Kitabı oxu: «Am Tag, als Walter Ulbricht starb»

Horst Bosetzky / Jan Eik
Am Tag, als
Walter Ulbricht starb
Roman
Jaron Verlag
Horst Bosetzky alias -ky lebt in Berlin und gilt als «Denkmal der deutschen Kriminalliteratur». Mit seiner mehrteiligen Familiensaga (schließend mit «Kartoffelsuppe oder Das Karussell des Lebens»), seinen dokumentarischen Spannungsromanen und biografischen Romanen avancierte er zu einem der erfolgreichsten Autoren der Gegenwart. Für die bekannte Krimireihe «Es geschah in Berlin», die er mit dem Jaron Verlag begründete, verfasste er mehrere Bände (zuletzt «Auf leisen Sohlen», 2017).
Jan Eik, geboren 1940 in Berlin als Helmut Eikermann, ist freiberuflicher Autor und Publizist. Er schrieb zahlreiche Kriminalromane, darunter mehrere Bände für die Reihe «Es geschah in Berlin» (zuletzt «Grenzgänge», 2015), Bücher über die DDR-Zeit sowie Hör- und Fernsehspiele. Im Jaron Verlag veröffentlichte er zuletzt «Ost-Berlin, wie es wirklich war» (2016) und «Attentat auf Honecker und andere Besondere Vorkommnisse» (mit Klaus Behling, 2017).
Neuausgabe
1. Auflage dieser Ausgabe 2017
© 2010 Jaron Verlag GmbH, Berlin
1. digitale Auflage 2013 Zeilenwert GmbH
Alle Rechte vorbehalten. Jede Verwertung des Werkes und aller seiner Teile ist nur mit Zustimmung des Verlages erlaubt. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Medien.
www.jaron-verlag.de
Umschlaggestaltung: Bauer + Möhring
ISBN 9783955522445
Inhaltsverzeichnis
Cover
Titelseite
Impressum
DIE FAKTEN
EINS Mai 1972
ZWEI Mai 1972
DREI Juni 1972
VIER Juni 1972
FÜNF Juli 1972
SECHS Juli 1972
SIEBEN Juli 1972
ACHT Spätsommer 1972
NEUN september 1972
ZEHN Herbst 1972
ElF Jahreswechsel 1972/73
ZWÖLF April 1973
DREIZEHN Mai 1973
VIERZEHN Mai 1973
FÜNFZEHN Juni 1973
SECHZEHN Juni 1973
SIEBZEHN Juni 1973
ACHTZEHN Juli 1973
NEUNZEHN Ende Juli 1973
ZWANZIG Juli 1973
EINUNDZWANZIG 31. Juli 1973
ZWEIUNDZWANZIG 31. Juli 1973
DREIUNDZWANZIG 1. August 1973
Berliner Mauerkrimis
Es geschah in Berlin …
DIE FAKTEN
Während der 28 Jahre zwischen dem Bau der Mauer am 13. August 1961 und ihrem Fall am 9. November 1989 wagten etwa 5600 Menschen eine Flucht über die Ostsee.
In dem eng verknüpften Netz aus ziviler und militärischer Überwachung an Land und auf See verfingen sich über 4500 Frauen, Männer und sogar Kinder. Sie mussten meist mehrjährige Haftstrafen in den berüchtigten Haftanstalten von Rostock, Cottbus, Bautzen bzw. Hoheneck verbüßen. ( … )
Lediglich 913 Flüchtlinge erreichten ihr Ziel in Schleswig-Holstein, Dänemark oder Schweden, also nur etwa jeder 6. Ostseeflüchtling.
Mindestens 174 Menschen kamen zwischen Mauerbau und Mauerfall auf ihrer Flucht über die Ostsee ums Leben.
(Aus: Christine Vogt-Müller, Der Unerträglichkeit des «DDR-Seins» davon paddeln, in: Binsenbummeln und Meeresrauschen, 4. Internationales Jahrbuch des Faltbootsports 2007/08, hrsg. von Herbert Kropp, Faltenreich Verlag, Oldenburg 2007, S. 42 f.)
Am Tag, als Walter Ulbricht starb ist ein Roman. Alle Personen und Handlungen, soweit nicht historisch belegt, sind erfunden.
EINS
Mai 1972
JE LÄNGER SIE PADDELTEN, desto mehr erschien ihnen die Ostsee wie ein schwarzes Loch. Die Landmassen Skandinaviens, der baltischen Länder, Polens und Deutschlands waren nur noch kosmischer Staub und freigesetzte Energie, und nun wurde auch ihr Boot, mit dem sie aus der DDR zu flüchten versuchten, langsam vom Mahlstrom verschlungen.
Sie waren Katholiken und hofften auf ihren großen und gütigen Gott, der sie erretten möge. Jeder betete für sich allein, denn das Tosen des Sturmes war zu stark, als dass einer den anderen hätte hören können.
«Herr, sieh unser Elend, und hilf uns!»
«Herr, sei mir gnädig, denn ich bin schwach; heile mich, Herr, denn meine Gebeine sind erschrocken!»
Günther und Annegret Kühn waren in ihrem Faltboot, einem Pouch WEZ 80, gegen 21 Uhr in Kinnbackenhagen gestartet, einem kleinen Ort am Barther Bodden, genau gegenüber dem östlichen Ende der Halbinsel Zingst. Vorher hatten sie lange gerechnet. Vom Darßer Ort bis nach Gedser waren es etwa 36 Kilometer, von Prerow bis zum Gedser Feuerschiff nur 25 Kilometer, von Zingst bis zur dänischen Insel Møn aber bereits 60 Kilometer. Sie hatten im letzten Sommer wie auch in diesem Frühjahr jede freie Stunde genutzt, um auf den märkischen und mecklenburgischen Gewässern zu trainieren, und dabei sechs Kilometer in der Stunde mühelos geschafft. Aber die Ostsee war von anderem Kaliber als der Wolziger See, und jetzt war auch noch ein Sturm aufgekommen, den kein Wetterbericht vorausgesagt hatte. Mit dem Wind wuchsen die Wellen.
Günther Kühn hatte seinen Kompass vor sich auf dem Verdeck befestigt, doch es war unmöglich, die Nadel zu erkennen. Laut Gebrauchsanweisung hätte sie im Dunkeln leuchten müssen, doch das tat sie nicht. Irgend- wie musste Seewasser in das Gehäuse eingedrungen sein und die Phosphorbeschichtung angegriffen haben. Mond und Sterne waren hinter einer dichten Wolkendecke verschwunden. Da hätte auch ein erfahrener Seemann den Kurs nicht halten können. Ihm war, als würden sie ständig im Kreis herumfahren.
«Da! Ein Hochhaus!», schrie Annegret Kühn.
«Mein Gott, das Hotel Neptun in Zinnowitz!» Dann waren sie also an Kap Arkona vorbei nach Osten abgetrieben worden und befanden sich jetzt dicht vor der Insel Usedom.
Kurz darauf erkannten sie jedoch, dass sie eine Fähre vor sich hatten, wahrscheinlich die von Warnemünde nach Gedser. Dann befanden sie sich also doch auf dem richtigen Kurs. Weiter!
Die Spanten und Streben ihres Faltbootes knarrten und ächzten. So elastisch die Hölzer auch waren, so viel die Konstruktion auch vertragen konnte, irgendwann würde alles brechen, so wie ein Bleistift brach, wenn man ihn über beide Daumen bog. Made in GDR.
Sie fühlten sich völlig hilflos, ihre Verzweiflung wuchs und wuchs. Sie verfluchten ihre Entscheidung, die Flucht über die Ostsee zu wagen, und hätten Jahre ihres Lebens dafür gegeben, jetzt in ihrer Dachkammer zu liegen, sich aneinanderzukuscheln und zu träumen. Von der Flucht im Faltboot.
Von Süden her drangen Motorengeräusche zu ihnen herüber. War es ein Boot der Grenzbrigade Küste, das sie hoppnehmen wollte? Waren es Fischer oder Privatleute aus Dänemark oder der BRD, die sie an Bord nehmen würden? Die Suchscheinwerfer, die nun eingeschaltet wurden, gaben eine eindeutige Antwort. Doch sie hatten Glück: Immer wenn die Lichtfinger sie zu erfassen drohten, tauchten sie in ein Wellental hinab. Die Motorengeräusche wurden schwächer und schwächer. Weiter!
Ihre Erschöpfung wuchs von Minute zu Minute, die Arme schmerzten. Lange waren diese Strapazen nicht mehr auszuhalten. Aber hörten sie auf zu paddeln, waren sie im Nu ein Opfer der Wellen.
Sie fühlten es: Der Tod war nahe. Günther Kühn konnte an nichts anderes mehr denken. Wir sind alle des Todes. Sei des Todes eingedenk! Tod, wo ist dein Stachel? Hölle, wo ist dein Sieg?
Wieder beteten sie.
«Wende dich, Herr, und errette meine Seele; hilf mir um deiner Güte willen!»
«Herr, erhöre die Gerechtigkeit, merke auf mein Schreien, vernimm mein Gebet, das nicht aus falschem Munde geht!»
Ihnen blieb nichts weiter übrig, als auf ein Wunder zu hoffen: dass plötzlich der Nebel aufriss und sie die Kreideküste von Møn vor sich hatten. Oder das Feuerschiff von Gedser. Oder ein Motorboot aus der BRD. Wunder gab es immer wieder …
Als sie schon glaubten, es doch noch geschafft zu haben, traf sie eine ungewöhnlich hohe Welle auf der Backbordseite und begrub sie unter sich. Eine Eskimorolle hätte sie noch retten können, aber die hatten sie nicht eingeübt.
In den Akten der Volkspolizei und der Grenzbrigade Küste finden sich einige Tage später folgende Eintragungen:
Durch den Stralsunder Fischkutter STR 173 wurde beim Hieven des Grundschleppnetzes am 19. Mai 1972, 10 sm nordwestlich von Kap Arkona, eine männliche Leiche geborgen. Die in der Hosentasche gefundene Geldbörse enthält einen Lohnstreifen auf den Namen Günther Kühn.
Am 24. Mai 1972 gegen 11.30 Uhr wurde durch den DDR-Logger ROS-104 – 17 sm nördlich von Mövenort – nach dem Einholen des Fanggeschirrs eine weibliche Leiche festgestellt.
Die MfS-Mitarbeiter sprechen den Angehörigen von Günther und Annegret Kühn gegenüber von einem Badeunfall.
ZWEI
Mai 1972
RAINER ERKENBRECHER fand zu seiner großen Überraschung sofort einen freien Parkplatz im Innenraum des großen U, das die kolossalen Gebäude des Zentralflughafens Tempelhof bildeten, kam man vom Platz der Luftbrücke und wollte in die Abflughalle. Wie immer war er begeistert von diesem innerstädtischen Flughafen, und es erfüllte ihn mit leiser Wehmut, dass Tempelhof in zwei Jahren geschlossen und der gesamte Flugverkehr bis auf den der US Air Force über Tegel abgewickelt werden sollte, wo die Bauarbeiten kräftig vorangetrieben wurden.
Jedes Mal, wenn er die Abflughalle betrat, hörte er förmlich eine Schicksalsmelodie aufbranden: Hier empfängt Berlin die Großen der Welt, und von hier aus kannst du, frei wie ein Vogel, in alle Welt fliegen, wann immer du willst. Er hörte Ernst Reuter plädieren: Ihr Völker der Welt, ihr Völker in Amerika, in England, in Frankreich, in Italien! Schaut auf diese Stadt, und erkennt, dass ihr diese Stadt und dieses Volk nicht preisgeben dürft und könnt! Er hörte John F. Kennedys berühmte Worte: Vor zweitausend Jahren war der stolzeste Satz, den ein Mensch sagen konnte, der: «Ich bin ein Bürger Roms!» Heute ist der stolzeste Satz, den jemand in der freien Welt sagen kann: «Ich bin ein Berliner!» Und er hatte auch genau im Kopf, was in Curt Riess’ Buch Berlin Berlin geschrieben stand: Wenn die Russen damals hätten marschieren wollen, hätte nichts sie daran hindern können, bis zum Kanal, zum Atlantischen Ozean oder auch zu den Pyrenäen vorzustoßen. Nichts – außer Berlin.
An diesem Gefühl von historischer Größe und Einmaligkeit konnte sich Erkenbrecher wie jeder West-Berliner immer wieder berauschen. Schön, man war eingemauert und abgeschnitten vom märkischen Umland, aber man gehörte zu den Helden der Weltgeschichte und lebte in der interessantesten Stadt der Welt, irgendwie auf einer Insel der Seligen, war das «Schaufenster der freien Welt», wurde reichlich alimentiert und konnte das alternative Leben zulassen, das sich im Schatten der Mauer zu entwickeln begann. West-Berlin war ebenso spießbürgerlich wie irre und surrealistisch, einmalig eben.
Rainer Erkenbrecher, am 20. Mai 1946 in Berlin zur Welt gekommen, war klein und drahtig, so ein Terrier wie Berti Vogts. Immer überdreht, wieselte er durch die Straßen und Flure. Zu übersehen war er schon, aber nicht zu überhören. Er redete andauernd, am liebsten über seine Heldentaten. Aus der Angst heraus, nicht wahrgenommen zu werden, hatte er ständig Dutzende von Projekten am Köcheln. Etwas anleiern nannte er das. Mal gründete er einen neuen Kinderladen, mal eine Stadtteilzeitung, mal einen Tennisverein, mal eine neue linke oder linksliberale Studentenvereinigung. Sein Verhalten war aber nicht nur mit seiner geringen Körpergröße zu erklären, sondern auch mit seinem verzweifelten Bemühen, aus dem Schatten seines übermächtigen Vaters und seiner Mutter zu treten.
Ernest Erkenbrecher war Professor an der Staatlichen Hochschule für Bildende Künste in der Hardenbergstraße und eine feste Größe im Kulturbetrieb. Es gab kein Kuratorium, in dem er nicht saß, und er war Duzfreund vieler Senatoren und erlesener Schöngeister. Zudem konnte er Essays verfassen wie kein Zweiter. Um gegen diesen Vater eine Chance zu haben, musste sich Rainer Erkenbrecher schon viel einfallen lassen.
Auch seine Mutter, Oberstudienrätin für Chemie und Mathematik an einem Steglitzer Gymnasium, setzte ihm mit ihrem Bildungsfimmel gehörig zu und hielt ihn schon deswegen für geistig zurückgeblieben, weil er nie recht begriffen hatte, wozu ein Algorithmus oder die Primzahlen gut sein sollten.
Das Abitur hatte Rainer Erkenbrecher nur mit Ach und Krach geschafft, dann in seinem Politologiestudium an der FU Berlin jedoch so viel geleistet, dass sie ihn nach dem Diplom zum Assistenten gemacht hatten. Nun war er zwar kein echter Linker, sondern fühlte sich eher als freischwebender Intellektueller mit einem Hang zum Liberalen, wenn nicht gar zum Konservativen, doch weil er mit einer solchen Geisteshaltung an der FU keine Chance gehabt hätte, spielte er Kommilitonen wie Professoren den gläubigen Marxisten vor.
Er war Assistent und saß an einer Dissertation zum Thema Das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold im Kampf gegen Hakenkreuz und Sowjetstern. Außerdem schrieb er an einem Artikel über die Hintergründe und Folgen des Lichtenberger Butter-Krawalls. Darin ging es um die Revolte hungernder Berliner, die es am 16. Oktober 1915 auf dem Boxhagener Platz gegeben hatte. Der lag nun in Ost-Berlin, und vor Ort zu recherchieren war für einen West-Berliner faktisch unmöglich. Da sein Vater aber in der Nähe von Wunsiedel ein Wochenendhaus besaß, war es ihm gelungen, sich einen bundesrepublikanischen Reisepass zu verschaffen, so dass er jederzeit in die Hauptstadt der DDR einreisen konnte.
Was seine Freunde und seine Frauen betraf, so bevorzugte er jene Typen, über die sich seine Eltern am meisten aufregten.
Erkenbrecher sah die Maschine der Pan Am, in der sein Onkel sitzen musste, über Treptow und Neukölln einschweben, über die Hermannstraße und die Gräber des St.-Thomas-Friedhofes hinweg. Ihm war dabei immer ein wenig mulmig zumute, aber seit den Tagen der Blockade hatte es über dem Stadtgebiet keinen Flugzeugabsturz mehr gegeben.
Der Verwandte, den er abholen wollte, war ein Cousin seines Vaters. Dr. Julius Lilienblum, ein Jude, der 1933 als junger Arzt in die USA gegangen war. Sie hatten sich nicht öfter als dreimal in ihrem Leben gesehen, aber er mochte den Kauz aus Massachusetts. Er kam ihm vor wie ein Dinosaurier, wenn er aus der Zeit zwischen dem Ersten Weltkrieg und der Machtergreifung der Nationalsozialisten erzählte.
Aus dem Lautsprecher kam die Ansage, dass die Maschine soeben gelandet sei, und Erkenbrecher stellte sich an das Tor, aus dem die Passagiere nach Pass- und Zollkontrolle kommen mussten. Wieder einmal ärgerte ihn die Tatsache, dass nur die Fluggesellschaften der Alliierten West-Berlin anfliegen durften, also die Pan Am, die BEA und die Air France, nicht aber die Lufthansa. Die drei Luftkorridore nach Berlin waren den Besatzungsmächten, offiziell Schutzmächte genannt, vorbehalten.
Erkenbrecher fragte sich, ob der Mann, der ihm nun entgegeneilte, wirklich sein Onkel war, doch als sich der untersetzte Herr mit der fliegenden Einsteinmähne aus der Schar der Passagiere löste und auf ihn zusteuerte, war er sich sicher, den Richtigen vor sich zu haben. Dennoch fragte er: «Herr Dr. Lilienblum?»
«Ja, mein Junge. Hallo! Du bist der Rainer Erkenbrecher?»
«Richtig erraten!»
Sie gaben sich die Hand.
«Du bist also das ganze Empfangskomitee?», fragte Lilienblum scheinbar ein wenig enttäuscht.
«Ja, dein Herr Vetter sitzt in einer Prüfungskommission und versucht, junge Menschen glücklich zu machen, und meine liebe Mutter ist zu sehr preußische Beamtin, als dass sie auch nur eine Sekunde daran denken würde, eine Unterrichtsstunde ausfallen zu lassen, um dich vom Flughafen abzuholen.»
«Aber du konntest kommen», stellte Lilienblum fest, während sie an das Förderband traten, um auf seinen Koffer zu warten. «Bist du arbeitslos?»
«Nein, ich habe eine Assistentenstelle am OSI.»
«Wo?» Lilienblum versuchte, das zu deuten. «Am Ordentlichen Sozialistischen Institut?»
«Am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität. Politologie und Politische Soziologie. Aber deine Interpretation bringt es besser auf den Punkt. Otto Suhr war Regierender Bürgermeister, daher die Otto-Suhr-Allee zwischen Ernst-Reuter-Platz und Charlottenburger Schloss.»
«Das kenn ich wohl, aber wo liegt der Ernst-Reuter-Platz?»
«Der hieß früher Knie.»
Lilienblum grinste. «Ah ja. Früher haben wir immer gesungen: ‹Was machst du mit dem Knie, lieber Hans, beim Tanz.› Am Knie – das war doch ein origineller Name.»
Der Koffer aus Massachusetts lag endlich auf dem Band. Erkenbrecher packte ihn, schleppte ihn zum Wagen, einem Renault R4, und verstaute ihn.
«Was nun?», fragte Erkenbrecher. «Willst du dich ein wenig ausruhen, sollen wir gleich nach Lichterfelde fahren – oder hast du Lust auf eine kleine Stadtrundfahrt?»
Lilienblum musste einen Augenblick überlegen. «Bitte keine große Sightseeing-Tour, aber vielleicht machen wir einen kleinen Umweg über den Bayerischen Platz. Ich habe immerhin zehn Jahre in der Münchener Straße gewohnt.»
«Aye, aye, Sir, wird gemacht.» Erkenbrecher umrundete den Platz der Luftbrücke und erklärte dem Gast, dass die Berliner einen Hang dazu hatten, ihren Bauten witzige Namen zu geben. «Der Funkturm ist der Lange Lulatsch, die Kongresshalle die Schwangere Auster und das Luftbrückendenkmal zu unserer Linken die Hungerharke.» Damit überquerte er die Kreuzung Mehringdamm / Tempelhofer Damm und fuhr in die Dudenstraße.
Lilienblum schloss die Augen und versuchte, sich den Berliner Stadtplan ins Gedächtnis zu rufen. «Kolonnenstraße, rechts in die Potsdamer, dann an dem riesigen Gebäudekomplex vorbei, in dem die Bauleitung der Reichsautobahn sitzt, und links rein in die Grunewaldstraße.»
«Lilienblum, setzen, Eins bis Zwei!», rief Erkenbrecher im Tonfall seiner Mutter.
«Warum keine glatte Eins?»
«Weil es kein Reichsautobahnamt mehr gibt», erklärte ihm Erkenbrecher. «Da sitzt jetzt die Hauptverwaltung der BVG.»
«Wie soll ich das denn in meinem kleinen Nest in Massachusetts erfahren haben?», protestierte Lilienblum. «Dafür eine halbe Note Abzug zu bekommen ist ungerecht. Mein Vater wird das seinem Rechtsanwalt übergeben.»
Als sie das Viertel um den Bayerischen Platz erreicht hatten, war jede Heiterkeit verflogen. Kamen sie an den Erinnerungstafeln vorbei, die vom Bezirksamt an Laternenpfählen angebracht worden waren, musste Erkenbrecher langsam fahren, damit sein Onkel sie lesen konnte.
1938: Jüdische Ärzte dürfen nicht mehr praktizieren.
1940: Brot und Lebensmittel dürfen Juden nur nachmittags von 4 bis 5 Uhr einkaufen.
Vor der Deportation 1941: Nun ist es so weit, morgen muss ich fort, das trifft mich natürlich. Ich werde schreiben.
Lilienblum schwieg.
Es mochte eine gute halbe Stunde vergangen sein, bis er wieder Worte fand. «Was wäre geschehen, wenn die Nationalsozialisten 1933 nicht an die Macht gekommen wären, was wäre aus mir geworden, welchen Menschen mit dem Namen Julius Lilienblum würdest du heute durch die Gegend fahren?» Er seufzte. «Wenn ich das Zeug dazu hätte, würde ich einen Roman darüber schreiben.»
«Vielleicht versuchst du’s mal», sagte Erkenbrecher.
«Ich gründe dann extra einen Verlag dafür. Wenn es dir recht ist, fahren wir jetzt nach Lichterfelde raus. Die Bundesallee runter und dann die Schloßstraße, Unter den Eichen, Drakestraße, Ringstraße … »
Lilienblum konnte ihm nicht ganz folgen. «Die Bundesallee?»
«Ja, früher Kaiserallee.»
«Wie in Erich Kästners Emil und die Detektive. Warum muss denn bei euch immer alles umbenannt werden?»
«Alles nicht, aber du weißt doch: Neue Namen, neues Glück.»
Munter plaudernd fuhren sie in den tiefen Berliner Südwesten, wo Ernest Erkenbrecher am Kadettenweg eine ansehnliche, wenn auch nicht pompöse Villa gekauft hatte. Dem Sohn war das Souterrain überlassen worden.
Als sie vor der Garageneinfahrt hielten, kam Georgia Erkenbrecher in wehenden indischen Gewändern die Treppe herunter, um den Gast aus den USA mit großer Geste zu begrüßen. «Willkommen, lieber Julius, in der alten Heimat!» Dann redete sie in bestem Englisch auf ihn ein.
Georgia Erkenbrecher war die Tochter eines sächsischen Schriftstellers, der ein paar Jahre in den USA, im Bundesstaat Georgia gelebt hatte, und einer deutschstämmigen Stenokontoristin. Kurz nach der Hochzeit war das junge Paar nach Berlin gezogen und hatte seine erste Tochter, die nach Ende des Ersten Weltkriegs auf die Welt gekommen war, Georgia genannt.
Im Zweiten Weltkrieg waren sie zweimal ausgebombt worden, hatten aber überlebt, und Georgia war eine der ersten Studentinnen gewesen, die sich an der wiedereröffneten Berliner Universität für Chemie und Mathematik eingeschrieben hatten. Nach der Teilung der Stadt war sie zur West-Berliner FU gewechselt und nach einigen Irrungen und Wirrungen im Schuldienst gelandet. Bei einer der legendären Faschingsfeiern der Hochschule für Bildende Künste war sie Ernest Erkenbrecher begegnet und hatte sofort gewusst, dass er der Mann fürs Leben war. Was sie zusammenschweißte, waren ebenso genetische Programmierungen wie die Liebe zu Kunst und Kultur, zur bürgerlichen Bildung und zu allem Schöngeistigen.
Man führte Julius Lilienblum ins Gästezimmer und gab ihm Gelegenheit, sich zwei, drei Stunden lang auszuruhen. Dann wollte man weitersehen.
Auch Erkenbrecher warf sich auf die Couch. Ins Institut musste er nicht mehr, sein Professor hielt nichts von festen Arbeitszeiten, und eine Lehrveranstaltung lag heute auch nicht an. Er rief nur schnell seine Verlobte an, dann hielt er Siesta und wachte erst wieder auf, als er seinen Vater kommen hörte.
Ernest Erkenbrecher malte zwar, fotografierte kunstvoll, spielte Cello, komponierte Filmmelodien und unterrichtete im Fach Architektur, war aber in der Hauptsache Kulturmanager, warb Gelder ein und organisierte Festivals. Er kannte Hinz und Kunz und konnte auf Knopfdruck Erhabenes sagen, so dass er ständig Festvorträge halten musste und stets im Gespräch war, wenn in Berlin ein neuer Kultursenator gesucht wurde. Er war 1916 in Liegnitz geboren worden, aber seine Eltern waren nach dem Ersten Weltkrieg nach Berlin gegangen, wo sie in Schöneberg einen Lebensmittelladen eröffnet hatten. 1933 hatten sie Hakenkreuzfähnchen ins Schaufenster gestellt, was Ernest, ein Verehrer Max Liebermanns, gar nicht gut gefunden hatte. Nach dem Abitur hatte er Architektur studiert, war aber bald eingezogen worden. Die Eltern und eine Schwester waren ins Erzgebirge evakuiert worden und dort hängengeblieben. Ein paar Mal leicht verwundet, hatte Ernest an der Westfront überlebt und zwei bittere Jahre in französischer Kriegsgefangenschaft einigermaßen unversehrt überstanden. 1947 war er nach Berlin zurückgekehrt, hatte ein Leben als Bohemien begonnen und war mit Chuzpe und Können zu dem aufgestiegen, was er jetzt war: einer Größe im West-Berliner Kulturleben.
Den Cousin aus Massachusetts begrüßte er so theatralisch, als würden sie auf der Bühne des Schillertheaters stehen: «Willkommen, mein lieber Julius, willkommen in Berlin. Mensch, wie freu ick ma! Um es mit Max von Schenkendorf zu sagen: Muttersprache, Mutterlaut! / Wie so wonnesam, so traut! / Erstes Wort, das mir erschallet, / Süßes erstes Liebeswort. / Erster Ton, den ich gelallet, / Klingest ewig in mir fort. / Überall weht Gottes Hauch, / Heilig ist wohl mancher Brauch; / Aber soll ich beten, danken, / Geb ich meine Liebe kund, / Meine seligsten Gedanken, / Sprech ich wie der Mutter Mund.»
Lilienblum lachte. «Hör auf mit so viel Pathos, Ernest. Bei der Mutter Mund denke ich sofort an einen Muttermund, der sich nicht öffnet, und frage mich, was ich meiner Patientin spritzen soll, damit sie ihre Wehen besser ertragen kann.»
Die beiden lagen sich nun in den Armen, und Erkenbrecher bemerkte schmunzelnd, dass die ältere Nachbarin, die dem Schauspiel hinter ihrer Hecke atemlos folgte, schon Tränen in den Augen habe.
Man setzte sich auf die Terrasse, um Kaffee zu trinken, dann wurde beschlossen, in die Stadt zu fahren und dem Gast die Mauer zu zeigen. Das war ein Ritual, das dem West-Berliner als unverzichtbar galt. Die Mauer erhöhte ihn, denn keine andere Stadt im gesamten Kosmos hatte ein solches Bauwerk aufzuweisen, und sie sorgte für große Gefühle: Man konnte dem Gast das eigene Elend schildern, mehr aber noch aus tiefstem Herzen das Schicksal der Deutschen drüben beklagen, der Brüder und Schwestern, man konnte die kommunistischen Diktatoren in Moskau und ihre DDR-Vasallen verfluchen. Hinzu kam die große Wut auf die Nationalsozialisten, ohne deren Schandtaten der Potsdamer Platz turbulenter gewesen wäre als Times Square und Broadway zusammen und nicht eine jämmerliche Brache. Die Mauer wühlte jeden auf, der auf die Podeste kletterte, die man an prominenten Stellen errichtet hatte.
Auch Lilienblum war ergriffen, als sie am Potsdamer Platz angekommen waren. «Nichts als Leere, wo früher einmal … Da drüben hat das Haus Vaterland gestanden, in dem ich immer mit Claire gesessen habe in einem der vielen Säle … Grinzing, Löwenbräu, Wild-West-Bar, Csardas, Bodega, Rheinterrassen … Du brauchtest nicht extra zu verreisen, mitten in deiner Stadt warst du woanders.»
«Das würde heute nicht mehr funktionieren», sagte Ernest Erkenbrecher. «Man will reisen, reisen, reisen.»
«Und dass sie das nicht können, ist für die Leute drüben in der DDR ganz besonders schmerzlich», fügte Georgia Erkenbrecher hinzu. «Wenn ich da an Carola denke … »
Günther Zützer war vor zehn Jahren aus Bad Urach geflohen. Zum einen, um der Bundeswehr zu entgehen, denn als West-Berliner war man von der Wehrpflicht befreit, zum anderen, weil er fürchtete, in der Enge der Kleinstadt zu ersticken. Die schwäbische Gemütlichkeit war ihm ein Greuel geworden, und gern zitierte er Nietzsche: Gutmütig und tückisch – ein solches Nebeneinander, widersinnig in Bezug auf jedes andre Volk, rechtfertigt sich leider zu oft in Deutschland: Man lebe nur eine Zeitlang unter Schwaben!
Eine Weile hatte er in West-Berlin studiert, mal dieses, mal jenes, es dann aber zu seinem Beruf gemacht, an Demonstrationen teilzunehmen und leerstehende Häuser «instand zu besetzen». Schließlich hatte er sein Studium sausen lassen und verdiente nun sein Geld als Kleindarsteller sowie mit einer Kneipe in der Kreuzberger Oranienstraße. An deren Wänden standen Sprüche wie Lieber eine schmutzige Unterhose als eine saubere Uniform oder Lieber eine Schwester im Puff als einen Bruder beim Bund.
Wenn Zützer etwas hasste, dann war es das Establishment, und zu dem zählte er auch die Erkenbrecher-Sippe. Besonders verhasst war ihm Ernest Erkenbrecher. Nicht nur wegen seiner Villa in Lichterfelde – galt doch: «Frieden den Hütten, Krieg den Palästen!» –, sondern auch, weil er, Zützer, alles Schöngeistige und Parfümierte ebenso verabscheute wie alle Kulturfunktionäre. Ernest Erkenbrecher war für ihn der GröSchwäZ, der größte Schwätzer aller Zeiten, oder ersatzweise Old Sabberlippe.
Auch auf Georgia Erkenbrecher hatte er sich eingeschossen, denn die Lehrkräfte der West-Berliner und westdeutschen Gymnasien waren für ihn allesamt Büttel des Kapitalismus, von den Herrschenden engagiert, um die Arbeiterklasse und Kinder der kleinen Angestellten und Beamten – mochten sie auch noch so begabt sein – von den Universitäten und damit den Schalthebeln wie den Fleischtöpfen dieses Landes fernzuhalten.
Dass ausgerechnet Rainer Erkenbrecher sein bester Freund war, erschien Günther Zützer als Witz der Weltgeschichte. Aber so war es nun einmal. Die berühmte Chemie. «Wie bei Romeo und Julia», spottete er des Öfteren.
Kennengelernt hatten sie sich ganz unspektakulär bei einem Sit-in an der FU, und zwar im Gebäude der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät an der Garystraße. Als ein paar Professoren dumme Reden geführt hatten, waren zwei Kommilitonen neben ihm auf die Idee gekommen, einen Feuerwehrschlauch aus einem Kasten zu reißen, ihn an einen Hydranten anzuschließen und die Räume der Hardliner unter Wasser zu setzen. Ihm war es bei dieser Aktion zugefallen, eine Glastür zu zertrümmern, während Rainer Erkenbrecher versucht hatte, die gusseiserne Spritze durch die Öffnung zu schieben. Dabei hatte Erkenbrecher sich die Unterarme aufgerissen und so geblutet, dass sich Zützer sein Oberhemd vom Körper gerissen hatte, um ihn zu verbinden. Anschließend war er mit Erkenbrecher ins Krankenhaus gefahren, und sie waren sozusagen Blutsbrüder geworden. Unter Fotos aus dieser Zeit stand: Winnetou und Old Shatterhand an der FU.
So fand er es auch nicht verwunderlich, dass er von Rainer Erkenbrecher gebeten wurde, Yvonne von zu Hause abzuholen und mit nach Lichterfelde zu bringen. Yvonne wohnte in einer WG in der Pflügerstraße und war Schauspielerin. Sie gehörte zum Ensemble eines Off-Theaters, verdiente ihr Geld als Statistin beim Film, insbesondere als unterklassige Liebesdienerin, und träumte von einer großen Karriere an der Schaubühne. Zützer hatte mit ihr zwei- bis dreimal geschlafen und sie sofort ins Spiel gebracht, als Erkenbrecher davon gesprochen hatte, seine Eltern und seine Verlobte damit schocken zu wollen, dass er sich eine Nutte zum Geburtstag wünsche. Eine echte zu engagieren hatte er dann aber doch nicht gewagt. Zützer hatte kommentiert, Erkenbrecher habe die besten Anlagen, um einmal bei den Sozialdemokraten zu landen.
Als er Yvonne in der Pflügerstraße am Straßenrand stehen sah, stieß er die Tür auf der Beifahrerseite auf.
«Wie viel kostet es heute bei dir?»
«Fünfzig, aber mit Präser.»
«Gut, die zahl ich gerne.» Zützer zog den Zündschlüssel ab und schwang sich aus seinem Kleinwagen.
«Das ist Rainers Geburtstagsgeschenk und nicht deines!», rief Yvonne.
«Ja, symbolisch. Du denkst doch nicht etwa, dass Martina ihn einen Augenblick aus den Augen lässt und ihr beide wirklich … » Schon stand Zützer neben ihr. «Ich mein das ernst: Fünfzig Mark, und du spielst die Nutte.»
«Okay.» Yvonne liebte solche Szenen. «Her mit dem Geld, sonst läuft nüscht, mein Kleena.»
Zützer zog den Geldschein aus der Tasche, und Yvonne spielte daraufhin in der Wohnung ihre Rolle so echt, dass die Nachbarin gegen die Wand klopfte und sich über «det fürchterliche Jestöhne» beschwerte.
«Lassen sie dich mit deiner klapprigen Ente überhaupt nach Lichterfelde rein?», fragte Yvonne, als sie sich endlich auf den Weg machten.
Zützer zuckte mit den Schultern. «Kann schon sein, dass wir nicht ankommen, denn auf irgendeiner Fahndungsliste stehe ich bestimmt.»
Auf der Fahrt von Neukölln nach Lichterfelde unterhielten sie sich über das Attentat, das die Tupamaros in Montevideo begangen hatten, und über Heinz Rühmann, der anlässlich seines siebzigsten Geburtstages in der Filmbühne Wien am Kurfürstendamm die Ehrenmedaille der deutschen Filmwirtschaft erhalten hatte.
«Ein unvergleichlicher Schauspieler!», schwärmte Yvonne.
«Und dazu ein wunderbarer Propagandist der Nazis», sagte Zützer. «Von seiner jüdischen Frau ließ er sich sicherheitshalber scheiden.»
Yvonne staunte. «Ich denke, Die Feuerzangenbowle ist dein Lieblingsfilm?»
«Ja.» Zützer schlug mit der Faust auf die Hupe. «Es ist schon eine schöne Scheiße, Deutscher zu sein!»
«Ich kann es nicht fassen», sagte Yvonne, als sie die Villa am Kadettenweg erreicht hatten. «Du als Anarchist zu Gast bei den Erkenbrechers … »
Zützer lachte. «Lieber schizophren als ganz allein.» Rainer Erkenbrecher kam ihnen entgegen, und die beiden Freunde lagen sich in den Armen, während Zützer seine Glückwünsche an den Mann brachte. «Geschenkt bekommst du von mir zwei Nummern mit Yvonne. Stellung nach eigener Wahl. Ich würde a tergo empfehlen, aber reiten kann sie auch ganz gut.»
Martina, Erkenbrechers Verlobte, stand am Gartentor und verfolgte das Ganze mit finsterer Miene. Einerseits tat sie Zützer leid, andererseits aber hoffte er, dass es mit den beiden bald aus sein würde, denn sie war keine Frau für einen Rainer Erkenbrecher.
Martina Grabow war 1951 in Berlin-Pankow auf die Welt gekommen, also in Ost-Berlin, aber vor dem Mauerbau mit ihren Eltern nach West-Berlin gegangen, wo sie eine Stelle als Sachbearbeiterin bei der AOK bekommen hatte. Sie war hübsch, aber mehr als bieder, vom Temperament her eine echte Schlaftablette und dazu herzlich ungebildet. Unter den Künstlern und Intellektuellen, die in der Lichterfelder Villa der Erkenbrechers ein und aus gingen, wirkte sie wie ein Fremdkörper. Das scherte sie jedoch wenig, denn sie hielt die anderen Frauen allesamt für eingebildete Zicken, die möglichst schnell zum Psychiater gehen sollten.
Die Zeremonie nahm ihren Lauf, und bald hatten sich über fünfzig Gäste auf dem Rasen hinterm Haus versammelt. Um alle standesgemäß zu verköstigen, hatten die Erkenbrechers ein Team des KaDeWe bestellt, das hinter riesigen Tischen stand und den Leuten Erlesenes auf die Teller häufte. Auf einer kleinen Bühne spielte eine Combo, und Ernest Erkenbrecher kündigte in einer kleinen Rede von zwanzig Minuten für den späten Abend noch prominente Überraschungsgäste an.
«Na, was sagst du zu dieser Dekadenz?», wurde Zützer von Yvonne gefragt.
Er lachte. «Besser Dekadenz als Egon Krenz.» Den Vorsitzenden der Pionierorganisation Ernst Thälmann hielt er für einen ganz besonderen Simpel des DDR-Regimes, und oft fragte er sich, ob das andere Deutschland nicht viel größere Chancen gehabt hätte, als Sieger aus dem Kampf der Systeme hervorzugehen, wenn an seiner Spitze nicht solche Pappnasen wie Ulbricht und Honecker gestanden hätten, sondern Männer von Format.
Schnell begann Zützer sich zu langweilen. Nicht mal einen Flipper gab es hier, und Tischtennis spielen konnte er auch nicht, weil auf der Platte das Büfett aufgebaut war. Er suchte nach dem Onkel aus den USA. Mit dem konnte man wahrscheinlich ganz gut über die Folgen des Vietnamkrieges diskutieren.
Dr. Lilienblum liebte es, im Gerümpel zu stöbern, ob auf einem Speicher oder hinter der Garage und dem Gerätehäuschen seines Cousins. Plötzlich erblickte er ein vergammeltes Ruderblatt mit Pinne. Er riss es aus dem Gestrüpp und trug es wie eine Fahnenstange zum Grill.
«Bringst du uns was zum Verfeuern?», rief Ernest Erkenbrecher.
«Wo denkst du hin! Anbeten sollten wir es wie einen Totempfahl, denn es erinnert mich an meine Karriere im akademischen Ruderverein.» Und er berichtete mit feuchten Augen von seinem olympischen Traum. «Ich wollte unbedingt dabei sein, 1936 hier in Berlin, aber dann … »
«Haben Sie denn Lust, morgen mal nach Grünau rauszufahren?», fragte Zützer.
Lilienblum zögerte. «Lust schon, es fragt sich nur, ob ich den nötigen Mut dazu aufbringe.»
«Bring ihn mal auf», sagte Rainer Erkenbrecher. «Ich komme mit, und dann besuchen wir alle zusammen Carola.»
«Ich nicht!», rief Martina.
«Wer ist Carola?», fragte Dr. Lilienblum. «Ich kenne nur Rudolf Caracciola. Für mich der größte Rennfahrer aller Zeiten. Zuletzt habe ich ihn 1931 gesehen, als er den Großen Preis von Deutschland gewonnen hat.»
«Nicht Caracciola, sondern Carola», belehrte ihn Georgia Erkenbrecher.
«Ja, Carola Lamberti – eine vom Zirkus., fiel Zützer ein.
«Ein DEFA-Film von 1953, glaube ich. Mit Henny Porten in der Hauptrolle.»
Lilienblum guckte etwas irritiert. «Und was habt ihr mit dieser Carola Lamberti zu tun?»
«Nichts», erwiderte Rainer Erkenbrecher. «Außer, dass meine Cousine auch Carola heißt.»
Dr. Julius Lilienblum las, als sie auf der Fahrt nach Grünau waren, laut vor, was im Album des Cigaretten-Bilderdienstes Hamburg-Bahrenfeld über die Ruderwettbewerbe der Olympischen Spiele von 1936 geschrieben stand.
Er hatte die beiden Bände auf dem Trödelmarkt an der Straße des 17. Juni billig erstanden: « Rudern in Grünau. In den phantastischen Gemälden und Geschehen der Berliner olympischen Ereignisse war dem Rudersport ein besonderer Ehrenplatz beschieden. Die herrliche Fülle von Erfolgen des deutschen Sports hatte die Stimmung im Fortschreiten der Tage auf einen Höhepunkt getrieben, der unüberbietbar schien. Da entstand unter den Wolkenbrüchen des 14. August in Grünau ein Glanztag sportlicher Gipfelleistungen, der beispiellos in allem war und kaum in der Zukunft eine Wiederholung finden wird und kann. In 7 olympischen Wettkämpfen erstritten die deutschen Kämpfer 5 goldene, 1 silberne und 1 bronzene Medaille und stellten den deutschen Rudersport an die Spitze aller Nationen der Welt. Fast unfassbar war dieser überwältigende Erfolg, der in einzigartiger Weise die Krönung des 100-jährigen Bestehens des deutschen Rudersports bildete. In ihm kristallisierte sich Arbeit und Fleiß von Generationen. Der Fortschritt der Technik im Rudern und Bau der Boote. Der restlose Einsatz und unerschütterliche Kampfgeist der besten deutschen Jugend. Inmitten seines begeisterten Volkes ragte die Gestalt des Führers hervor, dessen starker Wille das deutsche Volk zu den größten Taten befähigt hatte und sicher gehörten die Stunden in Grünau zu den glücklichsten seines unvergleichlichen Lebens..
Hier brach Lilienblum ab, da ihn die Erinnerungen zu sehr aufwühlten.
«Schmeißen Sie den Scheiß ins nächstbeste Feuer!», rief Günther Zützer.
«Soll ich etwa das gleiche tun wie die?», fragte Lilienblum.
«Es ist ein Dokument deutscher Geschichte», gab Rainer Erkenbrecher zu bedenken, «und erklärt einiges.»
«Ja, das klammheimliche Deutschland, Deutschland über alles bei den nächsten Olympischen Spielen», sagte Zützer.
«Und die findet 1972 zum ersten Mal mit zwei deutschen Mannschaften statt», fügte Erkenbrecher hinzu.
«Das widerlegt deine These von der anhaltenden nationalen Hybris ein wenig.»
«Wehe uns Westdeutschen, wenn wir da weniger Medaillen gewinnen als die Ostdeutschen!», rief Zützer.
«Und was ist mit den Süd- und den Norddeutschen?», fragte Lilienblum.
«Für den West-Berliner sind alle Menschen aus der Bundesrepublik Westdeutsche, egal, ob sie aus Hamburg, Stuttgart oder München kommen», sagte Erkenbrecher.
«Das ist es, was Niklas Luhmann unter ‹Reduktion von Komplexität› versteht.»
Zützer, der auf der Rückbank saß, beugte sich vor zu Dr. Lilienblum. «Und Sie sagen nachher den ‹Organen› bitte nicht, dass Sie aus dem Osten kommen, wenn auch aus dem Osten der USA, sonst werden Sie für einen Republikflüchtling gehalten und sofort kassiert.»
Sie diskutierten dieses Thema noch, als sie den Checkpoint Charlie erreicht hatten, den Grenzübergang für Ausländer in der Friedrichstraße. Hier hatte Dr. Lilienblum als US-Bürger den Akt der Einreise in die DDR zu vollziehen, während Erkenbrecher und Zützer zum Moritzplatz fahren mussten, zum Übergang Heinrich-Heine-Straße.
«Wir sammeln dich dann auf der Ost-Berliner Seite wieder ein», sagte Erkenbrecher. «Aber das kann lange dauern.»
Vielleicht hätte es bis zum Abend gedauert, wenn ihm auf dem Weg zum Moritzplatz nicht noch eingefallen wäre, dass die Grenzer den Besitz der blauen Olympia-Alben vielleicht als Todsünde ansahen. Doch wohin damit?
Zützer wusste Rat. «Fahren wir schnell bei mir vorbei und lassen es in der Kneipe.»
So dauerte es fünf Minuten länger, bis sie sich am Grenzübergang Heinrich-Heine-Straße in die Schlange der wartenden PKWs einreihen konnten.
«Diese scheiß Kontrollen!», schimpfte Zützer. «Man sollte diese uniformierten Schweine alle auf den Mond schießen!»
«Jetzt halten wir mal alle den Mund und machen uns ganz klein», sagte Erkenbrecher, der am Steuer saß. Die DDR-Grenzer zu reizen galt unter West-Berlinern als eine Art Selbstmordversuch. Ihr «Bitte fahren Sie mal rechts ran!» ließ sie so zusammenzucken, als hieße das schon fünf Jahre Bautzen.
Zützer lehnte sich zurück. «Mir tun sie schon nichts.» Er war überzeugt davon, dass die DDR die alternative Szene in West-Berlin als sehr nützlich erachtete, schwächte sie doch die Kampfkraft der Frontstadt ganz erheblich.
Da West-Berlinern das Betreten des Ostsektors und der DDR über lange Jahre hinweg verwehrt gewesen war, hatten sich Erkenbrecher und Zützer Bundespässe besorgt. Das war nicht ganz legal und auch nicht im Sinne der Westalliierten, doch Ernest Erkenbrechers Ferienwohnung in Wunsiedel und seine guten Beziehungen zum dortigen Ortsbürgermeister hatten es möglich gemacht.
Ost-Berlin erschien ihnen ungemein exotisch, und sie wollten sich nicht damit begnügen, ab und an mit Passierscheinen eingelassen zu werden. Mal eben ganz spontan in Ost-Berlin ins Theater oder Kabarett zu gehen hatte hohen Erlebniswert. Andererseits wussten sie genau, dass sie Ärger bekommen konnten, wenn die DDR-Seite ihnen nachwies, dass sie West-Berliner waren.
Brav reichten sie den Grenzern die erforderlichen Papiere aus dem Wagenfenster. Erst erfolgte die Passkontrolle zum Einstempeln der Einreise, dann die Gepäckkontrolle. Erkenbrecher hatte alles, was für seine Cousine bestimmt war, fein säuberlich in der Zollerklärung eingetragen, doch ihm war entgangen, dass hinten im Fond ein Roman lag, den seine Mutter gestern vergessen haben musste: die Deutschstunde von Siegfried Lenz.
Der Blick des Grenzers war sorgsam geschult, und so hatte er das Buch sofort entdeckt. Den Text aus dem Merkblatt für Bürger nichtsozialistischer Staaten konnte er auswendig hersagen. Danach war die Einfuhr von Literatur und sonstigen Druckerzeugnissen, deren Inhalt gegen die Erhaltung des Friedens gerichtet ist oder deren Einfuhr in anderer Weise den Interessen des sozialistischen Staates und seiner Bürger widerspricht, nicht erlaubt. Sein Zeigefinger fuhr sofort in Richtung des westlichen Druckerzeugnisses. «Was ist denn das da?»
«Ein Stück griechischer Schafskäse – riecht man das nicht?», wollte Zützer zur Antwort geben.
Erkenbrecher wollte sagen: «Ein Buch – haben Sie so etwas in der DDR noch nie gesehen?»
Doch zum Glück konnten sich beide noch beherrschen, und eilfertig sprang Erkenbrecher aus dem Wagen, um dem Mann den Lenz’schen Roman in die Hand zu drücken.
Der nahm ihn mit so spitzen Fingern, als könne er sich allein durch die Berührung mit einem Gift des Klassenfeindes infizieren. «Ist das eine … eine Grammatik?»
«Nein», antwortete Erkenbrecher.
Nun konnte Zützer nicht mehr an sich halten und dozierte im Ton eines Nachrichtensprechers des DDR-Fernsehens: «Das ist der Roman eines fortschrittlichen westdeutschen Schriftstellers, es geht um die Verfolgung von Antifaschisten im Nationalsozialismus.»
Daraufhin verschwand der uniformierte Milchbart in einer Kontrollbaracke.
Erkenbrecher und Zützer hatten eine gefühlte Ewigkeit zu warten.
Nach einer Viertelstunde kam der Grenzwächter zurück mit der Information, dass er ihnen den Roman unter Vorbehalt mitgeben würde.
«Was heißt unter Vorbehalt?», fragte Erkenbrecher.
«Muss ich das Buch bei der Ausreise wieder mit ausführen?»
«Ja, und bei einer erneuten Einreise in die DDR lassen Sie es zu Hause.»
Endlich durften sie in den Ostteil der Stadt. Langsam rollten sie in Richtung Jannowitzbrücke. Sofort roch es ganz anders. Nach Hausbrand und nach den Auspuffgasen der Trabbis, nach Desinfektionsmittel und nach Plaste und Elaste aus Zschopau. Auch waren die Leute anders gekleidet, biederer und mit Jacken, Hosen und Blusen in merkwürdigen Pastelltönen.
Durch menschenleere Straßen, in denen es noch so aussah wie kurz nach 1945, kurvten sie zurück zur Friedrichstraße, konnten aber Dr. Lilienblum nicht finden.
«Haben sie ihn etwa für einen CIA-Agenten gehalten und hoppgenommen?», überlegte Erkenbrecher.
«Oder noch viel schlimmer: für einen Israeli und Mossad-Mann», fügte Zützer hinzu.
Doch sie fanden den Arzt schließlich auf Höhe der Krausenstraße. Er war in der Zwischenzeit zum U-Bahnhof Thälmannplatz gelaufen, um sich den Marmor anzusehen, von dem es hieß, er stamme aus der Reichskanzlei.
«Quatsch!», sagte Zützer. «Der kommt bestimmt ganz frisch aus’m Berg irgendwo in Thüringen.»
Sie wollten so schnell wie möglich die Radiale Ostbahnhof, Stralauer Allee, Köpenicker Landstraße, Adlergestell entlang – es war eine endlose Fahrerei. Zwar ging es hier betulicher zu als auf westlichen Straßen, aber die blauen Wölkchen, die aus den Auspuffrohren der Lastwagen und der Trabbis kamen, machten jeden Kilometer zur Qual. Außerdem hatte Erkenbrecher Angst, irgendeinen Fehler zu begehen und womöglich noch in eine Straßenbahn zu krachen. Die gab es in West-Berlin schon lange nicht mehr, und man hatte den Umgang mit den gelben Monstern völlig verlernt. Um sich die Zeit zu vertreiben, erzählten sie sich gegenseitig Ostwitze.
Erkenbrecher begann: «Ein Ehemann erwischt seine Frau mit einem anderen im Bett. Entsetzt ruft er: ‹Ihr Idioten! Im Konsum gibt’s Apfelsinen.›»
«Willy Stoph begrüßt auf dem Ost-Berliner Flughafen Schönefeld die erfolgreiche DDR-Olympiamannschaft. Er beginnt mit gehobener Stimme vom Protokoll abzulesen: ‹ O! O! O! O! O!. Der hinter ihm stehende Stasi-Offizier flüstert ihm aufgeregt ins Ohr: ‹Genosse Stoph, die Rede beginnt weiter unten! Was Sie gerade vorgelesen haben, waren die fünf olympischen Ringe.›»
«Steht ein Volkspolizist auf dem Alexanderplatz und onaniert. Kommt ein Vorgesetzter und fragt ihn, was das denn solle. – ‹Na, du hast doch gesagt: Sperr ma ab.›»
Sie nahmen Kurs auf Grünau und standen gegen fünfzehn Uhr auf Höhe des Sportdenkmals am Ufer der Dahme beziehungsweise des Langen Sees.
«Meine Müggelberge!», rief Lilienblum. «Ein Mittelgebirge en miniature, wie Fontane mal gesagt hat.» Er stutzte. «Nur der Turm sah früher anders aus … »
Zützer lachte. «Ein seltener Fall von Turmmutation: Von der chinesischen Pagode zum Betonklotz.»
Erkenbrecher konnte sich daran erinnern, dass der alte hölzerne Turm irgendwann abgebrannt und von den Ost-Berlinern nach langem Hin und Her durch einen neuen ersetzt worden war.
Vom Schmetterlingshorst her kam ihnen eine ganze Armada von Paddlern entgegen, angefeuert vom Übungsleiter eines volkseigenen Sportvereins, der in einem Motorboot nebenherfuhr und ihnen mit einem Megaphon zurief, was sie besser machen sollten.
Zützer grinste. «Die trainieren alle für ihre Flucht über die Ostsee.»
«Über so was spottet man nicht», sagte Erkenbrecher.
Dr. Lilienblum wandte sich nun dem Sportdenkmal zu. «Das besteht aus den Natursteinen, die mehr als dreihundert Vereine damals in ihren Heimatorten gesammelt und mit ihren Vereinsnamen versehen haben. WILHELM DEM GROSSEN – DER DEUTSCHE SPORT hat mal draufgestanden. Jetzt sieht es aber mehr nach Ruine aus … »
«Ja, und die DDR will es abreißen lassen», fügte Erkenbrecher hinzu. «Weil es an die deutsche Einheit erinnert und weil zu viele Städte aus den verlorenen Ostgebieten vertreten sind.» Er sah auf seine Uhr. «Kommt, wir müssen nach Schmöckwitz, Carola wartet auf uns.»
«Alles dreht sich um Carola», sagte Zützer. «Hab ich noch nie gesehen, die Dame, bin aber schon mächtig gespannt auf sie. Wäre sie was für mich?»
«Nein», erwiderte Erkenbrecher. «Erstens ist sie in festen Händen und zweitens linientreue Bürgerin der Deutschen Demokratischen Republik.»
DREI
Juni 1972
EIGENTLICH STIMMTE bei dem, was Erkenbrecher über Carola gesagt hatte, nur das Erste, und auch das nur aus Hartmut Battins Sicht. Mit einer wirklich Linientreuen hätte er niemals etwas angefangen. Nicht mal aus Spaß. Mit Carola aber meinte er es bei allem Spaß, den sie miteinander hatten, durchaus ernst, und es wäre ihm lieber gewesen, sie hätte das auch so gesehen.
«Das siehst du falsch!», war überhaupt so ein blöder Satz, der einem oft genug an den Kopf geschmettert wurde, wenn man eine andere Meinung hatte als die offizielle, und die hatte Hartmut Battin meistens. «Bis du etwa nicht für den Frieden?», klang dagegen schon halb satirisch, hatte aber häufig auch diesen drohenden Unterton, den Hartmut hasste. Schon in der Schule hatten sie ihn ausreichend mit solchen hohlen Sprüchen belöffelt. Jedenfalls einige von den Paukern, und natürlich immer die miesesten. Ein richtig intelligenter Hundertfünfzigprozentiger war ihm selten begegnet. In der Schule nicht, und im Beruf schon gar nicht. Er arbeitete bei der Post.
«Die Reichsbahn und die Post, die saufen, wo’s nischt kost!» Das war der erste Spruch, den er von den alten Kollegen gelernt hatte, die schon unter Adolf die Strippen gezogen hatten, über und unter der Erde, und Kupfer und Kabel waren schon damals knapp gewesen. «Der Ain hat den Kabel erschlagen», wie polnische Kollegen es ausdrückten.
Hartmut arbeitete beim Fernmeldeamt. «Aber zu melden ham wa nüscht!», war der nächste Spruch. In der Rangfolge der Bedeutsamkeit kam die Post ganz hinten und dann noch um zwei Ecken. Selbst der Minister war nur in der CDU, ein abgehalfterter Drogist, den sie Seifen-Schulze nannten. Hartmut hatte ihn einmal reden hören und wusste seitdem, dass es auch zweihundertfünfzigprozentige Unintelligenzler gab, die nicht mal in der SED waren.
Mit seinen Kollegen verstand sich Hartmut Battin glänzend. Nur die machten die Arbeit im Amt überhaupt erträglich, und eine Kollegin ganz besonders. Sie hieß Carola Weigang und war sieben Jahre jünger als er. Nicht dass er besonders auf ganz Junge abgefahren wäre – nein, sie war mit ihren 24 Jahren eine Frau, die wusste, was sie wollte, und damit wohl genau die Richtige für ihn. Obwohl sie neben all ihren – nicht allein körperlichen – Vorzügen mindestens zwei kleine Fehler besaß: Sie kam aus Sachsen, wo bekanntlich die schönen (und vollbusigen) Mädchen auf den Bäumen wuchsen, und ihre Eltern konnten nichts anderes als Bonzen sein. Das bestritt sie zwar vehement – aber wie waren die wohl sonst aus ihrer Wohnhöhle in einem Nest nahe dem umgetauften Chemnitz zu einer Drei-Zimmer-Komfortwohnung in der Rue de Blamage gekommen, jener auch Halb-und-Halb genannten Ex-Stalinallee, wo die Kacheln von den Hauswänden fielen? Den Namen Karl Marx sprach Hartmut selten aus. Kallmastergrad nannte er Carolas Geburtsstadt, und zu seinen Lieblingswitzen gehörten die vom Parteihochschüler, der annahm, Karl May hätte Das Kapitalgeschrieben, und sich nach hundert Seiten Lektüre wunderte, dass immer noch kein Indianer vorgekommen sei, und noch überraschter erfuhr, dass es sich bei Marx-Engels angeblich um zwei verschiedene Personen gehandelt habe.
Carola spendierte für solche billigen Späße nur ein müdes Lächeln, hatte aber mit den westdeutschen Urkommunisten auch nicht viel am Hut. Zu Hause und in der Schule war einfach zu viel von den beiden die Rede gewesen.
Hartmut begründete ihren Überdruss dialektisch mit dem Marx’schen Gesetz der Negation der Negation: Übergroße Quantität schlägt leicht um in eine neue Qualität.
«Und mangelnde Quantität?», fragte Carola. Ihr Sächsisch klang nur noch ganz leicht an, anheimelnd geradezu. Vielleicht hatte er sich auch nur daran gewöhnt.
Aber damit waren sie wieder bei der Arbeit angelangt, von der sie in der Freizeit eigentlich nicht reden wollten.
Sie war die Sekretärin des Mannes, der für die Vergabe der Fernsprechanschlüsse in der Hauptstadt der Deutschen Demokratischen Republik zuständig war, und wusste, wovon sie sprach. Telefonanschlüsse waren so knapp wie Räucheraal in den Fischläden. Dass es einen Fisch namens Lachs gab, war weitgehend unbekannt. In Carolas Heimatort Limbach-Oberfrohna gab es nicht mal Heringe. «Und dann kommt so ein Holzkopf wie mein Cousin aus dem Westen, schwärmt von Spanien und erzählt von Calamares und Thunfischsteak!», beklagte sie sich.
«Dein Cousin ging noch», wandte Hartmut ein. «Der andere Typ war noch ein paar Zähne schärfer!»
«Wenn sie den netten Alten nicht mitgebracht hätten, wär’s richtig furchtbar gewesen», gab Carola zu. «Am meisten hat mich geärgert, dass die Kerle mir nichts, dir nichts zur Olympiade nach München düsen können, während unsereins auf das Geschwätz von Herrn Oertel im Fernsehen angewiesen ist.»
Ermattet lagen sie auf der breiten Liege in Carolas Einzimmerwohnung, Hinterhaus, vierter Stock, Ofenheizung und die Toilette eine halbe Treppe tiefer, aber eben nicht mehr das fernbeheizte Zimmer mit mütterlicher Ordnung im wörtlichen wie im ideologischen Sinne, aus dem sie sich vor Jahren hierher, mitten in den Prenzlauer Berg, abgesetzt hatte. Demnächst sollte sie eine noch kleinere, wenn auch komfortablere Wohnung der Arbeiterwohnungsbaugenossenschaft Deutsche Post beziehen.
«Wohnklo mit Kochnische», spottete Hartmut, freute sich aber doch ein bisschen darauf, nicht mehr die Kohlen vier Treppen raufschleppen zu müssen. Als Nicht-Berliner stand ihm gar kein hauptstädtisches Domizil zu. Polizeilich gemeldet war er am südlichen Stadtrand in einem allmählich verfallenden Eigenheim in Eichwalde, das seine Mutter von ihrem zweiten Ehemann geerbt hatte. Mit dessen Tochter aus erster Ehe befand sie sich seitdem im Kriegszustand. Es war wie mit dem gespaltenen Deutschland: An einen Friedensvertrag war nicht zu denken.
Hartmut bewohnte auch deshalb das große Zimmer und zwei Dachkammern mit schräger Decke in der oberen Etage, damit alle Versuche seiner ihm weitestgehend unbekannten ehemaligen Stiefschwester, die ihr angeblich zustehende Haushälfte zu beziehen, von vornherein zum Scheitern verurteilt blieben.
Im Laufe der Jahre war er mehrmals ausgezogen, hatte unter dem Protest seiner Mutter hier und da, kürzer oder länger mit Frauen in deren Behausungen zusammengelebt, war aber immer wieder reumütig heimgekehrt, froh darüber, sein Wohnrecht nie wirklich aufgegeben zu haben. An Mutters Marotten war er gewöhnt.
Auch in Carolas Vergangenheit gab es einen dunklen Punkt, was die Wohnung in der Winsstraße anging. Jedenfalls ließ sie nie wirklich durchblicken, wie sie zu dieser gekommen war.
Natürlich hätten sie heiraten können, und über kurz oder lang hätte ihnen ein Arbeiterschließfach zugestanden, aber so weit waren sie nicht miteinander. Er wollte seine Unabhängigkeit nicht ganz aufgeben, und sie hoffte immer noch, ihm vor einer eventuellen Ehe seine Machoallüren und ein paar andere störende Eigenschaften wenigstens zum Teil abzugewöhnen. Zu ihm und der Schwiegermutter in spe zu ziehen wäre Carola nie in den Sinn gekommen, selbst wenn sich deren Haus dreihundert Meter nördlich und damit in Berlin befunden hätte.
Mit dem Westbesuch hatte man sich in Schmöckwitz treffen müssen, zwischen Berlin und «der Zone», wie der Onkel sich auszudrücken beliebte, lag noch mal eine Grenze. Um die zu überschreiten, benötigte man den blauen DPA, den Deutschen Personalausweis, der seltsamerweise noch immer so hieß, obwohl die oberste Partei- und Staatsführung das Wort deutsch seit einiger Zeit sichtlich verabscheute. Dabei kamen Honecker und sein neuer Oberagitator selber aus dem Westen. Nicht mal der Verteidigungsminister war ein Sachse.
Im Schmöckwitzer Bootshaus direkt neben der «Palme» lag Hartmuts geklinkerter Stolz, ein fast sechs Meter langes Paddelboot namens Early Bird. Eine der kleinen Freiheiten im Sozialismus war, dass man sein Boot und seine Kinder nennen durfte, wie man wollte, jedenfalls beinahe. Der Stasi-Beauftragte im Amt hatte seinem Sohn den Namen Steve verliehen.
In der Woche blieb Hartmut häufig der Bequemlichkeit wegen – und weil er insgeheim fürchtete, ein anderer könne inzwischen seinen Platz einnehmen, aber das gab er nicht zu – über Nacht bei Carola. Der Weg zur Arbeit war nicht halb so lang. Nach den Anstrengungen der Nacht tat es ihm gut, ein Stündchen länger zu schlafen, auch wenn er die Morgendusche vermisste und sich nur schwer an die morgendliche Katzenwäsche gewöhnen konnte und daran, nachts in den Küchenausguss zu pinkeln. Außerdem bereitete es ihm Schwierigkeiten, in Carolas Küche seine lange Haarpracht zu waschen, auf die er so stolz war. Carola hingegen trug ihre blonden Borsten sehr kurz, was aber durchaus reizvoll aussah. Sie wäre auch mit Glatze noch hübsch gewesen.
Erst freitags und wenn das Wetter es zuließ, fuhren sie nach Dienstschluss raus nach Schmöckwitz, machten die Birdklar und bauten Hartmuts winziges Zelt in Rauchfangswerder, auf dem Seddinwall oder einfach gleich drüben an der Krampe auf und blieben dort bis zum Sonntagabend. Der Seddinwall war eine ehemals bewohnte Insel, die schon von weitem mit meterhohen weißen Buchstaben grüßte: Gott schütze uns vor Sturm und Wind und Menschen, die aus Sachsen sind!
Hartmut liebte das Wasser, mochte es noch so dreckig sein, während Carola – nicht etwa des Spruches wegen – ein eher ambivalentes Verhältnis zum feuchten Element besaß. Getrieben vom eigenen Ehrgeiz und dem Stolz ihrer patriotischen Eltern, hatte sie sich vom SC Dynamo in jüngsten Jahren zu einer Freistilschwimmerin ausbilden lassen, auf der große Hoffnungen ruhten. Da ruhten sie allerdings noch immer, denn trotz hilfreicher Pillen und gelegentlicher Auslandsreisen in sozialistische Bruderländer war die Heranwachsende allmählich und schließlich endgültig des ständigen Trainingsdrucks müde geworden und hatte ihre Laufbahn beendet, bevor sie in den Olympiakader aufrücken konnte. Zurückgeblieben waren eine leicht nach vorn gekrümmte Schulter und der Ratschlag des Arztes, es doch einmal mit Schwimmen zu versuchen. Mit Brustschwimmen allerdings und ohne Leistungsdruck. Papa und Mama hatten die Welt nicht mehr verstanden.
Jahre später verstanden sie noch weniger, was ihre Tochter an diesem windigen, gänzlich unehrgeizigen und langhaarigen Ingenieur Hartmut fand, der sich als ein überaus kritischer Bewohner des ersten Arbeiter- und Bauernstaates auf deutschem Boden entpuppte und daraus auch kein Hehl machte. Dass so einer auf Kosten der Werktätigen hatte studieren dürfen und auch noch auf eine – wenn auch untere – Leitungsebene aufstieg, wollte nicht in ihre Köpfe. Stattdessen bedrängten sie Carola, endlich selber zu studieren oder wenigstens in die Partei einzutreten. Das verlangte nicht mal ihr Chef von ihr, obwohl es des dienstlichen Geheimnisschutzes wegen besser gewesen wäre. Er selbst war auch nur drin, weil sich das in seiner Position so gehörte. Und das große Geheimnis, dass es viel zu wenige Telefonanschlüsse gab und sich dieser Dauerzustand auch im nächsten Fünfjahrplanzeitraum nicht ändern würde, teilten die Sekretärin und Oberrat Mohnholz mit der Mehrheit der DDR-Bevölkerung.
Von Carolas Westbesuchern ahnten der Chef, vor allem aber ihre Eltern nichts; in deren Kaderakten kam der West-Berliner Familienzweig schon lange nicht mehr vor. Bis zu jenem unguten Augustsonntag 1961 war den Alten zwischen Arbeit, Parteilehrjahr, Versammlungen und Agitationseinsätzen glatt entgangen, dass die dreizehnjährige Tochter inzwischen dank Cousin Rainer die verbotene Stadthälfte samt allen Kinos und Kaufhäusern am Kudamm kannte und möglicherweise auch deshalb nicht mehr die rechte Freude am täglichen Training empfand.
Carola hatte ihren auch nach dem Mauerbau andauernden Kontakt zu den Erkenbrechers vorsichtshalber nicht angegeben. Rainer ließ sich selten genug im Osten sehen und ödete sie dann auch noch mit Fragen zu marxistischer Fachliteratur an, die sie ihm jedoch willig besorgte. Der Gegenwert an Mitbringseln entschädigte sie allemal für das blöde Gefühl, in einer Buchhandlung so etwas zu kaufen oder zu bestellen. Was sie gerne gelesen hätte, gab’s da sowieso nicht. Rainer hatte mal versucht, ihr einen Simmel mitzubringen. Den hatten sie ihm an der Grenze abgenommen.
«Wie gut kennst du deinen Cousin eigentlich?», erkundigte sich Hartmut. Irgendwie kamen sie nicht weg von diesen Besuchern. Dabei war Hartmut das Gefühl nicht losgeworden, von denen wie ein freilaufendes Zootier betrachtet zu werden.
Carola zuckte mit den nackten Schultern. «Als Teenager habe ich ein bisschen für ihn geschwärmt. Das war eine ganz andere Welt da drüben, und er kannte sich dort bestens aus.»
«War er damals auch schon einen Kopf kleiner als du?»
Carola feixte: «Ist er nicht niedlich?» Sie wusste, wie sie Hartmut ärgern konnte.
Aber der stieg nicht darauf ein. «Kann er das Maul halten?», wollte er wissen.
«Was willst du ihm denn für ein Geheimnis anvertrauen?»
Hartmut schnaufte ärgerlich und knetete dabei abwesend ihre linke Brust.
Sie schob seine Hand weg. «Du möchtest, dass er dir Platten besorgt, stimmt’s?»
Hartmut widersprach ihr: «Quatsch!»
Dabei wusste sie genau, wie scharf er auf Dixieland-Platten war, von denen manche klangen wie auf dem Trichtergrammophon abgespielt. Er geriet förmlich in Verzückung, wenn er das Gequäke hörte. Die Band, zu der er gehörte, klang etwas besser. Er spielte Bass, ein Instrument von beträchtlicher Größe, das gewöhnlich Carolas Korridor verbarrikadierte, weil die Proben und viele Auftritte sowieso in Berlin stattfanden. Es sah ein bisschen merkwürdig aus, wenn der großgewachsene Kerl mit flatternder Mähne und dem Riesending auf dem Buckel auf seinem Habicht fuhr. Nicht weniger merkwürdig, als wenn sie hinter ihm auf dem Moped klemmte. Rainer hatte angeboten, ihnen billig einen VW-Käfer zu besorgen. Leider war die private Einfuhr von Fahrzeugen verboten.
«Er könnte mal ’n Weg für mich erledigen», sagte Hartmut vage.
Sie wurde hellhörig. «Was hast du denn im Westen für Wege zu erledigen?»
Er zögerte lange. «Es ist wegen der Kühns … aus Miersdorf», sagte er schließlich. «Die kennst du doch auch.»
Carola erinnerte sich an das sympathische Ehepaar.
«Die immer mit dem Faltboot rumgurken? Die haben wir mindestens zwei, drei Wochenenden nicht gesehen.»
«Eben. Sie wollten sich gleich melden … wenn sie drüben gut angekommen sind.»
Unwillkürlich setzte sich Carola auf. «Die sind rüber?», fragte sie verblüfft. «Davon hast du mir überhaupt nichts erzählt!»
Hartmut küsste sanft ihre vorwitzige Brustwarze.
«Über so was spricht man ja auch nicht.»
«Was soll das heißen? Hast du kein Vertrauen zu mir?»
Er versuchte, sie zu beruhigen. «Zu dir allemal. Aber ein unbedachtes Wort … »
Sie entzog sich ihm und sagte empört: «Du hältst mich also für ein Quatschmaul!»
«Natürlich nicht! Aber warum sollte ich dich mit so etwas belasten?»
«Weil ich die Leute vielleicht gut leiden kann. Obwohl die mit ihrem Igelit-Boot immer so ein Höllentempo vorlegen.»
«Sie haben hart trainiert. Ist kein Spaß, über die Ostsee zu paddeln.»
Carola war geschockt. «Über die Ostsee? Bist du sicher? Man kann doch auch in Berlin über irgendeinen See oder Kanal paddeln.»
«Kann man nicht!» Hartmut wusste es genau. «Das habe ich mit Günther und Annegret oft genug durchgekaut. Der einzige Weg führt über die Ostsee.»
«Du wusstest es also die ganze Zeit?»
Er nickte. «Wenn es nötig ist, kann ich eben auch den Mund halten.»
Carola sah ihn aufmerksam an. «Hast du selber mal daran gedacht?», fragte sie verhalten.
«Über die Ostsee?»
«Ich meine … überhaupt … »
Er erwiderte ihren wachsamen Blick. «Im September 1961 war ich schon fast drüben. Aber … » Er schwieg. Er hatte nie erwähnt, dass es da ein Mädchen gegeben hatte, das mitwollte, und dann doch nicht, weil sie angeblich schwanger war, und zwar von ihm. Und am Ende war sie ein halbes Jahr später im Kofferraum einer Diplomatenlimousine getürmt, und er war noch immer hier. «Hat eben nicht geklappt. Dann haben sie mich zur Fahne geholt, und da ist mir endgültig die Lust auf solche Abenteuer vergangen. Die schießen an der Grenze nicht mit Platzpatronen!»
Sie drängte ihren warmen Körper an ihn. «Das weiß doch jeder. Aber manchmal denkt man trotzdem dran, stimmt’s?»
Sie ahnte nicht, wie oft er daran dachte. Und welche Rolle sie dabei spielte. Ohne dich wäre ich längst weg, hätte er sagen müssen. 1968, kurz vor dem bösen Ende in Prag, war er gerade so weit gewesen, sich samt seiner auf Mikrofilm kopierten Zeugnisse und Unterlagen über die Tschechoslowakei abzusetzen. Und ausgerechnet da hatte es zwischen ihm und der umschwärmten Chefsekretärin Carola gefunkt. Bei einem Geplänkel über Carolas Berufsbezeichnung.
«Sie sind doch seine unentbehrliche Sekretärin», hatte er ihr geschmeichelt. «Ohne Sie ist der Boss doch hilflos.»
«Ich bin die Hauptsachbearbeiterin.» So hieß sie nur, damit sie ein bisschen besser bezahlt werden konnte.
«Aha. Und wer ist für die Nebensachen zuständig?» So hatte es angefangen. Und jetzt lag er hier neben seiner Eroberung, auf die er immer noch stolz war, und sie fragte ihn, ob er rüber wollte. «Im Traum bin ich manchmal plötzlich drüben», sagte er.
«Komisch. Ist mir auch schon passiert.» Das hatte er nicht erwartet.
Der nächste Morgen begann mit einem Beinahe-Unfall in der Prenzlauer Allee, als Hartmut den schlingernden Habicht auf dem glitschigen Pflaster nur knapp zum Stehen brachte. Carola fuhr lieber mit der Bahn, besonders an so einem verregneten Tag, doch dafür war es zu spät gewesen. Sie hatten wenig geschlafen in dieser Nacht, und das trübe Wetter animierte nicht zum Aufstehen.
Im Büro fühlte sie sich unwohl in ihrer feuchten Kleidung. Außerdem standen Antworten auf Eingaben auf ihrem Vormittagsprogramm, also Ablehnungen und Ausreden an Leute ohne Telefon, die sich meistens zum x-ten Mal beschwert hatten. Immer der gleiche verlogene Text, den sie im Schlaf runterratterte, wenn niemand sie störte.
Ausgerechnet heute aber schob sich gegen halb elf eine dickliche Riesenfigur in ihr Zimmer, bekleidet mit einem spermafarbenen Anorak, wie Hartmut die Farbe nannte, und einer zu großen Brille mit violett schimmernden Gläsern auf dem geröteten Nasenzinken. «Ich bin der Norbert», hatte er sich ihr bei seinem ersten Besuch plump-vertraulich vorgestellt, und es hätte nicht des gezückten Klappausweises bedurft, um ihn als Vertreter «der Firma» zu identifizieren.
Mohnholz wandte jedes Mal die Augen gen Himmel, wenn sie den unwillkommenen Besucher meldete. Der feilschte meistens dreist um Extrawürste bei der Fernmeldeversorgung, die man ihm auch prompt briet – oder er wollte irgendwelche Auskünfte einholen, die man ihm ebenfalls nie verweigerte.
Hätte Carola geahnt, dass heute ihr eigener Name und der Hartmuts auf Norberts Wunschliste standen, hätte sie sich das gequälte Lächeln verkniffen, das sie bei seinem Eintritt aufgesetzt hatte. «Verärgern Sie den bloß nicht!», war sie oft genug von Mohnholz gemahnt worden, der sich so leicht vor niemandem fürchtete. «Und lassen Sie ihn immer gleich zu mir, sonst schnüffelt er nur in der Gegend rum!»
Zwischen Mohnholz und ihr herrschte ein ungezwungener Ton. Kaum war der tapsige Besucher diesmal wieder verschwunden, tauchte der Chef aus seinem Gehäuse auf und blickte Carola bedeutungsschwanger an.
«Ist was?», fragte sie.
«Das frage ich Sie.»
«Wieso? Ist der meinetwegen hier gewesen?» Das sollte leichthin klingen, aber es schwang ein unbehaglicher Unterton mit. Unwillkürlich fiel ihr das nächtliche Gespräch mit Hartmut ein.
«Haben Sie irgendwelche Westkontakte?», fragte Mohnholz mit gedämpfter Stimme.
Empört sah sie zu ihm auf. «Wer behauptet denn so was?»
Mohnholz hob begütigend die Hand. «Vergessen Sie’s. Er hat sich nur am Rande danach erkundigt. Wahrscheinlich wegen der VVS-Verpflichtung … »
Carola zog eine Grimasse. Die konnten ihr mit ihrer ganzen Geheimhaltung gestohlen bleiben, und das wusste Mohnholz. Er vertraute ihr und hatte sogar mal gucken lassen, dass seine eigene greise Mutter irgendwo im Westen lebte. Natürlich ohne offizielle Verbindung zu ihm. Sonst hätte er nicht länger auf seinem Posten gesessen.
«Wenn mal was sein sollte, sagen Sie’s mir rechtzeitig», murmelte er und fügte, schon in der Tür, noch hinzu: «Und erzählen Sie Hartmut lieber nichts davon.»
Mit dem war er, wie mit den meisten Ingenieuren und den paar Genossen im Amt sowieso, per du.
Für Carola waren die Schrecken dieses trüben Mittwochs damit keineswegs zu Ende. Am Abend stand die Feier zum 55. Geburtstag der Mutter an, ein Ereignis, vor dem ihr zu Recht graute, zumal Hartmut keine zehn Pferde in die Karl-Marx-Allee gebracht hätten. Außerdem probte mittwochs die Band.
«Du kommst alleine?», fragte die Mutter zwar scheinheilig, doch war ihr die Erleichterung über Hartmuts Ausbleiben deutlich anzumerken.
Der Vater hingegen musterte sie nur prüfend, wie es seine Art war, unterließ aber angesichts der anderen Gäste die übliche inquisitorische Befragung bezüglich ihrer beruflichen, gesellschaftlichen und höchst privaten Entwicklung, ja, er verkniff sich sogar die obligatorische Bemerkung über ihre unpassende Frisur. Dass sie nagelneue Jeans aus dem Westen trug, fiel ihm wahrscheinlich nicht auf.
Ausnahmsweise war Carola nicht die einzige anwesende Verwandte. Aus Mülsen St. Jacob war Vaters Schwester Ursula mit ihrem Mann Ottfried angereist, die zur Zeit in einem Kaff südlich von Berlin ihren Jahresurlaub verbrachten – um dort den ganzen Tag vor dem Fernseher zu verbringen, wie Carola vermutete. In ihrem vorerzgebirgischen Tal war der Westempfang ausgesprochen mies.
Im Gespräch war selbstverständlich nur vom Adlershofer Programm die Rede, wie es sich in Gegenwart eines Referenten der SED-Kreisleitung gehörte, der noch dazu ganz offensichtlich über einen gesamtwirtschaftlichen und globalpolitischen Überblick verfügte, um den ihn die restlichen Anwesenden nicht einmal zu beneiden schienen.
Onkel Ottfried beispielsweise hakte sich an den allzu optimistischen Prognosen des Hausherrn fest und registrierte erstaunt Carolas aufmunterndes Zunicken.
«Bei der Telefonversorgung sieht’s auch ausgesprochen beschissen aus», ergänzte sie Ottfrieds Einwände nüchtern. «Daran kann auch dein Honecker nichts ändern.»
«Ihr könnt immer nur kritisieren!», schnaubte der Vater. «Habt ihr mal überlegt, unter welchen Bedingungen wir anfangen mussten? Der Krieg … »
«… ist seit 27 Jahren zu Ende», unterbrach Carola den allzu vertrauten Sermon. «Irgendwann müssten doch mal normale Zeiten anbrechen.»
Dem Vater verschlug es offenbar die Sprache.
«Na, mit Honecker hat sich doch schon eine ganze Menge geändert», mischte sich Mutters Kollegin Hertha ein, ein Trumm von einem Weib, das der Bowle heftiger zusprach als alle anderen. «Nur der Krenz gefällt mir gar nicht. Aber Lamberz … » Sie verdrehte die Augen schwärmerisch. «Solche Leute hätte Ulbricht sich ranholen müssen. Er hat eben eine Menge falsch gemacht, wie man heute weiß.»
Natürlich wusste das jeder. Es auszusprechen galt dennoch als Sakrileg.
«Beim letzten Plenum hat Ulbricht ja auch viel gesprochen.» Carola kolportierte damit nur einen Witz, der im Amt umging.
Alle sahen sie ungläubig an. Jeder wusste, dass der entmachtete Erste Mann in keinem Plenum mehr sprechen würde.
«Doch, doch», beharrte Carola, «mit dem Pförtner. Er wollte unbedingt rein … »
In den Mienen der Zuhörer sah sie, dass manche lachen wollten, was der Genosse Vater zu verhindern wusste.
«Die Fehler des Genossen Ulbricht sind ein viel zu ernstes Thema, um darüber frivole Witze zu verbreiten!», wies er seine Tochter zurecht.
«Die meisten politischen Witze kommen aus dem ZK», konterte sie.
In diesem Stil ging es weiter. Das grünstichige Geflacker des neuangeschafften Farbfernsehers beeinflusste das Gespräch nur für kurze Zeit. Vergeblich versuchte der Hausherr, die Vorzüge des französischen Farbsystems gegenüber dem westdeutschen herauszuarbeiten.
«Das haben die Freunde für uns entschieden», stellte Hertha lautstark fest, und niemand widersprach. An einer Moskauer Entscheidung war nicht zu rütteln.
Während Carola ihrer Mutter bei der Vorbereitung des Abendessens half, betrat der Vater die Küche, was selten vorkam. «Was ist los mit dir, Mädel? Musst du denn immer provozieren?», fragte er.
«Provozieren nennst du das, wenn ich von den Mängeln eurer Planwirtschaft spreche? Du kannst gerne mal in unser Amt kommen und die Eingaben der Bürger lesen und wahrheitsgemäß beantworten!»
«Man kann in einer zentral gelenkten Volkswirtschaft nicht alle Zweige gleichzeitig und gleichermaßen entwickeln», dozierte der Alte.
«Ach! Und warum können die das im Westen?»
Seine Miene erstarrte. «So etwas möchte ich nicht von dir hören. Der Klassenfeind … »
«Moment mal!» Carola legte ihm die flache Hand gegen die Schulter. «Weil du gerade vom Klassenfeind sprichst: Ich soll euch beide herzlich grüßen!»
«Von wem?», kam die befremdete Frage zurück.
«Von Rainer. Ich habe ihn neulich in Schmöckwitz getroffen.»
Ganz im Gegensatz zu seiner sonstigen Gewohnheit versuchte der Vater, den Dummen zu spielen. «Was für ein Rainer?»
Das war selbst der Mutter zu viel. «Von Erkenbrechers?», fragte sie ungläubig. «Darf der denn so einfach nach Schmöckwitz?»
«Du hast doch gehört: Unter eurem Honecker hat sich eine ganze Menge geändert.»
Den Vater plagten sofort andere Sorgen. «Du hast ihm hoffentlich keine Adresse oder Telefonnummer gegeben!»
Carola blieb ihm die Antwort schuldig. «Er hatte einen alten jüdischen Onkel aus Amerika dabei. Bist du mit dem eigentlich auch verwandt?»
Der Genosse Weigang schluckte. «Für einen echten Kommunisten existieren keine Rassen-, sondern nur Klassenschranken!», erklärte er schließlich. Eine Antwort war das auch nicht.
«Und ich dachte immer, das Judentum wäre eine Religion», entgegnete Carola.
VIER
Juni 1972
PAUL BARZOW musste dringend in die Kreishauptstadt. Zum Arzt, wie er behauptete, was dem 68-Jährigen jeder ohne weiteres glaubte. Er litt an fortgeschrittener Arthrose, rheumatischen Schüben, zu hohem Blutdruck, leichter Altersdiabetes, einer Fehlfunktion der Schilddrüse, einer harmlosen Form von Hautkrebs, Schlaflosigkeit und noch einem weiteren Dutzend von Beschwerden, um die er sich nicht kümmerte. Er fühlte sich eigentlich ganz gesund.
Die Ausrede mit dem Arztbesuch hatte sich jedoch bis jetzt stets als erfolgreich erwiesen. Irgendeine Urlauberfamilie fand sich immer, die den umgänglichen alten Mann im Auto mit nach Bergen nahm, was ihm den beschwerlichen Weg mit dem Fahrrad zur Bushaltestelle und von dort mit dem häufig überfüllten Linienbus ersparte. Das Fahrgeld durfte er trotzdem abrechnen. So kam eins zum anderen, und sein Konto sah gar nicht mal schlecht aus – jedenfalls nicht so schlecht wie das Warenangebot im Landwarenhaus. Jetzt sollte es sogar ausländische Buntfernseher geben, aber natürlich nicht hier oben im hohen Norden. Mal sehen, was sich da machen ließ. Im Sommer kam er ja kaum zum Fernsehen, da saß er abends mit den Feriengästen vor dem Heim, das deren Betrieb ausgebaut hatte, und schwatzte ein bisschen. Zu trinken gab es reichlich, und verhungern ließen sie ihn auch nicht. Er war beinahe der einzige Einheimische weit und breit und gehörte quasi zur Folklore, wie mal einer festgestellt hatte.
Paul Barzow kannte das Wort nicht. Er lebte bescheiden in seinem Häuschen hinter dem Deich, kaum hundert Schritte von dem noblen Ferienheim entfernt und nur dreihundert von dem kleinen Campingplatz, auf dem sich jeden Sommer die gleichen Eingeweihten einfanden, denen es auf dem kargen Inselchen gefiel. Onkel Paul gehörte dazu, als wären sie alle eine Familie. Nur im Herbst, wenn der Nordwest in Böen über die flache Landschaft fegte, und in den langen Wintermonaten bis März oder April wurde es ein bisschen einsam, da kamen einem der wärmende Grog und vielleicht so ein Buntfernseher gerade recht. Wichtig war nur, dass man damit den richtigen Kanal in Farbe sehen konnte. Mit dem richtigen meinte Paul natürlich den falschen, aber darüber sprach er mit niemandem, obwohl er sonst ganz gerne redete. Die Urlauber hörten ihm zu, wenn er von früher erzählte, vom schweren Leben der Fischer und von der Lastenseglerei, die sein Vater noch betrieben hatte. Damals hatte es noch keinen Rügendamm und kaum Straßen auf der ganzen Insel gegeben. Und viel weniger Feriengäste. Hierher, auf das abgelegene Eiland im Bodden, war überhaupt kein Fremder gekommen.
Richtige Straßen gab es auf dem ersten Teil der Strecke noch immer nicht. Wozu auch? Für die paar Fahrzeuge genügten die längsverlegten Betonschwellen allemal, die sich rings um die Deiche zogen. Egal, ob man links- oder rechtsherum fuhr, man landete immer wieder in dem einzigen richtigen Dorf auf der Insel und musste über die einzige Brücke, um sie zu verlassen. Schon war man auf der nächsten Insel. Von Rügen runter, auf Ummanz ruff, sagten die Rügener. Viele Heimurlauber gaben zu, den Namen vorher nie gehört zu haben.
Paul kannte eine Menge Geschichten, und er erfuhr eine Menge. Manchmal waren die Urlauber hartnäckig und fragten ihn nach Dingen, über die er nicht gerne redete. Aber nach dem freigiebig ausgeschenkten sechsten oder achten Gläschen entschlüpfte ihm doch mal die eine oder andere Bemerkung über die eigene Vergangenheit, derer er sich insgeheim nicht einmal schämte. Gewisse Leute sahen das anders und hielten ihm den Dienst bei der Deutschen Kriegsmarine vor. Nachdem sie herausgefunden hatten, dass er zu den Freiwilligen für die Zwei-Mann-U-Boot-Waffe Seehund gehört hatte, war ihm nichts anderes übriggeblieben, als den schuldbewussten Sünder zu spielen und auf ihre Vorschläge einzugehen. Gedroht hatten sie ihm nicht. Dennoch verstand er, dass einer mit seiner Vergangenheit nur unter bestimmten Bedingungen im sogenannten erweiterten Grenzgebiet wohnen durfte. Vermutlich schätzten sie seinen Widerwillen richtig ein, in seinem Alter das ererbte Haus und die Insel zu verlassen, auf der er bis auf die Marinejahre sein ganzes Leben verbracht hatte. Vor zehn Jahren war seine Frau gestorben, und kurz vorher war deren einziger Sohn verschwunden, mit dem er sich ohnehin nicht verstanden hatte. Der hatte bei den Mollies gedient, der Grenzbrigade in Matrosenkluft, die zum Gespött echter Fahrensleute, wie Paul einer war, nie aufs Wasser kam. Wohin der Junge gegangen war, erfuhr Paul nicht. Es war von Fahnenflucht die Rede. Damals hatten sie ihn zum ersten Mal mit nach Bergen genommen und einen ganzen Tag lang verhört. Und von da an …
Paul war es längst gelungen, sich einzureden, dass er das Richtige tat. Dass es seinem Vorteil diente, war sowieso klar. Hätte er sich sonst in Bergen in das erste Haus am Platz setzen können, um das teuerste Steak und den besten Kognak zu bestellen? Auch wenn der Laden überfüllt, die Bedienung unfreundlich, das Steak trocken und der Kognak nur Weinbrand aus Rumänien war – Paul genoss es. Und er brauchte nicht zu zahlen. Das besorgte ungefragt der zaundürre Mensch namens Rudi, zu dem er sich ebenfalls ungefragt an den abgelegenen Tisch gesetzt hatte.
Rudi sah sauertöpfisch und ein bisschen magenleidend aus, gab sich jedoch alle Mühe, Paul freundlich zu begegnen.
Sie aßen, Rudi nur Klopse mit Kartoffelbrei, tranken einen zweiten Kognak und sprachen leise miteinander. Das war nicht ganz leicht für Paul, denn sein Gehör ließ schon etwas nach. Nur bei dem Thema Buntfernseher hob er seine Stimme doch ein wenig.
Rudi winkte beruhigend ab. «Ich kümmere mich», versprach er.
Das genügte Paul. Auf Rudi war Verlass, das wusste er. Er schob seinem Gegenüber ein paar Notizen hin, mit ungelenker Hand auf liniertes Papier geschrieben, doch durchaus lesbar. «Nicht viel los mit den Neuen», sagte er. «Die meisten sind zu alt oder mit mehreren kleinen Kindern da. Nur ein junges Paar. Sie arbeitet in der Kaderabteilung, und er angelt den ganzen Tag.» Er kicherte.
«Stellt sich ziemlich dämlich an dabei. Aber die Katze freut sich … »
«Fahren sie mit dem Boot?»
«I wo. Gestern sind sie mit dem Trabbi zur Fähre und rüber nach Wittow.»
«Viel Gepäck?»
«Hab sie leider nicht ankommen sehen. Glaube aber nicht.»
Rudi sah ihn an. Er hatte diesen durchdringenden Blick, den Paul nicht mochte. «Glauben genügt nicht», flüsterte er beinahe. «Wir müssen wissen, verstehst du?»
Paul nickte. «Habt ihr irgendwelche Anhaltspunkte?», fragte er und war sich im gleichen Augenblick bewusst, dass er auf diese Frage so wenig eine Antwort erhalten würde wie auf manche andere.
Er hatte sich getäuscht.
Rudi senkte den Kopf, als spräche er zur Tischplatte, und sagte gedämpft: «Der Feind verstärkt seine Wühltätigkeit. Er hofft, im Zuge der Anerkennungspolitik einen Fuß in unsere Tür stellen zu können. Unsere Beziehungen zu Dänemark sind sehr gut. Aber die Dänen sind auch in der Nato. Das darf man nie vergessen.»
Paul nickte gedankenverloren. Während des Krieges hatte er beinahe ein Jahr in Dänemark verbracht. Ein schönes Land. Und friedliche Leute. «Warst du schon mal in Dänemark?», fragte er.
Verbissen schüttelte Rudi den Kopf. «Dafür sind wir hier im Kreis nicht zuständig.» Er schwieg, als hätte er schon zu viel verraten. Der Gedanke an die nördlichen Nachbarn Dänemark und Schweden versetzte ihm jedes Mal einen Stich. Vor fünf Jahren hatte man ihn auf einem Torpedoschnellboot eingesetzt, einem sogenannten Holzpantoffel, weil der metallbezogene Rumpf eben nur aus Holz bestand. Obwohl an Bord kaum jemand mit ihm sprach, fand er den Verdacht bestätigt, dass ein paar von der Mannschaft heimliche Fluchtpläne schmiedeten. Daraufhin waren diese verhaftet und die ganze Truppe vom einen Tag auf den anderen ausgewechselt worden. Ihn selber hatte Monate später jemand, dessen Identität nie festgestellt wurde, nach einem Kneipenbesuch mordsmäßig verdroschen. Dabei hätten die Kameraden eigentlich heilfroh sein müssen, rechtzeitig von dem Kahn runtergekommen zu sein. Als der neue Kommandant, ein besonders scharfer Hund, während der kritischen Augusttage 1968 den Hinweis bekam, aus Lübeck laufe eine größere Nato-Fregatte aus, beschloss er, mit seiner ausgewählten neuen Mannschaft den Weltfrieden und den Sozialismus im Bruderland ČSSR durch persönlichen Einsatz zu retten und dem Aggressor mit dem torpedobewehrten Holzpantoffel aufzulauern. In nebelverhangener Nacht bemerkte niemand auf der fahrplanmäßigen Schwedenfähre – denn um die handelte es sich bei der angekündigten feindlichen Fregatte – die Kollision. Mit Mann und Maus versank das Torpedoschnellboot 844 in den Fluten der Ostsee.
«Smuke pike elske dei», sagte Paul in seine trüben Gedanken hinein.
Rudi sah ihn verständnislos an.
«Das ist Dänisch», erklärte Paul, «und heißt: Ich liebe dich.»
Nun war Rudi vollends verwirrt. «Ich wusste gar nicht, dass du Dänisch sprichst.»
«Ich auch nicht», brummte Paul. Mein Gott, manchmal war der Kerl wirklich schwer von Begriff. Und immer so steif und ernst. Mit dem Vorgänger hatte er sich besser verstanden. Manchmal hatten sie sogar zusammen gelacht. Immerhin schien Rudi heute ein wenig zugänglicher als sonst. Deshalb wagte Paul zu fragen: «Haben’s wieder welche versucht?»
Diesmal verstand Rudi sofort, was er meinte, und blickte ihn prüfend an. «Ein Ehepaar aus der Nähe von Berlin», sagte er, ohne den Mund wirklich zu öffnen. «Katholiken, wie es heißt.»
Paul hätte gerne gewusst, ob sie es geschafft hatten. Wahrscheinlich nicht, sonst hätte Rudi sie gar nicht erwähnt.
«Du kannst dich auf mich verlassen», sagte Paul. «Ich pass schon auf!»
«Na hoffentlich! Und wenn eine besondere Lage eintreten sollte, weißt du ja, wie du uns erreichst.»
Das war der Schluss des Gesprächs.
Paul hätte gerne noch einen Kognak getrunken. Er hob einen Finger, um die Kellnerin aufmerksam zu machen, und sagte: «Genau darüber müssten wir noch mal ausführlich reden.»
Rudi nickte. «Passt gut. Wir treffen uns beim nächsten Mal dort.» Er schob Paul einen Zettel mit einer Adresse hin.
Das war nun gar nicht in Pauls Sinn. Er kannte das schon. Irgendeine fremde Wohnung, wo ihn die Leute auf der Treppe misstrauisch musterten, und drinnen dann Rudi mit lauwarmem Kaffee und staubtrockenen Keksen. «Nee, nee, ich kann dir das auch hier sagen. Ich finde nämlich, wenn wirklich mal was sein sollte, ist das viel zu umständlich, euch zu erreichen.»
Rudi wollte nicht verstehen. «Du gehst ins Ferienheim und sagst, du musst mit deinem Arzt sprechen – weiter nichts.»
«Na eben. Das glaubt der Jahnke mir nicht mehr. Das ist ein ganz misstrauischer Hund. Ich wähl für dich, sagt der. Und dann?» Jahnke war der Heimleiter, und Paul wurde den Verdacht nicht los, dass der ihm misstraute.
Rudi dachte nach. «Was schlägst du vor?», fragte er schließlich.
Paul hob die breiten Schultern. «Keine Ahnung. Wäre eben besser, wenn ich selber so ’ne Quasselstrippe hätte.» Zum ersten Mal zuckte so etwas wie ein Lächeln um Rudis verkniffenen Mund. «Davon träumen ganz andere als du», sagte er. «Wäre auch gegen die Konspiration. Wie willst du erklären, dass ausgerechnet du plötzlich ein Telefon kriegst?»
Das klang einleuchtend. «Telefone soll’s jetzt auch über Genex geben», wandte Paul dennoch ein. «Vielleicht wäre das ’ne Möglichkeit als Begründung. Könnte ja irgendwelche Westverwandtschaft spendiert haben … »
Westverwandtschaft zu erwähnen war natürlich dämlich. Sofort meldete sich das Unbehagen wieder, das ihm die Postkarte eingeflößt hatte, die vor ein paar Tagen eingetroffen war. Von seinem alten Obermaat auf dem Zerstörer Albatross. Würde gerne mal zwei, drei Wochen Urlaub bei dir machen, schrieb der. Soll ja jetzt alles ganz einfach gehen … . Der hatte vielleicht Ahnung, da drüben in seinem Kaff irgendwo im Oldenburgischen!
Rudi wirkte tatsächlich wie elektrisiert, aber aus einem anderen Grund. «Woher stammt dieses Genex-Gerücht?», wollte er wissen.
Paul merkte, dass er mit der Erwähnung des West-Geschenkdienstes für Ostdeutsche einen Fehler gemacht hatte. «Muss irgendein Urlauber erzählt haben», sagte er matt.
«Wer?»
Wieder hob Paul hilflos die Schultern. «Kann mich wirklich nicht erinnern. Da sitzen abends manchmal zehn, zwölf Leute beieinander, und jeder sagt was, und alle reden durcheinander. Und getrunken wird auch was … » Er sah schuldbewusst auf den Kognak, den ihm die Serviererin hingestellt hatte.
«Aber so etwas darf man nicht einfach auf sich beruhen lassen», sagte Rudi eindringlich. «Dem Ursprung solcher Gerüchte muss man nachgehen bis an die Wurzel. Mit derartigen Lügen versucht der Gegner uns zu schaden.»
«Wär’s da nicht einfacher, man zieht ’n paar Strippen mehr, und alle Leute hätten Telefon?», sagte Paul treuherzig. «Da stünde der Gegner schön da … »
Rudi zog die Stirn kraus und schüttelte den Kopf.
«Du hast Ideen!», sagte er, bevor er sich der Serviererin zudrehte, die unter den argwöhnischen Blicken einer Traube Wartender missmutig den Nebentisch abräumte. «Mir auch noch ’n Kognak!»
Pulsuz fraqment bitdi.