Kitabı oxu: «So sah ich. Mein Leben. Mein Österreich. Die Welt - Drei Bände. Life is a story - story.one»
INHALT
So sah ich Mein Leben.
Nicht das Dritte Reich …
Nie wieder Diktatur!
Amerika war für uns eine Märchenwelt
Bin Türke. Komme!
Niemand hat es geglaubt
Pyramiden und Panzer
Habsburg lag falsch
Hundert Leute, eine Wurst
Wer bin ich schon gegen China?
Kuba – ärger als die DDR
Jede Häuslfrau bei der Partei
Nimm die Rübe in die Hand!
Keine Zwetschkenknödel, sagt Hanoi
Der Kommentar als Slalomfahrt
Von wegen „Land des Vergessens“
Schreiben Sie mir das!
Kein Abschied von meiner Vision!
Noch einmal um die ganze Welt
So sah ich Mein Österreich.
Österreich – Eine unglaubliche Geschichte
Spaziergang mit Ernst Fischer
Weichenstellung für Österreich
Der Fall Margarethe Ottillinger
Ich als „Volksverhetzer“
Hitlers erstes Opfer
Mit Raab auf ein Schildkrötenschnitzel
Das heimliche Interview
Aug um Aug, Zahn um Zahn
Das Buhlen um die Nazis
Kreisky und der Glasenbacher
Kreisky, der Reform-Kanzler
Kreisky versus Wiesenthal
Eine Regierungserklärung muss her
Karl Schranz auf dem Heldenplatz
Erstes politisches Opfer im neuen Österreich
Kein Geschäft für erwachsene Menschen
So sah ich Die Welt.
Rettung durch die Feuerwehr
„Rosinenbomber“ über Berlin
„Whites only!“ – „Negroes only!“
Eine komische Welt
Rasieren in New York
Im „War Room“
Sachsen in der Wüste
Invasion mit Badenixen
Es geht um die Wurst
Zu nackt für Alexandra
„Alle Flüchtlinge aufnehmen!“
„Die Sowjets sind schon vor der Tür!“
Brennende Barrikaden
Dschungel mit Giftschlangen
Maschinenpistolen im Bett
Die berechtigte Revolution
Amerikas Sündenfall

Hugo Portisch
So sah ich
Mein Leben
story.one - Life is a story
Aufgezeichnet von Hannes Steiner
Bearbeitet und in einen historischen
Kontext gesetzt von Martin Haidinger

1. Auflage 2021
© story.one – the library of life – www.story.one
Eine Marke der Storylution GmbH
2010 hat Hugo Portisch dem befreundeten Verleger Hannes Steiner (story.one) in insgesamt 30 Stunden sein Leben erzählt. Dieser hält gemeinsam mit dem Unternehmer Michael Kraus die Rechte an diesen „Toskana Tapes“.
Geplant ist ein Hugo-Portisch-Preis für exzellente journalistische Leistungen und eine Sommerakademie für Journalisten im Toskana-Haus von Hugo Portisch, das er im Alter an Michael Kraus verkaufte.
Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das des öffentlichen Vortrags, der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen sowie Übersetzung, auch einzelner Teile. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Copyright-Inhabers reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden. Sämtliche Angaben in diesem Werk erfolgen trotz sorgfältiger Bearbeitung ohne Gewähr. Eine Haftung der Autoren bzw. Herausgeber und des Verlages ist ausgeschlossen.
Gesetzt aus Minion Pro und Lato.
© Coverfoto: Ernst Kainerstorfer / picturedesk.com
© Fotos: Privatarchiv Hugo Portisch, William P. Straeter / First Look / picturedesk.com, Kurier Archiv, Barbara Pflaum / Imagno / picturedesk.com, Kurier/Peter Lehner, First Look / picturedesk.com, Kurier/Gerhard Deutsch, Kurier, Elke Steiner
Lektorat: Joe Rabl
Printed in the European Union.
ISBN: 978-3-903715-06-6
eISBN: 978-3-903715-07-3
Was soll auf meinem Grabstein stehen? Die Antwort ist: Vergesst mich. Ich erhebe keinen Anspruch, die Leute auch noch nach dem Tod zu belästigen.

INHALT
Nicht das Dritte Reich …
Nie wieder Diktatur!
Amerika war für uns eine Märchenwelt
Bin Türke. Komme!
Niemand hat es geglaubt
Pyramiden und Panzer
Habsburg lag falsch
Hundert Leute, eine Wurst
Wer bin ich schon gegen China?
Kuba – ärger als die DDR
Jede Häuslfrau bei der Partei
Nimm die Rübe in die Hand!
Keine Zwetschkenknödel, sagt Hanoi
Der Kommentar als Slalomfahrt
Von wegen „Land des Vergessens“
Schreiben Sie mir das!
Kein Abschied von meiner Vision!
Noch einmal um die ganze Welt

Nicht das Dritte Reich …
Ich bin nicht mehrsprachig aufgewachsen – leider! Das lag einfach daran, dass die deutsche Schule die nächste in der Nachbarschaft war.
Hugo Portisch wird am 19. Februar 1927 in Pressburg/Bratislava als zweiter Sohn von Hedi und Emil Portisch geboren, einer Stadt in der jungen Tschechoslowakei, 60 Kilometer von Wien entfernt. Der Vater, Chefredakteur der liberalen, deutschsprachigen „Preßburger Zeitung“, stammt aus St. Pölten. Die Bevölkerung ist dreisprachig und viele beherrschen Deutsch, Slowakisch und Ungarisch. Hugo besucht ab 1933 die deutsche evangelische Grundschule. Dort unterrichten vor allem demokratisch eingestellte Lehrer, und das, wo doch die Zeichen ringsum in Europa allerorten auf Diktatur stehen.
1938 besetzt Hitler zunächst das Sudetenland, dann die von den Nazis so genannte „Rest-Tschechei“. Die Tschechoslowakei wird zerschlagen und in der „selbstständigen“ Slowakei kommt ein autoritäres, antisemitisches Regime von Hitlers Gnaden ans Ruder. Da ist Hugo Portisch zwölf Jahre alt und Schüler im katholischen deutschen Gymnasium in Pressburg. O Wunder, haben auch dort weiterhin liberale Lehrer das Sagen! In der Zeitung lesen die Jungen im Dezember 1941 von der Atlantik-Charta, die die USA und Großbritannien nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion unterzeichnet haben – ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Gründung der Vereinten Nationen.
Dort wurde berichtet, dass Roosevelt und Churchill nach der Unterzeichnung gemeinsam die Hymne „Onward, Christian Soldiers“ gesungen haben. Da kam unser Englischprofessor herein, ein ungeheuer gemütlicher und musikalischer Bursche, der uns jede zweite Stunde ein neues englisches Lied beigebracht hat.
An diesem Tag hat er gesagt: „Bitte ‚Onward, Christian Soldiers‘. Macht die Fenster zu!“ Dann haben wir die Fenster geschlossen und er hat uns gelehrt: „Onward, Christian Soldiers, onward as to war, with the cross of Jesus …!“ Ich kann es heute noch. Wir haben auch die BBC in allen Sprachen abgehört und ich habe das als ganz normal empfunden.
Im Religionsunterricht hatten wir einen Pfarrer namens Klecka, einen Schlesier, der vor dem Nazismus aus Breslau geflüchtet ist. Es war aber nun vorgeschrieben, in den deutschen Schulen – auch in der Slowakei – mit „Heil Hitler“ zu grüßen. Bei Pater Klecka lief das so: „Heil Hitler im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes, Vater unser, der du bist im Himmel …“
Und der Geschichtslehrer Gratzer hat sich einmal mit dem Ruf „Liberté, égalité, fraternité!“ verabschiedet. Das sind für mich prägende Erlebnisse! In Deutschland wäre das unvorstellbar gewesen. Man hat in der Slowakei eine differenzierte Sozialisierung erfahren. Es war eben nicht das Dritte Reich.
Mitten im Zweiten Weltkrieg wird Hugo Portisch in Pressburg also zum Teil von Nazi-Gegnern unterrichtet und zum Demokraten erzogen. Tatsächlich unglaublich, aber wahr!
Nie wieder Diktatur!
Am 19. Februar 1945 wird Hugo 18 Jahre alt. Die Sowjettruppen stehen bereits im Osten der Slowakei. Seine Mitschüler und er bekommen einen Blitzlehrgang und im März 45 ein Maturazeugnis ausgehändigt. Gekoppelt ist es per Vermerk an die sofortige Einberufung zur Waffen-SS, weil „Volksdeutsche“ zu dieser und nicht zur Wehrmacht eingezogen werden – eine schreckliche Aussicht, praktisch ein Todesurteil! Die Burschen werden per Eisenbahn nach Wien geschickt, um sich im „Arsenal“, einem großen militärischen Gebäudekomplex, zur SS zu melden. Ein älterer Freund gibt ihm einen Tipp:
Er schrieb: „Im Arsenal gibt es einen SS-Offizier namens Heilig“ – ausgerechnet Heilig! – „der stellt die Marschbefehle aus. Der ist bestechlich. Dem musst du für einen Marschbefehl deines Wunsches einen Liter Schnaps und hundert Zigaretten geben!“ Also hab ich den Koffer mit zehn Schnapsflaschen und tausend Zigaretten angefüllt. Das war mein einziges Gepäck. So bin ich im Arsenal eingerückt. Und habe dem Heilig glatt gesagt: „Kann ich mir einen Befehl aussuchen? Ich habe Schnaps und Zigaretten mit.“ – „Jaja“, hat er geantwortet. „Haben Sie ein paar Kameraden, die Sie mitnehmen wollen?“ Habe ich gesagt: „Ja, natürlich habe ich Kameraden, die ich mitnehmen will. Meine drei Freunde.“ – „Ich gebe Ihnen einen Marschbefehl nach Prag, dass Sie sich dort melden müssen. Aber ich schreibe kein Datum drauf.“ So gingen wir also mit dem Marschbefehl nach Prag ohne Datum – in Zivil, völlig unangetastet. Dabei waren wir eigentlich schon reif zum Erschießen.
Auf abenteuerlichen Wegen fahren die vier Freunde wochenlang in überfüllten Zügen kreuz und quer durch Böhmen und Mähren, entkommen mit dem fragwürdigen Dokument mehrmals der Verhaftung und Liquidierung als Deserteure. Dazwischen versteckt sich Hugo in Niederösterreich bei einem Onkel:
Von der Scheune des Bauernhofs aus sah ich auf der Straße von Rekawinkel nach St. Pölten einen langen Zug von fürchterlich aussehenden Leuten, abgefetzt, mager bis auf die Knochen. Die Frau meines Onkels hat ihnen Wasser gegeben. Dann kam ein Wachposten, hat sie mit dem Gewehrkolben vertrieben und das Wasser ausgeschüttet. Dieses Bild verfolgt mich bis zum heutigen Tag. Es war ein Zug der Todesmärsche von KZ-Insassen. Und ich habe einen solchen gesehen. Unglaublich.
In Böhmen erlebt der 18-jährige Hugo das Kriegsende und flieht, diesmal als „Deutscher“, vor den Tschechen nach Österreich. Sein Fazit:
Ich hatte jeden Tag eine solche Freude, am Leben zu sein. Jeden Tag wie ein Morgen- und Abendgebet war das für mich. Freiheit! Du kannst tun und lassen, was du willst. Und nie wieder Diktatur! Das ist mir in Fleisch und Blut übergegangen!

Amerika war für uns eine Märchenwelt
In Wien wird der Antifaschist Hugo Portisch 1945 zum Antikommunisten:
Die Fronttruppen der Roten Armee waren noch, glaube ich, durchwegs in Ordnung. Die haben sich sehr ordentlich benommen. Aber der Tross, der gleich hintennach kam, der war dressiert auf Vergewaltigung und Plünderung. Das war eine Schreckensherrschaft! Man soll nicht im Nachhinein versuchen zu sagen: „Das war gar nicht so arg.“ Es war sehr arg! Daher haben sich die Russen dieses Eigentor geschossen. Mit dem Benehmen ihrer Leute war der Kommunismus für die Leute gestorben. Außerdem hatten alle aus meiner Generation, die ich kannte, dieses ganz intensive und tolle Gefühl der Befreiung. Deshalb bin ich auch wahrscheinlich im Kalten Krieg ein recht Kalter Krieger gewesen.
1950 arbeitet Portisch bei dem ÖVP-Blatt „Wiener Tageszeitung“ und wird zu einem Journalistenkurs in die USA eingeladen. In der „School of Journalism“ an der Columbus University in Missouri erfährt er vom Dekan, dem renommierten Medienwissenschaftler Frank Luther Mott, grundlegende Prinzipien des Journalismus westlicher Prägung:
Die erste Grundvoraussetzung für einen Journalisten ist, dass er sich mit allen Möglichkeiten bemüht, die Wahrheit herauszufinden. Nur dann hat er ein Recht zu publizieren, unter dem Motto: Check – Recheck – Doublecheck. Du musst, wenn du eine Nachricht oder eine Meinung hörst, überprüfen, nochmals überprüfen und ein drittes Mal überprüfen. Das nächste Ding ist: „Audiatur et altera pars“ aus dem römischen Recht. Du musst auch wissen, wie die andere Seite denkt und was sie dazu zu sagen hat. Die dritte Lektion ist: Wenn nicht so sicher ist, was wahr ist und wer recht hat, dann gilt: „In dubio pro reo“ – im Zweifel für den Angeklagten! Er hat das mit einem solchen Pathos vorgetragen, der Dekan Mott, dass uns die Ganslhaut heruntergelaufen ist.
Die Realität in Österreich sieht dagegen ganz anders aus:
Bei uns konnte man Politiker gar nicht richtig befragen. 1947, 48, 49 hat dich ja als Journalist gar keiner empfangen und die Beamten hatten alle Redeverbot. Bis in die 60er-Jahre blieb es so, dass kein Politiker einen Journalisten vorgelassen hat, wenn er nicht wollte. Daher war Amerika für uns 1950 eine Märchenwelt! Heute, wo die investigativen Journalisten überall nachstöbern können, Informationen bekommen und notfalls vielleicht sogar mit dem Scheckbuch nachhelfen und aufdecken können, ist das alles nicht mehr überraschend. Es ist eine andere Art des Journalismus. Meiner Ansicht nach leider nicht die beste …
Die USA werden zum Sehnsuchtsland für die Portischs. Für seine Frau Traudi, die er 1949 geheiratet hat, und ihn steht damals fest: Hier wollen wir bleiben! Wir wandern aus – doch es kommt anders.

Bin Türke. Komme!
Anfang der 50er-Jahre ist Hugo beim Österreichischen Informationsdienst des Generalkonsulats in New York angestellt. Er trifft auch Exilösterreicher wie den ehemaligen Bundeskanzler Kurt Schuschnigg. Der bittet Portisch und andere österreichische Journalisten, Details über tschechische Waffenlieferungen an den sozialdemokratischen Schutzbund im Bürgerkrieg des Jahres 1934 herauszufinden.
Denn dann wäre doch die Niederschlagung des Schutzbundes im Jahr 1934 gerechtfertigt gewesen? – Wir sind dort mit offenem Mund gesessen und sagten: „Bitte, wir haben die Russen im Land, Österreich ist vierfach besetzt. Wo ist der Schutzbund? Wann war 1934? Und was sind unsere heutigen Sorgen?“ Aber das hat er zu diesem Zeitpunkt noch nicht ganz kapiert …
1954 betreut Portisch Bundeskanzler Julius Raab (ÖVP), der nicht Englisch kann, bei dessen Staatsbesuch in den USA. Am letzten Tag sitzen sie zusammen im Hotel und ziehen Bilanz:
Auf einmal klopft es und ein Page kommt herein. Er hält ein Schreiben in der Hand und sagt: „I’ve got a cable for Mr. Portisch.“ Sagt der Raab: „Was ist das?“ Sag ich: „Offenbar ein Telegramm.“ „Von wem ist es denn?“, fragt der Bundeskanzler. Es war vom Journalisten Hans Dichand, der schrieb: „Bin soeben Chefredakteur des ‚Neuen Kurier‘ geworden. Lade dich ein, mit mir die Zeitung zu machen. Schon die Türken fanden, dass es sich auszahlt, von weither zu kommen, um Wien zu erobern. Dein Hans.“ Ich lese das leise vor mich hin. Der Kanzler sitzt daneben, beugt sich herüber, liest das Ganze mit und sagt dann: „Das werden Sie doch machen, nicht?“ – „Ja, ich nehme an, dass ich’s machen werde.“ Das war also die Einladung vom Dichand, zurück nach Österreich zu kommen. Sofort, in der nächsten Stunde, habe ich schon geantwortet: „Bin Türke. Komme. Dein Hugo“.
Es hat sich dann zwar noch ein paar Monate verzögert, weil mich die aus New York nicht gleich weglassen wollten, aber so bin ich dann zum „Kurier“ gekommen. Der Dichand war Chefredakteur und ich wurde sein Stellvertreter und habe die Außenpolitik übernommen. Gleich zu Beginn hatte ich ein großes Glück: Da starb Einstein, ich konnte meinen ersten Leitartikel über ihn schreiben. Das war ungewöhnlich, denn in Österreich hat man Albert Einstein damals noch nicht wirklich als großen Mann wahrgenommen – wir aber sehr wohl! Ab da habe ich – im Gegensatz zu Dichand, der das nie getan hat – in der Regel die Leitartikel geschrieben. Damit war ich im „Kurier“ der Meinungsmacher.
Interessanterweise hat Julius Raab unsere Zusammenarbeit beziehungsweise meine Hilfsdienste in Amerika nicht vergessen. Denn er hat mich sehr bald danach zum Kaffeetrinken eingeladen und hat das auch beibehalten, ich wurde in gewissen Abständen immer wieder eingeladen. Dabei hat er mir dann auch so manchen seiner politischen Pläne enthüllt. Er hatte gute Gründe, mit mir Gedanken auszutauschen: „Damit ich Ihre Leitartikel, wenn schon, dann zu Recht angreife und nicht zu Unrecht!“
Niemand hat es geglaubt
An einem Spätnachmittag im April 1955 läutet Portischs Telefon in der „Kurier“-Redaktion. Am Apparat ist Bundeskanzler Raabs Sekretär Erich Haider in Moskau, wo gerade wieder einmal die österreichische Regierungsdelegation am Verhandeln um den heiß ersehnten Staatsvertrag ist, der Österreich frei machen soll:
Heute kann ich es ja sagen. Damals habe ich es streng geheim gehalten: War der Haider am Telefon und sagt: „Du, wir sind durch! Ich sage dir, wie es ausgehen wird: Wir bekommen den Staatsvertrag, alle Besatzungsmächte werden abziehen, alle Kriegsgefangenen und andere politische Gefangene werden freigelassen und werden ihre Heimat wiedersehen.“ Wörtlich! Ich bin ganz weg gewesen. Ich habe das nicht erwartet. Niemand hat erwartet, dass der Staatsvertrag kommt. Zehn Jahre lang ist jede Staatsvertragsverhandlung gescheitert. Jede! Auch die hoffnungsvollste. Es gab ja einige, die sehr hoffnungsvoll waren. Ein Jahr vorher in Berlin haben wir den Staatsvertrag auch schon fast in der Hand gehabt. Nur haben da noch die Sowjets darauf bestanden, dass sie mit einem kleinen Kontingent im Land bleiben. Und jetzt das? Das kann nicht wahr sein! Sagt er: „Du kannst dich drauf verlassen, es stimmt.“
Daraufhin rufe ich den Dichand an: „Machen wir ein Extrablatt!“ – „Sofort ein Extrablatt! Ruf den Herausgeber Ludwig Polsterer an.“ Sagt der, ja, einverstanden, Extrablatt. Wir rufen die Leute in der Setzerei zusammen, dort war ja keiner mehr, der „Kurier“ ist zu Mittag erschienen und wurde in der Früh gemacht. Die Setzer hatten aber ein gutes Alarmsystem und wir haben eine einblättrige Zeitung produziert mit großen Headlines: „Österreich wird frei! Der Staatsvertrag wird abgeschlossen!“ Alles hat sich überstürzt. Nur hatten wir am Abend um sieben Uhr keine Kolporteure! Was machen wir jetzt?
Da habe ich gesagt: „Die ganze Redaktion, jeder nimmt sich einen Schüppel Extrablätter unter den Arm und wir laufen überall in die Stadt und schreien: ‚Österreich wird frei. Der Staatsvertrag wird abgeschlossen!‘ So bringen wir das unter die Leute.“ Der Dichand und ich nehmen uns jeder einen Schüppel Zeitungen in die Hand und laufen auf die Kärntner Straße. „Du läufst links, ich laufe rechts.“ Auf beiden Seiten der Kärntner Straße: „Österreich wird frei!“ Aber die Leute haben nur gelacht: „Wen haltet ihr denn zum Narren? Seid ihr blöd! Schleichts euch mit dem Schmäh!“ Niemand hat es geglaubt. „50 Groschen? Das ist nicht einmal 50 Groschen wert. Behaltet euch das Kasblattl!“ Da habe ich gesagt: „Wir schenken es her.“ Und wir haben es verschenkt. Aber niemand hat es geglaubt.
Am nächsten Tag wurde es dann allgemein bekannt, aber der Erich Haider hat seine Entlassung riskiert, als er mir das aus Moskau noch vor dem ÖVP-Pressedienst durchgegeben hat. Er hat sich gedacht: Der „Kurier“ erscheint ohnehin erst zu Mittag, da braucht’s keine Sperrfrist …
Drei Jahre danach löst Hugo Portisch, der Journalist mit den guten Kontakten, Hans Dichand als Chefredakteur ab. Da ist er 31 Jahre jung.