Kitabı oxu: «Mach dein Glück! Geh nach Berlin!»

Şrift:

Horst Bosetzky

Mach dein Glück! Geh nach Berlin!

Dokumentarischer Roman über Ernst Schering

Impressum

Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über

http://dnb.d-nb.de abrufbar.

ISBN: 978-3-86408-236-8

Coverabbildung: Schering Archiv, Bayer AG (Porträt Schering); Eduard Gärtner, Berlin, Opernhaus und Unter den Linden, 1845, (gemeinfrei) (Hintergrund)

© Copyright: Vergangenheitsverlag, Berlin / 2017

www.vergangenheitsverlag.de

Alle Rechte, auch die des Nachdrucks von Auszügen, der foto­mechanischen und digitalen Wiedergabe und der Übersetzung, vorbehalten.

Die besten Gardebataillone der Menschheit sind die Toten, die, biographisch wiederbelebt, unter uns wandeln.

Theodor Fontane

Ein Bilderbuch scheint alles, was vergangen

Joseph von Eichendorff

Prolog

Am Anfang stand die Alchemie

1889

Ernst Schering war ein großer Name in Berlin. Jeder kannte den Königlichen Kommerzienrat und seine „Chemische Fabrik auf Actien“ im Wedding an der Müllerstraße. Als am 27. Dezember 1889 bekannt wurde, dass Schering soeben verstorben war, griffen viele Männer zur Feder, um einen Nachruf auf ihn zu verfassen, so auch der Schriftsteller und Volkspädagoge Ferdinand Schmidt. Dessen Erinnerungen gingen um mehr als fünf Jahrzehnte zurück ...

1837

Das Kloster Neuzelle war im Jahre 1268 vom sächsischen Markgrafen Heinrich dem Erlauchten gegründet worden, um einmal seiner verstorbenen Ehefrau Agnes zu gedenken und um zum anderen den von den polnischen Piasten erworbenen Landstrich zwischen Oder und Schlaube wirtschaftlich besser zu erschließen. Zwischen 1300 und 1330 entstand auf einem Bergsporn, der in die Oderniederung ragte, eine prächtige dreischiffige Hallenkirche. Nach einer wechselvollen Geschichte kam die sächsische Niederlausitz 1814/15 als Folge des Wiener Kongresses an Preußen und wurde von Friedrich Wilhelm III. säkularisiert. Im Waisenhaus des Klosters wurde ein Lehrerseminar eingerichtet.

Hier nun verbrachte Ferdinand Schmidt entscheidende Jahre seiner Jugend. Er war am 2. Oktober 1816 in Frankfurt an der Oder auf die Welt gekommen und hatte seine Jugend im Klosterort Neuzelle verbracht, wo sein Vater die Stelle eines Kornschreibers innehatte. Früh hatte er sich als Pädagoge versucht und war schon im Alter von nur 15 Jahren in einer nahen Oberförsterei als Hauslehrer engagiert geworden. Nach dem Tode seines Vaters hatte er in sein Elternhaus zurückkehren müssen, nun aber besuchte er das evangelische Lehrerseminar, um staatlich anerkannte Lehrkraft zu werden. „Volkspädagoge, das steckt mir so im Blut“, pflegte er zu sagen, doch irgendwie wollte er auch als Schriftsteller reüssieren.

An diesem Vormittag nun galt es, ein Referat über die ebenso unheimliche wie faszinierende Alchemie und die berühmtesten Alchemisten zu halten. Er begann mit schwankender und etwas zu hoher Stimme, wurde dann aber zunehmend sicherer.

„Das Wort Alchemie leitet sich wohl vom Arabischen al-kīmiyā ab, und schon seit Jahrtausenden üben die Alchemie und die Alchemisten eine erhebliche Faszination auf uns alle aus. Gemeinhin wird angenommen, dass es das einzige Ziel der Alchemisten gewesen sei, aus unedlen Stoffen Gold zu machen – Gold, das schon in der babylonischen Philosophie als das Metall der Erlösung gegolten hat. Für diese Umwandlung, auch Transmutation genannt, brauchte man eine besondere Tinktur – das war der berühmte Stein der Weisen.“ Er machte eine Pause, um sich die Lippen zu befeuchten. „Heute würden wir sagen, die Alchemisten seien allesamt Irrwege gegangen und gehörten ins Irrenhaus, aber ihnen verdanken wir die Erfindung des Porzellans, des Bologneser Leuchtsteins und des Schwarzpulvers, jedenfalls was Europa betrifft. Der berühmteste Alchemist in unseren Breiten war wohl Markgraf Johann von Brandenburg, der von 1406 bis 1464 gelebt hat, aber auch unserem Prinzen Friedrich Wilhelm Ludwig von Preußen sagt man diesbezügliche Neigungen nach.“ Jetzt holte er weit aus und kam auf die philosophische Dimension der Alchemie zu sprechen, was aber seine Zuhörer nicht sonderlich interessierte. „In unseren Tagen“, so schloss er nach etwa einer halben Stunde unter dem Gelächter seiner Zuhörer, „sind die Apotheker und die Chemiker an die Stelle der Alchemisten getreten.“

Einige Tage nach diesem Vortrag unternahm das Lehrerseminar einen Ausflug ins uckermärkische Prenzlau. Unten am Ufer der Oder lagen zwei Boote bereit, und auf denen ging es bis nach Schwedt, wo auf Pferdewagen umzusteigen war.

Ihr Mentor war die ganze Zeit über damit beschäftigt, ihre Allgemeinbildung zu verbessern.

„Nennt mir berühmte Männer und Frauen, die in Prenzlau das Licht der Welt erblickt haben?“

„Keinen und Niemand“, kam es aus den hinteren Reihen.

„Doch!“ rief der Mentor und zählte dann einige Söhne und Töchter Prenzlaus auf, die er für Berühmtheiten hielt. „Christian Friedrich Schwan, Verleger und Buchhändler. Jacob Philipp Hackert, Landschaftsmaler. Friederike von Hessen-Darmstadt, Königin von Preußen ...“

„Gott!“ lachte einer. „Die war doch furchtbar unscheinbar und völlig unbegabt.“

„Ruhe! Dann haben wir noch Wilhelmina von Hessen-Darmstadt, Gattin des Zaren Paul I.“

Ferdinand Schmidt meldete sich zu Wort. „Das verstehe ich nicht: Was hat denn Prenzlau mit Hessen-Darmstadt zu tun?“

„Ganz einfach: Die Damen wurden in Prenzlau geboren, weil ihre Väter in preußischen Diensten standen und hier stationiert waren.“

„Ach, haben die Väter sie zur Welt gebracht?“

„Ich verbitte mir diese Scherze!“

Der Mentor fand, dass es einigen der Seminaristen doch erheblich an sittlicher Reife mangele. Der nächste Scherz kam ihm zum Glück gar nicht erst zu Ohren. Beim Stichwort Darmstadt fragte nämlich einer der Zöglinge Ferdinand Schmidt, ob der denn wisse, was ein Furz sei?

„Nein.“

„Eine Botschaft von Pforzheim nach Darmstadt, dass eine Fuhre Dung unterwegs ist.“

Ferdinand Schmidt sah den Kameraden tadelnd an. „An dir ist noch viel zu veredeln, bevor du auf die Jugend losgelassen wirst, sie zu veredeln.“

„Ach, in dem, was aus dem Volke kommt, steckt mehr Kraft drin als in all unserer Gelehrsamkeit.“

„Hm ...“ Ferdinand Schmidt ging mit dem Gedanken schwanger, eine Preußische Vaterlandskunde für Schule und Haus zu verfassen, so sein Arbeitstitel, und da war es vielleicht gar nicht schlecht, Wendungen und Bilder aus dem Alltag zu benutzen, um die Leser zu ködern.

Endlich waren am Horizont die Türme Prenzlaus zu erkennen, und auf dem Marktplatz angekommen, wurde der Wunsch geäußert, in ein Gasthaus einzukehren, denn man sei nach der langen Reise ausgehungert und vor allem durstig geworden.

„Abschlägig beschieden!“, rief der Mentor. „Erst treten wir an zur Stadtbesichtigung.“

Dann ging es los mit den Kirchen: St. Sabini, St. Jacobi, St. Marien, St. Nikolai …

„Und ich komme aus St. Endal“, brummte der Seminarist, der das mit der Fuhre Dung zum Besten gegeben hatte.

„Mein Vater aus St. Uttgart“, fügte ein anderer hinzu.

Ferdinand Schmidt fragte sich, wie seine Kameraden später reagieren würden, wenn ihre Schüler Derartiges zum Besten gaben. Wahrscheinlich würden sie explodieren.

Nun kamen die Türme an die Reihe. „Wir haben den Seiler-, den Hexen-, den Pulver-, den Schwedter-, den Mittel- und den Blindower Torturm.“

„Da möchte man am liebsten türmen“, meinte der Seminarist aus St. Endal.

Das aber wagte keiner, und so trabten sie solange hinter ihrem sehr verehrten Mentor hinterher, bis der selbst am Ende seiner Kräfte war und nach einem Gasthof Ausschau hielt.

„Da ist einer!“ rief er, als er das Schild mit der schönen Aufschrift „Zur Kastanie“ entdeckte. „Inhaber: Christian Friedrich Scheng.“

„Das wird ein Chinese sein“, vermutete der Witzbold vom Dienst.

Ferdinand Schmidt stellte die Sache richtig. „Der Mann heißt Schering. Die Buchstaben r und i sind nur abgefallen. Schering also.“

Sie kehrten ein, das heißt, sie nahmen draußen im Garten Platz und hatten bald herausgefunden, dass Scherings Küche vorzüglich war und auch sein Bernauer Bier nichts zu wünschen übrig ließ. Nur der Mentor war mit seinem Wein nicht so ganz zufrieden und murmelte, dass der wohl nicht vom Rheine käme, wie die Frau Wirtin ihm versichert hatte, sondern eher von der Oder, aus Grünberg vielleicht oder Tschicherzig.

„Soll ich dem Herrn etwas Zucker zum Nachsüßen bringen?“, fragte ein Junge, dessen Alter so zwischen zehn und fünfzehn liegen mochte und der sie schon die ganze Zeit über vom Nachbartisch aus beobachtet und belauscht hatte.

„Du bist ja ein richtiger Spaßvogel“, merkte der Mentor an und wurde dann amtlich. „Wie kommst du denn hierher? Wissen deine Eltern, dass du dich im Wirtshaus herumtreibst?“

„Ja. Ich bin jeden Tag hier“, entgegnete der Knabe so lakonisch, wie es nur ein echter Märker konnte.

„Dann werde ich einmal mit deinen Eltern sprechen“, fuhr der Mentor fort. „Wo kann ich die denn finden?“

„Na, auch hier.“

Als seine Zöglinge das schon längst begriffen hatten, merkte auch er, wen er vor sich hatte: den Filius des Wirts. „Das entschuldigt alles. Und wie heißt du?“

„Ernst Christian Friedrich, aber alle sagen nur Ernst zu mir.“

„Und, Ernst, bist du gut in der Schule?“

Der Junge überlegte. „Ja, aber ich will gar nicht gut sein.“

„Warum denn das?“

„Weil ich dann etwas studieren muss ...“

Weiter konnte sich der Mentor des Jungen nicht annehmen, denn nun kam das Essen – und das hatte absoluten Vorrang. Ernst Schering wurde zudem ins Haus gerufen, um die Herrschaften aus Neuzelle nicht weiter zu behelligen. Nach dem Essen aber ließ ihn der Mentor noch einmal rufen, um seinen Seminaristen weiter vorzuführen, wie man mit einfach gestrickten Jungen wie diesem Gastwirtssohn umzugehen hatte. Er hielt ihm einen Strauß mit Wildkräutern hin, die er vorhin bei einer kleinen Rast für sein Herbarium gesammelt hatte.

„Nun, Ernst, bist du eigentlich ein Kind der Natur?“

„Ja.“

Nun reimte der Mentor sogar. „Dann sag mir doch geschwind, was das hier all für Kräuter sind?“

Mit stoischer Ruhe tippte Ernst auf die einzelnen Pflanzen und benannte sie ohne zu zögern. „Scharfer Hahnenfuß … Wiesen-Bocksbart … Vogel-Wicke … Gemeine Schafgarbe … Acker-Vergissmeinnicht …“

„Das ist nicht zu fassen!“, rief der Mentor.

Ernst Schering war aber noch nicht am Ende und zeigte auf einen gelben Korbblütler. „Das hier ist der Kleinköpfige Pippau ...“

Da brach ein unbeschreiblicher Jubel bei den Seminaristen aus, denn ihr Mentor, der so stolz war auf seinen großen Kopf und das viele Hirn darin, hörte auf den Namen Pippau, Peter Christian Pippau.

Aber nicht nur wegen dieses lustigen Vorfalls sollte sich die Landpartie nach Prenzlau bei Ferdinand Schmidt für immer einprägen, sondern auch wegen einer Szene, die sie auf dem Rückweg zu ihrem Pferdefuhrwerk vor der Holtz´schen Apotheke erlebten. Dort hatte es, wie man ihnen erzählte, in einem Anbau eine Explosion und anschließend einen Brand gegeben. Gerade trug man einen jungen Mann auf einer aus den Angeln gehobenen Tür auf die Straße hinaus und wartete auf ein Pferdefuhrwerk, das ihn ins Krankenhaus bringen sollte.

„Das ist einer meiner Gehilfen, der Friedrich Krumbeck“, diktierte der Apotheker einem Korrespondenten in die Feder. „Der wollte sich ein wenig Geld damit dazuverdienen, dass er Knallerbsen herstellte. Und dazu benötigt man Knallquecksilber. Gibt man nun im Umgang mit diesem nicht genügend Obacht, so wird man langsam vergiftet. Kopfschmerzen, Übelkeit und Schwindel stellen sich ein. Von dem muss Krumbeck erfasst worden sein, und da ist er wohl in eine offene Flamme gestürzt.“

„Das ist doch ein Alchemist gewesen!“, rief einer der Nachbarn. „Der hat aus Quecksilber Gold machen wollen.“

Ferdinand Schmidt trat an der Seite des Mentors in den Hof der Apotheke, wo alles lagerte, was man aus dem brennenden Anbau noch hatte retten könnten. Darunter befand sich auch ein Haufen mit Chemikalien der verschiedensten Art, unter anderem ein Tütchen mit der Aufschrift Pottasche.

Der Mentor hob es auf und ließ das weiße Pulver zu Boden rieseln. „Den Mann möchte ich sehen, der aus dieser Asche Gold machen kann!“

Schmidt lachte. „Warten wir´s ab.“

Vor ihrer Rückreise kaufen sie sich noch ein paar Rosinenbrötchen in der Bäckerei Nickholz, die am Anfang der Klosterstraße gelegen war. Komischer Name, dachte Ferdinand Schmidt, und schrieb ihn in ein Büchlein. Er sammelte seltene Namen wie andere Schmetterlinge. Vielleicht würde er einmal einen Roman schreiben, und da brauchte man sicherlich viele einprägsame Namen.

Kapitel Eins

Tage in Prenzlau, unvergesslich

1837

Ernst Schering ging gern zur Schule, was in Prenzlau für einen Dreizehnjährigen recht ungewöhnlich war. Sein Bruder August sagte von ihm, er habe einen wachen Geist, der ständig gefüttert werden müsse. Ja, das stimmte schon, aber er war darüber durchaus nicht glücklich, sondern beneidete die, von denen es in der Bibel hieß „Selig sind, die da geistlich arm sind; denn das Himmelreich ist ihr“. Auch fürchtete er, seine Eltern würden meinen, dass er etwas Besonderes wäre und ihn wie seinen Bruder August zum Studium in die Ferne schicken. Was ihm vorschwebte, war ein einfaches Leben, eines ohne viel Gelehrsamkeit und immer in Gottes freier Natur. Im Gasthof seines Vaters hatte es immer viel Trubel gegeben und da war er oft in die Wälder südlich Prenzlaus geflüchtet, zumindest aber an die Ufer des langgestreckten Unteruckersees.

Nun, bei seinem Vater waren viele interessante Menschen eingekehrt und hatten von ihren Geschäften und ihren Abenteuern berichtet, und er hatte ihnen immer zugehört, mal offen, mal heimlich, weil das viel spannender war als all das, was in seinen Kinderbüchern und seiner Fibel stand. Die vielen Reize, die dabei auf ihn eingedrungen waren, hatten sein Gehirn dahin gebracht, später auch hoch Kompliziertes verstehen zu können. Und so war es gekommen, dass er in der Schule, auch noch auf dem Gymnasium, mit dem Lernen keine Mühe hatte, alles flog ihm nur so zu. Nie strebte er nach etwas, immer geschah es mit ihm, und er staunte nur, wenn er irgendwo angekommen war. Ludwig Kuhz, sein Klassenlehrer, hatte ihn einmal einen Somnambulen genannt, einen Schlafwandler.

Solch Kommentar war für Kuhz sehr ungewöhnlich, denn das Seelenleben seiner Schutzbefohlenen interessierte ihn im allgemeinen herzlich wenig. Hauptsache, sie lernten Gehorsam, die Liebe zum König und dazu ein wenig Lesen und Schreiben sowie das, was im kleinen Katechismus stand. Vornehmlich war er mit sich selbst beschäftigt, denn als junger Mann war er in der Schlacht bei Großbeeren in französisches Feuer geraten und hatte stundenlang in einem Graben ausharren müssen, nur mit dem Körper seines toten Pferdes als Kugelfang. Seitdem spielten seine Nerven immer wieder verrückt, aber er hätte nie daran gedacht, sich vom Schuldienst entbinden zu lassen, denn Fahnenflucht war das Schlimmste für ihn. Heute war das Werden Brandenburg-Preußens zu behandeln, und folglich war er mit besonderer Hingabe bei der Sache.

„Was fällt euch ein, wenn ich den Namen Friedrich nenne?“, fragte er mit leuchtenden Augen.

„Der Friedrich, der Friedrich, das ist ein arger Wüterich“, reimte Gottfried Nickholz, Scherings Freund und Banknachbar, in Vorwegnahme des Struwwelpeters.

So leise er gesprochen hatte, Kuhz waren seine Worte nicht entgangen, und er stürzte nach vorn, riss den Jungen aus der Bank, stieß ihn nach vorn, befahl ihm, sich über das Katheder zu beugen und versohlte ihn mit seiner Haselrute so kräftig, dass es denen noch weh tat, die in der hintersten Reihe saßen. Gottfried Nickholz stieß keinen Schmerzenslaut aus, denn er war von zu Hause aus Prügel gewohnt. Gelobt sei, was hart macht, hieß es dort. Was ihn außerdem noch trug, waren sein Hass auf den Lehrer und die Vorfreude auf den Tag, da er Kuhz alles heimzahlen konnte.

Der Lehrer gab sich alle Mühe, gleichmütig zu wirken. „Zurück zum Vornamen Friedrich. Wer trug in Preußen als Erster diesen Namen?“

In vielen Gesichtern zuckten es, denn es lag den Jungen auf der Zunge zu rufen „Mein Großvater!“, doch sie beherrschten sich gerade noch rechtzeitig, um der Haselrute zu entgehen. Keiner wagte sich zu melden.

Kuhz stieß Gottfried Nickholz die Spitze seiner Haselrute in die Brust. „Nun …?“

Die Antwort kam prompt. „Na, Friedrich der Große.“

Den ins Feld zu führen, konnte nie falsch sein, doch Kuhz verdrehte dennoch die Augen. „Mensch, das ist doch Friedrich II., wie kann denn der Alte Fritz der erste Friedrich sein!? Es muss doch auch einen Friedrich I. gegeben haben …? Schering, na …!?“

Eher gelangweilt kam die Antwort. „Ja, Friedrich I. war unser erster König, König in Preußen, 1701, aber eigentlich war er schon unser dritter Friedrich, das heißt, als Markgraf von Brandenburg war er Friedrich III. Was aber auch wieder nicht so ganz stimmt, denn der erste Hohenzollern in der Mark Brandenburg war ja der Burggraf von Nürnberg, Friedrich VI., und der ist dann in Brandenburg als Markgraf zu Friedrich I. geworden.“

„Hör auf, mir meine Schüler zu verwirren!“, rief Kuhz, sichtlich verärgert, und wandte sich wieder Gottfried Nickholz zu. „Und – wo ist denn Friedrich I. zum König in Preußen gekrönt worden, na!?“

Die Antwort war so einfach, dass er sich nicht vorstellen konnte, dass jemand so dumm sein konnte, sie nicht parat zu haben, aber Gottfried Nickholz hatte wirklich keine Ahnung von allem. Da flüsterte ihm Ernst Schering „Königsberg“ zu – und wieder hörte es Kuhz.

„Wenn ich etwas hasse, dann ist es das Vorsagen!“, schrie er. „Wenn du glaubst, Gottfried, mich täuschen zu können, dann … ! Du hast mich betrügen wollen – das ist schmählich! Du und der Ernst. Zur Strafe sitzt ihre beide heute eine Stunde nach. Du wegen deiner Untat, Schering, und du, Nickholz, wegen deiner Dummheit!“

Beide waren furchtbar wütend auf Kuhz. Ernst Schering, weil es für ihn ein hoher Wert war, einem Freund zu helfen, und er es furchtbar ungerecht fand, dafür bestraft zu werden, Gottfried Nickholz, weil es ihn schmerzte, als Dämlack gebrandmarkt zu werden. Sein Vater war Bäcker, und er selbst verstand vom Backen mehr als Kuhz von preußischer Geschichte.

Wie auch immer, die beiden Jungen mussten im Klassenzimmer bleiben, als ihre Klassenkameraden nach der letzten Stunde jubelnd aus der Schule stürzten. Kuhz hatte sich eine ganz besondere Strafarbeit für sie ausgedacht: Sie sollten den Psalter durchgehen und sich fünfzehn Verszeilen aus der Bibel heraussuchen, sie abschreiben und danach auswendig lernen. Gottfried Nickholz liebte alles Martialische und wollte mit 3/8 beginnen. „Auf, Herr, und hilf mir, mein Gott! Denn du schlägst alle meine Feinde auf den Backen und zerschmetterst der Gottlosen Zähne.“

Ernst Schering hatte nichts dagegen einzuwenden, auch wenn er fand, es müsste auf „die Backen“ heißen. Er selbst begann mit 37/5: Befiehl dem Herrn deine Wege und hoffe auf ihn; er wird’s wohl machen.

Nach etwa einer halben Stunde kam Kuhz herein, um zu prüfen, ob sie auch das taten, was ihnen aufgetragen ward. Und er ließ sich auch hinterm Katheder nieder. Einmal, um zu verhindern, dass die beiden sich möglicherweise noch amüsierten, zum anderen aber, weil er den Anblick hübscher Knaben durchaus anregend fand. Sein Vergnügen wurde aber nachhaltig gestört, als es über dem Uckerland plötzlich zu gewittern begann. Was zuerst harmlos erschien, wuchs sich in wenigen Minuten zu einem heftigen Unwetter aus. Blitz und Donner folgten immer rascher aufeinander, und schließlich schlug es zweimal hintereinander in den Turm des Prenzlauer Gymnasiums ein. Ein Wolkenbruch folgte und setzte die Stadt im Nu unter Wasser.

Den beiden Jungen machte all das nichts aus, Ludwig Kuhz aber zitterte am ganzen Körper und betete. „Gott, hilf mir; denn das Wasser geht mir bis an die Seele.“

Gottfried Nickholz grinste. „Das ist der 69. Psalm, Vers zwei.“

Ernst Schering liebte es, nach der Schule in die Gaststube zu treten, sich an einen freien Tisch zu setzen und sich wie ein Herr von und zu bedienen zu lassen. Im Gymnasium waren sie nur darauf aus, ihn zu diminuieren, und da tat es ihm wohl, wenn er sich einmal in der Rolle eines gemachten Mannes gefallen konnte. Meist bekam er nur das vorgesetzt, was die zahlenden Gäste verschmäht hatten, aber das störte ihn wenig. Weil er hatte nachsitzen müssen, war es später als sonst geworden und von den Herren, die ihren Mittagstisch bei Christian Schering einnahmen, waren alle schon wieder gegangen – nur sein Bruder August, der für ein paar Tage aus Berlin heraufgekommen war, saß noch am Fenster und plauderte mit einem der renommierten Söhne Prenzlaus, mit Karl Gottlieb Richter, der seit 1825 als Regierungspräsident in Minden lebte. Ernst Schering konnte große Teile ihres Gespräches verstehen, denn beide Männer waren Juristen und verstanden es, sich in Szene zu setzen.

August Schering hatte vor kurzem sein Studium beendet und war zur Zeit noch Auskultator, befand sich also in Phase eins der dreistufigen Ausbildung zum höheren Justizbeamten, und brachte dem Älteren ein hohes Maß an Verehrung entgegen.

„Wenn ich mir so Ihre Karriere ansehe, Herr Regierungspräsident, dann kann ich nur ausrufen: Chapeau! Wann haben Sie hier in Prenzlau Ihren Schulabschluss gemacht?“

Karl Gottlieb Richter musste einen Augenblick nachdenken. „Im vorigen Jahrhundert noch. 1777 bin ich auf die Welt gekommen – das kann ich mir wegen der drei Sieben noch merken, aber das andere … 1794 muss es gewesen sein. Anschließend habe ich in Halle studiert – Rechtswissenschaften und Theologie. Dann kamen der Gerichts-Referendar und der Gerichts-Assessor – und sie haben mich zur königlichen Kriegs- und Domänenkammer nach Posen geschickt.“

„Es folgten Potsdam, Halberstadt, Breslau und jetzt Minden“, fuhr August Schering fort.

Karl Gottlieb Richter lachte. „Sie sind ja bestens informiert, junger Mann!“

August Schering senkte die Stimme. „Ich habe gestern den Rat belauscht, da ist das alles erörtert worden.“

Der Regierungspräsident tat erschrocken. „Mein Gott – Prenzlau will mich wohl zum Ehrenbürger machen!“

„Wenn es einer verdient hat, dann Sie, und den Roten Adlerorden II. Klasse mit Eichenlaub, den haben Sie ja schon.“

Wie wunderbar musste es sein, ging es Ernst Schering durch den Kopf, von allen so verehrt zu werden und sich wie ein Halbgott fühlen zu dürfen! Die Menschen zogen Hut oder Zylinder, wenn sie an einem vorbeiflanierten, in den Läden machten sie eine Verbeugung, trat man ein, man saß im Theater mit anderen Honoratioren zusammen in der Loge des Königs und durfte hochdekoriert ins Ausland reisen, um Preußens Interessen zu vertreten. Und das Schönste war, dass man solch ein Leben haben konnte, obwohl man nur aus Prenzlau kam. Im Konfirmationsunterricht wie auch bei Ludwig Kuhz hatte er das Vaterunser auswendig lernen müssen: Dein Wille geschehe! Ob es Gottes Wille war, ihn auch so etwas werden zu lassen, wie es Karl Gottlieb Richter geworden war? Oder hatte der HERR seinen ach so tüchtigen Bruder August im Auge und nicht ihn?

Ein Zuruf seiner Mutter riss ihn aus seinen Gedanken: „Ernst, beim Apotheker Holz ist die Köchin erkrankt, du möchtest ihm sein Mittagessen nach Hause bringen!“

„Ja, sofort, ich muss nur noch schnell aufessen!“

Beim Nachwürzen bemerkte er, dass sich wieder einmal schwarze Krümel im Salz befanden. Was immer das war, es ärgerte ihn. Ebenso beim Zucker. Sie schafften es nicht, ihn so herzustellen, dass keine braunen Körner dazwischen waren. Seine Mutter hatte schon geklagt, er habe einen „Reinlichkeitsfimmel“, doch das störte ihn nicht.

Noch mit dem letzten Bissen im Mund trabte er los. In der Tür der Holtz´schen Apotheke wartete schon der Gehilfe Friedrich Krumbeck, der sich von seinem Unfall weithin erholt hatte und alsbald zu einer stadtbekannten Persönlichkeit geworden war. Ernst Schering übergab dem „Alchemisten-Fritz“ das mit einem karierten Tuch abgedeckte Tablett und machte sich schnell wieder auf den Heimweg. Als er am Dominikanerkloster vorbeikam, lief er seinem Freund Gottfried Nickholz in die Arme, der gerade angeln gehen wollte.

„Kommste mit an´n See runter?“

„Ja.“

Ernst Schering hatte die wenigen Schularbeiten schnell gemacht, und bis die Leute zum Abendschoppen kamen und er wieder beim Bedienen helfen musste, hatte er noch ein wenig Zeit. Sie liefen zum langgestreckten Unteruckersee hinunter, und nahe der Stelle, an dem das Flüsschen mit dem Namen Ucker den See wieder verließ, warf Gottfried Nickholz seine Angelrute aus. Den Blick auf die rotweiße Pose gerichtet, unterhielten sie sich leise.

„Oben in Vorpommern heißt die Ucker Uecker“, sagte Ernst Schering. „Weißt du das?“

„Nein, interessiert mich auch nicht.“

„Aber Kuhz könnte mal danach fragen.“

„Dieses Arschloch!“ rief Gottfried Nickholz.

In dieser Einschätzung ihres Lehrers waren sie sich beide einig. Auch darin, dass man ihm mal eins auswischen müsste. Die Idee dazu hatte dann Ernst Schering.

„Haste gesehen, was der für ´ne Angst vorm Gewitter hat.“

Der Freund nickte. „Ja, klar. Meinste, ich bin blind!?“

„Na, wenn er solche Angst vorm Gewitter hat, dann müssen wir eben dafür sorgen, dass es bei ihm vorm Fenster ein mächtiges Gewitter gibt!“ rief Ernst Schering.

„Pssst!“ zischte Gottfried Nickholz. „Die Fische beißen nicht, wenn de so schreist!“ Dann tippte er sich gegen die Stirn. „Wie willste denn dafür sorgen, dass es ein Gewitter gibt: Vielleicht in die Kirche gehen und beten?“

„Nein“, beharrte Ernst Schering. „Aber wir können doch einen Böller basteln und den bei ihm vorm Fenster losgehen lassen, das ist doch auch wie Blitz und Donner.“

„Gute Idee!“ Gottfried Nickholz war begeistert. „Und das Pulver dafür, das besorge ich mir von Alchemisten-Fritze, den kenn´ ich ganz gut. Wenn ich dem ein paar Fische für sein Abendbrot schenke, dann tut der uns den Gefallen.“

Als Gottfried Nickholz nach einer Stunde ein paar Barben und Elritzen im mitgebrachten Eimer hatte, machten sie sich auf den Weg zur Holtz´schen Apotheke, wo der Alchemisten-Fritze gerade damit beschäftigt war, einem kleinen Jungen das Laufen beizubringen. Sie trugen ihm ihr Anliegen vor.

Friedrich Krumbeck grinste. „Wenn ihr inzwischen auf den Jungen aufpasst, auf den Julius, besorge ich euch, das was ihr braucht, damit es richtig knallt und blitzt.“

Nach ein paar Minuten kam er mit einem Tütchen Schwarzpulver und einer Handvoll roter Tonerde zurück. „Das mischt ihr, steckt es in eine Pappröhre, presst es zusammen, nehmt einen eingefetteten Bindfaden als Lunte und haltet ein Streichholz dran.“

Sie bedankten sich, schlichen sich in den Schuppen der Schering´schen Gastwirtschaft und machten sich ans Basteln. Schwer war das Herstellen eines mächtigen Böllers für zwei geschickte Jungen wie sie nun wahrlich nicht, und sie waren schon fertig, bevor die Sonne nach Templin zu hinter den Kiefern versank.

„Wir müssen warten, bis es halbwegs dunkel geworden ist“, sagte Ernst Schering. „Sonst ist der Effekt nicht eben groß.“

„Nun gut.“

Sie verabredeten sich für 10 Uhr abends, und als die Kirchturmuhren von St. Jacobi und St. Marien fast zeitgleich schlugen, kletterten sie aus den Fenstern ihrer Schlafzimmer und schlichen sich zur Grabowstraße, wo Ludwig Kuhz, ein Hagestolz, also bekennender Junggeselle, allein mit seiner Haushälterin in einem einstöckigen Häuschen wohnte. Wo sein Zimmer lag, das wussten sie, weil er sich gern von seinen Schülern, hatte man eine Klausur geschrieben, die prall gefüllte Tasche nach Hause tragen ließ.

Unter dem Zimmer des Lehrers angekommen, machten sie sich ans Werk. Gottfried Nickholz hielt den Böller in der Hand, Ernst Schering riss ein Streichholz an und hielt die Flamme an die Lunte. Sie fing sogleich Feuer und begann abzubrennen. Mit ein paar schnellen und absolut lautlosen Schritten war er am Fensterbrett und legte den Böller auf das Zinkblech. Dann lief er zurück.

„Drei … zwei … eins“, zählte Ernst Schering.

Gleich würde es blitzen und donnern und Kuhz mit einem Aufschrei hochfahren und sich gar nicht mehr einkriegen.

Doch nichts geschah.

Gottfried Nickholz wartete einen Augenblick, dann sprang er zum Fensterbrett, um den Böller hochzunehmen und zu sehen, warum die Sache nicht funktionierte hatte.

Als er ihn in der Hand hatte, gab es eine mächtige Explosion.

Im Namen des armen Lazarus

1839

In Preußen gab es mit Beginn der Industrialisierung soviel Massenarmut, Pauperismus, wie man damals sagte, dass eine eigene Armutsverwaltung geschaffen werden musste. Tausende Menschen waren nicht mehr in der Lage, für das eigene Auskommen zu sorgen, obwohl sie von frühmorgens bis spätabends schufteten und dabei ihre Gesundheit ruinierten. Im Adel und dem gebildeten Bürgertum fanden sich nur wenige, die sich um die Armen kümmerten. Die einen taten es, weil sie wahre Christen sein wollten, die anderen, weil sie gesellschaftliche Auflösungserscheinungen fürchteten, von der sittlichen Verwahrlosung bis hin zu Unruhen und Revolutionen. Herausragende Persönlichkeiten in diesem Kreise waren Bettina von Arnim, die sich 1831 bei der Choleraepidemie in Berlin für soziale Hilfsmaßnahmen in den Armenvierteln eingesetzt und Kranke gepflegt hatte, sowie schon einige Zeit vor ihr Johannes Rau, geboren 1673 in Perleberg, gestorben 1733 in Berlin, Diakon, Pfarrer und Probst in St. Nicolai, der seit 1699 Armenschulen in allen Quartieren der Residenz gegründet hatte, sowie Stanislaus Rücker. Der war aus Schlesien nach Berlin gekommen, hatte es hier zum preußischen Akzisedirektor gebracht und sich den Ruf eines Wohltäters der Armen erworben. 1733 hatte er das Grundstück Krausenstraße 30, Ecke Lindenstraße mitsamt des Irren- und Krankenhauses „Lazarus“ gekauft und dort nach dem Ausbau die lutherische Armenschule „Zum armen Lazarus“ gegründet.

Hier nun unterrichtete seit einiger Zeit auch Ferdinand Schmidt, den es nicht länger in Neuzelle gehalten hatte. Wer in Preußen etwas werden wollte, der kam nicht umhin, nach Berlin zu gehen.

Da saßen sie nun vor ihm, an die vierzig arme Würstchen, und wenn er in ihre Gesichter sah, schwankte er jeden Tag zwischen Lachen und Weinen, zwischen Hoffen und Verzweifeln. Er hatte seine Kinder, Jungen wie Mädchen, in vier Gruppen eingeteilt. Lieb und drollig waren die der ersten Gruppe, durstig nach Wissen und erfüllt vom Willen, dem Elend zu entrinnen, indem sie tüchtig lernten. Dumpf und ablehnend erlebte er die Schüler der zweiten Gruppe. Sie sahen keine Chance in ihrem Leben, ob sie nun ein wenig lesen oder rechnen konnten. Die Kinder, die zur dritten Gruppe gehörten, waren unrettbar krank, litten an Tuberkulose oder Leukämie, hatten sich schon aufgegeben, und ihr Anblick schmerzte ihn so sehr, dass ihm oft die Tränen kamen. Die vierte Gruppe hingegen ließ Aggressionen in ihm aufschießen, denn er wusste, dass sie es waren, die ihn gefährdeten, hatten sie das nötige Alter erreicht: Das waren die Jungen, die einmal Verbrecher werden würden – und auch wollten. Um die hatte er sich ganz besonders zu kümmern.

Ferdinand Schmidt betrat den Klassenraum der Jungen, und brav schnellten alle hoch. Das wenigstens hatten sie schon gelernt. Klar, man war ja in Preußen.

„Guten Morgen, Herr Schmidt!“, schallte es ihm entgegen.

„Guten Morgen! Setzen!“

Er warf das Klassenbuch und seine Unterrichtsmaterialien auf den Tisch und rief einen nach dem anderen auf. Hier! Hier! Fehlt! Fehlt! Hier! Jeden Morgen dieselbe Prozedur. Wie sagte sein Kollege Strzelczyn immer: „Lehrer werden ist nicht schwer, Lehrer sein dagegen sehr.“ Ja, hier war verloren, der nicht als der geborene Missionar auf die Welt gekommen war.

„Was machen wir heute, Herr Schmidt?“

„Wir kommen heute zum Buchstaben K.“

„K wie Kacke!“, kam es aus den hinteren Reihen.

Ferdinand Schmidt nahm es gelassen. Er stand auf und schrieb den Buchstaben an die Tafel, in seiner großen wie in seiner kleinen Version, dann zog er ein Bonbon aus der Tasche. „Das bekommt der, der einen Satz schreiben kann, in dem die meisten K´s vorkommen. Los, holt eure Tafeln heraus und fangt an.“

Es siegte Heinrich Reinsch mit dem Satz: Konrad Krause kann kleine Küken klauen.

Dass ausgerechnet der das Bonbon gewann, ärgerte die letzte Reihe, und sofort kam von dort der Ruf: „Ist hier jemand, der Reinsch heißt?“, aber so betont, dass es wie „rein scheißt?“ klang.

„Ruhe auf den billigen Plätzen!“, rief Ferdinand Schmidt. Wenn er den Rufer in die Ecke stellte oder vor die Klasse schickte, verhärtete sich dessen Wesen nur, das wusste er. Also ließ er es und lachte mit den anderen mit. Der Heinrich Reinsch war hart genug, der konnte das vertragen. Wer Kackstein oder Hundgeburth hieß, hatte es schwerer.

Als die Stunde langsam zu Ende ging, hatte Ferdinand Schmidt eine Idee. „Morgen bringt jeder mal das Buch von zu Hause mit, das seine Eltern am liebsten lesen.“

Nun lachte alles schallend, und aus der letzten Reihe kam die Frage: „Een Buch, wat issen ditte?“ Es stellte sich alsbald heraus, dass die Eltern seiner Kinder, wenn überhaupt, nur ein Buch besaßen: die Bibel.

Kaum im Lehrerzimmer angekommen, wandte sich Ferdinand Schmidt an Albrecht Strzelczyn. „Du, wir müssen unbedingt etwas unternehmen!“

„Ja, am Sonntag einen Ausflug nach Sanssouci.“

„Unsinn! Etwas, damit die Kinder Bücher in die Hand bekommen. Wer nicht liest, bleibt dumm, und darum müssen wir sie zum Lesen bringen. Und da sich die Eltern keine Bücher leisten können, brauchen wir eine Volksbücherei!“

„Bücher? Woher nehmen? Am besten du schreibst selber welche“, brummte Strzelczyn.

„Das auch, aber das braucht seine Zeit. Bis dahin müssen wir durch die Stadt ziehen und Bücher sammeln.“

„Wir? Du!“

So machte sich Ferdinand Schmidt daran, das zu tun, was man in späteren Zeiten Klinken putzen nennen sollte, veröffentlichte in der Berliner Zeitschrift „Die Biene“ einen Aufruf mit der Bitte um Bücherspenden, und in kurzer Zeit kamen tatsächlich 218 Bände zusammen. Seine Kinder konnten nun Bücher anfassen, aufschlagen und den Versuch machen, sie auch zu lesen.

Aber seine Aktivitäten brachten Ferdinand Schmidt nicht nur Freunde ein, es gab auch Männer, die sein Treiben nicht so gerne sahen, so der Freiherr Albert von Seld und der Stadtschulrath Otto Schulz.

Der Freiherr hatte mit seiner Arbeit über Die Unterrichtsmethode in den preußischen Schulen und verschiedenen juristischen Abhandlungen die besondere Anerkennung des Königs und seines Staatsministers v. Kamptz erworben und war zur Aufsicht über einige Armenschulen bestimmt worden. Dabei war ihm einiges aufgefallen, und er hatte Ferdinand Schmidt zu sich rufen lassen.

„Mir ist zu Ohren gekommen, mein Lieber, dass sie doch sehr arg mit der Disziplin in ihren Klassen zu kämpfen haben und einiges durchgehen lassen, was an sich den Rohrstock verdient hätte.“

Ferdinand Schmidt wusste, dass ihm jetzt nichts anderes blieb als zu buckeln, wollte er seine Stelle behalten und sie keinem überlassen müssen, der niemals einen Zugang zu den Schülern aus den Elendsvierteln finden würde. So gab er sich unterwürfig.

„Sehr wohl, Herr von Seld!“ Es war sehr militärisch, wie er das hervorstieß. „Ich werde mich in Zukunft so verhalten, wie Sie es von mir verlangen.“

Das besänftigte von Seld ein wenig, aber dennoch schnauzte er Schmidt weiterhin an. „Und noch etwas: Sie sollen des öfteren in ganz bestimmten Lokalitäten gesehen worden sein, wo man dem Laster des Branntweintrinkes verfallen ist.“

„Aber nein, um Gottes Willen!“, rief Ferdinand Schmidt, der wusste, dass der Freiherr den Kampf gegen die Trinksucht mit dem Eifer eines Kreuzzüglers verfolgte und schon mehrere Enthaltsamskeitsvereine gegründet hatte. „Ich gehe nur hin und wieder durch die Etablissements, um zu sehen, ob sich welche von meinen älteren Schülern dort herumtreiben und um sie, erwische ich sie, auf den Pfad der Tugend zurückzuführen.“

„Brav, sehr brav, mein Lieber. Und dann noch etwas: Fangen Sie nicht an, ein Dichter werden zu wollen, das lenkt nur von Ihrer Arbeit in der Armenschule ab. Und außerdem: Mit dem aus Werneuchen haben wir schon einen verspotteten Dichter mit Namen Schmidt in Preußen – ein zweiter tut nicht Not.“ Und er erinnerte darin, wie Goethe über den armen Friedrich Wilhelm August Schmidt, genannt Schmidt von Werneuchen, parodistisch hergezogen war. „Liebes Mädchen, laß uns waten / Waten noch durch diesen Quark.“

Diesmal wagte Ferdinand Schmidt sich zu verteidigen. „Ich dichte nicht, Herr von Seld, ich arbeite an einer Preußischen Vaterlandskunde für Schule und Haus.“

„Na, dann ist es ja gut.“

Nach Seld nun der Herr Stadtschulrath. Otto Schulz erinnerte ihn an den „beschränkten Unterthanenverstand“ seiner Schüler und warnte ihn davor, sie mit seinem wirklich oder auch nur eingebildeten Wissen unnötig voll zu schütten und zu überfordern.

Da Schulz über keine große Machtfülle verfügte, konnte es Ferdinand Schmidt in diesem Falle bei der Floskel belassen, sich „alle Mühe geben zu wollen, dass in seinem Klassenzimmer von ihm fürderhin eine leichtere Kost verabreicht werde.“

Wie auch immer, als am 2. Oktober die dritte „Communal-Armenschule“ in der Großen Frankfurter Straße eröffnet wurde, gehörte Ferdinand Schmidt zu den geladenen Gästen.

Waldeinsamkeit

1839

Ernst Schering war mit seinen fünfzehn Jahren alt genug, an den Abenden und am Sonntag in der Gastwirtschaft seines Vaters auszuhelfen. Meist hatte er in der Küche seiner Mutter zur Hand zu gehen, Kartoffeln zu schälen und den Abwasch zu besorgen, manchmal aber durfte er auch vorn in der Gaststube die Suppe oder den Nachtisch servieren und die Teller und Gläser abräumen. Eigentlich war er zumeist in sich gekehrt und vermied jedes überflüssige Gespräch, darin ganz ein Sohn der Mark, doch hin und wieder kam es, dass ihn die Leute ansprachen – und dann wusste er durchaus charmant zu plaudern. Der Oberförster Christian Krafft aus Poratz, der öfter einmal nach Prenzlau kam, um der Küche Wildbret zuzuliefern, hatte geradezu einen Narren an ihm gefressen, wohl weil er es zu fünf Töchtern, aber keinen einzigen Sohn gebracht hatte.

„Na …?“, frozzelte er, als der junge Schering ihm einen neuen Humpen brachte. „Willst du´s eigentlich mal den großen Männern mit Vornamen Ernst nachmachen, die´s auf dieser Welt gegeben hat?“

Ernst Schering starrte ein wenig verlegen auf den Bierfilz. „Leider kenne ich da keinen ...“

Der Oberförster lachte. „Ich kenne auch nur den Grafen Ernst zu Holstein-Schaumburg und noch den heiligen Ernst, den Ernestus, der soll in Rom den Märtyrertod gestorben sein. Nun, es wird Zeit, dass es auch in Preußen einmal einen Ernst gibt, der ein bisschen was hermacht.“

„Hier in Prenzlau …?“ Ungläubig sah der Junge den Forstbeamten an.

Krafft lächelte. „Nein, da magst du recht haben, dass das ein Widerspruch in sich selbst ist, denn nie wird der ein bedeutsamer Mensch werden, der ein Leben lang in Prenzlaus Mauern gefangen bleibt.“

Ernst Schering wagte ihm zu widersprechen. „Ich bin froh und glücklich, dass ich hier auf die Welt gekommen bin.“

„Ja, als Nest mag es großartig sein, aber dann ...“

Ernst Schering konterte mit Goethe, den sie gerade im Gymnasium abhandelten. „Warum denn in die Ferne schweifen? Sieh, das Gute liegt so nah!“

„Ja, und darum ist Marco Polo nach China aufgebrochen, hat Columbus Amerika entdeckt, haben die Spanier in Südamerika nach dem El Dorado gesucht und ist England mit Erfolg dabei, sich ganz Indien untertan zu machen.“

Dafür eine Erklärung zu finden, überforderte den Jungen, und er murmelte nur, dass er nicht einmal Lust habe, nach Berlin zu reisen.

„Aber zu mir ins Forsthaus kommst du doch mal?“

„Wenn mein Vater mitkommt und uns eine Kutsche beschafft.“

„Ich rede mal mit ihm.“

Nun, Christian Schering hatte nichts gegen einen Ausflug nach Poratz, und so saßen sie vierzehn Tage später in einem Zweispänner und fuhren gen Süden. Es ging über Lindenhagen, Gerswalde und Temmen, und sie brauchten etwas über zwei Stunden, ehe sie ihr Ziel erreicht hatten. Das alte Forsthaus, ein massiver zweistöckiger Bau, weiß getüncht, lag am nördlichen Ortseingang.

„Ein Forsthaus habe ich mir immer anders vorgestellt“, sagte Ernst Schering, nachdem der Oberförster sie begrüßt hatte und die ersten Worte gewechselt worden waren. „Eher so mit viel Fachwerk und Geweihen an den Mauern.“

„Nun, mein Forsthaus ist nicht als solches erbaut worden, sondern als Stations- und Zollhaus zwischen Angermünde und Templin, erst später ist es das geworden, was es heute ist: der Mittelpunkt des Forstbetriebes hier zwischen dem Laagen- und Briesensee im Osten, dem Kleinen Päßnicksee im Südwesten, dem Düster- und dem Großen Krinertsee im Norden und dem Dorf Glambeck im Süden. So in etwa jedenfalls. Das ist mein Reich.“

Krafft führte sie nun durch seine Haus und stellte ihnen seine überaus ansehnliche Frau und die vier Kinder vor. Ernst Schering war wie geblendet von allem, immer wieder schoss es ihm durch den Kopf: So möchte ich auch einmal leben! Und lange stand er vor den drei Gedichten, die – edel gerahmt und mit schön verzierten Buchstaben geschrieben – an der Wand des Flures hingen, und las sie mehrmals, jede Zeile genießend.

DAS LIED VOM REIFEN

Seht meine lieben Bäume an,

Wie sie so herrlich stehn,

Auf allen Zweigen angetan

Mit Reifen wunderschön!

Von unten an bis oben 'naus

Auf allen Zweigelein

Hängt's weiß und zierlich, zart und kraus,

Und kann nicht schöner sein.

Und alle Bäume rund umher,

All alle weit und breit,

Stehn da, geschmückt mit gleicher Ehr,

In gleicher Herrlichkeit.

Matthias Claudius

WALDEINSAMKEIT

O Täler weit, o Höhen,

O schöner, grüner Wald,

Du meiner Lust und Wehen

Andächtger Aufenthalt!

Da draußen, stets betrogen,

Saust die geschäftge Welt,

Schlag noch einmal den Bogen

Um mich, du grünes Zelt!

Da steht im Wald geschrieben

Ein stilles, ernstes Wort

Von rechtem Tun und Lieben,

Und was des Menschen Hort.

Ich habe treu gelesen

Die Worte schlicht und wahr,

Und durch mein ganzes Wesen

Wards unaussprechlich klar.

Joseph von Eichendorff

WALDEINSAMKEIT

Waldeinsamkeit,

Die mich erfreut,

So morgen wie heut

In ewger Zeit,

O wie mich freut

Waldeinsamkeit.

Waldeinsamkeit

Wie liegst du weit!

O Dir gereut

Einst mit der Zeit.

Ach einzge Freud

Waldeinsamkeit!

Waldeinsamkeit

Mich wieder freut,

Mir geschieht kein Leid,

Hier wohnt kein Neid

Von neuem mich freut

Waldeinsamkeit.

Johann Ludwig Tieck

Alles war Ernst Schering aus dem Herzen gesprochen, und er, der er ungern in die Kirche ging und wenig vom Gläubigsein hielt, dachte: Das kann kein Zufall sein, dass ich heute hier bin, das muss Gott so gewollt haben.

Nachdem sie einen deftigen Imbiss zu sich genommen hatten, führte sie Krafft durch Teile seines Reviers und erklärte ihnen die Arbeit eines Oberförsters.

„Ein Förster muss vielerlei Begabungen haben und sich für vieles interessieren. So geht es nicht ohne Mathematik, Biologie, Zoologie, Botanik, Vermessungswesen und zu guter Letzt auch ein wenig Forstrecht, denn wir haben den Wald und seine Tiere nicht nur zu schützen, zum Beispiel vor Wilddieben und vor Leuten, die sich unerlaubt Brennholz besorgen, sondern wir haben ihn auch zu nützen. Die Besitzer das Waldes wollen, dass gutes Bauholz heranwächst und dass ihren Jagdpächtern prächtige Hirsche vor die Flinte laufen. Aber ansonsten sind wir freie Menschen, denn die Herrschaft sitzt irgendwo in der Ferne in ihren Schlössern oder Rathäusern.“

Anschließend erklärte er den beiden Stadtmenschen kundig und liebevoll alles, was Flora und Fauna seiner Wälder und Seen zu bieten hatten.

„Schade nur, dass ich Ihnen Bär und Wolf, Luchs und Auerochs nicht mehr bieten kann“, schloss er. „Auch an Palmen, Gummibäumen, Kaffeesträuchern und Mangroven gebricht es uns in diesen Breiten. Darum beneide ich ja auch Alexander von Humboldt ein wenig, dass er das alles schauen konnte.“ Er bückte sich. „Aber sehen Sie nur her, was das hier ist: Der rundblätterige Sonnentau – Drosera rotundifolia. Ich hole mal ein wenig weiter aus … Wir unterscheiden bei den fleischfressenden Pflanzen fünf verschiedene Typen von Fallen. Erstens gibt es die Klebefallen, bei denen ein klebriges Sekret die Insekten anlockt, festhält und dann ihre Nährstoffe in sich aufnimmt. Ein Beispiel ist unser Sonnentau hier. Zweitens kennen wir die Klappfallen, wie zum Beispiel bei der Venusfliegenfalle.“

Erich Schering konnte es nicht fassen. „Aber wie merkt denn die Pflanze, dass gerade eine Fliege angekommen ist.“

Krafft lächelte. „Auf den Innenseiten der Blätter gibt es kleine Fühlhaare, und wenn die von der Fliege berührt werden, klappen die Blatthälften blitzschnell zusammen und die Fliege ist gefangen.“

„Gott, was die Natur so alles zaubert ...“, murmelte Ernst Schering.

„Dann haben wir noch die Saugfallen, wie sie bei den sogenannten Wasserschläuchen zu finden sind, was aber nur unter Wasser oder unter der Erde funktioniert. Viertens gibt es die Fallgrubenfallen, wo die Blätter einen Hohlraum bilden, in den die Tiere hineinfallen und nicht mehr hinauskommen, und fünftens dann die Reusenfallen, wo die Opfer mit bestimmten Duftstoffen in die Falle gelockt werden.“

Vater Schering lachte. „Das ist ja das Prinzip, das bei uns die Frauen übernommen haben.“

Als sie am Abend dieses denkwürdigen Tages wieder zurück in Prenzlau waren, stand für Ernst Schering fest, was er werden wollte: Förster und Jäger.

Der Junge mit dem Schweinekopf

1839

Schwedt, auf einer Sandterrasse über dem Odertal gegründet und im Jahre 1265 zum ersten Mal urkundlich erwähnt, hatte eine bewegte Geschichte hinter sich. Erst hatte es zu Brandenburg gehört, war dann vom Markgrafen Ludwig dem Römer an die Pommern abgetreten worden, 1481 durch Kauf an den Thüringer Johann I. von Hohnstein gekommen, hatte in dieser Ägide einen beachtlichen Aufschwung genommen, dann aber im Dreißigjährigen Krieg gewaltig gelitten, war danach an Dorothea gefallen, der zweiten Gemahlin des Großen Kurfürsten, die mit Hilfe eines holländischen Fachmannes und den im Frühjahr 1686 angesiedelten Hugenotten den uckermärkischen Tabakanbau begründet und der Stadt zu einigem Wohlstand verholfen hatte. Friedrich Heinrich, der letzte Markgraf (1771–1788), machte aus Schwedt eine Kulturstadt und richtete in der Orangerie des Schlosses eines der ersten Theater in Deutschland ein. Von 1770 an war Schwedt Garnisonsstadt, und das hier ansässige Dragonerregiment hatte sich 1815 im Feldzug gegen Napoleon ganz besondere Meriten erwerben können.

In Schwedt nun hatte Gottfried Nickholz nach langer Suche und durch die Vermittlung des Prenzlauer Pfarrers eine Lehrstelle beim Tischlermeister Anton Teichmann finden können. Der selbst gebastelte Böller, der keine Armlänge vor ihm explodiert war, hatte ihm schwere Verletzungen an den Händen und im Gesicht zugefügt, und den Ärzten war es wie ein Wunder erschienen, dass er nicht sein Augenlicht verloren hatte. Es waren gute Chirurgen gewesen, die sich seiner angenommen hatten, der älteste von ihnen hatte schon auf den Schlachtfeldern der Napoleonischen Kriege verwundete Soldaten zusammengeflickt, doch alle ihre Künste hatten nicht ausgereicht, ihn so herzurichten, dass nicht jeder zusammenzuckte, der seiner ansichtig wurde. Die Nasenspitze fehlte ihm, die versengten Augenbrauen hatten sich nicht gänzlich erneuert, die Lippen waren wulstig geworden und die nachgewachsene Haut war von einer unnatürlich fahlen Farbe, und es mischten sich in einzelnen Partien Beige, Rosa, Elfenbein und Weiß. Einer vom Theater lästerte, hätte jemand ein Gruselkabinett einrichten oder ein Roman der Schauerromantik verfassen wollen, wäre ihm der Anblick dieses Gottfried Nickholz sehr hilfreich gewesen. Sicher gab es auch Menschen, die Mitleid mit ihm hatten, doch denen dankte er das nicht, sondern stieß sie von sich, weil auch sie ihn daran erinnerten, dass er so unglaublich verunstaltet war. Am wohlsten fühlte er sich unter denen, die noch schlechter dran waren als er: Krüppel aus den Kriegsjahren, Blinde und Kränkliche aller Art. Aber auch mit entlassenen Zuchthäuslern ließ er sich gerne ein, denn die wurden von den anderen ebenso gemieden wie er.

In der Teichmann´schen Werkstatt wurde er gelitten, mehr nicht, und im allgemeinen zu den niedrigsten Arbeiten herangezogen, etwa dem Auffegen der Späne oder dem Schärfen der Äxte und Sägen. Nur wenn sich Anton Teichmann daran erinnerte, dass Gottfried Nickholz ja auch irgendwann einmal zur Gesellenprüfung anzutreten hatte und sein Versagen dann auch auf ihn zurückfallen würde, ließ man ihn mitmachen, wenn Kunden Tische, Schränke, Bänke, Truhen oder Treppen bestellt hatten. Zwar begriff er schnell, was Sache war und konnte auch gut mit Säge, Hobel und Stechbeitel umgehen, aber wenn es bei Zinken, Nut und Feder und den Dübeln um größte Genauigkeit ging, dann misslang ihm vieles, weil die Nerven in seinen Fingerspitzen zerstört waren und er beim dreidimensionalen Sehen Schwierigkeiten hatte. Auch beim Gebrauch des Zollstocks vertat er sich hin und wieder. So auch heute.

„Mein Gott, die rechte Schranktür hier kann man ja nur noch als Brennholz benutzen!“, tobte Teichmann. „Die ist eine Fingerbreite kürzer als die linke.“

Was blieb Nickholz da Anderes, als auf den Samstag zu warten und im Wirtshaus Trost zu suchen. An der Vierradener Chaussee gab es ein Etablissement, in dem am Abend zum Tanz aufgespielt wurde. Dort war er zwar nicht gern gesehen, aber ihm Hausverbot zu erteilen, hatte man sich nicht getraut.

Gottfried Nickholz öffnete die Tür zum Tanzsaal und hielt Ausschau nach seinen Freunden Franz und Georg. Die hatten so manche Wirtshausschlägerei als Sieger beendet und in deren Beisein wagte sich niemand an ihn heran. Doch die beiden waren noch nicht erschienen, und so ging die böse Frotzelei schon los, kaum dass man ihn gesehen hatte.

„Da ist ja unsere lebende Mumie wieder!“

„Achtung, Schweinekopf ist da!“

Da konnte er nicht mehr an sich halten und stürzte auf den Rothaarigen los, der das gerufen hatte. Und ehe dessen Freunde eingreifen konnte, hatte Gottfried Nickholz ihn gepackt und schlug nun auf ihn ein. Immer wieder mit voller Kraft mitten ins Gesicht.

„Damit du so aussiehst wie ich!“

Alle stürzten nun herbei, um ihn zu überwältigen. Als sie es geschafft hatten, war auch der Gendarm zur Stelle und arretierte ihn.

Anton Teichmann war an sich ein gutmütiger Mensch, und er hätte wohl über diesen Vorfall großzügig hinweggesehen, wenn nicht der Rothaarige, dem Gottfried Nickholz das Nasenbein gebrochen und mehrere Platzwunden im Gesicht zugefügt hätte, sein Neffe gewesen wäre. So aber musste er dem dringlichen Wunsche seines Bruders nachgeben und Gottfried Nickholz am Montag vor die Tür setzen.

Da hänge ich mich lieber auf

1840

Als sie im Frühjahr 1840 im Prenzlauer Gymnasium Schillers Räuber durchnahmen und auch auf den Dichter selbst zu sprechen kamen, fragte der Klassenbeste, der sich das erlauben durfte, ob Friedrich Schiller eigentlich Friedrich Schiller geworden wäre, wenn er schon als Jüngling sicher gewusst hätte, dass er einmal Schiller werden würde.

Bei jedem anderen hätte ihr Professor losgepoltert, bei seinem Lieblingsschüler aber lächelte er milde und suchte nach einer tiefschürfenden Antwort.

„Nun … vielleicht hätte es ihn befeuert, Großes in noch jüngeren Jahren zu Papier zu bringen, möglicherweise aber auch gehemmt, weil man eine schwere Last zu tragen hat, wenn man berühmt ist und nur noch Erlesenes von sich geben darf, also kein leichtes und bequemes Leben hat, sogar in Gefahr geraten kann, zu viel von sich selbst zu verlangen und daran zu zerbrechen. Auch ist nicht auszuschließen, dass er bequem geworden wäre, weil er in der Gewissheit gelebt hätte, dass ja alles von alleine kommt. Kurzum, ich möchte die These wagen, dass Schiller nicht der Schiller geworden wäre, wie er heute auf dem Dichterolymp zu sehen ist, wenn das schon auf seinem Taufzeugnis gestanden hätte.“

Nun, Ernst Schering hatte als Sechzehnjähriger nicht die Spur einer Vorahnung, dass er einmal ein weltberühmter Pharmaunternehmer werden würde, sein großer Traum war es weiterhin, Oberförster in heimischen Gefilden zu werden. Sein Vater fand das allerdings keineswegs erstrebenswert. „Unser Ernst“, hörte man ihn immer wieder sagen, „soll es einmal zu einer gewissen Berühmtheit bringen und den August noch übertreffen.“ Der war immerhin auf dem Wege zum Oberjustizrath, was in Preußen schon eine Menge war. Und um seinen Jüngsten hungrig zu machen, hungrig auf Ruhm und Ehre, hängte er in seiner Gaststube Photographien der Söhne Prenzlaus auf, die es schon zu etwas gebracht hatte. Ernst Schering lief Tag für Tag mehrmals an dieser Galerie vorbei und hatte die Stimme seines Vaters im Ohr: „Da nimm dir mal ein Beispiel dran. Was die können, kannst du schon lange.“ Vier Männer waren es, die da hingen:

Karl Gottlieb Richter, geboren 1777 in Prenzlau, hatte das dortige Gymnasium besucht, dann in Halle Theologie, Rechtswissenschaften und Cameralia studiert, um eine Justizkarriere zu beginnen. In Berlin, Posen, Potsdam, Halberstadt und Breslau hatte er hohe Ämter innegehabt, jetzt war er Regierungspräsident in Minden.

Albert von Schlippenbach, 1800 in Prenzlau auf die Welt gekommen, hatte ebenfalls Jura studiert, dann aber keine Karriere in der preußischen Justizverwaltung gemacht, sondern das verschuldete Gut seines Vaters in Schönermark übernommen und wieder saniert. Berühmt geworden war er als Liederdichter. Ein Heller und ein Batzen, die waren beide mein und Nun leb´ wohl, du kleine Gasse, vertont von Franz Theodor Kugler beziehungsweise Friedrich Silcher, waren buchstäblich in aller Munde.

Wilhelm Grabow, geboren 1802 in Prenzlau, war ebenfalls Schüler jenes Gymnasiums, dessen Bänke auch von Ernst Schering gedrückt wurden, und Jurist wie Richter und Schlippenbach, hatte in Berlin Jurisprudenz studiert und war dort Referendar am Kammergericht gewesen, ehe er als Richter in Spandau, Perleberg und am Berliner Stadtgericht gewirkt hatte, um 1836 Hofgerichtsrat und Universitätsrichter in Greifswald zu werden. Vor zwei Jahren war er als Bürgermeister nach Prenzlau heimgekehrt.

Adolf Stahr fiel ein wenig aus dem Rahmen, denn zwar war auch er ein echter Prenzlauer Junge, geboren 1805, und Besucher des vorgenannten Gymnasiums, doch er hatte sich nicht der Juristerei zugewandt, sondern hatte in Halle Philologie studiert und war Lehrer am Königlichen Pädagogium in Halle und Konrektor und Professor am Gymnasium in Oldenburg geworden, wo er sich als Förderer des dortigen Theaters wie als Theaterkritiker einen Namen gemacht hatte.

Immer wenn Ernst Schering in die Gesichter dieser Männer sah, empfand er nichts als Langeweile, denn die Ruhmessucht war ihm völlig fremd. War das vor einiger Zeit noch ganz anders gewesen, so dachte er jetzt: Was hatte man davon, wenn einen die Leute auf der Straße ehrfürchtig grüßten – man musste nur den Zylinder ziehen und brachte seine Haare durcheinander. Was hatte man davon, wenn man für die Journaille so interessant war, das sie von allem Kenntnis nahm, was man tat und unterließ – man hatte nur andauernd auf der Hut zu sein. Was hatte man davon, wenn man Regierungspräsident oder Bürgermeister war – man hatte nur vor seinem Vorgesetzten zu buckeln und in einem fort das zu tun, was einem contre cœur ging. Nein, nicht mit ihm. Er wollte nichts anderes als Förster werden und mit sich allein durch die Wälder streifen.

Ach ja, es gab in vielem keinen besseren Philosophen als den Volksmund, und bei dem hieß es: Der Mensch denkt, Gott lenkt. Und so lenkte er am Sonntag, dem 14. Juni, den Apotheker Friedrich Appelius nach Prenzlau. Der war alter Märker, geboren am 11. August 1796 in Potsdam, und schon lange vor Fontane auf die Idee gekommen, durch Brandenburg zu wandern. In der Uckermark waren er und seine Freunde schon öfter gewesen, in Prenzlau aber noch nie. Sie hatten die Uckerseen umrundet und saßen nun im Schering´schen Biergarten, um auf ihr Essen zu warten. Da auch der Besitzer der „Grünen Apotheke“ in Prenzlau mit seiner Familie zu Gast war und man sich von einer Tagung her kannte, kam schnell ein munteres Gespräch in Gang, an dem sich auch der Wirt beteiligte. Ernst Schering, der das Bier und die Bestecke zu bringen hatte, machte große Ohren.

„Es ist eine große Freude für uns, Herr Hofapotheker, dass Sie uns mit Ihrem Besuch beehren“, sagte einer der Prenzlauer.

Appelius winkte ab. „Nein, Hofapotheker, das bin ich nicht, wäre es aber gerne, das gebe ich schon zu, denn dies hebt schon ungemein.“ Dann hielt er einen kleinen Vortrag über die Berliner Hofapotheke. „Die ist 1585 gegründet und im Apothekenflügel des Berliner Stadtschlosses eingerichtet worden. Eine besondere Förderung hat sie durch die Kurfürstin Katharina erhalten, zur Nummer eins unter den Hofapotheken hat sie aber erst Caspar Neumann gemacht. Ja, Berliner Hofapotheker, das wäre schon was …!“

„Als solcher wären Sie sicher auch beim Ableben Friedrich Wilhelm III. dabei gewesen“, sagte der Besitzer der „Grünen Apotheke“.

„Ja“, seufzte Appelius. „Der ist genau vor einer Woche von uns gegangen.“

Friedrich Wilhelm III. war für seine knappe Sprache berühmt gewesen, und Appelius ließ sich die Gelegenheit nicht nehmen, ihn zu parodieren. „Jeder Staatsdiener hat doppelte Pflicht: Gegen den Landesherrn und gegen das Land. Kann wohl vorkommen, dass die nicht vereinbar sind, dann aber ist die gegen das Land die höhere.“

„Bravo!“, Christian Schering klatschte in die Hände.

Der Lehrer Ludwig Kuhz, der mit dem Gastwirt längst seinen Frieden geschlossen hatte, das heißt, er hatte die Sache mit dem Böllerattentat nicht an die große Glocke gehängt, nachdem Schering ihn bis zu seiner Pensionierung einen kostenlosen Mittagstisch versprochen hatte, hielt einen kleinen Vortrag über die Vorzüge des verstorbenen Monarchen.

„Er hat Caspar David Friedrichs Gemälde Der Mönch am Meer und Abtei im Eichwald geliebt und angekauft, und er war musikalisch hochgelobt, hat er doch auch einen wunderbaren Präsentiermarsch komponiert.“

„Und leid tun kann er einem auch wegen des frühen Todes seiner Luise“, fügte die Apothekerfrau aus Prenzlau hinzu.

Appelius lachte. „Wir haben da in Berlin so eine Type, die Madame Du Titre. Als Luise gestorben ist und sie den König trifft, ist sie voller Mitleid mit ihm und sagt: 'Ja, Majestätken, et is schlimm for Ihnen. Wer nimmt ooch jern een Witwer mit sieben Kinderkens'. Apropos: Tod. Als ihr Mann im Sterbezimmer liegt, macht sie die Tür auf und ruft dem zu: „Jott Vater, wat soll denn det! Du weest doch, ick kann keene Dodten nich sehen!“

Der Prenzlauer Apotheker hatte eine Menge an Friedrich Wilhelm III. auszusetzen.

„Anfangs hat es ja bei uns eine Menge Reformen gegeben, ich meine, nachdem Napoleon hinweggefegt worden war, dann aber ging es los mit der Zensur und der Verfolgung von Leuten, die es wagten, den Mund aufzumachen.“

„Pssst!“, machte einer der Berliner.

„Mit dem neuen König wird alles besser werden!“, riefen mehrere. „Es lebe Friedrich Wilhelm IV. Hurra!“

Der Besuch von Friedrich Appelius hatte bei Christian und Marie Schering einen so nachhaltigen Eindruck hinterlassen, dass sie sich schon bald auf ihren Sohn zugingen.

„Du, Erich, wir müssen einmal in aller Ruhe mit dir reden.“

Als er das hörte, zuckte er unwillkürlich zusammen, denn das konnte nichts Gutes bedeuten. Und so war sein langgezogenes „Jaaa ...“ auch mehr ein Stöhnen als eine Antwort. Aber was blieb ihm übrig, als sich zu ihnen an den Küchentisch zu setzen.

„Es geht um deine Zukunft“, begann sein Vater.

Ernst Schering winkte ab. „Bis ich mit dem Gymnasium fertig bin, da vergeht noch ein Jahr.“

„Man muss rechtzeitig wissen, was man will“, sagte seine Mutter.

Wieder bemühte er sich, einen leichten Ton anzuschlagen. „Kommt Zeit, kommt Rat.“

Sein Vater liebte keine langen Vorspiele und wollte schnell zur Sache kommen. „Ja, aber die Zeit ist gestern schon gekommen und der Rat auch – und der sieht so aus, dass deine Mutter und ich beschlossen haben, dass du Apotheker werden sollst.“

Ernst Schering glaubte sich verhört zu haben. „Was soll ich werden?“

„Apotheker!“ Und der Vater buchstabierte es auch noch. „Ich habe schon einmal vorgefühlt; in der Apotheke von Witzin würden sie dich als Lehrling nehmen.“

Ernst Schering war blass geworden. „Nein, niemals“, stammelte er. „Auf´m Dorf sind die Apotheken doch nur Krämerläden.“

Sein Vater fixierte ihn. „Es ist ein ehrbarer Beruf, und du zählst zu den Honoratioren Prenzlaus, wenn du später einmal die 'Grüne Apotheke' kaufst.“

Jetzt war es bei Ernst Schering mit jeder Contenance vorbei. „Ich hasse alles, was mit Chemie zu tun hat!“, schrie er. „Habt ihr vergessen, was mit Gottfried Nickholz passiert ist!?“

Seine Mutter winkte ab. „Das war ein Unfall, wie er in jedem Gewerbe passieren kann.“

„Und was ist mit Friedrich Krumbeck von der Holtz´schen Apotheke!?“, rief Ernst Schering. „Wie der sich mit seinem Quecksilber vergiftet hat?“

Der Vater lachte. „Das war ein Alchemist und kein Apotheker, der zählt nicht.“

Ernst Schering versuchte es andersherum. „Keiner wird mich nehmen wollen, weil er weiß, dass ich eine Abneigung gegen alles habe, was mit Chemie zu tun hat.“

„Doch“, konterte der Vater. „Ich habe mit beiden Apothekern gesprochen: Sie würden dich jederzeit als Lehrling nehmen. Aber Witzin hat Vorrang.“

Ernst Schering sprang auf. „Ich will aber kein Apotheker werden, ich will Förster und Jäger werden!“

„Du wirst das, was deine Familie will!“, riefen seine Eltern wie aus einem Munde.

„Dann wollt bitte, dass ich Förster und Jäger werde!“

„Nein, du wirst Apotheker!“

„Ich lasse mich nicht zwingen!“

„Wir zwingen dich nur zu deinem Glück.“

So ging es noch eine Weile hin und her, und keiner war bereit, irgendwie nachzugeben. In den nächsten Tagen lief Ernst Schering wie in Trance umher. Er, der so gar keine poetischen Anwandlungen hatte, formulierte in Gedanken sogar den Satz: Sie haben mir meine Seele gemordet. Immer hatte er sich als Förster und Jäger gesehen – und nun wollte man ihn dahin bringen, als Mann nicht mit einem wunderschönen grünen Rock, sondern mit einem schäbigen weißen Kittel herumzulaufen. Aus der Traum … Nein und abermals nein! Und um sich selbst zu vergewissern, wie schrecklich ein Leben als Apotheker sein würde, besuchte er in den nächsten Tagen die beiden Apotheken, von denen sein Vater gesprochen hatte.

In der „Grünen Apotheke“ sah er die Gehilfen im Laboratorium stehen, wie sie das an Pulvern und Essenzen mischten, was ihnen die Ärzten auf ihren Rezepten vorgegeben hatten. Schrecklich! Als Förster war er sein eigener Herr, hier aber nur Erfüllungsgehilfe der Ärzte und Quacksalber. Und statt gesunder Waldluft, hatte er den ganzen Tag über giftige Stäube einzuatmen. Als der Besitzer der „Grünen Apotheke“ auf ihn zukam, um ihn zu fragen, ob er sich schon darauf freue, vielleicht doch bei ihm als Lehrling anzufangen, ergriff er die Flucht.

In das Innere der Holtz´schen Apotheke kam er gar nicht erst, weil er auf dem Gehsteig davor über den kleinen Julius stolperte, den Sohn des Besitzers, der mit seinem Steckenpferd vor dem Eingang hin und her ritt.

„Willst du was abholen bei uns?“, fragte der Junge.

„Nein, nur mal gucken.“

„Mein Vater ist der Apotheker“, verriet ihm Julius voller Stolz. „Ich will auch mal Apotheker werden. Und du?“

„Nein“, murmelte Ernst Schering. „Da hänge ich mich lieber auf.“

Ein Fünkchen Hoffnung

1840

Wilhelmine Meier aus Velten lebte, seit ihre Mutter an den Folgen der Cholera gestorben und ihr Vater im Irrenhaus gelandet war, mit ihrer Großmutter zusammen im Armenhaus für Frauen in der Berliner Auguststraße. Ein Stückchen weiter nordwärts, und zwar in der Gartenstraße hinter dem Hamburger Tor, war ihre Freundin Luise zu Hause, sofern man deren elende Unterkunft als Zuhause bezeichnen konnte. Wenn sie nicht gerade irgendwelche Hilfsarbeiten zu verrichten hatten oder zum Hackschen Markt geschickt wurden, Zündhölzer zu verkaufen, trafen sich die beiden Achtjährigen am Koppeschen Armenfriedhof, der an der Einmündung der Großen Hamburger in die Linienstraße gelegen war und nach seiner Auflassung Teil des Koppenplatzes werden sollte, benannt nach dem Berliner Stadthauptmann und Ratsherrn Christian Koppe.

„Wollen wir wat spielen?“, fragte Wilhelmine.

Luise guckte irritiert. „Wat denn? Und zum Spielen sind wa doch schon ville zu jroß.“

„Dann warten wa, bis ´n Nasenquetscher von der Charité kommen tut und zum Thürmchen fährt.“

Nasenquetscher hießen die polternden Holzkarren, auf denen die Leichen von mittellos Verstorbenen, Selbstmördern und Unfallopfern zum Leichenschau- und Obduktionshaus gebracht wurden, das an der Linienstraße gelegen war und auf seinem Dach einen kleinen Turm trug, was ihm den Spitznamen das Thürmchen eingebracht hatte.

„Bevor et dunkel wird, kommt doch keen Karren“, sagte Luise. „Und solange darf ick nich' von zu Hause wegbleiben.“

So blieb ihnen nichts, als über den Armenfriedhof zu schlendern und zu gucken, ob da gerade wieder einer verbuddelt worden war, der sich vergiftet, erhängt oder ersäuft hatte. Nein, es war nichts los, nur eine offene Grube konnten sie entdecken.

„Wer da wohl rinkommt?“, fragte Wilhelmine.

„Na, bestimmt een Toter“, meinte Luise.

Auf dem noch nicht zur Beisetzung genutzten Teil des Friedhofs hing allerlei Wäsche, und auf dem von der Sonne verbrannten Rasen wurde Linnen gebleicht.

„Hier landen wir nu ooch mal“, sagte Luise.

Wilhelmine lachte. „Wer weeß. Vielleicht wird allet ma bessa.“

„Ja, wie bei dei´m Vata.“

Wilhelmine fasste sich an den Kopf. „Mensch, den muss ick ja heute besuchen! Kommste mit?“

Luise zögerte erst, ließ sich dann aber überreden, und so machten sich beide auf zur psychiatrischen Abteilung der Charité, der Irrenanstalt, wie man im Volke sagte. Bei einem Besuch dort fühlte sich Wilhelmine einerseits immer wie eine, die auszog das Gruseln zu lernen, andererseits aber war sie vom Elend der Kranken auch derart ergriffen, dass sie am liebsten im Krankenhaus geblieben wäre, um ihnen zu helfen. Der Pförtner kannte Wilhelmine und ließ die beiden Mädchen passieren. Auf dem Weg zum Besucherzimmer kamen sie an einer Reihe von Patienten vorbei, die an katatonen Symptomen litten, das heißt, in starren Posen verharrten. Ein Mann schnitt schreckliche Grimassen. Wilhelmines Vater war der Trunksucht verfallen und wegen heftiger epileptischer Anfälle eingeliefert worden. Als sie mit ihm sprach, machte er aber einen ganz normalen Eindruck.

Von der Charité war es nicht weit bis zur Gartenstraße. Hier in der Berliner Armenkolonie, dem sogenannten Vogtland, standen etliche „Familienhäuser“, und in einer der vielen kleinen abgeteilten Stuben des Quergebäudes Gartenstraße 92a lebte Luises Familie. Die Großmutter lag todkrank auf dem Stroh, das in der hinteren Ecke aufgeschichtet war. Die Mutter hockte neben ihr am Boden und nähte einige Lumpen zu einer Hose zusammen. Zwei kleine, halbnackte Kinder, Luises Geschwister, spielten mit einer leeren Branntweinflasche. Der Junge begann zu weinen, weil er Hunger hatte.

„Hier, bring die Hose zum Tischler Geliert“, sagte die Mutter zu Luise. „Das ist direkt über uns. Und wenn er dir das Geld dafür gibt, dann gehe und hole für sechs Pfennig Brot.“

Wilhelmine fand, dass es die Freundin noch immer um einiges besser hatte als sie, denn durch ihre Stube im Armenhaus für Frauen war kreuzweise ein Seil gespannt, und in jeder Ecke hauste eine vaterlose Familie. In der Mitte, wo sich die Seile kreuzten, stand ein Bett, in dem ein alte Marktfrau lag, die mit einmal mit Milch, Käse und Eiern gehandelt hatte. Sie war mit keinem verwandt, alle zusammen aber pflegten sie. Das war der Dank dafür, dass sie ihnen früher immer etwas zugesteckt hatte, damit sie nicht verhungerten.

„Ich habe frohe Kunde für dich“, sagte die Mutter, als Wilhelmine bei Einbruch der Dunkelheit nach Hause kam.

„Ziehen wir wieder in eine richtige Wohnung?“

„Nein, das nicht, aber ich habe für dich einen Platz in der Armenschule bekommen.“

Wilhelmine jubelte und umarmte die Mutter. So jung sie noch war, sie hatte schon begriffen, dass man am ehesten aus dem Armenviertel herauskam, wenn man richtig lesen und schreiben konnte und gute Umgangsformen hatte. Neulich hatte sie mit ihrer Freundin durch das Schaufenster des Manufactur-Waaren-Geschäftes gespäht, das Rudolph Hertzog letztes Jahr in der Breiten Straße eröffnet hatte, und die vornehme Damenwelt bewundert.

„Vielleicht kommen die auch aus dem Vogtland und haben einen reichen Mann gefunden“, hatte Luise gesagt.

Wilhelmine war da anderer Ansicht. „Ich will keinen reichen Mann finden, ich will das alleine schaffen! Ich will was lernen.“

So sah sie die Armenschule als ein Geschenk des Himmels an. Voller Vorfreunde lief sie am nächsten Morgen los, um ja als Erste da zu sein. Und es ließ sich auch alles wunderbar an, denn ihr Lehrer, ein schlanker junger Mann, hatte ein gewinnendes, intelligentes Gesicht und ein sanftes, bescheidenes Wesen.

Er begrüßte die Kinder mit herzlichen Worten und stellte sich vor.

„Mein Name ist Ferdinand Schmidt.“

Von der Theke zur Apotheke

1840

Ernst Schering verfügte schon als junger Mensch in hohem Maße über das, was man landläufig als ein „dickes Fell“ bezeichnete, er war also abgeklärt, gelassen, gleichmütig, psychisch robust und das Gegenteil eines Menschen, der sich wie ein Blatt vom Winde umherwirbeln ließ, und trotzdem nahm ihn der Kampf, der in ihm tobte, ganz gehörig mit: Sollte er dem Wunsche der Eltern nachgeben und Apotheker werden – oder sollte er der Stimme seines Herzens folgen und als Förster durchs Leben gehen? Jetzt war es Herbst geworden, und noch immer neigte sich die Waage eindeutig auf die Seite mit der Aufschrift FÖRSTER und JÄGER.

Seine Eltern spürten das und arbeiteten nach Kräften daran, ihn umzustimmen. So erzählte seine Mutter beim Frühstück am Sonntag von einem seltsamen Traum.

„Ich sehe dich bei uns in der Küche stehen und Asche aus dem Herd nehmen und in eine Schüssel tun. Dann kippst du Milch rein und rührst alles um – und als du fertig bist, hast du Goldklumpen in der Schüssel.“

Ernst Schering lachte. „Ja, Alchemist sein ist nichts Schlechtes, beim Johann Friedrich Böttcher ist immerhin Porzellan herausgekommen, als er aus Erde Gold machen wollte.“

Sein Vater blieb ernst. „Wenn du als Apotheker aus ein paar billigen Chemikalien ein Pulver mixt, das unsere Gebrechen heilt, die Schwindsucht oder die Gicht zum Beispiel, kannst du dir damit auch eine goldene Nase verdienen.“

Ernst Schering richtete die Augen gen Himmel. „Und wenn ich als Förster im Frühtau durch die Wälder streife, brauche ich der Morgenstunde nur das Gold aus dem Munde nehmen, dann habe ich auch welches.“

Sie kamen nicht weiter mit ihm. Zwingen wollten und konnten sie ihren Jüngsten nicht, sie mussten darauf setzen, ihm gut zuzureden. Und zur Verstärkung ließen sie noch ihren Ältesten nach Prenzlau kommen, den werdenden Oberjustizrath August Ferdinand, der immerhin schon Dreißig war und ein gestandener Mann. Er hatte in Berlin Jura studiert und dann als sogenannter Auskultator eine unbezahlte Ausbildungszeit auf den Justizämtern Gramzow, Löcknitz und Brüssow verbracht. Nach bestandenem Referendarsexamen war er nach Berlin ins Justizministerium gekommen und hatte sich auf allgemeines Landrecht für die preußischen Staaten spezialisiert.

Ernst Schering hatte den Bruder, der immerhin 14 Jahre älter war als er, nie als gleichberechtigten Spielkameraden erlebt, sondern als eine Autorität, die noch vor den Eltern kam. Fast ehrfürchtig ging er nun, als August vorgeschlagen hatte, einen kleinen Spaziergang zu unternehmen, neben ihm her.

„Was macht eigentlich dein alter Freund Gottfried Nickholz?“, fragte August.

„Keine Ahnung ...“ Ernst Schering war die Frage peinlich, denn irgendwie fühlte er sich mitschuldig am traurigen Schicksal des anderen. Aber was sollte er machen. „Wir haben uns aus dem Augen verloren.“

„Sein Gesicht soll schrecklich aussehen ...“

„Ja … Er ist nach Schwedt gegangen, in eine Tischlerlehre.“ Ernst Schering war bemüht, schnell das Thema zu wechseln. „Weißt du eigentlich, was alles neu ist in Prenzlau?“

„Nein, in Berlin steht nicht alles in den Zeitungen, was in der Provinz passiert. Aber erzähle mal ...“

Ernst Schering holte aus. „Das Schauspielhaus und die neue Synagoge sind eingeweiht worden. Das Schwedter Tor ist umgebaut worden. Die Chaussee nach Pasewalk ist fertig geworden. Das 'Institut der Tierschau und des Pferderennens' haben sie gegründet, und Oberbürgermeister Busch ist gestorben. Jetzt haben wir Carl Friedrich Grabow als Bürgermeister.“

„Mensch!“, entfuhr es dem Neuberliner bei so viel an Sensation.

„Ja, und dann ist das Sabinenkloster abgerissen worden. Und was hatten wir noch? Die Scharren auf dem Markt sind verschwunden, und eine Likörfabrik haben sie aufgemacht.“

Der Bruder lächelte. „Aha, daher kommt es, dass du mich mit Reden besoffen machen willst – und nicht, weil ich das Thema Apotheke vergessen soll.“

Ernst Schering fühlte sich durchschaut. Sie kamen nämlich gerade an der „Grünen Apotheke“ vorbei. Er fasste sich aber schnell und flüchtete sich in denselben heiteren Ton, den sein Bruder angeschlagen hatte. „Wenn du meinst, dass ich die mal übernehmen kann, dann bist du auf dem Holzwege, denn die Witts haben inzwischen einen Thronfolger, den kleinen Karl Friedrich August.“

„Wie schön.“ Der Bruder wollte noch nicht zum eigentlichen Grund ihres kleinen Spazierganges zu sprechen kommen, sondern wartete erst noch mit einer kleinen Anekdote auf. „Apropos, Apotheker: Da hatte ich neulich im Amt wegen einer Grundstückssache im Dahmetal mit einem ganz berühmten Vertreter dieses Spezies zu tun … Weißt du mit wem?“

„Nein, woher?“

„Mit Otto Unverdorben.“

„Was für´n Name!“, rief Ernst Schering aus. „Und – war er´s wirklich: unverdorben?“

„Keine Ahnung. Er kommt aus Dahme, hat in Halle, Leipzig und Berlin Chemie studiert und lebt heute auf dem Rittergut Glienig. Was er entdeckt hat, ist das Anilin.“

Ernst Schering lachte. „Ich kenne nur Anni Lien-hard, das ist unsere alte Putzfrau.“

„Anilin“, wiederholte August Schering und buchstabierte es sogar. „Ich habe keine Ahnung davon, aber ein Freund von mir ist Chemiker, und der meint, dass es mal sehr wichtig für Preußen sein wird. In Oranienburg haben wir das 'Chemische Etablissement Dr. Hempel', und da arbeitet ein berühmter Mann, der auch einmal als Apotheker angefangen hat, der Friedlieb Ferdinand Runge. Der soll dieses Anilin aus Steinkohlenteer gewonnen haben.“

„Was du nicht sagst ...“

Ernst Scherings Begeisterung für alles Chemische und Pharmazeutische hielt sich weiterhin in Grenzen, und er war froh, dass sie nun am Ufer des Unteruckersees angekommen waren und sich sein Bruder erst einmal seinen Kindheitserinnerungen widmete. Doch schon wenige Minuten später kam er auf seine Mission zurück.

„Du kannst dir sicherlich denken, mein lieber Ernst, warum ich dir das alles erzähle …?“

„Nein, wirklich nicht ....“

„Mensch!“, August Schering lachte und umarmte den kleinen Bruder, „weil ich dir klarmachen will, dass die Pharmazie und die Chemie in Deutschland und in aller Welt eine große Zukunft haben.“

„Ich will Förster und nicht Apotheker oder Chemiker werden!“, rief Ernst Schering aus. „Vater will das, ich nicht! Niemals!“

Der Bruder lächelte. „Man soll niemals nie sagen. Und was unseren Vater betrifft – ich weiß: Von der Theke zur Apotheke, das war der große Traum seines Lebens, und den hat er sich nicht erfüllen können. Nun sollst du es für ihn tun.“

„Im Zweifelsfalle wäre mir die Theke lieber als die Apotheke.“

„Seine Theke kriegst du nicht, die kriegt ein anderer Bruder.“

Ernst Schering warf einen flachen Stein ins Wasser, der dreimal aufschlug und wieder aufstieg, ehe er versank. „Dann weiß ich auch nicht ...“

Alea iacta est

1841

Einerseits hatte Schering den Tag seiner Abschlussprüfung herbeigesehnt, andererseits aber gehofft, der würde erst in ferner Zukunft kommen, vielleicht auch nie. Sicher, Schule war kein Zuckerschlecken, aber er hatte sich im Prenzlauer Gymnasium trefflich eingerichtet und wollte es eben sowenig verlassen wie sein Elternhaus, denn Nestwärme war ein hohes Gut. Doch er konnte nicht ewig Pennäler sein und sich von seinem Vater anhören: „Solange du die Füße unter meinen Tisch steckst, wird gemacht, was ich sage.“ Auch hätte er gern eine Braut gehabt, eine Frau besessen. Dennoch: Es überwog bei ihm das Gefühl, dass doch bitte die Zeit stehen bleiben möge und er nie ein anderes Leben führen müsste als das eines Oberprimaners. Doch unaufhaltsam kam alles auf ihn zu.

„Ernst, aufstehen! dass du mir nicht zur mündlichen Prüfung zu spät kommst!“

„Ja-a ...“

Es war soweit. Er kam sich vor wie eine Kugel, die soeben die Hand des Kegelbruders verlassen hatte – nun rollte sie und rollte … Und ob sie wirklich ein paar Kegel umwarf oder ins Leere ging und alle „Ratte!“ riefen, das war noch völlig offen.

Er wusch sich, zog seine besten Sachen an und eilte nach unten in die Küche, wo ihm die Mutter schon ein kräftiges Bauernfrühstück zubereitet hatte.

„Damit du Kraft hasr, alles durchzustehen“, sagte sie und strich ihm über die Haare

„Und trink einen großen Topf Kaffee“, fügte sein Vater hinzu. „Richtig wach muss man sein. Wenn ich damals bei Großbeeren vorher keinen Kaffee getrunken hätte, wäre ich nicht lebend vom Schlachtfeld runter gekommen.“

Das Bild einer bevorstehenden Schlacht fand Schering gar nicht einmal schlecht, denn seit dem Streich mit dem Böller damals war der Lehrer Kuhz immer darauf aus, ihn abzuschießen, und woanders gab sich die Gelegenheit zu einem Fangschuss als bei der Abschlussprüfung.

„Feuer frei!“, rief er denn auch.

„Na ja, nun ...“ Die Mutter suchte ihn zu besänftigen. „Es geht ja schließlich nicht um Leben und Tod.“

„Nein, aber darum, ob ich Förster werden kann ...“

„ … oder Apotheker!“, rief der Vater dazwischen.

„Mach doch den Jungen nicht kirre!“, mahnte die Mutter.

Der Vater ließ nicht locker. „Irgendwann müssen die Würfel doch mal fallen.“

Schering lächelte: „Alea iacta est.“

„Wie?“

„Das ist Lateinisch. Auf Deutsch: 'Der Würfel ist gefallen!' Cäsar soll das ausgerufen haben, als er am 10. Januar 49 vor Christus den Rubikon überschritten hat. Andere sagen, dass er als gebildeter Mensch griechisch gesprochen hat. Aber Griechisch hatten wir nie.“

Die Eltern klatschten in die Hände. „Bravo! Du wirst es schon schaffen, Ernst!“ Der Vater drückte ihm die Hand, die Mutter küsste ihn auf Stirn und Wange, die Geschwister wünschten ihm Glück. Dann packte er seine Sache und zog los.

„Auf in den Kampf!“, rief ihm der Vater noch nach.

Wie in Schlafwandler lief er durch Prenzlau und war richtiggehend erstaunt, als er plötzlich im Lehrerzimmer saß, wo sich das ganze Collegium und zwei höhere Beamte der Provinzialschulverwaltung versammelt hatten, um sich jeden Schüler einzeln vorzunehmen. Anfangs ging es um die Fächer Deutsch und Mathematik, und da hatte er keinerlei Schwierigkeiten. Die kamen erst, als Latein an der Reihe war.

„Schering, übersetzen Sie bitte: Ave Caesar, morituri te salutant.“

„Sei gegrüßt, Kaiser ...“ Das ging noch, dann aber war er blockiert. „Die Verweilenden salutieren.“

Der Lateinprofessor konnte es nicht fassen. „Wie? Wie kommen Sie auf die Verweilenden?“

„Ja … morari, morarior, moriatus sum … sich aufhalten, zögern.“

„Nicht morari, Sie sind ja völlig durcheinander, sondern morituri … Das leitet sich her von …?“

„Na, von mora, morae Aufenthalt, Verzögerung, Hindernis … sine mora unverzüglich.“

Der Lehrer rang die Hände. „Nein, das kommt von mori, morior, mortuus sum, moriturus … Dann sind also die morituri …?“

„Die … die Absterbenden.“

„Mein Gott, nein! Der Satz, den Sie übersetzen sollen, stammt von Sueton, dem Schriftsteller und Geheimsekretär des Kaisers Hadrian, und es handelt sich dabei um die Grußworte der Gladiatoren, die sie bei ihrem Einzug in die Arena zurufen … Also …?“

Schering versuchte es abermals, und seine Stimme wurde im dünner. „Sei gegrüßt, Kaiser, die Absterbenden salutieren vor dir.“

„Die morituri übersetzen wir besser mit: die Totgeweihten oder: die dem Tod Geweihten.“

Schering atmete auf und rief: „Sei gegrüßt, Kaiser, die dem Tod Geweihten salutieren vor dir.“

„Wieder falsch, sie salutieren nicht, sondern … salutare …?“

„Besuchen.“

Der Lateinprofessor verdrehte die Augen. „Ja, salutare heißt zwar auch besuchen, aber die Kämpfer sind doch nicht beim Kaiser zu Hause, sondern in der Arena. Sie grüßen ihn nur. Also rufen Sie …?“

Endlich hatte er es. „Sei gegrüßt, Caesar, die dem Tod Geweihten grüßen dich!“

Der Lehrer war am Ende. Er wischte sich den Schweiß von der Stirn und sah zu Ludwig Kuhz hinüber. „Herr Kollege würden Sie bitte übernehmen.“

Schering zuckte zusammen, denn ihm war hinterbracht worden, dass Kuhz im privaten Kreise gesagt habe, er sei zu dumm, um auf die Menschheit losgelassen zu werden und am besten hinterm Tresen seines Vaters verbliebe, denn „Wer nichts wird, wird Wirt.“

„Ich habe gehört, Schering, dass Sie Förster werden wollen?“, begann Kuhz, der die Fächer Geschichte und Biologie vertrat. „Oder Apotheker.“

„Ja-a ...“. Schering war noch eine Spur verwirrter, weil er nicht gedacht hätte, dass sich der Konflikt mit seinen Eltern in Prenzlau schon herumgesprochen hatte. „Ja, Oberförster oder Apotheker.“

„Gut. Was ist Ihnen denn lieber, Schering, Fragen zu Flora oder zur Fauna?“

Warum war Kuhz so freundlich zu ihm, was führte er im Schilde? Schering war so durcheinander, dass er beides verwechselte. „Zu den Tieren bitte, zur Flora?“

„Ah, Sie meinen die Flora, die Hündin vom Commissarius Wimmer?“

„Entschuldigung: die Fauna.“

„Gut.“ Kuhz sah auf seine Notizen. „Mein Bruder ist Kammerjäger in Berlin, und da wir ja mal in der Klasse davon gesprochen hatten, dass er sehr viel mit Motten zu tun hat ...“

Der Teil der Lehrer, der schon einmal mit amourösen Absichten in der Residenz gereist war, dachte an die berühmten flotten Motten und grinste, was Schering ärgerte. Für ihn ging es um Sein oder Nichtsein – und die amüsierten sich.

„Motten, ja …“, Schering suchte sich zu erinnern. „Motten sind eigentlich Schmetterlinge.“

„Gut. Und der wissenschaftliche Name?“

Schering knete seine Hände. „Da muss ich leider passen.“

„Lepidoptera. Aber egal. Zu welcher Klasse gehören die Schmetterlinge?“

„Sie haben Flügel, sie können fliegen!“

„Ausgezeichnet!“, rief Kuhz. „Die langen Jahre auf unserem Gymnasium haben sich doch gelohnt. Schmetterlinge gehören also zur Unterklasse der Fluginsekten, in der Fachsprache: Pterygota. Aber das muss ein zukünftiger Förster ja nicht unbedingt wissen. Und zu welchem Unterstamm?“

Schering wusste es nicht, er wusste nur, dass Kuhz ihn fertigmachen wollte. Er konnte nur versuchen, zu retten, was noch zu retten war, und da fiel ihm der Ratschlag seines Bruders ein, einfach das zu erzählen, wovon man eine Ahnung hatte, auch wenn die Frage ganz anders gelautet hatte, denn die meisten Lehrer hätten die schnell wieder vergessen.

„Ja, aber über Motten weiß ich eine Menge, wir haben nämlich Lebensmittelmotten bei uns in der Küche.“

„Mein Gott!“, entfuhr es da dem Rektor. „Ich esse nie wieder bei Scherings.“

Schering war das furchtbar peinlich, aber da nun alle lachten, löste sich auch seine Verkrampfung und auch die Lehrer und die Herren von der Schulaufsicht guckten nicht mehr ganz so streng.

Kuhz nahm wieder das Wort. „Gut, reden wir aber nicht über die Mehl- oder die Dörrobstmotte, um uns nicht den Appetit zu verderben, sondern über die Kleidermotte. Was wissen Sie denn über die, Schering?“

„Die Kleidermotten leben in Textilstoffen, in Wollen, in Pelzen und in Fellen.“

Kuhz nickte. „Und was fressen sie da? Na, das …?“

„Das Fett?“

„Nein, die sogenannten Proteine, Eiweiße. Gott, das hatte ich Ihnen doch gerade beizubringen versucht! Berzelius hat den Namen vorgeschlagen, vom griechischen Wort proteios her. Davon werden die Motten also angezogen – und was stößt sie ab?“

„Na, wenn man Stoffsäckchen mit Lavendel in den Schrank hängt.“

„Gut, gehen Sie also in Ihren Garten raus und pflücken sich einen Strauß Lavendel. Und nun zu den Eiern, die ein Mottenweibchen legt.“

Schering hatte sich jetzt etwas gefangen und wagte es, dem Lehrer ins Wort zu fallen. „Nein, echter Lavendel wächst nicht bei uns im Garten, den gibt es nur am Mittelmeer.“

„Na, da spricht ja unser Apotheker. Was haben wir denn alles an berühmten Apothekern in Deutschland?“

„Carl Spitzweg!“, rief Schering.

„Der ist ja wohl mehr Maler. Und sonst?“

Schering überlegte krampfhaft, und zu seinem Glück fielen ihm noch rechtzeitig die beiden Männer ein, von denen sein Bruder unten am See gesprochen hatte.

„Na, zum Beispiel Otto Unverdorben aus Dahme und Gottlieb Ferdinand Runge in Oranienburg. Der untersucht den Steinkohlenteer, ob in ihm Stoffe stecken, die sich irgendwie verwenden lassen, und Unverdorben hat das Anilin entdeckt, jetzt brauchen wir bald kein Indigo mehr aus Indien einzuführen, sondern können unsere blaue Farbe selbst herstellen.“

Das beeindruckte das Collegium, und der Rektor bedankte sich beim Kollegen Kuhz.

„Ja, wir können uns nun ein Bild von Ihnen machen, Schering, was die Naturwissenschaften betrifft, und wir können uns nun den Fächern Geschichte und Englisch zuwenden.“

Auch da glänzte Schering nicht unbedingt, gehörte aber zum guten Mittelfeld, und nach einer weiteren Stunde hatte er die Prüfung bestanden. Der Rektor drückte ihm die Hand.

„So, Schering, herzlichen Glückwunsch! Sie können sich jetzt auf einer unserer Universitäten einschreiben – oder wollen Sie doch lieber erst in die Lehre gehen, in der Apotheke oder im Wald.“

„Wohl in die Lehre – und zwar in Berlin. Aber … “

Sein Bruder hatte inzwischen in der Appelius´schen Apotheke vorgesprochen, die in Berlin zu den prominentesten gehörte, und die Zusage bekommen, dass sie seinen Bruder als Lehrling aufnehmen würde, auch sollte er zur Entlastung seiner finanziell schwachen Eltern bei seinem Bruder und dessen Familie wohnen können. Zum Lehrgeld wollte August einen Anteil besteuern, und dennoch schrieb Ernst Schering am 8. Februar 1841 einen langen Brief nach Berlin, in dem es unter anderem hieß:

Wir haben uns zwar schon früher nach einer Elevenstelle eifrig erkundigt, es boten sich uns auch mehrere an; allein die meisten wollten zu viel Lehrgeld haben (z.B. 200 Reichsthaler Lehrgeld und 2 Lehrjahre) und dies sind die Eltern nicht im Stande zu verschaffen; noch dazu, weil dabei noch genug Nebenkosten sind. Wenn ich nun keine Stelle bis Ostern bekommen habe, nun so bleibe ich bis Michaelis hier, und in dieser Zeit wird sich gewiß eine finden. Es thut mir dahei leid, dem Herrn Appelius abzusagen, und, lieber Bruder, wenn Du wolltest so gut sein, thue ihm dies kund. – Für Deine Bemühungen sage ich den allerbesten Dank, und noch mehr für Dein Angebot, daß du nämlich den Eltern die Summe des Lehrgeldes verringern wolltest. Ich sehe nämlich daraus, daß Du Deinen Bruder noch immer innigst liebst, und daß Du Dich bemühst, mich wo anzubringen. Wenn Du jedoch bei diesem Lehrgeld auch etwas beitragen wolltest, so würde mir weit lieber sein.

Mit „diesem Lehrgeld“ war das für eine Lehre als Förster und Jäger gemeint. Aber dann fiel der besagte Würfel doch, denn die Eltern und sein älterer Bruder sprachen ein Machtwort: „Du gehst nach Berlin und wirst Apotheker!“

Kapitel Zwei

Amalia – nicht die aus den „Räubern“

1841

Ferdinand Schmidt litt unter dem Gleichmaß seiner Tage ebenso wie er sie genoss. Hörte er die Alten von den Schlachten berichten, die sie in den Befreiungskriegen geschlagen hatten, bei Möckern und Großgörschen, bei Dennewitz und Leipzig, bei Bar-sur-Aube und bei Waterloo, dann wurde er ganz neidisch, denn auch er dürstete heimlich nach Größe und nach Heldentaten, andererseits schauderte ihn beim Gedanken, dass die Lanze eines Ulanen seine Brust durchbohrte oder ihm die Kugel eines Infanteristen das Hirn zerfetzte. Da lag er doch lieber im warmen Bett oder stand vor seiner Klasse und ließ sie ein Diktat schreiben. So wie heute. Da hieß das Thema „Wir fahren mit der Eisenbahn“.

„Legt eure Schiefertafeln auf das Pult, wischt sie noch einmal sauber – und dann los: Wir … fahren … mit … der … Eisenbahn ...“ Immer schön langsam, damit auch die mitkamen, denen der Herr nicht gerade ein Übermaß an geistigen Gaben mit auf den Lebensweg gegeben hatte. Die Eisenbahn war etwas, das die Kinder begeisterte und – neben dem König und den Siegen über Napoleon – am ehesten dazu brachte, bei der Sache zu sein.

„Wir … tre-ten … am … Pots-da-mer Platz … in … die … große Bahn-hofs-halle … Wir … tre-ten … am … Pots-da-mer Platz … in … die … große Bahn-hofs-halle ...“

Obwohl er den ersten Satz noch dreimal wiederholte, kamen nicht alle mit und resignierten schon ganz am Anfang. Wie schrieb man Potsdam und wie Bahnhofshalle?

Ferdinand Schmidt, gerade 25 Jahre alt geworden, unterrichtete jetzt in der 55. Gemeindeschule, die auf dem Grundstück Choriner Straße 74 gelegen war. Von seiner bescheidenen kleinen Wohnung in der Gipsstraße bis dorthin war es kein allzu langer Weg. Eine Gemeindeschule war keine Armenschule, aber auch hier im neu entstehenden Stadtteil nördlich der Torstraße lebten nicht gerade Adel und Großbürgertum.

„Und bei aller Liebe zu den Armen, wünschte ich mir doch manchmal, Lehrer an einem Gymnasium zu sein“, sagte er eines Abends zu seinem Freund Albrecht Strzelczyn. „Wo der eigene Geist ein wenig gefördert wird.“

„Such dir eine Frau, die dir in dieser Hinsicht etwas abverlangt.“

Ferdinand Schmidt lachte. „Bettina von Arnim ist wohl etwas zu alt für mich und außerdem schon lange vergeben.“

„Wenn du jeden Abend allein zu Hause sitzt und Bücher liest, wirst du nie eine finden“, stellte Strzelczyn fest.

„Weiß man´s? Wenn der Herr es will, lässt er einen Witwer mit einer wunderschönen Tochter in meine Nachbarwohnung einziehen, und bei denen brennt es dann und ich rette sie aus den Flammen.“

„Schreibst du jetzt Liebesromane?“

„Nein, ich sitze immer noch an der Preußischen Vaterlandskunde für Schule und Haus, und über Friedrich Schiller will ich auch noch etwas schreiben, ein Lebensbild für Jung und Alt, so der Arbeitstitel.“

Strzelczyn prustete los. „Na, dann widme dich mal ganz besonders der Amalia aus den Räubern, damit die Kinder früh begreifen, was eine Geliebte ist. Apropos, Amalia: Kennst du eigentlich den Hollmann?“

„Wer kennt den Hollmann nicht?“ Karl Friedrich August Hollmann war ein Tuch- und Seidenkaufmann und ehrenamtlicher Stadtrat dazu, der es als sein Lebenswerk betrachtete, mit seinem Vermögen den Armen zu helfen. „Wieso, was ist mit dem?“

„Seine Wilhelminen-Amalien-Stiftung eröffnet heute in der Linienstraße ein Haus für bedürftige Beamtenwitwen und -töchter. Ich bin dazu eingeladen worden – kommst du mit?“

„Ich soll mir da wohl 'ne noch gut erhaltene Beamtenwitwe angeln, wie?“

Strzelczyn grinste. „Nee, aber vielleicht 'ne Tochter.“

Ferdinand Schmidt winkte ab. „Was ich brauche, ist die Tochter eines steinreichen Mannes – damit ich dann, wenn die mal erbt, mit ihrem Geld eine eigene Stiftung ins Leben rufen kann.“

„Am besten wäre eine Bankierstochter. Hat Joseph Mendelssohn eine?“

„Weiß ich nicht, aber die Juden werden keinen Goi in der Familie haben wollen.“

Der Freund wurde langsam ungeduldig. „Kommst du nun mit zur Wilhelminen-Amalien-Stiftung?“

„Ja, aber nur, wenn du mir garantierst, dass ich eine Wilhelmine oder Amalie kennenlerne.“

„Gut, du hast mein Wort.“

So zogen sie gemeinsam zur Linienstraße, wo sich im Erweiterungsbau des Stiftungshauses schon alles versammelt hatte, was in der Armenfürsorge Rang und Namen hatte und engagiert war. Es gab eine Reihe von Reden, von denen die Karl Hollmanns noch die kürzeste war. Als Letzte betrat die Posthilfsschaffnerswitwe Minna Liesegang das Podium, um sich im Namen aller derer zu bedanken, die künftig in der Linienstraße zu Hause sein durften.

„Meine Tochter Amalia und ich danken dem edlen Spender von ganzem Herzen, und wir wünschen uns, dass der Herr seine Großzügigkeit und Güte belohnen werde.“

Für diese Worte bekam sie von allen Seiten herzlichen Beifall, und eine junge Frau, offenbar ihre Tochter, trat vor, um sie zu umarmen und ihr einen Kuss auf die Wange zu geben.

„Nicht doch, Amalia!“, rief die Posthilfsschaffnerswitwe. „So in aller Öffentlichkeit.“

Strzelczyn stieß Ferdinand Schmidt den Ellenbogen in die Seite. „Mensch, das wäre eine für dich! Und auch noch eine Amalia, wenn auch nicht die aus den Räubern. Aber dafür hat sie vielleicht noch keinen Geliebten ...“

Ferdinand Schmidt stöhnte auf. „Du, ich bin nicht einer, der jetzt auf sie zugehen könnte und … Das wäre zu unschicklich.“

„Dann lass mich das machen.“ Strzelczyn wartete einen passenden Augenblick ab, trat dann mit einer leichten Verbeugung auf die Damen zu und stellte sich vor.

Minna Liesegang reagierte mit ostentativer Kühle. „Ick wüsste nich, det ick oder meene Tochter Ihnen jerufen hätten ...“

Ihrer Tochter war diese Abfuhr, die ihre Mutter dem jungen Mann erteilte, offenbar peinlich, denn sie lächelte ihm zu und erkundigte sich nach seinem Anliegen.

„Mein Freund Ferdinand Schmidt dort drüben, der zudem noch ein hervorragender Schriftsteller ist, und ich, wir sind Lehrer an Gemeinde- und Armenschulen und suchen ständig nach couragierten Frauen, die zu uns in die Klassen kommen, um den Mädchen zu zeigen, dass aus ihnen mehr werden kann als ein Dienstmädchen oder eine Hökerin auf dem Haak´schen Markt.“

„Amalia, dafür gibst du dich nicht her!“, rief Minna Liesegang. „Das haben wir nicht nötig.“

Als Apothekerlehrling in Berlin

1841

Ernst Schering hatte kapituliert, aber es war keine bedingungslose Kapitulation gewesen.

„Wenn ich schon Apotheker werde … werden muss, dann will ich aber nicht in Prenzlau in die Lehre gehen, sondern in Berlin – und zwar bei Friedrich Appelius.“

Und so war sein Bruder August in die Appelius´sche Apotheke geschickt worden, um inständig zu bitten, Ernst doch als Lehrling aufzunehmen, man hätte ihn ja beim letztjährigen Besuch in Prenzlau schon kennengelernt. Daran konnte sich Appelius nur noch vage erinnern, er war aber von Hause aus nicht nur Apotheker, sondern auch Kommunalpolitiker – und als solcher dachte er natürlich sofort daran, dass ja August Schering im Justizministerium beschäftigt war und vielleicht einmal groß Karriere machen könnte. Solche Leute musste man sich warmhalten, denn es konnte ja sein, dass er einmal in die Bredouille geriet und einen Fürsprecher „bei Preußens“ brauchte.

„Gut, schicken Sie mir Ihren Ernst nach Berlin.“

Der hatte, als er davon erfuhr, gemurmelt: „Schicke ich mich also in mein Schicksal.“

Nun war er also in Berlin angekommen, aber als er die Appelius´sche Apotheke in der Roßstraße 21 betreten hatte, nahm keiner Kenntnis von ihm, denn alles redete nur von Karl Friedrich Schinkel. Der war am 9. Oktober in Berlin verstorben.

„Im letzten Frühjahr ging es los bei ihm“, sagte einer derer, die auf die Einlösung ihres Rezeptes warteten. „Da ist er mit der Eisenbahn nach Potsdam gefahren und eine Lähmung der rechten Hand hat ihn befallen. Auch ist sein Geruchssinn immer schlechter geworden.“

„Ja, und als sie Friedrich Wilhelm IV. gekrönt haben, war Schinkel nicht da, und der König war mächtig gekränkt.“

„Richtig, Herr Niedergesäß. Dann hat er ein paar Schlaganfälle erlitten.“

„Wer: Schinkel oder der König?“

„Schinkel natürlich! Danach konnte er nicht mehr richtig sehen und sprechen und ist nur noch dahingesiecht.“

„Ja, man kann noch so berühmt sein: Der Tod macht vor keinem halt.“

„Begraben wird er auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof.“

„Unter dem geht’s ja nicht.“

„Ob er auch ein schönes Mausoleum für sich selbst entworfen hat?“

Ernst Schering hatte gebannt gelauscht. So waren also die Berliner. Schnoddrig und drastisch, und alle dachten sie: Mir kann keena.

Ernst Schering wartete bis alle Kunden bedient worden waren, dann sprach er den ältesten der anwesenden Gehilfen an, einen gebeugten Mann mit kahlem Schädel, Herrn Niedergesäß, wie er eben gehört hatte, und stellte sich vor. „Ich bin der Neue aus Prenzlau.“

„Na, dann: herzlich willkommen!“, rief Niedergesäß und schüttelte ihm die Hand. „Soll ich Sie gleich mal bei der Stiftung anmelden?“

Ernst Schering war verwirrt. „Welcher Stiftung?“

„Na, der Buchholz-Gehlen-Trommsdorffschen Stiftung zur Unterstützung armer ausgedienter und würdiger Apothekergehülfen. Herr Appelius hat letztes Jahr immerhin drei Reichsthaler an milden Beiträgen gezahlt.“

„Ist das nicht ein bisschen früh?“

Niedergesäß lachte. „Was auch immer du tust, tue es klug und bedenke das Ende! Nun gut, dann zeige ich Ihnen erst mal alles.“

Wie es in der Branche üblich war, wohnten die Gehilfen auch bei Friedrich Appelius im Haus, das heißt, im Dachgeschoss über der Apotheke. Zu dritt teilten sie sich eine Kammer unter dem Dach, und Ernst Schering als Jüngster bekam natürlich das Bett direkt unter der Schräge.

„Das ist sehr vorteilhaft“, erklärte ihm Niedergesäß. „Denn wenn wir alle hier schlafen, ist es immer mächtig heiß, und da haben Sie es dicht unter dem undichten Dach am besten, weil Sie bei Dauerregen die kühlenden Tropfen abkriegen. Aber Tropfen sind ja generell etwas, mit denen ein Apotheke ihr Geld verdient.“

Ernst Schering schafft es gerade noch zu murmeln, dass er begeistert sei. „Vielleicht schafft es der Dachdecker ja mal, das Loch zu finden.“

„Hoffen wir´s. Aber trösten Sie sich: Wenn ich das Zeitliche segne, bekommen Sie mein Bett.“

„Oh, verbindlichsten Dank!“

„Gut.“ Niedergesäß wandte sich zur Tür. „Dann steigen wir mal wieder hinab, damit ich Ihnen die heilige Stätte einer Apotheke zeigen kann: das Officin, ihr neues Reich.“

„Ich bin gespannt.“

„Officin kommt aus dem Lateinischen“, begann Niedergesäß, als sie an Ort und Stelle angekommen waren. „Officīna, die Werkstätte. Hier werden die von den Ärzten verschriebenen Arzneien nach der Verordnung her- und bereitgestellt, und hier finden sie alles, was schon fertig ist und von den Kunden verlangt wird. Trocken, hell und kühl soll es hier sein, Sonnenstrahlen sind unerwünscht. Sie finden hier die gängigen Arzneien in kleineren Standgefäßen, jeweils in Quantitäten, die dem normalen Bedürfnis angemessenen sind. Alles nach Rubriken und alphabetisch geordnet. Daneben haben wir die Tinkturen, ätherischen Öl und destillierten Wasser in weißen, mit deutlichen Aufschriften versehenen Gläsern stehen. Die Stöpsel müssen gut schließen, damit nichts verdunstet.“

„Ja, ich verstehe.“ Ernst Schering fühlte sich an eine Stelle aus dem Faust erinnert: Mir wird von alledem so dumm, / Als ging, mir ein Mühlrad im Kopf herum.

„Hier in den porzellanen oder steingutenen und mit Deckeln versehenen bauchigen Gefäßen mit speziellen Ausgüssen bewahren wir Sirupe, fette Öle und andere dickflüssige Substanzen auf.“ Niedergesäß leierte weiter das herunter, was er seit Jahrzehnten jedem Lehrling zu erzählen hatte. „Extrakte, Salben und desgleichen, metallische, trockene Präparate bewahren wir in zylindrischen Gefäßen auf, gröbere, metallische, erdige, vegetabilische und animalische Substanzen aber, die sich durch den Einfluss von Luft verändern könnten, kommen in hölzerne Büchsen, welche mit einem eingesalzten Deckel verschlossen werden. Kräuter, Wurzeln, Hölzer, zum Teil auch Blumen, mehrere Früchte et cetera stecken hier in den Schiebekästen. Denn, Schering, Ordnung ist …?“

„Das halbe Leben.“

„Richtig! Und was haben wir noch so alles…? Vegetabilische Pulver, welche flüchtige Teile enthalten, und andere stark riechende Substanzen befinden sich in dick schließenden Gläsern oder Büchsen, die in einer Blase stecken. Für Gifte haben wir besondere, fest verschließbare Schränke. Auf dem Rezeptiertisch, den Sie hier in der Ecke sehen, werden die Arzneien nach ärztlicher Verordnung zubereitet. Hier finden Sie alles, was man so braucht: Waagen, Schachteln, Kapseln, Spatel, Mörser, Pillenmaschinen, Mensuren und ähnliche Gerätschaften. Das alles werden Sie in Ihrer Lehrzeit gebrauchen und lieben lernen.“

Während er sich bei seinem Cicerone für die ausführliche Einweisung bedankte, hörte Schering im Hintergrund einen Gehilfen murmeln, dass „Tiefarsch“ wieder mal groß in Fahrt gekommen sei.

Auch Niedergesäß hatte es gehört. „So geht es halt bei uns zu: Rau, aber herzlich.“

Den ersten Tag seiner Lehrzeit brachte Schering damit zu, im Lehrbuch der Apothekerkunst von Karl Gottfried Hagen zu blättern, dessen 7. Ausgabe 1821 in Königsberg erschienen war, oder Lebertran in Flaschen zu füllen. Der war den Leuten von Armenärzten für ihre rachitischen Kinder verschrieben worden, Niedergesäß meinte aber zu wissen, dass sie ihn in ihren Lampen verbrannten, um es in ihren Behausungen nicht allzu düster zu haben.

Als er am Abend bei seinen Bruder in dessen Wohnung in der Dorotheenstraße saß, war Ernst Schering den Tränen nahe.

„Deswegen lebe ich nun, o Gott, nein!“

Da schnauzte August ihn an. „Mensch, hör auf zu jammern! Der Pharmazie und der Chemie gehören die Zukunft. Komm, ich nehm dich am Wochenende mal mit nach Oranienburg, da werkelt der Runge in seiner chemischen Fabrik herum. Ich habe dort im Auftrage der Preußischen Seehandlung etwas Juristisches zu erledigen.“

Auf dem Weg nach Oranienburg war viel Zeit, über Friedlieb Ferdinand Runge zu reden. Er war am 8. Februar 1794 in Hamburg-Billwerder geboren worden und hatte nach Ende seiner Schulzeit in zwei Lübecker Apotheken gelernt. Von 1810 bis 1816. Anschließend hatte er in Berlin, Göttingen und Jena zuerst Medizin, dann Chemie studiert. Zwei Promotionen waren gefolgt, die zum Dr. med. und die zum Dr. phil., letztere mit einer Arbeit über das Indigo. 1826 war Runge Privatdozent und 1828 außerordentlicher Professor für Technologie in Breslau geworden, um dann vier Jahre später seinen Lehrstuhl aufzugeben und nach Oranienburg zu gehen, wo sein Freund, der Apotheker Hempel, 1814 eine Schwefelsäurefabrik gegründet hatte – im Schloss. Hier hatte Runge ein eigenes Labor bekommen und freie Hand, was die Forschung betraf.

Ernst Schering war tief beeindruckt, als sein Bruder die Vita Runges vor ihm ausgebreitet hatte, aber seine Gefühle war eher zwiespältig. Einerseits bewunderte er den Mann, andererseits aber verfluchte er ihn, denn Runge ließ ihn, Ernst Schering, mutlos werden: Gott, was der erreicht hat, wirst du nie erreichen können. So war sein Kommentar auch eine Abwertung des Heros: „Der Mann scheint ja ein richtiges Genie zu sein.“

„Ja, und offenbar so verschroben, wie es sich für ein echtes Genie eben gehört.“

Sein Bruder schien nicht im Geringsten zu verstehen, was in ihm vorging. Das kann man ja auch von einem Juristen nicht verlangen. Wahrscheinlich hatte er es wirklich gutgemeint, ihn zu Runge mitzunehmen.

Nun, Friedlieb Ferdinand Runge war wirklich ein wenig verschroben. Als man ihm August Schering und seinen Bruder gemeldet hatte und die Frage kam, ob denn Oranienburg in Zukunft kommerziell wirklich noch etwas einbringen würde, stürzte er aus dem Schloss und rief nur: „Mir nach, meine Herren!“

Hinter dem Schloss gab es mehrere Tümpel, die mit einer übel riechenden schwarzen Masse gefüllt waren. Lattenzäune umgaben sie, dass ja keiner hinein fiel.

„Ist das Pech?“, fragte Ernst Schering.

Runge lachte. „Nein, Glück. Mein Glück: Steinkohlenteer. Daraus habe ich Karbolsäure destilliert – und Anilin. Da erspart uns die Einfuhr von Indigo. Und weil Sie danach gefragt haben, ob sich die chemische Fabrik hier für die Seehandlung rechnet: Die Stearin- und die Paraffinkerze, die sind hier erfunden worden, von mir, und deren Produktion bringt ja nicht nur Helligkeit in die Stuben – und hoffentlich auch in die Köpfe, sondern auch eine Menge Geld ein.“

Serenus Schoetensack

1841

Eigentlich war er der geborene Schauspieler, aber es wäre ihm nie in den Sinn gekommen, wirklich einmal Schauspieler zu werden, denn nie hätte er sich der Diktatur eines Regisseurs oder Intendanten unterwerfen können, auch war es ihm zuwider, das nachzusprechen, was sich irgendein hergelaufener Dichter irgendwann einmal ausgedacht hatte. Fragte ihn seine Mutter, was er denn einmal werden wollte, bestand seine Antwort aus nur einem Wort. „Nichts.“ – „Ein Taugenichts, wie?“ – „Ja.“ Er konnte so reden, weil sein Vater ein reicher Mann war, und ihn sein Bankhaus in Hannovers Innenstadt von Tag zu Tag noch reicher werden ließ. Da gab es also so viel zu erben, dass es für zwei Leben in Saus und Braus gereicht hätte. Doch seine Mutter, vom pietistischen Ethos erfüllt, wollte unbedingt, dass er „was Anständiges“ lernte und klemmte sich hinter ihren Mann. So wurde er eines Nachmittags ins Arbeitszimmer seines Vaters kommandiert.

„So kann das mit dir nicht weitergehen, Serenus!“, rief Anton Schoetensack.

„Womit, Vater?“

„Dass du nach deinem Schulabschluss ein Bummelant geworden bist.“

„Ich bin noch auf der Suche nach mir selbst.“

„Na, vielleicht findest du dich in Berlin“, erwiderte sein Vater darauf, mehr drastisch als ironisch. „Ich habe sagen hören, dass sich mit Chemie und der Pharmazie in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts viel Geld verdienen lassen wird, und darum haben deine Mutter und ich uns entschlossen, dass du Apotheker lernen sollst.“

„Nein!“, entfuhr es ihm.

„Doch. Der Friedrich Appelius ist ein alter Freund von mir, und in der Dachkammer über seiner Apotheke gibt es noch ein freies Bett, und darin sollst du in Zukunft liegen“.

Was war ihm da anderes geblieben, als zähneknirschend zuzustimmen, da er im Falle einer Weigerung nichts mehr geerbt hätte.

So lag er schon bald in dem Bett, von dem sein Vater gesprochen hatte, und hatte Mühe, mit all den Zwängen und Pflichten zurechtzukommen, die seiner harrten. Die anderen Bediensteten der Appelius´schen Apotheke waren absolut nicht seine Hutnummer, nur mit seinem Bettnachbarn, dem Ernst Schering aus Prenzlau, kam er so einigermaßen klar, obwohl der auch nicht gerade das war, was man einen bunten Vogel nannte. Aber man konnte mit ihm wenigstens plaudern, ohne dabei auf der Stelle einzuschlafen.

„Schoetensack …?“, fragte Ernst Schering. „Kommt das von einem Sack voller Schoten?“

„Nein, Schoeten sind auf Plattdeutsch die Schüsse.“

„Ein Sack voller Schüsse …?“

„Die einen sagen, einer meiner Urahnen soll Säcke mit Munition geschleppt haben, die anderen behaupten, er habe so schlecht geschossen, dass er immer nur die Säcke getroffen hat, die sie neben der Schießscheibe als Kugelfang aufgehängt haben. Aber als ob das nicht gereicht hätte, dass man so einen komischen Nachnamen hat, mein Vater musste mich auch noch Serenus nennen.“

„Nach den Sirenen, die Odysseus verführen wollten?“

„Nein, lateinisch: serenus, a, um – heiter, klar, hell, fröhlich.“

So richtig fröhlich aber war Schoetensack in der ersten Woche seiner Apothekerlehre kaum. Es war außerordentlich lässig, diesen ganzen botanischen Kram zu lernen: Die Echte Kamille – Matricaria chamomilla oder auch Matricaria recutita. Der Rote Fingerhut – Digitalis purpurea. Baldrian ...

„Baldriane – lateinisch: Valeriana - sind eine Pflanzengattung aus der Familie der Geißblattgewächse – Caprifoliaceae“, erklärte ihm Niedergesäß, der ja als Apothekergeselle die Beschulung der Lehrlinge zu besorgen hatte. „Baldrian ist eines unser besten Schlaf- und Beruhigungsmittel.“

Für Schoetensack war Niedergesäß das beste Schlafmittel, und um etwas Leben in die Bude zu bringen, begann er zu spinnen.

„Manchmal kommen aber auch junge Männer zu uns, um Baldrian zu kaufen, weil sie sich von ihm bei der Minne einiges versprechen, denn wie heißt es doch so schön: Jüngling, trage eine Baldrianwurzel in der Tasche und sage den Zauberspruch: Baldrian, greif mir dran! Dann kann dir die Maid nichts verweigern. Oder auch: Nimm Baldrian in den Mund und küsse die, die du haben willst; sie gewinnt dich gleich lieb.“

Niedergesäß guckte indigniert. „Darüber schweigen wir aber in unserer Apotheke.“

Schoetensack ahnte, dass ihm der Mann sein Engagement an dieser Bühne gründlich vermiesen würde. Die Kollegen trösteten ihn damit, dass sie „Tiefarsch“ auch nicht sonderlich leiden konnten, Appelius aber große Stücke auf ihn hielte.

„Nun, ja: De Minsch mutt pisackt warrn, dat he Lust kriggt to`n starwen.“

„Wie?“

„Der Mensch muss geärgert werden, dass er Lust kriegt zum Sterben.“

„Na, ganz so schlimm ist der Tiefarsch nun wirklich nicht“, wandte Ernst Schering ein.

Schoetensack musterte ihn. „Sieh mal an, ein Philanthrop.“

„Jeder Apotheker ist zuerst Philanthrop und dann erst Chemiker“, erklärte ihnen Niedergesäß, der eben in den Officin getreten war und die letzten Worte mitgehört hatte. „Und im übrigen, meine Herren, kommt mein Name von der vergessenen Bedeutung des Wortes Gesäß. Im Althochdeutschen meinte das einmal Wohnsitz, und Bauern, die ihren Hof unten im Tal hatten, in der Niederung also, nannte man so, als die Nachnamen in Deutschland eingeführt wurden, eben Niedergesäß. Und damit die Herren Schering und Schoetensack das begreifen, laufen sie jetzt einmal zum Königlichen Botanischen Garten und holen mir dort den Titanenwurz – Amorphophallus titanum – ab, den mir ein Freund, ein Pflanzenaufseher dort, bereitlegen wollte.“

Das konnte man fast als eine harte Strafe werten, denn der Botanische Garten lag eine halbe Stunde vor dem Potsdamer Tor in Schöneberg, sie hatten also eine halbe Ewigkeit zu latschen.

Schoetensack fluchte. „Lewwer duad üüs Slaav!“

„Wie?“

„‚Lieber tot sein, als ein Sklave!‘ Freiheitsmotto des friesischen Fischers Pidder Lüng aus Hörnum auf Sylt, dem Amtmann von Tondern, und seinen Schergen gegenüber geäußert.“

„Na, so schlimm ist es ja nun auch wieder nicht“, beeilte sich Schering alles abzuwiegeln.

„Nun gut.“ Schoetensack fing sich wieder. „Nehmen wir die guten Seiten. Treffe ich im Botanischen Garten wenigsten mal den Adalbert von Chamisso.“

„Wen?“, fragte Ernst Schering.

„Naturforscher und Dichter. Peter Schlemihls wundersame Geschichte, Die Sonne bringt es an den Tag, Frauen-Liebe und Leben ...“

„Gott, sind Sie gebildet!“, rief Ernst Schering.

„Mit der Einschränkung, dass Chamisso seit zwei Jahren nicht mehr als Pflanzenaufseher im Botanischen Garten tätig ist“, ließ sich Niedergesäß, der alles mitgehört hatte, aus dem Nebenzimmer vernehmen. „Diese Halbbildung immer.“

„Los, gehen wir!“, Schoetensack zog Schering auf die Straße hinaus. „Sonst vergesse ich mich noch.“

Wie erwartet, war es ein langer und ziemlich mühsamer Weg, zumal es am Leipziger Platz zu regnen begann.

„Der Niedergesäß kann uns mal“, sagte Schoetensack. „Nehmen wir einfach die Eisenbahn.“

„Das Fahrgeld wird uns doch Appelius niemals wiedergeben!“, rief Schering.

„Lassen Sie mal, das geht alles auf meine Rechnung.“

Das Personengeld von Berlin bis Schöneberg, und umgekehrt von Schöneberg bis Berlin betrug pro Fahrt und Person 2 Silbergroschen, die Billets für Hin- und Rückfahrt waren auf dem Berliner Bahnhof an der Kasse für Steglitz zu lösen. So fuhren sie denn in zehn Minuten vom Potsdamer Bahnhof zum Haltepunkt Schöneberg – und waren fast schon am Tor des Botanischen Gartens angekommen. Das Abholen des Titanwurzes war schnell erledigt.

„Wahrscheinlich würzt der Niedergesäß sein Essen damit, auf dass er endlich ein Titan werde“, sagte Schoetensack.

„Er soll versuchen, daraus ein Aphrodisiakum zu gewinnen und zu verkaufen“, verriet ihm Ernst Schering.

Schoetensack grinste. „Keine schlechte Idee: In den Worten Amorphophallus titanum stecken ja Amor und Phallus, muss man nur noch das pho erklären. Meiner Erinnerung nach ist Pho eine traditionelle Suppe der vietnamesischen Küche. Mein Vater ist ein Freund exotischer Speisen, und da hat öfter etwas auf dem Tisch gestanden, was sonst keiner kennt.“

Durch die Benutzung der Eisenbahn hatten sie viel Zeit gewonnen, die sie nutzen konnten, sich in der Stadt herumzutreiben.

„Mal sehen, ob ich meinen Vetter um drei Ecken finden kann, den Carl Schoetensack. Der hängt mit der Stendaler Linie unseres Hauses zusammen. Er soll es aber nicht weit gebracht haben, Tagelöhner soll er sein, Arbeitsmann, und in der Mohrenstraße wohnen.“

„Wenn wir da sind, können wir ja mal meinen großen Bruder besuchen“, schlug Ernst Schering vor, und seine Augen leuchteten dabei. „Er ist Beamter im Justizministerium in der Wilhelmstraße, hat aber auch schon einiges veröffentlicht. Ich kann das sogar auswendig hersagen: Der Mandats-summarische und Bagatell-Prozess und eine Anleitung zur Anfertigung von Referaten, wissenschaftlichen Arbeiten, Anklageschriften und Akten-Auszügen in Begnadigungssachen.“

„Bravo!“, Schoetensack klatschte in die Hände. „Wenn ich in meinem nächsten Leben Jurist werde, weiß ich ja, wo ich anzufangen habe.“

„Glauben Sie etwa an die Wiedergeburt?“, fragte Ernst Schering mit einigem Entsetzen.

Schoetensack lachte. „Ich glaube an alles, was einem Hoffnung macht, aber ich weiß auch einiges: zum Beispiel, dass ich schon mehrmals auf der Welt gewesen bin. Am meisten Spaß gemacht hat mir mein Leben als Titus Petronius, geboren um 14 nach Christus, bekannt als Arbiter Elegantiae, als Schiedsrichter des feinen Geschmacks. Ein Kenner feiner Genüsse mit dem Müßiggang aus großer Leidenschaft, und immer einem lockeren Spruch für alles auf den Lippen.“

„Das ist also Ihr großes Vorbild?“

„Ja.“ Er musste schmunzeln, denn Ernst Schering reagierte auf dieses Bekenntnis doch mit gelindem Entsetzen. „Dass ich Serenus heiße, sagt doch alles.“

Nicht mehr ganz so heiter war er allerdings, als er seinen entfernten Verwandten zu Gesicht bekam, denn Carl Schoetensack lag in einer verwanzten Dachkammer auf einem löchrigen Strohsack und schlief seinen Rausch aus. Es stank so nach billigem Fusel und Erbrochenen, dass sie schnell die Luke aufreißen mussten, um nicht zu ersticken.

„Du bist also der Sohn vom Onkel Heinrich?“, fragte Carl Schoetensack, als er halbwegs zu sich gekommen war.

„Nein, Heinrich ist der Gymnasiallehrer in Stendal, mein Vater ist der Onkel Anton aus Hannover.“

„Ach, der saubere Herr Bankier. Alles dasselbe Pack!“, schimpfte Carl Schoetensack, während er sich aufsetzte. „Was wir brauchen, ist eine Revolution, die alle hinwegfegt.“ Und dann begann er den Refrain der Marseillaise zu singen. „Aux armes, citoyens, / Formez vos bataillons, / Marchons, marchons! Zu den Waffen, Bürger! / Schließt die Reihen, / Vorwärts, marschieren wir!“

Während Serenus Schoetensack mit einstimmte, legte Ernst Schering nur den Finger auf den Mund. „Pssst! Sie werden uns noch als Demagogen verfolgen.“

Serenus Schoetensack lachte. „Etwas Besseres kann einem doch gar nicht passieren, um in Deutschland berühmt zu werden.“

Dann ließ er sich von Carl erzählen, welch elendes Leben die Tagelöhner derzeit führten, steckte ihm etwas Geld zu und lud ihn zu einer ordentlichen Mahlzeit ein. Der Vetter über drei Ecken war ein sympathischer Brummbär, und wenn es in Preußen eine Revolution geben sollte, dann war ihm, Serenus, diese sehr willkommen. Vielleicht nicht so sehr, weil er demokratischen und liberalen Ideen anhing, sondern weil eine Revolution immer ein mächtiges Spektakel war. Und wenn dann ein König in den Sack niesen musste, hatte man noch jahrelang etwas zum Diskutieren, und die Stückeschreiber konnte etwas Anständiges auf die Bühne bringen, so wie Franz Grillparzer mit seinem Trauerspiel König Ottokars Glück und Ende.

Nachdem sie mit Carl Schoetensack bei Casteeli Unter den Linden 64 gut gespeist und getrunken hatten, schauten sie bei August Schering im Justizministerium vorbei, und Serenus Schoetensack musste bei dessen Anblick unwillkürlich schmunzeln, denn der Mann war genauso steif und würdig, wie ein preußischer Beamter zu sein hatte, wenn er die Jurisprudenz studiert hatte und in den Staatsdienst eingetreten war. Das gehörte halt zu seiner Rolle, und was das betraf, da hatte Schoetensack seinen Shakespeare – As You Like It – voll verinnerlicht: All the world's a stage, and all the men and women merely players.

Jetzt wurde es Zeit, in die Appelius´sche Apotheke heimzukehren, sonst wurde Niedergesäß unruhig und dachte sich womöglich Strafen für sie aus, die zu verbüßen mit wenig Spaß verbunden war. Nein, er war ganz friedlich und nahm den Titanwurz aus dem Botanischen Garten dankend entgegen, am nächsten Morgen aber folgte das nächste Recontre.

Serenus Schoetensack nämlich liebte es, bis weit in den Vormittag zu schlafen, und jeden Morgen um 7 Uhr hatte Niedergesäß große Mühe, ihn aus dem Bett zu holen.

„Aufstehen, du Faulpelz! Wir sind hier in der Appelius´schen Apotheke und nicht im Grand Hotel in Karlsbad.“

„Warum eigentlich nicht?“

Daraufhin hatte ihm Niedergesäß vor zwei Tagen die Bettdecke weggerissen und ihm, als diese Aktion keinerlei Wirkung zeigt, einen Eimer kalten Wassers über den Kopf gekippt. Und da das Bettzeug in der kalten Dachkammer bis zum Abend nicht getrocknet war, fing sich Schoetensack eine heftige Influenza ein. Während er dalag und schwitzte, sann er auf Rache, und als er in der Rekonvaleszenz in einem alten Medizinbuch blätterte, stieß er auf den sogenannten Schlafschwamm, den die Ärzte im Mittelalter bei Operationen zur Vollnarkose verwendet hatte. Man musste einen Schwamm mit Naturdrogen wie Efeu, Schierling, Maulbeersaft, Mandragorawein und Opium tränken. Das alles fand sich in der Appelius´schen Apotheke …

... und eines Morgens fehlte Niedergesäß beim gemeinsamen Frühstück aller Bediensteten mit dem Herrn Apotheker und seiner Familie.

„Nanu?“ Friedrich Appelius sah auf seine Taschenuhr. „Niedergesäß ist doch sonst immer die Ausgeburt an Pünktlichkeit. Gehe mal einer nachsehen.“

Ernst Schering lief in die Dachkammer hinauf und kam mit der Nachricht zurück, Herr Niedergesäß schliefe so tief und fest, dass selbst ein heftiges Wachrütteln nichts gebracht hätte.

„Er wird doch nicht etwa tot sein“, sagte Schoetensack.

„Nein, er atmet noch.“

Nun stieg Appelius selbst nach oben, und die Gerüche, die noch im Raum hingen, sagten einem erfahrenen Apotheker wie ihm sofort, dass hier jemand beim unerklärlichen Tiefschlaf seines Gehilfen nachgeholfen haben musste. Als er wieder unten am Tisch saß, ließ er seine Blicke nacheinander prüfend auf den Gesichtern seiner Lehrlinge und sonstigen Bediensteten ruhen. Serenus Schoetensack konnte das nicht in Panik versetzen, er lächelte lieb und gab die Unschuld in Person. Und richtig, Appelius schien ihn am allerwenigsten in Verdacht zu haben.

„Mein Herren, das ist kein Spaß, einen Mann zu betäuben, womit auch immer!“, rief Appelius nun mit heiligem Ernst. „Denn wie leicht kann es vorkommen, dass dabei die Atmung aussetzt und das Herz zu schlagen aufhört. Das ist zumindest grober Unfug, wenn nicht sogar ein Mordversuch. Wenn ich nun aber zum Criminal-Comissarius Werpel eile, hängt der die Sache bald an die große Glocke – und der Ruf meiner Apotheke wird in Mitleidenschaft gezogen. Andererseits mag ich aber den, der dem Niedergesäß das angetan hat, nicht länger hier in meinem Hause sehen. Also, machen wir miteinander folgenden Handel aus: Er verlässt, wenn er nur ein Fünkchen Ehre in sich hat, meine Apotheke – und wir vergessen das, was geschehen ist.“

Schoetensack zögerte keinen Augenblick aufzustehen und seinen Hut zu nehmen.

„Adieu, meine Herren! Ihre Innung hat einen Menschen wie mich wahrlich nicht verdient.“

Die Feile im Brot

1842

Nun war es schon fünf Jahre her, dass ihm der explodierende Böller das Gesicht zerfetzt hatte, und noch immer schaffte es Gottfried Nickholz nicht, ruhig in einen Spiegel zu sehen. Kam er in einen Raum, von dem er wusste, dass dort einer hing, betrat er ihn nur bei Dunkelheit oder schloss die Augen, bevor er die Tür öffnete, und warf ein Tuch über die Glasfläche. Er hasste sich zutiefst, hing aber zu sehr am Leben, so elend das auch sein mochte, als dass er einen Strick genommen und sich erhängt hätte. Was ihn am Selbstmord hinderte, war aber auch die Hoffnung, dass er eines Morgens erwachen würde und sein Gesicht über Nacht wieder gesund geworden wäre. Und noch etwas anderes trug ihn, je älter er wurde, und Neunzehn war er jetzt, die Erfahrung nämlich, dass er, so wie er war, einer war, den die Menschen fürchteten. Kam er einen schmalen Bürgersteig entlang, so wechselten die Prenzlauer schnell auf die andere Straßenseite, manche drehten sich sogar um und nahmen lieber einen Umweg in Kauf als ihm zu begegnen. Nicht nur sein Anblick schreckte sie ab, sondern auch die Angst davor, dass er vielleicht ein Grinsen bei ihnen erkannte und sich dadurch provoziert fühlte und sie zusammenschlug. Beim Tanz unterm Maibaum hatten ihn alle Mädchen, auf die er zugegangen war, um sie aufzufordern, abblitzen lassen. Die einen kalt, die anderen mit einem Ausdruck von Mitleid. Aber auch die hatten es nicht gewagt.

Nachdem er in Schwedt seine Lehrstelle als Tischler verloren hatte, war Gottfried Nickholz vom Vater nach Prenzlau zurückgeholt worden und arbeitete nun in dessen Bäckerei. Nicht zu Unrecht hatten seine Eltern gemeint, Bäcker sei der richtige Beruf für ihn, denn als solcher arbeite man überwiegend, wenn andere Leute noch schliefen, und dies auch noch hinten in der Backstube, im Verborgenen also.

Was ihnen verborgen blieb, war vor allem der Umgang ihres Sohnes. Es kam alles so, wie es kommen musste, denn da ihm der Zugang zu den bürgerlichen Kreisen verwehrt war, blieb ihm nichts anderes, als sich seine Freunde unter den randständigen Menschen zu suchen, und da war es vor allem ein gewisser Ferdinand Dünnebier, gerufen Nante, an den er sich eng anlehnte. Nante kam aus Berlin, war um Etliches älter als er und hatte schon mit diversen Besserungsanstalten und Gefängnissen Bekanntschaft gemacht.

Nante hatte schnell gemerkt, dass Gottfried Nickholz von allen Mädchen, auch der hässlichsten Magd zurückgewiesen wurde und inzwischen so stark unter Druck stand, dass zu befürchten war, er würde es bald nicht mehr aushalten und es mit einem Pferd oder einer Ziege treiben. Oder noch weitaus schlimmer, dass er über eine Frau herfiel und ihr Gewalt antat.

„Du, ich kenne da eine in Berlin, die kann dir für ein paar Silbergroschen zeigen, wie es geht.“

So nahm Nante Gottfried Nickholz mit in ein Bordell an der Königsmauer, und bewahrte ihn damit vor einer möglichen Straftat – um ihn kurz danach zu einer anderen anzustiften.

Jetzt passte der Freund ihn ab, als er am Abend dabei war, den Bürgersteig vor der väterlichen Bäckerei zu fegen.

„Hör mal, Gottfried, eine Hand wäscht die andere“, begann Nante.

„Ja, was gibt’s …?“

„Dein Vater liefert doch das Brot für den Knast hier bei euch in Prenzlau …?“

Gottfried Nickholz staunte über diese Frage. „Ja, warum?“

„Weil da ein alter Freund von mir einsitzt. Und der müsste noch zehn lange Jahre drin bleiben, wenn ihm vorher keiner hilft.“

„Wie soll ich dem denn helfen?“ Gottfried Nickholz verstand noch immer nichts. Das Prenzlauer Gefängnis war im Klausurbereich des Dominikanerklosters untergebracht, das der Stadt 1543/1544 nach der Säkularisation des Klosters zugefallen war, und lag in der Nähe des Unteruckersees an einer Straße mit dem Namen Uckerwiek. Er kannte es gut, weil er jeden Morgen die noch warmen Brote anliefern musste.

Nante fixierte ihn. „Mein Freund Ludwig hat seine Zelle im ersten Stock, und da kann er ganz gut nach unten klettern – wenn nur die Gitterstäbe nicht wären … Verstehst du jetzt, was ich meine?“

„Nein ...“

„Mensch, er braucht eine Feile für die Gitterstäbe, um sie auseinander biegen oder ganz rausbrechen zu können. Und wie kommt er zu dieser Feile? – Indem du sie in eines eurer Brote steckst, bäckst … oder sonst wie, was weiß ich!“

Gottfried Nickholz wusste ganz genau, dass er Nante diese Gegenleistung schuldig war, wollte er es nicht auf immer und ewig mit ihm verderben. Und er brauchte jemanden, wollte er nicht völlig isoliert sein und ohne jeden Schutz dastehen. Er würde wegen seines entstellten Gesichts noch viel mehr gehänselt werden, wenn die Spötter keine Angst gehabt hätten, von Nante dafür „eins aufs Maul zu bekommen“.

„Gut“, sagte er schließlich. „Ich mache es. Hast du die Feile gleich mitgebracht?“

„Ja ...“ Nante zog sie aus seiner Bluse hervor und drückte sie Gottfried Nickholz in die Hand. „Beeil dich damit, denn im Augenblick haben sie im Gefängnis einen Wärter, der ein bisschen schwerhörig ist, aber wer weiß, wie lange der noch im Dienst ist.“

„Ich verstehe … Heute Nacht noch, versprochen!“

Gottfried Nickholz ging beim Einschlafen den üblichen Ablauf hinten in der Backstube durch. Um 3 Uhr in der Nacht hatte er anzutreten. Zuerst musste er sich die weiße Arbeitskleidung anziehen und die Mütze aufsetzen, damit keine Haare in den Teig kamen. Anschließend legte der Meister, also sein Vater, genau fest, wer was wann zu machen hatte. Das dauerte keine halbe Stunde, dann ging es daran, den Brotteig zu wirken und zu gären und dann in den angeheizten Ofen zu schieben. Wenn sich sein Vater und der Geselle als „Teigmacher“ betätigt hatten, war es seine Aufgabe, die unförmige Teigmasse in kleine Portionen zu zerteilen und diese in den Gärkorb zu legen und in einen besonderen Raum zu bringen, wo abzuwarten war, bis die Brote richtig „gegangen“ waren. Erst dann kamen sie in den Ofen. Hinterher mussten sie, solange sie noch heiß waren, mit Wasser bespritzt werden, damit die Kruste schön glänzte.

Beim Portionieren gelang es ihm dann auch, als er für einen Augenblick allein war, die Feile mühelos in einem der Brote unterzubringen. Doch wie sollte er dann feststellen, in welchem Laib sie steckte, wenn man die Brote nachher wieder aus dem Ofen zog? Er musste das Brot mit der Feile irgendwie kennzeichnen. Aber wie? Brach er eine Ecke ab, sortierte der Vater das Brot aus, bevor es in den Ofen kam. Einen Buchstaben in den Teig ritzen ging nicht, das wäre dem Vater aufgefallen. Wirklich? Er nahm ihren Dialog vorweg: „Was soll denn das G hier oben auf dem Brot?“ – „Vater, das habe ich gemacht, weil ich genau dieses Brot nachher essen will.“ So malte er sich das in Gedanken aus, und so funktionierte es ein paar Stunden später auch – fast jedenfalls. Der Vater hatte zwar gemurmelt „das ist doch verrückt“, aber das G so gelassen, wie sein Sohn es in den Teig eingraviert hatte, der Geselle jedoch hatte alles wieder weithin glattgestrichen. Dennoch glaubte Gottfried Nickholz das Brot mit der Feile nachher wiedererkannt zu haben und drückte es Nante in die Hand, als der in einem günstigen Augenblick kurz in der Bäckerei vorbeischaute.

Der Vormittag verging, auch der Mittag, und Gottfried Nickholz fragte sich jetzt nur, wie Nante das Brot mit der Feile ins Zuchthaus geschmuggelt hatte. Wahrscheinlich hatte er das Pferdefuhrwerk mit dem die Bäckerei Nickholz ihre Ware ins Zuchthaus transportierte kurz zum Halten gebracht und sein präpariertes Brot unter die normale Ware geschmuggelt. Jetzt war nur noch darauf zu warten, dass sich in ganz Prenzlau ein Riesengeschrei erhob: „Aus'm Zuchthaus sind welche ausgebrochen!“ Doch das konnte dauern. Gottfried Nickholz machte Feierabend und zog sich zum Schlafen in seine Kammer zurück.

Derweilen stand seine Mutter im Verkaufsraum, um die wenigen Kunden zu bedienen, die zu dieser Tageszeit noch kamen. Männer schon gar nicht.

Und so war sie bass erstaunt, als der Pferdehändler Georg Grassow den Laden betrat. Ohne ein Wort zu sagen, knallte er ihr ein Brot auf die Ladentheke. Es zerfiel dabei in zwei Teile – nur zusammengehalten von einer … Feile.

„Was soll denn dieser Quatsch!“, schrie Grassow. „Ich wollte uns einige Scheiben abschneiden, da habe ich mir mein Messer kaputt gemacht!“ Er holte es aus einem Beutel hervor. „Das werdet ihr mir ersetzen. Und zum Gendarm gehe ich auch noch. Wer sitzt denn von euch im Zuchthaus, dass ihr den befreien wolltet!?“

Hulda Nickholz war mehr als verstört und rief nach ihrem Mann, der sich ebenfalls aufs Ohr gelegt hatte. Heinrich Nickholz kam in den Laden gestürzt und ließ sich unterrichten, wobei es eigentlich keiner Informationen mehr bedurfte, denn die Feile im Brot sagte alles.

„Da muss sich das Gesocks in meine Backstube geschlichen haben!“, rief er. „Ich habe doch diesen Nante hier bei uns vorm Laden gesehen. Da werde ich nachher gleich selber zum Gendarmen laufen, um das zu melden. Und Sie, Grassow, bekommen als Entschädigung bis zum Jahresende jeden Sonntag gratis eine Torte von mir.“

„Oh, danke, das wäre doch nicht nötig gewesen.“ So beschwichtigt zog der Pferdehändler wieder von dannen, nachdem ihm der Bäcker auch noch zwei neue Brote in die Hand gedrückt hatte. „Welche ohne Feile.“

Kaum war Grassow seinen Blicken entschwunden, griff Heinrich Nickholz das Brot mit der Feile vom Ladentisch, stürzte in die Kammer seine Sohnes und riss ihn vom Bett hoch.

„Kannst du mir das mal hier erklären – die Feile eingebacken im Brot!?“

„Nein.“

„Ist die alleine da reingekommen?“

„Nein, aber ..:“

„Du warst das nicht!?“

„Nein ….“

„Dann werde ich deinem Gedächtnis mal ein bisschen auf die Sprünge helfen!“ Und er warf das Brot mit der Feile beiseite, um mit beiden Fäusten auf seinen Sohn einzuprügeln. Obwohl Gottfried beide Hände und Unterarme schützend vor sein Gesicht hielt, war der Schmerz schnell so groß, dass er kapitulieren musste.

„Ja, ich war es! Aber hör auf!“

Heinrich Nickholz beruhigte sich wieder etwas und begann, vor dem Bett stehend, auf dem sein Sohn nun saß, mit seinem Verhör. Als Gottfried alles geschildert hatte und zum Ende gekommen war, zögerte er keinen Augenblick, den Bann über ihn zu brechen.

„Zum Gendarm werde ich nicht gehen, denn alles fiele ja auch mich und meine Bäckerei zurück, aber hier in Prenzlau kannst du nicht länger bleiben. Scher' dich zum Teufel!“

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