Kitabı oxu: «Rotlicht»
Horst Bosetzky / Uwe Schimunek
Rotlicht
Der 30. Kappe-Fall
Kriminalroman
Jaron Verlag
Horst Bosetzky veröffentlichte im Jaron Verlag eine Vielzahl von dokumentarischen Spannungsromanen, Familienromanen, biografischen Romanen und Krimis. Für die Krimiserie «Es geschah in Berlin», die der Bestsellerautor 2007 mit dem Jaron Verlag begründete, verfasste er mehrere Bände (zuletzt «Auf leisen Sohlen», 2017).
Uwe Schimunek, Jahrgang 1969, lebt als Journalist und Buchautor in Leipzig. Im Jaron Verlag veröffentlichte er bereits mehrere historische Krimis, darunter die um 1900 in Leipzig spielenden Romane um den jungen Reporter Edgar Wank (zuletzt «Tödliche Zeilen», 2017).
Originalausgabe
1. Auflage 2018
© 2018 Jaron Verlag GmbH, Berlin
Alle Rechte vorbehalten. Jede Verwertung des Werkes und aller seiner Teile ist nur mit Zustimmung des Verlages erlaubt. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Medien.
www.jaron-verlag.de
Umschlaggestaltung: Bauer + Möhring, Berlin
Satz: Prill Partners|producing, Barcelona
E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2018
ISBN 978-3-95552-040-3
Inhalt
Cover
Titel
Autoren
Impressum
PROLOG
EINS
ZWEI
DREI
VIER
FÜNF
SECHS
SIEBEN
ACHT
NEUN
ZEHN
ELF
ZWÖLF
DREIZEHN
Es geschah in Berlin …
PROLOG
ICH WILL, dass sie schweigt. Tatsächlich sagt sie für den Moment nichts. Doch ihr Lächeln ist voller Spott. Obwohl sie auf ihrem Bett sitzt und ich stehe, scheint sie auf mich herabzublicken. Das halte ich nicht aus. Ich gehe einen Schritt auf sie zu. Ihr impertinenter Papagei krächzt: «O das ist gut! Das ist gut.»
«Ruhe!», brülle ich so laut, dass ich mich selbst erschrecke.
Der Papagei flattert kurz in seinem Käfig hin und her. Dann ist es so still, dass der Straßenlärm durch die geschlossenen Fenster dringt. Das Lächeln verschwindet aus ihrem Gesicht.
Ich schließe die Augen. Alles könnte so schön sein. Wenn sie mich nur verstehen würde. Kann sie es nicht? Oder will sie es nicht? Dabei habe ich alles versucht. Mit Engelszungen habe ich auf sie eingeredet. Erklärt und erklärt. Doch sie hört mir überhaupt nicht zu.
«Du machst dich lächerlich», sagt sie.
Obwohl ich die Augen nicht öffne, weiß ich, dass sie grinst. Ich höre es an ihrer Stimme. Das geht zu weit. Ich will, dass sie schweigt!
«Geh jetzt», sagt sie.
«Geh jetzt! Geh jetzt!», wiederholt der Papagei.
Das ist zu viel. Ich öffne die Augen und sehe das Kissen. Mit einer schnellen Bewegung hebe ich es an und drücke es auf ihr Gesicht. Ich will, dass sie schweigt. Ich will ihr Grinsen nicht mehr sehen. Also drücke ich fest zu. Fester.
Sie wehrt sich, zappelt, schlägt um sich. Erwischt meinen Arm. Es schmerzt. Ich drücke das Kissen noch fester auf ihr Gesicht. Anscheinend versucht sie, etwas zu rufen. Der Hohn ist aus ihrer Stimme verschwunden. Ich will, dass sie schweigt.
Sie lässt meinen Arm los und schlägt um sich. Wie ein Käfer, der auf dem Rücken liegt und mit den Beinen strampelt. Die Schläge treffen meinen Oberkörper. So viele, dass es mir vorkommt, als hätte sie mehr als zwei Arme.
Wie lange drücke ich schon? Eine Minute? Zwei? Drei? Es kommt mir wie eine Ewigkeit vor. Und noch immer dringen ihre Laute durch das Kissen. Ich will, dass sie schweigt.
Endlich wird sie leiser. Unter dem Kissen kommt nur noch ein leises Röcheln hervor. Ihr Körper bäumt sich auf. Ich drücke fester, fester, fester. Noch einmal versucht sie sich zu wehren. Dann ist endlich Ruhe. Sie lässt mich los und schweigt. Es herrscht absolute Stille. Mir kommt es vor, als wäre nicht nur sie erstarrt, sondern auch die Zeit. Das Kissen in meiner Hand strahlt weiß und unschuldig. Meine Hände schmerzen und leuchten rot von der Anstrengung. Wie lange ist sie schon still?
Kaum lasse ich das Kissen los, dringt die Welt wieder in mein Ohr. Das Rauschen von draußen. Auch der Papagei krächzt wieder: «Geh jetzt!»
Ich hebe das Kissen an. Das Gesicht darunter ist verzerrt. Die Augen sind weit aufgerissen und starren nach oben. Jetzt sieht sie, wie es mir geht. Ich lasse mich auf das Bett fallen und nehme ihre Hand. Sie ist warm und verschwitzt. Sanft streiche ich über ihren Handrücken und sage: «Wir hätten auch vernünftig miteinander reden können. Ich wollte dir nicht wehtun.»
Sie bleibt ohne Regung, verzieht nicht einmal eine Miene. Das erscheint mir besser als ihr Hochmut vorhin.
«Ich hoffe, du hörst mir endlich zu», sage ich. Dabei ziehe ich an ihrer Hand und versuche, ihr aufzuhelfen. Doch sie regt sich nicht. Will sie mich mit Ignoranz strafen? «Nun komm», sage ich, «du brauchst nicht zu schmollen. Ich habe mich beruhigt.»
Das stimmt sogar. Auch wenn ich diesem Papagei am liebsten den Hals umdrehen würde. Denn der war nur einen Augenblick ruhig und krächzt nun schon wieder: «O das ist gut! Das ist gut.»
«Pst!», zische ich und wende mich wieder ihr zu. «Lass mich dir bitte noch einmal alles erklären!»
Doch sosehr ich auch an ihrem Arm ziehe, sie rührt sich nicht. Ihr Oberkörper scheint völlig verkrampft zu sein. Und ihre Augen – wenn ich mich bewege, folgen sie mir nicht. Ihr Blick bleibt völlig starr nach oben gerichtet. Ein kalter Schauer läuft mir den Rücken hinunter. Sie wird doch nicht … Was habe ich getan?
Ich lasse ihre Hand los, ergreife ihre Schultern, rüttle heftig an ihnen und rufe: «Nein!»
«O das ist gut!», krächzt der Papagei. «Das ist gut.»
Ich ohrfeige sie. Noch einmal und noch einmal. «Nein!»
«Geh jetzt!», krächzt der Papagei. «Geh jetzt!»
«Pst!» Ich muss nachdenken. Noch mehr Ohrfeigen werden nicht helfen. Es ist vorbei.
Sie starrt nach oben. So als wäre ich gar nicht hier. Vielleicht wäre es besser gewesen, ich hätte heute nicht ihre Wohnung betreten, um mit ihr zu sprechen. Doch ich kann die Zeit nicht zurückdrehen. Nichts ungeschehen machen. Was habe ich getan? Ich wollte doch nur, dass sie mir zuhört. Nun liegt sie da mit der Verzweiflung im Blick. Ansonsten sieht sie so zart wie ein zerbrechliches Stück Porzellan aus. Dabei ist sie die Sünderin. Nicht ich bin schuld. Ich wollte nur mit ihr sprechen.
Was nun? Soll ich die Polizei rufen? Wird mir jemand glauben, dass ich nichts Böses vorhatte? Nein. Hier stehe ich, und sie liegt da. Tot. Niemand wird mich verstehen. Niemand wird mir zuhören. Wenn die Polizei kommt, wird sie an einen Mord glauben. Vielleicht ist das die Lösung. Ich gebe den Herren, was sie wollen. Einen Mord. Da kommen viele als Täter infrage.
Also los. Zuerst das Bett. Ich reiße Decke und Kissen aus dem Bezug. Es soll so aussehen, als seien hier die Fetzen geflogen. Können die Polizisten irgendwo meine Fingerabdrücke finden? Ach was, bestimmt sind in der ganzen Wohnung Fingerabdrücke von Dutzenden Männern verteilt. Also was soll’s!
Als Nächstes ziehe ich sie aus. Das Hemdchen, den viel zu kurzen Rock, das bisschen Stoff, das ihre Scham kaum bedeckt. Nun trägt sie ihre Berufsbekleidung: nichts. Ich werfe die Kleidung in den brennenden Ofen.
«Das ist gut!», ruft der Papagei wieder.
Ich öffne die Tür des Käfigs. Wenn ich weg bin, kommt das Vieh hoffentlich heraus und macht noch ein bisschen zusätzliche Unordnung. Apropos Unordnung. Ich reiße die Kommode und den Tisch um. Plunder ergießt sich über den Boden. Mit ein paar Tritten verteile ich das Zeug im Zimmer. Ein paar Bücher rutschen unter das Bett. Ich bücke mich, gucke ihnen hinterher und entdecke einen Koffer. Den kann ich auch noch ausschütten. Ich ziehe den Koffer unter dem Bett hervor und öffne ihn.
O mein Gott, der Koffer ist voller Banknoten! Zehner, Zwanziger, Fünfziger, auch Hunderter. Wie viel Geld kann das sein? Zehntausend Mark? Oder hunderttausend? Keine Ahnung. Das zähle ich zu Hause nach.
Ich blicke mich um. Vor dem Bett liegt ein Taschenkalender. Ich öffne ihn und blättere zum heutigen Datum. Den Eintrag soll niemand finden. Ich reiße ein paar Seiten heraus.
«Geh jetzt!», krächzt der Papagei.
Er hat recht.
EINS
Freitag, 22. März 1968
DIE BEIDEN KERLE grinsten wie Clowns. Josef Bolp beobachtete die zwei Kommunarden auf der Anklagebank und merkte, wie Wut in ihm aufstieg. Guntram Lauterbach lümmelte auf einem Sitz und zwirbelte mit zwei Fingern seine Locken. Hans Trenker saß daneben, hielt den Daumen seiner rechten Hand an die Nase und spielte Pinocchio. Bolp war vor Zorn kaum in der Lage, ein vernünftiges Wort auf seinem Block zu notieren. Dabei musste er die wesentlichen Aussagen des Richters für seinen Artikel vermerken.
«Zwar waren die Flugblätter mit Sicherheit geeignet, von einer unbestimmten Vielzahl unbefangener Leser als Aufforderung zur Brandstiftung in Kaufhäusern während der üblichen Öffnungszeiten aufgefasst zu werden …», erklärte der Richter.
Bolp machte sich Stichpunkte und rekapitulierte die Taten der beiden Angeklagten in Gedanken. Natürlich hatte das verbrecherische Studentenpack zu Brandanschlägen aufgerufen, da gab es für ihn keinen Zweifel. In Brüssel war im vergangenen Jahr tatsächlich ein Kaufhaus in Flammen aufgegangen. Danach hatte diese Berliner Bande eine Serie von Flugblättern gedruckt und getönt, dass die belgischen Freunde sehr wohl wüssten, wie die Bevölkerung am lustigen Treiben in Vietnam zu beteiligen sei. Heute müsse niemand mehr den Gräueltaten an dem armen vietnamesischen Volk tatenlos zusehen, man könne sich einfach eine Zigarette in einer Umkleidekabine im KaDe We, bei Hertie, Woolworth, Bilka oder Neckermann anzünden.
Bolp fragte sich, was an diesen Aussagen missverstanden werden konnte. Seiner Meinung nach war das eine genaue Handlungsanweisung für Brandstifter. Die Verbrecher auf der Anklagebank hatten die aufrührerischen Flugblätter verfasst und unters Volk gebracht. Wer wusste schon, wie viele Chaoten inzwischen in Berlin herumliefen und nur auf eine passende Gelegenheit warteten, einen Brand zu legen! Doch die Aufwiegler feixten auf der Anklagebank, als hätten sie Lachgas inhaliert.
Bolp richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf den Richter, der gerade seine Ausführungen schloss: «… dass sie jedoch auch wollten oder nur billigend in Kauf nahmen, dass der Leser der hierzu geeigneten Flugblätter einen Entschluss zur Begehung von Brandstiftungen fasste, war den Angeklagten nicht mit der erforderlichen Sicherheit nachzuweisen.»
Der arme Mann gab sich alle Mühe, bei seinem Vortrag Würde auszustrahlen. Seine Worte wurden jedoch immer wieder von Kommentaren aus dem Zuschauerraum unterbrochen. «Bravo!», «Recht so!», riefen die Studenten, und obendrein johlten sie, als wären sie in einem Kabarett und nicht in einem Gerichtssaal. Wenn der Richter sie zur Ruhe mahnte, hielten sie für einen Moment inne, nur um ihn Augenblicke später wieder auszulachen.
Schon von Prozessbeginn an hatte das Studentenpack das Gericht verhöhnt. Bolp erinnerte sich daran, dass Trenker die Anklageschrift abgetippt und dem Richter als Satire für zwei Mark zum Kauf angeboten hatte. Er dachte auch an die albernen Verkleidungen, die die Angeklagten damals getragen hatten, die Fräcke, die bunten Popelinehosen – dagegen sahen Lauterbach und Trenker heute beinahe wie normale Menschen aus, von den ungekämmten Haaren einmal abgesehen. Ein Psychiater hatte Lauterbach sogar bescheinigt, er kompensiere seinen schwachen Bartwuchs durch übertrieben langes Haupthaar. Vielleicht hatte der Doktor da ein wenig übertrieben, doch an der ebenfalls diagnostizierten Abnormität der Persönlichkeit gab es für Bolp keinen Zweifel. Immerhin durften die beiden Gammler für ihr unflätiges Verhalten mehrere Ordnungshaftstrafen absitzen. Das freilich hatte Lauterbach und Trenker nur provoziert, den Psychiater zu fragen, welche Therapie er für den Richter empfehle, da dieser zwanghaft Ordnungsstrafen verhänge. Bolp kochte innerlich vor Wut bei der Erinnerung daran.
«Möglicherweise haben die Angeklagten nur bewusst fahrlässig gehandelt. Für eine Bestrafung aber ist zumindest ein bedingter Vorsatz erforderlich», fuhr der Richter fort. Damit sprach er die Angeklagten frei und erklärte das Verfahren für beendet. Die Studenten jubelten wie bei einem Rockkonzert. Es fehlt nur noch, dass diese Rotznasen «Zugabe» rufen, dachte Bolp.
Der Reporter war froh, dass er kein Jurist war und keinem Gericht vorstand. So musste er sich nicht mit solchen Kleinlichkeiten wie dem Unterschied zwischen bewusster Fahrlässigkeit und bedingtem Vorsatz herumschlagen. Er konnte diesen Kriminellen in seinem Artikel für den Berliner Blitz die Attribute verpassten, die sie verdienten. Und das würde er in der morgigen Ausgabe auch tun.
Kriminaloberkommissar Otto Kappe stieg aus dem Auto und sah auf die Uhr: 13.30. Und das am Freitagnachmittag! Ein Mord so kurz vor dem Wochenende hatte ihm gerade noch gefehlt. Auch sein Assistent Hans-Gert Galgenberg machte ein Gesicht wie nach drei Tagen Regenwetter. Dabei roch die Luft nach Frühling. Kappe warf einen Blick auf das kleine Ladenlokal in der Hobrechtstraße, vor dem ihr Wagen parkte. Karlheinz Efferts stand in großen Lettern über dem Schaufenster. Eigentlich hatte Kappe sich längst auf den Freitagseinkauf vorbereitet, aber Mörder hielten sich leider nicht an den Wochenrhythmus eines Familienoberhauptes.
Kappe und Galgenberg traten in den Hausflur und hörten schon von hier den Lärm im Obergeschoss – offenbar waren Staatsanwalt, Gerichtsmediziner und die Kollegen von der Spurensicherung bereits am Tatort. Kappe holte bei jeder Stufe, die er nahm, ein bisschen tiefer Luft, um den Beamten oben mit Gelassenheit entgegentreten zu können.
An der Wohnungstür empfing sie ein Beamter in Uniform und unterrichtete sie in kurzen Worten über die Lage. Bei der toten Frau handelte es sich mit aller Wahrscheinlichkeit um die Mieterin der Wohnung: Monika Mönningsee. Die Frau habe unter dem Künstlernamen Yvonne als Prostituierte gearbeitet. Augenscheinlich sei sie während oder nach ihrer Berufsausübung von einem ihrer Freier mit einem Kissen erstickt worden. In einem Taschenkalender, der neben dem Bett gelegen hatte, fehlten Seiten.
«Den Täter haben Sie noch nicht gefunden?», fragte Galgenberg mit grimmigem Gesicht.
«Nein, nein», erwiderte der Uniformierte eifrig. Er zögerte kurz und fügte dann hinzu: «Wir wollten Ihnen nicht die Arbeit wegnehmen.»
Kappe war nicht nach Scherzen zumute. Also warf er dem Uniformierten einen strengen Blick zu. Der nahm eine militärische Haltung ein und gab den Weg in die Wohnung frei.
Der Flur war winzig. Nach kaum zwei Schritten stand Kappe schon am Tatort im Schlafzimmer. Hier sah es aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen. Obwohl die Fenster sperrangelweit geöffnet waren, roch es nach Verwesung. Zwei Männer von der Spurensicherung krochen mit ihren Werkzeugen über den Boden und untersuchten verstreute Kleidungsstücke, Bücher, Papiere und weiteren Krimskrams. Der Gerichtsmediziner Dr. Konrad König stand neben dem Bett und zog ein Laken vom Kopf der Leiche, als Kappe und Galgenberg herantraten. Das Gesicht der Toten war von blonden Locken gerahmt und vermutlich kürzlich noch sehr hübsch anzusehen gewesen. Ein paar Flecke ließen die Frau älter erscheinen, als sie höchstwahrscheinlich war.
«Wann?», fragte Kappe knapp.
«Vor ein paar Tagen, vielleicht drei oder vier. Mehr weiß ich heute Abend. Spätestens morgen haben Sie den Bericht auf dem Schreibtisch.»
«Geh jetzt!», kreischte es plötzlich.
Kappe dachte erst, einer der Beamten habe geniest. Dann sah er den Papagei auf einem leergefegten Regal sitzen.
«Husch, zurück innen Käfig, Kreischke!», befahl eine Frau, die Kappe erst jetzt wahrnahm. Sie musste um die siebzig Jahre sein, und sie sah nicht so aus, als sei sie eine Beamtin.
«Was machen Sie denn hier?», fragte Galgenberg.
«Ick warte uff Sie», antwortete die Alte.
«Das ist Frau Kleema, die Nachbarin. Sie hat uns gerufen, weil es im Flur sehr unangenehm gerochen hat», berichtete der Uniformierte.
«Die Nachbarin …», wiederholte Kappe und wandte sich der Alten zu. «Können wir Ihnen irgendwo in Ruhe ein paar Fragen stellen, Frau Kleema?»
«Na ja, bei mir drübn», antwortete die Frau. «Aba der Papagei …»
«Um den kümmern wir uns später.»
Die Alte trottete an Kappe und Galgenberg vorbei in den Hausflur und öffnete die Tür zur Nachbarwohnung. «Dann komm Se ma!»
Ihre Wohnung machte den Eindruck, als wäre sie bereits vor Jahrzehnten eingerichtet worden, vielleicht sogar schon zur Kaiserzeit. Im Flur stand eine dunkle Kommode, Eiche massiv, mit gedrechseltem Zierrat. Der Garderobenständer daneben verfügte sogar noch über einen Schirmhalter. Im Wohnzimmer hingen Fotos von drei Jungen und einem Mann mit Zwicker neben einer gewaltigen Anrichte. Das Bild des Mannes schmückte ein schwarzer Trauerflor, anscheinend war die Kleema verwitwet. Weinrote Vorhänge dämpften das Licht in der Stube. Die Alte zog sie nicht etwa auf, sondern schaltete die Deckenleuchte ein – einen Lüster aus Kristall mit sechs Glühbirnen. Das Bild über der bordeauxrot überzogenen Chaiselongue war augenscheinlich kein Original, sondern ein Druck. Kappe zuckte zusammen, als er den Titel am unteren Bildrand las: Herakles erwürgt die Schlangen. Er schaute zu der Alten. Frau Kleema hatte ungemein kräftige Hände. Wenn sie nun ihre Nachbarin …
Galgenberg begann derweil mit der Befragung. «Frau Kleema, sind Ihnen irgendwelche Männer aufgefallen, die Ihre Nachbarin aufgesucht haben, um …»
«Nee, ick hänge doch nich die janze Zeit am Guckloch.»
«Sie wissen auch nicht, wann der letzte Besuch kam?»
«Nee. Vorige Woche hab ick ’nen älteren Herrn mit Nickelbrille und Hut jesehn. Aba ob dann noch wer kam … Ick weeß et nich.»
«Es ist auch niemand übereilt aus der Wohnung gestürzt oder dergleichen?»
«Nich, dass ick wüsste.»
Galgenberg notierte etwas auf seinem Notizblock.
Kappe übernahm und fragte: «Sie wussten von dem … dem Beruf Ihrer Nachbarin?»
«Na, ick hab mir so wat jedacht. Aber ick hab mir da nie einjemischt. Juten Tach und Juten Wech. Und det se ihr Jeld mitta Pflaume vadient hat, det war mir doch ejal.»
«Was wissen Sie denn sonst noch über Frau Mönningsee?»
«Nich ville. Sie war nett. Und wenn se ma ein paar Tage weg war, hab ick den Vogel jefüttert. War jedenfalls imma uffjeräumt bei der Dame.»
Kappe blickte zu Galgenberg. Der schrieb weiter fleißig mit. Also zog Kappe eine Visitenkarte aus seiner Jacketttasche und sagte zu Frau Kleema: «Wenn Ihnen noch etwas einfallen sollte, dann rufen Sie uns doch bitte an.»
«Mach ick.» Die Alte nahm die Karte und überflog sie. Dann fragte sie: «Ick würd mir ja um den Vogel kümmern – wenner wieder im Käfig is.»
Kappe nickte. «Vielen Dank, Frau Kleema. Wir geben den Beamten Bescheid.»
Josef Bolp nippte an seinem Kaffee. Der schmeckte nicht. Das Gebräu unterschied sich eigentlich nicht von dem Getränk am Morgen, doch da hatte dieser Richter die beiden Gammler noch nicht freigesprochen. Das beste Aroma hätte nun auch nichts mehr retten können.
Die Stimmung bei der Redaktionskonferenz konnte kaum schlechter sein. Der Chefredakteur des Berliner Blitz – alle Mitarbeiter sprachen ihn stets mit seinem Titel und nicht mit seinem Namen an – tippte auf die Fotos, die die Kommunarden Lauterbach und Trenker vor dem Gerichtsgebäude zeigten. Die beiden grinsten wie Fußballer, die gerade die Meisterschaft gewonnen hatten, und der Chefredakteur tat so, als wären seine Redakteure schuld daran.
«Diese beiden Lumpen kommen mir nicht auf die Titelseite! Nicht in dieser Pose!» Er wandte sich an den Fotografen Martin Glämmer und brüllte: «Warum haben wir nichts anderes von diesen Kerlen? Sollen wir vielleicht das Kampfblatt dieses Gesindels werden?» Dann beugte er sich über den Versammlungstisch. Sein Kopf glühte und war kaum noch einen Meter von dem des Fotografen entfernt, als er schrie: «Was denken Sie sich bei solchen Fotos? Denken Sie überhaupt nach? Oder ist in ihrem Kopf bloß ein Haufen leerer Filmrollen?»
Glämmer sah aus, als wollte er sich in der Stuhllehne verkriechen.
Der Chefredakteur verblieb noch einen Moment in seiner Drohpose, dann wandte er sich an Bolp. «Was schreiben wir denn zu diesem Urteil?» Das letzte Wort hatte er förmlich ausgespuckt.
Bolp schob seinen Artikel über den Tisch. Nur zum Beleg. Er wusste, dass der Chefredakteur während der Konferenz keine Artikel las. Deswegen trug er seine Schlagzeile mit grimmiger Stimme vor: «Feiger Richter kuscht vor Kriminellen!»
Der Chefredakteur nickte. «Ja, das klingt nicht schlecht. Was steht im Artikel?»
«Ich frage am Anfang, wohin das alles führen soll. Dann berichte ich noch einmal, dass Hunderte unschuldige Familien bei dem Kaufhausanschlag in Brüssel traumatisiert wurden und dass die Studenten hernach auch deutsche Kaufhäuser brennen sehen wollten.» Bolp machte eine kurze Pause, damit dem Chefredakteur Zeit zum Nicken blieb, dann fuhr er fort: «Schließlich frage ich, ob wir uns noch auf die Straße trauen können – da diese Verbrecher nun frei durch Berlin laufen.»
Der Chefredakteur schob den Artikel zurück zu Bolp, ohne einen einzigen Blick darauf geworfen zu haben. «Das ist es, was wir brauchen!» Er sprach, als halte er eine Rede im Abgeordnetenhaus. «Klare Worte, klare Haltung! Denn nur Haltung gibt unseren Lesern Halt. Nur eine klare Linie kann sie auf dem rechten Weg durch den Tag führen.» Der Chefredakteur wandte sich an den Fotografen. «Ich kann indes nicht erkennen, welchen Beitrag Ihre Bilder zu unserer Arbeit leisten sollen. Sprechen Sie mit Herrn Bolp, bevor Sie den Auslöser drücken? Oder überlassen Sie Ihre Fotomotive dem Zufall?»
«Aber die haben sich die ganze Zeit so gegeben. Was sollte ich denn da machen?», murmelte Glämmer.
«Wo sind die Richter? Wo sind die Bilder von hilflosen Polizisten, die nicht fassen können, dass sie zwei Verbrecher laufen lassen müssen? Wo sind die Bilder entsetzter Bürger?»
«Aber …» Glämmer stockte nach dem ersten Wort. Ihm schien der Rest des Satzes im Halse stecken zu bleiben.
«Es war eine schwierige Situation», warf Bolp schnell ein. «Der Richter und der Staatsanwalt haben sich in ihre Büros verdrückt, und unter den Zuschauern waren die Gammler in der erdrückenden Überzahl. Es war leider so, dass außer gemeiner Schadenfreude kaum etwas zu sehen war.»
«Aber es ist doch wohl klar, dass wir so etwas nicht drucken werden!», rief der Chefredakteur und schob die Bilder zum Fotografen.
«Es sei denn …», sagte Bolp.
«Es sei denn was?», fuhr ihm der Chefredakteur ins Wort.
«Es sei denn, wir hätten noch andere Bilder.» Bolp blieb ruhig. «Ein paar Opfer des Brüsseler Kaufhausanschlags aus dem Archiv und ein paar grimmig dreinblickende Demonstranten. In diesem Zusammenhang würden die beiden eitlen Gammler nicht mehr wie Gewinner aussehen, sondern wie skrupellose Zyniker.»
«Hm.» Der Chefredakteur schien nicht so recht überzeugt zu sein.
«Natürlich müssten die Archivbilder groß abgedruckt werden, und dieses hier müsste so arrangiert werden, als würden die beiden Gammler wie kleine, gemeine Zwerge von oben auf die Opfer herabschauen.» Bolp tippte auf die Bilder von Lauterbach und Trenker und fuhr fort: «Die wütenden Demonstranten könnten den armen Opfern an die Seite gestellt werden, als ob sie diese bedrängen würden.»
«Das wäre eine Möglichkeit.» Der Chefredakteur fuchtelte mit den Händen in der Luft herum, als ordnete er die Fotos bereits an. Abrupt hielt er inne und fragte: «Wo bekommen wir die Bilder von den wütenden Demonstranten her? Auch aus dem Archiv?»
Auf diese Frage hatte Bolp gewartet. «Nein, die machen wir jetzt gleich. Das Gesindel hat sich versammelt und feiert den Freispruch. Die sind noch da draußen. Da können wir Aufnahmen machen.»
Der Chefredakteur wiegte den Kopf. «Und wenn die langhaarigen Studenten da draußen völlig harmlos aussehen, was dann?»
«Nun …», Bolp merkte, wie ihm ein Grinsen über das Gesicht huschte, «… wenn die uns als Reporter des Berliner Blitz erkennen, werden sie schon die richtigen Mienen aufsetzen.»
Auch der Chefredakteur lächelte für einen winzigen Moment und sagte: «Gut, Herr Bolp. Vielleicht sollten Sie Herrn Glämmer begleiten. Damit er weiß, was er zu tun hat.»
«Das mache ich gern», sagte Bolp und registrierte den dankbaren Blick des Fotografen.
Peter Kappe eilte den Kurfürstendamm hinunter. Die Demonstration vor dem Büro des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes, kurz SDS, war sein Ziel. Ein Pulk Studenten rief «Ho, Ho, Ho Chi Minh!» und «Enteignet die rechten Hetzblätter!». Aus allen Richtungen strömten immer mehr junge Leute herbei. Ihre Haare wehten im Märzwind wie Fahnen der Freiheit. Über den Köpfen flatterten auch ein paar echte Flaggen, die des Vietkong und von afrikanischen Befreiungsbewegungen. Peter hoffte, dass er seinen Freund Rüdiger Engelhardt und die Kommilitonin Stefanie Richter noch antraf, bevor in dem Gewühl niemand mehr zu finden sein würde. Im Mittelpunkt des Gedränges erkannte er einzelne Personen. Ein Vertreter vom SDS stand an der Spitze des Pulks. Er hielt ein Megafon in der Hand.
«Peter! Da bist du ja!», rief jemand.
Peter drehte sich um und sah, wie Stefanie mit Riesenschritten auf ihn zuhüpfte. Sie umarmte ihn und gab ihm einen Kuss auf die Wange. Sofort schoss Peter das Blut ins Gesicht. Er blickte vorsichtshalber zu Boden.
«Du kennst Kurt?», fragte Stefanie.
Peter blickte auf. Neben Stefanie stand ein schlaksiger Mann um die dreißig. Er trug das Haar etwas kürzer als die meisten ringsherum und war im Gegensatz zu vielen anderen hier offenbar kein Student. Trotz seines Anzugs und seines Huts wirkte er lässig und auf der Demo nicht fehl am Platze. Selbstverständlich kannte Peter Kurt Kannenhenkel – von der Freien Volksbühne. Dort war der Schauspieler und Sänger der gefeierte Star. Obwohl Kannenhenkel nicht in einem Wohnheim oder einer Wohngemeinschaft lebte, sondern Frau und Kinder hatte und einen schnittigen Sportwagen fuhr, schlug sein Herz auf der richtigen Seite: auf der linken. Das war stadtbekannt.
«Hallo, Peter!», sagte Kannenhenkel. Seine Stimme klang so tief wie die E-Saite von einer Bassgitarre.
Peter hob die Hand zum Gruß. «Du nimmst dir Zeit für unseren Triumph?»
«Ein wenig», antwortete Kannenhenkel. «Um sechs muss ich im Theater sein. Dann müsst ihr ohne mich feiern.»
«Kommt, lasst uns ein Stück gehen und nach Rüdiger schauen. Der wollte auch kommen», sagte Stefanie. Ausgelassen ergriff sie Peters Hand und zog ihn zum Pulk der Studenten.
Natürlich traf Rüdiger viel zu spät ein, so wie immer. Doch Peter verdrängte die Gedanken an den Kumpel und zwängte sich hinter Stefanie durch die Demonstranten. An der Spitze der Menschenmenge feierte der Vertreter des SDS gerade den Freispruch im Prozess um das Kaufhaus-Flugblatt. Peter konnte den Mann aufgrund des Gedränges nicht richtig sehen, doch er hörte die Stimme aus dem Megafon.
«Ich bin gespannt, wie die Hetzer von der sogenannten Bürgerpresse ihren Lesern die unglaubliche Verschwendung von Steuergeldern in diesem Prozess erklären wollen.» Der Redner hielt einen Moment inne und ließ sich von den Demonstranten feiern. «Möglicherweise haben die Herren mit den Giftfedern ja ein Einsehen. Denn tatsächlich haben wir ihnen ein Schauspiel vorgeführt. Das vielleicht beste Schauspiel, das West-Berlin und Westdeutschland jemals gesehen haben. Eine Komödie mit uns in den Hauptrollen und mit den Bütteln des imperialistischen Regimes als Clowns!»
Die Menge johlte. In den Jubel mischte sich Geschrei. Peter drehte sich um und sah, wie eine Gruppe von Studenten wild gestikulierte. Einer rief: «Da vorn!», und ein gutes Dutzend Studenten rannte los. Peter erkannte Rüdiger. Der Freund spurtete der Gruppe hinterher. Also setzte auch Peter zum Sprint an.
«Blitz-Journalisten! Mörder und Faschisten!», grölte die Gruppe.
Nun sah Peter, dass die Studenten zwei Männer verfolgten. Unter ihren Mänteln lugten Anzughosen hervor. Der eine hielt noch auf der Flucht einen Fotoapparat in die Höhe, das Objektiv auf die Menge hinter ihm gerichtet. Die beiden hasteten auf ein Polizeiauto zu, das am Straßenrand parkte. Die Studenten reckten geballte Fäuste in die Höhe.
Aus dem Polizeiauto sprangen zwei Uniformierte. Der eine zog die Pistole aus seinem Halfter und richtete sie gen Himmel. Es sah unbeholfen aus, als wollte er eine Wolke bedrohen.
Die Studenten blieben stehen, brüllten jedoch weiter: «Blitz-Journalisten! Mörder und Faschisten!»
Der Mann mit der Kamera rannte um das Polizeiauto herum und stützte dann die Hand mit der Kamera auf die Motorhaube. Er drückte unentwegt auf den Auslöser.
«Der Junge wird schon kommen, beruhige dich», sagte Gertrud Kappe.
Otto Kappe sah seiner Frau dabei zu, wie sie den Topf mit den dampfenden Kartoffeln mit einem Küchenhandtuch abdeckte. Was für eine Ungerechtigkeit! Wenn der Bengel nicht pünktlich war, sollte er auch kein warmes Essen mehr bekommen. Das war jedenfalls Ottos Meinung. Sein Sohn Peter war schließlich kein kleines Kind mehr, das zu lange auf dem Spielplatz blieb, weil es die Uhr noch nicht lesen konnte. Peter würde bald seinen Diplomabschluss machen, hatte eine Assistentenstelle an der Freien Universität und wohnte in einem eigenen Zimmer zur Untermiete. Trotzdem hatte er jede Menge Flausen im Kopf. Bestimmt war das auch der Grund dafür, dass er wieder einmal zu spät kam, obwohl er mit seinen Eltern zum Abendessen verabredet war. Otto behielt seine Gedanken für sich und sagte nur: «Ach Gertrud, ich muss morgen zeitig raus und arbeiten.»
«Am Sonnabend?», fragte seine Frau.
«Wir haben einen neuen Mordfall und einen Angehörigen des Opfers ausfindig gemacht, den Bruder. Der war allerdings nicht zu Hause und auch nicht telefonisch zu erreichen.» Otto seufzte. «Wenn wir nicht morgen früh zu ihm fahren, erfährt der arme Kerl noch aus der Zeitung von dem Tod seiner Schwester.»
Gertrud entgegnete nichts, sondern deckte stattdessen auch die Kasserolle mit dem Braten ab.
«Es ist wieder so eine schreckliche Tat!», sagte Otto. Er redete nicht allzu oft mit seiner Frau über die Arbeit, doch manche Fälle nahmen ihn so sehr mit, dass er seine Gedanken mitteilen musste. Also fuhr er fort: «Wir haben heute eine Prostituierte erstickt in ihrem Bett gefunden. Seit Tagen lag sie tot dort, sagt unser Gerichtsmediziner. Sie war höchstens Mitte zwanzig, kaum älter als Peter. Ich frage mich bei so jungen Opfern immer, wie sie auf die schiefe Bahn geraten sind.»
«Das wirst du auch in diesem Fall herausfinden.»
«Bestimmt.» Otto strich sich über den Bauch. Wie immer nach dem warmen Essen am Freitagabend fühlte er sich müde. Er gähnte und sprach dann weiter: «Die junge Frau sah gar nicht aus wie eine … Nutte.» Er verwendete das ordinäre Wort absichtlich, damit Gertrud aufhorchte.
Tatsächlich setzte die sich neben ihn an den Tisch und fragte: «Wie sieht denn eine …», sie lächelte spitz, bevor sie weitersprach, «… Nutte normalerweise aus?»
«Ich weiß es auch nicht so genau. Schließlich bin ich ja nicht bei der Sitte. Das Opfer habe ich erst als Leiche gesehen. Aber ihre Wohnung …» Otto hielt einen Augenblick inne und dachte nach. «Sie war zwar verwüstet. Aber die Möbel … Alles sah so normal aus. Gutbürgerlich. Die Frau hatte sogar einen Papagei.»
«Einen Papagei?» Gertrud klang ratlos. «Was wird nun aus dem armen Tier?»
«Der Papagei kommt erst einmal bei der Nachbarin unter. Alles Weitere muss der Bruder entscheiden.»
«Hat die junge Frau denn keine Eltern?»
«Die sind offenbar tot. Mehr wissen wir noch nicht.»
Gertrud hob zu einer Antwort an, doch die Türklingel kam ihr zuvor. «Da ist er!», rief sie, während sie schon zur Wohnungstür eilte.
Otto sah ihr nach. Für das Familienessen hatte sie das feine Kleid angezogen. Niemals ließ sie sich selbst eine Nachlässigkeit durchgehen. Doch dem Jungen verzieh sie alles, seitdem er ausgezogen war. Bestimmt würde sie nicht einmal erwähnen, wie sehr er sich verspätet hatte. Otto hörte Gertrud im Flur mit Peter reden, doch die Worte verstand er nicht. Es klang jedenfalls nicht so, als würde sich Peter für seine Verspätung entschuldigen.
Gertrud betrat mit ihrem Sohn die Küche und strahlte vor guter Laune. Im Plauderton sagte sie: «Setz dich doch, Peter. Das Essen müsste noch warm sein. Ich tue dir etwas auf und gebe deinem Vater auch noch einen kleinen Nachschlag. Du kannst dich ja so lange mit ihm unterhalten. Er muss nämlich seit heute Nachmittag den Mord an einer Prostituierten untersuchen. Das ist doch beinahe dein Forschungsgebiet.»
«Mit den Auswirkungen der Prostitution auf die Beteiligten befasst sich natürlich in erster Linie mein Professor», erwiderte Peter und setzte sich.
«Mit Morden wird sich der Herr Professor sicher weniger beschäftigen», sagte Otto und winkte ab. Er verspürte nur wenig Lust, sich von seinem Sohn nach dessen üppiger Verspätung auch noch Vorträge anzuhören.
«Da hast du recht, Vater. Außerdem konzentriert er sich aus meiner Sicht viel zu sehr auf die Einzelfälle und verliert dabei die gesellschaftliche Perspektive aus dem Blick. Schließlich ist die Prostitution nicht zuletzt ein Symbol für die patriarchalischen Herrschaftsverhältnisse im Kapitalismus im Allgemeinen und die Unterdrückung der Frauen im Besonderen.»
«Was?» Otto fuhr in die Höhe. «Du klingst ja wie einer von drüben.» Er zeigte in die Richtung der Anrichte. Dort war doch Osten, oder?
«Ach, das ist nur das Studium!», sagte Gertrud leichthin. «Da reden die jungen Leute heute so.»
«Die Kommunisten von diesem Sozialistischen Deutschen Studentenbund», murmelte Otto zerknirscht.
«Die haben vielleicht auch mit vielem recht», sagte Peter ruhig.
«Die müssen vor allem immer das letzte Wort haben.» Otto schlug mit der Hand auf den Tisch.
«Ihr hört damit auf! Sofort!» Gertrud hatte nicht laut gesprochen, trotzdem herrschte sofort Ruhe am Tisch.
Otto schaute zu seinem Sohn. Peter blickte seine Mutter bedröppelt an, so als hätte sie ihn beim Stibitzen von Süßigkeiten erwischt. Otto verspürte für einen Moment Genugtuung, dann merkte er, dass er vermutlich genauso aussah.
Gertrud schob die gefüllten Teller zu Otto und Peter. «Jetzt wird gegessen und nicht gestritten. Guten Appetit!»
ZWEI
Sonnabend, 23. März 1968
VON DEN 250 KILOMETERN bis ins Wendland hatten sie gerade einmal ein Viertel geschafft, und Peter Kappe hatte schon jetzt Schmerzen im Rücken. Beinahe im Sekundentakt fuhr der Käfer über eine der Nähte zwischen den Autobahnplatten. Wenn die Stöße schon in seinem Kreuz Schmerzen verursachten, wie sollte es dann erst seinem Großonkel Hermann ergehen? Der alte Herr hatte Peter gebeten, ihn in einem geliehenen Auto in die niedersächsische Provinz zu chauffieren, wo er sich nach einem Häuschen umschauen wollte. Er und seine Frau hatten beschlossen, ihren Lebensabend am Gümser See zu verbringen.
Peter sah zum Beifahrersitz, sein Großonkel schien bestens gelaunt zu sein. Er schaute aus dem Fenster auf die weiten Felder im Brandenburgischen.
An diesem Sonnabendmorgen war kaum jemand unterwegs. Sie hatten die Stadt schon bei Sonnenaufgang verlassen. Die Kontrollen an den Zonengrenzen, die Geschwindigkeitsbegrenzung auf den Autobahnen, der Zustand der alten Straßen – ihre Reise würde den gesamten Tag beanspruchen.
«Was macht das Studium?», fragte Hermann.
«Ich bin wohl nächstes Jahr fertig.» Peter überlegte, was der Großonkel darüber hinaus hören wollte. «Ich denke darüber nach, ob ich mich danach um eine Doktorandenstelle bemühe.»
«Hm», brummte Hermann so leise, dass es beinahe im Motorengeräusch unterging. Für einen Moment schwieg er, dann fügte er hinzu: «Die Uni scheint mir derzeit ein heikler Ort für junge Menschen zu sein.»
Peter entgegnete nichts. Er merkte, dass seinem Großonkel etwas auf der Seele brannte. Also wartete er.
«Dein Vater hat mir erzählt, dass du in den Sozialistischen Deutschen Studentenbund eintreten willst», sagte Hermann so langsam, als wollten die Worte nicht über seine Lippen kommen. «Er ist gar nicht glücklich darüber. Außerdem macht er sich Sorgen, weil du mit den Leuten aus der Kommune I verkehrst.»
«Was ist denn so schlimm daran?», fragte Peter, ohne den Blick von der Autobahn zu wenden.
«Was daran so schlimm ist?», echote der Alte. «Glaubst du, die lassen solche Leute in den Staatsdienst? Was denkst du, wer an den wichtigen Stellen in der Universität sitzt?» Hermann schnaufte und hob den Zeigefinger. Nun sprach er lauter. «Abgesehen davon, könnte auch dein Vater Ärger bekommen. Er ist Beamter.»
«Ich denke, die Sippenhaft ist abgeschafft?», entgegnete Peter ebenso laut.
Das folgende Schweigen ging im Motorengeräusch unter. Peter konzentrierte sich auf die Fahrbahn, zählte die Leitpfosten neben der Spur. Eins, zwei, drei …
«Schau lieber mal beim Sozialdemokratischen Hochschulbund vorbei», riet ihm Hermann. «Dem SHB gehören alle an, die später einmal in der SPD was werden wollen. Und ohne Parteibuch kannst du in West-Berlin gleich einpacken.»
«Bei der SPD fällt mir nur Lenin ein», sagte Peter.
«Lenin?», fragte Hermann, und es klang wie: Was willst du denn mit dem alten Knilch?
«Der hat doch gesagt: Wenn die Sozialdemokraten Revolution machen und einen Bahnhof stürmen wollen, dann kaufen sie vorher eine Bahnsteigkarte.»
«Und was ist so schlimm daran, wenn Menschen sich korrekt verhalten?»
«Ach Hermann …» Peter seufzte und begann wieder Leitpfosten zu zählen. Diesmal kam er nur bis zwei. Im Rückspiegel sah er, wie ein Polizeiauto, irgend so ein Ost-Modell – war es ein Wartburg oder ein Moskwitsch? –, sich näherte und hinter den VW Käfer setzte. Peter merkte, wie er unwillkürlich im Sitz versank. Er gehörte nicht zu den Leuten, die den Osten verteufelten, vor dem Mauerbau hatte er sogar eine Freundschaft mit einem Ost-Berliner gepflegt. Doch mit den Volkspolizisten wollte er lieber nichts zu tun haben, unter den Linken in West-Berlin hatten die einen schlechten Ruf. Dabei hatte Peter sogar selbst einen Verwandten bei der Volkspolizei. Doch Onkel Hartmut jagte als Major der Kripo Mörder und keine unschuldigen Studenten aus West-Berlin. Was sollte er tun? Fuhr er zu schnell, würden die Ost-Polizisten ihn stoppen, fuhr er zu langsam, würden sie das vielleicht auch für auffällig halten. Er umklammerte das Lenkrad so fest wie einen Rettungsring und schaute auf den Tachometer. Der Zeiger ruhte auf der Hundert. Nun bloß nicht schneller oder langsamer werden! Peter merkte, wie sich seine Zehen auf dem Gaspedal verkrampften.
Aus dem Augenwinkel sah er, wie der Großonkel sich zu dem Polizeiauto herumdrehte und dann wieder zu ihm blickte. «Da siehst du, was auf deinen Lenin folgt!»
«Sei still!», zischte Peter. Er war sich nicht sicher, ob seine Worte im dröhnenden Käfer zu hören waren. Doch das war ihm egal.
Der Polizeiwagen blinkte und überholte. Peter atmete durch und ließ das Lenkrad lockerer. Prompt holperte der Käfer bedrohlich nah an den Mittelstreifen. Schnell umfasste Peter das Lenkrad wieder fester. Die Vopos hatten anscheinend nichts davon mitbekommen, der Wagen verschwand am Horizont.
Peter blickte zum Beifahrersitz und höhnte: «Du musst mir gerade sagen, wie schrecklich die Polizisten im Osten sind! Dein Sohn Hartmut mischt da schließlich kräftig mit.»
«Da sagst du etwas», murmelte sein Großonkel. «Das ist auch ein Grund, warum ich nicht mehr in der Stadt leben möchte. Ich habe nur Polizisten in der Familie. So lässt mich meine eigene Vergangenheit nie los. Wann immer ich Zeitung lese, erfahre ich von Morden. Mein ganzes Leben verbringe ich nun schon mit Leichen und Mördern. Etwas Abstand wird mir guttun!»
Da braucht man aber doch nicht gleich in die westdeutsche Ödnis zu ziehen, dachte Peter. Er wunderte sich über den Sinneswandel seines Großonkels, der sich bis vor Kurzem noch gerne in die Fälle seines Vaters eingemischt hatte und sich nicht mit seinem Rentnerdasein hatte abfinden können. Peter mochte Hermann, und bald würde er quer durch den Osten fahren müssen, wenn er ihn und seine Frau besuchen wollte.
Hermann richtete sich im Beifahrersitz auf. «Zurück zu deinem Vater. Mit dem SHB könnte er sich sicher noch arrangieren. Aber er würde es nicht verkraften, wenn du beim SDS eintrittst.»
Otto Kappe und Hans-Gert Galgenberg stiegen aus ihrem Wagen und traten vor das Haus, in dem der Bruder des Opfers wohnte. Im Erdgeschoss befand sich ein Ladengeschäft, in dessen Schaufenster Bücher lagen. Kappe trat näher und entdeckte eine Bibel. Daneben fanden sich Prospekte über die Reinheit des Lebens und Erlösung durch Askese sowie ein Ratgeber mit dem Titel Mein Weg zur Enthaltsamkeit.
«Det sind ja echte Spaßkanonen hier!» Galgenberg tippte gegen das Schaufenster und grinste.
«Hans-Gert, nimm dich zusammen!», ermahnte Kappe seinen Kollegen. «Wir besuchen den Bruder eines Mordopfers.» Er wandte sich dem Klingelbrett zu. Auf einem kleinen Zettel neben der Schelle für Pasulke stand der Name Mönningsee. Lebte der Mann etwa in wilder Ehe – und das über solch einem frommen Laden?
Kappe klingelte, und der Türöffner summte. Im Hausflur roch es ein wenig modrig, vielleicht stand die Kellertür offen. Kappe schritt die Treppe in den ersten Stock hinauf. Dort fand er zwei Wohnungstüren, an der rechten stand in Frakturlettern Pasulke und darunter pappte wiederum ein schlichtes Zettelchen mit der Aufschrift Mönningsee. Kappes Annahme, es könnte sich um eine wilde Ehe handeln, erwies sich schnell als gegenstandslos, als die Tür von einer älteren Frau geöffnet wurde, die unmöglich mit dem Bruder einer jungen Frau verbandelt sein konnte. Sie trug eine große Brille und mochte um die sechzig sein.
«Sie wünschen?», fragte die Frau.
Kappe zückte seinen Dienstausweis, stellte sich vor und sagte: «Wir würden gern Herrn Dieter Mönningsee sprechen.»
«Der wohnt bei mir zur Untermiete. Kommen Sie herein!» Die Frau schritt durch den Flur, klopfte an eine Tür und rief: «Herr Mönningsee, die Polizei!» Sie klang, als verfasse sie innerlich schon das Kündigungsschreiben für den Untermietvertrag.
Die Tür ging auf, und ein hagerer Mann Mitte zwanzig erschien. «Für mich?», fragte er. «Warum?»
«Das kann ich Ihnen auch nicht sagen», erklärte Frau Pasulke und blieb neben der Tür stehen.
«Es liegt nichts gegen Sie vor, allerdings müssen wir Sie in einer dringenden Angelegenheit sprechen», sagte Kappe und stellte sich und Galgenberg erneut vor. «Können wir irgendwo ungestört reden?», fragte er schließlich und sah Frau Pasulke scharf an.
«Ich ziehe mich dann mal zurück», sagte Frau Pasulke. Sie klang so enttäuscht, als wäre sie von einer Familienfeier ausgeladen worden.
Mönningsee wies in sein Zimmer. Der Raum war spartanisch eingerichtet – eine Kommode, ein Schreibtisch mit einem Schemel davor, eine Schlafcouch. Die Fotografie über der Couch zeigte eine Familie neben einem DKW Junior. Kappe erkannte das Mordopfer und dessen Bruder. Das Bild musste fünf oder sechs Jahre alt sein, denn die beiden waren keine Kinder mehr, aber auch noch nicht so richtig erwachsen. Neben ihnen lehnte ein älteres Pärchen an der Heckflosse des schnittigen Wagens. Offenbar handelte es sich um die Eltern der Geschwister. Der Mann trug einen Anzug, und die Frau erinnerte mit ihrer blonden Pagenfrisur an Doris Day. Das Bild könnte auch als Plakat für eine amerikanische Kinokomödie dienen, dachte Kappe.
«Ich kann Ihnen leider nur den Platz auf meinem bescheidenen Sofa anbieten», sagte Mönningsee und setzte sich selbst auf den Schemel am Schreibtisch.
«Danke sehr», erwiderte Kappe. Sein Mund fühlte sich so trocken an, als hätte er zwei Stunden Sport getrieben und keinen Schluck getrunken. Er nahm Platz und sah, wie Galgenberg sich ebenfalls auf das Sofa plumpsen ließ. Der Kollege schaute demonstrativ zum Fenster hinaus. Das sah ihm ähnlich, die unangenehmen Gespräche überließ er dem Ranghöheren.
«Wir würden gern mit Ihnen über Ihre Schwester sprechen», sagte Kappe. Er merkte, dass er mit jedem Wort leiser geworden war.
«Hat Monika etwas angestellt?», fragte Mönningsee.
«Deswegen sind wir nicht hier.»
«Nein?»
«Herr Mönningsee …» Kappe zögerte einen Moment, dann fuhr er fort: «Wir müssen Ihnen leider eine sehr traurige Mitteilung überbringen. Ihre Schwester, Frau Monika Mönningsee, ist verstorben.»
Der Mann lehnte sich mit dem Rücken gegen seinen Schreibtisch und stammelte: «Wann? Wie? Und warum?»
«Wir ermitteln in der Sache noch, Herr Mönningsee. Doch zum derzeitigen Standpunkt spricht vieles für ein Tötungsdelikt.»
«Sie wurde umgebracht?»
«Davon müssen wir ausgehen.»
Mönningsee ließ den Kopf in seine Hände sinken. Er schluchzte leise und schwieg dann.
«Wir würden Ihnen gerne ein paar Fragen zu Ihrer Schwester stellen. Am liebsten natürlich jetzt gleich. Wenn es Ihnen lieber ist, können wir aber auch am Nachmittag noch einmal zu Ihnen kommen, oder Sie besuchen uns am Montagmorgen auf der Dienststelle», sagte nun Galgenberg. Kappe warf ihm dafür einen dankbaren Blick zu.
«Nein, nein. Das ist schon in Ordnung. Fragen Sie nur», sagte Mönningsee.
«Wie war das Verhältnis zu Ihrer Schwester?»
«Nun …», Mönningsee holte tief Luft, «… es wurde gerade wieder besser. Ich muss vielleicht ein wenig dafür ausholen.» Er zeigte auf das Foto mit der Familie, das über dem Sofa hing. «Unsere Eltern sind im vergangenen Oktober bei einem Autounfall ums Leben gekommen.» Mönningsee drehte sich zu seinem Schreibtisch, suchte etwas und hob ein Foto in die Höhe. Es zeigte seine Schwester in einem kurzen Rock und einem knappen Jäckchen. «Sie wissen ja sicher schon, welchem Beruf sie nachgeht … ich meine, nachging. Als meine Eltern das erfuhren, waren sie bestürzt. Besonders meine Mutter hat das nicht verkraftet. Ich habe damals noch zu Hause gewohnt, und Mama hat penibel darauf geachtet, dass Vater und ich keinen Kontakt zu Monika aufnehmen.»
«Wann haben Sie Ihre Schwester wiedergetroffen?», fragte Galgenberg.
«Anfang November. Kurz nach dem Tode unserer Eltern.» Mönningsee zögerte einen Moment. «Ich war verwundert, wie zufrieden sie mit ihrem Leben war.»
«Sie meinen, sie hat ihren Beruf jerne ausjeübt?», fragte Galgenberg, und der Schalk mischte sich in seinen Ton. Es fehlte nur noch, dass er anfing, irgendeinen Klassiker zu zitieren, wie er das in letzter Zeit gerne tat.
Kappe warf dem Kollegen einen strengen Blick zu.
«So weit würde ich nicht gehen. Allerdings schämte sie sich auch nicht für ihn. Zumindest mir gegenüber. Viel tiefer ließ sie mich freilich nicht in ihr Inneres blicken.»
«Wie oft haben Sie Ihre Schwester in der letzten Zeit gesehen?», fragte Galgenberg nun wieder sachlich.
«Vielleicht ein bis zwei Mal im Monat. Es war nicht so einfach, sie zu treffen. Wie Sie sich vorstellen können, erwartete sie häufig schon anderweitig Besuch. Manchmal auch sehr kurzfristig. Ich musste sie stets noch einmal per Telefon kontaktieren und mir den Termin bestätigen lassen, bevor ich bei ihr erscheinen durfte. So als wäre ich ein Handelsvertreter.»
Kappe wollte schon zur nächsten Frage ansetzen, da rieb sich Mönningsee die Stirn und fuhr fort: «Sie dürfen das nicht missverstehen. Ich konnte das Verhalten meiner Schwester durchaus nachvollziehen. Sie war seit Jahren auf sich selbst gestellt, und dann bin ich plötzlich wieder in ihr Leben getreten.» Der Mann schluchzte. «Ich wollte ihr die Zeit geben, die sie braucht. Sie war doch meine einzige nähere Verwandte.»
Josef Bolp stieg aus seinem Porsche 911 und schaute sich auf der Kurfürstenstraße um. Obwohl die Sonne schon tief am Himmel stand, warteten erst wenige Damen vom horizontalen Gewerbe auf die ersten Freier. Keine davon kannte er gut genug, um sie mit seinen Fragen zu behelligen.
Der Reporter blickte noch einmal auf seinen Notizblock, um die Stichpunkte zu überfliegen. Eine seiner Quellen bei der Kripo berichtete von einem Mord an einer Prostituierten mit dem Künstlernamen Yvonne. Einen Verdächtigen gebe es bislang nicht. Ermitteln würde Kriminaloberkommissar Otto Kappe. Bolp kannte den Beamten vom Namen her. Von dem würde er kaum exklusive Informationen erhalten. Allerdings hätte er von dem auch kaum ernsthaften Ärger zu erwarten, wenn er selbst ein bisschen herumschnüffelte. Also schlenderte er den Gehweg entlang.
Ein dürres Mädchen, das in seiner viel zu knappen Bekleidung am ganzen Leib zitterte, trat aus dem Schatten der Hauswand und fragte, ob er Interesse an einer flotten Nachmittagsnummer habe. Die Kleine war sicher noch keine achtzehn Jahre alt. Wahrscheinlich war sie neu hier und wusste deswegen nicht, wen sie da anquatschte.
«Lass mal, Süße!», sagte Bolp. «Ich bin dienstlich hier.»
Die Kleine riss die Augen auf und stolperte einen Schritt zurück.
«Keine Sorge, ich bin kein Bulle», fügte Bolp hinzu. Er grinste und ließ das Mädchen stehen, denn er hatte eine Bekannte erblickt: Gesine «Ginny» Jensen. Sie trug ein Pelzjäckchen und Netzstrümpfe unter dem Minirock. Auch wenn Ginny vom Alter her die Mutter der Kleinen sein könnte, macht sie sicher die besseren Umsätze, dachte Bolp. Doch deswegen war er nicht hier. Er eilte winkend zu Ginny.
Sie blieb stehen, warf ihm ein anzügliches Grinsen zu und rief: «Herr Bolp, ist die holde Angetraute schon am Sonnabendnachmittag zu langweilig?»
Ein paar Passanten drehten sich um. Doch Bolp ließ sich nicht aus der Ruhe bringen – nicht von ein paar Rentnern auf dem Weg zur U-Bahn und von einer vorlauten Dirne erst recht nicht. «Und selbst? Sind zu Hause die Kohlen ausgegangen, oder was treibt Sie auf die Straße?», fragte er zurück.
Ginny stöckelte ihm ein paar Schritte entgegen und blieb neben einer Straßenlaterne stehen. Sie lehnte sich an den Laternenmast und zog eine Zigarette aus ihrer Manteltasche. «Ich würde mich doch sehr wundern, wenn Sie das ernsthaft interessiert. Aber wenn wir schon beim Thema Hitze sind – würden Sie mir Feuer geben?» Die Dirne zwinkerte ihm zu. «Für meine Zigarette.»
Bolp fischte ebenfalls eine Zigarette sowie eine Streichholzschachtel aus seiner Manteltasche. Er entzündete ein Hölzchen und hielt es der Dame hin. Dann steckte er die eigene Zigarette an und sagte: «Im Ernst, meine Liebe, nach körperlicher Betätigung steht mir gerade nicht der Sinn. Aber wenn Sie Zeit für ein kurzes Gespräch hätten …»
«Nun, um diese Uhrzeit sind die Tarife noch moderat.» Ginny hielt die Zigarette zwischen Zeige- und Mittelfinger der rechten Hand und brachte dabei das Kunststück fertig, mit Daumen und Ringfinger das Prüfen eines Geldscheins zu simulieren.
Bolp zog seine Geldbörse aus der Manteltasche und nahm einen Zwanzigmarkschein heraus. «Das sollte für zehn Minuten am Nachmittag reichen.»
«Nun, das hängt ein wenig von der verlangten Leistung ab, Schätzchen.» Ginny nahm den Schein und ließ ihn im Dekolleté unter ihrem offenen Jäckchen verschwinden. «Also dann, lassen Sie uns einen kleinen Spaziergang machen.» Sie drehte sich um und bog in die Blumenthalstraße. Hier waren kaum Passanten unterwegs. «Nun fragen Sie, die Zeit läuft!», forderte die Dirne Bolp auf.
«Also ohne Umschweife, ich habe vom Tod Ihrer Kollegin Yvonne gehört und würde mir gern ein umfassendes Bild machen. Was flüstert denn die Straße?»
«Was weiß die Redaktion denn bislang?»
«Ach Gott, Ginny! Was heißt bei uns schon wissen? Mir wurde von einem Mord berichtet. Viel weiter ist die Geschichte in meinem Notizbuch noch nicht gediehen.»
Ginny lachte, nein, sie wieherte, als ob sie in einer Eckkneipe einen anzüglichen Witz gehört hätte. «Ja, das ist mir auch zu Ohren gekommen. Allerdings hat Yvonne immer so getan, als wäre sie etwas Besseres, und hat sich kaum mit uns abgegeben.» Ginny zog an ihrer Zigarette und blies den Rauch in die Dämmerung. «Meistens hatte sie wohl Hausbesuche. Aber manchmal musste sie sich auch ein paar Scheine draußen auf der Straße dazuverdienen. Hatte wohl einen ziemlichen Bedarf an Barem, die Gute.»
«War der Grund dafür nur ein kostspieliger Lebenswandel oder noch etwas anderes?»
«Sie war wohl nicht so dumm, wie sie arrogant war. Man tuschelt von einem Haus draußen in Marienfelde.»
«Das klingt vornehm.»
Erneut lachte Ginny wie eine angetrunkene Stute. «So war sie. Und dann war sie weg.»
«Wann haben Sie Yvonne zum letzten Mal gesehen?»
Ginny blieb stehen und zog an ihrer Zigarette. In den Rauch hinein sagte sie: «Dienstag war sie hier. Da vorn.» Sie zeigte auf die Kurfürstenstraße.
Bolp bemerkte, dass es in ihrem Kopf zu arbeiten begann. Es sah aus, als ginge hinter ihrer Stirn eine Lampe an – ach was, ein ganzer Kronleuchter! «Gibt es da etwas, das ich wissen sollte?», fragte er vorsichtig.
«Möglicherweise.» Ginny grinste. «Es fällt mir bestimmt ein, wenn ich noch einen hübschen Schein bekomme.»
Bolp zog die Brieftasche erneut hervor und nahm einen weiteren Zwanziger heraus.
«Der ist doch nicht hübsch», sagte Ginny empört.
Bolp zog einen Fünfziger hervor und fragte: «Meinen Sie, Ihre Information ist so viel wert?»
Ginny schnappte sich den Schein. «Yvonne ist vergangenen Dienstag in ein Cabrio gestiegen und danach nicht wiederaufgetaucht.»
«In was für ein Cabrio?»
«Ein rotes. Die Marke habe ich nicht erkannt.»
«Ein rotes Cabrio? Davon gibt es in Berlin bestimmt Hunderte, wenn nicht gar Tausende. Und dafür einen Fuffi?», echauffierte sich Bolp.
«Nun warten Sie es doch ab! Ich habe zwar das Auto nicht erkannt, wohl aber den Fahrer.» Ginny warf die Zigarette auf den Gehweg und trat sie mit ihrem Stöckelschuh aus. «Yvonne stieg zu Kurt Kannenhenkel in den Wagen.»
«Zu dem Kannenhenkel?»
«Zu dem Schauspieler. Die beiden fuhren davon, und Yvonne kam nie zurück.»
Otto Kappe lenkte den Dienstwagen zum Tatort. Der Sonnabend wollte anscheinend nie enden. In seiner Aktentasche ruhte der Bericht von der Gerichtsmedizin. Er hatte die Papiere nur kurz überflogen, der Eintritt des Todes war auf Dienstagabend datiert.
«Wenn die Alte nich da is, lassen wir det aba ma jut sein für heute», maulte Galgenberg, als Kappe einparkte.
«Wir befragen Frau Kleema erst mal, dann sehen wir weiter», sagte Kappe beim Aussteigen.
«Mensch, ick kriege wirklich Ärger zu Hause, Otto!»
«Ärger zu Hause, Ärger auf dem Revier – irgendwo gibt es immer dicke Luft», murmelte Kappe und klingelte bei Frau Kleema. Prompt surrte es.
«So ’n Mist!», fluchte Galgenberg und öffnete die Haustür.
Kappe trat in den Hausflur und eilte die Treppe hinauf, denn erstens wollte er die Befragung schnell hinter sich bringen, und zweitens hatte er keine Lust, sich noch weitere Sprüche von Galgenberg anzuhören. Mit seiner gegenwärtigen Laune neigte der Kollege noch stärker zum Sarkasmus als üblich.
Im Obergeschoss wartete Frau Kleema bereits in der Tür. «Ham Se den Mörder, Herr Kommissar?», fragte sie.
«Guten Tag, Frau Kleema!», sagte Kappe. «Derzeit haben wir nur ein paar Fragen.»
«Wat soll ick denn noch wissen?»
«Wir würden jern auch den Papagei verhörn», mischte sich Galgenberg ein, bevor Kappe antworten konnte.
Die Alte guckte, als hätte ihr jemand die Brille gestohlen.
Kappe seufzte. «Wir haben inzwischen neue Erkenntnisse von der Gerichtsmedizin und würden gern noch einmal Ihre Erinnerungen in Anspruch nehmen.»
«So Sie denn über die entsprechenden verfügen», flötete Galgenberg.
Die Kleema guckte die beiden Männer abwechselnd an und sagte dann zu Kappe: «Na, dann komm Se mal rein. Ick hoffe, ick kann helfen.»
Kappe, der sich in der Wohnung schon auskannte, trat durch den Flur in die Wohnstube. Die Alte und Galgenberg folgten ihm. Kappe warf dem Kollegen einen bösen Blick zu, wandte sich an Frau Kleema, zeigte ihr ein Foto von Dieter Mönningsee und fragte: «Haben Sie diesen Mann schon einmal gesehen?»
Die Alte betrachtete das Bild. Dann schloss sie die Augen und ruhte mit verschränkten Armen wie ein Buddha. Als Kappe schon befürchtete, sie sei im Stehen eingeschlafen, öffnete sie ihre Augen wieder und antwortete: «Ja, der war öfter hier.»
«Wie oft?», fragte Kappe.
«Wat weeß ick? Vielleicht eenma die Woche, vielleicht alle vierzehn Tage.»
«Haben Sie ihn gemeinsam mit Frau Mönningsee gesehen?»
«Na, nich so direkt.»
«Sie sind aber sicher, dass er zu Frau Mönningsee gegangen ist?», mischte sich Galgenberg ein.
«Wat is schon sicha?» Die Alte zeigte mit der Hand zum Fenster. «Aba wer soll hier schon Besuch von jungen Männan kriegen? Ick ja wohl bestimmt nich. Und bei den anderen Nachbarn kann ick mir det ooch nich vorstellen.»
«Wann haben Sie ihn zum letzten Mal gesehen?», fragte Kappe.
«Weeß ick nich. Vielleicht voriges Wochenende.»
«Gab es weitere Männer, die öfters gekommen sind?», erkundigte sich Kappe.
«Gloobn Se, ick sitze den janzen Tag und gucke, wat hier im Haus los is?»
«Wir glauben so wenig wie möglich und wollen so viel wie möglich wissen», sagte Galgenberg.
«Jut, da war der feine ältere Herr mit da Brille, von dem ick Ihn schon jestern erzählt habe. Der war immer mal hier. Und so ein junga Kerl. Eener mit BVG-Uniform.»
«Können Sie den Mann beschreiben?», fragte Kappe.
«Dünn war er. Und jroß.»
«War einer der Herren am letzten Dienstagabend hier?»
«Als ick am Fenster oda im Flur war, kam jedenfalls keener von denen.»
«Ist Ihnen an dem besagten Abend irgendetwas aufgefallen?»
«Dienstag, da müsst ick mal nachdenken.» Erneut schloss die Alte die Augen, und die Zeit verging. Endlich sagte sie: «Wat Besonderet. Nee. Ick gloobe, nich. Aber ick bin wie imma kurz nach neune ins Bett jejangen. Ick bin ja keene zwanzig mehr.»
«Ach was!», höhnte Galgenberg.
Kappe schoss böse Blicke zum Kollegen. Zu Frau Kleema sagte er: «Wenn Ihnen noch etwas einfällt, melden Sie sich bitte bei uns. Unsere Telefonnummer haben Sie ja.»
«Hab ick.»
«Dann zunächst vielen Dank, Frau Kleema», sagte Kappe und gab Galgenberg ein Zeichen zu gehen.
Die Alte nickte und trottete vornweg zur Wohnungstür. Auf der Schwelle fragte sie: «Wat iss ’n nun mit dem Papagei?»
«Oh, der Papagei …», murmelte Kappe. «Wo ist das Tier denn?»
«In meim Schlafzimma. Zur Einjewöhnung. Ick hoffe, bald kann ick ihn ins Wohnzimma holn. Wenna alleene wieda in sein Käfig fliegt.»
«Na, dort geht es ihm doch vorläufig gut. Wir werden Frau Mönningsees Bruder Bescheid geben. Er muss entscheiden, was aus dem Tier wird.»
«Jut», sagte die Alte und sah dabei nicht zufrieden aus.
Sie verabschiedeten sich.
Auf der Treppe fragte Galgenberg: «Det war’s aba jetzt, oda?»
«Für heute», entgegnete Kappe.
«Morjen is Sonntag. Det is der Tag des Herrn.»
«Bis eben hattest du es noch nicht so mit dem Glauben.»
«Und wie ick gloobe – an ’nen freien Tag inner Woche!», maulte Galgenberg.
Kappe schritt die Treppe hinunter und dachte nach. Sie hatten zu wenig Anhaltspunkte für weitere Befragungen. Nach Herren mit Brille und schlanken BVG-Fahrern würden sie kaum außerhalb der Bürozeiten fahnden können, aber am Montagmorgen würde es im Revier rundgehen. «In Ordnung. Du schreibst zu Hause die Protokolle von heute. Und ich kümmere mich um den Bericht aus der Gerichtsmedizin.»
Galgenberg guckte, als hätte er schales Bier getrunken. Doch er widersprach nicht.
Peter Kappe war so müde, dass er kaum die Augen offen halten konnte. Das spärliche Licht im Keller tat das Übrige. Stefanie Richter stupste ihn an und zeigte zur Bühne. Die bestand aus einem knöchelhohen Bretterbau. Das Holz wankte, denn die Band griff gerade nach den Instrumenten. Die fünf schlaksigen Männer hatten alle lange Haare und Bärte, so als wollten sie sich hinter all dem Gestrüpp verstecken. Sie ähnelten einander wie Fünflinge – oder lag das nur an dem schummerigen Licht?
Rüdiger Engelhardt trat zu Peter. Der Kumpel hielt drei Flaschen Bier zwischen den Fingern der linken und einen riesigen Joint in der rechten Hand. Er verteilte das Bier, zog am Joint und reichte ihn an Stefanie weiter.
Peter nahm einen Schluck von seinem Bier und schaute wieder zur Bühne. Der Gitarrist war noch ein bisschen dürrer als die anderen Musiker und schaltete gerade den Verstärker ein. Prompt quietschte eine Rückkopplung durch den Keller. Peter glaubte, seine Trommelfelle würden bersten. Der dünne Kerl schlug einen Akkord an. Es klang, als würde er eine Kettensäge starten. Er trat ans Mikro und rief in den ausklingenden Ton hinein: «Mia san die Magic Mushrooms aus München!» Der bayerische Dialekt wirkte so deplatziert wie Öltanker auf dem Wannsee. Zum Glück redete der Junge nicht weiter, sondern begann zu spielen. Ein paar Takte drosch er allein in die Saiten, dann stiegen seine Bandmitglieder mit ein. Die Musik stampfte gleichförmig im Viervierteltakt vor sich hin.
Stefanie reichte Peter den Joint. Er wollte ablehnen, doch sie zwinkerte ihm zu, und er nahm die Tüte entgegen. Der Rauch kroch seinen Rachen hinunter und kratzte wie Sandpapier. Eine besondere Wirkung zeigte das Zeug aber nicht. Peter gab den Joint an Rüdiger weiter.
Der Freund ergriff die Tüte, ohne sein Gespräch mit einer Blondine zu unterbrechen. Peter sah nur ihr Profil, doch allein das war von geradezu betörender Anmut. Alles an ihr schien von einer unwirklichen Zartheit. Rüdiger reichte der Frau den Joint, und sie nahm einen Zug. Dabei schloss sie die Augen. Es schien, als würde die Zeit für einen Atemzug stehenbleiben. Für einen langen, tiefen Atemzug. Dann gab sie die Tüte an einen Langhaarigen mit Brille weiter, den Rüdiger als Ralf Frohbert vorgestellt hatte.
Jemand tippte Peter an die Schulter. Er zuckte zusammen. Stefanie. Sie drückte ihm einen Kuss auf die Wange.
Die Band spielte langsamer. War das schon der nächste Song? Peter hatte niemanden singen hören.
Der Joint war inzwischen wieder bei Stefanie angekommen. Sie rauchte und begann dabei langsam auf der Stelle zu tanzen. Sie schmiegte sich an Peter und steckte ihm die Tüte in den Mund. Er inhalierte den Rauch. Einmal. Und noch einmal. Dieses Mal spürte er den Rausch. Die Wände des Kellers schienen sich zu ihm herunterzubeugen. Die Menschen um ihn herum wurden schmal wie Gerten und tanzten, als wären ihre Körper knochenlos. Obendrein drehte sich der Boden. Die Musiker spielten jeweils einen Ton, doch es war nicht der gleiche – es klang, als schichteten sie Dissonanzen übereinander.
Peter gab die Tüte weiter und machte einen Schritt rückwärts. Zum Glück fand er eine Säule im Kellergewölbe, an der er sich festhalten konnte, sodass er nicht stürzte.
Stefanie folgte ihm tanzend und schrie: «Liebe ist Mord!» Die Worte hallten durch den Keller. Stefanie drehte sich zur Bühne. «Käufliche Liebe ist Auftragsmord!»
Nein, das war gar nicht Stefanie, die da rief, bemerkte Peter – der Dürre mit der Gitarre schrie die Obertöne ins Mikro. «Gruppensex ist Massenmord!» Dabei quetschte er nicht nur die Töne in abenteuerliche Höhen, sondern auch die Silben in zackige Rhythmen. «Liebt euch! Tötet euch! Liebt euch! Liebt den Tod!»
Die anderen im Publikum schienen die Worte nicht zu stören. Sie tanzten einfach weiter, derweil stieg auch der Bassist in den Chor ein. «Liebt euch! Tötet euch! Liebt euch! Liebt den Tod!»
«Hörst du das?», rief Peter zu Stefanie.
«Ja! Toll, nicht wahr?» Sie tanzte weiter.
Peter trank einen Schluck Bier. Er musste hier raus. Doch das erwies sich als schwierig. Seine Beine gehorchten ihm nicht. Er hing an der Wand, als wäre er dort festgeklebt.
«He, willst du noch?», fragte die blonde Schönheit durch den Lärm und hielt ihm den Rest des Joints hin.
«Danke. Ich brauche frische Luft», erwiderte er.
«Soll ich dich Mund zu Mund beatmen?», fragte die Blonde und lachte kehlig.
Stefanie tauchte auf und rief: «Da kümmere ich mich drum!»
Bevor die Blondine etwas erwidern konnte, zog Stefanie ihn am Ärmel zum Ausgang. Er hatte das Gefühl, durch einen Sumpf zu waten. Immerhin hielt Stefanie ihn halbwegs aufrecht, obwohl sie ihm immer noch seltsam langgezogen vorkam. Es war, als befänden sie sich in einem Film, für den der Vorführer das falsche Bildformat eingestellt hatte.
Draußen kam es ihm so vor, als würde der Wind durch seinen Kopf hindurchwehen. Doch Stefanie formte sich auf ihr Normalmaß zurück.
«Die Rosi Ungermann ist eine Granate», sagte sie. Es klang wie eine Feststellung ohne jeden Anflug von Vorwürfen. Sie wartete nicht auf eine Antwort, sondern fügte hinzu: «Aber heute nehme ich dich mit nach Hause.»
DREI
Sonntag, 24. März 1968
PETER KAPPES KOPF fühlte sich an, als hauste eine Horde Zwerge darin, die versuchte, mit Dutzenden von Hämmern einen Ausgang durch seine Schädeldecke zu schlagen. Er rieb sich die Schläfen, aber das half kaum. Dabei ging es ihm an der frischen Luft schon viel besser als vorhin beim Frühstück, bei dem er gerade so einen Schluck Kaffee hinunterbekommen hatte. Der Mendelssohn-Bartholdy-Park war erst im vergangenen Jahr fertiggestellt worden, und nun wimmelte es hier vor Spaziergängern. Betagte Männer mit betagten Damen im Arm, alte Männer mit jungen Frauen im Arm, junge Männer mit jungen Frauen im Arm. Peter vergegenwärtigte sich, dass er selbst auch nicht alleine war.
Er schaute zu Stefanie Richter. Die schien frisch und ausgeschlafen zu sein. Gerade bückte sie sich nach den Märzenbechern am Wegesrand und flocht die frisch gepflückten Blüten in ihr Haar. Sie wirkte, als hätte sie eine Woche Urlaub hinter sich und nicht ein surreales Konzert und die anschließende durchwachte Nacht mit Joints, Bier und allen anderen Sünden. Wie machte sie das nur?
Stefanie zog ihn an der Hand auf einen Trampelpfad tiefer in eine Baumgruppe hinein. Die Farne und Kräuter rochen, als wollten sie alle Hexen der Stadt anlocken. Die übrigen Berliner schienen sich dagegen an die breiteren Wege zu halten. Mit jedem Schritt wurde es ruhiger um sie herum. In den Bäumen zwitscherten Vögel.
«Du siehst aus, als würdest du noch schlafen», sagte Stefanie und drückte ihm einen Kuss auf die Wange.
Peter suchte nach einer Antwort, doch ihm fiel nichts ein. Also nickte er nur.
Stefanie lachte und fragte: «War die vergangene Nacht zu wild für dich?»
«Nein, nein», murmelte Peter. Er befürchtete, dass sein Tonfall dennoch wie eine Bestätigung klang, deswegen fügte er hinzu: «Ich glaube, mein Kopf ist eher wegen der Magic Mushrooms und dem Gras so schwer.»
«Bis du eingeschlafen bist, hat man dir das aber kaum angemerkt», sagte Stefanie und zwinkerte ihm zu.
Peter wäre wohl errötet, wenn er nicht so müde gewesen wäre. So hatte er lediglich das Gefühl, wie ein Trottel dreinzublicken. Zum Glück sah Stefanie das nicht, denn sie lief längst den Trampelpfad weiter und verschwand gerade hinter einem Baum. Peter trottete ihrem wehenden Haar hinterher.
Als Stefanie wieder in sein Blickfeld geriet, betrachtete er sie. Obwohl sie einen Parka über der Jeans trug, wirkte alles an ihr zart, selbst die Schultern unter dem dicken Jackenfutter. Er konnte es noch nicht so recht fassen, dass er mit dieser Frau durch den Park schlenderte. Je intensiver er sie anschaute, desto klarer wurde ihm, wie wenig er über sie wusste, obwohl sie beide schon seit dem Herbst als studentische Hilfskräfte am Psychologischen Institut der Freien Universität arbeiteten und er auch schon auf verschiedenen Demonstrationen mit ihr gewesen war. Vor ihm lief ohne Zweifel eine kluge und politisch engagierte Studentin, die auch ordentlich feiern konnte. In der vergangenen Nacht hatte er noch eine weitere überaus überwältigende Seite an ihr kennengelernt. Doch ansonsten wusste er nichts über sie. Er schloss zu ihr auf und fragte: «Wo kommst du eigentlich her?»
Stefanie blieb stehen und schaute ihn an, als hätte er nach ihrem Kontostand gefragt. Sie entgegnete: «Aus meinem WG-Zimmer in Kreuzberg.»
«Nein, das meine ich nicht.»
«Du willst mich jetzt aber nicht heiraten oder so? Nach einer Nacht?»
«Was?» Peter zuckte zusammen. «Nein, nein … Ich …» Er kam nicht weiter.
Für einen Augenblick herrschte Stille – abgesehen von den Vögeln, die nur auf den Moment gewartet zu haben schienen und nun umso lauter zwitscherten.
«Du bist süß.» Stefanie kicherte. Sie hakte sich bei ihm unter und schlenderte weiter. «Also gut. Die Kurzform. Ich bin in Reinfeld geboren. Das ist ein Kaff im Holsteinischen. Mein Vater ist Postbeamter und fährt einen Käfer. In den Urlaub ging es immer an die Ostsee. Meine Mutter mag es nicht, sich allzu weit von der Heimat zu entfernen. Meine Großeltern hatten einen Garten. Anfangs durfte ich bei der Erdbeerernte helfen, später musste ich. Mit sechs in den Kirchenchor, mit vierzehn Konfirmation, mit neunzehn endlich Abi und ab nach Berlin.» Die letzten Worte klangen, als hätte sie ein technisches Datenblatt rezitiert. «So, nun bin ich an der FU. Und ich habe das Gefühl, endlich frei atmen zu können.»
So etwas hatte Peter schon öfters gehört und sich stets gewundert, dass die Berliner Luft für jemanden besonders atembar schien. Selbst hier im Park wehte mitunter ein Schwall von Abgasen vom Halleschen Ufer herüber. Ausgerechnet in der Mauerstadt das Gefühl von Freiheit zu verspüren kam Peter als Urberliner sonderbar vor.
«So, nun du. Was treiben deine Eltern so?»
«Mein Vater ist Polizist und meine Mutter Buchhalterin.»
«Polizist?» Stefanie löste sich von Peter und riss die Augen so weit auf, als hätte sie ein Gespenst gesehen. «Einer von diesen faschistischen Prügelbrüdern!»
«Nein, er ist bei der Mordkommission», murmelte Peter. «Und ich streite oft mit ihm über Politik, als Faschisten würde ich ihn aber nicht bezeichnen.» Er strich ihr über die Schulter und fügte hinzu: «Außerdem ist die Sippenhaft in Deutschland abgeschafft.»
Das schien Stefanie nicht zu überzeugen. Sie blieb auf Abstand und schüttelte den Kopf. «Mordkommission. Einer von denen, die versucht haben, den Ohnesorg-Mord zu vertuschen …»
«Das war nicht sein Fall.» Peter fand es anstrengend, seinen Vater verteidigen zu müssen.
Stefanie schwieg und stapfte den Trampelpfad entlang, als wollte sie so schnell wie möglich wieder nach Hause.
Peter fragte sich, warum Frauen immer so kompliziert sein mussten. Seine Kopfschmerzen kehrten zurück.
«Mach mir mal ein Bier, Jo!», rief Josef Bolp. Er musste seine Stimme etwas heben, denn durch das Gemurmel in der Bar trällerte Roy Black Meine Liebe zu dir. Der Sender Freies Berlin machte es möglich.
Der Mann hinter der Theke nickte kurz und nahm mit seinen Pranken ein Bierglas aus dem Regal. Bolp kannte diese Handbewegung und fürchtete jedes Mal, das Glas könnte springen, wenn der Kerl es anfasste. Doch Johannes Juhl hatte seinen Tresen im Griff – so wie das Lokal, dessen Name sich aus den Anfangsbuchstaben seines Vor- und Nachnamens zusammensetzte: Joju-Bar.
Bolp fühlte sich hier genauso zu Hause wie in seinem Büro, aus dem er gerade kam. Tatsächlich war die Joju-Bar für seine Arbeit beim Berliner Blitz beinahe so wichtig wie die Schreibstube. Hier verkehrten die Politiker aus dem Senat und dem Abgeordnetenhaus sowie die wichtigsten Geschäftsleute der Stadt – die aus den börsennotierten Großunternehmen und die aus dem Zwielicht der Schattenwirtschaft.
Juhl stellte Bolp ein Bier vor die Nase. Der Schaum thronte daumenbreit über der goldgelben Flüssigkeit, so wie es sich gehörte. Der Barbesitzer kümmerte sich persönlich um die Getränke – im Obergeschoss befriedigten seine Mädchen unterdessen die sonstigen Bedürfnisse der Herrschaften. Bolp bemerkte manchmal, dass einer der Männer auf dem Weg zu einer Dame verstohlen zu ihm blickte. Viele kannten ihn und wussten, welchen Beruf er ausübte. Allerdings sollten die meisten in der Berliner High Society wissen, dass er zur Diskretion fähig war. Die Joju-Bar war eine nie versiegende Quelle an Gerüchten. Nur im alleräußersten Notfall hätte Bolp hier Hausverbot riskiert, und Johannes Juhl galt nicht als ein Mann, der stillhielt, wenn Gefahren für sein Geschäft drohten. Sein Dobermann lag zwar auch an diesem Abend friedlich schlafend hinter dem Tresen, doch niemand in Berlin war darauf erpicht zu erfahren, warum das riesige Vieh auf den Namen Bestie hörte.
«Schönen Abend und prost!», rief eine Stimme von der Seite.
Ohne sich umzudrehen, erkannte Bolp, dass es sich dabei um Prof. Dr. Ferdinand Meerbusch handelte. Das tiefe Brummen, der seltsame saarländische Akzent, bei dem die Zischlaute stets ein wenig durcheinandergingen – obwohl der Professor nicht zu Bolps allerbesten Freunden zählte, traf er ihn doch oft genug in der Joju-Bar, um ihn an seiner Stimme zu erkennen.
Mit erhobenem Bierglas drehte sich Bolp um und sagte: «Herr Meerbusch, ich könnte ja sagen, dass ich überrascht bin, Sie hier zu treffen. Aber das wäre gelogen.»
Der Professor grinste und stieß sein Glas gegen Bolps. Endlich Bier, dachte Bolp, als ihm anschließend die kühle Flüssigkeit die Kehle hinunterrann. Im Artikel für die Montagsausgabe hatte er die Geschichte mit Kannenhenkel und dem Prostituiertenmord aufgearbeitet. Das war ihm leichtgefallen, schließlich gehörte der Schauspieler zu diesen parasitären Revoluzzern. Bolp schrieb sich stets in Rage, wenn es um diese Langhaarigen ging. Er trank schnell noch einen Schluck Bier.
«Ich habe gestern Ihren Artikel über den Brandstifterprozess gelesen», sagte der Professor. «Gut, dass diesen fragwürdigen Gestalten wenigstens irgendjemand Paroli bietet!»
Bolp hob sein Glas und trank darauf. Es war schon wieder leer.
«Die machen, was sie wollen», sagte Meerbusch. «Ich kann kaum noch eine Vorlesung halten, ohne dass gebuht oder gepfiffen wird. Einen Kollegen hat dieses respektlose Gesindel letztens sogar mit faulen Eiern beworfen.»
Bolp schlug mit der Hand auf den Tresen und rief: «Sollen die doch in die Zone gehen! Der Ulbricht würde denen schon zeigen, was eine Harke ist – und wie eine Gefängniszelle von innen aussieht. Bei Staatsfeinden machen die drüben kurzen Prozess. Ich weiß, wie das da zugeht. Hätte ich ’50 nicht die Kurve gekratzt, hätten die mich in Bautzen eingebuchtet. Ich stand schon auf deren schwarzer Liste.»
«Reg dich ab!», schaltete sich Juhl ein. «Wir wissen ja, dass du den roten Häschern damals nur knapp entkommen bist.» Der Wirt stellte Bolp ein neues Bier hin. Für einen Moment war es am Tresen so still, dass der Schlager aus dem SFB zu hören war – Der letzte Walzer.
Bolp nahm das Glas in die Hand und dachte an seine Zeit in Leipzig zurück. Natürlich war er den SED-Genossen schon wegen seiner Eltern ein Dorn im Auge gewesen. Doch was konnte er dafür, dass sein Vater bereits vor Hitlers Machtergreifung in die NSDAP und die SA eingetreten und seine Mutter im sächsischen BDM aktiv gewesen war? Immerhin hatte er noch eine Stelle bei der Zeitung ergattert. Doch seine eigene Abneigung gegen die Kommunisten war nicht dauerhaft verborgen geblieben. Spätestens bei den «Säuberungen» nach dem Juni ’51 wäre er dran gewesen. Da war sich Bolp sicher. Er murmelte: «Mir geht dieser Bolschewistendreck halt gehörig auf die Nerven.»
«Darauf ein Prost!», sagte Meerbusch.
Bolp ahnte, dass er sein Auto würde stehen lassen müssen, wenn er noch eine halbe Stunde in dieser Geschwindigkeit weitertrank.
Der Professor rückte seine Brille zurecht und sagte: «Wir dürfen nicht vergessen, dass es nur ein paar Knallköpfe sind. In meinen Vorlesungen sitzen Hunderte Studenten, und gerade mal eine Handvoll macht Stunk.»
«Umso schlimmer!» Bolp achtete darauf, dass er ruhig sprach und nicht Peter Alexanders Gesang im Radio übertönte.
«Aber die werden wir schon zurechtstutzen! Schließlich sitzen wir am viel längeren Hebel.»
«Das ist wohl wahr», stimmte Bolp zu. «Denen zeigen wir’s. Morgen lass ich im Berliner Blitz gleich mal eine Bombe platzen!»
Otto Kappe führte seine Frau durch das Foyer der Freien Volksbühne. Er fand das Ritual mit den Eintrittskarten in diesem Haus befremdlich, aber Kurt Kannenhenkel gab den Prinzen von Homburg nun einmal hier, und Gertrud war ganz erpicht darauf, den Schauspieler in dieser Rolle zu sehen.
Also schlenderten sie in die Ecke, in der eine schmucke Mitarbeiterin der Freien Volksbühne mit den Sektkübeln in fragilen Gestellen wartete. In den Gefäßen lagen Hunderte von Eintrittskarten, getrennt nach drei Rubriken: «Einzelne Besucher», «Paare» und «Gruppen». So war garantiert, dass zusammensaß, wer zusammengehörte.
Otto übergab der Dame ihren Berechtigungsschein, und Gertrud, der man ein glückliches Händchen nachsagte, durfte nun in den Sektkübel für Paare greifen und zwei mit einer Büroklammer verbundene Eintrittskarten herausfischen. Hier ging es so demokratisch zu, dass man mit einigem Pech oben auf dem Rang saß und die Gesichter der Schauspieler nur erahnen konnte. Doch Gertrud wurde ihrem Ruf gerecht, sie zog Parkettplätze in der vierten Reihe.
Früher waren Theaterbesuche etwas anderes, dachte Otto, als er mit Gertrud durch das Foyer schritt. Er trug seinen guten Anzug und seine Frau ein Abendkleid. Die älteren Gäste hatten ähnliche Mühe bei der Kleiderwahl walten lassen. Die jungen Männer trugen dagegen Jacketts, die diesen Namen kaum verdienten. Manche waren aus grobem Manchesterstoff, andere schlugen Falten, als wären sie bei einem Bad in der Spree gereinigt worden. Eine junge Frau mit einem bunten Batikkleid fiel ihm ins Auge. Dessen Farbverläufe waren derart verschwommen, dass Kappe beinahe glaubte, er träume genauso wie der Prinz von Homburg in Kleists Stück.
Als sie den Zuschauerraum betraten, spürte Otto, wie er bereits müde wurde. Die Mordermittlungen am Wochenende steckten ihm in den Knochen. Er wurde zu alt für die Siebentagewoche. Ohne Gertrud würde er jetzt noch über den Mordakten brüten. Sie hatte ihn in seinen guten Anzug gedrängt, und nun zog sie ihn durch die Stuhlreihen im Parkett.
Neben ihren Plätzen hatte sich bereits ein junger Mann mit einer Nickelbrille und einem groben Leinenhemd niedergelassen. Das Haar hatte er genauso zum Zopf gebunden wie seine Begleitung, die sich bei näherem Hinsehen als weibliches Wesen erwies. Gertrud nahm neben den Studenten Platz, Otto sank an ihrer Seite ins Polster.
Die Glocke bimmelte. Das Licht im Saal war schummrig. Otto konnte sich kaum vorstellen, dass es noch dunkler werden könne. Er gähnte.
Gertrud beugte sich zu ihm und flüsterte: «Da haben wir wirklich schöne Plätze erwischt.»
Vor ihnen saß ein älteres Ehepaar. Die Köpfe der beiden reichten kaum über die Stuhllehne hinaus.
«Das ist dein Verdienst», sagte Otto leise. «Wenn ich die Karten gezogen hätte, würden wir garantiert hinter zwei Riesen sitzen und auf Hinterköpfe gucken.»
Gertrud lachte und gab ihm einen Kuss auf die Wange. In dem Moment versank der Saal im Dunkel. Otto merkte, wie seine Augenlider schwer wurden. Im gleichen Tempo, wie sich der Vorhang hob, sanken sie hinab. Er kämpfte gegen die Müdigkeit an. Es kam ihm vor, als wäre das Augenöffnen so anstrengend wie ein Klimmzug.
Otto schaute zur Bühne. Die Dekoration bestand aus Pappstücken, auf denen die Kulisse mit dicken Pinselstrichen aufgemalt war. Die Bilder sahen aus, als hätte sie ein Erstklässler hingekleckst. Otto erkannte einen windschiefen Baum, ein Haus und einen Mond.
Auf der Bühne begann die Traumsequenz, und Otto versank tiefer im Sessel. Vor seinem inneren Auge tauchte die Leiche der jungen Prostituierten auf – sie lag auf ihrem Schlafsofa, so wie er sie vor zwei Tagen gefunden hatte. Doch dieses Mal blickte sie nicht starr an die Decke, sondern genau in sein Gesicht. Sie bewegte ihren Mund. Tonlos. Oder raunte sie etwas? Über die Liebe, die Sehnsucht und den Tod? Ihre Laute klangen, als kämen sie aus einem anderen Raum, einem viel größeren, einer Halle vielleicht.
Das Leben nennt der Derwisch eine Reise
Und eine kurze. Freilich! Von zwei Spannen
Diesseits der Erde nach zwei Spannen drunter.
Ich will auf halbem Weg mich niederlassen!
Wer heut sein Haupt noch auf der Schulter trägt,
Hängt es schon morgen zitternd auf den Leib
Und übermorgen liegts bei seiner Ferse …
Die Stimme klang tief. Viel zu tief für eine Frau. Die Tote streckte ihren Arm aus und tippte ihm an die Schulter.
Er schreckte auf.
Gertrud. Sie deutete auf die Bühne.
Dort stand Kannenhenkel. Er trug Strumpfhosen und ein Kettenhemd, das so schief aussah, als hätte der Requisiteur beim Knüpfen der Glieder zu viel getrunken. In seinem Gürtel steckte ein Holzschwert – stammte das aus der Spielzeugabteilung des KaDe We? Mit ausgebreiteten Armen deklamierte er:
Zwar, eine Sonne, sagt man, scheint dort auch,
Und über buntre Felder noch, als hier:
Ich glaubs; nur schade, daß das Auge modert,
Das diese Herrlichkeit erblicken soll.
Sterben ist ungerecht, dachte Otto, das Auge der jungen Prostituierten wird nimmermehr die Herrlichkeit erblicken. Nach all den Jahren als Polizist kamen ihm solche Gedanken immer noch. Nicht mehr so oft wie am Anfang, doch es reichte ein Theatermonolog von einem Schönling wie diesem Kannenhenkel, und die Toten holten ihn ein.
Otto schaute hinüber zu seiner Frau. Gertrud schmachtete den Mimen an, hing ihm geradezu an den Lippen. Otto fehlte die Ruhe für das Stück. Die Tote, sein Fall ging ihm nicht mehr aus dem Kopf. Am liebsten wäre er gleich ins Revier geeilt. Doch das hätte Gertrud ihm nie verziehen. Außerdem war er viel zu müde. Erneut fielen ihm die Augen zu.
Pulsuz fraqment bitdi.