Kitabı oxu: «Telefónica»
ILSA BAREA-KULCSAR
TELEFÓNICA
ROMAN
Herausgegeben und mit einem
Nachwort versehen von Georg Pichler
EDITION ATELIER WIEN
INHALT
Statt einer Widmung
Telefónica
Madrid, Herbst 1936
Nachwort
Anmerkungen
STATT EINER WIDMUNG
Ich habe eben den Zeitungsbericht von der Übergabe Madrids gelesen. Die Truppen des Generals Franco sind in die Stadt eingezogen. Die Frauen und Kinder in den Straßen haben die Soldaten um Brot, die Männer haben sie um Zigaretten angebettelt. Die Fahne des nationalistischen Spanien wurde auf der Spitze des Telephongebäudes gehißt, jenes Wolkenkratzers, der in den Jahren der Belagerung am meisten beschossen und bombardiert wurde … So ähnlich lautete die karge Meldung.
Vor meinem Zimmer ist ein grüner Rasen, den feiner weicher Nebel einzuhüllen beginnt. Auf dem Zaun sitzt eine Drossel. In der Hecke lärmt ein Chor von kleinen Vögeln. Die gelben Kelche der Märzbecher schwanken leise. Ich bin in England. Aber lauter als das Summen des feuchten Holzes im Kamin ist das Surren von Flugzeugmotoren. Drei schwarze Vögel ziehen langsam und niedrig den friedlichen Horizont entlang. Übungsflugzeuge oder Luftwache? Sie haben hier Zeit, ihre Flieger auszubilden, weil Madrid sich erst gestern ergeben hat, nicht vor zweieinhalb Jahren.
Bald wird man nicht mehr verstehen, wie es war. Es werden die Legenden entstehen und die lebenden oder die nun schon toten Menschen verdecken, die sich nicht fügen wollten und die sich nicht ergaben, weil sie es nicht für recht hielten. Ich habe in jenen Monaten in der Telefónica von Madrid gelebt. Ich will versuchen, diese Menschen – nicht die aktenmäßige, sondern die innere Wahrheit von uns allen – in einem Buch leben zu machen, so wie sie mich heute beherrschen: es ist deshalb für mich sinnlos, ihnen das Buch zu widmen.

Die häßlichen Häuser Madrids verwandeln sich in eine wunderbare Stadt, wenn der leuchtende Abend sie als phantastische Blöcke vor den dämmerigen Hügeln aufschimmern läßt, oder wenn die weiße Mittagssonne sie als grelle, glatte Flächen mit schmalen Schattenkanten auf eine tief und dunkelblau flimmernde Himmelsglocke malt.
Dann verliert der amerikanische Wolkenkratzer der Telefónica seine kleinlichen Simse und Türmchen und wird zum Festungsturm dieser traumhaften Stadt.
Die Telefónica war der Wachtturm und das Wahrzeichen Madrids in jenen ersten Belagerungsmonaten, als die Menschen über alle die kleinen Ängste und kleinen Tapferkeiten ihrer Einzelleben hinaus zu einem kämpfenden Volk verwuchsen. Diese Gemeinschaft auf Leben und Sterben, der sich keiner entziehen konnte, war sehr dicht und warm innerhalb der hohen Betonmauern der Telefónica, denn die dort arbeiteten und lebten, fühlten sich auf Vorposten des Todes. Und doch starb keiner in diesen Monaten im Gebäude der Telefónica von Madrid und das Haus selbst lebte weiter, mit hundert Granatlöchern im Leibe.
Seine Fenster blickten auf die Front. Zu seinen Füßen lagen Sandsäcke. Und vom Turm der Telefónica sahen wir an den Abenden, bevor die Dunkelheit ohne Lichter kam und das Nachtgefecht begann, unser zerquältes, zerkämpftes Madrid als körperlose, zeitlose Festung leuchten.
Ilsa Barea
Hertfordshire, 29. März 1939
TELEFÓNICA
Erster Teil
I.
»Ist es wahr, daß man nicht mehr getroffen werden kann, wenn man die Granate pfeifen hört?« fragte Johnson.
Er ging mit Simms und Warner durch die Calle de Alcalá mit dem Gefühl, ein unerforschtes Dschungel zu durchqueren. Es war der 16. Dezember 1936. Er war in Madrid und man erwartete in seiner Redaktion von ihm, eine Serie von Berichten über die Verteidigung und bevorstehende Eroberung der Stadt zu erhalten. Vor fünf Tagen war er noch in London gewesen; das schien ihm phantastisch.
»Ja, es ist wahr«, antwortete ihm der kleine Warner, der sich selbst mit Vorliebe an dieses Stück Beruhigung klammerte. »Ich hoffe es wenigstens.« Das Mausgesicht mit den lebhaften Augen war erfüllt von innerer Spannung, alle Muskeln spielten unter der Haut: Warner war schon drei Monate als Kriegsberichterstatter in Madrid.
Von irgendwoher kam ein dumpfer Krach.
»Das ist Richtung Plaza de Callao«, sagte Simms, der seit fünf Jahren in Madrid lebte und jede Gasse kannte und liebte. »Klingt wie großes Kaliber … Nein, das mit dem Pfeifen ist eine Legende. Man kann sich auf nichts verlassen. Man weiß nie, ob es einen erwischt oder nicht.«
Sie gingen schweigend weiter.
»War das jetzt eine Granate?« fragte Johnson. Sein feines Intellektuellengesicht unter dem strohblonden Haar drückte nur Neugier aus, aber innerlich fragte er sich völlig ratlos: »In was für eine Welt bin ich geraten?«
Warner hatte es für eine Granate gehalten, aber er zog es vor, zu sagen: »Nein. Übrigens, wenn Sie eine Explosion in der Nähe hören, werfen Sie sich auf den Boden, Johnson.«
»Das haben mir jetzt schon alle Leute gesagt. Ich glaube, ich werde auf diese Art meinen Anzug ruinieren«, sagte Johnson. Was für eine Pose, das zu sagen, dachte er, und fügte laut hinzu: »Na, es ist mein erster Tag in Madrid.«
Sie bogen in die Gran Vía ein.
»Dort ist die Telefónica«, sagte der kleine Warner. »Sie wissen, die Telephonzentrale. Gehört den Amerikanern, jetzt ist sie von der Republik angefordert und unter die Kontrolle der Militärbehörden gestellt worden. Schauen Sie das Haus gut an, Johnson, dort werden Sie von jetzt an den Hauptteil Ihrer Zeit verbringen. Die Presse und die Zensur sind dort zu Hause. Es ist das höchste Haus von Madrid und die beste Zielscheibe für die Nationalisten.«
Johnson betrachtete den großen weißen Block mit den konventionellen Türmchen auf dem Sims des Daches.
»Warum arbeitet die Presse dort, wenn das Haus so gefährdet ist?« fragte er und dachte an seine Freundin Anita, die seit heute in diesem Gebäude zu sitzen hatte, als Zensor – unangenehmer Beruf! –, als Zielscheibe.
»Wir können nur von dort aus mit dem Ausland telephonieren«, erklärte Simms, der, schweigsam wie immer, mit langen, ruhigen Schritten an Johnsons Seite ging. »Deshalb hat man uns ein Arbeitszimmer eingerichtet. Das ist immerhin noch sicherer, als mit jeder einzelnen Nachricht durch diese Straße zu gehen. Es ist kein angenehmer Weg.«
»Die Telefónica ist außerdem der Beobachtungsposten für den Generalstab«, sagte Warner, der immer das Bestreben hatte, sich als gut informiert zu zeigen, gerade weil ihn die Kollegen wegen seiner Jugend nicht recht für voll nahmen. »Wenn man aufpaßt, was im Hause vorgeht, kann man allerlei erraten. Nur ist die Zensur dumm und die Anarchisten verrückt vor Spitzelfurcht.«
Ein feines, langgezogenes Pfeifen: die drei spannten alle Nerven an, um auf die Explosion vorbereitet zu sein.
Es kam keine Explosion. Nur ein dumpfer Schlag. Eine leichte Staubwolke stob aus einem der gegenüberliegenden Dächer.
»Blindgänger«, konstatierte Simms. »Sonst wäre es für uns nicht vorteilhaft gewesen. Die Granatsplitter fliegen weit.«
Der kleine Warner war etwas rot im Gesicht. »Ich bin immer froh, wenn ich diesen Weg hinter mir habe«, sagte er.
Johnson schüttelte sich wie ein Hund, der aus dem Wasser kommt. Er sah die Vorübergehenden an – Soldaten. In zusammengestoppelten Uniformen, Mädchen auf hohen Stöckeln, mit komplizierten Lockenfrisuren und grell geschminkten Lippen – und fragte: »Gewöhnt man sich daran?«
»So schlimm ist es erst seit acht Tagen, seit dem 7. November. Ich weiß es noch nicht«, antwortete Simms, dessen hageres Gesicht mit den unerwartet dunklen Augen gleichmütig geblieben war.
»Habt ihr Angst?« bohrte Johnson. Er wollte diese merkwürdige Luft verstehen.
»Jeder hat Angst!« rief Warner. »Sie werden schon merken, was Madrid ist – wenn Franco Ihnen Zeit dazu läßt. Am ersten Tag ist jeder nur verblüfft, später kommt der Ernst.«
»Gehen wir lieber rasch«, sagte Simms.
Die Explosion kam unerwartet, von keinem Pfeifen angekündigt. Zuerst etwas wie ein Schlag, dann der Krach selbst und der Luftdruck und das Klirren von Glas und das Fallen von Steinsplittern. Jeder fühlte den Schlag am eigenen Körper, fühlte das Herz im Leibe beben und fühlte das Gehirn stocken, auf das Unbekannte wartend.
Warner warf sich zu Boden, Simms drückte sich in eine Ladentür. Johnson fand sich allein, mit klopfendem Puls und einem saugenden Gefühl in der Magengrube, allein mitten auf einem plötzlich leeren Gehsteig. Dreißig Meter weiter weg rollte eine träge schwarze Wolke auf der Straße, breitete sich aus und verdünnte sich zu grauem Rauch.
»Das also war eine Granate«, sagte er sich laut vor. Durch den grauen Rauch sah er dunkle Figuren sich bewegen. Von irgendwoher, aus allen Haustoren kamen Menschen und gingen eilig weiter. Er hörte Rufe, die er nicht verstand, und kam sich todeinsam vor.
»Meine Feuertaufe als Kriegsberichterstatter«, sagte er mit erstauntem Augenausdruck zu Johnson. »Ich habe nicht viel Angst gehabt.«
»Schnell, jetzt haben wir vielleicht ein paar Minuten Zeit«, antwortete der andere nur. Warner eilte ihnen schon voraus.
»Ist das alle Tage so? Wie halten das die Leute aus?« fragte Johnson etwas außer Atem.
»Man hält es aus.« Simms, groß, mit langen, hageren Gliedmaßen, machte gleichmäßige, gemessene Laufschritte und sprach dabei ganz ohne Hast. »Wir sind hier für Zeitungen. Die Spanier für ihr Leben.«
Giftiger Qualm hing noch immer in der Luft; die Abenddämmerung hatte die Straße mit einem nebelhaften Grau erfüllt; alles schien wie in einem bösen Traum.
»Hier ist jemand getroffen worden!« rief Warner, der stehengeblieben war. Neben dem lichten Fleck im Straßenpflaster, wo der Stein aufgerissen war, stand eine kleine, dunkle Lache.
»Steigt nicht hinein, mir ist es einmal passiert und es hat mich ganz krank gemacht«, sagte Warner leise.
»Wie weit ist es zur Telefónica?«
»Ein paar Minuten. Ein paar hundert Meter. Das ist weit. Gehen wir«, antwortete Simms.
Sie gingen langsamer als vorher, nicht rascher. Johnson stellte es fest. Wollen wir uns beweisen, daß wir keine Angst haben? fragte er sich und meinte dann: »Material für meinen ersten Artikel aus Madrid. Eine andere Welt.«
»Eine fremde Welt«, sagte Warner. »Wir verstehen sie nie ganz. Vor acht Tagen haben wir gewettet, daß Madrid über Nacht fallen wird. An den Sieg können sie nicht glauben, warum machen denn diese Leute nicht Schluß?«
»Kommen Sie, Johnson, trinken Sie einen Whisky!« Simms ging den beiden voraus in die menschenerfüllte Bar des Hotels Gran Vía. »Trinken Sie eins auf das Wohl der Telefónica, daß sie nicht zu oft getroffen wird.«
Den halbrunden Bartisch entlang saßen lärmende Soldaten und ein paar Mädchen, nicht sehr hübsch, zu geschminkt, dachte Johnson. Er hörte ein Rattern und wusste nicht, ob es ein Maschinengewehr oder ein Motorrad sei. Niemand drehte sich um. Nur Simms fing den fragenden Blick auf und sagte: »Das ist die Front. Anderthalb Kilometer straßenabwärts. Wenn nicht schon weniger. Aber heute ist ein stiller Tag.«
»Stiller Tag, stiller Tag, im Westen nichts Neues«, sagte Johnson. »Ich glaube, im Krieg ist die ganze Welt etwas verrückt. Das ist heute also ein stiller Tag, zu meinem Empfang in Madrid. Ich beginne Spanisch zu lernen.«
Sie tranken. Alle die anderen auf den hohen Barschemeln tranken Wein. Sie machten viel Lärm; Johnson ärgerte sich, so gar nichts zu verstehen, und hatte einen Anfall von Unwillen gegen diese unverständlichen fremden Menschen.
»Wie erfährt man die offiziellen Nachrichten?« fragte er.
»Am besten, man geht in die Telefónica und macht dann einen Spaziergang an die Front. Aber da steckt die eigentliche Sensation, Johnson, in diesen Leuten und in diesen Straßen hinter der Front.« Simms wurde einen Moment lebhaft. »Und in der Telefónica.«
»Laufen wir über die Straße, bevor die Batterie wieder schießt. Habt ihr nicht die letzten Krache gehört, gerade jetzt?« schrie Warner durch den Lärm. Er hatte sich in die Tür gestellt und kam hastig an den Bartisch zurück.
Sie waren schon auf der Straße und kreuzten sie eilig. »Ich habe nichts gehört, ich kenne die Kriegsgeräusche noch nicht gut genug«, sagte Johnson halb entschuldigend. »Ist denn immer eine solche Pause zwischen den Schüssen?«
»Wir ziehen vor, es anzunehmen«, gab Simms trocken zur Antwort.
Von einer Sekunde zur anderen wurde der Nebel dichter. »In der Dunkelheit schießen sie nicht mehr viel, nur einzelne Versuchsschüsse«, sagte Simms, als sie schon die hohe, glatte Front der Telefónica entlanggingen und um die Ecke bogen.
Autos in einer engen Straße, viele Menschen auf dem Gehsteig, ein Wachtposten, eine kleine Tür in einem gewaltigen Portal: sie traten in die Halle der Telefónica.
»Wir sind zu Hause«, sagte Simms. Er erklärte einem derben, unfreundlichen Mann mit schwerem Unterkiefer und platter Nase etwas auf Spanisch. »Das ist ein anarchistischer Kontrollfunktionär, er untersucht alle, die hereinkommen, auf Waffen. Aber wir sind Presseleute, ich habe Sie legitimiert, Johnson.«
Unter einem dumpfen Schlag klirrten die Scheiben der Glastür und schütterten leise die Wände. Die vielen Menschen, Männer, Frauen und Kinder, in der zugigen Halle sprachen wirr durcheinander. Aber weiter geschah nichts, als daß ein Mann ans Haustelephon trat und ein Gespräch führte.
»Nur das Sims des Daches«, erklärte Simms, der gelauscht hatte.
»Ist unser Haus getroffen worden?« fragte Johnson. Er sah von einem spanischen Gesicht zum anderen und verstand nichts, was er sah. Wie lebte man in diesem Hause?
Es ist eine andere Welt, gab er sich selbst zur Antwort.
II.
Es war eine feuchte, frostige Nacht ohne Mond und Sterne. Der Nebel des Abends hatte sich gehoben, aber die Luft blieb von ihm durchtränkt und gefärbt.
Im Zimmer des Kommandanten der Telefónica brannte kein Licht, denn das Fenster stand offen. Agustín Sánchez beugte sich über die Brüstung und versuchte, in die Gran Vía hinunterzublicken. Die breite Straßenschlucht war von einem so undurchdringlichen Dunkel erfüllt, daß er sich daran wie an einem festen Körper anzulehnen glaubte.
Von der nächstliegenden Front kamen in kurzen Abständen die Peitschenknalle der Gewehre. Munitionsverschwendung, Nervosität, dachte er. Die Nachrichten klangen böse, sie waren sehr unbestimmt. Er hätte nicht telephonieren, sondern selbst ins Kriegsministerium fahren sollen. Heute war ein relativ stiller Tag, er konnte also nicht erwarten, daß der General hierherkäme. Und er würde die Nacht durcharbeiten und seine kurzen Schlafpausen einschalten müssen, ohne genau zu wissen, wie es stand und wie weit der Feind nähergerückt war. Es war eigentlich ganz günstig, daß er keine Zeit zum Schlafen hatte; denn die Ungewißheit ließ immer den Pessimismus in ihm hochkommen, und ihn hätte im Bett der Alpdruck gequält. Wenn er das Schlimmste wußte und sah, daß es nicht so schlimm war wie seine geheimen Ängste, stieg in ihm eine fast fröhliche Tapferkeit hoch, die die anderen dann nicht recht verstanden und für besonderen Mut ansahen. Vielleicht ging es ihm heute auch so, wäre er nur zum Generalstab gefahren und wüßte nun, warum es so still an der Front war, statt daran herumzurätseln.
Und doch, selbst wenn er über einige wirklich freie Stunden verfügt hätte, selbst wenn er nicht der Gefangene dieses Dienstes gewesen wäre, er hätte das Gebäude der Telefónica nicht verlassen mögen. Hier waren ihm die Stiegen selbst in der Dunkelheit vertraut. Hier wäre er schon längst um die Ecke gebracht worden, hätte einer der vielen hundert Arbeiter und Angestellten im Hause die Gelegenheit ausnutzen wollen: also – hier war er sicher. Hier war die Arbeit, die ihm die Vernunft rettete. Draußen sprangen ihn die Angst und die Wut an, seine Stadt war ihm fremd, die Menschen unverständlich geworden.
Es ist alles ein Wahnsinn, dachte er, und wahrscheinlich gehen wir alle zugrunde. Aber die anderen auch. Wozu arbeite ich wie ein Narr, warum nehme ich nicht meinen Revolver und schieße ein paar Schweine nieder, bevor alles zu Ende ist? Meine alte feige Angst vor dem Blutvergießen. Was für ein Verbrechen ist das Ganze und wie schön könnte doch alles sein.
Ach, Dreck und Scheiße, da mache ich mir Gedanken, damit ich mir zuhören kann, aber es ist doch alles anders und viel schwerer, ich verstehe nichts mehr ganz, da muß man doch auf seine Gedanken aufpassen. Ich bin nur so müde. Die vom Arbeiterrat werden mir noch zu schaffen geben. Ja und nein, was soll ich eigentlich mit ihnen tun, sie haben vielleicht recht. Aber immer diese Anarchisten und Kommunisten. Haben sie keine anderen Sorgen? Ich hab’ sie. Ich weiß zu gut, wo die neue Batterie steht, die sich auf uns eingeschossen hat.
Das war ein schönes Schrapnell. Wie eine Rose.
Die Paquita wird doch hoffentlich nicht gemerkt haben, daß ich für eine halbe Stunde frei bin. Sie soll nicht heraufkommen. Es steht nicht dafür. Ich mag nicht. Ich hab’ Arbeit.
Die Kleine im Keller bei den Flüchtlingen aus Carabanchel hat gute Brüste; wie die Spitzen stehen – sie ist sicher läufig. Aber ich mag nicht. Ich weiß überhaupt nicht, was mit mir ist. Ich möchte mit einer schlafen gehen, aber mein Gehirn will nicht und so hab’ ich dann keine Lust. Das ist alles nicht so wichtig. Aber vier Wochen. So lange war ich niemals ohne Frau seit damals, als ich die Lungenentzündung hatte. Die Paquita ist ein Luder, sie macht mir’s absichtlich schwer. Und seit heute die Pepita im Haus – ich hätte nicht erlauben sollen, daß sie in die Telefónica kommt. Es ist bei ihr die reine Hysterie. Aber was hätte ich tun sollen?
Heute schießen sie unregelmäßig. Viele Schrapnells, das heißt, daß sie sich einschießen. Das dort war besser gezielt – wenn sie uns treffen wollen.
Ich sollte hinuntergehen und nachsehen, wie es sich die Pepita mit den Kindern eingerichtet hat. Sicher schlecht, wie immer. Aber ich kann da nichts mehr machen. Und ich will nicht, daß sie sich mir wieder an den Hals hängt. Es regt sie noch mehr auf und ich will doch nicht mehr. Die Weiber müßten doch endlich verstehen, daß ich nicht kann und nicht will und daß Krieg ist. Es ist zwar eine Ausrede von mir. Oder nein? Ich weiß nichts mehr, ich verstehe nichts mehr, ich weiß nicht, was mein Leben werden soll. Aber das ist egal, wir werden ja doch alle umkommen.
»Wir werden alle sterben«, sagte Agustín laut und lachte. Denn vor dem Tod hatte er nie Angst, nur vor dem Schmerz und vor dem Schmutz.
Er hatte heute vierzehn Stunden intensivster Arbeit hinter sich. Er hatte endlose Arbeit vor sich, nicht viel davon an seinen Stellvertreter übertragbar. Die ganze Militärverwaltung der Telefónica lag in seinen Händen, solange sein Vorgesetzter, der Oberst, in Valencia blieb. Agustín begann eben zu verstehen, wie groß seine Verantwortung war. Diese Telephondrähte waren die einzigen Fäden, die vom belagerten Madrid zur Außenwelt führten. Immer war Sabotage möglich. Im obersten Stock des Hauses hatte der Generalstab seinen zentralen Beobachtungsposten. Immer war Spionage möglich. Sabotage und Spionage: alle Funktionäre in der Telefónica waren von der Furcht vor diesen zwei unbekannten Größen beherrscht.
Die Telefónica hatte dreizehn Stockwerke und zwei Kellergeschosse. Zutiefst unter der Erde waren die Flüchtlinge aus den Außenbezirken und Umgebungsdörfern Madrids. Im dreizehnten Stock war der Artilleriebeobachtungsposten. Dazwischen, in die Räume von zwölf Stockwerken zusammengepreßt, die Maschinerie des Telephonnetzes für ganz Spanien und zugleich ein Querschnitt durch das Madrid der Belagerung: andere Flüchtlinge; Arbeiter; Polizisten; Milizposten; Erste-Hilfe-Station; Beamte; von jedem Verkehr ängstlich abgesperrt, die Beobachtungsoffiziere des Generalstabes; als Fremdkörper, isoliert, die Funktionäre der amerikanischen Kapitalisten, denen die Telefónica und das Telephonmonopol in Spanien gehörten, derzeit entmachtet durch die Staatskontrolle; das Militärbüro, oberste Verwaltungsinstanz des Gebäudes, in dem nur Agustín saß; eine Ausspeisungshalle; Notbetten in allen möglichen Räumen für die Leute vom Nachtdienst; ein Heer von Telephonisten, die zum Teil im Hause schliefen, um nicht im Granatenregen von und zur Arbeit gehen zu müßen; im vierten Stock die Journalisten der ausländischen Presse; im fünften die Pressezensur, Abteilung des Außenministeriums, und die Horchzensur, Komitee der Telefónica-Beamten; dazwischen Maschinen und wieder Maschinen, kostbar und fast unersetzlich; dann die Gewerkschaftsräume, der Arbeiterrat – Consejo Obrero – und dessen Institutionen; die Plakate der Organisation; die Materialien für die Reparaturen; das technische Leben, das politische Leben, das militärische Leben, Schreibmaschinen und Scherenfernrohre. Und, durch den Bau quer durch, die fünf gewaltigen Fahrstuhlschächte und die enge, bei Panik so gefährliche Wendeltreppe. Das alles war nun der Zielpunkt für die Kanonen und die Fliegerbomben der Faschisten.
Sie haben recht, wenn sie uns zerstören wollen, dachte Agustín. Wir sind eines der Nervenzentren von Madrid. Das Kleinhirn. Obwohl sich die Herren Journalisten wahrscheinlich als das Großhirn vorkommen. Lächerliche, eitle Bande: man läßt ihnen zu viel Freiheit. Was haben sie auf unsere Kosten Sensationen zu verkaufen? Sie sind alle gleich, diese Ausländer, alles nur Geschäft. Die Zensur taugt nichts. Es ist freilich auch ein widerliches Geschäft. Wie heißt doch der kleine, ölige Zensor mit der Zahnlücke, der paßt dazu. Der Chef ist ein braver, alter Mann, aber er ist zu gut. Die Korrespondenten machen mit ihm, was sie wollen. Ich werde ein wenig eingreifen. Die Abhörzensoren sind Esel. Sie verstehen die Hälfte aller Sachen nicht und kommen mir immer mit Verdacht, wenn die Geschichte harmlos ist. Natürlich übersehen sie alles Gefährliche.
Ich bin wieder normal, dachte Agustín. Wenn mir nicht die Weibergeschichten den Kopf heiß machen und wenn es mir gelingt, nicht daran zu denken, was das alles bedeutet, werde ich heute Nacht gar nicht schlecht arbeiten.
Er schloß das Fenster und spannte sorgfältig den schwarzen Baumwollstoff des Vorhanges aus, ehe er die schwache, blauverhüllte Tischlampe anzündete. Sein Telephon klingelte: der Gebäudearchitekt hatte mit ihm über die Adaptierung der Waschräume für die Flüchtlinge zu reden.
Er wollte eben eine Besprechung für morgen Vormittag festlegen, da kam, ohne anzuklopfen und ohne zu grüßen, Paquita ins Zimmer. Er nickte ihr zu und stellte aufs Geratewohl eine technische Frage in das Telephon hinein, ohne nachzudenken. Er war damit beschäftigt, sich die unvermeidlich kommende Szene auszumalen; er – überbeschäftigt und freundlich, sie – eindringlich und hemmungslos. So leidenschaftlich, daß er beinahe nachgeben würde und doch zu tiefe Abwehr empfinden würde. Eine stumpfe Müdigkeit lähmte ihn. Nur vermeiden, daß etwas geschieht, so oder so. Irgendetwas müßte sich ändern, ja, aber wie oder wann wollte er jetzt nicht wissen.
Die Stimme des Architekten im Apparat klang erstaunt. Comandante Sánchez war doch sonst immer so erfreulich klar in technischen Angelegenheiten. Er begann überdeutlich zu erklären.
Währenddessen schritt Paquita durch das Zimmer. Sie ging bewußt langsam aus den Hüften schreitend, wie immer, seitdem sie Agustín entlockt hatte, daß ihn an ihr der klare Schwung der Hüftlinie erfreute und dieser Gang reizte. Mit ihrem Gesicht – großlinig, fleischig und regelmäßig, mit weit offenen, sehr gewölbten Augen – konnte sie nicht so viel anfangen, das wußte sie. Agustín sollte ihren Körper sehen, sollte ihn betrachten. Warum hatte er ein so märtyrerhaft gequältes Gesicht, mit gespannten Nasenflügeln, engen Schatten unter den Backenknochen und an den Schläfen und einen strengen Mund?
Er setzte sich in den Armsessel, der ihm wie eine Barrikade gegen Paquita vorkam: er war aus schwerfällig geschnitztem Holz und machte jedes Anschmiegen unmöglich. Aber er folgte ihr doch mit den Augen. Sie bemerkte es und ging rund um das Zimmer herum, den Wänden entlang, die Bücher betastend und immer einen Fuß knapp vor den anderen setzend. Das ließ die Schwungbewegung schön fließen. Und das kümmerliche Licht dämpfte die kühne Derbheit ihrer Züge.
Agustín lachte etwas höhnisch, aber die Sehnen seines hageren, eckigen Kinnes spannten sich. Er rief plötzlich in den Apparat hinein: »Am besten, Sie kommen einen Sprung herauf, aber sofort. Dann habe ich noch Zeit, mit Ihnen in die Souterrains zu gehen, bevor die Konferenz mit Valencia fällig ist.« Dann hängte er ab.
Paquita lehnte sich an den Bücherschrank und sagte: »Ach, da wird sich deine Gemahlin freuen, wenn du sie besuchst. Wenigstens muß sie dann nicht später in der Nacht heraufkommen, um Geld zu holen. Und nach der Konferenz hast du Zeit, im kleinen Salon zu schlafen. Ich habe nur bis zwei Uhr Nachtdienst. Dann komm ich zu dir, ja?«
Sie war sehr direkt, denn sie wußte, daß sie wenig Zeit zur Unterredung hatte, und sie spürte seit Tagen, wie Agustín ihr entglitt. In Wahrheit hatte sie es schon seit einem halben Jahr gespürt und mit ihren Mitteln bekämpft. Aber seit einem Monat war es ernst. So lange war er nicht mit ihr ins Bett gegangen. Freilich, auch mit keiner anderen; sie konnte sein Leben sehr genau kontrollieren. Er behauptete, daß er jetzt kein Privatleben haben könne. Aber sie glaubte es ihm nicht, denn die meisten Männer ringsherum verbrauchten im Krieg mehr Frauen, weil sie das Leben noch ausnützen wollten. Daß Agustín seit heute die Pepa, seine Frau, im Haus hatte, war ein Grund mehr, ihn sich bald zu holen, sonst würde er es am Ende mit der Pepa tun. In seinem Hunger. Denn er war hungrig nach einer Frau, das sah sie, sie hatte scharfe Augen: er hatte sicherlich das Feuer im Leib genauso wie sie, Paquita. Oder er würde mit einem der vielen Mädchen im Haus gehen. Sie wollten alle, die kleinen Huren. Aber sie selbst hatte einen Vorteil; mit ihr sprach er immer wieder, mit den anderen nicht. Merkwürdig, wieviel ihm das zu bedeuten schien, dieses Reden und Verstandenwerden, und dabei war es doch so nebensächlich. Aber so war er, also ihn zum Reden bringen, bevor der verdammte Architekt kommt. Denn noch hatte er sie nicht für diese Nacht zu sich gerufen.
Sie unterbrach das Schweigen mit ihrer heiseren, tiefen Stimme: »Tinito, bist du sehr müde? Oder ärgerst du dich, weil diese Herren in Valencia die Ersatzteile nicht schicken? Oder was ist los?«
Agustín war sich klar darüber, daß er viel zuviel mit Paquita sprach, ihr zuviel erzählte. Aber sie war doch seine Bürotelephonistin gewesen; sie wußte viel von ihm und über ihn, und sie interessierte sich für seine Angelegenheiten. Das Gegenteil seiner Frau. Und dann liebte ihn Paquita sehr, sagte er sich.
Er antwortete ihr nur: »Laß das, Kindchen.« Sie ging sofort dicht zu ihm, denn seine Stimme war nicht zurückhaltend wie sonst. »Weißt du, daß wir heute wieder zweihundert Meter in der Casa de Campo zurückgehen mußten? Ich verstehe die ganze Frontlinie nicht mehr, sie geht im Zickzack. Sie haben uns viele Keilspitzen in die Stellungen getrieben. Und ich hab’ Angst, daß sie uns ganz abschneiden.«
Ich sollte ihr das nicht sagen, dachte er gleichzeitig. Aber ich bin so müde. Man kann nicht immer allein sein. Vielleicht gehe ich doch heute mit ihr in den kleinen Salon. Irgendeinmal wird einen ja doch eine Granate erwischen, und man ist ein Bündel Fleischfetzen. Sie denkt wenigstens an mich, sie hat nur mich. Man soll wenigstens nicht schlecht zu anderen sein. Die Kinder – ich mag nicht daran denken, was die Pepita aus meinem Leben gemacht hat.
Er ließ zu, daß sie ihm die Haare streichelte; das mochte er sonst nicht recht, weil sie es stets mit Besitzergeste tat. Paquita sah sein Nachgeben. Sie hatte ihre Chance. Aber sie hatte keine Ahnung vom inneren Wesen des Mannes, mit dem sie durch drei Jahre geschlafen, den sie fünf Jahre lang zum vertraulichen Reden gebracht hatte. Sie hielt ihr Beisammensein in dieser Nacht für eine gesicherte Angelegenheit, wenn sie ihn noch mehr ins Feuer setzen konnte, und gleichzeitig wollte sie seine Stimmung sofort auch für ihr nächstes Ziel ausnützen:
»Tinito«, sagte sie, »du machst hier nur den Narren für die großen Herren: du sitzt in der Rattenfalle und sie in der Sicherheit. Ich habe keine Lust, in Madrid zu verhungern, wenn sie uns abschneiden. Du hast schon genug geopfert. Du kannst erreichen, daß man dich versetzt. Gehen wir nach Alicante, du, dann können wir es gut haben.«
Sie ließ ihre Hand von seinem Scheitel hinabgleiten und begann, ihm vom Knie aufwärts über die Innenfläche des Schenkels zu streichen.
Agustín hatte plötzlich eine große Leere im Magen. Seine Müdigkeit schlug in jähen Ekel um. Nicht so interessiert, mein Kind, ich merke es nicht gern, daß man mich verführen will, dachte er. Er nahm ihre Hand mit einem sachlichen und gleichgültigen Druck, hob sie von seinem Körper weg und legte sie auf die Tischplatte wie ein totes Ding. Einen Augenblick lang war er nahe daran, ihr zu sagen, daß sie offenbar nie verstanden hätte, wie er Madrid empfand und wie diesen Krieg, und warum er hierbleiben mußte, den Tod erwartend. Aber da stieg ihm mit der nüchternsten Klarheit die Erkenntnis auf, daß er hier jahrelang nicht mit einem Menschen, sondern nur zu einem Menschen gesprochen hatte. Daß er eine Verständnisunfähigkeit übersehen hatte, weil sie nicht auf große Proben gestellt worden war. Daß er die Illusion dieser Gemeinschaft nie mehr wiederherstellen würde können.
In der Telefónica kann man schlechter lügen und schwindeln als im normalen Leben, ging es ihm durch den Kopf, aber der Gedanke kam ihm kindisch vor.
»Geh jetzt, Paquita, du hast bald Dienst. Ich werde morgen mit dir Kaffee trinken gehen, wenn ich Zeit dafür habe«, sagte er so kühl, daß sie auffuhr und die Sturzwelle einer verzweifelten Wut ihr Gehirn überschwemmte. Er sah die Explosion kommen, stand auf und ging an ihr vorbei zur Tür, ehe sie in jenes intensive Weinen ausbrechen konnte, das ihm so verhaßt war. Im Vorsaal blieb er bei der Ordonnanz stehen, bis Paquita das Zimmer verließ und den Gang hinabschritt, ohne ihn anzusehen, die schönen Hüften allzu heftig schwingend.
Die Zeit war richtig bemessen gewesen. Der Architekt kam eben aus dem Lift heraus und Agustín nahm ihn herzlich beim Arm. Er mußte nichts verdrängen. Seine wirren Privatkonflikte waren ihm unwirklicher und fremder als die Massennot der vierhundert Frauen, Kinder, Kranken, Greise, die er nun bombensicher unterbringen sollte, nachdem sie den Moros entronnen waren.
III.
Im achten Stock schlug um acht Uhr abends eine Granate ein. Sie war nicht der Rede wert; eine 7,5-Zentimeter. Sie traf das Fenstersims in der Vorderfont und explodierte dort. Zement- und Holzsplitter flogen ins Zimmer, zugleich mit der zerbrochenen Fensterscheibe, zugleich mit den Sprengstücken, von denen sich einige in die gegenüberliegende Wand bohrten, andere in die dicken Eichenschränke drangen, viele ohne Durchschlagskraft auf den Boden fielen. Das Zimmer war einer der unzähligen, nun unbenützten Verwaltungsräume, die jetzt leer standen; also an sich eine uninteressante Granate.
Der Vertrauensmann des Stockwerkes besichtigte den Schaden. Er stellte zwei nicht unwichtige Details fest, die ihm erlaubten, eine Änderung des Schußwinkels der Batterie oder die Aufstellung einer neuen Batterie anzunehmen. »Das ist die linke Seite des Fensterrahmens«, sagte er zu seiner Ordonnanz, »sie haben die Richtung geändert. Aber was fällt ihnen ein, jetzt so spät eine einzelne Granate abzuschießen. Besser, ich melde es dem Comandante.«
Manuel García war erst seit wenigen Tagen Responsable, Verantwortlicher. Er gehört zu den Vorarbeitern der Reparaturkolonne. Aber sie hatten seit dem 6. November keinen Außendienst gemacht. Das wenige Material, das in Madrid vorhanden war, wurde von den militärischen Linien und den neuerrichteten Telephonzentralen der Kriegsbehörden aufgebraucht. Manuels Gruppe von Elektrikern und Mechanikern, die den Reparaturdienst am Telephonnetz der Hauptstadt selbst zu versehen hatte, wartete vergebens auf eine Materialzusendung. Derzeit war es immerhin noch möglich, diesen Dienst durch Kunststücke der Linienkombination und Umschaltung zu ersetzen. Aber lange ging das nicht mehr so weiter. Manuel fühlte sich überdies nicht sehr geeignet für den Dienst in der Telefónica, er war an freie Luft und die Arbeitsgemeinschaft der Gruppe gewöhnt. Aber die Freie Gewerkschaft – die UGT – hatte ihn zum Diensthabenden im achten Stock bestimmt, weil dort die Militärkanzlei und die Kommandantur lag und man da keinen Anarchisten haben wollte. Gute Kerle, meinte Manuel selbst, aber man weiß nie, was sie anstellen.
Eben hatte er die Arbeit vor sich, den ganzen Stock zu überprüfen, nach Menschen und nach Dingen. Dann würde er zu Sánchez gehen. Comandante Sánchez war etwas schwierig zu verstehen; verschlossen und abseitsstehend, dabei ein alter Gewerkschafter. Ein tüchtiger Mensch und nicht feig – er hätte, wie so viele, am 7. November nach Valencia abhauen können und war aus freien Stücken in Madrid geblieben –, aber ihm fehlte die normale Freundlichkeit. Er war immer so angespannt. Manuel nahm an, daß Sánchez unvermeidlich in schlimme Konflikte mit Pedro Solano aus dem Arbeiterrat geraten würde; Pedro hielt den Kommandanten für ein unverläßliches Element, weil er in seinem Zivilberuf vor dem Bürgerkrieg als Abteilungsleiter und Ingenieur einer Fabrik zum Dienerkreis der Kapitalisten gehört habe.
Manuel war anderer Meinung, aber er wollte erst dann ein endgültiges Urteil abgeben, wenn er den Mann besser kennengelernt hätte. Vielleicht würde er auch mit ihm über die internationale Lage sprechen können. Sánchez wußte davon mehr als die meisten anderen, und Manuel war gequält von dem Gedanken an das Versagen der internationalen Arbeitersolidarität und der Demokratien. »Das darf doch nicht sein«, sagte er wieder einmal laut vor sich hin und begann zwischen den Sprengstücken nach dem Zünder zu suchen, der die Herkunft des Geschosses am deutlichsten verraten würde. Der Zünder war irgendwo anders hingeflogen, vielleicht auf die Straße. Aber da war ein Sprengstück mit undeutlicher Fabrikmarke. Sicherlich deutsch, was denn – aber der Comandante würde das wissen, der war ein alter Artillerist.
Manuel ging in den kleinen Raum, der ihm den Luxus eines Privatschlafzimmers in der Telefónica vortäuschte, und fuhr sich mit dem Kamm durch die widerspenstigen, sehr schwarzen Haare. In der einen Schicht seines Denkens formulierte er seinen Rapport an den Kommandanten, darunter aber rechnete er nach, ob der neue Schußwinkel der Batterie sein eigenes Fenster in neue Gefahr brächte. Nein, ebensowenig wie die Kommandantur. Aber man wußte es ja nie. Er sah in den Spiegel, denn er hielt viel auf seine äußere Wirkung: sehr dicke schwarze Augenbrauen, erstaunlich hellbraune, fröhliche Augen, kräftige, gerade Nase, ein breiter, fester Mund, sehr braune Haut, ein zu gerundetes fleischiges Kinn. Sein dunkelblaues Hemd ließ ihn noch schwärzer erscheinen. Er gefiel sich und erinnerte sich unklar an die Komplimente der kleinen Blonden – Wasserstoff-Blondine! –, die so lustig war und sich im Haus zu einer Art Kollektiveinrichtung entwickelte. Er dachte wirklich das Wort »Kollektiveinrichtung« und vermied das Wort Puta, Hure, das sonst so rasch zur Hand war; denn jenes kleine, lustige Mädchen war einfach toll vor Angst, ihr junges Leben nicht mehr ausnützen zu können.
Ein nettes Mädchen, aber nichts für Manolo. Ob heute Nacht ein Bombardement kommt? Der späte Nachmittag war merkwürdig gewesen, nichts los und doch immer Unruhe und Schießen. Man spürt so etwas in den Knochen. Na, er würde zu Sánchez gehen und erst dann essen, aber nicht in das Kollektivrestaurant, dazu war es schon zu spät.
Als Manuel in die Kommandantur trat, hielt ihn die Ordonnanz auf. Diese Ordonnanz war ein alter Arbeiter, der sich niemals soldatisch benehmen wollte, aber dabei von einem großen Stolz auf die Funktion »seines« Büros, seines Obersten, seines Comandante und seiner eigenen Person erfüllt war.
Er nahm Manuel am Arm und erklärt ihm eifrig: »Der Genosse Agustín ist jetzt gerade im Souterrain, der Architekt will ein paar Holzwände für Waschräume einziehen lassen, für die Flüchtlinge unten. Wir wissen ja nicht, wann man sie evakuieren kann. Aber bleib nur hier und warte, er wird gleich wieder heraufkommen.«
Manuel kannte den alten Pepe und dessen Art. Er wusste alles und mußte immer alles erzählen, was er wußte. Nur wenn man ihm Verschwiegenheit auferlegte, hielt er sich mit einer unbedingten Verläßlichkeit daran. Müßig fragte Manuel den Alten, der Einladung eines pfiffigen Zwinkerns folgend: »Warum glaubst du, daß Sánchez gleich kommt? Die Inspektion unten wird lange dauern und ich könnte inzwischen essen gehen.«
»Ja, Manolo, das ist so: Der Agustín hat doch jetzt unten seine Frau, die Pepa, mit den beiden Kindern. Die ist ein Maschinengewehr; es ist kein Wunder, wenn er ihr davonrennt. Ich kenne sie gut. Eine Zeitlang ist sie jeden Tag hier heraufgekommen und hat ihm Szenen gemacht, weil er nicht genug Geld gibt für Sofapolster und so Zeug, und weil er mit der Paquita geht. Sie hat mich sogar ausgefragt, ob er hier in der Telefónica mit der Paquita schläft; aber bis jetzt hat er es nicht getan – eigentlich eine Dummheit von ihm –, und das hab’ ich der Pepa auch gesagt. Die Pepa war einmal ein hübsches, feines Mädel, aber jetzt hat sie ein Essiggesicht. Komisch, Verschwenderinnen haben meistens ein anderes Gesicht, man würde die Pepa für geizig halten, wenn man nicht wüßte, wie sie ist. Und sie ist strohdumm. Nein, du kannst dich darauf verlassen, der Agustín kommt gleich wieder herauf, er will nichts von Weibern wissen. Gerade vorhin hat er die Paquita hinausgeschmissen. Aber die wird schon wiederkommen, die ist zäh und weiß, daß so einer wie der Agustín nicht überall zu finden ist. Weißt du, daß Miaja ihn mit du anredet?«
»Der General redet fast alle Leute mit du an, wenn er sie nämlich gut leiden kann. Und du bist selbst ein Maschinengewehr, Pepe, das geht bei dir taka-taka-tak. Bei mir bliebest du nicht Ordonnanz, das sag’ ich dir, ich mag es nicht, wenn man mir meine Bettgeschichten nachrechnet.«
»Teufel, Manolo, du bist grob und du kannst mich auch. Junge, du weißt ja, daß ich über den Agustín nicht mit jedem rede, sondern nur mit denen, die zu ihm halten. Und wenn du nicht zu ihm hältst, schlag’ ich dir die Zähne ein. Und außerdem ist ein Mann ein Mann und das ist keine Schande. Und …«
»Und ich habe andere Sorgen als deinen Agustín. Laß mich ins Büro, ich will ein paar Worte aufschreiben. Wenn ich dir zuhöre – übrigens, das mit dem Zähne einschlagen geht nicht so einfach bei mir, schau sie dir nur an, die beißen! Also, wenn ich dir zuhöre, vergesse ich meinen Bericht.«
Es war im Grunde gegen die Dienstordnung, aber Manuel war der Responsable des Stockwerkes, also durfte er auch in Abwesenheit des Chefs dessen Zimmer betreten. Er setzte sich zwar nicht auf den geschnitzten Sessel, aber das geschah zum Teil, weil die Lederfauteuils viel bequemer waren. So haben sich die Amerikaner eingerichtet, die wissen, was Luxus ist, dachte Manuel. Aber wir werden es anders machen und es wird auch schön sein, dafür werden wir eine breitere Stiege machen und nicht bloß Waschbecken und Duschen, sondern auch ein Bad für unsere Angestellten – in jedem Stockwerk womöglich.
Das Telephon klingelte; Pepe steckte den Kopf herein und sagte: »Antworte du, Manolo, du kennst die Leute besser.« Manuel zog seine uniformartige Bluse straff und nahm den Hörer ab. Zuerst verstand er nicht recht, aber er wollte seine Ungeschicklichkeit nicht merken lassen. Dann verstand er aber klar genug: »Vier Junkers, sechs Jagdflugzeuge im Anflug. Alarm geben!«
Nun war es wieder da. Er rief die Hauszentrale an und gab die vereinbarten Stichworte, die er als Responsable genau beherrschen mußte. Damit setzte er den Alarmapparat des gewaltigen Hauses in Bewegung, ohne den Kommandanten zu fragen. Aber das war Notstand. Alle Lichter aus. Nur die Taschenlampen und an ein paar Stellen die kleinen, mattblauen Notlampen, und Achtung mit den Taschenlampen! Was hatte er im Stock selbst zu tun? Er ging rasch hinaus und verständigte Pepe. Dieser wischte sich die Stirn und schlug vor, den Comandante im Keller suchen zu gehen.
»Geh nur du, wenn du Angst hast«, sagte Manuel. »Ich bleibe im Stock, einer muß das Telephon bedienen. Warte nur noch, bis ich mir die anderen Räume angesehen habe.«
Er machte in Hast die Runde. Die wenigen Menschen, die im achten Stock arbeiteten, waren schon im Stiegenhaus. Alarmpfeifen, Lärm von vielen Menschen auf der Treppe. Manuel kehrte wieder in die Kommandantur zurück, wo Pepe wartete. Der Gang bis dorthin war dunkel, der fensterlose Vorsaal schwarz, die kleine Taschenlampe drang nicht durch. Er stieß gegen Ecken und Kanten und fühlte sich im Stich gelassen, bis er die Stimme des Alten hörte »Hola, Manuel!«
Ein mattes Taschenlampenlicht blinkte auf (Pepe hat eine schlechte Batterie, sie wird bald ganz versagen und Batterien sind knapp geworden, dachte er), dann rief Pepe heiser: »Agustín hat angerufen, er kommt herauf. Ich muß nicht dabei sein, sagt er, wenn jemand anderer Verläßlicher heroben ist. Ich gehe. Ich kann die Junkers nicht leiden, sie tun meinen Magennerven nicht gut.«
»Geh in Teufels Namen, altes Schwein«, erwiderte Manuel, ernstlich gereizt und aufgeregt. Er lauschte auf die stolpernden, sich entfernenden Fußtritte im langen Korridor und ging dann mit einer Willensanstrengung ins Kommandantenzimmer. Er versuchte, sich zurechtzufinden: Das ist der große Armsessel, das ist die Tischkante, das ist das eine Fenster. Wenn ich die Taschenlampe auslösche, kann ich dieses Fenster aufmachen und horchen. Es ist sicher eine Dummheit, daß ich nicht in den Keller gehe. Aber so will ich wenigstens hören können, wie weit die Flieger von uns sind. Und wo bleiben unsere Abwehrgeschütze?
Er blickte in die beklemmende Dunkelheit hinaus, in der nur der Himmel einen matten Schein hatte. Er sah keine Flieger, aber wie hätte er sie auch zwischen den Wolkenfetzen sehen sollen? Das Motorengeräusch kam näher, es war ein alles durchdringendes Surren, aber noch kein Dröhnen. Manuel spannte alle Nerven auf das Hören und Ertragen der ersten Bombenexplosion. Als plötzlich ganz dicht neben der Telefónica ein Fliegerabwehrgeschütz losratterte, war es wie eine Enttäuschung. Schlechte Geschütze, nichts als ein besseres MG, dachte Manuel und setzte sich nieder, denn er war in den Knien so müde. In diesem Augenblick trat jemand ein, der sofort die Taschenlampe abknipste – das offene vorhanglose Fenster! – und scharf sagte: »Wer da?«
»Hier Manuel García, mi comandante«, sagte der andere. »Entschuldigung, ich bin hier geblieben, weil du selbst dem Pepe erlaubtest, hinunterzugehen, und weil jemand beim Telephon bleiben mußte.«
»Mach das Fenster zu, Genosse Manuel«, sagte Sánchez ruhig. Als der schwarze Vorhang gespannt war (eine schwierige Arbeit ohne Licht), knipste er eine sehr große Taschenlampe an, die wie ein Automobilscheinwerfer wirkte. »Setz dich dorthin, Genosse Manuel. Ist dein Stock in Ordnung?« Er wartete nicht auf eine Antwort, sondern sagte: »Es ist schwer mit den Mädchen seit dem letzten Bombardement gestern. Zu viele von ihnen haben nun Tote gesehen. Die meisten haben eine tolle Angst.«
»Genosse Sánchez«, sagte Manuel, die Anrede wechselnd. »Ich wollte dir vorhin melden, daß ich anhand der letzten Granate hier im Stock feststellen konnte, daß die Faschisten einen neuen Schußwinkel haben.«
»Ja. Der dreizehnte Stock hat es gemeldet. Danke, Manuel.«
Manuel horchte auf das Motorensummen, das nun undeutlicher war. Er fühlte sich etwas enttäuscht, mit seiner Meldung zu spät gekommen zu sein. Genauso wie Agustín hielt er sich unbewußt außerhalb des grellen Lichtkegels der Taschenlampe, die auf dem Tisch lag und ihren Schein gegen die Tür warf.
»Sie sind uns diesmal nicht nahe gekommen und haben keine Bombe abgeworfen«, sagte Agustín. Dann schwiegen beide. Sie warteten. Agustín hatte einen schlechten Geschmack im Mund – von der Begegnung mit seiner Frau. Sie hatte sich beim Alarm nicht aufgeregt: sie hielt den Keller für absolut sicher für sich selbst und die Kinder, und an andere dachte sie nicht. Aber sie hatte Agustín zurückhalten wollen, nicht weil sie Angst um ihn hatte, sondern … »Du kannst mich nicht allein lassen, ich bin doch deine Frau.«
Und dann auf der Treppe ein Moment, in dem der Lichtkegel der Taschenlampe in Paquitas Gesicht gefallen war. Sie war nicht feige, sie hatte einen bösen Ausdruck gehabt, keinen aufgelösten wie viele andere. Aber als sie dem Lichtstrahl mit den Augen folgte und Agustín erkannte, hatte sie gerufen: »Tinito, komm, hilf mir. Ich falle«, und hatte ihr Gesicht wie eine Schauspielerin in Hilflosigkeit umgeändert. Merkwürdig, das so genau in diesem übermäßig harten, vergröbernden Lichtstreifen sehen zu können. Besser, nicht daran denken, besser, an die anderen denken. An die zwei Mädchen, die im fünften Stock an den Schaltbrettern sitzen geblieben waren, damit der Dienst weiterginge. An diesen Manuel, der mit ihm hier saß und wartete.
»Willst du ein Glas Kognak, Manolo?« Der Funktionär war überrascht, vor allem über die freundschaftliche Koseform seines Namens. »Klar, Mensch!« Er wollte noch etwas hinzufügen, da ging das Telephon. Aus dem Ja, Nein des Kommandanten konnte er nichts schließen. Im Reflex des Lampenkegels, in diesem ganz blassen Licht, sah er die Züge Agustíns sich erhärten. Agustín drehte zweimal ganz wenig den Kopf hin und her, und die Flügel seiner schmalen Nase bewegten sich.
»Ja.« Er hängte ab und drehte sich zu Manuel. »Sie kommen zurück. Es ist noch nicht vorüber. Sie werden auf uns losgehen. Ich kann nichts tun.« Er begann heftig zu fluchen, schön gewaltsame, barbarische Flüche, aber es war eine künstliche Explosion, die ihn nicht erleichterte. Er holte aus dem Schreibtisch eine Kognakflasche heraus und schenkte sich selbst und Manuel zwei kleine Gläser ein. »Zum Teufel mit den Deutschen!«
Wieder ging das Telephon. Er fluchte wieder und hob den Hörer ab. Im Apparat ein »Hallo … Ausländer … Comandante Sánchez?« Eine Frau mit tiefer Stimme, sie sprach seinen Namen wie Sanches aus. »Sprechen Sie französisch?«
»Ja. Was wollen Sie? Es ist Fliegeralarm«, sagte Agustín unfreundlich. Sicher Auslandspresse. »Wegen dem Alarm rufe ich Sie an«, sagte die fremde Frau mit einer sehr kühlen und sanften Stimme. »Hier spricht die Diensthabende der Zensur der ausländischen Presse.«
»Dort gibt es keine Frau.«
»Seit heute doch, Comandante Sánchez«, sagte die Frau in ihrem langsamen und korrekten Französisch. »Ich möchte, daß Sie mir die Information geben, wie es mit dem Fliegerangriff steht, damit ich das eventuell an die Berichterstatter weitergeben kann. Daß eine Bombe abgeworfen wurde, höre ich eben.«
Während sie sprach, war jenes dumpfe Aufschlagen und das Zittern aller Fensterscheiben gekommen, das eine Bombe in mäßig großer Entfernung ankündigt.
»Hat das nicht später Zeit? Jetzt habe ich keine Lust, Informationen an die Presse zu geben.«
»Ich mache Dienst, Genosse Comandante, damit die Nachrichten über das Bombardement durchgegeben werden. Deshalb bin ich hier oben geblieben. Sie sollten mir die Zusammenarbeit nicht verweigern, das ist keine Privatsache.«
Die Frau sprach noch immer kühl, aber ihre Stimme war noch tiefer und etwas heiserer geworden. Sie war wohl wütend – eine interessante Stimme –, sicher eine Deutsche. Agustín war mißtrauisch, aber er fühlte sich in die Ecke gedrängt.
»Señorita (ich werde einer Unbekannten da unten nicht Genossin sagen). Ich werde hinunterkommen und mit Ihnen reden. Sie sind im fünften Stock, nicht? Sie werden sich mir gegenüber ausweisen.«
Agustín hängte den Hörer auf und wandte sich zu Manuel, der vergebens versucht hatte, einzelne Worte zu verstehen: »Genosse García, bleib hier beim Telephon, und wenn etwas los ist, rufe mich in der Pressezensur im fünften Stock an. Da ist ein neues ausländisches Frauenzimmer. Ich muß sie mir näher anschauen. Die Sache paßt mir nicht.«
Drei schmale Wendeltreppen, totenschwarz, die der Strahl der Taschenlampe durchsticht, ein langer Korridor, Türen, Tappen an den Wänden, bis man den Lichtkegel richtig dirigiert hat, ein leeres Zimmer, kleine Taschenlampe, schattenhafte Frau, Scheinwerferlicht in ihr Gesicht: »Sie haben eben mit mir telephoniert, Señorita?«
Diese Frau hatte sehr helle Augen – grau wahrscheinlich –, deren Pupillen sich rasch verengten. Sie hatte harte Augenbrauen und einen blassen Mund – wenigstens nicht angestrichen –, der sehr gerade verlief. Sie war gar nicht hübsch. Um so besser.
»Hier sollten Sie niemand mit Señorita anreden, Comandante«, sagte die kühle, ruhige Stimme. »Und wollen Sie nicht einen Moment lang Ihre Lampe so halten, daß ich zur Abwechslung Ihr Gesicht examinieren kann?« Ihr herber Mund vertiefte und veränderte sich zu einem fröhlichen und kameradschaftlichen Lächeln, das einem knabenhaften Grinsen sehr nahekam. Die Lippen waren voll; dieser Mund war nicht hart. Agustín blickte interessiert darauf, denn es schien ihm ein Phänomen von Licht- und Schattenwirkung zu sein.
Aber er hielt die Lampe in einem anderen Winkel, so daß sie beide einander in einem schwachen Licht sichtbar wurden, und sagte ohne Gereiztheit: »Also gut, wer sind Sie eigentlich? Wissen Sie, daß bei Alarm der Keller sicherer ist?«
Sie setzte sich. Er sah, daß sie das war, was er viereckig nannte, stark muskulös, wahrscheinlich Sportlerin. Mitte der Dreißig, keine üble Figur, aber zu männlich für ihn, vor allem in Gesichtsausdruck und Benehmen. Er nahm neben ihr am papierüberladenen Tisch Platz. Sie sah die Schatten unter seinen Backenknochen und an seinen Schläfen, die langen Glieder, die dünnen Nasenflügel, die Müdigkeit. Sehr spanisch, überzüchtete Rasse, sehr nervös, wahrscheinlich sehr anständig und sehr empfindlich, alles im Extrem, taxierte sie ihn. Sie nahm sich vor, seine Mitarbeit zu gewinnen.
In diesem Augenblick kam Morton herein, der Korrespondent des »New York Telegraph«. Agustín kannte und mißachtete ihn, denn er hatte ihn oft in widerlichem Whiskyrausch in den Bars der Gran Vía gesehen; er hielt ihn für einen Faschisten und für einen unappetitlichen Fleischkoloß. Dem englischen Gespräch konnte Agustín nicht folgen, aber er sah, wie die Zensorin das Manuskript in einer, wie ihm schien, gewissenlos kurzen Zeit durchlas und billigte. Das mißfiel ihm, er fror innerlich wieder ein. Das Telephon klingelte: »Offenbar für Sie, Genosse Kommandant«, sagte die Frau und hielt ihm den Apparat hin. Manuel gab die Meldung, daß sich die Flieger entfernt hätten, aber daß noch eine Viertelstunde Alarmzustand eingehalten werden sollte; und daß die Bombe von vorhin in Vallecas gefallen war.
»Sind Sie Deutsche?« fragte Agustín die Frau, als der Journalist das Zimmer verlassen hatte.
»Ja.« Sie spürte die erneute Feindseligkeit.
»Wie heißen Sie? Zeigen Sie mir Ihre Legitimationen!«
»Ich heiße Anita Adam, und hier haben Sie meine Ausweise vom Außenministerium«, sagte sie mit einiger Schärfe. »Ich bin gestern Nacht aus Valencia gekommen und habe von nun an Nachtdienst in der Zensur.«
Die Papiere waren in Ordnung, aber das sagte ihm nicht viel. Hier war man in Madrid, nicht in Valencia. Das Ministerium war in vielen Dingen eine Domäne der alten Intriganten geblieben. Die Pressezensur war ein Departement des Außenministeriums. Aber in Madrid war Kriegszustand, die Verantwortung hatten die militärischen Autoritäten und hier in der Telefónica derzeit er selbst. Der brave, alte Hilario Gomá, der Vorstand der Zensur, bot ihm keine genügende Garantie für die Überwachung der Arbeit dieser Deutschen. Man sah, daß sie intelligent und energisch war. Warum war sie in Spanien?
Er fragte das so, wie er es dachte: »Was suchen Sie hier in Madrid?«
Anita verstand sein Mißtrauen nicht. Sie war bisher nur der spontanen Herzlichkeit ihrer Chauffeure und der überschwenglichen Höflichkeit der Ministerialbeamten gegenüber der ausländischen Journalistin begegnet und glaubte überdies in ihrem fanatischen Arbeitswillen und ihrer langen politischen Tätigkeit einen Freibrief für das republikanische Spanien zu besitzen. »Was ich suche? Ich verstehe Sie nicht gut, Comandante. Ich sehe nur, daß Sie meine Funktion hier in Frage stellen. Ich bin natürlich hier wie wir alle, als Sozialistin und Antifaschistin oder wie Sie es nennen wollen. Jedenfalls als Genossin, die hier helfen will.«
»Haben Sie draußen nichts zu tun gehabt?«
»O ja, Genosse, verzeihen Sie: wenn ich mich einmal entschließe, Sie nie mehr als Genosse anzureden, so wird das eine Bedeutung haben, die ich diesem Gespräch einstweilen noch nicht verleihen will. Also nenne ich Sie weiter Genosse. Ja, ich habe draußen Arbeit. Aber nichts ist jetzt so wichtig wie Spanien. Und ich bilde mir ein, hier nützliche Arbeit leisten zu können und zu müssen. Warum haben Sie diese Frage gestellt?«
Auf die Rückfrage war er nicht gefaßt gewesen. Er sah sie an – jetzt waren ihre Lippen wieder schmal und ihre Brauen zuckten. Sie mußte sehr zornig sein. Macht nichts, sie sollte nur merken, daß man ihrer ausländischen Autorität erst recht auf die Finger sah.
Unwillkürlich schaute er ihr tatsächlich auf die Finger. Sie hatte sehr weiche, kleine, weibliche Hände.
Agustín war so furchtbar übermüdet, daß er nicht merkte, wie lange er mit der Antwort zögerte und wie deutlich sein Blick zu verfolgen war. Anita sagte mit ihrer kältesten Stimme (sie zog bewußt dieses Register): »Sie wollen hier wohl keine Ausländerin und keine Frau sitzen haben. Leider kann ich einige Sprachen und kenne die ausländischen Presseverhältnisse, Kenntnisse, die hier fast ganz zu fehlen scheinen.« (Schweinerei, aber wahr, dachte er. Umso gefährlicher ist sie. Aber sein Mißtrauen kam ihm auf einmal übertrieben vor.) »Ich arbeite hier, wie meine Freunde in der Internationalen Kolonne kämpfen.«
Sie hätte das nicht sagen sollen, sie spürte es sofort. Er war Spanier, seine Reaktion war doch ganz logisch: aber sie tat weh. Sein Schweigen nach dem indirekten Vorwurf war peinlich. Ein unguter Anfang der Arbeit.
Inzwischen gingen ihm die Gedanken widerspruchsvoll durcheinander. Die Internationale Kolonne – Fremdenlegion. Nein, das nicht, es sind außer Abenteurern auch Revolutionäre dabei – und unsere Milizianer sind davongelaufen. Aber die deutschen Flieger und Granaten – die da ist eine ehrgeizige Abenteurerin – aber wenn sie doch ehrlich ist, hab ich ihr weh getan – sie antwortet gut – das Schlimme ist, daß wir keine gebildeten Spanier für diese Arbeit haben – sie hat vernünftige Augen, vielleicht kann man mit ihr reden. Die Funktion hat sie nun – die Konferenz mit Valencia ist gleich fällig – abschließen und hinaufgehen.
»Warum sind Sie allein hier heroben?« fragte er unvermutet in verändertem Tonfall. Er setzte sich dabei auf die Tischkante, was gewöhnlich ein Zeichen innerer Abrüstung ist.
Anita tastete dem neuen Stimmklang nach und kam zu dem Schluss, daß er sie wohl für mutig hielt. »Ich habe die Ordonnanz in den Keller geschickt, ich mußte hierbleiben. Ich finde, daß Bombardementsnachrichten von unserem Propagandastandpunkt aus sehr wichtig sind und man da der Presse alle Unterstützung geben muß.« Auch sie veränderte ihre Stimme, deren Wirkung sie sehr genau kannte.
»Sie können den Korrespondenten sagen, daß die Bombe von vorhin in Vallecas gefallen ist, sieben Tote, sechzehn Verletzte, die Bombe war deutsches Fabrikat. Es ist eine zweite als Blindgänger gefallen.«
»Danke, Genosse. Aber man müßte die Fabrikmarke und womöglich die Herstellungsnummer genau angeben, photographieren lassen, wenn es geht. Sehen Sie, man muß die Zeitungsleute mit echten Nachrichten füttern.« Sie sprach eifrig, ihr ganzes Gesicht war in Bewegung.
Spürt sie nicht, daß es eine Schande für alle Deutschen ist, was da geschieht, oder findet sie, daß sie nicht zu ihnen gehört? fragte er sich. Ihm war sie so neu wie er ihr. Merkwürdiger Typ, dachten sie beide fast zu gleicher Zeit. Aber als eben Johnson eintrat, tat ihnen die Unterbrechung leid.
Dieser sandhaarige Engländer war ein Freund der Frau, stellte Agustín sofort fest. Sie erklärte ihm die Nachricht, die sie soeben empfangen hatte, und war offenbar erfreut, den Mann zu sehen. Der Engländer begann in sie hineinzusprechen, eindringlich, besorgt, wahrscheinlich wollte er sie in den Keller schicken. Agustín wurde ärgerlich, daß er nicht Englisch verstand. Er wies die naheliegende Annahme, die alle seine Landsleute geglaubt hätten, nämlich, daß dies hier ein Verhältnis sei, zurück. Aber Freundschaft – wenn es Freundschaft zwischen Mann und Frau gab, was er nicht glaubte. Er, Agustín, kannte Männer und Frauen, er hielt den Engländer für schüchtern in die Deutsche verliebt, sie aber nicht in ihn. Er beugte sich über sie, sie hielt sich mit einem freundlichen Lächeln zurück. Agustín beobachtete, wie sich ihr Mund dabei veränderte; in seinen Winkeln bildete sich ein kleines Fragezeichen. Ihm gefiel der Mund, er dachte, es müßte angenehm sein, ihn zu küssen. Nur das, nicht mehr.
Als Johnson gegangen war, zögernd und unzufrieden, Anita in dieser dunklen Unsicherheit der Telefónica in einem merkwürdigen Dienst zurückzulassen, erhob sich Agustín. Er war länger geblieben, als er beabsichtigt hatte, und immer noch hätte er gern weiter mit ihr gesprochen. Anita erklärte ihm, wer Johnson war – die wichtige gemäßigte englische Zeitung, die ihn hergeschickt hatte –, und sagte noch: »Er ist ein feiner Kerl, ich kenne ihn, seitdem er einmal mit meinem Mann in einem internationalen Nachrichtenbüro gearbeitet hat.«
Sie war also verheiratet. Aber wo war der Mann? Sie sah nicht verheiratet aus, aber auch nicht wie eine unbefriedigte Frau. Hoffentlich suchte sie keine Kriegsabenteuer, mit diesem Mund da. Das hätte ihm eben noch gefehlt. Er mußte jedenfalls einiges klarstellen:
»Hören Sie, ich habe jetzt keine Zeit mehr. Ich werde Ihnen später erklären, was die Militärbehörden vom Zensurdienst verlangen. Sie werden mit mir und mit dem Kriegskommissariat arbeiten müssen. In Angelegenheiten, die das Gebäude und den Telephondienst betreffen, bin ich die Stelle, an die Sie sich wenden müssen. Außerdem – es ist für einen Ausländer unmöglich, die spanische Psychologie zu verstehen, und da es unser Krieg ist, sollten Sie das nie vergessen. Sie können hier nicht nach Ihrem Standard entscheiden. Vermeiden Sie die üblichen Fehler der Ausländer, Sie sind klug genug dazu. Wo schlafen Sie?«
»Im Hotel Gran Vía«, sagte sie beinahe schüchtern und sah ihn unsicher an. Er hatte ihr die Leviten mit klarer Freundlichkeit gelesen, ohne die verletzende Schärfe der ersten Viertelstunde. Er hatte sie ihre Grenzen so deutlich erkennen lassen, daß sie sich plötzlich ihres Alleinseins und Fremdseins erschreckend klar wurde.
»Also, damit ich Ihnen die militärischen Zensurvorschriften erklären kann, kommen Sie zu mir in den achten Stock, bevor Sie ins Hotel hinübergehen. Ich werde Ihnen für den Rückweg meine Ordonnanz mitgeben und Ihnen die letzten Nachrichten mitteilen, damit Sie Ihren Freunden, den Journalisten, rasch noch einen Gefallen tun können, wenn etwas los ist, was man weitergeben will. Haben Sie Angst?« fragte Agustín, sich selbst unterbrechend.
»Ja«, antwortete sie, »gewiß, aber nicht zu sehr. Man ist nicht so wichtig, wie man früher dachte. Jedenfalls danke ich Ihnen für die Ordonnanz, ich werde um zwei Uhr bei Ihnen sein. Ich, wissen Sie, kenne hier nichts und niemand.«
Sie streckte die Hand hin und Agustín verstand die Bewegung gut; es war etwas Persönlicheres als die konventionelle Geste. Dieser Händedruck schuf eine Insel des Kontakts.
»Gute Nacht, Genossin, ich glaube nicht, daß die Junkers heute nacht zurückkommen. Auf Wiedersehen.«
Er tastete sich eben durch den Gang, als die wenigen blau verhüllten Lampen aufflammten und die ersten Leute das Treppenhaus und die Fahrstühle verließen. Der Alarm war zu Ende.
IV.
Bevan legte der Zensur den Text seines Abendberichtes vor:
»Nach einem Tag der Ruhe an der Front begann die nationalistische Artillerie in den Abendstunden das Zentrum der Hauptstadt zu beschießen, ohne jedoch nennenswerten Schaden anzurichten. Die Mehrzahl der Geschosse waren Schrapnelle und 7,5 cm-Granaten. (»Wieviel Inches sind das? Na, das sollen sie sich in London für die englische Ausgabe ausrechnen!«) Eine der letzteren traf die Telephonzentrale. Um 8.55 Uhr wurde das Herannahen von vier Bombenfliegern und sechs Jagdflugzeugen gemeldet. Der Alarm wurde sofort gegeben und das Geschwader (»eigentlich ist das kein Geschwader, aber das Wort klingt so sachkundig …«) schwenkte ab, ohne eine Bombe abzuwerfen. Nach zehn Minuten versuchten die nationalistischen Flieger, ihr Ziel von einer anderen Richtung her zu erreichen; sie warfen im Vorort Vallecas zwei Bomben ab, von denen jedoch nur eine explodierte, die von den Fachleuten auf hundert Kilogramm geschätzt wird. An Opfern werden offiziell sieben Tote, sechzehn Verwundete gemeldet. Ihr Reporter konnte vor Ort feststellen, daß infolge der Schwere der Verletzungen die Zahl der Todesopfer binnen kurzem steigen dürfte. Obwohl die Bombe in der Mitte einer Straße explodierte, sind die Fronten von acht Häusern schwer beschädigt, ein kleines Haus durch den Luftdruck und die Sprengstücke zertrümmert. Die nationalistischen Flieger versuchten, gegen das Stadtzentrum vorzudringen, gaben aber ihre Absicht auf, als die republikanischen Jagdflugzeuge in Aktion traten, und zogen sich in Richtung Talavera zurück.«
»Wissen Sie«, sagte Bevan redselig zu Anita (er war eben aus der Miami-Bar gekommen, als der Alarm einsetzte und nachdem er sich die Schlachtbank dort in Vallecas angesehen hatte, waren noch zwei Whiskys in der Gran-Vía-Bar hinzugekommen), »ich sage in meinem Bericht nichts über die Flaks, sie sind aber eine Schweinerei. Na, Sie würden mir so was ja nicht durchlassen, und überhaupt interessiert sich unsere Agentur dafür nicht. Gut, daß die Flieger eine Sensation sind seit dem großen Bombardement am Sonntag. Das war scheußlich. Sie waren noch nicht hier, nicht wahr?«
»Ich war gestern unterwegs auf der Straße von Valencia nach Madrid.«
»Ja, also eigentlich hätte ich etwas über euren Rückzug in der Moncloa und Casa de Campo berichten sollen, aber das erlaubt ihr doch nicht, und es ist heute nicht so wichtig, wie es morgen sein wird.«
»Morgen und übermorgen wird noch was ganz anderes über den Rückzug zu melden sein; und dann werdet ihr auch etwas durchlassen müssen, trotz aller Zensur. Sie sind schon mit meinem Zeug da fertig?«
»Ja, geht in Ordnung.« Sie gab eine Kopie dem Journalisten und eine der Ordonnanz. Bevan stand neben dem Schreibtisch und hatte Lust, Konversation zu machen. Die Verbindung würde heute ohnehin nicht so schnell hergestellt werden, die Linien waren mit Staatsgesprächen verlegt. Und irgendetwas mit dem Draht nach Valencia war nicht ganz in Ordnung. Er wußte nur nicht recht, wie er ein Gespräch mit der Zensurfrau da anfangen sollte.
Anita ihrerseits war zurückhaltender, als sonst ihre Art war. Sie kannte den Mann nicht, hatte auch nichts über ihn gehört. Er war Amerikaner, aber sah ungefähr so aus wie die jungen, törichten und dabei unerwartet tüchtigen Helden der Wodehouse-Romane. Wahrscheinlich war er nicht ungeschickt, seine Nachrichtenagentur – der P. S., zweitgrößte der amerikanischen Firmen – hätte ihn sonst nicht jetzt in Madrid verwendet. Sich nicht dazu verleiten lassen, andere zu unterschätzen, dachte sie. Er freilich unterschätzt mich, wie üblich, weil ich ein Frauenzimmer bin, das ist mir schon langweilig.
Sie fragte plötzlich: »Hören Sie, Mr. Bevan, warum haben Sie in Ihrem Bericht das Interessanteste von heute Abend ausgelassen? Nämlich, daß es Junkersapparate waren und daß die Bomben in Vallecas deutsches Fabrikat sind?«
»Ich weiß nicht, ob das wahr ist«, sagte er.
»Was die Junkers anlangt, müssen Sie sich freilich auf die Fachleute verlassen, genauso wie ich. Aber der Blindgänger und die Reste der zweiten Bombe haben sicher irgendeine Marke. Haben Sie die nicht gesehen?«
»Ja, aber ich kenne sie nicht.«
»Da haben Sie sich wahrscheinlich die Zeichen notiert, nicht?«
»Nein, hören Sie« – er war beinahe grob –, »ich weiß, was unsere Leute interessiert. Ich gebe keine Propagandameldungen durch!«
V.
Man sitzt in dieser Nische des unterirdischen Korridors – zweiter Keller der Telefónica – wie in einer Sackgasse.
Vor zehn Tagen, die man sich an den Fingern ausrechnen muß, so endlos ist der Zeitraum, waren sie aus Carabanchel weggegangen, zwei Stunden früher als die Nachbarn. Concha selbst wäre lieber dort geblieben. Aber sie kannte die Hilflosigkeit der Schwester in allen praktischen Dingen, die Nachdenken erforderten, und wollte nicht in die große Fluchtwelle hineingeraten. So hatte sie gepackt, was in ein paar Säcke und Bündel ging und hatte den Esel vor den Karren gespannt. Guter, kleiner Esel – er war nun wohl verloren.
Damals war viel Lärm in der Luft, ein Lärm, den man noch kaum verstand, aber doch schon Flieger benannte. Granaten schlugen in die Häuser ein und gingen durch die Lehmwände wie durch Käse, um oft in einem leeren Zimmer oder einem Hof, wo sonst die Kinder spielten, zu platzen. Am grauen Himmel entfaltete sich manchmal ein rosiger Schein. Das war ein Schrapnell, so nannten es die Offiziere. Viele Dinge gibt es, die im Kriege verwendet werden und alle töten, wenn ihre Stunde da ist. Nur war es so schwer zu verstehen, daß der Krieg nach Carabanchel gekommen ist.
Alle Leute redeten davon, daß die Moros kommen würden, aber niemand hatte es wirklich glauben können. »Sie kommen nicht bis hierher, Madrid ist doch vor den Toren, und nach Madrid kommen sie nicht, das gibt es nicht.« Aber dann kamen Tag und Nacht die Karren aus den Dörfern, aus immer näheren Dörfern, und mit Menschen, die man kannte, mit Frauen, von denen man wußte, sie würden niemals ihr Haus und ihre Habe im Stich gelassen haben, wenn es nicht um das nackte Leben gegangen wäre. Und diese Frauen sagten, daß alles wahr wäre und daß die Moros kämen. Concha sah sich die Karren aufmerksam an und überlegte sich eine genaue Liste der Dinge, die mitzunehmen waren. Dann erst erklärte sie Schwester Pilar die Notwendigkeit der Flucht; sie wollte ihre eigene Ruhe nicht vor der Zeit durch das Weinen und Jammern der Schwester zerstören lassen.
Das Wichtigste waren warme Sachen, Decken und Pölster, ein paar Pfannen, ein Spirituskocher, Sachen für die Kinder. Der Novemberfrost begann schon unter die Haut zu kriechen. Keine schönen Kleider, keine Spiegel, keine Deckchen, selbst nicht die gestickten. Die Pilar verstand noch immer nicht, daß Krieg war und daß man da seine Sachen verliert, wenn man schon nicht das Leben verliert. Ach, sie selbst verstand es kaum besser.
Aber da war der Lärm schlimmer geworden, es war ein vielfältiger, bösartiger, unbekannter Lärm. Viele Milicianos kamen durch, die vor dem Feind davonliefen und sagten, daß er alle Waffen habe und wir keine, gar keine; und andere Milicianos kamen durch Carabanchel, die dem Feind entgegengingen. Dann erklärten die Männer, die in den Komitees saßen, und die Offiziere, die im Dorf das Anlegen der Verteidigungsgräben überwachten, daß alle Frauen und Kinder weg müßten. Denn hier würde Krieg sein. Krieg im kleinen, weißen Haus, man kann es sich nie und nimmer vorstellen. Es hat keinen Sinn, es ist dumm. Was geschieht in Carabanchel und warum?
Aber damals, vor zehn Tagen – vor zehn Tagen, nicht mehr und nicht weniger –, da hatte sie, Concha, alles fertiggemacht und es war schnell und glatt gegangen, obwohl Pilar gerade nur dazu zu gebrauchen war, auf ihre Kinder aufzupassen. Und dann trottete man neben dem Esel – arre, burro! – auf der Straße und hatte vor sich Hunderte von Karren und viele Hunderte von Menschen mit ihrem Bettzeug, ihren Kindern, ihren Hunden, alle die Straße nach Madrid abwärtstrottend. Wie Vieh.
Der Esel und der Karren sind in der Herberge; dort werden sie bestimmt verlorengehen, es sind so viele Leute und so viele Karren dort. Die Nachbarn sind bei ihren Verwandten hier in der Stadt. Und man sitzt in einer Sackgasse, im Keller des großen Hauses und starrt die schmutzige Wand an.
Sie lassen hier unten die ganze Nacht das elektrische Licht brennen. Das muß sehr viel Geld kosten, aber es ist notwendig, sonst würde alles Schreckliche geschehen, alles. Man hört hier keinen Lärm von draußen. Das ist ein Glück. Da war nun eben Fliegeralarm und die Feinde haben eine Bombe geworfen. Es ist schwer, sich eine Bombe vorzustellen. Sie kann nur ein kleines Ding sein, denn man nimmt sie im Flugzeug mit. Aber sie kann alles zerstören. Die Telefónica nicht, die ist zu hoch. Aber sonst beinahe alles. Es gibt dabei eine Explosion, die hundertmal stärker ist als bei einem Feuerwerk. Die Bombe von heute abend ist in Vallecas niedergefallen, nicht in Carabanchel.
In Ober-Carabanchel und in Nieder-Carabanchel sind jetzt die Moros, deshalb werfen die Feinde dort keine Bomben mehr. In Vallecas sind nur arme Leute. Die Moros sind nicht hingekommen. Die Leute aus Vallecas sind noch in ihren Häusern. Aber die Feinde werfen Bomben auf sie und es gibt viel unschuldiges Blut. Unschuldiges Blut, das klingt wie in den Geschichten von den frommen Märtyrern. Wenn man an die noch glauben könnte …
Die Flieger heißen Junkers, dann sind sie Deutsche, oder Capronis, dann sind sie Italiener – und alle sind Faschisten. Und sie machen den Krieg zusammen mit den Generalen. So ist das. Eine Frau kann da nicht viel anderes tun als warten und nicht zu viel Lärm machen, denn jetzt sind andere Dinge wichtig. Aber man muß sich selbst immer wieder erklären, was geschehen ist, sonst versteht man nicht mehr, wer man ist und wo man ist.
Aber so ist Concha Martínez. Man hat seit jeher von ihr gesagt, daß sie nie Ruhe gibt und alles wissen will. Sie hat sogar den Comandante gefragt, warum Alarm war, als er hier im Korridor stand und nicht zuhörte, was seine Frau zu erzählen hatte. Concha kann auch nicht zuhören, wenn Pilar wieder einmal davon zu reden anfängt, daß sie nur Kindersachen mitgenommen und gar nicht an sich gedacht hat. In dieser Nische sind eigentlich nur sie beide und die Frau des Comandante. Aber Pilar hat vier Kinder, die Doña Pepa zwei, das macht sechs, und alle unter zehn Jahren – wie ein Schwarm von Heuschrecken. Die beiden Familien haben es ganz gut, sie verfügen über viele warme Sachen und sogar über Bargeld. Das kann man freilich derzeit kaum ausgeben. Jedenfalls, man kann bei ihnen nicht von Elend reden. Um die Ecke, den Gang entlang, sitzt das Elend. Aber diese Frauen sind so müde und zerschlagen, daß sie nicht viel sprechen. Sie haben sich während des Alarms gar nicht gerührt.
Pilar und die Doña Pepa – wie dumm, daß sie sich so anreden läßt – haben lauter Männergeschichten im Kopf. Sie sprechen die ganze Zeit von ihren Gatten, was der eine wohl bei der Intendanz in Guadalajara treiben mag, wo es so viele unverschämte Mädchen gibt, und was der andere da oben im achten Stock anstellt. Concha ist Witwe, sie besitzt niemanden, um den sie Angst oder Eifersucht haben muß. Wenigstens hat sie den Kopf frei, sich der Kinder anzunehmen. Eigentlich sollte man sich um alle Kinder hier unten kümmern. Es gibt viele, die verlaust sind. Es gibt viele, die Angst haben und nicht spielen wollen. Und es gibt so viele Brustkinder ohne Windeln, daß die Luft sauer riecht. Gleich die Familie nebenan – die aus Ober-Carabanchel mit dem niedlichen und frechen kleinen Ding, der Carmencita, die allen Soldaten und sogar allen Beamten mit der Frage ins Gesicht schaut, wozu sie ihr nützlich sein könnten –, diese Familie hat keine Windeln für das Kleinste und es stinkt bis hierher in die Nische.
»Doña Pepa«, sagt Concha, das Gespräch ihrer Schwester mit Pepa unterbrechend, »könnten Sie nicht eine alte Unterhose des Jungen oder so was hergeben, damit man das Kleine dort trockenlegen und die alten Fetzen auswaschen kann? Der Wurm muß schon ganz wund sein. Und die Pilar hat kein Stück überflüssiger Wäsche mit, das weiß ich selbst am besten, denn ich habe gepackt. Sie, Señora, haben sicher viele Sachen, das sieht man Ihnen an.«
Sofort merkt Concha an den dünnen Lippen der anderen, daß sie die Bitte lieber gar nicht hätte stellen sollen – lieber irgendeine arme Frau fragen, die gelernt hat, an andere zu denken. Pepa beginnt eine ihrer endlosen Reden, um das »Nein« zu begründen:
»Es geht wirklich nicht; es tut mir leid. Ich habe nicht viele Sachen. Ja, ich könnt sehr viele haben, aber es ist nichts hier. Mein Gatte ist so ein Tyrann, daß er mich lange nicht genug hierher hat holen lassen. Er sagt, daß kein Platz für so viel Zeug da ist. Aber natürlich, oben in seinem Büro will er meine Kleider nicht aufheben. Er hat immer Ausreden. Er hat doch auch gesagt, daß unser Haus in einer sicheren Straße liegt, weil es so nahe bei den ausländischen Gesandtschaften steht, wo die Flieger nicht hinkommen werden. Aber ich sehe nicht ein, warum ich nicht in den besten Keller der Stadt hätte ziehen sollen. Der Agustín sagt, daß hier zuerst die Leute hereinkommen müssen, die ihr Heim verloren haben. Das ist ganz schön geredet, aber warum ist genug Platz für die Familien der Beamten im Haus? Ich will eben nicht allein in unserer Wohnung bleiben. Wenn ich ihn vorher gefragt hätte, wissen Sie, Pilar, dann hätte er mir bestimmt verboten, hierher zu übersiedeln. Wie ich da war, ist er so böse gewesen, er hat von Ausnützung seiner Stellung und unnützer Unbequemlichkeit für die Kinder gesprochen. Ach, ich weiß schon, was dahintersteckt. Ich weiß genau, daß er meine Kinder nicht hierherkommen lassen will, damit er mich schneller los wird und er mit dieser Paquita allein ist und treiben kann, was ihm Spaß macht. Aber er hat falsch gerechnet, sage ich Ihnen. Ich bin seine Frau, ich werde ihn schon dazu bringen, daß er mit uns nach Valencia kommt und seine eheliche Pflicht erfüllt. Oder ich bleibe mit den Kindern in Madrid, es wird schon nichts geschehen. Ich habe das Recht auf ihn, Pilar, ich bin die Mutter seiner Kinder, ich habe ihm meine Jugend geopfert. Und so schön wie seine Freundinnen bin ich immer noch. Wenn ich wollte, könnte ich ihm genug Hörner aufsetzen; aber ich will nicht, auch wenn er es zehnmal verdient hat.«
»Genau so wie mein Mann«, fängt Pilar an.
Nein, nein, da mag man nicht mehr zuhören, denkt Concha: die beiden Männer haben ganz recht, wenn sie ihren Frauen untreu sind. Die beiden da mit ihren siebenundzwanzig bis dreißig Jahren sind nichts als alte Klatschweiber; beide haben einen schmalen Mund und eine tiefe Falte von Nase zu Kinn – aber Pilar hat wenigstens gutmütige, lächelnde Augen. Man sieht, daß sie hübsche Mädchen waren, aber es freut einen nicht, sie anzusehen. Es wird einem lästig, ihnen zuzuhören.
Hallo, die Kleine dort hört aber sehr aufmerksam zu: Lolita, die ältere von Pepas zwei Kindern. Das ist nichts für deine neun Jahre, mein Schatz, und wenn deine Mutter das nicht weiß, umso schlimmer für dich und sie.
Concha holte aus ihrer großen Markttasche einen dikken Wollsträhn heraus. »Lolita, komm, hilf mir die Wolle wickeln.«
Lola verzichtete nicht gern auf das Zuhören. Aber sie hat diese Frau gern, die so ruhig und dabei so lebendig ist. Die Mama ist furchtbar lebendig, aber nie ruhig. Die Großmutter ist immer ruhig, aber sie hat ganz schläfrige Augen. Diese Frau ist anders. Außerdem hat der Papa ein freundliches Gesicht gemacht, als er mit ihr sprach. Und doch ist die Concha häßlich, so mager und blass, so glatte, dunkle Haare.
Die Mama sagt, daß der Papa sich nur um hübsche Frauen kümmert, die nicht zu mager sind. Aber die Mama sagt viele solche Sachen. Sie versteht den Papa nicht, das ist eine alte Geschichte.
»Du, Concha, ich weiß, wo Italien liegt und wie es aussieht.«
»Ja, woher weiß du denn das?«
Lolita hat es gern, wenn man ihr Fragen stellt. Ihr Bruder, der Juanito, kann auf so etwas nicht antworten; freilich ist er um drei Jahre jünger als sie.
»Das hat mir Papa gezeigt in unserem großen Atlas.« (Sie weiß genau, daß viele Mädchen ihres Alters nie etwas von einem Atlas gehört haben.) »Weißt du, Italien schaut aus wie ein komischer Stiefel, der viele Falten hat und aus der Form gegangen ist. Aber der Papa hat gesagt, daß man das nicht sieht, wenn man auf dem Land dort ist, sondern nur aus der Luft. Aber man muß sehr hoch in der Luft sein. Die Italiener haben auch viele Flugzeuge, sie haben welche gegen uns in den Krieg geschickt.«
Lolita ist sehr stolz auf ihren Bericht; es tut ihr leid, daß der Papa das nicht gehört hat, aber sie ist froh, daß die Mama nicht aufpaßt. Die sagt immer nur: »Lolita redet alles nach, was mein Mann sagt, ohne es zu verstehen.«
Concha findet es ganz natürlich, daß die Kleine sich für solche Dinge interessiert, und es gefällt ihr. Lolita ist kein hübsches kleines Mädchen; ihre Nase ist nicht gerade und nicht schmal wie die der Mutter, sondern eine breite, kurze, fröhliche Stumpfnase. Dazu hat sie ein rundes Gesicht und neugierige Augen, die glänzend braun sind, aber nicht sehr groß und nicht sehr dunkel – Augen eines guten, kleinen Kameraden, findet Concha, die selbst in ihrer Kindheit darunter gelitten hatte, unhübsch zu sein. Ebenso wie jetzt Lolita, hat Concha vor Zeiten ihr braunes Haar mit Wasser und Spucke in viele kunstvolle Ringel gelegt. Sie hat das Gefühl, als sei dieses Kind eine kleine Schwester und ein kleiner Kollege.
»Weißt du eigentlich, was Flugzeuge sind, Lolita?«
»Ja natürlich«, sagt die Tochter des Ingenieurs und schwenkt die Arme, ohne die gespannten Wollfäden zu lockern. »Ich habe von Papa einmal ein Flugzeug bekommen. Es kann nicht fliegen, aber man kann genau sehen, wie es gebaut ist. Weißt du, Juanito hatte zum Dreikönigstag ein großes bekommen, das fliegen kann, und ich wollte auch so eines. Aber die Mama wollte nicht, weil ich ein Mädchen bin. Und ich hatte doch ohnehin schon eine Puppe, und die Buben bekommen so viele interessante Sachen. Das hat der Papa dann verstanden.«
»Dein Papa ist sehr gescheit, nicht wahr?« sagt Concha neidisch. Sie möchte auch etwas Interessanteres haben und anders arbeiten und jemand um Dinge fragen können.
»O ja, mein Papa ist sehr intelligent«, erklärt Lolita etwas geziert, denn sie fühlt die Bewunderung und den betrübten Neid im Ton der Frau und will etwas Besonderes sagen. Aber sofort fällt sie in ihr einfaches und vertrauensvolles Erzählen zurück:
»Weißt du, Concha, die Mama sagt, er ist zu intelligent und ist nichts als Verstand und hat kein Herz, aber das ist gar nicht wahr. Die Mama sagt dann wieder selbst, daß er für jede andere ein Herz hat, nur für sie nicht; und wenn er keines hat, kann er auch für andere kein Herz haben, findest du nicht?«
»Kindchen, natürlich hat dein Papa ein Herz für euch. Ich habe selbst heute Abend gesehen, wie es ihn gefreut hat, mit dir zu sprechen.«
Concha findet es unmöglich, etwas Freundliches über die Frau zu sagen, die nebenan noch immer über die Treulosigkeiten der Männer redet; sie kann nicht in dieses heitere kleine Gesicht blicken, ohne eine Wut gegen die dumme Egoistin dort zu spüren. Also ist es besser, findet sie, nichts über Papa zu sagen, nicht einmal eine fromme Lüge. Das Kind würde am Ende den falschen Ton herausfühlen.
»O ja«, antwortete Lolita so aufgeregt, daß sie beinahe die Wolle fallenläßt, »der Papa geht sehr gern mit mir spazieren und redet immer mit mir. Ich glaube bestimmt, er hat mich am allerliebsten. Ich will auch bei ihm hier in Madrid bleiben, wenn die Mama mit Juanito nach Valencia fährt.«
»Das ist ein Unsinn, das darfst du nicht. Das wird er dir bestimmt nicht erlauben. Hier fallen so viele Bomben, und die treffen auch Kinder.«
Concha versteht das kleine Mädchen sehr gut. Sie mag selbst gar nicht an die Evakuierung denken, obwohl sie weiß, daß sie das einzig Vernünftige ist. Aber Concha hat mit einem Mann gesprochen, der in der Totenhalle Kinderleichen mit Nummern auf der Brust gesehen hatte – nach dem 30. Oktober, damals, als eine Fliegerbombe in die Schule von Getafe gefallen war. Dem Mann war ganz schlecht, und er hatte nur immer wieder gesagt: »Diese Mörder, diese Mörder, und das wollen Menschen sein?«
Die Kinder sollen so etwas nicht sehen müssen. Sie dürfen nicht in dieser Gefahr bleiben. Eigentlich sollten sie gar nicht wissen müssen, daß es so etwas gibt.
Gerade deshalb will Concha nicht zu viel von Gefahr und Tod reden: der Tod kommt, wenn er kommen soll, aber das Leben des Kindes soll nicht im Schatten der Angst stehen. Sie sagt daher etwas Tröstliches zu Lolita: »Vielleicht geht dein Vater mit euch nach Valencia, wo das Leben ruhig ist.«
Sie fühlt bei ihren Worten eine innere Abwehr. Mit Männern ist das anders, sie gehören nach Madrid auf ihren Posten. Vielleicht auch die Frauen, die sich irgendwie nützlich machen können, die den Männern eine Hilfe sind und keine Last. Die kleine Lolita da, wenn sie erwachsen wäre, die könnte man sicher gut brauchen.
»Willst du, daß dein Vater mit euch geht?« fragt Concha.
»Nein. Weißt du, der Papa hat mir erklärt, daß sie ihn hier brauchen, damit die Moros nicht nach Madrid hereinkommen. Und er hat Tag und Nacht Arbeit. Ich finde, daß er hier bleiben muß«, sagt das Kind.
VI.
Nach Mitternacht war der mondlose Himmel dicht von schwarzen Wolkenfetzen verhangen. Das bedeutete eine relative Sicherheit – nein, eine relative Wahrscheinlichkeit der Sicherheit – vor Fliegerangriffen. Auch die Artillerie des Feindes schwieg. Aber durch die Gran Vía fuhren Motorräder und schwere Lastwagen in Richtung Front. Die Front lag etwas mehr als einen Kilometer straßenabwärts. Um halb ein Uhr nachts grollten in rascher Folge die Explosionen von fünf Wurfminen. Man konnte nicht unterscheiden, ob sie in den eigenen oder den feindlichen Stellungen fielen. Dann ratterten eine Viertelstunde lang Maschinengewehre. Und dann fielen nur noch vereinzelte Gewehrschüsse in die Stille.
Es war sehr still in Madrid. Es war still in der Telefónica. Es war still in der großen Straße.
Der Wachtposten an der Kreuzung schrie lauter und schärfer als vorher sein Halt, so oft ihm ein Fußgänger oder ein Auto die Möglichkeit dazu gab. Dann hallten die Diskussionen über die Legitimationspapiere weithin durch die leere Straße. Kam ein Auto, so hörte man es kilometerweit. Man hörte ein leises Summen, ein Surren, ein Rattern. Man hörte einen Motor, der auch der eines Flugzeuges sein konnte, und folgte mit dem Ohr angespannt dem Anschwellen des Tones, bis man ein vertrautes Geräusch des Fahrzeuges herausfand und die Nerven wieder erschlaffen konnten.
Die Posten der Telefónica langweilten sich. Der eine drückte sich an die Mauer, Kopf, Schultern und Karabiner in die gestreifte Wolldecke gehüllt, der andere stellte sich an die Innenseite der Tür, so daß er gelegentlich ein Wort mit dem Kameraden vom Hausdienst tauschen konnte. Die Haupttür war verschlossen, ihre zerschossenen Scheiben mit Decken verhangen. Die frostige marmorne Vorhalle war ganz schwach erhellt, es durfte kein Lichtschein auf die Straße fallen. Die Kontrolle der kleinen Seitentüren war nicht schwierig; um diese Zeit kamen und gingen nur noch diejenigen, die etwas mit den verschiedenen militärischen Stellen im Haus zu tun hatten, und die von der Presse. Die Flüchtlinge in den Kellern schliefen oder waren wenigstens ruhig. Die Telephonistinnen hatten um zwei Uhr Schichtwechsel, aber alle Mädchen vom Nachtdienst schliefen im Haus. Inzwischen lagen die Korridore und die Stiegen der dreizehn Stockwerke verlassen. Aber eben deshalb war die Kontrolle der fremden Besucher wichtig, vor allem die der Ausländer. Wie kann man wissen, wer von den ausländischen Zeitungsleuten ehrlich ist und wer ein Spion?
Den Fahrstuhldienst versah nachts der Einarm. Die Mädchen vom Tagdienst taten nie, was er tat: bei jedem Fremden aufpassen, ob er auch tatsächlich in den Raum ging, den er als sein Ziel angegeben hatte. Die Mädchen entschuldigten sich damit, daß sie zu tun hätten; aber in Wahrheit interessierten sie sich nur für ihr Strickzeug und für die Komplimente ihrer Fahrgäste. Und wenn ihnen ein Engländer oder ein Amerikaner irgendeinen Blödsinn sagte, waren sie schon von ihm begeistert. Der Einarm war überzeugt, daß Frauen für ernste Arbeit nicht taugen. Höchstens kann man es einer Frau überlassen, sich mit anderen ihresgleichen herumzustreiten, wie man das auch in der Gewerkschaft tat. Aber die Kontrolle der Ausländer – wenn man schon ihre Sprache nicht versteht, so muß man wenigstens einen gewissen Blick für sie haben. Die von der Zensur waren Hohlköpfe; nun hatte man ihnen auch noch von Valencia eine ausländische Frau geschickt. Gerade wo es nun in Madrid so ernst stand. Das konnte eine schöne Geschichte werden. Das alles setzte er langsam und ernst, jeden Satz wiederholend, dem Moreno auseinander.
Moreno vom Hauskomitee erklärte, ganz der Ansicht des Einarm zu sein. Er sprach rasch und viel, abwechselnd in künstlich geschraubter Sprache und in übermäßig derben Flüchen. Was ihn anlangte, meinte er, so langweilte er sich, wenn die Liftmädchen nicht da waren und er ihnen nicht der Reih um Komplimente oder Bosheiten über ihre täglich wachsende Koketterie sagen konnte. Aber auch er ließ als Mitarbeiterin höchstens Lucrecia gelten – die Vertreterin der Telephonistinnen im Arbeiterrat der Telefónica und in der Leitung der Gewerkschaft. Sie war eine alte Anarchistin; sie war so häßlich, daß sie auf der Welt nichts anderes als die Organisation hatte, und sie war schlau. Aber sonst waren Frauen im Dienst wie Dynamit in der Küche. Moreno nahm sich vor, der Neuen in der Zensur auf die Finger zu schauen, und der Einarm sollte ihm dabei helfen. Mit wem geht sie in der Nacht fort? Interessiert sie sich für Angelegenheiten der Telefónica außerhalb der Zensur? Mit welchem Journalisten steckt sie am meisten zusammen, mit wem spricht sie im Korridor und auf der Treppe? Und warum ist sie eigentlich in Madrid? Die Regierung in Valencia ist zu allen Dummheiten imstande, setzte Moreno auseinander, man weiß ja, daß die Leute dort kein Herz für Madrid haben. Die feigen Buben, die am 6. November davongelaufen sind, wollen die echten Männer, die hier blieben, vom Platz verdrängen und dann einen schäbigen Frieden machen. Und so schicken sie nun auch ein ausländisches Mannweib her, von dem man nicht wissen kann, ob sie Freund oder Feind ist.
»Ein Mannweib ist sie nicht«, meinte plötzlich der Soldat in der Türecke. »Ich hab’ sie mir angesehen, wie sie hereingekommen ist. Man sieht ihr auf hundert Meter die Ausländerin an – sie hat Kleider wie Säcke und geht wie ein Mann –, aber sie ist als Weib nicht so übel.«
»Darauf kommt es jetzt gar nicht an«, sagte Moreno, und er versuchte das Unmögliche: sein breites Bulldoggengesicht die kalte Schärfe ausdrücken zu lassen, mit der Pedro Solano im Komitee jeden dummen Zwischenrufer mundtot machen konnte, ohne ein Wort auszusprechen. Moreno hatte die Funktion, jeden zu kontrollieren, der das Gebäude betrat und den er als nicht zum Hause gehörig ansah; er fragte die Leute aus, wohin sie wollten, gegebenenfalls die Legitimationspapiere überprüfend, nahm Revolver und Pistolen ab und fuhr manchmal, wenn er besonders mißtrauisch wurde, mit dem Fremden in den betreffenden Stock hinauf, um ihn an Ort und Stelle einer Vertrauensperson zur näheren Ausforschung zu übergeben. Moreno trug eine saubere Uniform, die Kappe sehr schief in die Stirn gesetzt, ein mächtiges, schwarzrotes Seidentuch um den Hals geschlungen, große Abzeichen der Telephongewerkschaft CNT und der FAI auf Kappe und Brust. Er war Garagenmeister der Telephonautos gewesen. Um den Dienst in der Türkontrolle hatte er gebeten, weil er auch den entschlossensten Kameraden aus der Beamtengruppe mißtraute, sobald es um Fragen der Behandlung von ausländischen Herrschaften ging. Und außerdem, weil er beweisen wollte, daß seine frühere Interesselosigkeit an politischen Fragen nicht auf Lauheit der Überzeugung zurückgegangen war.
»Es kommt nicht darauf an«, sagte er nun, »aber die Weltpolitik, Mensch, die Weltpolitik, das ist eine böse Sache. Da sind die Amerikaner mit ihrem Geld und die Deutschen mit ihren Kanonen und die Italiener mit ihrem Papst. Und wir haben noch immer im neunten Stock die Herren Amerikaner von der Direktion sitzen. Auch wenn sie nichts mehr außerhalb ihrer Büros dreinreden können, machen die Journalisten ihnen oben Besuche. Und wer weiß, was sie sich gegenseitig erzählen. Und die Journalisten wohnen in den ausländischen Botschaften. Das ist ein feines Spiel, man muß es nur verstehen. Wenn Pedro auf meinen Rat hört, setzen wir einen Vertrauensmann in die Zensur hinein, der uns meldet, wer von den Korrespondenten für uns ist und wer gegen uns. Dann werden wir alle hinauswerfen, die nicht verläßlich sind. Sie sollen anderswo ihre Dreckartikel schreiben und froh sein, daß wir sie so behandeln. Und die Frau mit ihnen, wenn sie zu ihnen hält.
»Aber wir wissen doch eigentlich noch nichts von ihr«, sagte der Einarm, der ein gerechter Mann war. »Vielleicht ist sie vernünftig. Es ist nur auf jeden Fall ein Fehler, eine ausländische Frau an diese Stelle zu setzen. Aber vielleicht geht sie wieder weg, wenn eine Granate über ihrem Kopf einschlägt.«
»Die Granate heute Abend hat auf der Seite eingeschlagen, wo die Zensur liegt. Aber im achten Stock, nicht im fünften. Und die Frauen sind manchmal zu gedankenlos, um zu wissen, daß eine Granate auch sie treffen könnte. Die Rosita, zum Beispiel, glaubt, daß ihr nichts geschehen kann, wenn sie im Lift drin sitzt … Hola, du«, unterbrach sich Moreno, »im vierten Stock rufen sie den Lift. Das sind sicher die letzten aus dem Pressezimmer; und paß gleich auf, es sind einige neue da.«
Morton zwängte seinen breiten Körper aus der Tür; er wollte die Diskussion mit Bevan zu Ende führen und blieb in der Halle stehen. Bevan wäre gern gleich nach Hause gefahren, er war müde und im Grunde noch irritiert von der Leichenschau in Vallecas. Außerdem war er schlecht gelaunt, weil die Verbindung mit London nicht recht geklappt hatte – jedes Wort dreimal zu wiederholen, eine schlechte Linie, ein schlechter Stenograph am anderen Ende des Drahtes; und was das Ärgerlichste war, eine Anfrage des Büros, ob etwas über die Nationalität der Flieger festgestellt werden könne. Die Konkurrenz habe Einzelheiten angegeben. Die Zensorin würde lachen, wenn sie es erführe. Das kommt davon, wenn man vorsichtig ist.
Aber mit Morton noch einmal in die Bar gehen, das fehlte gerade noch. Der Kerl wird uns allen noch Unannehmlichkeiten bereiten, wenn er weiter seine uninteressanten »Sensations«-Artikel über die Grenze schmuggeln läßt, obwohl man genau das gleiche in Saint-Jean-de-Luz schreiben oder hören kann; und wenn er dabei weiter die primitive Vorsichtsmaßregel außer acht läßt, richtiggehende Telegramme durch die Zensur zu schicken. Aber Morton ist ein faules, versoffenes Schwein. Vor einer Stunde mußte er aus seinem Schnarchschlaf auf dem Feldbett geweckt werden, als die Verbindung mit Paris hergestellt war. Ob die in Paris seine mageren Zehn-Zeilen-Berichte wirklich nach New York durchgeben?
Morton hielt Bevan am Knopfloch fest und erklärte ihm: »Was soll man in dieser Stadt tun? Mich stört das Schießen, ich kann nicht schlafen und habe keine Lust, Poker zu spielen. Geh mit mir in die Bar, ich weiß, wie man eine noch offene findet. Ich will übrigens weg, ich sehe überhaupt nicht ein, wozu man den Roten den Gefallen macht, in Madrid zu hocken und über sie zu schreiben. Diese Luftraids werden sie umbringen, du wirst bald draufkommen. Ein Glück, daß es mit ihnen zu Ende geht. Sie können mich nicht leiden.« Er starrte Morenos schwarz-rotes Halstuch an und zeigte darauf, ohne sich die Gesichter der drei Männer von der Wache auch nur einen Augenblick lang anzublicken. »Sieh hin, was das für Menschen sind. Das sind keine Menschen. Wenn die wüßten, was ich von ihren Morden und Kirchenbränden denke und sage. Die neue Frau in der Zensur versuchte heute freundlich mit mir zu sein, aber ich falle nicht herein, sie ist sicher auch so eine Bolschewikin, sonst wäre sie nicht hier. Ich werde abfahren und in ein paar Tagen zurückkommen, sobald Franco Ordnung gemacht hat.«
Bevan liebte dergleichen gar nicht, er konnte den dikken Mann nicht leiden. Doch Morton war Korrespondent eines sehr mächtigen Blattes, er durfte gerade ihn nicht vor den Kopf stoßen. Aber – vor den starren Gesichtern der spanischen Wachtposten sollte man nicht so reden. Sie verstehen kein Englisch, aber vielleicht fängt der eine oder andere doch ein Wort auf, vielleicht spürt einer den Ton heraus. Und es ist doch jetzt jeder so nervös …
»Fahren wir in die Botschaft, Jack, ich habe keine Lust, mich noch einmal in eine stinkende Höhle zu setzen. Heute ist eine ruhige Nacht, aber morgen wird ein böser Tag kommen. Geh mit mir, ich habe unser Auto draußen warten lassen. Hier in der Halle ist es überhaupt kalt. Ich stehe da nicht gern lange im Zug.«
Morton sah von seiner derben Höhe auf den schwächlichen Bevan mit dem blassen, angespannten Gesicht hinab. »Angst vor den Anarchisten hast du, mein Junge, das ist das Ganze. Ich stehe da und rede über sie, solange es mir paßt. Und ich gehe zu Fuß nach Hause, wenn du mir mit dem Auto davonfährst. Ich habe alle meine Papiere in Ordnung. Diese idiotischen Straßenposten können sie zwar nicht lesen, aber vor unserer Fahne« – er klopfte auf seine Armbinde mit den Stars and Stripes – »haben sie doch Respekt. So, jetzt bleiben wir hier noch ein paar Minuten, damit sich mein Freund dort mit dem Galgengesicht ärgert, und dann gehen wir.«
Bevan fürchtete die Diskussion mit dem anderen, der nie nüchtern und nie ganz betrunken war. Er versuchte, Stephen Johnson, der gerade herunterkam, festzuhalten und ins Gespräch zu ziehen. Aber Stephen war übermüdet, der Tag war hart für ihn gewesen und er hatte eine Abneigung gegen den lauten und selbstsicheren, wie gegen den glatten, überzeugungslosen Amerikaner. Er hatte Sorge um Anita. Er fühlte sich der Aufgabe nicht gewachsen, über diese ihm unverständliche, aber jedenfalls gewaltige Sache, die konventionellen Berichte zu verfassen, die man von ihm erwartete. Er hielt sich also nicht bei den beiden Amerikanern auf, grüßte die Wache mit einem ungeschickten Zögern und ging aus der Telefónica, warf sich in die Dunkelheit der Straße wie in ein kaltes, schwarzes Meer.
Bevan begann wiederum, Morton zum Gehen zuzureden. »Es ist niemand mehr im Pressezimmer als die vom Nachtdienst der Konkurrenz und mein Verbindungsmann. Ich würde nicht in dieser Bude schlafen, wo man nie weiß, wann eine Granate zum Fenster hereinkommt. Gehen wir, Jack, ich falle um vor Müdigkeit. Ich arbeite nämlich, falls du das nicht weißt …«
Da kam gerade André von der Straße herein, André, der einzige Sonderkorrespondent einer französischen Zeitung in Madrid. André, der schon mit allen Wachtposten und allen Komiteemitgliedern in der Telefónica Freundschaft geschlossen hatte, weil er jedermann gegenüber auf Tod und Teufel in seinem schlechten, aber fließenden gallischen Spanisch einen sehr gemäßigten liberalen Radikalismus verfocht. Die Spanier sagten von ihm: Er ist ein Mann, er ist ehrlich. Sogar Moreno grüßte ihn und flüsterte ihm nun zu, mit dem Daumen auf Morton weisend: »Der Faschist dort ist besoffen.«
André hatte selbst viel Kognak getrunken. Er war übermäßig angespannt, er kämpfte immerfort gegen eine wütende Angst und einen wütenden Ekel vor dem Krieg. Er liebte Madrid. Er haßte Blut. Er war ein Reporter, den es trieb, überall dem Wie und dem Warum nachzugehen. Er verachtete diese stumpfe Masse Mensch, Morton, mit dem Whiskygesicht ohne einen Funken von Geist.
Moreno schien ihm wenigstens ehrlich und einfach, im Grunde ein gutes Tier. André nickte dem Anarchisten zu und schoß dann ohne Einleitung Morton an. Sein Englisch war so französisch wie sein Spanisch.
»Sie waren natürlich nicht in Vallecas, Morton? Es hätte Ihnen nichts geschadet, ins Spital mitzukommen, wie sogar Bevan es tat.«
»Ich schreibe keine Tränenberichte der roten Regierung zuliebe.«
»Was soll das wieder einmal heißen? Weil Sie nicht wissen und sehen, daß die Menschen da für eine Sache, an die sie glauben, kämpfen und sich umbringen lassen, deshalb, ja deshalb hat Ihre Zeitung hier zwar einen Vertreter sitzen, aber keinen Journalisten.«
Bevan fiel rasch ein: »Lieber André, man darf sich über Dinge hier nicht so aufregen, wie Sie es tun, sonst fällt einem die objektive Berichterstattung noch viel schwerer, als sie einem ohnehin gemacht wird. Kommen Sie lieber mit uns einen Whisky trinken.«
Lieber das, als in eine neue Diskussion hineingeraten. Man darf sich nicht in diesen Krieg hineinziehen lassen, der einem die große Chance der Karriere gibt. Man darf nicht versuchen, die Wahrheit hinter den Dingen zu sehen und verstehen zu wollen. Lieber mit einem Schwein trinken gehen.
Morton war über das plötzliche Nachgeben Bevans erfreut und empfand es als eine Solidaritätserklärung. Darüber vergaß er den beleidigenden Ton, mit dem dieser Franzose da seine exaltierten Dinge vorgebracht hatte. Besser, der Franzose ginge nicht in die Bar mit; der Bevan war wenigstens ein neuer Junge, trotz seines Mädchengesichts und seines naiven Arbeitseifers.
»Danke«, sagte André. »Ich bleibe, ich muß hinauf und die letzte Febus-Ausgabe für meinen Artikel durcharbeiten. Ihr vergeßt, daß ich am frühen Morgen nach Paris durchgeben muß. Kommt gut nach Hause.« Er wollte sich zu Moreno wenden, aber der sprach unerwarteterweise mit einer Frau: Pepa, die aus dem Keller gekommen war und in den achten Stock wollte.
Also stand André noch einen Augenblick lang unter der Tür und sah den beiden Amerikanern nach, wie sie durch das Dunkel stolperten. Am Straßeneck lag ein Schutthaufen – Mörtel, Ziegel, Glas. Die Granate hatte das Haus gegenüber getroffen, um fünf Uhr nachmittags. Keine Verletzten. Von irgendwoher fuhr ein Auto vor. Aus dem Nichts, von dort her, wo er die Mitte der Gran Vía wußte, kam der schroffe Haltruf des Postens. Die Front und der Himmel waren still. In der Nachbarstraße der Peitschenknall eines Gewehrschusses.
»Ein Paco«, sagte André automatisch. Paco hieß man die faschistischen Dachschützen. Aber als kein weiterer Schuß folgte, verbesserte er: »Ein Posten, der auf das Licht in einem Fenster schießt.«
Der Soldat, der als unförmiger Klumpen neben ihm in der finsteren Ecke stand, sagte aus seiner Decke heraus: »Ja, ein Posten. Das ist nichts. Sicher ist ihm das Gewehr losgegangen, das ist mir auch einmal passiert. Es ist sehr kalt …«
VII.
Anita hatte den Dienst übergeben und hatte nun eigentlich im Zensurzimmer nichts mehr zu tun. Aber sie konnte sich nicht entschließen, es zu verlassen. Sie setzte sich auf die Kante eines der Feldbetten – Drahteinsatz, zerlegene Matratze, schmutzige Decke – und sah dem Kollegen zu, der im fahlen, engen Lichtkreis der Schreibtischlampe mit den Papieren hantierte. Sie konnte mit diesem jungen Spanier nicht reden, das war klar. Er hatte ein stumpfes, uninteressantes, breiiges Gesicht; er sprach weder Englisch noch Französisch geläufig; er war ein ängstlicher kleiner Ministerialbeamter, der den Einlauf des Tages gewissenhaft durchlas, fortwährend Worte in seinem schlechten Wörterbuch nachschlagend. Mit Anita zu sprechen, kam ihm gar nicht in den Sinn. Und sie fand keinerlei Kontakt mit ihm, sie spürte nur seine Gleichgültigkeit der Arbeit gegenüber und seine Furcht vor allem. Dieser da war fremder als sie in der Telefónica. Sie beobachtete, wie sein runder Schädel in den Lichtkreis tauchte, der alle Züge auslöschte, und wieder in den Schatten zurückkehrte, wo man ihn vergaß, so wenig Leben war in ihm.
In Wahrheit dachte er unablässig daran, wann er für sich und seine Schwester einen Platz in einem Lastwagen zugewiesen erhalten würde, um seine Übersiedlung nach Valencia durchzuführen. Das Ministerium hatte alle Beamten dorthin berufen. Hier konnte man nicht mehr arbeiten, nichts klappte mehr, das improvisierte Büro in der Telefónica funktionierte nach ganz anderen Regeln als den ihm bekannten, die Luft war hier anders. Die Wache unten hielt keine Ordonnanz, sondern ein aufgeregter Anarchist, die Weisungen vom Chef in Valencia kamen nicht pünktlich durch und verloren ihre Autorität. Die Zensur hatte neue Mitarbeiter, wie diese merkwürdige Ausländerin – und man wußte nicht recht, wer hinter ihnen stand. Und dann noch die Bomben, die Granaten, die Massen auf der Straße, die neuen Behörden, die Gewißheit, daß eines Tages oder eines Nachts (vielleicht eben jetzt) Franco neuerlich vorstoßen und durchbrechen wird, und daß man zwischen der Wildheit der Moros und der wilden Brutalität der Verteidiger zugrunde geht; wann, wann endlich würde er einen Platz finden, wann würde das Lastauto des Ministeriums mit den Akten und Kopiermaschinen dieses Madrid verlassen? Hier hatte ja nichts mehr einen Sinn.
Anita vergaß, daß sie nicht allein war, sie ließ sich gehen und versuchte nicht, ihre Gedanken in Ordnung zu halten. Alle Journalisten waren der Ansicht gewesen, daß heute nacht nichts geschehen würde, aber morgen – was wird morgen geschehen? Es ist sicher wahr, man spürt es in den Knochen. Brechen Francos Truppen durch? Wird die Telefónica zerstört und werden wir alle dabei draufgehen? Wird die Verwirrung so sein, daß jede Arbeit unmöglich wird? Wird die Stimmung in Madrid umschlagen? Die Fünfte Kolonne? Flieger?
Sie wußte nicht, was sie mit sich selbst anfangen sollte. Gern hätte sie den Dienst für die ganze Nacht übernommen, nur um hier im Arbeitsraum bleiben, auf diesem jämmerlichen Bett schlafen, Teil dieses Hauses sein zu dürfen.
Sie dachte: Der große Ventilator summt wie ein Flugzeugmotor. Wenn hier eine Granate einschlägt, wird es wenigstens sofort gemeldet; es gibt Menschen, die feststellen, wer man ist. Allein sterben muß scheußlich sein. Es ist zwar gleichgültig, aber ich fürchte mich davor. Warum vor dem Sterben und nicht vor dem Verkrüppeltwerden? Es gibt immer viel mehr Verwundete als Tote. Aber das, wovor ich Angst habe, ist doch das Aufhören. Ich. Das ist jetzt nicht so viel. Man sollte wenigstens hier einen Menschen haben, mit dem man Freund ist. Liebe ist Angst vor dem Alleinsein.
Ich bin eine dumme Gans, wie mir die literarische Bildung im Nacken sitzt. Zitate. Aber warum nicht? Es gibt noch so was von Storm: »Halte fest, du hast im Leben doch am Ende nur dich selber.« Das ist wahr, aber ich will nicht, daß es wahr sei. Wahr sei – komisch, daß ich in runden, grammatikalisch korrekten Sätzen denke. Aber wenn man sich zuhört, denkt man immer in Sätzen. Oder in stenographischen Siglen. Sicher will ich mich jetzt an etwas festhalten, was klare Form hat. Ich habe Angst vor dem Alleinsein. Deshalb arbeite ich so. Warum bin ich hier? Warum muß ich hier sein? Er läßt mich nicht aus, ich kann nicht weg, auch wenn ich will, ich bilde mir ein, daß ich hierher gehöre. Aber es ist wahrscheinlich ein Unsinn. Wichtigkeit – Pressezensur! Aber – machen, daß die draußen wissen, was hier los ist. Daß man kämpft. Damit es nicht umsonst ist. Das Schreckliche ist, wenn es umsonst ist. Oder nicht? Ich weiß es nicht mehr recht. Man muß tun, was man für recht und richtig hält, man muß leben und sterben, wie man es ganz ehrlich will. Aber was ist ganz ehrlich? Ich mag kein politisches Wort mehr denken. Aber es gibt doch so was wie Freiheit und Würde. Hältst du dir politische Reden, meine Liebe? Weil du allein bist? Ich müßte doch spüren, daß Georg an mich denkt, daß ich einen Menschen habe. Sie versucht, sich ihren Mann vorzustellen und zärtlich an ihn zu denken. Aber es war gewolltes Denken. Sie fand plötzlich, daß er zu jenem anderen Leben außerhalb von Madrid gehörte. Sie sagte sich vor: »Liebling, lieber Junge, sei nicht bös auf mich, ich hab dich doch sehr lieb, denk an mich …« Aber es gab ihr keine Wärme, es war eine allzu bewußte Anstrengung, so, als ob sie die vertraute Anhänglichkeit ihres Mannes wie einen schützenden Mantel über sich hätte breiten wollen. Sie erschrak über ihre eigene kühle Losgelöstheit und sprach plötzlich, ohne es zu wissen, laut aus: »Nein, so nicht, nein.«
Der Zensor blickte erstaunt auf. Die Ausländerin saß dort auf dem Bett, in ihrem dicken, häßlichen Mantel zusammengesunken. Das Gesicht sah er nicht, es war ihm auch lieber so; es hatte mit ihr nichts zu tun und sie sollte endlich nach Hause gehen. Er überlegte sich einen französischen Satz mit nicht zu schwieriger Aussprache und sagte endlich: »Madame, haben Sie Angst, allein ins Hotel zurückzukehren?«
Anita fuhr in die Höhe wie ein Schulmädchen und antwortete: »Ich – ich habe gar keine Angst. Ich ruhe mich nur aus, bevor ich zur Konferenz mit dem Kommandanten Sánchez gehe.« So, da hatte er es. Aber im gleichen Augenblick kam sie sich lächerlich vor und das gab ihr die innere Heiterkeit und Ruhe zurück. Unbefangen blieb sie noch einige Minuten sitzen und überlegte nun wirklich das kommende Gespräch mit dem Spanier. Gut, daß sie das noch vor sich hatte, der Mann war nicht so übel, mit ihm würde man wenigstens auf gleicher Ebene stehen. Nicht so wie die Journalisten, die eigentlich alle zu den anderen, den Gegnern, gehörten, weil sie Angst hatten, ihre Distanz zu den Dingen zu verlieren.
Ja, nun wollte sie sich doch zuerst ein wenig menschlich herrichten. Die Nase pudern, die Hände waschen. Wie lächerlich es ist, in einem fremden Land die Toilette zu finden. Sie fragte den Zensor, aber sie verstand ihn nicht recht. Macht nichts, sie würde eben gleich in den achten Stock gehen.
Anita schritt rasch durch den dunklen, engen Korridor, vorbei an einer schattenhaften, schnarchenden Ordonnanz, fand die kleine Seitentür und stand plötzlich im lichtlosen Treppenhaus. Sie mußte die Tür noch einmal öffnen, um sich zu orientieren und nicht in ein schwarzes Nichts hineinzugehen; dann tastete sie sich langsam aufwärts, der Mauer nach, die Aktentasche fest unter den Arm gepreßt. Oben klappte eine Tür, Schritte kamen die Wendeltreppe herab, unvermutet stach ein Lichtstrahl wie ein Speer durch das Dunkel. Sie blieb dicht an der Wand stehen und ließ einen Mann an sich vorbei, von dem sie nichts sah als die Taschenlampe, eine Hand, einen Ärmel. Einen Augenblick lang fiel ihr der Lichtstrahl direkt in die Augen – sie fühlte sich hilflos ausgeliefert.
Hier muß man eine Taschenlampe haben. Diese Stiege gefällt mir nicht. Revolver – nein, Unsinn, keine Heldenromantik.
Die Telefónica war leer und still. Die Maschinengeräusche zerstörten diese Stille nicht, sie liefen vielmehr neben ihr her und machten sie noch drückender. Der Ventilator summte, man konnte dem Ton nicht entrinnen. Ein Fahrstuhl setzte sich in Bewegung, das surrte durch die hohen Schächte. Anita drehte sich um und ging blind tastend die Stufen abwärts, zurück in den fünften Stock. Als sie dort die halbdunkle Halle betrat, war sie erleichtert. Das war ihr Stockwerk und hier waren Menschen: eine alte Frau auf einem kleinen Schemel in der Ecke – schwarzes Kleid, weißes Haar, geduldige Müdigkeit, schläfriges Lachen, wie eine Theatergarderobiere. Wo ist nun wirklich die Toilette? Wie heißt Toilette auf Spanisch, oder meinetwegen Abort?
Als sie zögernd dort stand, kamen einige Telephonistinnen aus dem Korridor, in schwarzen Kitteln, die Telephonhörer noch auf dem Scheitel. Sie schritten plaudernd an Anita vorbei, sie unverhohlen musternd. Schichtwechsel: sie gingen sich waschen. Anita ging ihnen nach. Dabei entdeckte sie, daß die alte Frau tatsächlich so etwas wie eine Toilettenfrau war (blödsinnig kompliziert sind solche wichtigen Kleinigkeiten in einem fremden Land mit fremder Sprache!), und fand sich in einem weißgekachelten Waschraum.
Im Waschraum packte sie langsam, um ihre Nervosität zu überwinden, Handtuch, Kamm und Puderdose aus, unter dem Kreuzfeuer dreister unfreundlicher Augen. Alle Frauen im Raum musterten die Fremde. Die Telephonistinnen hatten die schwarzen Kittel abgelegt und aus den Stahlschränken des Nebensaales ihre Toilettensachen geholt. Eigentlich gingen sie nun alle schlafen, aber sie schminkten sich vorher. Im Spiegel beobachteten sie Anita.
Anita versuchte ehrlich, eine von ihnen nett und sympathisch zu finden, aber es gelang ihr nicht. Sie war sich der Tatsache bewußt, daß sie diesen Spanierinnen wie ein fremdartiges Tier vorkam. Aber das wußte sie doch nicht, wie reizlos sie ihnen erschien. Und sie hatte keine Ahnung von der Besorgnis, mit der sie die Jüngeren betrachteten, um herauszufinden, ob diese Ausländerin nicht am Ende doch unbekannte und gefährliche Waffen besäße; denn die Männer laufen ja manchmal merkwürdigen fremden Dingen nach.
Anita ihrerseits hätte gern den Spanierinnen, deren Augen sie im Spiegel begegnete, erklärt, daß sie bei ihren Männern (bei Männern, denen diese Frauen gefielen) weder Chancen hatte noch Chancen haben wollte. Sie las die Abneigung überdeutlich in diesen Blicken. Das war eine geschlossene Front gegen sie.
Vergebens suchte sie eine kleine Genossin unter all den harten Gesichtern. Sie hatte bei keiner ein wärmeres menschliches Gefühl. Sie schienen ihr so gleichartig. Fast alle hatten regelmäßige, einige hübsche Züge. Alle hatten die gleiche Haarpracht: viele kleine unnatürlich steife Locken im Nacken, glatter Scheitel, die Ohren frei, sehr gute Kopfform. Alle hatten schöne, große Kuhaugen. Alle waren dunkelbraun, und ihre Haare klebten aneinander wie geleimt. Zwei ältliche Frauen hatten saure, böse Gesichter, aber der gleiche harte Zug zeigte sich schon bei den jungen. Ein ganz junges Mädchen war sehr hübsch, aber sie hatte sich einen lächerlichen Herzmund geschminkt, und man vergaß ihr Gesicht, sobald man es nicht mehr sah.
Ich bin doch um Gottes willen nicht ungerecht, weil Frauen hübscher sind als ich? dachte Anita. So bin ich doch eigentlich nicht. Aber die da gefallen mir ganz einfach nicht, sie sind ganz ohne Nuancen und haben grobe Stimmen und steife Körper mit angelernten Reizbewegungen. Anita überließ sich einer primitiven Abneigung, vermischt mit Enttäuschung über die ungewohnte Antipathie, die sie selbst hier erregte.
Dann kam eine herein, die etwas anders war: sie bewegte sich sehr gut, wenn auch pfauenhaft bewußt, hatte ein blasses, übermäßig geschminktes Gesicht mit groben, unruhigen Zügen, flackernden und fordernden Augen, einem unzufriedenen, vollippigen Mund. Nicht uninteressant, nicht unintelligent, aber ein Luder, schätzte Anita.
Paquita streifte die Fremde mit einem langsamen Blick, schaute noch einmal rasch in die ruhigen grauen Augen (nicht so ganz außer Konkurrenz, wie man zuerst glauben möchte, dachte sie) und begann dann das Ritual des Schminkens und Brauenzupfens. Die Haare mit dem nassen Kamm in die exakten Locken und Ringel zu legen, dauerte einige Minuten. Sie wußte zwar im Grunde genau, daß sie heute in ihrem täglichen Gefecht mit Agustín verloren hatte, aber sie konnte ihm doch zufällig auf dem Korridor begegnen. Oder bei einem Alarm. Immer mußte sie auf der Hut sein, das machte sie müde und ärgerlich.
Diese Ausländerin, war das die Neue in der Zensur? Dann würde sie sicher mit Agustín zu tun haben. Aber sie war zuwenig Frau für ihn – wahrscheinlich. Sie hatte blasse Lippen, sie trug die Haare achtlos nach hinten gekämmt wie die dummen, kleinen Mädchen in den revolutionären Jugendorganisationen, die so etwas kommunistisch finden, und wie die alten Jungfern mit geistigen Interessen. Da fuhr nun die Ausländerin zweimal mit dem trockenen Kamm durch ihre dicken, knisternden Haare (wie trocken sie sein mußten – ungeschickt war doch diese Frau!), puderte sich die Nase, putzte sich die Nägel (keine Maniküre) – und das war alles. Soldatenmantel und Aktentasche – aber gescheit und energisch sieht sie aus –, na, sie wird schon wieder gehen, sie wird sich hier lächerlich machen, dachte Paquita, und schritt mit einem schrägen Blick an Anita vorbei in den Schlafsaal der Mädchen vom Nachtdienst. Dort sagte sie:
»Habt ihr gesehen, wie die Ausländerin geht? Als ob sie keine Hüften hätte. Und dabei ist sie dick und plump, und alt. Na …«
Als Anita im achten Stock den Vorraum der Kommandantur betrat – sie war mit dem Lift hinaufgefahren, um die Treppen zu vermeiden –, sagte ihr die Ordonnanz etwas Unverständliches, in dem sie nur das Wort Comandante auffing. Sie versuchte, ihr Anliegen auf Spanisch zu erklären: »Ja, der Comandante sagt, ich kommen, jetzt.«
»No, no, no«, antwortete Pepe und begann von neuem eine lange Rede, diesmal langsamer und mit vielen dramatischen Gesten. Anita begann zu verstehen, daß eine Frau – »Doña Pepa« – beim Comandante sei und sie hier warten solle. Ihr fiel das »Doña« und die Grimasse des Alten umso mehr auf, als er sie, Anita, dazwischen freundlich angrinste und mit »Camarada« ansprach. Sie setzte sich also und lächelte den alten Pepe so herzlich und unbefangen an, daß er in sich beschloß: die ist sympathisch und eine gute Frau. Wie kann ich sie unterhalten, während dieses Frauenzimmer, die Pepita, beim Agustín ist und ihm die Hölle heiß macht?
Ihm fiel das Granatloch im achten Stock ein; vielleicht hatte sie so was noch nicht gesehen. Er stand auf, sprach ein paar Worte sehr laut, wie zu einer Schwerhörigen, winkte, lachte, nahm schließlich Anita bei der Hand. Sie lachte auch, verstand das Wort »Obús«, Granate, vom Französischen her und überließ sich der Führung dieses ersten freundlichen Spaniers, den ihr der heutige Tag gebracht hatte. Sie vergaß dabei ihre Verstimmung darüber, daß sie nicht gleich mit Sánchez sprechen konnte und daß in seinem Zimmer wieder eine dieser Spanierinnen ihr ein böses Gesicht zeigen würde. Eine Frau bei diesem strengen Mann – schade.
Pepe führte Anita in ein dunkles Zimmer, mit zerbrochenen Scheiben, feucht und kalt. Wieder nahm er ihre Hand, legte sie auf die Stelle, wo der Fensterrahmen und die Ziegelmauer zerrissen waren, knipste für einen Augenblick lang mit größter Vorsicht, dicht über dem Boden, seine Taschenlampe an, um ihr die Ziegelbrocken und Sprengstücke zu zeigen. »Heute abend«, sagte er. Sie verstand ihn, sie hatte ja die Meldung gelesen, hob ein Stück Stahl auf und fuhr mit dem Finger über die Zacken.
»Nicht Menschen«, sagte sie im Ton der Feststellung »keine Toten, gut.« Pepe war sehr zufrieden. Die Frau da zeigte ein vernünftiges, sachliches Interesse, ohne Übertreibung. Nachdem sie mit sorgfältiger Aussprache »Gracias«, Danke, gesagt hatte, gingen sie als gute Freunde in den Vorraum zurück und führten dort eine lebhafte Unterhaltung. Pepe begann ihr zu erklären, daß die Frau da drinnen »nicht gut« sei, der Comandante »sehr gut«. Anita wollte wissen, was er selbst sei, aber sie bekam seinen Zivilberuf nicht heraus. Arbeiter, und zwar qualifizierter Arbeiter, das war klar. UGT, nach dem Abzeichen. Alter Gewerkschafter, genauso wie die braven Freunde in der Heimat. Er war ihr nicht fremd. Sie war ihm dafür so dankbar, daß sie sich darauf konzentrierte, in den abgebrochenen, lächerlich falschen spanischen Sätzen, die sie sagte, und in ihren Gesten etwas von ihrer Persönlichkeit auf ihn wirken zu lassen. Sie wußte nicht, wie stark diese Wirkung wurde und wie bedingungslos der alte spanische Arbeiter sie akzeptierte.
Agustín riß die Tür auf und rief: »Pepe, ein Glas Wein!« Sein Haar war in Unordnung, er hatte ein flackerndes Gesicht. Anita hatte das unangenehme Gefühl, es hätte sich da drinnen eine Liebesszene von der Art abgespielt, die die Beteiligten häßlich macht. Das tat ihr leid, sie hätte den Mann lieber nicht so gesehen. Um unbemerkt weggehen zu können, verhielt sie sich ganz still und rechnete mit dem Halbdunkel und der Zerstreutheit des Kommandanten.
Aber sie hatte alles falsch verstanden. Agustín war verzweifelt angewidert und wollte eben seine Frau daran hindern, in einen neuen Gefühlsausbruch und in ein neuerliches, eindeutiges Sich-ihm-Anbieten hineinzugeraten. Er versuchte die Ausrede, die Tür aufzumachen und Pepe als Dritten, als mäßigenden Zeugen auszunützen. Wein hatte er im eigenen Schrank. Als er Anita in der Ecke sitzen sah, empfand er ein Gefühl der Erlösung. Das war nun keine Ausrede, das war eine wirklich sachliche Notwendigkeit. Er mußte mit dieser Deutschen sprechen, er hatte sie hierherbestellt. Sie war so ruhig und klar, daß sogar Pepita ihre Szene würde abbrechen müssen. Agustín ging also mit ausgestreckter Hand auf Anita zu:
»Ja natürlich, Genossin, warum sind Sie nicht schon längst hereingekommen? Pepe, du Esel, warum hast du die Genossin draußen warten lassen?«
Anita stand auf, sie hatte alle Freude an diesem Gespräch verloren: »Ich wollte ohnehin gerade gehen, Sie haben Besuch.«
»Nein, nein, das ist nur meine Frau, und ich habe schon auf Sie gewartet.« Er hatte in der letzten Stunde sicher nicht an die Fremde gedacht, aber nun schien es ihm, als ob er tatsächlich auf sie wie auf ein Stück gesunden, normalen Arbeitslebens gewartet hätte. Das quälende Ringelspiel mit seiner Frau – Geld, Schlafengehen, Eifersucht, Geld, Eifersucht, Schlafengehen, Dummheit, Geld – war zu Ende. Er bemerkte die Zurückhaltung Anitas nicht, er war so eifrig, daß sie ihm folgen mußte.
Nun stand sie im Zimmer und sah das undeutliche Licht auf eine kleine, magere, dunkle Frau fallen, die eine ganz gerade Nase und einen ganz schmalen Mund und ganz abfallende Mundwinkel hatte. Sie gehörte offenbar zu denen aus dem fünften Stock, aber sie sah dümmer und weit weniger hübsch aus als der böse Pfau da unten. Das war die Frau dieses Mannes? Schade, sehr, sehr schade. Anita wandte sich mit einem so aufrichtig betrübten fragenden Blick Agustín zu, daß dieser ihr am liebsten laut gesagt hätte: Ja, leider ist das wirklich meine Frau.
Pepita fragte mit ihrer unbeherrschten Stimme, die zugleich scharf und rauh war: »Ja so, du hast also Damenbesuch?«
Agustín antwortete ihr nicht, er stellte die beiden einander auf Französisch vor (Pepita verstand nur die Handbewegung) und sagte dann schroff zu seiner Frau: »Sie ist die neue Zensorin; ich habe ernst mit ihr zu reden, stör mich nicht. Und benimm dich.«
»Damit du mit ihr allein bleiben kannst, soll ich fortgehen, das meinst du wohl mit deinem ›Nicht-Stören‹? Daß ich dumm wäre. Und, Agustín, diese Frau ist dir gefährlich.« Pepa hatte gesehen, mit welcher Freundschaftlichkeit ihr Mann die Fremde hereinbegleitet hatte; sie hörte einen ihr unbekannten Ton in seiner Stimme – so etwas konnte nur eine Bedeutung haben.
Er antwortete wiederum nicht, sondern sah Pepita nur mit ausdruckslos harten Augen an. Die Deutsche, die Genossin Anita, verstand vielleicht mehr Spanisch, als sie zeigte.
Aber schon sagte Anita sehr betont: »Wir werden morgen sprechen, Comandante, heute haben Sie wirklich keine Zeit. Ich bin überhaupt müde.« Sie wollte den traurigen, bösen Augenausdruck des Mannes und die gierige, verbissene Eifersucht der Frau nicht mehr sehen. Sie wollte an die Arbeit, an den Kampf denken, das war sauberer.
Aber Agustín schien es, als müßte er noch heute mit Anita reden, sonst ginge etwas Wichtiges verloren. »Nein, wir wissen nicht, ob morgen Zeit dazu bleibt. Weißt du« – er merkte den Wechsel der Anrede gar nicht –, »morgen werden große Luftangriffe und Vorstöße an allen Fronten erwartet. Es wird ein schlimmer Tag. Du wirst vielleicht den ganzen Tag und die ganze Nacht Zensurdienst machen müssen, denn du scheinst die einzige zu sein, die wirklich Englisch kann. Aber es wird schwer für dich sein, keine Dummheiten zu machen. Du bist viel zu freundlich mit den Journalisten und du glaubst den Leuten alles, was sie sagen, das sieht man. Ich möchte jetzt, daß du mir deine ersten Eindrücke über die Presseleute sofort und exakt beschreibst, und daß du mir außerdem die Prinzipien erklärst, nach denen du zensurierst.«
Während er sprach, dachte er an die Möglichkeit, daß diese Frau eine Spionin sei, aber er rief sich das eben nur als eine theoretische Möglichkeit ins Gedächtnis, ohne irgendein Gefühl der Wirklichkeit. Hinter dem, was er sagte, und hinter dem anderen, was er dachte, lief durch sein Bewußtsein ein Erstaunen über seinen Wunsch, diesem fremden Menschen vertrauen zu können, und eine frohe Erwartung.
Dieses Erstaunen und dieser Wunsch beherrschten ihn während des ganzen, zwei Stunden dauernden, angestrengten Gesprächs. Beide, Anita und er, hatten den Müdigkeitspunkt überwunden und waren überwach geworden. Beide waren bemüht, ihre Lieblingsvorstellungen über Presse, Propaganda, Agitation und Spionage auseinanderzusetzen. Sie merkten nicht, wie oft sie den gleichen Ausdruck für ganz verschiedene Begriffsreihen verwendeten, sondern waren im Gegenteil immer wieder erstaunt, wie oft sie das gleiche sagten. Wenn das geschah, unterbrach sich der von ihnen, der gerade am Reden war, und warf dem anderen einen herzlichen Blick zu. Mehrmals stritten sie endlos über einen Punkt, der sich zum Schluß als gegenseitiges Mißverständnis herausstellte. Und immer wieder dachte der eine über den anderen: Wie kommt das, da haben wir die gleiche Angst, die gleiche Frage, die gleiche Begeisterung empfunden?
Es lief irgendein schwer zu fassendes Grundgefühl bei den beiden gleich, nicht etwa das Denken. Aber da jeder von ihnen seine eigene Einsamkeit und Andersartigkeit so tief und schmerzlich empfunden hatte, genügte diese Gemeinsamkeit, um den Anfang einer Gemeinschaft herzustellen. Der nächste Tag würde sehr hart sein: es schien ihnen gut, ihn wenigstens auf diesem einen, engen Gebiet vorzubereiten. Es tat ihnen gut, einmal ohne Hintergedanken reden zu können.
Pepita saß stumm und verbissen daneben. Sie horchte auf den Tonfall, sie beobachtete die Blicke, sie verstand nichts als das eine, daß da irgendetwas ihr Neues, Feindseliges am Werk war. Nicht einmal ihre stets wache Eifersucht konnte einen verräterischen Klang erhaschen – um so schlimmer, um so gefährlicher. Sie fühlte sich hilflos. Hier stand sie draußen, nicht die Ausländerin.
Als sich Anita erhob und Agustín ihr ohne besondere Höflichkeit in den plumpen Mantel half, folgte Pepita stumm. Agustín nahm dies mit einem achtlosen, aber freundlichen Kopfnicken zur Kenntnis. Er rief Pepe, der Anita über die Straße begleiten sollte, aus dem Schlummer und sagte zu seiner Frau: »Geh schlafen, und geht morgen nicht aus dem Keller, du und die Kinder.«
Pepa fand sich ohne eine Möglichkeit der Erwiderung im Lift, zusammen mit der Ordonnanz – sie haßte Pepe – und dieser Ausländerin, die sie zu fürchten begann.
Sie sprach kein Wort, auch nicht beim Auseinandergehen, und lief rasch die Kellerstiege hinab. Dort unten war wenigstens Licht. Aber in diesem Hause durfte sie nicht lange bleiben, sie hätte nicht kommen sollen. Agustín mußte weg, weg, weg …
Anita grüßte die Wachen, sie grüßte den Einarm, sie hätte am liebsten die Telefónica gegrüßt. Denn sie spürte, daß sie morgen bei der Rückkehr in die Arbeit keine Fremde mehr sein würde. Sie wußte, daß sie morgen, gerade in harter Arbeit und großer Gefahr, das Leben und die Kraft in sich dreifach stark fühlen würde.
Vom anderen Straßenufer aus sah sie die große, glatte Wand und den schmalen Turm der Telefónica geisterhaft blaß aus dem Dunkel tauchen.
Zweiter Teil
I.
André ist der einzige Mensch im Pressezimmer. Sechs Uhr früh. Er hat zwei Stunden Zeit, seinen Bericht für Paris zu schreiben. Das Zimmer ist groß und kalt. Kopierpapiere und zerknüllte Abzüge von Korrespondenzberichten liegen auf den Schreibtischen und Sesseln. Abfälle der Pressearbeit des gestrigen Tages. Hinter einem Wandschirm stehen fünf zerwühlte Feldbetten. Die Nachtreporter der spanischen Blätter und der Havas-Mann, die dort schliefen, sind schon oben im Telephonraum, wo es wärmer ist, weil noch alle Fensterscheiben ganz sind. Hier ist in einer der Scheiben ein kleines rundes Loch, von einem dichten Strahlenkranz feiner Sprengstücke umgeben: ein winziger Schrapnellsplitter war es gewesen, den man dann nur mit Mühe unter dem Staub des vernachlässigten Fußbodens gefunden hatte.
Durch dieses kleine Loch kommt die Kälte herein. Man könnte ebensogut die Fenster öffnen, dann würde man wenigstens frische Luft atmen. Der schale Rauch der Zigaretten von gestern hängt sich in die Kleider. Man hat ein übles Gefühl auf der Zunge. André reißt die Fenster auf – die Fenster jener Zimmerwand, die nicht in der Richtung auf die Front zu liegt. Die Wolkenfetzen haben sich verzogen, der Himmel ist rosig und unendlich klar. Wo ihn ein dunkler Fleck zeichnet, weiß man, daß es nur die Rauchwolken einer Explosion, einer Mine, eines Kanonenschusses sein können. Die geschmacklosen weißen Wolkenkratzer des modernen Madrid sind wie Alabaster, das Grün des Retiro-Parks ist eine Insel freundlicher Farbe, die Berge am Horizont sind reinstes Blau.
Von dieser Seite her werden die Rebellen kaum eindringen, denkt André. Aber sie werden hereinkommen, es kann nicht anders sein. Merde! – er flucht leise. Was für eine Schweinerei, das Ganze. Die Leute hier werden sich nicht ergeben, das ist klar – warum eigentlich? Aber es ist klar. Man kämpft wohl, weil man nicht anders kann – solange man kann. Aber die Frau gestern, die Frau mit dem aufgerissenen Bauch, das Kind mit dem dunklen Fleck neben dem Auge, die gelbe, langfingerige Hand am Straßenrand – man darf nicht zuviel daran denken, sonst kann man nicht darüber schreiben.
André setzt sich an eine der großen, altmodischen Schreibmaschinen. Er kann nicht tippen; er muß seine Sätze in Handschrift vor sich sehen, nur dann haben sie Leben. Aber die Zensur verlangt drei maschingeschriebene Kopien. Hol sie der Teufel, aber man muß sich mit den dummen Kerlen vertragen. »Tante Anastasia« nennen die Spanier ihre Zensur, so wie die Franzosen. Er beginnt mit spitzen Fingern zu stochern, findet die Buchstaben nicht, das Farbband verwickelt sich, es geht überhaupt nicht mehr. Er braucht jemanden, der ihm hilft, das ist klar. Eine Sekretärin. Aber hier gibt es keine qualifizierten Frauen. Die Deutsche, die neue Zensurbeamtin, kann halbwegs Französisch; sie ist selbst Journalistin, vielleicht hilft sie. André versucht, sich Anita zu vergegenwärtigen – der echte politische Typus nach außen, sehr sensitiv, wenn man näher beobachtet, eine schwierige Frau. Aber das geht ihn nichts an. Er entschließt sich, das Hotel Gran Vía anzurufen, wo alle jene Journalisten, die nicht in ihrer Gesandtschaft Wohnung genommen haben, schlafen.
Anita antwortet, völlig wach. Sie war vor einigen Minuten aus tiefem Schlaf aufgefahren, weil eine vereinzelte Minenexplosion die Stille des Morgengrauens zerrissen hatte. Ja, natürlich kommt sie sofort in die Telefónica hinüber, sofort. Sie ist froh über den Anlaß, ihr grabkaltes Hotelzimmer zu verlassen, Arbeit zu haben, ins Haus dort drüben zu gehen. Sie kleidet sich rasch an. Sie hatte ohnedies in der Unterwäsche geschlafen, teils der Kälte wegen, teils aus Vorsicht, um im Alarmfall möglichst schnell fertig zu sein. Sie zieht dasjenige ihrer Kleider an, das einer Uniform am ähnlichsten sieht. Natürlich keinen Hut, sie hat diesen Fehler nur am ersten Tag ihrs Aufenthaltes in Spanien begangen. Alle Papiere, alles Geld mitnehmen, Seife in die Aktentasche stecken, mehrere Taschentücher, denn man kann nie wissen, ob man noch hierher zurückkommen wird. Die bequemsten, breitesten Schuhe mit flachen Absätzen, denn der Tag wird lang sein. Es wird freilich plump aussehen.
Anita denkt an die Blicke der Spanierinnen und verspürt einen kleinen Stich. Sie weiß, daß sie so am vernünftigsten angezogen ist. Sie hat alles darauf berechnet, so neutral und unkokett wie möglich zu wirken. Aber das hat seine Nachteile. Darf sie übrigens als Zensor mit einem Journalisten zusammenarbeiten? Wahrscheinlich wird man es ihr übelnehmen. Aber das ist Unsinn, man darf die Berichterstatter nicht von vornherein als Gegner behandeln. Sánchez hat das gestern zum Schluß eingesehen. Für einen Spanier allerhand. Halt, das ist wieder eines der arroganten Vorurteile, von denen Sánchez gesprochen hat. Genauso falsch, wie die Vorstellung der Spanier über Ausländer. Sie muß sich da einen Vermittlerposten schaffen. André ist wichtig, ebenso wie sein unsympathisches Blatt. Er ist ein lebhafter Mensch, man hat es gestern gesehen, daß er imstande ist, sich aufzuregen. Er hat Phantasie. Er sieht die Menschen, nicht nur die Nachricht für sein Blatt. Sie hilft ihm gerne.
Während Anita die dunkle Hoteltreppe hinuntergeht, die dunkle, schattenerfüllte Hotelhalle kreuzt, kämpft sie gegen das Gefühl der Unwirklichkeit. Alles verschwimmt, ihr Denken funktioniert nicht recht, sie möchte laut etwas sagen, um den Kontakt mit der Realität wiederzufinden. In tiefen Fauteuils liegen die Wachsoldaten des Hotels – anarchistische Miliz. Lächerlich-grimmige Gestalten, als sie gestern nacht die Ausländer musterten, aber jetzt im schwachen grauen Licht hilflose, junge, unrasierte Bauerngesichter. Draußen ist die Straße still, leer und grau, sie verschwimmt im dünnen Nebel.
In der Eingangshalle der Telefónica macht noch immer – schon wieder – Moreno Dienst. Er hat zwei Stunden geschlafen.
Er schläft immer nur ein paar Stunden, er hält sehr viel aus, nur ist dann manchmal sein Schädel so wüst und fieberhaft. Anita grüßt ihn mit »Salud!«, er brummt die Antwort nur und nimmt sich vor, den alten Pepe genau nach der Frau auszufragen. Der hatte sie doch nach Hause begleitet. Merkwürdig: bis um vier Uhr nachts hat sie mit Sánchez gesprochen und jetzt ist sie schon wieder im Haus – sie kann fast nicht geschlafen haben. Sie geht es scharf an. Man müßte wissen, warum. Anita selbst denkt im gleichen Augenblick daran, daß sie kaum zwei Stunden im Bett gewesen war, und wundert sich über ihre Frische. Wenn sie nur den heutigen Tag und die heutige Nacht ebenso durchsteht. Sie ist überzeugt, vierundzwanzig Stunden wichtiger Arbeit vor sich zu haben, obwohl eigentlich ihr Zensurdienst nur acht Stunden dauert.
Der Einarm muß Anita ins Pressezimmer führen, sie kennt sich noch nicht recht aus. Er bemerkt daher, daß sie mit André verabredet war, und teilt das unten Moreno mit. Na, wenn das ihr Freund ist, besser als einer von den Amerikanern. Aber die Zensorin mit den Journalisten? Was ist da los?
André reicht Anita ein engbeschriebenes Blatt hin. Während sie das auf der Maschine abschreibt, wird er weiterarbeiten. Sie wirft einen Blick über die rosigen Dächer und setzt sich an die wenigst unbrauchbare Maschine. Als sie noch kaum die Blätter eingespannt hat, bricht das Gefecht in der Casa de Campo los. Sie weiß nicht, daß es die Casa de Campo ist, sie hat es noch nicht gelernt, die Klänge des Krieges zu unterscheiden; aber es klingt wie Schlacht. Wie im Film. Es grollt, es donnert, es rattert. Die Menschen, die dort drinstecken, hört man nicht, man stellt sie sich vor. André ist aufgefahren, er horcht und sagt: »Universitätsstadt oder Casa de Campo oder Westpark. Ich muß nachschauen gehen, dann arbeiten wir weiter. Kommen Sie mit?«
»Wohin?«
»In den elften Stock, von dort sieht man gut. In den zwölften und dreizehnten dürfen wir nicht hinauf. Kommen Sie, rasch.«
André schlingt seinen roten Schal um, er setzt sogar den Hut auf, sie streift den Mantel über, und sie gehen, laufen fast durch den Gang, rufen den Lift, der sofort kommt. Stumm fährt sie der Einarm in den elften Stock; es besteht die Weisung, die Herren Journalisten dort zuzulassen.
Der elfte Stock liegt im Turmaufsatz der Telefónica. Von dem großen, nun leerstehenden Saal aus kann man Madrid nach drei Richtungen hin überschauen. Anita sieht die Sierra, die grünen Hügel der Casa de Campo, die öden Felder der Hochebene, so wie sie sie vom Flugzeug aus zum ersten Mal erblickt hat. Sie sieht Madrid, sie sieht es nun anders als damals, denn sie beginnt das Leben der Stadt zu spüren. Die reinen, klaren Farben der Landschaft sind so friedlich, daß es sie an der Kehle faßt. Über der Casa de Campo weiße Rauchwölkchen, die sich auflösen. Im Himmel darüber schwarze Punkte. Sie kann die Frontlinien sehen. Sie hört alles, fast ohne es aufzunehmen. Die Kanonen, die MGs, die Gewehre – wer greift an? André hält ihr den Feldstecher hin. Sie unterscheidet laufende Figuren, sie glaubt zu verstehen, daß die Unsrigen einen Gegenangriff machen und daß die feindliche Artillerie sie beschießt. Aber sie versteht es eigentlich nicht. Sie sieht Granaten in die Häuser der Stadt einschlagen, sie ärgert sich, daß sie noch immer nicht recht weiß, wie die Stadtteile heißen. André nimmt ihr den Feldstecher aus der Hand:
»Dieses Gefecht ist nicht so wichtig. Aber sehen Sie nur die Artillerievorbereitung auf der ganzen Linie. Man spricht von einem Generalangriff. Sie wollen einen Durchbruch versuchen.« Nun ist er nur Reporter; er rennt ohne weitere Erklärung die Treppe hinab, biegt in den Gang zur Kommandantur ein. Anita folgt ihm wortlos, sie fühlt sich nicht recht am Platz. André wirft ihr den Satz zu: »Vielleicht sagt mir Sánchez etwas«, und sie spürt, daß sie dabei nichts zu suchen hat.
»Ich warte im Pressezimmer auf Sie, André«, sagt sie und geht.
Das Treppenhaus ist nicht mehr leer; Menschen hasten von einem Stockwerk ins andere und alle sehen Anita forschend an. Sie geht ins Pressezimmer zurück und setzt sich an die Schreibmaschine. Man muß irgend etwas tun. Sie muß einen Artikel schreiben. Mit der Briefpost wird er sicherlich verspätet ankommen – diese sozialistischen Zeitungen sind von einem lächerlichen Geiz am falschen Ort. Aber es wird doch ein Bericht aus Madrid sein, der nicht gefälscht ist. Doch wie schreiben, ohne zu fälschen? Sie hat viel und nichts gesehen. Sie mag keine brave Lesebuchgeschichte erfinden. Heldentum – dummes Wort, falsches Wort. Revolution – das stimmt nicht recht, das hier ist ein Verteidigungskrieg für die Möglichkeit einer Revolution.
Ach, Gott, wenn ich nur weniger fix mit meinen Formulierungen wäre. Das ist zu billig. Ich kann nicht schreiben. Ich müßte meinen eigenen Artikel wegzensurieren. Diese Spanier erlauben nicht, daß man die Wahrheit schreibt. Wahrheit, was ist das – wir verstehen ja auch ihre Wahrheit nicht. Es ist schrecklich kalt hier. Und so unaufgeräumt. Es stinkt nach amerikanischem Tabak. Ich bleibe lieber auf dieser Seite des Zimmers; wenn da draußen ein Schrapnell platzt, muß ich mich ihm nicht gerade in den Weg stellen. Oder eine Granate hier im Saal. Ich habe nicht einmal reine Unterwäsche an.
Sie starrt in den Himmel hinaus und ihre Gedanken sind so flüchtig oder so schwierig, daß sie sich nicht mehr zu ganzen Sätzen formen. Sie riecht den kalten Rauch und die Winterluft, sie sieht eine einzelne blaue Rauchsäule, sie hört manchmal ein Pfeifen und immer ein Surren – der Ventilator oder ein Flugzeug? – und sie hat Hunger. Aber dann sagt sie sich, daß sie doch nichts sehen könne, und daß es besser ist, ruhig zu bleiben.
Der Nachtreporter der »Press Agency« – P.A. – tritt ins Zimmer, grüßt flüchtig und tippt auf seiner kleinen Portable zwanzig Zeilen über den faschistischen Angriff im Westpark: »… Die starke Artillerietätigkeit läßt weitere Angriffe in den nächsten Stunden erwarten.« André kommt noch immer nicht und sie ist ganz überflüssig.
Zwei Aufräumefrauen treten ins Zimmer und beginnen die Papierfetzen aufzulesen. Die eine von ihnen ist nicht so übel, über vierzig, stark geschminkt, heitere schwarze Augen, schöne schwarze Zopfkrone. Die andere ist dick und alt, sie bewegt sich, als hätte sie geschwollene Glieder.
Die Schwarze begrüßt Anita mit einem sehr lauten »Salud!« – man muß mit Ausländern so laut reden, sonst verstehen sie einen nicht –, und bekommt ein sorgfältiges »Buenos Días!« zur Antwort.
»Sie können ja Spanisch, Señorita!«
Sie zeigt spitze, weiße Zähne und beginnt sehr viel und laut zu erzählen, von der Kälte, von den Granaten, von der Lebensmittelknappheit. Anita versteht von zwanzig Worten eines.
Aber sie sieht die Frau mit anteilnehmenden aufmerksamen Augen an und lächelt. Ein Trick, den sie schon in der Schule mit großem Erfolg gehandhabt hat: jeder, der diesen Gesichtsausdruck sieht, glaubt, daß sie alles versteht.
»Sie sind eine Fremde«, sagt Carmen. »Sie kommen sicher von weit her. Wie mutig! Wir müssen ja hier sein, aber Sie – haben sie keinen Mann? Weißt du«, sagt sie rasch und leise zu ihrer Kollegin, »die hat vielleicht keinen Mann, und sicher ist sie unglücklich, die Arme, sie hat so traurige Augen … Ist Ihnen kalt? Man muß Karton vor die Fenster tun; und auf der einen Seite ist nicht einmal ein Vorhang, das darf nicht sein. Sie sprechen Spanisch? Spanisch?«
Anita will etwas für die Autorität tun und erklärt, daß sie kein Spanisch, aber Französisch und Englisch und Deutsch und Italienisch spricht – diese Ausdrücke sind leicht, soweit reicht ihr Spanisch. Carmen versteht alles, sie bewegt bei jedem Wort Anitas die Lippen, als wolle sie ihr helfen.
»Nein, so etwas, wie kann eine Frau so viele Sprachen sprechen? Das muß schwer sein, und Sie sind sicher schrecklich intelligent. Haben Sie Kinder? Kinder?«
Sie beschreibt mit den Händen ein Brustkind, schaukelt es in den Armen. Anita schüttelt den Kopf, zeigt aber ihren Ehering vor und sagt:
»Einen Mann habe ich. Und Sie?« Nun deutet sie ihrerseits Kinder an.
»Vier«, sagt Carmen. »So, so und so und so groß. Das Größte etwa neun Jahre.«
»Wo sind sie?«
»In Madrid natürlich, ich werde sie nicht hergeben, man weiß nie, wohin sie kommen und was sie bei fremden Leuten lernen.«
Anita versteht das beinahe zur Gänze. »Aber Bomben? Faschisten?«
Carmen blickt sie vergnügt an: »Besser sie sind mit mir, es wird nichts geschehen. Und sterben müssen wir alle.«
In diesem Augenblick läuft sie zum Fenster: von der Front her dröhnen dicht hintereinander sechs Explosionen, die nur von Fliegerbomben kommen können.
»Flieger, ay!« ruft Carmen.
»Gehen wir hinunter«, sagt die andere Frau und stellt ihren Besen in die Ecke. »Gehen wir.«
Carmen zuckt die Achseln. »Wozu?«
Die andere geht schwerfällig und langsam aus dem Zimmer. Sie steigt langsam die Treppen hinunter: den Fahrstühlen traut sie während eines Bombardements auch dann nicht, wenn die Liftmädchen den Dienst aufrechterhalten wollen – stell dir vor, man bleibt im Schacht stecken und es fällt einem eine Bombe auf den Kopf.
Anita und Carmen sehen einander an. Plötzlich umarmt die Spanierin die Fremde und sagt: »Ich geh zu meinem Kind. Eine Schweinerei, nicht wahr?«
Sie hat Tränen in den Augen, lacht und verschwindet im Gang.
Anita bleibt sitzen. Sie hat keine Lust, in den Keller zu gehen. Sie ist augenblicklich hier auf ihrem Posten. Einen Artikel schreiben? Auf André warten? Carmen hat ihre Seele gewärmt. Sie beginnt eine Stimmungsreportage zu schreiben, mit den halbverstandenen, aber so klar verständlichen Worten Carmens im Ohr: Sterben müssen wir alle.
Ja, so ist es besser: fröhlich und selbstironisch arbeiten und nicht immer an sich selbst denken. Man ist nicht so schrecklich wichtig. Aber man ist für sich selbst verantwortlich.
André stürzt herein, sein Mantel flattert hinter ihm her. Schon sitzt er an einem Schreibtisch, bemalt ein Blatt mit großen schiefen Linien und reicht es ihr: »Drei Kopien, nicht vergessen.«
Sie hat ihren angefangenen Artikel aus der Maschine gerissen (bis der in die Redaktion kommt, kann Madrid schon gefallen sein, aber Andrés Bericht wird heute nachmittag auf den Pariser Boulevards ausgerufen) und konzentriert sich darauf, rasch und fehlerlos abzuschreiben, kein stummes E, kein Plural-S zu vergessen. Und dabei zu verstehen, was los ist.
Also ein Angriff im Westpark und einer in der Casa de Campo. Also beinahe entlang des ganzen Hufeisens, das Madrid einschließt, heftige Artillerievorbereitung von seiten des Feindes. Flieger über der Front, Minenkrieg. Die atemlose Atmosphäre des Wartens auf einen Generalangriff. Atemlos – sie stolpert über die journalistische Phrase, sie möchte Fakten wissen. André reißt ihr die Kopien beinahe aus der Hand, er liest sie sich durch und sieht Anita flüchtig an:
»Kommen Sie mit hinauf in die Zensur, dann gehen wir einen Kaffee trinken, mon petit.«
Draußen trommelt der Krieg. Maschinengewehre, Gewehre, Artillerie. Über der Front liegt eine schwärzliche Nebelbank, man sieht sie über die Dächer hinweg. So ist das, was man früher einmal »Pulverdampf« nannte.
Im fünften Stock sitzt der kleine Zensurbeamte mürrisch beim Tisch. Es geht schlecht. Aber vielleicht kann der Lastwagen des Ministeriums noch heute abfahren. Er sieht die Ausländerin und sagt:
»Sehr gut, der Kollege Plata kann erst eine Stunde später kommen (wenn er kommt, denkt er, aber sagt es nicht), ich möchte eine Stunde früher nach Hause. Vielleicht können Sie für diese zwei Stunden einspringen. Meine Schwester …« Er läßt den Grund offen. Wenn schon eine solche Ausländerin hierhergesetzt wurde, so soll sie arbeiten, sie hat doch hier keine Pflichten, keine Familie. »Also, um neun Uhr.«
Wie gut für Anita: sie wird nicht untätig im kalten, einsamen Hotelzimmer sitzen oder schlachtenbummlerisch Material für nie ankommende Artikel sammeln oder im rauchigen Pressesaal als überflüssiger Zuschauer auf den Kriegslärm horchen müssen. Sie wird eine nützliche Arbeit leisten. Ist Zensur nützlich? Aber sie wird immerhin durch die Journalisten der Welt sagen können, was geschieht.
Pulsuz fraqment bitdi.