Kitabı oxu: «Apotheker Melchior und das Rätsel der Olaikirche»
Indrek Hargla
Apotheker Melchior und das Rätsel der Olaikirche
Tallinn (Reval) im Jahre 1409: Auf dem Domberg wird ein hochrangiger Ordensritter, der von Visby unterwegs nach Marienburg ist, auf grausame Weise ermordet. Alles deutet darauf hin, dass der Mörder vom Domberg in die Stadt geflohen ist. Weitere Morde versetzen die Stadt in Aufregung. Stadtapotheker Melchior Wakenstede sucht gemeinsam mit dem Gerichtsvogt Wentzel Dorn nach der Lösung der Mordserie. Auf seiner Suche nach dem Mörder stößt er auf die unterschiedlichsten Menschen und deren mögliche Motive: auf festlichen Gelagen in der Gilde der Schwarzhäupter, in prächtigen Kaufmannshäusern, im Kloster der Dominikanermönche und in zweifelhaften Kneipen außerhalb der Stadtmauern. Einen zentralen Platz im Geschehen nimmt die gotische St. Olaikirche mit ihren alten mystischen Legenden ein.
Indrek Hargla, geboren 1970 in Tallinn, ist einer der beliebtesten Science-Fiction- und Fantasy-Autoren Estlands. Mit dem vorliegenden Roman hat er sich erstmals dem reinen Krimi-Genre zugewandt und damit seinen bisher größten Erfolg verzeichnet. Inspiration für den Roman fand er in der Geschichte des mittelalterlichen Tallinn und in alten Legenden, die sich um die Stadt ranken. In der Reihe über den Apotheker Melchior sollen in Estland insgesamt mindestens fünf Bände erscheinen. In den bisherigen vier Bänden, die jeweils im Abstand von einigen Jahren spielen, spürt der scharfsinnige Apotheker gefährlichen Mördern nach, die aus verschiedensten Motiven heraus die Sicherheit seiner Heimatstadt bedrohen, sei es aus über Generationen hinweg gehegtem Hass, oder aus bloßer Habgier.
INDREK HARGLA
Apotheker Melchior und das Rätsel der Olaikirche
Ein Hansekrimi
Aus dem Estnischen übersetzt von Uta Kührt
Die Hanse
© e-book Ausgabe CEP Europäische Verlagsanstalt, Hamburg 2014
eISBN 978-3-86393-520-7
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Die Personen
Melchior Wakenstede, Stadtapotheker
Keterlyn Wakenstede, Melchior Wakenstedes Frau
Wentzel Dorn, Gerichtsvogt
Detleff Bockhorst, ein Ratsherr
Henning von Clingenstain, ehemaliger Ordensgebietiger auf Gotland
Jochen, Henning von Clingenstains Knappe
Ruprecht von Spanheim, Komtur
Baltazar Eckell, Dominikanerprior
Bruder Hinricus, Cellerarius im Dominikanerkloster
Bruder Wunbaldus, Laienbruder bei den Dominikanern
Mathias Rode, Pastor der Heiliggeistkirche
Clawes Freisinger, Kaufmann; Oldermann der Bruderschaft der Schwarzhäupter
Burckhart Casendorpe, Goldschmied; Oldermann der Kanutigilde
Hedwig Casendorpe, Burckhart Casendorpes Tochter
Mertin Tweffell, Kaufmann; Oldermann der Großen Gilde; Melchiors Nachbar
Gerdrud Tweffell, Mertin Tweffells Frau
Ludke, Mertin Tweffells Diener
Kilian Rechperger, Sängergeselle; Kostgänger bei Mertin Tweffell
Katrine und Birgitta, Kaufmannstöchter; Freundinnen von Kilian Rechperger
Caspar Gallenreutter, Baumeister aus Westfalen
Rinus Götzer, ehemaliger Schiffer; inzwischen Armenhäusler
Stadtplan Unterstadt
1 Olaikirche
2 Schmiedepforte
3 Dominikanerkonvent
4 Rathausplatz
5 Nikolaikirche
6 Melchiors Apotheke

Stadtplan Domberg
1 Domkirche
2 Kleine Festung
3 Tor
4 Clingenstains Unterkunft
5 Fundstelle der Mordwaffe
6 Dompforte
7 Turm

Inhalt
Vorwort Reval Anno Domini 1409
Prolog 1409, Domberg 15. Mai, später Abend
Kapitel 1 Reval, Raderstraße, Melchiors Apotheke 16. Mai, Morgen
Kapitel 2 Rathaus zu Reval 16. Mai, Morgen
Kapitel 3 Königsstraße, Haus des Goldschmieds Casendorpe 16. Mai, Morgen
Kapitel 4 Revaler Marktplatz 16. Mai, Morgen
Kapitel 5 Dominikanerkonvent 16. Mai, Morgen
Kapitel 6 Melchiors Apotheke 16. Mai, Morgen
Kapitel 7 Beim Kirchgarten der Nikolaikirche 16. Mai, Vormittag
Kapitel 8 Domberg, Kleine Ordensburg 16. Mai, Mittag
Kapitel 9 Raderstraße 16. Mai, Nachmittag
Kapitel 10 Mönchstraße 16. Mai, nach der Vesper
Kapitel 11 Dominikanerkonvent 16. Mai, zwischen Vesper und Komplet
Kapitel 12 Schwarzhäuptergilde, Langstraße 16. Mai, Abend
Kapitel 13 Vor der Stadtmauer, Schenke in Süstermay 17. Mai, Morgen bis Mittag
Kapitel 14 Raderstraße, Melchiors Apotheke 17. Mai, Nachmittag
Kapitel 15 Königsstraße, Meister Casendorpes Haus 17. Mai, nach der Vesper
Kapitel 16 Raderstraße, Melchiors Apotheke 17. Mai, später Abend
Kapitel 17 Raderstraße, Melchiors Apotheke 18. Mai, Nacht
Kapitel 18 Kirchgarten der Nikolaikirche 18. Mai, früher Morgen
Kapitel 19 Dominikanerkonvent 18. Mai, früher Morgen
Kapitel 20 Zwischen dem Dominikanerkonvent und dem Rathaus 18. Mai, später Vormittag
Kapitel 21 Am Schachbrett 18. Mai, früher Nachmittag
Kapitel 22 Schwarzhäuptergilde, Langstraße 18. Mai, Abend
Kapitel 23 Melchiors Apotheke 19. Mai, Nacht
Kapitel 24 Raderstraße 19. Mai, Morgen
Kapitel 25 Dominikanerkonvent 19. Mai, Vormittag
Kapitel 26 Bei der Schmiedepforte 19. Mai, um die Mittagszeit
Kapitel 27 Raderstraße, Haus des Mertin Tweffell 19. Mai, Nachmittag
Kapitel 28 Amtsstube des Gerichtsvogts, am Rathausplatz 19. Mai, Abend
Kapitel 29 Amtsstube des Gerichtsvogts, am Rathausplatz 19. Mai, Abend
Kapitel 30 Kloster zu St. Michael, Brauereischenke 22. Mai, Nachmittag
Glossar
Vorwort
Reval Anno Domini 1409
Zu keiner Zeit war Estland so eng mit Westeuropa verbunden wie im 15. Jahrhundert. Es war die Zeit, als sich die Macht des Ordens endgültig festigte, Städte und Festungen gebaut wurden, Gilden und Klöster aufblühten. Der Zustrom von Siedlern und die Blütezeit der Hanse sorgten für einen regen Schiffsverkehr mit den Häfen in Deutschland und Skandinavien. Noch nie zuvor war Estland so tief in die Kriege der Herrscher Europas um die Vormacht an der Ostsee verwickelt worden. Die Vitalienbrüder, die sich wegen der Streitigkeiten deutscher Fürsten und des dänischen Königshauses zusammengetan hatten, verwüsteten zwar die estnischen Küstengebiete, waren jedoch bei internen Streitereien Verbündete der Dorpater Bischöfe. Die Vitalienbrüder eroberten Visby und machten die Stadt zu ihrem Stützpunkt, bis die Flotte des Ordens 1398 unter Ulrich von Jungingen die Insel zurückeroberte und die Vitalienbrüder von Gotland vertrieb. Visby wurde verwüstet und verlor seine Position im Ostseehandel. Alle Vitalienbrüder, denen es nicht gelungen war, zu fliehen, wurden auf dieselbe grausame Art und Weise hingerichtet, wie sie ihre Gefangenen selbst hingerichtet hatten. 1409 verkaufte der Orden die Insel wieder an die dänische Königin. Bis zur vernichtenden Niederlage des Ordens gegen die Polen bei Tannenberg sollte es noch ein Jahr dauern.
Reval, das heutige Tallinn, sah 1409 bei weitem nicht so aus, wie man anhand der heutigen Altstadt meinen könnte. Reval wurde erst gebaut. Der Stadtplan lag zwar bereits fest, Straßen und Grundstücke gab es, auch das Rathaus stand schon, doch die Stadtmauer, die Türme und Kirchen waren noch nicht fertig. Die Straßen waren jedoch gepflastert, die Ordensfestung auf dem Domberg war eine der mächtigsten in Nordeuropa und das Revaler Wasserversorgungssystem – ein vom Oberen See aus gegrabener Kanal mit einem Wallgraben und drei Wassermühlen – war eine Meisterleistung der damaligen Ingenieurskunst. Der charakteristische Baustil war mit Hilfe vieler ausländischer Baumeister gerade im Entstehen; Reval war dabei, sich zu einem der wichtigsten Häfen des Ordens zu entwickeln, über den Handel getrieben und über den Livland versorgt wurde. Den Wohlstand von Reval oder Livland konnte man zwar nicht mit den Städten Deutschlands oder der Niederlande vergleichen, dennoch wuchs und gedieh die Stadt.
Reval war von Vorstädten und einem breiten Verwaltungsgebiet umgeben, wo das lübische Stadtrecht galt, das heißt, die Macht der Bürger beziehungsweise Kaufleute. Auf dem Domberg galten die Gesetze des Ordens und das Landrecht. Die Beziehungen zwischen der Stadt und dem Orden waren oft kompliziert, doch kam das eine ohne das andere nicht aus. Der Orden sicherte den Frieden im Land und in seinem wirtschaftlichen Zentrum Reval. Die Ordensmacht auf dem Domberg wurde durch den Komtur vertreten.
In alten Revaler Ratsbüchern ist man auf Hinweise gestoßen, dass im Jahre 1409 auf dem Domberg ein hochrangiger Ordensritter, der von Gotland nach Marienburg, in die Hauptstadt des Deutschen Ordens, unterwegs war, unter geheimnisvollen Umständen ermordet worden war. Dies war nicht der einzige Mord, der die Bürger Revals in jenem Frühjahr schockierte. Der Mörder vom Domberg wurde sowohl vom Orden als auch vom Rat gesucht, aber gefasst wurde er nie. So blieben auch die Gründe seiner Bluttaten unbekannt. Jedoch steht in der Gerichtschronik geschrieben, dass ein Revaler Apotheker namens Melchior eines Tages das Rathaus betreten und verkündet habe, er wisse, wer dieser geheimnisvolle Mörder sei und warum diese Verbrechen begangen worden seien. Der Rat hörte den Apotheker nicht an. Er schickte ihn fort – jedoch nicht mit leeren Händen. Melchior erhielt als Entschädigung zehn Mark. War es Schweigegeld? War die Aussage des Apothekers zu heikel, so dass der Rat es vorzog, die Beziehungen zwischen den Kaufleuten der Stadt, dem Orden und den geistlichen und weltlichen Machtinhabern nicht in Gefahr zu bringen? Dies wissen wir nicht und wir werden es nie erfahren. Auch nicht, was den Ratsschreiber dazu bewog, jene Worte in die Revaler Gerichtschronik einzutragen, die allen Forschern bis heute ein Rätsel geblieben sind: »Der Frieden des Herrn sei mit denen, die unserer Stadt Gutes gewünscht haben. Die vor uns lebten, waren Gott näher. Mögen die Gräber schweigen und bleibe bestehen, was von allen am höchsten ist.« Wir wissen nicht, wen Melchior beschuldigt hat oder was aus ihm geworden ist. Der Apotheker Melchior wird in den Ratsbüchern nie wieder erwähnt.
Prolog
1409, Domberg 15. Mai, später Abend
Henning von Clingenstain, der ehemalige Gebietiger des Deutschen Ordens auf Gotland, war sturzbetrunken.
Eigentlich war er schon fünf Tage lang sturzbetrunken, und wenn der hiesige Komtur ihn nicht großzügig bewirtet hätte – aus der Küche der kleinen Festung des Dombergs wurde von früh bis spät Essen aufgetragen –, so wäre er schon längst umgefallen und eingeschlafen. Doch Reval schien eine reiche und freigiebige Stadt zu sein, ganz anders als Visby. Hier in Reval verstand man zu essen und zu trinken. Hier war es Brauch so zu prassen, wie früher das Volk auf den Stadtfesten von Clingenstains Heimatstadt Warendorf geprasst hatte, soweit er sich daran erinnerte. Und der hiesige Komtur von Spanheim schien der König aller Prasser zu sein. Fünf Tage und Nächte lang hatte sich der Tisch unter Bier, Wein und anderen Köstlichkeiten gebogen. Und es wäre Sünde gewesen, das alles abzulehnen. Wie es eigentlich auch Sünde war, sich volllaufen zu lassen und sich vollzustopfen, aber um diese Sünde hatte sich von Clingenstain schon am Nachmittag gekümmert und hatte vor dem Dominikanerprior die Beichte abgelegt. Und natürlich wurde ihm das Prassen und Saufen vergeben, selbstverständlich.
Jetzt aber spürte Clingenstain, dass es tatsächlich genug war, seine Innereien revoltierten, sein Schädel brummte und seine Gedanken waren vollkommen durcheinander. Was Wirklichkeit und was nur das Ergebnis seiner Trunkenheit war, merkte er erst, als er nach einigem Umherirren im Nordflügel des Kastells endlich das Seitenportal fand, durch das man über den Wallgraben von der einen Festung in die andere gelangte, von der kleinen Festung in die große, die Bischofsfestung. Ein Knecht öffnete ihm die Tür und der Ritter schwankte in Richtung seiner Herberge. Verflucht, ich sehe schon Teufel, dachte er. Ein Soldat Christi durfte keine Teufel sehen.
Er trat in die milde Mainacht hinaus und versuchte tief durchzuatmen. Die dunklen Mauern der Festung erschienen ihm wie Schatten aus dem Reich der Dunkelheit, die sich um ihn zusammenzogen. Noch hatte er die fröhlichen Lieder der Musikanten des Komturs im Ohr und in der Festung war das Fest sicherlich noch in vollem Gange. Jetzt aber ragten Pflastersteine aus dem Boden und stellten ihm ein Bein. Der Ordensgebietiger stolperte und stürzte. Wenn er es bis in seine Bleibe schaffen wollte, brauchte er Hilfe.
»Jochen, du Hurensohn!«, brüllte er. Wo steckte sein Knappe nur wieder? Er sollte eigentlich wie ein treuer Hund an der Seite seines Herrn bleiben, nicht aber sich bei den Huren herumtreiben.
»Jochen!«, brüllte er noch einmal. »Ich habe nur gezecht, aber du bist wieder mit einem Waschweib auf den Dachboden gekrochen. Jochen, elender Hurenbock!«
Aber der Knappe war nirgends zu sehen, der Ordensgebietiger von Clingenstain stand allein auf dem Domberg. Auf der anderen Seite des Wallgrabens machten ein paar Ordensdiener ein Feuer, im Hintergrund erhoben sich schwarz die Mauern der Domkirche.
»Morgen lass ich dir das Fell über die Ohren ziehen«, schwor von Clingenstain, rappelte sich auf und tappte weiter. Verdammt, so hilflos war er nun auch wieder nicht! Er kam auch allein zurecht! Er erinnerte sich wohl, wo er untergebracht war, das war nicht weit von hier, ein Haus direkt an der Festungsmauer, er kam schon allein zurecht.
Während er zu seiner Unterkunft stolperte, bemerkte der Ordensgebietiger nicht, dass eine Gestalt aus einer dunklen Mauernische trat und ihm heimlich nachging. Er merkte nicht, dass ihm diese dunkle Gestalt bis zur Haustür folgte und sich dabei tunlichst verborgen hielt. Er merkte auch nicht, dass die Gestalt, als er nach langem Hantieren endlich die Haustüre aufbekommen hatte, neben ihm stehen blieb und den Fuß in die Tür stellte. Er blieb in der großräumigen Diele stehen und blinzelte in die Helligkeit. Jemand – wohl Jochen – hatte die Kerzen des Kandelabers angezündet. Der Ordensgebietiger stützte sich am Kamin ab und nahm dann den Kerzenleuchter vom Tisch: Irgendwo hier musste eine Tür sein, die ins Schlafzimmer führte, wenn er sich recht erinnerte und dort stand ein Bett. Er versuchte sich den Mantel abzustreifen, doch der blieb hängen und von Clingenstain wäre fast zu Boden gestürzt. Wenn doch nur dieser verdammte Knecht hier wäre, um ihm beim Ausziehen zu helfen!
»Jochen!«, donnerte der Ordensgebietiger noch einmal. »Ah, da bist du ja, du Esel!«
Verschwommen nahm er aus dem Augenwinkel wahr, dass jemand zur Eingangstür hereingekommen war. Das musste Jochen sein, wer sonst!
»Das nächste Mal schneid ich dir die Ohren ab! Wo hast du dich herumgetrieben, du Hund?«
Die dunkle Gestalt trat näher an den Ordensgebietiger heran, der kniff die Augen zusammen und ihm schoss gerade noch der Gedanke durch den Kopf, dass Jochen nicht so groß war und keinen solchen Mantel trug, aber das war auch alles, was er noch denken konnte, denn plötzlich ging der Fremde auf ihn los und warf ihn zu Boden. Von Clingenstain stürzte wie vom Blitz getroffen.
»Räubergesindel!«, keuchte er. »Wie kannst du es wagen, du Schuft, ich gehöre dem Deutschen Orden an!«
Der Fremde trat ihm mit dem Fuß gegen die Brust, der Ordensgebietiger krümmte sich vor Schmerz. Der Eindringling zog unter seinem Mantel ein Schwert hervor.
Von Clingenstain spürte, dass er nicht imstande war, sich aufzurichten, geschweige denn zu kämpfen, doch durch die drohende Gefahr und den Schmerz war er schlagartig nüchtern. Beinahe konnte er die Gesichtszüge des Fremden unter der Kapuze ausmachen ...
»Wer, wer ... bist du?«, wollte er wissen.
»Jemand, der dafür gebetet hat, deine dreckige Seele ins Jenseits zu befördern,« antwortete ihm eine dumpfe Stimme.
»Jochen, zu Hilfe!«, rief von Clingenstain, doch sein Hilferuf fiel kläglich aus und war durch die dicken Mauern kaum bis auf die Straße zu hören.
Mit dem Schwert in der Hand packte der Fremde den Ordensgebietiger und hievte ihn auf den Tisch. Der Ritter versuchte sich zu wehren und sich loszureißen, war dem Eindringling jedoch nicht gewachsen.
»Was willst du?«, brachte er schließlich hervor.
»Gerechtigkeit«, lautete die Antwort. Der Mann drückte mit der einen Hand von Clingenstain auf den Tisch, mit der anderen umfasste er das Schwert noch fester. »Du sollst dich im Dreck wälzen und vor Angst um Hilfe flehen. Du sollst sterben, ohne deinen Frieden mit Gott gemacht zu haben und sollst alle deine Sünden mit ins Grab nehmen. Zur Hölle mit dir, von Clingenstain!«
Ist das nun mein Tod? ging dem Ordensgebietiger durch den Kopf. Ein solcher Tod, nicht auf dem Schlachtfeld mit dem Schwert in der Hand, sondern hier in Reval im Hause eines gewöhnlichen Stadtbürgers, noch dazu sturzbetrunken und durch das Schwert eines Räubers! Heilige Jungfrau Maria, so hätte ich doch nie und nimmer sterben wollen! Nicht hier und jetzt, das habe ich nicht verdient ... Sein Verstand war klar, doch der Körper gehorchte ihm nicht.
»Wer bist du?«, fragte er noch einmal.
Statt einer Antwort hielt der Fremde ihm etwas vors Gesicht. Erst erschien der Gegenstand verschwommen, aber schließlich sah Clingenstain ihn deutlich. Und er sah auch, wie der Fremde seine Kapuze zurückschlug. Dieses Gesicht ... dieses Gesicht ... und der Gegenstand in seiner Hand, das war doch ...! Das war unmöglich! Er erkannte das Gesicht, ja, jetzt erkannte er es.
Doch Clingenstains Zeit war vorbei. Das spürte er deutlich, er fühlte sich schwach und hilflos. Und vor seinem geistigen Auge sah er sogar für einen Moment, wie die Heiligen ihm von der Himmelspforte aus gleichgültige Blicke zuwarfen. Ja, sagten diese Blicke, hier und jetzt, Henning von Clingenstain, gerade hier und gerade jetzt zu sterben, das ist dein Schicksal, und das können wir nicht aufhalten.
Der Fremde packte Clingenstain fest beim Kinn und riss ihm den Mund auf. Ein heftiger Schmerz durchzuckte Clingenstains Körper, als der Fremde ihm den Gegenstand in den Mund stopfte, den er ihm gerade vors Gesicht gehalten hatte.
»Genau so muss es sein!«, sagte der Mann. »Nicht einmal um Gnade sollst du bitten können! In der Hölle sehen wir uns wieder!«
Er rammte den Kopf des Ritters gegen den Tisch, hob mit beiden Händen das Schwert und schlug zu.
Henning von Clingenstain spürte, wie das Schwert auf seinen Hals niederkrachte. Er spürte sogar, wie der Schlag ihm den Halsknochen durchtrennte. Der Schmerz war unerträglich, doch nichts verglichen mit dem, was ihn noch erwartete.
Kapitel 1
Reval, Raderstraße, Melchiors Apotheke 16. Mai, Morgen
Der Revaler Apotheker Melchior Wakenstede war gerade vom Frühstückstisch aufgestanden, wo ihn seine geliebte Keterlyn mit frisch gebackenem Brot und einer ordentlichen Scheibe Schweinespeck verwöhnt hatte. Nun betrat er den Vorraum seines Hauses – der Revaler Apotheke –, wo ihn ein ganz gewöhnlicher Arbeitstag erwartete. Er würde sich anhören, wie die Stadtbewohner ihm neue Krankheiten und alte Beschwerden schilderten, er würde ein paar Dutzend Gerüchte hören und Arzneien, Süßigkeiten und einige Becher seines guten Apothekerschnapses verkaufen. Er würde Notleidende und Kranke sehen, aber auch Gesunde, die einfach so in die Apotheke kamen, um zu schwatzen, das Neueste zu hören und süßes Gebäck oder Aniskonfekt zu naschen. Melchior erfüllte seine Pflicht und war dabei zufrieden und glücklich, wie er es an der Schwelle zu seinem einunddreißigsten Lebensjahr mit dem Segen seines Schutzheiligen und zur Freude seines tüchtigen Vaters – ruhe er in Frieden zur Rechten der Heiligen Jungfrau – wohl sein sollte.
Melchior Wakenstede war in Lübeck geboren, von wo sein Vater vor über zwanzig Jahren nach Reval umgezogen und in dieses neue Land gekommen war, das vor noch gar nicht so langer Zeit den Heiden abgerungen und der Jungfrau Maria geweiht worden war. Noch aus der Kindheit erinnerte sich Melchior an die Geschichten der alten Krieger, die manchmal in die Apotheke seines Vaters gekommen waren, um Salbe für ihre schmerzenden Glieder zu kaufen, Geschichten davon, wie sie hierzulande gegen die Heiden gekämpft hatten, als deren Streitmächte Reval umzingelt hatten. Inzwischen war das alles schwer zu glauben, denn zahllose Enkel dieser sogenannten Heiden kamen Tag für Tag in seine Apotheke und auch seine geliebte Gemahlin Keterlyn stammte schließlich von dem Geschlecht ab, das seit ewigen Zeiten hier im Lande lebte. Und selbst wenn sie auch ihr Brot nicht genau so backten oder ihr Bier nicht genau so brauten wie in Thüringen oder Westfalen, so gingen sie jetzt doch jeden Sonntag in die Kirche wie alle anständigen Christenmenschen.
Melchior Wakenstede fühlte sich in Reval zu Hause, an Lübeck erinnerte er sich kaum. Er war der einzige Apotheker hier in der Stadt, wie es auch sein Vater gewesen war. Melchior liebte Reval. Er hatte einen Eid geschworen, die Stadt mit seinen Arzneien zu heilen, jedem Notleidenden zu helfen und Beschwerden zu lindern. Er wurde auch der Koch des Arztes genannt, in Wirklichkeit war er aber ein bisschen mehr als das. Von gleichem Stand wie die Kaufleute, von gleicher Bildung wie ein Pfarrer oder ein Syndikus, war er in der Stadt ein angesehener Mann, den sowohl die Ratsherren, die Adligen als auch die Ritter respektvoll behandelten.
Jetzt, an diesem schönen Frühlingsmorgen, kam er aus der Küche in die Apotheke, öffnete die Eingangstür weit und ließ die frische Meeresluft herein. Sein Haus war klein, doch ein größeres hatte sich sein Vater nicht leisten können. Im Erdgeschoss in der Diele war die Apotheke, so wie bei den Kaufleuten der Laden, von der Diele gelangte man in seine Wohnung und von dort führte ein schmaler Durchgang in die Küche. Schon sein Vater hatte den Raum zu einer sogenannten Hexenküche umgebaut. Um die Feuerstelle herum standen Pressen mit Hebeln und Retorten, dort braute und mischte Melchior seine Arzneien. Im ersten Stock waren seine Lagerräume voller Holzkisten, wo er getrocknete Heilpflanzen aufbewahrte. In der Apotheke hatte er einen großen Tisch, und an den Wänden standen Regale, in denen sich Glasgefäße mit Tinkturen, Ölen, Mixturen sowie Mörser aneinanderreihten. Da jeder Apotheker ein bisschen geheimnisvoll sein und den Leuten seine Auserwähltheit demonstrieren musste, hatte Melchior über dem Tisch ein kleines ausgestopftes Krokodil an die Decke gehängt, das zehn Mark gekostet hatte und, wie ihm der verschmitzte Händler versichert hatte, ein echtes ägyptisches Krokodil sein sollte. Die Leute schienen es jedenfalls zu glauben.
Melchior war hellhäutig, mittelgroß und eher hager, hatte einen kantigen Körperbau und einen schwankenden Gang. Seine schütteren Haare lagen eng am Kopf an, auch dann, wenn er sie an den Seiten länger wachsen ließ und unterhalb der Ohren abschnitt. Seine grauen Augen schienen jederzeit Frohsinn und gute Laune auszustrahlen, Melchior lachte gerne laut über die Späße anderer Leute und sein Lachen war dabei kindlich und vertrauensvoll. Vielen schien, dass er ständig freundlich und gutgelaunt war – ein Apotheker durfte schließlich nicht mürrisch und abweisend sein –, doch manche hatten ihn auch in jenen Momenten gesehen, in denen über sein schüchternes Gesicht ein finsterer Schatten fiel. Dies waren die Augenblicke, in denen er glaubte, dass ihn niemand beobachtete, und dann schien in seinen Augen eine tiefe Beklemmung auf, eine drückende und schmerzhafte Angst. Doch dann schüttelte er dieses Gefühl ab und war wieder der fröhliche Revaler Apotheker, jedermanns Freund und treuer Helfer.
Es war noch früh, die Stadt erwachte gerade. Melchior setzte sich und sah in seinen Notizen nach, wer heute welche Arznei abholen würde. Hier standen seine Gläser und Mörser, seine Mixturen und getrockneten Kräuter, hier war seine Welt. Aus ihr gab es kein Entrinnen, selbst wenn er es gewollt hätte. Melchior knotete ein Säckchen mit getrocknetem, geraspeltem Knoblauch auf, nahm starken Spiritus vom Regal und stellte ihn vor sich hin. Daraus würde er heute eine Halsarznei für die Bäckersfrau herstellen, obwohl er natürlich viel mehr verdienen würde, wenn er den Gebrannten mit Kräutern mischte und diesen zum Beispiel seinem guten Freund, dem Gerichtsvogt Wentzel Dorn, gegen Bauchschmerzen vorsetzte.
Doch gerade als Melchior den Knoblauch in den Mörser schüttete, drang leise Musik herein. Er lugte durch die offene Tür auf die Straße und sah, dass Kilian Rechperger, der Kostgänger des Kaufmanns Mertin Tweffell, aus dem Nachbarhaus über die Raderstraße gekommen war, sich auf den Brunnenrand gesetzt hatte und auf seiner Laute spielte.
Der Junge war wohl noch keine siebzehn Jahre alt, doch soweit Melchior wusste, war er bereits in mehreren Städten im Ausland in der Sangeskunst unterrichtet worden. Nach Reval war er mit der Bürgschaft seines Vaters gekommen, weil der alte Kaufmann Tweffell zufällig ein Verwandter der Rechpergers aus Nürnberg war. Seit vergangenem Sommer wohnte Kilian als Kostgänger im Hause des Oldermanns der Großen Gilde, sang bei Festen in der Stadt, und besonders oft traf man ihn bei den Schwarzhäuptern, wo in der letzten Zeit kein Festessen stattgefunden hatte, ohne dass Kilian dort seine übermütigen Lieder gesungen hätte. Kilian stellte sich gewöhnlich als Schulfreund vor, da man so die Wandergesellen seiner Nürnberger Sängergilde nannte, die in die Ferne zogen, um die Kunst der Musik zu erlernen. Melchior musste sich eingestehen, dass ihm Kilians Musik gefiel. In ihr waren die Wärme südlicher Gefilde zu spüren, Kilian spielte Melodien und Weisen, die die Revaler Musiker nicht kannten, und seine Stimme war klar und rein, wohlklingend und warm. Was auch nicht unbemerkt an einigen jungen Mädchen vorbeigegangen ist, dachte Melchior. Und runzelte die Stirn.
Melchior fuhr mit der Zubereitung der Hustenmixtur fort und sah, wie sich die Tür des Nachbarhauses öffnete und Gerdrud, die junge Frau des Kaufmanns Tweffell, aus dem Haus trat. Und dem Apotheker schien es, als hätte der Sängerbursche auf gerade diesen Moment gewartet. Melchior nahm den Mörser und setzte sich etwas näher an das offene Fenster. Neugier war nun einmal das Laster aller Apotheker.
Gerdrud, die vielleicht ein oder zwei Jahre älter als Kilian, aber mindestens vierzig Jahre jünger als ihr Gemahl war, trug einen Marktkorb unter dem Arm und nickte Kilian zur Begrüßung höflich zu. Der junge Mann sprang vom Brunnenrand und verneigte sich.
»Guten Morgen, Kaufmannsherrin«, rief er fröhlich. »Einen schönen Frühlingsmorgen wünsch ich Euch! Seht Ihr, welch ein wunderbarer und gesegneter Tag uns geschenkt wurde, es wäre geradezu Sünde, ihn nicht mit einem schönen Lied zu begrüßen.«
Die junge Frau blieb stehen und antwortete aufgeweckt: »Guten Morgen, Kilian Rechperger. Wunderbar ist dieser Tag aber nur für diejenigen, die ihn mit Gesang und Lautenspiel verbringen können. Für andere ehrliche Stadtbürger gleicht er allen anderen Tagen, ist voller Arbeit und Mühsal.«
Kilian spielte eine schnelle und unglaublich komplizierte Melodie und entgegnete dann: »Aber meint Ihr denn wirklich, Herrin Gerdrud, dass Gesang und Lautenspiel nur aus Gottes Gnade entstehen und man dafür nicht arbeiten und sich anstrengen muss?«
»Alles geschieht aus Gottes Gnade«, sprach die junge Frau. »Singen kann ich auch, aber meine Arbeit und die Erledigungen nimmt mir niemand ab. Dem einen ist der Tag zum Musizieren gegeben, dem anderen, um sein täglich Brot zu verdienen.«
»Onkel Mertin ist wohl reich genug, dass sich seine Frau nicht den lieben, langen Tag wie ein Waschweib abrackern muss. Ihr habt doch noch Ludke im Haus, und die Hauswirtin ...«, sagte Kilian spitzfindig, doch Gerdrud unterbrach ihn verärgert.
»Was schwatzt du da, Kilian Rechperger! Es ist nicht deine Sache zu entscheiden, wie der Oldermann seinen Haushalt zu regeln hat. Du bist bei uns nur Kostgänger.«
»Auch ein Kostgänger hat Augen im Kopf. Ich sehe doch, wie die Dinge hier in Reval gehandhabt werden und wie bei uns in Nürnberg! Wie der Vetter meines Großonkels seiner hübschen Gattin Arbeiten aufbürdet, für die man eigentlich drei Dienstmädchen bräuchte und für deren Bezahlung der alte Geizhals sehr wohl Geld hätte!«
Ein dreister Kerl, dachte Melchior, wie er das Gespräch vom Fenster aus verfolgte. Dreist, aber er wagt es, die Wahrheit auszusprechen. Tweffell, den Oldermann der Großen Gilde, konnte man wirklich weder der Geldverschwendung noch der Prasserei bezichtigen. Seine junge Gemahlin – abgesehen davon, dass sie dem Kaufmann auf seine alten Tage eine Augenweide war – verrichtete tatsächlich mehr Hausarbeiten als so manch andere reiche Kaufmannsfrau hier in der Stadt. Der Diener Ludke und die alte Hauswirtin waren in Tweffells Haus die einzigen Angestellten.
Gerdrud rief nun noch verärgerter: »Sei nur still, Kilian, hör sofort mit dem dummen Geschwätz auf! Wenn dich Ludke hören würde, würde er sofort alles dem Herren Tweffell weitererzählen.«
Der Bursche trat etwas näher an sie heran, legte den Kopf schräg und fragte spitzbübisch: »Aber Ihr erzählt es nicht weiter, Herrin Gerdrud?«
Gerdrud reagierte befangen. »Ich ... ich muss weiter. Ich habe es eilig,« sagte sie.