit Bauchansatz, schütterem Haar und einem dicken Schlitten, mit dem er bei seinen Kunden vorfährt, um Eindruck zu schinden. Man hört, dass er in der High Society von Boston verkehrt.
Seine Methoden sind mir ein Rätsel, aber sicher spielt er mit den oberen Zehntausend am Sonntagmorgen Golf oder wickelt seine Klienten mit Besuchen in Nachtclubs um den Finger, in denen die Frauen mehr zeigen, als nötig wäre. Was für ein Klischee! Vorstellen könnte ich es mir, denn dass er nicht ehrlich spielt, ist in der Branche bekannt.
Nächste Woche habe ich einen Termin für ein Objekt, das richtig viel Provision bringt, da muss es klappen. Mein Klient ist ein Mann und keine von den reichen First-Class-Ladys, die auf ein bisschen Speichelleckerei abfahren und sich von einem arroganten Sack wie Edwards einwickeln lassen. Ich sehe mich schon, wie ich meinem Chef den unterschriebenen Vertrag auf den Tisch knalle, innerlich zufrieden grinsend, während er fett und feist hinter seinem Schreibtisch sitzt und ein verdutztes Gesicht macht.
Schnell weiche ich einer Pfütze aus und hätte dabei beinahe den Lenker verrissen. Die Straßen sind noch nass von dem Unwetter, das gestern Nacht über die Stadt gefegt ist, und überall liegen Blätter, die der Wind von den Bäumen gerissen hat. Die Luft riecht frisch nach feuchter Erde. Ich sauge sie gierig ein, als ich in den Park einbiege. Nur noch ein kurzes Stück, dann habe ich es geschafft. Vor mir ragt schon der Wolkenkratzer auf, in dem sich das Maklerbüro Fullerton befindet. Um diese frühe Tageszeit ist es noch ruhig hier, nur ein Jogger und eine Frau mit einem kleinen Kind an ihrer Seite kommen mir entgegen. Die Kleine zerrt quengelnd am Arm der Frau, die mit dem Handy in der anderen Hand keinen Blick für das Mädchensie übrig hat. Stattdessen ist sie ganz auf ihr Gespräch konzentriert.
Plötzlich reißt sich das Kind von der Hand der Frau los, deutet auf irgendetwas auf meiner linken Seite und läuft ohne zu schauen direkt in meine Fahrtrichtung. Die Kleine muss mich total übersehen haben. Ihr Schrei, der folgt, als sie mich dann doch entdeckt, hallt in meinen Ohren, der entsetzte Blick brennt sich in meine Gedanken und ich reagiere instinktiv. Ich greife in die Bremsen und reiße den Lenker zur anderen Seite. Den Jogger, der jetzt fast auf meiner Höhe ist, blende ich dabei völlig aus.
Dann passiert das Unvermeidliche: Statt einen Sprint über die Rasenfläche zu machen und dem Jogger damit noch auszuweichen, bleibe ich mit dem Vorderrad an einem kleinen Mäuerchen hängen, das ein Blumenbeet abgrenzt, und verliere die Kontrolle über das Rad. Der entsetzte Ausruf des Joggers, die aufgerissenen Augen der Frau und mein Aufprall auf dem sandigen Boden sind alles, was ich noch wahrnehme, bevor ich mit dem Kopf auf den weichen Sandboden aufschlage.
Verdammte Scheiße! Im ersten Moment verspüre ich keinen Schmerz, sehe in Gedanken nur die schreckliche Szene vor mir, wie das Kind blutend auf dem Weg und der Jogger unter dem Rennrad begraben liegen. Ich öffne die Augen und ein Stöhnen entfährt mir, als ich meinen Kopf heben will. Zum Glück scheint mir nichts Schlimmeres passiert zu sein. Vielleicht eine Gehirnerschütterung? Dafür war der Aufprall nicht heftig genug. Das erschrockene Weinen des Kindes durchdringt die Stille um mich herum.
Nachdem der erste Schock überwunden ist, sehe ich unter dem Schmutz an meinen Händen, dass die Haut leicht aufgekratzt ist. Der Schreck sitzt mir in allen Gliedern und mein linker Arm schmerzt ein wenig. Mit der anderen Hand streiche ich darüber. Ein Blick auf den Mann, den ich zu Boden gerissen habe, zeigt mir, dass ihm vermutlich auch nicht viel passiert ist. Er steht auf, klopft sich den Schmutz von der Kleidung und schaut sich nach dem Kind um, das für den Unfall verantwortlich war und jetzt unbeschadet in den Armen der Frau an seiner Seite liegt und sich langsam wieder beruhigt. Dann gleitet sein Blick zu mir und alle Freundlichkeit verschwindet wie durch Zauberhand aus seinem Gesicht.
Dabei sieht er verdammt sexy aus.
Warum beunruhigt mich das? Vielleicht weil er mich mit diesem drakonischen Gesichtsausdruck fixiert? Ein kurzer Schauer legt sich über meine Haut und ich ziehe unbewusst die Schultern nach oben, als würde es mich frösteln. Ich spüre, wie sich meine Nippel hart zusammenziehen. Er zieht sich die Kopfhörer aus den Ohren und spricht mich an.
»Können Sie aufstehen? Oder sind Sie verletzt?«
Seine Stimme ist kräftig und doch wirkt sie sinnlich und anziehend auf mich. Ich muss bei dem Sturz doch etwas mehr abbekommen haben, anders kann ich mir meine Reaktion auf ihn nicht erklären. Ich versuche umständlich, auf die Beine zu kommen.
»Es geht schon. Ich glaube nicht.«
Jetzt, wo er direkt vor mir steht, wird mir seine Wirkung auf mich erst bewusst. Er ist groß, muskulös gebaut und sieht nicht nur fantastisch aus, er ist ein Traum von einem Mann. Das fällt mir jetzt so richtig auf, als ich vor ihm auf dem Boden sitze und zu ihm aufschaue. Mein Blick gleitet unbewusst zu seinem Ringfinger. Da ist nichts, nur glatte Haut.
Immer noch fixieren seine stahlblauen Augen mich unter seiner Baseballkappe. Ich kann nur verlegen zur Seite sehen. Er geht zwei Schritte auf mich zu, greift entschlossen unter meine Arme und zieht mich vorsichtig hoch, nachdem er sich davon überzeugt hat, dass mir wirklich nichts weiter fehlt, dann setzt er mich auf dem Gras neben dem Fußgängerweg ab. Anschließend dreht er sich um, greift nach dem Rennrad und hebt es hoch wie ein Spielzeug, um es aus dem Weg zu räumen. Als ich den verkratzten Rahmen und das verbogene Vorderrad sehe, bin ich schlagartig wieder im Hier und Jetzt und kann einen Fluch nicht unterdrücken.
»Verdammter Mist!«
Wieder trifft mich sein strenger Blick. Hat er noch nie eine Frau fluchen gehört? Das Nächste, was ich aufschnappe, ist die laute Stimme der Frau, die das Kind immer noch an sich gedrückt hält. Sie beschimpft mich auf das Übelste, während sie mit der freien Hand in der Luft herumfuchtelt. Seit dem Augenblick, als ich in die Augen dieses Alphagottes geschaut habe, hat sich alles um mich herum in Luft aufgelöst. Ich sollte mich bei der Frau entschuldigen, das ist das Mindeste, was ich tun kann. Dennoch sitze ich einfach hier und bin wie verhext von diesem Mann.
»An Ihrer Stelle würde ich den Mund halten«, wendet der große Unbekannte sich an die Frau, was sie sofort verstummen lässt.
Seine Stimme ist überlegen, aber nicht beleidigend oder laut. Völlig sprachlos wegen seiner Impertinenz bleiben ihr die Worte im Hals stecken. Sie reißt die Augen auf und schnaubt aufgebracht. Ich halte kurz die Luft an, als mir die Unverschämtheit seiner Worte bewusst wird. Warum ergreift er Partei für mich, obwohl ich ihn gerade über den Haufen gefahren habe?
»Der Kleinen ist doch nichts passiert, oder? Sie sollten besser auf sie aufpassen und Ihre Pflichten nicht vernachlässigen, dann wäre das hier nicht geschehen«, zischt er. Dem kleinen Mädchen zwinkert er dabei verschwörerisch, ja fast liebevoll zu.
Innerlich lächle ich über seine Worte, aber gleichzeitig kann ich nur den Kopf schütteln über seine Dreistigkeit ihr gegenüber. Ich hätte mich niemals getraut, die Frau in diesem beleidigenden Ton anzugreifen, besonders, da das hier ein Fußgängerweg ist, und die Schuld damit ganz allein bei mir liegt.
»Es tut mir leid«, versuche ich, zu retten, was zu retten ist. »Es war meine Schuld.«
»Die Menschen werden immer dreister«, dringen noch die verärgerten Worte der Frau an mein Ohr. Meine Entschuldigung hat sie überhaupt nicht zur Kenntnis genommen.
Dann dreht sie sich völlig empört über seine Reaktion um, nimmt das Kind an der Hand und verschwindet vor sich hin schimpfend hinter der nächsten Biegung. Bevor ich aufstehen kann, wendet er sich wieder mir zu.
»So, und jetzt zu Ihnen«, funkelt er mich aufgebracht an.
Ich schaue zu ihm hoch, während ich vorsichtig den Schmutz von meinen Händen reibe, und verziehe nun angefressen das Gesicht. Ups, scheinbar habe ich ihn falsch eingeschätzt. Jetzt bin ich es, die in sein Visier geraten ist.
»Sie hätten sie nicht so anfahren dürfen. Es war ganz allein meine Schuld.«
»Dann brauche ich Ihnen ja auch nicht zu erklären, dass das hier ein Fußgängerweg ist!« Dabei zeigt er provozierend auf den Gehweg und das Schild hinter mir.
Mein Gott, seine Belehrung kann ich jetzt gebrauchen wie einen Pickel an meinem Hintern. Und was heißt hier überhaupt »erklären«? Ich bin nicht blöd. Nur, weil ich blondes Haar habe, muss er mich nicht behandeln wie die sprichwörtliche Blondine. Dieser Machomann mir gegenüber spielt sich auf wie einer meiner Lehrer in der Schule, der auch bei jedem kleinsten Vergehen den Autoritären raushängen lassen musste.
»Ach, wirklich?«, rutscht es mir jetzt herablassend heraus, dabei streiche ich mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Eigentlich wollte ich mich bei ihm entschuldigen, aber seine überhebliche Art lässt meinen Adrenalinspiegel wieder in die Höhe schnellen.
»Sie finden das wohl auch noch witzig?«, brummt er.
»Sehe ich etwa so aus?«, kontere ich genervt. »Ja klar, ich liebe es, mich auf dem Boden im Dreck zu wälzen. Was dachten Sie denn?« So viel Zynismus ist eigentlich ganz untypisch für mich.
»Werden wir jetzt etwa auch noch zickig?«, provoziert er mich weiter. Dabei umspielt ein kleines Lächeln seine Mundwinkel. Ich atme hörbar ein und will ihm antworten, doch er unterbricht mich sofort. »Ich sage Ihnen mal was. Wenn Sie mir gehören würden, würde ich dafür sorgen, dass Ihnen so etwas nicht noch einmal passiert. Ich kann sehr überzeugend sein.« Dabei zeigt er mit dem Finger auf mich.
Mir bleibt im ersten Moment vor Sprachlosigkeit der Mund offen stehen. Ist dieser Kerl denn verrückt? In welcher Welt lebt er eigentlich? Und was fällt ihm ein, von mir als Besitz zu sprechen? Der hat doch nicht mehr alle Latten am Zaun! Schnell fasse ich mich wieder.
»Das glaube ich Ihnen sofort«, antworte ich schnippisch. »Allerdings finde ich Ihre Wortwahl etwas übertrieben.«
»Ach ja? Inwiefern?«
Dabei fixiert er mich wie eine Klapperschlange, die ihr Opfer vor sich sieht und nur darauf wartet, im richtigen Moment die Giftzähne in das Objekt ihrer Begierde zu schlagen. Seine Worte sind leise, aber sehr bestimmt, sodass es mir heiß und kalt wird.
»Na, Menschen als Besitz zu bezeichnen. Das geht ja wohl entschieden zu weit. Finden Sie nicht?«
Seine einzige Antwort auf meine Frage ist ein geheimnisvolles Lächeln. Dabei beobachtet er mich, als wollte er abschätzen, wie ich reagiere. Er regt mich auf eine Art auf, die mir unbegreiflich ist. Ob es an den Worten liegt, die er gerade zu mir gesagt hat, oder an seinem verdammt guten Aussehen, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass das warme Gefühl in meinem Bauch bis in meine Scham dringt. Was ich überhaupt nicht verstehen kann.
Schnell besinne ich mich wieder darauf, wo ich mich befinde, und die unverschämten Worte eines mir völlig Fremden.
Wenn ich ihm gehören würde? Was fällt diesem eingebildeten, arroganten Arsch eigentlich ein? Seit wann gehört ein Mensch einem anderen? Vielleicht sollte ich ihm klar machen, dass die Sklaverei schon vor über 100 Jahren endgültig abgeschafft worden ist. Seine Augen bohren sich hypnotisierend in meine. Oh Gott, diese Augen, sie scheinen mich verschlingen zu wollen. Warum stehe ich nicht einfach auf und sage ihm, was er mich mal kann? Damit habe ich doch sonst kein Problem. Warum kommen mir bei ihm keine coolen Sprüche über die Lippen?
Ich bin unfähig, mich zu bewegen. Das Einzige, was ich wahrnehme, ist mein Herzschlag, der sich von Sekunde zu Sekunde beschleunigt, je länger er mich ansieht, und das ärgert mich. Ich öffne den Mund und bewege die Lippen, ohne ein Wort herauszubringen, was ihm wiederum ein angedeutetes Lächeln entlockt. Er hält mir die Hand hin und zieht mich vorsichtig nach oben. Als ich vor ihm stehe, wird mir seine männliche Ausstrahlung erst recht bewusst. Er ist mindestens 20 Zentimeter größer als ich. Ich muss den Kopf in den Nacken legen, um ihm ins Gesicht zu schauen. Seine Haut glänzt noch leicht vom Schweiß, aber er riecht gut. Verdammt, riecht er gut ... Es ist eine Mischung aus frischem Aftershave und seinem Körpergeruch. Wie kann ein Mann, der Sport treibt, dabei noch so gut riechen? Und warum kann ich den Blick nicht von seinen sinnlichen Lippen nehmen? Kurz flackert der Gedanke in meinem Kopf auf, von diesen Lippen geküsst zu werden. Wie mag sich der Dreitagebart auf meiner Haut anfühlen, wenn er mich damit an Stellen berührt, die ... Sunday, deine Fantasie geht mit dir durch. Reiß dich gefälligst zusammen, ermahne ich mich stumm. Er hält mich immer noch am Arm fest, während ich in seinen Augen zu ertrinken drohe. Dann streckt er die Hand aus und ich weiche unwillkürlich zurück. Aber er lässt sich von meiner Reaktion nicht beirren und wischt zärtlich über meine Wange.
»Was soll das?«
Er zuckt nur die Achseln. »Da war ein Schmutzfleck«, rechtfertigt er sein Verhalten. Und wieder sind es seine Worte, die mir noch im Kopf herumspuken. Da er nichts sagt, greife ich das Thema noch einmal auf.
»Ich gehöre Ihnen aber nicht«, kommt es jetzt doch über meine Lippen. »Im Grunde gehört kein Mensch einem anderen. Es gibt Gesetze, die die Menschenrechte ganz klar definieren«, setze ich noch bestimmt hinzu, als würde ich gerade ein Referat halten. Warum ich noch einmal auf dieses Thema eingegangen bin, weiß ich eigentlich nicht. Aber irgendwie beschäftigt es mich. »1804 hat Massachusetts die Sklaverei abgeschafft und bereits 1773 fing alles mit der Boston Tea Party an«, sprudelt es aus mir heraus. »Das ist alles rechtlich geregelt.«
Jetzt lacht er mich doch tatsächlich aus. Aber dieses Lachen ist nicht provozierend oder anmaßend, es wirkt versöhnlich und liebevoll.
»Okay, kleine Lady. Nicht im rechtlichen Sinne, aber auf eine andere Art. Eine freiwillige Art. Außerdem hatte ich nicht vor, Ihnen die Ohren abzuschneiden. Ich zwinge auch niemanden mit Mitteln zur Disziplin, die menschenunwürdig sind«, sagt er kopfschüttelnd. Als er die Mundwinkel nach oben zieht, zeigt sich wieder das kleine Grübchen.
Wenn ich es nicht besser wüsste, könnte ich annehmen, er hätte Interesse an mir. Welcher Art dieses Interesse sein soll, kann ich aber nicht sagen. Irgendetwas Magisches liegt zwischen uns in der Luft.
»Eine freiwillige Art? Was meinen Sie damit?«, stoße ich empört aus. Wer will schon freiwillig einem anderen Menschen dienen? Wir befinden uns nicht mehr im Mittelalter, sondern im 21. Jahrhundert. Wofür gibt es Menschenrechte und Gesetze? Er unterbricht meine Gedankengänge, als er zu meinen Händen greift und die Handflächen nach oben dreht.
»Vergessen Sie es. Es ist nicht wichtig. Reinigen Sie die Wunden gut. Es sind zwar nur kleine Kratzer, doch auch damit sollte man vorsichtig sein. Sind Sie geimpft?«
Seine Stimme nimmt jetzt einen neutralen Ton an. Die provozierende Haltung ist völlig verschwunden, was ich fast ein wenig bedaure. Selbst die aufgeladene Atmosphäre zwischen uns hat Normalität Platz gemacht. Ich ziehe meine Hände aus seinem Griff, als hätte ich mich verbrannt, und wische die letzten Reste Erde an meiner Jeans ab.
»So schlimm ist es nicht«, wehre ich ab.
»Sagen Sie das nicht. Es gibt Menschen, die sind schon wegen kleinereren Kratzern an einer Blutvergiftung gestorben.«
»Ich glaube, jetzt übertreiben Sie.«
»Mein bester Freund ist Arzt. Sie können mir also glauben.« Dabei greift er wieder nach meinem Arm, um sich meine Kratzer anzusehen. »Wissen Sie, wie gefährlich Bakterien sind und was sie im Blutkreislauf anrichten können?«
Als hätte mir der Tag heute nicht schon genug schlechte Überraschungen gebracht; ich brauche jetzt nicht auch noch eine Lehrstunde in medizinischer Hygiene. Und doch lässt er mich nicht kalt. Im Gegenteil, sein Interesse an mir ist nicht gespielt, als würde er sich aufrichtig Sorgen machen.
Das laute Kreischen einiger Kinder, die auf dem Weg zur Schule sind, lässt mich aus meiner Benommenheit erwachen, die mich bei seiner Frage wieder überkommen hat, sodass ich nicht gezwungen bin, auf seine Äußerung einzugehen. Abrupt gibt er mich frei, tritt einen Schritt zurück und bückt sich, um das Rennrad vom Boden aufzuheben.
»Passen Sie das nächste Mal besser auf«, belehrt er mich in einem ruhigen, versöhnlichen Ton und schiebt das Rad neben mich.
Ein letzter Blick in seine verführerischen Augen und er ist weg. Ich drehe mich um und starre ihm nach, wie er schnell um die nächste Biegung joggt. Aber er wendet sich nicht mehr um und dann ist er aus meinem Blickfeld verschwunden. Als hätte ich etwas verloren, stehe ich stumm da und schaue auf den leeren Weg, in der Hoffnung, ihn wiederzusehen. Doch nur die Blätter, die der Wind von den Bäumen gerissen hat, wirbeln über den sandigen Boden. Ich möchte ihm am liebsten nachlaufen, ihn nach seinem Namen oder seiner Telefonnummer fragen, aber das ist unmöglich. Resigniert schnappe ich mir das Rennrad und schiebe es den Weg entlang.
Was meinte er damit, ›nicht im rechtlichen Sinne‹, sondern auf eine andere Art? Welche Art sollte das sein? Auf dem restlichen Weg zum Büro lässt mich dieser Gedanke nicht mehr los. Er beherrscht mich regelrecht, sodass ich gar nicht mitkriege, dass ich schon vor dem Firmengebäude angekommen bin. Die einzige Verbindung, die für mich akzeptabel ist, ist die einer aufrichtigen Beziehung, in der Vertrauen und Liebe die Basis bilden, rede ich mir ein, während die Eingangstür des Bürokomplexes geräuschvoll hinter mir ins Schloss fällt.
Aber welche Garantie gibt es schon? Bin ich nicht erst vor kurzem mit der harten Realität konfrontiert worden? Ich sollte diesen Typen schnellstens aus meinen Gedanken streichen. Ein Mann mit diesem Aussehen kann nicht der Richtige sein. Niemals! Schöne Männer hat man nie für sich allein. Da brauche ich nur an Sean zu denken. Schwanzgesteuert, alle!
Ich drücke auf den Aufzugknopf und warte.
Jetzt bereue ich es fast, dass nicht mehr passiert ist, denn dann hätten wie unsere Personalien austauschen müssen. Über mich selbst und meine hirnrissigen Gedanken den Kopf schüttelnd steige ich in den Aufzug und fahre in den zweiten Stock. Ich muss doch härter mit dem Kopf aufgeschlagen sein, als ich dachte. Habe ich nicht gerade erst eine beschissene Beziehung hinter mich gebracht? Daraus sollte ich doch gelernt haben.
Es ist zehn Minuten nach neun, als ich den Gang bis ans Ende hechte, die Büroräume von Fullerton & Fullerton Immobilien betrete und Elijahs Fahrrad im Flur in die Ecke schiebe. Mein Chef steht mit einer Tasse dampfenden Kaffee in der Hand in seiner offenen Bürotür und schaut provozierend auf seine Armbanduhr, die er von seinem Vater geerbt hat. Innerlich mache ich mich schon für eine Auseinandersetzung bereit.
Mister Fullerton Senior ist vor einem Jahr verstorben, sein Bild hängt neben dem von Fullerton Junior im Foyer und darunter ein kleines Schild mit seinem Namen und der Information, dass er der Gründer der Immobiliengesellschaft war. Jetzt wird die Firma ganz allein von seinem Sohn geführt.
Nicht zum ersten Mal bedauere ich den Tod von Mister Fullerton Senior. Er war ganz anders als sein Sohn, hatte immer ein offenes Ohr und stand loyal zu seinen Mitarbeitern. Bei ihm florierte das Geschäft trotz der Konkurrenz, was man heute nicht mehr behaupten kann. Sonst hätte Mister Fullerton Junior Adam und Mia nicht entlassen müssen. Wie ich diesen Sack von Juniorchef hasse. Nicht, weil er einen pedantischen Stil verfolgt und auf Pünktlichkeit und Ordnung Wert legt, das tue ich auch. Es ist vielmehr sein Charakter, der mich ihn hassen lässt. Vor kurzem, als ich wieder einmal Überstunden machen musste und wir allein im Büro waren, drückte er sich von hinten an mich, bis ich seinen harten Schwanz durch seine Hose an meinem Po gespürt habe. Sein schneller Atem, der mir signalisierte, wie scharf er auf mich war, trieb mir vor lauter Ekel eine Gänsehaut über den Körper. Als ich mich erschrocken zu ihm umdrehte, leckte er sich gerade mit der Zunge über die schmalen Lippen und ein wenig Speichel klebte in seinem Mundwinkel. Mich schüttelt es jetzt noch, wenn ich daran denke. Unangenehm berührt wandte ich mich einfach ab und gab der ganzen Situation etwas Belangloses, um ihn nicht bloßzustellen.
Am Ende machte er mich dafür verantwortlich, ich hätte ihn mit meiner engen Jeans gereizt und angemacht. Natürlich entsprach das nicht der Wahrheit. Was bildet sich dieser Mensch nur ein? Er ist an die 60, ich bin 27. Außerdem ist er verheiratet und wirklich nicht das, was ich als attraktiv einstufen würde. Er wirkt schwammig, hat mindestens 20 Kilo Übergewicht, leidet an Bluthochdruck und ist Choleriker.
Ich hätte mir nach diesem Vorfall einen anderen Arbeitgeber suchen sollen, aber nach der Trennung von Sean hatte ich einfach nicht die Energie dazu. Nur weil ich nicht auf seine Annäherungsversuche eingegangen bin, versucht mein Chef jetzt, mich zu tyrannisieren, wo er nur kann. Als sein Vater noch lebte, hätte er sich solche Unverschämtheiten nicht herausnehmen dürfen.
Seine Stimme holt mich aus meinen Gedanken und katapultiert mich zurück in die Wirklichkeit.
»Schön, dass Sie sich auch zu uns gesellen, Miss Anderson, dann können wir endlich mit unserer Besprechung beginnen. Wir warten bereits seit zehn Minuten auf Sie.«
»Tut mir leid, ich hatte einen Unfall«, verteidige ich mich reserviert, obwohl jeder sehen kann, was passiert ist. Meine Hose ist total verschmutzt und zerrissen, meine Haare haben sich aus dem Zopf gelöst und auch mein Gesicht dürfte immer noch einige Schmutzspuren aufweisen. Meine Kollegin kommt auf mich zu.
»Sunday, was ist denn passiert?«
Ich winke ab. »Ich bin auf dem Weg hierher mit einem Jogger kollidiert und vom Fahrrad gefallen.«
»Wie lange wollen Sie meine Zeit noch strapazieren? Erzählen Sie Ihre Geschichten jemand anderem, aber nicht mir«, grunzt der Alte.
Manchmal könnte ich ihn in der Luft zerreißen. Seine Besserwisserei und Arroganz gehen mir schon lange auf die Nerven. In gewisser Weise unterstellt er mir, ich wäre eine Lügnerin. Da kann ich nur lachen: Er betrügt seine Frau seit Jahren. Ich sollte ihn wirklich bei der nächsten Gelegenheit in die Pfanne hauen, aber am Ende werde ich es doch nicht tun. Meine Kollegin wirft ihm einen vernichtenden Blick zu.
»Gehen Sie schon und machen sich frisch. Ich erwarte Sie in zehn Minuten in meinem Büro«, teilt uns mein Chef noch mit, bevor er seine heiligen Hallen betritt und die Tür geräuschvoll hinter sich schließt.
»Was hat der Alte denn?«, frage ich Jessy auf dem Weg zum Waschraum.
»Du kennst ihn doch. Heute ist er besonders schlecht drauf. Keine Ahnung, was los ist. Vielleicht hat seine Frau ihn wieder mal abgewiesen und was Neues hat er nicht in Aussicht«, mutmaßt sie belustigt.
»Ich weiß nicht. Irgendetwas stimmt nicht.»
»Ach was, er ist schrecklich wie eh und je.«
Ich zucke mit den Achseln.
»Soll ich dir helfen? Du hast noch Schmutz an der Wange.«
Wir betreten den Waschraum und ich nehme meine Wechselklamotten aus der Tasche, während Jessy einige Tücher aus dem Spender zieht und sie mit Wasser und Seife befeuchtet.
»Hier, bitte.«
Sie reicht mir die Papiertücher, damit ich mir vor dem Spiegel das Gesicht reinigen kann.
»Du solltest dir diese Unverschämtheiten von Fullerton wirklich nicht gefallen lassen«, redet Jessy auf mich ein.
»Ich weiß. Aber solange ich keinen neuen Job in Aussicht habe, werde ich mich zurückhalten.«
»Suchst du eigentlich nach einem neuen Job?«, will Jessy wissen und grinst mich an.
»Lass mich erst mal die Sache mit der Wohnung in Angriff nehmen.«
»Tut mir leid. Erzähl, was war denn heute Morgen los?«
»Durch den verdammten Stromausfall war mein Wecker aus und du weißt doch, dass mein Auto in der Werkstatt ist. Es kommt immer alles zusammen«, erkläre ich ihr die Situation, während wir uns im Spiegel anschauen und ich die Schmutzstreifen aus meinem Gesicht wische.
»Du Arme hast es wirklich nicht leicht in letzter Zeit.«
»Das kannst du laut sagen.« Dabei schlüpfe ich schnell aus der zerrissenen Hose, streife mir die Bluse von den Schultern und ziehe mir mein Etuikleid über.
»Und wie ist das passiert?« Dabei deutet sie auf meine zerrissene Jeans.
»Ich wollte die Abkürzung durch den Park nehmen, da kam mir ein Jogger entgegen und eine Frau mit einem Kind, das einem Eichhörnchen oder so nachlaufen wollte. Wenn ich nicht eine Vollbremsung hingelegt und den Lenker zur Seite gerissen hätte, wäre das Kind mir direkt ins Fahrrad gelaufen. Also habe ich mich dafür entschieden, diesen tollen Typen einfach umzufahren, um so mit ihm anzubändeln.« Dabei rolle ich genervt die Augen.
»Ach, so kenne ich dich ja gar nicht«, wundert sich Jessy grinsend.
»Nein, wirklich, ich wollte ausweichen und habe stattdessen den Jogger über den Haufen gefahren.«
»Oh Gott, hoffentlich ist ihm nichts passiert! Und dem Kind?«
Ich schüttle verneinend den Kopf.
»Nein, alles okay. Ich war die Einzige, die etwas abbekommen hat. Aber am schlimmsten hat es Elijahs Rennrad erwischt. Ich weiß doch, wie sehr er an dem Teil hängt. Von diesen Rennrädern gibt es nicht viele.«
»Männer und ihre Spielzeuge«, sagt sie und grinst mich im Spiegel an. »Aber erzähl mal, sah er wirklich so scharf aus?«
Ich werfe das benutzte Papiertuch in den Abfalleimer und schaue auf.
»Wer?«
»Na, der Typ, den du umgefahren hast.«
Ich zucke mit den Achseln, um Gleichgültigkeit zu signalisieren. Leider ist er ebenso schnell wieder aus meinem Leben verschwunden, wie er mit voller Power hineingetreten ist. Zu schade, dass wir uns nicht unter anderen Umständen kennengelernt haben. Er war wirklich eine Sahneschnitte ...
»Lassen wir den Alten nicht unnötig warten«, entscheide ich, anstatt Jessys Frage zu beantworten, und stopfe die schmutzige Hose und die Bluse in die Tasche.
Fullerton sitzt mit ernster Miene wie eine Spinne im Netz in seinem Chefsessel hinter seinem Schreibtisch, während Jessy, seine Sekretärin und ich uns auf den unbequemen Stühlen davor niederlassen.
»Wir haben einige neue Objekte zum Verkauf bekommen. Die müssen sofort beworben werden«, bestimmt er. »Jessy, übernehmen Sie das?«
»Natürlich«, sagt sie reserviert.
Nach 20 Minuten weiterer Belanglosigkeiten zum Tagesgeschäft, fordert er uns auf, wieder an die Arbeit zu gehen.
»Sie nicht, Miss Anderson. Mit Ihnen habe ich noch etwas zu besprechen.«
Ich werfe Jessy einen genervten Blick zu, da ich genau weiß, um was es geht, und setze mich wieder. Als Jessy und die Sekretärin die Tür hinter sich geschlossen haben, wendet sich Mister Fullerton an mich und beugt sich über seinen Schreibtisch nach vorne, während er seinen silbernen Kugelschreiber durch die wulstigen Finger gleiten lässt. Diese Besprechung war so unnötig wie ein Kropf. Der kollektive Arschtritt, den er uns ab und zu verpasst, hat dazu beigetragen, mir den Tag so richtig zu vermiesen, und jetzt wird er das Fass zum Überlaufen bringen.
»Der nächste Punkt betrifft Sie, Miss Anderson. Ich brauche Sie in der nächsten Woche für einen Abend hier.« Ich schaue verwundert auf. »Für das Marketingkonzept, das ich ausarbeiten werde«, lässt er mich wissen. Als wäre ich diejenige, die Hintergedanken hat.
»Nächste Woche habe ich einige private Termine am Abend, Mister Fullerton«, will ich seinen Versuch, mich nach Büroschluss hierzubehalten, abwehren.
Er tippt auf seiner Computertastatur und ruft eine Excelliste auf.
»Ich glaube nicht, dass Sie in der Position sind, Forderungen zu stellen«, wirft er beiläufig ein, ohne sich vom Bildschirm abzuwenden. Ich spüre, wie Wut in mir aufsteigt, und balle unbewusst die Hände zu Fäusten.
Am liebsten hätte ich laut aufgelacht. Was heißt hier Forderungen stellen? Er redet von Überstunden, die weit über mein Tätigkeitsfeld hinausgehen. Ich bin Immobilienmaklerin, ich zeige Kunden Häuser und hochwertige Wohnungen, fertige Verträge und Expertisen aus, aber ich bin nicht sein Mädchen für alles. Das sollte ich ihm endlich klar machen.
»Ich kann mich nicht erinnern, Forderungen gestellt zu haben«, antworte ich leicht angefressen. Aber er geht nicht weiter darauf ein. Im Gegenteil, jetzt kommt die Ansprache, die ihm schon die ganze Zeit unter den Nägeln brennt.
»Soweit ich sehen kann, haben Sie in der letzten Zeit nicht einen einzigen Abschluss getätigt. Was ist mit dem Grundstück in der Elm Street? Wieso sind die Interessenten abgesprungen? Sie hatten den Vertrag doch schon so gut wie unterzeichnet.«
»Sie wissen genauso gut wie ich, dass unser stärkster Konkurrent J. Edwards dazwischen gefunkt hat. Wie er es so oft tut«, verteidige ich mich. Fullerton winkt genervt ab.
»Sie machen es sich reichlich einfach, Miss Anderson. Setzen Sie Ihren Charme ein. Das können Sie doch.«
Ich ziehe entsetzt die Luft ein. Diese Anspielung hat gesessen und war obendrein vollkommen aus der Luft gegriffen. Ich sollte mir diese Unverschämtheiten nicht weiter gefallen lassen, also stehe ich jetzt entschlossen auf. Mein Stuhl rutscht dabei über den polierten Parkettboden nach hinten und kippt, aber ich kann ihn zum Glück noch davor bewahren, auf dem Boden aufzuschlagen.
»Ich habe nicht vor, mir weiter Ihre Frechheiten anzuhören«, kontere ich erhitzt.
Fullertons arrogantes Grinsen verschwindet augenblicklich aus seinem Gesicht. Dann bedeutet er mir, mich wieder zu setzen, und räuspert sich kurz.
»Ich kann mich nicht erinnern, Sie beleidigt zu haben«, zischt er durch die Zähne.
»Das sehe ich anders.«
»Dann tut es mir leid, wenn ich den Eindruck erweckt haben sollte. Bitte, setzen Sie sich.«
Ich nehme wieder Platz und verschränke die Arme vor der Brust. »Wenn Sie keine weiteren Themen haben, würde ich jetzt gerne anfangen zu arbeiten. Ich erwarte einen Anruf von einem Kunden«, lasse ich ihn wissen.
»Wir sind gleich fertig. Um auf die aktuelle Situation zurückzukommen: Wie stellen Sie sich eigentlich vor, wie ich weiter Ihr Gehalt finanzieren soll?«
Natürlich, er versucht wieder die alte Nummer. Er will mich einschüchtern. Aber dieses Mal werde ich ihm entschlossen entgegentreten. Das hätte ich schon längst tun sollen.
»Mister Fullerton, Sie wissen, dass es nicht an mir liegt. Ich habe jeden Tag mehrere Termine vereinbart und den Kunden die Häuser und Wohnungen gezeigt. Wieso wir den Abschluss am Ende nicht machen konnten, weiß ich nicht. Vielleicht arbeitet dieser Edwards mit Mitteln, die mir zuwider sind«, erkläre ich. »Ich konnte für nächste Woche einige Termine vereinbaren, die sehr vielversprechend klingen. Ich bin ganz sicher, dass ...«
Er unterbricht mich, indem er die Hand hebt.
»Also schön, verkaufen Sie das Watson-Anwesen«, bestimmt er.
»Was? Mister Fullerton, diese Immobilie wird nicht nur von uns offeriert. Auch J. Edwards hat sie im Angebot. Das Objekt ist das Hochpreisigste, das wir haben. Sie glauben doch nicht, dass Edwards sich dieses Geschäft von uns vor der Nase wegschnappen lässt!«
Mein Chef grinst mich falsch an, indem er die Lippen nach oben zieht. Er erinnert mich an eine Hyäne.
»Eben, zeigen Sie mal, was Sie können, und luchsen Sie ihm den Auftrag ab. Hängen Sie sich ans Telefon und bieten Sie diese Immobilie unseren Interessenten an.«
Ich spüre, wie mir die Felle wegschwimmen. Es ist so schon schwierig genug, gegen J. Edwards anzukommen, aber dieses Objekt ist eine allzu große Herausforderung. Wie Edwards die Abschlüsse für sich gewinnt, weiß ich nicht. Vielleicht verzichtet er auf Provisionen, macht seine Abschlüsse beim Golfspielen oder wendet irgendwelche skrupellosen Methoden an. Doch das ist nicht meine Art.
»Wie sieht es mit dem Haus auf der Washington Avenue aus?«, versuche ich, einen Kompromiss auszuhandeln. »Dafür hätte ich einen Interessenten. Ich bin sicher, dass er unterschreibt.«
Der Alte schüttelt den Kopf, bevor er antwortet. »Das ist Ihre letzte Chance. Wenn Sie diesen Auftrag auch nicht bekommen, dann können Sie sich nach einer neuen Stellung umschauen. Das ist alles, Miss Anderson.«
Er wendet sich wieder seinen Zahlen zu und ich bin entlassen. Dieser verdammte Mistkerl. Ich weiß genau, dass es nicht an meiner Arbeit liegt, sondern daran, dass ich ihn abgewiesen habe. Deshalb will er mich loswerden. Nur aus diesem Grund verlangt er das Unmögliche von mir. Sein verdammtes Ego ist angekratzt. Er selbst bekommt nichts auf die Reihe und mich stellt er hin wie einen Versager. Ich stehe wortlos auf und verlasse sein Büro.
Jessy schaut von ihrem PC auf, als ich unser Büro betrete. »Und, was wollte das Ekel von dir?«
Ich zucke mit den Achseln und lasse mich auf meinen Schreibtischstuhl fallen.
»Was wohl. Ich soll das Watson-Anwesen verkaufen«, stoße ich verärgert aus.
Sie lacht erstickt auf. »Das Haus wird auch von J. Edwards angeboten. Der hat doch schon längst seine besten Leute darauf angesetzt. Was erwartet diese Mistkröte denn eigentlich von dir? Soll er doch selbst versuchen, den Kasten zu verhökern.«
Ich fahre meinen PC hoch und gehe meine Adresslisten durch. Vielleicht ist wirklich ein Klient dabei, der sich dafür interessieren könnte. Am Nachmittag habe ich einen Termin für nächste Woche vereinbart, der sehr vielversprechend klingt.
»Ich habe einen Termin«, rufe ich Jessy zu.
»Gratuliere, ich hoffe, der Kunde nimmt das Ding.«
»Ich auch, sonst bin ich geliefert.«
Als ich am Abend nach Hause komme, sehe ich Skys Wagen vor dem Haus stehen. Sky ist Elijahs Ex. Die beiden haben sich vor einigen Wochen getrennt, doch wie es aussieht, haben sie wieder zusammengefunden. Da zumindest in dieser Richtung alles in Ordnung zu sein scheint, gehe ich etwas entspannter auf die Haustür zu und stecke den Schlüssel ins Schloss, als die Tür von innen geöffnet wird.
»Hi, Elijah, ist das Skys Wagen?«, frage ich und deute auf das Fahrzeug.
Er zieht mich rein und nickt. Ein Blick in sein Gesicht und ich weiß, dass ihm etwas schwer im Magen liegt.
»Was ist los?«, frage ich besorgt.
»Sunday, Sky wird hier wohnen. Wir haben uns ausgesprochen. Aber wenn das ein Problem für dich ist, ich meine, falls es dir zu viel wird mit einem schwulen Pärchen unter einem Dach zu leben, dann ...«
Ich unterbreche ihn sofort und lege meinen Zeigefinger auf seine Lippen. Er wirkt verunsichert, etwas, das ich von ihm nicht kenne.
»Elijah, das ist dein Haus. Du kannst tun und lassen, was du willst. Ich bin dir unendlich dankbar, dass ich hier wohnen kann, und sobald ich etwas Passendes gefunden habe, bist du mich auch wieder los.«
»Hey, davon will ich nichts hören. Du kannst hier wohnen, so lange du willst, ist das klar.«
Elijah kann unwahrscheinlich beharrlich sein, wenn es darum geht, seine Interessen durchzusetzen. Scheinbar hat er sich wirklich Gedanken darüber gemacht, wie ich darauf reagieren werde, dass Sky hier mit einzieht. Aber das war vollkommen unnötig.
»Na gut, wenn du mir versprichst, die Schlafzimmertür zu schließen, sobald du und Sky dort drinnen seid, habe ich kein Problem«, spiele ich auf seine speziellen Sexpraktiken an.
Zwischen Elijah und Sky sind die Rollen klar verteilt. Elijah ist der Mann im Haus und gibt den Ton an, wohingegen Sky liebevoll und anschmiegsam ist. Manchmal tut er mir direkt leid, mit einem Alphatier wie Elijah zusammen zu sein. Mein Freund kneift mich liebevoll in die Wange und grinst mich an.
»Wer sagt denn, dass wir uns nur auf das Schlafzimmer beschränken? Du weißt, dass ich Sky quer durch das ganze Haus ficke, wenn mir der Sinn danach steht.«
Ich spüre die Hitze in meinen Wangen, ein sicheres Zeichen, dass ich rot werde, und schüttle den Kopf.
»Hör auf! Auf diese Art Kopfkino kann ich verzichten.« Dann fällt mir sein Rennrad ein, das beschädigt in der Garage liegt. »Elijah«, sage ich langsam zu ihm und starre auf seine Brust, die unter einem engen schwarzen T-Shirt verborgen liegt, dabei fahre ich mit dem Finger über den Stoff. Er neigt den Kopf zur Seite, fasst mich an den Armen und ermuntert mich, weiterzusprechen.
Gott, wie soll ich es ihm nur sagen? Das Rennrad bedeutet ihm so viel ... Aber was soll’s, einfach gerade raus. »Dein Rennrad ... aber das ist gar nicht so schlimm, das lässt sich alles wieder reparieren.«
»Was?«
»Ich hatte heute Morgen einen Unfall im Park, dabei bin ich gestürzt und dein Rad hat einiges abbekommen. Es tut mir wirklich leid, Elijah«, gestehe ich ihm zerknirscht.
»Ist alles in Ordnung mit dir, Sunday? Warum hast du mich nicht angerufen?«
Ich zucke mit den Schultern, als Sky uns entgegnen kommt.
»Hi, süße Prinzessin, du siehst wieder fantastisch aus«, begrüßt er mich mit einem Kuss auf die Wange. Ich lächle ihn an.
»Und du bist der charmanteste Lügner aller Zeiten.«
»Wo ist das Rennrad?«, unterbricht Elijah.
»In der Garage.«
»Mh, ich schaue es mir später an. Und dir ist wirklich nichts passiert?«
»Nein, nur ein paar Schrammen, nichts, was nicht nach ein paar Tagen wieder heilt.« Aber der unbekannte Fremde wird mir sicher noch einige Zeit länger im Kopf herumspuken. »Und du bist mir nicht böse?«
»Spinnst du? Natürlich nicht. Hauptsache, dir ist nichts zugestoßen.«
Körperlich ist mir nichts zugestoßen, bis auf ein paar Kratzer und vielleicht den einen oder anderen blauen Fleck. Aber was ist mit den aufwühlenden Gefühlen, die ich immer stärker empfinde, sobald ich nur an ihn denke?

Warum geht mir diese Frau nicht mehr aus dem Kopf? Die ganze Strecke über hat sie meine Gedanken beherrscht. Sie ist eine von den Schüchternen, sicher mit einem exzellenten Schulabschluss, weil sie die meiste Zeit über ihren Büchern gesessen hat, anstatt wie die anderen das Leben zu genießen. Der Typ Frau, der mich noch nie sonderlich interessiert, geschweige denn in irgendeiner Weise erregt hätte. Aber heute hat mein kleiner Freund in der Hose reagiert. Sehr sogar. Das Kopfkino, das immer intensiver geworden ist, seit sie mir in die Augen geschaut hat, ist der beste Beweis dafür, dass ich diese kleine Göre gerne hinter die nächste Hecke gezogen hätte. Aber daran war überhaupt nicht zu denken. Sie ist ein Goodgirl! Keine von den Frauen, die sich beim Sex offen und experimentierfreudig zeigen. Sicher ist sie korrekt und durchorganisiert. Außer heute Morgen, da muss etwas in ihrem Fahrplan durcheinandergeraten sein.
Was für ein Schicksal es war, das uns zusammengebracht und sie in mein Leben katapultiert hat, kann ich nicht sagen. Aber ich bin überzeugt davon, sie wiederzusehen.
Im ersten Moment, als sie mich von unten keck angeschaut hat, war ich mir fast sicher, dass sie die richtige Partnerin für meine Spielchen sein könnte, aber spätestens ihre naiven Fragen haben mir gezeigt, dass sie keine Ahnung hat, wovon ich spreche. Da war mir bewusst, dass ich es mit einem scheuen Reh zu tun habe, von dem ich dringend die Finger lassen sollte.
Aber gerade aus diesem Grund muss ich immer wieder an sie denken. Wie sie versucht hat, mir das Ende des Unabhängigkeitskrieges näherzubringen, bringt mich zum Schmunzeln. Mein Gott, Kleine, wenn du wüsstest, welche schmutzigen Spielchen mir in dem Moment durch den Kopf gingen, als du ahnungslos zu mir aufgeschaut hast, würdest du schreiend davonlaufen. Ich würde ihr schon zeigen, wo bei mir der Unabhängigkeitskrieg aufhört und Unterwerfung beginnt. Zumindest, was den Sex betrifft.
Wie sie mich angesehen hat! Da war so ein trauriger Ausdruck in ihrem Gesicht, der zum ersten Mal in meinem Leben den Beschützerinstinkt in mir geweckt hat.Ich laufe um die letzte Ecke und biege in die Valentine Street ein. Mein Shirt klebt mir verschwitzt auf der Haut und mein Knöchel, der bei dem Zusammenstoß doch einiges abbekommen hat, fängt jetzt an zu schmerzen.
Beim Betreten meines Grundstücks höre ich Hundegebell von drinnen. Ich schließe die Haustür auf und werde von Charly begrüßt. Jeden Morgen begleitet er mich beim Joggen, heute musste er allerdings auf die große Runde verzichten, da er sich eine Verletzung an der Pfote zugezogen hat. Als ich die Tür öffne, kommt er mir schon entgegengesprungen. Ein Blick auf sein verletztes Bein und den Verband, der nur noch lose darum baumelt, sagt mir, dass er die letzte Stunde dazu genutzt hat, sich diese störende Binde herunterzureißen.
»Charly!«, rufe ich streng und zeige auf seine verletzte Pfote. Sofort hört er mit dem Gebell auf und gibt ein leises Jaulen von sich, schmiegt sich an mich und folgt mir ins Haus zurück.
»Wenn du immer diesen verdammten Verband abbeißt, ziehe ich dir doch noch einen von diesen Plastiktrichtern über den Kopf«, schimpfe ich mit ihm. Charly trottet hinter mir her ins Wohnzimmer. Ich lasse mich auf die Couch fallen, während er sich vor mich legt.
»Zeig mal her!« Ich greife nach seiner verletzten Pfote. Die Wunde ist fast verheilt, also beschließe ich, den Verband nicht zu erneuern. Dafür bleibt er heute im Haus, anstatt im Garten herumzutollen. Im oberen Stockwerk höre ich Margarita, meine Haushälterin, herumwerkeln. Ich stehe auf und gehe nach oben.
»Guten Morgen, Señor«, werde ich von ihr gut gelaunt begrüßt, während sie mit dem Wischmopp in der Hand den Eimer aus dem Raum schiebt.
»Guten Morgen, Margarita. Charly bleibt heute im Haus, außer den üblichen Gassirunden, die Sie mit ihm gehen«, rufe ich ihr nach, dann verschwinde ich im Bad und freue mich auf eine heiße Dusche.
Als das Wasser auf meinen Körper prasselt, ist sie wieder da. Das Goodgirl, wie ich sie in Gedanken getauft habe. Ob ich sie jemals wiedersehen werde? Seit mindestens einem Jahr laufe ich morgens diese Strecke, aber gesehen habe ich sie nie, nur heute.
Da ich bereits spät dran bin, vertreibe ich die Gedanken an sie, greife zum Duschgel und lasse das heiße Wasser über meinen Körper laufen. Von unten dringen die Geräusche des Staubsaugers und das Gebell von Charly nach oben. Dazwischen immer wieder Margaritas Verwünschungen. Als ich aus der Dusche steige, sehe ich im Geiste Charly vor mir, wie er versucht, Margarita und dem Staubsauger auszuweichen, während er gleichzeitig das laute Gerät in Grund und Boden bellt. Ich rufe Charlys Namen nach unten, damit er endlich mit dem schrecklichen Gebell aufhört, was aber nichts nützt. Ich bin selbst schuld, ich habe ihn zu sehr verwöhnt und jetzt tanzt er mir und Margarita auf der Nase herum.
In meinem begehbaren Schrank schnappe ich mir ein Businesshemd, einen meiner unzähligen Anzüge, Unterwäsche, Socken und schwarze italienische Schuhe. Meine Haare modelliere ich mit Gel nach hinten, und wenn ich die dunkle Hornbrille trage, könnte wirklich der Eindruck entstehen, die Menschen haben es mit einem nüchternen Unternehmer zu tun. Aber im Grunde bin ich alles andere als nüchtern. Ich bin ein Hai, ein unberechenbar harter Verhandlungspartner und kalter Geschäftsmann. Mein Äußeres ist nur Tarnung, um mein Gegenüber in Sicherheit zu wiegen und dann erbarmungslos zuzuschlagen.
In Gedanken bereits bei meinem ersten Termin heute, betrete ich mein Schlafzimmer. Auf dem großen Bett liegt hechelnd Charly und wirft mir einen von seinen berüchtigten Hundeblicken zu, da er genau weiß, dass das Bett für ihn tabu ist.
»Runter, aber schnell!«, schimpfe ich mit ihm, während ich das Schlafzimmer verlasse und die Treppe nach unten gehe. Er folgt mir.
Ich habe den Hund vor drei Jahren in einem Karton gefunden. Er war noch ein Baby. Als ich ein leises Winseln hörte, folgte ich dem Geräusch und fand ihn neben einer Mülltonne in einer verschlossenen Kiste. Ich öffnete sie und er schaute mich mit seinen großen Augen an. Dann griff ich hinein, zog ihn vorsichtig heraus und von diesem Moment an waren wir Freunde fürs Leben. Mir war sofort klar, dass ich ihn nicht zurücklassen konnte. Jemand hatte ihn ausgesetzt und ohne meine Hilfe wäre dieses kleine Bündel in der Nacht erfroren. Ich steckte ihn vorsichtig unter meine Jacke und ging mit ihm nach Hause.
Margarita ist mittlerweile in der Küche angelangt und bereitet für Charly das Fressen vor.
»Geben Sie dem Hund nicht zu viel extra«, rufe ich ihr zu, als ich die Küche betrete, den Kühlschrank öffne und eine kleine Flasche Wasser herausnehme.
Empört dreht sie sich zu mir um und versucht, sich in ihrer unschuldigen Art zu verteidigen. »Señor, ich würde nie ...«
Dabei weiß ich ganz genau, dass sie sich und Charly mit Leckereien verwöhnt. Mein versöhnliches Lächeln stimmt sie wieder gütig. »Und warum hat Charly wieder zugenommen?«, necke ich sie.
Sie zuckt nur unwissend die Achseln, als hätte sie nichts damit zu tun, und widmet sich wieder ihrer Arbeit. Message angekommen, wenn Margarita nichts hören will, ist sie plötzlich taub und murmelt nur noch in ihrem spanischen Dialekt vor sich hin. Sie weiß nicht, dass ich mehr von ihrer Muttersprache verstehe, als sie denkt.
»Ich komme heute Abend erst spät nach Hause«, teile ich ihr noch mit, bevor ich die Küche verlasse.
»Machen Sie sich keine Gedanken, Señor. Ich habe viel zu erledigen im Haus und Charly ist dann nicht alleine«, ruft sie mir noch nach.
Ich nicke und bin wieder einmal froh, diese Frau zu haben. Sie kümmert sich rührend um meinen kleinen Freund, wenn ich ihn nicht mitnehmen kann, und ich vertraue ihr blind. Etwas, das ich bei sehr wenigen Menschen tue. Außerdem ist sie sehr verschwiegen und loyal, was meine häufig wechselnden Beziehungen betrifft.
Charly folgt mir aus der Küche zur Haustür. Ich beuge mich zu ihm hinunter und kraule seinen Kopf.
»Tut mir leid, Sportsfreund, heute nicht.«
Er bleibt zurück und schaut mir traurig nach. Mein Gott, wenn er das tut, bin ich fast versucht, ihn doch mitzunehmen. Aber heute ist das unmöglich, also schließe ich die Tür und atme die frische Luft ein.
Vor meiner Garage parkt mein Sportwagen. Ich steige ein und verlasse das Grundstück in Richtung der Bostoner Innenstadt, in der meine Büroräume liegen.
Leise fluche ich vor mich hin, als die nächste Ampel auf Rot umschaltet und ich gezwungen bin, zu halten. Eine junge Frau mit einer Lockenmähne überquert die Straße. Ich starre ihr hinterher. Mein Goodgirl! Da ist sie wieder. Dieser blonde Wuschelkopf, der mich heute Morgen tatsächlich von der Strecke gefegt hat. Ich bin fast versucht, die Scheibe herunterzulassen und ihr etwas nachzurufen. Als sie sich zu einem jungen Mann umdreht, der sie an der Hand nimmt, und beide eilig die Straße überqueren, muss ich feststellen, dass mir meine Fantasie einen Streich gespielt hat.
Hinter mir schreckt mich penetrantes Hupen aus den Gedanken. Die Ampel ist grün und das sicher schon eine ganze Weile. Ich werfe einen verärgerten Blick in den Rückspiegel, hebe die Hand und hätte dem Idioten hinter mir am liebsten den Mittelfinger gezeigt, entscheide mich aber dagegen und gebe stattdessen Gas.

»Hi, Sunday, lange nicht gesehen. Was trinkst du?«, fragt mich Cole, der Barkeeper in Jimmy’s Bar, während er über die Theke wischt. Cole ist ein guter Freund von Elijah und wir kennen uns aus meiner Zeit, als ich auch im Service gearbeitet habe. Elijah ist in der Garage mit seinem Fahrrad beschäftigt und später steht noch ein Gespräch mit seinem Teilhaber an, mit dem es gestern Nacht schon Ärger gab. Elijah will ihn ausbezahlen, aber die Verhandlungen scheinen sich schwierig zu gestalten. Also habe ich mich allein in diese Bar geschleppt, um einfach mal raus zu kommen.
»Einen Zombie«, bestelle ich gelangweilt den Drink. Cole schaut mich kritisch an, da ich ansonsten höchstens mal einen Sex on the Beach oder eine Pina Colada trinke, leichte Drinks mit wenig Alkohol. Er zieht seine gepiercte Augenbraue hoch und legt den Kopf schräg.
»Alles in Ordnung mit dir? Bist du sicher?«
»Vollkommen.«
»Scheißtag gehabt?«, fragt er, während er Eiswürfel in ein Glas füllt.
»Ich weiß nicht, was du unter einem Scheißtag verstehst. Aber wenn es reicht, dass ich von meinem Chef unter Druck gesetzt wurde und er mir mehr oder weniger die Kündigung unter die Nase gehalten hat, dann würde ich sagen, ja, es war ein Scheißtag. Außerdem habe ich einen Jogger mit dem Fahrrad über den Haufen gefahren.«
»Okay, ich denke, da hast du dir einen Zombie verdient. Hier wird es auch in nächster Zeit einige Veränderungen geben.«
»Wie meinst du das?«
»Der Club wird verkauft. Es gibt drei Interessenten, die ihn übernehmen wollen. Hat Elijah nichts davon erzählt?«
Ich schüttle den Kopf. »Nein, hat er nicht. Er hat im Moment andere Sorgen. Sein Partner macht ihm Probleme.«
»Ich dachte, es hat sich schon rumgesprochen. Ich hatte ja gehofft, Elijah würde diesen Club kaufen, gerade weil er so einige Schwierigkeiten mit seinem Teilhaber hat.«
»Elijah wird versuchen, ihn auszubezahlen.«
Cole nickt. »Kann ich verstehen. Das Black Sugar ist der In-Club. Hat eine super Lage und ist nicht nur bei den jungen Leuten angesagt. Die ganze Szene trifft sich dort. Außerdem müsste er hier in diesem Laden einen Haufen Geld investieren, wenn er neue Leute anziehen will.«
Ich schaue mich in der Bar um, dabei habe ich die Einrichtung schon viele Male gesehen. Aber es ist mir nie aufgefallen, wie heruntergekommen und veraltet hier alles ist.
»Vielleicht kommen die Leute gerade aus diesem Grund her.«
»Mag sein. Ich will mich auch gar nicht beschweren, aber ...« Cole unterbricht seinen Satz. Ich folge seinem ernsten Blick. »Da hinten kommen sie.« Er weist mit einem Kopfnicken zur Tür, die gerade aufgeht.
Drei Männer betreten die Bar. Sie tragen legere Kleidung und doch wirken sie wie die Sorte Businesstypen, die nur im Sinn haben, Geld zu verdienen. Ihre Blicke gleiten kurz durch die Bar, aber keiner der drei verzieht eine Miene. Die würden sich sicher nicht hinter die Bar stellen, wenn mal Not am Mann ist, so wie es Elijah in seinem Nachtclub des Öfteren tut.
»Aalglatte Businesstypen«, spuckt Cole verächtlich aus, dann wendet er sich wieder der Bestellung zu, die eine Angestellte über den Tresen geschoben hat.
»Drei Bier, Cole«, höre ich Judy, eine der Bedienungen, hinter mir über die Theke rufen.
»Kriegst du«, verspricht Cole. »Heute ist wieder die Hölle los. Ich sag dir, wer diesen Club übernimmt, bekommt eine Goldgrube. Der Laden braucht nur einen neuen Anstrich.«
Ich beachte die drei Neuankömmlinge nicht weiter und wende mich wieder Cole zu.
»Warum wird der Club überhaupt verkauft?«, will ich wissen.
»Der Boss ist zu alt. Er will alles hinter sich lassen und sich in den sonnigen Süden nach Florida absetzen.«
»Verstehe. Kennst du die neuen Besitzer schon?«
Cole schüttelt verneinend den Kopf. »Hab sie nur ein paar Mal hier ins Büro gehen sehen. Aber schau sie dir doch an.« Dabei nickt er Richtung Büro, hinter dessen Tür die Männer verschwinden.
»Glaubst du, die neuen Besitzer werden das Personal entlassen?«
Cole dreht sich um und greift nach den Flaschen, um einen Drink zu mixen, der neben mir bestellt wurde. Er zuckt mit den Achseln.
»Wer weiß das schon? Auf jeden Fall sehen sie nicht danach aus, als könnte man mit ihnen verhandeln. Die wissen doch ganz genau, was sie wollen. Und das ist Kohle machen.«
»Warte doch erst mal ab. Für meine Begriffe sehen sie nicht so aus, als wollten sie dir deinen Platz als Chef der Bar streitig machen.«
»Da könntest du recht haben. Die kommen nur zum Abkassieren.«
Die Frau neben mir greift zu ihrem Glas, das Cole vor sie gestellt hat. Sie stößt aus Versehen gegen die Flasche, die ebenfalls auf dem Tresen steht. Bevor ich überhaupt mitbekomme, was passiert ist, läuft der Inhalt über die Theke und mir auf meine Jeans. Erschrocken springe ich vom Barhocker hoch, aber es ist zu spät, meine Hose ist durch und durch nass, genau wie meine Bluse.
»Oh, sorry Süße, das tut mir leid«, entschuldigt sie sich bei mir.
»Ist nicht schlimm. Außer, dass ich jetzt rieche wie ein ganzes Spirituosenlager, ist ja nichts passiert«, antworte ich sarkastisch.
Cole schüttelt den Kopf und reicht mir einige Papierservietten. Das ist wieder mal typisch. Die Bar ist voll mit Menschen, aber mich muss dieses Schicksal ereilen. Warum immer ich?, denke ich deprimiert. In jedes Fettnäpfchen muss ich treten. Ich wüsste nicht, was mir heute noch passieren könnte.
»Warte, ich habe ein Kleid in meiner Tasche, das kannst du anziehen«, bietet sie mir großzügig an.
Ich werfe ihr einen zweifelnden Blick zu. Sie sieht nicht gerade aus wie eine Büroangestellte. Eher wie eine der Prostituierten, die hier immer mal wieder einkehren. Was für ein Kleid soll das wohl sein? Schon zieht sie ein kurzes, enges Kunstleder-Ding aus ihrer Tasche, das mehr zeigt als verdeckt. Mir kommt sofort die Szene mit Julia Roberts in Pretty Woman in den Sinn, wie sie in dem kurzen blauen Rock und dem angedeuteten weißen Top, die mit einem Metallring verbunden sind, die Straße entlang flaniert und dann auf den reichen Geschäftsmann trifft, der sie aus dem Elend herausholt. Aschenputtel in modern! Aber eben leider nur eine Utopie.
»Hier, zieh das an. Bei deiner Figur sieht das richtig heiß aus.«
»Ich weiß nicht«, blocke ich ab.
»Warum denn nicht. Du kannst das tragen, Sunday«, bestärkt mich Cole lächelnd.
»Du spinnst ja«, sage ich lachend.
Doch irgendwie bin ich heute in der merkwürdigen Stimmung, so einen Blödsinn mitzumachen. Ich zögere noch kurz, dann nehme ich den kleinen Kunstlederfetzen und verschwinde nach hinten zu den Waschräumen. Von den Gästen in der Bar hat sonst keiner etwas von dem Fauxpas mitbekommen. Die Gespräche an den Tischen werden immer lauter, je mehr sich die Bar füllt, während ich mich an einer Gruppe junger Frauen vorbei dränge. Ich könnte auch einfach nach Hause gehen. Aber ich tue es nicht, betrete stattdessen eine der Kabinen, befreie mich von der nach Alkohol riechenden hellen Hose und der Bluse und streife mir das Lederkleid über.
Als ich aus der Kabine trete, fällt mein Blick in den großen Spiegel, der quer über der hinteren Wand hängt und ich muss zugeben, das Outfit sieht wirklich scharf aus, obwohl das so gar nicht mein Kleiderstil ist. Eine junge Frau tritt ebenfalls vor den Spiegel und überprüft ihr Make-up. Unsere Blicke treffen sich im Spiegel.
»Sieht scharf aus«, bemerkt sie anerkennend. Ich lächle sie an, stopfe heute schon zum zweiten Mal verschmutzte Kleidung in meine große Handtasche und gehe wieder zurück in die Bar. Mittlerweile steht mein Zombie auf der Theke und die Prostituierte ist verschwunden.
»Wo ist sie hin?«, frage ich Cole, nachdem ich mich vorsichtig auf den Barhocker geschoben habe, sodass der kurze Rock wenigstens meinen Po bedeckt.
»Sie hatte es plötzlich sehr eilig. Vielleicht ein Klient?«
Klient, wie sich das anhört. Wenn ich einen Klienten habe, dann zeige ich ihm Häuser oder Wohnungen in Beacon Hill oder Back Bay, aber mehr als einen Händedruck und ein Lächeln kann mein Kunde von mir nicht erwarten.
»Du siehst wirklich heiß aus, Sunday«, gibt Cole nickend von sich.
Ich schlage die Beine übereinander und ernte dafür von einigen jungen Männern an den Tischen aufmerksame Blicke und Pfiffe. Durch die Schnüre, die sich über meine Brüste ziehen und sie optisch so richtig in Szene setzen, trifft der Begriff »heiß« absolut zu. Im normalen Leben trage ich Körbchengröße B, aber in dieser Korsage könnte man annehmen, ich hätte Titten in Doppel-C. Ich schaue an mir herunter und muss feststellen, dass die Schnürer so gar nicht zum Kleid passen. Ein Stilbruch, der schon mehrere Male auf den internationalen Laufstegen gezeigt wurde. Ich bin keine Modeikone, aber meine Freundin Tyler hat einen ähnlichen Style erst vor kurzem für ein Modelabel getragen.
»Ich soll dir sagen, du sollst das Kleid einfach in den nächsten Tagen hier abgeben. Sie holt es sich dann wieder ab«, unterbricht Cole meine Gedankengänge.
»Ist gut. Ich hatte auch nicht vor, dieses Teil zu behalten. Ist schon peinlich genug, hier an der Bar in so einer Aufmachung zu sitzen.« Dabei schaue ich an mir herunter.
»Ich pass schon auf dich auf, Sunday.«
Dann rollt Cole genervt die Augen, als er von seinem Chef ins Hinterzimmer gerufen wird.
»Tut mir leid, ich muss mal kurz nach hinten. Das war es dann wohl? War schön, dich kennengelernt zu haben«, sagt er zu mir, legt das Handtuch auf die Theke und verschwindet nach hinten ins Büro.
Ich greife zu meinem Glas und trinke den Cocktail, der unwahrscheinlich viel Alkohol enthält, zu schnell. Aber irgendwie fühle ich mich unter den Blicken der Typen hinter mir gar nicht wohl. Die erregende Stimmung, die ich gerade noch in den Waschräumen empfunden habe, ist wie weggewischt und jetzt ärgere ich mich, diesen Fetzen überhaupt angezogen zu haben. Bin ich denn total verrückt geworden?
Ich kann die Männer im Spiegel vor mir beobachten, wie sie scherzend zu mir schauen. Jetzt stehen zwei von ihnen auf und kommen auf mich zu. Ich will schnell die Bar verlassen und krame in meiner Handtasche, um das Geld für den Drink auf den Tresen zu legen. Aber leider zu spät. Der eine stellt sich rechts von mir an die Bar, der andere quetscht sich auf der anderen Seite zwischen die Barhocker.
»So allein?«
»Das kann man in einer voll besetzten Bar wohl nicht behaupten«, antworte ich reserviert, drehe mich erst gar nicht um und starre weiter geradeaus auf das Regal mit den Flaschen vor dem Spiegel. Ich hoffe, sie haben verstanden und verschwinden wieder.
»Für 20 Piepen, Bunny, kannst du mir einen blasen.« Dabei zieht er einen Geldschein aus seiner Hosentasche und wedelt damit vor meinem Gesicht herum.
Ich ziehe scharf die Luft ein und verziehe angeekelt das Gesicht. Das darf doch nicht wahr sein. Mal ganz abgesehen davon, dass ich diesen widerlichen Typen nicht mal mit der Kneifzange anfassen würde, läuft es mir eiskalt den Rücken herunter, wenn ich mir vorstelle, ihn mit meinem Mund an einer Stelle zu berühren, die in mir nur einen Würgereiz hervorruft. Ich kenne die Preise in der Branche nicht, aber für lumpige 20 Dollar kann er nicht mal erwarten, dass ich es ihm mit der Hand besorge, geschweige denn, meine Lippen um seinen Schwanz lege. Allein der abgestandene Zigarettengeruch, der ihn umgibt und der ihm bei jedem Wort aus dem Mund schleicht, vermischt mit Schweiß, der an seinem Körper klebt, und den Ausdünstungen des Alkohols, ekelt mich an. Jetzt legt er seine große, raue Hand auf meine Schulter und lässt seine Finger über meine nackte Haut wandern. Unter der Gänsehaut, die sich sofort ausbreitet, zucke ich angewidert zusammen.
Jetzt reicht es!

Holly Summer
Master of my Heart
Master-Reihe Band 1

Das vertraute Ping und das Erlöschen der Anschnallzeichen über mir vertreiben den letzten Rest Anspannung, die mich seit unserem Start in Detroit begleitet hat. Der Anschlussflug war turbulent, jetzt bin ich auf dem Weg nach Boston, meinem endgültigen Ziel für das nächste halbe Jahr. Der kräftige Mann neben mir schläft und schnarcht gemächlich vor sich hin. Endlich. Er nervte mich unentwegt mit Geschichten über seine Verwandten aus Vancouver, meiner Heimatstadt. Erst nachdem ich provokativ einen Stadtplan von Boston aus meiner Tasche herausgenommen und die Unterlagen über meine Praktikantenstelle bei McQueen International Consulting studierte, hat er sich dem Sitznachbarn auf seiner rechten Seite zugewandt.
Dass er eine furchtbare Nervensäge ist, ist eine Sache, aber seine Ungeschicktheit stellt alles in den Schatten. Denn als die Stewardess ihm das Glas mit Rotwein rüberreichte, zitterte seine Hand so sehr, dass sich ein Teil des Getränks auf meiner Bluse wiederfand. Er murmelte schnell eine Entschuldigung. Im Gedanken sehe ich mich schon mit einer verschmutzten Bluse bei meinem Vorstellungsgespräch sitzen. Oh mein Gott! Jetzt rächt es sich, dass ich nicht doch einen früheren Flug genommen und eine Nacht in einem Hotel verbracht habe. Dann hätte ich entspannt den Tag beginnen und heute Morgen in die Firma fahren können. Na, was soll’s. Dann werde ich mich schnell noch in den Waschräumen des Flughafens umziehen, denn jetzt muss ich direkt vom Flughafen zu McQueen International Consulting fahren. Mit Jeans und Sneakers zu meinem ersten Arbeitstag zu erscheinen, ist sowieso nicht passend.
Meine Gedanken schweifen zurück nach Hause zu meiner Familie und meiner besten Freundin Jo. Eigentlich heißt sie Joanna. Aber so wird sie nur von ihrer pedantischen Großmutter genannt.
Jo war es, die mich erst auf die Idee brachte, mich für den Praktikumsplatz im Ausland zu bewerben. Mom wäre es natürlich lieber gewesen, wenn ich mein Praktikum bei ihrem Chef absolviert hätte.
Allein bei dem Gedanken hatte Jo sich vor Lachen den Bauch gehalten. Sie hatte mich so lange genervt, bis ich die Unterlagen für das Praktikum bei McQueen International Consulting eingereicht hatte. Und jetzt bin ich eine von den Bewerberinnen, die die wenigen und sehr begehrten Praktikumsplätze bekommen haben.
Jo konnte es nicht lassen, im Internet auf der Firmenseite sofort etwas über meinen neuen Arbeitgeber in Erfahrung zu bringen, und dann ploppte das Bild des Firmeninhabers auf. Auf dem offiziellen Firmenfoto sah er geradezu unverschämt gut aus. Ich schätze ihn auf Anfang dreißig, maskuliner Typ, markantes Gesicht, dunkle Haare, gebräunte Haut, auf der leicht der dunkle Ansatz von Bartschatten zu sehen war. Aber genau das ist es, was ihm diese smarte Ausstrahlung verleiht, ihn weltmännisch wirken lässt. Seine dunklen Augen scheinen sein Gegenüber zu durchbohren. Buchstäblich der Typ Mann, für den die meisten Frauen ihren Stolz vergessen und hechelnd hinter ihm herlaufen würden.
Von seiner charismatischen Ausstrahlung angestachelt, musste Jo natürlich gleich darauf seinen Namen googeln, um noch mehr über ihn in Erfahrung zu bringen, und dort bekam sie sämtliche Informationen, die spätestens jetzt auch mein Interesse an ihm geweckt haben. Dass Matthew McQueen attraktiv ist, steht außer Frage. Was seine privaten Beziehungen anbelangt, hat er einen Ruf, bei dem mir echt die Luft wegblieb. In einigen Presseartikeln wird er teils hämisch, teils bewundernd als »Alphamännchen« beschrieben. Was mich nicht wundert, wenn man den vielen Berichten und Bildern im Internet Glauben schenken darf, bei denen er immer mit gut aussehenden Frauen an seiner Seite zu sehen ist. Aber das scheint seinem Ruf als harten Geschäftsmann nicht zu schaden. Im Gegenteil, ganz offensichtlich genießt er das Spiel mit der Presse.
Jo ist regelrecht ausgeflippt, als ich ihr den Brief vor die Nase hielt, in dem stand: Herzlich willkommen … wir freuen uns, Sie in unserem Unternehmen begrüßen zu können.
»Vivien, du wurdest genommen! Süße, habe ich es dir nicht gleich gesagt? Ich freue mich so für dich!« Dabei umarmte sie mich und tanzte begeistert mit mir durch das Zimmer. »Und dann dieser attraktive Firmeninhaber, Matthew McQueen«, sprudelte sie schon weiter, und dabei grinste sie mich mit ihrem zweideutigen Lächeln an, was ihr einen strengen Seitenblick von mir einbrachte. Ich bin dort schließlich zum Arbeiten und nicht, um mich an den Firmeninhaber ranzumachen. Aber so ist Jo eben.
Ich spüre wieder dieses aufgeregte Kribbeln im Bauch. Was wird mich erwarten? Es ist das erste Mal, dass ich für einen längeren Zeitraum einen Auslandsaufenthalt mache. Ich kann es vor lauter Aufregung auf die neue Stadt und den Job kaum erwarten, endlich da zu sein. Wenn ich das Pflicht-Praktikum und das Semester hinter mir habe, steht mir die Welt offen. Ich bin so dankbar, dass Mom und Dad letztes Jahr auf ihren Urlaub verzichtet haben, um mir das Praktikum zu finanzieren.
Es ist mein erster Flug an die Ostküste, und ja, ich fliege zum ersten Mal allein und bin etwas nervös.
Die Stewardess kommt erneut mit ihrem Getränkewagen vorbei und ich erwache aus meinen Tagträumen. Ich bewundere ihre Figur, als sie sich an mir vorbeidrängt. Ich finde mich selbst zu dünn und an den entscheidenden Stellen fehlen mir die sogenannten Kurven, um wirklich sexy zu wirken. Meine Brüste empfinde ich als viel zu klein und meine glatten blonden Haare habe ich meistens zu einem Pferdeschwanz gebunden. Ich kann von mir nicht gerade behaupten, dass ich ein temperamentvoller Mensch bin. Das trifft auf Jo zu, und sie ist auch diejenige mit dem Sexappeal. Ich bin eher der ruhigere Typ von uns beiden. Aber ich weiß ganz genau, was ich will, außerdem sagt man mir nach, bodenständig und ausgeglichen zu sein. Das ist manchmal auch absolut nötig, denn Jo überspannt den Bogen ganz gern mal und dann bin ich es, die sie wieder auf den Boden der Tatsachen zurückholen muss.
Es ist sieben Uhr Ortszeit, als der Flieger zur Landung auf dem Logan International Airport in Boston ansetzt. Ich hatte den Abendflug von Vancouver über Detroit genommen, weil ich hier die wenigsten Wartezeiten hatte. Aber an viel Schlaf war da nicht zu denken. Ich bin fix und fertig.
Ich schleppe mich den Menschenmassen hinterher und da ich bereits in Detroit die Formalitäten für die Einreise hinter mich gebracht habe, begebe ich mich direkt zur Gepäckausgabe. Die Mitreisenden aus der Maschine drängeln sich um das Gepäckband. Nach einer gefühlten Ewigkeit wird die Menschenmenge kleiner, aber mein Koffer ist immer noch nicht auf dem Rollband angekommen. Wo bleibt er nur? Wiederholt wandert mein Blick zwischen Armbanduhr und Gepäckband hin und her. Als das Band stoppt, habe ich ein Problem.
Verdammt, das gibt es doch nicht. Wieso muss mir denn das passieren? Ich sehe mich unschlüssig um. Jetzt nur nicht die Nerven verlieren, sage ich mir und gehe an den Schalter für verloren gegangenes Gepäck.
Die Frau hinter der Glasscheibe sieht mich genervt an. Scheinbar hat sie heute Nacht bereits genug verärgerte Passagiere bedient und hofft nur noch auf das Ende ihrer Schicht. Sie reicht mir ein Formular über den Tresen und bittet mich, meinen Namen, Anschrift, Telefonnummer und meine Flugnummer darauf zu notieren. Sie verspricht mir, dass man sich mit mir in Verbindung setzen wird, sobald mein Koffer gefunden worden sei. Dabei lächelt sie mich jetzt aufmunternd an.
Ich atme kurz durch, ziehe mein nagelneues iPhone aus der Tasche und suche die Adresse des Appartementhauses heraus, in dem ich mit den anderen Praktikanten die nächsten Monate wohnen werde. Nachdem ich alle Daten notiert habe, schiebe ich ihr das Formular zurück über den Tresen. Unschlüssig schaue ich an mir herunter. Na ja, die Jeans sieht gar nicht so übel aus, die Bluse ziert noch immer der Weinfleck, dessen Farbe mittlerweile unwiderruflich in auffälliges Rosa gewechselt hat, und meine Sneakers haben auch schon bessere Tage gesehen. Ich müsste mich dringend umziehen, bevor ich meinem neuen Chef unter die Augen trete.
Resigniert ziehe ich meinen Blazer über, der für die Temperatur in Boston viel zu warm ist, aber immerhin den Fleck größtenteils verdeckt und gehe zum Ausgang. Dabei fällt mir ein, dass meine Mom sicher schon auf meinen Anruf wartet.
Ich krame wieder mein iPhone aus der Tasche, das ich von meinen Eltern zum Geburtstag geschenkt bekommen habe, und warte, bis ich ein Netz habe. Zu Hause ist es noch Nacht, aber ich weiß, dass meine Mom sowieso nicht schlafen könnte, bevor sie weiß, dass ich sicher gelandet bin.
Ich muss nicht lange warten, als ich die vertraute gelassene Stimme meiner Mutter höre.
»Hi Mom. Ich bin es, Vivien. Es ist alles okay. Ich bin gut gelandet, steige jetzt in ein Taxi und lasse mich direkt zu McQueen International Consulting fahren«
Dass mein Gepäck verloren gegangen ist, erzähle ich ihr lieber nicht. Wer weiß, was sie anstellen würde, um hierherzukommen. Ich kenne meine Mom nur zu gut. Nein, das schaffe ich schon allein.
»Dann bin ich ja beruhigt.« Ich höre förmlich, wie meiner Mom ein Stein vom Herzen fällt.
Sie wünscht mir noch viel Glück für meinen ersten Tag in Boston, dann verabschiedet sie sich.
Das ist wieder mal typisch für meine Mom. Auf der einen Seite will sie, dass ich selbstständig werde, um mein Leben selbst in die Hand zu nehmen, und auf der anderen Seite ist sie noch genauso um mich besorgt, als wäre ich noch auf der Primary School. Aber genau das ist es ja, was ich so an ihr liebe.
Vor dem Flughafengebäude stehen genügend Taxis und ich gönne mir für den ersten Arbeitstag den Luxus, mich zu dem Firmensitz meines neuen Arbeitgebers fahren zu lassen. Ein kurzer Blick auf meine Armbanduhr bestätigt mir, dass die Zeit nun doch ziemlich knapp wird, um nicht zu spät zu erscheinen. Außerdem hatte mein Flug ein wenig Verspätung und ich will nicht gleich am ersten Tag mit Unpünktlichkeit unangenehm auffallen. Was mich wieder an den Rotweinfleck erinnert. Ich zupfe den Blazer zurecht, lasse mich auf den Rücksitz eines Taxis fallen und nenne dem Fahrer mein Ziel.
Die Sonne scheint und ich nehme die ersten Eindrücke von Boston im Frühling wahr. Was für eine schöne Stadt. Mein Dad Blake hat hier mehrere Jahre in der IT-Branche gearbeitet, bevor er und Mom geheiratet haben.
Nach dreißig Minuten erreichen wir unser Ziel im Financial District. Die Fahrt dauerte doch länger, als ich gedacht hatte. Der Verkehr ist hier fast so schlimm wie bei uns zu Hause. Ich steige aus, bezahle den Fahrer und schon stehe ich vor einem riesigen, imposanten Gebäude. In großen schwarzen Lettern prangt der Name McQueen International Consulting auf einem messingfarbenen Schild am Eingang des hohen Wolkenkratzers.
Also los, Vivien, spreche ich mir selbst Mut zu und zwinge mich zu einem Lächeln, um meine Nervosität zu überspielen. Dennoch betrete ich entschlossen das Foyer. Es ist beeindruckend. Dunkler Marmor überzieht den weitläufigen Eingangsbereich und eine Art Galerie erstreckt sich über die Hälfte des Foyers. Dahinter sind die Fahrstühle, aus denen, wie bei einem Ameisenhaufen, Menschen hinein- und herauseilen. Alles wirkt sehr gediegen und harmonisch. Noch immer ganz beeindruckt gehe ich Richtung Empfang, um mich anzumelden. Während ich mich im Laufen noch umdrehe, stoße ich mit einem kleinen Mann zusammen, der es ziemlich eilig zu haben scheint. Etwas Hartes bohrt sich in meinen Rücken und schon habe ich das Gleichgewicht verloren und lande unsanft auf dem harten Marmorboden. Der Karton, den der Fremde in der Hand hatte, fällt mit einem dumpfen Laut zu Boden und sämtliche Broschüren verteilen sich neben mir. Etwas benommen blicke ich auf. »Oh, tut mir leid, kann ich Ihnen helfen? Das ist mir so unangenehm«, höre ich die aufgeregte Stimme des Mannes, der für dieses Missgeschick verantwortlich ist, während er ungeschickt seine Papiere auf dem Boden einsammelt.
»Nein, nein, es geht schon.« Dabei versuche ich, so elegant wie möglich aufzustehen.
»Nehmen Sie meine Hand.«
Ich blicke auf und schaue jetzt in dunkle Augen, die mich fixieren.
»Ich entschuldige mich für unseren Kurierfahrer«, höre ich die tiefe Stimme des Mannes, der mir immer noch die Hand entgegenhält, und ich bin mir sicher, das attraktive Gesicht des Firmeninhabers, Matthew McQueens, zu erkennen. Schnell zieht er mich hoch. Er ist um einiges größer als ich, sodass er über meinen Kopf sehen kann, obwohl ich vor ihm stehe. Ich will mich bedanken, doch er beachtet mich nicht, stattdessen fixiert er den tollpatschigen Unfallverursacher.
»Können Sie nicht aufpassen?«, knurrt er den Fahrer an.
»Es tut mir wirklich leid, Mr. McQueen«, entschuldigt sich dieser noch einmal, bevor er schnell seine Unterlagen schnappt und eilig Richtung Ausgang verschwindet.
McQueen murmelt eine leise Verwünschung, als der Kaffee in seiner Hand überschwappt und einige Spritzer auf seiner Anzugjacke landen.
»Haben Sie sich verletzt?«, wendet er sich an mich.
Unsere Blicke treffen sich für einen kurzen Moment und mir rieselt ein leichter Schauer über die Haut. Seine Augen scheinen mich zu durchbohren.
»Nein, es ist nichts passiert«, erkläre ich schnell.
Seine Finger streifen flüchtig meinen Arm, während er mir meine Handtasche reicht, die er vom Boden aufgehoben hat. Ich nehme sie an mich und ziehe schnell die Hand weg, so, als hätte ich mich verbrannt.
»Passen Sie auf sich auf«, fordert er mich auf. Dabei schaut er mich noch einmal mit einem geheimnisvollen Lächeln an und wendet sich dann abrupt in Richtung Aufzüge.
Mist, heute ist wirklich nicht mein Tag, denke ich, drehe mich um und gehe entschlossen zum Empfang. Die Empfangsdame lächelt mich an. »Mein Name ist Vivien O’Brian. Ich habe einen Termin bei McQueen International Consulting. Ich bin eine der neuen Praktikantinnen.«
Sie räuspert sich kurz. »Ms. O’Brian. Einen kleinen Moment, ich werde Sie oben ankündigen.«
Routiniert greift die edel gekleidete Empfangsdame zum Hörer. Während sie telefoniert, betrachte ich die einzelnen Firmenschilder hinter dem Tresen, die sämtliche Unternehmen zeigen, die in diesem Gebäude ihre Büros haben. Zumeist Anwaltskanzleien, aber auch einige Arztpraxen und kleine Investmentfirmen.
»Sie werden bereits erwartet, Ms. O’Brian. Bitte nehmen Sie einen kleinen Moment dort Platz. Es wird Sie sofort jemand abholen«, dringt die freundliche Stimme der Empfangsdame an mein Ohr, dabei zeigt sie zu den bequemen Sitzgelegenheiten am Eingang.
Oh Gott, hoffentlich bin ich nicht zu spät. Ich schaue schnell auf meine Armbanduhr, die ich am Flughafen bereits auf die Ortszeit umgestellt habe. Nein, gerade noch pünktlich.
»Martha?« Matthew steht an der Tür seines Büros und schaut in sein Vorzimmer, die eine Hand am Türrahmen, mit der anderen wirbelt er Unterlagen in der Luft herum. Marthas Arbeitsplatz ist allerdings verwaist. Seine Assistentin ist sonst immer pünktlich, denn sie weiß, dass er auf Pünktlichkeit und Genauigkeit großen Wert legt.
Jane, seine Sekretärin, eilt ihm entgegen.
»Matthew, es tut mir leid, Martha hat gerade angerufen. Sie ist gestürzt und hat sich den rechten Fuß gebrochen. Ihr Arzt sagte, es sei ein ziemlich komplizierter Bruch. Sie wird mindestens vier bis sechs Wochen ausfallen«, erklärt sie mit einem resignierten Schulterzucken.
»Verflucht! Die arme Martha, ausgerechnet jetzt! Wir stehen kurz vor dem großen Deal mit den Asiaten. Da hat sie sich ja den besten Zeitpunkt ausgesucht.«
Geistesabwesend fährt Matthew sich durch seine Haare, die gleich darauf wieder in seine Stirn fallen. Kurz überlegt er, ob er Jane mitnehmen kann, verwirft den Gedanken aber sofort wieder. Er braucht sie hier im Büro. Also wird ihm nichts anderes übrig bleiben, als eine Aushilfe einzustellen. Er braucht einen Ersatz. Dringend.
»Rufen Sie später die Agentur an. Die sollen uns jemanden schicken. Jetzt kümmern wir uns erst noch um die Praktikanten. Und erkundigen Sie sich bitte, ob Martha irgendetwas braucht.«
Jane nickt dienstbeflissen. »Natürlich, ich erledige das schnellstmöglich.«
Wortlos dreht er sich um und verschwindet wieder in seinem Büro.
Kurze Zeit später tritt eine stilvoll gekleidete, hübsche Frau aus dem Aufzug und kommt auf mich zu.
»Guten Morgen, Ms. O’Brian? Ich bin Jane, die Sekretärin von Mr. McQueen. Bitte kommen Sie, es tut mir leid, dass Sie warten mussten.«
»Das ist kein Problem«, versichere ich ihr freundlich, obwohl ich auf der bequemen, weichen Ledersitzgruppe fast eingeschlafen wäre.
»Ich hoffe, Sie hatten einen angenehmen Flug?«
Ich nicke und Jane durchquert mit mir das Foyer. Ihre Absätze klackern auf dem glänzenden Marmor, bevor wir in den Aufzug steigen und ins oberste Stockwerk fahren.
Dies sei die Chefetage, erklärt sie mir. Auch hier sind die Böden aus dunklem Marmor. An den weißen Wänden hängen abstrakte Kunstwerke, die man bei näherem Hinsehen als Menschen identifizieren könnte. Wenn man Fantasie besitzt, könnte man sogar glauben, die Menschen auf den Bildern wären nackt. Bei dem Gedanken muss ich schmunzeln.
Jane führt mich weiter in einen großen Besprechungsraum, der einen umwerfenden Blick auf die Skyline von Boston bietet. Hier warten bereits zwei junge Frauen und ein Mann. Ich schätze sie alle auf Mitte zwanzig, vielleicht ein oder zwei Jahre älter als ich. Sicher die anderen Praktikanten, die sich offensichtlich schon miteinander vertraut gemacht haben und in lockere Gespräche vertieft sind. Jane deutet auf einen Platz und stellt mich der kleinen Runde vor.
»Das ist Vivien O’Brian aus Vancouver«, erklärt sie.
Die junge Frau mit der dunklen Lockenmähne unterbricht ihre Unterhaltung, dreht den Kopf zu mir und lächelt mich freundlich an. »Hi, ich bin Carol Carson aus Texas«, stellt sie sich selbst vor und reicht mir die Hand zur Begrüßung.
Ihr offenes Lächeln lässt sie mir sofort sympathisch rüberkommen. »Vivien, freut mich«, begrüße ich sie und nehme auf dem freien Stuhl neben ihr Platz, bevor sie mir die beiden anderen Praktikanten vorstellt.
»Die schweigsame kleine Lady hier ist Beth Carmichel aus Ohio«, dabei deutet sie auf die Frau neben sich, »und das ist George West, unser Mister Loverboy, aus New York City.«
Beth nickt mir mit einem verhaltenden Hallo zu, dabei kichert sie leise über die freche Vorstellung durch Carol. George hingegen ist weniger zurückhaltend. Er beugt sich grinsend den Kopf schüttelnd über den Tisch und reicht mir seine Hand. George sieht wirklich verdammt gut aus. »Freut mich, Vivien. Willkommen im Club der Praktikanten.« Dann wendet er sich an Carol. »Damit ist ja dann wohl klar, wer hier in der Minderheit ist. Aber das geht schon in Ordnung. Ich bin zu Hause mit drei Schwestern aufgewachsen. Man könnte sagen, ich bin so etwas wie ein Frauenversteher. Also, Mädels, wenn ihr mal ein Problem habt, kommt zu Onkel George«, gibt er uns augenzwinkernd zu verstehen. Selbst Jane muss über so viele lockere Sprüche schmunzeln und bittet uns um einen kleinen Moment Geduld, bevor der Boss uns persönlich begrüßen und kurz ins Unternehmensprofil einführen wird. Na toll, Mr. McQueen gibt sich selbst die Ehre. Was wird er nur von mir denken? Ich stolpere ihm tollpatschig vor die Füße, trage schmutzige und legere Kleidung, die nun wirklich nicht in ein derartiges Unternehmen passt, und bin die Jüngste seiner Praktikantinnen. Ich gestehe es mir ungern ein, aber mein Selbstbewusstsein ist im Moment ziemlich im Keller. Da ich jetzt sowieso nichts mehr daran ändern kann, lasse ich meinen Blick neugierig durch den großen Raum gleiten bis zu dem langen Tisch vor uns. Hier liegen verschiedene Informationsbroschüren über das Unternehmen sowie eine Zeitschrift.
Carols Blick schweift währenddessen interessiert auf das Bild des Mannes, der auf dem Cover des Magazins abgebildet ist. Darunter steht in fetter schwarzer Schrift: »Geschäftsmann des Jahres«.
Sie lächelt mich an. »Das ist er ja wohl?«
»McQueen?«
»Er ist attraktiv«, bemerkt sie anerkennend.
Auch ich schiele jetzt vorsichtig an ihr vorbei und schaue ihn mir etwas genauer an. »Ja, ganz nett«, bemerke ich nur, während mir wieder diese kleine Szene im Foyer in den Sinn kommt. Und seine Augen! Diese dunklen Augen, die mich angestarrt haben. Er ist es tatsächlich.
»Ganz nett?!« Dabei zwinkert Carol mir zu. George räuspert sich und mir wird bewusst, dass er uns amüsiert beobachtet, während er versucht, sein belustigtes Lächeln zu unterdrücken. Ich schenke ihm keine größere Beachtung mehr, denn ich hatte heute bereits genug Lacher auf meiner Seite.
»Bist du auch heute erst angekommen?«, fragt Carol mich, um die Atmosphäre etwas aufzulockern.
»Ja, ich komme direkt vom Flughafen.«
Sie nickt mir zu und deutet auf den rötlichen Fleck, der mittlerweile eingetrocknet ist und leider kein bisschen an Farbkraft verloren hat. Ich zucke mit den Schultern. »Mein Sitznachbar im Flugzeug hat seinen Rotwein versehentlich auf mich geschüttet«, erkläre ich.
»Warum hast du dich nicht noch umgezogen?«, fragt sie mich ganz direkt und mit leichtem Tadel in der Stimme.
»Hätte ich gerne, aber ohne Gepäck ist das etwas schwierig.«
Jetzt reagiert auch George und schaltet sich wieder in unser Gespräch ein. »Dein Gepäck ist verloren gegangen?«
»Du hast es erfasst.« Ich fühle Ärger in mir aufsteigen. Wie wirke ich denn jetzt im Gegensatz zu meinen Praktikanten-Kollegen, die aussehen, wie aus dem Ei gepellt?
»Das tut mir leid. Muss ein Scheißgefühl sein, so ohne Koffer in einer fremden Stadt.«
Ich winke ab. »Schon gut, ich werde mir einfach später die nötigsten Dinge für die nächsten Tage besorgen.«
»Vielleicht kann ich dir ja mit einigen Sachen aushelfen«, bietet mir Carol nun freundlich an.
»Danke, das ist nett.«
»Kein Problem. Meiner Tante ist so was auch schon mal passiert. Pünktlich am Tag nach ihrer Heimkehr kam ihr Gepäck zu Hause an.« Dabei schüttelt sie ihren Kopf, sodass ihr eine Strähne ins Gesicht fällt.
»Na, du machst ihr ja Mut«, wendet sich Beth, die ruhig in ihrer Ecke saß, an Carol.
Carol winkt ab. »Das ist schon eine Zeit lang her«, beruhigt sie mich. Selbstbewusst zieht Carol jetzt ihren rosa Lippenstift aus der Tasche und fährt damit ihre Lippen nach. Als hätte sie das nötig, sie sieht doch wirklich attraktiv aus. Ihre langen dunklen Haare fallen kaskadenförmig über ihren Rücken und sie hat eine sexy Figur. Ich dagegen sitze hier mit einem riesigen Rotweinfleck auf meiner weißen Bluse, Jeans, Sneakern und komme mir ziemlich linkisch vor.
Beth lächelt mich bemitleidend an.
Die Schritte und Stimmen auf dem Flur werden lauter und lassen uns in der Unterhaltung innehalten. Beth rutscht etwas unruhig auf ihrem Stuhl hin und her. Und jetzt tritt Matthew McQueen ein, gefolgt von Jane, die ziemlich gestresst wirkt.
»Guten Morgen! Willkommen bei McQueen International Consulting.«
Verhalten beobachte ich ihn kurz, wie er souverän den Raum durchquert und auf uns zukommt. Er sieht wirklich umwerfend gut aus. Das ist das Erste, was mir in den Sinn kommt. Mindestens einsneunzig groß, schlank und von muskulösem Körperbau. McQueen trägt einen dunkelgrauen maßgeschneiderten Anzug mit einem weißen Hemd und einer passenden dunkelgrauen Krawatte. Die Kaffeeflecken scheinen spurlos verschwunden zu sein. Seine Gesichtszüge wirken hart und er unterzieht uns nacheinander einer ausgiebigen Musterung. An mir scheint sein Interesse einen Tick länger hängen zu bleiben.
Oh mein Gott, wie sehe ich nur aus, was wird er von mir denken? Und dass er sich an mich erinnert, liegt klar auf der Hand. Meine selbstbewusste Haltung, die ich gerade eben noch an den Tag gelegt habe, verschwindet vor mir unter dem Tisch. Ich ziehe unauffällig meinen Blazer über den Rotweinfleck und verstecke meine Schuhe unter dem Stuhl, auf dem ich sitze, um ein bisschen Schadensbegrenzung zu betreiben. Er reicht jedem von uns zur Begrüßung die Hand. Sein Blick ruht erneut einen Moment länger auf mir als auf den anderen und er zieht leicht die Mundwinkel nach oben. Ich kann nur verhalten zurücklächeln. Was würde ich jetzt für seine Gedanken geben!
Verdammt, verdammt, verdammt!
Seine Worte reißen mich aus meinen Gedanken.
»Mein Name ist Matthew McQueen, wie Ihnen sicherlich bekannt sein dürfte.«
Und ob uns das bekannt ist. Dank Jos Recherchen weiß ich viel zu viel über ihn. Ich bin wirklich verblüfft über seine charismatische und selbstbewusste Ausstrahlung. Dieser Mann weiß sicher ganz genau, was er will und wie er es kriegen kann. Er wird nie etwas dem Zufall überlassen, das steht fest. Sein Leben ist ohne Zweifel bis ins kleinste Detail durchorganisiert. Und Inkompetenz ist ein Wort, das in seinem Sprachgebrauch ganz sicher nicht vorkommt. Das hat mir die Szene gerade eben im Foyer bewusst gemacht. Allein seine Art, wie er mir zu Hilfe geeilt ist und mit dem Kurierfahrer gesprochen hat. Wie er ihn zurechtgewiesen hat, ohne unhöflich zu werden, und um mein Wohlergehen besorgt war, hat mich beeindruckt. Er macht nicht den Eindruck auf mich, als wäre er ein Tyrann, vielleicht lässt er diesen an schlechten Tagen heraushängen, aber mein erster Gedanke ist einfach: Was für ein Mann. Nach einer gefühlten Ewigkeit gelingt es mir, mich auf das Gespräch zu konzentrieren, und ich nehme seine Worte wieder wahr.
»… diese Firma aufgebaut, indem ich hart an meinen Zielen gearbeitet habe, und das sollten Sie ebenfalls. Verlieren Sie niemals das Ziel aus den Augen und zweifeln Sie nicht an sich selbst. Zeigen Sie volle Leistung und bringen Sie Ihre Ideen ein. Wir sind ein modernes Unternehmen und für Vorschläge offen. Niemand wird Ihnen den Kopf abreißen, wenn Sie einen Fehler machen. Und ich verspreche Ihnen, Sie werden in der Zeit, in der Sie hier sind, eine Menge lernen. Noch Fragen?« Sein Blick schweift durch den Raum und taxiert kurz jeden einzelnen von uns.
Wir sitzen alle etwas perplex – ich, weil ich nur die Hälfte mitbekommen habe, und die anderen vielleicht aus demselben Grund – in unseren Stühlen, die uns noch kleiner wirken lassen, sofern das nach dieser Ansprache noch möglich ist. Da keiner von uns weitere Fragen hat, fährt McQueen fort.
»Gut, Jane, meine Sekretärin, haben Sie bereits kennengelernt. Sie wird Ihnen heute eine kurze Einweisung in die Unternehmensstruktur geben. Wenn Sie Fragen haben, wenden Sie sich bitte an sie. Die Unterlagen vor Ihnen auf dem Tisch schauen Sie sich bitte bis Montag an. Darin können Sie alle Einzelheiten zum Unternehmensprofil sowie die unterschiedlichen Geschäftsbereiche einsehen. Ein Fahrer wird Sie später zu Ihren Appartements bringen. Nutzen Sie die nächsten Tagen, um sich hier etwas einzuleben. Ich erwarte Sie dann alle am Montag in Ihren entsprechenden Abteilungen.« Jetzt gleitet sein Blick wieder zu mir, und er fixiert mich mit einem breiten Lächeln auf seinen Lippen, als er schmunzelnd sagt: »Ach und übrigens, Freitag ist unser Casual-Tag in der Firma, und zwar nur freitags, alles klar?« , zwinkert er mir zu.
Mit diesen letzten Worten verabschiedet er sich, und ich nicke ganz unbewusst. Sein Blick ruht beim Verlassen des Raumes noch mal auf mir, und wie hypnotisiert schaue ich ihm hinterher. Dann dreht er sich kurz in der Tür um und unsere Blicke treffen sich für einen winzigen Moment, bevor ich schnell wegschaue.
»Jane, ich möchte Sie kurz unter vier Augen sprechen, in meinem Büro«, höre ich ihn noch sagen. Die Worte kommen leise, aber bestimmt über seine Lippen. Eins ist klar, dieser Mann duldet keinen Widerspruch.
Carol neben mir ist ganz hin und weg von Matthew McQueen, Beth hingegen wirkt etwas eingeschüchtert – genau der Eindruck, den ich bereits von ihr gewonnen hatte; sie scheint eher ängstlich und zurückhaltend zu sein –, während George den Kerl irgendwie cool findet und ihm mit blitzenden Augen hinterherstarrt.
Ich fühle mich wie Mogli aus dem Dschungelbuch, als er gerade von Kaa, der Schlange, hypnotisiert wird. Kein Grund zur Besorgnis, ermahne ich mich stumm, er hat es scheinbar mit Humor genommen. Aber warum mache ich mir denn darüber noch Gedanken, ich werde den Chef der McQueen International Consulting sicherlich so schnell nicht wieder zu sehen bekommen, da ich im Bereich des Marketings arbeiten soll. Er ist schließlich nicht mein direkter Vorgesetzter. Zum Glück!
Kurze Zeit später nehme ich die angenehme Stimme der Sekretärin wahr. »Ms. O’Brian?« Jane steckt den Kopf zur Tür herein und bittet mich, ihr zu folgen. Ich erschrecke und werfe Carol einen besorgten Blick zu, als wir unser Gespräch unterbrechen müssen. Mist, habe ich etwas falsch gemacht? Meine Hände werden feucht. Scheinbar habe ich ihn falsch eingeschätzt und jetzt wird er mir unter vier Augen sagen, was er von mir hält. Meine Stimmung rutscht heute nicht zum ersten Mal in den Keller.
Ich stehe von meinem Stuhl auf und verlasse mit Jane den Raum. Wir gehen den langen Flur entlang, durch das Vorzimmer der Sekretärin bis zu der großen Tür an der sein Name in schwarzen Buchstaben steht: Matthew McQueen, CEO. Davor bleibt Jane stehen und schaut mich lächelnd an.
»Mr. McQueen möchte Ihnen einen Vorschlag machen, Ms. O’Brian.« Sie zwinkert mir zu, und noch während Jane das sagt, schiebt sie mich auch schon in das Chefbüro.
Es ist riesig, und im Gegensatz zu dem restlichen Gebäude ist hier alles in Weiß gehalten. Der Raum wird als Kontrast dazu von einem großen modernen Designertisch aus dunklem Holz beherrscht, dahinter befindet sich eine Tür. In die Wände sind Regale eingelassen, die mit Büchern und skurrilen Skulpturen bestückt sind; zwei Wände sind komplett aus Glas und bieten einen berauschenden Ausblick auf Boston. Davor steht ein altes Chesterfield-Sofa und am anderen Ende ist eine Besprechungsecke eingerichtet, ebenfalls mit Designermöbeln.
Ich bin total durcheinander. Das ist wohl auf die schlaflose Nacht zurückzuführen. Erfolglos versuche ich, ein Gähnen zu unterdrücken, und mache mich innerlich auf seine Ansprache bereit, die gleich folgen wird.
McQueen steht mit dem Rücken zu mir am Fenster und schaut hinaus. Er telefoniert über die Freisprechfunktion. Seinen Gesprächspartner kann ich nicht verstehen, er redet in einer fremden Sprache.
Plötzlich dreht er sich zu mir um und beendet sein Gespräch. Er schaut mich eine Weile mit seinem herausfordernden Blick an.
Ich spüre, wie mir die Röte ins Gesicht steigt und sich mein Pulsschlag beschleunigt. Warum fühle ich mich in seiner Nähe wie das Kaninchen unter dem Blick einer Schlange? Mir wird ganz schwummerig.
Langsam kommt Matthew McQueen auf mich zu, ich habe das Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren, und bekomme noch mit, wie er seinen Arm ausstreckt und mich am Ellenbogen anfasst.
»Ms. O’Brian«, höre ich ihn noch rufen und dann wird es endgültig schwarz vor meinen Augen.
Ich liege auf dem alten Chesterfield-Sofa, als ich die Augen aufschlage. Das erste, das ich sehe, ist ein kleiner Riss in der weißen Decke über mir, dann wird mir schlagartig bewusst, wo ich mich befinde. Ich drehe den Kopf zur Seite und schaue in dunkle Augen, die mich besorgt mustern. Was ist passiert? Bin ich tatsächlich im Büro des Chefs ohnmächtig geworden? Das kann doch nicht wahr sein, so was passiert doch nur im Film. Gleich zweimal kurz hintereinander muss er mich vom Boden auflesen. Mein Gott, wie peinlich ist das denn? »Was ist passiert?«
»Sie wurden ohnmächtig. Bleiben Sie ruhig liegen.«
Okay, die bekannte tiefe Stimme von Mr. McQueen dringt an mein Ohr, und schon sitzt er neben mir, zu dicht neben mir, auf dem Sofa. Ich kann seinen Duft einatmen. Er riecht so gut nach teurem Aftershave. Matthew McQueen legt wie selbstverständlich seine Hand in meinen Nacken und hält mir ein Glas an den Mund.
»Das ist Wasser. Trinken Sie.«
Etwas verunsichert greife ich nach dem Glas in seiner Hand und drehe meinen Kopf ein wenig zur Seite, sodass er seine Hand aus meinem Nacken nimmt. Schnell trinke ich einen Schluck.
Er beobachtet mich nachdenklich. »Ich sagte Ihnen doch, Sie sollen auf sich aufpassen, oder liegt es an mir, dass Sie in Ohnmacht gefallen sind? Ich muss ja einen furchtbaren Eindruck bei Ihnen hinterlassen haben. Bin ich wirklich so schrecklich?« Dabei lächelt er mich an. »Sie sollten keine Gewohnheit daraus machen. Passiert Ihnen so etwas öfter?«
Ich kann nur mit dem Kopf schütteln. »Nein, das ist mir noch nie passiert. Und es liegt ganz sicher nicht an Ihnen. Tut mir leid.«
»Dafür brauchen Sie sich nicht zu entschuldigen«, dringt seine ruhige Stimme wieder an mein Ohr. Er hat mich auf das Sofa getragen, und was meinte er mit: Liegt es an mir? Ich werde wieder rot. Ich sollte mich schnellstens unter Kontrolle bekommen.
McQueen steht auf, drückt eine Taste auf seinem Telefon und Jane erscheint kurz darauf in der Tür. Sie verzieht keine Miene, als sie mich hier liegen sieht, so als wäre es die normalste Sache der Welt.
»Jane, sagen Sie Roger Bescheid, er soll in zehn Minuten heraufkommen.«
»Ja, Sir, wird erledigt.«
Und schon ist Jane wieder entlassen. Ich will mich aufsetzen. Es ist schon peinlich genug, dass die Sekretärin gesehen hat, wie ich auf seinem Sofa liege, was soll sie von mir denken? Aber da höre ich schon Mr. McQueens Stimme.
»Ich möchte Ihnen einen Vorschlag machen.«
»Was für einen Vorschlag?«, frage ich benommen und setze mich jetzt doch auf.
»Bleiben Sie ruhig noch liegen und hören Sie mir zu.«
»Danke, es geht schon wieder.«
Er nickt, dann spricht er weiter. »Meine persönliche Assistentin, Martha, ist plötzlich erkrankt, und in der nächsten Woche will ich einen großen Deal mit asiatischen Investoren zum Abschluss bringen. Ich weiß natürlich, dass Sie von der Materie und meinen Geschäften noch keine Ahnung haben. Aber wie ich in Ihren Bewerbungsunterlagen gelesen habe, lebten Sie eine Weile in China und Ihnen ist ein Job als Assistentin der Geschäftsleitung nicht fremd.« Er klingt resolut. Er wird mir doch nicht den Job anbieten wollen? Aber genau in diesem Moment wird mir klar, dass genau das seine Absicht ist. Etwas sagt mir, dass er überhaupt nicht mit einem Nein rechnet. Warum auch? Das ist ein gigantischer Vorschlag für jemanden wie mich.
Himmel. Ich wusste, ich hätte nicht auf Jo hören und meinen Ferienjob bei Mr. Brown in dem Marketingunternehmen so aufbauschen dürfen.
Mr. McQueen redete unbeirrt weiter. »Was meinen Sie? Möchten Sie für Martha einspringen?«
»Ich weiß nicht.«
Er winkt ab. » Sie brauchen dazu kein fundiertes Fachwissen. Meine Termine und Korrespondenz übernimmt zum größten Teil Jane. Sie würden mich auf Konferenzen begleiten, Protokolle führen und besonders bei Geschäftsterminen im Ausland müssten Sie an meiner Seite sein. Solche Meetings sind bei mir in der Regel sehr häufig und Jane kann das nicht alles abdecken.« Er sieht mich dabei fragend an.
Ich bin sprachlos. Er will mich als seine persönliche Assistentin.
Sein Blick ruht auf dem Rotweinfleck, und ich werde schon wieder rot.
»Ach ja, und noch etwas.« Er deutet auf meine Bluse. »Sie sind meine Visitenkarte. Wenn Sie negativ auffallen, fällt es auf mich zurück.«
Endlich erwache ich aus meinem Dornröschenschlaf und schalte wieder auf Empfangsmodus. »Tut mir leid. Als ich heute Morgen aus dem Flieger ausstieg, war mein Koffer nicht aufzufinden, und ich wollte nicht gleich an meinem ersten Tag zu spät kommen, indem ich die Zeit mit Shoppen verbringe. Mein Sitznachbar im Flugzeug war etwas ungeschickt und hat seinen Rotwein verschüttet.«
»Ah ja?« Er zieht die Augenbraue spöttisch hoch und das weckt in mir das Gefühl, einen Fehler begangen zu haben. »Wenn Sie künftig für mich arbeiten, werden Sie anständig gekleidet sein und pünktlich erscheinen. Ich dulde weder schlampige noch unzuverlässige Mitarbeiter«, erklärt er mit einem hintergründigen Lächeln.
In diesem Moment erscheint Roger im Türrahmen. Roger nickt mir grüßend zu.
»Ms. O’Brian, das ist Roger, mein Fahrer. Roger, das ist Ms. O’Brian. Sie wird Martha vorübergehend vertreten.« Dabei schaut er mich fragend an.
Ich zucke unsicher mit den Schultern und nicke. Da ich seiner Aussage also nicht widerspreche, redet er weiter. »Ms. O’Brians Gepäck ist verloren gegangen. Kümmern Sie sich darum! Haben Sie noch Ihre Flugabschnitte, Ms. O’Brian?«, fragt McQueen nun an mich gewandt.
»Äh, nein, ich habe mich bereits selbst darum gekümmert. Danke.«
Mein Chef lächelt mich wieder an. Dachte er etwa, ich könnte das nicht selbst erledigen? Ich habe heute offenbar einen grandiosen Eindruck hinterlassen. Gerade noch kann ich mir ein Augenrollen verkneifen.
»Roger, wir werden bei Richard’s zu Mittag essen. Ms. O’Brian und ich haben einiges zu besprechen. Das werden wir dann beim Essen tun. Ich lade Sie selbstverständlich ein.« Dabei schaut er mich auffordernd an.
Roger dreht sich bereits um und entfernt sich mit den Worten: »Selbstverständlich, Sir«.
Wenige Augenblicke später verlassen wir das Büro und gehen in Richtung Aufzüge. Ich spüre McQueens Hand auf meinem Rücken. Was ist nur mit mir los? Ich habe doch noch nie so eine starke Anziehungskraft zu einem mir fast völlig Fremden empfunden. Jane schaut von ihrem Computer auf und zwinkert mir zu. Ich lächle zurück.
»Jane, falls Greg anruft, ich bin außer Haus«, weist sie mein künftiger Boss noch im Vorbeigehen an. »Sagen Sie meinen Termin mit White für heute Nachmittag ab, den mit Greg verlegen Sie bitte auf heute Abend bei mir zu Hause.«
Der Aufzug kommt prompt und wir steigen ein. Ich beobachte Matthew McQueen von der Seite, bis er sich zu mir umdreht, und werde schon wieder rot. Ein Lächeln breitet sich auf seinem Gesicht aus.
»Geht es Ihnen jetzt wieder besser, Vivien?«
Vivien? Er spricht mich mit meinem Vornamen an. Ich reiße mich zusammen und nicke.
»Kommen Sie!« Die Aufzugtüren öffnen sich, McQueen legt seine Hand auf meine Wirbelsäule und leitet mich sanft durchs Foyer, weiter zum Firmenausgang zu dem bereits wartenden SUV. Die Empfangsdame grüßt ihn und schaut uns mit einem neugierigen Blick an. Sie scheint heute einiges geboten zu bekommen.
Roger öffnet mir die Wagentür und ich werde sanft von meinem Chef hineingeschoben. Er wechselt noch kurz ein paar Worte mit seinem Fahrer und setzt sich dann zu mir auf den Rücksitz. Während der Fahrt führt er zwei Telefongespräche und ich entspanne mich langsam. Wie könnte ich auch nicht? Matthew McQueen sieht fantastisch aus und er will mich als seine Assistentin. In Gedanken lasse ich den Tag noch einmal Revue passieren. Ich bin gespannt, was Jo zu den Entwicklungen sagen wird.
Mein Chef lächelt mich immer wieder an, während er telefoniert. Gelegentlich klingt er so selbstbewusst und herablassend, als würde er die Kompetenz seines Gesprächspartners infrage stellen.
Mein Gott, ist dieser Mensch arrogant. Und doch fühle ich mich so in seinen Bann gezogen. Das ist doch verrückt.
Roger stoppt den Wagen vor einer Boutique in einer exklusiven Einkaufsgegend, bevor er aussteigt und uns die Tür geöffnet. McQueen springt heraus und hält mir die Hand entgegen. Mir bleibt nichts anderes übrig, als sie zu ergreifen.
»Ich dachte, wir fahren zum Essen?«, frage ich verwirrt.
»Ms. O’Brian, wollen Sie weiter so herumlaufen?«
Sein Blick schweift von meinem Gesicht zu meiner Bluse und mustert die Flecken missbilligend. Er hat ja recht, ich sollte schnellstens das Outfit wechseln. Aber warum gerade diese Gegend? Die Läden sind mir viel zu teuer. Ich sehe einige Labels der angesagtesten Designer. Das mag McQueens Einkaufsgegend sein, aber nicht meine.
»Mr. McQueen, ich … glaube nicht …«, stottere ich.
Er fällt mir ins Wort. »Gehen Sie schon rein und suchen Sie sich etwas Passendes aus. Dann gehen wir essen.«
Ich betrete die Boutique. Vielleicht finde ich ja wirklich etwas Günstiges, das meinen Geldbeutel nicht übermäßig beansprucht.
Die Verkäuferin begrüßt uns überschwänglich. »Mr. McQueen, schön, Sie wieder einmal zu sehen. Was kann ich für Sie tun?«
Hm, er kauft hier wohl öfter ein. Für seine Freundin vielleicht? Ich lasse meinen Blick über die aktuelle Kollektion wandern, in der Hoffnung, vielleicht in irgendeiner Ecke einen Kleiderständer mit reduzierter Ware zu finden. Aber leider werde ich enttäuscht. Meine Aufmerksamkeit wird dennoch von einem himmelblauen, auffälligen langen Sommerkleid angezogen, das ich bereits im Schaufenster kurz bewundern konnte. Ich lasse den zarten Stoff durch meine Hände gleiten, bis ein leises Räuspern von Mr. McQueen mich wieder an den Sinn und Zweck unseres Besuches aufmerksam macht. Ich murmle eine kurze Entschuldigung und wende mich der Verkäuferin zu.
McQueen wirft mir einen kurzen Blick zu und erwidert: »Vielleicht helfen Sie meiner Begleitung. Sie braucht eine neue Bluse. Und dann schicken Sie einige Business-Kostüme mit passenden Schuhen an meine Adresse, Rechnung wie immer«, beauftragt er die Verkäuferin leise, wohl, damit ich es nicht mitbekomme. Oder so tun kann, als ob.
Kostüme auf Firmenkosten? Der Job könnte mir gefallen.
Und die Frau an seiner Seite kann sich glücklich schätzen, wenn er Angestellten gegenüber schon so großzügig ist.
»Selbstverständlich gern, Mr. McQueen«, flötet die Verkäuferin. Sie schaut mich an und fragt: »Größe achtunddreißig?«
»Sechsunddreißig«, antworte ich und folge ihr in den hinteren Teil des Ladens. Wäre ich nicht mit McQueen hier, würde sie mich sicherlich gar nicht wahrnehmen.
Die Verkäuferin zeigt mir einige schöne Oberteile. Ich entscheide mich nach einigem Zögern zwischen der grauen und der rosafarbenen Bluse für die hellrosa Seidenbluse, die sie mir entgegenhält, obwohl ich die graue auch gerne nehmen würde. Sie zeigt mir die Umkleidekabine und zieht den Vorhang hinter mir zu. Davor höre ich McQueen, wie er sich leise mit der Verkäuferin unterhält.
»Welche Schuhgröße haben Sie, Ms. O’Brian?«, dringt seine tiefe Stimme durch den geschlossenen Vorhang zu mir.
»Größe achtunddreißig«, antworte ich, während ich mich von meiner schmutzigen Bluse befreie. Er reicht mir diskret ein paar schwarze High Heels mit passendem Cocktailkleid durch den geschlossenen Vorhang.
»Probieren Sie die hier mal an.«
»Soll ich das Kleid auch anprobieren?«, frage ich etwas irritiert. Ich kann ihn fast vor mir sehen, wie er die Augen rollt, als er mir antwortet.
»Selbstverständlich, ja.«
Das Kleid in Kombination mit den Schuhen ist ein Traum und passt, als wäre es wie für mich gemacht. Echte Louboutins! Die wollte ich schon immer mal haben, aber wo hätte ich solche Schuhe schon tragen können? Ganz abgesehen von dem Preis, der mir ein dickes Loch in mein Budget gerissen hätte. Der Absatz der Schuhe ist mindestens zehn Zentimeter hoch, sodass meine schlanken Beine noch länger wirken.
»Ist die Größe richtig?«, reißt mich mein Chef aus meinen Gedanken. Er muss direkt vor der Umkleidekabine stehen.
Schnell ziehe ich das Kleid aus, schlüpfe wieder in meine Jeans und probiere jetzt die Bluse an. »Das Kleid ist fantastisch, Mr. McQueen, und die Schuhe passen perfekt.«
»Das freut mich«, höre ich ihn sagen.
Die Seide liegt wunderbar weich auf meiner Haut, ich schließe gerade den letzten Knopf und verliebe mich augenblicklich in das edle Kleidungsstück. Ich schaue auf das Preisschild und mir bleibt die Luft weg. Die kann ich mir unmöglich leisten!
Da höre ich bereits McQueens Stimme. »Fertig?«, und schon wird der Vorhang zur Seite geschoben und er steht direkt hinter mir. Er starrt mich über den Spiegel hinweg an und lässt seinen Blick langsam über meinen Körper wandern, sodass ich peinlich berührt wegschaue. Sekunden später treffen sich unsere Blicke erneut im Spiegel. Ich kann seinen warmen Atem im Nacken spüren und könnte schwören, dass sich seine Atmung in den letzten Sekunden beschleunigt hat.
»Reizend. Gefällt sie Ihnen?«, fragt er nun wieder ganz beherrscht.
»Ja, schon, aber die kann ich mir nicht …«
Weiter komme ich nicht. Er unterbricht mich, indem er der Verkäuferin signalisiert, dass er die Bluse kaufen möchte.
»Ach, legen Sie die graue Bluse, die meine Begleiterin in der Hand hatte, auch noch dazu. Es ist doch ihre Größe?«, fragt er die Verkäuferin, die bejahend nickt, dabei zwinkert er mir zu. »Sehen Sie es als kleine Entschädigung für die Sache im Foyer an«, wendet er sich an mich und überreicht mir die Tüte.
»Danke, aber es war doch nicht Ihre Schuld«, antworte ich etwas perplex.
»Nein, aber es war mein Kurierfahrer.«
Da mir hierauf nichts mehr einfällt, was ich erwidern kann, folge ich ihm nach draußen. Roger wartet bereits pflichtbewusst am Wagen und hält uns die Tür auf, um uns ins Restaurant zu fahren.
Sein Club, wie er ihn nennt, befindet sich in einem wunderschönen Stadthaus in der Commonwealth Avenue, einer der teuersten Gegenden der Stadt, wie mir mein Dad erzählt hat. McQueen führt mich ins Restaurant im ersten Stock. Dort werden wir von einem Kellner begrüßt und zu einem ruhigen Platz geleitet.
»Wie immer, Sir?«, fragt der Kellner.
Mr. McQueen nickt und schiebt mich auf einen mit Seide bezogenen Stuhl. Er nimmt mir gegenüber Platz und schaut mir mit seinem durchdringenden Blick in die Augen.
»Ms. O’Brian, ich habe Sie für diesen Job ausgewählt, weil ich mir anmaße, eine exzellente Menschenkenntnis zu besitzen.«
Ich sehe ihn unsicher an.
»Haben Sie etwa Angst vor mir, Ms. O’Brian?«, fragt er mit zuckersüßer Stimme und lächelt mich provozierend an.
Ob ich Angst habe? Mein Gott, ich bin total durcheinander. Ich sitze hier mit dem Firmeninhaber von McQueen International Consulting und er fragt mich, ob ich Angst vor ihm habe. Ich würde es nicht Angst nennen. Ich bin fasziniert, nein, es ist vielmehr. Ich fühle mich von ihm magisch angezogen.
»Nein …«, kommt es zögernd von mir.
»Dann vertrauen Sie mir doch einfach. Ich bin überzeugt, dass Sie Ihre Sache gut machen werden. Ich hätte Sie sonst nicht ausgewählt. Sie haben einen ausgezeichneten Schulabschluss. Soweit ich weiß, waren Sie eine der Besten in Ihrem Jahrgang. Und wie ich schon sagte, die Aufgaben einer Assistentin sind Ihnen nicht fremd. Ich habe mich selbstverständlich erkundigt. Entspannen Sie sich, ich beiße nicht.«
Ich blinzle verblüfft. Worüber hat er sich erkundigt? Hat er etwa in der Marketingfirma, in der ich während meines Bachelorstudiums gearbeitet habe, Erkundigungen über mich eingezogen? »Sie haben mit Mr. Brown gesprochen?« Ich schaue ihn ungläubig an.
Er nickt. »Ein Mann in meiner Position muss über alles informiert sein, Ms. O’Brian. Ich überlasse niemals etwas dem Zufall«, beantwortet er mir meine Frage.
Ich sollte ihn wohl nie unterschätzen.
»Die Arbeit als meine Assistentin wird sich später in Ihren Bewerbungsunterlagen positiv auswirken. Sie werden sehen, Sie werden sich sicher schnell an mich gewöhnen. Davon bin ich überzeugt.« Diesen letzten Satz spricht er betont langsam aus.
Der Kellner serviert mir zwischenzeitlich einen Aperitif, sodass ich einen Moment durchatmen kann.
Der Geschäftsführer der McQueen International Consulting hält mich für fähig genug. Mich, die heute nicht gerade den besten Eindruck hinterlassen hat, um als seine Visitenkarte zu fungieren. Warum hat er nicht Carol gefragt? Sie sieht toll aus, war absolut perfekt gekleidet und ist nicht bereits im Foyer von einem Kurierdienst umgerannt worden, ganz zu schweigen von der Sache in McQueens Büro. Und doch muss ich einiges richtig gemacht zu haben. Und wie er mich des Öfteren angesehen hat und auch gerade jetzt wieder! Es ist wieder da. Unaufhörlich steigert sich dieses warme Gefühl in meinem Inneren, das mich ganz unruhig werden lässt, wenn er mir so nah ist. Ich möchte am liebsten meine Augen schließen, meine Hände auf seine Brust legen und mich von ihm einfach nur fest an sich drücken lassen. Wie er wohl riecht? Und ob dunkle Brusthaare seinen Oberkörper bedecken? Schnell verdränge ich meine unmöglichen Gedanken. Konzentriere mich stattdessen lieber auf das Hier und Jetzt. Meine Neugierde siegt, und warum sollte ich die Chance ablehnen, Martha zu vertreten? Es ist schließlich nicht mein erster Job als Assistentin. McQueen sieht umwerfend aus, scheint auch nett zu sein, vielleicht ein wenig bestimmend, und ich will ihn wahnsinnig gern näher kennenlernen. Wieso zögere ich eigentlich? Vielleicht, weil er mich in diesen ruhelosen Zustand versetzt. Wenn er mich nur ansieht, erhöht sich mein Pulsschlag. Er hat recht, dies hier ist eine einmalige Chance, meine Fähigkeiten unter Beweis zu stellen. Und im Grunde scheint für McQueen die Frage längst beantwortet zu sein. Er will mich! Außerdem, was würde das für einen Eindruck auf ihn machen, wenn ich die Zusammenarbeit mit ihm ablehnen würde? Dieser Mann ist der absolute Wahnsinn, auch wenn er mir manchmal doch etwas Angst einflößt, was ich natürlich nie zugeben werde. Ich denke, ich werde den Job machen.
Und dann höre ich mich sagen: »Ich würde mich freuen, als Ihre persönliche Assistentin zu arbeiten, und danke für die Bluse, Mr. McQueen.«
Danke für die Bluse. Habe ich das wirklich gesagt? Wie hört sich das denn an?
McQueen lächelt und wirkt jetzt sichtlich entspannt. »Gut, ich verspreche Ihnen, mit mir wird es nicht langweilig«, sagt er, wieder ganz Chef.
Der Kellner kommt mit unserer Vorspeise und jetzt merke ich erst, wie hungrig ich bin. Mr. McQueen füllt mein Glas erneut mit Wasser und wir genießen das geräucherte Lachstatar mit einer exquisiten Soße.
»Nach dem Essen werde ich Sie zu Ihrer Unterkunft bringen und Sie ruhen sich erstmal aus. Ich brauche Sie schließlich voll einsatzfähig. Nicht, dass Sie mir nochmal in Ohnmacht fallen«, sagt er und grinst mich dabei an.
Wir unterhalten uns jetzt ganz ungezwungen. McQueen erzählt mir, wie er mit einem kleinen Softwareunternehmen angefangen hat, das ziemlich runtergekommen war. Er hat es aufgekauft, das Management ausgetauscht und mit neuen Ideen wieder marktfähig gemacht. Mit den Jahren hat er dann seine Firma erweitert und sich ganz auf Unternehmensberatung spezialisiert. Neben seinen Marketingkenntnissen, mit denen er das Unternehmen schnell aus den roten Zahlen geholt hat, besitzt er auch noch das Talent, Firmen aufzukaufen und dann mit so viel Gewinn wie möglich zu liquidieren. Ihm gehören verschiedene Bürokomplexe in der Stadt, Häuser und sogar ein Firmenjet.
»Erzählen Sie mir von sich, Vivien. In Ihren Bewerbungsunterlagen haben Sie geschrieben, dass Sie sich sehr für Sprachen interessieren. Vor allem für Chinesisch. Wie kommt es, dass Sie gerade diese Sprache gelernt haben?« Er beugt sich ein wenig vor und sieht mich aufmerksam an.
»Dad wurde beruflich nach China versetzt. Das war, als ich elf Jahre alt war. Zu Beginn sollte es nur vorübergehend sein und dann wurden doch drei Jahre daraus. Ich bin dort auf die International School gegangen.«
Er nickt bewundernd. »Ich erwähnte es ja bereits heute Morgen in meinem Büro: Ihre Sprachkenntnisse und Ihre Erfahrungen mit den Gepflogenheiten der chinesischen Lebenskultur im Besonderen machen Sie für mich interessant. Der Ausfall meiner Assistentin kurz vor einem wichtigen Treffen mit meinen chinesischen Geschäftspartnern bringt mich in Schwierigkeiten, wenn ich keinen geeigneten Ersatz finde. Ich habe Ihnen den Job nicht ganz uneigennützig angeboten. Es war einfach eine glückliche Fügung.«
Ich fühle mich geschmeichelt, greife zu dem Glas und trinke einen Schluck, bevor ich weitererzähle. »Ich bin dreiundzwanzig Jahre alt, verbrachte die meiste Zeit meines Lebens in British Columbia. Das war nicht besonders aufregend, und ich bin das einzige Kind meiner Eltern«, berichte ich, als er mich unterbricht.
»Erzählen Sie mir was, das ich noch nicht weiß, Vivien.« Dabei schaut er mich wieder mit diesem abschätzenden Blick eines Wolfes an, der bereit ist, seine Beute zu erlegen.
»Was möchten Sie denn wissen?«, frage ich ihn etwas verwirrt.
»Näheres von Ihrer Familie und Ihren Freunden, Hobbys. Haben Sie einen Freund?«
Hoppla! Ob ich einen Freund habe, warum will er das denn wissen? Muss ich ihm das wirklich alles sagen? Ich entscheide mich dafür, zuerst von meinen Eltern zu berichten. Dass ich keinen Freund habe, verschweige ich. Das geht ihn wirklich nichts an. Aber der Gedanke schwirrt immer noch in meinem Kopf umher.
Zum Glück spricht er mich auch nicht weiter darauf an. »Und welche Bücher lesen Sie gerne?«, fragt er stattdessen.
»Ich bevorzuge historische Romane. Außerdem lese ich gerne Stolz und Vorurteil von Jane Austen, das ist mein absolutes Lieblingsbuch. Ich habe es schon zigmal gelesen.«
»Eine Romantikerin also.«
Ich werde rot. Verdammt, warum bin ich nur so unsicher in seiner Nähe? Besonders, wenn er mich so intensiv ansieht, als wollte er tief in meine Seele blicken. Oder bilde ich mir nur ein, dass er ein Interesse an mir hat, das über das rein Geschäftliche hinausgeht? Ich gehe nicht weiter auf das Thema ein und erwähne lieber meine Hobbys, als der Kellner einen weiteren Gang vor mir auf den Tisch stellt. Leider warnt er mich zu spät, dass der Teller heiß ist, und ich verbrenne mich an dem Porzellan. Schnell ziehe ich die Hand zurück und halte sie an das kalte Wasserglas.
»Alles in Ordnung, Vivien?«, fragt McQueen.
»Ja, ja, ist nicht weiter schlimm. Ich bin nicht sehr schmerzempfindlich«, beruhige ich ihn.
Er lehnt sich entspannt zurück, als ich ihm von meiner Leidenschaft, dem Fechten, erzähle. Verblüfft schaut er mich an.
Das hätte er wohl nicht von mir gedacht, mutmaße ich ein bisschen stolz.
»Ja«, sage ich auf sein interessiertes Nachhaken, »ich fechte, seit ich sieben Jahre alt bin. Dieser Sport hat mich sofort fasziniert. Schon nach meiner ersten Trainingsstunde wusste ich, dass ich alles dafür tun würde, um meine Eltern zu überreden, mich im Fechtclub anzumelden. Meine Mom hatte anfangs Bedenken, als sie die Waffen gesehen hat, aber mein Trainer hat sie beruhigt und ihr alles erklärt. Dad meinte, es wäre nur gut für ein Mädchen, mehr Selbstbewusstsein zu entwickeln.«
Dieses Mal breitet sich wieder ein Lächeln auf seinem Gesicht aus. Das macht ihn noch unwiderstehlicher, aber leider habe ich es erst zweimal an ihm gesehen. »Sie gefallen mir bisher so, wie Sie sind, Vivien. Und als meine persönliche Assistentin nennen Sie mich bitte Matthew!«
Dann wird sein Blick nachdenklich. »Ihre Mom hatte sicher nicht ganz unrecht. Fechten ist ein sehr gefährlicher Sport, oder, Vivien?«
»Na ja, ein paar blaue Flecke sind da nicht ungewöhnlich, ich kann mit Schmerzen umgehen. Aber es hält sich in Grenzen. Ich würde Fechten nicht gerade als gefährlich bezeichnen. Da gibt es doch ganz andere Sportarten, wie Boxen zum Beispiel. Das ist gefährlich.«
Er zieht überrascht eine Augenbraue hoch. »Man muss nur immer die Deckung wahren. Genau wie beim Fechten. Gut zu wissen. Okay, essen Sie auf, dann gehen wir.« Er schmunzelt und es wirkt fast ein wenig jungenhaft.
Die Appartements, die ebenfalls zum Firmenbesitz von McQueen International Consulting gehören, befinden sich am Charles River in Beacon Hill, einem wunderschönen Stadtteil von Boston. Nach einer kurzen Fahrt halten wir vor einem dreistöckigen Haus mit roten Ziegeln. Hier sind für uns Praktikanten vier kleine EinzimmerAppartements reserviert. Ein echter Luxus! McQueen scheint trotz seiner hohen Anforderungen an seine Mitarbeiter den sozialen Gesichtspunkt nie aus den Augen zu verlieren. Oder vielleicht gerade deswegen.
Ich bin wirklich beeindruckt, und jetzt bin ich endgültig davon überzeugt, dass ich die richtige Entscheidung getroffen habe, auch wenn er manchmal sehr fordernd und unnachgiebig wirkt.
McQueen steigt aus dem Auto und hält mir wieder die Hand entgegen, die ich mittlerweile gewohnheitsmäßig ganz selbstverständlich ergreife. Diese dunklen Augen, die mich heute Morgen bereits hypnotisiert haben und dann noch einmal in der Umkleidekabine, scheinen tief in mein Inneres vordringen zu wollen.
Sobald er mich ansieht oder berührt, steht mein Körper in Flammen. Oh Mann, ich sollte meine Gefühle schnellstens unter Kontrolle bekommen, denn sonst weiß ich nicht, wohin das noch führt.
Ich winke ihm noch kurz zu und laufe beschwingt die Auffahrt entlang, als Carol schon neugierig auf mich zukommt.
»War das gerade McQueen in dem schwarzen Auto?«
»Ja, war er.« Dabei drehe ich mich um und sehe nur noch die Rücklichter, die in den Verkehr eintauchen. Ich lächle Carol mit einem hintergründigen Lächeln an. Sicher fragt sie sich, wieso er mich hergebracht hat. Ich spüre regelrecht, wie sie sich zusammennehmen muss, um mich nicht über ihn auszufragen. Ich sollte sie von ihrer Neugier erlösen, also berichte ich ihr von meinem Gespräch in seinem Büro und dem anschließenden Essen.
»Und? Machst du es?«
»Klar, warum nicht«, antworte ich ihr selbstbewusst. »Ich bin das, was er braucht. Eine chinesisch sprechende Assistentin.« Ich grinse.
»Hätte ich an deiner Stelle auch getan. Das ist wirklich toll. Du wirst viel unterwegs sein«, redet sie weiter, während wir das Gebäude betreten.
Carol deutet auf die erste Tür im Erdgeschoss. »Ach ja, die Schlüssel für dein Appartement bekommst du bei Mrs. Gordon. Sie wohnt dort.«
Ich drücke den Klingelknopf und kurz darauf erscheint eine freundliche Dame mit leicht ergrauten Haaren, die sie zu einem Dutt hochgesteckt hat.
»Guten Tag, mein Name ist Vivien O’Brian.«
»Herzlich willkommen, Ms. O’Brian. Ich bringe Ihnen sofort die Schlüssel. Ihr Appartement liegt hinter der letzten Tür am Ende des Ganges.«
Ich lächle sie zum Abschied an und Carol und ich begeben uns in den hinteren Teil des Hauses.
»George hat vorgeschlagen, dass wir uns alle im Garten treffen. Kommst du auch?« fragt Carol mich, während ich die Wohnungstür aufschließe.
»Ich muss mir noch einige Dinge besorgen.«
Carol schaut auf ihre Uhr. »Okay, wenn du magst, begleite ich dich später. Ich liebe es, shoppen zu gehen.« Carol sieht mich von der Seite an.
Ich nicke. »Ich habe sowieso nichts auszupacken, ich bin gleich bei euch.«
»Schicke Bluse, übrigens.«
»Danke«. Dabei kann ich mir ein Schmunzeln nicht verkneifen, ziehe es aber vor zu schweigen, anstatt Carol von meinem Einkaufserlebnis mit McQueen zu berichten.
»Also bis gleich«, ruft Carol mir noch zu, bevor ich in meinem Appartement verschwinde.
»Und, wie ist McQueen? Ist er wirklich so ein Macho, wie jeder behauptet?«, fragt Carol, sichtlich brennend vor Neugier, als ich mich zu den anderen auf einen der Gartenstühle setze.
Ich schaue sie überrascht an. »Wie kommst du darauf?«
»Man informiert sich doch schließlich. Hab da so ein Gerücht in der Firma aufgeschnappt.« Sie will es genau wissen.
»Er ist zielstrebig und er ist unglaublich sexy«, erzähle ich zögernd.
»Das ist nicht zu übersehen«, lacht Carol. »Und lädt dich nobel zum Essen ein. Er geht ganz schön ran.«
»Wir waren nur essen, Carol. Weiter nichts«, widerspreche ich. »Er wollte mich besser kennenlernen. Ist doch selbstverständlich, wenn ich jetzt so eng mit ihm zusammenarbeite. So einer hat an mir doch kein Interesse, der kann fünf an jeder Hand haben.« Aber im Stillen wünsche ich mir tatsächlich, es wäre so. Was natürlich völlig unvorstellbar ist. Er ist der Chef, ich nur die Praktikantin. Ich schüttle innerlich den Kopf über mich.
»Na, wer weiß«, mischt sich Beth augenzwinkernd ein.
»Ich glaube, der ist ein paar Nummern zu groß für mich. Außerdem ist er sicher liiert. So was läuft doch nicht mehr solo rum«, wiegle ich ab.
»Er soll ja ein ziemlicher Draufgänger sein, was Frauen anbelangt. Seit dem Tod seiner Frau hatte er keine feste Beziehung mehr, heißt es. Pass bloß auf!«, warnt Carol mit aufgeregt funkelnden Augen. Ganz offensichtlich liebt sie Klatsch und Tratsch.
George ist schon total genervt und verdreht nur noch die Augen. »Gibt es bei euch Frauen immer nur dieses eine Thema, außer shoppen natürlich? Der Mann ist echt cool. Er hat verdammt viel erreicht in seinem Leben. Ihr solltet nicht nur die Klatschblätter lesen, sondern auch mal die Fachzeitschriften«, beschwert George sich in gespielter Entrüstung und lacht.
Wir Frauen kichern.
»Also, was machen wir heute Abend, Leute?«, wechselt er das Thema. »Das Wochenende steht vor der Tür und ich möchte so schnell wie möglich die Gegend kennenlernen, besonders die In-Clubs. Seid ihr dabei?«
Ich lehne dankend ab, da ich schon die Nacht zuvor kaum geschlafen habe. Außerdem muss ich dringend Kleidung und einige Kosmetikartikel kaufen gehen, danach werde ich ohnehin nur noch den Wunsch haben, mich im Bett zu verkriechen. Da Carol mir versprochen hat, mich auf meiner Shoppingtour zu begleiten, löst sich unsere kleine Gruppe jetzt schnell auf.
Mrs. Gordon, die Hauswirtin, ist wirklich ein Engel. Sie hat uns mit einem Stadt- und Fahrplan der Busse losgeschickt und noch einige Tipps gegeben, in welchen Geschäften man günstig einkaufen kann. Innerhalb von zwei Stunden haben wir alles Nötige gefunden, was ich für die nächsten Tage brauche. Völlig erschöpft von dem langen Tag, kann mich Carol noch auf einen Kaffee in Robertos Cucina, einem kleinen italienischen Bistro ganz in der Nähe von McQueens Firmenimperium, überreden, an dem wir vorbeikommen. Und sofort sehe ich ihn wieder in meinen Gedanken vor mir. Seine dunklen Augen, sein markantes Gesicht gehen mir nicht mehr aus dem Sinn. Vielleicht hoffe ich insgeheim, ihm heute noch einmal über den Weg zu laufen? Carol reißt mich aus meinen Gedanken.
»Ganz nett hier«, stellt sie fest, als wir uns einen gemütlichen Platz am Fenster neben dem Eingang suchen.
»Ja, und die Preise sind bezahlbar. Das Bistro sollte man sich auf jeden Fall merken«, antworte ich, nachdem ich einen kurzen Blick auf die Speisekarte geworfen habe.
Der Kellner kommt an unseren Tisch und nimmt die Bestellung entgegen. Ich entscheide mich für einen Milchkaffe und Carol bestellt sich eine heiße Schokolade.
»Das sollte ich eigentlich nicht, aber ab und zu brauche ich das einfach«, behauptet sie, dabei schaut sie an sich herunter.
»Also, ich finde, du brauchst überhaupt kein schlechtes Gewissen zu haben bei deiner Figur«, beruhige ich sie schnell.
Sie lächelt mich dankbar an.
Der Kellner geht ein paar Schritte Richtung Eingang und begrüßt den Mann, der gerade das Bistro betreten hat. Matthew.
»Tag, Roberto, wie geht es Ihrer Frau? Hat sie sich von ihrem Unfall wieder erholt?«
»Ja, sie geht schon wieder ohne Krücken. Wie immer, Mr. McQueen?«, fragt der Kellner mit seinem italienischen Akzent, als er auch schon geschäftig hinter dem Tresen verschwindet. Mein Chef nickt ihm zu und setzt sich an einen der hinteren Tische, ohne mich oder Carol zu bemerken. Er zieht sein iPhone aus der Tasche und nimmt die Menschen um sich herum nicht mehr wahr.
Hm, so wie er sich mit dem Kellner des Restaurants unterhalten hat, scheint er ihn wohl besser zu kennen und hält sich hier anscheinend öfter auf. Ich kann meinen Blick einfach nicht von ihm losreißen. Unauffällig beobachte ich ihn für einen Moment, bis Carols Stimme mich wieder ins Hier und Jetzt holt.
»Vivien? Alles okay?«
»Was hast du gesagt?«
Sie schüttelt nur amüsiert den Kopf. »Der hat es dir ja ganz schön angetan, was?«
»Wer?«
Sie deutet mit dem Kopf in Richtung Mr. McQueen. »Na er, der uns bis jetzt keines Blickes gewürdigt hat.« Sie zwinkert mir verschwörerisch zu. Verdammt, sieht man mir meine Faszination so deutlich an?
»Ach was. Ich hätte nur nicht gedacht, ihn hier zu sehen«, flunkere ich. Dabei war doch genau das meine Hoffnung.
Als McQueen aufschaut, treffen sich unsere Blicke für einen kurzen Moment. Er lächelt mich an, nickt, wendet dann aber seine Aufmerksamkeit dem Mann zu, der gerade das Bistro betritt. McQueen steht auf, die beiden begrüßen sich, setzen sich und ich bin für ihn scheinbar vergessen.

Es ist bereits spät am Abend, als Greg Montgomery, der Geschäftspartner und Freund von Matthew, sich mit ihm in dessen Haus trifft.
»Was gibt es so Dringendes? Geht es um den Deal mit den Chinesen?«, eröffnet Greg das Gespräch. Greg folgt Matthew in sein Wohnzimmer und lässt sich lässig auf das bequeme Ledersofa fallen. »Ich habe heute übrigens Beverly in der Stadt getroffen. Habt ihr euch getrennt?«
Matthew verzieht grimmig das Gesicht. »Ja, hat nicht gepasst.«
Diesen Ton kennt Greg von Matthew. Also war das mit dem Model wieder mal eine von Matthews Fast-Food-Beziehungen, die von Anfang an zum Scheitern verurteilt waren. Da sollte er wohl nicht weiter fragen. Schnell wechselt er das Thema. »Jane sagte, du hast eine neue Assistentin?«
Matthew atmet hörbar aus. »Martha hat sich den Fuß gebrochen und wird für einen längeren Zeitraum ausfallen, aber …«
Greg schaut Matthew fragend an. »Und du hast so schnell Ersatz für sie?«
Unruhig erhebt sich Matthew vom Sofa. »Ich habe Vivien O’Brian, einer der neuen Praktikantinnen, den Job angeboten«, erklärt er verhalten.
»Eine Praktikantin? Ruf doch die Agentur an, die besorgen dir eine fähige Aushilfe.«
»Nein, Vivien ist die Richtige«, antwortet Matthew entschieden.
»Sie hat doch keine Ahnung von deinen Geschäften.«
»Sie hat etwas an sich. Außerdem spricht sie Chinesisch.«
»Sie hat was? Aha.«
Jetzt lächelt Matthew. »Verlass dich auf meine Menschenkenntnis. Ich sage dir, ich habe ein Gespür dafür, ob jemand fachlich kompetent ist oder nicht. Lass dich nicht von Äußerlichkeiten täuschen.« Dabei schüttelt er amüsiert den Kopf.
»Was heißt Äußerlichkeiten? Ich kenne sie ja nicht mal.«
Greg beobachtet seinen Freund verwirrt. Wenn es sich um Angestellte handelt, ist Matthew in der Regel streng und anspruchsvoll. Und was Frauen angeht: Sein Freund weiß genau, was er will, und das nimmt er sich. Die Frauen, mit denen er bisher zusammen war, interessiert seine arrogante besitzergreifende Art recht wenig. Sie sehen nur sein fantastisches Aussehen und seinen Reichtum. Große Emotionen sind da selten im Spiel.
Matthew lächelt und spricht in Gedanken versunken weiter: »Sie tanzte mit einer besudelten Bluse hier an und hat selbstbewusst versucht, ihr kleines Missgeschick zu überspielen, indem sie ihren Blazer über ihre Brust gezogen hat. Dabei hat sie mich fast herausfordernd angestarrt«, spricht er weiter und Greg kann sehen, dass Matthew mit den Gedanken immer noch bei ihr ist, so als würde er die ganze Situation noch einmal heraufbeschwören. Doch schnell fasst er sich und redet weiter. »Wir haben zusammen zu Mittag gegessen.« Dabei schüttelt Matthew belustigt den Kopf. »Ich habe mich heute Nachmittag mit Aaron wegen des Marketingkonzeptes zu einem Kaffee bei Roberto getroffen und da habe ich sie wiedergesehen. Sie saß zufällig mit der anderen Praktikantin, Carol Carson, an einem der Tische und hat mich heimlich beobachtet«, erklärt er amüsiert. »Ich werde morgen Abend alles Weitere mit ihr besprechen. Es wäre mir recht, wenn du dabei sein könntest. Deine Sekretärin hat den Termin für dich bestätigt. Ich nehme an, du bist bereits informiert?«, verkündet Matthew.
»War heute Nachmittag noch nicht im Büro. Ich bin überrascht, dass du jetzt schon väterliche Gefühle für unsere Praktikanten entwickelst. In der Regel willst du von Frauen nur das Eine.«
Matthew schaut Greg daraufhin nur verwundert an. »Wer spricht denn hier von väterlichen Gefühlen?«
Greg schnaubt. »Matthew, das Mädchen ist zu jung für dich. Ich hoffe, du weißt, was du tust.« Er hat eine genaue Ahnung, was in Matthew vorgeht, und es gefällt ihm nicht. Diesmal ist es anders als bei den Beziehungen, die Matthew nach Gwen hatte, und Greg fürchtet, dass dieses Mädchen doch nur eine andere, neue Version von Gwen sein könnte.
»Ich halte die Risiken so gering wie möglich, das weißt du, Greg.« Plötzlich wirkt Matthew kühl und distanziert, so als spüre er Gregs Vorbehalte und nähme sie ihm übel.
Matthew McQueen hat heute Morgen überraschend angerufen und mich abends zu sich in sein Haus gebeten. Er will mich so schnell wie möglich in mein Arbeitsgebiet einführen, da bereits in der nächsten Woche die erste Geschäftsreise ansteht. Ich habe mit einem Gefühl von Tausenden von Schmetterlingen im Bauch zugesagt. »Um neunzehn Uhr wird Roger Sie abholen. Seien Sie pünktlich«, wies er mich an.
Ich bin aufgeregt, ihn wiederzusehen, dabei habe ich ihn gerade erst kennengelernt und einige Stunden mit ihm verbracht.
»Vivien, vielleicht ist dein Gepäck heute angekommen?«, sagt Carol zu mir, als wir das Appartementhaus betreten.
»Ich frage bei Mrs. Gordon nach. Mit ein bisschen Glück ist der Koffer tatsächlich da. Ich brauche schließlich etwas Angemessenes für heute Abend.«
»Wenn er nicht da ist, kann ich dir mein schwarzes Cocktailkleid ausleihen. Du weißt schon, das mit dem tiefen Rückenausschnitt. Es hat dir so gut gefallen. Du willst doch heute Abend einen guten Eindruck machen«, schlägt Carol mir augenzwinkernd vor.
»So tiefgründig soll der Eindruck dann auch nicht werden«, maßregle ich Carol, die mich augenzwinkernd anschubst. Carol ist meiner Freundin Jo in vielen Dingen ähnlich, außerdem außerordentlich lieb und hilfsbereit und ich könnte mir vorstellen, in ihr eine neue Freundin zu finden. Die Chemie zwischen uns hat sofort gestimmt.
In diesem Moment öffnet Mrs. Gordon die Wohnungstür. »Guten Abend, Ms. O’Brian. Schön, dass Sie klingeln, ich wollte Ihnen eine Nachricht an die Appartementtür hängen: Ihr Gepäck wurde vor einer Stunde bei mir abgegeben.«
»Danke, Mrs. Gordon, ich nehme es gleich mit.« Ich lächle sie an und nehme meinen riesigen Trolley dankend entgegen.
Um neunzehn Uhr stehe ich geduscht, in meinem neuen Rock und der grauen Bluse, die er mir gekauft hat, vor dem großen Spiegel in meinem Appartement. Ich tupfe noch einige Tropfen von meinem Lieblingsparfüm hinter beide Ohren und auf die Handgelenke. Fertig! Meine langen blonden Haare fallen mir seidig glänzend über den Rücken. Ich lächle mir zu und drehe mich ein paar Mal vor meinem Spiegel hin und her.
Der schrille Klingelton an der Tür lässt mich kurz zusammenzucken. Okay, Showtime! Ich schnappe mir meine Handtasche und die Schlüssel.
Vor der Haustür begrüßt mich Roger freundlich. Er hält mir galant die Autotür auf, und ich steige in den schwarzen SUV. Roger sagt mir, dass die Fahrt nicht sehr lange dauern wird, und ich schließe in freudiger Erwartung die Augen.
Als Roger den Wagen durch ein schmiedeeisernes hohes Tor fährt, erwache ich aus meinen Tagträumen. Hier wohnt also Matthew.
Es ist noch nicht dunkel, sodass ich das zweigeschossige Haus aus roten Backsteinen vom Wagen aus bewundern kann. Eine lange Einfahrt schlängelt sich bis hin zu einer großen Garage, die an das Haus anschließt. Roger parkt, öffnet die Wagentür und hält mir, als wäre es die natürlichste Sache der Welt, galant die Hand entgegen. Ich muss schmunzeln.
»Hier entlang, bitte«, weist Roger mir den Weg. Er begleitet mich zum Eingang, der sich auf der linken Seite des Hauses befindet, öffnet die Tür und lässt mich eintreten.
»Darf ich Ihnen Ihre Jacke abnehmen? Mr. McQueen ist sicher im Salon.«
Ich nicke, während ich mich bewundernd umschaue und er mir aus der Jacke hilft. Die verglasten Doppeltüren öffnen sich und Matthew tritt in das Foyer. Er kommt mit einem Lächeln auf den Lippen auf mich zu, während Roger noch an der Tür stehen bleibt.
»Danke, Roger, ich brauche Sie heute Abend nicht mehr. Ein schönes Wochenende, bis Montag«, sagt er zu seinem Fahrer. Roger wünscht uns einen schönen Abend und zieht sich diskret zurück.
Matthew macht eine einladende Geste, ihm zu folgen. »Vivien, ich freue mich, dass Sie da sind.«
Hinter der Glastür befindet sich ein Wohnzimmer. Eine breite Fensterfront bietet einen atemberaubenden Blick auf den Charles River, wo gerade die Sonne untergeht.
»Was kann ich Ihnen zu trinken anbieten?«, fragt er mich.
»Ein Mineralwasser.«
»Ist Ihr Gepäck wieder da?«, möchte er von mir wissen, während er mir mit einer Geste signalisiert, Platz zu nehmen. Dann entschuldigt er sich kurz und verschwindet in den offenen Küchenbereich.
»Ja, es wurde heute Nachmittag gebracht«, rufe ich ihm noch nach, dabei schaue ich mich bewundernd in dem geräumigen Wohnzimmer um. Ich höre, wie er den Kühlschrank öffnet und wieder schließt, bevor er mit einer Flasche Mineralwasser wieder im Wohnzimmer erscheint. Er nimmt zwei hohe Kristallgläser aus der Bar, füllt Mineralwasser hinein und überreicht mir eines der Gläser.
»Sie haben ein schönes Haus«, lobe ich.
»Soll ich Sie herumführen?«
»Gerne«, antworte ich etwas perplex und stelle das Glas auf dem Wohnzimmertisch ab. Ich folge ihm in das Foyer. Er zeigt mir die Räume im Erdgeschoss, die hochmoderne Küche, das Esszimmer, sein Arbeitszimmer, dann führt er mich weiter die geschwungene Treppe hinauf in den ersten Stock. Er deutet auf die erste Tür, sein Schlafzimmer, führt mich aber nicht hinein. Wir gehen weiter, beinahe bis zum Ende des Gangs. »Und das ist das Gästezimmer. Sie können es zum Umkleiden benutzen, wenn wir abends unterwegs sind.«
»Ich könnte das auch in meinem Appartement tun«, antworte ich schlagfertig.
Er schaut mich an, bevor er antwortet: »Wir werden viel unterwegs sein. Manche Abendessen finden auch in meinem Haus statt, sodass wir vom Büro oder wo wir auch immer gerade sind, direkt hier herfahren.«
Ich nicke und schaue interessiert in den Raum. Er ist hübsch eingerichtet, alles wirkt neu, aber dem Zimmer fehlt die persönliche Note. Es ist mir bereits im ganzen Haus aufgefallen. Es gibt keine Bilder, die an den Wänden hängen, oder andere Gegenstände, die auf seinen Bewohner hinweisen. Die ganze Wohnung wirkt, als wäre sie für einen Bericht in Harper’s BAZAAR hergerichtet worden.
Matthew räuspert sich. »Die Kleider, die ich gestern Mittag in der Boutique geordert habe, waren selbstverständlich für Sie, Vivien«, spricht er mich jetzt an und deutet dabei auf die Tür neben dem Bett. »Sie hängen alle in dem begehbaren Schrank.«
Ich drehe mich um und schaue ihm jetzt direkt in die Augen. »Aber das ist doch nicht nötig«, antworte ich, obwohl das Mädchen in mir, das schöne Dinge liebt, sich freut. Die selbstbewusste Frau sieht das Ganze mit eher gemischten Gefühlen.
Matthew zieht leicht die Augenbrauen nach oben und atmet hörbar aus. »Vivien, wenn Sie mich künftig zu Geschäftsterminen begleiten, brauchen Sie eine entsprechende Garderobe.« Dabei nimmt er eine Tüte mit dem Logo der Boutique von der Kommode und überreicht sie mir.
»Ich habe doch gesehen, dass Sie sich in das Kleid verliebt haben. Schon als Sie es im Schaufenster bewundern konnten. Es passt zu Ihnen. Das Türkis des Kleides unterstreicht Ihre blauen Augen.« Er schmunzelt mich erwartungsvoll an.
Ich nehme ihm die Tüte aus der Hand und greife hinein. Zum Vorschein kommt das Sommerkleid, das mir so gut gefallen hat. Ich atme hörbar ein und lächle ihn glücklich an. »Dass Sie das bemerkt haben. Aber das kann ich unmöglich zu Geschäftsterminen anziehen«, sage ich unsicher, obwohl mein Herz doch erfreute Hüpfer macht.
»Das ist ein privates Geschenk. Es ist schön, Menschen mit einer kleinen Geste eine Freude machen zu können«, antwortet er. »Martha bekommt ein monatliches Kontingent von mir für repräsentative Kleidung zur Verfügung gestellt. Darum habe ich Ihnen die Sachen gekauft. Sie werden sie brauchen. Sehen Sie es einfach als Arbeitskleidung an, okay?«
Ich nicke etwas benommen. So habe ich es noch nicht betrachtet.
»Sie können sich gleich etwas Passendes aussuchen und schauen, ob die anderen Kleider auch Ihrer Größe entsprechen. Ich hatte vergessen, Ihnen zu sagen, dass ich noch Gäste erwarte. Ich habe Greg Montgomery mit seiner Partnerin für heute Abend zum Essen dazu gebeten. Greg ist mein Jurist und Finanzberater in der Firma und außerdem ein enger Freund von mir. Sie werden gleich hier sein, also suchen Sie sich etwas Schönes aus. Ich werde mich ebenfalls noch schnell umziehen und warte unten auf Sie.« Er nickt mir aufmunternd zu.
Bevor ich etwas erwidern kann, dreht er sich schon um und eilt den Gang entlang und die Treppe hinunter. Ich betrete kopfschüttelnd den begehbaren Schrank. Hier hängen einige schicke Outfits. Ich streiche bewundernd mit der Hand über den zarten Stoff des atemberaubenden silbernen Kleides aus fließender Seide, das ich bereits im Laden anprobieren durfte, und auf dem Schrankboden stehen auch die megahohen schwarzen Pumps. Ich ziehe neugierig eine Schublade auf, in der tatsächlich verführerische Dessous liegen. Soll das etwa alles für mich sein? Meine Hand fährt über den zarten Kleiderstoff und ich kann trotz aller Alarmglocken, die gerade in meinem Kopf läuten, nicht widerstehen, mich in diesem Outfit zu sehen. Aber die Unterwäsche? Das geht zu weit. Hat er die Dessous etwa auch für mich gekauft? Vielleicht hat er sie sogar selbst ausgesucht. Oh mein Gott. Obwohl ich verstehe, warum. Unter so einem dünnen, anliegenden Kleid sollte man auch die passende Unterwäsche tragen. Wird er mich darin sehen wollen? Ach was, so ein Unfug. Meine Fantasie geht wohl mit mir durch. Die Verkäuferin schien ihn gut zu kennen, wahrscheinlich ist sie schlicht gut in ihrem Job und weiß um die Wichtigkeit passender Dessous unter figurbetonter Kleidung.
Noch beschwingt von der Euphorie, solch edle Kleidung besitzen zu dürfen, zögere ich nicht lange und ziehe mich schnell aus.
Die Seide schmiegt sich sanft an meinen Körper und ich betrachte mich im Spiegel. Wow, das Kleid ist echt der Hammer.
Ein leichtes Klopfen unterbricht meine Gedanken. »Herein«, rufe ich.
Die Tür öffnet sich und Matthew erscheint. Lässig lehnt er sich in den Türrahmen und sein Blick zieht mich praktisch aus. Wollte er nicht unten auf mich warten? »Sehr schön, genau so habe ich mir dich vorgestellt.« Sein Gesicht nimmt einen sanften Ausdruck an. Auch er hat sich umgezogen und sieht in seinem Abendanzug atemberaubend elegant aus.
Seit wann haben wir denn zu dem vertraulichen Du gewechselt? Ich beschließe, ihn ebenfalls zu duzen.
Ich schüttle etwas hilflos den Kopf. »Das Kleid ist wunderschön, vielen Dank, Matthew, ich weiß gar nicht, was ich sagen soll.« Ich strahle ihn an.
Sein Blick wird warm. »Sag gar nichts. Allein dein Lächeln ist für mich Dank genug«, sagt er.
Für ihn ist das Thema scheinbar erledigt, denn er wechselt wieder in den Smarter-Geschäftsmann-Modus, als er weiterspricht: »Komm, wir haben einen Gast zum Essen, den wir nicht warten lassen sollten. Greg hat von unterwegs angerufen, er kommt heute allein. Er ist bereits da.«
Er hält mir wieder die Hand entgegen. Ich gehe etwas zögernd auf ihn zu, er legt seine Finger auf meinen Rücken, genau auf die Stelle, an der der Stoff aufhört, und ich spüre, wie ein Kribbeln durch meinen Körper fährt.
»Tun die Menschen immer, was du von ihnen verlangst?«, frage ich mutig.
Er schaut mich belustigt an. »Ich bin es gewöhnt, dass man meine Befehle ausführt.«
Seine Befehle ausführt! Tja, ich bin heute nicht zum ersten Mal sprachlos und folge ihm die Treppe hinunter. Und in diesem Moment fallen mir die Worte von Carol ein: Pass auf!
Ich betrete, gefolgt von Matthew, der immer noch die Hand auf meinem Rücken liegen hat, den Wohnbereich und werde dort von Greg, seinem Finanzberater, mit einem herzlichen Lächeln empfangen.
»Greg, das ist Vivien O’Brian, meine neue Assistentin. Vivien, Greg Montgomery, meine rechte Hand und Berater in allen Finanzfragen. Du wirst in den nächsten Wochen häufig auch mit ihm zu tun haben.«
Wir begrüßen uns und ich bemerke, wie Greg fragend eine Augenbraue hochzieht und Matthew dabei ansieht. Greg legt mir ein mehrseitiges Schriftstück vor und bittet mich, es durchzulesen und dann zu unterschreiben. Es ist eine Verschwiegenheitserklärung.
»Das ist obligatorisch, Vivien«, erklärt Greg. »Wir müssen uns absichern, dass nichts, was das Geschäft betrifft, nach außen gelangt.«
»Klar, das ist kein Problem«, erwidere ich. Ich nehme den schwarzen Montblanc-Füller, den Matthew mir reicht, und unterschreibe. Matthew wirkt nun wesentlich entspannter.
Während des Essens, besprechen Greg und Matthew die Einzelheiten der Verträge für das Asiengeschäft und geben mir einen ersten Einblick in mein Aufgabengebiet. Ich soll Matthew in der nächsten Woche zu einem Geschäftstermin im Ausland begleiten. Außerdem will Matthew, dass ich direkt nach der Geschäftsreise im Marketingteam eingearbeitet werde, das für das Projekt verantwortlich ist. Jetzt bin ich wirklich begeistert, denn das ist genau mein Ding. Für den Marketingbereich habe ich mich schon immer interessiert.
Ich genieße den Abend. Greg ist ein angenehmer Gesprächspartner und schon bald sind wir in ein interessantes Gespräch vertieft. Greg und Matthew haben an der gleichen Universität, in Harvard, studiert, wie Greg mir erzählt. Ich mag Greg auf Anhieb. Er ist mit seinen geschätzten einsfünfundachtzig ein Stückchen kleiner als Matthew. Beide Männer sind durchtrainiert, und da sie ihre Sakkos bereits ausgezogen haben, sind ihre Oberarmmuskeln nicht zu übersehen. Was würde Jo jetzt sagen, wenn sie mich hier sehen könnte?
Matthew beobachtet mich während des Essens, und auch später beim Kaffeetrinken mustert er mich immer wieder mit einem nachdenklichen Gesichtsausdruck.
Auch mein Blick begegnet dem seinen einige Momente länger, als es angemessen wäre, und bald kann ich das Knistern und die immer stärker werdende Spannung in der Luft zwischen uns fast körperlich spüren. Habe ich mich also doch nicht getäuscht? Immer wieder ruht sein durchdringender Blick auf mir. Und ich kann es selbst kaum glauben, aber sobald ich ihm in die Augen sehe, ist da dieses seltsame Kribbeln in meinem Inneren, das mich vollkommen neben mir stehen lässt. Ich erliege immer mehr der erotischen Ausstrahlung dieses Mannes. Dabei ist er doch mein Boss!
Das muss jetzt wirklich aufhören, ermahne ich mich innerlich.
Nach dem Essen erhebt sich Matthew. »Vivien, entschuldige uns für einen Augenblick. Ich habe einige Papiere, die ich Greg noch mitgeben möchte, bevor wir nach Asien fliegen.«
Wir stehen vom Tisch auf, betreten den Wohnbereich und Matthew schiebt mich sanft zu der weitläufigen weißen Ledersitzgruppe. »Ich bin gleich wieder da«, flüstert er mir zu.
Mir entgeht nicht, wie Greg ihm einen undefinierbaren Blick zuwirft, dann wendet er sich mir zu.
»Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende, Vivien, wir sehen uns am Montag im Büro«, sagt Greg und verabschiedet sich von mir, bevor beide Männer in Richtung von Matthews Arbeitszimmer verschwinden.
Ich lehne mich in die weichen Polster und schließe kurz die Augen. Was für ein Tag.
»Matthew, ich habe deinen Blick gesehen. Du bist wieder auf der Jagd. Du hast doch nicht etwa vor, was mit Vivien anzufangen? Was soll das?«, entfährt es Greg, während er im Arbeitszimmer aufgebracht auf und ab geht. »Ich kenne dich lange genug. Hast du mir nicht erzählt, dass sie lediglich Martha vertreten soll? Und wieso beziehst du sie jetzt schon in das Marketing mit ein? Du hast doch genug fähige Leute dafür. Oder ist das wieder mal eine deiner Anwandlungen, was deine Menschenkenntnis betrifft? Glaubst du wirklich, dass es sinnvoll ist, Vivien jetzt schon in Aarons Teams mitarbeiten zu lassen?«
Matthew hebt abwehrend die Hand, will Greg unterbrechen, doch der redet hitzig weiter. »Matthew, die Kleine ist doch viel zu jung für dich. Jetzt, wo ich sie kennengelernt habe, kann ich dir nur sagen, du bist verrückt. Du bist vierunddreißig, sie dreiundzwanzig. Sie ist ein unschuldiges junges Ding. Okay, ich muss dir Recht geben, sie ist intelligent und macht auf mich einen fantastischen Eindruck. Sie kann sich wunderbar artikulieren und ich denke, sie wird Martha würdig vertreten, das ist nicht der Punkt. Aber sie wirkt auf mich nicht, als hätte sie viel Erfahrung mit Männern. Wenn du keine ernsthaften Absichten mit ihr hast, kann ich dir nur raten, die Finger von ihr zu lassen. Vivien ist zu schade für deine kurzen Eskapaden. Ich kann mir kaum vorstellen, dass sie sich wie eins von deinen Betthäschen benutzen lässt, oder hast du mehr mit ihr im Sinn als ein kleines Abenteuer? Denk doch nur an deine katastrophale Ehe mit Gwen. Warst du es nicht, der gesagt hat: Keine tiefer gehenden Beziehungen mehr? Und dann noch eine Angestellte, eine Praktikantin. Verflucht, Matthew! Ich habe gestern schon versucht, dir das auszureden.« Greg schüttelt gleichzeitig verärgert und besorgt den Kopf. »Oder täusche ich mich? Ist es nur beruflich? Entdeckst du deine Mentoren-Fähigkeiten? Ist Vivien aus diesem einen Grund heute Abend hier?«, fragt Greg, dabei dreht er den Kopf zur Tür.
Matthew sagt immer noch nichts. Er lässt nur gedankenverloren den Kugelschreiber in seiner Hand durch seine Finger gleiten. Sein Schweigen bestätigt Greg alles.
»Hast du nicht auch so genug Abwechslung? Warum ausgerechnet sie? Du hast immer Privates und Geschäftliches getrennt. Das ist doch immer deine Rede gewesen?«
Endlich legt Matthew den Stift aus der Hand und funkelt seinen Freund entschlossen an. »So, meinst du? Kümmere dich gefälligst um die Verträge mit den Asiaten und nicht um meine privaten Entscheidungen«, unterbricht Matthew aufgebracht Gregs Redefluss. Dann fährt er sich durch die Haare und lässt sich in seinen breiten Schreibtischsessel fallen. »Ach verdammt, Greg, seit sie in mein Büro gestolpert ist, will ich sie haben. Ich hätte sie am liebsten schon an ihrem ersten Tag in mein Büro gezerrt und sie auf meinem Schreibtisch genommen. Glaub mir, diesmal ist es anders. Sie ist jung, intelligent, keine von diesen oberflächlichen Frauen und ich werde mir die Kontrolle nicht noch einmal aus der Hand nehmen lassen. Dieses Mal nicht. Ich weiß, was ich tue. Und was die Marketing-Angelegenheit betrifft: Ich habe mich mit Aaron unterhalten. Er braucht dringend Unterstützung in seinem Team. Vivien war ursprünglich auch für seine Abteilung eingeteilt. Sobald das Geschäft abgeschlossen ist, werde ich sie wie geplant seiner Abteilung zuteilen.«
Einen Augenblick lang fixiert Greg seinen Freund. »Du bist verrückt. Vollkommen verrückt«, antwortet Greg, nun belustigt, als wüsste er etwas, das Matthew verborgen blieb.
»Mag sein, aber sie hat so etwas Ehrliches und Unschuldiges an sich«, sagt Matthew und senkt nachdenklich den Blick.
»Ich hoffe, du weißt, was du tust. Sie weiß es scheinbar nicht mehr. Meinst du, mir wäre nicht entgangen, wie sie dich angesehen hat? Was heißt angesehen? Angehimmelt hat sie dich, wie ein junger Welpe seinen Herren. Matthew, überleg dir, was du tust. Du könntest dich in ernsthafte Schwierigkeiten bringen. Sie ist eine Praktikantin in deinem Unternehmen. Mit ihr kannst du deine Spielchen nicht treiben!«, beschwört Greg seinen Freund ein letztes Mal.
Doch dieser verzieht keine Miene. »Wir werden sehen«, antwortet Matthew nachdenklich.
»Ach, mach, was du willst, sag aber nicht, ich hätte dich nicht gewarnt. Wir sehen uns dann am Montag.« Mit diesen Worten verlässt Greg kopfschüttelnd das Arbeitszimmer.
Ich sitze mit geschlossenen Augen auf dem Ledersofa. Als sich mir von hinten zwei Hände auf die Schultern legen, zucke ich kurz zusammen. Ich habe Matthew nicht gehört, er muss sich lautlos wie ein Tiger bewegt haben. Seine Hände sind warm und kraftvoll, als sie mir von den Schultern zum Nacken hinaufstreichen und sanft meine Muskeln massieren. Ich ziehe erschrocken die Luft ein. Was soll ich tun? Ihn gewähren lassen? Ich sollte irgendetwas sagen, aufstehen und gehen. Aber irgendeine fremde Macht hält mich auf diesem Sofa fest.
»Entspann dich, Vivien«, höre ich seinen sanften Befehl hinter mir, und ich tue es, gebe mich dem ungewohnten Gefühl von Verlangen hin.
Verlangen, das ist es, was ich in seiner Gegenwart empfinde. Ich kann es nicht mehr leugnen. Bin ich denn verrückt? Aber dieser Gedanke verschwindet so schnell, wie er aufgeflackert ist. Und ich wäre ja auch nicht die Erste, die sich in ihren Chef verliebt. Verdammt, ich will ihn und er will mich.
Plötzlich nimmt Matthew seine Hände von mir und umrundet das Sofa, bis er vor mir steht.
Ich öffne die Augen und sein begehrlicher Blick ruht fest auf mir. Matthew streckt mir die Hand entgegen. Ich ergreife sie ganz automatisch und während ich mich in seinem Blick verliere, zieht er mich mit einer schnellen Bewegung hoch, sodass ich direkt an seiner Brust lande. Ich bin wie hypnotisiert. Mein Gesicht ist von seinem nur einige Zentimeter entfernt und ich muss den Kopf leicht in den Nacken legen, um ihn anzusehen.
Mein Herz schlägt schneller, mein Atem kommt stoßweise und ich fühle wieder dieses Kribbeln im Bauch.
Was geschieht hier mit mir? So habe ich noch nie empfunden. Bei meinem ersten Freund habe ich nicht annähernd solch intensive Gefühle gehabt. Na ja, vielleicht sind wir deshalb auch nie übers Schmusen und Küssen hinausgekommen. Er war eben nicht der Richtige. Und bei den Typen, die ich nach ihm kennengelernt hatte, habe ich schnell gemerkt, dass hier keine Basis für eine längere Beziehung vorhanden war. Wir waren ein paar Mal aus, das war es dann auch schon. Ich bin einfach zu bodenständig, ich sehe meinen Weg ganz genau vor mir. Was ich mir wünsche, ist eine ehrliche Beziehung, die auf Vertrauen basiert. Ob Matthew mir eine Perspektive für eine wirkliche Beziehung geben wird, weiß ich nicht. Ich will es auch im Moment gar nicht wissen. Bei keinem habe ich jemals derartiges Begehren verspürt. Wenn ich jetzt nachgebe, werde ich es spätestens morgen früh bereuen, das weiß ich. Aber in diesem Augenblick schalte ich meine Vernunft einfach aus. arMatthew sieht fragend in meine Augen, als warte er auf eine Antwort, eine Zustimmung. Er zögert kurz. Dann löst er seine Krawatte und lässt sie auf das Sofa fallen. Sein Mund ist meinem jetzt nur noch ein winziges Stück fern … und dann küsst er mich.
Ich bin vollkommen willenlos, als seine Zunge meine Lippen teilt und tief in meinen Mund eindringt. Er küsst mich mit einer solchen Intensität, dass ich das Gefühl habe, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Dieser Mann ist einfach zu sexy und er hat Erfahrung.
Noch während wir uns küssen, hebt er mich auf seine Arme und trägt mich durch das Wohnzimmer die Treppe hinauf. Ich bin machtlos, höre nur das Geräusch seiner Schuhsohlen auf dem Parkett und spüre, wie seine Atmung sich beschleunigt.
Vor seinem Schlafzimmer bleibt Matthew stehen, schaut mir tief in die Augen und sagt mit heiserer Stimme leise: »Ich will dich! Und ich weiß, dass du mich auch willst. Aber du brauchst nur Nein zu sagen und wir vergessen das Ganze.« Bei diesen Worten blickt er kurz zur Zimmertür und ein fast schon verführerisch diabolisches Lächeln umspielt seine Mundwinkel.
Wie sollte ich Nein sagen? Meine Gedanken überschlagen sich und ich weiß, dass das, was wir vorhaben, falsch ist. Ich kenne ihn doch überhaupt nicht. Was weiß ich denn von ihm? Aber dieses Lächeln von ihm, seine sanfte Stimme, sein Selbstbewusstsein, das alles überwältigt mich. Ich bin verloren! Ich war es schon zu dem Zeitpunkt, als ich ihm zum ersten Mal in die Augen geschaut habe. Verdammt, ich kann nicht mehr Nein sagen und ich will es auch nicht. Falls ich noch Bedenken hatte, werfe ich sie spätestens jetzt über Bord, seine Nähe ist das Einzige, was in diesem Augenblick zählt. Ja, so muss es sein, das Gefühl, sich jemandem bedingungslos hinzugeben. Ihm verfallen zu sein.
»Ja«, flüstere ich, »ich will es.« Als ich die Worte ausgesprochen habe, schrecke ich für einen kleinen Moment wegen meines Wagemutes zusammen, und dann bin ich wirklich verloren.
Matthew schließt nur kurz die Augen, ich sehe noch die Erleichterung darin.
Die Tür fällt ins Schloss und Matthew schiebt mich behutsam in Richtung des großen, mit weißem Leinen bezogenen Bettes. Die Beleuchtung im Raum ist durch die beiden Lampen auf den Nachttischen gedämpft.
Matthew betätigt die Fernbedienung und schon schließt sich die Jalousie, die dunkle Nacht über Boston bleibt draußen. Ich schaue etwas verlegen zu ihm auf.
»Du bist wunderschön, Vivien.« Er ergreift meine Hand und zieht mich ganz nah an seinen Körper. Wieder nimmt er mich in seine Arme, bedeckt mein Gesicht, meinen Hals mit Küssen. Sein Aftershave mit einer sandelholzartigen Note prägt sich in diesem Augenblick für immer in mein Bewusstsein ein. Er schiebt die Zeigefinger unter die Träger meines Kleides und lässt es bis zur Taille heruntergleiten.
Eine Gänsehaut legt sich über meinen Körper. Nicht, weil ich friere, im Gegenteil, in seiner Nähe schmelze ich wie ein Eiswürfel in der Sonne. Ich spüre seine Erektion hart an meinem Bauch und schließe für einen Augenblick die Augen. Ein leichter Schauer überkommt mich. Jetzt fährt sein Mund von meinem Schlüsselbein zu meinen Brüsten und über meinen Bauch, er sinkt auf die Knie. Ich lege den Kopf in den Nacken und meine Hände greifen in sein dichtes, schwarzes Haar, während er meinen ganzen Körper mit Küssen bedeckt.
Ich hole tief Luft, will ihm etwas sagen. »Matthew, ich …«
»Still, ich werde dich jetzt lieben. Dreh dich um, Vivien.« Er öffnet mit einem geschickten Handgriff meinen BH, der sogleich zu meinem Kleid auf den Boden fällt. Ich stehe nun mit dem Rücken zu ihm, er umschlingt mich und seine Hände wandern zu meinen Brüsten, die er zart streichelt. Ich spüre seine Lippen an meinem Nacken, während er immer fordernder meinen Körper mit seinen Händen in Ekstase versetzt. Eine Hand lässt er dabei besitzergreifend auf meiner Brust liegen, wohingegen die andere erregend langsam über meinen Bauch wandert und weiter bis zum Rand meines Strings. Ich ziehe scharf die Luft ein. Jetzt schiebt er seine Daumen unter den Bund meines Höschens und zieht es langsam herunter, bis ich nackt vor ihm stehe. Dabei zieht er eine Linie mit Küssen von meinem Rücken über meinen Po bis zu meinen Beinen hinunter.
Mein Verstand flackert für eine Sekunde auf. Oh Gott, was tue ich hier? Schauer der Erregung laufen wieder über meinen Körper. Ich kann und will nicht mehr verhindern, was jetzt geschehen wird.
»Du bist atemberaubend, Vivien. Schau mir in die Augen.«
Ich drehe mich um und er umfasst mit beiden Händen mein Gesicht. Als er mich küsst, schwinden mir fast die Sinne.
Und wieder liege ich in seinen kraftvollen Armen, als er mich zurück aufs Bett drängt. Er spreizt mit seinen Knien meine Beine, bevor er sich wieder erhebt. Dann steht er vor mir, schaut mit einem lüsternen Blick auf mich herunter. Ich kann das Verlangen in seinen Augen wie ein Feuer lodern sehen. Ja, ich will diesen Mann. Das Bett gibt unter ihm nach, als er sich zu mir kniet. Seine Hände wandern von meinem Hals hinunter zu meinen Brüsten über meinen Bauch bis hin zu der geheimen Stelle, die sich danach verzehrt, von ihm berührt zu werden. Ich biege ihm meine Hüften entgegen, vergrabe meine Hände in den kühlen Laken und ein leises Stöhnen kommt über meine Lippen.
Matthew sieht mich an und zieht warnend eine Braue hoch. »Ich bestimme unser Tempo, Kleines. Vertrau mir. Ich gebe beim Sex nie die Kontrolle aus der Hand, das solltest du wissen.« Und wieder spüre ich seine warmen Lippen zuerst an der Stelle an meinem Hals, wo das Blut wie bei einer Verfolgungsjagd durch meine Adern rauscht. Dann lässt er langsam seinen Mund zu meinen Nippeln gleiten, nimmt sie zwischen seine Lippen und saugt abwechselnd genüsslich daran, bis ich leise aufstöhne. Er hebt den Kopf und lächelt mich, scheinbar zufrieden über meine Reaktion, an.
»Mehr?«, fragt er leise.
»Ja«, bringe ich unsicher heraus.
Er erhebt sich, kniet sich zwischen meine Beine und beugt sich über mich. Seine Hand streicht zärtlich eine Haarsträhne aus meinem Gesicht, bevor er mit seinem Daumen die Konturen meiner Lippen nachfährt. Wie im Reflex öffne ich meinen Mund und lasse meine Zungenspitze um seinen Daumen kreisen. Das köstliche Pulsieren zwischen meinen Beinen ist wieder da. Noch stärker als vorher. Verdammt, ich hätte nie gedacht, dass so eine simple Berührung solche Empfindungen in mir auslösen kann. Oder liegt es einfach nur an dem Mann, der es versteht, eine Frau in Ekstase zu versetzen? Matthew wird fordernder, schiebt seinen Daumen jetzt ein Stück in meinen Mund und ich sauge gierig daran, schließe die Augen und lasse mich treiben. Berühr mich doch endlich! Als hätte er meine Gedanken erraten, spüre ich seine Hand auf meinem Bauch, die immer tiefer und tiefer zu meiner Pussy gleitet. Ich winde mich auf dem Bett, drücke ihm meine Hüfte entgegen, um ihm zu zeigen, dass ich mehr will. Viel mehr. Seine Hand liegt erst ruhig auf meinem Venushügel, und endlich schiebt er zwei Finger zwischen meine Schamlippen. Ich schnappe nach Luft und vergrabe meine Hände wieder in dem Laken. Aber Matthew gibt mir Zeit. Er bewegt seine Finger nicht. Noch nicht. Er schaut mir stattdessen mit seinem teuflisch verführerischen Blick tief in die Augen und ich beginne wieder, mich vor Verlangen unter ihm zu winden. Ich schließe die Augen und wieder stöhne ich auf.
»Schau mich an! Verschließe niemals die Augen vor mir, wenn wir Sex haben«, befiehlt Matthew. »Ich will darin sehen, wenn du kommst. Ich will dein Verlangen sehen.« Bei seinen letzten Worten huscht ein sardonisches Lächeln über sein Gesicht.
Ich habe mich also doch nicht getäuscht. Dieser Mann hat etwas Dominantes an sich, aber das ist im Moment egal. Jetzt gibt es kein Zurück mehr und im Grunde will ich das auch gar nicht.
Ich stöhne erneut; das, was er sagt, lässt mein Blut in Wallung geraten. Mein ganzer Körper steht in Flammen, sehnt sich nach mehr. »Bitte, Matthew …«
»Bitte was? Flehst du mich etwa schon an, dich zu nehmen?« Sanft massiert er mit seinen Fingern immer wieder meine Klitoris, lässt seine Finger sanft darüber gleiten, bis ich den Kopf zur Seite werfe und die Augen jetzt doch schließe. Ich spüre, wie feucht ich werde und wie kleine Lustschweißtropfen an meinem Po herunterlaufen. Die Empfindungen, die durch meinen Körper jagen, sind kaum zu beschreiben. Bitte hör jetzt bloß nicht auf, bitte. Ich spreize meine Beine weiter, lasse mich in die köstlichen Qualen der Lust fallen, die so intensiv sind, während Matthews Finger zwischen meinen Schamlippen vergraben sind und sein Daumen unaufhörlich meine Klitoris massiert. Ich keuche und winde mich auf dem Bett, stehe kurz vor der Klippe, als Matthew von mir ablässt.
Ich höre sein dunkles, erotisches Lachen. Er dreht sich um, öffnet die Schublade des kleinen Beistelltischchens neben dem Bett und nimmt ein Kondom heraus. Schnell entledigt er sich seiner Hose und der Boxershorts. Geschickt streift er das Kondom über, packt mich an den Hüften und stößt mit einer energischen Bewegung tief in mich hinein.
Vor Schmerz und Überraschung schreie ich auf, versuche unwillkürlich, ihn abzuwehren. Es war nur ein kurzer, aber scharfer Schmerz und meine Reaktion tut mir leid, als ich den erschrockenen Blick in seinem Gesicht sehe.
»Verdammt, Vivien, ist das dein erstes Mal?«, fragt er fassungslos. Er hält kurz inne, zieht sich aber nicht aus mir zurück. Er schließt kurz die Augen, so als hadere er mit sich selbst, dem Ganzen hier vorzeitig ein Ende zu machen.
Ich beiße mir auf die Lippen und nicke. »Ist schon gut, mach weiter, bitte. Ich war so kurz davor.«
Forschend sucht er meinen Blick, legt seine Hand auf meine Wange und streichelt zärtlich mit dem Daumen darüber. Er wirkt bestürzt, als er mich jetzt ansieht. Ich versuche etwas zu sagen, aber er verschließt meinen Mund mit einem intensiven Kuss, sodass ich die Lippen öffne und seinem Zungenspiel folge, bis ich mich ihm wieder vollkommen öffne. Matthew löst sich ein Stück von mir, schiebt seine Hand zwischen unsere Körper und findet meine Klit, und wieder streicht er mit viel Gefühl darüber. Seine Lippen finden den Weg zu meinen Nippeln, lecken und saugen abwechselnd daran, bis ich mich erneut unter seinen Berührungen winde.
»Okay, ich werde vorsichtig sein.« Matthew fängt wieder an, sich behutsam in mir zu bewegen und streicht mit dem Daumen mit leichtem Druck weiter über meine Klitoris. Der Schmerz in meinem Schoß lässt nach und ich spüre, wie mich die Wellen der Erregung von Neuem packen. Ich seufze vor Lust. Er beobachtet mich ganz genau. Jetzt bewegt Matthew sich schneller. Ein Wirbelsturm von Gefühlen nimmt von meinem Körper Besitz. Ich klammere mich an ihn, lege meine Beine um seine Hüften, um ihm ganz nah zu sein. Und genau wie er fiebere auch ich dem Höhepunkt entgegen.
»Oh, meine Schöne, du bist so wunderbar eng«, stößt Matthew hervor, während er sich in einem stetigen Rhythmus bewegt.
Und dann lasse ich los und gebe mich meinem ersten Orgasmus mit einem Mann hin. Ich greife nach seinen Handgelenken, klammere mich wie eine Ertrinkende daran fest, während er immer tiefer in mich hineinstößt, und schreie seinen Namen, bis auch ihm der Höhepunkt Erlösung bringt.
Ich liege in Matthews Armen, als ich die Welt um mich herum wieder wahrnehme.
»Warum hast du es mir nicht gesagt? Ich wäre wesentlich sanfter mit dir umgegangen. Ich hätte dich das erste Mal auch ohne mit dir zu schlafen zum Schreien gebracht«, flüstert er leise mit einem Lächeln in der Stimme an meinem Ohr. »Es tut mir leid, wenn ich dir Schmerzen zugefügt habe.« Seine Stimme ist weich. Er betrachtet mich forschend, seine Hand streicht zart über meine Schulter.
Verlegen sehe ich ihn an und schüttle mit dem Kopf. »Ich wollte es dir ja sagen, aber du hast mir keine Möglichkeit gegeben. Es ging alles so schnell. Du hast so viel Erfahrung und ich … « Weiter kann ich nicht sprechen. Jetzt fühle ich mich doch etwas verlegen und ernüchtert. Für mich war es wunderschön. Aber für ihn? Er hat so viel mehr Erfahrung als ich.
Matthew lacht leise. »Glaubst du, das hätte mich gestört? Hattest du Angst vor meiner Reaktion?«
Ich schüttle den Kopf.
»Vertrau mir. Das ist erst der Anfang«, verspricht mir Matthew. »Wie hast du es fertig gebracht, dich so lange vor der Männerwelt zu verstecken?«
Ich zucke nur mit der Schulter. »Ich hatte natürlich schon einen Freund, aber mit ihm geschlafen habe ich nie. Es war nichts Besonderes, wenn wir … du weißt schon, intim miteinander waren. Irgendwie habe ich gespürt, dass er nicht der Richtige war, dem ich mich hingeben wollte«, antworte ich ihm etwas peinlich berührt. Über solche Dinge habe ich bis jetzt höchstens mit Jo gesprochen.
Matthew unterbricht mich, als er merkt, wie schwer es mir fällt, über meine erste sexuelle Beziehung zu sprechen. »Ich hoffe, bei mir ist das anders. Ich erwarte sogar, dass du mit mir über alles sprichst. Bei mir muss dir niemals etwas peinlich sein.«
Er küsst mich zärtlich auf den Mund. »Bis jetzt habe ich immer Geschäftliches und Privates streng getrennt, aber bei dir war das anders.« Dabei zieht er die Decke über meine Schultern und streicht mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht. »Das hier wird kein One-Night-Stand. Es hätte auf diese Weise nicht geschehen dürfen, nicht so schnell. Es ist das erste Mal, dass mir so was passiert. Ich habe dich gesehen und musste dich haben. Entgegen jeder Vernunft.«
Ich kuschle mich bei seinen Worten näher an seine Brust und atme seinen Duft nach herben Aftershave und einem Hauch von Sex ein. Auch ich musste ihn haben. Seine Hand streicht leicht über mein Haar, als er weiterspricht. »Schon bei unserer ersten Begegnung im Foyer wollte ich dich.« Dabei lacht er verschmitzt.
Ich bin noch immer total durcheinander. In meinem Kopf schwirrt das herum, was eben geschehen ist, und auch das, was er gesagt hat.
»Mir ging es ganz ähnlich«, gestehe ich ihm schüchtern. Warum will er mich? Was habe ich ihm schon zu bieten? »Aber du kannst jede Frau haben. Warum ich?« Ich werde rot, da ich mich ihm so offenbart habe.
Seine Fingerspitze umkreist spielerisch meine Nippel »Weil du anders bist. Ich will für dich da sein und dich beschützen.«
Vor was will er mich denn beschützen? »Du willst mich beschützen?« , frage ich amüsiert.
»Ja.«
»Wovor?«
»Vor allem, was sich dir in den Weg stellt.«
Diese Antwort habe ich nicht erwartet, aber ich denke nicht weiter darüber nach. »Im Grunde weiß ich gar nichts über dich. Und du nichts von mir«, entfährt es mir. »Wahrscheinlich denkst du jetzt von mir, ich bin eine Schlampe, die nur darauf aus war, mit dem Chef ...«
Er unterbricht mich sofort und legt mir einen Finger auf die Lippen. »Nein, das will ich nicht hören. Diesen Eindruck hast du mir nie vermittelt. Im Gegenteil, ich war es, der dir keine andere Wahl gelassen hat.« Ich erschrecke bei seiner heftigen Reaktion. Er merkt es und streicht zärtlich über meine Wange. »Vivien, ich habe das nicht geplant, es ist einfach passiert.« Dann dreht er sich kurz weg und starrt an die Decke, bevor er sich mir wieder zuwendet. »Nein, das ist nicht richtig. Natürlich habe ich gehofft, dass du meine Gefühle erwidern wirst. Im Grunde habe ich es schon gespürt, als du oben im Konferenzraum gesessen hast. Du warst mit deinen Gedanken überall, nur nicht bei dem Gespräch«, meint er schmunzelnd. »Gefühle kann man nicht immer steuern. Du solltest dir keine Gedanken darüber machen, dass in der Firma schlecht über dich geredet wird. Ich werde mich um alles kümmern und nicht zulassen, dass so etwas passiert, okay? Das zwischen uns ist unsere Privatsache und geht keinen etwas an.« Er blickt mich forschend an. »Wenn es dir lieber ist, können wir das vor der Belegschaft auch verheimlichen. Aber ich warne dich: Getratsche wird es geben.«
Ich nicke. »Ja, vielleicht am Anfang. Ich möchte nicht, dass jeder denkt, ich würde mit dir wegen des Jobs schlafen.«
»Das würde ich nicht zulassen. Aber ich denke, du hast recht. Ich weiß nicht, wo das mit uns beiden hinführen wird, aber ich möchte, dass du mir vertraust, Vivien. Wir werden uns die Zeit nehmen, um uns besser kennenzulernen«, sagt er und küsst dabei meine Nasenspitze. »Willst du meine Familie kennenlernen?«, entgegnet er mich plötzlich.
»So schnell schon?« Ich bin überrascht und löse mich von seiner Brust, um ihm in die Augen zu sehen.
»Warum denn nicht? Ich fahre am Sonntag zu meinen Eltern. Sie wohnen etwas außerhalb von Boston. Wenn du willst, nehme ich dich mit.«
Ich lege meinen Kopf wieder auf seine Schulter. »Als was wirst du mich vorstellen? Als deine Assistentin oder deine Geliebte?«
Er rückt ein wenig zur Seite, sodass er mir direkt ins Gesicht schauen kann.
»Was soll die Frage?« Er schaut mich irritiert an. »Weißt du, dass du die erste Frau bist, die ich seit dem Autounfall meiner verstorbenen Frau mit zu meinen Eltern nehme?«
Kann er jetzt schon wieder meine Gedanken lesen? Sie müssen vor ihm liegen wie ein offenes Buch. Dass seine Frau tot ist, ist kein Geheimnis.
Matthew spricht leise weiter, als er meine Besorgnis wahrnimmt. »Du bist auch die erste Frau, die seitdem mit mir in diesem Bett liegt.« Aber sofort nach diesen Worten wendet er den Blick ab und seine Miene verschließt sich. Er muss seine verstorbene Frau sehr geliebt haben, wenn er sich wie jetzt in sein Schneckenhaus zurückzieht und nichts mehr von seinen Emotionen preisgibt.
»Das tut mir leid«, flüstere ich betroffen.
»Das muss es nicht. Ich bin über diese Episode meines Lebens hinweg«, antwortet er unbewegt.
Über diese Episode? Seine Ehe als Episode zu bezeichnen, finde ich reichlich herzlos. Was empfindet er gerade? Seine Miene ist bei diesen Worten völlig ausdruckslos. Ich wage nicht, weiter in ihn zu dringen. Er hält mich schweigend in seinen Armen und ich schlafe irgendwann erschöpft ein.

Das Licht scheint durch die halb geöffnete Jalousie. Im ersten Moment weiß ich nicht, wo ich bin. Dann fällt es mir wieder ein. Ich liege in Matthew McQueens großem Bett. Allein.
Ich blicke zur Decke. Seit gestern ist so viel passiert. Ich glaube, ich habe mich Hals über Kopf in den großen, dominanten Mann verliebt. Er hat mich bereits im Foyer magisch angezogen und auch später, als ich ihn in Robertos Cucina wiedergesehen habe, habe ich dieses Flattern im Bauch verspürt. Meine Gedanken kreisten gestern den ganzen Nachmittag um ihn. Doch beim Abendessen war es endgültig um mich geschehen. Ich verstehe mich selbst nicht. Wie konnte ich mich nur so gehen lassen, und was empfindet er für mich? Das erste Mal mit ihm war unbeschreiblich. Und was habe ich getan? Matthew McQueen ist mein Boss und jetzt scheinbar auch mein Liebhaber. Heute Morgen ist mir die ganze Sache jedoch etwas peinlich. Wie soll ich mich ihm gegenüber verhalten? Vor allem in der Firma? Einen festen Freund zu haben, der obendrein mein Chef ist, ist eine völlig neue Erfahrung für mich. Unbekanntes Terrain.
Ich beschließe, erst mal aufzustehen und nach dem Mann zu suchen, der mich im wahrsten Sinne des Wortes umgehauen hat. Aber ich bin völlig desorientiert und dazu auch noch nackt. Selbst das Kleid, das ich gestern Abend getragen habe und das Matthew achtlos auf den Boden fallen gelassen hat, wurde weggeräumt. Ich hoffe, von ihm.
Während ich noch überlege, wie ich ohne Kleidung aus dem Bett und bis nach unten kommen soll, klopft es leise an der Schlafzimmertür.
Wer ist das?, schießt es mir durch den Kopf. Matthew wird ja wohl nicht an seiner eigenen Schlafzimmertür anklopfen. Dafür ist er zu selbstsicher. Vorsichtig öffnet sich die Tür und eine adrett gekleidete Frau mittleren Alters betritt mit einem Tablett in der Hand den Raum. Ich rutsche etwas tiefer unter die Decke, als sie mich schon freundlich begrüßt.
»Guten Morgen, Ms. O’Brian, ich bin Grace. Ich kümmere mich um Mr. McQueens Haushalt. Er bat mich, Sie ausschlafen zu lassen. Darf ich Ihnen das Frühstück ans Bett stellen?« Sie lächelt mich herzlich an.
Es riecht wunderbar und absolut verlockend nach Kaffee, Toast und Eiern mit Speck.
Ich setze mich auf, ohne der Hausdame einen Blick auf meine entblößte Brust zu gewähren. Es ist mir ziemlich peinlich, hier so nackt im Bett meines Chefs zu sitzen und mich von seiner Hausangestellten bedienen zu lassen. Trotzdem lächle ich sie an. Sie scheint sehr nett zu sein. Hm, und mir wird klar, dass das Leben von Matthew ein völlig anderes ist, als ich es bisher kannte. Habe ich etwa erwartet, er würde heute Morgen neben mir im Bett liegen und mich zärtlich in den Arm nehmen? Er hat sicher zu tun und hat eine Hausdame, die das Frühstück macht und wer weiß was noch alles.
»Vielen Dank, Grace. Ich hätte auch aufstehen können und mit Matthew, ich meine, Mr. McQueen frühstücken können.«
Grace lacht leise. »Mr. McQueen ist schon seit geraumer Zeit auf. Morgens joggt er meistens eine Stunde. Er ist jetzt in seinem Arbeitszimmer.«
Dann wendet sie sich um und verlässt den Raum.
Ich spüre plötzlich, dass ich großen Hunger habe. Das Frühstück schmeckt köstlich und ich muss nun doch lächeln. Hätte mir vor ein paar Tagen noch jemand gesagt, was mich hier in Boston erwarten würde, ich hätte ihn für verrückt erklärt. .
Auf dem Sessel vor dem Fenster liegt ordentlich zusammengelegt das silberne Abendkleid, das ich gestern getragen habe. Meine eigenen Kleider kann ich nirgends entdecken, da ich sie ja in Matthews Gästezimmer liegen gelassen habe. Schnell springe ich aus dem Bett.
Ich schnappe mir noch einen Toast und betrete den begehbaren Kleiderschrank, auf der Suche nach einem T-Shirt von Matthew. Was ich dort sehe, ist unvorstellbar. Der Schrank ist riesig. Hier hängen sämtliche Kleidungsstücke von ihm. Wie kann ein Mann nur so viele Anzüge, Hemden, Krawatten, Jacken, Hosen, Pullover und so weiter haben? Teilweise baumeln noch die Preisschildchen an den Anzügen. Ich ziehe neugierig eine Schublade auf, die voll mit Boxershorts ist.
Mein Blick schweift weiter durch den Raum und zum Glück entdecke ich auf einem Stuhl meinen Rock und meine Bluse sowie verführerische Dessous. Hat Matthew die Sachen für mich hier bereitgelegt? Schmunzelnd begebe ich mich ins Badezimmer, das man direkt vom begehbaren Schrank aus betreten kann. Auch hier ist alles beeindruckend groß.
Die Mitte des Raumes wird von einer ovalen Badewanne eingenommen, in der mindestens drei Personen Platz hätten. Zwei Waschbecken sowie eine Dusche mit mehreren verschiedenen Duschbrausen vervollständigen das Bad. Der Toilettenbereich ist durch eine halbhohe Wand abgegrenzt. Sogar eine neue Zahnbürste steht schon in einem der Becher. Ich muss lächeln. Matthew hat alles gut organisiert. Und er will mir einreden, er hätte es nicht geplant.
Als ich geduscht und angezogen bin, verlasse ich das Schlafzimmer, um Matthew zu suchen. Ich finde ihn im Wohnzimmer. Er steht an der großen Fensterfront und schaut auf die Skyline von Boston, die sich hinter dem Charles River erstreckt. Die eine Hand liegt entspannt auf dem Fensterrahmen, mit der anderen hält er sein iPhone ans Ohr.
Matthew sieht wieder umwerfend aus. Heute trägt er eine verwaschene enganliegende Jeans und ein T-Shirt, das seine perfekte Figur gut zur Geltung bringt. Er wirkt wie ein Bad Boy und nicht wie ein Geschäftsmann, der ein Imperium regiert.
»Okay, Mom, wir sehen uns dann morgen. Ja, ich werde sie mitbringen.« Dabei dreht er sich um und signalisiert mir, näher zu kommen. Ein Lächeln umspielt seine Lippen. Matthew beendet das Gespräch und kommt mit wenigen Schritten auf mich zu.
»Guten Morgen, Kleines, gut geschlafen?« Er umfasst meine Handgelenke, zieht mich zu sich heran und küsst mich zärtlich auf den Mund.
Meine Unsicherheit lässt nach, als er mich anlächelt und berührt. »Ich habe geschlafen wie eine Tote. Warum hast du mich nicht geweckt?«
Er grinst. »Du warst ziemlich fertig nach der letzten Nacht, dabei habe ich dich nur einmal genommen. Außerdem habe ich heute einiges mit dir vor.« Dabei schaut er mich wieder mit diesem Wahnsinnsblick an, der meine Knie weich werden lässt. »Ich möchte dir die Stadt zeigen, später werden wir dann an den Strand rausfahren und wenn du möchtest, gehen wir heute Abend in einem Nachtclub tanzen.« Matthew nimmt mich in den Arm, legt sein Kinn auf meinen Kopf und vollführt ein paar Tanzschritte, ganz im Stil von Fred Astaire.
»In einen Nachtclub?«, entfährt es mir verblüfft.
»Ja, er ist sehr exklusiv. Ich bin dort Teilhaber. Sam, der Inhaber, ist ein alter Freund meines Vaters. Er möchte eine neue Band engagieren und meine Meinung zu der Musik hören. Du wirst Spaß haben«, verspricht er.
»Mit dir bestimmt«, sage ich.
Er hebt amüsiert eine Braue. »Flirten Sie etwa mit mir, Ms. O’Brian?«
Ich gehe auf sein Spiel ein und flirte nun ganz ungeniert mit ihm. »Und wenn es so wäre, Mr. McQueen?«
Seine Stimmung wirkt plötzlich nachdenklich. Kurz beobachtet er mich abschätzend, bevor er spricht. »Vivien, vertraust du mir?«
Ich runzle die Stirn und schaue ihn fragend an. »Was meinst du damit?«
»Ich bestimme in sexueller Hinsicht gerne, wo’s langgeht, aber ich verspreche dir, es langsam angehen zu lassen.«
Ich schlucke kurz. Er hat letzte Nacht bereits gesagt, dass er es langsam angehen lassen wird. Was meint er also? Er hat ja schließlich bereits mit mir geschlafen. »Wenn du sagst, du bestimmst im Bett, was bedeutet das?«, frage ich etwas unsicher.
»Kannst du dir vorstellen, dich mir vollkommen hinzugeben? Dich einfach meinen … na, sagen wir mal … Befehlen, oder anders genannt, Wünschen hinzugeben?«
Ich sehe ihn verständnislos an. »Warum?«
Er nimmt meine Hände und haucht zarte Küsse darauf. »Um dir und mir Lust zu bereiten. Mehr nicht. Du könntest dich fallen lassen und alles mir überlassen. Ich könnte mir jetzt zum Beispiel vorstellen, dich wehrlos auf meinem Bett liegen zu sehen. Wie du erzitterst vor Leidenschaft unter meinen Berührungen. Gib dich mir einfach hin und ich verspreche dir einen Multiorgasmus.« Dabei streicht er leicht über meine Wange.
»Okay, du wirst mir doch nicht wehtun, oder? Du bist doch kein Sadist?«, frage ich vorsichtig.
Sein verteufelt erotisches Lächeln lässt eine Reihe schneeweißer Zähne zum Vorschein kommen, während er verneinend den Kopf schüttelt. »Ich stehe nicht darauf, dir Schmerz zu bereiten«, meint er und zwinkert mir zu. Dann hebt er mich auf seine muskulösen Arme, trägt mich aus dem Wohnzimmer zu der schwungvollen Treppe und bringt mich hinauf in sein Schlafzimmer. Ich bin überrascht. Mein Gott, ist dieser Mann impulsiv. Ich kann mir denken, was jetzt gleich passieren wird.
»Ist es dazu nicht noch etwas zu früh, Mr. McQueen?«, necke ich ihn mit einem schelmischen Gesichtsausdruck, während es in meinem Unterleib schon erwartungsvoll kribbelt.
»Unterschätz mich niemals, Baby«, raunt er mir zu.
Mit einem Fußtritt lässt Matthew seine Schlafzimmertür laut ins Schloss fallen. Ich habe meine Arme um seinen Hals geschlungen und schaue ihm tief in die Augen. Auch in seinem Blick sehe ich das Feuer des Begehrens funkeln.
Matthew lässt mich vor dem Bett auf meine Beine gleiten und sieht mich dabei eindringlich an. Er geht einen kleinen Schritt zurück, berührt mich nicht, wirkt nachdenklich, aber auch erregt.
Worüber denkt er denn jetzt wohl nach?, überlege ich verwirrt.
»Vivien, geht es dir gut? Ich habe dich doch gestern nicht überanstrengt?«
Ich schüttle den Kopf.
»Okay. Vertraust du mir?«
Ich neige nachdenklich den Kopf. »Das hast du mich schon mal gefragt und ja, ich vertraue dir?«
»Zieh dich aus.« Die Worte kommen jetzt leise, aber sehr bestimmt aus seinem Mund. In seinen Augen glitzert die Lust, und ich weiß, worauf es hinauslaufen wird. Ich zögere kurz, doch spüre ich den Wunsch, ihm nachzugeben, mich auf sein Spiel, was immer es auch sein mag, einzulassen.
»Also?«
Der kühle Ton, den er anschlägt, macht mir beinahe Angst, wäre da nicht der heißblütige Blick, der mich förmlich auffrisst. Ich schaue ihm verunsichert ins unbewegte Gesicht und öffne dann aufgeregt und mit bebenden Fingern den Knopf und den Reißverschluss meines Rockes, bevor ich ihn langsam herunterziehe.
Matthew geht, ohne den Blick von mir zu lösen, zu dem Sessel am Fenster. Dann lässt er sich aufreizend lässig hineinsinken, während seine Blicke über meinen ganzen Körper gleiten. Mein Herz pocht laut in meiner Brust. Als ich die Bluse von den Schultern streifen will, lässt er mich mit einem scharfen Befehl innehalten. »Nein! Zuerst das Höschen.«
Okay, ich lasse den String langsam zu Boden gleiten.
»Und jetzt der Rest«, fordert Matthew mich nun auf.
Als ich nackt vor ihm stehe, schaut er mich einfach nur abschätzend an. Ich fühle mich irgendwie benutzt, wenn er mich so mit seinen Augen fixiert. Ich senke meinen Blick, werde immer unsicherer und möchte am liebsten nur noch weglaufen; von der aufsteigenden Lust ist plötzlich nichts mehr da. Was ist nur los mit ihm? Ist es das, was er unter männlichem Gebaren beim Sex versteht? Indem er mir Befehle erteilt und mich anstarrt wie ein Flittchen? Und wieso drehe ich mich nicht einfach um und folge meiner inneren Stimme, die ziemlich laut Vorsicht! schreit?
Matthew muss meine Unsicherheit gespürt haben, denn jetzt kommt er auf mich zu und küsst mich zärtlich auf den Mund. Als er mich in seine Arme zieht, lässt meine Angespanntheit nach.
»Erregt es dich, wenn ich dir Befehle erteilte, Vivien?«, flüstert er mir ins Ohr, dabei lässt er seine Lippen an meinem Hals heruntergleiten und ich spüre, wie seine Zähne leicht meine Haut berühren. Ein Schauer der Erregung erfasst mich.
»Antworte mir!«
Mein Verstand arbeitet auf höchster Alarmstufe und bringt meine wachsame Seite zum Vorschein, augenblicklich dieses Szenario zu unterbrechen. Aber mein Körper reagiert in sehnsüchtiger Erwartung, mich auf dieses Spiel einzulassen, und sendet Signale, die mir völlig fremd sind. Ein unbeschreibliches Sehnen nach Erfüllung, ihm zu gehorchen, breitet sich in meinem Inneren aus. Ich schließe die Augen, senke den Kopf und gestehe ihm: »Ja. Ja, es erregt mich.«
»Schau mich an«, fordert er mich auf. Ich gehorche. Matthew beobachtet mich einen kleinen Moment nachdenklich.
»Würde es dich erregen, wenn ich deine Arme über deinem Kopf zusammenbinden würde?«
Ich beiße mir kurz auf die Lippen und senke erneut den Kopf, da mich seine Worte peinlich berühren. Matthew legt den Zeigefinger unter mein Kinn, sodass ich ihm in die Augen schauen muss.
»Antworte mir!«
Mir wird ganz heiß, meine Atmung wird schneller und ich spüre das Pulsieren zwischen meinen Beinen bei seinen Worten. »Ja, ich glaube schon«, antworte ich leise.
»Okay.«
Dann dreht er sich um, verschwindet kurz in seinem begehbaren Schrank und kommt mit einigen Samtschnüren wieder. Ich blicke ihn überrascht an.
»Damit werde ich dich fesseln.« Matthew schaut mir forschend in die Augen, als er das sagt.
Ich schlucke kurz und nicke. Ich habe keine Ahnung, was ich davon halten soll oder was in mir vorgeht. Aber ich weiß eins, ich kann mich seiner erotischen Ausstrahlung nicht entziehen, kein bisschen. Ich fühle mich in seiner Gegenwart wie eine Motte, die in die Helligkeit der Glühbirne schwirrt und hoffe, nicht ebenso zu enden.
Als ich nichts weiter sage, erklärt er behutsam: »Es dient nur dazu, deine und meine Lust zu steigern. Vertrau mir, ich bin sicher, es wird dir gefallen.« Sein Ton ist sanft und zwingend zugleich.
»Okay«, hauche ich ihm entgegen. Mehr bringe ich nicht hervor, bin immer noch sprachlos vor Aufregung und vor nervöser Neugier.
»Leg dich mit dem Rücken auf das Bett«, befiehlt Matthew.
Ich gehorche und sinke zurück auf die weichen Laken, deren Stoff sich kühl auf meiner Haut anfühlt. Sobald ich seinem Befehl nachgekommen bin, spricht Matthew weiter. »Gut so, und jetzt schließ die Augen und spreiz die Beine.«
Zögernd komme ich auch dieser Anweisung nach. Lasse mich auf sein Spiel ein. Es ist erregend, so hilflos vor ihm zu liegen. Das Pulsieren in meiner Scham kehrt zurück, stärker als zuvor.
Matthew kniet neben mir auf dem Bett, verbindet mir die Augen mit einem schwarzen Seidentuch und küsst mich liebevoll auf den Mund.
»Du wirst jetzt nur meine Berührungen wahrnehmen.«
Ist es ein Befehl? Eine Frage? Ich bin zu aufgeregt, zu sehr gefangen im Strudel erotischen Erlebens, als dass ich die Nuancen seiner Worte erkennen kann.
Dann nimmt er meine Arme über den Kopf und fesselt sie mit dicken Samtschnüren an die Metallstäbe des Bettgestells, danach greift er meinen rechten Fuß und bindet ihn geschickt am Bettpfosten fest. Das Gleiche macht er mit meinem linken Fuß. Ich bin ihm jetzt völlig wehrlos ausgeliefert.
»Entspann dich, Vivien. Konzentriere dich nur auf meine Berührung.« Ich spüre, wie er zwischen meinen Beinen kniet. Seine Worte sind verführerisch sanft, seine Finger streichen leicht von meinem Schlüsselbein hinab zu meinen Brüsten.
Oh ja, das ist verdammt heiß. Meine Empfindungen sind nur auf seine Finger fixiert, die spielerisch auf meiner Haut entlangtanzen. Ich fühle, wie ich dabei feucht werde. Als er meine Nippel zart zwischen seinen Fingern hin und her gleiten lässt, ziehe ich tief die Luft ein und kann ein Stöhnen nicht zurückhalten. Ich höre, wie er leise lacht.
»Oh meine Süße, ich glaube, ich könnte dich schon kommen lassen, allein indem ich nur mit meinen Zähnen in deine kleinen Nippel beiße und mit meiner Zunge dann darüberlecke. Gefällt dir der Gedanke?«
Ich winde mich auf dem Bett, seine erregenden Berührungen und die Worte, die er zu mir spricht, heizen mir noch mehr ein.
»Antworte mir!«
Ich kann nicht mehr klar denken. Ich werde beherrscht von den immer mehr ansteigenden pulsierenden Gefühlen zwischen meinen Beinen.
»Bitte, ich will mehr, Matthew«, keuche ich.
Seine Hände wandern tiefer, bis zu meinem Bauch und weiter zu meinen Beinen. Dabei lässt Matthew bewusst meine Pussy aus, wo ich doch danach lechze, dort von ihm berührt zu werden. Jetzt fährt er denselben Pfad über meinen Körper mit seinem Mund entlang und meine Erregung steigert sich zu ungeahnten Höhen. Ich bäume mich auf, soweit es meine Fesseln zulassen.
Matthew nimmt plötzlich seine Hände von meinem Körper und auch seine Lippen berühren mich nicht mehr. Ich stöhne auf und winde mich unwillkürlich auf dem Bett. Ich will protestieren, als ich seine Stimme höre.
»Nicht so ungeduldig, Vivien. Willst du, dass ich dich wieder berühre? Soll ich deine Erregung noch steigern?«
Ja, es ist erregend, und ich will mehr. Jetzt verstehe ich erst, was er meinte, als er sagte, er wolle meine Lust noch steigern. Da ich nichts sehe, konzentriere ich mich nur auf seine Berührung und nehme alles noch intensiver wahr.
»Ja«, flüstere ich leicht atemlos.
Eine Männerstimme dringt leise vom Erdgeschoss herauf.
»Verdammt«, höre ich Matthew leise fluchen. Er steht vom Bett auf und zieht das Seidentuch von meinen Augen, sodass ich kurz blinzeln muss. »Ich bin gleich wieder da. Gibt mir nur eine Minute. Nicht weggehen«, haucht er mir lächelnd zu und küsst mich zärtlich auf den Mund.
Wie denn auch, wenn ich ans Bett gefesselt bin!
Ich höre seine Schritte, dann fällt die Tür leise ins Schloss. Ich bin allein. Ich höre ihn mit jemandem reden, dann ist es still.
Mist, wer ist das? Leichte Anspannung steigt in mir auf. Ich liege nackt und gefesselt auf dem Bett meines Chefs. Und ich bin trotz allem erregt, wahnsinnig erregt. Was hat Matthew nur vor? Wer war der Fremde, dessen Stimme ich gehört habe? Ich hoffe, Matthew kommt wirklich gleich zurück. Die Haushälterin wird doch nicht im Haus sein und reinkommen? Warum hat er mich nicht wenigstens losgebunden? Meine Gedanken überschlagen sich.
Bald darauf hat das sehnsüchtige Gefühl nach Befriedigung einer unangenehmen Beklemmung Platz gemacht. Ich beiße mir auf die Lippen. Ein Blick auf die Uhr auf dem Nachttisch zeigt mir, dass er bereits fünf Minuten weg ist, und ich höre auch die Stimmen nicht mehr.
Nach einer für mich gefühlten Ewigkeit vernehme ich endlich, wie die Tür geöffnet wird. Matthew war nur wenige Minuten weg, aber mir kam die Zeit unendlich lange vor. »Matthew?«, rufe ich mit erstickter Stimme.
»Ich bin da, Vivien. Hab keine Angst, es ist alles okay.« Seine dunkle Stimme klingt beruhigend und tröstlich.
»Verdammt, warum hast du mich hier allein gelassen?« Ich zittere.
Sofort ist Matthew bei mir, befreit mich von den Fesseln und dem Seidentuch, das noch an meiner Stirn liegt. Er kann meine Aufregung scheinbar nicht verstehen. Dann zieht er mich sanft in seine Arme. Ich klammere mich fest an ihn und drücke mein Gesicht an seine Schulter. Angst und Erschöpfung überrollen mich.
»Es ist okay, Kleines. Es tut mir so leid. Ich hätte dich hier nicht allein liegen lassen dürfen. Ich habe vergessen, dass das für dich alles neu ist. Es wird nicht wieder vorkommen.« Matthew streicht mir zärtlich die Haare aus dem Gesicht. Er schüttelt leicht den Kopf. »Ich tue dir nicht gut«, flüstert er, während er mich innig an seine Brust drückt. »Ich verspreche dir, mir mehr Mühe zu geben. Bitte vertrau mir. Ich liebe es, die Kontrolle zu behalten, nicht nur im täglichen Leben, auch beim Sex. Es tut mir leid. dich gefesselt liegen zu lassen, das war gedankenlos von mir. Ich werde dich niemals zu irgendetwas zwingen, was du nicht magst, ich schwöre es.«
Er hält mich fest in seinen Armen und streicht mir sanft mit den Lippen die Wange entlang, bis mein Zittern nachlässt. Dann umspielt ein leicht sardonisches Lächeln seine sinnlichen Lippen. »Als ich dich das erste Mal in mein Schlafzimmer getragen habe, warst du bereits verloren, Vivien.«
»Du hast mir Angst gemacht, als du das Zimmer verlassen hast. Ich kam mir ausgeliefert vor«, versuche ich, ihm meine Gefühle zu erklären.
»Ich weiß. Es war Greg, den du gehört hast. Er hat die Schlüssel zu meinem Haus. Wir kennen uns schon seit wir Kinder waren. Normalerweise klingelt er und kommt nicht einfach rein, aber die Klingel ist offenbar defekt. Ich wollte nicht, dass er hochkommt. Ich habe ganz vergessen, dass er mir noch einige Unterlagen vorbeibringen wollte.« Matthew lässt mich los und steht vom Bett auf. »Zieh dich an, ich werde dir Boston zeigen.«
Da ist er wieder, der autoritäre und beherrschte Mann.
Matthew sitzt in dem Sessel am Fenster seines Schlafzimmers, während Vivien im Bad ihr Make-up auffrischt. Sein Blick schweift nachdenklich zum Bett. Die Bilder von Vivien, die hilflos hier liegt, stehen ihm wieder vor Augen. Ist er zu weit gegangen?
Die Worte von Greg drängen sich in sein Bewusstsein. Ja, Vivien ist noch so jung und hat mit Männern, besonders mit solchen wie ihm, keine Erfahrung. Wie sollte sie auch, sie war schließlich noch Jungfrau. Bis er letzte Nacht mit ihr schlief.
Die Episode gerade im Schlafzimmer muss Vivien absolut aus dem Gleichgewicht gebracht haben. Er sollte die Sache wirklich langsamer angehen, ihr Zeit geben und sie nicht verschrecken, wenn er ernste Absichten mit ihr hat. Was hat er sich nur dabei gedacht? Seine Handlungen sind immer grundlegend durchdacht, aber bei Vivien vergisst er sich Hals über Kopf.
Matthew verzieht den Mund, lehnt sich im Sessel zurück und bläst sich das dichte dunkle Haar aus dem Gesicht.
Ist er schon so abgestumpft durch seine kurzen Beziehungen mit Frauen, die für Prestige alles tun würden, dass er nicht mehr fähig ist, zu lieben? Ist er wirklich schon so weit, den schnellen und harten Sex echten Gefühlen vorzuziehen?
Verdammt, ja, denn das ist das Einzige, was er in den letzten Monaten getan hat. Und es war gut, verteufelt gut. Keine Versprechungen, keine Lügen und Vorhaltungen. Einfach nur heißer Sex. Nach etwas anderem hatte es ihn nicht mehr verlangt, seit dem Ende seiner unglücklichen Ehe. Diese war die reinste Selbstzerfleischung. Nie wieder würde er einer Frau erlauben, die Kontrolle über sein Leben zu übernehmen. Aber jetzt fängt seine Fassade, hinter der er sich bisher so erfolgreich verschanzt hat, an zu bröckeln. Bedeutungsloser Sex mit berechnenden Frauen genügt ihm nicht länger.
Matthews Gedankengänge werden von Vivien, die gerade das Schlafzimmer wieder betritt, unterbrochen. Ihr verhaltenes Lächeln auf den Lippen verursacht ihm einen kurzen Stich. Was kann er manchmal nur für ein verdammter Mistkerl sein!
Ein Lächeln schleicht sich auf sein Gesicht, was ihm erst bewusst wird, als Vivien auf ihn zukommt und ebenfalls lächelt. Er streckt ihr die Hand entgegen und zieht sie auf seinen Schoß. Wenn sie wüsste, was er noch alles mit ihr vorhat, zu welchen ungeahnten Höhenflügen er sie noch entführen möchte. Aber erst muss er ihr Vertrauen gewinnen. Sie langsam an seine erotischen Spielchen gewöhnen.
Wir verlassen das Haus und Matthew führt mich über den kiesbedeckten Hof zur Garage. Ist es erst gestern gewesen, als ich hier mit Roger, dem Chauffeur, stand, um mich zu einem Essen mit meinem Boss zu treffen? Ich fühle mich noch immer wie im Traum.
Als sich die Garagentore öffnen, finde ich in die Realität zurück.
Matthew nimmt meine Hand und zieht mich zu einem Zweisitzer mit offenem Verdeck. Wow, ich bin beeindruckt. Es ist ein grüner Morgan mit beigen Ledersitzen, der neben Matthews großem schwarzem SUV steht. Der Wagen ist alt, aber vollkommen restauriert.
»Gefällt er dir, Vivien?«, fragt er, offenbar neugierig auf meine Reaktion.
»Ich liebe Oldtimer. Ja, das ist einer meiner absoluten Lieblingswagen. Ein Nachbar meiner Eltern hat sich auf diese Wagen spezialisiert, er hat sie aus aller Welt aufgekauft und restauriert. Ich habe öfter zugesehen, wenn er daran geschraubt hat, und manchmal durfte ich auch probefahren«, erkläre ich begeistert und lasse meinen Zeigefinger über den edlen Lack gleiten. Ich höre sein leises Lachen.
»Okay, mein Schatz, dann steig ein.« Galant hält er mir die niedrige Wagentür auf. Er dagegen macht sich gar nicht erst die Mühe, seine Tür zu öffnen, sondern springt elegant darüber auf den Sitz. Wenn er sich so leger gibt, vergesse ich fast, dass er ein erfolgreicher Geschäftsmann ist und sehe nur den Bad Boy vor mir, in den ich mich Hals über Kopf verliebt habe.
Das Verdeck des Wagens ist offen und ich genieße die angenehme Frühlingsluft, während Matthew mit mir durch Boston fährt. Ich schaue ihn von der Seite an. Mein Gott, ist dieser Mann attraktiv. Und er wirkt fast zu groß für diesen kleinen Wagen. Sein linker Arm liegt lässig auf dem Rahmen der Fahrertür, während er mir die einzelnen Straßen, Geschäfte und Gebäude zeigt und dazu wie ein Fremdenführer Erklärungen abgibt. Ich habe das Gefühl, von den vorbeigehenden Passanten beobachtet zu werden. Aber wahrscheinlich schauen sie eher dem schnittigen Wagen hinterher.
Unser erster Halt ist das Museum of Fine Arts. Matthew schlendert mit mir durch die Räume mit Gemälden von Rembrandt, El Greco, van Gogh und vielen anderen Künstlern vergangener Epochen.
»Ich hätte nicht gedacht, dass du dich für alte Gemälde interessierst«, sage ich zu ihm.
Matthew schaut mich nachdenklich an, bevor er antwortet: »Viele Dinge sind vergänglich, nur das Schöne, das wirklich Schöne bleibt.« Sein Blick wirkt wieder für kurze Zeit verschlossen und ich spüre, dass er in seinen Gedanken weit weg ist.
»Als Kind bin ich oft mit meinen Eltern hier gewesen. Meine Mutter liebt Museen«, erzählt er mir.
Ich drehe mich zu ihm um. »Und du?«, frage ich. »Was liebst du?«
»Ich?« Er lächelt und plötzlich wirkt er melancholisch. Seine Miene nimmt einen ernsten Zug an.
»Matthew?«, versuche ich, ihn aus seiner Abwesenheit herauszuholen.
»Was?« Er schaut mich irritiert an.
»Was liebst du?«, frage ich ihn noch einmal.
»Lieben?« Als er dieses Wort ausspricht, ist er einen Moment weit weg von mir. Dann atmet er kurz durch, lächelt mich entspannt an und legt den Arm um meine Schulter, bevor er mir antwortet. »Ich gehe ganz gerne in Auktionshäuser. Vielleicht nehme ich dich das nächste Mal mit. Was hältst du von Sotheby’s oder Christie’s?«
Ich zucke ein wenig verunsichert die Schultern. Auktionshäuser gehörten bislang nicht zu meiner Welt. »Interessierst du dich für einen bestimmten Gegenstand?«
»Eine Skulptur aus dem letzten Jahrhundert, die ich schon länger im Blick habe, soll zum Verkauf stehen.« Jetzt ist er wieder ausgelassen und seine Gedanken sind bei mir im Hier und Jetzt.
»Also, ich komme gerne mit, denn ich war noch nie bei einer Auktion. Darf ich dann für dich bieten?« Ich sehe ihn schelmisch an.
Er hebt eine Augenbraue. »Wag es ja nicht. Der Auktionator und die anderen Interessenten dürfen nicht mal ahnen, wie wichtig der Zuschlag für dich ist. Verstehst du?«, erklärt er mir. »Und bei dir könnte ich mir vorstellen, dass du den Preis in deiner unbedarften Art nur in die Höhe treiben würdest.« Er legt den Arm um mich und wir verlassen das Museum.
Am Hafen sehen wir uns im New England Aquarium Pinguine, Seelöwen und andere Tiere an. Ich liebe es, neben Matthew im Wagen zu sitzen oder mit ihm spazieren zu gehen. Er ist wieder ganz der charmante und charismatische Mann, in den ich mich so spontan verliebt habe. Die Episode heute Morgen im Schlafzimmer habe ich ihm verziehen und ich genieße die Zeit mit dem begehrtesten Junggesellen von ganz Boston.
»Hast du Hunger?« Wir fahren aus der Stadt heraus. Ich nicke und mir wird bewusst, dass mein Magen leise knurrt.
»Schau nach hinten.« Matthew deutet mit einer Hand über die Schulter auf den Rücksitz.
Ich drehe mich um und sehe den Picknickkorb und eine Decke, die mir heute Morgen schon aufgefallen waren.
»Ein Picknick?«
Er zwinkert mir bejahend zu.
Dieser Mann überrascht mich, aber ich kenne ihn noch kaum. Ich liebe Picknicks, aber das kann er nicht wissen.
Als wir den Strand erreichen, sind einige Familien unterwegs. Kinder laufen über den Sand und jagen Möwen hinterher. Ein Vater lässt mit seinem kleinen Sohn Drachen steigen, und ein warmes Gefühl von Sehnsucht überkommt mich, selbst einmal eine Familie zu haben. Ich sehe Matthew an. Könnte er der Mann sein, mit dem ich mein Leben verbringen möchte? Er ist manchmal so unnahbar. Ich kenne ihn ja gerade erst ein paar Tage. Wir liegen auf der Decke und er schaut mich zärtlich an, als er mir ein Stück von dem kalten Hühnchen in den Mund schiebt. Seine Finger lässt er provozierend langsam an meinen Lippen entlanggleiten, um sie mir dann sachte in den Mund zu schieben, und ich sauge genüsslich an seinen Fingerspitzen. Es ist diese kleine Berührung, die so erotisch ist, dass ich wieder dieses warme Kribbeln in meinem Körper spüre.
»Wenn du so weitermachst, Süße, muss ich dich hier, vor all den netten Familien, nehmen. Und das willst du doch nicht, oder?«, raunt Matthew mir ins Ohr.
»Dann lass uns doch gehen«, flüstere ich ihm zu.
Er schüttelt lächelnd den Kopf und schiebt mir das letzte Stück Hühnchen in den Mund, bevor er die Reste in den Picknickkorb legt. »Ist die Vorfreude nicht größer als die Erfüllung?«
Enttäuscht lehne ich mich an ihn und er zieht mich mit einem Ruck zu Boden, sodass ich halb unter ihm liege. Sein Blick dringt tief in mich und ich stehe schon wieder in Flammen. Er küsst mich zart auf den Mund, bevor er sich schwungvoll aufrichtet und mich mit sich zieht.
»Ich habe noch eine Überraschung für dich. Komm.«
Wir packen schnell die Picknicksachen in den Korb, schnappen uns die Decke und schlendern dann Arm in Arm zum Auto zurück.
Matthew verstaut alles im Wagen und legt den Arm um meine Taille.
»Was hast du vor?«, frage ich ihn neugierig.
»Sagte ich nicht bereits: Überraschung? Also, du wirst noch etwas warten müssen«, ermahnt er mich schmunzelnd.
Ich beiße mir auf die Lippen, lege meinen Kopf gespannt und erwartungsvoll in den Nacken und schmachte ihn nun an. Matthew schlingt den Arm um meine Schulter und wir gehen die Strandpromenade entlang, bis wir zu einem Buggy-Verleih kommen. Davor bleibt er stehen.
»Eine meiner Lieblingsbeschäftigungen, um abzuschalten«, erklärt er und zeigt auf eines der Strandfahrzeuge. Hier an diesem Teil des Strandes sind weit und breit keine strandhungrigen Passanten, nur ein sonnengebräunter junger Mann tritt aus dem Gebäude und begrüßt Matthew herzlich.
»Mr. McQueen, schön, Sie wieder mal zu sehen. Sie waren schon lange nicht mehr da«, grüßt er Matthew erfreut, während er auf uns zukommt.
»Hallo David. Ist mein Strandbuggy fertig?«
David gibt mir die Hand, während er auf den Buggy deutet, der offensichtlich Matthew gehört. »Selbstverständlich, Sir.«
Matthew wendet sich mir zu. »Gut, bist du bereit, Vivien?«
Ich nicke begeistert. Buggyfahren am Strand hört sich toll an. Er wartet meine Antwort gar nicht erst ab und zieht mich hinter sich her. »Steig ein und gurte dich an.«
Ich schwinge mich auf den Sitz und stecke die Arme in die Gurte, die in meinem Schritt zusammenlaufen und dort geschlossen werden. Bevor er sich selbst angurtet, überprüft er noch mal, ob auch alles richtig verschlossen ist, und zieht die Riemen fest, sodass der Hosenträgergurt eng an meinem Körper und an meinem Schritt anliegt.
»Okay?« Matthew zwinkert mir zu. »Hast du Angst?«
»Nein«, entgegne ich und rolle dabei die Augen. »So etwas mache ich doch ständig«, flunkere ich und grinse ihn dabei an.
Er schüttelt nur den Kopf. Dabei nimmt er meine Hand und haucht kleine Küsse darauf. »Okay, Baby, los geht’s.«
Er hat nicht zu viel versprochen. Wir fliegen praktisch über den Strand. Matthew fährt mit einer atemberaubenden Geschwindigkeit durch jede Wasserlache, sodass das Wasser an uns hochspritzt. Sein Lachen ist ansteckend. Der Buggy dreht sich um die eigene Achse und ich schreie laut auf. Immer wieder werde ich hin- und hergerüttelt, aber ich habe wahnsinnigen Spaß mit ihm. Matthew scheint voll in seinem Element zu sein und wirkt jung und entspannt. In diesem Moment ist er mir ganz nah.
Ich schreie noch einmal begeistert auf, als er wieder durch das knöcheltiefe Wasser rast, und höre sein ausgelassenes Lachen. »Noch mal?«, ruft er mir zu.
»Jaaaa, das macht Spaß.« Ich klammere mich an seinem Oberschenkel fest und er scheint es zu genießen. Schnell wirft er mir einen Seitenblick zu, bevor er sich wieder auf die Strecke vor uns konzentriert.
Zu rasch ist das Abenteuer zu Ende und wir kommen wieder am Buggy-Verleih an, wo David uns bereits erwartet. »Mr. McQueen?«, fragt er erwartungsvoll.
Matthew scheint begeistert. »Der Wagen fährt fantastisch, David, den habt ihr gut hingekriegt«, lobt er.
David strahlt. »Danke, Mr. McQueen. Ich werde es an den Chef weitergeben.«
Matthew löst seinen und meinen Gurt und hilft mir beim Aussteigen. Mir zittern die Knie. Wir verabschieden uns kurz darauf von David und schlendern langsam zum Auto zurück.
»Weiß du, was wir jetzt tun?«
Ich drehe den Kopf zu ihm.
»Wir beenden unser kleines Spiel von heute Morgen.« Dabei schaut Matthew mir tief in die Augen und ich schmiege mich an ihn.
Matthew legt mir den Arm um die Schulter, als wir sein Haus betreten. Sein begehrlicher Blick taxiert mich. Aber anstatt mich nach oben in sein Schlafzimmer zu führen, öffnet er eine Tür, die in die unteren Räume des Hauses führt. Er grinst mich an, greift meine Hand und zieht mich vorsichtig hinter sich her, die Treppe hinunter bis zu einem großen Raum mit Fitnessgeräten.
Ich sehe Matthew verwirrt an. »Willst du etwa heute noch trainieren?«
»Ja, Vivien, mit dir«, haucht er mir ins Ohr.
Mein Gott, was hat er schon wieder vor? Will er mich auf einem von diesen Geräten verführen? Aber diese Möglichkeit hat Matthew scheinbar nicht im Sinn.
Er schiebt mich an dem Fitnessbereich vorbei in ein Zimmer, in dem nur eine Massageliege, ein Regal mit Handtüchern, Decken, Kissen und ein Sessel stehen. Das Licht ist hier gedämpft und es duftet leicht nach Lavendel. Das einzige Fenster im Raum geht zum Garten hinaus.
Matthew packt fest meine Schultern und sieht mich eindringlich an. »Vertraust du mir?«
Ich nicke ihm zu. »Ja, das musst du nicht fragen.«
»Zieh dich aus«, befiehlt er. »Dann leg dich mit dem Gesicht nach unten auf die Liege und spreiz die Beine. So will ich dich vorfinden, wenn ich gleich wieder hereinkomme, verstanden?« Mit sanfterer Stimme fügt er hinzu: »Wir werden jetzt das zu Ende bringen, was wir heute Morgen angefangen haben.«
Mich überzieht eine Gänsehaut, mein Herzschlag beschleunigt sich. Der ausgelassene Matthew von heute Mittag ist schon wieder verschwunden. Dafür steht jetzt der herrische Mann mit dem undurchdringlichen Blick vor mir. So wie heute Morgen. Ich muss an Janus, den Gott mit den zwei Gesichtern, denken. Gerade noch der charmante Matthew und jetzt der geheimnisvolle dunkle Mann. Ich weiß, ich kann seiner erotischen Anziehungskraft nichts entgegensetzen, und beuge mich atemlos und erregt zugleich seinem Willen.
»Okay«, flüstere ich, dabei schaue ich ihm direkt in seine dunklen Augen, die mich immer wieder in ihren Bann ziehen.
»Ich bin gleich wieder da.« Matthew verlässt den Raum, die Tür fällt hinter ihm ins Schloss und ich bin allein. Schnell entledige ich mich meiner Kleider und lege sie ordentlich auf den Sessel, der in der Ecke steht. Ich nehme eines der großen Handtücher aus dem Regal und breite es mit klopfendem Herzen über der Liege aus. Mein Atem geht schneller, mir wird warm und kribbelig.
Wie macht Matthew das bloß, dass allein seine Worte meinen Herzschlag beschleunigen und Adrenalin durch meine Venen pumpt? Ich lege mich auf die Liege, so wie Matthew es von mir verlangt hat.
Er hat mich nicht mal berührt und mein Begehren und meine Sehnsucht nach ihm brodeln schon wieder auf.
Ich schaue aus dem Fenster und sehe einen Mann im Garten, der mit einer Heckenschere geduldig damit beschäftigt ist, den Kirschlorbeer in Form zu schneiden. Verdammter Mist, wieso habe ich das blöde Rollo nicht heruntergelassen, bevor ich mich ausgezogen habe? Wenn ich jetzt aufstehe, wird er mich sehen, sobald er sich umdreht. Aber der Mann, sicher ein Gärtner, scheint sich nur für die Büsche da draußen zu interessieren. Zum Glück entfernt er sich. Er ist nun weit genug entfernt und steht obendrein mit dem Rücken zu mir.
Ich beobachte den Mann im Garten von meinem Platz aus, indem ich den Kopf ein wenig hebe. Genau jetzt dreht er sich zu mir um, schaut in das Fenster und in mein Gesicht. Was soll ich jetzt tun? Mich schnell wieder anziehen? Ich presse die Augen zusammen. Wenn ich ihn nicht sehe, sieht er mich vielleicht auch nicht – was natürlich kompletter Blödsinn ist, und mein Selbstbewusstsein verkriecht sich schamlos unter der Liege.
Ein leises Schnarren bringt mich wieder ins Hier und Jetzt zurück.
»Alles okay, Kleines?«, vernehme ich Matthews sanfte Stimme.
Ich atme erleichtert aus, als ich höre, wie er das Rollo bis zum Anschlag herunterlässt.
Endlich spüre ich, wie seine warmen Hände öltriefend auf meiner Haut entlanggleiten. Der Duft von Rosen steigt mir in die Nase.
»Entspann dich, Vivien. Ich habe einiges von heute Morgen wiedergutzumachen«, raunt er.
Ich entspanne mich. Er massiert meinen Rücken von den Schultern bis hinunter zum Steißbein kraftvoll. Wohlige Wärme umschmeichelt mich und ich bin schon wieder Wachs in seinen Händen. Ich verstehe mich selbst nicht. Matthew ist für mich wie eine geheimnisvolle Kraft, die mich in ihren Bann zieht und der ich nicht widerstehen kann. Sein Atem beschleunigt sich. Seine Daumen gleiten vorsichtig an meiner Wirbelsäule entlang, immer tiefer und tiefer, bis er meinen Po berührt und seine Hände dort für kurze Zeit liegen lässt, sodass ich mich wohlig unter seinen Berührungen räkle.
»Was tust du mit mir, Vivien? Ich kann einfach die Finger nicht von dir lassen«, flüstert er.
Ich mit ihm? Er wohl eher mit mir. Ich kann mich seiner erotischen, männlichen Ausstrahlung schon kaum entziehen, wenn ich ihn nur in meiner Nähe weiß. Ich winde mich unter der Berührung seiner geschickten Finger. Will mehr von ihm spüren.
»Das könntest du stundenlang tun«, bringe ich unter einem leisen Stöhnen hervor, drehe den Kopf zu ihm und schenke ihm mein hoffentlich schönstes Lächeln.
»Du bist schnell zufriedenzustellen, Vivien, aber das ist noch lange nicht alles, was ich dir geben werde«, verspricht er mir. Seine Hände streichen jetzt über meinen Po, hinunter zu meinen Beinen und wieder herauf. Dabei spreizt er jedes Mal meine Pobacken ein Stückchen weiter. Ich kann ein lustvolles Aufstöhnen nicht verhindern und strecke ihm meinen Po entgegen. Meine Pussy ist schon ganz feucht, obwohl er mich dort noch nicht berührt hat. Wenn er es doch nur täte!
Ich will ihn. Aber ich weiß, wir spielen nach seinen Regeln.
»Matthew«, flüstere ich trotzdem.
»Was willst du, Baby? Sag es mir!« Seine Stimme ist rau.
»Ich will dich. Bitte berühre mich«, bringe ich unter Stöhnen hervor.
»Aber das tue ich doch.«
Verdammt, er will es hören. Er will von mir hören, was mich erregt, wie und wo er mich berühren soll. Er will, dass ich über meinen eigenen Schatten springe und loslasse. Keine Scham vor mir. Das waren seine Worte. Ich amte tief ein und vergrabe meine Hände in dem Handtuch, während mir die Worte einfach nicht über die Lippen kommen wollen. Ich benötige mehrere Anläufe. »Streichle meine … Pussy, bitte«, flehe ich ihn an. Das letzte Wort ist nur noch ein Flüstern.
»Etwa hier?«, höre ich seine tiefe Stimme, während er seine Finger zwischen meine Schamlippen führt und erregend langsam meinen Kitzler massiert. Immer wieder streicheln seine Finger gekonnt über meine Perle. Die süßen Wellen der Lust, die sich langsam aufbauen, lassen mich zusammenzucken, während ich auf der Liege immer näher zu seiner neckenden Hand rücke.
»Matthew, ich bin kurz davor«, keuche ich.
Er zieht sofort seine Hand zurück, nimmt ein Kissen und schiebt es mir unter den Bauch. Dann zieht er mich sanft an den Hüften an das Ende der Liege, sodass ich, mit dem Hintern in seine Richtung, auf allen vieren vor ihm knie.
»Ich hoffe, du bist bereit für mich. Es wird schnell gehen und hart sein, wenn ich dich jetzt nehme«, knurrt er mir entgegen.
Ich höre, wie er den Reißverschluss seiner Hose öffnet, und wegen seiner schnellen Atemzüge vermute ich, dass auch er wahnsinnig erregt sein muss. Ich drehe den Kopf zu ihm. Zwischen den Zähnen reißt er das Kondompäckchen auf und wirft die leere Schutzhülle zur Seite, bevor er das Präservativ geschickt über seinen Penis schiebt. Seine Hände streicheln wieder zärtlich über meinen Po. Er will das Ende noch herauszögern, mich noch weiter diesen süßen Qualen aussetzen. Und endlich schiebt er sich mit einem gnadenlosen Stoß in mich.
Ich schreie auf, diesmal nicht aus Schmerz, sondern vor Lust. Er füllt mich ganz aus und bewegt sich kraftvoll in mir vor und zurück. Seine Finger finden wieder meine Knospe, die er jetzt in einem schnellen Rhythmus reibt, sodass ich vor Lust seufze. Dann packt er meine Haare und zieht meinen Kopf fest nach hinten. Eine Geste, die mir neu ist, und doch erregt mich seine dominante Art.
»Komm für mich.«
Meine Atmung wird jetzt schneller. Ich presse mich seinen Stößen entgegen, die immer forscher folgen, genau wie seine Finger auf meiner Klit, die unablässig im gleichen Rhythmus wie sein Schwanz erregende Wellen der Lust durch meinen Körper jagen. Er hat seine Hand immer noch fest in meinen Haaren vergraben und zieht leicht daran, sodass ich den Kopf drehen muss. Matthew schaut mir tief in die Augen, und was ich darin sehe, ist Begehren, unverhülltes Verlangen. Er zeigt mir damit, dass er mir gehört, dass wir eins sind in diesem Moment und dass er auf dem besten Wege ist, in mir ein Feuerwerk der Gefühle zum Explodieren zu bringen. Seine Lippen sind leicht geöffnet und ich kann sein Keuchen hören, während sein Gesicht vor Lust angespannt ist. Er stößt noch ein paar Mal hart zu, bevor ich in unendliche Tiefen mitgerissen werde. Die Wellen des Orgasmus überspülen mich, als auch Matthew lustvoll aufstöhnt und vom Höhepunkt überrollt wird. Kraftlos sinke ich auf die Liege zurück, als er sich von mir löst.
Matthew atmet hörbar aus, während er das Kondom abstreift und zärtlich mein Haar küsst. »Wir müssen uns irgendwann was anderes überlegen. Ich hasse diese Dinger.«
Ich drehe mich halb auf der Liege um und sehe noch, wie er das benutzte Kondom diskret in einem kleinen Mülleimer neben dem Regal verschwinden lässt. Ohne Kondom stelle ich mir unser Liebesspiel auch wesentlich intensiver vor.
Ich bin noch zu benommen von unserem Liebesakt, um darauf zu reagieren, und puste mir das Haar aus dem Gesicht. Ich lächle befriedigt und lasse mich wieder zurück auf die Liege sinken. Matthew scheint hingegen schon wieder völlig gefasst.
»So erschöpft, Ms. O’Brian? Dagegen sollten wir was tun«, raunt Matthew.
Und bevor ich mich auf der Liege umdrehen kann, hat er mir schon einen festen Schlag auf mein Hinterteil verpasst, und ich schreie auf.
»Soll ich dich nackt hochtragen? Oder ziehst du es vor, noch etwas anzuziehen?«
»Das würdest du nicht wagen, Matthew McQueen«, entgegne ich überzeugt.
»Wenn du wüsstest, mein Schatz, was ich alles wage«, murmelt er und schon hat er mich über seine Schulter gehoben. Seine Hand liegt auf meinem nackten Po. Und es macht ihm sichtlich Freude, mich in Verlegenheit zu bringen. Ich hänge kopfüber auf seiner breiten Schulter.
»Bitte lass mich runter. Wenn uns jemand sieht«, rufe ich entsetzt.
»Keine Chance, das wollte ich schon immer mal machen, Süße. Erregt dich der Gedanke, es könnte dich jemand so sehen? Mein Gärtner zum Beispiel, der im Garten die Büsche schneidet. Macht es dich scharf, beim Sex heimlich beobachtet zu werden?« Er wartet eine Antwort gar nicht erst ab. »Jeder wird sehen, dass ich dich gerade gevögelt habe. Deine Pussy ist noch immer ganz rosig und prall von unserem Liebesspiel.« Und schon öffnet er die Tür, schaut aber doch nach beiden Seiten. Wir sind allein. Er schnappt sich noch schnell meine Kleidungsstücke und das große Handtuch, das er mir jetzt über die Hüften legt. Ich zappele und winde mich auf seiner Schulter, aber die einzige Reaktion, die ich bei ihm hervorrufe, ist ein weiterer Schlag auf meinen Po, sodass sicher seine fünf Finger zu sehen sind. Matthew hat mich fest im Griff und lässt mich nicht herunter. Also schließe ich ergeben die Augen und hoffe gleichzeitig, die Erde wird sich auftun und mich verschlucken.
Als er mit mir über der Schulter zur Treppe geht, ist zum Glück weit und breit niemand zu sehen. Die Episode von Tarzan und Jane kommt mir gerade in den Sinn und ich muss jetzt doch schmunzeln.
Endlich erreichen wir sein Schlafzimmer und er lässt mich sanft auf sein Bett fallen, sodass ich erleichtert aufatme. Ich zwinge mich, beleidigt zu ihm aufzublicken.
»Vivien, wir sind hier ganz allein. Hältst du mich wirklich für so charakterlos, dich in eine derart peinliche Situation zu bringen?«
Ich zucke mit den Schultern.
»Die Fenster im Keller sind verspiegelt. Mein Gärtner konnte dich nicht sehen«, verrät er mir nun. Dieser Misterkerl, denke ich und nehme mir fest vor, es ihm heimzuzahlen.
Kurze Zeit später liege ich auf Matthews großem Bett auf dem Bauch und räkle mich unter dem weichen Badehandtuch, das mich bedeckt, während Matthew in seinem begehbaren Schrank verschwindet. Er sucht dort für mich ein vermutlich mal wieder sündhaft teures Kleid für heute Abend heraus.
Ich fühle mich irgendwie wund und gleichzeitig unbeschreiblich glücklich.
Auch Matthew hat sich nur ein Badetuch um die Hüften gewickelt und ich kann einfach nicht aufhören, meinen Blick auf seinen muskulösen, braun gebrannten Rücken zu heften, der eben wieder in mein Blickfeld kommt.
Nachdem wir uns unter der Dusche noch einmal schnell und hart geliebt haben, war er hier auf seinem Bett wieder so zärtlich, dass ich mich spätestens jetzt unsterblich in ihn verliebt hätte, wenn das nicht bereits geschehen wäre.
Dass ich zu solchen intensiven Empfindungen fähig bin, hätte ich nie für möglich gehalten. Zweimal kurz hintereinander Sex zu haben, ist wirklich abgefahren.
»Ich versuche, nächste Woche einen Termin bei einem Frauenarzt zu bekommen. Kennst du einen?«, frage ich ihn und drehe mein Gesicht in seine Richtung.
Er lächelt mich an. »Du willst dir ein Verhütungsmittel verschreiben lassen?«, fragt er überrascht.
Ich nicke. »Ja. Du hasst Kondome und ich frage mich, wie es sich anfühlt, dich hautnah zu spüren«, beantworte ich seine Frage.
Er kommt zum Bett, beugt sich zu mir herunter und küsst mich zärtlich, aber doch intensiv, wie es eben nur Matthew kann.
»Ich suche dir die Adresse eines guten Arztes raus. Ich werde mich auch testen lassen und sobald wir die Ergebnisse haben, wissen wir, dass alles in Ordnung ist«, meint er, bevor er wieder im Ankleidezimmer verschwindet.
Matthew hält mir ein Cocktailkleid entgegen und wartet auf meine Zustimmung. Aber ich will noch nicht aufstehen, ich bin noch immer völlig ausgelaugt von unserem Liebesspiel. In diesem Augenblick klingelt sein Handy auf dem Nachttisch. Er lässt das Kleid aufs Bett sinken und lächelt mich an, während er nach dem Telefon greift.
Bevor er den Anruf entgegennimmt, schaut Matthew auf die Nummer und sein Lächeln ist mit einem Mal wie weggewischt. Er verlässt eilig das Schlafzimmer.
»Was willst du?«, höre ich ihn noch fragen. Dann fällt die Schlafzimmertür zu und ich bin allein.

Holly Summer
Master of my Dreams
Master-Reihe Band 2

Immer wieder fliegt mein Blick auf die Homepage des Gentleman´s Club, den exklusiven Nachtclub außerhalb von Boston, in den meine beste Freundin mich mitschleifen will. Natürlich bloß auf einen Drink. Denn in der Bar finden keine sexuellen Spielchen statt, wie sie mir auf ihre charmante Art lächelnd versprochen hat. Diese intimen Geschehnisse werden vielmehr in den dafür vorgesehenen Räumen teilweise im Erdgeschoss, aber vor allen Dingen im oberen Stockwerk vollführt.
Als ob ich keine Courage hätte! Ich sehe noch Victorias schelmisches Lächeln vor mir, als sie mir die Wette vorgeschlagen hat, in die ich sofort eingewilligt habe. Das ist wieder mal typisch für mich. Victoria wollte mich mit dem Club nur reizen, da sie mir im Leben nicht zutrauen würde, dass ich auch nur einen Fuß in diesen Sexpalast setzen würde. Und doch habe ich ohne mit der Wimper zu zucken zugestimmt, sie zu begleiten. Ich höre noch ganz deutlich ihre Worte: Ich wette mit dir um eine Flasche Champagner, dass du dich nicht traust, mit mir an der Bar in einem Sexclub einen Cocktail zu trinken. Ich habe sie daraufhin nur angelächelt und ihr gesagt, sie soll schon mal den Champagner kaltstellen.
Victoria kennt mich. Sie weiß genau, dass ich nicht ablehnen werde. Wenn ich mich einmal zu einer Sache entschlossen habe, ziehe ich sie durch.
Der Club ist für seine Diskretion bekannt, und nur die beste Gesellschaft verkehrt hinter seinen Mauern. Also, was soll schon passieren? Und trotzdem habe ich ein mulmiges Gefühl dabei. Soll ich wirklich auf die Wette eingehen und Victoria dorthin begleiten? Nachdenklich kaue ich auf dem Bleistift herum. Victoria, dieses Biest. Und sowas nennt sich beste Freundin! Doch im Grunde muss ich darüber schmunzeln, wie ich ihr in die Falle gegangen bin. Um ehrlich zu sein, interessiert es mich schon, was hinter den geschlossenen Türen dieses Etablissements vor sich geht. Und was ist schon dabei? Viele Frauen gehen in Nachtclubs, na und? Ich werde mich doch nur an die Bar setzen, einen Drink bestellen und nach spätestens einer Stunde wieder gehen, so war es abgemacht.
Auf das verführerische Cocktailkleid mit den sexy Dessous darunter habe ich mich nur widerwillig eingelassen. Victoria wollte der Wette damit noch den besonderen Touch geben. Biest! Und doch reizt es mich, den Spaß mitzumachen. Als Victoria mir gestanden hat, dass sie und ihr Freund in diesem Club Mitglied geworden sind, bin ich zuerst vom Glauben abgefallen. Meine beste Freundin hat Sex in aller Öffentlichkeit! Außerdem geschehen dort angeblich Dinge, die mir die Schamesröte ins Gesicht treiben. Doch die Vorstellung, von einem Mann genommen zu werden, während andere um mich herumstehen, erregt mich. Als Victoria mir von den Neigungen erzählt hat, die sie und ihr Freund seit Neustem ausleben, hat mir das schon einen kleinen Stich versetzt.
Ihr neuer Lover ist ein Dom und liebt es, wenn Victoria sich ihm, zumindest beim Sex, unterwirft. Denn in allen anderen Bereichen ist Victoria äußerst selbstbewusst, genau wie ich, und entscheidet ausnahmslos allein über ihr Leben.
Natürlich war ich neugierig und habe die Seite des Clubs gegoogelt, als sie vor einer halben Stunde gegangen ist. Jetzt sitze ich hier und kämpfe mit meinem Gewissen, das Richtige zu tun. Warum ist Jonathan kein dominanter Alphawolf, in dessen Arme ich mich fallen lassen kann? Victoria kennt meine Sehnsüchte nach einem Mann, dem ich mich bedingungslos hingeben kann, der mich ganz und gar beherrscht.
Etwas, das Jonathan mir nicht geben kann oder will.
Alles, was Victoria zu mir gesagt hatte, war: Du musst es ausprobieren, um zu wissen, ob du es willst. Oder dein Leben wird in einer Sackgasse enden. Eine Sackgasse! Sitze ich nicht schon mittendrin?
Falls Jonathan fragt, wo ich hingehe, soll ich einfach sagen, ich gehe mit einer Freundin in eine Bar. Etwas, das für Victoria und mich nicht ungewöhnlich ist. Trotzdem hasse ich es, ihn anzulügen. Das habe ich noch nie getan. Mir wird ganz schlecht bei dem Gedanken, ihm etwas zu verheimlichen.
Natürlich habe ich ihm auch von der Wette nichts erzählt. Er würde mir nur eine Szene machen und um unsere Beziehung steht es ohnehin seit einiger Zeit nicht mehr so gut. Ich kann Jonathan doch nicht betrügen, nur um meine Sehnsüchte zu stillen. Denn darauf wird es doch letztendlich hinauslaufen, wenn ich diesen Club betrete. Unschlüssig lasse ich den Bleistift durch meine Finger gleiten.
Die Sirene eines Krankenwagens vor dem Haus reißt mich aus meinen Gedanken. Ich muss mich verdammt nochmal endlich um den großen Auftrag kümmern und das Angebot für James zusammenstellen. Die Kalkulationen sollten schon fertig sein. Diese Hochzeit ist der größte Fisch, den mein Chef an Land ziehen konnte und wird seine Firma aus den roten Zahlen herausholen. Das Cateringunternehmen läuft seit Monaten nur schleppend, obwohl es einen exzellenten Ruf hat. Die Konkurrenz ist eben einfach billiger. James musste erst letzten Monat zwei seiner Mitarbeiter entlassen, weil er sie nicht mehr bezahlen konnte, und auch meine Stelle stand für kurze Zeit auf wackeligen Beinen. Das wäre eigentlich nicht das Schlechteste, denn dann wäre ich gezwungen, endlich intensiver nach einem Job zu suchen, der meiner Ausbildung gerecht wird. Auf die einzigen beiden Bewerbungen, die ich bis jetzt abgeschickt habe, hat sich bis heute noch niemand gemeldet. Ich gehe davon aus, dass es nicht klappen wird, zumal ich James nicht im Stich lassen kann, bevor er einen Ersatz für mich gefunden hat.
James ist mit Herz und Seele Koch, er zaubert mit den einfachsten Zutaten ein Menü, das einem das Wasser im Mund zusammenlaufen lässt. Aber von Angeboten, Kalkulationen und dem ganzen ›kaufmännischen Kram‹, wie er es nennt, hat er keine Ahnung. Zum Glück musste er bis jetzt mein Gehalt nicht kürzen, was wohl auch ein Grund dafür ist, dass ich in letzter Zeit die Suche nach einer geeigneten Stelle schleifen lassen konnte.
Ich reiße mich zusammen und schließe die Internetseite jetzt endgültig. Trotzdem schwirrt sie immer wieder durch meinen Kopf. Ich kann mich nicht auf meine Arbeit konzentrieren. Mein Körper und meine Gedanken sind nur noch auf eines fixiert: Mich einem Mann vollkommen hinzugeben, mich ihm zu unterwerfen. Dieses Verlangen nach Kontrolle, die ich abgeben möchte und einem Mann übertragen, der mich beherrschen kann, wird von Tag zu Tag stärker. Meine Freundinnen haben mich nur ausgelacht und mir den Vogel gezeigt, als ich ihnen erzählte, was ich am Wochenende vorhabe. Nur Victoria nicht, sie hat mich wissend angelächelt.
Die Beziehung, die ich mit Jonathan führe, ist zu einer immer gleichen Routine geworden. Sie ist zum Stillstand gekommen: Da ist nichts mehr, kein Kribbeln im Bauch, kein Verlangen nach dem anderen, kein sehnsüchtiges Warten, um sich dann ganz ungeniert die Kleider vom Körper zu reißen. Nur noch der triste Alltagstrott.
Habe ich Jonathan jemals wirklich geliebt?, frage ich mich nicht zum ersten Mal. Aber ich sollte nicht ungerecht sein, natürlich habe ich etwas für ihn empfunden, zumindest am Anfang. Aber jetzt ist da nichts mehr. Selbst der Sex, der höchstens noch zweimal im Monat zwischen uns stattfindet, ist mehr eine Pflichtübung, um unser beider schlechtes Gewissen zu beruhigen. Wir haben uns auseinandergelebt, das steht fest. Leben praktisch nur noch nebeneinander her.
Immer wieder habe ich das überfällige Gespräch mit Jonathan aufgeschoben. Vielleicht, weil unsere Beziehung so bequem und ich nicht bereit war, den ersten Schritt hinaus zu machen. Einfach einen Schlussstrich zu ziehen. Denn im Grunde ahne ich bereits, dass auch er nicht mehr dasselbe für mich empfindet wie früher.
Und doch habe ich Angst, ihn zu verlieren. Ich würde mich nicht wundern, wenn er eine Geliebte hätte. Lächerlich! Jonathan und eine Geliebte! Bei dem Gedanken muss ich unwillkürlich die Mundwinkel nach oben ziehen. Er lebt doch nur für seine Karriere.
Der Gentleman´s Club ist diesen Samstag für Nichtmitglieder geöffnet und Jonathan ist wieder einmal auf Geschäftsreise. Das Schicksal spielt mir direkt in die Karten. Dass Jonathans Geschäftsreisen in letzter Zeit immer häufiger auf Wochenenden fallen, sollte mir eigentlich Sorgen bereiten. Aber wie so oft schiebe ich diese negativen Gedanken beiseite. Vielleicht bin ich aus diesem Grund auf die Wette eingegangen. Ich will wissen, ob zwischen mir und meinem Freund noch ein Fünkchen von dem alten Feuer ist, das nur darauf wartet, wieder angefacht zu werden.
Will ich Jonathan wirklich eifersüchtig machen? Ist das der richtige Weg, um Klarheit über unsere Gefühle zu bekommen? Der Anlass könnte nicht passender sein, um mir bewusst zu machen, was ich eigentlich vom Leben erwarte. Es ist alles perfekt, als würde das Schicksal nur darauf warten, dass ich zum Telefonhörer greife, um mich anzumelden.
Ich habe weiß Gott versucht, meine Gefühle zu verdrängen. Habe sogar probiert, Jonathan meine Empfindungen zu erklären, aber er hat mich gar nicht zu Wort kommen lassen und das Ganze als Scherz abgetan. Ich höre noch sein Lachen und seine vernichtenden Worte über diese »Psychopathen«, so hat er sich ausgedrückt. Bin ich vielleicht auch ein Psychopath, nur weil ich das Verlangen habe, mich einem Mann willenlos hinzugeben, einmal die Verantwortung abzugeben? Einen Schritt weiter zu gehen und mich von den Konventionen des Blümchensexes zu lösen? Seit dem Tod meiner Mom habe ich nichts anderes getan, als die Verantwortung zu übernehmen. Erst für meine kleine Schwester und später dann für meinen Dad, der sich mehr und mehr in Selbstmitleid hat fallen lassen.
Jonathan hat mir später nur einen flüchtigen Kuss auf den Mund gedrückt, mich gar nicht ausreden lassen und gefragt, ob ich meine Periode hätte. Ich würde mir zu viele schlechte Filme ansehen und dem Geschmiere in den Büchern von Verlangen und Unterwerfung, die ich regelrecht verschlungen habe, zu viel Wert beimessen. Mit ihm kann ich über solche Themen nicht reden. Er würde vom Glauben abfallen und an meiner Intelligenz zweifeln, wenn ich ihm vorschlagen würde, unserer Beziehung das gewisse Etwas zu geben, so wie Victoria es getan hat. Und wenn es nur ein Spiel ist, das meine sexuellen Sehnsüchte stillen kann.
Die Blicke, die er mir zuwarf, als er die Bücher auf dem Wohnzimmertisch liegen gesehen hat, haben schon gereicht, um mir seine Meinung mitzuteilen. »Pervers« hat er es genannt, wenn eine Frau sich willenlos einem Mann unterwirft. »Abstoßend«, wenn sie sich von ihm den Hintern versohlen lässt und ihn auch noch darum bittet.
Er kann absolut nicht verstehen, wie Menschen sich bestrafen und erniedrigen lassen und dabei auch noch Lust empfinden. So wie Jonathan es darstellt, ist es abstoßend. Aber er versteht rein gar nichts von Leidenschaft. Sex mit Jonathan hat immer den gleichen Ablauf, da ist keine Spontanität mehr, kein wildes Verlangen. Wir tun es natürlich nur im Schlafzimmer, niemals auf dem Küchentisch oder in der Dusche, geschweige denn an anderen Orten, wie zum Beispiel auf der Motorhaube seines Cabrios – es dürfen keine Kratzer den teuren Lack beschädigen. Das Licht ist in der Regel aus, und es passiert möglichst nur in der Missionarsstellung. Etwas anderes kommt für ihn selten in Frage. Ich fühle mich oft wie ein Ventil, das er benutzt, um sich seines aufgestauten Samendrangs zu entledigen. Das Vorspiel besteht fast immer in der nüchternen Frage Hast du Lust?, wenn wir bereits im Bett liegen. Ich nicke dann meistens, um wenigstens ein bisschen Spaß zu haben. Denn es mir ständig selbst zu besorgen und dabei den begehrenswerten Bad Boy immer nur in meine Gedanken zu projizieren, anstatt ihn hautnah zu erleben, ist auf Dauer äußerst deprimierend.
Wenn Jonathan mich dann berührt und später in mich eindringt, verdanke ich es lediglich meinem Kopfkino, dass ich feucht werde und zum Höhepunkt komme. Denn für Jonathan besteht Beischlaf nur darin, sich in mich hineinzubohren und in ruckartigen Bewegungen zum Orgasmus zu kommen. Wenn er dann fertig ist, fragt er meistens, ob es auch für mich schön war. Mehr nicht. Zum Glück komme ich für gewöhnlich vor ihm. Wenn das nicht der Fall ist, entschuldigt er sich, dass er jetzt nicht mehr in der Lage dazu sei, es mir mit der Hand oder der Zunge zu besorgen. Mein Gott, seine Zunge habe ich höchstens in meinem Mund gespürt, vielleicht auf meinem Hals, aber das war es dann auch schon. Er streift das Kondom ab, denn ohne tut er es nie, obwohl ich die Pille nehme. In diesem Punkt ist er übervorsichtig. Dann dreht er sich auf die Seite und schläft fast sofort ein.
Diese Art von Beziehung will ich nicht mehr. Ich bin sechsundzwanzig Jahre alt und noch ist es nicht zu spät, einen Schlussstrich zu ziehen und noch einmal von vorne anzufangen. Mit einem Mann, der mich ganz beherrscht, mit dem ich abtauchen kann in die Tiefen der Lust, der für mich da ist, wenn ich ihn brauche, bei dem ich mich im Rausch fallen lassen kann, der mich auffängt, mich beschützt, wenn ich den Boden unter den Füßen verliere, der mich wieder die begehrenswerte Frau in mir spüren lässt.
Unwillkürlich gleitet mein Blick zur Schublade, und jetzt ziehe ich sie entschlossen auf, hole den Zettel mit der Telefonnummer heraus, den Victoria mir gegeben hat, und wähle die Nummer. Es klingelt, ich bin aufgeregt, mein Herz schlägt schneller. Verdammt. Was soll ich nur sagen? Eine freundliche Männerstimme meldet sich am anderen Ende.
»Hallo?«
Ich atme tief durch und schlucke den Kloß in meinem Hals herunter, der mich fast zu ersticken droht.
»Hallo, mein Name ist Joyce. Victoria Scott hat mir Ihre Telefonnummer gegeben.« Dann stocke ich und warte.
»Hallo Joyce, ich bin Adrian, der Besitzer des Clubs. Was kann ich für dich tun?«
Was er für mich tun kann? Scheiße, ich dachte nicht, dass es so schwierig ist, sich in einem Sexclub anzumelden. Was soll ich jetzt sagen? Sein sympathisches Lachen dringt an mein Ohr. Als ich immer noch nicht antworte, höre ich seine ruhige Stimme.
»Du kommst auf Empfehlung von Victoria Scott?«
Ich höre, wie er auf die Tastatur seines PCs einhämmert, bevor er weiterspricht. »Du warst noch nie bei uns, nehme ich an.«
»Nein, ich war noch nie in einem … Sexclub. Victoria ist eine Freundin von mir«, setze ich noch schnell hinzu.
Sein Schmunzeln dringt durch den Telefonhörer an mein Ohr. »Davon gehe ich aus. Aber das muss dir nicht peinlich sein. Das geht den meisten Neulingen am Anfang so.«
Himmel, woher weiß er, dass mir der Anruf peinlich ist?
»Wir sind ein privater Club und für Nichtmitglieder geschlossen, aber Victoria hat uns informiert. Mitglieder werden nur auf Empfehlung aufgenommen. Wir müssen da sehr vorsichtig sein, Diskretion ist für uns oberstes Gebot. Sicher hast du von dem Todesfall letzte Woche gehört.«
»Ja, es wurde in der Presse darüber berichtet.«
»Das war leider nicht zu verhindern. Aber du bist herzlich willkommen. Am Samstag ist der Club für Nichtmitglieder geöffnet. Wirst du alleine kommen oder in Begleitung?«
»Allein«, stoße ich aus. »Das heißt, Victoria wird mich begleiten.«
»Okay. Ich notiere deinen Namen und deine Telefonnummer. Die Adresse und wie du zu uns findest, sind dir bekannt?«
»Ja.« Dann gebe ich ihm die Daten durch.
»Gut, dann viel Spaß in unserem Etablissement. Schau dich erstmal in Ruhe um und keine Angst, hier bestimmst immer noch du, wie weit das Spiel gehen wird«, teilt er mir mit, bevor wir uns verabschieden.
Wie weit das Spiel gehen wird? Für mich ist es kein Spiel, und im Grunde habe ich gar nicht vor, mich dort einem Mann hinzugeben. Ganz hinten in der letzten Ecke meines Gehirns ist eine winzige Stimme, die genau das Gegenteil behauptet, mich eine verdammte Lügnerin schimpft und mir unentwegt zuflüstert: Vielleicht findest du dort den Mann, der deine Sehnsüchte erfüllen und dein Verlangen stillen kann. Schnell verdränge ich die Stimme. Verdammt, ich bin seit zwei Jahren in einer festen Beziehung. Auch wenn Jonathan mich mehr und mehr vernachlässigt, würde ich ihn nie betrügen. Wir müssen einfach nur wieder zusammenfinden, jede Beziehung hat mal eine Krise, das ist ganz normal, rede ich mir ein. Und doch weiß ich im Grunde, dass es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis einer von uns den entscheidenden Schritt tun wird.
Am nächsten Morgen betrete ich aufgekratzt und wie auf heißen Kohlen die Küche von James’ Cateringservice in der Washington Street. Nachdem ich gestern den Hörer aufgelegt hatte, machte sich ein unsagbar kribbeliges Gefühl in mir breit. Beim Gedanken an Samstagabend habe ich mich das erste Mal seit Monaten wieder lebendig gefühlt. Das schlechte Gewissen Jonathan gegenüber, das immer stärker wird, je näher das Wochenende rückt, verdränge ich.
Er kam gestern spät aus dem Büro, hat sich noch schnell das Essen in der Mikrowelle aufgewärmt und sich eine Dokumentation im Fernsehen angeschaut, bevor er früh zu Bett gegangen ist. Und wieder haben sich Zweifel in mir breitgemacht, ob er der Richtige für mich ist, der Mann, mit dem ich mein Leben teilen will. Jonathan gibt mir Sicherheit, aber ist es das, was ich von einem Mann erwarte? Was ist mit Leidenschaft? Ich habe noch lange neben ihm wach gelegen und mich in Melancholie versinken lassen.
»Guten Morgen, Joyce«, grüßt James.
Mein Chef steht am Herd und rührt in einem Topf. Die Ärmel seiner Jacke sind aufgekrempelt, sodass seine muskulösen, tätowierten Arme zu sehen sind.
»Guten Morgen. Hier sind die Aufstellung und das Angebot. Ich hoffe, dein Auftraggeber ist damit zufrieden?«, sage ich zu ihm, während ich mich über den Topf beuge und den würzigen Duft von frischen Tomaten einatme. »Hm, riecht gut. Ist das für das Probeessen von deinem Klienten? Wie war noch sein Name?«, frage ich interessiert. »Du hast mir seine Daten nicht gegeben, deshalb konnte ich das Anschreiben nicht fertigmachen«, werfe ich ihm mit einem Lächeln vor und stecke einen Löffel in den Topf, um von dem leckeren Tomatensugo zu probieren.
»Finger weg, das ist noch nicht fertig«, maßregelt mich mein Chef mit gespieltem Ernst und haut mir leicht auf die Finger, dabei grinst er mich an.
»McQueen, Matthew McQueen. Er ist ein großes Tier hier in Boston. Ein Unternehmensberater, der Firmen aufkauft, mit einem Fingerschnippen liquidiert und damit ein Schweinegeld verdient.« Dabei schnippt er mit seiner freien Hand in die Luft. »Du hast die Firma sicher schon gesehen, die haben ihren Sitz im Financial District, McQueen & Montgomery. Ich habe dir das Gebäude gezeigt, als wir letzten Monat die Firmengründungsfeier des kleinen Reisebüros mit Essen beliefert haben. Erinnerst du dich?«
Ich nicke wissend.
»Der zahlt verdammt gut und dafür soll er auch den besten Service bekommen. Wenn wir den überzeugen Joyce, glaub mir, dann folgen weitere Aufträge dieser Art, und ich kann Sam und Eddy endlich wieder fest einstellen«, erklärt er mit dem Holzlöffel in der Hand wild gestikulierend. »Die Adresse habe ich hier irgendwo hingelegt«, dabei schaut er sich suchend um. Typisch James, Mr. Chaos persönlich. Ich schüttle nur den Kopf und binde mir die Schürze um, da ich neben meinen administrativen Tätigkeiten aushilfsweise auch noch das Mädchen für alles in seiner Küche spiele.
»Da liegt sie doch«, dabei zeige ich kopfschüttelnd hinter ihn auf das Regal, auf dem sich die Post von zwei Tagen, unbezahlte Rechnungen und Werbung stapelt. »Ich nehme die Rechnungen gleich mit«, dabei greife ich nach den Schreiben.
»Warum erinnerst du mich daran? Warte noch ein paar Tage mit den Überweisungen, McQueen wird in den nächsten Tagen die Anzahlung leisten, dann sind wir aus dem Gröbsten raus.«
»Ich überweise nur das, was fällig ist. Aber lange geht das nicht mehr so weiter«, rede ich ihm ins Gewissen. Er nickt.
»Wenn ich dich nicht hätte. Ach Joyce, halt dir den Samstag in drei Wochen frei. Ich brauche dich beim Servieren«, ruft James mir noch hinterher.
»Klar, wie immer. Wo soll denn diese Megaparty steigen?« Ich bleibe im Türrahmen stehen.
»Unten am Fluss, mit der Skyline im Hintergrund. Riesige Zelte werden dort aufgebaut, eine Liveband, das ganze Brimborium eben, das zu einer großen Hochzeit dazugehört. Es wird dir gefallen.«
»Mir?«, dabei rolle ich die Augen und hätte beinahe losgelacht. »Ich werde für das ganze Brimborium überhaupt keine Zeit haben, wenn ich mich mit dir um das Buffet kümmern muss. Reich müsste man sein«, seufze ich sehnsüchtig.
James lächelt mich an. »Oder sich einen von diesen Reichen angeln. Für dich ist es noch nicht zu spät, Joyce. Du siehst verdammt gut aus, hast eine hervorragende Ausbildung und bist intelligent, und das weißt du auch. Ich frage mich sowieso, was du an Jonathan findest. Er ist ein Langweiler, kein Mann, mit dem man ans Ende der Welt gehen würde. Für ihn wird immer seine Karriere an erster Stelle stehen und dann erst kommst du. Ach übrigens, hast du die Bewerbung endlich geschrieben? Du kannst dein Leben nicht hier bei mir verplempern.«
»Ich kümmere mich darum, versprochen. Spätestens am Wochenende«, verspreche ich ihm. »Außerdem habe ich noch zwei Anfragen ausstehen«, verteidige ich mich.
James ist nicht nur mein Chef, er ist mein Freund, der Beste, den ich je hatte. Wir beide sind zusammen zur Schule gegangen. Er hat immer ein offenes Ohr für mich. Mit ihm kann ich über alles reden. Im Übrigen ist er stockschwul.
Als er vor einigen Jahren seinen Cateringservice eröffnet hat, war ich die Erste, die er eingestellt hat. Eigentlich sollte es nur für den Übergang sein, bis ich etwas Passenderes gefunden habe. Mit meinem BWL-Studium in der Tasche sollte das kein Problem sein, aber ich kann James mit dem ganzen Papierkram nicht alleine lassen. Auch ein Grund, warum Jonathan und ich uns ständig in den Haaren liegen.
»Meinst du, ich sehe nicht, dass du in deiner Beziehung unglücklich bist? Jonathan ist nur an einem interessiert: die Karriereleiter so schnell wie möglich raufzuklettern und das ohne dich, meine Süße«, dabei schaut er mich mit seinem Hundeblick an, den er genauso perfekt beherrscht wie seinen strengen Blick, der sein Gegenüber sofort in die Schranken weist. »Und dann wird er dich fallen lassen. Dann bist du nicht mehr gut genug für ihn«, redet er jetzt aufgebracht weiter, immer noch mit seinem Sugo beschäftigt. Ich weiß, wie gern James mich hat, und dass er mir nur das Beste wünscht. »Du hast etwas Besseres verdient, jemanden, der dich wirklich liebt und dich nicht so vernachlässigt, wie Jonathan es immer tut. Er soll bloß nicht vergessen, woher er kommt. Er hatte einfach Glück mit dem Job, das ist alles.«
Jonathan ist in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen. Er musste sich alles im Leben hart erkämpfen. Nicht, dass ich aus einem reichen Elternhaus komme. Ganz im Gegenteil. Als jedoch vor einem Jahr meine Lieblingstante, die Schwester meines Dads, verstarb, hat sie mir die Doppelhaushälfte vermacht, in der ich seitdem mit Jonathan lebe.
»Sag mir etwas, das ich noch nicht weiß«, antworte ich augenrollend, denn ich kann mir denken, wohin das Gespräch führen wird.
»Sag du mir, wann er dich das letzte Mal zum Essen eingeladen hat, hm? Oder ins Kino? Hat er dir in den letzten Monaten mal Blumen mitgebracht oder dir gezeigt, dass er dich liebt?«
Ich senke den Kopf, beiße mir auf die Unterlippe – das tue ich häufig, wenn ich unsicher bin und mir die Worte fehlen – bevor ich James’ Blick wieder begegne. »Ich weiß es nicht«, flüstere ich leicht genervt.
Jetzt legt James den Kochlöffel aus der Hand und kommt um den Herd herum. Er packt mich an den Armen. »Joyce, noch ist es nicht zu spät. Ich weiß doch, wie sehr du unter dieser Beziehung leidest. Wie oft hast du mir erzählt, dass du dir eine richtige Familie wünschst. Einen Mann, der für dich da ist, und Kinder wolltest du auch immer haben. Wie denkt Jonathan darüber?«
Ich zucke die Achseln. Ich weiß ganz genau, wie Jonathan darüber denkt, aber ich will nicht mit James darüber diskutieren. Jonathan mag keine Kinder, die durchs Haus rennen, oder Hunde, die bellen.
»Ich weiß, dass ich mit Jonathan reden muss. Ich werde es am Wochenende in Angriff nehmen«, verspreche ich ihm.
»Was heißt reden?«
Ich spüre jetzt ganz deutlich, dass meine Beziehung mit Jonathan am Ende ist. Es musste mir nur jemand sagen. Ein Freund, dem ich wichtig bin, der sich nur das Beste für mich wünscht. Es ist vorbei. Ich sollte einen Schlussstrich ziehen und mich auf das konzentrieren, was mich weiterbringt. Und auf einen Mann, der mir geben kann, wonach ich mich so sehr sehne.
»Am Wochenende«, sage ich emotionslos.
»Warum noch herauszögern, Joyce?«
Weil sich am Samstag mein Leben ändern wird.

Jonathan hat vor drei Stunden die Wohnung verlassen und sich mit einem flüchtigen Kuss von mir verabschiedet, wie er es in letzter Zeit häufig tut. Er war aufgeregt, so habe ich ihn lange nicht mehr erlebt, als würde er sich auf ein großes Ereignis freuen. Ich soll mir zwei schöne Tage machen, hat er gesagt, da er erst Sonntag am späten Nachmittag wieder hier sei. Dass ich unsere Beziehung beenden werde, weiß er noch nicht.
Zuerst war ich enttäuscht von der Aussicht, den Großteil des Wochenendes allein in Boston zu verbringen. James ist voll und ganz damit beschäftigt, seine Wohnung zu renovieren, und Victoria jettet durch die Welt; sie ist Stewardess. Mit ihr habe ich mich daher direkt vor dem Club verabredet.
Ein Blick auf die Uhr sagt mir, dass ich mich langsam fertig machen sollte. Ich bin aufgeregt, was für mich völlig untypisch ist. Victoria hat mich gestern am Telefon sogar überredet, mir neue Dessous zu kaufen, als ob sie jemand sehen würde. Ich habe ganz bestimmt nicht vor, mich im Club auszuziehen, und doch war es aufregend, mir vorzustellen, wie ein Mann mir die zarte Wäsche vom Körper streift. Hin- und hergerissen zwischen schlechtem Gewissen und einer erwartungsvollen Neugier schaue ich auf die neuen Sachen, die ich mir bei Agent Provocateur auf der Newbury Street gekauft habe. Sie liegen ausgebreitet auf dem Bett, als würden sie nur darauf warten, vorgeführt zu werden.
Meine Freundin Susan war mit mir zusammen shoppen. Wir hatten einen riesigen Spaß, als ich die verführerischen Dessous anprobierte und sie ihr dann im Umkleidebereich des edlen Geschäfts vorführte. Die Verkäuferin hat uns zwar mit einem strafenden Blick bedacht, aber das war uns egal. Als ich später zwei Stringtangas, einen BH und die passenden Strumpfbänder auf die Theke gelegt und ihr meine Kreditkarte zugeschoben habe, hat sie mich freundlich angelächelt und die Sachen in dünnes rosa Seidenpapier eingewickelt. So viel habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht für Unterwäsche ausgegeben. Susan meinte, Jonathan wird es mir verzeihen, wenn er die verführerischen Teile von meinem Körper reißt.
Von meinem Körper reißen, was für ein Hohn.
Jonathan ist nicht nur sparsam, er ist der geizigste Mensch, den ich kenne.
Aber wenn ich ehrlich bin, habe ich beim Kauf der unanständigen Wäsche auch nicht an Jonathan gedacht, sondern an meinen imaginären dunklen Alphawolf. Jonathan hat sich nie viel aus Dessous gemacht, geschweige denn, dass ihm jemals der Gedanke gekommen wäre, sie mir vom Körper zu reißen. Für ihn ist das reinste Geldverschwendung. Er ist und bleibt eben ein nüchterner Marketingmanager. Was würde ich dafür geben, wenn es einmal ein Mann tun würde. Ein Bad Boy, einer von der Sorte, der einen nur ansehen muss, und man verliert den Boden unter den Füßen. Himmel, wenn Susan nur ahnen könnte, für welchen Anlass ich mir diese verflucht sexy Teile gekauft habe, sie würde mich in eine Zwangsjacke stecken lassen.
Aber im Grunde weiß ich doch, dass mein Wunsch, von einem Mann beherrscht zu werden, nur in meiner Fantasie besteht.
Vor mich hinschmunzelnd steige ich unter die Dusche und seife meinen Körper mit meinem Lieblingsduschgel ein, das himmlisch nach Kokosnuss und Vanille duftet. Dabei lasse ich meine Hand verheißungsvoll zwischen meine Beine gleiten und streichle leicht über meine Schamlippen, die sofort mit dem verräterischen Pochen darauf reagieren. Meine Atmung wird schneller, ich schließe die Augen, lasse meinen Kopf nach hinten sinken und spüre das warme Wasser, das wie ein weicher Regenschauer aus der Brause auf mein Gesicht prasselt. Ich weiß genau, wohin das führen wird. Und warum auch nicht, ich bin in der Stimmung, mein Kopfkino übernimmt die Regie.
Jetzt kann ich nicht mehr aufhören und streichle mich immer intensiver, lasse meine Finger zwischen meine Schamlippen gleiten und massiere meine Klit. In meinen Gedanken erscheint die imaginäre Person, die ich nicht greifen kann und die doch da ist. Der Mann, der mich zum Schreien bringt, dem ich mich voller Sehnsucht hingeben kann. Es sind nicht meine Hände, die immer wieder über meine Klit streifen, es sind die Hände dieses Mannes, der mich besitzergreifend in seinen Bann zieht.
Ich stehe unendlich lange unter der heißen Dusche, bis das Badezimmer in einem Nebel von Wasserdampf versinkt, aber ich liebe es, das Gefühl des Wassers auf meiner Haut und das Wissen, dass ich gleich den Gipfel der Lust erklimmen werde, wenn ich es zulasse. Aber ich will den Höhepunkt hinauszögern, das Gefühl der Lust so lange wie möglich genießen, darum lasse ich immer wieder von mir ab. Streichle stattdessen über meine Brüste und kneife mir ganz sanft in die Nippel, bis diese steil emporragen.
Meine Hand gleitet wieder über meinen Venushügel zu meinen Schamlippen. Dieses Mal werde ich es zu Ende bringen. Das Klingeln des Telefons beendet allerdings meine Wunschvorstellungen und reißt mich aus meinem Kokon. Ach verdammt, ich war so kurz davor. Doch dem Anrufer scheint das egal zu sein und plötzlich überkommt mich die Furcht, mit meinem Vater könnte etwas nicht stimmen. Ich stelle schnell die Brause ab, schnappe mir ein großes Badehandtuch und laufe eilig ins Wohnzimmer. Eine Spur von Wassertropfen verfolgt mich. Aber das ist mir egal. Jonathan hasst es, wenn auf dem Parkettboden Wassertropfen verteilt sind, aber er ist nicht da. Ich muss mir immer wieder ins Gedächtnis rufen, dass das hier meine Wohnung ist und ich machen kann, was ich will.
»Hallo«, melde ich mich atemlos.
»Joyce, ich bin es, Jonathan. Was ist denn los? Du hörst dich so abgehetzt an.«
»Du hast mich gerade aus der Dusche geholt«, antworte ich ihm jetzt wieder relaxed.
»Ach so. Ich wollte dir nur sagen, dass ich gut angekommen bin, und dass es morgen doch etwas später werden kann. Das Meeting wurde verschoben, und wir werden danach noch mit einigen Geschäftspartnern essen gehen. Also warte nicht auf mich, es wird sicher spät.«
»Okay. Ach, Jonathan?«, sage ich stockend. Ich fühle mich irgendwie schlecht, als hätte ich ihn betrogen. Jetzt, wo ich seine Stimme höre, fällt es mir gar nicht mehr so leicht, mein Vorhaben in die Tat umzusetzen. Ich hätte doch schon heute mit ihm reden und das unangenehme Gespräch nicht bis Sonntag hinausschieben sollen.
Die Hintergrundgeräusche lassen darauf schließen, dass er nicht allein ist.
»Bist du in deinem Hotelzimmer?«, frage ich misstrauisch.
Das Gelächter einer Frau vermischt sich mit dem tiefen Timbre einiger Männerstimmen, dazu gedämpfte Musik, die an mein Ohr dringt.
»Ähm, ich bin in der Bar des Hotels und warte auf die Geschäftspartner. Was ist denn? Du Joyce, ich muss gleich los … Ah, da sehe ich Mr. Jensen, also, mach dir ein schönes Wochenende, bis Sonntagabend«, versucht er, die Geräusche zu übertönen. Dann legt er auf. Ich flüstere noch in den Hörer: »Ach, nichts«, und lege auf.
Pünktlich um einundzwanzig Uhr hält das Taxi am Straßenrand. Ich wollte nicht mit meinem eigenen Wagen fahren. Die alte Kiste hat mich allein im letzten Monat dreimal im Regen stehen lassen, aber dennoch liebe ich meinen in die Jahre gekommenen Mustang. Ich schlüpfe schnell aus dem Haus und springe förmlich in den Fond des Taxis, sodass ich fast mit meinen High Heels am Türrahmen hängen geblieben wäre. Der Fahrer wirft mir einen missbilligenden Blick im Rückspiegel zu. Aber ich ignoriere ihn selbstbewusst.
Das figurbetonte Kleid liegt sexy auf meiner Haut und ich fühle mich heute einfach nur begehrenswert. Nachdem Jonathan das Haus verlassen hat, habe ich mir unendlich viel Zeit genommen, mir meine Beine und Achseln zu enthaaren. Als ich vor dem Spiegel stand und mich das dunkelblonde Dreieck zwischen meinen Beinen wieder an mein Vorhaben erinnerte, habe ich in einer Anwandlung von Trotz kurzerhand zum Rasierer gegriffen und auch hier alle Haare entfernt. Die Haut meines Venushügels fühlte sich danach zart, empfindlich aber auch hochsensibel an. Allein schon bei dem Gedanken daran, auf der nackten Haut meiner Intimzone von einem Mann berührt zu werden, hat sich dieses elektrisierende Gefühl von Lust in meiner Scham ausgebreitet.
Jonathan würde ausflippen, wenn er wüsste, dass ich seinen Rasierer dafür missbraucht habe. Absichtlich habe ich einige lange Schamhaare darin zurückgelassen, bevor ich ihn wieder an seinen Platz gestellt habe. Seitdem Jonathan einen Bart trägt, benutzt er ihn nicht mehr täglich. Warum ich dieses kindische Verhalten an den Tag gelegt habe, kann ich mir selbst nicht erklären. Was ich mir damit beweisen wollte, weiß ich im Grunde auch nicht. Seit seinem Anruf vor einigen Stunden beschleicht mich wieder das Gefühl, dass Jonathan mich betrügt. Mindestens fünf Mal habe ich seine Telefonnummer gewählt, um mich davon zu überzeugen, dass ich mir das alles nur einrede, aber vor dem ersten Klingeln habe ich immer wieder aufgelegt. Ich möchte nicht, dass er den Eindruck gewinnt, ich würde ihm nachspionieren.
Ich teile dem Fahrer mein Ziel mit und lehne mich zurück. Sein Blick trifft mich im Rückspiegel.
»Sie wollen zu dem alten Herrenhaus?«, fragt er mich unsicher, dabei fixiert er mich misstrauisch. Er sieht nett und vertrauensselig aus. Wie ein freundlicher Onkel, der es gut mit einem meint. Erwecke ich den Eindruck, als hätte ich Hilfe nötig? Ich bin eine erwachsene Frau und weiß ganz genau, was ich tue. Ich nicke und trotzdem oder vielleicht genau aus diesem Grund fühle ich, wie mir die Röte ins Gesicht steigt. Verdammt, wieso muss er das so betonen? Natürlich weiß er, was für ein Haus das ist. Ich rutsche etwas tiefer in den Sitz und schaue nach draußen, ganz in meine Welt versunken.
Auf dem Weg zu meinem Ziel werde ich nicht zum ersten Mal von Zweifeln befallen. Der Gedanke, Jonathan zu betrügen, schleicht sich einmal mehr aus der hintersten Ecke meines Gehirns in mein Bewusstsein. Auch, wenn ich ihn Sonntag verlassen werde, noch sind wir ein Paar, und ich werde meine Sehnsüchte im Zaum halten. Nein, verdammt, ich will und werde Jonathan nicht betrügen. Ich gehe lediglich mit einer Freundin in eine Bar und mehr nicht. Endlich kommt die lange Auffahrt zu einem Privatgrundstück in Sicht und wieder streift mich der Blick des Taxifahrers im Rückspiegel.
»Das ist die Adresse, die Sie mir genannt haben«, weist er mich erneut auf mein Vorhaben hin. Ich lächle ihn gekünstelt an und nicke. Das große schmiedeeiserne Tor ist weit geöffnet und kleine Lampen säumen den Weg bis zum Herrenhaus, das auf einer Anhöhe sichtbar wird. Rund herum ist ein großer Park angelegt. Das Haus steht gut versteckt, um die Blicke ungebetener Gäste abzuhalten. Draußen ist es ruhig, nur das leise Schnurren des Motors und das Knirschen des Kieses unter den Reifen ist zu hören. Einige teure Autos stehen bereits auf dem Parkplatz.
Der Taxifahrer hält vor der steinernen Treppe, die zu einer großen doppelten Eichentür führt. Links und rechts sind zwei Löwen aus Stein postiert, die erhaben am Eingang lauern und mich auszulachen scheinen, oder mir vielleicht zeigen wollen, wie unerfahren ich in diesen Dingen doch bin. Das ist der Eingang in eine andere Welt. Eine Welt der Lust und Ekstase, der Schmerzen und der Begierde, der ich mich heute entgegenstellen werde. Ich muss über meine lebhafte Fantasie schmunzeln.
Der Taxifahrer wendet seinen Kopf und wirft mir noch einen fragenden Blick zu. »Sind Sie sicher, dass Sie hierher wollten?«
Ich krame in meiner Tasche, ziehe einen Zwanzigdollarschein heraus und reiche ihm das Geld nach vorne. »Der Rest ist für Sie«, murmele ich schnell. Dann springe ich aus dem Wagen. Ich schaue mich suchend auf dem Parkplatz um, kann Victorias kleinen roten Flitzer aber nirgends entdecken. Scheinbar ist sie noch nicht da. Mist, jetzt muss ich hier auf sie warten.
An der Auffahrt neben mir parkt ein schwarzer Aston Martin. Ein wunderschöner Wagen. Ich streiche vorsichtig mit den Fingerspitzen über den teuren Lack und überlege noch, wer wohl der Besitzer dieses traumhaften Schlittens sein mag. Dabei schleicht sich das Gesicht eines dunklen, großen, dominanten Mannes in meine Gedanken, der genauso dynamisch ist wie sein Fahrzeug. Schnell schüttle ich diese idiotischen Überlegungen ab, ziehe mein iPhone aus der Tasche, lasse dabei meinen Blick über die parkenden Autos gleiten, und dann sehe ich ihn.
Ich kneife die Augen zusammen, und gehe einige Schritte näher zu dem Wagen, der mir bestens bekannt ist. Es ist Jonathans kanariengelbes Cabrio mit dem schwarzen Verdeck, das unter einem Baum geparkt steht. Ich brauche gar nicht auf das Nummernschild zu schauen, da ich bis jetzt noch keinen Wagen hier in der Gegend gesehen habe, der diese auffälligen Farben miteinander kombiniert. Der Anruf bei Victoria ist vergessen und wie in Zeitlupe läuft ein Film in meinem Kopf ab. Ich blicke mich gehetzt um, aber von Jonathan ist weit und breit nichts zu sehen. Ich muss mich kurz an einer der teuren Karossen festhalten, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Mein Atem kommt stoßweise. Ich habe das Gefühl, als würde mir jemand die Hand um die Kehle legen und mir die Luft abdrücken. Gleichzeitig spüre ich förmlich, wie mir der Boden unter den Füßen weggezogen wird. Kälte kriecht in mir hoch und mein Herzschlag beschleunigt sich.
Wie kommt sein Wagen hierher? Doch im Grunde sollte ich mich fragen: Was macht Jonathan hier? Und plötzlich fügt sich das Puzzle Stück für Stück zusammen. Kein Wunder, dass er es am Telefon so eilig hatte. Wie oft hat er diesen Club bereits besucht? Und vor allen Dingen mit wem? Verdammter Mistkerl!
Ich schlucke, drehe mich um und gehe wie in Trance auf das Gebäude zu, das hell erleuchtet daliegt, aber die undurchsichtigen weißen Vorhänge halten geheim, was hinter diesen Mauern geschieht. Der Eingang sowie der Parkplatz vor dem Haus sind mit großen Fackeln geschmückt. An der Tür, die sich hinter der großen Treppe öffnet, steht ein Diener in Livree, der die Gäste herzlich begrüßt. Seine Aufmachung kann nicht darüber hinwegtäuschen, um welche Art von Etablissement es sich hier handelt. Auch wenn der Eindruck entstehen soll, ich würde die Stufen zu einem Opernhaus emporsteigen. Es wirkt geradezu kitschig und aufgesetzt, wenn ich daran denke, um was es in diesem Club eigentlich geht. Sex!
Der Kies knirscht unter meinen hohen Schuhen und ein Gefühl von Enttäuschung und Verrat legt sich über meine Seele. Jonathan betrügt mich. Diese drei Worte bohren sich wie eine spitze Klinge in mein Inneres und reißen eine klaffende Wunde auf. Wo bleibt Victoria nur? Ich ziehe mein iPhone wieder aus der Tasche und versuche sie zu erreichen. Nach einigen Sekunden meldet sie sich.
»Joyce?«
»Ja, ich bin’s. Wo bleibst du denn? Ich stehe schon hier vor dem Club.«
»Tut mir so leid, Süße. Unsere Maschine hatte Verspätung, und jetzt stehe ich im Stau. Vor mir hat es einen Unfall gegeben. Aber geh nur schon rein und setz dich einfach an die Bar. Ich bin in spätestens zwanzig Minuten da«, verspricht sie mir.
»Spinnst du? Ich kann doch da nicht alleine reingehen. Außerdem hatten wir klar ausgemacht, dass ich nur auf einen Drink mit dir dahin gehe und mehr nicht«, betone ich noch einmal.
Ich höre sie fluchen, da die Straße vor ihr verstopft ist, und sie lässt die Hand auf das Lenkrad klatschen. »Bist du mit deinem Wagen da? Dann warte dort auf mich«, schlägt sie mir vor. »Vollidiot, du bist nicht der Einzige, der es eilig hat«, höre ich sie fluchen.
»Nein, ich bin mit einem Taxi gekommen. Stell dir vor, Jonathans Wagen steht hier auf dem Parkplatz.«
Ich höre sie scharf die Luft einziehen, bevor sie antwortet. »Dann stimmt es also doch, was ich gehört habe.«
Ich bin im ersten Moment sprachlos, eine lähmende Kälte macht sich in mir breit. Ich fühle eine negative Energie in mir aufsteigen. »Was hast du gehört, Victoria?«
»Nichts Konkretes. Lass uns gleich darüber reden, okay?«, versucht sie, mich zu beruhigen. Ein schrecklicher Verdacht nimmt in mir Gestalt an.
»Victoria, wenn du etwas weißt, das ich wissen sollte, dann sag es jetzt.« Meine Stimme wird immer lauter. Dabei lächle ich einem Herrn in einem teuren Smoking gekünstelt zu, der gerade an mir vorbeigeht und die Treppe betritt. Sein Blick gleitet über meinen Körper und ich fühle mich nackt.
»Ich habe es aufgeschnappt, als ein Bekannter Andeutungen gemacht hat, dass Jonathan ein Verhältnis mit der Tochter seines Chefs haben soll. Aber es war nur ein Gerücht, Joyce. Zieh keine falschen Schlüsse. Rede erst mal mit ihm, okay?« Ihre Stimme wirkt gehetzt.
Ich kann es nicht glauben, meine beste Freundin weiß, dass Jonathan mich betrügt, und hält es nicht für nötig, es mir mitzuteilen. Was ist denn verdammt nochmal hier los? Ich beiße mir auf die Lippen und versuche die Tränen, die mir vor Zorn und Enttäuschung in die Augen schießen, zu unterdrücken. Meine Finger halten verkrampft das Smartphone in der Hand, das ich am liebsten im hohen Bogen gegen Jonathans Wagen geschleudert hätte.
»Das ist jetzt nicht dein Ernst, Victoria«, flüstere ich mit zitternder Stimme.
»Joyce, es tut mir leid. Aber ich …«
»Weißt du was, Victoria, ich scheiß auf eine Freundin wie dich. Du hättest es mir sagen müssen«, meine Stimme wird immer brüchiger. Verzweiflung macht sich in mir breit. Ich nehme die Worte, die sie stammelt, gar nicht mehr wahr. Ich will nichts mehr hören, ich will nur noch den Schmerz, der mich zu zerreißen droht, im Alkohol ertränken.
Abrupt beende ich das Gespräch, werfe voller Wut das Handy in meine Handtasche und blinzle die Tränen weg. Was für eine Ironie. Ich habe Gewissensbisse, weil ich mit meiner Freundin in eine Bar gehe und mein Freund vergnügt sich ganz freizügig genau dort mit seiner Geliebten. Aber jetzt ist Schluss damit.
»Bitte nach Ihnen«, dringt die markante Stimme eines Mannes an mein Ohr. Ich drehe mich erschrocken um und versuche, eine unverfängliche Miene aufzusetzen. Es ist der Mann, der mir vor einigen Minuten schon diese anzüglichen Blicke zugeworfen hat. Er lässt mir keine Wahl und schiebt mich praktisch Richtung Treppe zum Eingang. Jetzt steht mein Entschluss fest. Jetzt werde ich Jonathan betrügen, wenn sich eine Gelegenheit ergibt, denn er tut es bereits und das sicher nicht erst seit heute.
Vor mir betritt ein Pärchen das Haus. Der Mann in einem teuren Abendanzug, die Frau geht mit leicht gesenktem Kopf hinter ihm her. Ihr Kleid ist aus schwarzem Leder und sehr kurz, aber es wirkt auf seine Art edel. Es verdeckt praktisch nichts. Das Oberteil ist eine Art Korsage, die über dem Bauch und der Brust mit Schnüren zusammengehalten wird und den Ansatz von zwei perfekten Brüsten zum Vorschein kommen lässt. Der Rock schmiegt sich enganliegend und kurz um ihre Hüften. Und ich könnte schwören, dass sie kein Höschen darunter trägt. Ich höre das Lachen des Mannes, dessen Finger besitzergreifend auf dem Schulterblatt seiner Partnerin liegen, während seine Begleitung ihm einen liebevollen Blick zuwirft. Er nimmt daraufhin ihre Hand und verteilt kleine Küsse darauf, während seine Finger immer tiefer zu ihrem Po wandern. Er schiebt ihren Rock gerade so weit nach oben, dass der Ansatz ihrer Pobacken zu sehen ist.
Verdammt, ich hatte Recht. Sie ist darunter nackt. Aber das scheint den beiden überhaupt nichts auszumachen.
Irgendwie wünschte ich, ich wäre die Frau an seiner Seite. Dieser Mann würde seine Partnerin sicher nicht betrügen, er würde sie beschützen.
Als ich das Haus betrete, habe ich das Gefühl, in einer anderen Zeit gelandet zu sein. Der Boden ist mit weißem Marmor bedeckt, die Beleuchtung besteht aus einem überdimensionalen Kronleuchter, der mitten im Raum hängt und der Atmosphäre eine geheimnisvolle Note verleiht.
Eine einladende Treppe führt in den ersten Stock, sie ist mit einem dicken roten Teppich bedeckt und verschluckt sämtliche Geräusche von klackernden Schuhen. Vom Foyer zweigen jeweils rechts und links von mir große Flügeltüren in die angrenzenden Räume ab, in denen bequeme Clubsofas stehen. Der Club wirkt mondän und exklusiv. Selbst die Wände sind mit exquisiten Seidentapeten bezogen und überall stehen kleine Lampen verteilt, die dem Ambiente noch den letzten Touch geben. Aber all das interessiert mich nicht. Ich bin voller Erwartungen auf diesen Abend hierhergekommen, wollte ein wenig Spaß mit meiner Freundin haben und jetzt fühle ich nur noch Leere und Verrat. Ich will nur eins: mich sinnlos betrinken.
»Guten Abend«, werde ich von einem Angestellten begrüßt, der hinter einem antiken Schreibtisch sitzt. Er ist passend zu dem ganzen Ambiente hier mit einem Abendanzug bekleidet. Nichts lässt auf den ersten Blick darauf schließen, wo ich mich hier befinde.
Der Computer vor ihm steht im totalen Gegensatz zu der Einrichtung, die eher an das 18. Jahrhundert erinnert.
»Guten Abend, mein Name ist Joyce Hamilton.«
»Guten Abend und herzlich willkommen, ich bin Al. Ich habe Sie hier noch nie gesehen, sind Sie Mitglied?«, will er wissen.
»Nein, ich begleite eine Freundin. Sie ist allerdings noch nicht da. Ich habe mich telefonisch angemeldet.«
Er nickt, tippt meinen Namen ein und lächelt mich an.
»Ah, ja, Sie haben mit dem Chef persönlich gesprochen.« Es ist mehr eine Feststellung als eine Frage. »Sie sind noch nicht mit unserer Hausordnung vertraut, nehme ich an?«
Ich schüttle den Kopf. »Nein, ich bin zum ersten Mal hier.« Aber vielleicht nicht zum letzten Mal.
Er nickt. »Wenn Sie eine Frage haben, können Sie mich jederzeit ansprechen.« Dann schiebt er mir ein Stück Papier über den Schreibtisch zu. Ich greife nach dem Stück Papier, falte es einmal zusammen und lasse es in meiner Tasche verschwinden. »Das sind die Regeln hier in unserem Haus. Wenn Sie etwas nicht möchten oder Ihnen etwas unangenehm ist, sagen Sie einfach nein. Dieses Wort hat hier jeder zu akzeptieren, alles klar?«, dabei zwinkert er mir freundschaftlich zu.
»Alles klar.«
»Dann wünsche ich viel Spaß. In diesem Raum rechts ist eine Bar, auf der anderen Seite wird heute Abend getanzt«, teilt er mir noch mit, während er mir meine Jacke abnimmt.
Leise, gedämpfte Musik dringt an mein Ohr.
»Wo sind die Toiletten?«
»Gleich hier vorne.« Er deutet auf zwei Türen in der Nähe des Eingangs. Ich drehe mich um und gehe auf den Raum zu. Als die Tür hinter mir zufällt, bin ich alleine. Ich schließe kurz die Augen und atme tief durch. Mein Leben liegt in einem Scherbenhaufen vor mir. Mein Freund betrügt mich, meine beste Freundin entpuppt sich als falsche Schlange, der ich nicht mehr vertrauen kann, und ich stehe hier im Waschraum eines exklusiven Nachtclubs. Die Situation wäre fast zum Lachen, wenn ich mich nicht so elend fühlen würde.
Verdammt, wie konnte mein Leben nur innerhalb von Minuten so aus den Fugen geraten? Oder tue ich Jonathan unrecht, interpretiere ich zu viel in irgendetwas hinein, das gar nicht so ist, wie es scheint? Ich sollte mir ein Taxi rufen, nach Hause fahren, Jonathan später anrufen und ihn zur Rede stellen. Am liebsten würde ich ihm direkt hier eine Szene machen, aber diese Blöße werde ich mir nicht geben.
Die Tür öffnet sich und zwei leichtbekleidete Frauen betreten den Raum. Beide tragen Lederkorsagen und kurze Hotpants, dazu kniehohe enge Lederstiefel. Sie lächeln mich freundlich an, sodass ich nicht anders kann als zurückzulächeln. Ihren Gesprächsfetzen kann ich entnehmen, dass sie sich über die »Herren«, wie sie ihre Partner nennen, austauschen, dabei wirken sie absolut glücklich und zufrieden.
»Schau dir den an«, dabei hält die dunkelhaarige Schönheit ihre Hand provozierend in die Höhe und wedelt mit einem fetten Diamantring am Finger vor dem Gesicht der anderen herum.
»Wow, ist der von John?«
»Hm, habe ich heute bekommen. Ist er nicht süß?« Dabei verzieht sie verträumt die Mundwinkel nach oben.
»Süß? Dafür wird er dich bezahlen lassen. Ich kenne doch John. Er wird sich sicher schon eine Möglichkeit ausgedacht haben, wie er dich später oben vor Lust erniedrigen kann.«
»Das will ich hoffen«, dabei dreht sie sich zu mir um und lächelt wieder, diesmal peinlich berührt, bevor die beiden den Waschraum verlassen. Ist es das, was ich will? Mich erniedrigen lassen und dafür teure Geschenke bekommen? Ganz sicher nicht.
Wieder etwas beherrschter öffne ich die Tür und höre das mir sehr bekannte Lachen von Jonathan, der gerade im Begriff ist, mit einer bildhübschen jungen Frau im Arm die Treppe nach oben zu erklimmen. Seine Hand liegt besitzergreifend auf ihrem Po und sein Mund flüstert ihr etwas ins Ohr, das ich nicht verstehen kann. Ihr Lachen versetzt mir einen Stich, sodass ich für einige Sekunden die Augen schließe. Verrat und ein beklemmendes Gefühl, nicht mehr zu ihm zu gehören, einfach vor der geschlossenen Tür zu stehen, während sie mit ihm dahinter ist, breitet sich in mir aus. War ich es nicht, die mit ihm Schluss machen wollte? Und trotzdem tut es verdammt weh, ihn hier mit einer Fremden im Arm zu sehen. Ich bleibe wie angewurzelt in der Tür stehen, sodass er mich nicht sehen kann, und blicke dem Mann hinterher, dem ich zwei Jahre meines Lebens geschenkt habe, dem ich vertraut habe, mit dem ich mein Leben verbringen wollte.
Jetzt ist es klar, Jonathan hat ein Verhältnis und das sicher schon eine ganze Weile. An was muss er gedacht haben, wenn er auf mir gelegen, seinen Schwanz in mich gebohrt hat? Kein Wunder, dass er keine Lust mehr auf Sex hatte. Für den Spaß hat eine Andere gesorgt. Die vielen späten Meetings nach Feierabend, seine Geschäftsreisen, die immer häufiger wurden. Ich hätte es merken müssen.
»Geht es Ihnen nicht gut?«, dringt die Stimme von Al an mein Ohr. Er kommt auf mich zu. Wie aus einer Trance erwacht, wende ich den Kopf zu ihm.
»Nein, nein, alles in Ordnung«, winke ich ab. »Ich habe nur gerade erkannt, was ich im Leben wirklich will.«
Jonathan gehört der Vergangenheit an. Al unterbricht mein Schweigen. »Hier bleiben keine Wünsche offen. Ich würde Ihnen vorschlagen, erstmal einen Drink an der Bar zu nehmen. Sie sehen etwas blass aus«, dabei nickt er zu dem angrenzenden Raum, aus dem die samtige Stimme von Barry White dezent aus den Lautsprechern dringt.
Jetzt wieder gefasst, lächle ich ihn an, drehe mich um und betrete die Bar, mit dem einen Wunsch, mich meinen Bedürfnissen und Wünschen ohne schlechtes Gewissen hingeben zu können, und wenn es nur für diese eine Nacht ist.

Die Atmosphäre erinnert an eine Party längst vergangener Zeiten, als die Männer noch Kavaliere waren und die Frauen mit Respekt und Anerkennung behandelt wurden. Eine Träne drängt sich in meinen Augenwinkel, um mit träger Grazie über meine Wange zu laufen. Schnell wische ich sie weg, hebe den Kopf und betrete selbstbewusst den Raum.
Auf den Clubsesseln sitzen bereits einige attraktive Herren, und ich spüre, wie ihre Blicke bewundernd über meinen Körper streifen. Sie tragen alle dunkle Anzüge und wirken mondän. Gerade in diesem Moment tut es gut, das Gefühl zu haben, begehrt zu werden, es ist das, was ich heute Abend will. Aber vor allen Dingen will ich den Schmerz vergessen. Ich atme noch einmal tief durch und gehe zielstrebig auf die Bar zu. Es ist nur noch ein Platz zwischen zwei extrem sexy Gentlemen frei, sodass ich mich entschlossen auf den Barhocker gleiten lasse.
»Was darf’s sein, Lady?«, fragt der Kellner hinter der Bar, während er ein benutztes Glas vor mir wegnimmt und über die Theke wischt.
»Ähm, ich …« Mein Blick schweift zu der Karte, die in rotes Leder gebunden ist. Bevor ich antworten kann, hat bereits einer der beiden Herren neben mir die Bestellung für mich aufgegeben. Ich ziehe fragend die Augenbrauen hoch und schaue ihn überrascht an. Daran sollte ich mich wohl in Zukunft gewöhnen, dass ein anderer für mich die Bestellung aufgibt. Eine Eigenschaft, die ich bei Jonathan tatsächlich vermisst habe.
Die Antwort des Unbekannten ist nur ein überlegenes Lächeln. »Die Rechnung geht selbstverständlich auf mich, Lady.«
Ich nicke stumm. Jonathan hat auf solche Gesten nie großen Wert gelegt. Im Gegenteil, gerade in Situationen, in denen es um die Bezahlung ging, bestand er regelrecht auf der Emanzipation der Frau und hat mich die Rechnung begleichen lassen.
»Ich habe dich hier noch nie gesehen. Bist du das erste Mal hier?«, fragt der Unbekannte und dreht meinen Hocker ganz selbstverständlich zu sich herum, sodass ich zwischen seinen langen Beinen sitze. Seine Hände liegen dabei besitzergreifend neben meinen Schenkeln, aber er berührt mich nicht. Ich schaue in sein Gesicht. Er ist begehrenswert. Ich schätze ihn auf Anfang dreißig, vielleicht ein paar Jahre älter. Ich greife zu dem Glas, das der Barkeeper auf die Theke gestellt hat, und proste meinem Gegenüber verhalten zu. Er grinst mich über den Rand seines Drinks an, während er den Blick keinen Moment von meinem Mund nimmt.
Manchmal hasse ich meine vollen Lippen, die, wie Victoria es immer betont, jeden Mann in den Wahnsinn treiben. Könnte er der Mann sein, dem ich mich hingeben werde? Jetzt nur nicht die Nerven verlieren. Du hast es nicht anders gewollt. Ich bin doch sonst nicht auf den Mund gefallen. Wo ist mein Selbstvertrauen? Was habe ich mir denn vorgestellt, wie die Kommunikation hier ablaufen wird?
»Ja, aber ich denke, ich bleibe nicht lange. Ich warte auf eine Freundin«, sage ich so selbstsicher, wie es mir möglich ist, und schaue mich suchend nach irgendeiner imaginären Person um.
Ich muss meine Unsicherheit überspielen, wenn ich hier nicht gleich eine Panikattacke riskieren und schreiend den Raum verlassen will. Reiß dich zusammen, ermahne ich mich stumm. Was ist denn schon dabei, wenn ich mich von einem extrem attraktiven Mann zu einem Cocktail einladen lasse? Das bedeutet noch lange nicht, dass er irgendeinen Anspruch auf mich hat. Und noch bin ich mir nicht sicher, ob ich es wirklich fertigbringe, mich einem völlig Fremden, und wenn er auch noch so attraktiv ist, hinzugeben.
»Das werden wir noch sehen«, dabei lächelt er mich herausfordernd an und ich bin sicher, er hat meine Nervosität gespürt. Als der Kellner erneut einen Drink, diesmal ist es ein Caipirinha, vor mich stellt, nimmt auch mein Gegenüber sein Glas und prostet mir wieder zu.
»Deine Freundin scheint wohl nicht mehr zu kommen«, sagt er nach einiger Zeit.
Ich schaue auf meine Armbanduhr, Victoria wollte schon vor zehn Minuten hier sein. Scheinbar hat sie es sich nach unserem Telefongespräch anders überlegt. Das kann ich für sie nur hoffen.
»Sieht ganz so aus.«
Er nickt schmunzelnd. Sicher denkt er, dass die Freundin nur ein Vorwand war und ich alleine hier bin. Er soll bloß nicht denken, ich bin dem Ganzen hier nicht gewachsen. Ich greife wieder zu meinem Glas und trinke es aus. Dass Victoria wohl in der Versenkung verschollen bleibt, ist jetzt auch egal.
Der unbekannte Fremde ist charmant, keine Frage. Wirkt dominant, aber nicht überheblich. Ob ihm der schwarze Luxuswagen da draußen gehört? Ihn könnte ich mir hinter dem Steuer vorstellen. Über was soll ich mich nur mit ihm unterhalten? Verdammt, ich hätte nach Hause fahren und meinen Kummer dort im Alkohol ertränken sollen. Das hier ist doch alles sinnlos. Hier werde ich keinen Mann fürs Leben finden. Hier finde ich nur eins: SEX, und das in jeder Variante.
Mein Gegenüber beobachtet mich, scheint meine Aufregung zu spüren, und endlich bricht er das unangenehme Schweigen zwischen uns.
»Entspann dich, du musst hier nichts tun, was du nicht willst.« Dabei schaut er mich abschätzend an. »Wieso bist du allein hier, ohne Begleitung?«, fragt er und nippt wieder an seinem Drink.
Er nickt dem Barkeeper zu, mir noch einen Drink zu mixen. Ich sollte aufhören, aber ich tue es nicht. Meine Anspannung lässt nach. Soll ich ihm die Wahrheit sagen? Dass ich auf der Suche nach einem Mann bin, der mich beherrscht? Jetzt, wo ich weiß, dass Jonathan mich betrügt, kann ich es doch tun. Ich zögere kurz und beschließe dann, lieber für mich zu behalten, dass ich genau diesen Kick, den Rausch der Gefahr, den Nervenkitzel des Unbekannten gesucht habe.
In meiner Aufregung trinke ich den Cocktail, der ziemlich viel Alkohol enthält, viel zu schnell. »Bin ich das?«, antworte ich, dabei lasse ich meinen Blick durch den Raum mit den attraktiven Männern gleiten, jetzt schon etwas selbstsicherer. Mein Gegenüber lacht anzüglich, als hätte er verstanden.
»Was hast du dir vorgestellt?«, dabei lehnt er sich zu mir und fasst nach meinem Kinn, hebt es ein Stückchen hoch, sodass mir gar nichts anderes übrig bleibt, als ihm direkt in die Augen zu schauen, die mich regelrecht aufspießen wollen. Ich halte kurz den Atem an und spüre das aufgeregte Kribbeln in meinem Bauch, als er mir mit seiner Geste signalisiert, dass er mich will. Mein Gott, die Gefühle, die ich seit Wochen zu unterdrücken versuche, sind genau in diesem Moment so stark, dass ich kurz die Augen schließe, um meinen schnellen Herzschlag unter Kontrolle zu bekommen. Ich zucke mit den Schultern, da ich im Grunde gar nicht weiß, was ich will und schlucke heute schon zum zweiten Mal den Kloß im Hals hinunter. Sein Grinsen wird breiter.
»Ich kann dir geben, wonach du verlangst«, flüstert er mir ins Ohr. Sein warmer Atem streift mich.
»Woher willst du wissen, wonach ich verlange?«
»Du wirst es mir sagen.«
Werde ich das wirklich? Von gewissen Dingen zu träumen, sie sich in Gedanken vorzustellen, ist eine Sache, aber offen, dazu noch mit einem völlig Fremden, darüber zu sprechen, eine ganz andere. Und sie zu tun, den Sprung über den eigenen Schatten zu wagen, fast unvorstellbar.
Seine Finger streichen beruhigend über meinen nackten Arm, sodass ich kurz zusammenzucke. »Also, erzähl mir von dir«, ermuntert er mich.
»Was willst du wissen?«
»Zum Beispiel, was du hier so ganz alleine machst?«
»Ich war einfach neugierig«, gebe ich schulterzuckend zu.
»Neugierig auf was?«
Mein Gott, was will er denn von mir hören? Soll ich ihm meine Gefühle wie auf einem Silbertablett servieren? Ich atme langsam aus und dann sage ich ihm, was ich mir vorstelle. »Ich war neugierig, wie es sich anfühlt, von einem Mann dominiert zu werden, das ist alles.« Nachdem ich den Satz ausgesprochen habe, ist es mir gar nicht mehr so peinlich. Der Fremde grinst mich an.
»Ich bin Darren«, stellt er sich vor.
»Joyce«
»Okay, Joyce. Du willst dich mir also hingeben?«
Will ich das? Die ganze Sache kommt mir viel zu nüchtern vor, so, als würden wir über einen Geschäftsabschluss verhandeln.
»Ich würde gerne noch etwas trinken«, versuche ich, Zeit zu gewinnen.
»Jake, mix der Lady noch einen Drink«, wendet er sich an den Barkeeper. »Ich nehme an, dein Freund ist zu dieser Art von Sex nicht bereit?«
Ich drehe erschrocken den Kopf zur Seite. Woher weiß er das? Und wie kommt er darauf, dass ich einen Freund habe?
»Nein, oder vielmehr, ja, allerdings nicht mit mir. Er betrügt mich gerade in einem der oberen Räume.« Ich lasse meine Finger am Rand des Cocktailglases herauf und heruntergleiten und starre in Melancholie versunken auf meinen Drink.
»Und jetzt willst du es ihm heimzahlen?« Sein verhaltenes Lachen lässt mich aufblicken.
»Nein, ich will körperlichen Schmerz spüren, damit ich die Verletzung in meinem Inneren vergessen kann.«
»Eine sehr gute Lösung, wenn man gerade verletzt wurde.«
Erschrocken schaue ich auf. Darren wirkt, als wäre er mit seinen Gedanken weit weg. Als er meine Unsicherheit spürt, schenkt er mir wieder seine volle Aufmerksamkeit.
»Ich schätze, wir werden noch viel Spaß haben«, verspricht er mir und greift nach meinem Arm. »Es wird Zeit, deinen Wissensdurst zu stillen. Deswegen bist du doch schließlich gekommen«, sagt er mit leiser Stimme und schaut mir dabei tief in die Augen.
Himmel, wie ist es dazu gekommen, dass ich ihm doch von meinen Sehnsüchten erzählt und dazu auch noch meinen Namen verraten habe? Joyce, das geht zu schnell!, ermahne ich mich stumm.
»Worauf stehst du? Magst du es sanft oder lieber auf die harte Tour? Hier ist fast alles erlaubt. Ich wette, du suchst nach einem Alphatier, das es dir so richtig besorgen kann«, dabei lacht er mich leise an, ohne eine Antwort von mir abzuwarten, und ich folge ihm in den angrenzenden Raum. Die Tür fällt leise ins Schloss und wir sind allein.
Es war eine arbeitsreiche Woche und Greg hat heute nur noch einen Wunsch: mit Kay einen Drink an der Bar zu nehmen und dann früh nach Hause zu fahren. Er hat sie für den Junggesellenabschied seines besten Freundes Matthew engagiert. Die Striptänzerin tritt hier in diesem exklusiven Nachtclub auf, in dem er immer noch Mitglied ist, aber an dem er schon lange das Interesse verloren hat. Er ist heute nur hier, um mit Kay über ihren Auftritt zu sprechen.
»Guten Abend, Al. Noch nicht viel los heute Abend, was?«, begrüßt er den Mann hinter dem antiken Schreibtisch, als er das Foyer betritt.
»Guten Abend, Mr. Montgomery. Die Stammkunden kommen noch.« Gregs Blick schweift in den Raum, während Al ihm die Jacke abnimmt. Auf den Clubsofas sitzen zwei Pärchen, die bereits in angeregter Stimmung sind und einige Herren, denen er zunickt, stehen lässig in Unterhaltungen verstrickt im Raum. An der Bar erkennt er Darren, der besitzergreifend seine Hand unter das Kinn einer jungen Frau gelegt hat, die ihm ehrfürchtig zu Füßen zu liegen scheint, und doch kann er Angst in ihrer Körpersprache erkennen. Oder ist es Verzweiflung, die er in ihren Augen liest, als Kay auf ihn zukommt?
»Kay, schön, dass du Zeit hast«, begrüßt er die dunkelhaarige Frau mit der Figur einer Nymphe und küsst sie flüchtig auf beide Wangen, ohne den Blick von der Frau an der Bar zu nehmen, deren Anwesenheit sofort sein Interesse geweckt hat. Greg kennt Kay schon lange. Vor einigen Jahren musste er sie aus einer brisanten Situation befreien und seitdem sind sie Freunde.
»Für dich und Matthew tue ich das doch gerne. Ich habe gehört, Terry ist wieder nach England zurückgegangen?«, lässt Kay die Frage im Raum stehen, bevor beide auf einer Ottomane Platz nehmen. Greg wirkt verletzt. Dann schaut er Kay direkt an. »Ja, wir haben uns getrennt. Es ist mir wohl nicht vergönnt, glücklich zu sein«, antwortet er betrübt.
»Hey, ich weiß genau, dass die Richtige noch irgendwo auf dich wartet. Du brauchst eine Frau, die es mit dir aufnehmen kann, die dir Kontra bietet, und Terry war einfach nicht der Typ für einen Mann wie dich. Du wirst sehen. Schau dir Matthew an. Soweit ich weiß, wollte er nie wieder heiraten und dann kommt Vivien und zack«, dabei schnippt sie mit den Fingern, »ist er ihr mit Haut und Haaren verfallen. Das hast du mir selbst erzählt.«
»Wahrscheinlich hast du Recht. Vivien ist ein Engel. Ich weiß immer noch nicht, womit dieser Schweinehund so eine Frau verdient hat«, sagt er im Scherz. Dabei gleitet sein Blick immer wieder zu der blonden Frau an der Theke, deren lange Haare wie ein Fächer über ihren entblößten Rücken fallen. Sie wirkt unsicher und schüchtern. Sie beißt sich ständig auf ihre vollen Lippen, die ihm sofort aufgefallen sind. Lippen, die von einem Mann in Besitz genommen werden sollten. Dabei senkt sie beschämt den Blick.
In ihr scheint ein Gefühlschaos zu toben, dafür hat Greg einen Blick. Was ist mit ihr los?, überlegt er. Ob sie Darrens derzeitige Gespielin ist? Sie macht auf ihn nicht den Eindruck, als wäre sie der Typ für Darrens perverse Spielchen.
»Greg, hörst du mir überhaupt zu?«, dringt Kays Stimme wie aus einem Nebel zu ihm.
»Tut mir leid, ich bin heute nicht ganz bei der Sache. Was sagtest du?«, dabei fasst er liebevoll ihre Hand.
Kay schüttelt schmunzelnd mit dem Kopf. »Ich weiß ganz genau, wo du mit deinen Gedanken bist.« Dabei nickt sie in Richtung Bar. »Bei der süßen Kleinen, an die Darren sich gerade ranmacht.«
Greg dreht wieder den Kopf zu der Unbekannten. »Kennst du sie etwa?« Kay schüttelt den Kopf. »Nein, sie muss neu sein. Ich habe sie noch nie gesehen.«
»Ich frage mich, was so eine sensible junge Frau mit einem Typen wie Darren zu schaffen hat.« Kay dreht den Kopf zu den beiden und zuckt nur mit den Schultern, bevor sie ihr Gespräch mit Greg fortsetzt.
Greg beobachtet Darren und die junge Frau weiter. Als Darren seinen Arm um die unbekannte Schönheit legt und sie etwas zu abrupt vom Stuhl hochzieht, versteinert seine Miene. Seine Hand greift um die Lehne der Ottomane. Doch bevor er aufstehen kann, hält Kay ihn an seinem Arm zurück. »Greg, lass es. Du kennst die Regeln«, beschwört sie ihn.
»Ich hasse Typen, die einer Frau nicht den nötigen Respekt entgegenbringen. Er muss doch sehen, dass die Kleine völlig hilflos und verunsichert ist«, zischt er Kay leise zu. »Sie wirkt abwesend, als hätte sie zu viel getrunken. Das kann selbst ich spüren«, setzt er noch hinzu, beruhigt sich aber augenblicklich wieder.
»Sie muss einfach nur nein sagen. Hab ein Auge auf die beiden und wenn du merkst, dass Darren sein Spiel zu weit treibt, kannst du immer noch eingreifen. Es ist doch nichts passiert, okay?«
»Vielleicht hast du Recht. Ich hatte heute einen anstrengenden Tag und habe etwas überreagiert. Also, lass uns über Matthews Junggesellenabschied sprechen«, lenkt er jetzt das Gespräch in andere Bahnen.
Die junge Frau, die den Raum nebenan betreten hat, ist schon beinahe aus seinem Gedächtnis verschwunden. Aber nur beinahe.
Ich folge Darren in den angrenzenden Raum. Wir sind allein. Der Alkohol, den ich mittlerweile in Mengen konsumiert habe, verfehlt seine Wirkung nicht. Ich fühle mich leicht, aber meine Bewegungen sind schleppend und meine Gedanken verschwimmen immer mehr.
In der Mitte des Zimmers steht ein großes Bett, das mit rotem Samt bezogen ist und den Raum beherrscht. An den Bettpfosten hängen schwarze Ledermanschetten und darüber ist eine Art Gitter angebracht, von dem Karabinerhaken baumeln. Ich schließe kurz die Augen und stelle mir vor, wie ich mit verrenkten Gliedern an diesem Gestell hänge. Joyce hör auf!, ermahne ich mich. Ich lasse meinen Blick weiter durch den Raum schweifen, auch die Wände und die Bezüge des alten Chesterfieldsofas sind aus rotem Samt.
Der Raum wirkt klischeehaft, wie eine Lasterhöhle, und doch auch auf seine Art ansprechend. Ich fühle mich ins 18. Jahrhundert zurückversetzt. Mit ein bisschen Fantasie könnte man annehmen, ich wäre eine Marquise, die hier mit ihrem Geliebten in seinem Sexschloss eine Verabredung zu einem Tête-à-tête hätte.
Im gedämpften Licht sehe ich an den Wänden Seile in verschiedenen Stärken, Flogger, Gerten, Peitschen in allen Größen und andere Dinge hängen, deren Namen mir nicht bekannt sind. Eine Gänsehaut breitet sich auf meiner Haut aus, als ich meinen Blick schon leicht benommen durch das Zimmer gleiten lasse, bis zu der Bank in der hinteren Ecke. Auch diese ist mit Ledermanschetten an den Beinen ausgestattet. Für was die wohl benutzt wird?
Einige sehr präzise Aktbilder, auf denen Frauen in erniedrigenden Posen gezeigt werden, die sich unter lustvollen Qualen ihren Peinigern hingeben, schmücken die Wände. Plötzlich spüre ich, wie Darrens Hände mir von hinten eine dunkle Maske über meine Augen legen. Ich zucke kurz zusammen. Darren sieht verdammt gut aus, aber er hat etwas Hartes an sich, das ich nicht einzuschätzen weiß. Ich fühle mich irgendwie schutzlos ausgeliefert. Er wird die Situation doch hoffentlich nicht ausnutzen. Vielleicht war ich an der Bar doch zu freizügig mit meinen Sprüchen. Wir haben gar nicht darüber gesprochen, wie weit das Spiel gehen wird. Der ganze Hass auf Jonathan kommt wieder hoch.
»Ruhig, kleine Lady. Wir waren uns doch einig«, haucht mir Darren ins Ohr. Über was waren wir uns einig? Er wollte mir die Welt von Dominanz und Unterwerfung zeigen.
Er greift nach meinem Arm und führt mich durch den Raum zu der Bank, die in der hinteren Ecke steht. Und jetzt fällt es mir wie Schuppen von den Augen: Diese Bank wird für Spankingspiele benutzt. Als er mich loslässt, bleibe ich stehen und lausche, aber es sind nur seine Lederschuhsohlen auf dem Parkettboden zu hören, als er den Raum durchquert. Mein Herz schlägt schneller. Ist es das, was ich wollte? Habe ich mir eine Beziehung von Dominanz und Unterwerfung so vorgestellt? Will ich es wirklich zulassen, mir von einem Unbekannten seinen Stempel aufdrücken zu lassen? Will ich ihm erlauben, seine Spuren auf meinem Körper zu hinterlassen, indem er einen dieser Gegenstände an der Wand benutzt und mir damit rote Striemen beibringt?
Aber ich muss den Schmerz spüren, um die Verletzungen, die mein Inneres zu zerreißen drohen, vergessen zu können. Das ist nicht die Beziehung, die ich mir vorgestellt habe. Darren ist nur Mittel zum Zweck. Er ist ein Werkzeug, das mir hilft, über die Klippe zu springen und den ganzen aufgestauten Frust loszuwerden, der mich schon seit Wochen quält. Der Mann, dem ich mich hingeben will, dem ich meine Seele schenken würde, muss zuerst mein Vertrauen gewinnen, und das ist nicht Darren. Ich würde es spüren, wenn er vor mir stünde. Auch, wenn Darren attraktiv ist, er kann das Gefühl von absoluter Hingabe in mir nicht wecken. Was weiß ich denn von ihm? Ich kenne ihn nicht und trotzdem überlasse ich ihm bedingungslos meinen Körper. Aber eben nicht meine Seele.
Ich höre ein Zischen, als würde jemand einen Weidenstock durch die Luft sausen lassen und ziehe unwillkürlich die Schultern nach oben. Sein teuflisches Lachen dringt an mein Ohr. Ich spüre seine Hände auf meinen Schultern. Seine Lippen streifen sehnsüchtig über meinen Hals, sodass ich unwillkürlich den Kopf zur Seite lege.
»Ich will dich nackt sehen«, knurrt er und greift zum Reißverschluss meines Kleides, den er mit einem schnellen Ruck nach unten zieht, mir die Träger von den Schultern gleiten lässt, sodass ich nur noch in meinem roten Spitzentanga, BH und Strümpfen samt Schuhen vor ihm stehe. Seine Finger greifen nach meinem BH, den er mir gierig von den Schultern streift und einfach auf den Boden fallen lässt. Sofort schiebt er seine Finger in meinen Stringtanga. Er zieht daran, als wollte er ihn mir vom Körper reißen, und als der Stoff nicht nachgibt, höre ich ihn ärgerlich fluchen.
Er gibt mir einen kleinen Schubs, sodass ich auf das Gestell vor mir falle. Erschrocken schreie ich leise auf, was mir sofort einen festen Schlag mit seiner Hand auf meinem Po einbringt. Die Stelle fängt augenblicklich an zu brennen. Aber darüber nachzudenken, gibt er mir keine Zeit. Mit einer schnellen Bewegung reißt er mir jetzt entschlossen den Stringtanga bis zu den Knien herunter. Die dünnen Bändchen schneiden mir in die Haut, doch er lässt das Höschen einfach an meinen Kniekehlen hängen.
Er gibt ein zufriedenes Knurren von sich. Ich spüre das kalte Leder unter meinem Bauch, als er mich über die Bank legt, meinen Oberkörper nach unten drückt und meine Arme nach vorne zieht, um sie an dem Gestell zu fixieren. Das gleiche macht er auch mit meinen Beinen, sodass ich ihm vollkommen ausgeliefert bin. Ich muss ein erniedrigendes Bild abgeben, wie ich hier auf dieser Bank mit heruntergelassenem Höschen und in die Luft gestrecktem Po festgebunden liege. Warum konnte er es mir nicht wenigstens ausziehen? Es ist beschämend, mich ihm so zu präsentieren. Die Maske, die meine Augen bedeckt, taucht alles um mich herum in ein schwarzes Nichts und trotzdem schließe ich die Augen, warte auf den Schmerz, der sicher gleich folgen wird, um mich von den Verletzungen in meinem Inneren zu befreien.
Wie schlimm es allerdings werden wird, habe ich mir im Traum nicht vorgestellt.
Die kurzen Schreie, die sich aus dem Nebenzimmer durchdringend an Gregs Ohr drängen, sind wie Pfeile, die sich in seinen Magen bohren. Es sind keine Lustschreie, wie er sie von seinen Partnerinnen kennt. Diese Laute spiegeln Angst und Entsetzen wider. Er wechselt schnell einen besorgten Blick mit Kay und springt von der Ottomane auf. Mit einigen zügigen Schritten betritt er den Nebenraum.
Was er sieht, lässt seine Gesichtszüge augenblicklich zu einer grimmigen Maske erstarren. Die junge Frau, die er an der Bar beobachtet hat, liegt bäuchlings auf dem Spanking-Hocker, die Arme und Beine am Gestell angebunden, und ihr hübscher runder Po ragt in die Luft. Ihre Augen sind mit einer Maske bedeckt, sodass sie nicht sehen kann, was mit ihr geschieht. Sie kann es nur fühlen und was sie fühlt, kann sicher nicht in ihrem Interesse liegen. Greg hat sofort ein mulmiges Gefühl verspürt, als er sie mit Darren an der Bar gesehen hatte. Sie wirkte so verletzlich und unsicher auf ihn. Jeder erfahrene Dom konnte sehen, dass etwas mit ihr nicht in Ordnung war.
Das ist das oberste Prinzip für jeden Dom, die Stimmung seiner Sub einzuschätzen. Er soll sie beschützen und ihr Lust bereiten, aber niemals Angst und Entsetzen hinterlassen. Könnte er nur einen Blick in ihre Augen werfen, er würde wissen, wie es um sie steht. Was hat Darren, dieser gottverdammte Idiot, sich nur dabei gedacht?
Als Greg näherkommt, sieht er die roten Striemen auf ihrem Hintern, die sich quer darüberziehen und Darren, der vergeblich versucht, sie in den Arsch zu ficken. Er hat sich nicht einmal die Mühe gemacht, sie langsam auf seine harten Schläge vorzubereiten. Er sollte sie behutsam heranführen. Mit einem sanften Aufwärmen daran gewöhnen, was noch auf sie zukommt, falls sie ihm überhaupt die Erlaubnis dazu gegeben hat.
Denn eins ist Greg klar: Diese Frau hat sich noch nie auf derartige Spiele eingelassen. Wieder dringt ein Schrei an sein Ohr, als Darren den Stock dieses Mal quer über ihren Rücken sausen lässt und jetzt ist es endgültig mit Gregs Beherrschung vorbei. Er könnte sich ohrfeigen, nicht früher eingegriffen zu haben. Mit drei großen Schritten durchquert er den Raum, zerrt Darren am Arm von seinem Opfer weg und verpasst ihm einen Kinnhaken, sodass er nach hinten taumelt. Die blanke Wut spiegelt sich in Gregs Gesicht wider. Das Blut, das Darren unmittelbar aus seiner aufgeplatzten Lippe herunterläuft, interessiert ihn nicht.
»Du verfluchter Mistkerl. Was denkst du, was du hier tust?«, schreit Greg und greift sofort wieder nach ihm, packt ihn am Kragen seines teuren Designeranzuges, bevor er ihn mit einem zweiten Schlag ins Gesicht auf den Boden befördert. Darren wischt sich nur den Mundwinkel ab und schaut verärgert auf das Blut an seiner Hand, bevor er aufsteht.
»Halt dich da raus, Montgomery. Das geht dich nichts an.«
Greg reißt die Augen auf, geht einen Schritt auf Darren zu und setzt zum nächsten Schlag an. »Das geht mich nichts an? Weißt du eigentlich, was du hier tust? Für mich sieht das wie eine handfeste Vergewaltigung mit Misshandlung aus«, spuckt er ihm entgegen.
Das leise Wimmern der Frau hält ihn zurück, Darren den nächsten Schlag zu verpassen.
»Verschwinde, Greg«, faucht Darren zurück, während er wieder versucht, sich an Joyce zu vergreifen. »Du hast mir schon mal Ärger bereitet. Dieses Mal gehst du zu weit. Die Kleine wollte es nicht anders. Sie hat sich mir regelrecht aufgedrängt und jetzt bekommt sie, was sie verlangt.«
»Du mieses Schwein, wenn du sie noch einmal anfasst, dann schwöre ich, wirst du diesen Raum nur noch auf einer Bahre verlassen.« Gregs Worte sind jetzt leiser, aber von solcher Kälte, dass Darren kurz zurückzuckt.
»Was ist hier los?« Adrian betritt bestürzt den Raum, und auch Kay und ein paar andere Gäste stehen in der Tür und verfolgen die Szene sprachlos. Das Schauspiel, das sich ihnen hier bietet, spricht Bände. »Darren! Greg! Was ist hier los, verdammt nochmal?«, brüllt Adrian in den Raum. Mit ein paar scharfen Worten schickt er Kay und die anderen Gäste aus dem Zimmer.
»Das fragst du am besten dieses Schwein«, antwortet Greg und wendet sich jetzt endgültig der jungen Frau zu. Er öffnet vorsichtig die Manschetten an ihren Hand- und Fußgelenken, zieht die Maske von ihren Augen und hilft ihr von dem Gestell. »Alles ist gut, kleine Lady. Ich werde dir nicht wehtun. Ruhig, komm meine Kleine. Nicht weinen. Ich kümmere mich um dich, okay?«, spricht er beruhigend auf die völlig aufgelöste Frau ein, die sich sofort erleichtert in seine Arme fallen lässt.

Holly Summer
Master of my Passion
Master-Reihe Band 3

Der Flieger rollt zur Startbahn. Matthew steht an eines der großen Fenster gelehnt, das den Blick auf das Rollfeld freigibt, und starrt dem Flugzeug hinterher, das in wenigen Sekunden abheben wird.
Er trägt seine Ray-Ban-Sonnenbrille, um den Schmerz vor der Welt zu verbergen. Er droht ihn in ein tiefes schwarzes Loch zu ziehen.
Seine Faust liegt verkrampft auf der Glasscheibe. Verzweiflung und Niedergeschlagenheit machen sich in seiner Seele breit.
Warum konnte er Vivien bloß nicht vertrauen?
Es wird nicht für ewig sein, sagt er sich immer und immer wieder. Die Boeing 747 rollt mit hoher Geschwindigkeit über die Startbahn dem blauen Himmel entgegen und wird das Band zwischen Vivien und ihm endgültig zerschneiden. Und dann ist Vivien fort, fort von ihm, immer weiter fort. Er schaut der Maschine nach. Bald ist nur noch ein schwarzer Punkt am Horizont zu erkennen, und sie ist weg.
Er wird um seine Liebe kämpfen. Mit diesem Gedanken dreht er sich um und geht völlig in seiner Welt versunken durch die überfüllte Abflughalle.

Ist es wirklich schon zwei Wochen her, dass ich ihn das letzte Mal gesehen habe? Ich sitze im Garten meiner Eltern unter der großen Pappel, die ich als Kind schon geliebt habe, während die Stimme meiner Mom von Weitem an mein Ohr dringt. »Vivien? Jo ist hier.«
Die Bank unter dem Baum ist zu meinem Lieblingsplatz geworden. Unter dem Blätterdach des mächtigen Baumes ist es ruhig und friedlich. Hier kann ich meinen Gedanken nachhängen, die immer wieder nur um ihn kreisen: Matthew!
Selbst im Schlaf finde ich keine Ruhe vor ihm. Warum hat er mir das angetan? Warum hat er meine Treue zu ihm infrage gestellt? Fragen über Fragen, aber ich finde keine Antwort. Zwei unendlich lange Wochen liegen hinter mir, seit ich fluchtartig Boston verlassen habe und bei meinen Eltern untergeschlüpft bin.
Zwei Wochen ohne ihn.
Die Leere in meinem Inneren ist unbeschreiblich. Seit dem Tag meiner Abreise habe ich nichts mehr von ihm gehört. Warum konnte er sich, verdammt noch mal, nicht bei mir entschuldigen? Er stellt seinen Stolz über seine Gefühle. Warum hat er mir nie gesagt: Ich liebe dich? Was wollte er damit bezwecken, völlig zerknirscht am Flughafen aufzutauchen? Er hätte mir dort nur diese drei berühmten Worte sagen müssen und ich wäre geblieben. Ich sehe ihn noch vor mir stehen. Aber er sagte nur, dass es ihm leid täte. Wenn ich ehrlich bin, habe ich gehofft, dass er mir seine Liebe gesteht. Ich zwirble gedankenverloren einen getrockneten Lavendelzweig zwischen Daumen und Zeigefinger hin und her, bis die einzelnen kleinen Blüten zerstreut auf meiner Hose liegen und mir das beruhigende Aroma der zerdrückten Rispen in die Nase steigt. Als ich den Duft einatme, muss ich unwillkürlich lächeln. Sofort taucht vor meinem geistigen Auge eine Szene auf, die ich unmöglich vergessen kann. Ich liege auf seiner Massageliege auf dem Bauch, er steht neben mir, seine Hände in betörend duftendes Körperöl getaucht, als er mich zuerst sinnlich massiert, bevor er dieses Spiel in für mich ungeahnte Dimensionen der Lust steigert. Schnell verdränge ich den quälenden Schmerz, den ich bei jedem Gedanken an ihn empfinde.
»Vivien?«
Als ich zum zweiten Mal meinen Namen höre, erwache ich aus meiner Lethargie. Jo, meine beste Freundin seit Schultagen, meine Mom und mein Dad sind für mich in dieser schwierigen Zeit der Trennung wie ein Fels in der Brandung. Sie sind mein Halt, mein Ruhepol nach der wahnsinnigen Achterbahnfahrt der Beziehung, die ich mit Matthew erleben durfte. Seit ich wieder zu Hause bin, lassen sie nichts unversucht, mich abzulenken, immer im Bewusstsein, Matthews Namen und alles, was mit ihm zu tun hat, zu vermeiden. Selbst Carol, die ebenfalls Praktikantin bei McQueen International ist, ruft mich fast täglich aus Boston an. Aber über Matthew verliert sie kein Wort. Mein Vater mochte ihn vom ersten Augenblick an. Im Krankenhaus hatten sich Matthew und mein Vater kennengelernt. Meine Mom war vor einigen Wochen von drei maskierten Männern in einer Tiefgarage überfallen und schwer verletzt worden. Mir wurde zum ersten Mal bewusst, wie schnell sich das Blatt des Lebens wenden und alles vorbei sein kann. Nie werde ich den Augenblick vergessen, als Matthew den Gang in der Klinik auf mich zukam, mit diesem sorgenvollen Blick, und wie er mich fest in den Arm genommen hat. Die Umarmung hat in mir eine unbeschreibliche Geborgenheit ausgelöst.
Aber Matthew hat mich fürchterlich verletzt, meine Vertrauenswürdigkeit infrage gestellt und mich als Schlampe bezeichnet. Aus Eifersucht. Grundloser Eifersucht, wohlbemerkt. Nein. Matthew ist kein schlechter Mensch. Ganz im Gegenteil. Er ist für mich der Inbegriff des Vollkommenen. Nur dieses eine Mal hat er die Kontrolle verloren und damit alles zerstört. Nur Jo, Carol und Greg kennen den wahren Grund, warum ich mich von Matthew getrennt habe.
Würde ich noch mal in seinen Bann gezogen werden, wenn er plötzlich wieder vor mir stünde? Mit diesem teuflischen Lächeln auf den Lippen und seinen dunklen Augen, die tief in meine Seele zu blicken scheinen. Seine tiefe Stimme, die mich stets erschaudern lässt. Nicht zu vergessen die Berührung seiner Hände und seiner Zunge auf meiner Haut, die mich flüssigem Wachs gleich schmelzen lassen. Es sind zu viele Fragen, auf die ich keine Antwort weiß.
Warum kann ich nicht endlich damit aufhören, an ihn zu denken und mich unnötig damit quälen? Es ist aus, vorbei.
Ich sollte endlich mit diesem Kapitel meines Lebens abschließen und es in die Schublade Erfahrungen ablegen. Matthew wird sich schon eine andere Partnerin suchen, mit der er seine erotischen Fantasien ausleben kann. Was ihm nicht schwerfallen dürfte. Die Frauen liegen ihm nur so zu Füßen.
Ich kann ihn einfach nicht vergessen. Ich habe es weiß Gott versucht, mir immer wieder eingeredet, ihn nicht zu brauchen. Es gibt verdammt noch mal genug normale Männer auf der Welt, sage ich mir streng. Warum musste gerade ich an ihn geraten? Einen Mann, der mich immer nur beherrschen würde, nicht nur in sexueller Hinsicht. Aber der Gedanke daran, dass eine andere Frau meinen Platz eingenommen hat, lässt mir das Blut in den Adern kochen. Wenn ihm wirklich etwas an mir gelegen hätte, wäre er gekommen, um mich zu holen. Ich kenne Matthew, er fragt nicht. Was er will, das nimmt er sich.
Wieder höre ich Stimmen von der Terrasse. Jo hat mir versprochen, mich am Nachmittag abzuholen. Und ich weiß ganz genau, wie der Abend mit ihr ablaufen wird. Sie wird mich zu irgendeiner Party oder in einen Club schleifen, und hinterher werden wir zusammen auf ihrer Couch sitzen, Marshmallows futtern, bis uns schlecht wird, und uns alte Liebesfilme reinziehen. Sie wird wieder versuchen, mich aufzuheitern, und vor dem Ausgehen durchstöbern wir meinen Kleiderschrank, um mir irgendeinen schicken, sexy Fummel herauszusuchen. Ich will nicht sexy aussehen, für keinen anderen Mann.
Kein anderer kann Matthew ersetzen. Ich bin ihm immer noch verfallen. Werde es immer sein. Der Sex mit ihm hat mich in überdimensionale Sphären entführt. Ganz tief in meinem Inneren weiß ich es schon lange: Ich werde nie von ihm loskommen.
»Ich bin gleich da«, rufe ich den beiden zu, während ich meinen Lieblingsplatz widerwillig verlasse. Als ich ins Haus komme, gerät die Unterhaltung zwischen Jo und meiner Mutter sofort ins Stocken. Sobald ich in ihrer Sichtweite bin, erscheint ein Lächeln auf ihren Lippen. Verdammt, ich sollte mich wirklich zusammenreißen. Ich lächle zurück.
»Jane, buchen Sie bitte ein Zimmer für mich in Vancouver im Fairmont Gold Harborview Hotel«, bittet Matthew seine Sekretärin. Als Jane sich nach dem Zeitraum für seinen Aufenthalt erkundigt, zögert Matthew kurz, dann teilt er ihr mit: »Ich schätze, für zwei oder drei Tage. Ach, lassen Sie das Abreisedatum doch einfach offen. Die Termine für diese Woche sagen Sie ab oder verschieben sie. Ich bin für niemanden mehr zu sprechen.« Matthew nimmt den Finger von seiner Gegensprechanlage und lehnt sich in seinem Bürostuhl zurück, dabei schließt er für einen kurzen Moment die Augen. Sein Körper ist angespannt. Er atmet tief aus, während er die Fingerspitzen gegeneinanderdrückt. Er weiß nicht, wie lange er so dasitzt, als ein Klopfen an der Tür ihn aufblicken lässt.
»Herein«, ruft er barsch.
Greg tritt ein und schließt die Tür aufgebracht hinter sich.
»Matthew? Bist du verrückt geworden? Jane sagte, du hast alle Termine für diese Woche abgesagt. Was ist mit dem Vancouver-Deal? In dieses Geschäft haben wir verdammt viel Zeit investiert!« Greg stützt sich demonstrativ vor Matthew auf dem Schreibtisch ab.
»Reg dich ab, Greg«, meint Matthew beschwichtigend.
Dabei beugt er sich in seinem Sessel vor und funkelt sein Gegenüber ungehalten an. Greg schüttelt nur leicht den Kopf und kann sich ein anzügliches Lächeln wohl nicht verkneifen. Auch wenn Matthew der Boss des Unternehmens ist, so ist Gregs Stellung weit mehr als nur ein Angestellter in höherer Position. Ihre Freundschaft reicht weit bis in die Kindheit zurück. Greg ist der Einzige, der in diesem Ton mit ihm reden darf. Matthews bereits ohnehin gereizte Stimmung hat den Tiefpunkt längst erreicht.
»Ich dachte, du wolltest diesen Deal auf jeden Fall durchziehen?«, fragt Greg.
Matthew ordnet in schneller Abfolge einige Unterlagen auf seinem Schreibtisch, um seine Unsicherheit zu überspielen. Dann entgegnet er von oben herab:
»Ich habe nicht gesagt, dass ich von dem Geschäft zurücktrete. Ich fliege morgen nach Vancouver und treffe mich dort mit den Investoren.«
Matthew kann den Gedanken nicht abschütteln, dass er mit Greg verdammt noch mal nicht so kurz angebunden umgehen sollte. Greg ist sein bester Freund, der weiß Gott eine andere Behandlung verdient hat. Genauso wie Vivien.
»Das Treffen wird in Vancouver stattfinden? Davon hast du nichts erwähnt«, erwidert Greg verblüfft. »Das Meeting war doch hier in Boston anberaumt?«
»Eine kleine Änderung, weiter nichts. Meine Pläne haben sich eben geändert. Du entschuldigst mich, ich habe noch einiges vorzubereiten.« Matthew tritt eilig hinter seinem Schreibtisch hervor und beide Männer verlassen das Büro. Im Vorzimmer dreht Matthew sich zu Greg um. »Lass uns mal wieder um die Häuser ziehen, wenn ich aus Vancouver zurück bin. So wie in alten Zeiten.« Dabei legt er Greg freundschaftlich die Hand auf die Schulter, bevor er sich umdreht, kurz die Hand zum Abschied hebt und an seiner Sekretärin vorbei Richtung Aufzüge eilt.
»In deiner Haut möchte ich zurzeit auch nicht stecken«, murmelt Greg nachdenklich und blickt Matthew gedankenverloren nach. Er wechselt noch einen vertraulichen Blick mit Jane, die unschlüssig von ihrem Computer aufschaut und die Schultern zuckt, dann geht er zielstrebig in sein Büro. Wieso diese überstürzte Abreise nach Vancouver? Will er sich jetzt doch mit Vivien aussprechen und sie zurückholen? Greg hofft, dass Matthew diese Geschäftsreise dazu nutzen wird, sich endlich bei Vivien zu entschuldigen und damit seinen Rat befolgt. Vivien ist genau die Frau, die Matthew braucht. Die beiden gehören zusammen wie Butter auf Kartoffelbrei. Aber Matthew muss verdammt noch mal lernen, seine Unnachgiebigkeit und Arroganz im Zaum zu halten. Er sollte endlich seinen Fehler wiedergutmachen. Auch wenn es seinem Freund noch so schwerfallen mochte, bei einer Frau zu Kreuze zu kriechen.
Jo und ich haben in der Bar in der Granville Street die letzten Sitzplätze an der Theke ergattert. Die Musik ist genau nach unserem Geschmack und nicht zu laut, sodass man sich nicht durch Schreien die Stimmbänder ruiniert. Der DJ lässt einen Dancefloor-Hit nach dem anderen aus den aktuellen Charts ineinander übergehen, sodass die Tanzfläche innerhalb kürzester Zeit einem Hexenkessel gleicht.
»Und, was darf‘s sein?«, ruft uns der attraktive Barkeeper die laute Musik übertönend zu. Seine blauen Augen stehen im totalen Kontrast zu seiner gebräunten Haut. Er trägt ein schwarzes Hemd, so wie alle Angestellten in diesem Club, dessen Ärmel bis zu den Ellenbogen aufgekrempelt sind. Fasziniert starre ich auf das Muskelspiel seiner kräftigen Arme, die deutlich unter dem Stoff zu erkennen sind.
»Zwei Sex on the Beach«, bestellt Jo für uns.
Ihr Blick gleitet zufrieden durch den Raum. Die Location scheint ihr zu gefallen.
Meine Aufmerksamkeit gilt dem Mann hinter der Bar. Die dunklen Haare des Barkeepers fallen ihm ins Gesicht und sein Lächeln scheint er nur mir zu schenken, als er zwei Gläser mit roter Flüssigkeit vor uns abstellt. Er zwinkert mir zu. Als ich ihm in die Augen blicke, erstarre ich kurz. Er hat den gleichen Ausdruck in seinem Blick wie Matthew. Selbst seine Haare fallen ihm genauso in die Stirn, wenn er den Kopf nach unten neigt. Nur seine Augen sind blau. Matthews Augen dagegen sind dunkelbraun. Und wenn er erregt ist, sind sie sogar tiefschwarz.
»Was ist los, Vivien? Ich finde, hier sind eine Menge heißer Typen.« Jo schubst mich leicht mit dem Ellbogen an. Ich schrecke kurz zusammen, als ich aus meinen Gedanken gerissen werde.
Jo wippt gut gelaunt im Takt der Musik. Ein sicheres Zeichen dafür, dass sie sich gleich mitten ins Geschehen werfen und die Tanzfläche rocken wird.
»Alles okay, ist ganz nett hier«, antworte ich und schenke Jo noch schnell ein Lächeln.
Jo schüttelt nur den Kopf, dreht sich zu mir um und stützt sich provozierend mit den Händen auf der Lehne des Barhockers auf. Ich weiß genau, was jetzt wieder kommt: Eine von Jos hilfreichen Weisheiten, für die sie bekannt ist.
»Vivien, ich weiß, dass Matthew dir immer noch im Kopf herumspukt. Er ist ein echt heißer Typ, keine Frage, aber vergiss nicht, wie er dich behandelt hat. Du solltest endlich das Thema abhaken und dich amüsieren. Er wird nicht mehr kommen. Du hast es nicht nötig, dich so behandeln zu lassen. Matthew ist nicht gut für dich, okay? Amüsier dich endlich! Das heißt nicht, dass du gleich mit dem Erstbesten ins Bett springen sollst.«
Ich kann Jo für gewöhnlich nichts abschlagen, wenn sie mich mit diesem Hundeblick anschaut. »Okay, du hast ja recht«, stimme ich ihr zu, greife nach meinem Cocktail und proste ihr zu.
Wenn sie wüsste, wie stark meine Gefühle für Matthew trotz allem immer noch sind. Ich fühle mich ohne Matthew, als hätte man mir ein Körperteil amputiert. Er ist zu einem Teil von mir geworden, und seine Nähe fehlt mir so unsagbar. Ohne ihn fühle ich mich, als würde die Sonne nie wieder aufgehen und nur Dunkelheit mein Leben beherrschen.
Während ich wieder meinen Gedanken nachhänge, lässt Jo sich ungeniert auf einen Flirt mit dem irren Typen hinter der Bar ein, obwohl ich mir fast vorstellen könnte, dass er schwul ist, oder zumindest bisexuell. Jos kokettes Lachen dringt wie durch einen dichten Nebel zu mir, ich bin schon wieder mit meinen Gedanken weit weg von hier. Die beiden plaudern miteinander. Ich fange Gesprächsfetzen auf. »Deine Freundin«, fragt er Jo eben und beugt sich über die Theke hinweg an ihr Ohr.
»Ja?«, erwidert sie und schaut zu mir rüber, als würde ich es nicht bemerken.
»Sie sieht traurig aus.« Der Barkeeper klingt neugierig.
Liebeskummer scheint meine Freundin mit den Lippen zu formen.
Ich verziehe verärgert das Gesicht. »Jo, hör endlich auf damit, jedem von meinem Liebeskummer zu erzählen«, zische ich ihr zornig ins Ohr. Ich nicke mit dem Kopf in Richtung des sexy Barkeepers, der sich neuen Gästen zugewendet hat. »Von solchen Männern habe ich endgültig die Nase voll. Was ich möchte, ist …«
Jo verdreht nur die Augen und lässt sich elegant von ihrem Barhocker gleiten, während sie mich unterbricht. »Ich weiß schon, was jetzt wieder kommt. Der typische Langweilertyp mit dem geregelten Einkommen und der Mutter in der Wohnung unter dir. Na komm schon, Vivien, lass uns tanzen gehen.«
»Das meinte ich doch gar nicht. Jo, sei einmal ernst!«
Sie hört mir gar nicht zu, sondern zieht mich vom Barhocker und zwinkert ihrem Flirt verschwörerisch zu. Auch die Tanzfläche ist voll mit Leuten in ausgelassener Stimmung. Jo zieht mich an der Hand hinter sich her und bewegt sich beschwingt zum Rhythmus des Songs. Auf Rihanna fährt sie total ab. Wir schieben uns zwischen die Tanzenden und lassen uns vom Takt der Musik mitreißen. Jo ist sofort ganz in ihrem Element und wird bald schon von zwei gut aussehenden Tanzpartnern in die Mitte genommen, die aufreizend wie zwei Toreros um sie herumschwirren. Ich bewege mich mechanisch zu der Musik, lächle die beiden jungen Männer hin und wieder an, die sich auch zu mir umdrehen, in dem Versuch, mich aus der Reserve zu locken, es aber nach einiger Zeit aufgeben. Ich nehme die Menschen um mich herum kaum wahr. Meine Gedanken schweifen wieder ab zu dem entsetzlichen Abend, als ich benebelt durch einen Roofie auf der Tanzfläche stand, während ein Fremder mich zu einem sin nlichen Tanz verführte. Ich dachte natürlich, der Fremde sei mein Sexgott. Als Matthew das beobachtete, hatte es üble Folgen: Zu Hause angekommen bekam ich später Matthews eisige Kälte zu spüren. Bis dahin war er trotz ständiger Kontrolle immer fürsorglich, liebevoll und mitfühlend zu mir gewesen. Er hatte nie Grenzen überschritten, mir nie mehr zugemutet, als ich bereit war, zu ertragen.
Als ich von einem Tänzer leicht angerempelt werde, finde ich mich schlagartig in der Wirklichkeit wieder. Ich gebe Jo ein Zeichen, das so viel heißt wie Ich bin mal auf Toilette, und schiebe mich an den Tanzenden vorbei in den hinteren Teil des Clubs zur Damentoilette. Ein Pärchen steht im Gang zu den Toiletten und knutscht hemmungslos. Sie hat die Arme fest um den Hals ihres Partners geschlungen. Seine Hände hingegen gleiten gerade unter ihren kurzen Rock und entblößen lange schlanke Oberschenkel, während ihre Lippen an seinem Mund kleben, als wollte sie ihn auffressen. Ich gehe mit gesenktem Blick an den beiden vorbei. Die Tür fällt geräuschlos zu und ich bin allein. Mein Blick fällt auf das Spiegelbild, während meine Hände fest den Rand des Waschbeckens umklammern. Das Gesicht, das mich anstarrt, ist mir fremd. Das bin nicht ich. Ich war immer ein lebensfroher Mensch, hatte Ziele, Vorstellungen von meiner Zukunft. Ich sollte mich am csieren, das Leben genießen und Pläne haben für ein fabelhaftes Leben, so wie Jo. Noch vor zwei Wochen hatte ich Pläne. Meine Zukunft lag klar vor mir, zusammen mit dem Mann, den ich liebte. Der nie geahnte Glücksgefühle in mir wachgerufen hat. Dem ich vertraute, dem ich mich mit allen Sinnen hingegeben habe. Ich war so glücklich. Nichts, aber auch gar nichts konnte sich zwischen uns stellen. Nur Matthew selbst konnte das alles zerstören. Doch jetzt liegen meine Augen tief in meinem Gesicht. Dunkle Schatten umranden meinen ausdrucklosen Blick. Wann hört es endlich auf, wehzutun? Es ist so schwer. Die Wunde, die Matthew hinterlassen hat, ist noch zu frisch, um mich Hals über Kopf in ein neues Abenteuer zu stürzen. Aber werde ich denn jemals wieder lachen und einem Mann vertrauen können? Bedingungslos vertrauen, so wie ich es bei Matthew gekonnt hatte? Ihm habe ich mich hingegeben. Habe ihm meine Seele und meinen Körper geschenkt. Mit Matthew war das erste Mal für mich ein berauschendes Erlebnis. Er ist eben der perfekte Liebhaber. Kein Wunder, dass sämtliche Frauen in seinem Dunstkreis hinter ihm her sind. Bei ihm gibt es keine Grenzen, keine Tabus; was Matthew will, das nimmt er sich, bei ihm konnte ich mich fallen lassen und ihm die Führung überlassen. Das ist es, was Matthew von seinen Partnerinnen erwartet. Absolute Hingabe.
Die Tür öffnet sich und drei lachende Frauen betreten den Raum. Ich kann ein undeutliches Hallo zwischen ihrem Gackern wahrnehmen und lächle gekünstelt zurück, wasche mir noch schnell die Hände und habe mich wieder unter Kontrolle.
Jo finde ich an der Bar, wo sie in ein angeregtes Gespräch mit dem Barkeeper verwickelt ist. Ich werde jetzt auch nur noch Spaß haben, nehme ich mir grimmig vor. Dieser verfluchte Matthew McQueen! Soll er doch zur Hölle fahren, aber ohne mich!
»Noch zwei Sex on the Beach?«, fragt Jos Gesprächspartner hinter der Bar, während ich mich auf den Barhocker gleiten lasse.
Mittlerweile ist das schon mein vierter Cocktail und ich bin es nicht gewohnt, Alkohol wie Mineralwasser zu konsumieren. Jo und ich sind beschwipst. Wir kichern und albern mit Rick und den beiden gut aussehenden Männern, die sich zu uns an die Bar gesetzt haben. Ich spüre die Hand des einen, David, wie zufällig auf meinen Oberschenkel gleiten, und seine Komplimente sind recht eindeutig. Sein Mund streift mein Ohr und er versucht, mich auf den Hals zu küssen. Selbstbewusst schiebe ich ihn weg. Der Typ ist schrecklich aufdringlich, aber auch total süß mit seiner direkten Art. Aber ich kenne ihn nicht und noch mal lasse ich mich nicht so schnell von einem Mann einwickeln.
»Hey Kleine, warum so abweisend?«, raunt er mir verführerisch ins Ohr, dabei dreht er meinen Barhocker zu sich herum, sodass ich jetzt zwischen seinen langen Beinen sitze. Und hat er mich etwa gerade Kleine genannt? Matthew hat dieses Kosewort oft benutzt. Und da ist er schon wieder:
Matthew. Matthew. Matthew.
Immer wieder drängt er sich in meine Gedanken. Wie ein Damoklesschwert hängt seine Existenz über mir, aber damit ist jetzt Schluss. Ich mustere David. Er ist attraktiv, sieht wie ein verwegener Bad Boy aus mit seinen zerrissenen Jeans und seiner Biker-Lederjacke. Darunter trägt er ein T-Shirt, unter dem sich sein durchtrainierter Körper abzeichnet. Mit den verschlissenen Boots und seiner coolen, etwas durch den Wind geratenen Frisur wirkt er vielleicht etwas zu provokant, aber warum eigentlich nicht? Und dieses Mal bestimme ich das Tempo.
»Tut mir leid, aber so läuft das nicht bei mir, falls du auf einen One-Night-Stand aus bist«, erkläre ich ihm selbstbewusst. Trotz der vielen Cocktails bin ich nur beschwipst und Herrin meiner Sinne.
Seine Hand, die leicht über mein Bein streicht, lege ich demonstrativ auf seinen Oberschenkel zurück und lächle.
»Tut mir leid, Süße. Kann ich dir noch einen Drink bestellen und wir unterhalten uns einfach?«, schlägt er versöhnlich vor. Wow, er scheint wirklich an mir interessiert und nicht nur auf einen One-Night-Stand aus zu sein.
Ich nicke und schenke ihm mein schönstes Lächeln. Eigentlich sollte ich nichts mehr trinken, wenn ich einen einigermaßen klaren Kopf behalten will, aber was soll´s. Endlich muss ich mir nicht mehr ständig überlegen, was ich sage oder tue. Würde Matthew mich hier so beschwipst sehen, würde er mit Sicherheit ausrasten. Ich bin ihm keine Rechenschaft mehr schuldig. Ich möchte über die Stränge schlagen, mich verlieren und mein ganzes inneres Gefühlschaos einfach abschütteln. Ich will den Schmerz für einen Abend vergessen und ich glaube, der Mann, der mir hier gegenübersitzt, ist genau die Medizin, die ich jetzt brauche. Sein Blick sagt alles. Er ist scharf auf mich und ich will ihn verdammt noch mal auch. Ich empfinde nichts für ihn. Er macht mich auf eine Art an, die ich nicht näher deuten will. Doch wenn ich ehrlich bin, weiß ich es. Es ist seine bestimmende Art, die mich in seinen Bann zieht. Die Stärke, die von ihm ausgeht. Er ist der Typ Mann, bei dem ich mich fallen lassen könnte. Es ist genau wie bei Matthew, als er mich das erste Mal angesehen hat. Seit wann bin ich denn so veranlagt? Vielleicht ist es aber auch nur der Alkohol, der mich so handeln lässt. Der mich unvorsichtig werden lässt und mich dazu bringt, die Kontrolle abzugeben und mich auf diesen Mann einzulassen. Oder ist es eine Neigung, die schon immer in mir geschlummert hat und nur durch den richtigen Mann zum Vorschein gelangen konnte? Möglicherweise ist es nur der Wunsch, mit irgendeinem Mann Sex zu haben? David ist genau der Typ Mann, mit dem man um die Häuser ziehen und einfach Spaß haben kann. Er ist der Richtige für einen One-Night-Stand. Ich muss Matthew aus meinem Kopf bekommen. Selbst wenn es bedeuten sollte, dass ich mich von David heute Nacht ficken lassen werde. Verdammt, ich werde es tun. Vielleicht ist er ja ein noch viel besserer Liebhaber als Matthew. Ich habe schließlich keinen Vergleich. Und dann wird es mir schlagartig klar: Ich will es herausfinden, denn nur so kann ich die Beziehung zu Matthew endlich hinter mir lassen. David zieht mich auf die Tanzfläche. Sämtliche Blicke scheinen auf uns gerichtet. Jo wirkt überrascht von meinem plötzlichen Stimmungswechsel. Ich fühle mich attraktiv und begehrt. David ist ein toller Tänzer und er baggert mich während des Tanzes ungeniert an. Warum auch nicht?, denke ich mir. Ich lache ihn an und lasse mich auf sein Spiel ein. Aber er kann dieses Kribbeln in meinem Bauch nicht hervorrufen. Ich hebe die Arme über den Kopf und lasse mich von der Musik davontragen, bewege aufreizend meine Hüften, während Davids Blick mir signalisiert: Ich will dich, Baby. Seine Hände greifen um meine Taille und ich kann die Hitze seines Körpers spüren. Wir bewegen uns synchron zu dem wummernden Bass, bis ich mich erschöpft in seine Arme fallen lasse.
Es ist mittlerweile spätnachts und nach weiteren zwei Sex on the Beach bin ich nicht mehr fähig, allein zu stehen, geschweige denn, sicher nach Hause zu kommen. Rick hat es wirklich gut mit dem Wodka in den Drinks gemeint. Jo geht es ebenso wie mir. Mein Begleiter gibt Rick ein Zeichen, bezahlt die Rechnung und fasst mich am Arm. Es fühlt sich einfach nur gut und richtig an.
»Komm, ich glaube, es ist genug für heute Abend«, meint David, während er mich vom Barhocker zieht, sodass ich in seine Arme falle. Er lacht. »Ich habe uns ein Taxi rufen lassen. Wir bringen euch nach Hause«, verspricht David mir mit einem Zwinkern, das seinem Freund gilt, und ich spüre bei seinem Griff, dass er keinen Widerspruch duldet.
Hm, er scheint auch so ein Alphamann zu sein. Scheinbar ziehe ich Männer mit diesem Charakterzug magisch an. Aber von dieser Sorte sollte ich in Zukunft definitiv die Finger lassen, das weiß ich, und trotzdem folge ich ihm. Wir verlassen zu viert kichernd den Club. Als die kühle Luft mir entgegenschlägt, merke ich erst, wie betrunken ich bin und dass ich den morgigen Tag gar nicht erleben möchte.
Mr. Cunningham und Matthew sitzen in dem Nobelrestaurant auf der Granville Street in Vancouver. Zwei Escortladys, die Matthews Geschäftspartner für diesen Abend geordert hat, ergänzen das Bild. Cunningham ist in Feierlaune und will den Abend in angenehmer Atmosphäre verbringen. Er hofft, dass sein Gegenüber seine kühle, zurückhaltende Stimmung noch ablegen wird, um den Geschäftsabschluss gebührend zu feiern.
»Auf den Deal, McQueen«, ruft Mr. Cunningham und prostet Matthew zu.
Matthew erhebt ebenfalls sein Glas, in dem wie immer nur Mineralwasser ist. Cunningham verzieht belustigt das Gesicht und beugt sich etwas näher zu Matthew über den Tisch.
»Sagen Sie mal, McQueen, haben Sie denn gar kein geheimes Laster? Sie trinken niemals Alkohol, am Glücksspiel haben Sie keine Freude und was ist mit Frauen?«, flüstert Cunningham ihm mit vorgehaltener Hand amüsiert zu und nickt mit dem Kopf in Richtung der beiden Damen an ihrem Tisch.
Cunningham muss sichtlich enttäuscht hinnehmen, dass Matthews Miene undurchdringlich bleibt und der Abend nicht so enden wird, wie er es offenbar geplant hat, als Matthew dankend ablehnt.
Die Vertragsverhandlungen waren schwierig. Doch am Ende hat Matthew wie immer seinen Willen durchgesetzt und das Geschäft mit einem dicken Profit zum Abschluss gebracht. Natürlich hat er den Geschäftsabschluss so verkauft, dass Mr. Cunningham der Überzeugung ist, ein lukratives Angebot eingegangen zu sein. Jetzt fühlt sich Matthew müde und nachdenklich. Die verlangenden Blicke, die seine Begleiterin ihm im Laufe des Abends immer wieder zugeworfen hat, können seine Entscheidung, sich bald zu verabschieden, nicht beeinflussen. Noch vor wenigen Monaten hätte er die hübsche Brünette nicht abgewiesen und sie gleich hier auf der Toilette gefickt und später noch mal in seinem Hotelzimmer. So distanziert und zugeknöpft hat er sich selten einer Frau gegenüber verhalten. Besonders dann nicht, wenn sie ihm eindeutige Signale gesendet hat. Und die Frau ihm gegenüber hat nur eines im Sinn: sich von ihm vögeln zu lassen. Doch er verspürt nur Abneigun g gegen jegliche Art von schnellem Sex, Sex ohne Gefühle, Sex ohne Vivien. Selbst sein Schwanz bleibt reglos, trotz des tiefen Ausschnitts, der die üppigen Brüste der sexy gekleideten jungen Frau voll zur Geltung bringt. Stattdessen erscheinen Bilder vor Matthews geistigem Auge von der Frau, deren kleine Brüste seine Hände genau ausfüllen. Deren Nippel sich sofort steif nach oben aufrichten, wenn seine Lippen spielerisch daran saugen. Cunninghams Lachen dringt an sein Ohr und reißt ihn aus seinen sehnsüchtigen Gedankengängen. Mr. Cunningham beugt sich wieder über den Tisch und sagt leise zu den beiden Escortdamen: »Tja, meine Damen, ich glaube, ihr müsst euch mit mir begnügen. Unser junger Freund hat scheinbar was Besseres vor.« Dabei grinst er Matthew gutmütig an.
Matthew nickt, gibt dem Kellner ein Zeichen und begleicht die Rechnung.
»Hat mich gefreut, Cunningham. Es ist immer wieder eine Freude, mit Ihnen Geschäfte zu machen. Meine Anwälte werden die Verträge vorbereiten. Das ist nur noch reine Formsache«, verspricht Matthew ihm. Dann steht er auf, reicht zuerst den beiden Damen die Hand, bevor er sich von seinem Geschäftspartner verabschiedet. Schnell verschwindet er in die milde Abendluft. Statt sich ein Taxi zu nehmen, beschließt er, den kurzen Weg zum Hotel zu Fuß zurückzulegen. Er muss über vieles nachdenken und den Kopf freibekommen. Die Menschen, die heute Nacht auf dieser belebten Straße unterwegs sind, nimmt Matthew kaum wahr. Seine Gedanken schweifen wie so oft zu Vivien. Das Bild taucht wieder vor seinen Augen auf, wie sie eng umschlungen in den Armen dieses Typen lag. Verdammt, Vivien war unschuldig, das Opfer einer Intrige, ihrer Gutmütigkeit und ihrer Unschuld. Er hätte sie verdammt noch mal beschützen müssen, für sie da sein sollen, so wie er es ihr versprochen hatte. Wie konnte er bei der Frau, die er liebt, nur so die Beherrschung verlieren? Noch eine Nacht, dann wird er für Klarheit zwischen Vivien und sich sorgen und dem ganzen Spuk ein Ende bereiten, geht es ihm noch durch den Kopf, als plötzlich ein Taxi am Straßenrand hält und ihn aus seinen Gedanken reißt. Die Tür der Bar links neben ihm öffnet sich und vier Personen treten hinaus. Es sind zwei betrunkene junge Frauen, die in den Armen ihrer Begleiter liegen. Hätte nicht einer der beiden Männer Matthew aus Versehen angerempelt, er hätte keinen einzigen Blick für die vier übrig gehabt. Einer der beiden entschuldigt sich. Matthew blickt auf und murmelt nur: »Kein Problem«. Doch dann registriert er die junge Frau im Arm des Mannes. Abrupt bleibt Matthew stehen, erstarrt in seiner Bewegung, als er Vivien und Jo erkennt. Vivien windet sich in den Armen ihres Begleiters, der sie fest umschlungen hält.
Die frische Luft schlägt mir hart ins Gesicht, und ich spüre die Übelkeit. Oh mein Gott, was habe ich mir bloß dabei gedacht? Ich weiß doch, dass ich keinen Alkohol vertrage.
»Nein, lass mich los, bitte«, rufe ich meinem Begleiter David zu, der mich energisch in Richtung des wartenden Taxis drängt. Ich fürchte, mich noch direkt in seinen Armen zu übergeben. Also versuche ich, mich aus seinem festen Griff zu befreien, was mir allerdings kläglich misslingt. Ich gebe David einen gezielten Stoß in die Rippen, sodass er mit dem großen, dunkel gekleideten Mann zusammenstößt, der gerade auf dem Bürgersteig vorbeigeht. Schnell entschuldigt David sich bei dem Unbekannten, bevor er sich wieder mir zuwendet.
»Was ist denn los, Vivien?«, beschwert sich David lachend, ohne mich loszulassen. »In der Bar warst du nicht so abweisend?«
Der große Unbekannte hinter David scheint die Szene für einige Sekunden entsetzt zu beobachten, bevor er besitzergreifend nach meinem Arm greift und mich aus den Fängen meines Begleiters befreit. Ich spüre den festen Griff um meinem Oberarm und ein kurzes Stöhnen entfährt meinen Lippen, während ich mir schon vorstelle, wie die Finger meines Peinigers blaue Flecken auf meiner Haut hinterlassen. Was fällt diesem Idioten nur ein? Aber das ist sicher nicht das Schlimmste heute Abend, geht es mir noch durch den Kopf, als ich den vertrauten Duft wahrnehme.
»Ich glaube, die Dame hat Nein gesagt«, knurrt der Fremde David an.
Ich drehe mich um und schaue direkt in das Gesicht des Mannes, der für mein chaotisches Seelenleben verantwortlich ist, und jetzt wird mir wirklich schlecht. Matthew? Hier? Wo kommt er so plötzlich her? Seine Hand liegt immer noch fest um meinen Oberarm. Meine Gedanken überschlagen sich. Ich stehe zwischen Matthew und David, die sich beide mit düsteren Blicken belauern, und kann nur ein unterdrücktes Stöhnen von mir geben. Jo hat sich mit ihrem Begleiter in den Hintergrund zurückgezogen und beobachtet die Szene fassungslos. Auch ihr ist alle Farbe aus dem Gesicht gewichen. Ich höre noch, wie sie entsetzt seinen Namen ausspricht: »Matthew?«
»Hey, was fällt Ihnen ein? Nehmen Sie Ihre Finger von dem Mädchen! Die Süße gehört zu mir, klar?«, kontert David und will nach mir greifen. Aber Matthew zieht mich energisch ein kleines Stück zurück. Bevor Matthew ihm die passende Antwort geben kann, ist es um meine Selbstbeherrschung geschehen und ich übergebe mich direkt vor den Füßen der beiden Männer.
David springt angewidert zurück. »Vivien, pass doch auf! Scheiße.«
Ich kann nicht auf David achten, würge und spucke, bis alles aus meinem Magen heraus ist, was mich quält.
Matthew zieht mich fest an seine Brust. »Alles okay?«, fragt er besorgt.
Ich schaue zu ihm hoch und nicke, froh, den quälenden Brechreiz los zu sein. Nachdem Matthew sich davon überzeugt hat, dass es mir gut geht, drückt seine freie Hand vorsichtig meinen Kopf an seinen Oberkörper und es scheint ihm egal zu sein, dass seine Hose mit meinem Erbrochenen beschmutzt ist. Sein Hemd dürfte jetzt ebenfalls Flecken aufweisen, aber auch darum kümmert Matthew sich nicht. Stattdessen drückt er mich weiter fest an sich, wie sein Lieblingsspielzeug, das er mit niemandem teilen möchte.
Ich hebe den Kopf und fange Jos Blick auf, der sanft und freundlich auf Matthew ruht, bevor sie mich anschaut und besorgt den Kopf schüttelt. Ich empfinde in diesem Moment ein Gefühl von innerlicher Ruhe. Als würde eine schwere Last von mir fallen. Er ist wieder da.
»Jo, steig in das verdammte Taxi ein«, zischt Matthew Jo leise zu. »Ich werde euch nach Hause bringen!«
»Wer ist der Typ, Jo, kennt ihr den etwa? Was bildet der sich ein?«, schaltet sich David wieder in das Geschehen ein.
Ich drehe meinen Kopf in seine Richtung, will etwas sagen, aber Matthew legt beschützend die Hand an meine Wange und schüttelt den Kopf. Da David von mir keine Antwort erhält, dreht er sich genervt zu Jo um.
»Das ist Viviens Freund«, erklärt sie.
»Was? Der Typ? Das ist doch jetzt nicht dein Ernst? Hast du nicht gesagt, sie sei Single, genau wie du? Was geht hier ab, Mann?« David reißt frustriert die Hände hoch und lässt sie gleich darauf erzürnt wieder fallen. »Also, verarschen kann ich mich selbst«, schimpft David und das ist eindeutig an mich gerichtet.
»Ist das immer noch nicht klar? Soll ich es dir noch mal verständlich machen? Du hast doch gehört, was Jo gesagt hat. Ich bin Viviens Freund, also verpisst euch endlich«, mischt sich Matthew ein. Er spricht mit einer Härte in seiner Stimme, die mich kurz zusammenzucken lässt.
»Ach ja, Arschloch? Und ich lasse mir nicht gern die Tour vermasseln. In der Bar sah das noch ganz anders aus. Da war deine angebliche Freundin ganz und gar nicht abgeneigt, mit mir zu kommen«, knurrt David mit einem falschen Lächeln im Gesicht, die Hand bereits zur Faust geballt, während er sich zu Matthew umdreht.
Ich spüre, wie sich Matthews Muskeln anspannen, seine Atmung und sein Herzschlag sich ruckartig beschleunigen und sein Griff um meine Taille sich verstärkt. So abfällig würde er im Beisein anderer nicht über mich reden. Warum muss David, dieser Idiot, ihn provozieren und mich als Flittchen hinstellen, das mit dem Erstbesten ins Bett springt? Das hätte ich nicht von ihm gedacht. Und in diesem Moment läuft mir ein kalter Schauer über den Rücken, bei dem Déjà-vu, das ich gerade erlebe.
»Verdammte Scheiße, lass uns gehen, David. Das ist die Schnecke nicht wert«, meldet sich jetzt Davids Begleiter zu Wort, der gespürt haben muss, dass die Situation zu eskalieren droht, während er seinen hitzköpfigen Freund am Ärmel wegzuziehen versucht.
Langsam schiebt Matthew mich hinter sich. Diese beschützende Geste rührt mich. Warum hat er das nicht in dieser schrecklichen Nacht getan? Matthew steht einfach nur da, er ist ein kleines Stück größer als David und wirkt, als würde er ihm am liebsten einen Kinnhaken verpassen, aber er hält sich zurück. Doch seine Geduld scheint die Schmerzgrenze erreicht zu haben. Matthews vernichtender Blick ruht weiter auf dem anderen, so als warte er nur darauf, dass David angreift. Ich vermute, dass David wohl keine Chance gegen ihn hätte, und spüre, wie er sich anspannt. Matthew muss verdammt sauer sein. Er könnte David mit nur einem gekonnten Schlag zu Boden befördern.
»David«, versucht der Freund ihn noch einmal zum Gehen zu bewegen, aber David starrt mich weiter an.
»Es tut mir leid«, sage ich leise zu ihm. Jetzt fühle ich mich erst richtig mies. Was muss David für einen Eindruck von mir haben? Aber vielleicht sollte ich Matthew dankbar sein, dass er mich vor einem One-Night-Stand abhält. Ich glaube, spätestens morgen früh hätte ich das bitter bereut.
Einen kurzen Augenblick scheint David noch mit sich zu kämpfen, dann tritt er zurück und funkelt mich dabei wütend an.
»Fuck«, flucht David.
Die beiden werfen mir und Jo einen wütenden Blick zu, drehen sich um und verschwinden die Straße hinunter. Ich sehe noch, wie Davids Freund ihn am Ärmel packt und beschwichtigend auf ihn einredet, während David verärgert den Arm wegzieht. Ihre aufgebrachten Stimmen dringen noch kurz wie durch einen Nebel an mein Ohr, dann atme ich erleichtert aus. Der Taxifahrer, der die Szene verfolgt hat, kurbelt die Fensterscheibe herunter.
»Sir, haben Sie das Taxi bestellt? Wollen Sie nun mitfahren oder nicht? Ich kann hier nicht ewig warten«, blafft er uns an.
Matthew schiebt erst Jo und dann mich zum Wagen. Bevor ich einsteige, treffen sich unsere Blicke und ich weiß, was er fühlt. Dieser dumpfe Schmerz, der auch mich in den letzten Wochen begleitet hat, springt mir direkt aus seinen Augen entgegen, sodass ich nicht anders kann, als ins Taxi zu steigen. Dann greift er in seine Brieftasche, holt einige Hundertdollarscheine heraus und reicht sie dem Taxifahrer durch das geöffnete Fenster. »Hier, ich denke, das dürfte genug sein.«
Sofort bessert sich die Laune des Fahrers. Der Mann bedankt sich überschwänglich.
»Selbstverständlich, Sir. Wo darf ich Sie hinbringen?«, fragt er eifrig und steckt dabei die Scheine schnell in seine Brusttasche.
»Die Adresse, Jo«, verlangt Matthew kurz angebunden von meiner Freundin.
»Die Studentenwohnungen auf der anderen Seite der Stadt«, sagt sie dem Taxifahrer.
»Sie haben es gehört«, wendet Matthew sich nun wieder dem Taxifahrer zu und steigt zu mir in den Fond des Wagens.
Sobald Matthew sich auf den Sitz geschoben hat, wird mir seine Nähe erst so richtig bewusst. Die harten Muskeln seines Oberschenkels, die sich an mein Bein drücken, die Hitze, die von seinem Körper ausgeht, und was noch viel schlimmer ist, ist der Duft, der wie ein Aphrodisiakum auf mich wirkt. Sein Aftershave gepaart mit seinem Körpergeruch macht mich so an, dass ich mich am liebsten sofort auf ihn stürzen und mich in ihm verlieren möchte. Aber ich tue nichts davon. Ich sitze neben ihm auf dem Rücksitz des Wagens und könnte nur noch heulen. Die plötzliche Nähe zu ihm bringt mich fast um. Meine Gefühle für ihn sind in tausend Teile zerfetzt und schwirren irgendwo im Universum herum. Ich weiß nicht, ob ich erleichtert sein soll, dass Matthew da war und mich vielleicht vor einer Dummheit bewahrt hat, oder ob ich ihm in den Hintern treten soll für das, was er mir angetan hat. Jo hat sich in ihre Ecke gelümmelt und schweigt. Sie schaut kurz mi t fragendem Blick zu mir und ich zucke nur mit den Schultern, dann dreht sie sich zum Fenster und starrt hinaus, während Matthew seinen Arm um mich legt und meinen Kopf, der bereits zu schmerzen anfängt, an seine Brust zieht. Ich schließe die Augen, atme tief ein und aus, um die wieder aufsteigende Übelkeit so einigermaßen unter Kontrolle zu halten; dabei versuche ich, meine Gedanken zu ordnen. Was macht Matthew hier? Wieso taucht er gerade dann auf, wenn es mal wieder peinlich für mich wird? Er, mein Ritter in schwarzer Rüstung. Matthew sagt kein Wort, noch nicht. Ich wage einen verstohlenen Blick in sein regloses Gesicht. Er starrt einfach nach vorn. Nur das leichte Zucken seiner Kiefermuskeln lässt mich ahnen, in welcher Stimmung er sich gerade befindet. Oh mein Gott, wie sehr habe ich ihn vermisst, und jetzt sitzt er ganz nah neben mir. Und da sind auch wieder die Schmetterlinge, die sich gerade aus ihrem Winterschlaf erheben und in meinem Bauch eine wild e Verfolgungsjagd veranstalten. Mit seiner rechten Hand streicht Matthew über meinen Oberarm, so als wollte er mir zu verstehen geben, dass alles in Ordnung ist. Oder auch, dass nichts in Ordnung ist und ich wieder einige seiner Belehrungen über mich ergehen lassen muss. Dafür hat David mit seinen unnötigen Andeutungen gesorgt. Aber verdammt, ich bin es doch, die sauer sein sollte, nicht er. Was ist nur mit diesen verdammten Männern los? Gibt es denn keinen auf der Welt, der einfach nur nett und ehrlich ist? Bei dem die Gedankengänge nicht von dem Wort Sex beherrscht werden? Nach einer kurzen Fahrt, die mir wie eine Ewigkeit vorkommt, halten wir bei den Studentenwohnungen am Stanley Park. Ich schrecke hoch, weil ich an Matthews Brust gekuschelt eingedöst war. Müde hebe ich den Kopf und befreie mich aus Matthews Umarmung. Er steigt aus dem Taxi. Mit einem vielsagenden Blick fordert er mich auf, im Wagen zurückzubleiben, aber mir ist in diesem Moment ohnehin viel zu übel, um mich zu bewegen. Er bückt sich zu dem halb geöffneten Fahrerfenster und sagt irgendetwas zu dem Taxifahrer; ich schnappe die Worte »… Ihre Verantwortung, dass sie im Wagen bleibt« auf, bevor er Jo die Wagentür öffnet und sie resolut am Arm packt.
»Was ist mit Vivien?«, höre ich Jo verärgert fragen. »Du glaubst doch wohl nicht, dass ich sie mit dir …«
Ich höre Matthew stöhnen, bevor er ihren Redefluss unterbricht. »Vivien kommt mit mir.«
»Das soll sie mir selbst sagen«, beantwortet Jo sein Drängen. Jo beugt sich zu mir herunter. »Vivien, willst du wirklich mit Matthew mitfahren?«
Ich nicke, obwohl ich weiß, dass es das Beste wäre, jetzt direkt hier auszusteigen und Matthew wieder aus meinem Leben zu verbannen. Diese Szene einfach zu vergessen, als wäre er nie hier gewesen. Aber ich kann nicht. Ich fühle mich so sehr zu ihm hingezogen. Sein Geruch, seine Mimik, seine Stärke, seine tiefe Stimme, die auch unsagbar sanft sein kann, und die Vertrautheit, die sofort wieder allgegenwärtig ist, ziehen mich wie eine Spirale in die Tiefe.
»Okay.« Jo nickt und richtet sich wieder auf, bevor sie sich schwankend zu Matthew umdreht, der sie Arm packt, die Wagentür zuschmeißt und meine Freundin in Richtung Eingang leitet.
Nur kurze Augenblicke später steigt Matthew wieder zu mir in das Taxi und nennt dem Fahrer sein nächstes Ziel. Ich kenne das Hotel, da ich bereits vor wenigen Wochen zwei Nächte mit Matthew dort verbracht habe.
Er beugt sich zu mir und ich fühle seinen Schmerz so deutlich, als wäre es meiner. »Was sollte das, Vivien?«, fragt er mich leise, sodass der Fahrer seine Worte nicht verstehen kann.
Ich spüre seine Anspannung, als er seine Lippen fest zusammengepresst. Oh Mann, ist der sauer. Zum Glück kann ich langsam wieder einigermaßen klar denken.
Ich weiß nicht, was er meint. Den Alkohol? David? Okay, wir haben definitiv zu viel getrunken, und ich weiß, wie Matthew darüber denkt. Aber verdammt, es geht ihn nichts mehr an. Und wenn ich mit David die Nacht verbracht hätte, könnte ihm das auch egal sein. Ich frage ihn schließlich auch nicht, was er die letzten zwei Wochen getan hat. Wir haben uns getrennt. Er hat die Grenzen überschritten, nicht ich. Ich habe nur die Konsequenzen gezogen und getan, was unausweichlich war. Wieso muss Matthew gerade jetzt wieder auftauchen? Ich bin noch nicht über ihn hinweg, im Gegenteil. Seine Nähe macht mich völlig konfus. Außerdem bin ich ihm keine Erklärung schuldig. Mein Kopf scheint wie in Watte gepackt.
»Wie konntest du dich so schnell an einen anderen Mann heranmachen? Hat dir das mit uns denn so wenig bedeutet?«
Er blickt mich nicht an, doch ich kann an seiner Stimme hören, wie verletzt er ist. Nach einer Weile spricht er weiter.
»Die beiden waren doch nur auf einen schnellen Fick aus«, spuckt er vor Verachtung regelrecht aus. »Du und Jo, in eurem betrunkenen Zustand wart ihr die perfekte Beute für die beiden. Himmel, warum musstest du dich so volllaufen lassen?«, knurrt er mich vorwurfsvoll an.
Das Denken fällt mir schwer, trotzdem will ich mich rechtfertigen. Ich antworte etwas zu laut und aufgebracht: »Wer sagt denn, dass ich ihn angebaggert habe? Jetzt bist du es, der auf das dumme Geschwätz von anderen hört. Außerdem geht es dich verdammt noch mal nichts mehr an, von wem ich mich ficken lasse.
Das letzte Mal, als ich deiner Meinung nach einen Fehler begangen habe, hast du mir den Hintern versohlt und mich danach gevögelt. Was hast du denn jetzt mit mir vor?«
Der Blick des Taxifahrers schnellt zum Rückspiegel und schaut uns entsetzt an. Ich ziehe kurz die Luft ein und halte mir die Hand vor den Mund. Oh Scheiße, das wollte ich nicht sagen, es ist mir einfach so rausgerutscht. Der Alkohol ist schuld daran. Warum werde ich im betrunkenen Zustand nur so impulsiv? Dieser verdammte Drang, immer die Wahrheit sagen zu müssen. Aber warum rede ich überhaupt mit Matthew, noch dazu über diesen Abend? Das geht ihn doch gar nichts mehr an!
Ich höre, wie er scharf Luft einzieht. »Sei still. Würdest du bitte etwas leiser sprechen?«, zischt Matthew mich nun ärgerlich an. Er fixiert kurz den Taxifahrer, bevor er mich anstarrt. Die Wut in seinen Augen ist fast verflogen und Schuldgefühle spiegeln sich jetzt darin. Es ist das erste Mal, dass wir uns wieder so nah sind seit jenem schrecklichen Streit, nach welchem ich meine Koffer packte und zu meiner Familie heimkehrte. Und obwohl ich mir so sicher war, dass die Trennung das Beste für mich war und Matthew vergessen wollte, spüre ich sofort wieder dieses besondere Gefühl, das nur er in mir auslöst.
»Verdammt, Vivien, wir hatten über die Sache ausführlich gesprochen. Und falls ich dich daran erinnern darf, du hattest genauso deinen Spaß wie ich. Ich werde dich nicht anfassen, und wenn ich dich ficke, dann nur, wenn du nicht betrunken bist«, antwortet er mir jetzt beruhigter. Er fährt sich mit der Hand durch die Haare. Eine Geste, die mir sehr gut bekannt ist. Er signalisiert mir unbewusst seine Unsicherheit. Schnell scheint er sich wieder unter Kontrolle zu haben, als er sich zu mir umdreht. »Lass uns bitte morgen darüber reden, okay?«, meint er, nachdem er meinen Zustand eingeschätzt hat. »Bitte bleib heute Nacht bei mir im Hotel. Du hast zu viel getrunken, und ich lasse dich so ungern allein. Diesen Fehler habe ich einmal gemacht. Noch einmal passiert mir das nicht«, höre ich ihn noch leise sagen.
Endlich hält das Taxi vor dem Eingang des Fairmont Gold Harborview Hotel und Matthew steigt aus. Ich bleibe im Wagen sitzen. Was soll ich tun? Mit ihm gehen und die Nacht mit ihm verbringen? Wo soll das hinführen? Als ich keine Anstalten mache, den Wagen zu verlassen, höre ich Matthews Räuspern und wende den Kopf zu ihm. Er hält mir versöhnlich die Hand entgegen, und ich kann in dieser Geste die Bitte lesen, ihm zu folgen.
»Bitte, Vivien, bleib heute Nacht bei mir. Nicht, weil ich es will, sondern weil du es willst.«
Ich muss nur zustimmen. Warum tut er mir das an? Ich sollte gehen, mich von ihm fernhalten. Er ist nicht gut für mich. Morgen wird er wieder nach Boston zurückfliegen und mich mit meinem Gefühlschaos allein zurücklassen. Er wird mich nur verletzen. Trotzdem möchte ich mich an seine Brust schmeißen und ihn ganz fest an mich drücken. Meinen ungeweinten Tränen freien Lauf lassen und von ihm getröstet werden. Das Gefühl noch einmal heraufbeschwören, dass er nur mir gehört, und mich in seiner Zärtlichkeit verlieren. Ich atme tief durch und greife nach seiner Hand, die zart zudrückt, um mir zu zeigen, dass ich zu ihm gehöre. Oder will er mir nur beweisen, dass er wieder mal seinen Willen durchsetzen konnte, wie er es immer tut? Ich bin froh, dem beengten Raum des Wagens und vor allem der Nähe zu Matthew entfliehen zu können, die mein Inneres wieder in diese verwirrenden Gefühle versetzt. Aber kaum haben wir das Taxi verlassen, legt Mat thew schon seinen Arm um meine Taille, zieht mich zu sich heran und geht mit mir durch den Eingang Richtung Aufzüge. Mein Kopf fällt erneut an seine Brust, was mir jetzt auch schon egal ist, und ich atme wieder diesen vertrauten, herben, männlichen Duft ein, den ich viel zu lange vermisst habe. Ich habe kapituliert, zumindest für den Augenblick, und dann wird es schwarz vor meinen Augen. Ich spüre noch Matthews Hände, die unter meine Knie fassen, um mich entschlossen an seinen Körper zu drücken.

Die Sonnenstrahlen, die durch die halb geschlossenen Fenster fallen, sind wie Nadelstiche in meinem Gehirn. Ich will die Augen nicht öffnen, weil ich weiß, dass dann der Schmerz in meinem Kopf noch weiter zunehmen wird. Aber ich habe Durst, schrecklichen Durst. Meine Zunge klebt pelzig am Gaumen. Ich blinzle und bin mit einem Ruck hellwach, als ich das fremde Zimmer wahrnehme, in dem ich mich befinde. Mein Blick fällt auf den Sessel am Fenster. Dort liegen Herrenjeans und ein Herrenhemd lässig über die Sessellehne drapiert. Meine eigenen Kleider kann ich nirgends entdecken. Ich hebe die Bettdecke an und stelle erleichtert fest, dass ich zumindest nicht nackt bin. Aber was ist das für eine Boxershorts, die ich trage? Habe ich mich gestern hier ausgezogen? Verflixt, ich kann mich nicht mal mehr erinnern, diesen Raum überhaupt betreten zu haben, geschweige denn, wie ich in dieses Bett gekommen bin. Das Letzte, an das ich mich erinnern kann, ist die Fahrt in einem Ta xi und an ihn. Matthew. Der Raum, in dem ich mich befinde, ist das Schlafzimmer einer der großen Suiten im Fairmont Gold Harborview Hotel in Vancouver. Das Zimmer wird beherrscht von dem großen King-Size-Bett, in dem ich liege und wohl auch die Nacht allein verbracht habe, denn die andere Seite des Bettes ist unbenutzt. David schießt mir durch den Kopf. Nein, mit David bin ich nicht hierher gekommen. Langsam mischen sich die gestrigen Ereignisse schemenhaft in mein Bewusstsein. Natürlich, ich befinde mich in Matthews Suite. Ich habe die Nacht hier mit ihm verbracht. Warum hat er mich gestern Nacht mit hierhergenommen? Seine Stimme dringt leise aus dem angrenzenden Wohnbereich zu mir.
Ich versuche aufzustehen und schwinge meine Beine nicht so dynamisch wie sonst aus dem Bett. Auf die plötzliche Bewegung reagiert mein Körper sofort mit Unwohlsein, eine Folge meines entgleisten Alkoholgenusses von gestern Abend. Das flaue Gefühl im Magen lässt mich kurz aufstöhnen. Langsam schleppe ich mich ins angrenzende Badezimmer, in der Hoffnung, dort ein Aspirin zu finden. Suchend schaue ich mich im Badezimmer um. Auf dem Sims hinter dem Waschbecken liegt tatsächlich eine Schachtel mit Schmerzmitteln. Ich nehme eine Tablette heraus, halte meinen Mund unter den Wasserhahn und spüle sie herunter. Die kühle Flüssigkeit beruhigt meinen trockenen Hals, sodass ich erlöst durchatme. Ich stütze mich auf das Waschtischbecken und schaue in den Spiegel. Das Gesicht, das mich mustert, kann unmöglich zu mir gehören. Unschlüssig stehe ich vor dem Spiegel und schaue mich an. Ich fühle mich gerade mitten in einem Déjà-vu. Meine Haut wirkt fah l und aufgedunsen und die Wimperntusche umrandet verschmiert meine Augen. Oh mein Gott, wie sehe ich nur aus? Schnell nehme ich eines der Pads aus dem Spender und wische mir über die Augen, sodass ich wieder einigermaßen normal und nicht mehr wie ein Vampir aussehe, der die Nacht durchgezecht hat. Der schale Geschmack in meinem Mund erinnert mich daran, dass ich keine Zahnbürste dabei habe. Warum auch? Ich wollte lediglich mit meiner Freundin ausgehen und ein wenig Spaß haben. Dass ich danach hier in einem Hotel und dann auch noch mit Matthew landen würde, war wirklich das Letzte, was ich erwartet hätte. Unschlüssig betrachte ich Matthews Zahnbürste. Ach, was soll´s. Ich nehme sie aus dem Glas und gebe Zahnpasta darauf. Er hat sie heute Morgen bereits benutzt, die Borsten sind noch immer nass. Schnell putze ich mir die Zähne und stelle alles wieder zurück an seinen Platz. Fertig. Mein nächstes Problem sind allerdings meine Kleider, die ich auch hi er nicht finden kann. Verdammt, was ist gestern Nacht nur passiert? Leise betrete ich das Schlafzimmer. Die Tür zum Wohnraum der Suite ist jetzt geöffnet, sodass ich Matthew sehen kann. Er lehnt mit dem Rücken zur Schlafzimmertür an dem Esstisch, der mitten im Raum steht, und hält sein iPhone in der Hand.
»Ja, das ist doch kein Problem. Nein, nein, ihr geht es gut. Ich bringe sie später nach Hause.«
Ich höre nur diese Gesprächsfetzen und ahne, dass er mit meinen Eltern telefoniert.
»Nein, noch nicht. Sie schläft noch.«
Sein nachdenkliches Stirnrunzeln kommt mir vertraut vor, sodass ich kurz einen kleinen Stich in meinem Inneren verspüre wegen des Verlusts unserer Beziehung.
»Wir sehen uns später. Bis nachher.«
Dann legt er auf und beginnt gleich das nächste Gespräch; dieses Mal ist sein Anruf geschäftlich. Matthews Laune scheint sich seit gestern Nacht sichtlich gebessert zu haben. Ich höre ihn leise lachen. Das ist schön für ihn, aber von meiner Stimmung kann man das nicht behaupten. Ich bin nicht bereit, jetzt mit ihm zu sprechen. Vielleicht bin ich das nie! Ich will schnellstens nach Hause, und zwar ohne ihm zu begegnen. Unschlüssig gleitet mein Blick durch das Schlafzimmer. Die einzigen Kleidungsstücke, die ich auf die Schnelle sehe, sind die Jeans und das Hemd auf dem Sessel. Vorsichtig husche ich an der leicht geöffneten Tür vorbei, sodass er mich nicht hört, und greife entschlossen nach der Kleidung. Die Hose ist natürlich viel zu groß, ebenso das Hemd, aber darauf kann ich keine Rücksicht nehmen. Ich stolpere fast in die Hose, ziehe das Hemd über sein T-Shirt, das ich trage, stopfe es in die Hose und fixiere sie mit dem Gürtel um mein e Taille. Dann kremple ich mir noch die viel zu langen Hosenbeine hoch. Fertig. Schuhe! Ich brauche Schuhe. Suchend drehe ich mich im Raum um und entdecke seine Turnschuhe neben der Badezimmertür. Ich schnappe sie mir und setze mich aufs Bett, sodass ich ihn direkt in meinem Blickfeld habe. Als hätte er meinen Blick in seinem Rücken gespürt, dreht Matthew sich zu mir um, während er seinem Gesprächspartner weiter interessiert zuhört. Ich funkle ihn beleidigt an, was ihm einen überraschten Ausdruck in sein Gesicht zaubert. Jetzt muss ich nur noch an ihm vorbei und aus der Suite verschwinden. Über dieses Problem brauche ich nicht lange nachzudenken, denn jetzt beendet er sein Gespräch, kommt zur Tür und tritt ein. Ein verhaltenes Lächeln umspielt seine Lippen, während er den Raum betritt und vor dem Bett stehen bleibt, auf dem ich sitze und mich vergeblich abmühe, seine Turnschuhe anzuziehen. Er wirkt belustigt und verschränkt die Arme vor d er Brust. So kenne ich ihn, beherrscht und aufregend sexy. Ganz gegen meinen Willen beschleunigt sich mein Herzschlag bei seinem Anblick. Matthew trägt eine alte verwaschene Jeans, die sich körperbetont um seine muskulösen Beine schmiegt, sowie ein enges graues T-Shirt, das knapp über dem Hosenbund endet und somit seinen Waschbrettbauch, auf dem sich eine schmale Linie dunklen Haares in seiner Jeans verliert, noch mehr zur Geltung bringt. Schnell verjage ich die Bilder von seinem nackten Körper, die sich unaufhaltsam in mein Gedächtnis schleichen. Mein Blick ist auf seine nackten braunen Füße gerichtet, die unter der aufgekrempelten Jeans hervorschauen. Er hat so wahnsinnig schöne Füße. Matthew sieht einfach immer fantastisch aus. Selbst in Lumpen würde er noch eine gute Figur machen. Meine Laune sinkt in den Keller, als ich an mir herunterschaue. Ich muss aussehen wie eine Vogelscheuche, meine Haare sind zu einem undefinierbaren Knäul mutiert. Von meinem Gesicht will ich gar nicht erst reden. Ich stecke in seinen Klamotten und seiner Unterwäsche. Tja, die Zeiten sind vorbei, als ich Designer-Dessous getragen habe, die Matthew meistens ausgesucht hatte. Er liebte es, mich nackt auszuziehen, um mir dann die verführerischen Dessous überzustreifen, die ich aber selten lange am Körper getragen habe. Er konnte seine Hände einfach nie von mir lassen. Hat Matthew mich gestern Abend auch ausgezogen? Bei den Liebesspielen, die Matthew mit mir in der Vergangenheit praktiziert hat, sollte es mich nicht wundern. Zornesröte steigt mir ins Gesicht. Was ist gestern Nacht passiert?
»Guten Morgen«, bricht er das unangenehme Schweigen. Er wirkt jetzt unsicher.
»Guten Morgen«, antworte ich und halte seinem Blick stand, während ich immer noch mit den Schnürsenkeln seiner Turnschuhe beschäftigt bin. Ich hoffe, er sieht mir an, dass ich, nur weil er mich letzte Nacht vor David bewahrt hat, nicht vergesse, was vor zwei Wochen geschehen war. Jetzt, wo er vor mir steht, bin ich wütend, und irgendwie mischt sich diese Empfindung doch mit den zärtlichen Gefühlen, die ich für ihn immer noch habe.
»Wie fühlst du dich?«, fragt er.
»Matthew, was willst du eigentlich?«, frage ich genervt. Ganz tief in mir drin ist da noch immer ein warmes Gefühl für Matthew und die Hoffnung, dass er mich zurückgewinnen will. Ich möchte am liebsten heulen, ihn anschreien und mich gleichzeitig in seine Arme werfen, aber ich tue nichts davon. Sitze einfach nur weiter da und schaue zu ihm hoch.
Er zuckt mit den Schultern und wirkt tatsächlich unbeholfen. Er, Mr. Alphawolf und Kontrollfreak, weiß nicht, was er tun soll. Sucht er etwa nach Worten, wie er mir sagen kann, schön, dich wieder mal gesehen zu haben, kann ich dich noch nach Hause bringen? Oh Gott, ich möchte einfach nur weg von ihm. Meine Gefühle für ihn scheinen noch intensiver als vorher.
»Du hast abgenommen«, stellt er mit Sorge in seiner Stimme fest. »Du bist ohnehin schon zu dünn«, sagt er beunruhigt zu mir, während er seinen Blick über meinen Körper wandern lässt.
Toll, dass dir das auffällt, Mr. Ich-habe-alles-unter-Kontrolle. Ich habe abgenommen. Aber daran bist du schuld, würde ich ihm am liebsten entgegenschmeißen. Will er mir das jetzt vorwerfen? Es ist das erste Mal nach diesem schrecklichen Abend vor zwei Wochen, dass wir uns gegenüberstehen, zumindest in nüchternem Zustand. Gestern zählt nicht.
»Wir müssen reden«, ändert er die Richtung des Gesprächs und ich spüre, dass er sich nicht wohl fühlt in seiner Haut. Sein Körper ist angespannt und die coole, selbstsichere Haltung, die er grundsätzlich an den Tag legt, scheint sich spurlos in Nichts aufgelöst zu haben. Immerhin haben wir das gemeinsam. Seine beherrschte Art, die Dinge beim Namen zu nennen, so wie er es gestern im Taxi getan hat, ist gänzlich verschwunden und Unsicherheit macht sich in seiner Stimme breit. Jetzt kommen wir der Sache schon näher. Aber ich bin nicht bereit, jetzt mit ihm darüber zu reden. Ich bin sauer und das werde ich ihn spüren lassen. Wenn er glaubt, mich um den Finger wickeln zu können, werde ich es ihm nicht leicht machen.
»Ach, du willst reden und ich soll dir jetzt zuhören. Hast du mir zugehört?«
»Kleines, ich weiß …«, setzt er an.
»Nein, Matthew, nicht so«, fahre ich ihn an.
Ich blicke wieder zu Boden und schnüre den zweiten Turnschuh zu, ohne noch etwas zu sagen. Dabei ziehe ich in meinem Frust zu fest an den Schnürsenkeln, sodass ich ein Ende plötzlich in der Hand halte. Scheiße. Ich schleudere den Stofffaden auf den Boden und stehe auf, bleibe direkt vor Matthew stehen und funkle ihn, hoffentlich, grimmig an.
»Schatz, bitte gib mir doch die Möglichkeit, dir alles zu erklären«, bittet er.
Meine Miene bleibt hart und ich schüttle verneinend den Kopf. Da er nicht zur Seite gehen will, lege ich meine Hand auf seine Hüfte und schiebe ihn weg, sodass er sofort den Weg frei macht. Ohne ein Wort zu sagen, gehe ich an ihm vorbei, lasse ihn einfach stehen und verlasse fluchtartig das Schlafzimmer durch den Wohnbereich. Kaum habe ich die Tür zur Suite erreicht, um in den Hotelflur zu entkommen, höre ich ihn hinter mir leise fluchen. Ich drehe mich nicht um, greife nach der Türklinke und werfe die Tür hinter mir geräuschvoll zu. Geschafft! Ich lehne mich kurz an die Wand und versuche, meinen rasenden Herzschlag unter Kontrolle zu bringen. Als ich höre, wie die Tür sich neben mir öffnet, laufe ich schnell den Gang hinunter zum Aufzug.
»Vivien, bitte bleib«, höre ich seine Stimme sanft und doch eindringlich hinter mir.
Ich beiße mir auf die Unterlippe, gehe weiter und drücke den Knopf am Fahrstuhl. Nein, Matthew, dieses Mal nicht.
»Kleines, bitte.«
Verdammt, er hat es wieder getan. Immer, wenn er dieses Kosewort sagt, scheine ich nicht mehr fähig, klar zu denken. In mir erwachen wieder stürmische Emotionen, die ich glaubte verloren zu haben, die mich einhüllen, von meinem Körper Besitz ergreifen. Mein Verstand setzt aus und ich werde jetzt von meinen Gefühlen geleitet. Verdammt, ich will ihn, aber kann ich ihn mit all seinen Macken lieben? Ich bleibe stehen, schließe kurz die Augen und drehe mich jetzt doch zu ihm um.
»Matthew, bitte!«, bringe ich mit erstickter Stimme heraus und Tränen laufen mir über die Wangen. Ich kann sie nicht mehr wegblinzeln, in mir tobt das definitive Gefühlschaos. Ich muss hier weg, bevor ich mich total zum Affen mache.
»Vivien, so kannst du jetzt nicht gehen. Bitte komm wieder rein und beruhige dich erst mal. Lass uns reden. Gib mir wenigstens die Chance, mich bei dir zu entschuldigen.« Er kommt einige Schritte auf mich zu.
Ich hebe die Hand, um ihn zurückzuhalten. »Bleib, wo du bist. Warum hast du dich in den letzten beschissenen Wochen nicht ein einziges Mal gemeldet? Glaubst du, mit ein paar netten Worten ist alles vergessen? Für wie dumm hältst du mich eigentlich?«, schreie ich ihn an.
Er steht an der Tür seiner Suite, die Arme hängen neben seinem Körper, er wirkt in sich zusammengesunken; jegliche Arroganz scheint aus ihm herausgekrochen zu sein. Mit einem Ping öffnen sich die Aufzugtüren. Ich zögere nur kurz, drehe mich noch einmal zu ihm um, dann steige ich entschlossen ein und drücke den Knopf für das Erdgeschoss. Ich fange noch seinen gequälten Blick auf, während ich mich umdrehe und mir die Tränen von den Wangen wische. Plötzlich, als wäre Matthew aus einer Art Schockzustand erwacht, sprintet er mir entgegen. Die Aufzugtüren schließen sich, ich sehe seine Hand, die sich zwischen das Metall schiebt, und halte erschrocken die Luft an, während sich vor meinem geistigen Auge das schreckliche Bild seiner zerquetschten Hand projiziert. Doch die Lifttüren öffnen sich und Matthew steigt ein. Er steht barfuß neben mir. Seine Hand hat er an der Aufzugwand abgestützt, als er sich zu mir umdreht.
»Lauf nicht wieder weg, Vivien. Bitte hör mir zu«, bittet er.
Ich verschränke die Arme vor dem Körper und starre weiter auf die Leuchtanzeige des Aufzugs. Wie lange werde ich standhaft bleiben können? Ich weiß, dass ich ihn will, und er soll mich lieben. Warum um Himmels willen sagt er es denn nicht endlich? Warum zeigt er so wenig Gefühl? Wenn ich ihm wirklich so viel bedeute, warum gesteht er mir nicht endlich seine Liebe? Gestern Abend war er fürsorglich, ich glaubte, ihm wieder vertrauen zu können, aber jetzt merke ich, das reicht mir nicht. Ich will mehr. Ich will alles. Ich will seine Liebe und seine Sehnsucht nach mir spüren. Ich will, dass ich die Frau an seiner Seite bin, für die er durchs Feuer gehen würde. Endlich erreichen wir das Erdgeschoss, und ich stürze förmlich aus dem Aufzug. Er folgt mir durch das Foyer hinaus auf die Straße.
»Vivien, verdammt, würdest du gefälligst hierbleiben!«, brüllt er so laut, dass sich die Passanten auf der Straße entsetzt umdrehen. Als ich seine Hand an meinem Arm spüre, wende ich mich um zu ihm.
Er wird keine Ruhe geben, bis ich ihm zugehört habe. »Also gut, Matthew, reden wir. Aber nicht hier«, sage ich frustriert.
»Lass uns hochgehen«, bittet er.
Ich schaue auf seine nackten Füße und nicke zustimmend. Wir betreten das Hotel wieder. Der Hotelangestellte an der Rezeption nickt uns zu und mustert uns, ohne das Gesicht zu verziehen, doch sein Blick verrät seine Missbilligung, als wir in den Aufzug steigen.
Als sich die Türen in der obersten Etage öffnen, folge ich Matthew in den Gang zu seiner Suite. Unerwartet dreht er sich zu mir um. Sein Gesichtsausdruck, der alles andere als die gewohnte Ausgeglichenheit signalisiert, sagt alles aus über seine Emotionen. Matthew mustert mich, er scheint meine Stimmung einschätzen zu wollen.
»Du bist so verdammt dickköpfig. Was ist mit den letzten Monaten? Willst du die einfach so wegwerfen, als hätte es sie nie gegeben?«
Ich ziehe empört die Luft ein. Das kann jetzt nicht sein Ernst sein. »Ich habe gar nichts weggeworfen. Das hast du ganz allein geschafft«, fahre ich ihn an.
Plötzlich legt er seine Hände auf meine Wangen, streichelt zärtlich meine Kinnlinie entlang. Lässt seinen Blick über mein Gesicht wandern, als sähe er mich zum ersten Mal und müsste sich jeden Zoll genauestens einprägen.
»Ich habe mich wie ein Vollidiot verhalten. Es tut mir leid. Ich habe deine Gefühle verletzt. Bitte verzeih mir.« Er wirkt hilflos, überfordert und zugleich erwartungsvoll. Das ist für ihn ungewohntes Terrain und ich spüre, dass er damit nicht umzugehen weiß.
»Matthew, bitte lass uns reingehen.«
»Bitte sag mir, dass ich dich nicht verloren habe.« Seine Augen durchbohren mich.
Ich schüttle verneinend den Kopf und spüre sofort die Anspannung, die aus Matthews Körper entweicht. Als ich die Lippen leicht öffne und die Tränen jetzt nicht mehr wegblinzeln kann, ist es um ihn geschehen. Mit einer schnellen Bewegung presst er mich mit seinem Körper an die Wand, verschließt meine Lippen mit seinem Mund, wie es nur Matthew kann, sodass alles um mich herum verschwimmt. Ich spüre seine harten Muskeln an meinem Körper, das leichte Zittern seiner Hände, als diese mein Gesicht umfassen. Besitzergreifend erobert seine Zunge meine Mundhöhle. Ich lasse ihn gewähren, genieße für einen Moment den Rausch, bis ich wieder klar denken kann, und stoße ihn dann von mir.
»Nein, Matthew, so geht das nicht, verdammt«, sage ich keuchend.
Er schaut mich irritiert an und tritt einen Schritt zurück. Verzweiflung spiegelt sich jetzt in seinem Blick. »Was willst du noch, soll ich auf Knien vor dir herumrutschen?«, schreit er jetzt aufgebracht. Jedes demütige Gefühl, das er noch vor einigen Sekunden für mich empfunden haben muss, ist wie weggeweht. »Ich habe dir gesagt, dass wir reden müssen. Warum bist du einfach weggelaufen? Das ist eine Angewohnheit, die du dir schnellstens abgewöhnen musst«, schreit er aufgebracht.
»Und du solltest dir angewöhnen zuzuhören!« Meine Stimme ist jetzt so laut, dass sie an den Wänden widerhallt. Außerdem bin nicht ich es, die sich entschuldigen muss. Dieser Part liegt eindeutig bei ihm.
»Dann gib mir verdammt noch mal die Chance dazu«, erwidert er nicht weniger laut.
Und dann sprudelt es einfach hemmungslos aus mir heraus. Alles, was sich in den letzten Wochen aufgestaut hat, bricht plötzlich wie eine Lawine hervor: »Was denkst du dir eigentlich? Nach dem, wie du mich behandelt hast, kreuzt du so einfach hier auf und erwartest, dass ich mit einem Fingerschnippen von dir in deine Arme fliege? Du hast mich verbal niedergemacht, mich als Schlampe bezeichnet, du hast dich aufgeführt wie ein arrogantes Arschloch. Ich habe dich verlassen. Es ist aus, Matthew. Wir haben uns getrennt. Ich habe mich getrennt«, schreie ich ihn an. Aber im Grunde will ich ihn gar nicht gehen lassen. Ich will, dass er mich liebt.
Plötzlich öffnet sich die Tür neben uns und ein Mann schaut heraus.
»Sind Sie total verrückt? Tragen Sie Ihren Ehekrach gefälligst nicht vor meiner Tür aus!«
Die Unterbrechung unseres Streits holt mich sofort wieder auf den Boden zurück, sodass ich beschämt den Kopf zur Seite drehe. Matthew murmelt schnell eine Entschuldigung, packt mich am Arm und zieht mich weiter in seine Suite. Die Tür schließt sich hinter uns und wir sind allein.
»Bitte lass uns vernünftig miteinander reden. Anschreien führt zu nichts, oder?«, fragt er mich jetzt wieder völlig beherrscht, aber auch ein wenig hilflos, während er zum Esstisch geht, auf dem Frühstück bereitsteht, und mir mit einer Geste anbietet, Platz zu nehmen.
Ich nicke. Er schenkt mir Kaffee ein und ich greife nach einem Croissant.
»Ich würde gerne mit dir über gestern Abend sprechen«, beginnt er das Gespräch.
Er mustert mich und wartet meine Reaktion ab. Ich wusste es. Ich wusste, dass er noch einmal auf den gestrigen Abend zurückkommt. Dass er mich mit einem anderen Mann gesehen hat, muss entsetzlich an seinem Ego gekratzt haben. Dabei sollte er sich lieber darum sorgen, wie er die Beleidigungen aus der Welt schafft, die er mir vor zwei Wochen an den Kopf geschmissen hat.
Aber wenn du Spielchen spielen willst, Mr. McQueen, dann bitte. Die Bühne ist eröffnet, das Theaterspiel kann beginnen. »Das hat nichts mit uns zu tun. Was erwartest du jetzt, Matthew? Dass ich mich entschuldige, weil ich mit einer Freundin einen netten Abend verbracht habe?« Mein aufgesetztes Lachen klingt selbst in meinen Ohren gekünstelt.
»Nein, ich kann den Gedanken nur nicht ertragen, dich in den Armen eines anderen Mannes zu sehen. Wirst du mir sagen, wer der Mann gestern Abend war?«, fragt Matthew ruhig.
»Ich glaube, du gehst zu weit«, sage ich verärgert.
»Also schön, deine Begleitung. Ist da was zwischen euch?«, fragt er beunruhigt, aber auch leicht angefressen.
Matthew ist an einem Punkt angekommen, wie ich ihn noch nie erlebt habe. Dabei sollte ihm doch klar sein, dass ich mit David kein Verhältnis habe. Aber Matthew gibt mir Raum für Erklärungen und ich glaube, ich sollte ihn nicht weiter herausfordern und an seinem Ego kratzen. »Es gibt für mich überhaupt keinen Grund, mich vor dir wegen David rechtfertigen zu müssen«, antworte ich ihm und bestreiche mein Croissant dick mit Butter und Himbeermarmelade, sodass ein Teil der Marmelade an meinem Mundwinkel kleben bleibt, als ich genüsslich hineinbeiße.
Matthew beobachtet interessiert jede meiner Bewegungen, bis sein sehnsüchtiger Blick auf dem Marmeladenfleck auf meinen Lippen hängen bleibt. Als ich mir die Marmelade ablecken will, streckt er seine Hand aus und will sie mir zärtlich von meinen Lippen wischen, aber ich drehe den Kopf zur Seite und erledige das selbst. Und dennoch rührt diese Geste mich so sehr, dass ich schnell wegschaue, nach der Tasse Kaffee greife und mir glatt den Mund verbrenne. Als ich das Gesicht verziehe, reicht Matthew mir ein Glas Wasser, das ich dankend annehme.
»David also?«
Während ich trinke, beschließe ich, dass ich ihm seine Frage doch noch beantworte. Vielleicht ist es der kindische Wunsch, ihm zu beweisen, dass ich keine Schlampe bin. So hatte er mich damals genannt, und das Wort schmerzt immer noch in meinem Herzen.
»Wir haben uns in der Bar kennengelernt. Er hat Drinks ausgegeben und uns ein Taxi gerufen, das war alles. David hat sich wie ein guter Freund verhalten.«
»Das sah mir nicht so aus. Er hat dich mies behandelt und das weißt du auch. Hat er auch einen Nachnamen?« Matthew lehnt sich auf dem Stuhl zurück und nichts erinnert mehr an seine kurz aufflackernde Gefühlsregung. Er hat sich wieder unter Kontrolle. Er hat recht. David hat sich wie ein Arsch aufgeführt und mich als billige Bitch hingestellt. Aber ich werde einen Teufel tun und Matthew in seiner Ansicht bestätigen.
»Er ist eine Zufallsbekanntschaft! Ist das denn jetzt so wichtig? Außerdem geht es dich nichts an«, antworte ich leicht genervt. Warum will er das so genau wissen? Um seinen Stalkerneigungen zu frönen und David doch noch eins auszuwischen?
»Alles, was dich betrifft, ist mir wichtig. Du hast dich in Gefahr gebracht.«
Ich verziehe höhnisch das Gesicht und lege das Messer auf den Teller.
»Weil ich mich mit David unterhalten habe?«, antworte ich gereizt und kann einen kleinen Lachanfall nicht unterdrücken. Als hätte jeder Mann, der sich für mich interessiert, miese Absichten!
»Ich brauche dich und ich werde mich für dich ändern, wenn du mich noch willst. Gestern Nacht hatte ich einfach Angst um dich. Du weißt, dass du für die Presse noch immer meine Freundin bist. Jeder, der die Zeitungen gelesen hat, kennt dein Foto. Ich will nur sicher sein, dass dir dieser David nicht nachstellt, um dir etwas anzutun«, meint Matthew eindringlich. Ein Schatten legt sich über sein Gesicht. »Ich könnte es mir nie vergeben, wenn ein zweiter Wladimir hinter dir her wäre!«
Mir wird kalt vor Angst, daran habe ich nicht gedacht. Aber das ist Unsinn. Davids Absichten waren ganz eindeutig und hatten nichts mit Matthew zu tun.
»Ich werde dich immer beschützen, solange es in meiner Macht steht, Vivien. Du und Jo hattet genug Alkohol getrunken, um es den beiden verdammt leicht zu machen.« Seine Stimme nimmt nun einen festen Ton an.
»Mag sein, aber du gehst zu weit, Matthew. Ich bin dir keine Rechenschaft schuldig. Nicht mehr«, erwidere ich etwas zu patzig und springe vom Stuhl auf. Ich gehe aufgebracht ein paar Schritte durch den Raum, bevor ich mich wieder etwas gefasster auf meinen Stuhl setze. Ich werde nicht mehr davonlaufen. Aber ich werde auch nicht klein beigeben.
»Pass auf, was du sagst, Kleines«, antwortet Matthew in einem gefährlichen Tonfall, den ich bereits bestens von ihm kenne. Er ist verwirrt, vielleicht auch verärgert über mein toughes Auftreten, das er nicht von mir gewohnt ist. Aber da ist es wieder, dieses Gefühl, wenn er dieses Wort ausspricht. Matthew nennt mich wieder Kleines. In meinem Körper zieht sich alles zusammen, als würden tausende Schmetterlinge in meinem Bauch herumschwirren. Er ist mir so nah. Ich könnte die Hand ausstrecken und ihn berühren. Matthew hat sich heute noch nicht rasiert und Bartschatten bedecken seine untere Gesichtshälfte, was ihn noch attraktiver macht, wenn das überhaupt möglich ist. Ich glaube, er ist sich seiner Wirkung auf Frauen sehr bewusst.
Es klopft an der Tür. Matthew steht auf und nimmt dem Hotelpagen ein Wäschepaket ab. Dann lässt er das Päckchen auf das Sofa fallen und nimmt wieder neben mir Platz.
Allein seine Anwesenheit macht mich rasend und gleichzeitig möchte ich mich in ihm verlieren.
»Ist das meine Kleidung?«, frage ich ihn mühsam beherrscht und deute zum Sofa. Ich will mich nicht mehr mit ihm streiten.
»Ich habe deine Sachen in die Schnellreinigung des Hotels gegeben. Du warst ziemlich betrunken.«
»Dann hast du mich ausgezogen. Wo hast du geschlafen?«, will ich wissen. »Das Bett neben mir war unberührt.«
Er macht eine Bewegung mit der Hand in Richtung Couch. »Dort drüben auf der Couch. Sie ist übrigens nicht besonders bequem«, bemerkt er nebenbei.
Ich muss mir ein Lächeln verkneifen. Geschieht ihm ganz recht.
»Vielleicht sollten wir jetzt endlich zu dem eigentlichen Problem kommen, Matthew«, fordere ich ihn auf.
Seine Miene bleibt ausdruckslos. Dann nickt er.
»Du hast recht. Ja, verflucht! Ich habe einen Fehler gemacht. Einen unverzeihlichen Fehler. Das wurde mir spätestens klar, als ich die Tränen und die Verzweiflung in deinen Augen sah …« Er bricht mitten im Satz ab, kämpft um seine Fassung. »Ich war ein Idiot. Ich hätte dich verdammt noch mal beschützen sollen, so wie ich es dir versprochen hatte.« Dabei schaut er auf und nimmt meine Hand, haucht zarte Küsse darauf, bevor er weiterspricht. »Vivien, ich brauche dich wie die Luft zum Atmen. Meinst du, das spüre ich nicht? Aber als ich dich dort auf der Tanzfläche sah und der Typ seine Hände auf deinem Körper, seine Lippen auf deinen wunderschönen weißen Hals gepresst hatte, da bin ich total ausgeflippt. Und auch später in unserem Schlafzimmer war ich immer noch zu verbohrt, um zu erkennen, dass es dir schlecht ging und du völlig unschuldig warst. Ich habe mich wie ein verdammtes Arschloch aufgeführt. Ich hätte mich um dich kümmern müssen und dich in deinem Zustand nicht allein lassen dürfen. Aber an diesem Abend wurde mir das Herz herausgerissen.»
Ich erhebe mich unvermittelt von meinem Stuhl, mache eine unkontrollierte Bewegung mit der Hand in seine Richtung, sodass meine Tasse auf dem Tisch umfällt und der Rest des Kaffees sich auf dem weißen Tischtuch verteilt. »Was ist mit mir und meinen Gefühlen? Hast du darüber mal nachgedacht? Weißt du eigentlich, welchen unbeschreiblichen Schmerz du mir zugefügt hast?«, schleudere ich ihm entgegen und hebe abwehrend die Hand, um ihn am Reden zu hindern, auch wenn ich die Verzweiflung in seinen Augen sehe. »Du hast mich nicht angerührt, aber du hättest es am liebsten getan, das habe ich in deinen Augen gesehen, habe ich recht?« Dabei zeige ich mit dem Zeigefinger auf ihn. »Dein Blick war voller Hass. Weißt du eigentlich, dass ich schreckliche Angst vor dir hatte? Erinnerst du dich nicht mehr? Ich sollte niemals Furcht vor dir haben.«
»Vivien, ich …«, unterbricht er mich.
»Nein, Matthew, lass mich ausreden«, falle ich ihm ins Wort. »In der ganzen Zeit, in der ich dich kenne, und bei den vielen verrückten Dingen, die wir unternahmen, habe ich nie Angst empfunden. Aufregung, Verlangen, Sehnsucht, ja sogar unstillbare Begierde, das sind die Empfindungen, die du in mir geweckt hast. Aber doch niemals Angst!« Dabei zeige ich mit der Faust auf mein Herz. »Matthew, ich habe dir vertraut, verdammt. Was ich brauchte, war deine Liebe. Der Punkt ist: Du hast mir nicht vertraut und nur gesehen, was du sehen wolltest. Ich hätte dein Verständnis und Mitgefühl gebraucht. Und was bekam ich von dir?«
Meine Stimme ist nur noch ein Flüstern, ich spüre, dass ich mich nicht mehr lange beherrschen kann und den Tränen freien Lauf lassen muss. Matthews Körpersprache sagt mir jetzt alles über seine Gefühle. Liebevoll streicht er mir mit seiner Hand über mein Gesicht, als hätte er Angst, mich zu zerbrechen. Erst berührt er meine Augenlider, dann streicht er meine Nase entlang bis zu meinen Lippen, die jetzt anfangen zu zittern, auf so eine zärtliche Art und Weise, die mir die Tränen nun endgültig in die Augen schießen lässt. Leise spricht Matthew in einem gequälten Tonfall zu mir.
»Es tut mir so leid, so leid. Ich habe das nicht gewollt. Nicht weinen, meine Kleine. Bitte nicht weinen. Ich bin hier. Bitte, Vivien, hör doch auf! Ich kann dich nicht weinen sehen. Bitte verzeih mir.«
Seine ehrlichen Worte sind wie Balsam auf meiner verwundeten Seele.
»Vivien, warum, glaubst du, bin ich hier? Doch nicht wegen des Geschäftsabschlusses. Du bist mir wichtig. Ich hätte dich nicht gehen lassen dürfen. Ohne dich ist mein Leben leer, Vivien. Komm zu mir zurück.«
Er drückt mich fest an seine Brust. Eine Hand ruht dabei sanft auf meinem Hinterkopf. Ich horche auf.
Er löst sich von mir, als er spricht, und ich wische mir mit dem Handrücken über die Wangen.
»Vivien, ich liebe dich. Bitte verzeihe mir«, flüstert er jetzt zärtlich und seine Augen tauchen tief in meine ein.
Endlich! Endlich hat er es gesagt. Diese drei kleinen Worte, die ich schon so lange von ihm hören wollte. In meinem Bauch überschlagen sich gerade die Empfindungen. Matthew greift nach meiner Hand und drückt leicht zu.
»Du liebst mich«, flüstere ich.
Er nickt. »Verzeihst du mir?«
Ich spüre den Kloß im Hals und kann die Tränen nicht länger wegblinzeln. Dieses Mal weine ich jedoch aus Freude und Erleichterung.
»Nicht weinen, Süße. Ich habe gestern Abend mit deinem Vater telefoniert. Er hat mir ganz schön den Kopf gewaschen«, gesteht er. »Heute Morgen, als du noch schliefst, habe ich ihn noch mal angerufen, um ihm zu sagen, dass du bei mir bist.«
Matthew steht auf, fährt sich mit der Hand durch die Haare und geht zu den großen Fenstern, die bis zum Boden reichen. Einige Augenblicke steht er einfach nur da, die Hände in den Hosentaschen vergraben, und schaut hinaus in das geschäftige Treiben, aber ich weiß genau, dass er nichts davon wirklich wahrnimmt.
»Greg hat dir die ganze schmutzige Geschichte meiner Ehe erzählt«, beginnt er jetzt zu sprechen. »Als ich dich dort auf der Tanzfläche mit dem Typen sah, da kam alles wieder hoch. Ich sah nicht dich, Vivien.« Jetzt dreht er sich zu mir um. »Ich sah Gwen«, beendet er seinen Bericht.
Und ich weiß, wie viel Überwindung ihn dieses Gespräch mit mir kostet. Matthew ist ein Kontrollfreak, ein Alphamann. Zugeständnisse zu machen, ist für ihn ein No-Go. Fehler passieren ihm nicht, aber natürlich ist er nicht vollkommen und das zu erkennen fällt ihm schwer. Während Matthew weiterspricht, kommt er auf mich zu.
»An dem Abend wollte ich dich mit Greg aus dem Club abholen und dir meine Liebe gestehen. Stattdessen habe ich dich in mein Schlafzimmer gezerrt und auf das Übelste beschimpft.« Er bricht ab.
Ich sehe seinen gequälten Blick. Wir schweigen einen Moment und schauen uns nur an. Als ich die Stille zwischen uns nicht mehr ertragen kann, rede ich: Mein neues Selbstbewusstsein rutscht vom Stuhl und verkriecht sich unter dem Teppich, da ich schon wieder weinen muss. »Die letzten zwei Wochen waren für mich ein Alptraum. Ich wollte dich vergessen, dich nie wiedersehen. Aber ich konnte nicht, du warst immer da, in meinen Gedanken, selbst in meinen Träumen bist du mir erschienen«, flüstere ich schluchzend. »Vielleicht begehe ich jetzt den größten Fehler meines Lebens, aber für mich fühlt es sich nicht so an: Ich verzeihe dir«, bringe ich schniefend hervor.
»Vivien«, stößt er fast atemlos aus.
Ich beiße mir auf die Lippen, springe vom Stuhl hoch und lasse mich jetzt erleichtert in seine Arme fallen.
»Ich liebe dich auch«, bringe ich unter Tränen an seinem Hals hervor.
Matthew lässt sich mit mir auf den Stuhl sinken, zieht mich sofort auf seinen Schoß und drückt mich fest an sich. Ich spüre, wie er zittert, wie sein ganzer Körper die Anspannung fallen lässt. »Vivien, ich liebe dich. Das ist das Schönste, was du mir jemals sagen kannst.«
Ich schniefe und löse langsam meinen Kopf, um ihn anzusehen. Unsere Blicke verschwimmen ineinander, bevor er mit mir aufsteht. In seinen Augen sehe ich Begierde aufflammen.
Matthew ist jetzt ganz dicht vor mir. Aber ihm ist das nicht nah genug. Er will mich spüren. Sein Arm greift um meine Taille und ich lande hart an seiner Brust. Seine Arme umschlingen mich, als wollte Matthew mich nie wieder loslassen.
»Vivien, oh mein Gott, wie sehr ich dich liebe«, flüstert er.
Als ich zu ihm aufschaue, treffen meine Augen auf seine braunen. Matthew streicht die letzten Tränen von meinen Wangen und küsst mich sanft, aber mit solcher Intensität, dass mir sofort ein Stöhnen entfährt. Seine Augen färben sich wieder tiefschwarz vor Begehren.
»Wie sehr du mir gefehlt hast, mein Engel.«
Ich stehe an den Esstisch gelehnt, meine Hände liegen auf seinen Schultern, während er mir langsam das Hemd aus der Hose zieht, es aufknöpft und mir über die Schultern streift, um es dann wie eine knisternde Wolke aus Baumwolle zu Boden gleiten zu lassen. Als Nächstes folgt das T-Shirt. Ich hebe die Arme und Matthew zerrt mir auch dieses Kleidungsstück vom Leib, dabei nimmt er seinen Blick kein einziges Mal von mir. Seine Hände gleiten von meinem Hals hinunter zu meinen Brüsten, die er liebevoll streichelt, sodass ich den Kopf in den Nacken lege, die Augen schließe und mich seinen sinnlichen Berührungen hingebe. Mit einer schnellen Bewegung öffnet er den Gürtel, zieht ihn durch die Schlaufen, sodass ich kurz zusammenzucke, und lässt ihn geräuschvoll zu Boden fallen. Die Hose rutscht mir von den Hüften, und ich stehe nur noch in Matthews Boxershorts vor ihm. Ich schaue an mir herunter und muss über meinen Anblick unwillkürlich läch eln.
»Du siehst süß aus in meiner Unterwäsche«, meint Matthew grinsend und befreit mich auch noch von diesem Kleidungsstück. Meine Atmung beschleunigt sich und die Schmetterlinge in meinem Bauch liefern sich eine wilde Verfolgungsjagd. Matthew greift mit einer Hand in meinen Nacken, lässt seine Finger spielerisch über meine Wange gleiten, bevor er mich behutsam immer näher an seinen Körper zieht, bis unsere Lippen zueinander finden. Es ist wie ein erlösendes Gewitter, das sich nach einem heißen Sommertag entlädt, als er mich mit dieser Leidenschaft küsst, dass ich alles um mich herum vergesse. Ich bin vollständig in seinem Bann. Ich lasse mich fallen und verliere mich in ihm.
Mit einer schnellen Bewegung hat er sämtliches Geschirr samt Tischdecke sowie die Reste des Frühstücks vom Tisch gefegt, das mit einem laut scheppernden Aufprall zu Boden fällt. Ich schrecke kurz zusammen. Sein MacBook, an dem er heute Morgen noch gearbeitet hat, balanciert gefährlich auf der Tischkante. Schnell strecke ich den Arm nach hinten und schiebe sein Notebook wieder zurück auf den Tisch, dabei schaue ich dem teuren Porzellan hinterher, dem Kaffee, der langsam einen dunklen Fleck auf dem handgeknüpften Teppich hinterlässt.
Ich weiß genau, was jetzt passieren wird und ja, ich sehne mich ja auch so sehr danach, seine Hände und seinen Mund auf sämtlichen Körperteilen von mir zu spüren. Besitzergreifend packt Matthew mich an den Hüften und hebt mich auf den Tisch, spreizt meine Beine und lässt seine Hände von meinem Gesicht abwärts gleiten, so als wollte er jeden Zentimeter meines Körpers wieder in seinen Besitz bringen. Das Geschirr, das auf dem Boden liegt, ist vergessen.
»Du bist so wunderschön, Vivien. Gott, wie sehr habe ich dich vermisst. Es war die reinste Hölle, deinen Körper nicht mehr neben mir zu fühlen, wenn ich nachts aufgewacht bin«, haucht er mir sehnsüchtig entgegen.
Ich lasse mich nach hinten gleiten, schließe ergeben die Augen und gebe mich dem vertrauten Gefühl hin, das mich immer erfasst, sobald Matthew mich berührt. Seine Hände hinterlassen eine glühende Spur der Erregung auf meiner Haut. Ich lasse los, winde mich auf der kühlen Holztischplatte. Ich will, dass er mich küsst. Ich will seine Hände und seine Zunge überall auf meinem Körper spüren. Aber Matthew scheint unendlich viel Zeit zu haben.
»Schau mich an, Kleines. Ich will die Erregung in deinen wunderschönen Augen sehen«, sagt er zärtlich zu mir.
Ich kann ihm nicht widerstehen und spüre, wie ich feucht werde. Wie immer, wenn ich seine dominante Stimme höre. Seine Hände umfassen meine Brüste, während Matthew mit seiner Zunge abwechselnd mit meinen Nippeln spielt, sie mit seinen Zähnen neckt, um dann wieder zart mit seiner Zunge darüberzustreichen. Das Spiel aus leichtem Schmerz gepaart mit Lust und Ekstase habe ich vermisst. Ich spüre seine Bartstoppeln auf meiner Haut, als er kleine Küsse auf meinem Bauch verteilt. Wieder entfährt mir ein Stöhnen.
»Matthew, bitte«, keuche ich und winde mich auf der Tischplatte.
Er schaut zu mir auf und seine Miene spiegelt Freude wider.
Ich winde mich unter ihm. Meine Hände greifen in seine Haare und ich ziehe unerbittlich seinen Kopf zu mir nach unten. Überrascht schaut er mich an. Matthew ist mittlerweile leidenschaftlich erregt, das kann ich in seinen Augen sehen. Dann richtet er sich auf, blickt auf mich herunter, während seine Hände weiter sanft meine Brüste massieren.
»Wie soll ich dich nehmen? Sag es mir«, fordert er mich mit kehliger Stimme auf.
»Küss mich, dort.« Mein Blick fällt zwischen meine Beine.
Er lächelt. »Gern, meine Süße. Leg deine Arme über den Kopf und lass sie dort, verstanden?«
Ich folge seiner Aufforderung, wie ich es immer getan habe, und grinse ihn schelmisch an.
»Schließ jetzt die Augen, meine Schöne. Genieße es einfach. Das hier ist nur für dich.«
Seine Lippen wandern von meinem Mund hinunter zu meinem Hals und weiter zu meinen Brüsten. Dort verweilt er für kurze Zeit, nimmt meine Nippel wieder in den Mund, saugt und leckt immer abwechselnd daran, bis diese steil nach oben ragen. Ich stöhne unter seiner Berührung und biege ihm meine Hüften entgegen.
»Langsam«, ermahnt er mich.
Ich lächle über seinen leisen Befehl, da er und ich es besser wissen. Ich kann nicht still halten, das weiß er, und trotzdem wird er immer wieder versuchen, mich in seinen Liebesspielen dazu zu bewegen.
Dann setzt er diese erotische Reise seiner Lippen fort bis zum meinem Bauchnabel, auch dort lässt er seine Zunge kreisen, und weiter, bis er meinen Venushügel erreicht, sodass ich mich wieder vor ungestillter Lust auf dem Tisch winde. Seine Hände ruhen dabei neben meinem Körper auf der Tischplatte. Als seine Zunge sich endlich zwischen meine Schamlippen schiebt, bäume ich mich auf und kann ein lautes Stöhnen nicht mehr zurückhalten. Behutsam legt Matthew eine Hand auf meinen Bauch und drückt mich sanft zurück auf den Tisch, während er wieder von mir ablässt.
Matthew betrachtet mich. Dabei lässt er seine Finger erregend langsam von meinen Brüsten über meinen Bauch bis zum meiner Scham gleiten. Er zieht eine brennende Spur des Verlangens über meine Haut, sodass ich meinen Rücken durchbiege, um seiner neckenden Hand näher zu kommen. Seine Brust hebt und senkt sich, aber offenbar will er den Moment genießen. Mir auf seine Art zeigen, wie sehr er mich begehrt.
»Bitte, Matthew, lass mich nicht so lange leiden. Berühre mich«, keuche ich.
»Aber das tue ich doch.«
»Ich will mehr, jetzt«, flehe ich ihn noch einmal an und greife nach seiner Hand, die immer noch auf meinem Venushügel kleine Kreise zeichnet.
»Ich sehe dich gern vor Erregung erzittern, aber heute sollst du nicht unter unerfüllter Lust leiden.«
Schnell legt er seine Arme unter meinen Po und zieht mich an den Rand des Tisches. Ich schließe die Augen und fiebere der Berührung seiner Lippen entgegen. Er wird mich lecken, bis ich mich in völliger Ekstase auflöse und seinen Namen schreie. Meine Beine liegen über seinen Schultern und sein Mund saugt unerbittlich an meiner empfindlichsten Stelle, während seine Zunge das erotische Spiel mit meiner Knospe weiter fortsetzt. Das Gefühl ist unbeschreiblich intensiv. Immer schneller lässt er seine Zunge zwischen meinen Schamlippen kreisen. Als er mir einen Finger einführt und mich mit einigen schnellen Stößen zum Wahnsinn bringen will, lasse ich mich fallen. Ich komme schnell, mit einem Aufschrei der Erlösung.
Nach unserem intensiven, schnellen Liebesspiel auf dem Esstisch nimmt er mich in seine Arme und trägt mich ins Schlafzimmer, wo er mich noch einmal sanft liebt. Danach stehen wir ewig lange unter der Dusche und küssen uns wie zwei Teenager. Matthew ist so zärtlich, wie ich es selten bei ihm erlebt habe.
Ich schlinge mir das Badetuch um die Hüften und betrete nach ihm das Schlafzimmer. »Matthew?«
»Hm?« Er dreht sich zu mir um, grinst mich verliebt an und haucht einen zärtlichen Kuss auf meinen Mund. »Was ist los, mein Engel? Du machst so ein betrübtes Gesicht«, fragt er.
Ich lächle ihn entschuldigend an. »Es geht um uns.«
»Um uns?«, fragt er verwirrt.
»Wie stellst du dir vor, soll es jetzt weitergehen?«
»Ich dachte, das hätten wir heute Morgen geklärt«, antwortet Matthew. »Ich kann mich noch sehr genau an den Esstisch erinnern.« Dabei zeigt er mir wieder sein verführerisches Lächeln.
»Darum geht es nicht.« Oh Mann, er macht es mir auch wirklich nicht leicht. »Es geht um uns, unsere Beziehung. Wie wird sie in Zukunft aussehen?«
»Was meinst du damit, wie wird sie aussehen? Haben wir nicht heute Morgen alles geklärt? Ich bin davon ausgegangen, dass du zu mir nach Boston zurückkommst. Vivien, Süße, ich liebe dich«, erwidert er verwirrt.
»Sollten wir das nicht alles in Ruhe besprechen?«
Er wirft mir kurz einen Seitenblick zu, dann zieht er mich auf das Bett und setzt sich neben mich.
»Wo ist das Problem, Vivien? Ich dachte, wir wären uns einig«, fragt Matthew, während er mir provozierend lang in die Augen blickt.
»Einig? Über was? Ich rede hier von meiner und deiner Zukunft. Was wir gerade hatten, war Sex, okay, es war fantastischer Sex, überdimensionaler Sex. Aber die Frage ist, wie wird unsere gemeinsame Beziehung aussehen? Muss ich mir bei jedem Mann, der mich anspricht, Gedanken machen müssen, wie du darauf reagieren wirst? Ich möchte mir nicht bei jedem Satz, den ich sage, überlegen, ob ich dich damit vielleicht verärgern könnte. Und wirst du mich in deiner berühmten Stalkermanier an der kurzen Leine halten? Ich will dich, den Mann, den ich liebe, nicht deine ständige Kontrollsucht. Ich will mich dir nicht mit Haut und Haaren unterwerfen, bis nichts mehr von mir übrig ist. Matthew, ich möchte mein Studium beenden und ich kann nicht weiter in deiner Firma arbeiten. Und damit du es weißt, dein Geld interessiert mich einen Scheiß.«
Ich hole tief Luft, das war nötig. Sein linker Arm ruht auf meinem Knie, mit der rechten Hand streicht er mir über die Wange. Matthew schaut mich bewundernd an. Er nickt leicht, bevor er antwortet.
»Vivien, ich liebe dich, und ja, ich bin eifersüchtig, sehr eifersüchtig sogar – auf jeden, der dich nur ansieht. So bin ich nun mal. Du gehörst mir allein und ich teile nicht, was mir gehört. Aber ich habe dir versprochen, mich zu ändern, und das tue ich auch. Und ich verspreche dir, meine … wie nennst du es? Stalkerneigungen?« Er wirkt amüsiert und schüttelt leicht den Kopf.
Ich nicke und Matthew lacht. »Okay, Stalkerneigungen einzuschränken. Natürlich kannst du dich mit anderen Männern unterhalten, was denkst du denn von mir?«
Er macht eine kurze Pause, bevor er weiterredet. »An der kurzen Leine halten? Hm.« Er schmunzelt. »Das hat noch keine zu mir gesagt. Süße, ich lese dir doch jeden Wunsch von den Augen ab. Alles andere dient nur deiner Sicherheit. Muss ich dich an Wladimir erinnern? Ich habe niemals gesagt, dass das Leben an meiner Seite immer einfach sein wird, auch wenn dich die meisten Frauen beneiden werden. Hm, und was das Thema Unterwerfung betrifft, nun, das ist leider nicht verhandelbar, zumindest nicht in meinem Bett. Dort will ich dich unterwürfig. Oder habe ich dich in dieser Hinsicht jemals enttäuscht oder überfordert?« Er sieht mich eindringlich an.
»Nein«, antworte ich spitz. »Ich habe keine Vergleichsmöglichkeit, wie du weißt.«
»Du brauchst keine Vergleiche. Keiner wird dich in dieser Beziehung jemals glücklicher machen als ich. Das verspreche ich dir. Was dein Studium angeht, da hätte ich vielleicht eine Idee. Ich habe vor ein paar Jahren der Universität in Boston eine größere Geldsumme gespendet. Der Dekan wird sich sicher freuen, mir einen Gefallen zu erweisen und dich aufnehmen. Ich kann das heute noch für dich klären, wenn du magst. Außerdem kenne ich einige der Professoren aus meiner Zeit in Harvard. Das wird mir einige bürokratische Wege ebnen.«
Ich schnaufe und will ihn unterbrechen. Matthew legt den Kopf schräg und legt mir den Zeigefinger auf den Mund. »Ich weiß genau, was du gerade denkst. Aber ich kann nun mal nicht anders. Ich muss dich bei mir haben, und was ist schon schlimm an ein wenig Protektion?«
Ich rolle die Augen über seine Arroganz. »Also gut, dann kläre das für mich.«
»Ist schon so gut wie erledigt. Sieh dich als eingeschrieben an. Was mein Geld angeht, tja, das ist allerdings ein Problem. Ich könnte vielleicht alles wohltätigen Einrichtungen schenken, was meinst du?«
Ich schüttle nur mit dem Kopf und schubse ihn leicht an. »Du bist wirklich unmöglich, aber ich liebe dich.«
Dann zieht er meinen Kopf zu sich herüber und unterbindet jeglichen Protest von mir mit seinem erotischen Zungenspiel, und ich bin wieder mal verloren.

Holly Summer
Master of my Feelings
Master-Reihe Band 4

Zufrieden schaue ich mich in der großen Halle um und muss zugeben, dass sie stilistisch vollendet ist. Die Natursteinwände, die mit einem unterbrochenen Weiß getüncht sind, setzen die Struktur des Mauerwerks so richtig in Szene, dazu lässt der warme Farbton des dunklen Parkettbodens, der dem Raum das gewisse Etwas verleiht, ihn im Gegensatz zu den fast farblosen Wänden edel und harmonisch wirken. Die in den Boden eingelassenen Lampen strahlen die Bilder an den Wänden perfekt an und geben exakt das wieder, was unser Kunde erwartet hat. Der Auftrag lautete: klare Linien, aufeinander abgestimmte Farben, absolut dezent, aber wirkungsvoll. Ich denke, die Vorgaben habe ich alle erfüllt.
Ich muss zugeben, das Loft wirkt durch die dezente Farbzusammenstellung exklusiv und nicht verschwenderisch. Meine Aufmerksamkeit wird auf die große Skulptur in der Mitte des Raumes gelenkt. Sie ist noch mit einem Tuch verhüllt und wartet nur darauf, jeden Moment ihr Antlitz zu zeigen. Langsam nimmt die Besucherzahl derjenigen, die zu dieser Ausstellung eingeladen wurden, zu. Viele der Gäste kommen aus der Politik oder entstammen der oberen Gesellschaftsschicht Bostons. Der Bürgermeister steht mit seiner Frau in einer kleinen Gruppe am Eingang und lächelt mir zu. Er ist ein alter Bekannter meiner Eltern und war schon oft bei ihnen zu Hause zu Besuch.
Die Stimmen der Gäste werden lauter und vermischen sich mit der leisen Hintergrundmusik, die von dem Piano an der Fensterfront herüberweht. »As time goes by«. Die letzten Töne verklingen, bevor der Mann am Flügel die Seite umblättert, um sich dem nächsten sentimentalen Song zu widmen. Keiner der Gäste nimmt auch nur einen Moment den Klang der Musik wahr, stattdessen reden sie alle durcheinander. Aber ich liebe diese sanften emotionalen Balladen. Der Pianist konzentriert sich auf das neue Stück und spult sein Repertoire herunter. Ihm kann es egal sein, er wird für seine Zeit bezahlt. Trotzdem muss es frustrierend sein, nicht gewürdigt zu werden. Ich gehe wie von einem Magneten angezogen zum Flügel und lächle den Mann an, der mir mit einer Geste zu verstehen gibt, dass er das nächste Stück nur für mich spielen wird.
»In the mood« erklingt, ich lehne mich an den schwarzen Klangkörper des Instruments und vergesse für einen Moment, dass ich mich bei einer Charity-Veranstaltung unseres Auftraggebers befinde. Als der Pianist sanft die Hände von den Tasten hebt, bin ich die Einzige, die leise Beifall klatscht.
»Liz«, höre ich meinen Namen und drehe mich in Richtung der Stimme um. Es ist Jake Melone, mein Chef, der auf mich zukommt. Er wirkt gehetzt.
»Jake, du bist spät. Die Eröffnung fängt gleich an.«
»Tut mir leid, dass du warten musstest. Ich hatte noch einen Klienten, du kennst ihn. Der Immobilienmakler mit der großen Villa in Beacon Hill. Der konnte sich nicht entscheiden, ob er die Wände weiß oder doch lieber farbig haben wollte. Seine schrecklich impertinente Frau war auch dabei«, genervt verdreht Jake die Augen. »Wenn es nach ihr ginge, würden wir jetzt noch diskutieren. Ich kann diesen neureichen Snobs einfach nichts abgewinnen.« Jetzt gleitet sein Blick beeindruckt durch den Raum. »Perfekt.« Dabei lächelt er mich an. »Die Räume sind einfach perfekt. Ich wusste doch, dass du die Beste für diesen Auftrag bist.« Dabei lässt er seinen Blick erneut durch das Loft schweifen.
»Danke für den Zucker, aber ich trinke ohne. Wichtig ist doch nur, dass dein Kunde zufrieden ist, oder?« Dabei stupse ich ihn grinsend an.
»Das wird er sein. Da drüben steht er übrigens.«
Jake deutet mit dem Kopf Richtung Eingang. Ich folge seinem Blick. Ich bin gespannt, wer sich hinter Jayden Hunt verbirgt. So was kommt selten vor, dass ich den Klienten erst nach der Fertigstellung kennenlerne. »Welcher von den Dreien ist es denn?«
»Der Mann mit den dunklen Haaren.«
»Die haben alle mehr oder weniger dunkle Haare. Meinst du den Kleinen mit der Nerdbrille, der aussieht wie eine Mischung aus Louis de Funès und Donald Duck?« Dabei muss ich kichern. Auch Jake kann sich ein Grinsen nicht verkneifen. Eine schreckliche Angewohnheit von mir, ständig Gedankenverknüpfungen zu Menschen herzustellen und sie mit anderen Personen zu assoziieren. »Oder meinst du den Großen? Der mit den perfekt gegelten Haaren, der aussieht wie George Cloony, nur mindestens 25 Jahre jünger?«
Jake nickt.
»Genau der. Man sagt ihm sogar nach, dass er Geschäfte mit der Mafia macht«, flüstert er mir leise zu, sodass nur ich es hören kann. »Zumindest ist er an vielen Unternehmungen beteiligt. Keiner weiß genau, wie er zu seinem Vermögen gekommen ist. Es gibt überhaupt sehr wenig, was du über ihn nachlesen kannst, außer dem üblichen Klatsch. Ein Playboy und ein verdammt guter Geschäftsmann. Über seine Vergangenheit ist so gut wie nichts bekannt. Den Mann umgibt eine geheimnisvolle Aura. Aber jeder möchte mit ihm ins Geschäft kommen. Er ist der Gewinnertyp schlechthin.«
»Aha. Bist du fertig mit seinem Dossier?«
Jake wirkt irritiert. Er hat es nicht verdient, dass ich meine schlechte Laune, die mich überkommen hat, als ich das Gesicht unseres Auftraggebers erkannt habe, an ihm auslasse.
»Hey, entspann dich. Wir müssen nicht lange bleiben. Ich dachte, du magst solche Veranstaltungen. Oder liegt es an dem Mann, der seine Aufmerksamkeit schon seit einigen Minuten auf dich gerichtet hat?«, fragt er lächelnd.
Wie Recht Jake doch hat. Aber das werde ich ihm nicht auf die Nase binden und in der Regel mag ich diese Veranstaltungen wirklich. Ich stamme aus einer gut betuchten Familie. Mein Vater ist ein bekannter Arzt im Ruhestand, meine Mutter eine angesehene Autorin und meine beiden Brüder sind erfolgreiche Geschäftsmänner und nicht nur in Boston bekannt. Solche Partys gehören für mich zum normalen Leben. Es liegt auch gar nicht an der Ausstellung, dass meine Stimmung gerade in den Keller gerutscht ist. Es liegt vielmehr am Gastgeber.
»Warum schaut er mich so an?«, will ich wissen, während ich ihn noch für einige Sekunden anstarre, bevor ich mich zu Jake drehe. Jake folgt meinem Blick und sein Grinsen wird breiter.
»Vielleicht gefällst du ihm. Wer weiß das schon.«
»Er gefällt mir aber nicht«, rutscht es mir jetzt heraus, als ich ihn mir genauer betrachte und die Szene unseres ersten Zusammentreffens sich in meine Gedanken projiziert.
»Warum? Er sieht doch fantastisch aus. Genau dein Typ«, stichelt Jake. Sein Lachen kann er sich wirklich schenken. Vorsicht, Mr. Melone!, signalisiere ich ihm mit zusammengekniffenen Augen.
»Da muss ich dich leider enttäuschen, er ist ganz und gar nicht mein Typ. Von dieser Sorte Männer habe ich endgültig die Nase voll. Du hast es selbst gesagt, ein Playboy. Danke, mein Bedarf ist gedeckt. Außerdem hatte ich bereits das Vergnügen, ihn kurz kennenzulernen.« Wenn man diese Begegnung überhaupt als Kennenlernen bezeichnen kann.
»Aha. Das wusste ich nicht. Er ist doch erst seit heute wieder in den Staaten. Wann habt ihr euch denn getroffen?«
Ich winke ab. »Ich konnte ja nicht ahnen, wer er ist. Ich erzähle es dir ein anderes Mal. Ist nicht wichtig.« Das hoffe ich zumindest.
»Du machst mich wirklich neugierig, wenn du so eine Abneigung gegen ihn empfindest. Außerdem ist er nur ein Klient. Du sollst ihn ja nicht heiraten.«
»Was?«, rutscht es mir etwas zu laut heraus, sodass die Frau neben mir zusammenzuckt.
Jake zuckt die Schultern. »Ein Sprichwort, sagt man nicht so? Warum regt dich das so auf?«
»Tut mir leid. Ich bekomme heute wohl alles in den falschen Hals.«
»Ich sag dir was! Du brauchst dringend Urlaub.« Dann gleitet Jakes Blick wieder zu unserem Gastgeber. »Na ja, das musst du ihm ja nicht auf die Nase binden.«
»Was soll ich ihm nicht auf die Nase binden?«
»Dass er nicht dein Typ ist und du ihn nicht leiden kannst. Hat er sich etwa über deine Arbeit beschwert? Das kann ich mir gar nicht vorstellen«, grübelt er.
»Nein, ich kenne ihn eigentlich gar nicht. Vergiss es einfach.« Warum habe ich überhaupt davon angefangen und Jake gegenüber Andeutungen gemacht? Jetzt wird er keine Ruhe geben, bis ich ihm alles erzählt habe.
»Er kann schon manchmal ein verdammter Mistkerl sein, was man so hört. Zumindest ist er ein aalglatter Geschäftsmann. Einige behaupten, er sei unnachgiebig, und was er will, das nimmt er sich. Ich kann mich nicht beklagen, wir hatten bisher ein gutes Verhältnis. Außerdem ist er sehr großzügig und hilft unbekannten Künstlern, ihre Werke hier auszustellen.«
Ich schaue mich in dem Raum um. Die Bilder, die an den Wänden hängen, sind nicht gerade das, was ich als moderne Kunst bezeichnen würde, aber ich habe auch keine Ahnung von der Szene.
»Ich habe gehört, dass er ein altes Herrenhaus in England gekauft hat, das er renovieren lassen will, um ein kleines exklusives Hotel daraus zu machen«, wechselt Jake das Thema, als ich nicht auf seine Lobeshymnen eingehe. »Schätzchen, wenn wir ihn mit diesem Projekt überzeugt haben, dann winken noch ganz andere Aufträge. Wer weiß, vielleicht vergibt er den Auftrag an unser Büro. Das hier war doch nur ein Test. Sozusagen die Feuerprobe, die wir meiner Meinung nach bestanden haben.«
Immer noch starrt mich unser Gastgeber mit einem geheimnisvollen Grinsen von Weitem an, während Jake unentwegt euphorisch seinen Monolog führt. Unser Kunde ist attraktiv, und das weiß er. Ich hatte den Fastzusammenstoß vor zwei Wochen eigentlich vergessen. Zumindest bis heute, denn jetzt kommt die Szene gerade wieder in meinem Bewusstsein hoch, und ich spüre Ärger in mir aufsteigen. Dieses selbstgefällige Lächeln, das ich ihm am liebsten aus dem Gesicht wischen möchte, erkenne ich sofort wieder. Aber mich wird er nicht um den Finger wickeln.
Braucht er auch nicht, denn die Frauen fliegen nur so auf ihn, was ich gar nicht verstehen kann. Gutes Aussehen kann nicht über seine arrogante Art hinwegtäuschen. Ich muss mich korrigieren, er sieht nicht nur verdammt gut aus, er ist vielmehr der heißeste Typ, der mir seit Langem unter die Augen gekommen ist. Schon wieder drängt sich eine Frau – dieses Mal eine Rothaarige – an seine Seite und lächelt ihn herausfordernd an, um seine Aufmerksamkeit zu erhaschen. Aber er scheint mit seinen Gedanken ganz woanders zu sein. Bei mir, was mir ganz und gar nicht gefällt. Ich wüsste nicht, womit ich sein Interesse geweckt haben sollte.
Womöglich erinnert er sich genau wie ich an unsere erste Begegnung. Ob er weiß, dass ich für die Gestaltung der Räume zuständig war? Ich habe den Auftrag kurzfristig von Jake übernommen, der die Gespräche mit dem Kunden geführt hat. Offiziell vorgestellt wurden wir uns bis jetzt noch nicht, aber wie ich meinen Chef kenne, wird er diesen Umstand in Kürze ändern. Peinlich berührt – warum, weiß ich eigentlich nicht – drehe ich schnell meinen Kopf zur Seite und schenke Jake wieder meine volle Aufmerksamkeit.
»Na, dann wünsche ich dir viel Spaß in England, Jake. Falls wir den Auftrag überhaupt bekommen sollten.«
»Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Vertrau mir, ich habe ein Gespür dafür. Und wieso ich? Du wirst den Auftrag ausführen. Du bist prädestiniert dafür, oder willst du, dass uns dieser Job durch die Lappen geht?«
»Ich?«, stoße ich entsetzt aus.
»Natürlich du. Du bist die Beste, wenn es darum geht, alten Häusern ihren Charme zurückzugeben, und das weißt du auch. Meine Leidenschaft ist das Futuristische. Gib mir einen alten Bürokomplex und ich zaubere dir ein Objekt, nach dem sich jede Firma die Finger lecken würde.«
Ich rolle genervt mit den Augen. Jake und ich sind ein Team, das sich prima ergänzt. Er behandelt mich nicht wie seine Angestellte, im Gegenteil, ich genieße vielmehr den Status eines gleichberechtigten Partners. Einen besseren Chef könnte ich mir nicht wünschen. Aber manchmal möchte ich ihn erwürgen.
Kaum hat Jake den letzten Satz ausgesprochen, kommt der Mann, der mich immer noch mit seinem Blick hypnotisiert, auf uns zu. Allein sein aufrechter Gang drückt Souveränität und ein Selbstbewusstsein aus, das beunruhigend auf mich wirkt. Wie ein Tiger bewegt er sich auf uns zu, bereit, seine Beute zu umgarnen, um dann gezielt zupacken zu können. Ich schüttle innerlich den Kopf über meine verworrenen Fantasien und rufe mich selbst zur Ordnung. Ich weiß nicht, was es ist, das die Menschen um ihn herum in seinen Bann zieht. Ist es seine Ausstrahlung von Macht und Stärke oder sein fantastisches Aussehen? Sein Lächeln, gepaart mit diesem durchdringenden Blick, der alles andere als unangenehm ist?
Dummerweise hat sich in den letzten Minuten mein Herzschlag beschleunigt. Ich verstehe nicht, was mit mir los ist, denn eigentlich bin ich ein Mensch, der mit beiden Beinen im Leben steht, und über arrogante Typen wie diesen Charming-Bad-Boy-Mix kann ich nur lachen. Im Gegenteil, ich bin dafür bekannt, in jeder Situation ruhig und gelassen zu bleiben. Mich kann so schnell nichts aus der Ruhe bringen, und doch hat Mr. Hunt es bereits geschafft, meine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und mich nervös werden zu lassen.
Am liebsten würde ich ihm mit ein paar kräftigen Worten meine Meinung ins Gesicht schleudern. Aber selbstverständlich tue ich es nicht und lächle stattdessen gespielt freundlich, sodass sich meine Mundwinkel ein Stück nach oben ziehen, während ich immer noch den Blickkontakt mit ihm halte. Es ist wie ein Spiel zwischen uns. Wer wird zuerst peinlich berührt wegschauen? Darauf kannst du lange warten, Mister!
»Jake. Ich freue mich, dass Sie hier sind. Wie gefällt Ihnen die Ausstellung?«, wendet sich unser Gastgeber an meinen Chef und schüttelt ihm die Hand. Sein Interesse an mir scheint wie ausgelöscht. Aber ich fühle mich von ihm magnetisch angezogen. Seine markanten Gesichtszüge sind heute entspannt, und wenn er lächelt wie jetzt, bildet sich ein kleines Grübchen neben seinem Mundwinkel, was ihm eine Sanftheit verleiht, die ihn noch anziehender wirken lässt.
»Ich bin beeindruckt, Jayden. Eine fantastische Ausstellung. Werden die Künstler heute Abend auch anwesend sein?«
»Aber natürlich. Ich bin übrigens angenehm überrascht, was Sie in der kurzen Zeit hier geleistet haben«, lobt er meinen Chef. Immer noch behandelt er mich, als wäre ich Luft. »Ich bin sehr zufrieden mit den Räumen. Sie haben meine Wünsche auf den Punkt erfüllt.«
Jakes Mundwinkel verziehen sich zu einem wissenden Lächeln, bevor er sich mir zuwendet.
»Danke, Jayden. Aber das Lob gilt nicht mir. Darf ich Ihnen meine Mitarbeiterin Elizabeth McQueen vorstellen?« Dabei tritt er einen Schritt zur Seite, sodass ich wieder in den Vordergrund gerückt werde. »Sie war für die Gestaltung hier verantwortlich. Außerdem ist sie meine beste Innenarchitektin. Sie hatten Glück, dass ich selbst verhindert war. Liz hat ein Gespür dafür, alten Gemäuern den richtigen Touch zu verleihen und sie in neuer Eleganz erstrahlen zu lassen. Nicht zu vergessen ihr Blick für das Zusammenspiel von Farben und Materialien. Ich wäre niemals auf die Idee gekommen, in diesem Gebäude mit Holz zu arbeiten, aber Elizabeth versteht es, zu provozieren, ohne den Stil anzugreifen«, lobt er mich nicht ohne Stolz in der Stimme. Und jetzt könnte ich ihm wirklich den Hals umdrehen, mich so in die Enge zu drängen. Ich ahne schon, was er vorhat und wohin er das Gesprächsthema lenken will. Er weiß genau, wie ich Beweihräucherungen hasse. Besonders, wenn sie so aufgesetzt rüberkommen.
»Elizabeth, das ist Jayden Hunt, unser Auftraggeber. Ich glaube, ihr seid euch noch nicht vorgestellt worden. Jayden, ich freue mich, Sie mit Elizabeth McQueen bekannt machen zu dürfen.«
Wieder gleitet Mr. Hunts Blick über mein Gesicht und bleibt an meinen Augen haften. Seine sind blau, so was von blau, dass es fast unnatürlich wirkt. Manche Leute tragen Kontaktlinsen, um die Wirkung ihrer Augenfarbe zu verstärken. Aber bei Mr. Hunt trifft dieser Verdacht nicht zu. Seine Augen sind blau wie der azurfarbene Himmel, das fällt mir jetzt erst auf. Bei unserem ersten Zusammentreffen haben die meiste Zeit Sonnenbrillengläser seine Augen verdeckt.
Er ist mindestens eins neunzig groß, schätze ich, da er mich um einiges überragt, obwohl ich hohe Schuhe trage. Hat einen athletischen Körperbau und einen breiten Rücken. Sicher hält er sich täglich im Fitnessstudio auf, um den Frauen dort den Kopf zu verdrehen und eine nach der anderen flachzulegen. Seine pechschwarzen Haare sind mit Gel perfekt modelliert, was ihm ein verwegenes Aussehen verleiht. Ganz zu schweigen von seinem dunklen Teint, der ihn wie einen südamerikanischen Polospieler wirken lässt. Diese Augen, die eher zu einem Engel passen als zu einem Mann, der wie der Teufel wirkt, ziehen mich sofort in seinen Bann, obwohl ich das überhaupt nicht verstehen kann. Besonders, wenn sie mich anschauen, als wollten sie in mich hineinkriechen und meine Seele ergründen.
Ich kann überhebliche Typen auf den Tod nicht ausstehen und Mr. Hunt ist einer von der Sorte, das habe ich sofort gespürt. Er hat seine Hände lässig in den Hosentaschen seines Maßanzuges vergraben und macht sich nicht einmal die Mühe, mir die Hand zu reichen. Im Gegenteil, er grinst mich nur herausfordernd an. Unhöflich ist er also auch noch. Arrogant und unhöflich. Mein Gott, er könnte wenigstens so tun, als hätte er eine gute Kinderstube genossen. Er ist genau der Typ Mann, der mich noch nie interessiert hat, und doch löst er in mir das kribbelige Gefühl aus, mich ihm nicht entziehen zu können.
Meine letzte Beziehung war die reinste Katastrophe, auf eine weitere Erfahrung mit einem Playboy kann ich gut verzichten. Und trotzdem hat sich mein Puls, seit er neben mir steht, beschleunigt. Etwas, das bei mir völlig ungewöhnlich ist. Ganz unbewusst trete ich einen Schritt zurück, um Distanz zwischen uns zu bringen. Und endlich bricht er das peinliche Schweigen.
»Wir kennen uns bereits. Gratuliere, Miss McQueen«, sagt er kurzangebunden mit einem Lächeln im Gesicht und doch spüre ich förmlich, dass er mich herausfordern will. »Im Provozieren ist sie wirklich ein Ass«, setzt er noch hinzu und fixiert mich weiter, was von Jake mit einem Stirnrunzeln kommentiert wird.
»Danke, Mr. Hunt«, antworte ich ebenso einsilbig herablassend, um ihm zu signalisieren, dass er mit mir keine Spielchen treiben kann.
Wenn es darum geht, wer schlagfertiger ist, dann spielen wir beide in der gleichen Liga. Um seine Mundwinkel kann ich ein leichtes Zucken erkennen. Meine kühle Art scheint ihn beeindruckt zu haben.
Hat er etwa angenommen, ich würde mich wie ein verschrecktes Reh benehmen, mich mit hochrotem Kopf peinlich berührt zurückziehen? Da kann ich nur lachen. Lassen wir die Spiele beginnen, Mr. Hunt, ich habe keine Angst vor Ihnen. Seine unverschämte zweideutige Bemerkung hätte er sich in Gegenwart von Jake wirklich sparen können.
»Ich hatte ebenfalls bereits das Vergnügen, einige von Mr. Hunts hervorragenden Eigenschaften kennenzulernen«, kontere ich, ohne den Blickkontakt mit dem Mann mir gegenüber zu unterbrechen. Und jetzt bin ich mir ganz sicher, als er lächelnd eine Augenbraue hochzieht, dass er alles andere als Desinteresse an mir zeigt. Im Gegenteil, ich scheine sein Interesse gerade herausgefordert, mich in seinen Fokus gerückt zu haben.
»Nennen Sie mich Jayden, das tun alle meine Freunde.«
Ich bin aber nicht Ihr Freund, würde ich ihm am liebsten entgegenspucken, halte mich aber zurück und lächle ihn mit einem gestellt freundlichen Grinsen an. Meine Gefühle zu verbergen, darin bin ich Profi.
Warum plötzlich so freundlich, Mr. Hunt, oder sollte ich lieber sagen Hunter? Denn so wirkt er auf mich, wie ein Jäger, der seine Beute fixiert, um sie dann zu hetzen und zu erlegen. Aber mich wirst du nicht erlegen!
Jake scheint von der Spannung, die zwischen uns herrscht, nichts mitbekommen zu haben. Sein Blick gleitet durch den Raum, bis er findet, wonach er Ausschau gehalten hat.
»Elizabeth, Jayden, ihr entschuldigt mich bitte. Ich habe dort jemanden gesehen, den ich unbedingt begrüßen möchte.«
Zornig starre ich Jake an, aber er schenkt mir nur sein schönstes Lächeln und verschwindet in der Menschenmenge. Bevor ich mich umdrehen und diesem arroganten Snob die kalte Schulter zeigen kann, spricht er mich an.
»Ich hoffe, Sie sind jetzt vorsichtiger im Straßenverkehr. Sie hatten Glück, dass nicht mehr passiert ist.«
»Wenn Menschen wie Sie sich an die Verkehrsregeln halten, haben wir sicher kein Problem«, kontere ich.
»Sie sind immer noch verärgert?« Das ist keine Frage, sondern eher eine Feststellung, und doch legt er den Kopf ein wenig schräg und wartet auf eine Äußerung von mir.
Was soll ich darauf antworten? Wenn ich es bestätige, wird er annehmen, ich sei eine nachtragende Emanzenzicke, und das bin ich nicht. Also zucke ich gleichgültig die Schultern und antworte stattdessen: »Wären Sie das nicht, wenn Ihr Morgenkaffee auf der Motorhaube eines Sportwagens landet?«
»Sie sind also ein Morgenmuffel?«
Ich öffne empört den Mund, aber er lässt mich sofort innehalten.
»Vergessen Sie diesen Zwischenfall«, bestimmt er. »Ich verspreche Ihnen, ich mache es wieder gut.« Jetzt wirkt er versöhnlich, so als hätte er genug von den Wortgefechten. Das kann mir nur recht sein.
»Dann geben Sie also zu, dass es Ihre Schuld war und nicht meine?« So langsam nimmt er ja wirklich menschliche Züge an. Das gefällt mir. Womöglich habe ich ihn falsch eingeschätzt und er hatte einfach nur einen schlechten Tag.
»Ich gebe nie etwas zu. Etwas zuzugeben heißt, Schwäche zu zeigen und Fehler einzugestehen, und diese Wörter gehören nicht in mein Vokabular. Aber einigen wir uns darauf, dass ich tatsächlich ein wenig zu schnell unterwegs war und Sie nicht aufgepasst haben. Einverstanden?«
Ich nicke, was sollte ich auch sonst tun, und jetzt zeigt sich auf seinen Lippen ein ehrliches Lächeln, das ihn einfach nur sympathisch wirken lässt.
»Möchten Sie, dass ich Sie ein wenig herumführe, Miss McQueen, oder darf ich Elizabeth sagen?«
»Meine Freunde nennen mich Liz. Warum nicht.«
»Elizabeth?« Jayden greift nach meinem Arm und leitet mich durch den Raum. Natürlich hat er ganz bewusst darauf verzichtet, mich mit meinem Spitznamen anzusprechen, oder will er mich immer noch provozieren? Ich weiß wirklich nicht, woran ich bei ihm bin.
»Wie gefallen Ihnen die Bilder?«, lenkt er jetzt das Gesprächsthema auf eine neutrale Ebene.
Ich zucke mit den Schultern. Es sind alles Aktbilder, die Frauen in verschiedenen Posen zeigen.
»Dieses zum Beispiel ist von einem Künstler, der noch vor einem Jahr auf der Straße gelebt hat.« Er bleibt stehen und betrachtet interessiert eine der Bleistiftzeichnungen einer Frau, die eine intensive Ausstrahlung hat, deren Blick aber traurig und resigniert wirkt.
Wir gehen weiter und stehen jetzt vor Bildern, die in Ölfarbe gemalt wurden. Es sind vier Gemälde, die eine andere Frau zeigen, nackt, ohne anrüchig zu wirken, geschweige denn mehr zu enthüllen als nackte Haut. Die Bilder zeigen sie meist von hinten, sodass keine Geschlechtsteile oder Brüste zu sehen sind, was die Bilder sehr ästhetisch wirken lässt.
»Auf diesen Bildern ist immer die gleiche Frau zu sehen«, stelle ich fest.
»Ja, sie ist sehr begabt.« Dabei betrachtet er nachdenklich das Kunstwerk und ein melancholischer Ausdruck zeichnet sich auf seinem Gesicht ab.
»Begabt, wofür?«, rutscht es mir heraus und ich möchte am liebsten im Boden versinken. Jetzt bleibt er stehen und taxiert mich regelrecht.
»Fürs Modellstehen natürlich. Oder an was haben Sie gedacht?«, sagt er nüchtern und wirkt leicht pikiert. Ich spüre, dass ich einen Fehler gemacht habe und wie ich bei seiner zweideutigen Frage rot werde. Er bringt mich total aus dem Konzept. Verdammt, was ist nur los mit mir? Wieso behandle ich ihn wie einen arroganten Spießer? Das hat er nicht verdient. Gerade haben wir uns noch nett über die Bilder unterhalten und jetzt ist die Stimmung angespannt und peinlich.
»Natürlich.« Beschämt wende ich mich ab und halte nach Jake Ausschau, der aber irgendwo in der Menschenmasse abgetaucht ist.
»Welches sind Ihre Begabungen, außer Ihren architektonischen Fähigkeiten?«
Ich drehe den Kopf zu ihm und in diesem Moment ist er mir ganz nah, so nah, dass ich sein frisches Aftershave riechen kann. Tom Ford, Tuscan Leather, ein sehr holziger, aber frisch-intensiver Duft. Er passt zu ihm und das weibliche Pendant dazu ist mein Lieblingsduft. Ich kenne ihn, da mein Bruder den gleichen Geschmack für diesen Duft entwickelt hat. Ich kann nur hoffen, dass die Leidenschaft für exklusive Düfte die einzige Gemeinsamkeit ist, die uns verbindet. Ich schlucke und rufe mich wieder mal selbst zur Ordnung.
»Ich habe viele Talente«, antworte ich etwas zu herablassend. Schon wieder habe ich es getan. Ihn von oben herab meine Abneigung spüren lassen.
Er beobachtet mich nachdenklich. Was glaubt er, hinter meiner Fassade entdecken zu können? Denkt er darüber nach, welches Geheimnis ich verberge? Da muss ich ihn leider enttäuschen. Um mich ranken sich keine dunklen Mysterien. Aber was mag es sein, dass er so erfolgreich in den Hintergrund rückt? Das Interesse an ihm weckt, ihn zu einer Person macht, die in der Geschäftswelt gefürchtet und von Frauen heiß begehrt wird? Will ich überhaupt hinter seine Fassade blicken? Er ist mir vollkommen gleichgültig und doch kreisen meine Gedanken den ganzen Abend schon um seine Person.
»Dann freue ich mich schon, sie alle kennenzulernen«, holt er mich aus meinen Überlegungen. »Kommen Sie, Elizabeth, die Gäste warten auf die Enthüllung der Statue.«
Wieder fühle ich mich, als hätte ich einen Fehler gemacht. Er hat schließlich angeboten, mich herumzuführen, nicht ich. Ich wollte ihm seine kostbare Zeit ganz sicher nicht stehlen. Er greift meinen Arm, führt mich in die Mitte des Raumes und ich lasse es stumm zu. Zum Glück ist er nicht weiter auf meine peinliche Äußerung eingegangen. Ich bleibe in der Menschenmenge zurück, während er zu dem Podest geht und um Ruhe bittet. Innerhalb kürzester Zeit ist die Aufmerksamkeit ausschließlich auf ihn gerichtet und es wird still im Raum. Er eröffnet souverän seine Rede, die er wie aus dem Ärmel geschüttelt vorträgt.
Ich höre gar nicht richtig zu, als er das Kunstwerk jetzt enthüllt, einige Informationen über den Künstler preisgibt, bis mich der Applaus der anderen Besucher aus meinen Gedanken reißt. Die Frau des Bürgermeisters steht neben mir und wirft mir einen fragenden Blick zu, bis ich ebenfalls in den Applaus einstimme. Ich ärgere mich über mich selbst. Wo ist meine charmante und souveräne Art geblieben? Meine kühle Gelassenheit ist wie weggeweht.
Vor mir erscheint die gleiche Frau, die mich auf den Ölbildern bereits beeindruckt hat. Sie ist nackt und ihr anmutiger Körper, der in Gips modelliert wurde, zeigt sie in einer Pose, die Hilflosigkeit vermittelt und doch auch Stärke und Stolz ausdrückt. Erst als ein Raunen durch den Saal geht und das Model persönlich – dieses Mal natürlich bekleidet – und ihr Künstler neben Jayden vor dem Podest erscheinen, kann ich meine Aufmerksamkeit wieder auf die Worte unseres Gastgebers richten. Er begrüßt erst den Künstler, der mit lautem Beifall empfangen wird, bevor Jayden sich zu der Frau herunterbeugt und ihr angedeutete Küsse auf die Wangen haucht. Sofort erscheint ein Lächeln auf ihren Lippen, als Jayden sie noch näher an sich heranzieht, sodass man fast annehmen könnte, sie wären ein Liebespaar.
Zumindest wirkt es im ersten Moment so auf mich. Wenn er sie anschaut, ist da nichts Reserviertes oder Hartes in seinem Gesicht, nur Sympathie strahlt aus seinen Augen, die sie begierig aufzusaugen scheint. Ihr Blick gleitet liebevoll zu ihm hoch. Jetzt lächelt sie in die Kameras der Fotografen, stellt sich mit dem Künstler und Jayden in Position, damit die Presse gute Bilder von den Dreien schießen kann, und ich verspüre einen kleinen Stich in meiner Brust. Ich kann noch seine Hand spüren, die er um meinen Arm gelegt hat. Interessiert strömen die Gäste näher zu dem Model und dem Künstler, sodass ich mich zurückziehen kann.
Meine Arbeit ist getan. Ich schaue mich suchend nach Jake um und trete aus der Menschenmenge, die den Künstler mit Fragen bombardiert.
Da ich seit heute Morgen nichts mehr gegessen habe und mein Magen fürchterlich zu knurren anfängt, gehe ich in den Nebenraum, in dem ein kaltes Buffet aufgebaut ist. Es sieht verführerisch aus, wurde allerdings noch nicht offiziell eröffnet. Ich blicke mich um, stelle fest, dass ich allein bin, und greife zu einem Stück Baguette, das mit Lachs und Meerrettichsahne belegt ist, als ich die vertraute Stimme hinter mir höre.
»Das Buffet ist zwar noch nicht offiziell eröffnet, aber bedienen Sie sich ruhig.«
Als wäre ich bei etwas Verbotenem ertappt worden, ziehe ich die Hand zurück und drehe mich um. Nicht schon wieder er! Hinter mir steht Jayden und grinst mich anzüglich an. Verflucht, in wie viele Fettnäpfchen kann man an einem einzigen Tag noch treten? Seit ich diesem Mr. Hunt begegnet bin, scheint sich alles gegen mich verschworen zu haben. Ich zähle langsam von zehn runter, um meinen Ärger zu unterdrücken, und jetzt fängt mein Magen wieder fürchterlich an zu knurren. Jayden kommt auf mich zu, greift nach einer Serviette und nimmt das Objekt meiner Begierde von dem silbernen Tablett.
»Hier, bitte. Essen Sie«, dabei hält er mir die Serviette mit dem Lachsbaguette hin. Der leckere Geruch und mein leerer Magen lassen mich über meinen eigenen Schatten springen.
»Danke, ich habe tatsächlich seit heute Morgen nichts mehr gegessen«, sage ich lächelnd zu ihm und beiße in das Brot. Er grinst mich an, als er mir ein zweites reicht, und endlich ist die Atmosphäre zwischen uns wieder locker.
»Was ist so komisch?«, frage ich ihn, nachdem ich den Mund wieder frei habe.
Er schüttelt nur den Kopf. »Nichts. Die meisten Frauen essen fast gar nichts oder nur Slowfood, weil sie Angst haben, ein paar Gramm zuzunehmen, aber Sie ...«
»Ich habe einfach Hunger, das ist alles.«
Bevor er noch weiter auf das Thema eingehen kann, wird er von seinen Gästen wieder in Beschlag genommen, die jetzt den Raum betreten, was ich fast ein wenig bedaure.
Jayden erklärt das Buffet offiziell für eröffnet, sodass ich mich nach Jake umschaue. Im Foyer treffe ich ihn.
»Liz, da bist du ja. Ich habe dich gesucht. Du scheinst dich mit Jayden ja ganz gut unterhalten zu haben. Wie gefällt dir die Ausstellung?«
»Ganz gut. Ich habe Kopfschmerzen und werde jetzt fahren«, entschuldige ich mich.
»Ja, ich muss auch los. Hast du Jayden gesehen? Wir sollten uns noch verabschieden«, schlägt mein Chef vor.
»Er ist nebenan. Kannst du mich bitte bei ihm entschuldigen? Ich warte draußen auf dich.«
»Ja, natürlich. Geht es dir so schlecht?«
»Nein, nein, ich brauche nur ein wenig frische Luft, das ist alles.«
»Also gut, dann bis gleich. Geht es dir wirklich gut?«, dabei dreht er sich noch einmal zu mir um.
Ich nicke, gehe auf die große Eingangstür zu und fahre mit dem Aufzug ins Erdgeschoss. Die Fahrt kommt mir unendlich lang vor, Stockwerk für Stockwerk blinken die Zahlen auf der Anzeige vor mir auf. Als die Türen sich endlich öffnen, eile ich schnell durch das Foyer zum Ausgang. Der Portier wünscht mir einen schönen Abend, bevor ich durch die Glastüren in die dunkle Nacht hinaustrete. Als die Tür hinter mir zufällt und ich die frische Luft einatme, spüre ich plötzlich, wie müde und abgespannt ich bin. Aber es liegt nicht nur daran, dass ich die letzten Wochen immer zu lange gearbeitet habe, es liegt an dem Mann da oben, den ich nicht einschätzen kann.
Wann hat mich ein Mann jemals so sehr aus dem Konzept gebracht? Ich nehme mir fest vor, keinen Gedanken mehr an ihn zu verschwenden. Wozu auch, der Auftrag ist erledigt und es gibt nichts mehr, was uns beide verbinden könnte. Zumindest rede ich mir das ein. Dieses Wochenende werde ich keine Verabredungen treffen, sondern einfach nur lange schlafen und den Tag auf der Couch mit einem guten Buch und meiner Katze verbringen.
Jake betritt den Parkplatz und kommt auf mich zu.
»Geht es dir wieder besser?«
»Ja, alles klar. Die frische Luft tut gut.«
Er wirkt beruhigt und tätschelt meinen Arm.
»Wir sehen uns dann morgen, Jake«, verabschiede ich mich, als ich hinter mir Jakes Namen höre. Ich brauche mich gar nicht umzudrehen, denn ich kenne diese Stimme nur zu gut. Es ist Jayden, der gerade auf den Parkplatz tritt.
»Jake, können Sie mich in die Stadt mitnehmen? Mein Bentley ist total eingeparkt.« Sein Bentley! Hätte ich mir ja denken können, dass so ein reicher Geschäftsmann nicht nur einen Wagen besitzt. Im Gegenteil, er fährt mit einem Auto der Luxusklasse durch die Gegend. Aber er hat tatsächlich recht, der teure Schlitten ist komplett von Autos eingeparkt, und da die Party noch in vollem Gange ist, wäre es geradezu unhöflich, die jeweiligen Besitzer ausrufen zu lassen, damit sie ihre Wagen wegfahren. Ich will mich schon umdrehen und mein Auto aufschließen, als ich Jakes Hand an meinem Arm spüre.
»Sehr gern, Jayden, aber ich habe noch einen Termin und muss in die andere Richtung.« Dann schaut Jake mich an und ich kneife unwillkürlich die Augen zusammen. Denk gar nicht erst daran!
»Aber Elizabeth fährt wieder in die City. Sie wohnt nicht weit von Ihnen entfernt.«
»Du hast jetzt einen Termin? So spät noch?«, frage ich irritiert.
»Ja, habe ich dir das nicht gesagt?«
Ich schüttle den Kopf. Am liebsten würde ich meinem Chef gegen das Schienbein treten oder noch besser zwischen die Beine.
»Es macht dir doch nichts aus Elizabeth, oder?«
Innerlich bin ich aufgewühlt, gebe mich äußerlich jedoch ganz gelassen. »Natürlich nicht, steigen Sie ein«, wende ich mich an Jayden.
»Wir sehen uns dann morgen«, verabschiedet sich Jake von mir und springt schnell in seinen Wagen.
»Wo kann ich Sie hinbringen?«
»Back Bay, wenn das kein Umweg für Sie ist.«
»Back Bay? Da wohnt mein Bruder.« Hätte ich mir ja fast denken können, dass er in diesem Teil von Boston wohnt. Aber im Grunde war ich fast der Meinung, dass er ein Haus außerhalb der City besitzt oder sogar ein großes Anwesen.
»Matthew McQueen? Er ist Ihr Bruder?«
»Ja, kennen Sie ihn?«, frage ich neugierig. Das hat mir gerade noch gefehlt.
»Mit Matthew habe ich meinen ersten großen Deal durchgezogen. Ich habe ihn lange nicht mehr gesehen. Wie geht es ihm?«
»Er ist seit drei Jahren wieder glücklich verheiratet«, teile ich ihm mit.
»Das freut mich für ihn.«
Ich nicke nur, lege den Gang ein und verlasse das Grundstück. Der Regen klatscht mittlerweile auf die Windschutzscheibe und der Sturm, der sich bereits heute Nachmittag angekündigt hat, nimmt an Kraft zu. Ich schalte das Autoradio ein und drehe die Musik ein wenig lauter. Vor ein paar Minuten war ich mir sicher, ihn nicht wiederzusehen. Warum geht mir der Gedanke nicht aus dem Kopf, dass dies nicht das letzte Treffen mit ihm war? Ich könnte mir sogar vorstellen, dass er diese Situation hier forciert hat. Zumal es doch ungewöhnlich ist, dass er seine eigene Veranstaltung so früh verlässt.

Ein gelungener Schachzug! Zumindest sitze ich in ihrem Wagen. Ich konnte sie einfach nicht gehen lassen. Nicht so. Zwischen uns besteht eine Anziehungskraft, die selbst Elizabeth gespürt haben muss. Ich kann mich nicht erinnern, jemals kopflos wie ein verliebter Teenager gehandelt und meine eigene Veranstaltung vorzeitig verlassen zu haben. Diese kleine freche Göre hat mich sofort gereizt, als sie mit vorgestrecktem Kinn versucht hat, mich in meine Schranken zu weisen. Sie hat keine Ahnung, mit wem sie sich anlegt.
Sie als kleine Göre zu bezeichnen, spottet eigentlich jeder Beschreibung, denn Elizabeth ist alles andere als ein Kind, sie ist eine erwachsene Frau, die scheinbar genau weiß, was sie will. Sie hat Klasse, sieht fantastisch aus und ich könnte mir vorstellen, dass sie, wenn sie jemanden in ihr Herz geschlossen hat, der Typ Mensch ist, mit dem man Pferde stehlen und jede Menge Spaß haben kann. Auch wenn sie jetzt so tut, als wäre es ihr lästig, mich in ihrem Wagen mitzunehmen. Sie hat natürlich nicht abgelehnt, dafür hat sie eine zu gute Kinderstube genossen, wie alle McQueens. Als ob ich sie nicht durchschaut hätte. Sie will mich, sie weiß es nur noch nicht. Die Signale, die sie aussendet, sind fast schon klischeehaft. Die reservierte, fast scharfzüngige Art, die sie an den Tag legt.
Schon als ich sie das erste Mal gesehen habe, hätte ich sie am liebsten quer über die Motorhaube gelegt und ihr den kurzen Rock über die Hüften geschoben, um ihr zu zeigen, was ich davon halte, wenn man sich so anmaßend verhält, wie sie es getan hat. Jetzt versucht sie hartnäckig, keine Kommunikation zwischen uns aufkommen zu lassen. Von mir aus gern, kleine Lady, aber das wird dir nichts nützen. Was ich will, das bekomme ich auch. Und du hast mich gerade herausgefordert. Man nennt mich nicht umsonst The Hunter. Dabei mache ich keinen Unterschied zwischen Geschäfts- und Privatleben.
Wenn sie wüsste, welche Absichten ich verfolge, würde sie nicht so unbeteiligt neben mir am Steuer sitzen und sich verbissen auf die Straße konzentrieren. Ich kann an ihrer Körpersprache erkennen, dass sie ganz andere Gefühle für mich empfindet als Abneigung. Ihre Hände liegen verkrampft auf dem Lenkrad, während sie versucht, mit ihrem Blick zu signalisieren, dass sie sich ganz auf das Fahren konzentrieren muss, anstatt Smalltalk zu führen.
Als ich sie auf die Aktbilder angesprochen habe, kam genau die Reaktion, die ich von ihr erwartet hatte. Jeder Kunstliebhaber wäre sachlich an die Betrachtung des Werkes rangegangen. Sie dagegen hat nur das Objekt der männlichen Begierde gesehen. Oder hat sie sich am Ende selbst auf das Kunstwerk projiziert? Ich muss jetzt noch schmunzeln, wie sie sich mit hochrotem Kopf abgewendet hat. Und dann ihre Reaktion, als wir die Statue enthüllten. Sicher denkt sie, das Model und ich hätten eine Affäre. Mein Gott, wenn sie wüsste!
Ihre impulsive Art gefällt mir. Sie hat sich mit mir auf ein Spiel eingelassen, zu dem ich die Spielregeln diktieren werde. Sie ahnt nicht einmal, dass sie spätestens in ein paar Tagen meinen Verführungskünsten erlegen sein würde, wenn ich es zuließe. Zumindest rede ich mir das ein.
Plötzlich wird es ruhig im Auto, und das Radio verstummt. Kurz darauf gehen die Scheinwerfer wie durch Geisterhand aus.
»Was ist los?«, fragt sie erschrocken.
»Woher soll ich das wissen. Wer ist denn der Fahrer?«, knurre ich sie an. Dabei wollte ich auf keinen Fall unfreundlich rüberkommen, aber irgendetwas an ihr lässt mich alle Höflichkeit vergessen und zum arroganten Arschloch werden.
Um uns herum ist es stockdunkel, wir befinden uns mitten auf einer wenig befahrenen Nebenstraße, mindestens noch einige Meilen von der City entfernt. Weit und breit ist kein Haus, geschweige denn eine Tankstelle in Sicht, es gibt nur Wald. Ich bin sicher, dass es nicht an der Fähigkeit von Elizabeth liegt, ein Auto zu fahren, dass der Motor plötzlich ausgegangen ist. Ich greife ins Lenkrad. Etwas, das ich noch nie bei jemandem getan habe, und zusammen bringen wir den Wagen auf dem Standstreifen zum Stehen, bevor wir noch von dem Wagen hinter uns gerammt werden, der jetzt in einem Affenzahn an uns vorbeirast. Der Abend nimmt absolut nicht den Verlauf, wie ich ihn mir vorgestellt hatte. Genervt löse ich den Sicherheitsgurt und steige aus. Regen plätschert erbarmungslos vom Himmel und der Wind peitscht mir die Tropfen ins Gesicht. Auch Elizabeth öffnet vorsichtig die Fahrertür und verlässt den Wagen.
»Bleiben Sie sitzen und öffnen Sie die Motorhaube«, rufe ich ihr zu. »Es reicht, wenn einer von uns bis auf die Haut nass wird.«
»Kennen Sie sich denn damit aus?«, schreit sie gegen den Sturm an und steigt trotzdem aus.
Ich werfe ihr einen genervten Blick zu. Ich bin kein verdammter Gebrauchtwagenhändler, aber was denkt sie denn von mir?
»Machen Sie die Motorhaube auf und debattieren Sie nicht weiter mit mir. Im Übrigen würde ich Ihnen vorschlagen, bei diesem Regen im Wagen zu bleiben.« Dabei deute ich auf ihre helle Bluse, die bereits verdächtig anfängt, durchsichtig zu werden und perfekt geformte, feste Brüste zum Vorschein bringt. Verdammt, sie trägt keinen Büstenhalter darunter. Das braucht sie auch nicht. Ihre Brüste sind fest, wie die einer Sportlerin. Ihre Nippel klein und wenn sie sich, wie jetzt, durch die Kälte zusammenziehen, leuchten sie dunkelrosa durch ihre zunehmend transparenter werdende Bluse.
Ich muss mich zusammenreißen, ihr nicht dieses verdammte Teil, das mehr verspricht als verdeckt, von den Schultern zu reißen und meine Lippen um ihre Nippel zu legen, die danach schreien, von mir in Besitz genommen zu werden. Unangenehm berührt blickt sie an sich herunter und kreuzt schnell die Arme vor der Brust.
»Wenn Sie ein Gentleman wären, würden Sie Ihren Blick auf das Problem unter der Motorhaube richten und nicht auf meine Titten.«
Die Kleine gefällt mir. Schlagfertig ist sie ohne Zweifel und genau das reizt mich an ihr. Sie ist keine von den Frauen, die ich nachts in einem Club an der Bar aufgabele und die mit einem Fingerschnippen in meinem Bett landen, wo am nächsten Morgen nur noch ein schaler Nachgeschmack von schlechtem Sex übrig bleibt. Keine tief gehenden Gefühle, keine Wärme oder das Verlangen, dort weiterzumachen, wo man in der Nacht aufgehört hat. Das Einzige, was ich dann erwarte, ist, dass sie geräuschlos verschwinden.
»Haben Sie immer so eine vulgäre Ausdrucksweise? Außerdem hatte ich Sie gewarnt, im Wagen zu bleiben.«
Ich höre sie noch verärgert schnauben, bevor sie sich wieder ins Auto setzt und die Tür mit einem lauten Knall zuwirft. Ich muss grinsen und schüttle belustigt den Kopf. Da es verdammt dunkel ist, gehe ich wieder um den Wagen herum und klopfe an ihre Fensterscheibe, die sie mit einem Knopfdruck herunterlässt.
»Geben Sie mir mal Ihr Handy, ich brauche Licht«, rufe ich ihr zu. Ich lehne mich zu ihr herunter und sehe, wie sie aufgebracht in ihrer Handtasche wühlt und dann ein iPhone herauszieht. Ich halte meine ausgestreckte Hand durch das geöffnete Fenster, ohne einen weiteren Blick auf sie zu werfen, um sie nicht noch mehr in Verlegenheit zu bringen, als ich es heute sowieso schon getan habe, und warte, bis sie das Handy entsperrt hat.
Aber anstatt mir ihr Smartphone zu reichen, höre ich sie fluchen.
»Was ist jetzt schon wieder? Ich hatte nicht vor, die Nacht hier draußen zu verbringen«, fahre ich sie an. Schon wieder habe ich sie behandelt wie ein aufgeblasener Mistkerl. Ich sollte mich zurücknehmen, wenn ich sie näher kennenlernen will.
»Mein Akku ist leer.«
»Was?«
Jetzt lehne ich mich doch zu ihr ins Wageninnere.
»Mein Akku ist leer. Wo ist Ihr Handy?«
»Ich habe kein Handy dabei«, sage ich ganz langsam, um meinen Ärger zu unterdrücken.
»Wieso haben Sie kein Handy? Jeder hat eins«, schreit sie mich an.
»Wieso ist Ihres nicht aufgeladen? Ich habe ein Telefon in meinem Wagen, da brauche ich kein zweites, wenn ich einen geschäftlichen Termin habe«, fahre ich sie an. Im Grunde hat sie vollkommen recht, aber das werde ich ihr gegenüber nicht zugeben.
»Was sollen wir denn jetzt machen? Sie bringen mich wirklich in die unmöglichsten Situationen.« Sie wirkt fast verzweifelt. Etwas, das überhaupt nicht zu ihr zu passen scheint. Und doch könnte ich sie schon wieder zur Vernunft ficken.
»Was habe ich damit zu tun? Ist das mein Wagen oder Ihrer? Sie verwechseln hier offenbar, wer wen in unmögliche Situationen bringt«, knurre ich sie stattdessen an.
»Tut mir leid, ich bin einfach nur schrecklich müde und möchte nach Hause«, entschuldigt sie sich genervt. »Und jetzt müssen wir die Nacht hier im Nirgendwo verbringen, oh Gott!«
»Wäre das so schlimm? Keine Angst, ich kann mich beherrschen.«
Sie wirft mir einen strengen Blick zu. Darüber scheint sie sich offenbar keine Gedanken gemacht zu haben.
»Das will ich für Sie auch hoffen. Wagen Sie es ja nicht, sich an mir zu vergreifen«, kontert sie aufgebracht.
»Haben Sie nur Zweideutigkeiten im Kopf, Lady? Nichts liegt mir ferner, als mich hier im Wagen an Ihnen zu vergreifen. Dafür habe ich andere Möglichkeiten.«
Ein lautes Schnauben ist die Antwort, bevor sie sich umdreht und stur durch die Windschutzscheibe die offene Motorhaube anstarrt. Okay, wir stehen hier mitten auf einer wenig befahrenen Straße, um uns herum nur Wald. Aber sie ist zum Glück nicht allein. Ich werde sie mit allem, was in meiner Macht steht, beschützen. Gleichzeitig habe ich eine Stinkwut. Nicht auf sie, sondern auf die Situation, in die sie mich gebracht hat.
»Haben Sie eine Taschenlampe?«, frage ich ganz ruhig. Wieder kramt sie in ihrem Handschuhfach und zieht tatsächlich eine kleine Taschenlampe heraus.
»Hier, ich hoffe, sie funktioniert.«
»Danke«, frotzle ich und begebe mich wieder unter die Motorhaube. Was ich dort sehe, ist alles andere als zufriedenstellend.
»Es ist der Keilriemen«, rufe ich ihr zu. Eines ist klar, mit diesem Auto werden wir heute nicht mehr in die City kommen. Da hilft nur noch ein Abschleppwagen.
»Sind Sie sicher? Sie sehen nicht aus wie jemand, der damit täglich zu tun hat.«
»Was wird das?«, knurre ich. Wieso stellt sie alles infrage? »Es ist zwar irrelevant, aber ja, ich bin sicher. Zu Ihrer Information: Ich habe eine Leidenschaft für Oldtimer und ja, ich repariere sie selbst«, antworte ich gereizt.
»Tut mir leid«, entschuldigt sie sich schon zum zweiten Mal. Und wenn sie mich mit ihren großen rehbrauen Augen wie ein junger Welpe anschaut, möchte ich sie nur in den Arm nehmen und trösten.
»Kommen Sie, steigen Sie aus. Wir werden zu Fuß in die Stadt zurücklaufen.«
»Was? Es regnet in Strömen, falls Sie das noch nicht bemerkt haben.«
Ich kann mir ein Grinsen nicht verkneifen, wenn ich sie mir so anschaue. Sie trägt nur eine dünne Bluse, die mehr zeigt, als sie verdeckt, einen kurzen Rock und dazu hohe Pumps. Eine Jacke habe ich nicht gesehen. Ich atme tief aus, öffne die Fahrertür, greife ihren Arm und hole sie aus dem Wagen.
»Ich gehe keinen Schritt mit Ihnen«, fährt sie mich an.
»Und ich lasse Sie nicht allein zurück. Ende der Diskussion. Außerdem regnet es kaum noch.«
Aus ihrem perfekt gestylten Zopf haben sich einige Haarsträhnen gelöst, die ihr jetzt nass um das Gesicht fallen, was sie auf keinen Fall unattraktiv macht. Im Gegenteil, wenn sie so vor mir steht, mit der nassen Bluse, den Regentropfen, die ihr über das Gesicht laufen, und ihrem zornigen Blick, will ich sie sofort verführen. Aber noch ist es zu früh dazu, viel zu früh. Erst einmal werde ich sie sicher nach Hause bringen, und wenn es die ganze Nacht dauert.
»Kommen Sie endlich. Hier, ziehen Sie meine Jacke an. In einer halben Stunde sind wir in der Stadt, da werden wir dann ein Taxi finden. Vielleicht haben wir ja Glück und es nimmt uns jemand mit«, versuche ich, sie zu beruhigen.
Endlich nimmt sie Vernunft an, greift hitzig nach meiner Jacke und hängt sie sich über die Schultern. Dann schnappt sie sich ihre Handtasche, schließt den Wagen ab und folgt mir. Zum Glück hat der Regen wirklich fast aufgehört und auch der Sturm etwas nachgelassen, sodass wir es innerhalb einer halben Stunde bis zur nächsten Tankstelle schaffen können. Immer wieder winke ich den wenigen vorbeifahrenden Autos zu, die allerdings etwas Besseres zu tun haben, als zwei Fremden in verschmutzter Kleidung einen Platz in ihrem Wagen anzubieten.
»Verdammt!«, schreie ich einem Wagen nach, der viel zu dicht an uns vorbeigefahren ist anstatt anzuhalten und Elizabeth mit dem Schmutzwasser auf der Straße nassgespitzt hat.
»Fluchen hilft da auch nicht«, höre ich sie hinter mir. Ihre Kleidung und ihre Haare sind durchnässt und eine einzelne Strähne klebt ihr am Mundwinkel, sodass ich versucht bin, meine Hand auszustrecken und ihr Gesicht zu berühren, aber ich tue es nicht und gebe mich stattdessen emotionslos.
»Haben Sie einen besseren Vorschlag?«
»Zufällig habe ich den wirklich. Ich könnte mich in einer aufreizenden Pose an den Straßenrand stellen und Sie verstecken sich im Wald. Ich wette, dass dann ein Auto anhält.«
Das kann jetzt nicht ihr Ernst sein. »Einen Teufel werden Sie tun«, fahre ich sie an.
»Fällt Ihnen etwas Besseres ein?«
Jetzt bleibe ich stehen und drehe mich ganz langsam zu ihr um. Die Regentropfen fallen aus meinen Haaren und laufen mir über das Gesicht. Meine Kleidung ist durchnässt und meine Laune wird von Minute zu Minute schlechter und doch muss ich innerlich über ihre Frechheit schmunzeln. Äußerlich zeige ich ihr meinen strengsten Gesichtsausdruck. Wäre sie meine Lady, würde ich sie mir schnappen und ihr den Hintern versohlen, aber das ist unmöglich. Stattdessen gebe ich ihr die Chance, ihre falsche Anschauung noch einmal zu überdenken. »Wie bitte?«
»Was?«, entgegnet sie jetzt schon etwas eingeschüchtert.
»Es liegt ja wohl klar auf der Hand, wer uns in diese Situation gebracht hat, oder?«
»Sie hätten ja nicht mit mir fahren müssen.«
Um eine Antwort ist die kleine Lady wohl nie verlegen. »Welche Wahl hatte ich denn?«
»Wie wäre es, wenn Sie sich ein Taxi gerufen hätten?«
»Ich bin froh, dass ich es nicht getan habe, sonst würden Sie hier mutterseelenallein herumirren.«
»Das ist manchmal nicht das Schlechteste.«
Ich muss mich verdammt zusammenreißen, um sie nicht an mich zu reißen und ihr ihren verdammten Stolz und ihren Hochmut aus dem Leib zu ficken. Stattdessen presse ich die Lippen aufeinander und atme langsam aus, während ich einen Schritt auf sie zugehe.
»Es tut mir leid, okay. Aber der ganze Tag und diese Situation ...« Jetzt legt sie den Kopf zur Seite, lächelt mich wieder mit einem Hundeblick an, dem kein Mann widerstehen kann, und ich schmelze im wahrsten Sinne des Wortes dahin. Meine ganze Wut ist wie verpufft.
»Lassen Sie uns nicht streiten. Wir haben noch ein ganzes Stück Weg vor uns, falls kein Auto anhält«, schlägt sie jetzt wieder völlig beherrscht und versöhnlich vor. Verdammt, diese Frau hat mich in der Hand.
Ich nicke und wir gehen schweigend weiter, jeder in seine Gedanken versunken.
Der Regen hat mittlerweile aufgehört und auch der Sturm hat sich komplett gelegt. Nur noch nasse Pfützen zeugen von der stürmischen Nacht, während der Mond den Himmel in ein dunkles Blau taucht. Bis jetzt war sie sehr tapfer, hat sich meinem schnellen Schritt angepasst und kein einziges Mal geklagt, dass ihr die Füße in den hohen Schuhen schmerzen. Wie gerne hätte ich sie über die Schulter gelegt und den ganzen verdammten Weg in die Stadt getragen, nur damit sie sich keine Blasen an den Füßen läuft. Aber das wird nur eine Wunschvorstellung von mir bleiben. Elizabeth ist eine Frau, die genau weiß, was sie will, ebenso wie ich. Die mit beiden Beinen im Leben steht. Jetzt höre ich sie hinter mir fluchen.
»Was ist jetzt schon wieder?«, dabei drehe ich mich um und sehe, wie sie mit den hohen Schuhen im aufgeweichten Boden steckenbleibt, umknickt und sich den Knöchel hält. Verdammte High Heels!
»Das wäre nicht passiert, wenn wir es so gemacht hätten, wie ich es vorgeschlagen habe«, verteidigt sie sich.
Sie fängt schon wieder an, die Dinge zu verdrehen. Denn sie hat überhaupt keinen Vorschlag gemacht. Zumindest keinen, der für mich und auch für sie akzeptabel gewesen wäre. Und die sexy Tramperin gehört eindeutig zu den Vorschlägen, die ein absolutes No-go sind. Kurzentschlossen gehe ich einen Schritt auf sie zu, greife nach ihrem Knöchel und ziehe ihr den Schuh vom Fuß. Das mache ich auch mit dem anderen, bevor Elizabeth überhaupt merkt, wie ihr geschieht. Ich bin dafür bekannt, schnell und emotionslos zu reagieren. Eine Taktik, die mein Gegenüber oft überrascht.
»Was soll das?«, fährt sie mich an, während sie sich an meinem Brustkorb abstützt.
»Ich versuche nur, Ihnen einen einigermaßen angenehmen und vor allen Dingen unfallfreien Rückweg zu ermöglichen. Oder glauben Sie, ich würde Sie die ganze Strecke tragen wollen?« Dabei könnte ich mir nichts Schöneres vorstellen. Trotzdem lasse ich den Macho heraushängen. Ich greife zu dem hohen Absatz und breche ihn ab, das Gleiche mache ich mit dem anderen Schuh.
»Sagen Sie mal, sind Sie verrückt? Das sind Louboutins, die kosten ein Vermögen«, schreit sie mich an. Elizabeth wirkt nicht wie eine Frau, die ihr gesamtes Erspartes für diese Schuhe geopfert hat. Im Gegenteil, die McQueens sind ausgesprochen reich und in ihrem Job bei Jake dürfte sie auch nicht schlecht verdienen.
»Das interessiert mich einen Dreck. Solange Sie mit mir unterwegs sind, gehen Sie keinen Meter mehr in diesen Dingern. Ober wollen Sie sich noch den Knöchel brechen?« Ich halte ihr die Schuhe und die abgebrochenen Absätze entgegen. Elizabeth nimmt sie mir erzürnt aus der Hand und streift sich die Schuhe wieder über die Füße.
»Wo haben Sie diesen Unsinn denn gesehen?«, belehrt sie mich. Dabei deutet sie zu Boden zu ihren Füßen, die eine merkwürdige Form in den Schuhen angenommen haben. Ihre Zehen stehen nach oben ab und die Schuhe wirken jetzt alles andere als bequem. Laufen kann sie darin ganz sicher nicht mehr. Verdammte Scheiße! In dem Film, den ich vor Kurzem gesehen habe, sah das ganz anders aus.
Ich zucke die Schultern. Diese Runde geht eindeutig an sie.
»Ich könnte Ihnen meine Schuhe anbieten«, versuche ich die Situation noch zu retten.
Sie legt ungläubig den Kopf zur Seite.
»Welche Schuhgröße haben Sie denn?«, fragt sie jetzt belustigt.
»44.«
»Na ja, sind ja nur fünf Nummern zu groß.«
Ich bücke mich und schnüre meine Schuhe auf. Dann streife ich sie von meinen Füssen und halte sie Elizabeth hin.
»Wenn wir sie richtig fest zubinden, könnte es funktionieren«, versuche ich ihr einzureden.
Jetzt fängt sie an zu lachen, lässt mich aber doch gewähren. Ich greife zu ihrem schmalen Fußgelenk und sie schiebt ihren Fuß in den Schuh. Dann binde ich den Schnürsenkel so stramm, dass er einigermaßen fest sitzt. Das Gleiche mache ich mit dem anderen Schuh. Fertig! Ich erhebe mich, gehe einen Schritt zurück und betrachte mein Werk. Auch Elizabeth schaut an sich herunter. Sie geht einige Schritte, was einfach nur unbeholfen wirkt, und plötzlich müssen wir beide fürchterlich anfangen zu lachen.
»Ich glaube, ich gehe lieber ohne Schuhe«, beschließt sie und zieht meine Schuhe wieder aus, nachdem ihr Lachanfall vorbei ist.
»Besser?«, frage ich.
Sie nickt und lächelt mich fast liebevoll an. Wenn sie das tut, bin ich verloren.
»Besser. Gehen wir«, antwortet sie versöhnlich.
Ich lege meinen Arm um ihre Schulter und muss insgeheim schmunzeln. Diesen Abend hatte ich mir ganz anders vorgestellt und doch bin ich ihr näher gekommen. Viel näher, als ich gehofft hatte.

Es ist 08:00 Uhr, als mich das penetrante Klingeln meines Weckers aus dem Schlaf reißt. Aus meiner Lieblingsschlafstellung – mit dem Kissen in meinen Armen auf dem Bauch liegend – drehe ich mich langsam auf den Rücken und werde wach. Schlaftrunken öffne ich die Augen und blinzle in das helle Sonnenlicht, das in meine großen Fenster scheint. Verdammt, ich habe vergessen, die Jalousie zu schließen. Ich trete die Bettdecke von meinem Körper und schlagartig ist der gestrige Abend wieder präsent, als ich den leichten Schmerz in meinem Knöchel spüre.
Verfluchter Jayden Hunt! Aber im Grunde sollte ich froh sein, dass er in meinem Wagen saß. Es war schließlich nicht seine Schuld, dass der Keilriemen gerissen ist. Und auch nicht, dass der Akku meines Handys leer war. Und doch habe ich ihm die Schuld an allem gegeben. Ich habe mich aufgeführt wie eine verwöhnte Zicke. Dabei bin ich doch jemand, der in jeder Situation ruhig und logisch vorgeht. Hysterisches Herumgezicke gehört nicht zu meinem Wesen.
Ich muss schmunzeln, als ich an die Nacht denke, die nie ein Ende nehmen wollte. Zuerst habe ich ihn gehasst, ihn verflucht und ans Ende der Welt gewünscht. Aber wenn ich jetzt darüber nachdenke, wie fürsorglich er sich verhalten hat, sollte ich dankbar sein, dass er da war. Okay, er hat auch oft genug den Macho raushängen lassen, aber kann ich ihm das verübeln? Ich habe mich schließlich aufgeführt wie eine Furie. Als ich das letzte Stück der Strecke keinen Fuß mehr vor den anderen setzen konnte, hat er mich kurzerhand doch auf seine Arme genommen und zu der Tankstelle getragen. Zuerst war es mir unangenehm, ihm so nah zu sein, aber irgendwie auch wieder nicht.
Ich fand es regelrecht albern, dass er das getan hat. Ich bin schließlich kein unerfahrener Teenager mehr und am Ende mussten wir beide einfach nur noch lachen. Ich spüre jetzt noch seine Arme unter meinen Beinen und erinnere mich an seinen Geruch, der mich schon auf der Ausstellung gefangen genommen hat. Sein Hemd klebte nass auf seiner Haut und doch war sein Körper angenehm warm, so angenehm, dass ich einen kurzen Moment meinen Kopf an seine Schulter gelehnt habe. Das hätte ich mal lieber nicht getan, natürlich ist mir sein Grinsen nicht entgangen.
Aber wenn er glaubte, ich wäre eins von den Girls, die ihm nachlaufen, dann hat er sich gründlich getäuscht. Ich war einfach nur erschöpft und schrecklich müde und mehr war da nicht. Nach einer halben Stunde Fußmarsch hatten wir endlich die Tankstelle erreicht, sodass wir einen Abschleppwagen anrufen konnten und für uns beide ein Taxi, das erst mich und dann ihn nach Hause brachte. Den Blick des Taxifahrers werde ich nie vergessen, als er auf meine nackten Füße geschaut hat, ganz zu schweigen von unseren nassen Klamotten, die ihm sicher die Rücksitze ruiniert haben. Doch Jayden hat ihm einen Schein in die Hand gedrückt, der ihn wieder zum Strahlen brachte.
Ich spüre noch die Wärme und seine Arme, als Jayden mich im Wagen an sich gezogen hat, um das Klappern meiner Zähne zu unterdrücken. Die Kälte und die nasse Kleidung haben einen regelrechten Kälteschock in mir verursacht. Liebevoll hat er mir praktisch befohlen, zu Hause eine heiße Dusche zu nehmen, bevor ich mich ins Bett lege. Da ich einfach nur müde und völlig ausgelaugt war, habe ich es zugelassen und meinen Kopf noch einmal an seine Schulter gelehnt. Heute Morgen könnte ich mich dafür ohrfeigen, diese Schwäche gezeigt zu haben.
Noch etwas müde rekle ich mich im Bett und zwinge mich dann, aufzustehen. Dabei fällt mein Blick auf die Kommode, auf der meine abgebrochenen Absätze liegen. Der Muskelkater in meinen Beinen und meine leicht lädierten Füße sind der Beweis für die Realität der letzten Nacht. Aber Jake erwartet mich in seinem Büro, wir haben heute ein Team-Meeting und später einen Außentermin bei einem Klienten. Ich schnappe mir die Fernbedienung, drücke auf Play und schon erklingt Avicii und drängt mich in den Tag. Auf dem Weg ins Badezimmer summe ich die Melodie des Songs mit und freue mich unglaublich auf eine warme Dusche.
Als ich in den Spiegel schaue, weiche ich erschrocken zurück. Da ich gestern Nacht darauf verzichtet habe, mein Make-up zu entfernen und einfach nur noch unter die warme Decke schlüpfen wollte, schauen mich jetzt zwei dunkle Augen, die von schwarzer Mascara umrandet sind, unter von grauen Lidschattenresten verschmierten Lidern an. Meine dunklen langen Haare sind zerzaust und benötigen dringend eine Wellnessbehandlung, ganz zu schweigen von dem Rest meines Körpers. Ich stelle die Dusche an und genieße den warmen Wasserstrahl, der wie eine Erlösung auf mich herabregnet. Nach fünf Minuten unter der Brause zwinge ich mich, das Wasser abzustellen, mich in meinen kuschligen Bademantel zu wickeln und erst mal zu frühstücken. Ich schlurfe Richtung Küche und nehme mein Handy von der Ladestation. Zum Glück habe ich gestern Nacht noch daran gedacht, es an den Strom zu hängen. Als ich die Küche betrete, zeigt es zwei neue Nachrichten. Die erste ist von Jake, der fragt, ob ich gut nach Hause gekommen bin, und sich noch einmal dafür entschuldigt, dass er mir unseren Auftraggeber auf den Hals gehetzt hat. Dabei muss ich grinsen. Wenn der wüsste, wie ich die gestrige Nacht verbracht habe!
Die zweite kommt von einem mir unbekannten Teilnehmer. Als ich sie allerdings öffne, weiß ich sofort, von wem sie stammt. Jayden! Woher hat er meine private Telefonnummer? Als ich die Uhrzeit sehe, ist mir klar, von wem. Jake muss sie ihm gegeben haben. Scheinbar hatte er heute bereits ein Gespräch mit ihm. Ich scrolle runter und lese den Text:
»Gut geschlafen? Und keine Angst, ich hätte dich auch noch bis nach Hause tragen können. Und nein, ich nehme Frauen in der Regel nicht auf den Arm. Ich hoffe, du hast meinen Ratschlag befolgt und eine heiße Dusche genommen.«
Typisch, dass er auf meine Bemerkung, ob er alle Frauen auf den Arm nimmt, noch einmal eingehen würde. Und was heißt Ratschlag, es war ein Befehl, den ich allerdings ignoriert habe. Nachdem ich ihm gestern Nacht näher gekommen bin, als mir guttut, haben wir uns auf das Du geeinigt.
Ich stelle eine Tasse unter den Kaffeeautomaten, gieße Milch in den dafür vorgesehenen Behälter und drücke die Taste für einen Latte Macchiato. Morgens einen Milchkaffee und eine Schüssel Müsli und der Tag ist gerettet. Während ich gerade ein Taxi für mich bestelle, höre ich Whitney aus ihrem Schlafzimmer schlurfen. Gähnend erscheint sie mit unserer Hauskatze, die eigentlich keinen Namen hat und von uns nur »Katze« gerufen wird, in der Küchentür.
»Guten Morgen«, begrüßt sie mich verschlafen, lässt die Katze von ihrem Arm herunter und nimmt sich ebenfalls einen Kaffee, bevor sie sich auf die Arbeitsplatte setzt und die Füße baumeln lässt. Whitney ist meine Cousine und außerdem meine Mitbewohnerin, die hier in Boston studiert. Da meine Wohnung viel zu groß für mich alleine ist, habe ich ihr kurzerhand angeboten, während des Studiums hier einzuziehen. Außerdem kümmert sie sich um die Katze, wenn ich beruflich unterwegs bin.
»Guten Morgen, Schlafmütze. Ist es gestern wieder spät geworden?«
»Nicht so spät wie bei dir«, hält sie mir grinsend vor.
»Was meinst du?«, frage ich irritiert.
»Als ich nach Hause kam, warst du noch nicht da.«
»Ich hatte einen Termin mit Jake zu einer Vernissage. Sie fand in dem Penthaus statt, das ich gerade eingerichtet habe. Später hatte ich noch einen Motorschaden. Ich musste die halbe Strecke zu Fuß nach Boston laufen.«
»Warum hast du nicht angerufen?«
»Weil mein Handy ... ach, ist auch egal. Ich muss mich fertigmachen. Sehen wir uns heute Abend?«
»Kommt darauf an, um acht muss ich weg.«
»Bis dahin bin ich wieder zu Hause«, verspreche ich ihr und verschwinde in mein Schlafzimmer.
Unschlüssig stehe ich vor meinem großen Kleiderschrank und kann mich nicht entscheiden, wie so oft. Das ist nun mal das Schicksal, wenn man in einem Elternhaus aufgewachsen ist, in dem einem jeder Wunsch erfüllt wurde. Geld spielte bei uns nie eine Rolle. Trotzdem bin ich nicht abgehoben und bestreite meinen Lebensunterhalt ausnahmslos selbst. Heute steht noch ein Termin mit Mrs. Garden an und ein Meeting, zu dem allerdings nur die Mitarbeiter gebeten werden, also entscheide ich mich für ein eher legeres Outfit bestehend aus einer engen, hellen Jeans, einer Seidenbluse und meinem Lieblingsblazer. Auf High Heels verzichte ich ganz bewusst und krame meine weißen Lackschnürer hervor.
Die Katze schmiegt sich um meine Beine, als ich wieder die Küche betrete, meine Schlüssel von der Konsole nehme und mir noch einen Smoothie in die Tasche packe.
»Whitney, kannst du meinen Wagen abholen? Die Telefonnummer von der Werkstatt liegt auf der Theke«, dabei deute ich auf den Stapel Zeitschriften, die noch ungelesen darauf liegen.
»Ja klar, mache ich gerne. Wann ist er denn fertig?«
»Ruf einfach am Nachmittag an, und bitte füttere die Katze«, rufe ich meiner Cousine noch zu, bevor ich das Haus verlasse und zu dem wartenden Taxi laufe. Ich nenne dem Fahrer mein Ziel, steige in den Fond des Wagens und wieder erscheint das Gesicht von Jayden in meinen Gedanken, als ich den Geruch des Wagens einatme.
Mein Gott, es ist doch überhaupt nichts passiert und trotzdem drängt sich Jayden immer wieder in mein Bewusstsein. Fast erschrecke ich. Wieso ist nichts weiter passiert? Bin ich so uninteressant für ihn? Mein Ego fühlt sich angekratzt bei dem Gedanken. Ich bin es gewohnt, dass die Typen mir hinterherlaufen, wenn ich es zulasse, nicht umgekehrt. Aber bei Jayden scheine ich keinen bleibenden Eindruck hinterlassen zu haben. Hoffentlich denkt er nicht, ich wäre eine eingebildete Zicke. Den ganzen Abend über hatte ich das Gefühl, dass er mehr von mir will, als nur Smalltalk führen und mich in peinliche Situationen bringen. Aber scheinbar hat er schnell das Interesse an mir verloren. Ich bin keins von den verwöhnten Partygirls, die ihm hinterherlaufen, wenn er nur mit dem Finger schnippt. Das Taxi schiebt sich durch den Vormittagsverkehr und hält an der Kreuzung, an der ich vor zwei Wochen den Fastzusammenstoß mit Jayden hatte. Nachdenklich lasse ich meinen Blick in die Straße schweifen, aber dort nimmt einfach nur das Leben seinen Lauf. Eine Frau mit einem Kinderwagen überquert gerade die leere Straße und kommt sicher auf der anderen Seite an.
»Wir sind da, Miss«, wendet sich der Taxifahrer kurze Zeit später an mich. Ich erwache aus meinen Gedanken und merke erst jetzt, dass wir bereits vor dem Bürokomplex stehen, in dem sich Jakes Geschäftsräume befinden. Ich schiebe ihm einen Zehn-Dollar-Schein nach vorne und winke ab, als er mir das Wechselgeld zurückgeben will.
»Der Rest ist für Sie, danke.«
Pünktlich um 10:00 Uhr betrete ich Jake’s Creative Interiors. Jenny, unsere Praktikantin, steht am Drucker, während Dorothee und Andy sich über den Zeichentisch beugen und wieder mal in eine heftige Diskussion verstrickt sind. Die beiden werden sich nie über das Thema einig, ob es ratsamer ist, in großen Räumen dunkle oder helle Farben zu verwenden.
»Guten Morgen«, begrüße ich die beiden gut gelaunt, gehe weiter zu meinem Büro und werfe meine Tasche auf meinen Schreibtisch. »Ihr könnt es auch nicht lassen, was?«, rufe ich durch die offene Tür. Die beiden folgen mir.
»Guten Morgen, Liz. Wieso müssen Männer immer das letzte Wort haben?«, verteidigt sich Dorothee. Ich zucke mit den Achseln und halte mich bewusst aus ihren Sticheleien heraus, da ich weiß, dass Andy nur mit ihr streitet, um ihr näherzukommen.
»Guten Morgen, Liz. Befrei mich von Dorothee oder es passiert heute noch ein Mord. Sie will einfach nicht einsehen, das ...«
»Hey, könnt ihr beide mal für einen Moment die Luft anhalten? Wo ist Jake? Ich muss dringend mit ihm reden.«
»Er war heute Morgen schon hier, ist aber gleich wieder gegangen. Er bekam einen Anruf von einem Kunden und meinte, er müsse gleich weg«, antwortet Andy.
Ich lasse mich in meinen Schreibtischstuhl sinken und schalte meinen Computer ein. Okay, dann werde ich zuerst meine Termine checken und später zu Mrs. Garden rausfahren.
»Einen Kaffee, Liz?«, fragt Jenny und steckt den Kopf zur Tür herein.
»Gerne, aber du musst das nicht tun. Du bist hier, um etwas zu lernen, und nicht, um uns zu bedienen.«
»Das weiß ich doch, aber ich tue es gern.«
»Also gut, einen Kaffee könnte ich wirklich gebrauchen. Ich habe später noch einen Außentermin bei Mrs. Garden«, dabei rolle ich genervt die Augen. »Wenn du willst, nehm ich dich mit. Da lernst du dann, bei nervigen Kunden die Ruhe zu bewahren. Mrs. Garden ist eine Frau in den Fünfzigern, die glaubt, wenn sie ihr Haus aufmöbelt, bekommt sie noch einen Traummann ab.«
Ich muss bei der Vorstellung grinsen, wie Mrs. Garden sich einen Typen wie Jayden zu angeln versucht. Und schon ist er wieder in meinen Gedanken. Ich schiebe sie einfach weg, als die Tür aufgeht und Jake das Büro betritt.
»Guten Morgen, Liz, kannst du gleich zu mir rüberkommen?«, wendet er sich geschäftig an mich, bevor er auch nur die Jacke auf den Garderobenständer gehängt hat. Muss wohl dringend sein. Ich möchte wissen, mit wem er sich in aller Frühe getroffen hat. Er ist genau wie ich ein Mensch, der nicht vor neun in die Gänge kommt und erst am Nachmittag zu Hochtouren aufläuft.
»Ja, klar. Ich habe auch noch etwas mit dir zu besprechen, wegen Mrs. Garden ...«
Er unterbricht mich. »Das hat Zeit. Was ich mit dir zu bereden habe, hat höchste Priorität.« Damit ist er auch schon in seinem Büro verschwunden. Ich muss schmunzeln, weil er seine Projekte immer in Prios einteilt. Typisch Jake. Ich folge ihm und schließe die Tür hinter mir.
»Was gibt es denn so Wichtiges, dass du schon vor dem Frühstück Termine wahrnimmst?«, frage ich ihn lächelnd und stütze mich auf der Lehne des Stuhls vor seinem Schreibtisch auf.
»Setz dich doch. Liz, ich habe mich gerade mit Jayden Hunt getroffen. Ich hatte dir doch gestern erzählt, dass er ein heruntergekommenes Herrenhaus in England gekauft hat und dieses grundsanieren und zu einem exklusiven Hotel machen will.«
Ich nicke und ahne Böses. »Ja, und?«
»Was soll ich sagen, wir haben den Auftrag«, erklärt er, lehnt sich in seinem Schreibtischstuhl zurück, die Fingerspitzen gegeneinandergedrückt und grinst mich mit einem erhabenen Lächeln an, das nichts anderes aussagt als: Habe ich es dir nicht gestern schon prophezeit?
»Gratuliere.« Mehr fällt mir dazu nicht ein.
»Das ist alles, was du zu sagen hast?« Wieder zucke ich mit den Achseln. »Liz, das ist unser größter Auftrag. Und du tust so, als ginge es hier um ein paar lausige Dollar. Dieser Job bringt richtig was ein. Auch die Konkurrenz hat schon ihre Fühler ausgestreckt. Jayden übernimmt alle Spesen.« Er beugt sich auf seinem Stuhl nach vorne und ich sehe schon, wie es in seinem Gehirn rattert und er die Zahlen überschlägt.
»Jayden will sich heute Abend mit dir treffen, um alle Details zu besprechen«, teilt er mir jetzt geschäftsmäßig mit, während er die Post überfliegt.
»Du wirst nicht dabei sein?«, frage ich überrascht.
Jake schaut auf. »Liz, Jayden will dich. Du hast ihn überzeugt. Ich würde ja mitkommen, wirklich, aber heute geht es nicht. Es ist unser fünfter Hochzeitstag. Ich hab’s letztes Jahr schon vermasselt. Dieses Jahr habe ich Karten für die Oper und du weißt, wie ich die Oper hasse«, dabei rollt er gequält die Augen. »Ich tue es nur Laura zuliebe. Glaub mir, ich würde viel lieber deinen Termin wahrnehmen. Außerdem habe ich einen Tisch im ›Limoncello‹ bestellt, nur wir beide, Laura und ich.«
Er schaut mich mit seinem bittenden Blick an und zieht die Unterlippe nach unten. Verdammt. Wie soll ich da noch widersprechen? Jake arbeitet wirklich viel zu viel, um den Laden in Schwung zu bringen, was ihm in dem letzten Jahr durchaus gelungen ist. Wir sind immer ausgebucht und genießen mittlerweile einen ausgesprochen angesehenen Ruf in der Branche. Außerdem wünscht Laura sich ein Kind und vielleicht ist heute der perfekte Abend dafür.
»Also gut, wann und wo?«, frage ich einsilbig. Aber irgendwie empfinde ich bei dem Gedanken, Jayden heute wiederzusehen, ein unruhiges Kribbeln in mir.
»Du bist ein Schatz. Er holt dich ab.« Dabei schaut Jake auf die Uhr. »Um 19:00 Uhr. Am besten rufst du ihn an, hier ist seine Karte«, dabei reicht er mir eine Visitenkarte über den Schreibtisch. »Dann kannst du ihm deine Adresse geben.«
»Das brauche ich nicht, er kennt sie bereits.« Jetzt ist es Jake, der überrascht aufschaut.
»Gibt es da etwas, das ich wissen sollte?«
Ich gebe mich ganz unbeteiligt, als ich antworte. »Nein, nichts Besonderes. Wir haben nur die letzte Nacht miteinander verbracht, das ist alles.«
Jake fällt vor Entsetzen die Kinnlade herunter.
»Ihr habt was? Ich dachte, du kannst ihn nicht leiden. Elizabeth, ich habe ja nichts dagegen, wenn man ein freundschaftliches Verhältnis mit seinen Kunden eingeht, aber alles hat seine Grenzen.«
»Das finde ich auch. Es war doch deine Idee, dass ich ihn im Wagen mitnehmen soll. Du hast ihn mir mehr oder weniger aufgedrängt.«
»Liz, das war doch gar nicht so gemeint. Das weißt du auch.«
»Wovon sprichst du eigentlich?«
»Ich spreche davon, dass du mit unseren Klienten kein Verhältnis eingehen sollst. Du kennst meine Ansicht, Privates nicht mit Geschäftlichen zu vermischen.«
»Wie kommst du darauf, dass ich ein Verhältnis mit ihm habe?«
»Aber du hast doch gerade gesagt, dass du die Nacht mit ihm verbracht hast.«
»Ja, auf der Landstraße, Jake. Der Keilriemen war gerissen, sodass wir gezwungen waren, die Hälfte der Strecke zu Fuß zu gehen, das war alles. Ich dachte, er hätte es dir heute Morgen erzählt.« Jetzt muss ich lachen.
Endlich entspannen sich Jakes Gesichtszüge wieder und ein Grübchen erscheint auf seiner Wange, während er sich zurücklehnt. »Du hast mich ganz schön erschreckt. Nein, Jayden hat kein Wort darüber verloren. Er ist sehr diskret. Warum hast du mich nicht angerufen, oder einen Abschleppdienst?«
»Hätte ich ja getan, aber der Akku meines Handys war leer und Jayden hatte keins dabei. Also blieb uns nichts anderes übrig, als zu laufen.«
»Da bin ich ja froh, dass du nicht allein unterwegs warst. So, was wolltest du mit mir besprechen?«, kommt Jake jetzt auf mein Thema zurück.
»Mrs. Garden«, fange ich an. »Sie hat immer noch nicht die Anzahlung überwiesen. Ich habe heute einen Termin bei ihr. Du weißt, wie ich es hasse, meine Klienten auf offene Rechnungen hinzuweisen.«
»Sag den Termin ab. Kate soll ihr eine Mahnung schicken, und sobald sie gezahlt hat, machst du einen neuen Termin mit ihr aus.«
»Okay, aber was soll ich sagen, warum ich heute den Termin absagen muss?«, grüble ich.
»Lass das Kate machen. Ihr fällt schon was ein«, zwinkert er mir zu. Ich stehe auf, verlasse sein Büro und teile unserer Sekretärin Kate mit, dass sie den Termin mit Mrs. Garden absagen und gleich heute noch die Mahnung rausschicken soll. Dann setze ich mich an meinen Schreibtisch und versuche, mich auf mein aktuelles Projekt zu konzentrieren, was mir nicht leicht fällt, da immer wieder Jaydens Gesicht in meinen Gedanken herumspukt.
Zwei Stunden später kommt die nächste Nachricht von Jayden:
19:00 Uhr bei dir zu Hause?
Jayden
Kein persönliches Wort, kein Hallo, wie geht’s. Was habe ich erwartet? Heute Abend geht es schließlich um einen geschäftlichen Termin und nichts weiter. Ich schnappe mein Handy und bestätige den Termin genauso einsilbig, bevor ich mich um einige Kalkulationen für ein neues Projekt kümmere, die den ganzen Nachmittag in Anspruch nehmen. Als die Sonne schon langsam untergeht, klopft Dorothee an meine offene Bürotür.
»Liz, hast du mal auf die Uhr geschaut?«
In Gedanken versunken schaue ich auf.
»Ich will dich ja nicht drängen, aber es schon fast 18:00 Uhr.« Dabei tippt sie auf ihre Armbanduhr.
»Verdammt, in einer Stunde will Jayden mich abholen.«
»Deshalb sage ich es dir ja. Ich nehme dich mit, wenn du magst«, bietet sie mir an.
Mir bleibt gar nichts anderes übrig, als Dorothees Angebot anzunehmen, wenn ich pünktlich zum Termin fertig sein will.
»Danke, du bist meine Rettung.« Eilig schnappe ich mir meine Handtasche und verlasse mit meiner Kollegin das Büro.
Unschlüssig stehe ich vor meinem Kleiderschrank und überlege, was ich anziehen könnte, während ich mich gleichzeitig abtrockne. Wieso mache ich mir darüber überhaupt Gedanken? Es ist nur ein Geschäftsesse. Solche Termine hatte ich schon häufiger. Das ist nichts Ungewöhnliches für mich. In der Regel schnappe ich mir einen Hosenanzug oder ein businesstaugliches Kleid und konzentriere mich nur auf das Gespräch mit meinem Klienten. Meistens habe ich bereits konkrete Vorschläge vorbereitet, wie die Räume aussehen könnten, sofern ein Vorgespräch stattgefunden hat. Jayden Hunt ist ein Klient wie jeder andere auch. Und doch kreisen meine Gedanken nur um ihn als Mann und nicht um das Projekt, das er mir übertragen will.
Das rote Abendkleid mit dem tiefen Rückenausschnitt funkelt mir aus dem Schrank entgegen. Ich streiche mit der Hand über den zarten Stoff. Soll ich es wirklich anziehen? Entschlossen greife ich zu dem Bügel, ziehe das Kleid heraus und halte es vor meinen Körper. Verliebt schaue ich mich im Spiegel an. Das edle Stück habe ich auf der Hochzeit meines Bruders getragen. Es liegt verführerisch auf meiner Haut. Der tiefe Rückenausschnitt hat einigen Männern den Kopf verdreht. Ich muss jetzt noch schmunzeln, als ich an den stürmischen Verehrer denke, den mein Bruder in seine Schranken weisen musste, nachdem er seine Finger einfach nicht bei sich behalten konnte. Ob Jayden das Kleid auch gefallen wird? Whitneys Stimme reißt mich aus meinen Gedanken.
»Gehst du heute noch aus?«
Erschrocken drehe ich mich um und wäre fast über den Saum des Kleides gestolpert. Whitney steht im Türrahmen und löffelt Eis direkt aus der Packung. Dabei weiß sie ganz genau, wie sehr ich es hasse, wenn sie das tut, anstatt sich eine Portion in einer Schüssel zu nehmen.
»Whitney, du hast mich erschreckt. Außerdem mag ich es nicht, wenn du die Eiscreme direkt aus der Packung löffelst.« Verwundert runzelt sie die Stirn und isst unbeirrt weiter.
»Ist doch fast leer. Ich dachte, du hättest mich gehört. Obwohl du wie eine verliebte Kuh in den Spiegel geschaut hast. Wer ist er?« Jetzt kommt sie auf mich zu und ihr Gesicht grinst mich scheinheilig aus dem Spiegel an, während sie den leeren Becher auf dem Sessel abstellt, sich hinter mich stellt und ihre Arme über meine Schulter legt.
»Was meinst du?«
Sie deutet auf das sexy Kleid in meiner Hand. Als hätte sie mich auf frischer Tat bei etwas Verbotenem ertappt, hänge ich das edle Kleidungsstück wieder in den Schrank zurück und greife nach einem schlichteren Modell. »Es gibt keinen ›Er‹. Ich habe einen geschäftlichen Termin heute Abend.«
»Ach, und da zieht man so ein Kleid an.«
»Whitney, hör auf. Ich werde dir nichts mehr erzählen. Hast du übrigens meinen Wagen aus der Werkstatt geholt?«
»Ja, die Rechnung liegt in der Küche.«
»Danke, du bist ein Schatz.«
»Willst du mir nicht verraten, was du heute noch vorhast?«
»Habe ich doch gesagt. Ich habe einen geschäftlichen Termin.«
»Ach so. Und wie sieht er aus?« Ich weiß genau, dass sie mir das nicht abnimmt.
»So eine Mischung aus George Clooney und Sean Connery in ›Dr. No‹, nur eben jünger, wenn du es genau wissen willst.«
Meine Cousine pfeift beeindruckt durch die Zähne. »Dachte ich es mir doch. Genau der Typ, auf den du abfährst.«
Ich werfe einen Blick auf meine Armbanduhr und scheuche Whitney aus dem Schlafzimmer, ohne mich weiter von ihr ausfragen zu lassen.
»Du hältst mich auf. Ich sollte schon längst fertig sein. Ich bin spät dran.«
»Dann würde ich an deiner Stelle nicht wie ein Honigkuchenpferd vor dem Spiegel stehen und mich selbstverliebt anlächeln. Ich wünsche dir viel Spaß«, flötet sie mir noch zu und verschwindet kichernd in Richtung Küche.
»Das ist ein Geschäftsessen, Whitney, weiter nichts«, rufe ich ihr durch die offene Tür nach. Dabei weiß ich es besser. Es ist alles andere als ein Geschäftsessen. Zumindest für mich, auch wenn ich es mir nicht eingestehen will.
»Das kannst du unserer Großmutter erzählen«, höre ich sie noch undeutlich. Bevor ich ihr antworten kann, klingelt es bereits an der Tür. Na ja, pünktlich ist er.
»Kannst du bitte aufmachen, Whitney?« Kaum habe ich diesen Satz ausgesprochen, bereue ich es fast, dass ich viel zu viel Zeit vertrödelt habe. Verflucht. Whitney wird ihn sehen und sich ihren Reim darauf machen. Ich höre, wie sie die Tür öffnet und ihn begrüßt. Verdammt, sie bittet ihn tatsächlich in die Wohnung. Schnell angele ich meine Pumps aus dem Schrank und wäre beim Überstreifen der Schuhe beinahe gegen das Bett gestolpert. Mist, Mist, Mist. Was ist denn mit mir los? Ein kurzer Blick in den Spiegel, fertig. Ich straffe die Schultern, ziehe das Etuikleid, das mir unverschämt sexy am Körper liegt, in Form und betrete den großen Flur.
Die Tür zum Wohnzimmer steht offen. Jayden sitzt entspannt auf der Lehne meines alten Ohrensessels und lacht ungeniert mit Whitney über eine Äußerung von ihr. Die entspannte, freundliche Stimmung der beiden versetzt mir einen kleinen Stich. Wieso gibt es zwischen ihm und Whitney sofort diese lockere Atmosphäre? Als ich ihn kennenlernte, hat er mir nur seine arrogante Seite gezeigt und mich behandelt, als wäre ich ein lästiges Insekt. Sie kennt ihn doch gar nicht.
Oder liegt es vielleicht genau daran, dass sie ihn nicht kennt? Ich sollte mir nichts vormachen, Whitney versteht sich mit allen Leuten auf Anhieb. Es ist ihre lockere, offene Art, auf die Menschen zuzugehen, die sie so sympathisch macht. Als ich in der Wohnzimmertür stehe, schaut Jayden auf und lächelt mich an. Dieses verflucht sexy Lächeln, das mich sofort einwickelt. Aber ich will nicht, dass er mich einwickelt. Von Typen, wie er einer ist, habe ich die Nase gestrichen voll.
Mein letzter Freund war eine Katastrophe und hat sich als mieser Mistkerl entpuppt, als ich ihn mit einer Freundin im Bett erwischt habe.
Mein Bedarf an sexy Badboys ist definitiv gedeckt und trotzdem lässt Jayden mein Herz schneller schlagen.
»Können wir gehen?«, frage ich reserviert.
Er erhebt sich von der Lehne. »Natürlich. Guten Abend, Elizabeth.« Dann beugt er sich zu Whitney, reicht ihr die Hand und verabschiedet sich von ihr. »Hat mich gefreut.«
Da ist sie, seine gute Kinderstube, er kann also auch anders, wenn er will. Wieso habe ich ihn nicht von dieser Seite kennengelernt? Aber wer weiß, vielleicht wäre ich ihm dann bereits mit Haut und Haaren verfallen, nur um spätestens am nächsten Morgen mit dem bitteren Wissen aufzuwachen, dass ich mich wieder in einen Playboy verliebt habe.
Jayden sieht verdammt sexy aus. Er trägt enge, dunkle Jeans, dazu ein weißes Hemd ohne Krawatte, der oberste Knopf steht offen und zeigt seine gebräunte Haut. Das Sakko hat er sich locker über die Schulter gehängt. Er sieht einfach fantastisch aus. Seine italienischen Schuhe vervollständigen das Bild eines einflussreichen Geschäftsmannes. Als ich an mir herunterschaue, bin ich heilfroh, mich für dieses Etuikleid entschieden zu haben.
Wir passen perfekt zusammen, wie ich erschrocken feststelle. Und heute habe ich absichtlich einige Tropfen mehr von meinem Lieblingsparfüm verwendet.
Als ich an ihm vorbeigehe, sehe ich, wie er für den Bruchteil einer Sekunde die Augen schließt und tief einatmet. »Tom Ford, Noir«, raunt er mir zu. »Perfekt. Du hast einen außerordentlichen Geschmack.«
»Du aber auch. Tom Ford, Tuscan Leather«, antworte ich genauso sicher wie er. Beeindruckt zieht er die Augenbrauen hoch, bevor er seine Hand an meine Schulter legt und mich aus der Wohnung schiebt.
»Ich habe einen Tisch im ›Davio’s‹ reservieren lassen«, teilt er mir mit. Natürlich, eines der schicksten Restaurants in Boston. Viele meiner Bekannten gehen dort zum Essen hin. Ich werde sicher den einen oder anderen treffen. Und gerade habe ich ein Déjà-vu; genauso hatte es mit meinem letzten Freund angefangen.
»Viel Spaß«, höre ich Whitney uns noch nachrufen. Dafür könnte ich sie erwürgen. Ich zögere kurz, drehe mich zu ihr um, will irgendetwas sagen, aber Jayden legt diskret den Arm um meine Taille, sodass jedes Gespräch im Keim erstickt wird und ich ihm nur stumm zu seinem Wagen folgen kann. Es ist der Sportwagen, mit dem ich fast kollidiert wäre. Verstohlen werfe ich einen Blick auf die Motorhaube, aber da ist nichts außer perfekt poliertem Lack zu sehen.

Holly Summer
Two of us
Einzelband
Kapitel 1
Wie jeden Morgen kurz vor den Achtuhrnachrichten steht Alexa im Badezimmer vor dem Spiegel und legt ihr Make-up auf. Die Samstage und Sonntage ausgenommen. Denn seit die Kinder aus dem Haus sind, genießt es Alexa, die Wochenenden mit einem späten Frühstück zu beginnen und das Mittagessen ausfallen zu lassen. Jetzt schneidet sie eine Grimasse und mustert sich im Spiegel. Sie ist keine Zwanzig mehr, die Dreißig hat sie längst hinter sich gelassen und eine dicke Vier weist auf ihre Altersgruppe hin. Die ersten winzigen Fältchen graben sich langsam, aber sicher einen Weg in ihre sonst makellose Haut, wenn sie, wie jetzt, die Mundwinkel nach oben zieht und ein Lächeln ihre Augen erstrahlen lässt. Mimikfalten nennt ihre Freundin Christabel die dünnen Linien. Aber Alexa weiß es besser: Das Alter beginnt, sich in ihren Körper und ihr Gesicht zu schleichen. Erst gestern hat sie doch tatsächlich das erste graue Haar an ihren Schläfen entdeckt. Vielleicht waren es auch zwei oder drei. Alexa hat nicht lange gezögert und sie mit einem erhabenen Lächeln einfach herausgezupft. Sie strahlt immer noch eine Attraktivität aus, um die sie viele ihrer Freundinnen beneiden. Trotzdem benutzt sie schon seit einiger Zeit mehr als nur ihren dezenten Lipgloss und schwarze Mascara, mit der sie ihre dünner gewordenen Wimpern wieder in Form bringt. Seit sie die 40 überschritten hat und die 50 in greifbare Nähe rückt, war das nicht mehr genug. 50! Aber was bedeuten schon Zahlen? Zufrieden lächelt sie ihr Spiegelbild an.
Ihr Mann Marc hat heute früher das Haus verlassen und ist zu einem Termin bei Gericht gefahren. In letzter Zeit ist er immer häufiger unterwegs. Wenn er dann abends nach Hause kommt, wirkt er abgespannt, müde und ist mit seinen Gedanken meist noch bei einem seiner Klienten. Alexa weiß aus Erfahrung, dass sie ihn dann nicht auf unangenehme Themen ansprechen darf. Selbst ihre Versuche, mit ihm auf Kuschelkurs zu gehen, blieben in den letzten Monaten oft erfolglos. Doch aufgeben kommt für Alexa nicht in Frage. Auch wenn die Situation sie frustriert, weiß sie, dass sie Mittel und Wege finden wird, ihren Mann zurückzugewinnen. Der Sprecher im Radio sagt einen wunderschönen Frühlingstag mit einer Regenwahrscheinlichkeit von null Prozent voraus, was Alexa wieder an das Golfmatch erinnert, zu dem sie mit Marc und Freunden am Abend verabredet ist. Und Marc hat ihr versprochen, dass er heute nicht zu spät nach Hause kommen wird. Wie oft hat er diesen Satz schon zu ihr gesagt und sich doch verspätet, denkt sie wehmütig und lässt den Lippenstift wieder in die Kosmetiktasche gleiten. Alexa hat es zwischenzeitlich aufgegeben, ihm deswegen Vorwürfe zu machen. Er ist ein schwerbeschäftigter Mann, der seinen Beruf als Anwalt ernst nimmt. Seit er in die große Kanzlei mit einsteigen konnte und damit die Chance ergriffen hat, sich beruflich und auch gesellschaftlich einen Namen zu machen, hat sich vieles in Alexas und Marcs Leben verändert. Alle haben sie davon profitiert. Besonders die Kinder.
Die Zeitansage im Radio holt Alexa in die Realität zurück. Entschlossen zieht sie sich die Pumps über, schnappt sich ihre leichte Sommerjacke und verlässt das obere Stockwerk. Ihre Absätze klackern auf dem dunklen Marmorboden, der den Eingangsbereich bedeckt, während sie nach ihrer Tasche und den Autoschlüsseln greift und das Haus verlässt. Auf dem Weg zur Redaktion kommt ihr wieder das Gespräch in den Sinn, das sie gestern mit ihrem Chef geführt hat. »Warum übernimmst du nicht die Kolumne für Haus und Garten?«, hatte er sie ganz offen gefragt. Haus und Garten! Hielt er sie für zu alt für die Rubrik Lifestyle? Musste eine jüngere Kolumnistin her? Stand sie vielleicht schon in den Startlöchern? Schließlich hatte Lance nicht umsonst vor einem halben Jahr Heather zur Unterstützung für Alexa eingestellt. Eine Aufgabe, die die junge und ambitionierte Frau von Beginn an mit Bravour gemeistert hat. Und doch denkt Alexa gar nicht daran, ihre Kolumne aufzugeben und ihr Lebenswerk einer Jüngeren zu überlassen.
Lance hatte ihr vor zehn Jahren selbst die Lifestyle-Kolumne angeboten und sie so zur Daily Post gelockt. Der Erfolg gibt beiden Recht. Alexas Artikel sind populär, und für die Leser nicht mehr wegzudenken. Trotzdem sind die Auflagezahlen der Zeitung in letzter Zeit geschrumpft. Liegt das auch an ihren Texten? Haben sie nicht mehr genügend Aktualität oder Esprit, die Leser zu fesseln? Warum muss sie immer an ihrem Können zweifeln? Die Kolumne ist Alexas Baby und sie wird sie behalten. Punkt! Wer hat denn die ganzen Kontakte zur Szene? Alexa!
Warum Heather überhaupt mit ihrem hervorragenden Abschluss in der Tasche hier unten in Florida Fuß fassen will, ist Alexa ein Rätsel. Sie könnte überall bei den großen Zeitungen unterkommen. Aber Heather hat sich für die Daily Post entschieden. Nur wenige Minuten in Lance‘ Büro und schon waren sich ihr Chef und Heather einig. Weiß der Teufel, warum. Sie hat eine Chance verdient, aber keine, die Alexa schadet.
Innerlich aufgewühlt hätte sie fast die rote Ampel übersehen und eine Passantin angefahren, die in letzter Sekunde auf den Bürgersteig springt und fürchterlich zu schimpfen anfängt. Alexa rollt nur die Augen und murmelt eine Verwünschung, bevor sie sich mit einem Lächeln bei ihr entschuldigt. In diesem Moment klingelt ihr Handy. Es ist ihre Tochter, die genau wie damals Alexa, in New York Journalismus studiert.
»Hi Schatz.«
»Hi Mom. Ich wollte dir nur sagen, dass ich dieses Wochenende nicht nach Hause komme. Ein paar Leute aus der Uni fahren nach Rhode Island hoch.«
»Und da willst du natürlich mitfahren.«
»Ja, ist doch kein Problem für euch, oder?«
»Nein, natürlich nicht. Mach dir ein schönes Wochenende.«
»Wir sehen uns dann spätestens zu eurer Silberhochzeit. Bis dahin ist es eh nicht mehr lange. Ich weiß nicht, ob ich es noch schaffe, vorher zu euch zu kommen. Ich hab noch viel aufzuarbeiten, weißt du?«
Alexa kommt es vor, als wollte sich Toni rechtfertigen, aber das muss sie nicht. Sie lebt jetzt in New York, hat dort neue Freunde gefunden und in erster Linie zählt nur ihr Studium. Alles okay!
»Mach dir keine Gedanken Schatz, wir verstehen das.«
Alexa zögert kurz, ihrer Tochter anzubieten, nächstes Wochenende zu ihr nach New York zu kommen, verwirft diesen Gedanken aber schnell wieder. Toni ist erwachsen und muss ihr eigenes Leben führen, auch wenn es Alexa schwerfällt, loszulassen.
»Wir haben hier sowieso alle Hände voll zu tun.«
»Habt ihr denn jetzt eigentlich ein Event für euren besonderen Tag geplant?«
»Nicht wirklich. Dein Dad hüllt sich noch in Schweigen. Er will sich um alles kümmern und mich damit überraschen.«
»Oh mein Gott. Wenn Dad sich um die Silberhochzeit kümmert, dann kann da nichts Gescheites rauskommen. Ihr solltet Heather damit beauftragen. Ich finde, sie hat ein Händchen dafür, tolle Partys zu planen.«
»Ach weißt du, vielleicht fahren dein Dad und ich auch einfach für ein paar Tage weg.«
»Das könnte euch so passen. Einfach ab durch die Mitte, was?« Toni lacht und Alexa wechselt das Thema, bevor ihre Tochter sich noch weiter einmischen kann.
»Hast du was von deinem Bruder gehört?«
»Mitch?«
»Ja, ich wüsste nicht, dass du einen weiteren Bruder hast.« Alexa muss grinsen.
»Nö, nur gesehen. Er hat mir ganz stolz ein Foto von sich vor der Harvard Uni geschickt.«
»Dann bist du uns einen Schritt voraus«, sagt Alexa wehmütig.
»Er wird sich schon melden, Mom. Spätestens, wenn ihm das Geld ausgegangen ist«, ulkt Toni. Sie war schon immer die Schlagfertigere von den Zwillingen, Mitch der feinfühlige und ruhige Typ. Und gerade deshalb ist Alexa immer ein wenig in Sorge um ihn.
»Er hat sich eben viel vorgenommen.« Alexa ergreift automatisch Partei für ihren Sohn. Sie liebt beide Kinder, aber Mitch war im Geheimen immer ihr Liebling. Dafür konnte Marc Toni nie einen Wunsch abschlagen.
»Mag sein. Mitch war ja schon immer ein Perfektionist.«
»Bist du jetzt nicht ungerecht?«
»Du, Mom ich muss los. Wir sehen uns ja bald. Ciao.«
»Ciao Süße.«
Hi, ciao, eine Absage, das war alles. Für einen Augenblick ist es wieder da: dieses Gefühl von Verlust. Doch das wird vergehen. Ganz sicher wird es vorbeigehen. Toni und Mitch leben jetzt ihr eigenes Leben, an dem Alexa und Marc nur noch begrenzt teilhaben werden. Wieder drängt sich das Gefühl in Alexa auf, nicht mehr gebraucht zu werden, alles im Leben erreicht zu haben, so dass es nur noch bergab gehen kann. Aber das darf es nicht. Nicht bei ihr und Marc. Die meisten ihrer Freunde sind längst geschieden, haben Verhältnisse oder leben nur noch nebeneinander her, weil es bequem ist. Bequem! Ist es bei ihr und Marc auch nur bequem und zur Gewohnheit geworden? Nicht zum ersten Mal denkt sie über diese Frage nach. Wann hatte sie das letzte Mal Sex mit ihrem Mann? Wann haben sie mal etwas Verrücktes getan? Ihr Leben ist durchorganisiert und geplant bis ins letzte Detail. Die Treffen mit ihren Freunden in einer der schicken Bars hier im Süden von Florida, sind schon lange zur Gewohnheit geworden. Von den Dinnerverabredungen will sie gar nicht reden. Meistens sitzt sie dort mit Geschäftskollegen ihres Mannes an einem Tisch und führt langweilige Konversation. Wo ist die Zweisamkeit für Alexa und Marc geblieben?
Als hätte ihr Mann ihre Gedanken gehört, vibriert ihr Handy.
»Hi Schatz«, begrüßt sie ihn.
»Hi, ich wollte mich nur kurz bei dir melden. Ich werde heute den ganzen Tag unterwegs sein oder in Terminen stecken«, teilt er ihr mit.
»Okay, aber vergiss nicht, wir sind heute Abend mit William und Christabel zum Golfspielen verabredet.«
»Ich weiß, dabei passt es mir heute eigentlich überhaupt nicht.«
»Wann passt es denn mal bei dir?«, fragt Alexa vorwurfsvoll. »Weißt du, wie sehr ich mir die Zeit zurückwünsche, als wir uns kennenlernten?«
»Was soll das jetzt, Alexa?«
»Ach, ich würde nur einfach gerne wieder mal mit dir zu einem Baseballspiel der Golden Eagles gehen und alte Zeiten heraufbeschwören. Du kannst dich doch sicher noch erinnern?«
»Natürlich, wie kannst du nur fragen? Bei einem Baseballspiel fing alles an. Die Cola, die du mir beim Jubeln über die Hose gekippt hast, klebt heute noch.«
»Und dann schauten wir uns nur in die Augen«, erinnert sich Alexa. »Ich stammelte irgendeine Entschuldigung und eine Stunde später saßen wir zusammen in einer Bar am Strand.«
»Vorher hast du aber noch wie wild auf dem Fleck herumgewischt.«
»Weißt du, von diesem Moment an wusste ich, dass du meine große Liebe warst und es immer noch bist.«
»Und jetzt denkst du, dass ich dich nicht mehr liebe, nur weil ich beruflich sehr eingespannt bin?«
»Nein, aber die Zeit hat vieles verändert. Wir sind älter und reifer geworden, vielleicht auch ein wenig weiser und nicht mehr so verrückt und unternehmungslustig, wie wir es damals waren. Aber warum eigentlich?«
»Weil wir Verantwortung übernommen haben«, sagt Marc nüchtern.
»Aber wir sind doch noch nicht zu alt, um etwas Verrücktes zu tun. Warum sollten wir jetzt nicht noch einmal durchstarten, uns auf neue Abenteuer einlassen. Schau, die Kinder sind aus dem Haus, wohnen sogar in einer anderen Stadt und haben ihr eigenes Leben. Warum sollten wir nicht mal wieder in einen Club tanzen oder einfach wie früher zu einem Rockkonzert fahren? Hm, was meinst du?«
»Ist es das, was du dir wünschst? Warum hast du das noch nie gesagt?«
»Vielleicht, weil ich dachte, du könntest selbst mal auf die Idee kommen. Weißt du eigentlich, wann wir das letzten Mal Sex hatten.«
Marc schweigt eine gefühlte Ewigkeit.
»Siehst du. Es fällt dir beim besten Willen nicht ein«, hält Alexa ihrem Mann vor.
»Weißt du es denn?«
Jetzt ist es Alexa, die sich in Schweigen hüllt.
»Okay, genau weiß ich es auch nicht. Aber wenn wir wenigstens in diesem Punkt fantasievoller wären, könnte ich über die wenigen Male hinwegsehen. Oder siehst du das anders?«
»Alexa, denkst du nicht, wir könnten diese Diskussion auf später verschieben?«
»Tut mir leid. Natürlich, aber wann hast du denn mal Zeit für ernste Diskussionen?«
»Heute Abend, versprochen. Also bis später.«
Marc verabschiedet sich abrupt und Alexa geht ein Gedanke nicht mehr aus dem Kopf: Es muss sich etwas ändern! Irgendetwas muss passieren, und zwar bald!
Als sie an einer Plakatwerbung für einen Urlaub an einem tropischen Strand vorüberfährt, weiß sie auch schon genau, wie sie ihren Mann wieder ins Boot holt. Sie wird mit Marc für ein paar Tage wegfahren. Vielleicht ein Urlaub auf den Bahamas? Alexa beschließt, diese Idee weiter zu verfolgen und Marc später darauf anzusprechen. Vielleicht könnte sie sogar in der Mittagspause kurz zum Reisebüro rübergehen oder im Internet nach einer schönen Reise recherchieren. Mit diesen Gedanken hellt sich ihre Stimmung sofort wieder auf.
Vor dem Zeitungsverlag wird gerade eine Parklücke frei, sodass Alexa wenigstens in diesem Punkt heute Glück zu haben scheint. Sie schnappt sich ihre Tasche und ihre Jacke und läuft durch das Treppenhaus in den zweiten Stock.
»Guten Morgen, Alexa. Kann ich dich gleich in meinem Büro sprechen«, wird sie von ihrem Chef begrüßt, der im Türrahmen steht und Alexa hereinkommen sieht.
»Natürlich Lance.«
Sie stellt ihre Tasche neben ihren Schreibtisch, zieht sich den Bleistiftrock in Form und schreitet mit erhobenem Kopf durch die Glastür in das Büro von Lance Hanson. Er ist der Herausgeber der Zeitung und ein gerissener Fuchs, wenn es darum geht, hinter einer Story herzujagen und außerdem ein guter Freund von Alexa und Marc.
»Setz dich doch.«
»Lance, wenn du noch einmal auf unser Gespräch von gestern ...«
Lance hebt abwehrend die Hände.
»Nein, nein, darum geht es nicht. Vergiss es einfach. Es war nur so eine Idee von mir.«
»Eine blöde Idee.« Diesen kleinen Hieb kann sich Alexa nicht verkneifen. Jetzt lächelt sie Lance an und nimmt ihm gegenüber Platz.
»Ja, du hast Recht. Aber um auf das eigentliche Thema zurückzukommen. Was hältst du von einer Serie über Paare und deren Verhaltensweisen beim Sex, ihre Vorlieben und Gewohnheiten und so weiter? Ich denke, das ist ein aktuelles Thema, das die Auflagenzahl wieder in die Höhe treiben könnte.«
»Ja, warum nicht. Hast du schon konkrete Vorstellungen, wie wir vorgehen wollen?«
»Nein, ich bin da ganz offen und überlasse gerne dir die Entscheidung. Denkst du, du kriegst das hin?«
»Warum sollte ich nicht. Glaubst du, nur weil ich 48 bin, habe ich keine Ahnung mehr, was nachts zwischen Mann und Frau im Schlafzimmer passiert?«
»Genau das ist der Punkt. Sex findet doch nicht ausschließlich im Schlafzimmer statt.«
»Lance, das war eine Metapher. Musst du jedes Wort von mir auf die Goldwaage legen? Natürlich weiß ich das.«
»Alexa versteh mich nicht falsch. Ich will dir nicht zu nahe treten. Aber es werden einige Recherchen nötig sein. Wenn wir das groß aufziehen wollen, sollten wir auch in die speziellen Clubs gehen und versuchen, einige Interviews zu bekommen. Das ist es doch, was die Leser interessiert. Sex mal anders, außerhalb des Schlafzimmers.«
»Gute Schlagzeile, Lance.«
»Danke. Wie gesagt, hier müsstest du genau in dieser Richtung recherchieren. Ich weiß nicht, ob du dir das zutraust. Und dann denke ich auch an Marc.«
»Was soll diese Frage! Und was hat Marc damit zu tun? Ich mache doch nur meinen Job. Das heißt doch noch lange nicht, dass ich diese Erfahrungen am eigenen Leib machen muss, oder?« Alexa lacht auf, bevor sie weiterspricht. »Ich bin Journalistin und verstehe mich ausgezeichnet darauf, Informationen aus meinen Gesprächspartnern herauszulocken.«
»Tut mir leid, so war das nicht gemeint. Ich wollte dich nicht herabsetzen, das weißt du. Und ja, du bist eine fabelhafte Journalistin. Ich wollte dich nur nicht in eine unangenehme Lage bringen, das war alles.«
»Du wolltest Heather den Job anbieten!« Das war keine Frage, sondern eine Feststellung.
Alexa starrt ihren Chef erwartungsvoll an. Im Raum ist es plötzlich so ruhig geworden, dass man eine Stecknadel hätte fallen hören können. Wieder ist es da, dieses Gefühl nicht mehr gebraucht zu werden, den Herausforderungen, die das Leben stellt, nicht mehr zu genügen. Kurzum: zu alt zu sein.
Lance zuckt nur mit den Schultern, bevor er antwortet.
»Der Gedanke lag schon nahe. Sie ist ehrgeizig und heiß auf einen großen Auftrag. Ich spüre doch, wie gerne Heather sich beweisen würde, indem sie selbst eine Story schreibt und nicht immer in deinem Schatten steht. Aber ich möchte die Entscheidung natürlich nicht ohne deine Meinung dazu fällen.«
»Lance?« Der ängstliche Unterton ist deutlich aus Alexas Stimme herauszuhören.
»Ja?«
»Nimm mir die Kolumne nicht weg. Ich werde wieder bessere Beiträge schreiben. Versprochen.«
»Alexa, davon kann doch überhaupt keine Rede sein. Deine Beiträge waren nie schlecht. Es lag nicht an dir, dass die Auflagenzahl gefallen ist. Es liegt an der Konkurrenz.«
»Danke.«
»Wofür?«
»Für deine Ehrlichkeit und Offenheit.«
»Hey, wir sind Freunde, oder hat sich da in letzter Zeit irgendetwas geändert, das ich nicht mitbekommen habe?«
»Nein und im Übrigen freue ich mich schon auf die Recherche. Was hältst du davon, wenn ich die Serie mit Heather zusammen angehe? Sozusagen als gleichberechtigtes Team?«
Jetzt muss Lance lachen.
»Das finde ich ausgezeichnet. Sie kann noch viel von dir lernen.«
»Weißt du ...«, Alexa unterbricht sich kurz in Gedanken, bevor sie weiterspricht. »... Heather ist in den letzten Monaten eine wirklich gute Freundin geworden, nicht nur von mir, sondern auch von Marc. Ich habe fast das Gefühl, sie sieht in uns so etwas wie ihre Mentoren, die sie unter die Fittiche nehmen und denen sie sich anvertrauen kann. Auch aus diesem Grund möchte ich natürlich, dass Heather ihre Chance bekommt.«
»Gut, ich lasse dir die Unterlagen gleich rüberbringen. Du und Heather, ihr macht das schon.«
»Worauf du dich verlassen kannst. Die Auflagenzahl wird wieder steigen; das verspreche ich dir.« Sie steht mit einem Lächeln auf dem Gesicht auf und verlässt das Büro. In der Tür dreht sie sich noch einmal um und funkelt Lance vermessen an.
»Lance?«
Der Redakteur schaut auf.
»Hast du etwa gedacht, ich würde ablehnen?«
Lance zuckt die Schultern. »Vielleicht«, antwortet er zurückhaltend.
»Bring mir die Unterlagen, um den Rest kümmere ich mich schon.«
»Genauso kenne ich dich.«
Zwei Meetings, drei Tassen Kaffee und etliche Telefongespräche später eilt Alexa über die stark befahrene Straße zum Reisebüro, in dem ihre Freundin Patricia zweimal die Woche arbeitet.
Alexa betritt den Laden und sieht Patricia hinter ihrem Schreibtisch sitzen. Sie telefoniert, wie so oft und hämmert ungeduldig auf ihre Tastatur ein. Dabei signalisiert sie Alexa, schon mal Platz zu nehmen.
»Guten Tag Mrs. Freeman«, wird Alexa von einer weiteren Mitarbeiterin begrüßt, die gerade den Raum betritt.
»Guten Tag, Amanda.«
»Kann ich Ihnen einen Kaffee bringen?«
»Ein Wasser wäre schön. Ich hatte heute Morgen schon zu viel Kaffee«, gesteht Alexa und lächelt die Mitarbeiterin freundlich an.
»Sehr gerne.« Damit verschwindet die Brünette wieder im Hinterzimmer, um kurz darauf mit einem Glas Wasser zurückzukommen.
Mittlerweile hat auch Patricia ihr Gespräch beendet und legt den Hörer auf.
»Puh, was manche Leute für Vorstellungen haben, was ein Urlaub kosten soll«, sagt sie lächelnd und schüttelt ihren perfekt frisierten Kopf.
»Hast du etwas Schönes für uns gefunden?«, fragt Alexa an ihrer Freundin gewandt.
»Oh ja, ich habe mich gleich nach unserem Telefongespräch heute Morgen dahinter geklemmt und dir hier alles ausgedruckt. Am besten schaust du die Unterlagen mit Marc durch. Es ist auch eine dreiwöchige Reise quer durch Europa dabei oder das hier ...« Sie blättert die Ausdrucke durch und schiebt Alexa das Angebot über den Tisch. »Hier, sieh dir das mal an, ... haben wir ganz neu reinbekommen. Eine Kreuzfahrt auf einem Luxusdampfer an der Küste von Südamerika bis nach Feuerland«, schwärmt sie. »Ich hätte aber auch noch etwas ganz Spezielles. Was hältst du von einem Urlaub in einem Eishotel oben in Alaska?«
»Du machst Witze«, sagt Alexa und verschluckt sich fast an ihrem Wasser. »Meinst du, ich könnte Marc für drei Wochen aus der Kanzlei loseisen? Und Kälte hasst er, das weißt du doch. Warum sind wir wohl nach Florida gezogen?«
»Dann vielleicht das hier.« Wieder zieht sie einen Ausdruck aus dem Stapel. »Wie wäre es mit einem Landhaus in der Toskana?«
Jetzt scheint Patricia Alexas Interesse geweckt zu haben. Sie überfliegt den Text.
»Das könnte mir schon gefallen. Marc und ich mal ganz allein und weit weg von seinen Klienten.«
Wieder klingelt Patricias Telefon. Sie zuckt bedauernd mit den Achseln und nimmt das Gespräch an. Alexa signalisiert ihrer Freundin, dass sie wieder losmuss. Sie winkt Patricia zu und verlässt das Reisebüro. In einem kleinen Deli kauft sie sich ein leckeres Baguette, bevor sie sich wieder hinter ihrem Schreibtisch verkriecht, um einen Artikel fertig zu schreiben.