Kitabı oxu: «Kindheit D»
Inhalt
Die Briefbombe
Nummer fünf
Sicherheitsrisiko
Am Richterberg
Deutscher Frühling, deutscher Herbst
Familienkummer
Das Waldfreibad
Große Ferien
Onkelpferde
Weihnachten und Stacheldraht
Monopoly
Unglückstage
Zurück in die Steinzeit
Das Rennpony
Lourdes
Der Anruf
Smauri
Der Ernst des Lebens
Komplimente
Das Turnier
Aufbruch
Epilog
Impressum
Die Briefbombe
Meine Mutti weinte. Sie saß auf dem Sofa und zitterte. Das zerknüllte Taschentuch in ihrer kleinen, schmalen Hand mit den rosa lackierten Fingernägeln verhieß nichts Gutes. Wenn meine Mutti weinte, musste etwas Entsetzliches passiert sein.
Ich war noch ganz klein. So klein, dass ich meinen Namen nicht schreiben konnte und viele Dinge nicht verstand. Alle Menschen um mich herum waren riesengroß. Besonders diese Männer, die in unserem Wohnzimmer und im Flur herumliefen und so ganz anders aussahen als unser Milchmann, der im grauen Stallanzug die Milch an unserer Haustür ablieferte, damit ich Kaba trinken konnte, während ich die Sesamstraße schaute. Ich liebte Bibo und Ernie und Bert.
Heute lief bei uns keine Sesamstraße. Meine Hand fasste vorsichtig nach Muttis Arm. Ich streichelte über ihren messingfarbenen, selbstgehäkelten Pullover mit den dunkelblauen, langen Fransen.
Meine Mutter strich mir über das Haar und sagte: „Sei lieb, Ines, das sind die vom Bundeskriminalamt. Sie versuchen, uns zu helfen.“
Dann weinte sie weiter.
Ich beobachtete die Männer, die ganz normale Kleidung anhatten, so wie die meisten Leute da draußen. Da draußen war etwas, das ich nie allein sehen durfte. Draußen war gefährlich. Das hatte ich gelernt – so wie das Zählen bis zehn. Nach draußen durfte ich nie alleine, und nur die Polizisten waren meine Freunde. Da draußen liefen böse Männer herum, die kleine Kinder in Autos zerrten. Papa und Mutti hatten es mir erklärt: Wenn jemand es schaffte, mich in ein Auto zu zerren, dann nannte man das Entführung. Meine Mutti und mein Papa waren dann ganz weit weg. Die Vorstellung war für mich genauso schlimm wie die, dass meiner Schwester etwas zustoßen konnte.
Mir war etwas Trauriges passiert: Bevor ich in die Schule kam, war mein Vater ein Mann geworden, den andere Leute da draußen so hassten, dass sie ihn töten wollten. Ich wusste, was tot ist. Meinem Meerschwein war so etwas passiert. Man sah sich nie wieder, man war nicht mehr da. Meine Mutti hatte es mir erzählt, an dem Tag, an dem ich die große neue Puppe mit den Klappaugen bekommen hatte. Mein Papa war Terroristenjäger. Das war etwas ganz Schlimmes für mich. Zum Trost hatte ich die riesige Puppe von meiner Mutti geschenkt bekommen. Sie hatte langes, blondes Haar, ich nannte sie Birgit. Ich hatte sie zum Spielen, denn mit anderen Kindern konnte ich nicht spielen. Die waren draußen, und ich blieb bei meiner Mutti. Ich verstand: Wenn man in den Kindergarten ging, wurde man entführt.
Die Männer vom Bundeskriminalamt brachten es meiner Mutter schonend bei: Unsere Sicherheit war nicht ausreichend. Die Männer ließen unsere Rollos hoch und wieder runter, ein Techniker im Blaumann hatte unseren Telefonhörer in der Hand. Meine Mutti bot den Männern Kaffee an, sie schüttelten den Kopf.
Das Gesicht meiner Mutti war vom vielen Weinen ganz angeschwollen. Der Puder war verlaufen, er klebte jetzt im Taschentuch.
Vor unserer Haustür war noch mehr los. Polizisten über Polizisten, noch mehr als sonst.
„Was ist passiert, Mutti?“, wisperte ich, eingeschüchtert von all den fremden Menschen um mich herum.
Sie schaute zu mir herunter und schluchzte. „Wir hatten eine Briefbombe vor der Haustür. Von der RAF.“
Ich verstand die Welt nicht mehr. Eine Bombe in einem Brief? Vor unserer Haustür?
„Ist das sehr gefährlich?“, fragte ich.
Meine Mutter brach wieder Tränen in aus. „Kind, bitte geh nach oben in dein Zimmer. Du bist noch zu klein.“
Ich begann laut zu schreien. Meiner Mutti könnte etwas passieren, wenn ich nicht bei ihr war. Ich klammerte mich an ihren Arm und plärrte los: „Ich will bei dir bleiben. Ich hab Angst. Hilfe!“
Einer der Männer vom BKA sah mich merkwürdig an. „Bei dem Geschrei können wir nicht arbeiten”, sagte er in dem typischen rheinischen Tonfall.
„Entschuldigung“, entgegnete meine Mutter. „Die Kleine ist immer so.“
Sie führte mich in die Küche und drückte mir meinen Zeichenblock und die Wachsmalkreide in die Hand. „Hier, mal was!“
Unser Hund kam zu mir in die Küche getapst. Meine Mutti verschloss die Tür.
Ich malte und hörte von draußen durch das Fenster die fiepsenden Geräusche von Funkgeräten und die Schritte schwerer Stiefel auf dem Steinplattenweg vor dem Reihenhaus. Das klang immer so vor unserer Haustür. Da standen Tag und Nacht vier Polizisten in Uniform mit umgehängten Maschinenpistolen.
Unsere Nachbarn konnten uns nicht leiden, denn auf der Straße parkte ständig ein grüner Polizeibus. „Grüne Minna“, nannte meine Schwester das Ding, in das ich nicht hineindurfte. Die Polizisten durfte ich nicht ansprechen, es sei denn, sie fragten mich etwas. Sie waren nicht zum Spielen da, sondern zum Schutz.
Ich wusste nicht, wer die RAF war, aber meine Schwester, die schon auf das Gymnasium ging, Blockflöte spielen konnte und Latein lernte, hatte es mir erklärt: Ich sollte mich vor allem vor Männern in Acht nehmen, die einen Parka und Lederboots trugen und Bärte hatten. Ich hörte aufmerksam zu. Es gab Terroristen, und die mochten uns nicht. Deshalb musste ich zu Hause bleiben und durfte auch nicht mehr zu den Nachbarn in den Garten.
Das war die Ansage, die ich bekommen hatte, als mein Papa befördert worden war: Es gab diese bösen Männer da draußen, und mein Vater war damit beauftragt, sie zu jagen. Sie sollten ins Gefängnis, damit da draußen nichts Böses mehr passierte.
Dass meine Mutti so weinte, war nichts Ungewöhnliches. Meine Mutter, die so gerne mit mir malte und mir so oft sagte, wie lieb sie mich hatte, war dagegen gewesen, dass mein Papa Terroristen jagte. Sie hatte Angst. Entsetzliche Angst.
Sie schrie meinen Vater an, weil sie so unendlich enttäuscht war. Er hatte ihr versprochen, dass er keine Terroristen jagen wollte und meiner Mutter nichts davon erzählt, bis plötzlich vor unserer Haustür die grüne Minna parkte.
„Wie kannst du uns das antun“, schrie meine Mutti meinen Papa an. „Du hast unser Leben zerstört. Deine Karriere ist ja ein Albtraum.“
Ich saß damals auf dem Treppenabsatz in der oberen Etage und hörte zu, wie meine Eltern sich stritten.
„Ich habe das Recht auf meine Karriere“, brüllte mein Vater durchs Haus.
„Und deine Kinder? Was soll aus deinen Kindern werden?“
Mein Vater schwieg. Ich sah es, er hatte Tränen in den Augen.
Eine Tür schlug zu. „Ich lasse mich scheiden und nehme die Kinder mit“, schluchzte meine Mutter im Flur.
„Papa“, sagte ich, „schrei nicht so rum. Ich hab' Angst.“
Er sah aus dem Fenster und schwieg.
Ich versuchte es noch einmal. „Papa, was ist denn los?“
„Wenn Erwachsene miteinander reden, hast du nichts zu sagen. Geh hoch in dein Zimmer“, rief er. Er setzte sich aufs Sofa und sagte kein Wort mehr.
Eigentlich sagte er nie etwas zu mir. Er war ja auch nie zu Hause. Ich wusste kaum etwas über ihn. Als ich noch ganz klein war, hatte er mir ein Malbuch geschenkt mit einem Zwerg vorne drauf, und ich hatte es sehr gern gehabt. Mein Vater aß gerne Tomatensalat und frische Birnen, aber es kam nicht oft vor, dass wir gemeinsam am Abendbrottisch saßen. Und auch dann sprach er kaum mit mir.
Ich verstand diesen Streit nicht. Ich hasste es, wenn meine Mutti weinte. Ich hatte sie doch so lieb. Ich lief zu meiner Mutti und sagte es ihr. Sie lächelte mich an und putzte sich die Nase. Sie erlaubte mir sogar, den Hund mit in mein Zimmer zu nehmen. Unser Hund war aus China, ein Chihuahua, und hatte eine lilafarbene Zunge. Ich bürstete ihm immer das Fell.
Wenn meine Eltern sich stritten, krachte es immer entsetzlich. Dann schrien sie sich an wie irre. Irgendwann war es dann wieder vorbei. Ich wusste das und wartete einfach ab. An dem Tag, als die Grüne Minna vor unserem Haus parkte, hatte ich Glück, weil meine Schwester Evi ins Zimmer kam und mit mir spielte. Sie war schon ein Teenager und sollte das Abitur machen. Mein Papa wollte, dass sie Rechtsanwältin wurde wie er. Sie war so gut in Mathe, dass sie anderen Kindern Nachhilfeunterricht geben konnte.
Meine Mutter ließ sich nicht scheiden. Meine Eltern vertrugen sich auch dieses Mal wieder, und meiner Mutti blieb nichts anderes übrig, als sich damit abzufinden, dass unser Vater Terroristen jagte. Aber meine Mutter hatte etwas Trauriges erfahren: Meinem Vater war seine Karriere wichtiger als seine Familie. Mein Vater wollte nichts anderes als Terroristen jagen, und wenn ich nicht aufpasste, würde mich jemand umbringen. Dann war ich so tot wie mein Meerschwein und die Schildkröte meiner Cousine Helga, die so gut malen konnte und die Beatles auf Schallplatte liebte. „Mausetot“. Das verstand ich. Mein Meerschweinchen hatte aus Versehen mit Spritzmittel vergifteten Kopfsalat gefressen und war daran gestorben.
Was eine Briefbombe war, erklärte mir meine Cousine Helga, die fast zehn Jahre älter war als ich. Sie lebte mit uns unter einem Dach, nachdem ihre Eltern bei einem Unfall ums Leben gekommen waren. „Wenn eine Bombe im Brief ist, und du den aufmachst, dann explodiert dir alles vor der Nase. Dann ist die Hand ab oder der Arm, oder du fliegst ganz in die Luft.“
Ich weinte vor Angst.
Helga beruhigte mich. „Du gehst doch eh nie an den Briefkasten!“
„Und Mutti ...?“
Genau das war das Thema an diesem Tag beim Abendessen. Die Post wurde jetzt, wenn der Briefträger kam, kontrolliert. Meine Mutti hatte entsetzliche Angst und beschloss, in Zukunft keine Versandhauskataloge mehr zu bestellen. Sie fand es zu gefährlich.
Mein Vater redete ihr gut zu. Sie hätte doch jetzt noch mehr Polizei vor der Tür, und das wären extra ausgebildete Antiterrorismuspolizisten, die die Tricks von Terroristen kannten, und sie würden dafür sorgen, dass nichts passiert.
An diesem Abend machte mir meine Mutti ein Butterbrot mit einem gekochten Ei darauf in Scheiben und erklärte mir, dass ich mir, wenn ich es so sehr wollte, zu meinem Geburtstag ein neues Meerschweinchen wünschen dürfe. Sie sah an diesem Abend besonders schön aus. Ihre hellblauen Augen strahlten uns an, ihr blondes Haar war schick nach hinten frisiert, und sie hatte eine wunderschöne Bernsteinkette um den Hals gelegt. Mutti war dünn und ziemlich groß, so groß wie Papa. Früher einmal hatte sie als Model Kleidung vorgeführt, und darauf war sie immer noch stolz.
Ich strahlte. Helga wollte auch ein Schwein. Meine Mutti nickte. Sie sollte auch eins haben.
Nummer fünf
Der Ausflug ins Tiergeschäft war schon ein Fest an sich. Ich durfte mir von der riesigen Menge Meerschweinchen eins aussuchen. Ich fand sie alle so schön. Schließlich zeigte ich auf ein weißes Schweinchen mit Löckchen und roten Augen. Es hatte besonders laut gequietscht.
Die Verkäuferin sagte: „Weibchen, Albino und Rosettenschwein.“
Helga entschied sich für ein braun-weiß geflecktes Glatthaarschwein. Ich nannte mein Schweinchen Astrid und Helga das ihre Billy. Astrid und Billy wurden eingepackt und fuhren mit uns nach Hause. Sie waren jetzt die Haustiere vom Terroristenjäger.
Ich liebte mein Schweinchen. Leider biss Billy Astrid ganz schlimm, so kam sie in einen eigenen Käfig. Astrid knabberte trockenes Brot und schaute mit mir die Sesamstraße. Unser Hund ignorierte sie. Mit Meerschweinchen spielte er nicht. Und meine Puppe Birgit hatte Pech, Astrid ging von nun an vor.
Meine Mutti hatte an meinem Geburtstag eine Überraschung für mich. Sie hatte mir einen rosa Pullover gehäkelt, und dazu genau so einen für meine Puppe. Ich war so glücklich wie noch nie. Meine Schwester und meine Cousine lächelten wohlerzogen. Ich hatte mir eine Kekstorte gewünscht, und weil es die nirgends zu kaufen gab, hatten Evi und Helga heimlich eine für mich gemacht. Sie hatten die Kekse und Schokolade in die Form geschichtet und das Ganze im Kühlschrank versteckt, bis die Schokolade fest wurde und an den Keksen klebte.
Meine Omi aus Kiel hatte meiner Mutti Geld geschickt, damit ich neue Rollschuhe bekam. Ich schnallte sie mir um, und wenn ich mich auf unserer Terrasse am Zaun festhielt, fiel ich auch nicht hin. Draußen durfte ich nicht fahren, das war zu gefährlich.
Dass mein Vater an meinem Geburtstag nicht da war, verstand sich von selbst. Weil ich es nicht anders kannte, dachte ich darüber nicht nach.
Mein Vater brachte mir bei, auf keinen Fall etwas zu tun, was er nicht wolle. Er erklärte es mir so: „Da draußen sind ganz böse Menschen. Du bleibst gefälligst immer bei Mutti. Sonst kannst du was erleben!“
Mit meinem Vater war nicht gut Kirschen essen, wenn ihm etwas nicht gefiel. Er kam immer mit irgendwelchen Akten nach Hause, an denen er arbeitete, und manchmal, wenn er gute Laune hatte, brachte er uns Kindern Süßigkeiten mit. Schokokugeln im Riegel, die mochte ich besonders gern. Doch er war fast nie da.
Am Morgen, nach dem Aufwachen, war ich oft traurig. Früher, bevor mein Vater Terroristenjäger wurde, hatte ich keine so große Puppe gehabt, die ihre Wimpern auf- und zuklappen konnte und nicht so viele Farbstifte und Teddys. Dafür war meine Mutti lustig und vergnügt gewesen. Jetzt lachte meine Mutter nicht mehr. Sie schaute oft einfach still vor sich hin. Ich sagte dann auch nichts.
Manchmal versuchte sie mich aufzupäppeln. Sie nahm auf dem Sofa Platz und spielte mit mir Puppen, dann drückte sie mich an sich und flüsterte mir ins Ohr: „Du bist mein kleiner Liebling. Wer dir nur ein Haar krümmt, kriegt es mit mir zu tun.“
Ich lächelte glücklich, denn meine Mutti hatte mich so lieb.
Wir hatten immer so viel Spaß gehabt, früher. Wir lebten in Bonn. Meine Schwester und meine Cousine waren morgens in der Schule, wenn meine Mutti mit mir auf dem großen Roller zum Einkaufen fuhr. Unser Chihuahua lief an der Leine nebenher. Wenn wir alle Lebensmittel eingepackt hatten, hängten wir die Tüten über den Lenker und schoben den Roller nach Hause. Einmal riss unser Hund den Roller um, und wir fielen mitsamt den Tüten auf die Straße. Der Joghurtbecher war kaputtgegangen und alles klebte. Es machte uns nichts aus, wir lachten darüber.
Wenn ich besonders brav gewesen war, hatte meine Mutti immer eine Überraschung für mich. Es gab auf dem Rückweg vom Supermarkt einen Automaten, der vor einer Hecke aufgestellt war. Ich liebte die Kaugummikugeln, die es dort gab. In einigen Kugeln waren kleine Prinzessinnenringe aus Plastik versteckt. Meine Mutti wusste ganz genau, dass ich unbedingt so einen Ring wollte. Wir hielten vor dem Automaten, warfen Geld ein und ich drehte. Ich war so glücklich, als ich meinen Prinzessinnenring in der Hand hielt, und steckte ihn mir gleich an den Finger. Ich wollte ihn gar nicht mehr abziehen, nicht mal nachts. Auch Evi kannte meine Vorliebe für die Kaugummikugeln. Immer wenn ich mal hinfiel oder irgendetwas passierte, ging sie zum Kaugummiautomaten und zog mir eine Kugel.
Es war immer alles so schön und friedlich damals. Meine Mutti hatte mit uns Trickfilme im Kino angeschaut. Im Sommer fuhren meine Eltern sonntags mit uns an die Mosel, damit wir baden konnten. Und im Winter zog meine Mutti mich mit dem kleinen roten Schlitten die verschneite Straße hinab, und ich jauchzte vor Vergnügen.
Das war jetzt alles vorbei. Wir blieben jetzt fast immer zu Hause, und wenn wir unterwegs waren, hatten wir Angst. Auf der Terrasse durfte ich spielen und in unserem kleinen Garten auch, aber das machte nicht so viel Spaß wie früher.
Wenn Kinder aus der Nachbarschaft, die mit mir spielen wollten, an der Tür klingelten, sagte meine Mutti „nein”. Bald klingelte kaum noch jemand bei uns an der Tür. Die Kontrolle durch die Polizisten schreckte die Nachbarskinder ab. Sie nannten mich „Terroristenkind“. Und die Eltern dachten, ihre Kinder würden entführt, wenn sie zu uns nach Hause kämen. Pech gehabt!
Es gab einmal einen Spielfreund, der um einiges älter war als ich, aber der durfte dann auch nicht mehr kommen. Er war meiner Mutti zu wild. Er hatte von ihr die rote Karte bekommen, nachdem ich beim Spielen mit ihm so schlimm verletzt wurde, dass ich ins Kinderkrankenhaus gefahren werden musste. Es hatte alles ganz harmlos angefangen. Mein Spielfreund und ich spielten Karneval, ich war das Tanzmariechen. Er nahm mich an den Händen und schwenkte mich durch die Luft. Ich weiß auch nicht, warum ich seine Hände losließ. Ich schlug direkt mit dem Kopf auf den Boden, musste kotzen und hatte eine Riesenbeule am Kopf.
Der Arzt sagte meiner Mutter im Kinderkrankenhaus: „Die Kleine hat eine Gehirnerschütterung. Die Beule kühlen und drei Tage Bettruhe.“
Meine Mutti war entsetzt, und mein Vater schimpfte, dass ich schlechten Umgang hätte. Ich war doch noch so klein, und man durfte doch seine Tochter nicht einfach so durch die Luft werfen. Meine Mutter sprach mit der Mutti des Jungen, und er entschuldigte sich. Danach durfte er kaum noch zu uns, höchstens mal, um mit mir mit Wasserfarben zu malen. Alles andere konnte er vergessen. Auf den Spielplatz durfte ich sowieso nicht mehr.
Mir war langweilig. Zu Hause war nicht viel los. Meine Schwester Evi, die sehr gut in der Schule war, lernte fast immer nur. Sie war dreizehn Jahre älter als ich. Und auch meine Cousine Helga war alles andere als glücklich darüber, ihre Zeit mit mir zu verbringen. Sie hatte keine Lust auf ihre kleine Cousine. Einmal hatte ich ihr aus Versehen irgendetwas im Zimmer kaputtgemacht. Sie hatte einen kleinen Plattenspieler, auf dem sie die Beatles hörte, und es war mir strengstens verboten, irgendetwas in ihrer Musikecke anzufassen. Manchmal knallte sie mir die Zimmertür einfach vor der Nase zu, dann spielte ich mit unserem Hund auf dem Flur mit den kleinen Blechautos.
Und meine Mutti war sehr oft krank, sie litt an Allergien und fühlte sich nicht gut. Oft lag sie den ganzen Tag auf dem Sofa. Ein Heilpraktiker aus der Nachbarschaft verordnete ihr kleine weiße Kugeln als Medizin.
Die Polizei vor unserer Tür hatte uns alles verdorben. Ab dem Tag, an dem wir Personenschutz bekamen, änderte sich alles für uns. Der grüne Polizeibus vor unserer Haustür zog viele neugierige Nachbarn an. Sie glotzten auf die Polizisten mit den Funkgeräten in der Hand und den umgehängten Waffen.
Das seien Maschinenpistolen, meinte Evi. „Das ist wie im Krieg, Ines“, sagte sie. Damit kann man Menschen totschießen.“
Ich sagte lieber gar nichts, denn ich hatte Angst, dass jetzt hier Krieg war. Plötzlich waren diese vier Polizisten in der grünen Uniform da, und es war Krieg vor unserer Haustür.
Meine Mutti sagte: „Wenn wir erst in Karlsruhe sind, haben wir sichere Panzerscheiben und eine Alarmanlage. Dann wird alles wieder gut, Ines.“
Mein Vater bekam einen Job in Karlsruhe, und der Umzug war ein ständiges Streitthema zwischen meinen Eltern. Meine Mutti hatte nicht nur versucht zu verhindern, dass mein Vater Terroristen jagte, sie wollte auch nicht weg von Bonn. Hier hatte sie ihre beste Freundin und ihren Heilpraktiker, der ihr so gut mit ihren schlimmen Allergien half. Immer wieder hatte meine Mutti mit Scheidung gedroht, aber an meinem Papa prallte so etwas ab. Er freute sich schon so auf die Kollegen in Karlsruhe, denn er wollte Terroristen ins Gefängnis bringen. Er nannte das „Dienst am Vaterland“. Ich fragte meine Mutti, ob mein Meerschwein auch mit uns umzog. „Natürlich“, sagte sie, und ich war erleichtert.
Seit wir Personenschutz hatten, war ich die „Nummer fünf“. Unsere Familie war von den Personenschützern durchnummeriert worden. Papa war Nummer eins, Mutti Nummer zwei und wir Kinder der Rest. Ich, als Kleinste, war Nummer fünf. Wenn meine Mama morgens mit mir aus dem Haus ging, stand direkt vor der Haustür ein Polizist, der es mit dem Funkgerät an die anderen Polizisten weitergab: „Nummer zwei und Nummer fünf verlassen das Haus.“
Wenn uns jemand besuchen wollte, musste er erst einmal die Polizeikontrolle passieren. Meine Mutti hatte mir strikt verboten, an die Tür zu gehen, und ich hielt mich daran. Draußen spielen durfte ich nur auf der Terrasse. Ich hatte ein kleines rotes Fahrrad mit Stützrädern, aber auf der Terrasse war es einfach zu eng zum Fahrradfahren. Meine Mutti fragte den Polizisten vor der Haustür, ob ich auf dem Weg vor unserem Haus fahren könne. Er riet ihr ab. Ich sei zu klein und deshalb besonders leicht zu entführen. Sie ließ mich aber ab und zu mit der Enkelin unserer Nachbarin direkt vor der Haustür Ball spielen. Sie beobachtete mich dabei aus dem Küchenfenster.
Weil wir immer nur zu Hause waren, machten wir uns die Terrasse und den Garten zurecht. Ich durfte mit meiner Puppe Birgit auf der Hollywoodschaukel spielen und meine Mutti kaufte mir ein Springseil. Und Helga hatte einen Hula-Hoop-Reifen. Wir lebten unter uns.
Im Sommer stellten meine Eltern ein kleines Planschbecken im Garten auf. Meine Mutti war Grundschullehrerin für Biologie und Religion. Sie arbeitete zwar nie in diesem Beruf, aber in diesem Sommer nahm sie sich viel Zeit und erklärte mir die Buchstaben und die Zahlen und wie das alles zusammenhing. Denn im Herbst sollte ich eingeschult werden. Der Umzug nach Karlsruhe sollte noch vor Weihnachten sein, deshalb hatte meine Mutti überlegt, mich erst dort in die Schule zu schicken. Aber mein Vater war dagegen. Ich sollte nicht das ganze Schuljahr verlieren, und er meinte, es ginge nicht so weiter, dass ich immer zu Hause blieb.
Dann bekamen wir diesen Drohanruf. Es war im August. Ein Mann hatte bei meiner Mutti angerufen und ihr ganz entsetzliche Dinge am Telefon gesagt. Sie weinte, und wieder kamen die Männer vom BKA. Diesmal machten sie irgendetwas mit unserem Telefon: Man konnte dann wissen, wer da anrief. Ich hatte jetzt noch mehr Angst und lief meiner Mutter den ganzen Tag durch das Haus hinterher. Meine Mutti war am Telefon damit bedroht worden, dass man sie ermorden würde. Helga sagte, wir hätten doch sowieso keine Chance: Wir würden alle abgeknallt werden. Ich klammerte mich an meine Mutti, und jedes Mal, wenn sie das Haus ohne mich verließ, fing ich an zu weinen.
Meine Mutti hatte es schon geahnt: Wenn ich in die Schule musste, könnte das schwierig werden. Evi hatte mir die grüne, metallglänzende Schultüte mit meinen Lieblingszitronenbonbons gefüllt, und obendrauf saß ein kleiner Teddy. Der erste Schultag hätte so schön werden können, aber es wurde ein Albtraum. In dem Augenblick, als meine Mutter das Klassenzimmer verließ, fing ich an zu heulen. Die Tür klappte zu und ich heulte los. Meine Mutti war weg! Ich musste doch auf sie aufpassen, damit sie nicht entführt wurde. Ich sprang von meinem Platz hoch, riss die Tür auf und rannte meiner Mutti laut schreiend hinterher. Meine Mutter blieb stehen und blickte mich entsetzt an. Ich klammerte mich an ihren Arm und weigerte mich, zurück in die Klasse zu gehen. Sie überredete mich, doch wenigstens meine Schultüte und die Jacke aus dem Klassenzimmer zu holen. Ich ging nur widerstrebend mit ihr mit, bestimmt waren da Terroristen. Meine Mutti entschuldigte sich bei der Lehrerin und fuhr mit mir nach Hause. Sie sagte mir, dass sie sehr enttäuscht sei. „Jetzt sind wir blamiert“, erklärte sie. „Morgen bist du aber brav!“
Meine Schwester und meine Cousine konnten mein Pech nicht fassen: Ich mochte die Schule nicht. Meine Mutti war so böse auf mich, dass sie den ganzen Tag kaum noch mit mir sprach. Ich saß mit meiner Puppe und meinem Meerschwein Astrid auf der Terrasse und schämte mich. Evi kam zu mir und sagte, dass ich noch klein wäre sei, und meine Mutti erklärte, dass wenigstens mit Evi alles in Ordnung sei.
Denn meine Cousine Helga machte auch Probleme. Einmal hatte meine Mutti zu ihrer Klassenlehrerin in die Sprechstunde gemusst. Helga hatte in der Schule erzählt, bei ihr zu Hause übernachteten Jungs im Zimmer. Sie wollte bei ihren Banknachbarinnen angeben. Angeblich waren die Jungen an der Hauswand hochgeklettert, weil sie alle in sie verliebt waren. Meine Eltern waren wütend. Mit all den Polizisten vor der Haustür konnte kein Mensch zu uns ins Zimmer klettern. Die Klassenlehrerin hatte meine Mutti darauf angesprochen. Mein Vater geriet wegen der Schwindelei meiner Cousine in Rage. Sein guter Ruf als Terroristenjäger war in Gefahr! Er war bekannt, und seine Töchter und seine Nichte sollten sich gefälligst benehmen. Und nun hatte ich auch noch in der Schule herumgeschrien.
Meine Mutti brachte mich am nächsten Tag wieder zur Schule, und ich fing wieder an zu weinen. So laut, dass die Lehrerin unmöglich ihren Unterricht halten konnte. Meine Mutter fragte die Lehrerin, ob sie sich hinten ins Klassenzimmer setzen dürfe. Das durfte sie nicht – aber sie konnte auf dem Gang warten.
Für meine Mutti, die Frau des Terroristenjägers, begann mit meiner Schulpflicht ein Albtraum. Ihre Tochter plärrte den ganzen Morgen in der Schule und störte damit den Unterricht. Die Lehrer sagten, dass sie so etwas noch nie erlebt hätten.
Eines Morgens, als ich wieder so weinte, holte mich die Klassenlehrerin in ein Zimmer mit einem Schreibtisch und mehreren Stühlen. Zwei ältere Frauen saßen dort und eine jüngere. Sie starrten mich an. Ich hatte noch mehr Angst als sonst. Die älteste von den dreien fragte mich nach meinem Namen und wie alt ich sei. Ich sagte gar nichts.
„Du bist Ines und du bist sechs Jahre alt“, versuchte sie es noch einmal. „Was hast du denn bloß?“
Ich weinte los. „Ich will zu meiner Mutti. Sie wird sonst entführt, und ich sehe sie nie wieder im Leben. Ich muss sofort nach Hause.“
Die drei Frauen sahen sich gegenseitig an. Dann sagte die jüngere Lehrerin mit schneidender Stimme: „Du bist sechs Jahre alt und gehst nicht nach Hause. Du bist jetzt still! Du musst hier zur Schule gehen.“
Ich heulte noch lauter und sah in Richtung Tür, als ich einen Knall auf meiner rechten Wange spürte. Ich dachte, mein Kopf würde wegfliegen, so heftig war die Ohrfeige. Ich war still. Die drei Frauen verließen den Raum. Ich stand auf und lief zur Tür, sie war abgeschlossen. Ich brüllte los, so laut, wie niemals zuvor. Ein paar Augenblicke später ging die Tür wieder auf.
Der Direktor rief meine Mutti an. „Ihr Kind ist nicht schulreif“, erklärte er. „Stellen Sie ihre Tochter lieber noch ein Jahr zurück.“
Ich durfte nach Hause und musste nicht mehr in die Schule. Ich konnte wieder mit meinem Meerschweinchen spielen. Meine Mutti brachte mir am Frühstückstisch das Lesen mit Hilfe der Bild-Zeitung bei. Ich lernte mit ihr rechnen, malte und spielte. Und mein Papa schimpfte nicht. Er sagte, dass ich dann eben im Schwarzwald in die erste Klasse käme. Ich erklärte, dass ich nie in die Schule gehen würde.
Meine Mutti saß mit mir auf dem Balkon, wir spielten mit den Puppen, und der Hund war auch dabei. Sie nahm mich zu ihrem Heilpraktiker mit, der über das Vorgefallene entsetzt war. „Wie kann man nur ein kleines Kind schlagen!“ Er empfahl meiner Mutter, mich auf eine Waldorfschule zu schicken und gab ihr Bachblüten mit, die eine harmonisierende Wirkung haben sollten.