Kitabı oxu: «DSA: Die Löwin von Neetha Sammelband»
Impressum
Ulisses Spiele
Band: US25745
Titelbild: Florian Häckh
Karten: Marek Statelov
Bearbeitung der Neuauflage: Frauke Forster
Umschlaggestaltung und Illustrationen:
Steffen Brand, Nadine Schäkel, Patrick Soeder
Layout und Satz: Nadine Hoffmann, Michael Mingers
Administration: Christian Elsässer, Cora Elsässer, Carsten Moos, Sven Paff, Stefanie Peuser, Marlies Plötz, Markus Plötz Marketing: Philipp Jerulank, Björn Meyer, Katharina Wagner, Wolfgang G. Wettach Ulisses Digital: Alina Conard, Nico Dreßen, Thomas Engelbert, Nele Klumpe, Julia Metzger, Phillip Nuss, Maximilian Thiele, Jan Wagner, Carina Wittrin, Kai Woitczyk Verlag: Zoe Adamietz, Jörn Aust, Mirko Bader, Steffen Brand, Bill Bridges, Timothy Brown, Simon Burandt, Carlos Dias, Christiane Ebrecht, Frauke Forster, Christof Grobelski, Kai Großkordt, Darrell Hayhurst, Nikolai Hoch, Nadine Hoffmann, Johannes Kaub, Christian Lonsing, Matthias Lück, Susanne Majewski, Thomas Michalski, Elisabeth Raasch, Nadine Schäkel, Maik Schmidt, Ulrich-Alexander Schmidt, Nils Schürmann, Eric Simon, Alex Spohr, Ross Watson Vertrieb: Jan Hulverscheidt, Anke Kühn, Thomas Schwertfeger, Stefan Tannert, Nils Herzmann
Originalausgabe: Copyright © 1995 by Wilhelm Heyne Verlag GmbH & Co. KG, München und Schmidt Spiele + Freizeit GmbH, Eching
Copyright © 2021 by Ulisses Spiele GmbH, Waldems. DAS SCHWARZE AUGE, AVENTURIEN, DERE, MYRANOR, RIESLAND, THARUN, UTHURIA und THE DARK EYE sind eingetragene Marken der Ulisses Spiele GmbH, Waldems.
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Ina Kramer
Die Löwin
von Neetha
Das Leben der heiligen Thalionmel erzählt von einem Freunde
Ein Roman in der Welt von
Das Schwarze Auge©

Überarbeitete Neuauflage
Den Freunden gewidmet, die mich unterstützt und
mir Mut gemacht haben
Ein Wort zur Neuauflage
Mit Die Löwin von Neetha präsentieren wir euch eine inhaltlich größtenteils unveränderte Neuauflage der Romane Die Löwin von Neetha und Thalionmels Opfer, die erstmals im Jahr 1995 veröffentlicht wurden.
Für diese Neuauflage haben wir die alte deutsche Rechtschreibung beibehalten, aber auch kleinere Anpassungen einiger Begrifflichkeiten vorgenommen und einige Textstellen umformuliert oder gekürzt, damit sie sich besser für ein heutiges Publikum eignen. Bei der Lektüre mögen euch dennoch Details begegnen, die wir bei einem komplett neuen Roman anders umgesetzt oder gestrichen hätten. Wir haben diese Elemente als Teil des Textes belassen, um dem Geist des Originals treu zu bleiben.
Teil 1 - Thalionmels Jugend
Das Lied der Löwin von Neetha
Thalionmel – Wer ist Thalionmel?*
Thalionmel war eine Kriegerin,
Sie hielt unsre Brücke mit tapferem Sinn,
Sie hat uns gerettet, sie trägt die Kron,
Sie starb für uns, unsre Liebe ihr Lohn.
Thalionmel.
Einst hatte ein Bauer ein Töchterlein hold,
Die Augen so blau und die Haare wie Gold,
Gar schön von Gestalt und von aufrechter Art,
Eine bessere Maid nie gesehen ward.
Thalionmel.
Zu Neetha im Tempel der Löwin so kühn,
Dort sah man die Jungfrau beim Standbilde knien.
Der Göttin Gefallen erregte sie bald,
Denn stolz war ihr Sinn, hoch ihre Gestalt.
Thalionmel.
Rastullah, der Wüstendämon, voll Neid,
Mißgönnte Frau Rondra die mutige Maid,
»Vernichtet dies Weib und brennt nieder die Stadt«,
So befahl er im Grimme den Beni Novad.
Thalionmel.
Und der Wüstensöhne finsterer Hauf,
Zu Hunderten brachen gen Neetha sie auf,
Bedeckten das Land mit Feuer und Tod,
Getreu ihres grausamen Götzen Gebot.
Thalionmel.
Und als sie sich endlich Neetha genaht,
Da hatten gehalten sie blutige Mahd,
Und sie riefen voll Wut: »Nun soll fallen die Stadt,
Wie Rastullah, der Eine, geboten uns hat!«
Thalionmel.
Und die Bürger von Neetha, die fragten verzagt:
»Gibt es einen hier, der zu kämpfen wagt?«
Da rief Thalionmel: »Frau Rondra zur Ehr
Will aufhalten ich der Ungläub’gen Heer!«
Thalionmel.
Und sie hielt unsre Brücke, der Leuin gleich,
Und ihr blinkendes Schwert führte manchen Streich,
Und sie focht bis zum Abend mit Löwinnenmut,
Und der Chabab ward rot von der Feinde Blut.
Thalionmel.
Von Wunden bedeckt und von Pfeilen durchbohrt,
Focht sie bis zum Tode getreu ihrem Wort.
»Hilf, Herrin Rondra, und steh uns bei!«
So hallte zum Ufer ihr letzter Schrei.
Thalionmel.
Da machte Frau Rondra in göttlicher Wut
Das Wasser des Chabab zur reißenden Flut,
Die der Ungläub’gen Heerschar wohl mit sich nahm,
Und nicht einen gab es, der ihr entkam.
Thalionmel.
So ward Neetha gerettet nach Rondras Rat,
Und durch Ihrer Dienerin Opfertat,
Du blühende Blume, du Kriegerin hell,
Unsre Liebe dein Lohn, heil’ge Thalionmel.
*Dank sei dem irdischen Dichter Theodor Fontane, dessen Ballade vom tapferen Steuermann den aventurischen Poeten inspirierte.
Prolog
Nun, da ich das Ende nahen fühle und mir nicht mehr viel Zeit bleibt, will ich alles so aufschreiben, wie es sich wirklich zugetragen hat. Viele Jahre war ich in ihrer Nähe, viel näher vielleicht, als sie je vermutete, und ich glaube, sagen zu dürfen: Ich habe sie wirklich gekannt. Auch bei ihrem Opfergang war ich zugegen, nicht auf der Brücke – natürlich nicht! – und auch nicht unmittelbar dahinter. Aber ich sah sie, konnte den Blick nicht abwenden von diesem Bild, so gleißend schön und grauenhaft. Damals, als alles vorüber war, da wünschte ich mir in meinem erstorbenen Herzen, die Pfeile der Ungläubigen hätten auch mich durchbohrt, und die Flutwelle hätte auch mich hinfortgespült. Ja, so empfindet man wohl, wenn man zwanzig ist. Nun bin ich zweiundneunzig und fühle: Alles ist vollbracht, und die hitzige Jugend mit ihren Hoffnungen, Sehnsüchten und Leidenschaften ist fern und fremd und kaum mehr Teil meiner selbst. Alles noch einmal heraufzubeschwören, das wird nicht einfach werden, denn meine Seele ist die eines alten Mannes, der sich nach Ruhe sehnt – der Ruhe in Borons Schlafgemach.
Wie wird der Übergang sein? Ob es ein Kampf wird? O nein, ich mag nicht mehr kämpfen. Ich bin des Kämpfens müde, will schlafen, schlafen, schlafen …
Doch muß ich dies Werk noch vollbringen, bevor ich mich zur Ruhe legen kann, denn wer wird es tun, wenn nicht ich? Wer kann es tun? Vielleicht bin ich der einzige Überlebende aus jener fernen Zeit, der einzige Augenzeuge ihrer großen Tat und mancher ihrer geringeren, der einzige, der ihre Geschichte kennt.
Vergib mir, Harika, geliebtes Weib, getreue Gefährtin so vieler Jahre, daß ich nicht über dich schreibe, die du doch auch eine Heldin warst und ebensowenig eine Heilige wie sie. Hast du nicht unter Schmerzen fünf Kinder zur Welt gebracht, sie unter Entbehrungen aufgezogen, sie ohne Murren und Wehklagen in die Welt entlassen, damit sie dort umkommen …
Doch weder von dir soll ich schreiben noch von mir, denn unser Lebensweg war so, wie viele unsere Leben sind, so einzigartig sie uns auch erscheinen mochten: Unsere Freuden waren gewöhnlich, unsere Leiden gering und unsere Opfer ohne Belang. Und keiner der Zwölf hat je auf uns geschaut oder nach uns gerufen. Wir mußten – oder durften – nicht Werkzeug der Götter sein, waren nicht Teil eines göttlichen Planes und konnten viele lange Jahre auf Deres Antlitz wandeln, ich um so viele Jahre mehr als du, wie mein Alter betrug, als sie fiel. Aber vielleicht war auch das Teil eines göttlichen Planes …
Welch seltsame Berechnungen und Gedanken. Oh, Hesinde, vergib mir meine greisenhafte Geschwätzigkeit! Verhüte, daß ich mich hinreißen lasse, mein Leben zu erzählen statt ihres!
Was war ich wohl für sie, was habe ich ihr bedeutet? Das habe ich mich oft gefragt. War ich ihr Seelenfreund, ihr Vertrauter? Ach, ich glaube, sie hat in mir nie mehr gesehen als einen dummen Bub, dem man sich getrost öffnen und bei dem man das Herz erleichtern mag, ohne Rat zu erwarten oder sich eine Blöße zu geben, so wie man wohl zu einem freundlichen Hund über seine Nöte und seinen Kummer spricht. Und doch bewahre ich jedes ihrer Worte in meinem Herzen wie einen Schatz, denn ich habe sie geliebt.
Als ich sie das erste Mal sah – ich war zehn damals und sie elf –, da wußte ich, daß ich sie liebe und daß diese Liebe niemals erwidert werden würde. Dabei war sie gar nicht so schön, wie uns die Legenden und Balladen weismachen wollen, und auch nicht immer so tapfer. Was rede ich, natürlich war sie schön – groß, schlank und hell –, nur eben nicht so schön wie auf dem Wandbild im Ratssaal zu Neetha. Dazu war ihre Nase ein wenig zu spitz, und ihre Augen standen ein wenig zu dicht beieinander. Oh, diese wunderbaren Augen! Hellblau wie der Morgenhimmel an einem kalten Herbsttag und mit goldenen Lichtern darin. Und wie sie einen anschaute – so aufmerksam und eindringlich, als wolle sie auf den Grund der Seele blicken. Wahrscheinlich war es nur eine Angewohnheit und hatte nichts zu bedeuten. Meine Seele wollte sie gewißlich nicht ergründen.
Ja, die Legenden und Balladen, ›Das Lied der Löwin von Neetha‹, diese Unsäglichkeit in Reimen! Warum erzählen Lieder nie die Wahrheit? Weder war sie ein Bauernkind – oder doch nur insoweit, wie man einen Gutsherrn einen Bauern nennen mag –, noch war sie eine Jungfrau. Sie war eine Frau, schon damals, als ich ihr zum zweitenmal begegnete. Doch was tut es zur Sache? Schmälert es ihre Tat? Wird ihr Opfer geringer dadurch? Und sie war auch keine ›eben erblühte Blume‹, oder wie auch immer es in dem Machwerk heißen mag. Als sie ihr Leben hingab, um Neetha zu retten, da war sie eine erfahrene Kriegerin von einundzwanzig Jahren.
Wer ich bin, willst du wissen, lieber Leser? Ich bin ein Nichts ohne Namen, ein fortgelaufener Praiosschüler, ein kleiner Schreiberling, ein unbedeutender Kalligraph. Aber vielleicht bin ja auch ich Teil eines Planes und der göttlichen Fügung. Vielleicht hat sie mir nur deshalb ihr Leben erzählt, mir ihr Herz offenbart und mich in ihrer Nähe geduldet, damit ich dermaleinst niederschreibe, was ich sah und hörte. Und vielleicht bin ich nur deshalb Schreiber geworden, damit ich es auch niederschreiben kann.
Doch nun will ich mein Werk beginnen, denn viel Zeit bleibt mir nicht, es zu vollenden.
Das erste Mal traf ich sie zur Praiosstunde im Tsamond am Hafen von Neetha. Das zweite Mal begegnete ich ihr in einer stinkenden Gasse in Eldoret. Ihr Leben währte damals dreizehn Götterläufe und sechs Monde. Und es begann in einer stürmischen Firunsnacht in einem Gutshaus nahe Neetha: Das Leben der heiligen Thalionmel.
1. Kapitel
Der Firun war ungewöhnlich hart in diesem Jahr: Seit Wochen schon blies der Beleman unverändert heftig von Efferd her, zerrte am Schilf der Dächer, drückte Bäume und Sträucher zu Boden, zauste das struppige Winterfell der genügsamen Brelak-Ziegen, trieb eisige Gischtfetzen durch die Hafengassen von Neetha und verbarg Praios’ Antlitz hinter grauen Wolkenbahnen, die wie ein endloser Zug von Himmelsreitern vom Meer zu den Eternen flogen. »Sie tändeln wieder«, sagten die Leute mit besorgtem Blick und machten sogleich das Zeichen gegen Lästerung – ein kurzes Wedeln der Rechten vor dem Mund – damit die Worte verwehten und die Götter nicht wüßten, wer sie gesprochen hatte, auf daß Ihr Zorn den Lästerer nicht treffe. Doch war es mehr eine gut geübte und fast gedankenlose Geste – so wie man die Mütze zieht vor einer Edelfrau oder einem Edelmann und ›Praios zum Gruße‹ murmelt – als wirkliche Sorge vor dem göttlichen Zorn; schließlich wußte jedes Kind, daß der Herr Efferd wieder einmal um die stolze Frau Rondra warb, wenn er die Meere aufwühlte und Stürme über Land und Wasser trieb, und alle wünschten insgeheim, die kühne Löwin möge das Werben ihres göttlichen Freiers recht bald erhören, damit Er in seiner Liebesraserei nicht Unglück über die Menschen bringe.

»Ein böses Vorzeichen«, sagte Hilgert und kniff die Augen zusammen, als könne er so die grauen Schwaden besser durchdringen, die die nahen Hügelkuppen verhüllten.
»Schämt Euch, Alter, wie könnt Ihr so reden«, erwiderte Damilla aufrichtig empört, »die Frau liegt in den Wehen, und jeden Moment kann sie niederkommen, und Ihr faselt von schlechten Omen.« Die dralle junge Magd war um Feuerholz für die Wochenstube geschickt worden; im Hof hatte sie den alten Stallmeister getroffen, der dort mit gespreizten Beinen und in die Seiten gestemmten Armen aufrecht dem Sturme trotzte und unverwandt nach Osten blickte. Der Wind zerrte an seiner schweren Jacke, zauste sein langes graues Haar und blies ihm die Strähnen vors Gesicht, so daß er immer wieder unwirsch den Kopf schüttelte, um den Blick zu befreien, obwohl es nach Damillas Ansicht dort, wohin er so verbissen starrte, auch nichts anderes zu sehen gab als ringsumher: treibende Wolken und Nebelfetzen, schwankende Bäume und wirbelndes Laub, Staub und Unrat, die der Sturm vor sich her trieb. Das Mädchen hatte Mühe, die Scheite, die unter dem Vordach des Pferdestalles ordentlich gestapelt lagen, in ihre Kiepe und den großen Henkelkorb zu schichten, denn immer wieder versuchte der Wind, ihr die noch unbeschwerten Körbe zu entreißen. Auch war sie ängstlich darauf bedacht, ihre Röcke zu raffen und zwischen die Schenkel zu klemmen, damit kein Windstoß sie unschicklich entblößte. Ärgerlich und hastig raffte sie die Scheite zusammen, während der Wind mit ihrem langen Zopf spielte und ihn zu lösen begann. »Was schaut Ihr nur immer nach Osten«, rief sie, »dort ist doch nichts! Nach Westen solltet Ihr blicken und für die armen Fischer und Seefahrer beten, damit Efferd sie verschont.«
»Es ist ein böses Vorzeichen«, beharrte Hilgert, »siebenundzwanzig Tage lang hat er noch nie gewütet, so lange ich lebe nicht. Das ist nicht der Beleman und auch nicht Efferds Leidenschaft …« Wieder warf er das Haar zurück und zog grimmig die buschigen dunklen Brauen zusammen.
»Was soll’s denn dann sein, wenn’s nicht der Beleman ist«, entgegnete Damilla patzig, »der Baltrir vielleicht, oder der Horoban oder der …« Sie überlegte, ob ihr noch weitere der sieben Winde einfallen wollten. »Na, jedenfalls bläst der Beleman doch immer im Firun, wenn er’s auch diesmal etwas arg treibt.«
»Du bist ein Kind, du verstehst nichts.« Hilgert starrte weiter in die Ferne. Mit seinen siebenundsechzig Jahren war er zwar der Älteste des freiherrlichen Gesindes, aber wäre nicht sein graues Haar gewesen, wohl niemand hätte ihm so viele Götterläufe zugemessen. Der Stallmeister war ein hochgewachsener, ungebeugter Mann von ernster, strenger Wesensart, der Geselligkeit, Trunk und Würfelspiel mied, wenig sprach und kaum jemals lachte, weswegen die meisten ihn Firutim nannten (sofern sie nicht einfach ›Alter‹ oder ›alter Mann‹ zu ihm sagten). Seine dunklen Brauen, die große gebogene Nase und die schwarzen Augen ließen vermuten, daß Tulamidenblut in seinen Adern floß und daß sein graues Haar einstmals schwarz gewesen war. »Dort drüben wird es geschehen, weit hinter den Eternen«, sprach er mehr zu sich selbst als zu dem Mädchen. »Unheil wird kommen und Umwälzung …«
»Umwälzung?« Damilla hielt fragend inne. »Was meint Ihr damit?«
»Ich weiß es nicht, Mädchen, ich weiß es nicht. Aber es wird aus der Wüste kommen, dorther, wohin die Geister eilen und wo die Elementare sich sammeln, um es zu verhindern … Doch zu spät, zu spät …«
»Habt Ihr getrunken? Das ist doch sonst nicht Eure Art, oder ist der Sturm Euch aufs Gemüt geschlagen, daß Ihr so redet?« Damilla beobachtete den alten Stallmeister ein wenig besorgt. »Warum geht Ihr nicht in Eure Stube, wärmt Euch ein wenig und betet für die Frau, daß Tsa es ihr leichtmachen möge. Und auch für das Kind, damit’s ein schöner und gesunder Knabe wird.« Sie packte die letzten Scheite in den Korb, griff nach den Riemen der Kiepe und zog sie über die Schultern. Dabei löste sich ihr Rock aus der Umklammerung der Schenkel, und ein kräftiger Windstoß hob ihn hoch bis über den Kopf. Die Kälte und der scharfe Wind trafen ihren unter den Gewändern nackten Körper so unvermittelt und fast schmerzhaft, daß die Magd einen lei-sen Schrei ausstieß. »Bei Efferd, was für ein garstiges Wetter! Und jetzt fängt es auch noch an zu regnen!« rief sie empört, während sie hastig und wenig erfolgreich versuchte, ihre Kleider zu ordnen. Sie blickte verstohlen zu Hilgert, um zu sehen, ob er ihr kleines Mißgeschick bemerkt hätte, doch der Alte stand da so ungerührt und trotzig wie zuvor. »Ich muß mich nun sputen«, sagte Damilla, »und auch Ihr solltet besser ins Haus gehen, alter Mann, und das Spintisieren sein lassen.« Sie packte den Korb und stapfte, den Kopf eingezogen und die Augen halb zugekniffen, eilig zum Gutshaus zurück.
»Das ist kein Regen, das ist Schnee«, vernahm sie Hilgerts Stimme hinter sich.
»Schnee?!« Fast hätte das Mädchen den Korb fallen gelassen. Ungläubig riß sie die Augen auf. Tatsächlich, dort im Lichtschein der Laterne sah sie winzige weiße Kristalle tanzen. Und von Westen her trieb der Sturm weitere Schwaden des weißen Gewirbels herüber. »Schnee, Schnee, sieh nur, Alter, es schneit! Das muß ich der Frau erzählen.« Damilla war so aufgeregt, daß sie Wind und Kälte vergaß und gebannt das seltene Naturereignis beobachtete.
»Ja, Schnee – Geister und Elementare sammeln sich in der Wüste. Mögen die Zwölfe geben, daß es nicht zu spät ist. Dem Mädchen jedoch droht keine Gefahr bislang – ich hoffe es zumindest …«
›Welchem Mädchen?‹ wollte Damilla fragen, doch als sie die Tür zur Küche aufgestoßen und sich schnaufend ihrer Last entledigt hatte, war die Frage vergessen. »Es schneit, es schneit!« rief sie den um das Feuer versammelten Mägden und Knechten zu.

Seit Stunden streifte Freiherr Durenald von Brelak rastlos durch die Räume seines Hauses. Wo immer er sich blicken ließ, wurde er von der Dienerschaft mit so zartfühlender Freundlichkeit begrüßt und mit so leiser Stimme und so mitleidsvollem Lächeln nach seinen Wünschen gefragt, daß er sich vorkam wie ein Schwerkranker. Dabei strotzte er vor Kraft und Gesundheit.
Durenald von Brelak war ein etwas untersetzter Mann Anfang der Dreißig. Braune Locken umrahmten eine breite Stirn, braun waren auch die Augen, in denen nicht selten ein schalkhaftes Lachen blitzte, und die glattgeschabten, etwas vollen Wangen und der erste Ansatz eines kleinen Bauches verliehen ihm das Aussehen eines Mannes, der mit sich und der Welt im Einklang lebt. Sein ausgeglichenes Temperament, seine Milde und Grundehrlichkeit und sein Ernst in allen geistlichen Belangen machten ihn zu einem beliebten und geachteten Herrn. Zwar hatte er in seiner Jugend, den Konventionen und Traditionen des hiesigen Landadels folgend, ein paar Jahre lang die Garnisonsschule zu Neetha besucht, hatte recht ordentlich das Fechten gelernt und ein wenig über die Kriegskunst erfahren, hatte den Rondrakult studiert und mit großem Ernst und voller Hingabe bei den Schwertfeiern im Tempel des Sieges die heiligen Lieder gesungen, doch galt seine wahre Liebe der gütigen Frau Peraine: Wenn der Herr von Brelak seine Ländereien inspizierte, den Boden prüfte, die Krume nachdenklich zwischen den Fingern zerrieb und zugleich voller Stolz und Sorge die Keimlinge der neuen Saat betrachtete, dann unterschied er sich nur durch den größeren Ernst seines Tuns und das bessere Tuch seiner Gewänder von seinen Bauern.
Die günstige Lage seines Gutes – zum Meer hin durch ausgedehnte Wälder vor den allzu rauhen Winden geschützt und von Nordosten her vom beständigen, auf der langen Reise jedoch von allem Sengenden befreiten heißen Lufthauch aus der Khôm gestreift, zugleich mit Efferds Gaben reich, doch nicht überreichlich gesegnet – erlaubte es dem Freiherrn, neben den üblichen Feldfrüchten wie Rüben, Flachs und Korn, die stets ausnehmend gut gerieten und reiche Ernten einbrachten, auch seltene Gemüse güldenländischen Ursprungs anzubauen, wie die rotwangige saftige Tomate und die längliche, gerippte süß-herbe Paprika, denn die wenigen Frostnächte des Jahres beschränkten sich auf den Firun, und zumeist konnte schon Ende Tsa mit der Aussaat begonnen werden.
Gut Brelak war noch nicht sehr lange in Familienbesitz. Durenalds Großvater waren die Ländereien in seinem achtundvierzigsten Jahre als Dank und Anerkennung für seine tätige und furchtlose Hilfe bei der Aufdeckung eines Komplottes gegen den Markgrafen von diesem als Lehen verliehen worden, wodurch der alte Robak vom landlosen Edlen zum Freiherrn aufstieg. Durenalds Mutter hatte das Gut von ihrem Vater geerbt, hatte das Lehen sorgfältig, aber ohne große Begeisterung gepflegt, hatte sich vermählt und Durenald das Leben geschenkt, hatte das Gutshaus im Arivorer Stil erbaut und war so still gestorben, wie sie gelebt hatte.
Das war vor zwölf Jahren gewesen, und seitdem war Durenald Herr über Brelak. Auf seiner ruhelosen Wanderung durch das Haus hatte der Freiherr nun das anheimelnd kleine warme Zimmer erreicht, das zum Spielen, Plaudern, Teetrinken und dergleichen diente und das Bibliothek genannt wurde – wegen des nicht allzu großen Bücherschrankes, in dem sich neben einigen geistlichen Büchern, ein paar Reiseberichten und Romanen, wenigen ausgewählten Werken über Kriegskunst, Staatskunst und Rechtskunde eine erkleckliche Anzahl Bände zu landwirtschaftlichen Themen befand. Achtlos nahm er ein Buch aus dem Schrank und begann darin zu blättern, während draußen der Sturm an den verschlossenen Fensterläden zerrte. Es war ein schön illuminiertes Brevier der Zwölfgöttlichen Unterweisungen, doch Durenald konnte sich weder auf den Text konzentrieren, noch entlockten ihm die zierlichen Malereien das ehrfürchtige Staunen, das er gewöhnlich empfand, wenn er sie betrachtete. Nein, er war nicht in der rechten Stimmung für eine fromme Lektüre, obwohl er doch im Augenblick nichts dringlicher brauchte als den Beistand der Götter. Viel lieber wäre er jetzt ausgeritten, doch das war nicht möglich, und er wünschte es sich auch nicht wirklich. Oder nach Holzhacken stand ihm der Sinn, doch das hatten die Knechte bereits besorgt. Ach Kusmine, liebes Herz, könnte ich doch bei dir sein und dir helfen, dachte er, aber natürlich war es ihm verboten, die Wochenstube zu betreten.
Vor zwei Tagen nach dem Mittagsmahl hatte sein Weib ihm zugeraunt: »Durenald, Liebster, ich glaube, nun ist es bald soweit.« Und seitdem war er nicht mehr zur Ruhe gekommen. Nicht, daß Kusmine nicht gut vorbereitet gewesen wäre, o nein, sie war eine umsichtige, vorausplanende Frau, und vor Wochen schon hatte sie sich mit der Hebamme aus dem Dorf besprochen, Unterredungen voller weiblicher Geheimnisse, bei denen seine Gegenwart unerwünscht gewesen war. Und auch nach einem Medicus aus Neetha war schon geschickt worden, denn schließlich handelte es sich um die Geburt eines edlen Kindes, und es machte einfach einen besseren Eindruck, sich nicht mit der guten Danja allein zu begnügen, die ihr Handwerk von ihrer Mutter erlernt hatte und den Bauernkindern aus Brelak auf die Welt verhalf, sondern ihr einen Studierten zur Seite zu stellen. Der junge Mann – Durenald war der Name entfallen, aber Kusmine hatte den fähigsten gewählt, dessen war er sich gewiß – wohnte nun schon seit fünf Praiosläufen in einem der Gästezimmer und wartete darauf, daß man ihn rief. Auch die Wochenstube war schon lange vorbereitet. Im Grunde gab es keinen Anlaß zur Sorge – Kusmine war eine gesunde Frau und viel stärker, als ihr schlanker Wuchs vermuten ließ, und die Schwangerschaft war reibungslos verlaufen, mit rosigen Wangen, einem bis zur Unförmigkeit schwellenden Leib und zum Schluß diesem seltsam verträumten und nach innen gerichteten Blick, den er so sehr liebte und so wenig verstand. »Wie bei einem achtzehnjährigen Ding«, hatte Danja ihm strahlend mitgeteilt, und wäre er nicht der Herr gewesen, sie hätte ihn gewiß in die Seite geknufft, denn schließlich war die Herrin schon dreißig – ein Jahr jünger als er und vier Finger größer, fügte er in Gedanken hinzu.
Es war dieser ungewöhnlich hartnäckige Sturm, der ihn beunruhigte und der Kusmine nicht weniger Sorgen bereitete. Zwar hatten die Gatten, wenn sie Belanglosigkeiten über das Wetter tauschten, aus gegenseitiger Rücksichtnahme sich niemals ihre Befürchtungen eingestanden, doch kannten sie sich so gut, daß jeder um des anderen Sorgen wußte. Und dann die Schmerzen, die sie würde erleiden müssen… Heute morgen hatte er seine Frau zum letztenmal gesehen, als sie sich vor der Wochenstube feierlich von ihm verabschiedet hatte: »Leb wohl, mein lieber Mann, wir sehen uns wieder, wenn du Vater geworden bist. Bete für unser Kind und mich«, hatte sie gesagt, und dann, um die vierte Stunde nach Mittag, als der ohnehin schon dunkle Tag sich noch mehr verdunkelte, hatte er ihren ersten Schrei gehört, dem inzwischen weitere in immer geringeren Abständen gefolgt waren. Es lag ein grausamer Widersinn darin, daß die stolze und beherrschte Kusmine bei etwas so Alltäglichem wie einer Geburt mehr leiden mußte, als sie bei ihren wilden Schulgefechten, Mut- und Selbstbeherrschungsproben und ihrem einzigen Duell je gelitten hatte, und fast haßte Durenald das Kind dafür, daß es ihr solche Schmerzen bereitete.
Der Herr von Brelak erhob sich aus dem Sessel, auf dem er sich für einen Augenblick niedergelassen hatte, und stellte das Buch an seinen Platz zurück. Nein, er konnte jetzt nicht lesen, und auch das Beten war ihm unmöglich, obwohl er unablässig »Boron, verschone sie« und »Tsa, erbarme dich ihrer« vor sich hinmurmelte. Während er rastlos das Zimmer durchmaß und sich zwang, nicht voller Grauen des nächsten gräßlichen Schreis zu harren, beschwor er in seinem Geiste das Bild der Gemahlin. Er hatte Kusmine kennengelernt, als sie eben zwanzig war, doch wie sehr hatte er sich immer gewünscht, daß er ihr schon früher begegnet wäre. Zu gern hätte er das wilde blonde Mädchen gekannt und später dann die strahlende Absolventin der Vinsalter Akademie. Und wenn Durenald sich insgeheim eine Tochter wünschte, obwohl er seiner Frau einen Sohn wohl gönnte und auch oft und aufrichtig darum gebetet hatte, so deshalb, weil er dann eine kleine Kusmine heranwachsen sähe.
Kusmines Familie entstammte einem alten Adelsgeschlecht aus der Domäne Malur. Da die hohe Begabung der Tochter für die rondrianischen Fertigkeiten schon früh erkannt worden war, hatte man das Mädchen mit neun Jahren auf die Vinsalter Akademie der Kriegs- und Lebenskunst geschickt. Dort war sie zu einer stolzen jungen Frau herangewachsen, im Schwertkampf stets die Jahrgangsbeste, und hatte mit siebzehn Jahren ihr Abschlußexamen bestanden, mit Auszeichnungen nicht nur im Fechten, sondern auch in Etikette und rondrianischer Poesie. Ihre adelige alte Herkunft, ihr zu erwartendes, nicht eben unbedeutendes Erbteil, ihre vorzügliche Ausbildung und nicht zuletzt ihre Schönheit machten die junge Frau zu einer begehrten Partie bei den Adelshäusern des Reiches, und nicht wenige Freier warben um sie, so daß sie bald eine stattliche Sammlung von Miniaturen und Liebesbriefen in der Lade ihres Schreibtisches verwahrte. Doch bevor Kusmine ihre Wahl treffen konnte (da sie wußte, daß eine Liebesheirat eher unwahrscheinlich wäre, hatte sie sich vorgenommen, die Bewerber sorgsam zu prüfen, um einen ihr an Stand, Charakter und Gestalt ebenbürtigen Bräutigam zu finden), wurde die Familie von zwei furchtbaren Schicksalsschlägen heimgesucht: Vier Monde nach Kusmines glanzvollem Examen wurde ihr geliebter und verehrter älterer Bruder Roderick, Hauptmann bei den Kusliker Seesöldnern, von den Zorgan-Pocken dahingerafft, und kaum einen halben Götterlauf später stand die Familie am Rande des Ruins. Der alte Baron, aus Trauer um den Sohn halb umnachtet, hatte fast seine gesamte Habe in ein betrügerisches Unternehmen gesteckt, das hohe Gewinne abzuwerfen versprach – eine gepflasterte Straße durch die Khôm, die natürlich niemals gebaut wurde. An Heirat war nun nicht mehr zu denken, das verbot Kusmines Stolz. Und so begab die junge Frau sich in die Obhut ihrer Tante Melsine, die bei den Truppen der markgräflichen Garnison zu Neetha den Rang einer Hauptfrau bekleidete. Ihr ausgezeichnetes Zeugnis, ihr Stand und ihr sicheres Auftreten verschafften Kusmine sogleich eine Stellung als Weibelin, und da sie strebsam und diszipliniert war, hätte sie es gewiß zur Obristin gebracht, wäre sie nicht Durenald begegnet.
Sich an seine erste Begegnung mit Kusmine zu erinnern, bereitete Durenald immer eine besondere Freude. Es geschah in einer Hafengasse in Neetha. Dort erblickte er die junge Soldatin, als er nach einem ausgedehnten Mahl bei einem Geschäftsfreunde müßig durch die Stadt schlenderte. Sie führte einen kleinen Trupp Bewaffneter in den Uniformen der markgräflichen Gardisten, und ihre blinkende Brünne und der Federbusch auf ihrem Helm zeigten Durenald, daß sie den Rang einer Weibelin bekleidete. Zwar war der junge Freiherr nicht ganz unerfahren im Umgang mit dem anderen Geschlecht, doch eine so plötzlich aufwallende Leidenschaft – er war geneigt, es Liebeskrampf zu nennen – wie beim Anblick dieser Dame hatte ihn zuvor noch niemals heimgesucht. Waren es ihr hoher Wuchs, ihre helle Haut, ihre schlanke Gestalt, die von der Brünne nicht verunstaltet, sondern vielmehr rondragleich erhöht wurde, oder war es der kühne Blick ihrer blauen Augen unter den leicht zusammengezogenen Brauen, der dieses unerwartete Gefühl in ihm erweckte? Durenald wußte es nicht zu sagen. Er wußte nur, daß er die Weibelin unbedingt kennenlernen mußte, und der Abstand zwischen ihnen verringerte sich zusehends. So fiel ihm, als sie sich etwa auf gleicher Höhe befanden, nichts Besseres ein, als einen zierlichen Kratzfuß zu machen, das Barett zu ziehen und mit einem schalkhaften Lächeln die Worte zu sprechen: »Schönes Fräulein, darf ich Euch meinen Schutz und Geleit antragen?«
Zu Durenalds Überraschung ließ die Gardistin ihn nicht unbeachtet stehen, sondern hielt inne, maß ihn von Kopf bis Fuß und erwiderte mit einem mühsam unterdrückten Lächeln: »Wenn ich einmal Eures Schutzes und Eurer Begleitung bedarf, werde ich es Euch wissen lassen, werter Herr.«
Am folgenden Tag schickte der Herr von Brelak ein Entschuldigungsschreiben zum Garnisonsgebäude zusammen mit einer beim besten Zuckerbäcker der Stadt eilig in Auftrag gegebenen Torte, die, aus Zuckerguß und Marzipan gestaltet, mit dem Bild einer brüllenden, krallenbewehrten Löwin geschmückt war (soweit das mit Zuckerguß und Marzipan eben möglich ist). So begann die Liebesgeschichte von Kusmine und Durenald.
»Es war die Torte, mit der ich dein Herz erobert habe«, pflegte Durenald zu sagen, wenn die Gatten sich den Beginn ihrer Liebe ins Gedächtnis riefen.
»Nein, die Locken«, erwiderte Kusmine dann wohl, »braune Locken machen mich nun einmal schwach. Aber ich habe sogleich gesehen, daß du einen halben Spann kleiner bist als ich.«
»Vier Finger, liebes Herz, vier Finger«, bekam sie stets zur Antwort.
Geradlinig, wie sie war, bat Kusmine um ihren Abschied, als ihr klar wurde, daß sie den Rest ihres Lebens an Durenalds Seite verbringen wollte. Es fiel ihr nicht leicht, sich vom soldatischen Leben zu trennen, doch die Aussicht, in Brelak eine Bürgerwehr zu errichten, erleichterte ihr den Abschied von Neetha, der Garnison und ihrer Tante. Zudem hoffte sie, Durenald eine Schar von Kindern zu schenken, die sie selbst in den rondrianischen Künsten unterweisen wollte, bevor sie nach Neetha auf die Schule geschickt würden. Schon sah sie im Geiste die lockenköpfigen kleinen Krieger und Kriegerinnen vor sich, wie sie mit ihren Holzschwertern fochten und auf ihren Ponys wilde Tjosten ritten. Doch Tsa hatte es anders entschieden. Fünf Jahre lang lebten die Gatten zusammen, bevor der kleine Tsafried Praios’ Licht erblickte. Und er sollte die vier Jahre, die ihm vergönnt waren, geschwisterlos bleiben.
Klein-Tsafried war seiner Eltern Glück und Sonnenschein. Braungelockt wie der Vater und mit den strahlendblauen Augen der Mutter, hatte es nie ein schöneres Kind gegeben, weder in Brelak noch in der gesamten Markgrafschaft, wie alle, die ihn sahen, Kusmine und Durenald gern bestätigten. Von seinem Vater hatte er die Liebe zu allem Lebendigen geerbt, und gleichermaßen andächtig bestaunte er die sprießende Saat und die neugeborenen Kätzchen. Doch war er nicht weichlich, wie Kusmine mit Genugtuung bemerkte. Schon früh maß er seine Kräfte mit den Dorfkindern, und wenn er bei den kindlichen Raufereien auch manche Schramme davontrug, so sah man ihn doch nur selten weinen. Und auch das Reiten machte ihm große Freude: Schon mit drei Jahren saß er sicher im Sattel seines Ponys, und wenn Kusmine ihn beobachtete, wie er mit wilden Rufen und heftigen Hieben der kleinen Schenkel sein winziges Pferd zu mehr Tempo zu zwingen trachtete, so mischte sich in ihrem Herzen Stolz auf die rondragefällige Kühnheit ihres Sohnes mit mütterlicher Sorge.
Beim Reiten geschah es dann auch. Niemand wußte, warum das Pferdchen gescheut und seinen kleinen Reiter abgeworfen hatte – Dörfler fanden den leblosen Knaben und das friedlich grasende Tier auf einer Wiese am Wald und brachten beide mit kummervoller Miene zum elterlichen Gutshaus. Drei Tage währte es, bis Boron Klein-Tsafrieds Leiden ein Ende setzte und ihn zu sich rief, und weder der Medicus noch der Eltern verzweifelte Gebete vermochten ihn zu retten.
Nach dem Verlust ihres Kindes war Kusmine nicht mehr dieselbe wie zuvor. Sie zerraufte sich nicht das Haar und zerkratzte sich nicht den Busen, sie schrie nicht und zerfloß nicht in Tränen, noch haderte sie mit den Göttern – jedenfalls nicht so, daß man es hätte sehen oder hören können. Nein, ihr Herz schien erstorben, und obwohl auch Durenald um seinen Sohn trauerte und manche Träne um ihn weinte, so war ihm das Ausmaß ihres Kummers fremd und fast unheimlich. Fünfzehn trostlose Monde vergingen, in denen Kusmine ihrem Gemahl kein Lächeln oder Scherzwort schenkte und ohne Lust und Freude sein Lager teilte, so daß der Freiherr allmählich an ihrer Liebe zweifelte, da segnete Tsa von neuem ihren Leib.
Und mit dem neuen Leben, das in ihr wuchs, kehrten auch Mut, Tatkraft und Zuversicht zu ihr zurück.
Ja, die vergangenen neun Monde waren eine schöne Zeit, dachte Durenald. Und nur die letzten Wochen, seit der Sturm so unablässig und unbarmherzig wütete, waren von einem zarten Nebel der Sorge verdunkelt worden. Warum nur gönnten der unberechenbare Herr Efferd und die stolze Frau Rondra seinem armen Weib keine ruhige Niederkunft? Zornig ballte der Freiherr die Faust und hieb auf das Schreibpult beim Fenster. Dabei fiel sein Blick auf einen Brief, der seit dem Morgen, als der Bote ihn gebracht hatte, ungeöffnet dort lag. Er kam von Zordan Fuxfell, dem Halbbruder Kusmines. Was mochte der Bursche wollen? Durenald war ihm erst zweimal begegnet und schätzte ihn nicht sonderlich, aber das hatte nichts zu bedeuten – er liebte nun einmal keine stutzerhaft gekleideten Männer mit aufgezwirbeltem Schnurrbart. Die Lektüre wird mich ablenken, dachte er, während er das Siegel erbrach. Fuxfell weiß ebenso geschmeidig zu schreiben, wie er zu reden versteht, und es wird eine knifflige Aufgabe werden, aus dem Geklingel der vielen schönen Worte Sinn und Absicht des Schreibens herauszufiltern. Doch er hatte sich geirrt. Der Brief war kurz, und nach den üblichen Begrüßungsfloskeln stand dort: ›… wird es mir eine Freude sein, sobald das Wetter das Reisen wieder erlaubt, Euch, lieber Schwager, und Dir, schöne Schwester, und auch dem neuen Prinzchen oder Prinzeßchen meine Aufwartung zu machen.‹ Nun, das ist freundlich, dachte Durenald, und es wird auch Kusmine freuen.
Die Tür wurde aufgerissen, und Danja stürmte ins Zimmer – rot, verschwitzt und strahlend. »Euer Edelgeboren, Tsa sei Dank, es ist vorüber! Und meine allerherzlichsten Glückwünsche zu der schönen Tochter!«
Durenald brauchte einen Augenblick, um die Worte der Hebamme zu begreifen. Dann spürte er plötzlich, wie ihm das Wasser in die Augen schoß, und blinzelnd schloß er die kräftige Frau in die Arme und drückte ihr einen Kuß auf die Wange. »Wie geht es meiner Frau?« flüsterte er.
»Ausgezeichnet, Herr, nur ein wenig matt ist sie noch. Aber kommt doch nur – Ihr dürft die Wöchnerin besuchen, und sie freut sich schon darauf, Euch das Kindchen zu zeigen.«
Halb benommen stapfte Durenald hinter Danja zur Wochenstube. Dort, in dem großen, mit weißem Linnen frisch bezogenen Bett saß halb aufgerichtet seine Frau und lächelte ihn glücklich und müde an. Im Schein der Kerzen und des Feuers wirkte sie nicht so blaß, wie er erwartet hatte, und nur das feucht am Kopfe klebende Haar kündete von der überstandenen Anstrengung. Ein kleines, gut verschnürtes Bündel ruhte in ihrem Arm. Beim Anblick seiner Kusmine erfaßte ihn eine Woge von Liebe, und rasch eilte er zu ihr und barg den Kopf an ihrer Schulter, damit sie seine Tränen nicht bemerkte. »Ich danke dir, mein liebes Herz«, stammelte er flüsternd, »ich danke dir für diese schöne Tochter.«
»Dann schau sie dir doch einmal an, ob sie auch wirklich schön ist.« Kusmine reichte Durenald lächelnd das Bündel. Unsicher betrachtete er das rote, von der Geburt ein wenig verschwollene Gesichtchen, das sich eben zum Greinen verzog. Nein, schön ist sie nicht, dachte er, aber sie wird es, so die Götter wollen, noch werden. Und er fühlte, daß er das Kind schon jetzt liebte. Gerührt lauschte er dem dünnen Schrei, der dem zahnlosen Mündchen entwich. Doch was war das? Etwas war anders als zuvor, doch wußte er zunächst nicht zu sagen, was es war. Das Greinen war deutlich zu hören und auch das Knistern des Feuers, aber sonst – nichts. Es war still, der Sturm hatte sich gelegt!
Auch die anderen hatten es bemerkt, doch ergriff Kusmine als erste das Wort. »Es hat aufgehört zu stürmen, endlich, Rondra sei Dank«, sagte sie mit einem Seufzer der Erleichterung. »Ich will es als gutes Omen nehmen. Damilla, bitte öffne das Fenster und laß ein wenig frische Luft herein, das wird mir guttun.«
Die Magd gehorchte, öffnete Fenster und Läden, dann stieß sie einen Schrei aus. »Weiß! Alles ist weiß!« rief sie aufgeregt. »Schaut nur, alles ist weiß!«
Danja, die ihr am nächsten stand und die den Wunsch der Herrin mit leiser Mißbilligung aufgenommen hatte – als erfahrene Hebamme hielt sie gar nichts von winterlicher Frischluft in der Wochenstube –, trat ans Fenster und blickte hinaus. »Bei Firun, welche Pracht«, murmelte sie bewegt, »soviel Schnee hab ich mein Lebtag nicht gesehen.«
Das ganze Land war wie verzaubert: Alle Wolken hatten sich verzogen, und im silbrigen Schein des fast vollen Madamales glitzerten allüberall die zarten Kristalle, aus denen die weiße Decke bestand, die sich über Wiesen und Äcker, Häuser und Katen, Büsche und Bäume gebreitet und alle Formen gerundet hatte. Und eine unwirkliche Ruhe lag über dem Land – fast glaubte man die Stille zu hören.
»Was ist das?« fragte Danja plötzlich. »Dort steht ein Tier, aber ich erkenne nicht genau, was es ist – ein Hirsch vielleicht …?«
»Wo?« fragte Damilla, und die Hebamme wies ihr mit der Hand die Richtung. »Das ist ja ein Löwe!« rief das Mädchen erschrocken. »Nein, eine Löwin, sie hat ja keine Mähne!« Mit angstgeweiteten Augen wich sie vom Fenster zurück.
Durenald, der, seit er von dem Schnee gehört hatte, eine unbändige Begierde verspürte, das seltene Naturwunder zu betrachten, und sich zugleich nicht lösen mochte von Frau und Tochter, warf Kusmine einen fragenden Blick zu. »Nun, geh schon, lieber Mann, und sieh dir den Schnee an«, sagte sie lächelnd. »Doch gib mir zuvor unsere Tochter wieder – die kalte Luft mag ihr schaden. Und sag mir, welch seltenes Tier dort draußen wandelt.« Durenald trat ans Fenster und blickte hinaus.
Lange schwieg er, ganz ergriffen von der Schönheit des Anblicks. Ein Tier jedoch war nicht zu sehen. »Dort ist nichts«, sagte er, »außer Firuns ganzer Pracht. Es gibt auch keine Löwen in Brelak«, wandte er sich belehrend an Damilla, »du wirst einen Schakal gesehen haben, der sich aus den Bergen hierher verirrt hat. Morgen werden wir seine Fährte aufnehmen und ihn, so Firun will, zur Strecke bringen, auf daß er uns nicht die Ziegen reißt. Und nun möchte ich für ein Weilchen mit meiner Frau und meiner Tochter allein sein.«
Als alle den Raum verlassen hatten, ließ Durenald sich auf einem Schemel neben dem Wochenbett nieder und ergriff die Hand seiner Gemahlin. »Mein liebes Herz, ich bin so stolz auf dich, meine tapfere, kleine, große Kriegerin.« Zärtlich betrachtete er ihr schönes Antlitz. »Hast du schon einen Namen für sie gewählt? Tsaiane vielleicht …?«
»Tsaiane ist ein schöner Name«, erwiderte Kusmine, »und seit ich weiß, daß du dir all die Monde lang eine Tochter gewünscht hast, habe ich recht oft über ihren Namen nachgedacht. Ich finde, wir sollten sie nach meiner Tante Melsine und nach deinem Vater Thalion nennen. Melsine und Thalion – Thalionmel.«
2. Kapitel
Die Tribüne der Rennbahn vor den Toren von Methumis war mit Wimpeln, Girlanden und Buketten aus Firunsglöckchen und dem ersten Ilmengrün aufs prächtigste geschmückt, denn zum diesjährigen großen Phex-Rennen erwartete man nicht nur den Herzog – auch der Erzherrscher von Arivor hatte seinen Besuch angekündigt. Und auch die Götter schienen dem Rennen gewogen: Seit Tagen ließ Herr Praios Sein Antlitz hell erstrahlen, die gütige Frau Peraine hatte die Auen in ein Gewand aus frischem Grün mit winzigen bunten Farbtupfern darin gehüllt, Herr Efferd hatte den Fischern einen reichen Fang beschert, und die Luft war erfüllt vom Duft der gebratenen Meerbarsche, Perlbeißer und Silberaale, die an kleinen Ständen rings um die Rennbahn feilgeboten wurden. Herr Phex, dem zu Ehren das Rennen veranstaltet wurde, ließ Kaufleute, Diebe und Bettler zufrieden schmunzeln über die bereits getätigten oder noch zu erwartenden günstigen Geschäfte, und der sinnenfrohen Frau Rahja Gebot hieß heute ganz besonders viele verliebte Paare und Pärchen zum Liebesspiel ins nahe Wäldchen schlendern …
Da Phex der neunte Monat ist, waren, wie jedes Jahr, neun Rennen angesetzt, sechs Bürger- und drei Adelsrennen. Die Bürgerrennen begannen üblicherweise um die zehnte Stunde und endeten, wenn alles gutging und nicht zu viele Unfälle geschahen, um die zweite Stunde nach Mittag. Es waren derbe Volksbelustigungen, und die wenigsten Gäule, die man auf der Rennbahn sah, waren wirkliche Reittiere – von Rennpferden ganz zu schweigen. Da gab es struppige Ponys, magere Karrengäule, Kaltblüter, deren wahre Bestimmung es war, einen Pflug zu ziehen, aber alle waren, genau wie ihre Reiter, aufs schönste geschmückt und herausgeputzt. Teilnehmen durfte ein jeder, sofern er ein Reittier besaß, das nur entfernt an ein Pferd erinnerte, und falls er es schaffte, sich rechtzeitig einen Platz unter den Startenden zu sichern, denn deren Anzahl war auf zehn für jedes Rennen beschränkt.
Für die meisten war die Teilnahme nicht mehr als ein Spaß, und nur die Besitzer der besseren Pferde – wie Fuhrleute, Botenreiter und Pferdehändler – mochten hoffen, die Siegesprämie zu gewinnen: wahlweise ein Faß Bier, gestiftet von der Geweihtenschaft des Phextempels, oder ein Fäßlein Wein, das die Rahjapriesterinnen für den heutigen Tag gespendet hatten. Doch mußte niemand darben, Verlierer nicht und auch nicht die große Schar der Schaulustigen, denn das herzogliche Freibier floß beim großen Phex-Rennen stets in Strömen.
Natürlich blieben die Adelslogen leer bei diesem groben Treiben, und auch die vornehmen Handelsherren und -damen zogen es vor, erst später zu erscheinen. Doch um die dritte Stunde nach Mittag, wenn der Rennplatz längst geräumt war von trunkenen Schustergesellen und zottigen Mähren, füllte die Tribüne sich allmählich. Das war nun für das Volk ein fast noch größeres Ereignis als die vorausgegangene Belustigung – so hohe Herrschaften von Angesicht zu sehen und so prächtige Gewänder zu bestaunen, das war ihm wahrlich nicht alle Tage vergönnt.
Am begierigsten erwarteten die Leute das Erscheinen des Erzherrschers und seiner Gemahlin. Er hatte sich auf seine alten Tage – die Sechzig mochte er bald erreicht haben – noch einmal vermählt, und zwar, wie es hieß, mit einer blutjungen ehemaligen Rahjageweihten aus Belhanka. Und so drängte sich jedermann so dicht zur Tribüne, wie Büttel und Gardisten es eben zuließen.
Unterdessen wurde die Rennbahn für die letzten drei Rennen, die Adelsrennen und das wahre Ereignis des Tages hergerichtet: Nachdem der Platz vom Kot gereinigt war, schleppten livrierte Helfer und Helferinnen buntbemalte hölzerne Gerüste herbei, die zu unterschiedlich hohen Hürden zusammengesetzt wurden. An anderer Stelle wurden schwere Eichenbohlen aus dem Boden der Rennbahn entfernt, und nun sah man, daß sich darunter wassergefüllte Gräben befanden. Die schönsten Hindernisse jedoch waren die Hecken. Dazu wurden immergrüne Sträucher und Äste der Goldpinie so zusammengesteckt und mit Schleifen aus roter Seide geschmückt, daß sie tatsächlich blühenden Rosenhecken glichen. Insgesamt galt es neun Hindernisse zu überwinden: drei Hürden, drei Gräben, zwei Hecken und als letztes und schwierigstes Hindernis eine Hecke, hinter der sich, unsichtbar für das Pferd, ein weiterer Wassergraben befand. Dieser war allerdings so flach, daß ein Pferd auch hineinspringen und hindurchwaten konnte – schließlich sollte nach Möglichkeit keines der kostbaren Tiere verletzt werden.
Das erste Rennen war für die vierte Stunde angesetzt, und die Tribüne hatte sich inzwischen gefüllt. Einzig die für den Herzog und den Erzherrscher reservierten Logen waren leer geblieben. Doch wurde das Volk aufs beste entschädigt durch den Anblick der in ihre kostbarsten Gewänder gehüllten Herrschaften, die je nach Stand, Vermögen und Temperament in prächtigen Kutschen, vergoldeten Sänften oder auf geschmückten Pferden zum Rennplatz gereist waren. Und als nun die Hochgeweihte des hiesigen Rahjatempels, eine zierliche Tulamidin, das Podest am Fuße der Tribüne bestieg, auf dem die Sieger der drei letzten Rennen geehrt werden sollten, da lief ein Raunen durch die Menge, und die Gemahlin des Erzherrschers war vergessen. Hochwürden Ludilla – wie schlecht sich doch der Titel zu Gebaren und Gewandung der Dame fügen wollte! – ist gewiß um vieles schöner als die Erzherrscherin, so dachten die meisten. Die schwarzhaarige Priesterin war dem Brauch des Kultes gemäß in ein kurzes Gewand aus durchscheinender roter Seide gekleidet. Das hüftlange Haar trug sie teils offen, teils zu dünnen Zöpfen geflochten, von denen jeder mit einer goldenen Schleife befestigt war. Goldene Sandaletten umschlossen die zarten Füße, und golden waren auch der Gürtel, dessen Schließe wie eine Weinrebe mit Blättern und Trauben geformt war, und die Armreifen und Fußkettchen, die sie trug. Lächelnd grüßte Ludilla die Gäste auf der Tribüne, die sieben Reiterinnen und Reiter, die soeben ihre Plätze hinter einer markierten Linie bezogen hatten, und schließlich die jubelnde Menge. Dann füllte sie einen von vier reichverzierten silbernen Bechern, die neben ihr auf einem Tischchen standen, mit rotem Wein. Es war ungeweihter Tharf aus dem Tempel, denn den geweihten Wein darf auch eine Priesterin nur innerhalb der Tempelmauern trinken.
»Herrn Phex, dem Listigen, zu Ehren und Frau Rahja, der Schönen, zur Freude soll das heutige Adelsrennen ausgetragen werden!« rief Ludilla mit dunkler, weittragender Stimme. »Mögen die Götter darüber wachen, daß weder Reiter noch Tiere zu Schaden kommen, und mögen die besten drei den Sieg erringen. Hiermit« – bei diesen Worten hob sie den Becher gen Himmel und leerte ihn anschließend in einem Zuge – »erkläre ich das Rennen für eröffnet. Reiter und Reiterinnen, macht Euch bereit!«
Die Menge hatte der kurzen Ansprache schweigend gelauscht, nun erklangen Hochrufe, Pfiffe und Schreie, Mützen und Tücher wurden geschwenkt, so daß die Pferde an der Markierungslinie nervös zu tänzeln begannen. Dem Jubel zum Trotze gab es kaum einen unter den Schaulustigen, der aufrichtig wünschte, die Rennen sollten völlig ereignislos verlaufen. Denn darin bestand ja gerade das Vergnügen: einmal so ein Herrensöhnchen im Wasser oder Schlamme landen zu sehen, zu erleben, wie es vom Platze humpelte, sich verstohlen den schmerzenden Steiß reibend, und ach, die feinen Kleider – vollständig ruiniert. Aber ein Phex-Rennen ohne Rempeleien, ohne scheuende Pferde und ohne aufsehenerregende Abwürfe hatte es kaum jemals gegeben, und so waren alle zuversichtlich, daß sie nicht um ihren Spaß betrogen werden würden.
Fuxfell tätschelte den Hals seiner Rappstute. »Ganz ruhig, Meriban, braves Mädchen«, sprach er begütigend auf sie ein, »wir werden es ihnen schon zeigen, nicht wahr, meine Schöne?«
In der Tat war Fuxfells Stute das schönste und edelste Tier auf dem Rennplatz – ein echtes Shadif aus der Zucht eines Hairans aus Achan. Fuxfell ärgerte sich, daß er für das erste Rennen ausgelost worden war, denn ein Sieg im letzten Rennen würde, seiner Erfahrung nach, mehr gefeiert und beachtet werden.
Zordan Fuxfell war ein zartgliedriger Mann Mitte der Zwanzig und von mittlerem Wuchs, dem man sein tulamidisches Erbteil deutlich ansah: Das rabenschwarze Haar trug er zum Zopf geflochten, schwarz waren die großen Augen mit den schweren Lidern, die ihnen einen stets etwas müden oder gelangweilten Ausdruck verliehen, schwarz waren die fein geschwungenen Brauen, und schwarz war der sorgfältig gezwirbelte Schnurrbart. Auch die gelbbräunliche Haut hatte er von seiner Mutter ererbt, und einzig die kurze, an der Spitze etwas rundliche Nase ging auf seinen Vater zurück. Zum heutigen Phex-Rennen hatte er sein bestes Reitkleid angelegt, rote, enganliegende Beinkleider und ein dunkelgrünes pelzverbrämtes Wams, das, wie er fand, seine schlanke und dennoch muskulöse Gestalt besonders gut zur Geltung brachte. Ein federgeschmücktes schwarzes Barett, schwarze Handschuhe und sorgfältig polierte schwarze Reitstiefel rundeten seine Erscheinung ab.
Statt zu hadern, sollte ich mich lieber auf das Rennen konzentrieren, dachte er, und froh sein, daß sie mir nach all dem Hin und Her die Teilnahme schließlich doch noch gestattet haben. Denn nur der Fürsprache und dem Einfluß seines Vaters, des alten Irineius, hatte er es zu verdanken, daß er, ein Bastard, zum Rennen zugelassen worden war. Lächerlich, dachte er, nachdem der Alte mich doch schon vor Jahren anerkannt hat. Aber er würde es ihnen zeigen, er und seine schöne Meriban!
Daß er siegen würde, daran hatte er bis zur Auslosung nicht einen Augenblick lang gezweifelt: Meriban war ein gut ausgebildetes Rennpferd, erprobt in mancher Fantasia und, wie der alte Hairan ihm glaubhaft versichert hatte, aus den zahlreichen tulamidischen Reiterspielen, an denen sie teilgenommen hatte, stets als Siegerin hervorgegangen. Und er selbst war ein vorzüglicher Reiter – das tulamidische Erbteil seiner Mutter. Uns Tulamiden liegt das Reiten eben im Blut, wir müssen es nicht erst lernen, dachte er mit grimmigem Stolz.
Diesen grimmigen Stolz hatte Fuxfell schon den ganzen Tag über empfunden – Stolz auf seine Reitkünste und auf die prächtige, empfindsame Meriban und Grimm über seine nichteheliche Herkunft. Sie ließen es ihn spüren, daß er nicht zu ihnen gehörte, diese blaßgesichtigen selbstsicheren Adelssprößlinge, und behandelten ihn mit spöttischer Herablassung. Aber Meriban hatte sie beeindruckt – kaum einem seiner Gegner war es gelungen, beim Anblick der schwarzen Schönheit einen gleichmütigen Ausdruck zu bewahren. In ihren Augen funkelten Neid und Begierde, dachte er befriedigt, während er die Gedanken an die äußerst verlockenden Kaufangebote verscheuchte, die ihm von einigen seiner Konkurrenten angetragen worden waren. Nein, er würde Meriban nicht verkaufen, nicht für alle Dukaten der Welt, und gewiß nicht im Moment, da sie sich auf dem Höhepunkt ihrer Kraft und Gewandtheit befand. »Wir beide sind ein unschlagbares Gespann, meine Schöne«, raunte er der Stute zu, und als hätte sie seine Worte verstanden, wandte das Tier in diesem Augenblick den Kopf und blickte ihn aus seinen wunderbaren, glänzenden schwarzen Augen an.
Eigentlich gab es nur einen ernstzunehmenden Gegner, und der Namenlose – oder wer auch immer – hatte es so gefügt, daß sie beide für das erste Rennen ausgelost worden waren. Sindar war ein muskulöser, feuriger Nebelschimmel (womöglich gar ein wenig sprungstärker als meine Meriban, ging es Fuxfell durch den Kopf, aber bei weitem nicht so fügsam und klug), und seine Reiterin, die junge Brinna von Efferdas, war eine kühne und kämpferische Frau. Verstohlen schaute er zu der Baroneß hinüber, aber sie blickte starr geradeaus, fast als schliefe oder träumte sie. Vielleicht sollte auch ich mich mehr auf das Rennen einstimmen, dachte Fuxfell. Meriban ist immer etwas langsam beim Start, da werden wir wohl ein paar Schritt zurückfallen, aber nach dem zweiten Hindernis sollten wir die Gegner hinter uns gelassen haben – bis auf Sindar, vermutlich. Ich hätte mir den Hengst genauer ansehen sollen, um ihn besser einschätzen zu können, aber wer konnte auch damit rechnen, daß wir für ein und dasselbe Rennen ausgelost werden? Nun, die Hürden und Wassergräben werden Meriban keine Schwierigkeiten bereiten, heikler wird es bei den Hecken – Hindernisse, die sie nicht überblicken kann, machen sie stets nervös. Da kommt es darauf an, daß ich ihr die Furcht nehme. Sie muß gehorchen und mir vertrauen … Weiter kam er nicht mit seinen Überlegungen, denn soeben hatte der oberste Phexenspriester, der traditionsgemäß das Starten übernahm, seinen Platz neben der Strecke bezogen. Er hielt einen aus feinstem Papier gefertigten Beutel in der Rechten, den er nun an die Lippen setzte und aufzublasen begann. Als der Beutel prall gefüllt war, holte er mit der Linken weit aus. »Und…«, erklang es in der atemlosen Stille, die sich über dem Rennplatz ausgebreitet hatte. Das nachfolgende »Los!« wurde übertönt von dem lauten Knall, mit dem der Beutel zerplatzte, als der Geweihte die Hände zusammenschlug.
Sechs Pferde stoben davon, allen voran Praiosblume, ein Falber aus dem Gestüt derer von Onjaro. Meriban, die bei dem Knall ein wenig gestiegen war und ein leises Wiehern ausgestoßen hatte, brauchte einen Moment, bis sie sich so weit gesammelt hatte, daß sie sich der Führung ihres Reiters überlassen konnte. Nun lief sie dreißig Schritt hinter dem Feld, und Fuxfell hieb ihr zornig die Fersen in die Flanken. »Schneller, Mädchen, mach mir keine Schande!« schrie er, und wieder war es, als hätte die Stute die Worte ihres Herrn verstanden: Mit geblähten Nüstern, den schönen Kopf stolz erhoben, begann sie zu laufen, schneller und immer schneller, bis ihre kleinen Füße den Boden kaum noch zu berühren schienen. »So ist es brav, meine Schöne«, rief Fuxfell begeistert, »zeig ihnen, was du kannst!« Sein Ärger über den mißlungenen Start war verflogen, als er spürte, wie das Tier seine Bewegungen aufnahm und Roß und Reiter zu der gewohnten Einheit verschmolzen, die ihn stets mit einem Gefühl von Glück und Macht erfüllte.
Das Feld rückte näher, bald unterschied er die einzelnen Tiere und ihre Reiter, und noch vor dem ersten Hindernis hatte er Aldara überholt, die schwächste seiner Konkurrenten. Sindar, Nachtvogel und Praiosblume bildeten die Spitze und erreichten fast gleichzeitig die erste Hürde. Sindar und Praiosblume nahmen das Hindernis ohne Mühe, aber Nachtvogel verweigerte, und Fuxfell sah, wie sein Reiter das Tier unwirsch herumriß, um einen zweiten Anlauf zu nehmen. Zwei weniger, dachte er mit Genugtuung, denn einen solchen Zeitverlust könnte auch das schnelle Halb-Shadif nicht wieder aufholen.
Meriban hatte nun ihren Rhythmus gefunden. Sie flog dahin, nahm die Hürde ohne Mühe und setzte ihren Lauf fort, als wäre er nie durch einen Sprung unterbrochen worden. »Weiter, Meriban, so ist’s gut, meine Schöne, lauf, lauf!« trieb er sein Pferdchen nun fast zärtlich an, denn das Tier hatte durch den weiten, eleganten Sprung so viel Raum gewonnen, daß es sich nun auf fast gleicher Höhe mit Beleman befand, einem etwas gedrungenen Fuchs-Wallach. Aber Beleman ist nicht schnell und auch nicht ausdauernd genug, um den Vorteil seines guten Starts zu halten oder gar auszubauen, dachte Fuxfell. Und richtig, just in dem Augenblick, als Beleman zum Sprung über den Graben ansetzte, hatte auch Meriban diesen erreicht, und wieder flog sie, fast ohne der sanften Anweisungen ihres Reiters zu bedürfen, in weitem Bogen über das Hindernis. Als sie, leicht wie eine Feder, ihren Lauf wieder aufnahm, hörte Fuxfell hinter sich das platschende Geräusch von Wasser. Er blickte sich um und sah, wie Freifrau Firisia von Marudret völlig durchnäßt aus dem Graben stieg, während Beleman verzweifelt versuchte, das Ufer zu erklimmen. Nun gut, nur noch zwei, und das Rennen ist noch lange nicht vorüber, dachte Fuxfell und fühlte, wie seine Lippen sich zu einem Lächeln verzogen.
Die Rennstrecke war so angelegt, daß drei Hindernisse auf einer abgeflachten Kreisbahn aufgebaut waren: Hürde, Graben, Hecke. Diese Bahn mußte zweieinhalbmal umrundet werden, so daß der Reiter acht Hindernisse überwunden hatte, wenn er sein Pferd auf den geraden Abzweig lenkte, der zum dreihundert Schritt entfernten Ziel führte und auf dessen halber Strecke sich das letzte und schwierigste Hindernis befand, die Hecke mit dem Wasserbassin dahinter.
Das nächste Hindernis, die Hecke, rückte näher, und Sindar hatte nun endgültig die Führung übernommen – er war Praiosblume um fast eine Länge voraus. Aber der Abstand zwischen Meriban und Sindar hatte sich nicht vergrößert, nein, er schrumpfte, er schrumpfte ganz eindeutig. »Oh, Meriban, meine Kluge, meine Schöne, ich liebe dich!« rief Fuxfell begeistert; für einen kurzen Moment spürte er ein Auflodern hitziger Leidenschaft. Und wieder war es, als hätte das Tier seine Worte verstanden: Ein winziger Schauder durchzuckte die Stute, und sie schüttelte den Kopf, als wollte sie sagen: ›Ich liebe dich auch, mein süßer Herr, und dies ist nur ein Spiel, ein schönes, wildes Spiel, und wir werden es gewinnen.‹
Als zuerst Sindar und kurz darauf Praiosblume über die Hecke setzten, sah Fuxfell, daß beide Tiere die obersten Zweige gestreift hatten. Das durfte Meriban nicht passieren! Der plötzliche peitschende Schmerz an ihren empfindlichen Fesseln würde das empfindsame Tier so sehr verwirren, daß es womöglich aus dem Takt käme. »Keine Angst, meine Schöne, du schaffst es«, flüsterte er ihr zu, als er mit einem kurzen Ruck am Zügel die Stute zum Sprung ermunterte. Doch die kluge Meriban hatte das Kommando ihres Reiters schon im voraus erahnt und setzte ihren Sprung so hoch an, daß – als sie auf dem Scheitelpunkt ihrer Flugbahn elegant die Hinterläufe anzog – mehr als ein Spann Raum zwischen diesen und der Hecke blieb.
Als die zweite Runde begann, war Fuxfell sicher, das Rennen zu gewinnen. Der Abstand zu Praiosblume hatte sich so weit verringert, daß Meriban ihn noch vor dem Graben einholen würde. Zwar ging ihr Atem inzwischen stoßweise, und das Fell ihres Halses war naß von Schweiß, aber Fuxfell kannte ihre Zähigkeit und Ausdauer. Nein, vor dem Ziel würde sie nicht aufgeben! Zunächst aber galt es, wiederum die Hürde zu überwinden. Sindar nahm sie ohne Mühe, kurz nach ihm setzte Praiosblume zum Sprung an, doch was war das? Entweder Pferd oder Reiter hatten den Sprung falsch berechnet und zu früh angesetzt. Wie dem auch sein mochte – Praiosblume streifte den oberen Holm der Hürde so heftig, daß er beim Aufsetzen strauchelte, stürzte – und der Baronet von Onjet flog in hohem Bogen auf die Rennbahn, wo er reglos liegenblieb.
Bei Phex, was soll ich tun? Bürschchen, roll dich zur Seite! dachte Fuxfell verzweifelt, als ihm klar wurde, daß der Kopf des Baronets just an der Stelle lag, wo in wenigen Wimpernschlägen Meribans zierliche Hufe aufsetzen würden. Es war zu spät, denn schon spannte sie sich zum Sprung, wie er es ihr halb unbewußt befohlen hatte. Zu spät, zu spät, dachte er, denn nun stieg sie, flog – Fuxfell schloß die Augen – und gab im letzten Augenblick durch eine angestrengte Bewegung ihres Körpers und ihrer Füße dem Sprung eine andere Richtung, so daß sie wenige Spann neben dem Baronet landete.
»Oh, Meriban, mein Kleinod, mein Juwel«, jubelte Fuxfell, »bist nicht nur schön und klug – auch rücksichtsvoll!« Denn als er nun zurückblickte, sah er, wie der Baronet sich mühsam erhob; es war ihm wahrhaftig kein Unbill widerfahren, weder durch den Sturz noch durch Meribans Hufe.
Nun haben wir nur noch einen Gegner, dachte Fuxfell mit grimmiger Freude, und seine Kräfte erlahmten allmählich. In der Tat war es Sindar nicht gelungen, seinen Vorsprung auszubauen, obwohl Meriban durch ihr Ausweichmanöver ein wenig aus dem Rhythmus gekommen war. Den Graben schaffte der Hengst nur knapp, während Meriban weit und elegant hinübersetzte. Und dann, auf der Strecke zwischen Graben und Hecke, gelang es ihr tatsächlich, an Sindar vorbeizuziehen. Fuxfell warf einen Blick auf seine Gegnerin, aber Brinna von Efferdas schaute starr geradeaus, die Brauen gerunzelt und die Lippen fest zusammengepreßt.
Als Fuxfell seine Stute nun auf den Sprung über das nächste Hindernis vorbereitete, wurde ihm klar, daß auch ihre Kräfte nicht unerschöpflich waren. Zwar übersprang Meriban die Hecke ohne Furcht, doch an dem winzigen Schauder, der ihren Körper durchzuckte, spürte er, daß sie die obersten Zweige gestreift haben mußte. »Halt durch, halt durch, meine Schöne, nur noch drei Hindernisse!« rief er ihr zu, aber Meriban antwortete nicht. Ihr ganzer Körper war nun naß von Schweiß, und kleine Schaumfetzen flogen ihr vom Maul.
Bevor sie die Hürde erreichten, blickte Fuxfell sich um: Sindar war um drei Längen zurückgefallen; auch sein Fell glänzte naß, sein Atem flog, und sein Speichel schäumte. Wenn wir erst auf der Geraden sind, ist uns der Sieg gewiß, dachte Fuxfell. Die Anspannung und der in immer greifbarere Nähe rückende Sieg versetzten ihn in einen rauschhaften Zustand, in dem er mehr denn je mit seinem Pferd zur Einheit zu verschmelzen glaubte.
Die Hürde – Meriban nahm sie, touchierte, doch setzte sie auf, ohne zu straucheln. Fuxfell wußte, daß die zierliche Stute Schmerzen litt, doch verscheuchte er den Gedanken, kaum, daß er entstand. Der Graben noch – Meriban setzte über, sicher zwar, doch knapp –, und nun waren sie auf der Geraden, und nur noch ein einziges Hindernis stand zwischen ihnen und dem Sieg.
Ein nie gekanntes Gefühl von Glück und Triumph durchströmte Fuxfell, und als er sich wiederum umblickte und sah, daß Sindar nun dreißig Schritt zurücklag, schrie er laut auf vor Freude. »Oh, Meriban, du schaffst es, wir schaffen es!« rief er, während er sie auf die Hecke zutrieb. Ich kann nicht mehr, mein guter Herr, schien ihr fliegender Atem zu sagen, aber Fuxfell überhörte ihr Flehen. Dies eine, letzte Hindernis mußte sie noch schaffen, einen letzten hohen und weiten Sprung mußte er ihr noch abtrotzen, einmal noch sollte sie all ihre Kräfte sammeln und allen zeigen, was in ihr steckte! Ja, er würde sie zwingen, Hecke und Bassin in einem Satz zu nehmen! Trocken und unbesudelt würde er zur Siegerehrung schreiten! Und seine Schöne sollte so viel Zuckerbrot bekommen, wie sie nur fressen konnte …
Nun war die Hecke auf wenige Schritt heran. Fuxfell maß den Abstand, verstärkte im rechten Moment den Druck seiner Schenkel und riß am Zügel. Und die brave Meriban gehorchte: Kraftvoll stieß sie sich ab, überflog die Hecke wie ein Vogel und dann …
Fuxfell spürte einen dumpfen Schmerz in der Schulter. Er brauchte einen Moment, um zu begreifen, was geschehen war: Meriban war gestürzt und hatte ihn im Fallen abgeworfen. Verloren! Das Rennen ist verloren! war sein erster Gedanke. Als er sich nun erhob, merkte er, daß er unverletzt geblieben war – der Arm war nur geprellt und nicht gebrochen. Aber was war mit Meriban? Vielleicht können wir es doch noch schaffen, durchzuckte ihn ein irrwitziger Hoffnungsblitz. Doch als er die Stute sah, wußte er, daß alles vorbei war – aus, verloren, dahin.
Meriban lag am Rande des Wasserbeckens. Ihr schöner schlanker Leib bebte vor Erschöpfung und Schmerzen – verzweifelt zuckten und schlugen ihre kleinen Füße in dem vergeblichen Versuch, Halt zu gewinnen. Aber sie konnte sich nicht erheben: Ihr linkes Vorderbein hatte einen seltsam falschen Winkel an einer Stelle, wo sich kein Gelenk befand. Fuxfells Herz krampfte sich zusammen, als er es sah. Meriban würde dies Rennen nicht vollenden – sie würde nie mehr ein Rennen bestreiten! Und als sie nun ihren Kopf zu ihm wandte und ihn aus ihren wunderbaren schwarzen Augen anblickte, da schienen sie ihm noch schimmernder als sonst, fast so, als schwämmen sie in Tränen.
Hilf mir, lieber Herr! schien ihr Blick zu sagen. Und vergib mir, daß ich dich enttäuscht habe.
Wie durch einen Nebelschleier sah Fuxfell, wie Sindar über die Hecke setzte. Im Sprung rief Brinna von Efferdas ihm etwas zu – Fuxfell glaubte das Wort Bastard zu hören –, doch dann waren sie auch schon vorüber. Später folgten noch Beleman und Aldara – die anderen hatten wohl aufgegeben.
Fuxfell wußte, was er zu tun hatte: Er suchte die Stelle zwischen den Rippen, zog sein Rapier, zielte, bedeckte sich die Augen mit der Linken und stach zu. Meriban zuckte und schlug ein letztes Mal mit ihren zarten Füßen. Ein heiserer, seltsam heller Wehlaut entrang sich ihrer Kehle, dann war es vorüber.
Tränenblind verließ Zordan Fuxfell den Rennplatz.

Eine Woche war seit dem großen Phex-Rennen vergangen, eine Woche voll sonniger Tage und milder Nächte. In dieser Woche waren in dem blühenden Städtchen Methumis sieben Menschen gestorben – zwei durch den Strick, einer an der Wassersucht und vier an ihrem hohen Alter – und neun kleine Derebürger hatten Praios’ Licht erblickt, vier Buben und fünf Mägdelein. Die Menschen verrichteten ihr Tagwerk, zufrieden oder mißmutig, scherzend oder fluchend – je nach ihrem Temperament und dem Patz im Weltgefüge, den die Götter ihnen zugewiesen hatten. In dieser Woche hatten alle Mandel-, Kirsch- und Birnbäume ihre Blütenknospen entfaltet, während die zarten gelben Tsasternchen im Wald allmählich dahinschwanden.
Und nahe beim Hafen hatten Baumeister und Maurer damit begonnen, einen schönen, großen, steinernen Efferdtempel zu errichten, der einmal die bescheidene Bethalle ersetzen sollte.
Zordan Fuxfell bemerkte von alldem nichts. Dieser erste wirkliche Schicksalsschlag in seinem Leben machte ihn blind und taub für alles, was ihn umgab. Betäubt war er auch vom Weine, dem er seit dem unseligen Tage fleißiger denn je zusprach, zum Frühstück schon – oder besser: statt desselben, auch wenn von Frühstück zu sprechen kaum passend erscheint, da er sich vor der zwölften Stunde nicht vom Lager erhob. Doch er mußte sich betäuben, mußte die Stimme in seinem Kopfe zum Schweigen bringen, die unablässig sagte: Es war deine Schuld, mein Lieber, einzig und allein deine Schuld.
Ziellos, wie schon an den Tagen zuvor, streifte er durch die Stadt und ließ seine Füße entscheiden, wohin sie ihn tragen wollten. In wie vielen Schenken er schon seine Taler und Heller gelassen hatte, wußte er nicht und wollte es auch nicht wissen, ebensowenig wie er gemahnt werden wollte, daß sein Vermögen nicht unerschöpflich sei.
Die sinkende Praiosscheibe verwandelte das Meer in einen endlosen Teppich aus Blau und Grau mit schillernden rotgoldenen Mustern darin. Dicht über dem Horizont schlossen sich violette Wölkchen zu einem feinen dunklen Streifen zusammen, dessen gleißender Saum allmählich verblaßte und mit dem fahlgrauen Purpur des Himmels verschmolz. Auch der morgige Tag würde Fischern und Kauffahrern eine ruhige See bescheren. Efferd sei Dank, so dachte manch einer mit kundigem Blick zum Himmel.
Als Fuxfells Füße den Weg zum Hafenviertel einschlugen, war alles Gold von Meer und Himmel verschwunden. Der Abend hatte sich über Methumis gebreitet, Düfte von Kohl, Speck und Fisch drangen aus Garküchen und Fischbratereien in die engen Gassen, und die ersten Schönen der Nacht bezogen ihre angestammten Plätze. Doch Fuxfell war unempfänglich für beiderlei Verlockungen. Ein Schenkenschild, von der Abendbrise sanft bewegt, erregte seine matte Aufmerksamkeit: Es zeigte, in ungelenken Pinselstrichen auf hell gebleichtem Holz, das Abbild eines seltsamen Fisches, dessen Maul ein langes gedrehtes Horn zierte. Zum Drillfisch stand darunter. Der Name kam Fuxfell vage bekannt vor, doch hätte er nicht zu sagen gewußt, ob von angenehmen oder üblen Erinnerungen. Was soll’s, eine Kaschemme hier ist so gut oder schlecht wie die andere, dachte er verdrossen, während er die Tür zum Schankraum öffnete.
Trotz der frühen Abendstunde war der Drillfisch schon gut besucht. Matrosen, Schauerleute und Fischer drängten sich an der Theke, und auch die meisten Tische in der niedrigen dunklen Stube waren besetzt. Zwischen die Männer und Frauen, an deren Kleidung und Sprache man ihr efferdgefälliges Gewerbe erkannte, mischten sich Gestalten von verwegenem Äußeren und schwer durchschaubarer Profession. Während Fuxfell einen freien Tisch im hinteren Teil des Schankraumes ansteuerte, wo ein mächtiger Stützpfeiler ihn vor neugierigen Blicken schützen würde, wurde er von einer rotblonden Hünin zu einer Partie Boltan eingeladen. »Vergebung, schönste Dame«, hörte Fuxfell sich sagen, »aber Phex ist mir heute nicht gewogen, und so muß ich Euer verlockendes Angebot leider ausschlagen.« Er schenkte der Matrosin ein schiefes Lächeln und setzte mit einer knappen Verbeugung den Weg zu dem erwählten Tische fort. Dröhnendes Lachen folgte ihm vom Tisch der Boltan-Spieler, und Fuxfell war sich gewiß, daß seine Worte, seine Kleidung oder sein Gebaren den Anlaß für den prächtigen Scherz geliefert hatten. Gesindel!
Ein falsches Wort, und ihr werdet mich kennenlernen! dachte er grimmig und tastete verstohlen nach dem Griff seines Rapiers. Auch wenn das ständige leichte Zittern seiner Finger und die mangelnde Übung in der letzten Zeit ein Boltan-Spiel weder heute noch morgen ratsam erscheinen ließen – zum Stoßen und Stechen würde seine Gewandtheit allemal ausreichen!
Die Schankmagd, eine knochige blasse Person mit strähnigem Blondhaar, fragte Fuxfell nach seinen Wünschen, und er bestellte einen großen Krug gewärmten und gesüßten Weines. Es war allein deine Schuld, begann es soeben wieder in seinem Kopfe. Hättest sie halt nicht so schinden sollen, dann könnte sie heute noch leben … Gierig leerte er den ersten Becher. … und du hättest den Sieg erringen können. Mit zitternden Fingern füllte er den Becher von neuem.
»Na, Fuxfell, alter Pferdeschinder«, erklang hinter ihm eine fröhliche und vage vertraute Stimme.
Eine Woche lang hatte Zordan Fuxfell auf diese Worte gewartet. Eine Woche lang hatte er sich ausgemalt, was er täte, sollte ihn jemand wegen seines Unglücks verspotten. Nun zuckte er unter den Worten zusammen wie unter einem Hieb. Doch dann, kaum vom Willen gesteuert, schoß seine Rechte nach hinten, noch bevor er sich selbst umgewandt hatte, und er wußte, der juwelenbesetzte Ring auf dem Mittelfinger des Spötters würde den Kiefer brechen.
Ein eiserner Griff schloß sich um Fuxfells Handgelenk. »Aber, aber!« Die Stimme hatte nichts von ihrer Fröhlichkeit eingebüßt. »Behandelt man so alte Freunde, die einem helfen wollen? Vielleicht solltest du weniger trinken, wenn es dir nicht bekommt.« Der Griff verstärkte sich schmerzhaft, als ihm der Arm auf den Rücken gedreht wurde. »Wirst du nun brav sein, wenn ich dich loslasse?« fragte der Fremde, und Fuxfell nickte düster.
Während Zordan Fuxfell sich das schmerzende Handgelenk massierte, ließ sich der Fremde auf einem Schemel bei ihm nieder. Es war ein sehniger Endzwanziger in abgewetzter Lederkluft, über deren Wams ein breiter Spitzenkragen fiel. Während er Fuxfell aufmerksam beobachtete, zog er einen wertvollen tulamidischen Zierdolch aus dem Gürtel und begann sich damit sorgfältig die Fingernägel zu reinigen. Die Züge des Neuankömmlings wurden von einem federgeschmückten schwarzen Schlapphut beschattet, doch Fuxfell wußte inzwischen, mit wem er den Tisch teilte: Es war Ratzo Nattel, genannt die Ratte, ein alter Kumpan aus Kindertagen und jemand, nach dessen Gesellschaft Fuxfell sich nicht im mindesten sehnte. Nachdem Ratzo seine Maniküre beendet und das Ergebnis ausgiebig überprüft hatte, gab er der Schankmagd ein Zeichen, einen zweiten Becher zu bringen. Dann zog er den Hut vom Kopf, blies ein unsichtbares Stäubchen von der Krempe und warf ihn, ohne hinzuschauen, zur Wand, wo er sicher auf einem Haken landete. Das Mädchen hatte inzwischen den zweiten Becher gebracht, und Ratzo schenkte sich ein, ohne Fuxfells Aufforderung abzuwarten. Ein breites Grinsen entblößte große gelbe Schneidezähne, die, im Zusammenspiel mit den kleinen schwarzen Augen, der spitzen Nase und dem schwach entwickelten Kinn, seinen Zügen in der Tat etwas Rattenhaftes verliehen. »Ich kann mich nicht erinnern, dich eingeladen zu haben, Ratte«, knurrte Fuxfell. »Und nun trink aus und mach, daß du weiterkommst!«
Das Lächeln war beim Klang des Spitznamens für einen halben Wimpernschlag einem Ausdruck wild lodernden Hasses gewichen, doch Ratzo hatte seine Züge sogleich wieder unter Kontrolle. »Warum so unfreundlich?« fragte er verbindlich. »Wer wird denn einen alten Freund und zukünftigen Geschäftspartner so brüsk davonjagen? Mir scheint, dein adeliger Herr Vater hat verabsäumt, dich in die Geheimnisse der Etikette einzuweihen. Doch nun zur Sache. Aischa, bring uns noch einen Krug!« Er warf der Magd ein Silberstück zu, das diese mit einem flüchtigen Knicks rasch in ihrem Mieder verschwinden ließ.
»Freund? Geschäftspartner?« Fuxfell wurde von einem Lachen geschüttelt, das bald in einen quälenden Hustenanfall überging. »Zur Sache also«, stieß er nach Atem ringend hervor. Während er sich die Tränen von den Wangen wischte und die letzten Attacken des Hustens mühsam niederkämpfte, betrachtete er angewidert seinen Tischgenossen. »Hast dich kaum verändert in all den Jahren. Und nun bist du also gekommen, um mir ein Geschäft anzutragen. Da darf man ja gespannt sein.«
»Ich habe gehört, du hast dein Pferdchen zuschanden geritten.« Die Ratte legte den Kopf auf die Seite und die Stirne in kummervolle Falten. »Ich wollte sagen: Deine unvergleichliche schwarze Stute ist kürzlich einem tragischen Unfall erlegen, und nun brauchst du über kurz oder lang ein neues Pferdchen – man will ja nicht wie ein Bettler oder Tagelöhner im Schloßhof der schönen, reichen Schwester Kriegerin erscheinen, nicht wahr?«
»Woher weißt du das alles?« Fuxfell nahm einen kräftigen Schluck und beobachtete Ratzo aus halbgeschlossenen Lidern. »Ich meine, nicht nur das von dem Unfall, sondern auch, daß ich vorhabe, meine Schwester zu besuchen.«
»Man hat Augen.« Ratzo wies mit beiden Zeigefingern auf seine schwarzen Augen, die er bei den Worten übertrieben aufriß. »Man hat Ohren.« Er führte die Finger zu seinen überraschend kleinen Ohrmuscheln, die im Schein der Kerzen rötlich leuchteten. »Man hat ein feines Näschen.« Er tippte seine Nasenspitze an. »Und ich weiß auch, daß dir der Saft allmählich ausgeht.« Die Ratte ließ ein helles Kichern hören. »Ja, Barönchen, du hast Sorgen.«
Fuxfell hatte sich bei Ratzos letzten Worten halb von seinem Sitz erhoben. »Was meinst du mit Saft?« stieß er hervor.
»Setz dich wieder!« Ein mitleidsvolles Lächeln kräuselte Ratzos Lippen, während er sein Gegenüber scharf beobachtete. »Nun, du wirst dich erinnern: Die Kindertage, unsere innige Freundschaft, das schicksalhafte Boltan-Spiel, bei dem deine Würfel so seltsam rollten, und mein Messerchen …« Er bedachte seinen Dolch mit einem zärtlichen Blick: »… fast den Besitzer gewechselt hätte. Fast …« Er hielt inne und entblößte die häßlichen Zähne. »Aber ich war schneller.« Plötzlich steckte der Dolch zwischen Fuxfells rechtem Zeige- und Mittelfinger in der Tischplatte. »Und bin es immer noch. Einen hübschen Ring hast du da übrigens«, fuhr er fort, noch immer grinsend, während er den Dolch aus der Tischplatte zog. »Aber warum zitterst du denn so? Ach Fuxfell, alter Pferdeschinder, der Wein bekommt dir nicht, er saugt dir die Kraft aus, so kümmerlich sie auch sein mag.«
»Du wolltest zur Sache kommen…« Fuxfell betrachtete seine Hand, an der, außer einer alten silbrigen Narbe, kein Kratzer zu sehen war. Aber sie zitterte tatsächlich mehr als zuvor. Wütend ballte er sie zur Faust, um das Beben zu verbergen. »… Ratte!« vollendete er den Satz und spie auf den Boden.
Ratzo Nattel steckte den Dolch unter den Gürtel zurück, unterzog seine Fingernägel abermals einer sorgfältigen Prüfung und spitzte die Lippen, als ob er pfeifen wollte. Dann blickte er sich ausgiebig in der Gaststube um. »Du bist ein unhöflicher Mensch, Zordan Fuxfell«, sagte er schließlich, »beschimpfst die Leute, die es gut mit dir meinen und die deine Schritte voller Anteilnahme beobachten. Ich glaube, ich sollte meine schöne Fatima einem anderen anbieten …«
»Was ist das für ein Pferd«, unterbrach ihn Fuxfell, »und wie kommt es in deinen Besitz? Gestohlen?«
»Gestohlen? Welch häßliches Wort und welch häßliche Unterstellung!« Wieder hob Ratzo die Brauen und schüttelte mißbilligend den Kopf. »Du weißt doch, daß Pferdediebe baumeln, und ich bin, wie mir scheinen will, ganz lebendig. Nein wirklich, ich glaube, meine Fatima ist zu schade für dich. Ein Apfelstutchen, schön wie das Madamal … die Mutter ein Shadif, der Vater ein Elenviner. Mit Nüstern, weicher als Samt, und einer Seele, treuer als Gold – der gute alte Khalid hatte Tränen in den Augen, als er sie mir überlassen mußte …«
»Wahrscheinlich hundert Jahre alt und zu schwach, sich aus eigener Kraft zum Schlachter zu schleppen, deine gute Fatima.« Fuxfell ließ ein häßliches Lachen ertönen und nahm rasch einen Schluck Wein, als er merkte, daß der Husten ihn wieder beuteln wollte. »Aber laß hören, wie sie in deinen Besitz gelangt ist, für spannende Märchen habe ich schon immer etwas übrig gehabt.«
»Unhöflich, mißtrauisch, beleidigend – Fuxfell, Fuxfell, wie sehr du dich verändert hast. Allmählich mache ich mir Sorgen um deine Seele. Vielleicht solltest du etwas häufiger in den Tempel gehen.« Diesmal war es Ratzo, der häßlich lachte. »Doch nun zu Fatima: Sie ist sieben Jahre alt, gut genährt, kerngesund und fügsam. Und ich habe sie im Spiel gewonnen. Nein, nicht beim Boltan – das ist deine Spezialität oder war es vielmehr.« Ratzo wies mit dem Kopf zum Tisch der rotblonden Matrosin. »Die Wüstenkinder halten es mehr mit dem Kamelspiel, wie du weißt, und zufällig verstehe ich mich ein wenig darauf. Es ist ein Spiel der Taktik und Strategie, falls du die Begriffe unterscheiden kannst, und wenn man schnell genug ist, so wie ich, und den Dampf des Rauschkrautes nicht bis in die Lunge dringen läßt, dann kann man ein« – er legte eine kleine nachdenkliche Pause ein – »Geschicklichkeitsspiel daraus machen.«
»Beim Falschspiel ergaunert also, und jetzt muß sie möglichst schnell aus Methumis verschwinden«, faßte Fuxfell den Bericht zusammen. »Was soll sie kosten? Viel Geld habe ich nicht.« Wie zum Beweis ließ er die Rechte in die Tasche seiner Jacke gleiten und klimperte mit ein paar Münzen.
»Wer redet von Geld, wer redet von Dukaten?« Die Ratte riß erstaunt die Äuglein auf. »Glaubst du, ich würde mein Kleinod für schnödes Gold verschachern?« Nachdenklich betrachtete er sein Gegenüber, ließ den Blick zur Theke wandern, von dort zur Tür, durch die eben ein paar betrunkene Schauerfrauen grölend in den Gastraum stolperten. »Dein Ring gefällt mir«, sagte er unvermittelt.
»Der Ring ist unverkäuflich!« Fuxfell ballte die Rechte in der Tasche zur Faust. »Er ist ein Erbstück …«
»Ein Erbstück, ja ich weiß«, erwiderte Ratzo nickend, »von deiner Mutter Suleibeth Fuxfell, Boron hab sie selig – seltsamer Name für eine Tulamidin übrigens –, aber ich wollte ihn auch nicht kaufen, mein Lieber, ich will ihn eintauschen, und zwar gegen das zweitbeste Pferdchen der Welt, samt Sattel, Zaumzeug und …«
»Du scheinst es sehr eilig zu haben, Ratte. Sind sie schon hinter dir her?« Fuxfell griff lachend zum Becher, stellte fest, daß dieser leer war, und wollte ihn von neuem füllen. Aber auch der zweite Krug war schon fast bis zur Neige geleert, wie er überrascht bemerkte. »Wie heißt die knochige Person noch gleich? Aischa? He, Aischa, noch einen Krug!« Er schwenkte den leeren Krug, um die Aufmerksamkeit der Schankmagd zu erregen, und als das Mädchen den Wein brachte, zählte er sorgsam sechs Heller auf den Tisch. »Zurück zu meinem Ring.« Fuxfell betrachtete ihn kurz, dann langte er nach dem Krug.
Doch bevor er den Henkel erreichte, schloß sich Ratzos Linke um sein Handgelenk. »Du trinkst zuviel, mein Lieber, das ist nicht gut für dich, es raubt dir …«
»Den Saft, ich weiß, die Kraft, so kümmerlich sie auch sein mag«, fiel Fuxfell ihm ins Wort. »Das wolltest du doch sagen, nicht wahr?«
Ratzo nickte mit unbewegtem Gesicht. »Ja, darauf wollte ich zu sprechen kommen.«
»Dann laß dir sagen«, fuhr Fuxfell fort, »daß dich erstens meine Kraft einen Haufen Dämonendung angeht und daß sie zweitens in der Tat so kümmerlich bemessen wurde, daß es kaum einen Unterschied macht, ob sie wächst oder schrumpft. Viel ist da leider nicht.« Gedankenverloren griff er nach dem Krug, und diesmal ließ ihn Ratzo gewähren. »Das hat meine Mutter und Lehrmeisterin früher schon behauptet, und später hab ich’s dann mal von den Hesindepfaffen überprüfen und bestätigen lassen. Worauf willst du eigentlich hinaus?« Mißtrauisch beobachtete er die Ratte.
»Daß zum Beispiel so ein Boltan-Spiel, wie du es eben diesem blonden Prachtweib verweigert hast, jederzeit für ein paar Silberstücke gut ist. Was schaust du so verwirrt? Ich hab dich beobachtet, als du in den Drillfisch kamst – schließlich warte ich hier schon seit der zwölften Stunde auf dich.« Er lachte und glich mehr denn je einer Ratte, wie Fuxfell befand. »Das Geschäft lautet folgendermaßen«, sagte er, unvermittelt ernst geworden. »Dein Ring gegen das Pferd samt Sattel und so weiter, dazu ein wenig Kraft, die dir für immer gehören wird, wenn du sorgsam damit umgehst.«
»Welcher Magier sollte dir oder mir etwas von seiner Kraft abtreten?«
»Ein Scharlatan, über den ich mehr weiß, als gut für ihn ist. Aber du hast bei diesem Geschäft keine Fragen zu stellen.« Die kleinen Rattenaugen bohrten sich in Fuxfells Blick. »Du mußt dich nur entscheiden, und zwar schnell: ja oder nein?«
»Woher weiß ich, daß du mich nicht betrügst?« Fuxfell fühlte sich plötzlich sehr unwohl in seiner Haut. Ich hätte nicht soviel trinken sollen, dachte er. Wie kann ich jetzt die richtige Entscheidung treffen? Ein gutes Pferd und etwas Kraft, das klingt verlockend – aber der Ring …
»Du kannst es nicht wissen«, unterbrach Ratzos Stimme den Lauf seiner Gedanken, »ebensowenig, wie ich wissen kann, ob du mir nicht dein spitzes Eisen zwischen die Rippen stichst, sobald du das Pferdchen siehst. Du sehnst dich nach Macht, bist aber nur ein kleines Tempellicht.« Ratzos sprach jetzt leise und klar. »Nun ja, das wirst du auch bleiben, eine Koryphäe kann mein Mann nicht aus dir machen. Aber ein bißchen besser und mächtiger kannst du werden, wenn du willst. Und du brauchst ein Pferd und hast kein Geld. So ist deine Lage.« Er lachte. »Und ich muß für eine Weile unsichtbar werden und will deinen Ring. Ich will ihn schon immer. Also, entscheide dich, und zwar schnell, ich habe noch mehr Interessenten für Fatima.«
»Wieviel Kraft?« fragte Fuxfell.
»Du hast doch früher gelegentlich und wenig erfolgreich mit diesem Freundschaftszauber herumexperimentiert. Nun, in Zukunft könnte er dir etwas zuverlässiger gelingen. Vielleicht kann mein Mann dir auch eines von seinen Gauklerstückchen beibringen – bunte Flämmchen und dergleichen, du weißt schon …«
»Also gut«, stimmte Fuxfell nach einer Weile zu, »der Handel soll gelten. Führ mich zuerst zu dem Pferd und dann zu deinem Scharlatan.«
Ratzo erhob sich und nahm seinen Hut vom Haken. »Dann komm«, sagte er, »und achte darauf, daß du dein spitzes Eisen auch recht gut festhältst, damit kein Räuber dir etwas zuleide tun kann.« Er kicherte, während er sich einen Weg zur Tür bahnte.
Kühl und sternenklar hatte die Nacht ihren Mantel über Methumis gebreitet. Aus dem Drillfisch und den anderen Hafenschenken erklangen Gelächter und Gesang, sonst war es still. Vom fernen Hesindetempel ertönte ein Gongschlag.
Als Zordan Fuxfell der Ratte Ratzo Nattel durch die dunklen, verlassenen Gassen folgte, hielt seine Rechte den Griff des Rapiers fest umklammert. Aber in dieser Nacht drohte seinem Leben keine Gefahr.
3. Kapitel
Klein-Thalionmel weinte laut und zornig. Sie schätzte es gar nicht, gewindelt und gewickelt zu werden. Viel lieber wollte sie mit ihren rundlichen kleinen Beinen im Sonnenlicht strampeln, das als heller schräger Balken durch das Fenster in die Kinderstube und auf das Wickeltischchen fiel. Aber die Kinderfrau hatte kein Erbarmen; mit einem energischen Griff packte sie die kleinen rosigen Füße und hatte trotz heftiger Gegenwehr des Säuglings die Beine bald in die Stellung gebracht, die sie benötigte, um die weichen Wickeltücher ordnungsgemäß darumzuwinden. »Bist ein kräftiges kleines Persönchen«, sagte sie lachend, »aber es hilft dir nichts, noch bin ich stärker als du. Und nun hör auf zu weinen – was soll denn die Herrin von uns beiden denken, wenn sie die nassen Wangen und das triefende Näschen sieht?« Vorsichtig tupfte Witwe Westfahr das Gesicht des Kindes trocken. Bei den der Reinlichkeit und Pflege dienenden Verrichtungen hatte sich ihr Haarknoten allmählich gelöst, und nun fiel eine dicke Strähne in Reichweite der winzigen Säuglingshände. »Au!« entfuhr es der Kinderfrau, als die Fingerchen sich in ihrem Haar verkrallten und energisch zogen. »Hast wirklich Bärenkräfte, mein Liebling, aber nun laß los!« Doch das Kind hörte nicht auf sie und zog immer fester, wobei allmählich die Tränen versiegten und das kleine Gesicht vor Freude erstrahlte.
Die Tür wurde aufgerissen, und Kusmine, erhitzt und ein wenig außer Atem, stürmte ins Zimmer. Sie hatte soeben ihre Fechtstunde absolviert, zu der regelmäßig seit ihrer Eheschließung einmal im Mond ein Fechtlehrer aus Neetha anreiste und dann für einige Tage als Gast, Lehrmeister und Übungspartner der Herrin im Gutshause weilte. Auch Durenald hatte in den ersten Jahren fleißig am Unterricht teilgenommen, später, als die Zeit und die gute Verpflegung durch Küchenmeisterin Titina ihm ein wenig von seiner Beweglichkeit genommen hatten, beschränkte sich die Teilnahme mehr und mehr aufs Zuschauen, wobei er es sich niemals versagen konnte, Kusmine nach der Lektion zuzuflüstern, daß es eigentlich an dem Fechtlehrer sei, sie, Kusmine, zu bezahlen, anstatt umgekehrt. An diesem Morgen jedoch war er schon früh ausgeritten, da er seinem Weib für den nächsten Praiostag einen saftigen Wildschweinbraten versprochen hatte.
»Thalionmel, kleine Kriegerin, laß dich anschauen!« rief Kusmine und streckte die Arme nach ihrer Tochter aus. Die Kinderfrau reichte ihr den Säugling, der beim Anblick der Mutter sogleich aufjauchzte. »Was ist das, Susa?« fragte Kusmine und wies auf die kleine Faust des Kindes.
»Oh, Euer Edelgeboren, das Kindchen hat beim Wickeln nach meinem Haar gegriffen und mir tatsächlich ein Strähnchen ausgerauft.«
»So kräftig ist sie schon«, murmelte Kusmine nicht ohne Stolz. »Ich hoffe, sie hat dir nicht zu weh getan.«
Kusmine hielt ihre Tochter mit ausgestreckten Armen in die Höhe. Das Kind lachte, ruderte mit den Ärmchen, und auch die Beinchen regten sich und stießen, soweit es die Fessel der Wickelbänder eben zuließ. Unvermittelt warf Kusmine den Säugling in die Luft. »Was tut Ihr, Herrin!« rief die Kinderfrau erschrocken. »Bei allen Zwölfen, nein!« Doch die Frau von Brelak hatte ihre Tochter sicher wieder gefangen, und das Jauchzen des Kindes ließ keinen Zweifel daran, daß ihm der Flug gefallen hatte.
»Siehst du, Susa, sie hat keine Angst«, stellte Kusmine mit Genugtuung fest, »eine Enkelin des Irineius von Malur fürchtet sich nicht vor dem Fliegen.« Noch dreimal gönnte sie dem Kind das Vergnügen, das jedesmal ›Mehr, mehr!‹ zu rufen schien, dann preßte sie es ungestüm an ihren leichten Lederharnisch und küßte das zarte Blondhaar wild und innig. »Und nun wollen wir einmal schauen, wo dein Vater mit dem Braten bleibt«, sagte sie, öffnete das Fenster und gab einem Stallburschen im Hof Anweisung, ihr Pferd zu satteln. Dann wandte sie sich an die Kinderfrau: »Susa, gib mir eine Decke und das Häubchen.«
Witwe Westfahr sah sie überrascht an. »Wozu?« fragte sie.
»Damit sie sich nicht verkühlt, natürlich – Mitte Peraine kann man ein so junges Kind doch nicht ungeschützt der Waldluft aussetzen.« Kusmine drohte der Frau scherzend mit dem Finger. »Das solltest du als Kinderfrau eigentlich wissen.«
»Ihr wollt sie doch nicht etwa mitnehmen, Herrin! Um Praios’ willen, nein!« Erschrocken streckte Susa die Hände nach ihrem Pflegling aus, um ihn Kusmine abzunehmen, doch diese hielt ihr Töchterlein fest und drehte sich mit ihm im Kreise.
»Wir reiten in den dunklen Tann, wo Wolf und Nachtwind hausen …«, begann sie eine alte Weise zu singen.
»Reiten?« unterbrach Susa den Gesang. »Ach, Euer Edelgeboren, tut mir das nicht an! Wie soll das angehen? Wollt Ihr sie Euch auf den Rücken binden? Ach, mein armer kleiner Liebling!«
»Auf den Rücken binden, das ist keine schlechte Idee«, lachte Kusmine, Susas kummervoller Miene nicht achtend. »Ich habe gehört, daß die Waldmenschenfrauen ihre Kinder auf dem Rücken tragen, und die Nivesinnen und sogar manche der hiesigen Bäuerinnen tun es wohl auch. Aber da wir hier weder im kalten Nivesenland sind noch im hitzigen Dschungel und ich auch keine Bäuerin bin, habe ich mir etwas anderes ausgedacht. Paß auf …« Und nun erläuterte sie der Kinderfrau ausführlich die Bauweise des Sattelkörbchens, das der alte Hilgert nach ihren Anweisungen geflochten und dergestalt mit ledernen Bändern versehen hatte, daß einerseits ein Herausfallen des Kindes verhindert wurde, andererseits ein sicherer Halt sowohl am Sattel als auch am Pferd gewährleistet war. »Ich finde, mit fast drei Monden sollte sie sich allmählich ans Reiten gewöhnen«, beendete sie ihre Ausführungen, »oder was meinst du, kleine Kriegerin?« Und wie zur Bestätigung begann Thalionmel zu lachen.
Als Kusmine mit ihrem Kind davonritt, blickte Susa den beiden kopfschüttelnd nach. Wann wird unsere wilde Herrin endlich vernünftig werden? schien ihr Blick zu sagen.
Die neunte Stunde war schon halb vorüber, als Kusmine das Dorf hinter sich ließ. Sie hatte ihre Lederrüstung gegen ein Reitkleid aus leichtem grünen Tuch getauscht, mit knapp geschnittenem Jäckchen und engen Beinkleidern, in denen Durenald sie besonders gern sah. Zwar hoffte sie, ihn noch vor der Mittagsstunde zu treffen, doch hatte sie vorsichtshalber ein wenig Proviant und einen Schlauch mit verdünntem Wein mitgenommen. Und die Atzung für mein Kleinod trage ich in meinem Körper, dachte sie befriedigt. Sie schaute sich nach dem Kind um, aber Thalionmel erwiderte ihren Blick nicht; mit großen Augen bestaunte sie den Ausschnitt der Welt, den zu sehen ihr von ihrer gutgepolsterten Lagerstatt aus möglich war: den Himmel, die zarten weißen Wölkchen, die von Westen her aufzogen, die Bäume und die Vögel, die emsig ihr Nistgeschäft betrieben.
Kusmine ritt auf der Straße, die in nordwestlicher Richtung zur Reichsstraße führte. Es war kaum mehr als ein vielbenutzter und gut ausgefahrener Karrenweg, und als sie nach einer knappen Stunde den Wald erreicht hatte, konnte man kaum noch von Straße sprechen. Man sollte endlich den Ausbau des Weges in Angriff nehmen, ging es ihr durch den Kopf, als der Zweig eines dicht am Wege stehenden Baumes ihre Schulter streifte, das wäre sicherer und würde es dem Gesindel schwerer machen. Aber solange die anderen Gutsherren und -damen auf diesem Ohr taub sind und auch der Graf kein Interesse zeigt, wird es damit wohl nichts werden. Sie folgte weiter der schmalen Straße, genoß die kühle Luft, den Gesang der Vögel und das anmutige Spiel von Licht und Schatten, das Sonne und Blätter auf den Weg zauberten. Durenald wird mich schelten, daß ich niemanden mitgenommen habe, dachte sie und mußte lachen. Wenn es um ihre Sicherheit ging, vergaß der Gute allzuleicht, daß sie eine erfahrene Kämpin war und kein Vinsalter Zierpüppchen. Und seit sie vor knapp zehn Jahren damit begonnen hatte, eine Bürgerwehr zu errichten, zu rüsten und zu schulen, war es hier im ›Wilden Süden‹ viel ruhiger geworden – rings um Brelak zumindest. Ja, die Übergriffe durch Wegelagerer und Strauchdiebe hatten in den letzten Jahren merklich abgenommen.
Gutgelaunt und voller Rondravertrauen setzte Kusmine ihren Weg fort. Wie überrascht würde Durenald sein und wie sehr würde er sich freuen, nicht nur sie, sondern auch sein süßes Töchterlein zu sehen. Just in diesem Augenblick begann das Kind zu greinen. »Was gibt’s, kleine Kriegerin, schon wieder hungrig?«
Sie wandte sich lachend zu dem Säugling um, dessen Weinen nun lauter und fordernder wurde. »Aber ein klein wenig gedulden mußt du dich noch – erst müssen wir ein passendes Plätzchen zum Rasten finden. Und sieh einmal, auch ich muß mich gedulden«, fuhr sie fort, »oder denkst du, ich wollte die Milch nicht bald loswerden, die mir in die Brüste schießt, daß es zieht und spannt.« Wieder war es, als habe das Kind sie verstanden, denn nach ein paar letzten heftigen Schluchzern verebbte der Tränenstrom. »So ist es tapfer, kleine Kriegerin«, lobte Kusmine, »den Hunger überwinden und den Kummer niederkämpfen. Und nun sollst du auch bald belohnt werden – Frau Peraine, die Nährerin, ist dir hold. Siehst du die kleine Lichtung dort drüben? Da wollen wir rasten.«
In wenigen Augenblicken war die Lichtung erreicht. Kusmine saß ab, breitete eine Decke auf dem Boden aus und befreite das Kind vorsichtig aus dem Körbchen. Obwohl die Praiosscheibe noch nicht den höchsten Stand erreicht hatte, verspürte auch sie ein wenig Hunger, und so nahm sie, nachdem sie die Zügel des Pferdes um einen Ast geschlungen hatte, Brot und Wein aus der Satteltasche, um sich nach dem Stillen selbst zu laben. »Vielleicht sollten wir hier auf deinen Vater warten, was meinst du?« wandte sie sich an den Säugling, während sie ihr Mieder öffnete, aber Thalionmel ruderte nur ungeduldig mit den Ärmchen, und ihr Interesse galt ganz offensichtlich allein der weichen mütterlichen Brust. Als sie die feste Knospe am Gaumen spürte, begann sie gierig zu saugen.
Kusmine genoß das Stillen; sie liebte es jedesmal, aber heute, hier im Wald, umhüllt von den Düften der Erde und der Pflanzen, der lebendigen Ruhe rings umher und dem kühlwarmen Halbschatten, war es ihr eine ganz besondere Freude. Halb schloß sie die Augen, lehnte sich an den Baumstamm, bei dem sie das Lager aufgeschlagen hatte, und ließ ihre Gedanken ziellos treiben. Während Bilder der letzten Liebesnacht, der mit jedem Tag schöner und kräftiger werdenden Tochter, der Fechtstunde am Morgen, der gepanzerten Handschuhe, die sie jüngst beim Harnischmacher in Neetha in Auftrag gegeben hatte, bunt und ungeordnet in ihrem Geist vorüberzogen, reichte sie dem Säugling die rechte Brust, nachdem er sich an der linken halb gesättigt hatte.
Plötzlich wurde die Brust kräftig zurückgestoßen; blitzschnell war Kusmine aus ihrem halben Schlummer erwacht und in die Wirklichkeit zurückgekehrt. »Was ist dir, Kind?« Überrascht sah sie den Säugling an. Thalionmel hatte die zarten Brauen gehoben und wandte wie lauschend das Köpfchen in Richtung der Straße. Kusmine folgte ihrem Blick, doch bevor sie etwas sah, hörte sie es schon: ein kurzes Wiehern und dann das Geräusch von galoppierenden Hufen auf weichem Boden. »Ob das dein Vater ist?« sagte sie mehr zu sich selbst, aber der Ausdruck der kindlichen Züge zeigte Überraschung, fast Bestürzung, und kein freudiges Strahlen erhellte sie wie sonst stets bei der Erwähnung des Vaters. Angestrengt spähte Kusmine durch die Zweige, und dann sah sie das Pferd, einen reiterlosen Apfelschimmel – kein Tier aus dem gutsherrlichen Stall und keines, das sie je in Brelak gesehen hatte. »Es muß ein Unglück geschehen sein«, murmelte sie, und schon war sie auf den Beinen, hatte das Kind auf die Decke gelegt, ihr Mieder geschlossen und in wenigen Wimpernschlägen die Zügel vom Ast gewunden und sich selbst in den Sattel geschwungen. »Rondra, Herrin, hab acht auf meine Kleine!« stieß sie hervor, während sie zur Straße sprengte. Und wenn du zuläßt, daß auch diese mir genommen wird, dann sollst du in deinen Hallen vergeblich auf mich warten, fügte sie in Gedanken grimmig hinzu.
Sobald Kusmine die Straße erreicht hatte, sah sie, was geschehen war: In etwa fünfzig Schritt Entfernung wälzten sich drei Gestalten kämpfend am Boden. Augenblicklich wußte Kusmine, wie sich der Überfall abgespielt haben mußte. Die beiden Wegelagerer – daß es sich um solche handelte, daran gab es keinen Zweifel – hatten ihrem Opfer aufgelauert, das sie sich vermutlich schon auf der Reichsstraße als solches erkürt und seitdem verfolgt hatten (sie mußten also über Pferde verfügen), es vom Pferd gerissen und versuchten nun, den Mann zu überwältigen und auszurauben, denn um einen Mann handelte es sich bei dem Opfer, wohingegen die Strauchdiebe ein Pärchen mittleren Alters und nordländischen Aussehens waren (Albernier vermutlich). Bei Rondra! Am hellen Tag! dachte Kusmine. Der Kampf war eine üble und ungleiche Rauferei, denn das Opfer, ein schlanker, gutgekleideter junger Mann, wie Kusmine im Näherkommen erkannte, war so unglücklich gefallen, daß er sein Rapier nicht erreichen konnte, und die Räuber waren entweder unzureichend oder gar nicht bewaffnet. Aber sie waren ihrem Opfer an Kräften weit überlegen. Das Weib, halb auf dem Jüngling kauernd, teilte mit ihren großen knochigen Fäusten gewaltige Hiebe aus, unter denen er sich wimmernd krümmte, während ihr Gefährte ihn immer wieder mit seinen schweren Stiefeln trat.
Als Kusmine das Messer aufblitzen sah, war sie fast heran, das Schwert in der Rechten. Aber die Wegelagerer hatten sie inzwischen bemerkt, hielten inne, und nach einem kurzen Blickwechsel verschwand die Frau im Wald rechts neben der Straße. Ihr Kumpan jedoch, sich seiner Gewandtheit und günstigen Position bewußt – zwischen ihm selbst und den gefährlichen Pferdehufen lag der junge Mann halb besinnungslos am Boden –, zeigte mit einem häßlichen Grinsen Kusmine sein von Kämpfen oder Folterungen grauenhaft entstelltes Antlitz, dann schnitt er blitzschnell einen Beutel vom Gürtel des Opfers und war mit zwei Sätzen im Gesträuch links des Weges verschwunden.
»Gesindel, wagt es noch einmal …!« rief Kusmine ihm nach, dann sprang sie aus dem Sattel und eilte dem Verletzten zu Hilfe.
Der junge Mann war offenbar nicht lebensgefährlich verletzt. Leise stöhnend wand er sich im Straßenstaub, die Rechte in die Magengrube, die Linke zwischen die Beine gepreßt. Kusmine beugte sich über ihn und berührte vorsichtig seine Schulter. »Mein Herr«, begann sie, »wie geht es Euch? Könnt Ihr sprechen? Euch erheben?«
Der Mann hob beim Klang der Stimme mühsam den Kopf und blickte sie aus einem dick verschwollenen Auge an.
»Zordan! Um Praios’ willen!« schrie Kusmine auf. »Was tust du hier? Was haben sie dir angetan?« Und dann begann sie, ohne eine Antwort abzuwarten, mit kundigen Fingern und geübtem Blick die Blessuren ihres Halbbruders zu untersuchen. »Es scheint nichts gebrochen zu sein, Rondra sei Dank«, murmelte sie. »Versuch dich zu erheben«, fuhr sie fort, »ich werde dich stützen.« Statt einer Antwort stöhnte Fuxfell laut auf, als Kusmine ihn unter den Achseln packte und auf die Füße zu stellen versuchte. »Beiß die Zähne zusammen, kleiner Bruder«, sagte sie zärtlich, aber bestimmt, »es muß gelingen! Du kannst hier nicht liegenbleiben.«
Zordan Fuxfell bot ein Bild des Jammers, als er schließlich auf zitternden Beinen stand, den Kopf eingezogen, den Rücken gekrümmt und die Hände nach wie vor an den schmerzenden Leib gepreßt. Mit Kusmines Hilfe gelangen ihm ein paar mühsame Schritte. »Kannst du reiten?« fragte sie teilnahmsvoll.
Fuxfell schüttelte den Kopf. »Nicht reiten«, stöhnte er.
»Nun«, meinte sie nachdenklich, »wenn du nicht reiten kannst, dann mußt du gehen – das wird hart, aber wir schaffen es schon.«
Doch Zordan Fuxfell schüttelte wiederum den Kopf. »Nicht gehen«, wimmerte er, »hol einen Wagen.«
»Sei vernünftig, Zordan«, erwiderte die Schwester, »ich kann dich nicht allein hier zurücklassen – sie könnten wiederkommen…«
Sie könnten wiederkommen! Es war wie ein Hieb, ein Schwertstreich, ein Blitzschlag. Eine eiskalte Hand griff nach Kusmines Herzen, das für einen Moment zu schlagen aufhörte. »Meine Tochter!« schrie sie. »Mein Kind!« Mit einem Satz hatte sie sich aufs Pferd geschwungen und sprengte zur Lichtung zurück. Wenn die Banditen ihr Kind geraubt hätten – sie wagte nicht, den Gedanken zu Ende zu führen, sie wußte nur eins: Falls ihrer Tochter ein Haar gekrümmt worden wäre, dann würde sie die Schuldigen verfolgen bis ans Ende der Welt, wenn es sein müßte, und sie würde sie mit allen Martern der Dämonenhöllen strafen: sie bei lebendigem Leibe häuten und rösten und pfählen und vierteilen und …
Kusmine hatte die Lichtung erreicht, und da lag Klein-Thalionmel, friedlich und satt, blinzelte in die Sonne und haschte mit den winzigen Fingern nach einem Schmetterling.
Vom Pferd zu springen, das Kind samt Decke zu ergreifen und wieder aufzusitzen, war eine Sache von Wimpernschlägen.
Als Kusmine, das Kind an die Brust gepreßt, zu ihrem Halbbruder, der stöhnend an einem Baum lehnte, zurückgekehrt war, vernahm sie fernen Hufschlag. Sichernd schaute sie sich um, dann reichte sie Zordan den Säugling, doch dieser machte keine Anstalten, das Kind entgegenzunehmen. »Was ist?« fragte sie schärfer als beabsichtigt, »willst du dich nicht deiner Nichte annehmen, wenn ich in wenigen Augenblicken deinen Bedrängern entgegentrete?«
Aber Fuxfell schien sie nicht zu hören oder zu verstehen. »Hol einen Wagen, hol einen Medicus, laß mich nicht allein«, wimmerte er nur und war sich der Unvereinbarkeit seiner Wünsche offenbar nicht bewußt.
»Bei Rondra, ich fasse es nicht«, zischte Kusmine, und wilder Zorn loderte in ihren Augen auf. »Nun reiß dich zusammen, Memme, dir fehlt doch nichts!«
»Mememem«, wiederholte Thalionmel, und kleine Speicheltröpfchen flogen ihr vom Mund. Der scharfe Ritt im Arm der Mutter hatte ihr gut gefallen und ihr immer wieder kleine jauchzende Wonnelaute entlockt. Nun blickte sie Zordan mit ihren wachen blauen Augen aufmerksam an. »Mememem«, sagte sie.
Wie vom Donner gerührt hielt Kusmine inne. »Du kannst sprechen?!« entfuhr es ihr.
»Mememem, rörörö«, antwortete der Säugling lachend und griff nach dem Haar der Mutter.
Da besann Kusmine sich ihrer Pflichten und legte das widerstrebende Bündel ins Sattelkörbchen. Mit wenigen hastigen Griffen hatte sie die Bänder festgezurrt. »Nun gut, wollen wir schauen, wer uns die Ehre gibt«, flüsterte sie ihrer Tochter zu. Dann zog sie ihr Schwert und erwartete, aufrecht und reglos im Sattel sitzend, die Ankunft der Banditen.
Es waren zwei Reiter und drei Unberittene, wie Kusmine erkannte, als die fünf Gestalten an der fernen Biegung der Straße auftauchten. Aber irgend etwas stimmte nicht mit ihnen: Weder schienen sie es eilig zu haben, noch waren sie im mindesten darauf bedacht, unentdeckt zu bleiben. Ja, es hatte gar den Anschein, als sprächen oder scherzten sie miteinander.
»Durenald!« rief Kusmine. »Durenald!« Sie winkte heftig mit der Linken, dann steckte sie das Schwert in die Scheide zurück und sprengte ihrem Gemahl entgegen.
Auch Durenald hatte sie inzwischen erkannt und beschleunigte seinen Ritt. »Kusmine, liebes Herz, welche Freude, dich zu sehen«, sagte er, als er sie erreicht hatte. »Doch was ist dir?« fügte er besorgt hinzu, als er den merkwürdig fremden Ausdruck ihrer Augen bemerkte, in dem sich Bestürzung, Grimm und Erleichterung mischten. »Und was verbirgt sich in dem seltsamen Körbchen hinter deinem Sattel?«
»Unsere Tochter«, erwiderte Kusmine knapp und atemlos, »das Reiten macht ihr Freude.«
Durenald schob die Decke zur Seite und lächelte warm, als er das zierliche Gesichtchen seines Kindes erblickte, das beim Anblick des Vaters heftig strampelte und mit den Ärmchen fuchtelte. »Meinst du nicht, sie ist noch ein wenig zu jung zum Reiten?« wandte er sich an seine Frau. »Nun, du wirst es am besten beurteilen können«, fügt er nach einer kurzen Pause hinzu. »Doch nun sag mir, was dich bedrückt.« Bevor Kusmine antworten konnte, hatte Durenald den verletzten Fuxfell entdeckt, der noch immer zitternd und stöhnend an dem Baum lehnte, wo die Schwester ihn zurückgelassen hatte. »Um der gütigen Frau Peraine willen, wer ist das? Was ist geschehen?«
Leise und eisern bemüht, das Beben ihrer Stimme zu unterdrücken, berichtete Kusmine, was sich zugetragen hatte. Statt einer Antwort und statt des halb erwarteten Vorwurfs ergriff Durenald ihre Hand und drückte sie heftig. »Mein armes Herz«, flüsterte er, dann wandte er sich an seine Begleiter, einen Jäger und drei Bauern aus dem Dorf. »Der Bruder eurer Herrin ist auf dem Ritt hierher von Wegelagerern überfallen und übel zugerichtet worden. Wie es scheint, ist er zu schwach zum Reiten. Schlagt also ein paar junge Bäume und baut eine Pferdetrage, damit wir ihn sicher und schonend zum Gutshaus bringen können.« Er stieg vom Pferd, eilte zu Fuxfell hinüber und wechselte ein paar leise Worte mit ihm. »Kusmine«, sagte er, »mach dir keine Sorgen. Reite getrost voraus – ich kümmere mich um deinen Bruder. Die Schurken werden nicht zurückkehren, und falls doch …« Er klopfte lächelnd auf das Kurzschwert an seiner Seite und wies auf seine Begleiter, die mit Bögen, Speeren und Dolchen bewaffnet waren und bei den Worten ihres Herrn ernst und beflissen nickten.
»Ich werde einen Wagen schicken, sobald ich Brelak erreicht habe«, sagte Kusmine so laut, daß ihr Bruder sie hören mußte, denn inzwischen überwog das Mitleid ihren Groll, und es tat ihr leid, daß sie so grob mit ihm gesprochen hatte. »Und die Mägde sollen eine Krankenstube herrichten, und ich werde Danja rufen lassen – sie versteht sich auf Wunden und Heilkräuter und dergleichen. Lebt also wohl!« Sie schenkte Durenald ein ernstes, inniges Lächeln und nickte seinen Begleitern zu. »Wir sehen uns später.«

Danja, die Hebamme, Kräuterfrau und Heilerin, verließ soeben die Krankenstube. Auf leisen Sohlen, den Zeigefinger auf die Lippen gelegt, näherte sie sich dem Freiherrn von Brelak, der sie mit sorgenvoller Miene erwartete. »Er schläft«, flüsterte sie, »und das ist jetzt auch das beste für ihn.«
»Aber wie geht es ihm?« wollte Durenald wissen. »Wie schwer sind seine Verletzungen?«
»Oh, Euer Edelgeboren« – Danja strahlte, wie sie es immer tat, wenn die Götter und ihre Kunst ein Unglück verhindert hatten –, »wir müssen der guten Frau Peraine danken. Sie hat wohl Ihre Hand über Euren Herrn Schwager gehalten, damit ihm kein ernster Schaden widerfuhr. Nein, kein Knochen ist gebrochen, und innere Wunden hat er auch nicht davongetragen, und da er ein junger und gesunder Mann ist und ich seine Schrammen und Kratzer gut versorgt und verbunden habe, kann er morgen schon wieder« – sie hielt inne und wiegte nachdenklich den Kopf –, »nein, übermorgen – tanzen, fechten, reiten … lieben.« Sie zwinkerte Durenald verschwörerisch zu. »Kurz und gut: Der Herr von Fuxfell …«
»Nur Fuxfell«, unterbrach sie Durenald.
»Wie meinen, Euer Edelgeboren?«
»Er heißt Fuxfell, ohne von.«
»Nun gut. Also der Herr Fuxfell wird übermorgen wieder ganz der alte sein. Bis auf ein paar blaue Flecken natürlich – aber die vergehen.«
»Danke, Danja.« Durenald klopfte der Frau anerkennend auf die Schulter und drückte ihr einen kleinen Beutel in die Hand.
»Dankt nicht mir, Herr, dankt der Frau Peraine, die die guten Kräuter wachsen läßt«, erwiderte sie, nahm den Beutel aber gern und begann sogleich, mit kundigen Fingern den Inhalt zu ertasten (fünf Silberstücke), während sie ihn in ihrer Tasche verschwinden ließ.
Kurz nach Danja verließ auch Kusmine die Krankenstube, die als gutausgebildete Kriegerin fast ebensoviel von Blessuren und deren Behandlung verstand wie die Kräuterfrau. Sie lächelte ihren Gatten an. »Nun ist doch alles zu einem guten Ende gekommen, was so schlimm begann«, sagte sie und ergriff Durenalds Hände. »Wir haben ihm einen Schlaftrunk eingeflößt, denn der Schlaf ist in seinem Fall die beste Medizin – er läßt ihn auch Angst, Zorn und Schrecken vergessen.«
»Ach Kusmine, liebes Herz«, lachte Durenald, »was bist du doch für eine fürsorgliche Schwester! Aber dein kleiner Bruder scheint mir, mit Verlaub, ein rechter Zimperalrik zu sein.« Er suchte den Blick seiner Frau, um sich zu vergewissern, daß seine Worte sie nicht verletzt hätten, doch Kusmine lächelte verständnisinnig. »Und überhaupt«, fuhr er fort, »wieso hat er sich von zwei halbverhungerten und unbewaffneten … Du sagtest doch, daß sie unbewaffnet waren?«
Kusmine nickte. »Einer hatte ein Messer«, sagte sie dann.
»Wie dem auch sei«, fuhr Durenald fort, »wieso hat er sich von zwei nahezu unbewaffneten Banditen verprügeln lassen? Er hat doch ein schönes Rapier. Trägt er es nur zur Zierde?«
Kusmine hob Achseln und Hände in einer Geste der Ratlosigkeit. »Ich weiß es nicht, lieber Mann«, sagte sie, »aber sei nicht gar so streng mit ihm. Zordan ist kein Krieger – er hat das Fechten nie geliebt und auch nicht gut gelernt. Vielleicht trägt er seine Waffe wirklich mehr zur Zierde oder um das Gesindel abzuschrecken.«
»Abzuschrecken? Nun, das ist ihm ja über alle Maßen gut gelungen! Da haben sie ihm dann vor lauter Schreck nicht das Leben, sondern nur seine Dukaten genommen! Mein Kompliment dem Waffenschmied.«
»Durenald, so kenne ich dich gar nicht«, lachte Kusmine, »so bissig und ironisch. Aber ich kann nicht sagen, daß es mir mißfällt. Wie sich alles zugetragen hat, werden wir morgen erfahren. Doch um Zordans Dukaten müssen wir uns schwerlich sorgen – er wird seine Barschaft nicht offen am Gürtel getragen haben. Niemand ist so leichtsinnig, auch Zordan nicht. Wahrscheinlich waren in dem Beutel nur ein paar Kupfer- oder Silbermünzen … oder Pfeifenkraut …« Wieder hob sie Schultern und Hände in der ihr eigentümlichen Geste. »Obwohl …« Sie wurde nachdenklich. »In seinen Stiefeln habe ich kein Geld gefunden, und innen im Gürtel war auch nichts eingenäht. Dann verwahrt er es vermutlich in den Satteltaschen – also doch ein wenig leichtsinnig, der Gute …« Plötzlich hielt sie inne. »Satteltaschen? Hat man sein Pferd gefunden?«
»Einen Apfelschimmel? Eine schöne, aber etwas furchtsame Stute? Ja, die ist gefunden worden und wird in unserem Stall von Hilgert gut umsorgt«, beruhigte Durenald seine Gemahlin, »und auch das Gepäck deines Bruders ist in Sicherheit. Wenn du willst, lasse ich es gleich in seine Kammer bringen.«
»Ach nein, ich denke, das hat Zeit bis morgen. Heute wollen wir seinen Schlummer nicht mehr stören. Weißt du«, sagte Kusmine nach kurzem Sinnen, »ich bin sehr froh, daß Zordan endlich den Weg zu uns gefunden hat. Es zeigt doch, daß er uns zugetan ist – dir und mir und dem Kind wohl auch … Wer sollte unser Kleinod nicht lieben …« Sie nahm ihren Gatten beim Arm und führte ihn zur Kinderstube. »Früher hatte ich bisweilen den Eindruck, daß er einen Groll gegen mich hegt«, nahm sie ihren Gedanken wieder auf, »obwohl ich nie unfreundlich zu ihm war oder ihn mit Hochmut oder Herablassung behandelt hätte … Es wird der Neid des Bastards gewesen sein, denke ich, der Neid auf meine Geburt, auf meinen Stand, meine gute Ausbildung …«
»Deine Schönheit«, unterbrach sie Durenald und faßte sie um die Hüfte.
»Meine gute Partie«, fuhr Kusmine lächelnd fort und legte nun ihrerseits dem Gatten den Arm um die Schulter und zog ihn fest an sich. »Mein Glück …«
»Du hast nicht immer Glück gehabt im Leben und bist auch nicht immer glücklich gewesen«, widersprach Durenald. Doch sogleich bereute er seine Worte, als er spürte, wie Kusmine kaum merklich erstarrte.
»Nein, nicht immer«, sagte sie leise, »aber dennoch halte ich mich für einen von den Göttern verwöhnten und begünstigten Menschen.« Sie hielt inne und blickte ihren Gatten ernst und voller Liebe an. »Soll ich dir sagen, was ich glaube? Ich glaube, Boron hat uns den kleinen Tsafried genommen, um uns daran zu gemahnen, daß wir unser Glück nicht uns selbst verdanken, sondern jenen, die alle unsere Geschicke lenken. Und jeden Tag und jede Stunde müssen wir sie preisen für die Gaben, mit denen sie uns segnen … War es nicht Frau Rahja, die es so gefügt hat, daß wir uns in Neetha begegnet sind? Ist es nicht Frau Peraine, die deine Äcker und Gärten segnet Jahr für Jahr? Ist es nicht Frau Travia, die täglich über unserem Heime wacht? Ist es nicht Frau Rondra, die mir Mut und einen starken Körper verliehen hat? Und müssen wir Frau Tsa nicht innig danken für die schöne Tochter, die sie uns geschenkt hat?«
»Du hast recht, liebes Herz, so wie du immer recht hast«, sagte Durenald zärtlich, »und da du sie erwähnst, unsere schöne Tochter, so möchte ich sie gern sehen.«
»Ja, komm nur, Liebster, und schau sie dir an – sie wird mit jedem Tag schöner und kräftiger. Ich wollte ohnehin gerade zu ihr eilen, um sie zu nähren für die Nacht.«
In nachdenkliches Schweigen gehüllt, setzte das Paar den Weg zur Kinderstube fort. Plötzlich lachte Kusmine. »Und ist es nicht Herr Firun, der uns den schönen Braten geschenkt hat?« fragte sie. »Oder war Er dir etwa nicht gewogen? Du weißt, daß du mir für den Praiostag eine junge Bache versprochen hast, nicht wahr?«
»Und was ich verspreche, das halte ich auch, mein liebes Herz.« Durenald zog Kusmine an sich und küßte sie. »Am Praiostag wirst du dich am zartesten und saftigsten Wildbret laben können, das je deinen Gaumen verwöhnte.«
Lange standen die Gatten am Bettchen ihrer Tochter, lachten und scherzten mit dem Kind und konnten nicht genug davon bekommen, die Vollkommenheit der Gliedmaßen, das strahlende Blau der Augen und die Schönheit des blonden Lockenhaares zu bewundern, das in Anbetracht des zarten Alters schon recht üppig auf dem Köpfchen sproß.
»Und nun bitte ich dich, uns zu verlassen«, sagte Kusmine schließlich, »du weißt, daß wir zwei beim Stillen am liebsten ungestört unter uns sind.«
Mit gespieltem Schmollen wandte Durenald sich zum Gehen. »Darf ich heut nacht auf deinen Besuch hoffen?« fragte er.
»Natürlich, Liebster.«
»Nun, ich kann es kaum erwarten, Geliebte.« Und mit einem galanten Kratzfuß verabschiedete Durenald sich von seiner Gemahlin.

Zwei Tage später war Zordan Fuxfell fast völlig wiederhergestellt. Das immer noch ein wenig geschwollene und verfärbte Auge verbarg er unter einem bunten Seidentuch, was ihm nach Damillas Ansicht ein ungeheuer verwegenes, fast freibeuterhaftes Aussehen verlieh und seine männlichen Reize noch erhöhte. Die junge Magd war sehr beeindruckt von dem Gast des Hauses, und ein Funke glomm in ihrem Herzen auf, obwohl sie ihn seit seiner Ankunft in Brelak erst dreimal gesehen hatte – das erste Mal, als man ihn, blaß und leidend zwar, doch wunderschön und elegant, vor zwei Tagen in der offenen Kutsche zum Gutshaus gebracht hatte, das zweite Mal gestern, als sie seine Kammer ausfegen mußte, und das dritte Mal am heutigen Morgen, als es ihr vergönnt war, ihm das Frühstück aufs Zimmer zu bringen.
»Halt dich fern von dem jungen Herrn«, ermahnte Hilgert sie, als sie ihm mit geröteten Wangen von dem seelenvollen Ausdruck des einen sichtbaren Auges, von der vornehmen Bildung der männlich-schlanken Hände, dem warmen Klang der Stimme und der über alle Maßen zierlichen Ausdrucksweise des neuen Gastes berichtete.
»Warum?« fragte das Mädchen überrascht. Der düstere Blick des Stallmeisters bohrte sich so tief in die braunen Augen der Magd, daß es ihr nach einer kurzen Weile schien, als schaue er sie nicht an, sondern durch sie hindurch, und ein Gefühl von Beklommenheit bemächtigte sich ihrer und vertrieb ihre Freude und gute Laune. »Warum?« wiederholte sie, trotzig diesmal.
»Er wird Kummer und Unglück über dich bringen, wenn du ihm zu nahe kommst.«
»Immer redet Ihr so, alter Mann.« Damilla senkte den Blick und wand gedankenverloren das Ende ihres dicken braunen Zopfes um den Finger. »So daß man ernst wird, wenn man vorher lustig war, und traurig, wenn man vorher froh war. Gönnt Ihr denn keinem eine Freude, oder könnt Ihr in die Zukunft schauen und seht dort nur Schlimmes und Böses?« Der letzte Satz war wohl nicht als Frage gemeint, denn schon plapperte sie weiter, das Zopfende immer verbissener zwirbelnd. »Als das junge Fräulein zur Welt gekommen ist, da habt Ihr auch von schlechten Vorzeichen geredet, aber das Kind ist ganz gesund und schön und hat alle Finger und Zehen, und die Frau hat sich schon nach drei Tagen vom Wochenbett erhoben, und die Saat ist gut aufgegangen, und der Herr und die Herrin leben in traviagefälliger Eintracht. Und jetzt … und nun, da ich Euch nur erzählt habe, welch vornehmer und freundlicher Mann der Halbbruder unserer Herrin ist und wie wohlgesetzt er zu reden versteht, da sagt Ihr, daß er mich ins Unglück stürzen wird. Warum? Wollt Ihr mich ärgern? Ich habe doch nichts Schlechtes gesagt oder getan.«
»Ich will dich nicht ärgern, Kind«, erwiderte Hilgert sanft, schaute das Mädchen jedoch so ernst, ja fast grimmig an, daß sie unwillkürlich einen Schritt zurückwich, »und ich kann auch nicht in die Zukunft blicken, aber oft fühle ich es, wenn ein Unglück sich naht – das muß nicht morgen oder übermorgen sein oder in einem Mond …«
»In einem Mond ist der Herr Fuxfell längst abgereist; ich hab’s mit eigenen Ohren gehört, wie er gesagt hat, daß ihn dringende Geschäfte nach Kabash rufen.« Damilla nestelte weiter an ihrem Zopf und schob trotzig die Unterlippe vor.
»Und warum ist er nicht von Methumis gleich dorthin gereist? Es liegt ja fast am Wege.«
»Ich weiß nicht, wo Methumis und Kabash liegen, aber wahrscheinlich wollte er zuerst sein neues Nichtchen besuchen. Seht Ihr, das ist es, was ich meine: Immer seid Ihr mißtrauisch und macht ein Firunsgesicht, so lang und finster, daß man selbst eins kriegt …« Damilla hielt verlegen inne, aber der Alte schien ihre Worte nicht gehört zu haben.
»Ich bin nicht froh über diese Gabe, die eher eine Strafe ist«, sagte er, »da ich weder weiß, was die Zukunft bringen wird, noch, wie ich das Unglück verhüten soll, das ich erahne. Auch du wirst meinen Rat nicht befolgen, dich fernzuhalten von dem jungen Herrn …«
»Er beachtet mich ja gar nicht«, fiel Damilla ihm ins Wort. »Er kennt bestimmt die feinsten Damen von Methumis und Kabash, wie soll ihm da eine wie ich gefallen? Ich bin ihm sicher zu dick und zu dumm …«
»Du bist frisch und jung, du gefällst ihm«, sagte Hilgert bestimmt, »doch nun muß ich mich wieder meiner Arbeit zuwenden, und auch du wirst gewiß schon im Haus oder in der Küche vermißt.« Brüsk wandte der Alte sich um und stapfte mit großen Schritten zum Stall.

»Und wann darf ich endlich das kleine Prinzeßchen sehen?« fragte Fuxfell und hob erwartungsvoll Braue und Lid des unverhüllten Auges. Er hatte sich soeben mit Durenald und Kusmine zur Mittagstafel begeben, der ersten gemeinsamen Mahlzeit.
»Sehen dürfen?« lachte Kusmine und schnitt sich ein großes Stück des saftigen Wildschweinbratens ab – ein Meisterwerk Titinas mit einer Sauce aus frischen Frühlingskräutern, tulamidischen Spezereien und getrockneten Waldpilzen. »Keiner hat sie dir bisher vorenthalten, und es ist das erste Mal, daß du nach ihr fragst. Aber ich freue mich ja, daß du es tust, und auch daß es dir ganz offensichtlich besser zu gehen scheint.« Sie legte eine Pause ein, um den Bissen in den Mund zu stecken, ihn mit Behagen zu kauen und zu schlucken. »Nun«, sagte sie mit einem kurzen Blick unter leicht gerunzelten Brauen zu dem fahlen Blauton, den die Arivorer Butzenscheiben vom Himmel übrigließen, »es dürfte jetzt etwa eine Stunde nach Mittag sein. Wenn es sich mit deinen Plänen deckt, dann werden die beiden Kriegerinnen dich um die dritte Stunde in der Kinderstube erwarten.«
Zordan Fuxfell deutete eine Verbeugung in Richtung seiner Halbschwester an. »Es wird mir ein Vergnügen und eine Ehre sein, den schönen Damen des Hauses meine Aufwartung zu machen.« Dann wandte er sich an Durenald, dem er, den suchenden Blick des Gastgebers bemerkend, mit verbindlichem Lächeln eine Schüssel voll duftender Hirseklöße reichte. »Aber wollt Ihr den Damen nicht auch die Ehre geben, teurer Schwager? Ein Familienidyll in der Kinderstube.« Das Lächeln wurde breiter. »Und wenn mich meine Erinnerung nicht täuscht, dann habe ich nicht nur für die liebreizenden Kriegerinnen Präsente in meinen Satteltaschen, sondern auch eine Kleinigkeit für Euch.«
Als Zordan Fuxfell zwei Stunden später die Kinderstube betrat, bot sich ihm ein Bild, wie es traviagefälliger nicht sein konnte: Kusmine thronte auf einem rotgepolsterten Sessel, das gutgelaunte Wickelkind auf dem Schoß. Ihr zur Seite saß ihr Gatte auf einem niedrigen Schemel und versuchte erfolgreich, durch das Ausstoßen seltsamer Laute, bei deren Erzeugung sich seine Züge aufs absonderlichste verzerrten, das Kind zum Lachen zu bringen. Kusmine beobachtete Durenalds Treiben mit lächelndem Kopfschütteln, konnte sich aber der allgemeinen Heiterkeit nicht entziehen; sie warf den Kopf in den Nacken und lachte hell auf, als es an der Tür klopfte.
Susa öffnete und ließ mit einem flüchtigen Knicks den Neuankömmling ins Zimmer treten. »Braucht Ihr mich noch, Euer Edelgeboren?« fragte sie.
»Nein, geh nur, Susa«, erwiderte die Angesprochene, »und laß dir von Titina eine Erfrischung bereiten. Und sag Damilla, sie soll Tee und Gebäck bringen.«
Fuxfell verharrte beim Anblick der Familie kurz in gespielter Anbetung und preßte die Linke an die Brust. »Welch ergreifendes Bild, man sollte es malen«, hauchte er. Dann näherte er sich mit federnden Schritten seiner Nichte und verneigte sich tief. »Schönstes Fräulein, nehmt mein Herz, das ich Euch zu Füßen lege.«
Das Kind hatte, als Fuxfell das Zimmer betrat, ihrem Vater, der, als es klopfte, rasch seine Züge geordnet und ihnen einen verbindlichen Ausdruck verliehen hatte, keinerlei Aufmerksamkeit mehr geschenkt, sondern beobachtete vielmehr jede Bewegung des Gastes mit großen wachsamen Augen. Nun richtete Fuxfell sich auf und lächelte seine Nichte an.
Thalionmel erwiderte den Blick des einen schwarzen Auges ernst und unerschrocken. »Fürwahr, ein schönes Kind, liebe Schwester«, wandte sich Fuxfell an Kusmine. »Wie heißt sie noch gleich?«
»Thalionmel.«
»Ein ungewöhnlicher Name, aber man wird sich daran gewöhnen – man wird sich daran gewöhnen müssen, nicht wahr, kleine Thalionmel? Denn in ein paar Jahren wirst du nicht nur sämtliche Männerherzen brechen, du wirst auch deine Widersacher das Fürchten lehren, so grimmig, wie du schaust. Ja, eine glänzende Karriere liegt vor dir, meine Teure, um die ich dich beneiden könnte, wäre ich nicht dein Onkel und getreuer Beschützer. Darf ich dir nun zum Zeichen meiner onkelhaften Zuneigung einen Kuß auf die Stirn drücken?«
Als Fuxfell sich mit gespitzten Lippen dem kleinen Blondschopf näherte, wich das Kind zurück und versuchte den Kopf am Busen der Mutter zu verbergen.
»Oh, man ziert sich?« Fuxfell konnte einen winzigen Anflug von Ärger in Stimme und Miene nicht unterdrücken.
»Es wird die Augenbinde sein, die ihr Angst macht, lieber Schwager«, sagte Durenald lachend. »Einäugige sind ihr bisher noch nicht begegnet.«
»Nun, wenn ich ihr nicht gefalle, so finden doch vielleicht meine Gaben Gnade vor ihren Augen.« Fuxfell holte ein Bündel aus seiner Tasche, in dem es leise klapperte und das er nun behutsam öffnete. Es enthielt buntbemalte Holzfigürchen – Pferde, Reiter und Soldaten.
Thalionmel hatte beim Klappern der Holzpüppchen den Kopf gewandt und beobachtete gebannt, wie Fuxfell eine winzige Soldatin (nach dem verschwenderischen Gebrauch von Silber- und Goldlack auf Helm und Panzer zu urteilen, wohl eine Rittfrau oder Obristin) aus dem Bündel klaubte und ihr zögernd reichte. Mit hellem Jauchzen griff sie danach. Fest schlossen sich die kleinen Finger um das blinkende Ding, und dann begann sie wie wild zu fuchteln und zu hopsen.
»Ja, das ist ein Spielzeug nach deinem Geschmack, kleine Kriegerin!« lachte Kusmine. »Und wenn du erst etwas größer bist, wirst du auch richtig damit spielen können. Danke, Zordan«, wandte sie sich an ihren Bruder, »du siehst ja selbst, welche Freude du ihr gemacht hast.« Wie, um die mütterlichen Worte zu bekräftigen, streckte der Säugling fordernd die leere Linke aus, und die Fingerchen griffen und streckten sich nach etwas Unsichtbarem.
»Nun, dann laß mich einmal schauen, was ich für das andere Händchen habe«, sagte Fuxfell, während er in dem linnenen Beutel kramte. »Wie wäre es mit diesem verwegenen Söldner?« Er reichte Thalionmel das bunte Figürchen. Gierig griff sie danach, doch plötzlich schleuderte sie mit einer gleichzeitigen heftigen Bewegung beider Arme Obristin und Söldner weit von sich, wobei sie ihren Onkel nur um Spannbreite verfehlte. »Wie kann man nur so ungezogen und undankbar sein?« fragte Fuxfell leise. Einen Wimpernschlag lang funkelte Zorn in seinem Auge. Dann bückte er sich, um die Figürchen aufzuheben. »Für heute ist es wohl genug«, meinte er, während er sie zurück in den Beutel legte.
»Ach, Schwager, nehmt es ihr nicht krumm, sie weiß doch gar nicht, was sie tut.« Durenald lächelte freundlich. »Aber zeigt mir einmal die Püppchen – sie scheinen ja ganz allerliebst zu sein.« Vorsichtig leerte er den Beutel auf den Wickeltisch und stellte den Inhalt auf. Er enthielt eine winzige Streitmacht, bestehend aus Rittern und Rittfrauen samt ihren Streitrössern, Knappen, Pikenieren und Bogenschützen. Aber auch die Gegenspieler der tapferen Soldaten kamen nun zum Vorschein: ein Oger, zwei Trolle, eine Handvoll Orks und eine Schar abenteuerlich bewaffneter Räuber, zu denen auch der Söldner gehörte.
»Wirklich ganz reizend«, sagte Kusmine, die ihren Gatten bei seinem Tun beobachtete. »Das wird bestimmt ihr liebstes Spielzeug werden, wenn sie alt genug dafür ist. Und bis dahin werde ich es gut verwahren – und vielleicht hin und wieder selbst damit spielen«, fügte sie lachend hinzu. »Da fällt mir ein«, sagte sie, als ihr Blick auf die hölzerne Räuberbande fiel, »daß ich dir« – sie schaute ihren Halbbruder an – »noch gar nicht erzählt habe, daß ich gestern mit meinen besten Leuten das Waldstück durchkämmt habe, wo du überfallen worden bist. Denn, so sagte ich mir: Wo zwei sind, kann auch leicht ein Nest sein. Aber wir haben keine Spuren eines Lagers entdeckt. Wahrscheinlich waren es wirklich nur die beiden, und sie haben so schnell wie möglich das Weite gesucht. Ich vermute, daß sie dir schon seit der Reichsstraße gefolgt sind. Du bist doch sicherlich …« Plötzlich hielt sie inne. »Wo ist dein Ring?« fragte sie überrascht. »Du trägst den Ring deiner Mutter nicht mehr?«
»Mein Ring, oh …« Fuxfell war bei Kusmines Worten fast unmerklich zusammengezuckt. Nun betrachtete er seine Hand und knetete den ringlosen Finger. »Der Ring meiner Mutter …«
»Waren das etwa auch die Räuber?« unterbrach ihn Kusmine.
»Ja, gewiß, die Räuber«, antwortete Fuxfell erleichtert. Dann straffte er sich und legte so viel gerechten Zorn und heilige Empörung in Blick und Stimme, wie ihm möglich war und angemessen erschien. »Da du selbst das Gespräch auf den Verlust meines Ringes bringst, liebe Schwester«, begann er, »so muß ich dir leider sagen, und auch Euch, Schwager, daß ich in euren Wäldern nicht nur der teuersten Erinnerung an meine geliebte verstorbene Mutter beraubt wurde, sondern daß eure Räuber mir auch mein gesamtes Vermögen genommen haben, welches ich am Gürtel trug, so daß ich nun gleichsam als Nackter vor euch stehe.« Er seufzte tief.
»Euer ganzes Geld?!« entfuhr es Durenald.
»So ist es, Schwager. Die Strauchdiebe in Euren Wäldern haben mich ausgeraubt bis auf den letzten Heller.«
»Gemach, Bruder!« Kusmine hob die Brauen, und ein leichter Anflug von Röte färbte ihre Wangen. »Du redest gerade so, als ob wir Schuld an deinem Unglück hätten, fast so, als wären wir verantwortlich für jeden Strolch, der die hiesigen Wälder unsicher macht. Doch hör mir zu: Erstens ist der Wald, in dem du überfallen worden bist, nicht der unsere. Er gehört dem Grafen, aber Durenald ist es gegen ein Entgelt an seinen Lehnsherrn gestattet, dort firungefällig zu jagen. Zweitens« – ihre Stimme wurde ein wenig schärfer – »halte ich mit meiner Bürgerwehr seit nunmehr fast zehn Jahren Durenalds Lehen weitgehend frei von Gesindel und Räuberpack, und drittens kann ich kaum glauben, daß sich in dem Beutel an deinem Gürtel dein gesamtes Vermögen befunden haben soll. Ich hab ihn ja gesehen – mehr als fünfzig Dukaten paßten gewiß nicht hinein.«
»Vierunddreißig Dukaten, zwei Silbertaler und fünf Heller«, korrigierte Fuxfell finster, »dazu …«
»So wenig?« rief Kusmine empört. »Was hast du mit dem Geld unseres Vaters angestellt?«
»Unterbrich mich nicht, Schwester!« Auch Fuxfell hob nun die Stimme, »… das Geld also und dazu drei Schuldscheine über dreißig, neunzig und hundert Dukaten, so daß mein Vermögen, das die Räuber eurer Gegend mir genommen haben, sich auf insgesamt zweihundertvierundvierzig Dukaten, zwei Silberstücke und fünf Heller beläuft und ich somit das Geld unseres Vaters um mehr als vierzig Goldstücke vermehrt habe.«
»Schuldscheine?« fragte Durenald. »Wie kommt Ihr an Schuldscheine in dieser Höhe? Verleiht Ihr Geld gegen Zinsen?«
»Das nicht, werter Schwager, aber vielleicht wißt Ihr, daß ich gern und gut Boltan spiele, und das ist nun einmal ein Spiel, bei dem man nicht nur ein Vermögen verlieren, sondern auch gewinnen kann.«
»Spielen …«, brummte Durenald, aber Kusmine ergriff wieder das Wort.
»Zordan, Bruder«, sagte sie ernst, »du willst mir doch nicht erzählen, daß du dein gesamtes Vermögen in Höhe von zweihundertvierzig Dukaten offen am Gürtel getragen hast. Sag, daß es ein Scherz ist.«
»Es ist kein Scherz, schöne Schwester, nein, leider ist es die traurige Wahrheit.« Bekümmert wiegte Fuxfell den Kopf. »Doch schelte mich nicht – ich bin gestraft genug. Gerade dort am Gürtel, offen und für alle sichtbar, wähnte ich mein Geld besonders sicher verborgen. Denn wer erwartet Gold an dieser Stelle? Nun, ich habe mich geirrt in der Wahl meines Versteckes, grausam geirrt, wie ich jetzt erkenne.« Er schwieg eine Zeitlang, die Stirn in kummervolle Falten gelegt. »Und überdies«, fuhr er fort, »rechnete ich auch nicht im entferntesten damit, in euren Wäldern von Diebsgesindel geschunden und beraubt zu werden.«
»Fangt Ihr schon wieder von unseren Wäldern an?« Eine Zornesfalte bildete sich zwischen Durenalds Brauen, und er schlug mit der Rechten auf den Wickeltisch, so daß die Holzfigürchen durcheinanderpurzelten. »Es sind nicht unsere Wälder – es sind die Wälder des Grafen! Statt den Göttern und Eurer Schwester dankbar zu sein, daß sie Euch so schnell zu Hilfe geeilt ist und Euch womöglich vor größerem Schaden bewahrt hat, faselt Ihr wirr und unverschämt daher, daß man glauben könnte, Ihr erwartetet, daß wir Euch das Gold ersetzen sollten. Ach, Schwager«, fuhr er nun versöhnlicher fort, »denkt nicht, daß mich Euer Verlust nicht dauert. Zweihundertundvierzig Dukaten durch die eigene Torheit verlieren, das ist hart, und ich fühle mit Euch. Doch worauf wollt Ihr eigentlich hinaus?«
»Du brauchst Geld, gewiß«, mischte Kusmine sich ein, »nun, ich denke« – sie suchte den Blick ihres Gatten, und Durenald nickte –, »da wird sich etwas machen lassen. Sei also unverzagt.«
In diesem Augenblick klopfte es an der Tür, und Damilla brachte die bestellte Erfrischung. Während sie den Tee in drei kleine irdene Becher goß, betrachtete Fuxfell sie ausgiebig und mit Wohlgefallen. Obwohl ihre Brüste gut entwickelt waren und auch das Hinterteil recht groß und fraulich rund zu sein schien, glaubte er nicht, daß sie mehr als fünfzehn Götterläufe zählte, denn ihre Züge waren von kindlicher Weichheit, und der Blick ihrer großen braunen Augen war scheu und auf bezaubernde Weise einfältig.
»Verzeiht, liebe Schwester und lieber Schwager, daß ich euch verärgert habe, und auch das Prinzeßchen scheint böse zu sein, denn unverwandt verfolgt es mich mit ernsten blauen Augen und will mir gar kein Lächeln gönnen. Was kann ich nur tun, um euch zu erheitern …« Er legte eine bedeutsame Pause ein, in der er sich vergewisserte, daß Damilla seiner Rede folgte, dann fuhr er fort: »Wie wär’s mir einem kleinen Kunststück, das ich jüngst eingeübt habe?« Er blickte fragend in die Runde.
Durenald und Kusmine wechselten erstaunte Blicke, wobei der erstere die Brauen hob und letztere Achseln und Hände. »Ein Kunststück? Nun, wenn du meinst«, sagte Kusmine, »dann laß sehen, wir sind gespannt.«
Zordan Fuxfell stellte sich in der Mitte des Zimmers auf und schaute eindringlich von einem zum anderen, wobei er den Blick ein wenig länger auf Damilla ruhen ließ, die ihre Arme erwartungsvoll und fast andächtig unter dem Busen verschränkt hatte. Dann legte er die Handflächen aneinander und schloß die Augen. Lange stand er so, in Konzentration versunken. Unvermittelt riß er die Augen auf, murmelte etwas wie ›Selemsalamander – Mutaborineinander – Hylailomäander‹ und streckte die Rechte vor, die Handfläche nach oben. Kaum hatte er die Formel gesprochen, da erschien auf seiner Hand ein grünliches Flämmchen. Fast unbeweglich stand es dort, nur ganz leicht gewiegt vom Atem der Anwesenden oder dem Luftzug, der durch die Ritzen des Fensters ins Zimmer drang. Doch nun hob Fuxfell die Linke und beschwor mit seinen schlanken Fingern das Flämmchen, wobei er weitere unverständliche Formeln murmelte. Die Flamme veränderte allmählich ihre Farbe, wurde erst blau, dann violett, um schließlich einen leuchtenden Purpurton anzunehmen. Dabei bog und wand sie sich auf der Hand, zitterte und wuchs ein wenig, um schließlich, als Fuxfell die Rechte spreizte, von einem Finger zum anderen zu hüpfen. Offenbar war dies der Höhepunkt der Darbietung, denn plötzlich verblaßte das Purpurlicht, die Flamme schrumpfte, und Fuxfell schloß mit einer ruckartigen Bewegung die Rechte zur Faust. Sein Atem ging heftig, und feine glänzende Rinnsale bildeten sich auf Stirn und Wangen.
»Du kannst zaubern!« entfuhr es Kusmine. »Das habe ich gar nicht gewußt.« Aber Fuxfell antwortete nicht, sondern klaubte mit unsicheren Fingern ein seidenes Tüchlein aus der Tasche, mit dem er sich die Stirn betupfte.
Durenald beobachtete seinen Schwager mit fragend oder forschend zur Seite geneigtem Kopfe, und Damilla hatte die Arme fallen lassen und stand unbewegt im Zimmer, den Mund geöffnet und die großen braunen Augen unverwandt auf Fuxfell gerichtet. Einzig Thalionmel war uneingeschränkt begeistert von der Vorführung und den bis zum heutigen Tage unbekannten Talenten des Oheims: Sie quiekte und prustete, und das heftige Zappeln und Fuchteln der kleinen Arme schien sagen zu wollen, daß sie eine weitere Probe seiner Kunstfertigkeit zu sehen wünschte.
»Ja, Schwester, ich verstehe mich ein wenig darauf«, sagte Fuxfell schließlich, »eine Gabe, die ich von meiner Mutter ererbt habe.«
»Aber Zordan, um Hesinde willen, warum bist du denn nicht zur Akademie gegangen?« fragte Kusmine.
»Du könntest heute eine angesehene Spektabilität sein, doch nun ist es vermutlich zu spät, um noch mit dem Studieren zu beginnen.«
»Aber liebe Schwester, woher wohl hätte meine arme Mutter das Geld für eine kostspielige und langwierige Ausbildung nehmen sollen? Ich bin doch nur ein kleiner Bastard, wie du weißt.«
»Zordan!« Kusmines Stimme wurde ein wenig lauter, und wieder rötete ein winziger Anflug von Zorn ihre Wangen. »Du weißt so gut wie ich, daß unser Vater alles in seiner Macht Stehende getan hat, um dich und deine Mutter zu unterstützen. Er wollte dich ja sogar nach Vinsalt schicken, nur daß deine Neigungen eben nicht in diese Richtung gingen. Gewiß wäre er stolz gewesen, einen Magus in der Familie zu haben, und hätte dir die beste Ausbildung in Kuslik oder wo auch immer finanziert. Warum nur hast du deine Gabe immer geheimgehalten?«
»Ja, hätte, wäre, würde … es ist zu spät, wie du richtig erkannt hast, liebe Kusmine, und wir wollen nicht weiter spekulieren, was gewesen wäre, wenn … Es genügt mir, daß ich hin und wieder liebe Freunde oder Verwandte mit einem magischen Kunststückchen erfreuen kann. Doch nun erlaubt, daß ich mich zurückziehe.« Er verneigte sich leicht vor Schwester und Schwager. »Meine Blessuren beginnen wieder zu schmerzen, und ich denke, es ist das beste, wenn ich mich ein wenig ausruhe.«
Auch Damilla wandte sich zum Gehen. Mit einem Knicks schlüpfte sie durch die Tür, und Fuxfell mußte ein paar große eilige Schritte machen, damit er sie auf dem Gang noch erreichte. »So warte doch, schönes Kind«, flüsterte er und zog sie leicht am Zopf. Damilla erstarrte. »Hat dir meine Darbietung gefallen?« fragte er leise. Das Mädchen nickte, ohne sich umzudrehen. »Nun, wenn du noch weitere Kostproben meiner Kunstfertigkeit kennenlernen möchtest, dann komm heut abend auf meine Kammer.« Wieder nickte Damilla, dann eilte sie davon.

»Was hältst du von alldem?« wandte sich Durenald an seine Gemahlin, nachdem Damilla und Fuxfell die Kinderstube verlassen hatten. Er fuhr sich nachdenklich mit der Hand durch die Locken.
»Meinst du die Geschichte mit dem Ring und dem Geld oder seine bis heute verborgenen magischen Talente?« fragte Kusmine.
»Alles, liebes Herz, beides«, erwiderte Durenald, »die Geschichte mit dem Ring und dem Geld und seine bis heute verborgenen magischen Talente.« Er machte eine kleine Pause, dann fuhr er fort: »Wenn du mich fragst, was ich von all dem halte, dann könnte ich dir nun meine Theorien entwickeln, aber …«
»Laß hören, lieber Mann!«
»Ach nein, lieber nicht, sonst heißt es wieder, daß ich deinen kleinen Bruder nicht leiden kann und noch nie leiden konnte.«
Kusmine lachte. »Aber nun hast du mich neugierig gemacht, und ich will wissen, zu welcher Theorie über meinen Bruder du aufgrund seines Verhaltens, seiner Andeutungen und Geschichten und seiner neuerdings entdeckten Gabe gelangt bist. Außerdem hilft deine Ansicht mir gewiß bei der Bildung meiner eigenen.« Sie blickte Durenald erwartungsvoll lächelnd an. »Nun los!« sie knuffte ihn gegen die Schulter. »Du willst es doch loswerden und wirst es mir ohnehin heute noch erzählen. Warum sollen wir bis zum Abend warten?«
»Also gut«, begann Durenald, »wenn du darauf bestehst, so will ich dir jetzt meine Meinung über deinen Bruder und seine Geschichten unterbreiten. Nun, ich glaube, daß der gute Zordan sein Vermögen – oder vielmehr das eures Vaters – verpraßt oder verspielt hat. Weiterhin bin ich überzeugt, daß er bis zum Hals in Spielschulden steckt und uns nur deshalb seine Aufwartung macht, um ein paar Dukaten zu lockern, was ihm ja auch zu gelingen scheint. Und den Ring – ich kann mich nicht daran erinnern, aber es scheint sich ja um ein wertvolles Erbstück zu handeln – hat er entweder verpfändet oder verspielt. Was nun die Räuber betrifft, die ihn zweifellos überfallen und böse geschlagen haben, so konnte ihm nichts Besseres widerfahren, denn der Beutel an seinem Gürtel war bestimmt leer bis auf den letzten Kreuzer, und wäre ich nicht so ein gutgläubiger und vertrauensseliger Mensch, ich könnte glatt auf den Gedanken verfallen, der liebe Zordan habe die gar schrecklichen Räubern gedungen oder mache mit ihnen gemeinsame Sache. Nein, im Ernst, Kusmine, das glaube ich nicht. Allerdings vermute ich, daß es mit seiner Gabe nicht allzuweit her ist. Nicht, daß mich Zordans magische Darbietung nicht beeindruckt hätte – einen Zauberer beim Zaubern zu beobachten, ist ein seltenes und immer wieder faszinierendes Ereignis –, aber zur Spektabilität hat er wohl nicht das Zeug. Worüber ich mich allerdings wundere …«
»Du wunderst dich über etwas?« unterbrach Kusmine ihren Gatten ein wenig spitzer als beabsichtigt. »Dabei hatte ich gerade den Eindruck gewonnen, daß du schon alles über meinen Bruder weißt.«
»Siehst du, liebes Herz«, erwiderte Durenald traurig, »nun bist du böse. Ich hätte dir meine Gedanken über deinen Bruder nicht mitteilen sollen; dein Bruder ist nun einmal ein Thema, bei dem wir leicht in Streit geraten, und an nichts liegt mir mehr, als in Eintracht mit dir zu leben. Laß uns das Gespräch beenden.«
»Erst will ich wissen, worüber du dich wunderst«, beharrte Kusmine.
»Ich wundere mich«, sagte Durenald mit fester Stimme, »daß dein Bruder einen Apfelschimmel reitet, denn ich meine mich zu erinnern, daß dein Vater uns einmal von einem schwarzen Shadif geschrieben hat, das er für Zordan erworben habe …«
»Es gibt auf dieser Welt Menschen, die mehr als ein Pferd besitzen, du selbst bist ein gutes Beispiel dafür.« Kusmine versuchte vergeblich, ihrer Stimme einen ruhigen Klang zu verleihen. Sie öffnete den Mund, um weiterzusprechen, doch da gewahrte sie die bekümmerte Miene ihres Gatten und hielt inne. Ihre Züge verloren die Härte, und der kalte Glanz ihrer Augen wich einem Ausdruck von Innigkeit. »Ach, Durenald, lieber Mann«, sagte sie leise, »verzeih, daß ich so hitzig geworden bin. Du hast recht, wir sollten nicht weiter über Zordan streiten. Wahrscheinlich bist du um so viel zu streng mit ihm, wie ich zu nachsichtig bin, und die Wahrheit liegt irgendwo in der Mitte. Gewiß ist er leichtsinnig und spielt und hat Schulden, aber er …«
»Aber er ist kein schlechter Mensch, nicht wahr, das wolltest du doch sagen?«
Kusmine nickte lächelnd.
»Und er ist ein angenehmer Gast«, fuhr Durenald fort, »aufmerksam und galant … Hast du gesehen, wie er Damilla angestarrt hat?«
»Damilla? Die kleine Dicke?« Kusmine lachte. »Nein, das ist mir nicht aufgefallen.«

Am siebenundzwanzigsten Peraine, zehn Tage nach seiner Ankunft, verließ Zordan Fuxfell gutgelaunt, gesund und um fünfzig Dukaten reicher Gut Brelak. Damilla winkte ihm mit dem roten Seidentüchlein, das er ihr geschenkt hatte, so lange nach, bis ihr der Arm schmerzte. Erkennen konnte sie ihn schon nach wenigen Schritten nicht mehr, denn ihre Augen schwammen in Tränen. Und so sah sie auch nicht, daß er sich kein einziges Mal nach ihr umwandte.
4. Kapitel
Acht Monde und neun Tage waren ins Land gegangen, seit Zordan Fuxfell Brelak verlassen hatte: Am siebenundzwanzigsten Peraine war er davongeritten, und inzwischen war es Hesinde geworden, der 6. Hesinde. Damilla wußte das deshalb so genau, weil sie die Tage gezählt hatte. Sie hätte auch sagen können, wie viele Stunden mehr als acht Monde und neun Tage es waren – vier und eine halbe nämlich –, aber wem hätte sie das erzählen sollen, wer wollte das wissen?
Langsam und schwerfällig schritt sie den staubigen Weg zum Gutshaus entlang. Ja, es hatte lange nicht geregnet, so war es letztes Jahr um diese Zeit auch gewesen. Da war das kleine Fräulein noch selig im Bauch der Herrin geschwommen, und nun machte es schon die ersten wackligen Schritte. Die letzten acht Monde waren nicht sehr schön gewesen, dachte sie, oder doch? Damilla dachte nach, während sie beobachtete, wie ihre Strohschuhe den kalten Staub aufwirbelten. Also, der Ingerimm: Da hatte es überraschend viel geregnet, aber dem Herrn war das recht gewesen. »Wenn nur der Rahja nicht auch noch verregnet«, hatte er gesagt, »das wäre nicht gut.«
Und dann, Ende Ingerimm, an einem schönen warmen Tag um die Praiosstunde – sie entsann sich deshalb so gut, weil ihr gerade an diesem Tag zum erstenmal ganz übel und benommen wurde von den Dünsten, die aus der Küche drangen – hatte der Herr das ganze Gesinde im Hof versammelt, und alle hatten sie sehr fromm und schön zu der guten Frau Peraine gebetet, ihr gedankt für all die guten Gaben und ihren Segen erfleht für die kommende Ernte. Und gesungen hatten sie auch: »Peraine, güt’ge Nährerin, du Mutter ohnegleichen, dir folge ich mit Herz und Sinn, von dir will ich nicht weichen.«
Damilla summte die Weise vor sich hin, während sie zusah, wie ihre Strohschuhe und die nackten Füße allmählich immer dichter von einer blaßbraunen Staubschicht überzogen wurden.
Und dann war der Rahja gekommen, und es war so sonnig geblieben wie Ende Ingerimm – da waren also die Gebete erhört worden, denn das Korn stand gut, und die Tomaten waren schon größer als Kastanien, allerdings noch grün. Und Mitte Rahja hatte Hilgert sie einmal dabei ertappt, wie sie hinter dem Pferdestall das Frühstück wieder von sich gegeben hatte, obwohl sie sich doch sosehr bemüht hatte, ihre Unpäßlichkeit vor allen zu verbergen, und er hatte sie so grimmig angeschaut wie immer und gesagt: »Armes Kind, du solltest zu Danja gehen; vielleicht kann sie dir helfen.« Das hatte sie dann auch getan, denn mit irgend jemandem mußte sie sich einmal aussprechen über die seltsamen Vorgänge in ihrem Körper. Zur Herrin konnte sie nicht gehen – die war zu streng und unnahbar. Und was hätte sie ihr auch sagen sollen? Daß es ihr morgens oft im Magen rumorte? Daß es das letzte Mal ausgeblieben war? Mit so etwas geht man doch nicht zur Herrin! Und Titina sitzt immer die Hand so locker, wenn man ungeschickt ist und etwas fallen läßt. Und Witwe Westfahr ist mit dem kleinen Fräulein beschäftigt und hat für dumme Fragen keine Zeit. Und zur Mutter gehen, nach Shilish, das ist doch viel zu weit …
Da war sie also mit sieben Hellern zu Danja gegangen und hatte ihr alles erzählt, und Danja hatte gelacht und ihr erklärt, daß es gar keine Krankheit sei, sondern von der Liebe komme, worüber Damilla sehr froh gewesen war. Ja, damals, am 18. Rahja war sie wirklich froh und glücklich gewesen! Danja hatte auch sehr freundlich mit ihr gesprochen und ihr ein Stück Zuckerkuchen geschenkt und auch zwei Beutelchen mit Kräutern in die Tasche gesteckt. »Den Silbertaler kannst du mir später geben, wenn du etwas gespart hast«, hatte sie gesagt. Die eine Kräutermischung war gegen die morgendliche Übelkeit und die andere dafür, das Kind aus ihrem Bauch zu vertreiben.
Damilla hatte sie gar nicht nehmen wollen, aber Danja hatte darauf bestanden. »Überleg es dir, Mädchen«, hatte sie gesagt, »du bist sehr jung und hast kein Geld – wer soll für das Würmchen sorgen? Noch hast du Zeit, zehn Praiosläufe lang kannst du noch darüber nachdenken, aber dann ist es zu spät. Hörst du mir auch zu, Kind? Nach zehn Praiosläufen ist es zu spät! Wenn du den Tee nach dieser Frist trinkst, kannst du sehr krank davon werden und vielleicht verbluten!«
Und dann hatte sie ihr den Beutel wieder abgenommen und gemeint, Damilla könne ja innerhalb der nächsten zehn Praiosläufe vorbeikommen, wenn sie sich in diese Richtung entschieden hätte. Sollte sie sich aber anders entscheiden, so sei sie ihr auch kein Geld mehr schuldig, denn mit den sieben Hellern seien die Beratung und der Morgentee bezahlt.
Damilla mußte lächeln bei dem Gedanken an das Hin und Her mit dem Tee. Für sie war es gar keine Frage gewesen, und es gab auch nichts zu entscheiden. Was würde Frau Tsa wohl dazu sagen, wenn sie das Kind in ihrem Bauch ermordete? Und was würde erst der Magister Fuxfell sagen, wenn er erführe, daß sie sein Kind, nein, ihrer beider Kind ermordet hätte. Gewiß würde er sie von sich stoßen, und nie wieder dürfte sie ihm unter die Augen treten. Ihm unter die Augen treten, das war ja alles, wonach sie sich sehnte: ihn von Angesicht zu Angesicht zu sehen, seine Stimme zu hören und seiner Rede zu lauschen. Aber sie hatte ihn seit dem 27. Peraine nicht wiedergesehen und auch keine Nachricht von ihm erhalten, und so war sie im Laufe der Monde immer trauriger geworden. Am Anfang noch nicht – da war sie überglücklich gewesen, und auch Hilgerts Firunsgesicht konnte ihre Freude nicht vertreiben. »Da ich sehe, wie du dich entschieden hast – was gedenkst du nun zu tun, Kind?« hatte er sie begrüßt, als sie vom Dorf heimgekehrt war.
Aber das hatte sie sich ganz genau überlegt auf dem langen staubigen Weg von Danjas Kate zum Gutshaus. Seltsam, auch damals war der Weg so trocken gewesen, und auch damals hatte sie während des Nachdenkens beobachtet, wie ihre klobigen Pantinen den Staub aufwirbelten und er mit der Zeit Füße und Fesseln umhüllte wie gelbliche Socken. Im Sommer war er irgendwie heller und gelber, fand Damilla. Aber zurück zu Hilgert, dachte sie.
»Ich will dem Herrn Magister Fuxfell einen Brief schreiben«, hatte sie sofort geantwortet. »Helft Ihr mir dabei, alter Mann? Ich gebe Euch auch einen Heller dafür.«
»So, du willst ihm schreiben, dann folge mir in meine Kammer, damit wir es hinter uns bringen. Dein Geld kannst du behalten«, hatte der Stallmeister gesagt und einen Bogen Pergament aus seiner Lade geholt, der vom vielen Schreiben und Abschaben, Schreiben und Abschaben schon ganz dünn geworden war. Damilla erinnerte sich noch ganz genau, wie verlegen sie geworden war, als sie dem alten Mann den Brief diktiert hatte, der doch in ihrem Kopf ganz klar und deutlich geschrieben stand, nun aber, da sie die Worte aussprach, so dumm und unbeholfen klang. Allein die Anrede! »Ehrenwerter Magister Fuxfell«, hatte sie gesagt, und Hilgert hatte grimmig gelächelt, als er es niederschrieb. Da wußte sie, daß es falsch war und nicht der Etikette entsprach, und hatte ihn gebeten, es besser zu machen.
Aber der Stallmeister hatte nur genickt und gesagt: »Es ist schon recht, Kind, fahr fort.«
Also hatte sie die Worte gesprochen, die sie sich auf ihrer Wanderung zurechtgelegt hatte: »Durch Eure Liebe und den Segen der Frau Tsa habe ich ein Kind empfangen. Ich bin sehr glücklich. Gewiß seid auch Ihr glücklich, dieses zu erfahren. Ich bitte Euch, kommt recht bald, denn ich sehne mich nach Euch. Die Eure, Damilla.«
»Vergiß nicht, der Herrin deinen Zustand zu melden«, hatte Hilgert gesagt, nachdem er den Brief gefaltet, adressiert, mit Wachs versiegelt und ihr überreicht hatte. Auch Danja hatte sie ermahnt, zur Herrin zu gehen, und so hatte sie sich also mit klopfendem Herzen zur Bibliothek aufgemacht, wo die Herrin einen ganz frisch aus Neetha eingetroffenen Folianten über Kriegskunst studierte, wie man ihr berichtet hatte. Warum sie eine solche Scheu vor der Herrin hatte, hätte Damilla nicht zu sagen gewußt. Die Herrin war zwar streng und genau, aber auch gerecht – darin war sich das Gesinde einig. Vielleicht liegt es an ihren kalten blauen Augen, die so selten lächelten, und wenn, dann meistens spöttisch, dachte sie.
Es war dann sogar noch schlimmer gekommen, als sie erwartet hatte. Was sie erwartet hatte, wußte sie nicht – vielleicht daß die Herrin sich auch ein ganz klein wenig freuen würde. Aber davon konnte keine Rede sein.
»So, da bist du also schwanger«, hatte sie nur gesagt, »und mein Halbbruder ist der Vater, hm … Und was nun?«
Aber Damilla wußte ja selber nicht, was nun, und auch nicht, was sie auf die Frage der Herrin hätte antworten sollen, und so hatte sie nur auf ihre Schuhspitzen geschaut und mit den Schultern gezuckt.
»Ja, denkst du, daß er dich zur Frau nimmt, Mädchen? Erwartest du das? Verlangst du das? Und schau mich doch an, wenn ich mit dir rede!« Dann hatte sie ärgerlich ihren Folianten zugeschlagen und war mit großen Schritten und auf dem Rücken verschränkten Armen im Zimmer auf und ab gegangen.
Damilla hatte insgeheim gehofft, daß die Herrin ihr im Vorüberschreiten übers Haar streicheln würde. Statt dessen fühlte sie sich unters Kinn gefaßt, das sie tief auf die Brust gesenkt hatte, und die Herrin zwang sie, ihr in die harten blauen Augen zu schauen.
»Ist mein Halbruder Zordan Fuxfell wirklich der Vater deines Kindes? Sag die Wahrheit, Mädchen!« hatte sie verlangt, und als Damilla nickte, hatte sie schweigend ihre Wanderung wieder aufgenommen. »Das sieht ihm ähnlich«, hatte sie gemurmelt. Dann war sie vor dem Bücherschrank stehengeblieben und hatte nach einer Weile einen in goldgeprägtes blaues Leder gebundenen Band herausgezogen, den sie beim Gehen zu studieren begann. »Also«, hatte sie nach einer Weile gesagt, »du bist eine Freie … Aber dennoch – die Ehe erzwingen kannst du nicht. Hat er dir die Ehe versprochen?«
Damilla hatte nur wieder den Kopf gesenkt und mit den Schultern gezuckt, denn sie verstand überhaupt nicht, wovon die Herrin sprach. Der Magister Fuxfell hatte von Liebe zu ihr geredet, und sie liebte ihn auch, aber das konnte sie der Herrin doch nicht erzählen, und sie wußte auch nicht, was das mit den Fragen der Herrin zu tun hatte.
»Nun«, fuhr die Herrin fort, »hier steht …«, Sie blätterte in dem Buch, bis sie die Stelle gefunden hatte. »Also, hier steht, daß kein Anspruch auf Entschädigung besteht, wenn die Ehe nicht versprochen und kein Ehevertrag unterzeichnet wurde. Was nun das Kind betrifft … Kannst du beweisen, daß Herr Fuxfell und kein anderer der Vater des Kindes ist?«
Wieder hatte Damilla stumm die Schultern gehoben. Beweisen? Was gab es da zu beweisen? Wer sonst sollte denn der Vater des Kindes sein? Ihr wurde langsam ganz wirr zumute. »Aber du bist über zwölf und hast Haare unter den Armen und zwischen den Beinen, nicht wahr?« hatte sie wie durch einen Nebel die Stimme der Herrin vernommen. Sie hörte das Rascheln von Pergament, während sie überlegte, was wohl für ein Zusammenhang zwischen den Haaren unter ihren Achseln und der Liebe und dem Kind und dem Magister Fuxfell bestehen mochte.
»Den Tag nach übermorgen werde ich fünfzehn«, hatte sie geflüstert.
»Nun, das ist gut … nein, nicht für dich, Mädchen, aber für den ehrenwerten Herrn Fuxfell. Für dich und das Kind sieht es leider gar nicht gut aus, soweit ich das im Moment beurteilen kann. Aber das werde ich noch genauer ergründen. Nun, was ist zu tun … Mach dir keine Sorgen, daß ich dich davonjage …«
Davonjagen? Dieser Gedanke war Damilla gar nicht in den Sinn gekommen, aber so etwas gab es, fiel ihr ein, und plötzlich war ihr so bang und kalt ums Herz geworden, daß sie gar nicht weiter zuhören konnte. Wenn die Herrin sie davonjagte, dann würde sie eben auf Wanderschaft gehen und so lange wandern, bis sie den Magister Fuxfell gefunden hatte. Ja, das würde sie tun … Damilla begann zu frösteln, als sie sich besann, wie beklommen ihr damals geworden war, und sie zog das wollene Umschlagtuch enger um die Schultern. Dann blieb sie stehen, um ein wenig zu verschnaufen. Das Kind in ihrem Leib regte sich, und zärtlich strich sie über die Falten des schweren Tuchrockes, der ihren geschwollenen Bauch noch mächtiger erscheinen ließ. Sie lehnte sich an einen der Apfelbäume, die den Weg zum Gutshaus säumten. Nun war es nicht mehr weit, den Göttern sei Dank. Schon konnte sie die Schornsteine auf dem roten Ziegeldach zählen und auch die winzigen dunklen Fensteröffnungen in der Vorderfront des Hauses. Im fahlen Licht der winterlichen Nachmittagssonne schien das weißgetünchte Gebäude geradezu zu leuchten. Fast mehr noch als im Sommer, wenn die Praiosscheibe hoch am Himmel steht, dachte sie. Ja, im Sommer, im Rahja, da war sie noch guter Dinge gewesen und auch viel beweglicher als jetzt, obwohl sie noch nie zu den Behendesten gehört hatte. Bei der Heumahd jedenfalls hatte niemand ihr etwas angemerkt, und sie hatte gut mit den anderen Knechten und Mägden mithalten können. Das hatte sie gewiß auch Danjas Morgentee zu verdanken gehabt, der ihr die Übelkeit vertrieben hatte. Damilla liebte das Heuen, die langsamen, gleichmäßigen Schritte und den immer gleichen Schwung der Arme, das Sssst der Sense, wenn sie zwischen die Halme fuhr, und den Anblick des fallenden Grases. Und wenn man sich dann am Ende der Wiese umblickte und die gleichmäßigen Schwaden sah, dann wußte man, was man getan hatte, und das war ein schönes Gefühl. Die Kornmahd im Praios war ihr schon nicht mehr ganz so leichtgefallen, aber verglichen mit heute war sie damals so leichtfüßig wie eine Elfe gewesen.
Wie schwer mir das Gehen inzwischen fällt, dachte sie, als sie nach der kurzen Rast ihren Weg zum Gutshaus fortsetzte. Aber Danja hatte ihr auch gesagt, daß es nun nicht mehr lange dauern würde bis zur Niederkunft – eine oder zwei Wochen vielleicht. Damilla war froh, daß sie seit einiger Zeit keine schweren Arbeiten mehr verrichten mußte. Sie half Titina in der Küche, polierte die silbernen Löffel und Messer, flickte die Kleider des Gesindes – alles Arbeiten, die sich gut im Sitzen erledigen ließen. Das hatte die Herrin auch damals in der Bibliothek versprochen, so entsann sie sich nun. »… und wenn dir in einigen Monden die schweren Arbeiten nicht mehr von der Hand gehen, dann wird man dir eben leichtere zuweisen«, hatte sie gesagt.
Damilla hatte zunächst gar nicht verstanden, worauf die Herrin hinauswollte – so viele Monde in die Zukunft hatte sie gar nicht denken können, und daß sie einmal so unförmig und ungelenk werden würde wie jetzt, war ihr damals gar nicht richtig klargewesen, obwohl sie es natürlich wußte. Und dann hatte die Herrin gesagt, sie werde ihrem Halbbruder schreiben, ihm den Fall unterbreiten und hören, was er dazu zu sagen habe. Da hatte Damilla sich auf Hilgerts Brief besonnen und ihn aus der Tasche ihrer Schürze geklaubt.
»Ich habe ihm auch geschrieben«, hatte sie leise gesagt, während sie das Schreiben zögernd der Herrin reichte.
Die hatte es eine Weile seltsam lächelnd betrachtet und die wächsernen Siegel geprüft und schließlich gemeint: »Morgen werde ich einen Boten mit beiden Briefen nach Methumis schicken, und nun geh wieder an deine Arbeit, Mädchen!«
Bei diesen Worten war Damilla erst klargeworden, daß so ein Bote Geld kostet, viel mehr, als sie besaß – das hatte sie nicht bedacht! Und so hatte sie sich tief verneigt vor der Herrin und ihre Hand ergriffen, um sie zu küssen, doch die Herrin hatte sie nur unwirsch abgeschüttelt und gesagt: »Laß doch den Unfug! Und nun los, an die Arbeit!«
Es war dann aber keine Antwort aus Methumis gekommen, im Rahja nicht, im Praios auch nicht und im Rondra auch nicht. Im Efferd hatte die Herrin noch einmal geschrieben, und Anfang Boron ein drittes Mal. Aber immer, wenn die Boten zurückkehrten, hatte es geheißen, der Herr Fuxfell sei nicht zu erreichen gewesen, oder der Herr Fuxfell befinde sich auf Geschäftsreise, und allmählich hatte Damilla sich Sorgen gemacht. Vielleicht, so dachte sie, waren ihr deshalb die vergangenen Monde so traurig erschienen, weil sie von Warten, Sehnen und Sorgen erfüllt gewesen waren, die ihr das Herz verschlossen hatten für alles Schöne ringsumher. Die Sorgen waren fast das schlimmste. Was konnte nicht alles passieren auf einer so langen Reise? Denn von Kabash aus war der Magister Fuxfell wohl gar nicht mehr zurückgekehrt zu seiner Herberge in Methumis. Sonst hätte er ja die Briefe gefunden, die die Boten dort für ihn hinterlegt hatten, und hätte darauf geantwortet. Bilder und Namen von schrecklichen Krankheiten tauchten in Damillas Geiste auf: Blaue Keuche, Schlachtfeldfieber, Zorgan-Pocken, Duglumspest … Nein, nein, nein! rief sie sich zur Ordnung, ich darf nicht an so etwas denken! Ich darf nur an schöne Dinge denken, hat Danja gesagt, sonst kann das Kind zu früh kommen oder mit zwei Köpfen geboren werden. Aber das letzte war nur ein Scherz gewesen, denn zwei Köpfe hat ein Kind nur dann, wenn ein Dämon die Gestalt des Liebsten annimmt und der Frau beiwohnt …
Damilla hatte das Gutshaus erreicht. Die exakt nach Westen ausgerichtete weiße Front schimmerte nun rötlich im Licht der sinkenden Sonne. Die Magd freute sich jedesmal, wenn sie den Weg vom Dorf her kam, daß die klare Form des herrschaftlichen Hauses nicht durch Nebengebäude verunziert wurde. Die Stallungen, die Schmiede, die Küche, das Waschhaus, das Gesindehaus, sie alle lagen um den großen Hof gruppiert auf der nach Osten zu den Hügeln hin gerichteten Seite. Mit schweren Schritten stapfte sie über den hellen Kiesweg, der, von kugelig und kegelig beschnittenen Bäumchen und Büschen gesäumt, in großem Bogen um das Gebäude führte. Sie mußte sich nun sputen, denn in zwei Stunden würde der Gong zum Abendmahl rufen, und Titina hatte gewiß noch viel für sie zu tun. Damilla freute sich schon auf die warme Küche – auf dem langen Weg war ihr doch recht kühl geworden. Und Hunger hatte sie auch. Sie hoffte, daß es Rüben mit Speck und Grütze gäbe, das war ihr Leibgericht. Nun hatte sie schon an drei schöne Dinge gedacht, sagte sie sich: Sie hatte den Anblick des Hauses bewundert und sich an dem sauber geharkten Kiesweg mit den putzigen Bäumchen daneben erfreut, und sie hatte sich das leckere Abendessen vorgestellt. Lächelnd strich sie sich mit der Linken über den Leib. Du kommst nicht zu früh, kleiner Zordan oder kleine Zulhamin, und zwei Köpfe hast du auch nicht, dachte sie. Als sie in den Hof einbog, kam ihr Witwe Westfahr entgegen. Sie trug einen großen leeren Korb unter dem Arm. Vermutlich hatte sie gerade die Wäsche des kleinen Fräuleins zum Waschhaus gebracht.
»Damilla, Kind, wo kommst du denn her?« rief sie dem Mädchen zu.
»Aus dem Dorf«, erwiderte die Magd.
»Ich hätte es mir denken können, so staubig, wie du bist. Und was sagt Danja? Ist es bald soweit?«
»In sieben bis vierzehn Praiosläufen.«
»Nun, sei froh, dann hast du es ja bald hinter dir. Obwohl, die Schwangerschaft steht dir gut, du bist richtig hübsch geworden durch das Kleine, so rosig, und wenn der dicke Bauch nicht wäre, dann würde ich fast meinen, du seist nicht mehr ganz so stämmig wie zuvor.«
Damilla strahlte – seit der Magister Fuxfell abgereist war, hatte ihr niemand mehr eine Artigkeit gesagt. Gerade als sie wieder an den geliebten Mann dachte, wandte Susa, die den Weg zur Hintertür eingeschlagen hatte, sich noch einmal um.
»Als du fort warst, ist ein Bote vorbeigekommen. Ich meine, ich hätte die Herrin zu ihrem Gemahl sagen hören, daß sie eine Nachricht von ihrem Bruder erhalten habe. Vielleicht wird ja doch noch alles gut, Kind.«
Ein Brief vom Magister Fuxfell! In Damillas Kopf wirbelten die Gedanken durcheinander, und sie lehnte sich einen Moment lang an die Küchenwand, damit der Aufruhr in ihrem Innern sich besänftigte. Aber das geschah nicht, und als sie schließlich die Küche betrat, war sie noch ebenso verwirrt wie zuvor. Sie wußte nicht, ob sie sich freuen oder weinen sollte und wäre am liebsten zur Herrin gelaufen, was natürlich nicht angehen konnte. Außerdem fürchtete sie sich davor, nicht vor der Herrin diesmal, das heißt, vor der auch, aber mehr noch zu erfahren, was in dem Brief stünde, oder zu erfahren, daß gar nichts für sie in dem Briefe stünde und es nur um geschäftliche oder familiäre Belange ginge … Ach, ach, was sollte sie nur beginnen? Acht Monde und neun Tage hatte sie auf eine Nachricht gewartet, und nun, da diese endlich eingetroffen war, war sie vor lauter Glück und Hoffnung ganz verzweifelt.
Das Rübenputzen wollte Damilla an diesem Abend gar nicht von der Hand gehen, und zweimal hätte sie sich fast in den Finger geschnitten. Als Titina den gewürfelten Speck in den gewaltigen Kessel über dem Feuer warf und es kurz darauf appetitlich brutzelte und duftete, spürte das Mädchen kein Verlangen, das Schauspiel zu betrachten, wie die Würfel allmählich schrumpften und der Boden des Kessels sich mit Schmalz bedeckte, und sich dann eine der knusprigen Grieben zu erbitten, wie es sonst immer ihre Gewohnheit war. Stumm reichte sie der Köchin die Schüssel mit den Rübenschnitzen und setzte sich wieder auf ihren Schemel.
»Was ist, Damilla, willst du heute keinen Speck?« fragte Titina. »Du mußt doch hungrig sein.«
Aber die Magd schüttelte nur den Kopf. Nein, hungrig war sie wirklich nicht. Ihr war der Appetit vergangen und auch die Müdigkeit, und sie würde heute nacht kein Auge zutun, das wußte sie ganz genau.

»Nun«, wandte sich Kusmine an ihren Gatten, der soeben die Lektüre des Briefes beendet hatte, »was hältst du davon?«
Durenald faltete den Bogen sorgsam zusammen und reichte ihn seiner Frau. Eine Weile betrachtete er sie schweigend, dann lächelte er. »Liebes Herz«, begann er, »du weißt genau, was ich davon halte, aber wenn ich es dir sage, dann heißt es wieder, ich könne deinen Bruder nicht leiden. Warum sollen wir uns den schönen Abend durch einen Mißklang verderben?«
Kusmine legte das Schreiben auf ein Tischchen zu ihrer Seite, dann ergriff sie mit beiden Händen die Rechte ihres Gemahls. »Durenald, Liebster, ich sehe es diesmal genauso wie du: Ich glaube dem windigen Bürschchen kein Wort. Nun, kein Wort ist vielleicht ein bißchen arg, aber …« Sie überlegte mit gespielter Anstrengung. »Drei Viertel aller Worte glaube ich ihm nicht. Der Rest bleibt bestehen, und daran gibt es nichts zu deuteln: Sie hätte sich nicht mit ihm einlassen sollen. Doch wie soll es nun weitergehen? Bald ist das Kleine da, und wenn er sich zu zahlen weigert, wer dann?«
»Darüber habe ich schon seit längerem nachgedacht«, erwiderte Durenald, »denn, mit Verlaub, ich habe von deinem Bruder nichts anderes erwartet. Letztens habe ich mich in dieser Angelegenheit ausführlich mit Bauer Lechdan unterhalten, du weißt, dem jungen Witwer mit dem kleinen Hof am Dorfausgang. Er braucht eine tüchtige Frau, die sich um die beiden Kleinen und das Vieh kümmert, und er wäre bereit, mit Damilla den Traviabund zu schließen und das Würmchen als sein Kind anzuerkennen – ohne Bezahlung sogar, obwohl ich ihm natürlich ein wenig Geld angeboten habe. Denn sieh einmal: Zordans Kegel ist weitläufig auch dein Neffchen oder Nichtchen, und ein wenig Anteil an seinem oder ihrem Schicksal sollten wir schon nehmen, wenn der eigene Vater sich weigert, das zu tun.«
»Falls er der Vater ist«, warf Kusmine ein.
»Du bezweifelst das, liebes Herz? Dann glaubst du dem windigen Bürschchen – ich zitiere deine eigenen Worte – doch mehr als ein Viertel. Mindestens die Hälfte, würde ich schätzen.« Durenald konnte sich ein leichtes Kopfschütteln nicht verkneifen. »Natürlich ist Zordan der Vater! Wer denn sonst? Er hat das dumme Kind verführt, und das dürfte ihm nicht schwergefallen sein. Schlimm ist nur, daß die Kleine nach all den Monden immer noch ganz vernarrt in ihn zu sein scheint, wenn man dem Getratsche des Gesindes glauben darf, und das macht mir ein wenig Sorgen. Lechdan ist ein guter Kerl, und Damilla ist ein braves Mädchen, und ich bin sicher, daß sie einander lieben lernen, wenn sie erst eine Weile unter Travias Obhut beisammen sind. Aber was ist, wenn das Kind sich weigert, Lechdan zu nehmen? Vielleicht will sie ihrer Liebe treu sein … So etwas gibt es …« Er drückte die Hand seiner Gemahlin.
»Du siehst mich ratlos, lieber Mann«, sagte Kusmine und strich sich nachdenklich eine Haarsträhne aus der Stirn. »Wenn sie sich weigert, dann weigert sie sich – wir können sie nicht zu dieser Ehe zwingen. Selbst wenn sie eine Leibeigene wäre, stünde eine erzwungene Ehe rechtlich auf tönernen Füßen, aber da sie eine Freie ist …«
»Frau! Liebes Herz! Was soll uns die Juristerei? Die Kleine muß Zordan vergessen und Lechdan lieben lernen – das ist alles. Wenn sie wüßte, was dein Bruder über sie schreibt, dann würde sie auf ihn spucken, da bin ich mir sicher. Mich selbst gelüstet fast danach …«
»Aber Durenald, dann ist ja alles ganz einfach.« Kusmine strahlte ihren Gatten an. »Laß sie kommen, und lies ihr den Brief vor. Es wird sie wohl ein wenig hart ankommen, aber eine harte Kur ist oft die wirksamste.«

Als Damilla kurz darauf mit wild klopfendem Herzen die herrschaftliche Bibliothek betrat, da war sie sicher, daß sie, noch bevor sie bis hundert gezählt hätte, in Ohnmacht niedersinken würde, so flau und tödlich bang war ihr. Wenn der Magister Fuxfell geschrieben hätte, daß er sie liebe und sie und das Kleine bald zu sich zu holen gedenke, würde sie vor Freude den Verstand und die Besinnung verlieren, das war klar. Wenn er aber geschrieben hätte, daß er sie nicht mehr liebe und eine andere inzwischen den Platz in seinem Herzen eingenommen habe, dann würde sie vor Kummer den Verstand und die Besinnung verlieren, auch das war klar. Wenn aber die Nachricht besagte, daß er krank auf den Tod darniederliege, ja dann … ja dann würde auch sie nicht mehr leben wollen, aber leben mußte sie doch …
»Setz dich, Kind«, sagte Durenald freundlich und wies auf einen gepolsterten Stuhl.
Damilla gehorchte, wagte aber nicht, mehr als einen halben Spann der Sitzfläche zu beanspruchen. Mit großen Augen starrte sie ihren Herrn an.
»Nun«, begann dieser lächelnd, »jetzt ist es wohl bald soweit, nicht wahr?«
Die Magd nickte.
»Fürchtest du dich?«
Sie schüttelte den Kopf.
»Das mußt du auch nicht«, vernahm sie die Stimme ihres Herrn, »denn du bist jung und gesund, und Danja und Susa werden dir beistehen.« Durenald machte eine Pause, in der er einen Blick mit seiner Gemahlin wechselte.
Wenn sie gezählt hätte, müßte sie die fünfzig nun bald erreicht haben, dachte Damilla, aber noch fühlte sie keine Ohnmacht nahen.
»Du kennst doch den Bauern Lechdan, nicht wahr?« fragte Durenald unvermittelt, und obwohl das Mädchen wieder mechanisch nickte, fuhr er fort: »Der mit dem kleinen Hof am Dorfende, dem vor sechs Monden die Frau gestorben ist.«
Was hat nur der Bauer Lechdan mit dem Brief zu tun? dachte Damilla. Es müßte jetzt so gegen sechzig sein, und vermutlich fängt es schon an, daß ich den Verstand verliere.
»Also der Lechdan möchte dich gern zur Frau nehmen.«
»Was?!« entfuhr es Damilla.
»Er möchte dich heiraten, Kind«, hörte sie ihren Herrn sagen. »Den Traviabund mit dir schließen, ist das nicht schön?« Und da sie nicht antwortete, fuhr er fort: »Schau einmal, der Lechdan braucht eine Frau und seine Kinder eine Mutter, und dein Kleines wird bald einen Vater brauchen. Du mußt dich nicht auf der Stelle entscheiden – denk ruhig ein wenig über den Antrag nach. Und falls du dich vor dem Lechdan fürchtest, weil er so wortkarg ist und genau wie Hilgert die Brauen so streng zusammenzieht, so kann ich dich beruhigen. Glaub mir, er ist ein gutmütiger und grundehrlicher Mann, er trinkt nur mäßig, und er hat mir versprochen, dich nicht zu schlagen.«
»Aber … ich …«, stammelte Damilla. Da ich ohnehin den Verstand verliere, dachte sie, kommt es nun nicht mehr darauf an, und ich sage es jetzt einfach. Also: »Aber ich kann ihn doch nicht heiraten«, sagte sie leise. Die Magd fühlte zwei aufmerksame Augenpaare auf sich ruhen. Siebzig, dachte sie, wie es sich wohl anfühlen mag, wenn man keinen Verstand mehr hat?
»Warum nicht, Mädchen?« ergriff zum erstenmal die Herrin das Wort. »Bist du mit ihm verwandt, oder was spricht sonst dagegen?«
Damilla schüttelte den Kopf, war sich jedoch bewußt, daß sie damit nur den ersten Teil der Frage beantwortet hatte. Aber wie sollte sie nur den zweiten beantworten, wie könnte sie zu der Herrin von ihrer Liebe zum Magister Fuxfell sprechen? Siebenundsiebzig, achtundsiebzig …, zählte sie leise, um sich zu beruhigen.
»Du liebst Zordan Fuxfell noch immer, nicht wahr?« hörte sie ihren Herrn sagen.
Achtzig! Zordan Fuxfell! Jetzt war der Name endlich gefallen, und das grausame Katz-und-Maus-Spiel mit Bauer Lechdan und dem Taviabund hatte ein Ende. Damilla hätte nie gedacht, daß ein Herz so schnell und heftig schlagen konnte wie das ihre, seit sie den Namen des geliebten Mannes vernommen hatte, und obwohl sie glaubte, daß es nun bald zerspringen müsse, verspürte sie zugleich so etwas wie Erleichterung. Sie nickte mit tief gesenktem Kopf. Was mochte nun weiter folgen? fragte sie sich. Ach, sie wollte es gar nicht wissen, oder doch?
»Nun …«, begann Durenald zögernd. Er wußte nicht recht, wie er dem dummen Ding die Wahrheit über Fuxfell beibringen sollte. Das ist doch Frauensache … so ein Gespräch von Frau zu Frau … über die Männer und über die Liebe …, dachte er und warf seiner Gemahlin einen hilfesuchenden Blick zu. Aber Kusmine hatte sich im Sessel zurückgelehnt, die Beine übereinandergeschlagen und betrachtete mit ihren klaren blauen Augen aufmerksam die junge Magd. Eben begann sie, mit der Rechten den Takt eines Liedes, das Durenald nicht erkannte, auf die Armlehne zu trommeln. Nun gut, liebes Herz, ich sehe, daß du mir die heikle Arbeit überlassen willst … »Heute ist ein Brief von Zordan Fuxfell gekommen«, sagte Durenald laut.
Achtundachtzig, neunundachtzig, neunzig. Damilla nickte. Ein Brief ist gekommen, ich weiß es ja schon. Nur nicht vor der Zeit die Besinnung und den Verstand verlieren …
»Der Halbbruder meiner Gemahlin bestreitet, der Vater deines Kindes zu sein.« Durenald seufzte hörbar – Endlich war es heraus! Er betrachtete das Mädchen voller Anteilnahme und erwartete, daß sie nun widersprechen oder in Tränen ausbrechen werde, aber nichts von beidem geschah. Ganz still saß sie auf der Kante ihres Stuhles, hielt den Kopf tief gesenkt, und nur ihre Lippen bewegten sich ein wenig, so als murmele sie ein Gebet. »Hast du mich verstanden, Kind? Herr Fuxfell bestreitet die Vaterschaft, und er … und er erwidert deine Gefühle auch nicht.«
Siebenundneunzig, achtundneunzig, neunundneunzig, hundert – das Zimmer war noch dasselbe wie zuvor, der Stuhl war derselbe wie zuvor, sie selbst war auch dieselbe wie zuvor …
»Am besten, du schlägst ihn dir aus dem Kopf und denkst ernsthaft über Lechdans Antrag nach«, sagte der Herr gerade.
Damilla schüttelte den Kopf.
»Was willst du damit sagen, Mädchen?« Die Stimme der Herrin klang ein wenig gereizt. »Nun mach doch endlich einmal den Mund auf! Willst du den Lechdan nicht nehmen?«
Damilla nickte.
»Was heißt das? Ja oder nein? Du sollst reden, habe ich gesagt!«
»Nein«, antwortete die Magd leise.
»Du hoffst also immer noch, nach all den Monden, Herr Fuxfell werde zu dir zurückkehren?« Durenald blickte Damilla fragend an, und als sie zuerst nickte und dann »Ja« flüsterte, griff er nach dem Brief, den seine Gemahlin ihm reichte. »Dann solltest du vielleicht wissen, wie er über dich denkt. Ich sage dir, Kind, er liebt dich nicht und hat dich nie geliebt. Soll ich dir vorlesen, was er schreibt?« Durenald hoffte, das Mädchen werde es ihm ersparen, ihr Fuxfells Worte ungeschönt ins Gesicht zu sagen, aber nach einer kleinen Weile nickte sie wieder, bange Erwartung im Blick. Der Freiherr seufzte schwer. »Damilla«, begann er zögernd, »du bist noch jung und besitzt nicht viel Menschenkenntnis. Vermutlich hältst du Herrn Fuxfell für einen ehrenwerten Mann. Nun ja, es ist nicht an mir, etwas anderes zu behaupten. Der Brief jedoch … wie soll ich sagen …«
»Bitte«, unterbrach ihn die Magd, »ich möchte wissen, was Herr Fuxfell schreibt.«
Grimmig faltete Durenald den Bogen auseinander; er überflog den Anfang, bis er die Stelle gefunden hatte. »Hier steht«, sagte er: »›Nachdem ich den Verführungskünsten der jungen Dirne erlegen war, stellte ich fest, daß sie keine Jungfrau mehr war. Auf meine Frage gab sie zu, daß ich weder der erste noch der einzige sei, und verlangte zwei Silberstücke für ihre Dienste. Da ich, wie Ihr wißt, meines gesamten Vermögens beraubt war, schenkte ich ihr einen Seidenschal, der mich fast vier Silbertaler gekostet hatte. Ich ließ sie auch trotz ihres Drängens kein zweites Mal in meine Kammer, denn mit solchen, die es für Geld tun, gebe ich mich nicht ab. Wie Ihr die Sache seht, weiß ich nicht, für mich jedoch steht fest, daß halb Brelak der Vater des Kegels sein könnte. Ich selbst kann es nicht sein, da ich weiß, was sich gehört, und aufgepaßt habe …‹ Soll ich noch weiterlesen?« fragte Durenald, aber das Mädchen antwortete nicht. Stumm erhob es sich und verließ die Bibliothek, ohne um Erlaubnis zu fragen. »Denk über Lechdans Antrag nach«, ermahnte Durenald sie noch einmal, »Lechdan ist ein guter Mann.«
»Sie scheint es recht gefaßt aufgenommen zu haben«, wandte sich Kusmine an ihren Gemahl, »oder was meinst du?«
»Ach, liebes Herz, ich weiß es nicht – ich denke schon, es war ein schwerer Schlag für sie. Nur gut, daß sie nicht in Tränen ausgebrochen ist – ich kann es nicht ertragen, eine Frau weinen zu sehen. Dann kommen mir auch immer die Tränen, und ich weiß nicht, was ich tun soll.«
Kusmine lachte. »Mein lieber Mann, wenn alle schwangeren Mägde einen so fürsorglichen Herrn hätten wie dich, dann …«
»Was dann?«
Kusmine erhob sich und betrachtete nachdenklich ihren Gatten. Dann ergriff sie seine Hände und zog ihn aus dem Sessel. »Nun«, sagte sie, während sie ihre starken Arme um seinen Leib schlang und ihn ein wenig hob, bis sich ihrer beider Augen auf gleicher Höhe befanden, »dann wäre die Welt noch schöner, als sie ist.«

Damilla erwartete jeden Augenblick, Titinas kräftige Hand auf der Schulter zu spüren. ›Wach auf, Kind! Was fällt dir ein, bei der Arbeit zu schlafen?‹ würde die Köchin sagen, und dann würde sie erwachen und sich in der warmen Küche wiederfinden. Sie wollte auch, daß es aufhörte – so ein abscheulicher Traum!
Während sie mechanisch die Füße voreinandersetzte, dachte sie: Kann man beim Träumen über das Träumen nachdenken? Wohl nicht, entschied sie. Sie selbst hatte es jedenfalls noch nie getan. Ihre Träume waren sonst auch irgendwie anders. Früher, kurz nachdem die Eltern sie fortgeschickt hatten, damit sie sich eine Stellung suchte, hatte sie manchmal von daheim geträumt. Und als Kind hatte sie oft vom Essen geträumt, aber diese Träume waren seltener geworden, seit sie auf Gut Brelak lebte. Von Lindwürmern, Feen, schönen Kleidern und Schädeleulen hatte sie auch schon geträumt; dann war sie immer schweißnaß und mit klopfendem Herzen erwacht. Genau wie bei dem Traum, der sie in den letzten Wochen ein paarmal heimgesucht hatte. Da hatte ihr nämlich geträumt, sie hätte ihr Kind geboren – sehr schön und herzig war es –, doch kaum hatte es ihren Leib verlassen, da war es auch schon davongelaufen, und das hatte sie so traurig gemacht, daß sie nach dem Erwachen immer noch ein wenig traurig war, wenn auch erleichtert. Traurig war sie auch immer dann, wenn sie vom Magister Fuxfell geträumt hatte …
Der Herr Fuxfell in meinem Traum hat sehr häßliche Dinge über mich geschrieben, dachte sie. Daß ich eine Hure bin und daß ich ihn verführt habe, und daß ich es mit jedem treibe … Es muß ein Traum sein, auch wenn das unmöglich ist, denn der wirkliche Herr Fuxfell hat mir gesagt, daß ich schön bin und daß er mich liebhat, und wie glücklich es ihn macht, daß auch ich ihn liebe … Am besten gehe ich in die Mägdekammer, lege mich ins Bett, und wenn ich dann erwache und die Sonne scheint, weiß ich ganz genau, daß alles nur ein böser Traum war.
Das Mädchen hatte die Hintertür erreicht. Ihr schwindelte ein wenig, und sie lehnte sich ein Weilchen an die Hauswand, bevor sie den Hof überquerte. Ich könnte auch zu Meister Hilgert gehen, dachte sie, das ist näher, und er kann mir gewiß auch sagen, ob ich wache oder träume.
Seit der alte Stallmeister Damilla bei ihrem Brief geholfen hatte, waren die beiden einander ein wenig nähergekommen. An so manchem Abend hatte die Magd den Alten in seiner Stube besucht, hatte ihm ein Stückchen Kuchen oder ein Schälchen Kompott mitgebracht, und der Stallmeister hatte Kräutertee gekocht, und dann hatten sie schweigend beisammen gesessen und ins Feuer geschaut. Und irgendwann hatte Damilla begonnen, ihn Meister Hilgert zu nennen.
Mit unsicheren Schritten wankte die Magd über den Hof. Sie war froh, als sie endlich den Pferdestall erreicht hatte, und auch froh, daß niemand ihr begegnet war, der sie nach der Unterredung mit der Herrschaft und dem Inhalt des Schreibens hätte fragen können. Als sie die Tür öffnete, schlug ihr warm und lebendig der Duft der Pferde entgegen. Ein paar der Tiere schnaubten bei ihrem Eintritt und wandten die Köpfe nach ihr um, aber Damilla verspürte diesmal kein Bedürfnis, den freundlichen dummen Tieren die weichen Nüstern zu streicheln. Ihr Blick fiel auf das frische Stroh in einer leeren Koje. Ich muß mich hinlegen, dachte sie, ganz schnell, bevor ich falle.
Der Boden des Stalles schwankte, und das seltsame Schaukeln ließ auch nicht nach, als Damilla auf dem Stroh lag. Sie blickte um sich und sah im schwachen Licht der blakenden Laterne, daß auch die Decke und die Wände des Stalles nicht mehr fest und massiv zu sein schienen, sondern sich bogen und bebten wie unter dem Ansturm gewaltiger und unbekannter Kräfte. Ein abscheulicher Traum, dachte das Mädchen. Er wird immer grausiger. Ich sollte die Augen schließen, vielleicht hört dann alles auf. Doch es hörte nicht auf, als sie die Augen geschlossen hatte, und Damilla dachte, so müsse es wohl sein, wenn man sich auf hoher See in einem schwankenden Boot befinde. Einmal das Meer sehen, einmal auf einer stolzen Schivone die Welt umrunden, das war immer ihr größter Herzenswunsch gewesen. Sie hatte es Magister Fuxfell erzählt, und der hatte ihr versprochen, sie später mitzunehmen auf seine Reisen und ihr die ganze Welt zu zeigen: das stolze kalte Festum, die giftigen Sümpfe von Selem, das geheimnisvolle Khunchom, das grausam-schöne Al’Anfa … Plötzlich stand er neben ihr und blickte sie mit seinem einen Auge seltsam an.
»Warum hast du mich verraten, Zordan?« fragte sie. »Warum hast du unsere Liebe verraten, warum hast du unser Kind verraten?« Wieso sage ich du zu ihm und rede ihn beim Vornamen an? ging es Damilla durch den Kopf.
Aber Zordan antwortete nicht, sondern riß sich statt dessen die Binde vom Auge. Was darunter zum Vorschein kam, war nicht das Auge eines Menschen – gelb wie das einer Kröte war es, und die Pupille darin lag quer wie bei einer Ziege. Damilla wollte gar nicht hinschauen, so sehr graute ihr, aber es gelang ihr nicht, die Augen zu schließen. »Hilf mir, Zordan, daß ich mich aufrichten kann!« sagte sie. »Ich möchte so gern das Meer sehen. Aber ich sehe nur den Himmel, und der ist ganz rot.«
Statt einer Antwort lachte Zordan und trat sie gegen den Bauch – er trug Reitstiefel mit Sporen, wie das Mädchen bemerkte. Ein heißer Schmerz durchzuckte sie; so heftig war er, daß davon das Kind erwachte. Und kaum war es wach, da wollte es sie auch schon verlassen. »Bleib hier, kleine Zulhamin, es ist zu früh!« flehte Damilla, aber das Kind hörte sie nicht. Es strebte mit aller Kraft aus ihrem Körper, und da begann die Magd zu pressen, so wie Danja es ihr geraten hatte. »Bleib bei mir, kleine Zulhamin, verlaß mich nicht!« bat sie noch einmal, aber sie wußte, daß es vergeblich war. Wogen von Schmerz durchdrangen und umhüllten sie und verbanden sich mit den Wogen des Meeres. Und nun sah sie es endlich! Es war rot, genauso rot wie der Himmel. Ein schwarzer Schnee begann zu fallen, zart und fein zuerst, dann dichter und immer dichter …

Als Hilgert spät in der Nacht mit seinen schweren Stiefeln laut und anhaltend gegen die Hintertür trat, erwachte von dem Lärm das ganze Haus. Ein Diener öffnete ihm und erstarrte beim Anblick des Stallmeisters und seiner Last: Hilgerts Haar schien weißer denn je – in wirren Strähnen stand es vom Kopf ab, so daß es im Licht der Fackel und des Mondes wirkte, als umloderten helle Flammen das Antlitz des Alten. Der Blick der schwarzen Augen war wild wie der eines Wahnsinnigen, und grimmige Wut leuchtete darin. In den Armen trug Hilgert ein in schwere Decken gewickeltes Bündel, aus dessen einem Ende ein brauner Zopf baumelte. Auf der anderen Seite hingen ihm schlaff und bleich die stämmigen Unterschenkel eines Mädchens über den Arm. An den Beinen klebte Blut, und Blut tropfte auch aus dem Bündel, in dem es leise wimmerte.
»Was stehst du da und glotzt?« fuhr der Alte den Diener an, während er ohne zu schwanken den Weg zur Krankenstube einschlug. »Weck die Herrschaft! Hol Hilfe! Und sag, man soll nach Danja schicken – mit Damilla ist ein Unglück geschehen.«

Im Morgengrauen verließen Danja und Susa bekümmert die Krankenstube. Durenald eilte den Frauen entgegen. »Wie sieht es aus, Danja? Werden sie überleben?«
Die Hebamme schüttelte traurig den Kopf. »Ach Herr … das arme Ding …« Zwei Tränen rannen ihr über die runzligen Wangen. »… sie hat ja soviel Blut verloren. Ich verstehe es nicht, es war doch eine normale Geburt. Aber wir konnten die Blutung nicht stillen. Mir schien es fast, als sei etwas in ihrem Inneren zerrissen … Was das Kind betrifft, nun, es ist zart, aber gesund und wohlgestaltet …«
»Lebt sie noch«, fragte Kusmine mit seltsam fremder Stimme, »oder ruht sie schon in Borons Armen?«
»Ach, Euer Edelgeboren, sie atmet noch, aber es ist so wenig Leben in ihr, daß sie die Mittagsstunde …« Schluchzend wandte Danja sich ab.
»Ich gehe zu ihr«, entschied Kusmine. »Allein, lieber Mann«, fügte sie hinzu, als sie sah, daß Durenald ihr folgen wollte.
Lange stand Kusmine schweigend am Bett des sterbenden Mädchens. Die Magd schien zu schlafen; das Neugeborene, von dem nur das schwarzbeflaumte Köpfchen zu sehen war, ruhte in ihrem Arm. Kusmine ließ sich neben dem Bett nieder und ergriff Damillas Hand. »Dein kurzes Leben ist bald zu Ende, mein Kind«, sagte sie schließlich, »und mich dauert, daß es nicht schöner war. Wenn ich dir ein Unrecht getan habe, so bitte ich um Vergebung …« Sie schwieg eine Weile. »Ich werde für dich zu Boron und zu Peraine beten … Ich weiß nicht, ob du mich hören kannst, aber du sollst wissen, daß ich dich für ein braves und tapferes Mädchen halte – du bist immer ein gutes Mädchen gewesen … Was dein Kind betrifft, so mach dir keine Sorgen. Ich gebe dir mein Wort, daß für das Kleine gut gesorgt werden wird. Ich werde es annehmen als das meine, und es soll aufwachsen als Thalionmels Geschwisterchen …« Kusmine wußte nun nichts mehr zu sagen, und so saß sie einfach still auf ihrem Schemel, betrachtete das kindliche blasse Antlitz der Magd und das rote Köpfchen des Säuglings und beobachtete, wie der Himmel hinter dem unverhangenen Teil des Fensters allmählich heller wurde. Plötzlich gewahrte sie, daß die Hand, die sie hielt, deutlich kühler geworden war.
Vorsichtig löste Kusmine das Kind aus dem Arm der Toten. Sie nahm das winzige Bündel und wandte sich zum Gehen. »Schlaf gut, kleine Damilla, leb wohl – Boron sei dir gnädig«, sagte sie, bevor sie den Raum verließ. Durenald, Danja, Susa und Hilgert erwarteten die Herrin von Brelak vor der Krankenstube. Wortlos legte Kusmine den Säugling in Danjas Arme. »Es ist vorüber«, sagte sie nur, worauf die Frauen in Tränen ausbrachen. »Bringt das Kind zu einer guten Amme im Dorf. Dort soll es so lange bleiben, bis es der mütterlichen Brust entwöhnt ist. Danach« – sie blickte Durenald fest in die Augen – »soll es hier im Hause leben und aufwachsen als Thalionmels Bruder oder …«
»Es ist ein Mädchen«, schluchzte Danja.
»Als Thalionmels Schwester also. Bist du einverstanden, lieber Mann?«
Durenald drückte stumm die Hand seiner Gemahlin und schaute sie mit feuchten braunen Augen innig an. ›Ich danke dir, mein liebes Herz‹, schien sein Blick zu sagen. Laut sagte er: »Wie soll das Kind heißen?«
»Zulhamin!« Erstaunt wandten sich alle zu Hilgert um. Es war das erste Wort, das der Stallmeister sprach, seit er der Herrschaft berichtet hatte, wie er das bewußtlose, stark blutende Mädchen und ihr Kind im Pferdestall gefunden hatte. Nun blickten ihn vier Augenpaare fragend an. »Sie hat immer gesagt, wenn es ein Bub werde, solle er Zordan heißen, und wenn es ein Mädchen werde, solle sie Zulhamin heißen. Es ist ein Mädchen, also heißt es Zulhamin.«
Hilgert verneigte sich, dann verließ er mit großen Schritten das Haus.
5. Kapitel
Hab ich dich endlich gefunden!« rief Zulhamin, als sie sich außer Atem neben der Ziehschwester ins hohe Gras fallen ließ. »Ich hab schon überall nach dir gesucht, aber keiner wußte, wo du bist. Aber dein Pferdchen war im Stall, und da wußte ich, daß du nicht weit sein kannst. Warum bist du denn fortgegangen, ohne mir Bescheid zu sagen, und was machst du hier überhaupt?«
»Ich denke nach«, erwiderte die Angesprochene, ohne ihre Haltung zu verändern: Sie lag auf dem Rücken, die Linke unter dem Kopf, die Rechte untätig im Gras ruhend, den linken Fuß auf das Knie des angewinkelten rechten Beines gelegt, und kaute an einem langen Halm, den sie beim Sprechen geschickt zwischen den Zähnen balancierte. »Und Bescheid gesagt habe ich dir deshalb nicht, weil du dann hättest mitkommen wollen und so lange gedrängelt hättest, bis ich dich mitgenommen hätte. Ich wollte aber lieber allein sein.«
Zulhamin schob schmollend die Unterlippe vor. »Du hast mir aber versprochen, mit mir auszureiten, und dann bist du ohne mich davongelaufen. Das ist nicht nett. Und versprochen ist versprochen!« Unvermittelt beugte das schwarzhaarige Mädchen sich über die Schwester und trommelte mit ihren kleinen Fäusten auf deren Bauch.
»Laß das!« Thalionmels Hände schlossen sich fest, aber nicht schmerzhaft um Zulhamins zierliche Handgelenke. »Ich will nicht raufen! Dann fließen bei der kleinen Zimpermina wieder Tränen, und danach steht mir nicht der Sinn.«
»Ich bin keine Zimpermina, ich heiße Zulhamin!« Das Mädchen versuchte, sich zu befreien, aber Thalionmel entließ sie nicht aus ihrem Griff.
»Versprich mir, daß du mich nicht mehr boxen wirst, dann laß ich dich los.«
»Ist ja gut, ich boxe dich nicht mehr. Versprochen. Und nun laß mich los.«
Augenblicklich öffnete Thalionmel die Hände und nahm ihre vorherige Haltung wieder ein. Dann wandte sie den Kopf der Jüngeren zu. Sie schien zu lächeln, aber da die Praiosscheibe hoch am wolkenlosen Himmel stand, hatte sie die blauen Augen fast ganz zugekniffen und die Nase gekraust, so daß ihr Gesicht zu einer lustigen Grimasse verzogen war, und man nicht mit Gewißheit entscheiden konnte, in welcher Gemütslage sie sich befand.
»Schau zur Praiosscheibe«, befahl sie der Freundin, »und sag mir, welche Stunde wir haben.«
Das zierliche Mädchen – es mochte acht oder neun Götterläufe zählen – legte den Kopf in den Nacken und verzog das Gesicht in überraschender Übereinstimmung mit der Älteren. »Die elfte vielleicht?« mutmaßte sie nach einer Weile, dann nieste sie heftig.
»Ach Zulhamin, was soll nur aus dir werden, wenn ich nicht mehr hier bin?« Thalionmel schüttelte mißbilligend den Kopf und ließ eine strenge Doppelfalte zwischen den Brauen erscheinen. »Wie oft habe ich dir erklärt, daß du die Bahn der Praiosscheibe durch die Stunden des Tages teilen mußt und daß wir die zwölfte Stunde zählen, wenn sie ihren höchsten Stand erreicht hat. Nun, schau!« Sie wies mit der Rechten zur Sonne, und Zulhamins Blick folgte ihrem Arm. »Der höchste Stand ist überschritten, um ein knappes Zwölftel vielleicht, und das bedeutet, daß die erste Stunde nach Mittag noch nicht ganz vorüber ist. Ich habe aber versprochen, zwischen der zweiten und dritten Stunde mit dir auszureiten. Du siehst, ich habe mein Wort nicht gebrochen, und das werde ich auch nicht tun. Niemals.«
»So spät ist es schon!« rief Zulhamin erschrocken. »Dann müssen wir uns ja sputen, damit wir rechtzeitig zum Mittagsmahl kommen.« Sie erhob sich und wartete, daß die Freundin ein gleiches tue.
Aber Thalionmel blieb unbewegt liegen, dann spie sie den Grashalm aus. »Ich esse heute nicht, geh nur allein und richte den Eltern meine Entschuldigung aus.«
»Aber es gibt Hasenpfeffer mit Weißbrotklößen, hat Titina gesagt. Das ißt du doch sonst immer so gern … Und wenn du nichts ißt, esse ich auch nichts, so!« Sie ließ sich wieder neben der Freundin nieder, schlang die Arme um die Beine und drückte den Kopf gegen die Knie, so daß ihr langes schwarzes Haar wie ein Umhang über Arme und Schultern floß. »Ich bleibe hier und esse auch nichts«, wiederholte sie.
»Wenn du dein Gesicht vergräbst und in deinen Schoß murmelst, kann dich keiner verstehen. Außerdem mußt du essen, sonst wächst du nicht, und du willst ja wohl nicht immer so winzig bleiben, wie du bist.«
»Erstens bin ich nicht winzig, und zweitens mußt du auch noch wachsen, denn so groß wie die Muhme bist du noch lange nicht.« Zulhamin hatte ihre Haltung nicht verändert, aber doch ein wenig lauter gesprochen, damit die Freundin ihre Worte auch verstand.
»Ich bin groß für mein Alter«, erwiderte Thalionmel, »und ich will und werde auch noch wachsen, und ich werde auch essen, nur heute eben nicht … Schau einmal, dort oben kreist ein Adler!«
»Wo?« Zulhamin vergaß, daß sie ein schmollendes Bündel spielen wollte, und richtete sich auf. Sie beschattete die Augen mit der Hand, als sie den Himmel nach dem seltenen Vogel absuchte. »Woher willst du wissen, daß es ein Adler ist?« fragte sie, als sie ihn schließlich entdeckt hatte. »Es kann ebensogut ein Geier sein.«
»Ein Geier, pah!« Thalionmel schüttelte angewidert die blonden Locken. »Sieh dir doch die Form der Flügel an, daran kannst du genau erkennen, daß es ein Adler ist«, sagte sie bestimmt, obwohl sie keineswegs sicher war, denn die Konturen des Vogels verschwammen vor ihren Augen, sosehr sie sich auch mühte, ihn klar zu erfassen. »Und an seinem Flug, der wahrhaft majestätisch ist«, fuhr sie fort. Sie schwieg eine Weile, während sie den kreisenden Vogel beobachtete. »Der Adler ist der König der Lüfte und mit dem Greifen verwandt«, dozierte sie, »so wie der Löwe der König der Steppe ist, und auch mit dem Greifen verwandt. Die Löwin hingegen ist ein Sinnbild unserer Herrin Rondra und die Königin aller Tiere … Heute morgen ist ein Brief aus Neetha gekommen«, sagte sie unvermittelt, »von der Schule. Am nächsten Markttag werde ich dort anfangen.«
»Am nächsten Markttag?« Zulhamin zählte, mit den Fingern. »Aber das ist ja schon in drei Tagen! Ich wußte nicht, daß es schon so bald ist …« Sie blickte bekümmert in die Ferne. »Ich möchte so gern mitkommen, warum darf ich nicht?«
»Aber Zulhamin!« Thalionmel richtete sich auf, schlang ebenso wie ihre Ziehschwester die Arme um die Unterschenkel und legte das Kinn auf die Knie. »Wir haben doch schon so oft darüber geredet! Die Muhme hat es dir erklärt, der Oheim hat es dir erklärt, und ich habe es dir erklärt: Die Schule in Neetha ist eine Garnisonsschule; dort werden angehende Krieger ausgebildet. Aber du willst doch gar keine Soldatin werden, dazu bist du nicht berufen und …«
»Der Oheim ist auch kein Soldat«, fiel Zulhamin ihr ins Wort, »und er war auch auf der Schule! Aber später ist er gar kein Krieger geworden, sondern lieber Freiherr …«
»Freiherr oder Freifrau wird man nicht, so wie man sich entscheidet, Bäcker oder Schmiedin zu werden – den Adelstitel und ein Lehen bekommt man vom Lehnsherrn oder der Lehnsherrin verliehen und vererbt beides an seine Nachkommen …«
»Ist doch gleichgültig«, unterbrach sie Zulhamin, »jedenfalls ist der Oheim nicht Krieger geworden, obwohl er auf der Kriegerschule war. Und deshalb kann ich auch hingehen und später doch Schreiberin werden … nein, nicht Schreiberin, lieber Tänzerin …«
»Gleichgültig ist es eigentlich nicht«, erwiderte Thalionmel streng, »aber lassen wir das.« Sie schwieg ein Weilchen. »Tänzerin?« fragte sie unvermittelt. »Seit wann willst du Tänzerin werden? Letzte Woche wolltest du Köchin werden und vor einem Mond Heilerin.« Sie wandte den Kopf und sah die Schwester nachdenklich, fast prüfend an. »Soso, Tänzerin … aber du hast doch noch nie eine Tanzstunde genossen, wenn man von den Schritten der Kuslikana absieht, die meine Mutter uns beigebracht hat. Und du hast doch noch nie eine Tänzerin gesehen. Wie bist du nur auf den Gedanken verfallen?«
»Ich habe wohl schon eine Tänzerin gesehen«, erwiderte Zulhamin triumphierend, »und zwar in einem Buch. Gestern. Sie hatte schwarze Haare, so wie ich, und war sehr schön, und so eine Tänzerin möchte ich auch werden.«
»Aber zukünftige Tänzerinnen gehen nicht auf die Garnisonsschule, siehst du das ein?« fragte Thalionmel. »Sie gehen bei einer Tänzerin in die Lehre, glaube ich, und deshalb kannst du auch nicht mitkommen. Ach, schau doch nicht so traurig, kleine Schwester.«
Das Mädchen nahm einen Grashalm und kitzelte die Jüngere damit am Ohr, aber Zulhamin schlug nur unwirsch nach dem Halm.
»Du sollst mich nicht ärgern«, sagte sie böse, »und du sollst auch nicht fortgehen und mich alleinlassen.« Plötzlich schien sie den Tränen nahe.
»Aber ich laß dich doch nicht allein, Zulhamin. Nicht weinen, du weißt, daß ich das nicht leiden kann! Du bleibst hier bei meiner Mutter und meinem Vater, und das Gesinde und die Kinder aus dem Dorf sind bei dir. Wie kannst du da sagen, daß du allein sein wirst? Außerdem werde ich zwei- oder dreimal im Jahr zu Besuch kommen, und schreiben werde ich dir auch. Doch nun lauf, damit du nicht zu spät zum Mittagsmahl kommst … beeil dich!« Aber Zulhamin machte keine Anstalten, sich zu erheben; sie kauerte sich wieder zu einer kleinen Kugel zusammen und saß eine Weile ganz still in dieser Haltung. Plötzlich bemerkte Thalionmel, daß die schmalen Schultern der Schwester unter dem Vorhang aus Haar bebten. Sie streckte die Hand aus, um der Jüngeren den Kopf zu streicheln, doch im letzten Augenblick zog sie sie wieder zurück. Dann stand sie auf, wandte sich ab und stemmte die Hände in die Seiten. »Nun weinst du, obwohl ich es dir verboten habe. Dabei wollte ich dir eigentlich meine Ritterpüppchen und mein Holzschwert zum Abschied schenken. Aber ich denke, ich sollte sie lieber behalten – für eine Flenndela wie dich sind sie wohl nicht das Rechte.«
»Du« – Zulhamin schniefte und versuchte, das Schluchzen zu unterdrücken –, »du hast mich gar nicht lieb. Du freust dich nur, daß du endlich auf die Schule kommst, aber ich …« Das Mädchen konnte nicht weitersprechen – ungehemmt brach der Kummer sich Bahn.
Thalionmel schüttelte unwillig den Kopf. Sie hatte die Lippen fest zusammengepreßt und blickte unter leicht zusammengezogenen Brauen zu einem fernen Punkt am Horizont. Wie sie so dastand, glich sie in Haltung und Miene so sehr ihrer Mutter, daß sie, bis auf die vom Vater ererbten Locken, als ein verkleinertes und verjüngtes Abbild Kusmines gelten konnte. »Natürlich freue ich mich auf die Schule«, sagte sie schließlich, »wie sollte ich mich auch nicht freuen? Aber ich bin auch traurig, dich zu verlassen, nur weine ich eben nicht soviel wie du. Ich weine überhaupt nicht – das geziemt sich nicht für eine angehende Kriegerin.«
»Ich kann doch nichts dafür, daß ich immer weinen muß, wenn ich traurig bin«, erwiderte Zulhamin, unterbrochen von Schluchzern, die allmählich verebbten. »Es liegt daran, daß ich zu früh gekommen bin, sagt Susa, und daran, daß meine Mutter immer so traurig war, als ich noch in ihrem Bauch war. Jedenfalls ist es nicht meine Schuld. Und daß du mich allein zurückläßt und nicht mit nach Neetha mitnehmen willst, macht mich eben traurig.« Wie zur Bestätigung ihrer Worte schniefte sie ein paarmal heftig.
»Nun ist es gut, kleine Schwester, jetzt hast du geweint, und nun ist es gut«, sagte Thalionmel ein wenig schroffer, als sie beabsichtigt hatte, »ich will dich nicht mit nach Neetha nehmen, ich kann es nicht! Wo solltest du wohnen, und wer sollte für dich sorgen? Siehst du, darauf weißt du keine Antwort. Aber vielleicht kannst du meine Mutter und mich ja begleiten, wenn wir in drei Tagen nach Neetha fahren, und dann kannst du dir die Schule und den Saal ansehen, in dem ich mit den anderen Zöglingen schlafen werde, und den Saal, in dem wir essen, und den Raum, in dem wir in Kriegskunst und Geschichtswissen und Rondrakult und Fecht- und Waffenkunde und …« Sie dachte ein Weilchen angestrengt nach und legte dabei – wiederum die Mimik ihrer Mutter unwillentlich nachahmend – den Kopf ein wenig zur Seite und richtete den Blick der hellblauen Augen schräg nach oben in weite Fernen. »… und Anatomie und Wundheilkunde unterwiesen werden.«
»Den Turnierplatz will ich auch sehen!« Zulhamins Tränen waren versiegt; die Aussicht, mit Tante und Schwester nach Neetha reisen zu dürfen, machte sie ganz aufgeregt, und so hüpfte sie mit ihren flinken Beinen durchs Gras.
»Aber Zulhamin, das ist doch eine Garnison und kein Schloß, wo ich zur Kriegerin erzogen werde! Einen Turnierplatz gibt es dort nicht – du meinst sicher den Exerzierplatz, und den werde ich dir gewißlich zeigen, und die Fechthalle auch … falls du mitkommen darfst, denn das habe schließlich nicht ich zu entscheiden.«
Thalionmel wandte sich zu der Ziehschwester und Freundin um. »Versprichst du mir, daß du nun ganz schnell nach Hause läufst, wenn ich mich heut abend bei meinen Eltern deiner Sache annehmen werde?« Die Kleine nickte heftig, dann streckte sie die Hand aus, um zur Bestätigung der Abmachung mit der Schwester den Schlag zu tauschen. »Nein, so geht das nicht – aufstehen mußt du schon! Außerdem habe ich laufen gesagt und nicht auf dem Hintern hoppeln.«
Schließlich war das Ritual ordnungsgemäß vollzogen, und Zulhamin rannte davon, flinker und behender, als man es ihrer zarten Gestalt zugetraut hätte. »Richte meinen Eltern meine Entschuldigung aus, und sag ihnen, daß ich nachdenken muß – das kann ich nun einmal am besten, wenn ich allein bin und wenn mir die Sonne auf den Kopf scheint!« rief Thalionmel der Schwester nach.
Ja, nachdenken, dachte sie, während sie beobachtete, wie Zulhamin zum fernen Gutshaus eilte; zum erstenmal im Leben fiel ihr auf, wie gewandt und hübsch die kleine Ziehschwester war. Sie ist sehr niedlich, ging es ihr durch den Kopf. Viel schöner als ich – vielleicht hat sie wirklich das Zeug zur Tänzerin.
Nachdem Zulhamin aus ihrem Blickfeld verschwunden war, ließ Thalionmel sich wieder im Grase nieder und nahm ihre ursprüngliche Haltung ein. Sie schloß die Augen und genoß die Hitze und das Summen und Brummen und Krabbeln und Schaben der unzähligen winzigen sechsfüßigen Tierchen ringsumher. Für Mitte Ingerimm war es nicht ungewöhnlich heiß, aber der Tag konnte durchaus als Sommertag gelten. Die erste Heumahd war vorüber, und das Mädchen freute sich, daß ihr geheimes Plätzchen – nahe am Weiher, aber doch so weit vom Röhricht entfernt, daß man dort trocken lagern konnte – auch in diesem Jahr von der Sense verschont geblieben war. Sie hatte sich vorgenommen, über sich selbst, ihr bisheriges und zukünftiges Leben nachzudenken, aber noch bevor die Schwester gekommen war und sie gestört hatte, war ihr klargeworden, daß diese Art des Nachdenkens sich für eine Kriegerin eigentlich nicht geziemte. Richtig nachdenken sollte man an einem Pulte stehend, so dachte sie, Feder und Pergament griffbereit, so daß man sogleich wichtige Gedanken notieren kann. Aber … ich schreibe ja so ungern und krakelig. Zulhamin hat eine viel zierlichere Hand als ich, wenn sie auch oft die Wörter nicht richtig schreibt – und hier in der Sonne und im Grase ist es viel schöner als am Pult in meinem Zimmer. Ja, das ist undiszipliniert und weichlich, daß ich mich nicht aufraffe und in mein Zimmer gehe und mir statt dessen lieber die Praiosscheibe auf den Kopf scheinen lasse, obwohl ich doch weiß, daß ich davon eher ins Träumen gerate als zum Denken komme, und wenn ich jetzt in meiner Stube wäre, müßte ich aufschreiben: weniger nachgiebig mir selbst gegenüber sein, das Weichliche ablegen und Disziplin üben! So, wie ich jetzt bin, kann ich der Herrin Rondra nicht unter die Augen treten.
Thalionmel malte sich aus, wie sich wohl ihr erster Besuch im Tempel des Sieges gestalten würde; sie hatte den schmucklosen, aus hellem Sandstein errichteten Kuppelbau schon ein paarmal von außen gesehen und mit Ehrfurcht betrachtet, betreten hatte sie ihn nie. Kindern, so wußte sie, war der Zutritt verwehrt, es sei denn, sie hatten in einer Prüfung des Charakters durch ein Gremium von drei Geweihten genug Standhaftigkeit und sittliche Reife bewiesen, um vor die Göttin zu treten. Ob ich es wohl schaffe, die Prüfung vor meinem elften Geburtstag abzulegen? dachte sie. Meine Mutter war elf und ein halbes Jahr alt, als sie zum erstenmal den Tempel besuchen durfte.
Kusmine hatte, als sie bemerkte, daß die Tochter, was Anlagen, Neigungen und Wuchs betraf, mehr nach ihr selbst geriet als nach dem Gatten, dem Kind oft von der Göttin, dem Tempel und den Grundlagen des Kultes erzählt und ein heißes Sehnen in seinem Herzen entfacht. Sie ist ernster und verständiger, als ich in ihrem Alter war, und auch strenger gegen sich selbst, dachte sie bisweilen. Vielleicht ist sie gar berufen, sich der Herrin zu weihen. Doch ob ich es mir wünschen soll …?
Thalionmel wußte nichts von den geheimen Gedanken ihrer Mutter. Sie lag reglos im Gras und überließ sich ihren Gedankenträumen. Das Mädchen war groß für sein Alter; am 22. Firun war sie zehn geworden, aber jeder, der sie sah und ihr Alter nicht kannte, schätzte sie auf zwölf Götterläufe. Nicht nur ihr Wuchs, auch die Züge ihres Gesichtes ließen sie älter erscheinen, als sie war; nur wenig Weiches und Kindliches war in ihnen zu entdecken: Wenn das Mädchen lachte, was nicht zu häufig geschah, oder die Lippen zu einem oftmals spöttischen Lächeln verzog, entstanden beiderseits des Mundes kleine Grübchen in den Wangen, was die strenge Schönheit mit rahjagefälligem Liebreiz überhauchte.
Die Augen waren das Wunderbarste in dem Gesicht.
Zwar standen sie vielleicht ein klein wenig zu dicht beieinander, um als wirklich schön zu gelten, und oftmals lagen bläuliche Schatten in den Winkeln, aber sie waren dunkel bewimpert, wodurch ihre ungewöhnliche Helligkeit auf eindrucksvolle Weise betont wurde. Die Farbe der Augen war von einem dunstigen Blau mit goldenen Lichtern darin.
Jetzt waren die Augen geschlossen, und der kaum sichtbare Doppelbogen der blonden Brauen war entspannt wie im Schlaf. Die wohlgeformten, nicht eben vollen Lippen ruhten weich aufeinander, waren aber nicht geöffnet, wie man es oft bei schlafenden oder träumenden Kindern sieht.
Thalionmel trug das blonde Lockenhaar offen, eine Gewohnheit, die sie von ihrer Mutter übernommen hatte – Kusmine hielt es für eine Vergeudung von Zeit und Lebenskraft, sich Tag für Tag von der Zofe die Haare zu einer kunstvollen Flechtfrisur aufstecken zu lassen, wie sie bei den vornehmen Damen des Reiches in Mode war. Und genau wie die Mutter bevorzugte das Mädchen Kleidung aus Linnen, Tuch oder Leder, die ihre Bewegungsfreiheit nicht einschränkte und – je nach Jahreszeit – Schutz vor der Hitze oder der Kälte bot.
Heute trug Thalionmel kniekurze linnene Beinkleider und darüber einen in der Mitte gegürteten, locker geschnittenen Überwurf, ähnlich der Tracht der Wüstennomaden. Wie verschieden von meiner Schwester bin ich doch in diesen Dingen, ging es ihr durch den Kopf. Zulhamin findet Gefallen an schönen Gewändern, an Stickwerk, Zierat, Geschmeide und dergleichen. Für mich hingegen sind der schönste Schmuck ein blinkender Helm und ein blinkendes Schwert … mein Schwert! Ob wohl mein Schwert schon fertig ist? Es sollte heute gebracht werden … Einen Moment lang war das Mädchen versucht, zum Haus zu laufen und nach dem Schwert zu fragen, doch entschlossen kämpfte es diese Regung nieder, und ein heimlicher Beobachter hätte nur am Runzeln der Brauen und dem Ballen der Rechten zur Faust den kurzen Kampf in ihrem Innern ablesen können. Nein! rief sie sich zur Ordnung. Nun habe ich einmal entschieden und dies auch laut verkündet, daß ich auf das gemeinsame Mittagsmahl verzichten will, um allein zu sein und nachzudenken – jetzt bleibt es auch dabei! Ich werde meine Neugierde bis zum Abend bezwingen müssen, denn über unserem Ausritt wird es wohl Abend werden. Aber vielleicht weiß Zulhamin etwas darüber. Ja, gewiß, wenn mein Schwert eingetroffen ist, wird sie es wissen und mir erzählen … Sosehr Thalionmel sich auch bemühte, ihre Gedanken zu ordnen und auf die Freuden und Pflichten ihres zukünftigen Lebens als Garnisonszögling zu lenken, so konnte sie doch nicht verhindern, daß diese immer wieder zu dem Schwert zurückkehrten.
In der Garnison zu Neetha war es ebenso wie an den Akademien des Reiches üblich, daß jeder Zögling beim Eintritt in die Schule sein eigenes, aus Eisen geschmiedetes und der Körpergröße angepaßtes Schwert mitbrachte. Natürlich waren diese Übungsschwerter, bei deren Handhabung die Schüler ein Gefühl für Gewicht und Gefährlichkeit der Waffe erlernen sollten, nicht wirklich scharf geschliffen, aber man hätte sie schärfen können … Es waren wirkliche kleine Schwerter, die in einer Scheide am Gehänge getragen wurden. Kusmine bewahrte die drei Schwerter aus ihrer eigenen Schulzeit in der Rüstkammer auf. Sie hatte sie zwischen dem neunten und sechzehnten Lebensjahr benutzt, und sie waren, eines nach dem anderen, mit ihr gewachsen. Im Verlauf des letzten Jahres hatte sie der Tochter immer häufiger erlaubt, mit dem kleinsten Schwert zum Übungsgefecht gegen die Mutter anzutreten. Das Kind hat Talent, dachte sie nach jeder Fechtstunde. Welche Freude es doch macht, es zu unterweisen! Und fast bedauerte sie, Thalionmels Ausbildung in fremde Hände legen zu müssen.
Mit meinem eigenen Schwert wird es besser gelingen als mit dem Schwert der Mutter, dachte Thalionmel, weil es mein eigenes ist, weil es mir gehört und zu mir gehört und ich nicht um Erlaubnis fragen muß, ob ich es benutzen darf. Mein eigenes werde ich auch mit mehr Liebe und Sorgfalt pflegen. Woran das nur liegen mag? … Es wird nicht prächtiger sein als das der Mutter, eher schlichter, denn die Form von Klinge, Griff und Heft ist vorgeschrieben, und es wird auch keine Inschrift tragen – es wäre überheblich, dem Schwert einen Namen zu geben, und Worte wie ›Rondras Ehr – Schutz und Wehr‹ eingravieren zu lassen, wäre gar so vermessen, daß es fast einer Lästerung gleichkäme. Woran also liegt es, daß ich mich so danach sehne, endlich mein eigenes Schwert in der Hand zu halten? Vielleicht daran, daß es ganz neu sein wird und ich die erste bin, die es führt. Und bei jeder Scharte auf der Klinge werde ich wissen, woher sie stammt … Um so gut zu werden wie meine Mutter, muß ich noch lange Jahre üben, aber ich weiß, daß ich eine fähige Kämpferin werden kann. Ich habe Talent fürs Fechten, und ich bin mutig – ich sehe die Anerkennung in den Augen der Mutter, auch wenn sie sparsam ist mit ihrem Lob. Daß ich um meine Begabung weiß, ist vielleicht nicht gut, es könnte mich überheblich machen. Man sagt, daß ich stolz bin, aber das ist etwas anderes – Stolz ist eine Tugend, die der Göttin wohlgefällig ist, aber Überheblichkeit ist eine Untugend, und doch sind beide miteinander verwandt und oftmals nicht leicht voneinander zu unterscheiden. Ich sollte eine Liste meiner guten und schlechten Eigenschaften erstellen, damit ich die schlechten bekämpfen und die guten fördern kann. Also, zu meinen schlechten Eigenschaften zählen die Neugierde und der Jähzorn. Obwohl – auch bei der Neugierde und dem Jähzorn läßt sich bisweilen nicht mit Gewißheit sagen, ob sie wirklich nur schlecht sind. Ist nicht die Wißbegierde die Schwester der Neugierde und der gerechte und heilige Zorn der Bruder der Wut? Bevor ich also die Liste erstelle, muß ich die Begriffe genau bestimmen, damit ich weiß, wann es der gerechte Zorn ist, der mich ergriffen hat, und wann es die blinde und böse Wut ist … Aufrichtigkeit gehört wohl nicht zu meinen guten Eigenschaften, daß ich solcherlei Gedanken hege, denn ich weiß es doch stets, wenn ich in Jähzorn gerate. Ich weiß es, und dennoch gelingt es mir nur selten, die Wut zu unterdrücken, also ermangelt es mir an Selbstbeherrschung, und dabei übe ich mich darin … Ja, der Vater hat recht: Klaglos Schmerzen des Körpers und Entbehrungen zu ertragen, ist nur ein Teil der Selbstbeherrschung, wenn auch der wichtigste. An der Selbstbeherrschung also muß ich noch arbeiten, und wie steht es mit dem Mut? Bin ich wirklich mutig? …
Thalionmel dachte an die Bettler auf den Tempelstufen, Veteranen und Söldlinge die meisten, und wie jedesmal, wenn heraufbeschworen oder ungerufen das Bild der beklagenswerten Menschen vor ihrem inneren Auge erschien, wurde ihr seltsam beklommen zumute. Alle diese verstümmelten Männer und Frauen hatten ihre Gliedmaßen im Gefecht verloren, der Herrin zur Ehre, und nun konnten sie ihr nicht nur nimmer dienen, sondern waren kaum in der Lage, ihr Leben aus eigener Kraft zu fristen, und waren auf die Almosen frommer Kriegsleute und Geweihter angewiesen. Wenn nun Frau Rondra auch von mir, statt meines Lebens, das ich ihr gern schenken will, meine Arme, Beine oder Augen fordern würde …, dachte das Mädchen, und trotz der mittäglichen Hitze begann sie zu frösteln. Verstümmelt und entstellt zu werden, ist meine größte Furcht – Herrin Rondra vergib mir diese Furcht –, und lieber will ich sterben, bevor ich fünfundzwanzig bin, als so zu leben wie diese: mir selbst und den anderen eine Last und ein Ekel … Ja, mir graut vor diesen bejammernswerten Gestalten, obwohl es nicht recht ist und ich sie verehren sollte für ihre Tapferkeit, dachte Thalionmel. Ich ekle mich vor ihrer Häßlichkeit, vor ihren leeren Augenhöhlen, ihren Armstümpfen und den beinlosen Rümpfen, die dicht am staubigen Boden auf einem Brett mit Rollen hocken … Lieber will ich jung sterben, und eher werde ich mich selbst entleiben, als solch ein nutzloses, elendes und ekles Leben zu führen … Thalionmel öffnete die Augen und blinzelte zum Himmel. Dann erhob sie sich und ging grimmigen Blickes und gemessenen Schrittes zum elterlichen Gutshaus.
Vor dem Pferdestall war Zulhamin damit beschäftigt, ihr Pferdchen zu satteln. Elgor, der neue Stallmeister, stand neben ihr und beobachtete lächelnd, wie sie sich mit ernster Miene abmühte. Er war von der Herrschaft angewiesen worden, den Mädchen nicht die Arbeit mit ihren Reittieren abzunehmen, wohl aber den ordnungsgemäßen Sitz des Zaumzeuges und der Sattelgurte zu überprüfen.
Obwohl Elgor schon fast fünf Jahre auf Gut Brelak arbeitete, wurde er immer noch der neue Stallmeister genannt, denn Hilgert hatte diese Stellung fast vierzig Jahre lang innegehabt. Aber eines Morgens war der Alte verschwunden – ohne Abschied, ohne eine Nachricht zu hinterlassen und ohne den Lohn für die letzten zwei Wochen. Man fand seine Stube leer und reinlich ausgefegt; die Pferde im Stall waren alle wohlversorgt. Seit jenem Tag hatte niemand jemals wieder von Hilgert gehört.
»Du bist zu spät«, rief Zulhamin, als sie die Schwester entdeckte, »und deshalb verrate ich dir auch die Überraschung nicht, die ich weiß!«
Thalionmel lachte – ihr Schwert war also gekommen. »Ich bin nicht zu spät«, erwiderte sie, »und ich werde mein Pferd gesattelt haben, noch bevor die dritte Stunde angebrochen ist.« Obwohl sie am liebsten ins Haus gestürmt wäre, um ihr Schwert zu sehen und auszuprobieren, versagte sie sich, die Schwester auch nur danach zu fragen. Das wird eine gute Übung sein, meine Neugierde zu bezwingen, dachte sie. Und ich will auch wegen des Schwertes den versprochenen Ausritt nicht verkürzen.
Die dritte Stunde war eben angebrochen, als die Mädchen den Hof verließen. Beide ritten scheckige kleine Steppenpferde – Thalionmel einen Wallach und Zulhamin eine Stute.
»Willst du gar nicht wissen, welche Überraschung ich weiß?« fragte die Jüngere.
Thalionmel versuchte, Stimme und Gesicht einen gleichmütigen Ausdruck zu verleihen. »Mein Schwert wird wohl eingetroffen sein«, sagte sie.
Zulhamin schien ein wenig enttäuscht über die Reaktion der Freundin. »Freust du dich denn gar nicht?« fragte sie. »Willst du nicht wissen, wie es aussieht? Ich habe es schon gesehen – es ist so lang.« Sie riß die Arme auseinander, so weit sie konnte, wodurch ihr Pferdchen ein wenig aus dem Schritt geriet und zu tänzeln begann. »Oh, Verzeihung, Dari, das wollte ich nicht.« Zulhamin tätschelte den Hals des Tieres und ermutigte es durch eine knappe, geschickte Bewegung der Schenkel, den ursprünglichen Rhythmus wieder aufzunehmen. »Also«, wandte sie sich an die Ziehschwester, »es ist ganz lang – einen Schritt vielleicht – und blinkt, und das Heft ist aus Messing, und der Griff ist mit schwarzem Leder umwickelt …«
Thalionmels Kopf fuhr herum. »Du hast es schon in der Hand gehabt?«
»Nein, das durfte ich nicht«, erwiderte die Jüngere. »Die Muhme und der Oheim haben gemeint, daß du die erste sein sollst, die es in Händen hält, aber es ist eine gute Arbeit, sagt die Muhme, und vielleicht darfst du es heute abend gegen sie erproben, und der Sattler wird heute noch das Gehänge bringen … Der Hasenpfeffer war köstlich, da hast du wirklich was verpaßt – Titina hat mit Shadifnägelchen gespickte Zwiebeln in die Sauce getan … Warum sagst du denn nichts?«
Thalionmel war über der Schwester Rede leicht errötet; ihre Augen strahlten, und die Lippen teilten sich zu der Andeutung eines Lächelns. »Ich freue mich so auf mein Schwert«, sagte sie leise, »viel mehr, als ich bedaure, den Hasenpfeffer verpaßt zu haben … oh, Zulhamin, ich freue mich so …«
»Ja, der Hasenpfeffer …«, begann die Jüngere ernst. »Du erinnerst dich hoffentlich an unsere Abmachung.« Und obwohl die Freundin nickte, fuhr sie fort: »Daß du mir versprochen hast, mich mit nach Neetha zu nehmen, wenn ich meinen Hasenpfeffer esse!«
Thalionmel lachte laut: »Aus dir wird noch einmal eine echte Ränkeschmiedin werden, so geschickt du schon jetzt verstehst, die Wahrheit und die Worte zu verdrehen. Ich habe dir versprochen, mich für dich zu verwenden, wenn du dein Mittagsmahl verspeist, was, wie mir scheinen will, kein echtes Opfer war – natürlich werde ich meine Eltern bitten, dir zu erlauben …«
»Das mußt du auch!« unterbrach sie Zulhamin aufgeregt. »Ich glaube nämlich, sie wollen es nicht erlauben. Ich habe beim Essen Muhme und Oheim gefragt, aber sie haben sich nur angeschaut, die Köpfe gewiegt und gemeint, es bleibe ja noch ein wenig Zeit, darüber nachzudenken. Aber ich glaube, die Muhme will nicht, daß ich mitkomme, denn später hat sie zum Oheim gesagt – ich habe es genau verstanden, obwohl sie absichtlich leise gesprochen hat, damit ich es nicht höre –, daß sie mit dir nach Neetha reiten wolle, aber ich sei noch zu klein und zu zart für einen so weiten Ritt.«
»Du reitest gut«, sagte Thalionmel, »genausogut wie ich, obwohl du doch viel jünger und kleiner bist.«
»Ich bin nur etwas jünger und etwas kleiner«, widersprach Zulhamin, strahlend vor Freude über der Schwester Lob, »und ich bin auch nicht zart – ich habe ganz harte Knochen, die noch nie gebrochen sind. Findest du wirklich, daß ich gut reite?«
»Ausgezeichnet«, erwiderte die Ältere, konnte sich aber nicht verkneifen hinzuzufügen: »Für dein Alter und deine Größe.« Doch Zulhamin schien die Neckerei überhört zu haben. Stolz reckte sie das Näschen in die Luft, und ihre bräunlichen Wangen waren rot überhaucht.
»Daß ich so gut reiten kann, liegt daran, daß ich eine Tulamidin bin«, erläuterte sie. »Uns Tulamiden liegt das Reiten eben im Blut.«
»Eine Tulamidin bist du nun nicht gerade«, widersprach Thalionmel, »denn dein Vater, welcher mein Oheim ist und der Halbbruder meiner Mutter, ist selbst nur ein halber Tulamide, also kann dein tulamidisches Erbteil …«
»Meinst du den Oheim Fuxfell?« fiel Zulhamin ihr ins Wort. »Der ist nicht mein Vater.« Das Mädchen hatte die Worte mit so viel Überzeugung gesprochen, daß die Freundin überrascht den Kopf nach ihr wandte.
»Wieso glaubst du, daß er nicht dein Vater ist?« fragte sie.
»Dein Oheim Fuxfell war sehr böse zu meiner Mutter, er hat ihr das Herz gebrochen, und daran ist sie gestorben – das hätte mein Vater gewiß nicht getan. Außerdem hat er mir noch nie etwas geschenkt und mich noch nie besucht.« Zulhamin machte eine kleine Pause. »Und er leugnet, daß ich seine Tochter bin«, fügte sie leise hinzu.
»Woher weißt du das alles?« fragte Thalionmel, nachdem sie eine Weile schweigend an der Freundin Seite geritten war. »Ich dachte immer, dein Vater, der Oheim Fuxfell, reise in dringenden Geschäften durch die Welt, die ihn daran hinderten, sich selbst um dich zu kümmern, und deshalb habe er dich als Ziehtochter in die Hände meiner Eltern gegeben … Und deine Mutter ist an gebrochenem Herzen gestorben, sagst du? Ich dachte immer, sie sei bei deiner Geburt verblutet …«
Zulhamin dachte eine Weile nach, bevor sie antwortete. »Es heißt, daß meine Mutter eine Magd war«, sagte sie unvermittelt. »Glaubst du das?«
»Die Verlobte meines Oheims eine Magd? Nie und nimmer! Wer sagt das? Zulhamin, du bist so seltsam, was ist mit dir? Und wer erzählt dir solche Märchen?«
»Der Oheim – ich habe ihn gestern gefragt, nachdem Titina mich gescholten hatte, weil ich eine Schüssel zerbrochen hatte. Da hat sie gesagt, ich hätte die ungeschickten Finger von meiner Mutter geerbt, die bei der Küchenarbeit auch immer viel zerbrochen und umgestoßen habe. Da bin ich also zum Oheim gegangen und habe ihn gefragt, warum meine Mutter in der Küche arbeiten mußte, ob sie denn eine Magd war, und er hat mir alles erzählt. Auch daß mein angeblicher Vater, der Oheim Fuxfell, kein sehr guter Mensch ist und schlecht an meiner Mutter gehandelt hat. Er wollte es mir wohl erst später erzählen, wenn ich älter bin …« Das Mädchen war bei dem Bericht sehr ernst geworden. Sie hielt die großen, fast schwarzen Augen starr auf die Ohren ihres Pferdes gerichtet, und obwohl sie den Blick der Freundin auf sich spürte, wandte sie den Kopf nicht. »Ich habe die ganze Nacht darüber nachgedacht«, sagte sie, »und ich wollte es dir erzählen, bevor du nach Neetha ziehst.«
Thalionmel ritt eine Weile schweigend neben der Freundin. An der Bewegung von Brauen und Mund erkannte man, daß sie angestrengt nachdachte und nach den rechten Worten suchte. »Macht es einen Unterschied, ob du die Tochter einer Gräfin oder einer Magd bist?« fragte sie halblaut, mehr zu sich selbst. »Du bist doch immer noch dieselbe wie zuvor – Zulhamin, meine liebe Freundin und Schwester … Nun schau doch nicht so ernst, und laß uns lieber ein kleines Wettrennen machen: Wer als erster bei der Ulme dort drüben ist, hat gewonnen.« Sie wies auf einen einsamen knorrigen Baum in etwa zweihundert Schritt Entfernung. »Wie ist es, machst du mit?«
Zulhamin nickte zögernd, dann warf sie entschlossen das Haar nach hinten. »Also gut«, sagte sie, »aber ich zähle – bei drei geht es los! Eins – zwei – drei.« Beim letzten Wort hieb sie ihrem Pferdchen die Schenkel gegen die Flanken und preßte den Körper so dicht wie möglich an den Hals den Tieres. »Los, Dari, lauf!« rief sie. »Schnell, schnell!«
Sei es, daß Zulhamin den besseren Start erwischt hatte, sei es, daß ihr Pferd das schnellere von beiden war, sei es, daß Thalionmel das ihre ein wenig zurückhielt – wie dem auch gewesen sein mochte, die jüngere erreichte den Baum so weit vor ihrer Schwester, daß sie, nachdem sie an den Stamm geschlagen hatte, noch Zeit fand, ihr Pferdchen zu wenden und triumphierend die Arme zu schwenken. »Gewonnen! Gewonnen!« rief sie außer Atem.
»Ja, du hast gewonnen«, bestätigte Thalionmel gutgelaunt, »du reitest wie eine Wüstentochter, wie eine tulamidische Prinzessin, wie ein Dschinn …«
»Vielleicht bin ich eine tulamidische Prinzessin«, erwiderte Zulhamin. »Immerhin habe ich einen tulamidischen Namen. Vielleicht war meine Mutter ein Findelkind von edlem Blut, das von Bauern aufgezogen wurde. Ich habe letzte Nacht darüber nachgedacht, und möglich ist es immerhin …«
»Worüber du so nachdenkst, wenn du eigentlich schlafen solltest …«, Thalionmel schüttelte lächelnd den Kopf. »Aber du hast recht: Es ist möglich.«
»Und mein Vater – ich meine meinen richtigen Vater«, fuhr Zulhamin fort, »denn der Oheim Fuxfell kann nicht mein Vater sein, da er es bestreitet und mich auch nicht liebhat und ich ihn gar nicht kenne –, mein richtiger Vater also ist ein tulamidischer Prinz, den ein schwarzer Magier geraubt hat und in seinem Turm gefangenhält. Und das hat meiner Mutter das Herz gebrochen. Jedenfalls könnte ich eine tulamidische Prinzessin sein, und deshalb will ich Tänzerin werden.«
»Willst du wirklich Tänzerin werden?« Thalionmel schaute die Freundin forschend an. »Ist es dir ernst damit?«
Zulhamin nickte heftig. »Natürlich ist es mir ernst: Ich will so eine Tänzerin werden wie in dem Buch. Warum fragst du?«
»Weil …« Die Ältere machte eine nachdenkliche Pause. »Weil mir ein Gedanke gekommen ist, aber ich weiß nicht, ob ich mit dir darüber sprechen soll. Denn sieh: Wenn ich es dir erzähle, dann wecke ich womöglich Hoffnungen in dir, die sich vielleicht nicht erfüllen werden … und dann bist du enttäuscht und wirst noch trauriger.«
»Ich verstehe überhaupt nicht, wovon du redest«, sagte Zulhamin, und die Unterlippe bebte ihr dabei. »Aber ich fange schon an, traurig zu werden.«
»Nein, keine Tränen, jetzt nicht, bitte!« Thalionmel hieb mit der geballten Rechten in die offene Linke.
»Dann sag, was für ein Gedanke dir gekommen ist«, beharrte die Jüngere und ahmte mit kleinen energischen Hieben die Geste der Freundin nach. Zwar schimmerten in ihren Augen die Tränen, bereit zu fließen, aber die gewölbten roten Lippen waren erwartungsfroh geöffnet. »Nun sag schon!« wiederholte sie.
»Also gut«, begann Thalionmel, »aber bedenke: Ich kann dir nichts erlauben oder versprechen.« Zulhamin nickte ernst, und die Ältere fuhr fort: »In Neetha gibt es eine Tanzmeisterin, die die Geweihten und Novizen des neuen Rahjatempels in Tanz und Grazie unterweist …«
»Grazie?« Zulhamin hob fragend die Brauen.
»Grazie ist, wenn man sich anmutig bewegt«, erläuterte Thalionmel, »vielleicht … vielleicht kannst du ja bei der Meisterin in die Lehre gehen. Ich finde, daß du gewandt bist und dich schon jetzt, ohne es gelernt zu haben, recht anmutig bewegen kannst, und wenn die Tänzerin aus Neetha das auch so sieht, dann nimmt sie dich vielleicht als Schülerin … und dann könnten wir beide in Neetha leben und lernen und uns öfter sehen. Nicht so oft wie jetzt natürlich, aber vielleicht einmal alle sieben Praiosläufe.«
»Meinst du, sie nimmt mich?« fragte Zulhamin, und nun leuchteten ihre Augen vor Aufregung und Freude.
»Ich weiß es nicht, kleine Schwester, ich weiß gar nichts«, erwiderte Thalionmel. »Ich weiß nicht, ob die Tänzerin dich zur Schülerin erwählt, ich weiß nicht, ob die Eltern es erlauben werden, daß du Tänzerin wirst, ich weiß nicht einmal, ob du mit nach Neetha reiten darfst, aber ich weiß, daß ich mich über die Maßen freuen würde, wenn wir gemeinsam in Neetha leben und lernen könnten und ich immer wüßte, daß du in meiner Nähe bist.« Sie hielt ein wenig verlegen inne und senkte die Lider, dann schüttelte sie die Locken und funkelte die Freundin schelmisch an. »Und dann müßte ich dir keine Briefe schreiben – du weißt, wie ungern und unschön ich schreibe –, aber wenn du allein hier zurückbliebest, würdest du gewiß zweimal im Mond einen Brief von mir erwarten, und dieser meiner größten Sorge wäre ich dann ledig.«
Thalionmel wendete ihr Pferd und sprengte, ohne weiter auf die Schwester zu achten, zu dem Feldweg zurück, den sie für das Wettrennen verlassen hatte. Sie spürte, daß ihr während des Gespräches mit Zulhamin das Blut in die Wangen gestiegen war, und nun fühlte sie mit Erleichterung den frischen Wind auf dem Gesicht.
»Warte doch!« hörte sie hinter sich die Freundin rufen, aber sie mochte der Bitte nicht folgen. Früher oder später würde Zulhamin sie ohnehin einholen, das wußte sie, und dann wären ihre Wangen vom scharfen Galopp gerötet und nicht vom Bekenntnis geheimer Gedanken und Gefühle.
Fast zur gleichen Zeit erreichten die Mädchen den Feldweg, der zur Straße nach Shilish führte. Im Lauf des Tages war es immer heißer geworden, und die Luft flirrte über dem hellen Staub von Weg und Straße. Eine dichte Hecke aus wilden Rosen und Brombeergesträuch versperrte den Kindern die Sicht nach Süden, aber als sie in die Straße einbogen, sahen sie in etwa hundert Schritt Entfernung eine winzige Gestalt in südliche Richtung wandern, nahe beim Wäldchen, hinter dem der Weg nach Morlak abzweigte – einem Dörfchen knapp außerhalb des freiherrlichen Besitzes.
»Wollen wir schauen, wer die besseren Augen hat und als erster erkennt, wer dort wandert?« schlug Zulhamin vor.
Thalionmel nickte. »Es ist ein Junge«, sagte sie nach einer Weile.
»Woran erkennst du das?« wollte die Jüngere wissen, aber Thalionmel hob nur fragend Schultern und Hände nach Art ihrer Mutter. »Es stimmt, es ist ein Junge«, bestätigte Zulhamin, als sie sich dem Wanderer weiter genähert hatten, »nicht älter als zehn.«
»Und nicht aus Brelak«, fügte die Ältere hinzu.
Nun waren die Mädchen auf knapp siebzig Schritt heran. Plötzlich hüpfte Zulhamin aufgeregt im Sattel auf und ab. »Ich weiß, wer es ist!« rief sie. »Es ist Pagol – ich habe schon wieder gewonnen!«
»Pagol? Der Sattlerssohn aus Morlak?« fragte die Freundin. »Dann hat er gewiß mein Gehänge gebracht – komm, laß uns zu ihm reiten, Falkenauge, er soll mir erzählen, wie es aussieht.«
Die Mädchen trieben ihre Pferde an, doch bevor sie den Abstand zu Pagols schmächtiger Gestalt um weitere zwanzig Schritt verringert hatten, stürmten aus dem Wäldchen links des Weges zwei Burschen hervor und warfen sich sogleich auf den nichtsahnenden Buben. Die Angreifer mochten zwölf oder vierzehn Götterläufe zählen, abgerissene Gesellen alle beide, und stammten nicht aus der Gegend von Brelak – weder Thalionmel noch Zulhamin hatte sie je gesehen.
»Bei Rondra, zwei gegen einen!« entfuhr es Thalionmel, und schon hieb sie ihrem Pferdchen die Fersen in die Flanken.
Die jungen Räuber hatten es offenbar auf Pagols geringe Habseligkeiten abgesehen, denn während der größere von beiden dem am Boden liegenden Jungen den Arm auf den Rücken drehte und seinen Kopf in den Straßenstaub zwang, hockte sich der andere auf Pagols strampelnde Beine und löste mit kundigen Fingern den Gürtel – ein Dolch klemmte ihm zwischen den Zähnen. Verzweifelt versuchte der Sattlerssohn sich den harten Griffen seiner Widersacher zu entwinden, aber je mehr er sich wehrte, um so heftiger wurde er am Schopf gerissen, und um so härter wurde ihm der Arm verdreht. Pagol stöhnte und weinte, aber außer seinen Peinigern und den Mädchen gab es niemanden, der ihn hätte hören können.
Beim Klang des Hufschlages wandten die Strauchdiebe die Köpfe und sahen die Mädchen heransprengen. Der größere von beiden ließ den Kopf des Buben fahren und griff neben sich in den Straßenstaub, der andere hatte plötzlich den Dolch in der Hand; langsam erhob er sich, Pagols Gürtel in der Linken.
»Heda, Gesindel, packt euch!« rief Thalionmel. »Und laß den Gürtel fallen, Bube!« Doch bevor das letzte Wort verklungen war, traf ein Stein ihre Schläfe. Sofort platzte die zarte weiße Haut, und ein rotes Rinnsal floß über Jochbein, Wange, Kinn und Hals, wo es im Ausschnitt des Hemdes verschwand. Bei dem plötzlichen Schmerz war das Mädchen zusammengezuckt und hatte scharf die Luft eingesogen, ihren Ritt jedoch unterbrach sie nicht. Nun war sie auf wenige Schritt heran, brachte ihr Pferd zum Stehen und schwang sich aus dem Sattel. Zulhamin war dicht hinter ihr und sprang behende vom Pferd, bevor die Schwester sie zurückhalten konnte.
»Paß auf, Zulhamin!« rief Thalionmel, als sie sah, daß der größere Bursche wieder nach einem Stein tastete.
Pagol hob beim Klang der bekannten Stimme und des vertrauten Namens ein wenig den Kopf. »Zu Hilfe, Baroneß, helft mir!« wimmerte er. Ein Tritt vors Schienbein ließ ihn aufheulen.
»Soso, ein Adelspüppchen«, knurrte der Bursche mit dem Dolch und näherte sich, Pagols Gürtel fest umklammert, in geduckter Haltung Thalionmel. »Mal schauen, was es bei der zu holen gibt.« Er hielt die Rechte mit der Waffe halb ausgestreckt, bereit, jeden Augenblick zuzustoßen.
Auch sein Kumpan hatte sich erhoben, nun stand er da und wog den Stein unschlüssig in der Hand. »Laß uns abhauen, Rupert, das wird mir zu heiß«, zischte er. Dann warf er, schon halb im Fortlaufen begriffen, den schweren Kiesel nach Zulhamin, die mitten auf der Straße stand und in ihrer Not nicht wußte, was sie tun sollte. Der Stein verfehlte das Mädchen knapp, dennoch schrie sie auf, als das Geschoß ihr dicht am Ohr vorbeizischte.
»Hund, elender!« rief Thalionmel und wollte dem Burschen nacheilen, aber der Bewaffnete verstellte ihr den Weg. Er fuchtelte mit dem Dolch und grinste häßlich; dabei sah man, daß ihm im Oberkiefer zwei Schneidezähne fehlten. Thalionmel rührte sich nicht – breitbeinig, den Oberkörper leicht vorgebeugt und mit geballten Fäusten erwartete sie die Attacke ihres Widersachers; alle Farbe war ihr aus dem Gesicht gewichen. Wie sie so dastand, die Locken zerzaust, die Lippen fest aufeinandergepreßt, die Augen zu schmalen Schlitzen verengt und die Muskeln bebend unter der Anspannung, glich sie einer Wildkatze, die sich zum Sprung bereitmacht.
»Nein, Thalionmel, tu es nicht! Er hat ein Messer!« bat Zulhamin, aber die Schwester schien sie nicht zu hören. Langsam, ganz langsam näherte sie sich dem jungen Burschen, und nun fingen die beiden an, sich mit vorsichtig zögernden Schritten zu umrunden. Keiner ließ den anderen für den Bruchteil eines Wimpernschlages aus den Augen, um nicht die geringste seiner Bewegungen zu verpassen. Der Rupert Genannte hatte immer noch die Lippen geöffnet, aber sein Grinsen war zu einer Maske der Anspannung erstarrt; ein feiner Speichelfaden rann ihm vom Winkel des Mundes. Thalionmels Lippen hingegen sahen aus wie eine dünne, leicht abwärtsgebogene Linie; die zarten Nüstern ihrer gerade geschnittenen Nase blähten sich unter den heftigen Atemzügen.
Pulsuz fraqment bitdi.