Kitabı oxu: «Jim Morrison»
Ingeborg Schober
Jim Morrison
Eine Biografie
FUEGO
Über dieses Buch
Jim Morrison (1943-1971), Jugendidol, Sexsymbol, Dichter, Enfant Terrible und Leadsänger der legendären ›Doors‹, wurde durch seine erotische Ausstrahlung, seine zügellose Selbstdarstellung und seine skandalösen Texte über Sex und Tod schon zu Lebzeiten zur Kultfigur. Sein Grab auf dem Pariser Père Lachaise ist zum Wallfahrtsort geworden.
Kenntnis- und faktenreich schildert die Autorin Kindheit und Jugend, Aufstieg und Ausschweifungen, Abstieg und Ausstieg des Dichters, Sexsymbols und Sängers, ohne sich dabei in waghalsige Interpretationen seiner Schattenseiten zu ergehen.
Sowohl für eingefleischte Fans als auch für den interessierten Leser stellt dieses Buch eine Grundlage dar. Mit Bedacht zeichnet die Autorin sein kurzes und bewegtes Leben nach. Dabei zitiert sie aus unterschiedlichsten Quellen, um so ein möglichst realitätsnahes und lebendiges Bild des Jugendidols zu zeichnen.
»Jim hat siebzig Lebensjahre in nur sechsundzwanzig gepreßt.«
John Densmore über Jim Morrison
Kindheit und Jugend
James Douglas Morrison wird, wie so viele seines kreativen Jahrgangs, zu denen Mick Jagger, George Harrison, Paul Simon und Art Garfunkel gehören, 1943 mitten in die Wirren des Zweiten Weltkriegs hineingeboren. Schon vor Kriegsbeginn waren bereits an die 60000 meist führende jüdische Wissenschaftler, Ingenieure, Techniker und Künstler vor dem deutschen Nazi-Regime ins Ausland geflüchtet - viele davon ins gelobte Land Amerika.
In Deutschland hat die Propaganda-Maschinerie der Nationalsozialisten das junge Medium Radio als strategisches Mittel entdeckt, um die Emotionen der Bevölkerung zu manipulieren, die zusehends unter den Kriegsfolgen zu leiden hat. Doch ausländische ›Propaganda-Sender‹ zu hören ist ebenso verboten wie ›nichtarische‹ Musik - dazu zählen Jazz, Rumba, Swing und Hot. Dafür wird der Tonfilm als Valium für die Massen und als Transportmittel für Schlager und Durchhalteparolen entdeckt. Während die Menschen bei Verdunkelung während der Bombenangriffe Todesängste ausstehen, werden sie durch zynische Parolen wie »Haben Sie schon mal im Dunklen geküsst?« oder »Mit Musik geht alles besser« abgelenkt. Die größten Film- und Schlagerstars im damaligen Deutschland sind Zarah Leander, Marika Rökk, Ilse Werner, Johannes Heesters und Hans Albers. 1943 feiert die größte deutsche Filmproduktion UFA ihr 25jähriges Bestehen mit der Uraufführung von ›Münchhausen‹. Unter einem Pseudonym von Erich Kästner geschrieben, gedreht von Regisseur Josef von Baky mit Hans Albers in der Titelrolle, wird der Film von den Machthabern gelobt, obwohl alle drei als Regimegegner bekannt sind. Während auf einem zeitgenössischen Nazi-Plakat die Bevölkerung an »harte Zeiten, harte Herzen und harte Pflichten« gemahnt wird, nehmen die alliierten Luftangriffe zu, die Bevölkerung leidet Hunger, die Wasserversorgung bricht in den Städten zusammen. Mit der Landung der Alliierten in Italien endet die Diktatur von Mussolini, der am 10. Juli 1943 entmachtet wird. Die Amerikaner, die bereits 1942 bis Neuguinea vorgedrungen sind, landen im November 1943 auf den Gilbert-Inseln.
Einige wichtige Rockmusiker der ›Kriegsgeneration‹:
Eric Clapton (geb. 30.3.1945)
Joe Cocker (geb. 20.5.1944)
Bob Dylan (geb. 24.5.1941)
Keith Emerson (geb. 2.11.1944)
Art Garfunkel (geb. 5.10.1941)
George Harrison (25.2.1943-29.11.2001)
Jimi Hendrix (27.11.1942-18.9.1970)
Mick Jagger (geb. 26.7.1943)
Janis Joplin (19.1.1943-4.10.1970)
John Lennon (9.10.1940-8.12.1980)
Bob Marley (6.2.1945-11.5.1981)
Paul McCartney (geb. 18.6.1942)
Jim Morrison (8.12.1943-3.7.1971)
Paul Simon (geb. 13.11.1941)
Neil Young (geb. 12.11.1945)
Frank Zappa (21.12.1940-4.12.1993)
Kurz darauf, am 8. Dezember 1943, kommt James Douglas Morrison, in Melbourne, Florida, in der Nähe des heutigen Cape Canaveral, auf die Welt. Sein Vater George ›Steve‹ Morrison ist in Leesburg, Florida, mit seinen beiden Schwestern in einem erzkonservativen, methodistischen Haushalt groß geworden. Der Vater war Wäschereibesitzer, die Mutter Hausfrau. Der dunkelhaarige Steve trieb an der High-School Leichtathletik, weil er für die Footballmannschaft zu klein war. Er hatte gute Noten und war ein Gentleman. »Wir haben nichts getan, was wir nicht tun sollten«, erklärte sein Mitschüler Fran Warfield. »Wir haben uns gut betragen. So war Steve sein Leben lang. Er war ein Anführer, aber er war durch und durch militärisch und tanzte nie aus der Reihe.«
Im Februar 1941 machte Steve seinen Abschluss an der U.S. Naval Academy, vier Monate früher als geplant, denn die jungen Offiziere wurden bereits für ihren Kriegseinsatz ausgebildet. Er lernte seine Frau Clara Clarke 1941 in Honolulu kennen, kurz bevor die Japaner Pearl Harbor bombardierten. Sie ist die lebensfrohe Tochter eines Anwalts, der in der McCarthy-Ära_1 in Ungnade gefallen war, nachdem er sich bei den Kommunisten um ein politisches Amt beworben hatte. Clara war noch ein Teenager, als ihre Mutter starb, ihr Vater zog mit den fünf Kindern nach Alaska, um als Zimmermann zu arbeiten. Mit 21 besuchte die blonde Clara eine Schwester auf Hawaii und begegnete Steve auf einem Militärball. Freunden nach amüsierte sich Clara gerne und besuchte mit Vorliebe Parties. Kurz bevor Steve mit einem Minenkreuzer in den Nordpazifik ausrückte, heirateten sie im April 1942. Im Jahr darauf absolvierte Steve einen Fliegerlehrgang in Pensacola, Florida.
Sechs Monate nach Jims Geburt läuft er mit einem Flugzeugträger abermals in den Pazifik aus. Bis zum Kriegsende lebt der kleine Jimmy, wie ihn seine Eltern anfangs nennen, mit seiner Mutter bei den Eltern seines Vaters in Clearwater, Florida, direkt am Golf von Mexiko. Ganz bestimmt ist das keine einfache Zeit für die junge, lebenslustige und liberale Clara. Die Schwiegereltern Paul und Caroline Morrison aus Georgia sind strenggläubige Kirchgänger, die nach viktorianischen Prinzipien leben und den Alkoholgenuss strikt ablehnen. Unangenehme Dinge werden verdrängt, Kinder haben nichts zu melden.
Am 6. Juni 1944 landen die Alliierten in der Normandie, Dresden und Berlin liegen bereits in Schutt und Asche. Am 20.April 1945 marschieren die Russen in Berlin ein. Zehn Tage später begeht Hitler Selbstmord, woraufhin die deutschen Truppen am 8. Mai 1945 kapitulieren. Für Deutschland endet tags darauf die Nazi-Diktatur. Doch für die Welt ist der Horror längst nicht vorbei, denn die Amerikaner begehen eine weitere Todsünde des Zweiten Weltkriegs, als sie am 6. August 1945 die erste Atombombe auf Hiroshima abwerfen. Zwei Tage später tritt die UdSSR in den Krieg gegen Japan ein, und am 9. August 1945 fällt die zweite amerikanische Atombombe auf Nagasaki. Mit der Kapitulation Japans am 2. September 1945 endet der schrecklichste Krieg des 20. Jahrhunderts.
Jims Leben wird von Geburt an auch zu Hause von Krieg und Militär beherrscht. Damit lässt sich seine tiefe Abscheu sowohl dem Krieg als auch dem Vater gegenüber, der als hoher Offizier den Krieg symbolisiert, erklären, die sich später in seinen Songs so vehement entladen sollte. Sein Vater kehrt ein Jahr nach Kriegsende im Sommer 1946 aus dem Pazifik zurück. Bedingt durch die .militärische Laufbahn des Vaters zieht die Familie ständig um. Zuerst wird er nach Washington D.C., sechs Monate später bereits nach Albuquerque versetzt, wo er am Militärprogramm für Atomwaffen arbeitet 1947 wird Jims Schwester Anne geboren. Mit vier Jahren hat Jim ein spirituelles Erlebnis, das ihn seine ganze Karriere begleiten sollte und das er immer wieder als »den wichtigsten Augenblick meines Lebens« bezeichnet. Bei einer Autofahrt mit seinen Eltern nach Santa F6 kommen sie an einem umgestürzten Lastwagen vorbei, neben dem schwerverletzte, sterbende Pueblo-Indianer liegen. Der Vater ruft Hilfe herbei und fährt dann weiter, muss aber seinen Sohn beruhigen, der völlig hysterisch ist. »Es ist in Ordnung, Jimmy, wirklich.« »Sie sterben! Sie sterben!« »Es war ein Traum, Jimmy, nichts Wirkliches, ein Traum.« Später erzählt Jim Freunden, dort sei die Seele eines toten Indianers in ihn gefahren. Diese tiefgreifende Erfahrung drückt er später in Texten und Gedichten aus. Bei seinen Konzerten tanzt er gar auf einem Fuß balancierend eine Art rituellen Indianertanz, woraufhin die Presse ihn als ›Schamanen der Hippies‹ bezeichnet. 1989 verwendet der Regisseur Oliver Stone diese Szene als Eröffnungssequenz für seinen ›Doors‹-Film.
Im Februar 1948 sticht Jims Vater für einen weiteren Militärauftrag in See, und die Familie zieht zum fünften Mal um. In Los Altos, Nordkalifornien, wird Jims Bruder Andy geboren, und Jim wird eingeschult. Doch bereits 1951 kehren die Morrisons wieder nach Washington zurück.
Als im Jahr darauf Jims Vater die Luftangriffe in Korea koordiniert, siedelt die Familie nach Claremont bei Los Angeles über. Man kann sich vorstellen, welche negativen Folgen diese permanenten Umzüge auf ein sensibles und offenbar ohnehin labiles Kind wie Jim hatten. Es muss eine seltsame, zerrissene Ehe und auch eine schwierige Familie gewesen sein, obwohl Jims Mutter Clara mit diesem Zigeunerleben offenbar perfekt zurechtkommt, als Mustergattin gilt und alle gesellschaftlichen Verpflichtungen mit Bravour meistert. Sie geht nach wie vor gern auf Parties, und da ihr Mann nur das Militär kennt, gewinnt sie während seiner langen Absenzen zu Hause die Oberhand. Jims Freunde haben sie später als dominante Person und Übermutter beschrieben, die alles unter Kontrolle haben wollte und sofort laut wurde, wenn man ihr nicht gehorchte. Jims Eltern haben ihre Kinder nie geschlagen, sondern mit psychischem Druck zur Raison gebracht, was bei Jim zu einer inneren Emigration führte, zumal der Vater für ihn ohnehin ein Fremder blieb. Entweder seien sie durch Schweigen bestraft worden, erklärte sein Bruder Andy später, oder sie wurden wie auf »dem Exerzierplatz heruntergeputzt. Sie haben uns lang und breit unsere Fehler vorgehalten, bis wir in Tränen ausgebrochen sind. Irgendwann hat Jim es geschafft, seine Tränen zu unterdrücken, mir ist das nicht gelungen.«
Kinder soll man sehen, aber nicht hören ... sieht man über Unangenehmes hinweg, vergeht es ... Reinlichkeit kommt Göttlichkeit nahe.
Jims Großeltern väterlicherseits über ihre Prinzipien
Dafür rächt sich Jim an seinen jüngeren Geschwistern und allen Schwächeren durch aggressives und sadistisches Verhalten. Andy hat nachts oft Atembeschwerden, da er an Asthma leidet. Weil Jim die Atemgeräusche seines Bruders stören, klebt er ihm den Mund mit Tesafilm zu. Mit zehn Jahren ist Jim wegen seines guten Benehmens noch der Liebling aller Lehrer und sogar Klassensprecher. Gleichzeitig aber schockiert er seine Umgebung mit unflätigen Ausdrücken und fliegt deshalb auch bei den Pfadfindern raus. 1955 kehren die Morrisons für zwei Jahre nach Albuquerque, New Mexico, zurück, wo Clara eine Halbtagsstelle als Sekretärin annimmt. Bis dahin haben die drei Kinder eine ›Notgemeinschaft‹ gebildet, um die ständigen Umzüge zu verkraften. Doch selbst Jims Eltern fällt auf, dass Jim sich zusehends vom Familienleben zurückzieht, das Interesse am Musikunterricht verliert, dafür wie besessen liest und bewusst die Gefahr sucht. So setzt er bei einer wahnwitzigen Schlittenfahrt das Leben seiner Geschwister und sein eigenes aufs Spiel. Mit Andy und Anne vor sich im Schlitten rast er einen steilen Abhang hinab und direkt auf eine Hütte zu. Die Geschwister sind starr vor Angst und können nicht abspringen. Der Schlitten rast unter einer Schranke durch und wird zwei Meter vor der Hütte vom Vater gestoppt. Während Anne und Andy weinen, steht Jim lächelnd daneben und meint: »Wir haben vielleicht Spaß gehabt!«
Er hob einen Stein auf und sagte: »Ich zähle bis zehn.« Ich sagte: »Nein, warte ...« Er begann: »Eins ...«, und ich fing an zu rennen. Dann zählte er ganz schnell »vierfünfsechssiebenachtneunzehn!« und schlug mich zusammen. Wenn wir zusammen mit einem anderen Jungen ... gingen, packte er über mich hinweg den anderen an der Schulter und sagte: »He ... mein Bruder will dich verhauen. Was sagst du dazu?« Er drehte einem das Wort im Mund herum, so dass man dumm da stand ... Wenn man bei Jim in die Defensive geriet, war man erledigt.
Andy Morrison über seinen Bruder
Natürlich sind die Nachkriegsjahre in den USA für einen Heranwachsenden längst nicht so hart wie in Europa, aber auch dort ist das Klima - vor allem das kulturelle - restriktiv. Die amerikanische Unterhaltungsmusik wird bis 1955 von den Textern und Komponisten der Tin Pan Alley, einem Bezirk der Musikverleger in der 28th Street von New York zwischen der Fifth und Sixth Avenue, und ihren ewigen Wiederholungen regiert. Die Charts sind zu jener Zeit ausschließlich weißen Sängern Vorbehalten. 1954 nimmt der weiße Country-Sänger Bill Haley ›Shake, Rattle & Roll‹, einen Rhythm 'n' Blues-Hit des schwarzen Sängers Joe Turner auf. Daraufhin entsteht der Begriff Rockabilly, womit eine Kreuzung aus der weißen Country 'n' Western und schwarzer Musik, gemischt mit Elementen aus dem Tanz Jump und Shuffle-Rhythmen, bezeichnet wird. Noch im selben Jahr landet Bill Haley mit dem heutigen Klassiker ›Rock Around The Clock‹ einen großen Hit, der acht Wochen auf Platz 1 der US-Charts steht. Damit ist der Rock 'n' Roll geboren und mit ihm die erste rebellische Jugendbewegung.
Im Jahr 1955 führt der Kinofilm ›Saat der Gewalt‹ (›The Blackboard Jungle‹) über eine aufsässige Schulklasse zu Vandalismus in den Kinos. Es folgt eine Serie von ähnlichen Filmen, und damit ist die Bewegung der jugendlichen Rowdies, Teddy Boys, Teds - später Rocker und in Deutschland Halbstarke genannt - geboren. Bill Haley ist der Auslöser, doch erst mit Elvis Presley kommt das Idol, das 1956 mit ›Heartbreak Hotel‹ die Hitparaden erobert. Rückblickend fällt auf, dass Jim Morrison auf seine Weise erstaunlich viel mit ihm gemeinsam hatte. Und tatsächlich wird Elvis bald darauf zu seinem ersten musikalischen Idol.
Angeblich erfindet der Radio-DJ Alan Freed den Begriff ›Rock 'n' Roll‹, unter dem in Amerika heute noch ein Großteil der Musik rangiert, die man in Europa als ›Rock‹ bezeichnet. Weil der Begriff ›Rock‹ in den Texten der Schwarzen für »Sex« steht, wurden in ganz Amerika Warnungen vor sogenannten ›Negro Records‹ verbreitet.
Als im Sommer 1957 die Familie Morrison auf die Insel Alameda, einem Militärstützpunkt in der Bucht von San Francisco, zieht, steht Elvis Presley mit ›All Shook Up‹ erstmals auf Platz 1 der Hitparade. Der Star absolviert seinen Militärdienst und dreht seinen ersten Film ›King Creole‹. Ansonsten werden die amerikanischen Charts nach wie vor von Nat ›King‹ Cole, Frank Sinatra, Bing Crosby und Harry Belafonte dominiert. Schwarze Stars wie Fats Domino, Little Richard oder Chuck Berry haben keinen Zugang. Doch der Rock 'n' Roll hat bereits den ersten Anstoß für Rassenintegration und Bürgerrechte gegeben.
Jim besucht in Alameda für etwa eineinhalb Jahre die High-School. Sein Klassenkamerad Fud Ford und er werden unzertrennliche Freunde. Fud bringt ihm bei, dass es dort nicht cool ist, mit dem Fahrrad und sauberen Jeans in der Schule aufzutauchen. Jim hält sich daran, denn offenbar sucht er nach Anerkennung und möchte dazugehören. Er stellt die verrücktesten Dinge an, um Aufmerksamkeit zu erregen, spielt den Klassenclown, hat die phantastischsten Ausreden parat, wenn er zu spät zur Schule kommt, und beginnt, sich gegen Autoritäten aufzulehnen. Die beiden probieren zum ersten Mal Alkohol, beobachten heimlich nackte Frauen und erschrecken sie, lesen, wie viele andere in ihrem Alter, mit Begeisterung das Comic-Magazin ›Mad‹. Jim und Fud verbringen ganze Nachmittage damit, sexuell anzügliche Radiowerbespots über Masturbation und Defäkation zu schreiben, erotische Comics zu zeichnen oder perverse Collagen aus Zeitschriftenbildern zu basteln.
Üblicherweise tritt die Masturbation zwischen dem zwölften und achtzehnten Jahr auf, obschon auch Fälle bekannt geworden sind, in denen bis zum dreiundneunzigsten Jahr damit fortgefahren wurde ...
Jim und Fud in einem selbstgeschriebenen ›Radio-Essay‹
Jim ist schon zu jener Zeit sehr unausgeglichen, unberechenbar und in manchen Situationen bis zum Übergeschnapptsein neurotisch.
Mit 14 liest er bereits den legendären Beatnik-Roman ›Unterwegs‹ (›On The Road‹) von Jack Kerouac_2, der im September 1957 erscheint und jahrelang sein Kultbuch bleibt. Das Zentrum der Beatnik_3-Bewegung in North Beach, einem Stadtviertel von San Francisco, liegt nur 45 Busminuten entfernt. Der Buchladen des Autors Lawrence Ferlinghetti mit der Auslage ›verbotener Bücher‹ wird zum Wallfahrtsort für Jim. Begierig verschlingt er sie alle - Kenneth Rexroth, Allen Ginsberg, Kenneth Patchen, Michael McClure, Gregory Corso - und hört dazu die Schallplatten von Oscar Brand und Tom Lehrer. Mit 15 malt der Frühreife Akte im Stil von Willem de Kooning und impressionistische Bilder. Bereits zu dieser Zeit beginnt er, das erste seiner Notizbücher anzulegen, die er immer bei sich trägt und in die er seine Ideen und Gedichte kritzelt, Fotos und Zeitungsausschnitte einklebt. Vieles davon sollte Jahre später in den Songs der Doors und den Gedichten von Jim Morrison wieder auftauchen.
Im Dezember 1958 ziehen die Morrisons nach Alexandria, Virginia, um, und Jim besucht die George Washington High School. Die Familie mietet ein luxuriöses Haus in den noblen Beverly Hills, wo Diplomaten, hohe Militäroffiziere, Senatoren und erfolgreiche Akademiker residieren. Einer von Clara Morrisons Brüdern ist Antiquitätenhändler und stattet das Haus entsprechend aus. Dort lernt Jim seine erste feste Freundin Tandy Martin kennen, die seine seltsamen Allüren faszinierend, andererseits aber abstoßend findet. Er macht sich über Behinderte lustig, schockiert sie mit theatralischen Szenen und Lügen, bringt sie zum Heulen, aber auch zum Lachen und stellt sie permanent auf die Probe: »Ich habe ihn gefragt, warum er ständig diese Spielchen spielt«, erzählt sie heute. »Er meinte, »sonst hättest du bald kein Interesse mehr an mir‹.« Aber sie ist nicht das einzige Testobjekt von Jim. Lehrer, Schüler, Passanten - sie alle werden seine Opfer, wenn er einen seiner Anfälle bekommt und sich aufspielt. Mal erzählt er, er hätte einen Gehirntumor, dann wieder balanciert er auf schmalem Grad über gefährliche Abgründe und Wasser oder turnt auf Balkons herum - eine Angewohnheit, die er das ganze Leben beibehält. Er belästigt Fahrgäste im Bus mit peinlichen Geschichten, bis man ihn an die Luft setzt. Und er macht grundsätzlich das Gegenteil von dem, was man von ihm erwartet. Während sich seine Freunde oftmals für ihn schämen, scheint er selbst keine Schamgrenze zu kennen.
Vielleicht durch den Namen seines Wohnorts angeregt, wird Plutarchs Biografie über Alexander den Großen Jims Lieblingslektüre. Auch sie scheint ihn nachhaltig zu beeinflussen, wenn man an das Image denkt, das er anfangs bei den Doors bewusst pflegt. Die Kopfhaltung und die lockige Haarpracht auf den ersten Fotos aus den Doors-Zeiten erinnern stark an einen griechisch-römischen Adonis. Jims Lehrer erzählen, dass er bereits damals Werke der Weltliteratur von Balzac, Rimbaud_4, Molière, Joyce, Camus, Cocteau und Baudelaire las. Mit den Symbolisten ist er ebenso vertraut wie mit den Existenzialisten. Für seine Schulaufsätze wählt er die ausgefallensten Themen - die Dämonologie des 16. und 17. Jahrhunderts in England oder eine Studie von Burton über die Sexualität der Araber, was einen Lehrer dazu veranlasste, in der Kongressbibliothek in Washington nachzuforschen, ob diese Publikationen überhaupt existieren: »Keiner meiner Schüler hat so viel gelesen wie Jim. Aber alles, was er las, war so ausgefallen, dass ich vermutet habe, er hätte diese Buchtitel einfach erfunden, was aber nicht der Fall war.« Damals beginnt Jim seine ersten Gedichte zu schreiben, die wie das überlieferte ›Horse Latitudes‹ meist vom Wasser und dem Tod handeln. Obwohl Jim ein guter Schwimmer ist, hat er angeblich entsetzliche Angst vor dem Wasser.
Tandy berichtet, dass er schon damals sein Äußeres vernachlässigte, wochenlang mit demselben Hemd herumlief und sich die Haare nicht schneiden lassen wollte. Wenn ihm seine Mutter Geld für Klamotten gibt, kauft er sie bei der Heilsarmee, um den Rest für Bücher auszugeben. Immer wieder gelingt es ihm, den Familienfrieden zu stören und selbst seine Eltern zu Hause in Verlegenheit zu bringen, indem er ihnen etwa vorwirft, wie die Schweine zu schmatzen. Wie so viele überdurchschnittlich intelligente Schüler - Jim hatte einen IQ von 149 - bringt er nur durchschnittliche Noten nach Hause, weil er nicht lernen will. »Du willst ja nur mit meinen Noten in deinem Bridge-Club angeben«, wirft er seiner Mutter vor. Ohne Erklärung fährt er immer öfter nach Washington, wenn ihn Freunde oder Nachbarn im Auto mitnehmen, und verschwindet dort wortlos. Tandy vermutet, dass er damals durch die Bars zog, um sich Bluesmusiker anzuhören. Daheim zieht er sich in sein Parterrezimmer zurück, hört sich Blues- und Gospelplatten aus der Nationalbibliothek an und liest. Wenn er ausgeht, treibt er sich an den Piers von Alexandria bei den Schwarzen herum. Von all diesen Aktivitäten scheinen seine Eltern keine Ahnung zu haben. Sein Vater hält sich meist im Pentagon auf, seine Mutter ist mit ihren Gesellschaftsverpflichtungen vollauf beschäftigt. Jims High-School-Abschluss rückt näher, doch er kann sich für kein College entscheiden. Deshalb schreibt ihn sein Vater am St. Petersburg Junior College in Florida ein und ordnet an, dass Jim bei den Großeltern im nahegelegenen Clearwater wohnen soll. Als er sich weigert, der Abschlussfeier seiner Klasse beizuwohnen, sind seine Eltern überaus erbost.
Wir waren so verdammt korrekt, dass wir in gewisser Weise froh waren, wenn einer sich tatsächlich die Unverschämtheiten erlaubte, die wir uns gerne erlaubt hätten. Deshalb richteten wir uns nach ihm. Er war für uns der Mittelpunkt.
Ein Mitschüler über Jim
Tandy hat sich inzwischen auf den Rat ihrer Mutter hin von Jim zurückgezogen. Ihrer Meinung nach hat Jim in den zweieinhalb Jahren ihrer Freundschaft eine außerordentliche Persönlichkeitsveränderung durchgemacht. Erst am Abend vor seiner Abreise erzählt ihr Jim, dass er nach Florida gehen wird, was zu einem heftigen Streit zwischen den beiden führt, bei dem Jim sie sogar mit einem Messer bedroht. Tags darauf entschuldigt er sich am Telefon, taucht nachts vor ihrem Haus auf und verlangt unter lautstarkem Gegröle die Notizbücher mit seinen Gedichten zurück, die er ihr zum Lesen gegeben hat.
Student am College
Als Jim Morrison Ende 1960 zu seinen Großeltern Caroline und Paul Morrison nach Clearwater, Florida, kommt, um am St. Petersburg Junior College zu studieren, ist John F. Kennedy bereits als neuer Präsident der Vereinigten Staaten vereidigt. Und auch musikalisch gibt es eine kleine Revolution. Am 31. Dezember steigt das schwarze Plattenlabel Tamla Motown_5 mit dem Song ›Stop Around‹ von den Miracles in die Top 40 der USA ein, der zum ersten Millionenseller der Plattenfirma wird. Damit wird die unumstrittene Vorherrschaft weißer Künstler erstmals durchbrochen.
Es sieht ganz so aus, als ob in Clearwater die Wurzeln von Jims unmäßigem Alkoholkonsum und seiner späteren Drogenkarriere zu finden sind. Jim kommt mit den strenggläubigen Großeltern nicht zurecht, die überzeugte Antialkoholiker sind und ihren rebellischen Enkel mit Disziplin und Ordnung nerven. Dieser reagiert mit Protest - und dazu gehört auch das provokante Verhalten, wenn es um den Streitpunkt Alkohol und Sauberkeit geht. Demonstrativ lässt er leere Weinflaschen in seinem Zimmer herumliegen, läuft verwahrlost herum, rasiert sich nicht, wechselt nicht die Wäsche und denkt gar nicht daran, sich die Haare schneiden zu lassen oder gar mit den Großeltern die Kirche zu besuchen. Manchmal liest er den Großeltern aus seinen Notizbüchern vor, aber nur, um sie mit seinen Gedichten zu schockieren. Seine Großmutter meint später, er hätte sie aus seinem Leben komplett ausgeschlossen: »Er wollte uns mit Absicht schockieren. Wir haben ihn einfach nicht verstanden, keiner von uns. Jimmy hatte so viele Seiten. Man sah die eine und spürte die andere; was in ihm vorging, wußte man nie.«
Auf dem College fällt der durchschnittliche Student nicht sonderlich auf. Nach einem Persönlichkeitstest, dem alle neuen Studenten unterzogen werden, wird er einerseits als Frohnatur, impulsiv, abenteuerlustig, undiszipliniert, unkontrolliert beschrieben, andererseits als scheu, nachdenklich, hyperkritisch gegenüber allen gesellschaftlichen Institutionen, mit einem Hang zum Selbstmitleid und Machoverhalten. Kommilitonen, denen er großzügig bei ihren Aufsatzthemen hilft, sind von seinen intellektuellen Fähigkeiten beeindruckt - so auch sein Bruder Andy, dem er in den Osterferien beim Schreiben eines Vortrags über ›Moralische Integrität - eine Voraussetzung unseres Überlebens‹ zur Seite steht, für die er ein ›Sehr gut‹ bekommt. Auf seine Belesenheit und seine umfangreiche Bibliothek ist Jim so stolz, dass er sich von seinen Mitstudenten gerne testen lässt Sie dürfen ein beliebiges Buch aus dem Regal ziehen und etwas daraus vorlesen. Und er nennt auf Anhieb den Buchtitel und Autor. Er schließt sich einer Gruppe älterer Studenten an, mit denen er manchmal auf Sauftour geht.
Ich wußte nicht einmal, was damit gemeint war. Schließlich nahm es mir Jim ab, schrieb das Ganze für mich neu und packte eine Menge eigener Ideen hinein. Der Vortrag war prima. Sein Schlusssatz lautete: »Wir treiben blind auf irgendwelchen Bahnen, ohne Hilfe, allein.«
Andy über einen Vortrag, den sein Bruder Jim für ihn verfasste
»Anscheinend hat er nur dann gesoffen, wenn er sich volllaufen lassen wollte. Ansonsten hat ihn Alkohol nicht interessiert«, meint einer seiner damaligen Kommilitonen. Doch auf diese Weise schlittert Jim ganz allmählich in seine lebenslange Alkoholabhängigkeit hinein. An seinem 18. Geburtstag muss er sich bei der Musterungsbehörde melden. 1961 gibt es noch keine Bewegung wie die der Kriegsdienstverweigerer. Jim, der das Militär abgrundtief hasst, wird als tauglich eingestuft und betrinkt sich danach sinnlos. Angeblich muss ihn ein ebenfalls in Clearwater lebender Onkel aus einer so hochnotpeinlichen Lage befreien, dass sich selbst 20 Jahre später die Familienmitglieder weigern, darüber zu sprechen. Jims Stammlokal wird das ›Renaissance Gallery and Coffeehouse‹ in einem heruntergekommenen Bohème-Hotel, das auf der ›schwarzen Liste‹ von Jims College steht. Dort finden Dichterlesungen und Wettbewerbe für Folksänger statt. Der homosexuelle Besitzer erklärt Jim, dass er wie Elvis, der gerade mit seinem Album ›Blue Hawaii‹ in den Charts steht, das ›gewisse Etwas‹ besitzen würde. Und er solle niemals Unterwäsche tragen, sondern seinen Körper zur Schau stellen. Obwohl sich die eigentliche musikalische Revolution in England anbahnt, ist auch die Musikszene in Amerika in Bewegung. Am 28. August erobern The Marvelettes_6 mit ›Please Mr. Postman‹ als erste schwarze Gruppe Platz 1 der amerikanischen Hitparade.
Nach einem Besuch bei seiner Familie, die mittlerweile in San Diego wohnt, lernt Jim auf einer Party in Clearwater die stille Mary Frances Werbelow kennen. Die 16jährige hat einen Schönheitswettbewerb gewonnen, möchte Tänzerin beim Film werden und liebt wie er Lyrik. Sie verspricht, ihn in Tallahassee zu besuchen, wo Jim Ende September 1961 sein Studium (Hauptfach Theater) an der Florida State University beginnt. Man kann sich vorstellen, wie erleichtert seine Großeltern über diese Entscheidung waren. Dort teilt er sich anfangs mit fünf Studenten ein Dreizimmer-Haus in der Nähe des Campus. Er wiegt 60 Kilo, ist 1,73 m groß und macht täglich Streckübungen im Glauben, dadurch zu wachsen. Auch hier beginnt er, seine Mitbewohner zu schikanieren, und führt wie ein Anthroposoph penibel Buch über ihre Reaktionen. Als ihm seine Großeltern eine Heizdecke schicken, weigert er sich, seinen Anteil an den Heizkosten zu bezahlen. Er fährt den geliehenen Thunderbird eines Zimmergenossen an den Laternenpfahl, trägt ungefragt die Klamotten der anderen und belästigt Mädchen. Inzwischen ist Jim ein überzeugter Elvis-Presley-Fan und dreht jedes mal das Radio bis zum Anschlag, wenn dessen Songs gespielt werden. Am Ende des Trimesters im Dezember setzen ihn die anderen schließlich vor die Tür. Daraufhin zieht er in einen Wohnwagen, der hinter einem Mädchenwohnheim steht. Die Miete beträgt 50 Dollar, etwa die Hälfte dessen, was ihm seine Großeltern monatlich schicken. Wenn Jim Geld braucht, wendet er sich an seine Eltern. »Um einen Scheck zu bekommen, musste er einmal im Monat einen Brief schreiben«, erinnert sich sein Bruder Andy, in diesen Briefen teilt er nichts Privates mit, sondern schildert die wahnwitzigsten Räuberpistolen, die er sich ausdenkt, um als Superman und Held dazustehen und bei denen seine blühende Phantasie mit ihm durchgeht. »Es musste eine Geschichte sein. Etwa, wie er im Kino war, Feuer ausbrach, jedermann in Panik geriet, zu den Türen drängte und nur er die Ruhe bewahrte. Er ging auf die Bühne, setzte sich ans Klavier, sang ein Lied und beruhigte so die Leute, die daraufhin sicher aus dem Kino gelangten, in einem anderen Brief schilderte er in allen Einzelheiten, wie er einen Burschen in einem Moor absaufen sah.«
Im zweiten Trimester besucht Jim zwei Kurse, die ihn nachhaltig beeinflussen. Im ersten geht es um die sogenannten kritischen und skeptischen Denker, die gegen die traditionelle Philosophie protestierten, um Montaigne, Rousseau, Sartre, Heidegger. Vielleicht wird Friedrich Nietzsche_7 Jims Lieblingsphilosoph, weil er unter anderem geschrieben hat, dass das Leben ohne Musik ein Irrtum wäre, aber auch den Satz »was mich nicht umbringt, macht mich stärker«. Im zweiten Seminar über ›Kollektives Verhalten: Die Psychologie der Masse‹, das auf C.G. Jungs Arbeit ›Kollektives Unterbewusstsein‹ basiert, begeistert er seinen Professor mit dem Vorschlag, die Sexualneurose einer Menschenmenge zu diagnostizieren. »Den höheren Semestern wurde eine Diskussion dieser Hypothese aufgegeben«, berichtete später Bryan Gates, mit dem sich Jim zu jener Zeit anfreundet und dessen Vater ebenfalls bei der Armee ist. »Aber Professor Geschwender und Jim führten sie. Der Rest von uns kam nicht mit. Wir wussten gar nicht, von was sie sprachen.« Als Jim seine Theorie in die Praxis umsetzen will - »wir können sie heilen««, meint er, »wir können sie in Liebe versetzen oder in Aufruhr!« -, weigern sich allerdings seine Kommilitonen, dies auf einem College-Konzert gemeinsam zu überprüfen.
Es ist die beste, die ich je von einem Studenten, der eine so begrenzte, psychologische Vorbildung wie Jim hatte, gelesen habe. Sie gereichte einem Doktoranden zur Ehre.
Jims Professor James Geschwender über ›Die Psychologie der Masse‹
An den Wochenenden trampt er oft ins 300 Kilometer entfernte Clearwater, um sich mit Mary zu treffen. Nach Bryans Abschluss an der FSU im April beschließen die beiden Freunde, quer durch Amerika zu trampen. Davor trifft sich Jim nochmals mit Mary, um ihr mitzuteilen, dass er auf die Filmhochschule in Los Angeles will, um seine visuellen Ideen umzusetzen. Mary verspricht, im Juni nachzukommen, sobald sie ihren Collegeabschluss in der Tasche hat.
Auf der sechstägigen Tramptour eifern die beiden Jims großem Vorbild Kerouac und dessen Roman ›Unterwegs‹ nach. Sie geraten mit der Polizei in Konflikt und verbringen eine Nacht im Gefängnis von Mobile, Alabama, lassen sich von Frauen aufgabeln, die mal lesbisch, mal Hermaphroditen sind, treiben sich in Bars und in Bordellen herum. Als sie schließlich in Coronado ankommen, gibt es sofort Streit mit Jims Mutter. Obwohl sein Vater, wie meist, gar nicht anwesend ist, geht es wieder um das leidige Thema Haareschneiden. Außerdem missbilligt sie, dass Jim und sein Freund durch die Spielhöllen und wüsten Marinekneipen in San Diego ziehen. Die beiden reisen nach Los Angeles weiter und versuchen vergeblich, einen Ferienjob zu ergattern. Statt zu arbeiten feiern sie mit Bryans Vettern Parties. Als Jims Vater einen Monat später in Long Beach eintrifft, lehnt er den Wunsch seines Sohnes, auf die UCLA_8 in Los Angeles zu gehen, um Film zu studieren, rigoros ab. Die Eltern schicken ihren aufsässigen Sprössling per Flugzeug für sein zweites Studienjahr nach Florida zurück.
Im Sommersemester meldet sich Jim für ein Geschichtsseminar über das Mittelalter an und wählt als Thema Hieronymus Bosch_9, den an der FSU damals kaum einer kennt. Bosch, der die Welt als eine Art Hölle betrachtete, in der wir den Verdauungsapparat des Teufels passieren, ist der richtige Stoff für Jim. Ein ehemaliger Student meint: »Er war fasziniert von den blutigen Aspekten der Pest und ihren psychologischen Langzeitfolgen - ihre Wirkung auf das Denken der Europäer, auf ihre Traditionen und auf das geistige Klima, in dem Bosch aufwuchs.«
Nach einer Ferienwoche in Clearwater schreibt Jim sich Anfang September 1962 für ein Seminar über die Spätrenaissance und für diverse Theaterkurse ein. Offenbar bereitet er bereits ernsthaft seine Bewerbung für die UCLA vor, denn er bittet auch seine frühere High-School in Virginia, seine Unterlagen an die UCLA zu schicken. Er zieht in das heruntergekommene Cherokee Hotel, das früher Prostituierte bewohnten, was seinem romantischen Hang zum Kaputten durchaus entspricht. Allein der schlechte Ruf der schäbigen Bleibe macht sie für ihn interessant.
Viele seiner Mitstudenten halten ihn für einen Angeber mit exhibitionistischen Neigungen. Bereits 1962 legt er sich eine Nickelbrille zu, wie sie erst 1968 bei den College-Studenten in Mode kommt. Er schließt sich einer Clique älterer Studiosi und Professoren aus der Kunstabteilung an, die als schwere Trinker bekannt sind, und zieht mit zweien von ihnen zusammen. Damit beginnt er auch auf der FSU ein wildes, zügellosen Leben. Manche seiner Kommilitonen behaupten, er sei ein notorischer Unruhestifter gewesen, habe sich gern zur Schau und die Leute auf die Probe gestellt. Mal uriniert er in den Springbrunnen vor einem Kino, dann fasst er sich auf der Straße in den Schritt, wenn junge Mädchen vorbeikommen. Wegen eines albernen Jungenstreichs wird er abermals verhaftet. Weinselig vollführt er auf der Straße ein Scheingefecht mit seinem Regenschirm, entwendet einem Polizisten den Helm, der bei einem anschließenden Handgemenge abhanden kommt. Er wird wegen Diebstahls, Ruhestörung, Widerstands gegen die Staatsgewalt und Trunkenheit in der Öffentlichkeit festgenommen und verbringt eine Nacht hinter Gittern. Weil sich Ralph Turner, sein Geschichtsprofessor, für ihn einsetzt, kommt Jim mit einer Geldstrafe von 50 Dollar davon. Kurz danach sorgt am 5. Oktober 1962 in England eine Band namens The Beatles mit ihrer ersten Single ›Love Me Do‹ für Aufsehen und erobert Anfang 1963 mit ›Please Please Me‹ die englischen Charts. Die Beatlemania nimmt ihren Lauf, in Amerika verbreiten derweil die Beach Boys mit ›Surfin' USA‹ und ihrem Strahlemann-Image der braungebrannten Strandjungs gute Laune.
Obwohl Jim die Universität nur etwa 18 Monate besucht, hat er auch dort bei allen einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Der Professor, bei dem Jim Bühnenbild studiert, war noch Jahre später von dessen selbstentworfenen Bühnenbildern beeindruckt. Für eine Inszenierung von ›Die Katze auf dem heißen Blechdach‹ von Tennessee Williams_10, in der Big Daddy, eine der Hauptfiguren, an Krebs stirbt, hat Jim folgende Idee, um den langsamen Tod zu symbolisieren: Auf die Rückwand der Bühne wird ein kleiner Lichtkegel projiziert, der im Verlauf des Stücks allmählich wie der Krebs wächst.
Die Leute aus der Theatergruppe, der sich Jim anschließt, schwitzen oft Blut und Wasser, weil sie nie wissen, was ihm als Nächstes einfällt. Anfang der 60er Jahre sind Obszönitäten auf der Bühne vollkommen verpönt, und genau das reizt Jim natürlich. Mit Keith Carlson arbeitet Jim in dem absurden Zweipersonenstück ›The Dumb Waiter‹ (›Der stumme Diener‹) von Harold Pinter_11: »Wenn der Vorhang aufging, wußte ich nie, was Jim machen würde. Es war schwierig, sich auf ihn einzustellen, denn er spielte die Rolle ständig anders, hielt sich nicht an den Dialog oder andere Dinge. Allerdings ist es auf der Bühne nie zu obszönen Dingen gekommen, aber es gab ein paar wundervoll unanständige Proben.« Der Regisseur des Stücks, Sam Kilman, macht Jim mit den Werken von Antonin Artaud bekannt, der seine revolutionären Theaterschriften in den 30er und 40er Jahren im Irrenhaus verfasste. Von ihm stammt der Satz: »Wir müssen erkennen, dass das Theater wie die Pest ist, Verzückung und Kommunikation. Da liegt das Geheimnis seiner Faszination.«
Am 22. November 1963 wird der Traum vom amerikanischen Optimismus jäh zerstört, als Präsident John F. Kennedy_12 bei einem Attentat in Dallas erschossen wird. Jim kehrt Weihnachten 1963 zum zweiten Mal nach Hause zurück. Sein Vater ist inzwischen Kapitän der ›USS Bon Homme Richard‹, einem der modernsten und größten Flugzeugträger der US-Marine, und damit Befehlshaber über 3.000 Mann Besatzung. Wieder muss Jim sich auf Wunsch der Mutter die Haare schneiden lassen, bevor er seinem Vater am 8. Januar 1964 unter die Augen tritt. Er begleitet seinen Vater bei einem Manöver im Pazifik, der ihn als Erstes zum Bordfriseur schickt, wo man ihm einen ratzekurzen Militärschnitt verpasst. Das Verhältnis zwischen Vater und Sohn ist bis zum äußersten gespannt. Eine Woche später macht Jim seinen Traum wahr und schreibt sich an der ›Filmabteilung‹ des Lehrstuhls für Theaterwissenschaften an der University of California in Los Angeles - der UCLA – ein.
Filmhochschule und Künstlerzirkel - Los Angeles
Als Jim nach Los Angeles kommt, ist die Jugend dabei, die Welt zu verändern. Überall herrscht Aufbruchstimmung. Die Musik der Beatles, Rolling Stones und Beach Boys liegt in der Luft, ›She Loves You‹, ›Time Is On My Side‹ und ›I Get Around‹. In Berkeley, der politisierten Zwillingsuniversität der UCLA, gibt es die ersten Studentendemonstrationen des ›Free Speech Movement‹. San Francisco ist die Stadt der Selbsterfahrung und Selbstbestimmung, Los Angeles dagegen die Stadt der Selbstdarsteller. Den Campus bevölkern Schöne und Schöngeister, die später das ›Goldene Filmzeitalter‹ in Hollywood mitgestalten wollen. Mit Stanley Kramer (›Flucht in Ketten‹), Jean Renoir (›Weiße Margeriten‹) und Josef von Sternberg_13 unterrichten hier drei hervorragende Regisseure. Begeistert notiert Jim: »Das Schöne an Filmen ist, dass es keine Experten gibt. Jeder kann sich die ganze Filmgeschichte einverleiben, in anderen Künsten geht das nicht. Es gibt keine Experten; theoretisch weiß jeder Student so viel wie jeder Professor.« Zum erlesenen Studentenkreis gehört auch Francis Ford Coppola, der etliche Jahre älter ist als Jim und seine Mitstudenten.
Das erste halbe Jahr in Los Angeles verläuft unauffällig. Jim liest viel, die Wochenenden verbringt er oft am Strand von Venice, einer kleinen Stadt am Meer, die um 1900 als exklusiver Ferienort entstand und in den 50er Jahren zum Dorado der Beatnik-Dichter und Jazzmusiker wurde. Inzwischen ist der Ort heruntergekommen und wird von Armen und Alten, Studenten und Künstlern bevölkert. Auch hier ist es das Romantisch-Morbide, das Jim anzieht. Über Ostern fährt er mit Freunden zu einem Dreitagebesäufnis nach Tijuana. Eine weitere Sauf tour nach Mexiko unternimmt er mit seinem Patenonkel und Bruder Andy während der Sommerferien, die er in Coronado verbringt. »Wir fuhren ... nach Süden runter, nach Ensenada«, erinnert sich Andy. »Jim zeigte mir, was da läuft. Ich trank Bier, und er schleppte mich von Bar zu Bar, handelte mit den Mexikanern auf Spanisch, wenn sie uns übers Ohr hauen wollten, quasselte mit den Nutten und sprintete, von Hunden gejagt, durch kleine Gässchen. Es war toll.« Doch Jim hält die provinzielle Langeweile in der Militärsiedlung Coronado nicht aus und kehrt schon im August an die Universität zurück. Kurzfristig jobbt er in der Theatre Arts Library, verliert diese Arbeit aber wegen seiner Unzuverlässigkeit. Zu Jims Freude kommt Mary tatsächlich nach Los Angeles. Doch als sie sich ein eigenes Appartement nimmt und sofort Arbeit im Gesundheitszentrum der UCLA findet, ist er verärgert.
Schon bald wird Jim zum Mittelpunkt einer exzentrischen Freundesclique. Dazu gehört Dennis Jakob, mit dem Jim am liebsten über Nietzsche und dessen Frühwerk ›Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik‹ philosophiert. Beide identifizieren sich mit dem griechischen Gott Dionysos und seinem rauschhaften, verzückten Leben. Als sie einmal in der Diskussion eine Zeile von William Blake_14 zitieren - »Wären die Pforten der Wahrnehmung gereinigt, sähe der Mensch jedes Ding wie es in Wahrheit ist - unerschöpflich« denkt Jim zum ersten Mal darüber nach, eine Band namens The Doors zu gründen. Blakes Satz inspirierte später Aldous Huxley_15 zu einem Buch über seine Meskalin-Erfahrungen, ›Die Pforten der Wahrnehmung‹, für Jim »Türen, die offen oder geschlossen sein können«.
Mit John DeBella, dem Sohn eines New Yorker Polizisten, entwickelt Jim die ›Theorie des wahren Gerüchts‹. Wahrheit? Wichtig ist, was die Leute glauben, und das sollte Jim später bei den Doors erfolgreich demonstrieren. Der attraktive Phil Oleno beschäftigt sich ausführlich mit dem Werk C. G. Jungs. Da Phils Vater Apotheker ist, hat er freien Zugang zu Drogen. Mit 34 Jahren ist Felix Venable der Älteste der Clique. Er hat eine schillernde Biografie und liebt den Alkohol und Pillen. Jim ist mit seinen 21 Jahren der Jüngste, aber was verrückte Ideen angeht, stehen die anderen ihm nicht nach. Wenn sie nicht darüber philosophieren, wie durch das Medium Film »Träume Realität werden«, wetten sie, wer in einer Stunde die meisten Bücher klauen kann, oder hören sich völlig bekifft im Musikarchiv Platten an. Jim beschmiert die Männertoilette der Uni mit obszönen Graffiti, klettert auf ein Campusgebäude und zieht sich aus, entblößt sich in einer öffentlichen Bibliothek und uriniert in Bücherregale. Er wird Stammgast in der Bar ›Lucky U‹, in der viele Veteranen verkehren, und verspottet betrunken die Rollstuhlfahrer. »Mit einem Image gibt's keine Gefahr«, schreibt er in sein Notizbuch.
Die Clique diskutiert die aberwitzigsten Filmideen, inspiriert durch ihr Interesse an der Psychoanalyse, die in den 60er Jahren in vielen Experimentalfilmen einen Boom erlebt: Schamanismus, Neurosen, Fetischisten, Abnormitäten, Nekrophilie, Masochismus und Sadismus. Die Studenten sollen von Anfang an kleine Übungsfilme drehen, um das Handwerk zu erlernen. Phil ist an einem Projekt der Psychologie-Klasse beteiligt, in dem ein nacktes Pärchen alle möglichen sexuellen Positionen einnimmt. Er besorgt Jim das Abfallmaterial, das dieser zu einer Szene mit einem sexuellen Höhepunkt montiert, die er mit Ravels ›Bolero‹ unterlegt. Außer den Studenten findet das niemand amüsant, die verärgerten Professoren geben Jim die schlechteste Note und stecken den ›Unruhestifter‹ in eine Sonderklasse für ›Problemfälle‹.
Statt Filme zu drehen, setzt sich Jim theoretisch mit dem Medium Film als Kunstform auseinander. In Hunderten von Notizen ringt er um die Definition des Films: »Die Kamera ist ein allsehender Gott, sie erfüllt das Verlangen nach Allwissenheit«, schreibt er, und »der Film ist die totalitärste Kunstform«, »ein Panoptikum, das auf seine technische Besamung wartet«. Für ihn sind Filme »Ansammlungen toter Bilder, die künstlich befruchtet werden«, die Zuschauer hingegen »heimliche Vampire«.
Das Kino kommt nicht von der Malerei her, von der Bildhauerei, von der Literatur oder gar - was naheliegt anzunehmen - vom Theater, sondern von der alten Jahrmarktsgaukelei, von der Magie. (...) Die ersten Instrumentarien waren Feuer, Rauch, Gifte und Glas.
1969 veröffentlichte Morrison diese Notizen im Selbstverlag in dem kleinen Gedichtband ›The Lords: Notes On Vision‹ der 1970 unter dem Titel ›The Lords And The New Creatures‹ - im amerikanischen Simon & Schuster-Verlag erschien.
Im Herbst 1964 ist Jims Vater wieder im Kriegseinsatz. Nordvietnamesische Schiffe sollen im Golf von Tonkin amerikanische Zerstörer angegriffen haben. Es ist der Vorabend des Vietnamkriegs und der weltweiten Studentenrevolten. Ende des Jahres nimmt Jims Vater seinen Abschied aus dem aktiven Marinedienst. Weihnachten trifft sich die ganze Familie an der Westküste, bevor Jims Vater im neuen Jahr nach London zum Oberkommando der US-Marine-Streitkräfte in Europa geht. Es ist das letzte Mal, dass Jim seine Eltern besucht.
Zurück an der UCLA fällt er vor allem durch angeberisches, großspuriges Benehmen, zunehmenden Drogenkonsum und obszöne Ausfälle auf. Einige Dozenten lassen ihn dennoch nicht fallen. Jims Lieblingsprofessor Ed Brokaw vermutet hinter Jims ›Dilettantismus‹ ein großes Talent: »Alles Destruktive zog ihn an«, meint er heute, »er roch es und wärmte sich die Hände an diesem Feuer.« Zum Abschluss des Semesters im Mai 1965 werden die Arbeiten der Studenten an zwei Tagen vorgeführt, um die Filme auszuwählen, die später öffentlich präsentiert werden sollen. Jims Klasse hatte die Aufgabe, einen Stummfilm zu drehen und diesen anschließend mit Geräuschen oder Musik zu unterlegen.
Sein Film entsteht ohne Drehbuch auf der Basis seiner Notizen. Heraus kommt eine zusammenhangslose Montage ohne eigentliche Handlung. John DeBella ist der Kameramann und Star von Jims Abschlussfilm. Er dreht in den schäbigen Bars im Vergnügungsviertel von Los Angeles und in Jims Appartement. Johns damalige Freundin, eine große deutsche Blondine, tanzt in Unterwäsche auf dem Fernseher, während Nazis über den Bildschirm marschieren. An der Zimmerwand hängen Playboy-Nackedeis, durchbohrt von Dartpfeilen. Jim hat einen Vorläufer der späteren Videoclips gedreht, wie sie Ende der 70er Jahre in der Musikszene in Mode kamen - allerdings ohne den dazugehörigen Song. Der Film hat keinen Titel und ist so schlampig montiert, dass sich die Klebestellen lösen. Nach der verspäteten Vorführung sind Jims Professoren enttäuscht und geben ihm nur ein ›Ausreichend‹.
Es ging um einen Filmemacher und das Auge des Filmemachers. Die Kamera und das Auge sahen all diese schrecklichen Sachen. Was der Filmemacher aufnahm, hatte solche Auswirkungen auf ihn, dass er schließlich eine Augenentzündung bekam. Dann hatte Jim nach einem Joint einen guten Einfall, und es folgte ein Schnitt auf die weiße Linie, die auf dem Bildschirm zu sehen ist, während der Fernseher ausgeschaltet wird, und die auf einen winzigen Punkt schrumpft. Irgendwie war das stark, aber ich würde nicht sage, dass es ein guter Film war.
Der Mitstudent John DeBella über Jims Abschlussfilm
Professor Terence McCartney Filgate, der in Jims Film mitgewirkt hat, hält seinen Studenten für unbeherrscht, aber außergewöhnlich. »Er machte auf Marlon Brando und war Frauen gegenüber sehr aggressiv.« Colin Young, ein anderer Dozent, meint: »Ich hatte nicht das Gefühl, dass Jim zu denen gehörte, die beim Film durchhalten. Meiner Meinung nach fehlte ihm die Geduld, sich lange genug mit Leuten herumzuschlagen, um einen Film zu machen. Er war ein Künstler, der seine Nummer noch nicht zusammenhatte. Ich fand seinen Film interessant, aber unfertig.« Er sollte in mehr als einer Hinsicht recht behalten. Jim ist über seinen Misserfolg so verbittert, dass er zwei Wochen vor Semesterschluss die UCLA verlässt. Gleichzeitig kommt es zum endgültigen Zerwürfnis mit Mary.
Ich sagte Jim, was für ein übles Zeug es war, wie es schmeckt und dass man hinterher drei Tage lang mit Leuten redet, die nicht da sind. Er sagte, »du hast mich überzeugt«, und fing an, das Zeug zu nehmen. Er füllte es in Kapseln und nahm ganze Hände voll auf einmal.
Jims Freund Phil Oleno über dessen Drogenexperimente
In diesen Tagen lassen sich in Los Angeles die jungen Leute bereitwillig und wahllos auf alles ein, was ihr Bewusstsein erweitert, und Jim schluckt und inhaliert, was er bekommen kann. »Er hätte alles ausprobiert«, so Phil Oleno, der aus der Apotheke seines Vaters das grüne Pulver Asthmador anschleppt, das aus dem giftigen Belladonna hergestellt wird. »Er musste herausfinden, wie es war.« Als Jim die UCLA verlässt, hat der neue amerikanische Präsident Lyndon B. Johnson Vietnam bereits den Krieg erklärt und die USA bombardieren das Land. Gleichzeitig kommt es in den amerikanischen Großstädten zu Rassenunruhen. Je mehr die politische Lage eskaliert, um so stärker erobert die neue psychedelisch und politisch gefärbte Rockmusik die Charts - ›Mr. Tambourine Man‹ von den Byrds, die Rolling Stones mit ›Satisfaction‹, die Beatles mit ›Help!‹ und Bob Dylan mit ›Like A Rolling Stone‹.
Raymond Daniel Manzarek, 1939 in Chicago als Sohn einer Arbeiterfamilie geboren, studierte am dortigen Konservatorium klassisches Klavier. Danach machte er seinen Abschluss in Wirtschaft an der DePaul University, bevor er in Los Angeles ein Jura-Studium begann, um danach an die Filmabteilung zu wechseln. Im Dezember 1961 trat er in den Armeedienst ein und wurde zur Truppenbetreuung als Pianist nach Japan und Thailand geschickt. Als er dem Armeepsychiater erzählte, er sei homosexuell, wurde er frühzeitig entlassen. Sein Filmstudium an der UCLA nahm er genau zu dem Zeitpunkt wieder auf, als Jim in Los Angeles eintraf. Ray Manzarek verstarb am 20. Mai 2013.
Ein weiterer Kommilitone von Jim ist Ray Manczarek, geboren 1939, ein klassisch geschulter Pianist aus Chicago, der später das ›c‹ aus seinem Namen streicht. Zusammen mit seinen Brüdern Rick und Jim hat er eine Bluesband namens Rick and the Raven, in der er die Orgel spielt und die an den Wochenenden in einer Bar in Santa Monica auftritt. Jim respektiert den bebrillten und coolen Ray, denn dieser hat sich geweigert, Nacktszenen aus seinem Film zu schneiden. Rays Band soll beim Abschlussball einer High-School als Vorgruppe von Sonny & Cher_16 spielen. Weil sie zu sechst engagiert sind und ein Musiker ausfällt, bittet er Jim einzuspringen, der für 25 Dollar einen Gitarristen mimt. Kurz darauf taucht Jims alter Kumpel Sam Kilman aus den Zeiten an der Florida State University auf. Jim schlägt dem ehemaligen Schlagzeuger vor, eine Band namens The Doors zu gründen. »Es gibt das Bekannte, und es gibt das Unbekannte; was sie trennt, ist die Tür. Genau das will ich sein - die Tüüür!« Doch Sam lacht nur, als er hört, dass Jim der Sänger sein soll.
Mitte Juli erfährt Jim, dass er die Gesundheitsprüfung bei der Musterung bestanden hat und jeden Tag eingezogen werden kann, da er nicht mehr als Student registriert ist. Rasch schreibt er sich an der UCLA wieder für diverse Kurse ein. Als ihm sein Abschlussdiplom per Post zugestellt wird, ist er bereits in Venice. Dort findet er das Leben, das ihm gefällt. Die Hippies aus San Francisco und Künstler aus Los Angeles treffen sich am Strand, wo in den kleinen Headshops_17 LSD_18 und Marihuana verkauft wird. Anfangs teilt sich Jim mit Dennis Jakob eine Unterkunft und zieht danach auf das Dach eines verlassenen Warenhauses. Seine Hauptnahrung besteht aus LSD-Trips und Joints. Ab und zu wärmt er sich Dosengerichte auf einem Bunsenbrenner auf und schreibt fieberhaft Gedichte, die später zu Songtexten der Doors werden. »Die Geburt des Rock 'n' Roll fiel mit meiner Jugend zusammen, mit der Zeit, als ich anfing, bewusst zu leben. Es war ein echter Kick, obwohl ich mir damals nicht einmal ernsthaft hätte träumen lassen, es selbst zu tun .... Und als es schließlich passierte, hatte mein Unterbewusstsein die ganze Sache schon vorbereitet. Ich habe nicht darüber nachgedacht. Es war einfach da. Ich habe niemals gesungen. Ich dachte, ich würde Schriftsteller werden oder Soziologe, vielleicht Stücke schreiben. Ich bin höchstens in ein oder zwei Konzerten gewesen.«
End Of The Night / Ende der Nacht (Songtext; Ausschnitt)
Nimm die Straße zum Ende der Nacht
Ende der Nacht. Ende der Nacht
Sphären der Wonne, Sphären des Lichts
Manche wurden für die süße Lust geboren
Manche wurden für die endlose Nacht geboren
Alles, was er in den Jahren zuvor wie ein Schwamm aufgesogen hat, bricht nun aus ihm heraus. Während er die ersten Songs schreibt, hört er in seinem Kopf ein komplettes Rockkonzert vor einem großen Publikum. Er beobachtet ein junges schwarzes Mädchen mit langen Beinen und schreibt ›Hello, I Love You‹, das drei Jahre später zu einem der größten Doors-Hits werden soll. Zu dem Text von ›End Of The Night‹ inspiriert ihn der Roman des französischen Pessimisten und späteren Faschisten Louis-Ferdinand Céline, ›Reise ans Ende der Nacht‹. Mit ›Soul Kitchen‹ verewigt er das kleine Speiselokal ›Olivia's‹ mit billiger und bodenständiger Küche für die schwarze Bevölkerung von Los Angeles. Er weiß, dass er diese Songs, die er schreibt, auch singen muss. »Diese Art von mystischem Konzert, das ich hörte ... das wollte ich gerne reproduzieren.« Dieses Bekenntnis klingt wie das Drehbuch, das er an der UCLA nie abgeliefert hat - das Szenario seines künftigen Lebens. Da er bereits das gelebt hat, worüber die neuen Rockstars singen, liegt es auf der Hand, selbst einer zu werden, der jedoch über andere Erfahrungen - geistiger Natur - schreibt und singt. Rocksänger zu werden ist weniger eine Entscheidung als eine logische Konsequenz aus seinem multimedialen, exhibitionistischen und narzisstischen Denken und Verhalten. »Morrison war der erotischste Bücherwurm, der je zum Mikrofon griff ...«, so der Buchautor Dylan Jones 1990.
Pulsuz fraqment bitdi.