Kitabı oxu: «Die Katze, die nicht sterben wollte - Schweden-Krimi»

Şrift:

Inger Frimansson

Die Katze, die nicht sterben wollte - Schweden-Krimi

Saga

Die Katze, die nicht sterben wollte - Schweden-Krimi ÜbersetzerPaul Berf Coverbild / Illustration: Shutterstock Copyright © 2004, 2020 Inger Frimansson und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726445039

1. Ebook-Auflage, 2020

Format: EPUB 2.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit Zustimmung von SAGA Egmont gestattet.

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Sie war eine gewöhnliche graue Katze, eine Hauskatze eben. Sie reckte ihr Maul in die Höhe und miaute, wie sie es schon oft, viele Tage lang getan hatte.

Aber die menschlichen Geräusche waren verstummt und das Haus war verschlossen.

Fauchend drehte sie sich zu ihren Jungen um, die inzwischen groß geworden waren. Es war Herbst und die Zitzen des Muttertiers waren eingeschrumpft und gaben keine Milch mehr.

Die Katze grub in der Erde, kratzte, scharrte, bekam ein Stück faserigen Stoffs zwischen die Zähne und nahm einen stechenden, schleimigen Geschmack wahr.

Zum zweiten Mal in ihrem Leben hatte sie Angst.

Eine Frau kam zu der Stelle, an der die Spuren von Krallen und Pfoten zu erkennen waren, und sah aus einem Loch in der Erde etwas herausragen.

Vor Entsetzen wurde ihr eiskalt und sie wimmerte und schnappte nach Luft.

Es war ein Stück von einem Menschenarm und an dem Arm saß eine Uhr. Sie wollte die Uhr nicht sehen, konnte aber die Augen nicht davor verschließen. Sie war dreckverschmiert und verdreht, dennoch erkannte die Frau das braune Lederarmband. Sie hatte ihm geholfen es zu flicken, es auf ihr Zimmer mitgenommen und sich mit der Nadel die Finger zerstochen.

Sie hatte angefangen ihn zu vermissen.

Sie legte den Kopf in den Nacken und schrie in den bleichen, frostigen Himmel hinauf.

Der Mann

1. KAPITEL

Die Straße war von einer Staubschicht bedeckt, von einem feinen Puder aus zermahlenem Schotter. Das gefiel ihm nicht, denn der Staub drang ihm in alle Poren und in die Nasenlöcher, setzte sich im Nasenschleim fest und trocknete ihn aus. Normalerweise wich er den Straßen aus, aber an zwei, drei Stellen war das nicht möglich, dort musste er eine Weile dem Straßenverlauf folgen. In den Straßengräben wuchsen Walderdbeeren, rotes Fruchtfleisch bedeckt von einer Schicht aus grauen Giften. In seinen Augen war es ein Verrat, von ihnen zu essen, man konnte krank davon werden, eine Geschwulst konnte sich in einem festsetzen, wild wuchern und einen umbringen.

Das war von der Natur so nicht gewollt. Die Natur hatte die Früchte der Erde zum Nutzen der Menschen erschaffen.

In der Ferne Motorengeräusche, ein dumpfes und wütendes Grollen, das lauter wurde. Er musste einen Schritt zurücktreten und blieb im Straßengraben stehen. Die Pflanzen schmiegten sich an seine Knöchel. Ein PKW, vermutlich ein japanisches Modell, er kannte sich mit den neuen Automarken nicht mehr so gut aus. Seit er mit den Autokennzeichen fertig war, hatte er jedes Interesse an Autos verloren. Er hatte mit 001 begonnen und sie in chronologischer Ordnung abgehakt, bis er schließlich 999 erreicht hatte. Damals war er in die umliegenden Ortschaften gegangen, hatte sich auf Parkplätzen herumgetrieben oder in die Nähe einer Autobahnauffahrt gesetzt und dort stundenlang mit seinem Block und den Stiften gehockt. Blaue Farbe für gerade Nummern, rote für ungerade. Fünf Jahre hatte es gedauert.

Danach war er im Wald geblieben.

Er blieb einen Moment stehen, schaute in beide Richtungen, lauschte und wartete den perfekten Augenblick ab, in dem der Abstand zu dem Wagen, der gerade vorbeigefahren war, und dem, der als Nächster kommen würde, exakt gleich lang war. Ganz genau konnte er ihn natürlich nicht bestimmen. Es war nur ein Gefühl, so als würden zwei Waagschalen regungslos auf gleicher Höhe verharren, Perfektion und Einklang. Einen Moment lang hielt er den Atem an und überquerte anschließend die Teerdecke mit acht langen Schritten.

Zwischen den Kiefernstämmen war es drückend heiß. Die Hitze fraß sich in seine Haut, presste Feuchtigkeit unter seinen Haaren hervor, seine Stirn glänzte und pochte. Plötzlich sah er seine Mutter vor sich und roch den Kartoffelgeruch in ihrer nassen, erdigen Schürze, sah sein Gesicht zwischen den Streifen vergraben und ihre Hand, die sich schwer um seinen Hinterkopf wölbte.

Nein, lass das, denk nicht.

Er musste die Katze und ihre Jungen suchen. Er hatte ihnen ein Nest in der Kommodenschublade eingerichtet, ohne dass es etwas genützt hätte. Am nächsten Morgen waren sie dennoch verschwunden. Drei Kätzchen lagen noch in den Lumpen, lebten aber nicht mehr. Die beiden anderen waren mit ihr verschwunden. Die Katze hatte sie im Maul davongetragen.

2. KAPITEL

Die kleinen Kätzchen wuchsen schnell. Als sie noch kleiner waren, war alles einfacher gewesen. Er konnte noch wesentlich mehr bestimmen und sie mussten viel schlafen und gesäugt werden.

Mittlerweile machten sie kleine lustige Sprünge auf allen vieren. Es machte ihm Spaß ihnen zuzusehen und sie mit einer ausgerollten Kordel spielen zu lassen. Ihre Krallen waren warm und durchsichtig. Wenn er sie fest hielt, bissen sie ihn mit ihren rosa Gaumen in die Hand und hinterließen Milch und Haare.

Das eine hatte den gleichen hellen, grau getigerten Pelz wie die Katze, das andere war zerzaust und größer, aber dennoch etwas scheuer. Er hatte ihnen Namen gegeben, sie aber schon wieder vergessen. Ihm hatten sie es zu verdanken, dass sie auf der Welt waren. Aber die Katze hatte keine Ruhe, nahm ihre Jungen und verschwand. Tag für Tag musste er nach ihnen suchen, was ihn stresste und deprimierte.

Die Katze hatte er eines Abends vor vier Jahren bekommen. Damals arbeitete er für Holger, half ihm im Wald. Den ganzen Tag hatten sie mit ihren Motorsägen gearbeitet und das knatternde Geräusch hallte noch in seinem Kopf.

Es war der letzte Tag. Die Haut in seinen Handtellern war rissig und wund. Die Stiche der Kriebelmücken juckten überall. Holger parkte den Traktor und zog das Kuvert mit dem Geld aus der Tasche.

»Da wäre noch eine Sache«, sagte er und seine Augen verengten sich zu Schlitzen.

Der Mann hatte etwas geahnt. Ein Schauer lief ihm über den Rücken und er musste plötzlich aufstoßen. Aber er stellte keine Fragen, sondern wartete nur.

Holger ging in den Schuppen und kehrte kurz darauf mit einer Schrotflinte zurück. Er rief zum Haus hinauf. Kaarina trat auf die Eingangstreppe hinaus, als hätte sie dort Wache gestanden. Im Arm hielt sie einen Schuhkarton, den sie mit äußerster Vorsicht trug, und ihr Gesicht war verschmiert und nass.

»Du kannst wieder reingehen!«, sagte Holger.

Daraufhin setzte sie den Karton auf der Erde ab, drehte sich um und lief hinein. Sie war korpulent und schwerfällig. Ihre plötzliche Schnelligkeit und die geschwollenen, geäderten Beine passten in seinen Augen nicht zusammen.

Holger reichte ihm die Waffe.

»Du weißt doch, wie man damit umgeht, oder? Du bist doch schon mit auf die Jagd gegangen.«

Er nickte. Es zog in seinen Hoden.

»Ich gehe jetzt rein!«, sagte Holger. »Du kannst sie hier abstellen. Lass einfach alles liegen, wenn du fertig bist. Lass den ganzen Mist liegen, ich kümmere mich darum, wenn du fertig bist.«

Ja. Das war jetzt vier Sommer her. Er hakte die Tage in seinem Kalender ab, malte sie mit dem Anilinstift aus. Die weißen Felder mit den Zahlen. Nummer acht im Juni.

Am Tag Nummer acht im Juni hob er den Deckel des Schuhkartons einen Spalt breit und hörte ein schwaches Maunzen. Nein, er wollte nicht mehr, wollte sie nicht sehen, nicht hören, den Karton sofort wieder schließen, aber eines der Tiere entwischte über den Rand.

Er hatte Angst, dass Holger es gesehen haben könnte, aber am Fenster rührte sich nichts, stattdessen hörte man gebrochene und gedämpfte Schreie. Er hörte auch Holger und das Poltern eines Stuhls, der umgeworfen wurde.

Das Kätzchen saß mit weit gespreizten Pfoten auf der Erde, das kleine platte Gesicht ihm regungslos zugewandt. Dann machte das Kätzchen einen Satz, schoss unter sein Hosenbein und bohrte die Krallen wie Heftzwecken in seine Wade. Breitbeinig und stumm stand er da. Aus dem Haus drang erneut ein Schrei der Frau.

Dann richtete er den Lauf der Flinte auf den Karton und drückte ab.

Er verließ den Hof zusammen mit dem Kätzchen, das sich an sein Bein klammerte. Es wuchs wie eine Rebe aus seiner Wade, er hatte einmal ein Bild einer solchen Rebe gesehen, von Trauben, die in einem Gewächshaus am Ufer des Vätterns gezogen wurden. Erst als er im Schutz der Bäume angelangt war, wagte er es, sich zu bücken und das Hosenbein hochzuziehen.

Es war ein hellgraues Kätzchen, verängstigt und warm. Das war sie. Das war die Katze. Und sie machte sein Zuhause zu ihrem.

3. KAPITEL

Als sie immer schwerer und plumper wurde, begriff er, dass sie trächtig war. Eines Morgens war es dann so weit.

Er baute einen Verschlag aus Latten und Kaninchendraht, den er sich bei Holger besorgt hatte, und setzte die Jungen und die Katze in den Käfig. Die Katze buckelte und sträubte ihr Fell, als wäre es elektrisch. Als er den Finger hineinsteckte um sie zu streicheln, schlug sie die Zähne hinein und biss zu. Bestürzt schrie er auf.

Als er im Haus war, um nach einem Pflaster zu suchen, nutzte die Katze seine Abwesenheit, um den Verschlag umzukippen und Reißaus zu nehmen. Die kleinen Kätzchen ließ sie zurück. Er saß auf der Treppe und das Blut lief ihm den Finger herab. Er dachte an seine Mutter. Sie hätte jetzt seine Hand genommen und zum Mund geführt, zwischen die Lücke in den Kiefern hätte sie seine Fingerspitze geschoben und an ihr gesogen, das Übel weggesaugt.

Sie hatte ihn immer in einem kleinen Bollerwagen gezogen. Er konnte sich zwar nicht mehr daran erinnern, aber sie hatte es ihm erzählt und ihm den Wagen gezeigt. Er war grün lackiert und aus Latten gezimmert. Eine Erinnerung huschte vorbei, rundes Holz in der Kuhle des Handtellers.

»Du hast erst spät angefangen zu laufen«, jetzt war ihre Stimme wieder ganz nah, »aber ich konnte dich ja nicht die ganze Zeit schleppen. Deshalb habe ich diesen Bollerwagen gekauft. Von Lappen-Karlsson.«

Ja.

Der Bollerwagen.

Und das holpernde Rollen der Räder über Sand und Wurzeln.

»Außerdem wusste ich so immer, wo du warst, denn du bist nicht rausgeklettert, du hast in ihm gesessen und warst mein kleines Klößchen. Du mit deinen fröhlichen roten Backen.«

Er hatte das Bild vor Augen, blonde Locken, eine Krone aus Gold auf seinem Kopf.

Lappen-Karlsson gehörte damals der Kaufmannsladen unten im Dorf. Er hatte eine gewölbte Stirn und einen hohen Haaransatz. Voller Experimente und Ideen war sein Kopf, man sah es ihm regelrecht an. Seinen Spitznamen hatte er bekommen, als er einmal auf die Idee verfallen war, in einen Stofffetzen gewickelte Rindenstückchen als Heilmittel gegen Zahnschmerzen zu verkaufen. Man sollte den Stofflappen in Schnaps tauchen und gegen den schmerzenden Zahn pressen. Die Rindenstückchen habe er aus Afrika importiert, berichtete er. Sie würden von Akazien stammen und Gummi arabicum enthalten. Dieser Substanz sage man nach, sie könne Schmerzen lindern.

»Halli, hallo, mein Junge, soll ich dich heute in den Arm nehmen?«, fragte er stets und streckte seine langen, knochigen Arme aus. Und wenn er keine Antwort bekam: »Und wie geht es deiner Mutter? Du kannst ihr ausrichten, dass ich heute Abend vielleicht kurz bei euch vorbeischaue. Natürlich nur, wenn sie Zeit für mich hat.«

»Du musst nett zu Lappen-Karlsson sein und ihn mögen«, ermahnte ihn seine Mutter. »Wir haben ihm viel zu verdanken.«

Wenn es an der Tür klopfte, musste er immer in die Kammer. Seine Mutter und er schliefen dort auf einer Bettcouch. Lappen-Karlsson brachte ihm immer etwas mit, einen Comic oder eine Tüte gebrannter Mandeln.

»Sei so lieb und bleib ein bisschen hier drinnen«, sagte seine Mutter, und etwas war anders an ihren Lippen, sie waren roter, ihre Bewegungen waren hastig und linkisch.

Mucksmäuschenstill lag er da und lauschte, hörte aber keinen Laut, nicht einmal ein Flüstern. Manchmal bildete er sich ein, sie seien hinausgegangen, aber er traute sich nicht nachzusehen, traute sich nicht einmal, aus dem Bett zu steigen, bis seine Mutter zu ihm kam. Sie trug dann meistens schon ihr Nachthemd.

»Schläfst du etwa noch nicht?«, fragte sie immer wieder aufs Neue überrascht, und ihre Haare hingen dunkel und verfilzt den Rücken herab.

Er schüttelte abwartend den Kopf.

»Und warum nicht?«

»Du sollst bei mir liegen.«

»So so, meinst du, du Racker.«

»Ist Lappen-Karlsson gegangen?«

»Lappen-Karlsson? Der ist schon lange weg. Er ist nur auf einen Sprung geblieben. Und wir beide schlafen jetzt, du und ich. Morgen ist auch noch ein Tag.«

Aber an den Abenden, an denen Lappen-Karlsson da gewesen war, konnte keiner von ihnen einschlafen. Er lag auf dem Rücken und die Matratze kam ihm uneben vor. Er hörte, wie seine Mutter sich hin und her wälzte und seufzte. Er streckte seine Hand aus und tastete nach ihr, und schließlich nahm sie seine Hand.

Er war so voller Worte und Gedanken, aber ihm durfte nichts über die Lippen kommen. Schließlich schlief sie ein, der Griff ihrer Hand löste sich und ihre Finger glitten auseinander. Er hörte ihre unregelmäßigen grunzenden Atemzüge. In diesen Momenten empfand er Leere und Verzweiflung, die er in kurzen Seufzern hervorstoßen musste, so als wäre er sehr schnell gerannt. Es war eine Atemlosigkeit, aus der Tränen wurden. Seine Mutter schlummerte, bewegte sich ein wenig, hüstelte.

Er drehte sich auf die Seite und schloss die Augen.

4. KAPITEL

Kaarina war bei den Hühnern, es roch nach Eiern und altem Kot.

»Du hast mich erschreckt!«, sagte sie, aber ihre Stimme klang weich, nicht angespannt. Sie hatte ihn noch nie angeschrien.

»Wo ist Holger?«, fragte er.

Sie zeigte zum Haus.

»Was tust du?«

»Eier einsammeln.«

Er trat zu ihr hinein, die Luft war stickig. Spreu wirbelte im Lichtstreif.

»Ich hab dir doch gesagt, dass ich die Eier einsammle«, kicherte sie.

»Ich weiß.«

Die Schwere ihrer Brüste, er hielt sie, wog sie in seiner Hand. Kaarina lehnte an der warmen Stallwand, ihre Hände, die Hitze stieg ihm bis in die Ohrenspitzen. Er schob den weichen Stoff der Kleider zur Seite, suchte und zog, hörte ihre keuchenden, kurzen Schreie und ihr Stöhnen. Als er an Holger dachte und das Geräusch seiner Holzschuhe innerlich heraufbeschwor, als er ganz intensiv daran dachte, dass Holgers sonnengebräuntes Gesicht über sie fiel wie ein Schatten, dass es kalt werden würde und alle Laute verstummten und erstickt würden . . .

Das dachte er und wurde steif, suchte und schob sich hinein.

In ihr brennend heißes, glühendes Versteck.

Er nahm den Weg über den Friedhof. Die Sonne stach ihm in den Nacken.

»Eines Tages werde ich fort sein, eines Tages wirst du allein sein.«

Jetzt war er allein.

Er hatte ihr einfach nicht zugehört. Seine Mutter hatte die Worte am Ende so oft wiederholt, dass sie schließlich ihre Bedeutung verloren hatten.

Er wusste, dass sie unter dem Stein lag, der ihren Namen trug. Sie hatte alles vorher geregelt. Zum Beispiel die Sache mit der Taube. Eine Taube aus Alabaster sollte auf der Grabsteinkante sitzen und ruhen, den Kopf unter den Flügel gesteckt.

»Dann kannst du dir immer vorstellen, das wäre ich. Sonst ist es vielleicht ein bisschen schwer zu verstehen.«

Der junge Pfarrer aus Stockholm meinte, solcher Krimskrams sei auf dem Friedhof verboten und dass es eine Verordnung gebe, die für alle schwedischen Friedhöfe gelte, eine Verordnung aus dem Ministerium für Kommunalverwaltung. Er bekam es dann mit Pfarrer Augustsson zu tun.

»Papperlapapp! Man kann eine Sondergenehmigung bekommen. Wenn eines unserer Gemeindemitglieder eine Alabastertaube haben möchte, dann soll es die Taube auch bekommen. Dagegen hat unser Herrgott bestimmt nichts einzuwenden.«

Die Taube hatte begonnen, eine etwas andere Farbe anzunehmen, war irgendwie schmutzig geworden. Er hatte begriffen, dass dies an der schmutzigen Luft liegen musste. Sie kam aus Deutschland, aus dem Ruhrgebiet. Er hatte stets eine Nagelbürste dabei und jedes Mal, wenn er ihr Grab besuchte, feuchtete er die Bürste an und schrubbte den Alabaster, bis ihm die Finger wehtaten.

5. KAPITEL

Es gab ein Haus, das nur im Sommer bewohnt wurde. Er ging oft dorthin. Wie ein Elch hielt er sich am Waldsaum verborgen. Ein Mann und eine Frau. Er sah sie auf der Eingangstreppe sitzen, glühende Punkte, ihre Zigaretten. Er stand da und beobachtete sie und sie ahnten nicht das Geringste davon.

Er war gerne nachts unterwegs. Darin waren sie sich ähnlich, die Katze und er. Er konnte sich so gewandt bewegen, dass ihn niemand hörte, ebenso gewandt wie sie, was aber auch notwendig war, wenn man unsichtbar bleiben wollte.

Und das wollte er, denn er wollte selbst entscheiden.

In der Schule hatte man ihn gezwungen, jemand zu sein, der er nicht war. Dort hatte er sowohl einen Namen als auch Pflichten gehabt. Aber das war lange her. Nun war er sein eigener Herr.

Einmal, als er im Moor unterwegs war, sah er, wie zwei Elchkälber geboren wurden. Das eine rutschte heraus, als er gerade vorbeikam. Vor ihm lag das Moor und dort stand die Elchkuh mit gekrümmtem Rücken und so damit beschäftigt, Leben zu schenken, dass sie ihn gar nicht bemerkte. Er war mit dem Wind gekommen, nahm hastig einen Umweg und ließ sich im Riedgras auf die Knie fallen. Kurze Zeit später wurde das zweite Kalb geboren. Die beiden neugeborenen Tiere lagen da und dampften, das Ganze geschah, noch bevor die Bäume ausgeschlagen hatten und er musste sich ducken und durfte sich zwischen den Grassoden nicht rühren. Er war so nah, dass er die Zunge der Elchkuh erkennen konnte, und als ein Windstoß kam, erreichte ihn der herbe Geruch von Blut.

Er hatte sich gewünscht, seine Mutter wäre noch am Leben, weil er gerne mit ihr darüber gesprochen hätte. Stattdessen hatte er es Kaarina gegenüber erwähnt. Sie hatte ihm zugehört, aber ihr Blick war unstet gewesen, so als wolle sie lieber nichts davon hören.

Jetzt stand er da und schaute auf die gleiche Art, aber diesmal beobachtete er das Paar, die beiden, die zu dem Haus gekommen waren. Ihr Auto parkte am Schuppen, Nummer fünf-fünfsieben. Und daneben stand der Hackklotz, in dessen Holz die Axt steckte. In den ersten Tagen hatte der Mann dort gearbeitet, die Holzscheite flogen nur so durch die Gegend und er hatte geflucht und zugeschlagen und oft Pause gemacht um zu rauchen. Die Holzscheite lagen immer noch im Gras. Niemand hatte sie aufgehoben.

Er hatte die beiden auch früher schon beobachtet, ohne dass sie etwas davon ahnten. Die Frau. Sie wusch sich die Haare und das Wasser tropfte von ihren braunen Brustwarzen herab. Einmal hatten sie miteinander geschlafen, hinter dem Vorratskeller. Er war damals aus dem Wald gekommen und sie waren nackt und vollkommen still gewesen. Es hatte ihm gefallen, das zu sehen, und mehrmals war er in der Hoffnung zurückgekehrt, es noch einmal erleben zu dürfen. Aber es blieb bei dem einen Mal.

Er hatte mit Kaarina darüber gesprochen, was er gesehen hatte. Kaarina hatte Angst bekommen.

»Geh da nicht wieder hin, sie könnten sonst wütend werden.«

Sie war immer so ängstlich und vorsichtig.

Das Äußere der Frau behagte ihm nicht. Sie hatte helle und flaumige Haare, mürrische Lippen und sah immer unzufrieden aus, ganz im Gegensatz zu dem Mann, der ein Mensch war, dem er sich gerne gezeigt hätte. Er würde sicher seine schwarzen Augenbrauen hochziehen und etwas Ruhiges und Würdiges sagen.

Aber nein. Das Risiko wollte er nicht eingehen.

Sie hatte wie ein Tier auf allen vieren gestanden. Die festen, weißen Schenkel des Manns.

Nachher war er in den Wald zurückgegangen und hatte sich gewünscht, Kaarina würde zu ihm kommen. Heftig und erregt hatte er sich das gewünscht. Aber Kaarina war kein Mensch, der kam. Und er selbst wollte nicht zu oft zum Hof gehen. Holger konnte sonst auf dumme Gedanken kommen, er bekam so einen seltsamen Blick, wenn er gereizt wurde.

Es war Mitternacht. In der Dunkelheit huschte eine Waldschnepfe mit einem kaum hörbaren, gleichsam klappernden Geräusch vorbei. Der Mann und die Frau schliefen nicht. Sie unterhielten sich laut auf der Treppe, aber er konnte nicht hören, was sie sagten. Die Frau schrie etwas, ihre Stimme überschlug sich. Sie lief in das rutschige Gras. Der Mann setzte ihr nach, er trug eine weite Hose.

Er stand da und sah die Frau weglaufen und wie der Mann sie schließlich einholte. Seine Beine waren ja so lang und die Frau war so schmächtig. Sie hatte da unten nicht so viele Haare wie Kaarina, das hatte er gesehen, aber ihre Brüste waren voll und schwer.

»Wir gehen ins Haus!«, hörte er und sah, dass die Tür zugezogen wurde.

Gleichzeitig berührte etwas Weiches seinen Knöchel. Die Katze. Ein bisschen weiter weg saßen die kleinen Kätzchen.

Es war genau, wie er es sich gedacht hatte. Hierher waren sie gelaufen.

6. KAPITEL

Manchmal erinnerte er sich an die Bewegungen, besser gesagt, sein Körper erinnerte sich an das gespreizte Abstützen der Beine auf dem Boden des Bollerwagens, die Knorrigkeit des Holzes. Und an seine halb abgewandte Mutter, ihre gewölbte Hand an der Stange, die Knöchel. Die Geräusche, wenn sie zog. Das quietschende Knarren der Räder.

Als Erwachsener stellte er sich manchmal vor, er säße wieder in der Karre und hievte sich mit den Armen in einer Art Ruderbewegung ohne Ruder hüpfend über die Wiese, aber eben erwachsen, groß.

Leider wusste er nicht, was aus dem Bollerwagen geworden war, sonst hätte er ihn für die kleinen Kätzchen benutzen, sie herumziehen und dadurch ihr Fernweh betäuben können.

Dank ihm waren sie auf der Welt.

7. KAPITEL

Er näherte sich dem Haus. Es war Tag. Das Auto war wieder fort. Sie waren oft unterwegs und er fragte sich, wonach sie suchten.

Das Haus hatte es immer schon gegeben und seine Mutter hatte mit Respekt von ihm und den Menschen gesprochen, die früher dort wohnten. Zu ihrer Zeit. Und von den Tieren, die zu dem Hof gehörten.

Es gab dort eine Kuh, die zum Angriff überging, sobald man ihre Weide betrat.

»Wir haben versucht sie zu überlisten«, sagte seine Mutter. »Ich war damals noch ein junges Mädchen und konnte so schnell laufen, dass meine Beine wie Trommelstöcke gingen. Aber sie holte mich trotzdem ein und lief ein Stück neben mir, diese Kuh, sie wollte mich bestimmt auf die Hörner nehmen, denn sie war bösartig, aber sie vergaß völlig stehen zu bleiben, und lief stattdessen immer weiter neben mir her. Sie hatte praktisch keine Hörner und war braun. Dann kroch man unter dem Zaun durch, warf sich einfach auf die Erde, rollte herum und drunter durch. Mein Gott, was hatte man da Herzklopfen!«

Der Mann, dem die Tiere gehörten, konnte gut mit ihnen umgehen. Die Tiere wussten das und waren friedlich, außer dieser Kuh, die eine Schraube locker hatte. So lange sie noch ein Kalb war, machte es nichts, aber als sie größer wurde und Hörner bekam, musste der Bauer sie schlachten lassen.

»Er war so weichherzig und sanftmütig, dass er es nicht mit ansehen konnte, wenn sie kamen, um seine Tiere abzuholen. Sie waren bei ihm gewesen, seit sie klein waren, du hast ja selbst gesehen, wie klein ein Ferkel sein kann, zusammengerollt und ganz nackt, wie es sich an seine Mama presst und nach den Zitzen sucht, so wie alle kleinen Babys das tun. Du hast das auch getan, auch wenn du dich daran nicht mehr erinnern kannst, du hast mit den Lippen gesucht und gesaugt. Ich habe dich gehalten, so habe ich dich gehalten, eingewickelt in eine Decke mit ganz vielen Fransen . . . und einmal, als ich dich abgelegt habe, hast du angefangen, an den Fransen zu saugen. Du hast eine Menge Flusen in den Mund bekommen und gewürgt und geschrien. Ich habe einfach nicht kapiert, dass es gefährlich sein könnte. Ich war so ungeübt, verstehst du, ich wusste nicht viel über kleine Kinder.«

Diese Geschichte hatte sie ihm nicht einmal, sondern viele, viele Male erzählt, aber er sagte es ihr nicht. Vielleicht wusste seine Mutter es auch, vielleicht wusste sie, wie gerne er ihr zuhörte, wenn sie von Dingen erzählte, die geschehen waren, ehe er alt genug war, um sich daran zu erinnern.

»Die Leute, die damals in dem Haus wohnten, bekamen ein Kind, nur eins. Eine Tochter. Sie hieß Susanne. Sie war jünger als ich, aber wir sind trotzdem zusammen zur Schule gegangen. Alle Mädchen beneideten sie um ihren Namen, Susanne. Niemand sonst hieß so. Wir kannten jedenfalls sonst keinen. Manchmal begleitete ich sie nach Hause. Ihre Mama machte Milch für uns warm und stellte Löffel mit Honig in die Tassen. Ich erinnere mich noch, dass sie was am Rücken hatte, sie ging am Stock.«

8. KAPITEL

Er dachte an seine Mutter.

Er dachte: Ich gehe zu Holger rüber.

Er dachte: Kaarina. Wenn sie da ist.

Aber Holger stand auf dem Hügel vor dem Haus und am hinteren Ende des Zauns drängten sich alle Hühner zusammen. Er hatte die Klappe zum Hühnerhaus mit einem Brett versperrt. Jetzt bückte er sich und griff ein gelb gesprenkeltes aus dem Federhaufen heraus. Er hielt es an den Beinen fest, und es flatterte wild.

Am Hackklotz lag die Axt bereit.

Unbemerkt ging er ums Haus herum. Kaarina war da. Sie beugte sich über einen Korb voller Wäsche. Sie hatte die Ärmel des Pullovers hochgekrempelt, ihre Ellbogen waren rissig und grau.

Er dachte, dass er sie rufen würde, mit leiser Stimme rufen und froh machen.

Vielleicht würde sie sich aber gar nicht freuen. Vielleicht würde sie stattdessen vor Schreck und Überraschung aufschreien. Aber sie entdeckte ihn, ehe er überhaupt dazu kam, etwas zu tun. Sie ließ ein nasses glattes Kleidungsstück in den Wäschekorb zurückfallen und machte eine Geste, um ihm zu bedeuten: Ich habe gemerkt, dass du da bist.

Langsam ging er auf sie zu. Wenn es ihm nur gelänge, sie zum Kichern zu bringen. Dann kam alles Weiche an ihr und ihrer Haut zum Vorschein.

»Kleine Kaarina, Kicherkind . . . komm mit in den Wald zum Spielen.«

Aber sie stierte nur die Wäsche an und schwieg.

Er stand in der Fliederlaube und schaute ihr dabei zu, wie sie weiter Wäsche aufhängte. Sein Körper war voller Schwere und Lust, seine Hände bewegten sich zur Wurzel seiner Lust.

Eine Tür fiel ins Schloss. Holger stand in einem Blut besprenkelten Hemd auf der Treppe. Der offene Mund mit seinem Loch aus Worten, der heitere, unstete Blick.

Kaarinas Hände und die Wäsche.

Voller Lust ging er davon.

9. KAPITEL

Er war ein hoch aufgeschossener und kräftiger Mann mit großen Händen, die jedoch nicht besonders grobschlächtig waren. Er hatte immer Probleme, passende Kleider für sich zu finden. Er sah es nicht oder achtete nicht weiter darauf, wenn die Hosenbeine über seinen Fußknöcheln endeten. Jetzt spazierte er durch das Moor und das Bild seiner Mutter verflüchtigte sich.

Es wurde allmählich Abend, aber es war immer noch hell und warm. Mit dem Abend kamen die Kriebelmücken und die Mücken. Die Schwalben wussten das und verfolgten sie mit weit aufgesperrten Schnäbeln. Seit er am Morgen Kaarinas Eier gegessen hatte, war er nicht mehr hungrig gewesen. Er hatte die Eier ins Wasser gelegt und gekocht. Sie hatten seinen Magen den ganzen Tag gefüllt, aber jetzt war er leer.

Das Essen war die größte Sorge seiner Mutter gewesen und sie hatte gesagt, dass sie ihm das Kochen beibringen müsse, sie hatte gesagt, er könne auch selbst in ihr Kochbuch schauen und sie fragen, aber dazu war es nie gekommen und dann war alles vorbei. Eines Morgens lag sie steif und verkrümmt in ihrem Bett. Er hatte sie berührt, sie fest in die Ohrläppchen gekniffen, immer fester, um sie zu einer Reaktion zu zwingen. Aber in seinem tiefsten Inneren wusste er Bescheid. Ihre Arme waren gebeugt und die Hände wiesen zu Fäusten geballt nach oben, so als hätte sie gegen etwas angekämpft, das gekommen war um sie zu verletzen. Er war inzwischen erwachsen und schlief im Speicherzimmer. Sie schlief weiterhin auf der Bettcouch. Er hatte später oft gedacht, wenn er noch unten gelegen hätte, aber ein erwachsener Sohn und seine Mutter lagen nicht so eng beieinander, zeigten einander ihre nackten Körper nicht. Was geschehen war, war im Laufe der Nacht geschehen, und er konnte nichts mehr dagegen tun. Sie lag in dieser trägen, verdrehten Körperhaltung da und er packte sie an den Ohren und kniff hinein.

»Mama!«, sagte er, ja, er schrie es sogar.

Aber ihre Augen waren trüb geworden und ihre Kinnlade hing herab. Da schoss ihm etwas durch den Kopf, was sie gesagt hatte. Du musst mir die Augen schließen und das Kinn hochbinden, damit ich nicht wie ein Dorftrottel daliege und glotze. Er versuchte, ihre Anweisungen zu befolgen und strich mit der Hand über die widerspenstigen Lider, die sich ein Stück herunterschieben ließen, um anschließend sofort wieder zurückzuschnellen. Anschließend holte er ein Taschentuch, das er zusammenrollte und ihr wie Zaumzeug um das Kinn legte, aber der Kiefer war starr und widersetzte sich. Er knotete das Taschentuch auf dem Scheitel zusammen, aber das sah nicht gut aus. Die Enden glichen herabhängenden Kaninchenlöffeln und bildeten einen traurigen Anblick. Er musste den Knoten wieder lösen und sie so liegen lassen.

Geh zur Frau des Pfarrers, hatte sie gesagt. Sie kümmert sich um dich und richtet mich her. Mach das bitte, bevor andere kommen, der Pfarrer oder die Männer, die mich forttragen sollen.

Im Licht der Morgendämmerung lief er zum Pfarrhof und an diesem Morgen aß er nichts, weinte aber auch nicht, denn das, was geschehen war, überstieg sein Fassungsvermögen.

Die Frau des Pfarrers hieß Ingalisa. Sie zog später fort, nach Skara oder Hjo, er erinnerte sich nicht mehr genau. An diesem Morgen trat sie in einem blutroten Morgenmantel aus dem Haus, und als sie sah, dass er es war, wusste sie augenblicklich, worum es ging.

»Gib mir zwei Minuten!«, bat sie. »Zwei Minuten.«

Dann liefen sie los. Sie lief vor und er folgte ihr. Sie wussten beide, dass es eigentlich keinen Grund zur Eile mehr gab, aber sie liefen trotzdem, so als bräuchten sie die endgültige Bestätigung. Frau Ingalisa trug kleine, schwarze Stiefel. Er sah, wie sie im Morast einsank, sah ihre Schritte schwerer werden. Er konnte nichts tun um es ihr leichter zu machen.

Aber sie war stark und schnell und das bisschen Matsch machte ihr nichts aus. Sie stellte die Stiefel in der Diele ab und hängte ihren Mantel auf. Darunter trug sie eine Jeans und einen dunkelblauen Jumper. Sie goss Wasser in eine Schüssel und wusch den verdrehten Körper der Mutter unter dem Nachthemd. Die Arme der Toten standen immer noch hoch, die Finger waren nach innen gekrümmt. Ingalisa, die Frau des Pfarrers, blieb stumm, während sie arbeitete. Ihr Mund war klein und schief, er sah ihre Zungenspitze.

Anschließend holte sie die Blumenvase mit den blauen pelzigen Blumen aus der Küche und stellte sie in das Zimmer, in dem seine Mutter lag. Das sah schön aus.

»Deine Mutter braucht jetzt nicht mehr zu leiden«, sagte sie und trocknete ihre Hände ab. »Du musst versuchen, es so zu sehen, wenn du dich einsam fühlst.«

Es war ihm nicht bewusst gewesen, dass seine Mutter gelitten hatte. In den folgenden Wochen und sogar noch heute, viele Jahre später, dachte er oft darüber nach.

Die Pfarrersfrau trug an einer Kette ein Kreuz um den Hals. Es fiel nach vorn, als sie sich zu ihm vorbeugte.

»Du kommst am besten mit zu mir nach Hause«, sagte sie. »Du musst jetzt erst einmal frühstücken.«

Zurück gingen sie wesentlich langsamer. Es war jemand da, der ihr in der Küche half, denn der Pfarrer feierte seinen vierzigsten Geburtstag. Es war eine Frau namens Ragnhild und sie kochte Kaffee und strich Butter auf ein Brot, von dem er noch nie zuvor gegessen hatte. Es blieb ihm als Totenbrot im Gedächtnis.

Die Frau des Pfarrers regelte alles für ihn. Sie rief Doktor Dahl an, der vorbeischaute und den Totenschein ausstellte. Sie besorgte Männer, die dafür sorgten, dass die Leiche seiner Mutter aus dem Haus geschafft wurde, und darüber hinaus eine Frau, Dora Granberg, die einen gründlichen Hausputz vornahm. Der Geschmack und der Geruch des Todes sollten mit Hilfe von Schmierseife und Wasser aus dem Haus verbannt werden.

»Du bist ein tüchtiger Junge und hättest das bestimmt auch selbst geschafft, aber ich habe es deiner Mutter versprochen, und Dora Granberg ist zuverlässig, wenn es ums Putzen geht. Deine Mutter hat auf ihr bestanden.«

Er kam sich eigenartig hintergangen vor. Die Frau des Pfarrers wusste anscheinend mehr über seine Mutter und ihre Gedanken als er selbst.

Er blieb den ganzen Tag auf dem Pfarrhof und man bot ihm an, dort auch zu übernachten, aber er lehnte ab. Sein Haus stand einsam und verlassen, er wollte heim.

Der alte Pfarrer besuchte ihn am nächsten Tag. Er sprach eine Weile über seine Mutter, lobte sie für ihren Fleiß.

»Und wenn jemand etwas wegen der Alabastertaube sagt, berufst du dich einfach auf mich.«

An die eigentliche Beerdigung konnte er sich kaum noch erinnern. Die Frau des Pfarrers hatte ihm schwarze Kleidung besorgt. Er kam sich vornehm darin vor und hatte das Gefühl, dass die Leute ihm mit neuer und verblüffter Achtung begegneten. Die Frau des Pfarrers war es dann auch, die für Kaffee und Kuchen und kleine Stielgläser mit Sherry sorgte.

In der Nacht nach der Beerdigung lag er in seinem Bett und dachte an sie.

An die Pfarrersfrau Ingalisa.

10. KAPITEL

Er stand am Gatter zu dem Haus und das Auto war nicht da. Daraufhin ging er in die Hocke und lockte die Katze. Als er sich dem Haus näherte, hatte er sie und die beiden Kätzchen zwischen den Obstbäumen erblickt. Sie brachte ihnen gerade bei, wie man die Stämme hochkletterte.

Nein. Jetzt war sie nicht mehr zu sehen.

Die spiegelblanken, leeren Fenster. Er hatte gesehen, wie die Frau in den geblümten Shorts sie putzte, sie trug einen BH, aber keinen Pullover. Ihre starken, braunen Arme, die putzten und polierten. Manchmal legte sie eine Pause ein, um sich eine Zigarette anzuzünden. Als die obere Etage an der Reihe war, stieg sie auf eine Leiter, machte dabei einen Fehltritt und wäre beinahe hinuntergefallen. Den Wassereimer hielt sie in der Hand. Sie dachte mehr an ihn als daran, wohin sie die Füße setzen musste.

Vor langer Zeit war seine Mutter hier gewesen und hatte mit dem Mädchen Susanne gespielt, aber er konnte sich nicht vorstellen, dass seine Mutter einmal kleiner gewesen sein sollte als er selbst, wenn er sich zurückerinnerte.

Er hatte sie zu den wilden Himbeersträuchern begleitet, wo sie einen ganzen Tag zubrachten. Am nächsten Morgen entsaftete sie die Beeren und kochte eine süße und dünnflüssige Marmelade aus ihnen, die zwischen den Zähnen knirschte. Sie hing in den Sträuchern und erzählte.

Susanne bekam ein kleines Pferd geschenkt, es war braun und lieb und sie fütterte es mit Grasbüscheln. Aber das Pferd war so klein, dass man nicht auf ihm reiten konnte. Ihr Vater war so ein lieber Mensch, dass er ihr ein nutzloses kleines Pferd schenkte, das nur fressen und düngen konnte. Wenn das Pferd mit den anderen Pferden auf der Weide stand, gab das Kleine den Ton an. Es legte die Ohren an und warf seine Mähne und die Großen machten ihm Platz und ließen es in Ruhe.

Gespannt lauschend und mit schützend erhobenen Händen näherte er sich dem Haus. Seine Mutter hatte hier in der großen Stube gespielt, und jetzt war ihm, als könne er die Mädchen sehen, und er dachte daran, dass sie erwachsen wurde und plötzlich nicht mehr am Leben war. Denn so erging es allen, Mensch wie Tier. Man war klein, man wuchs heran, man alterte und man starb.

Plötzlich wurde er von Schwermut ergriffen, einer heftigen und bedrückenden Einsamkeit. Im Gras unter dem Fenster hatte seine Mutter damals mit ihren Mädchenfüßen gestanden und ein wenig an der Fensterscheibe gekratzt, bis Susanne aufblickte. Sie lächelte erleichtert, denn sie saß an den Hausaufgaben und ihr war langweilig. Sie ließ die Schultern sinken und stand auf. Ihre Mutter war in der Küche, denn wo sonst sollte eine Mutter sein. Das Schulmädchen Susanne schlug ihre Bücher und Hefte zu, ich geh mal raus zu Ebba, und ihre Stimme klang bestimmt, es war keine schüchterne Frage, und anschließend quietschte die Tür und sie trat aus dem Haus.

Er sah die beiden Mädchen deutlich vor sich, so, wie sie auf einer alten Fotografie aussahen, die seine Mutter ihm einmal gezeigt hatte. Sie sahen sich ähnlich, kurze Haare mit Spangen darin, Röcke und schwarze Schuhe. Ihre kleinen, kleinen Körper. Sie sausten die Steintreppe herab und spielten Fangen zwischen den Bäumen.

Er schloss die Augen und der Geruch war da, der beißende Geruch eines Fells. Damals gab es in dieser Gegend noch Wölfe. Seine Mutter hatte als Kind einen gesehen und von da an durfte niemand mehr allein in den Wald gehen. Ein Erwachsener musste dabei sein, ein Mann mit einem Jagdgewehr.

Seine Hände wurden feucht, ihn schauderte vor Angst und Erregung, er wusste nicht mehr, wo er war, aber er musste ins Haus und spürte etwas Kratzendes am Fußgelenk, er schaute hinab, nein, es war nur ein Schatten, grau und schlank, ein Aufblitzen von Raubtierzähnen. Er rüttelte an der Tür, aber sie war abgeschlossen. Sie hatten sie ordentlich verriegelt, genau wie die Fenster. Verängstigt und ziellos fliehend lief er über den Rasen:

Die Katze, die kleinen Kätzchen! Waren sie jetzt in Gefahr, ernsthaft in Gefahr?

Er wollte sie zu sich locken, aber seine Lippen waren wie gelähmt und wollten keine Worte oder Laute formen. Er lief zur Scheune. Hier war es leicht, das Hängeschloss war durch einen spitzen Keil ersetzt worden.

Hinein. Er zog die morsche Tür hinter sich zu und blieb, sie festhaltend, eine Zeit lang stehen und lauschte auf Geräusche. Seine Mutter hatte damals das Heulen gehört. Es kam vom Waldsaum und sie hatte unaussprechliche Angst bekommen. In der folgenden Nacht wurde sie krank. Sie hatte Schüttelfrost, und sobald sie die Augen schloss, sah sie die schmalen Augen und die Schnauze, die sich gen Himmel reckte.

Er presste ein Auge an den Türspalt und versuchte hinauszuspähen. Draußen war es hell, die Schwalben sirrten und die Grillen zirpten. Es gab dort nichts mit einem Pelz. Doch. Eine Pfote kratzte unter der Tür und er hörte gurgelnde Laute aus einer Raubtierkehle. Er schrie laut auf und stampfte mit dem Absatz auf der Erde auf. Mit beiden Händen hielt er die Tür fest, zog sie an sich, hielt dagegen. Draußen fauchte es, und seine verängstigten Augen sahen, wie die Mädchen zum Plumpsklo rannten, und er wollte ihnen zurufen, passt auf, versteckt euch, lauft weg. Er hörte ihre hellen, schrillen Stimmen. Den Wolf sah er jetzt nicht mehr, aber sein Geruch war noch da und stieg ihm in die Nase. Er begann zu zittern, wie seine Mutter damals im Fieber gezittert hatte.

Tagelang hatte sie im Fieber gelegen, fantasiert und war sehr krank gewesen. Der Arzt, den man hinzuzog, berichtete, dass er einer Gruppen von Jägern begegnet war, aber keiner hatte einen Wolf gesehen, nachdem seine Mutter einen erblickt hatte. Schließlich begann man zu glauben, dass es Fieberfantasien waren, dass sie da schon krank gewesen war.

Sie hatte aus dem Fenster geschaut, als sie ihm davon erzählte. Sie richtete sich auf, als sie unvermittelt wütend wurde.

»Sie haben mir nicht geglaubt. Anfangs schon, aber dann haben sie gesagt, ich hätte mir das Ganze nur eingebildet. Sie sind eingeschnappt gewesen, weil sie mehrere Tage damit vergeudet hatten, im Wald herumzulaufen und nach Wölfen zu suchen. Das war während der Heuernte und dann gab es Regen und ein Teil der Ernte war verdorben. Ich glaube, sie haben mir die Schuld daran gegeben.«

Er sank zusammen, ließ aber nicht los. Draußen war jetzt alles still. Das Scharren hatte aufgehört. Er betrachtete seine blassen verkratzten Hände, sah sie im Dunkeln und sie brannten.

Dann erklang aus seinem Inneren ein rhythmisches Kauen von großen gemächlichen Kiefern, ein Rasseln von Ketten und Rascheln von Halmen und vor seinen Augen füllte sich der Stall wieder mit Leben. Er sah die braunen Pferderücken und ging auf sie zu. Sie standen in ihren Boxen, die Köpfe zusammengesteckt, sodass er, als er sich zum ersten hineingezwängt hatte, auch das Pferd erreichen konnte, das ihm gegenüber stand. Stroh und Pferdeäpfel bedecken den Boden. Den Rücken dicht an der Wand ging er in die Hocke und der große Kopf des Pferdes senkte sich zu ihm herab. Er blieb in der Hocke und ließ das Pferd schnuppern und die Luft aus seinen Nüstern war warm und süß. Ruhe breitete sich in ihm aus und machte seinen Kopf schläfrig träge.

Er dachte, dass er nach Hause gehen wollte. Er würde zur Tür hinausschlüpfen und laufen, laufen, das Gras würde trocken und nachgiebig sein und er würde nicht ausrutschen oder sich verletzen, er würde so lange laufen, bis er zu seinem eigenen Haus gelangte. Es lag ziemlich weit weg, aber er würde nicht schlappmachen, und wenn er nach Hause kam, würde die Katze am Gatter liegen und die Kätzchen bei ihr trinken, sie würden sich an ihren weißen Bauch drängen und die Katze würde sanft schnurren und ihre Jungen ablecken.

Kommt rein, würde er müde nach seinem Lauf keuchen, und dann würde die Katze aufstehen und ihm ins Haus folgen und die Kätzchen ihr folgen, alle vier würden ins Haus gehen und sich auf das Sofa legen und er läge dann mit einem Kissen unter dem Kopf auf dem Rücken, während die Kätzchen neben ihm Platz nahmen. Sodass er sie jederzeit berühren und dabei spüren könnte, dass sie lebten.

11. KAPITEL

Er hörte das Auto, stand an dem mit Spinnweben bedeckten Fenster und sah sie zum Haus hinauffahren. Den Mann und die Frau. Das passte ihm nicht, nicht jetzt. Er warf den Kopf in den Nacken. Seine Haare wurden nach hinten geschleudert, fielen ihm aber gleich wieder in die Stirn. Er stand da und hielt einen alten, krummen Nagel in der Hand, der sich in seinen Daumenballen bohrte, Rost und Blut.

Die Frau trug ein buntes Kleid. Ihre Schultern waren gebeugt und nackt, sie ging barfuß durch das Gras. Ihr Körper war verändert, ein wenig eingefallen, und die glatten Haare hingen ihr in die Augen.

Sie gingen beide ins Haus. Er dachte, dass er jetzt auch fast in ihrem Haus gewesen wäre. Das wäre nicht gut gewesen. Er hätte jetzt im Haus sein können, wenn er sich entschlossen hätte, ein Fenster aufzubrechen, wie er es schon einmal getan hatte. Es war nicht schwer gewesen. Wenn er die Katze im Haus vermutet hätte, wäre er ihr gefolgt.

Damals hatte er sie in einem der Betten in der oberen Etage gefunden. Er nahm zwei Kissen mit, die er in sein eigenes Bett legte, weil er dachte, dass die Katze dann bei ihm bleiben würde.

Aber sie lief trotzdem weg.

Jetzt blieb er in der Scheune.

Es war staubig und die Sonne beschien die Wände und das vermodernde Zaumzeug.

Aber die Geräusche waren verstummt! Die Pferde kauten nicht mehr, verteilten ihr Gewicht nicht mehr auf drei Beine und hielten das vierte schonend gebeugt, waren nicht mehr in ihren Boxen, nur die Abdrücke im Holz von ihren Zähnen und alte Holzsplitter, die wie Sägespäne auf dem Boden lagen, waren übrig geblieben, jedoch keine Halme und auch keine Spuren von Rosshaar.

Er beugte sich vor und stützte sich dabei auf den Händen ab. Die Frau saß auf der Eingangstreppe, die Beine an den Bauch gezogen. Der Mann stand hinter ihr, abgewandt und stumm. Die Frau sprach. Er sah ihren Mund. Der Mann breitete die Arme aus und verschwand durch die Tür.

So stand er am Fenster, als sie plötzlich ganz dicht herankam, ihr Gesicht war auf einmal ganz nah und er sah den Mund und die steile Falte über der Nase. Ihr Gesicht hatte ihn immer unruhig gemacht. Sie saß mit gespreizten Beinen, sodass er ihre Knie und Schenkel sehen konnte und dass sie einen weißen Slip trug. Nein, ihr Gesicht hatte ihm niemals Ruhe eingeflößt, ebenso wenig wie ihr Körper. Eine verbissene Sehnsucht hatte sich in ihm festgesetzt, nicht die Art von Sehnsucht wie nach Kaarina, sondern eher eine Art Abscheu, ein Schmerz. In manchen Nächten hatte er sich vorgestellt, sie wäre in seinem Zimmer und sie hatte frech gelacht und dabei ihre Zähne gezeigt und sich über ihn gebeugt, sodass die Brüste sich an seinem Hals rieben. Er hatte nach ihnen geschnappt und sie an sich gezogen. Daraufhin wand sie sich und kämpfte und er musste sie festhalten. Sie war stark und zäh, aber er war stärker. Aus ihrem Mund waren Spucke und harte Worte gekommen und er hielt ihn zu, und als er das tat, dachte er an Holger, an Holger und Kaarina. Anschließend, wenn sie sich wieder beruhigt hatte und gefügig und still auf dem Bett lag, zog er sie aus.

Er fragte sich, wie sie wohl hieß. Er hatte den Mann nach ihr rufen hören und es war ein kurzer und ungewöhnlicher Name gewesen, den er nicht behalten konnte. Er hatte ihn vorher noch nie gehört.

Sie saß jetzt auf der Treppe und der Mann kehrte zurück und sie hielten Gläser in den Händen und tranken. Ja. Sie tranken.

Dann sah er die Katze. Sie stand am Fuß der Treppe und im Gras wirkte sie klein und grau. Er ging zur Scheunentür und öffnete sie. Die Katze würde ihn dort stehen sehen, sie würde zu ihm kommen und ihre Jungen dabei haben.

12. KAPITEL

Danach ging alles so schnell, dass ihm gar nicht die Zeit blieb zu begreifen, was mit ihm geschah.

Seine Hände schossen nach vorn, weiche Haut und Schrammen, er musste zudrücken, musste die Luft hindern.

Aber es war zu spät.

Er wurde zu sehr überrumpelt.

Eisen blitzte auf, und er nahm eine pulsierende Dunkelheit wahr.

Dann war es vorbei.

Beth I

1. KAPITEL

Schon als sie auf den Hof vor ihrem Haus bogen, wussten sie, dass sich in den wenigen Stunden, die sie fort gewesen waren, etwas ereignet hatte. Es war nichts Greifbares, nichts Sichtbares, nur eine Ahnung, etwas Dumpfes und Lauerndes. Beth kratzte sich mit den Fingernägeln über den Oberschenkel, am ganzen Körper brach ihr der Schweiß aus.

»Ulf . . .«, sagte sie, als ob er, nur weil er ein Mann und zwei Jahre älter war als sie, augenblicklich wissen müsste, was los war und was sie zu tun hatten.

Er antwortete nicht. Sie sah seine leicht nach oben geschwungenen Mundwinkel, die Andeutung eines Lächelns, was allerdings nicht bedeutete, dass er wirklich lächelte. Sein Mund verriet nichts über seine Gemütsverfassung, er war einfach schon so geboren, mit leicht nach oben geschwungenen Mundwinkeln. Anfangs hatte sie sich dadurch täuschen lassen, als sie sich noch beschnupperten und in sich hineinhorchten. Mittlerweile wusste sie Bescheid.

Sie wiederholte seinen Namen.

»Ulf, da ist was. Was ist das? Ich habe Angst.«

Der Mann an ihrer Seite schaltete den Motor aus. Gemeinsam starrten sie das Haus an, das vor ihnen im Grünen stand, idyllisch gelegen und rot wie der Prototyp eines wahren Sommerparadieses. Es sah alles aus wie immer. Die Tür war noch verschlossen wie bei ihrer Abfahrt, die Gardinen hingen glatt herab. Beth hatte Gräser gepflückt, hohe schaukelnde Rispen, und auf der verglasten Veranda in eine Vase gestellt. Die Trockenheit hatte alle Wiesenblumen verdorren lassen, nur ein paar kümmerliche Glockenblumen und die zähe, weiße Schafgarbe waren geblieben. Man musste ein ganzes Stück in Richtung Kahlschlag gehen, um sie zu finden.

Gräser gab es überall. Und Gräser waren schön.

Ulf räusperte sich und fuhr sich durch die Haare.

»Das bildest du dir nur ein«, murmelte er, aber ohne Nachdruck.

Sie hatten einen Ausflug nach Tidaholm gemacht. Am frühen Nachmittag waren sie losgefahren und obwohl sie die dortigen Geschäfte und ihr Angebot bereits kannten, nahmen sie sich dennoch die Zeit, erneut in ihnen zu stöbern. In einer Boutique am Marktplatz fand Beth ein türkisgrünes schulterfreies Sommerkleid. Alle Preise waren reduziert, außer bei den Kleidern, die ganz hinten im Geschäft unter einem handgemalten Schild mit der Aufschrift »Die neue Herbstmode« hingen. Das Kleid war um dreißig Prozent heruntergesetzt gewesen.

Es war ein heißer Sommer mit beißenden Gerüchen und verbrannter Erde. Im Radio wurden Reportagen über Waldbrände gesendet, die jedoch nicht in ihrer Gegend ausgebrochen waren, sondern in den Wäldern um Kalmar und Växjö. Beth in ihren Shorts, er hatte über ihre Shorts gelacht, nicht hart, sondern liebevoll, darin siehst du aus wie ein Kind, ein ganz kleines Mädchen.

Doch. Sie deutete es so.

Aus Liebe.

Das Gras war strohig und braun, regelrecht zermalmt, schoss es ihr beim Anblick des Grases auf dem gewölbten Dach des Vorratskellers durch den Kopf. Am Vormittag waren sie dort hochgeklettert, hatten sich an den Grassoden hochgezogen, im Gras gestanden und die hochstrebenden Zweige heruntergezogen. Kleine schwarze Kirschen, manche ein wenig verschrumpelt, aber süß, mit einem etwas faden Beigeschmack, weil der Baum schon so alt war. Man bekam Blähungen von ihnen und musste aufstoßen.

Sie rutschte auf dem Po herunter und begutachtete ihre Shorts. Ulf stand noch oben.

»Das gibt Flecken«, hörte sie ihn sagen und obwohl seine Stimme nun eine Spur gereizt klang, wollte sie nicht hören.

Sie ging zur Scheune. Das Gras piekste unter ihren Füßen. Sie hatte dort nichts zu erledigen, wurde nur plötzlich von dem Bedürfnis getrieben, sich zu bewegen, so als könnte sie ihm einfach nicht mehr so nahe sein.

Keinem Menschen.

Die Katze, eine kleine grauweiße Löwin, kam ihr entgegen. Miauend, auffordernd. Jeden Tag kam sie zu ihnen, jeden Morgen, wenn sie auf die Eingangstreppe hinaustraten, lief sie durch das taufeuchte Gras zu ihnen. Es sah lustig aus, wenn sie heftig die Pfoten schüttelte, um die Nässe loszuwerden. Beth taufte sie Lioness, worüber Ulf sich köstlich amüsierte. Lioness, das ist doch eine gewöhnliche Hauskatze, siehst du das nicht. Sie heißt ganz anders, man hat sie bestimmt Stina oder Maja getauft, wenn überhaupt . . . auf dem Land haben sie ihre eigenen Namen und Traditionen. Kein Mensch gibt einer Katze den Namen Lioness.

Als ob er das so genau wüsste.

Es war keine streunende Katze, das sah man ihr an. Sie war bestimmt auf einem Bauernhof in der näheren Umgebung zu Hause, aber offensichtlich gefiel es ihr bei ihnen besser. Beth verstand nicht ganz, warum, denn sie ließen die Katze nie ins Haus. Jetzt schmiegte sie sich an ihr Bein und Beth fühlte das kühle, weiche Fell. Vorgestern hatte sie sich die Waden rasiert, aber die Haarstoppel sprossen schon wieder und es kratzte.

»Ich darf dich leider nicht streicheln«, flüsterte sie. »Ich wünschte, ich könnte dich streicheln, das würde ich gern, am liebsten würde ich dich auf den Arm nehmen und dir die ganzen blöden Zecken aus dem Fell zupfen. Du würdest auf meinem Schoß liegen und weich sein und dein kleiner Motor würde anspringen, und ich würde deinem Motor lauschen und so ruhig und stark werden wie du.«

Wenn sie mit Katzenhaaren in Kontakt kam, schwoll ihr Gesicht an und ihre Nase begann zu laufen.

»Lioness«, flüsterte sie. Die Katze betrachtete Beth stumm und regungslos, ihre gelben Augen waren wie Gläser mit schwarzen Furchen. Sie sahen die Katze oft mit einer Maus oder Wühlmaus aus dem Wald kommen. Die Maus war dann immer schon tot, das abstoßende Spiel mit den ausgefahrenen Krallen war ihnen bislang erspart geblieben. Sie schlich mit ihrer Beute stets hinter die Scheune. Wenn Beth Brennholz holte, hörte sie die Katze dort knirschen und schmatzen.

Eines Vormittags Anfang des Sommers hatte Lioness etwas dabeigehabt, das sie auf den Steinplatten vor der Treppe ablegte. Es bewegte sich und piepste. Dann bemerkten sie, dass ihre Körperform sich verändert hatte. Ihr Bauch war eingefallen und das Fell dünn und stumpf geworden.

In der Nacht hatte sie zwei Junge geboren.

2. KAPITEL

Das Haus hieß Waldesglück und war um 1900 erbaut worden. Es war ein typisches Landhaus mit zwei Etagen und war rot mit weißen Giebeln. Beths Großeltern mütterlicherseits hatten hier gelebt und ihre Mutter war auf dem Tisch in der großen Küche geboren worden.

Als Kinder waren Beth und ihre ältere Schwester Juni von dem Gedanken fasziniert gewesen, dass ihre Mutter auf der gleichen braunen Holzfläche zur Welt gekommen war, auf der jetzt ihre Teller standen. Das Schlucken fiel ihnen dann schwer und sie bekamen das Essen nicht mehr herunter und mussten es heimlich mit der Zunge wieder rausdrücken und in ihren Servietten verstecken.

Auf einem Tisch gebären. Wie unwirklich!

Beth brachte ihre Zwillinge im Kreißsaal des Karolinska Krankenhauses zur Welt. Im Oktober wären sie sieben geworden.

»Was sollen wir heute unternehmen, Ulf?«, hatte sie an diesem Morgen zum Kellerdach hinaufgerufen. »Sollen wir nach dem Mittagessen etwas unternehmen, was meinst du? Wollen wir irgendwohin fahren?«

Ihre Kopfhaut juckte und sie rieb mit den Fingerknöcheln darüber, weil sie Angst hatte, sich sonst die Haut aufzukratzen. Eigentlich musste sie sich die Haare waschen, aber es war so umständlich. Der Boiler hatte den Geist aufgegeben und sie schafften es einfach nicht, ihn reparieren zu lassen. Also musste sie Wasser in dem großen Aluminiumkessel erhitzen, es dann in Eimer umfüllen und diese auf die Treppe hinaustragen. Ganze Fliegenschwärme wurden angelockt, wenn sie vorgebeugt und mit nassen Haaren auf dem Hof stand, nichts sehen konnte und nur die krabbelnde Berührung von Saugrüsseln und Insektenbeinen spürte.

»Ja, können wir machen«, sagte er lustlos. »Wir können einen kleinen Ausflug machen.«

Fast täglich nahmen sie den Wagen und fuhren in eine der kleinen Ortschaften in der Umgebung, kauften Zeitungen, Zigaretten, Wein. Die Stille, die das Haus umgab, vertrieb sie, sie waren eine solche Stille nicht gewohnt, ebenso wenig wie ihre eigenen Laute und Stimmen, die plötzlich so deutlich wurden. Eine nagende Rastlosigkeit breitete sich in ihnen aus, je länger der Tag dauerte, und sie nahmen Zuflucht in den Geschäften der Umgebung und kauften eine ganze Reihe von Dingen, die sich später als vollkommen überflüssig erwiesen wie zum Beispiel der elektrische Grill. Keiner von ihnen konnte sonderlich gut grillen, und wenn sie dann gelegentlich doch grillten, war das Ergebnis oft genug enttäuschend: faseriges Fleisch mit schwarzer Oberfläche – oder das Gegenteil, so blutig, dass es praktisch noch roh war.

Eigentlich ist es ja tote Materie, dachte Beth dann immer.

Sie wusste, dass der Verwesungsprozess in einem Körper schon kurz nach dem Eintritt des Todes begann, dass man schon nach gut zwei Stunden den faden Leichengeruch wahrnehmen konnte. Warum geschah mit geschlachteten Tieren nicht das Gleiche? Warum begannen sie nicht sofort zu verwesen? Wurden sie mit einer speziellen Methode behandelt, damit der Prozess hinausgezögert wurde? Sie hatte sich nie getraut, jemanden danach zu fragen, weil sie Angst hatte, wunderlich zu erscheinen.

Jetzt waren sie wieder zurück. Sie blieben noch einen Moment im Auto sitzen und Beth wiederholte ihre Worte. Ich habe Angst, Ulf, da stimmt doch was nicht, ich habe Angst. Sie hörte ihn atmen. Sein Körper war groß und unmittelbar neben ihr, ich liebe dich, dachte sie, du darfst mich niemals verlassen, niemals.

»Komm!«, sagte er. »Wir gehen rein.«

Eine Schwalbe durchschnitt die Luft und berührte fast die Motorhaube. Wenn ihre Küken so weit waren, das Nest zu verlassen, waren die Schwalben manchmal regelrecht aggressiv. Eines Morgens hatte eine Schwalbe Beths Gesicht attackiert, aber als sie es anschließend Ulf erzählte, glaubte er ihr nicht.

»Komm«, wiederholte er.

Sie stiegen aus dem Wagen, ließen die Türen jedoch einen Spalt weit offen stehen. Schneidende Angst erfasste Beths Körper, breitete sich von den Kuhlen der Handteller die Arme hinauf und weiter in Bauch und Rückgrat aus. Sie suchte in ihrer Tasche nach dem Hausschlüssel, er war ganz nach unten unter ihren Taschenkalender gerutscht. Sie reichte ihn Ulf.

»Mach du auf!«, sagte sie.

3. KAPITEL

Als sie das Wohnzimmer betraten, wurde ihnen klar, dass ihr Gefühl sie nicht getrogen hatte. Es war jemand da gewesen. Das Fenster zum Wald stand sperrangelweit auf, es war nicht beschädigt oder aufgebrochen worden, sondern stand nur auf und wurde durch einen Haken festgehalten.

Ulf blieb auf der Schwelle stehen und hielt sich am Türrahmen fest, als befürchte er ein Nachbeben.

»Als du letztens die Fenster geputzt hast«, sagte er langsam, »musst du vergessen haben, sie wieder ordentlich zuzumachen.«

»Nein«, erwiderte sie automatisch.

»Aber jemand hat es geöffnet und ist vielleicht sogar hereingeklettert.«

Sie schüttelte den Kopf.

Im gleichen Moment sahen sie, dass jemand die Schubladen des Sekretärs herausgezogen hatte. Beth bekam eine trockene Kehle, sie hatte einen seltsamen Geschmack im Mund, das Blut rauschte in ihren Ohren. Sie hob die Hand und zeigte hin.

»Einbrecher«, sagte Ulf.

Sie dachte an brechen und ein, verstand plötzlich die ursprüngliche Bedeutung des Worts und während sie noch darüber nachdachte, fiel die Angst von ihr ab und machte einer immer größer werdenden Wut Platz.

Sie ging zum Sekretär. In den Schubladen lagen Handtücher, Streichholzschachteln und alte Gesellschaftsspiele, mit denen Beth und Juni als Kinder gespielt hatten. Jemand hatte sie durchwühlt und Sachen verschoben. Ein sauberes, gebügeltes Küchenhandtuch lag auf der Erde, aber es schien nichts zu fehlen. Im Übrigen verwahrten sie keine Wertgegenstände im Haus und das Geld und die Kreditkarten nahmen sie immer mit, wenn sie wegfuhren. Beth legte das Handtuch zurück und schob die Schubladen mit beiden Händen zu.

Ulf stand noch immer in der Türöffnung.

»Lass das«, sagte er unsicher. »Die Fingerabdrücke.«

Sie drehte sich heftig zu ihm um:

»Glaubst du wirklich, die Polizei hat Zeit, sich mit so etwas abzugeben! Mit einem simplen, jämmerlichen Einbruch. Die haben anderes zu tun, du weißt doch, wie wenig Personal die haben, erinnerst du dich, wie es war, als Anki vergewaltigt wurde, kein Schwein hat sich dafür interessiert, und obwohl sie ihn dann später auf einer Straße gesehen hat, ihn gesehen hat, hörst du, und erkannt hat, obwohl sie ihn erkannt hat und in ein Geschäft gelaufen ist und angerufen hat, meinst du vielleicht, die wären gekommen? Oh nein! Erst nach gut einer Stunde, und da war es natürlich zu spät, das hätte sich noch der letzte Idiot denken können!«

»Beth«, sagte er leise.

Wutentbrannt rannte sie in die Küche, griff sich einen Holzscheit aus dem Korb und donnerte die Treppe hinauf. Zunächst schien in der oberen Etage alles noch so zu sein, wie sie es verlassen hatten, die Tagesdecke lag glatt auf den Betten, Ulfs dunkelblauer Pullover auf einem Stuhl, der Schreibtisch war nicht angerührt worden und der alte Fernsehapparat stand wie immer mit herausgezogenem Stecker auf seinem Tischchen. Man musste den Stecker ziehen, weil er sich nur so ausschalten ließ. Dann entdeckte sie, dass die Kissen fort waren, die kleinen Zierkissen, die mit Ulfs und ihrem Sternzeichen bestickt waren. Ihre Mutter hatte sie genäht, als sie noch Freude daran hatte, für kleine Überraschungen zu sorgen. Kissen mit einem Schützen und einer Jungfrau, sie hatte die Vorlage in einer Illustrierten gesehen und sich das nötige Material bestellt. Zwei lose gefüllte Zierkissen, die Beth immer ans Kopfende legte, wenn sie die Betten machte. Sie wusste genau, dass sie dies auch an diesem Morgen getan hatte. Jetzt waren sie nicht mehr da.

Ulf war ihr gefolgt, sodass sie nun beide im Schlafzimmer standen. Hier oben unter dem Dach flimmerte die Luft vor Hitze, eine Wespe knallte gegen das Fenster.

»Es ist jemand hier gewesen«, sagte sie und ihre Schultern senkten sich, sie nahm ihren eigenen Geruch aus Schweiß und Angst wahr.

Er starrte sie an.

»Siehst du denn nicht, dass die Kissen verschwunden sind? Jemand ist hier gewesen und hat sie geklaut.«

»Die Kissen . . . wovon redest du?«

»Von den Kissen, die Mama uns geschenkt hat, du weißt doch, unsere Kissen, die mit den Sternzeichen!«

»Ach so, die. Hast du sie vielleicht woanders hingelegt? Wer klaut denn schon ein paar Kissen?«

»Keine Ahnung«, flüsterte sie. »Ach Ulf, ich habe wirklich keine Ahnung.«

Sie fanden keine weiteren Anzeichen dafür, dass jemand im Haus gewesen war. Beth holte den Staubsauger heraus und saugte gründlich in allen Zimmern, so als könnte sie dadurch das Gefühl auslöschen, dass sich jemand unbefugt Zutritt verschafft hatte.

Sie hatten noch eine gute Woche Urlaub. Anschließend würden Juni und ihr Mann herkommen. Den Schwestern gehörte das Haus gemeinsam, seit ihre Eltern zu alt geworden waren, um es noch als Sommerhaus zu benutzen.

Bei ihrer Mutter waren mit der Zeit Anzeichen für Veränderungen im Gehirn aufgetreten. Manchmal griff sie einen völlig unvermittelt und gehässig an, anfangs noch selten, so selten, dass sie erst nicht begriffen, was vorging. Im Lauf der Monate wurden ihnen jedoch klar, dass etwas nicht in Ordnung war. Ein Arzt konfrontierte sie mit der Wahrheit: Sie litt an Altersdemenz und es ließ sich nichts dagegen machen.

Ihr Vater versorgte sie im Moment noch zu Hause, aber seine Kräfte schwanden allmählich. Bei jedem Besuch fiel Beth auf, wie sehr er sich verändert hatte. Er war regelrecht verstummt und schien all seine Energie dafür zu benötigen, ihre Mutter sauber zu halten und sich gegen ihre Angriffe zur Wehr zu setzen.

Ihre Eltern waren beide achtundsiebzig. Ihr Vater war Geschäftsführer von Svärds Möbelhaus gewesen, einer Firma, die er aus dem Nichts aufgebaut hatte und die immer noch gut lief. Ihre Mutter hatte einen Frisiersalon für Damen geleitet. Beth war immer stolz auf ihre Eltern gewesen, vor allem auf ihre Mutter, weil das, was sie tat, leichter zu verstehen gewesen war. Ihre Mama verzauberte die Frauen, indem sie dünne Strähnen in einen Schwall duftender Locken verwandelte. Manchmal durfte Beth dabei sein, wenn eine junge Frau für ihre Hochzeit hergerichtet wurde. Sie saß dann auf dem gepolsterten Schemel und reichte ihrer Mutter Haarnadeln und Kämme an.

»Wenn dein Hochzeitstag kommt, mache ich dich genauso schön!«, sagte ihre Mutter dann stets und ihr Gesichtszüge wurden weich und ihr Blick schweifte in die Ferne. »Du wirst die schönste Braut von allen sein, Beth.«

»Und was ist mit Juni?«, fragte Beth.

»Ja, Juni natürlich auch. Ihr seid immerhin meine Töchter.«

Ihre Mutter bekam nie die Gelegenheit, eine von ihnen als Braut schön zu machen. Beth war nicht verheiratet und Juni lernte ihren Mann auf einer Kreuzfahrt zu den Bahamas kennen. Sie wurden an Bord getraut.

Mittlerweile wohnten ihre Eltern in einer kleinen Wohnung in Falköping.

»Ich glaube, sie fühlt sich hier zu Hause«, wiederholte ihr Vater immer wieder, so als wollte er sich selbst davon überzeugen, das Richtige getan zu haben, als er ihnen diese Wohnung besorgte. Aber Beth spürte, dass er die Lust am Leben verloren hatte. Es gab für ihn nichts, worauf er sich noch freuen konnte. Gemeinsam mit der immer verwirrteren Frau, die er einmal zu seiner Angetrauten genommen hatte, kämpfte er sich durch die Tage.

Ab und zu sprach sie mit ihrer Schwester darüber. Juni sah die Dinge etwas schonungsloser als sie.

»So ist nun mal das Leben«, meinte sie. »So ergeht es uns allen irgendwann, also sieh zu, dass du lebst, solange du noch kannst. Eines schönen Tages geht sowieso alles den Bach runter.«

Sie hieß Juni, weil sie am Morgen des Mittsommertags geboren wurde. Sie war vierzig, genau wie Ulf. Tatsächlich hatte Juni Ulf ihrer Schwester vor acht Jahren vorgestellt, als sie und Ulf gemeinsam als Journalisten bei einer Nachrichtenagentur arbeiteten. Beth wurde damals dreißig und ihre Freunde organisierten eine Geburtstagsfeier für sie. Juni kam auch, dünner als je zuvor. Ihre Haare sahen aus wie abstehende Stacheln. Sie hatte etwas genommen, eine süße und würzige Dunstglocke umgab sie.

»Ich habe dir ein Geschenk mitgebracht, Schwesterherz«, flüsterte sie, als sie sich umarmten. »Ich habe dir einen Mann mitgebracht. Und weißt du was! Er ist wie gemacht für dich, er ist genau das, was du brauchst.«

Ulf hatte gleich hinter ihnen gestanden und ihr erster Eindruck von ihm war, dass er gepflegt aussah in seinem grauen Blazer, gepflegt. Als sie tanzten, spürte sie, dass er einen Ständer hatte.

Sie hatten nie geheiratet, es ergab sich einfach nicht. Stattdessen verlobten sie sich. Das klang ehrlicher, reiner. Sie schenkten einander Ringe aus Weißgold. Beths war zudem mit einem kleinen roten Rubin verziert. Manchmal, wenn sie ihn ansah, dachte sie an Blut. Die Liebe war ein Teil ihres Blutkreislaufs: mein geliebter Mann und Freund.

4. KAPITEL

Beth hatte keinen Hunger. Sie schälte Kartoffeln und legte sie in den Topf, steckte sich eine Zigarette an, ehe ihr wieder einfiel, dass sie beschlossen hatten, im Haus nicht mehr zu rauchen. Sie trat auf die Eingangstreppe hinaus und blieb dort in der klaren, hellen Stille stehen. Das Sonnenlicht glänzte auf den Rispen der Gräser. Die Sonne sank und verschwand schon fast hinter den Tannenwipfeln, aber richtig dunkel würde es erst gegen Mitternacht werden. Und selbst dann würde es nur eine schummrige Dunkelheit sein, in der sich nichts verbergen ließ.

Letzte Nacht war sie aufgewacht und barfuß ins Gras hinausgegangen. Auf einmal hatte sie zwischen den jungen Birken einen Elch entdeckt. Er bewegte sich ein wenig, gab Laute von sich, ein hoch gewachsener und weidender Schatten. Sie wollte ins Haus zurückschleichen und Ulf wecken, aber im gleichen Moment fuhr ein Windhauch über das Gras, sodass sich ihr Nachthemd bauschte. Das reichte schon. Es knackte im Unterholz und anschließend war von dem Elch nichts mehr zu sehen.

Sie zog an ihrer Zigarette und sammelte den Rauch in der Mundhöhle, ehe sie ihn langsam wieder ausstieß. Eine Bachstelze trippelte bei den Himbeersträuchern vorbei. Es gab ein Nest unter dem Dachfirst und sie hatte ein Küken mit weit aufgerissenem Schnabel darin sitzen sehen. Sie machte sich ein wenig Sorgen, dass Lioness, dass die Katze es holen könnte.

»Ulf«, rief sie. Sie hörte, dass er sich im Obergeschoss bewegte.

Er öffnete das Fenster und schaute hinaus.

»Was ist denn?«

»Nichts . . . ich hatte mich nur gefragt, wo du bist.«

Sein Kopf verschwand wieder. Jetzt kam er die Treppe herunter, öffnete die Tür und trat aus dem Haus.

»Kochst du?«

»Ich habe nur ein paar Kartoffeln geschält.«

»Ich habe noch keinen Hunger.«

»Ich auch nicht.«

»Wie viel Uhr ist es?«

Sie zuckte mit den Schultern.

»Wir könnten nach Hause fahren«, sagte er zögernd.

»Nach Hause? Nach Hässelby?«

Er nickte.

»Warum denn? Wir haben doch noch eine ganze Woche.«

»Aber wir sind schon so lange hier.«

Er ging ein paar Schritte auf den Steinplatten. Auf einmal fand sie, dass er abgemagert war, ausgehöhlt und dass er anfing, alt zu werden. Schlagartig wurde ihr bewusst, dass sie eines Tages allein sein würde, da Frauen im Allgemeinen länger lebten als Männer. Mit ihrer Gehhilfe würde sie über den glänzenden Fußboden des Altersheims stolpern und er, Ulf, würde schon seit langer Zeit tot sein. Am schlimmsten würde mich der Mangel an Mitgefühl treffen, dachte sie. Das ist der Lauf der Dinge, würde man ihr in dem vergeblichen Versuch zu trösten sagen. Denn sie würde nur eine unter vielen sein, eine geklonte, alte, weißhaarige Frau ohne Geschichte und Identität.

»Wir hatten doch beschlossen, noch eine Woche zu bleiben«, rief sie ihm hinterher.

Er drehte sich um und sein Blick war auf einen Punkt hinter ihr gerichtet.

»Schon gut, vergiss es, ich habe nichts gesagt.«

»Außerdem wollten wir doch morgen Mama und Papa besuchen«, fuhr sie fort. »Weißt du denn nicht mehr, dass wir das beschlossen hatten? Donnerstag, haben wir gesagt. Erinnerst du dich nicht?«

Er war schon am Gatter.

»Ich verstehe dich nicht!«, rief er.

»Wir fahren doch morgen nach Falköping.«

Beth sagte es leise, die Worte sollten ihn nicht erreichen. Sie drückte die Zigarette auf der Treppe aus und zerrieb den Zigarettenstummel, bis der kühle Tabak ihre Fingerspitzen erreichte. In der Küche holte sie zwei Gläser aus dem Schrank. Sie schenkte sich ein Glas Wein ein und kostete. Es war ein dunkler und schwerer Wein, den ihre Schwester stehen gelassen hatte. Sie sah Ulf draußen mit kurzen, ruckhaften Schritten umhergehen. Er hatte etwas Fremdes an sich, das sie ungeduldig und ängstlich machte. Deshalb musste sie die Tür wieder öffnen und ihn zu sich rufen.

Widerwillig kam er auf sie zu.

»Lass dich mal ansehen!«, sagte sie, aber ihre Stimme gefiel ihr nicht.

Sie reichte ihm das Weinglas und sie standen in der Küche und tranken.

»Ulf«, flüsterte sie plötzlich und schmiegte sich an ihn. Sein Körper wurde steif. »Ulf, sag mir, wie sehr du mich liebst!«

Daraufhin schob er sie von sich und stellte das Glas mit einer schnellen und heftigen Bewegung auf der Spüle ab.

5. KAPITEL

Sie gingen zum Kahlschlag hinauf, es war schon spät. Sie stolperte über Zweige und Wurzeln. Ulf ging neben ihr, hielt sie ab und zu fest, aber nicht mit liebevollen Händen, sondern mit den Händen eines ganz gewöhnlichen Mannes.

Und sie?

Eine ganz gewöhnliche Frau!

Silberglanz zwischen den Blaubeersträuchern, sie musste hin und nachsehen. Es war ein Fisch, ein Barsch, der noch nicht lange tot war. Sein Kopf zeigte von ihr weg und Dreck und Tannennadeln bedeckten sein Auge.

Sie war betrunken, sie waren beide sehr betrunken.

»Sieh mal«, flüsterte sie. »Sieh mal, wie seltsam! Hier gibt es doch gar kein Wasser, wie kann ein Fisch da auf dem Trockenen landen?«

Ulf war bei ihr und stubste ihn mit seinen kurzen sauberen Fingernägeln an.

»Ja, das ist wirklich merkwürdig.«

»Als wäre er vom Himmel gefallen.«

Er drehte ihn mit dem Fuß um, die Kiemen waren aufgerissen und rot. Eine Schmeißfliege summte um sie herum.

»Wo kommt er nur her?«

»Keine Ahnung«, flüsterte sie, hatte aber noch keine Angst.

Ulf nahm den Rucksack ab und holte eine verschmierte Flasche und zwei Pappbecher heraus. Es war Madeira, den sie vor vielen Jahren aus Äpfeln gekeltert hatten. Sie verwahrten ihn im Vorratskeller, tranken aber nur selten davon. Er war sämig und viel zu süß. Ulf klemmte die Flasche zwischen die Knie und zog den Korken heraus.

»Na dann, Prost!«

»Prost . . . ich komme einfach nicht über diesen Fisch weg.«

»Jetzt lass das doch!«, fuhr er sie an. »Vermutlich werden wir nie etwas über ihn erfahren. Da brauchen wir auch nicht weiter darüber zu spekulieren.«

»Was ist eigentlich los mit dir, Ulf, was ist los?«

Er fuhr herum, seine Lippen waren blass und aufgesprungen.

»Mit mir? Nichts ist mit mir.«

»Doch, ich weiß, dass da was ist, das sehe ich dir an, ich weiß es. Und ich möchte, dass du mir erzählst, was los ist . . . Im Grunde will ich es gar nicht, aber ich kann doch nicht die ganze Zeit den Kopf in den Sand stecken, du hast doch selbst gesagt, dass ich so bin, dass ich ein feiger und ängstlicher Mensch bin, der am liebsten immer vor allem davonläuft, und das will ich jetzt auch, Ulf, ich will davonlaufen, aber wenn ich dich hier so bei mir stehen sehe, wenn ich weiß, das, was du mir zu sagen hast, könnte mein ganzes Leben verändern, falls es etwas Furchtbares und Schlimmes ist . . . dann muss ich es doch trotzdem . . . wagen. Man muss doch auch mal mit gutem Beispiel vorangehen, nicht wahr?«

Sie lachte mit steifen Lippen.

Ulf hob seinen Becher an die Lippen, sie sah die Bewegungen seines Adamsapfels. Er verzog das Gesicht zu einer Grimasse.

»Du hast Recht«, sagte er feindselig. »Es ist etwas. Und wenn du nicht so darin herumgestochert hättest, dann hätte es sich vielleicht von selbst wieder gelegt. Aber jetzt hast du es ans Licht gezerrt und wir wollen es uns genauestens ansehen.«

Er sprach ein wenig lallend und machte eine Pause, so als wollte er ihr die Chance geben, sich die Ohren zuzuhalten und sich vor seine Füße zu werfen, um ihn anzuflehen, doch zu schweigen, wie sie es sonst immer tat, diesmal aber nicht.

Also sagte er es.

»Ich habe in letzter Zeit oft mit Ylva geredet und wir sind uns wieder etwas näher gekommen. Wenn man ein Kind mit jemandem hat, wird alles irgendwie . . . so innig.«

»Innig?«

»Ja. Innig.«

Sie fühlte sich auf einmal seltsam leicht und hatte das Gefühl, ihre Füße würden vom Moos abheben und sie würde zwischen den Baumstämmen schweben. Der Sturm hatte im letzten Frühjahr hier gewütet, an mehreren Stellen lagen umgestürzte und abgeknickte Bäume. Ulf saß auf einem Baumstamm. Sie dachte, dass seine Hose Harzflecken bekommen würde, aber dass ihr das jetzt auch egal sein konnte, Ylva, seine frühere Frau, würde sich darum kümmern, so wie sie sich um alles kümmern würde, was mit ihm zu tun hatte. Um seine Kleider, seine Gedanken, seinen Sohn.

»Weiß Albin davon?«

Sie hatten sich hingelegt, aber das Zimmer drehte sich in der Dunkelheit.

»Was meinst du, was soll Albin wissen?«

»Dass du und Ylva euch trefft.«

»Wir haben nie aufgehört uns zu treffen.«

»Ja, aber so, wie du gesagt hast. Innig.«

»Es kann Albin ja wohl kaum schaden, dass seine Eltern sich nicht mehr streiten.«

Beth riss sich das Betttuch vom Leib, es drückte auf ihre Brust und machte ihr das Atmen schwer.

»Wie ist es dazu gekommen?«, flüsterte sie. »Wie konnte diese Innigkeit wieder aufleben? Doch! Ich will es wissen.«

Ulf saß auf der Bettkante, nackt und aufrecht.

»Ich weiß nicht, sie ist doch jetzt allein, Robban ist ausgezogen. Aber ich weiß nicht, wie es gekommen ist, dass wir . . . Auf so eine Frage gibt es keine Antwort.«

Sie weinte, konnte nicht mehr klar denken.

Er hatte sich jetzt zu ihr umgedreht, seine Stimme war schneidend und kalt.

»Beth, du hast mich doch selbst gezwungen, es zu erzählen!«

»Was meinst du mit innig?« schrie sie.

»Was?«

»Du hast gesagt, dass alles so innig wird, wenn man Kinder mit jemandem hat. Das hast du da oben auf dem Kahlschlag gesagt.«

»Ach was, ich habe mich vielleicht nicht richtig ausgedrückt, musst du immer jedes Wort auf die Goldwaage legen! Aber ein Kind schweißt einen eben zusammen. Das lässt sich doch nicht abstreiten.«

Beth machte das Licht über ihren Betten an. Er sah krank aus, die Haare auf seinen Armen sträubten sich. Als würde er hier oben unter dem Dach frieren, als wäre es auf einmal Herbst, November.

»Aber es muss natürlich ein lebendiges Kind sein«, sagte sie.

»Nein, fang jetzt nicht wieder damit an.«

»Sollte einen ein totes Kind dann nicht noch mehr zusammenschweißen? Oder zwei wie bei uns. Zwei kleine, tote Zwillinge . . . die einen Tag gelebt haben . . . und dann gestorben sind.«

»Reiß dich zusammen, das geht zu weit.«

»Wenn du mir damals eine Stütze gewesen wärst . . . wenn du dich nicht von mir abgewandt und mich allein gelassen hättest . . . dann hätten wir gemeinsam trauern können. Wenn du nicht so egoistisch gewesen wärst. Du hast mir Angst gemacht, ich saß die Tage und Abende da, Juni rief an, bist du etwa ganz allein, du darfst jetzt nicht allein sein, dann kam sie vorbei und hatte Pastete und dunkle Trauben gekauft, du musst essen, Beth, du musst jetzt stark sein!«

»Das geht unter die Gürtellinie. Ich habe das alles schon hundert Mal gehört, so oft, dass es nicht mehr . . . und das weißt du auch, es hat keinen Sinn, weiter mit dir zu reden, es funktioniert nicht, ich komme nicht an dich heran, das ist mir noch nie gelungen, jedenfalls nicht, wenn es um dieses Thema geht.«

Sie konnte einfach nicht aufhören:

»Und Juni hat mich gefragt, was ist mit Ulf, wo ist er, hat sie gefragt. Was sollte ich denn antworten? Er ist auf der Arbeit, ich glaube, es sind ein paar Leute ausgefallen, deshalb musste er . . . Wenn ich dich ausgeliefert hätte . . . dann wäre das doch auch auf mich zurückgefallen, ich wäre eben nicht in der Lage gewesen, meinen Mann zu Hause zu halten, den Vater der toten Kinder, sie wäre wahnsinnig wütend auf dich geworden und das konnte ich nicht ertragen . . . als hätte ich dich dadurch dann auch noch verloren, Ulf, ich brauchte dich doch so sehr. Ja, innig.« Sie lachte auf. »Wenn ich so sagen darf.«

Er saß mit gesenktem Kopf da.

»Ich habe doch auch getrauert«, sagte er mit belegter Stimme, »und das weißt du verdammt gut. Aber auf meine Art eben. Es können nicht alle so trauern wie du. Wenn du das doch irgendwann einsehen könntest! Ich konnte nicht schreiben, die Worte verhedderten sich und wurden Buchstabensalat, ich konnte nicht weinen. Nicht wie du, du hast es doch wenigstens irgendwie rausgelassen. In gewisser Weise hast du mir die Trauer abgenommen.«

»Oh nein, mein Lieber!«, schrie sie. »Das kannst du nicht sagen! Trauer lässt sich nicht messen, sie ist nicht rationiert. Die Trauer reicht für alle, alle.«

Er schwieg.

»Albin durfte seine kleinen Halbschwestern nicht behalten«, fuhr sie fort und wusste, dass sie jetzt zu weit ging, aber sie konnte sich nicht bremsen. »Ich weiß, dass er traurig darüber war. Während der ganzen Schwangerschaft haben Albin und ich uns über sie unterhalten, jeden Tag. Über Kinder und wie sie entstehen. Und dann . . . Er wusste, dass er zwei Schwestern bekommen hatte, sie aber nie nach Hause kommen würden, er würde sie nie zu Gesicht bekommen oder ihre kleinen warmen Köpfchen anfassen dürfen, die Fontanellen, ich hatte ihm das alles erklärt, er war alt genug, um es zu verstehen, fünf Jahre alt. Er war ein aufgeweckter kleiner Junge, dein Albin. Trotz allem, was er durchgemacht hatte.«

Ulf stand bei den Kleidern, suchte in seinen Taschen nach Zigaretten. Seine Fersen donnerten die Treppe hinunter. Sie folgte ihm in ihrem nahezu durchsichtigen Nachthemd.

Nylon, dachte sie. Aber es war aus gewöhnlicher Baumwolle.

Sonst!

Hätte sie!

Mit der Glut zu nahe kommen und in Flammen aufgehen können.

Sie standen auf der Treppe und rauchten. Hier draußen war es kühl und feucht, die Sträucher hatten tiefere Farben bekommen. Ihre Fußsohlen brannten, sie tauchte sie ins Gras, schauderte. Weiter weg am Waldrand sah sie etwas Helles. War es die Katze, die auf Mäusejagd war?

»Weißt du, heutzutage darf man seine toten Babys fotografieren«, sagte sie leise. »Man darf sie sogar mit nach Hause nehmen, wenn man will. Ein paar Stunden, einen Abend, es ist ein Stück Trauerarbeit. Anita, die Psychologin, mit der ich damals gesprochen habe, hat mir das erzählt.«

»Das ist doch krank!«, sagte er gepresst. »Mit Leichen nach Hause zu fahren!«

»Es sind immerhin die eigenen Kinder.«

»Ja, aber trotzdem!«

»Man darf sein totes Baby waschen und ihm eine Windel anlegen. Wenn man will, kann man ihm die Kleider anziehen, die man bereitgelegt hatte, ein paar Kerzen anzünden und eine schöne, stimmungsvolle Atmosphäre schaffen, damit sie nicht einfach nur verschwinden wie unsere. Sie verschwanden irgendwo im Keller in einer Kühlbox. Die kleinen Körper, die ich fast sieben Monate lang gewärmt habe, mit meinem eigenen Blut gewärmt habe, sollten plötzlich mir nichts dir nichts in die Kälte.«

»Ich habe sie doch gesehen«, sagte er mit belegter Stimme. »Ich habe sie gesehen, als sie herauskamen. Aber nicht lange, sie haben sie genommen und sind mit ihnen losgerannt und dann habe ich sie noch einmal im Brutkasten gesehen, ihre kleinen, krummen Beine. Wenn du die Kraft gehabt hättest mitzukommen, ehe sie . . . Aber du warst ja so müde und . . . du hast gesagt, dass du sie nicht . . .«

»Du hättest versuchen sollen mich zu überreden, du musst doch begriffen haben, wie es mir ging nach all dem Schrecklichen. Ich stand unter Schock, verstehst du, ich hatte in diesem Moment einfach nicht die Kraft, für andere als mich selbst da zu sein und musste mich erst erholen, aber nachher, wenn ich gewusst hätte . . .«

Sie hatte fast dreißig Stunden im Kreißsaal gelegen. Wegen der Schmerzen konnte sie nicht mehr denken, keine Sehnsucht mehr empfinden. Am nächsten Tag hatte man sie in einem Rollstuhl hinübergefahren, aber da war es bereits zu spät. Seite an Seiten lagen die kleinen Mädchen vor ihr, eingewickelt in saubere gelbe Decken. Bei dem einen war die Oberlippe ein wenig hochgeglitten. Beth konnte die blasse Rundung des Gaumens erkennen.

Sie hatte zu der Ärztin aufgeblickt, konnte ihr aber nicht in die Augen sehen. Sie empfand tiefes Mitleid mit dieser Frau, von der nun eine Erklärung erwartet wurde. Hoch über Beth erklang ihre heisere Stimme:

»Ja . . . manchmal ist man furchtbar machtlos in diesem Beruf. Und dabei sind es so hübsche Kinder. Sie können mir glauben, ich weiß, was Sie jetzt durchmachen.«

Nein. Das konnte sie nicht wissen. Nur sie selbst konnte das wissen. Sie, die Mutter, denn sie hatte die beiden unter ihrem Herzen getragen und mit einer fröhlichen und ungeduldigen Sehnsucht in ihrem ganzen Körper erwartet.

Sie organisierten eine richtige Beerdigung. Der Gottesdienst fand in der Kirche von Hässelby Villastad statt. Der Weg, der zur Kirche hinauf führte, war mit feuchtem Laub bedeckt. Sie erinnerte sich noch, dass sie ausrutschte und fast hingefallen wäre. Sie hatte das Gesicht ihres Vaters vor Augen, es war das erste Mal, das sie ihn weinen sah, seine hochgezogenen Schultern und das schüttere Haar. Und ihre Mutter.

»Du schaffst das schon, Beth, du schaffst das schon. Ruh dich jetzt etwas aus und dann fangt ihr noch einmal von vorn an.«

Die Bestatterin, eine Frau namens Margit Gustavsson, hatte nicht darauf bestanden, dass Beth oder Ulf bei den Vorbereitungen dabei waren, was für sie eine große Erleichterung war. Die Frau hatte flache und weiße Hände und mit diesen Händen hatte sie die beiden Kinder in ein Leichentuch gehüllt und in den gleichen Sarg gebettet, die Gesichter einander zugewandt. Beth hatte die Lieder ausgewählt und dabei »Die Blütezeit nun kommet« durchgesetzt, obwohl es ganz und gar nicht zur Jahreszeit passte, aber das Lied machte ihr Hoffnung, Hoffnung auf eine Fortsetzung. Sie war zwar nicht religiös, aber es tat ihr dennoch gut, im Gesangbuch zu blättern, und auf ihrem Platz in der vordersten Kirchenbank sang sie auswendig mit lauter und energischer Stimme.

Nachher fuhren sie zu Hägerstalunds Wirtshaus, um mit Verwandten und Freunden zu Mittag zu essen. Auf dem Weg zum Wagen sah sie die Schule, in der sie arbeitete. Sie hatte Erziehungsurlaub nehmen wollen. Anderthalb Jahre hatte sie zu Hause bleiben wollen.

6. KAPITEL

Er trug sie die Treppe hoch. Manchmal war er so stark und sanft. Er legte sie auf das Bett, nicht schroff, sondern behutsam. Die Wände drehten sich noch, in ihren Ohren rauschte es dumpf. Er lag neben ihr, seine Füße waren klein und kalt. Sie zog das Nachthemd aus, fühlte seine rauen Hände und sie musste sich winden und stöhnen, musste dem Dämmerzustand Lust entlocken. Jetzt schob er ihre Schenkel zur Seite, spreizte sie, jetzt stieß er zu und suchte, aber sie war wie zugeschweißt zwischen den Beinen.

Das brachte ihn aus dem Konzept.

»Liebling, ich will«, versuchte sie es, aber ihre Stimme war müde, sie nahm die Hand zur Hilfe und zog und drückte, aber er stemmte sich auf die Seite, schlief.

Sie schloss die Augen und hatte Tränen unter den Augenlidern, nicht seinetwegen, sondern weil sie durch den Alkohol wie immer verletzlich und deprimiert geworden war.

Ein Geräusch!

Sie dachte, Ulf wäre aufgestanden und hätte das Radio angemacht, es klang wie Kirchenglocken. Dann sah sie, dass er neben ihr lag und bekam Angst, weil es zwanzig, dreißig Kilometer bis zur nächsten Kirche waren.

Dann erinnerte sie sich wieder an den Fisch, einen frisch geangelten Fisch inmitten trockener Tannennadeln. Sie lag in der Kuhle der Matratze, das Zimmer war hell, es musste trotz allem schon Morgen sein.

Sie wurde von Durst gequält. Ihre Zunge war eine eingeschrumpfte und zusammengezogene Schnecke, die eingetrocknet war um zu sterben.

»Ulf«, jammerte sie. »Ich höre komische Geräusche, bitte wach auf.«

Er lag auf der Seite und sah sie unverwandt an. Sie streckte die Finger aus und berührte seine Stirn.

»Du lebst doch noch, oder etwa nicht?«

Es zuckte in seinen Mundwinkeln.

»Hörst du?«, flüsterte sie.

Er schüttelte den Kopf.

»Doch, hör genau hin, das musst du doch hören, es klingt wie Kirchenglocken!«

Während sie beobachtete, wie er sich aufrichtete, spürte sie, wie verschwitzt sie war, ihr Nachthemd war ganz feucht, sie bekam eine Gänsehaut. Dann setzte sie sich ebenfalls auf.

»Nein«, sagte er mit heiserer Stimme. »Ich höre nichts.«

»Jetzt ist es weg, aber gerade eben war es noch da. Es war ganz nah und klang, als würde gleich nebenan ein Glockenturm stehen und jemand am Seil ziehen.«

»Tut mir Leid«, sagte er, »aber ich habe nichts gehört.«

»Dann wirst du noch geschlafen haben.«

»Ich habe wach gelegen und gedöst. Und nachgedacht.«

Das Wort nachgedacht stieß ihr übel auf, ihr fielen die Ereignisse der letzten Nacht wieder ein, und ihr Gespräch.

»Wie viel Uhr ist es?«, murmelte sie.

»Kurz vor sieben.«

»Sieben. Ich würde gerne noch etwas schlafen, ich könnte den Schlaf wirklich gebrauchen, aber ich kann nicht.«

Er legte sich auf den Bauch, warf einen Arm über ihre Beine und weinte.

Vorsichtig legte sie sich neben ihm wieder hin, presste sich an seine Seite, gegen seine Achselhöhle.

»Es tut mir Leid wegen gestern«, sagte er undeutlich. »Man sagt manchmal Dinge, die man . . . so vielleicht gar nicht sagen wollte. Die Worte klingen dann so falsch und hässlich.«

Sie streichelte sein Haar, presste ihre Lippen auf seinen Nacken.

»Wie kann es nur so weit kommen, Beth? Warum kommt es zum Streit zwischen uns, kannst du mir das erklären?«

»Das passiert eben manchmal, aber jetzt vergessen wir das wieder! Wir beschließen einfach es zu vergessen.«

»Du meinst, zu verdrängen?«

Das Gesicht in das Kopfkissen gedrückt, stöhnte sie kurz auf. Der ranzige Geruch ihres Haars hing im Stoff des Kissens.

»Ich habe wahnsinnige Kopfschmerzen, Ulf, du nicht auch, tut dir nicht auch der ganze Kopf weh?«

»Das kommt vom Madeira. Oder vielleicht auch nicht . . . wir hätten nicht durcheinander trinken sollen.«

»Stimmt.«

Beth zog ihr Nachthemd aus und legte es auf den Fußboden.

»Ich friere . . . flüsterte sie. »Aber irgendwie ist mir trotzdem heiß.«

Sie nahm seine Hand und zog sie unter sich, unter ihren Bauch.

»Ich hab jedenfalls auch Kopfschmerzen«, flüsterte er.

»Leg dich auf den Rücken, dann massiere ich dich.«

Er lag mit dem Kopf auf ihren Oberschenkeln. Sie war benommen und völlig erledigt. Ihre Fingerspitzen begannen zu glänzen, sie massierten seine Stirn, bewegten sich bis zur Nasenspitze herab, kreisten in seinen dichten und lockigen Haaren. Ihr fiel auf, dass seine Augenbrauen sich verändert hatten, die Härchen waren länger und dicker geworden. Genau die gleichen Augenbrauen hatte ihr Großvater gehabt, sie waren wie kleine Schirmchen gewesen, die abstanden und Schatten spendeten. Auch in seinen Ohren wuchsen mittlerweile Haare. Sie würde ihm später helfen sie abzuschneiden. An diese Stellen kam man selbst nicht heran.

»Tut das gut?«, fragte sie und schluckte. »Gefällt dir, was ich mit dir mache?«

Sein Kopf nickte in ihrem Schoß.

»Du weißt, dass du äußerst geschickte Hände hast.«

Sie lächelte ein wenig, sehnte sich nach einer Sprite oder einer eiskalten Cola, so wie sie in der Reklame immer aussah.

»Ich werde bei meinen Eltern duschen«, sagte sie.

»Was?«

»Ich habe gesagt, dass ich duschen werde, wenn wir nach Falköping kommen.«

»Verdammt! Wann wollten wir dahin?«

»Heute.«

»Nein.«

»Doch. Darüber haben wir doch gestern noch gesprochen.«

»Ich hatte es wieder vergessen.«

»Jedenfalls müssen wir hinfahren.«

»Müssen wir wirklich?«

»Na, hör mal . . .«

»Können wir sie nicht anrufen?«

»Wir haben doch das Handy nicht dabei. Du hast doch selbst vergessen es mitzunehmen.«

»Wir könnten zu einer Telefonzelle fahren.«

»Nein, dann müssten wir schon jetzt anrufen. Das verwirrt alte Menschen immer so, es ist keine gute Idee, plötzlich Abmachungen zu ändern.«

Er schwieg.

»Okay«, fuhr sie fort, »wenn du jetzt aufstehst, dich anziehst und zu einem Telefon fährst, wenn du das tust, bleiben wir hier.«

»Dann fahren wir eben hin«, sagte er kurz angebunden. »Wie es ausgemacht war. Aber dann musst du fahren.«

»Du spinnst wohl.«

»Also ich kann nicht fahren, ich glaube, ich bin immer noch betrunken.«

»Meinst du vielleicht, mir geht es anders?«

»Dann müssen wir eben hier bleiben!«

»Ulf, das geht wirklich nicht, du weißt doch, wie sehr Papa sich auf unseren Besuch gefreut hat, er wäre furchtbar enttäuscht, er hat die Hölle auf Erden zu Hause mit Mama, die . . .«

Ulf zuckte mit den Schultern und wandte sich ab. Sie beugte sich über ihn und hielt ihn fest.

»Komm in mich, sei in mir, komm in mir.«

Er lachte verwirrt.

»Doch. Tu es, tu es, ich sehne mich danach.«

Daraufhin legte er sich auf sie und sein Glied wurde steif, aber seine Augen waren geschlossen und er kam in ihr mit einem kurzen und unfreundlichen Schrei.

7. KAPITEL

Als sie aufgestanden waren und Kaffee getrunken hatten, ging es ihnen etwas besser. Beth nahm zwei Kopfschmerztabletten, hatte aber dennoch das Gefühl sich zu erkälten. Sie stand in der Küche, in der es noch kühl war, und trug ihr neues Sommerkleid.

»Steht es mir?«, fragte sie.

Er sah sie mit halb geschlossenen, glasigen Augen an.

»Klar.«

»Vielleicht steht mir die Farbe doch nicht richtig, vielleicht hätte ich es besser doch nicht gekauft, was meinst du?«

»Doch, es sieht gut aus.«

Sie gingen in den Garten hinaus. Keine Vögel, keine Geräusche, nur das Rascheln der verbrannten Blätter, die in Massen von den Bäumen fielen. Die Luft war heiß. Ulf drehte eine Runde um das Haus und kontrollierte sorgfältig, ob alle Fenster gut verriegelt waren.

Er sieht so mitgenommen aus, schoss es ihr durch den Kopf. Sie breitete die Arme aus, Regen, dachte sie, Regen, es soll regnen.

Die Katze ließ sich nicht blicken. Beth hatte immer Angst, sie oder eines der Kätzchen könnte sich unter dem Auto verstecken und sie und Ulf es nicht bemerken, wenn sie losfuhren. Sie kniete sich hin und sah nach, ihre Kopfschmerzen verschoben sich nach vorn und saßen jetzt unmittelbar hinter ihrer Stirn.

»Alles in Ordnung«, rief sie. »Keine Katzen.«

Er reichte ihr die Autoschlüssel.

»Du musst jedenfalls fahren.«

Die Wohnung lag in einem zweistöckigen Haus, das in den dreißiger Jahren erbaut worden war. Es gab einen Parkplatz für Gäste, auf dem sie den Wagen abstellten. Viel zu spät fiel ihr ein, dass sie gar kein Mitbringsel dabei hatten, einen Blumenstrauß oder eine Tafel Schokolade. Sie war langsam gefahren und hatte sich überholen lassen, aber als sie auf die Standspur auswich um den Überholenden Platz zu machen, war ihr mehrmals schwindlig geworden, sodass sie das Gefühl hatte, im nächsten Moment in den Straßengraben zu fahren. Ulf saß mit geschlossenen Augen neben ihr. Sie glaubte, dass er schlief, und wurde wütend auf ihn. Sie war genauso müde wie er.

Sie spähte zu den Fenstern ihrer Eltern hinauf. Grüne Vorhänge mit großen geometrischen Figuren, hässlich, ein Überbleibsel aus den Siebzigern. Sie erkannte sie wieder, früher hingen sie in einem Zimmer ihres Elternhauses. Die Fensterscheibe war schmutzig, ein Vogel hatte seinen Kot darauf fallen lassen. Keine Topfpflanzen, aber ein still stehendes Mobile, das schräg an einer Spirale hing.

Sie sah Fliegen vor sich.

Ulf war ausgestiegen, schlug die Autotür zu und trat zu ihr. Jemand hatte mit einer Harke Rillen in den groben Kies gekratzt. Ein Wegerichblatt spross aus der Erde. Ihre Waden zitterten und schmerzten.

»Dann wollen wir mal«, aber war das wirklich sie, die das sagte, gehörte diese dünne, piepsige Stimme wirklich ihr, waren das ihre Füße dort unten in den braunen Sandalen?

»Ja, uns bleibt wohl keine andere Wahl«, drang seine Stimme zu ihr durch. Seine Worte waren wie flatternde Insekten und sie hob einen Fuß und fiel hin.

Feiner Kies blieb in ihrem linken Bein stecken.

Sie spürte keinen Schmerz.

Sein Arm zog an ihr, zog sie hoch, sie schüttelte den Kopf, nein, es tat nicht weh. Ich bin nur mit dem Fuß umgeknickt.

Wenn sie das überhaupt sagte.

Der Hauseingang stand offen, sodass keine kühlende Dunkelheit sie empfing, ein Stück Teppich lag im Korridor, altes Laub. Ihre Hand am Geländer, der ganze Unterarm, sie zog sich Stufe für Stufe hoch.

Ulf war dicht hinter ihr.

»Du blutest, Beth.«

»Das macht nichts.«

»Das muss sauber gemacht werden, wenn du duschst, kriegst du das bestimmt sauber.«

Jetzt drehte sich wieder alles. Sie musste stehen bleiben. Am gleichen Knie hatte sie eine alte, weiße Narbe. Damals war sie noch klein gewesen und mit dem Fahrrad eine Kurve gefahren. Sie hatte sich in die kleine Kirche geschlichen und zwei Ansichtskarten gestohlen. Es war merkwürdig, sie wollte die Karten gar nicht haben, auf der einen war ein Jesusbild mit Lichtern und Glorienschein und auf der anderen eine Schwarz-Weiß-Fotografie der Kirche abgebildet. Sie wollte die Karten eigentlich gar nicht haben, nahm sie aber trotzdem. In der dämmrigen Stille leuchtete auf einmal ein Blitz über den Bankreihen auf. Ein flammendes, aber lautloses Licht, weiß und blendend. Da lief sie davon und schwang sich, die Karten an die Brust gedrückt, auf ihr Fahrrad. Als sie fiel, hielt sie die beiden Ansichtskarten immer noch in der Hand.

Der Fahrer eines Kleinlasters hatte angehalten.

»Ich fahr dich nach Hause«, aber das wollte sie nicht, kniff den Mund zusammen und schwieg eisern.

Er sagte: »Du hast einen Schock. Deshalb kannst du nicht sprechen. Das bleibt nicht so. Das geht wieder vorbei.«

Er sprach in kurzen Sätzen. Seine Stimme klang scheppernd.

»Ich bringe dich erst mal ins Krankenhaus. Ich weiß ja nicht, wo du wohnst. Und du sagst auch nichts.«

Er trug einen Bart und hatte ein schmales Gesicht. Er hob ihr Fahrrad auf die Ladefläche und setzte sich neben sie auf den Fahrersitz. Der Boden war mit Müll übersät, mit Putzwolle und bunten Bonbonpapieren. Sie bekam immer noch kein Wort heraus. Aber er redete mit ihr und war nett. »Ich heiße Arne«, sagte er, »wie heißt du? Ich glaube nicht, dass du dir etwas gebrochen hast. Am besten wäre es, wenn sich deine Mutter jetzt um dich kümmern könnte, aber wir wissen ja nicht, wo sie ist. Deshalb müssen wir das anders regeln. Meine Verlobte arbeitet in der Ambulanz. Ich fahre dich hin. Immerhin habe ich dich gefunden. Ich denke mal, ich trage jetzt ein bisschen die Verantwortung für dich.«

Sie hatte kerzengerade auf dem Beifahrersitz gesessen und ihr einziger Gedanke galt den beiden Karten, jetzt würde herauskommen, dass sie eine Diebin war, dass sie Gott und der Kirche etwas gestohlen hatte. Die Strafe würde dementsprechend hart ausfallen, es würde furchtbar werden.

Arnes Verlobte war gerade nicht da, sie machte Mittagspause. Dadurch verlor er ein wenig das Interesse an der Sache. Sie wünschte sich, weinen zu können, als eine Krankenschwester sie in ein Behandlungszimmer führte und auf die hohe Pritsche hob. Aber kein Ton, kein Schluchzen kam aus ihr heraus und sie versuchte auch nicht, wieder herunterzurutschen und wegzulaufen, das gehörte zu ihrer Strafe, und wenn sie dies durchstand, würde ihr ein Teil der Schuld vergeben werden. Die Karten hielt sie immer noch in der Hand. Ich muss dich jetzt ein bisschen waschen, und Hände, die zerrten und drehten und sie schließlich zwangen loszulassen. Aber als sie die beiden Ansichtskarten auf dem Fußboden liegen sah, fand sie ihre Sprache wieder. Und dadurch konnte sie auch weinen. Sie hörte ihre Stimme, als das Hosenbein über das Knie gezogen wurde. Sie mussten den Fahrer dazurufen. Er durfte bei ihr bleiben und sie im Arm halten und sie weinte und hatte Angst, aber weniger wegen der Schmerzen.

Die Wunde wurde mit vier Stichen genäht. Sie sagte, wo sie wohnte, Duvgatan 3.

»Ich fahre dich hin«, meinte Arne.

Sie hielt das eine Bein beim Gehen gestreckt, man hatte ihr eine dichte, wärmende Bandage angelegt.

»Du hast einen Schock bekommen«, sagte Arne und setzte sich dicht neben sie und seine Hände hielten sie fest.

»Du solltest in der nächsten Zeit lieber nicht Fahrrad fahren!«

Er hatte die Karten für sie mitgenommen, und als er ihr beim Aussteigen half, gab er sie ihr zurück.

Sie sagte ihm, dass sie ihr nicht gehörten.

»Nimm sie trotzdem!«

Sie tat, was er sagte.

»Soll ich mit reinkommen?«

»Ist nicht nötig.«

»Wie du willst!«

Er lehnte das Fahrrad an die Wand.

»Ich fürchte, der Lenker hat etwas abbekommen«, sagte er bekümmert.

»Mein Papa kann den reparieren«, antwortete sie kurz, denn sie wollte, dass er jetzt ging. Sie musste allein sein.

»Na dann, tschüss«, sagte er und streckte ihr seine Hand entgegen. Seine Finger waren behaart und sie schüttelte seine Hand, weil es keine Möglichkeit gab, es nicht zu tun.

Nach ein paar Tagen begann die Wunde zu eitern. Sie trug ein Pflaster auf der Wunde, das nicht mehr richtig klebte und deshalb herabhing. Sie sah eine kalte, klebrige Schmiere. Ihr Lehrer erwischte sie eines Tages, als sie in der Wunde puhlte und dünne, klebrige Fäden zog. Er schlug sie auf den Kopf.

»Kümmert sich zu Hause denn niemand um dich?«, fragte er, und an seiner Nasenwurzel bildeten sich mürrische Falten. »So kannst du hier jedenfalls nicht herumlaufen, das ist ja widerlich.«

Die Schulkrankenschwester musste die Wunde neu verbinden. Sie säuberte die Wunde mit einer Kompresse, was so wehtat, dass Beth augenblicklich in Tränen ausbrach.

Oder weinte sie vielleicht wegen des anderem?

Jedes Mal, wenn sie in der Tür zum Behandlungszimmer der Krankenschwester stand, bekam sie einen Kloß im Hals, ihre Augen liefen über und sie weinte.

»So weh kann das doch gar nicht tun, oder?«, fragte die Schwester, klang aber nicht ärgerlich und fasste Beth mit ihren klinisch sauberen Schwesternhänden an.

»Nein, aber ich habe Bauchschmerzen«, brachte sie heraus.

»So ist das also, du hast Bauchschmerzen.«

»Ja.«

»Hast du öfters Bauchschmerzen? Ich meine, regelmäßig?«

Sie schluchzte.

»Wie alt bist du jetzt?«

»Im September habe ich Geburtstag.«

»Mal sehen, geboren 1961. Dann wirst du also neun?«

Sie nickte.

Die sanften Augen der Krankenschwester. Sie nahm eine Broschüre aus einem Ständer auf ihrem Schreibtisch.

»Lies das, wenn du nach Hause kommst«, sagte sie. »Bauchschmerzen zu bekommen ist völlig normal. Du bist völlig normal. Auch wenn es ein wenig früh dafür ist.«

8. KAPITEL

Ihr Vater stand auf der Türschwelle, die Tür war nur einen Spalt weit geöffnet. Die Haare standen ihm wie ein luftiger Heiligenschein um den Kopf.

»Ich habe euch vom Fenster aus kommen sehen. Ich muss jetzt einkaufen gehen.«

»Jetzt?«, fragte sie und trat ein. Er machte Anstalten sie zu umarmen, hielt aber inne und begann, auf dem Teppich im Flur hin und her zu gehen.

»Wir müssen doch etwas essen und ich habe nichts im Haus, wisst ihr, ich lasse sie nur ungern allein.«

»Kannst du sie nicht mehr allein lassen, geht es ihr jetzt schon so schlecht?«

»Ich nutze manchmal die Gelegenheit, wenn sie schläft. Aber man weiß nie, auf was für Ideen sie kommt. Außerdem hat sie nicht gut geschlafen . . . die ganze Woche nicht. Vielleicht liegt es an der Hitze. Es hat seit dem 27. Mai nicht mehr geregnet.«

In einem Auge war eine Ader geplatzt, der Augapfel war rot. Beth konnte kaum hinsehen.

»Soll ich mitkommen?«, fragte sie.

»Nein, ich gehe allein. Geht lieber zu ihr. Vielleicht bekommt ihr sie aus dem Bett.«

Die Wohnung bestand aus drei Zimmern und einer großen rechteckigen Küche. Sie gingen in die Küche. Ihr Vater war gegangen, sie hörten seine Schritte auf dem Kiesweg. Auf dem Tisch stand eine Kaffeetasse ohne Untersetzer, er hatte ein bisschen Milch auf der Wachstuchdecke verschüttet. In der Spüle standen Teller und Gläser.

»Er kommt einfach nicht dazu«, flüsterte Beth. »Er ist immer so penibel in allem gewesen . . . aber er kommt jetzt einfach nicht mehr dazu.«

Ulf setzte sich an den Küchentisch, schlug die Lokalzeitung auf und begann zu lesen.

Beth holte ein Glas aus dem Schrank, füllte es mit Wasser und trank.

Mit mehreren Kissen im Rücken saß ihre Mutter im Bett und versuchte sich die Lippen zu schminken. Lippenstift war auf dem Betttuch und ihren Händen. Der Stift war abgebrochen. Ihre runzligen Augenlider waren golden geschminkt. Die Augäpfel unter ihnen bewegten sich flatterhaft und starr. Sie trug ihr geblümtes Nachthemd und hatte sich ihre Pelzboa um die Schultern gelegt, die wie ein dünner und schlaffer Schwanz aussah.

Beth trat an ihr Bett. Das ganze Zimmer roch nach Puder und Zitrone. Ihre Mutter schien sie zunächst überhaupt nicht wahrzunehmen, griff nach einem Spiegel, begann eingehend ihre Zähne zu begutachten und wackelte am Oberkiefer. Vorsichtig setzte Beth sich auf die Bettkante. Ihre Mutter wandte sich zu ihr um und warf ihr einen gleichgültigen, verschleierten Blick zu. Aus ihrem Gesicht war jede Ähnlichkeit mit der Frau und Mutter, die sie einmal gewesen war, gewichen.

Beth räusperte sich.

»Hallo, Mama«, sagte sie. »Da sind wir. Wir kommen euch besuchen. Wie . . . wie geht es dir?«

Die Frau im Bett antwortete nicht. Stattdessen hielt sie den Spiegel näher an ihr Gesicht und zog an einem Haar, das aus ihrem Kinn spross, zog daran, schnaubte.

»Mama, ich bin es, Beth.«

Ihre trüben Pupillen, der rote Schlitz ihres Munds: »Sind Sie die Detektivin?«

»Aber Mama, wovon redest du?«

»Warum sind Sie nicht eher gekommen? Ich habe um Hilfe gebeten, aber es hat gedauert, alles dauert immer so lange. Und dabei habe ich bald nichts mehr.«

Beth griff nach ihrem Handgelenk, an dem Gold klimperte. Ihr Haut war kühl und weich wie Seide.

»Mama, ich bin es, Beth, erkennst du deine eigene Tochter nicht mehr?«

Es war, als hätte sie ihre Worte gar nicht gehört.

»Und dann all diese Ringe«, meckerte sie weiter. Auch ihre Stimme war verändert, klang gröber, wie bei einem Mann. »Ich habe gesucht und gesucht, aber jetzt weiß ich Bescheid, hier drinnen gibt es Linsen, die alles sehen, und wenn ich schlafe, kommen die Agenten und klauen meine Ringe und meinen Schmuck.«

»Aber du trägst deinen Schmuck doch, den Armreif und die Ringe . . .«

»Sie kommen, während ich schlafe. Es sind Agenten. Versuch nicht, mir was weiszumachen. Ich weiß genau, was hier vorgeht. Ich bin nicht so dumm, wie ihr denkt!«

»Aber Mama, was für Agenten, wovon redest du?«

Ulf stand in der Tür.

»Hallo, Susanne«, sagte er. »Wie geht es dir?«

Ihre Augen blitzten auf, die Hände kam auf der Decke zur Ruhe.

»Ach Ulf, mein Junge, du bist hier und kommst eine alte Dame besuchen!«

Beth stand auf und gab ihm zu verstehen, dass er näher treten solle. Gleichzeitig schlug ihre Mutter das Bettzeug zur Seite und schwang ihre Beine unerwartet geschickt über die Bettkante.

»Zeit, in die Gänge zu kommen!«

Beths Vater kehrte mit Brathähnchenhälften und Kartoffelsalat zurück. Außerdem hatte er Bier und Saft eingekauft. Sie saßen da und sahen ihm beim Tischdecken zu. Zuvor hatten sie auf dem Balkon eine Zigarette geraucht und Beths Mutter war aufgestanden und hatte sich angezogen. Als sie sich an den Esstisch setzten, beugte sie sich zu Ulfhinüber und flüsterte: »Hörmal, was ist das eigentlich für eine Person, die du da mitgebracht hast?«

»Mama!«, sagte Beth.

Ihr Vater sagte aus dem Mundwinkel: »Kümmere dich gar nicht darum, nimm es ihr nicht übel, sie ist nicht mehr die, die sie einmal war.«

Beth nahm ihre Serviette und streckte die Hand aus, um zu versuchen, etwas Lippenstift vom Kinn ihrer Mutter zu entfernen. Da blitzte eine Gabel auf und ihre Mutter stach zu. Sie verfehlte Beths Hand nur um Zentimeter, verlor das Gleichgewicht und wäre sicher gefallen, wenn Beths Vater nicht aufgesprungen wäre und sie festgehalten hätte.

Die Frau, die ihre Mutter war, betrachtete Beth mit ruhigen Augen.

»Ich habe dich gesehen«, sagte sie und senkte die Stimme, »ich habe gesehen, was in deinem Inneren ist. Und das ist wahrlich kein schöner Anblick, es ist ein Geschwür, das schwelt und stinkt.«

»Aber Mama, hör auf damit, du machst mich ganz traurig, wenn du so etwas sagst!«

»Jetzt wird gegessen!«, sagte ihr Vater fast so bestimmt wie früher, wenn Beth und Juni sich am Esstisch stritten und er den ganzen Tag gearbeitet hatte und müde war.

»Ejnar.« Sie schob seine Hände weg. »Ejnar. Ist das die Detektivin? Kann man sich denn so mir nichts dir nichts auf eine Frau verlassen?«

Nachher, beim Kaffee, war sie fast wieder wie früher, aber ihr Gesicht war ausgezehrt und die Knochen um ihre Augenhöhlen traten hervor wie die Ränder kleiner Krater. Ihre Haare waren lang, aber sie waren schütter geworden und an mehreren Stellen schimmerte die Kopfhaut durch, was sie schutzlos aussehen ließ.

»Dein Papa hat es nicht leicht mit mir«, sagte sie und ihre Tränen kullerten die Falten ihrer Wangen herab. »Er ist ein Kavalier, dein Vater, ein richtiger Kavalier.«

Beth streichelte ihre Hand.

»Ich weiß«, flüsterte sie. »Ich weiß genau, was du meinst.«

Es entwickelte sich ein ganz normales Gespräch, zunächst nur zögernd, aber dann immer entspannter. Ihr Vater fragte, ob es ihnen im Sommerhaus gefallen habe, wie lange sie noch blieben und wann Juni und ihr Mann kommen wollten. All das wusste er längst, aber es war notwendig, um die Konversation in Gang zu halten.

»Juni war so furchtbar dünn, als sie das letzte Mal hier war«, sagte Beths Vater. »Sie ist doch nicht etwa krank? Oder Beth? Du weißt das doch sicher.«

»Sie isst bestimmt nicht besonders regelmäßig«, erwiderte Beth.

»Und Werner? Ihr Mann? Wie geht es ihm?«

»Wir treffen die beiden fast nie. Sie arbeiten die ganze Zeit. Sie haben viel zu viel um die Ohren.«

»Bei Werner kann ich das ja noch verstehen. Bankleute führen ein hektisches Leben. Aber Juni? Wo arbeitet sie jetzt nochmal? Ich kann es mir einfach nicht merken, sie hat es mir zwar gesagt, aber ich bin trotzdem nicht ganz sicher.«

»Sie arbeitet als freie Journalistin, Papa. Sie schreibt für alle möglichen Zeitungen. Unter anderem für eine namens ›Metro‹, aber die kennst du bestimmt nicht, die kann man nicht kaufen. Sie liegt in Stockholm in der U-Bahn aus und ist gratis.«

Ihr Vater wandte sich an Ulf.

»Gratis? Wie ist das möglich?«

»Sie finanziert sich durch Anzeigen«, antwortete Ulf.

»Tatsächlich.«

»In Göteborg gibt es sie auch. Und in ein paar Städten im Ausland.«

»Aber ich verstehe das nicht ganz, besteht sie denn nur aus Anzeigen?«

»Nein, nein, es stehen auch richtige Artikel darin, manchmal sogar richtig gute Reportagen. Ich habe selbst schon ein paar Artikel an sie verkauft.«

»Es kostet doch sicher einiges, sie zu machen, oder? Die Journalisten wollen ihr Honorar haben. Und die Druckerei.«

»Zumindest sparen sie die Kosten für den Vertrieb. Die Leute nehmen sie sich einfach in der U-Bahn.«

»Tatsächlich.«

Beth beobachtete ihren Vater, seine schönen langen Finger. Er hatte sich sein Dasein als Rentner sicher anders vorgestellt. Sie wollten gemeinsam auf Reisen gehen, Bridge spielen, gut essen und das Leben in vollen Zügen genießen. Sie bekam Lust, die knorrige Gestalt zu umarmen und lange und fest zu halten. Aber so hatte man sich in ihrer Familie nie verhalten. Nur ganz selten kam es zwischen ihnen zu körperlichem Kontakt. Sie würde ihn nur verlegen machen, vielleicht sogar wütend.

Beths Mutter stand plötzlich auf und begann, die Kissen auf dem Sofa hochzuheben. Sie murmelte etwas, stieß kurze Wortfetzen aus, immer kraftvoller, aber dennoch unverständlich.

»Sie sucht«, sagte ihr Mann müde.

»Was sucht sie denn?«

»Nun ja, in erster Linie ihren Schmuck. Die Sucherei setzt einem ganz schön zu, sie verrückt die Möbel und räumt Sachen um, bis man am Ende nichts mehr findet.«

Beth griff nach dem Rock ihrer Mutter.

»Mama . . . suchst du nach deinen Ringen? Du trägst deine Ringe doch. Und den Armreif auch. Siehst du das denn nicht?«

Die Augen der alten Frau waren unstet, aber dann sah sie Beth mit stechenden Augen an: »Willst du mich etwa daran hindern?«

Beth schaute zu ihrem Vater hinüber. Ulf ging zum Fenster.

»Lass sie in Ruhe«, flüsterte ihr Vater. »Man kommt nicht an sie heran, wenn sie so ist.«

Er ging zum Sofa und fasste seine Frau bei den Schultern.

»Susanne«, flüsterte er. »Bist du müde? Möchtest du dich vielleicht ein wenig ausruhen?«

Sie sackte zusammen, ihre Wange ruhte an seiner Schulter. Eine weiße Haarsträhne fiel auf ihre Lippen herab.

»Obwohl es eigentlich nicht gut ist, wenn sie tagsüber schläft, denn dann ist sie nachts umso aktiver. Und ich muss doch auch irgendwann einmal schlafen.«

»Papa, willst du nicht versuchen, sie irgendwo unterzubringen?«

Er schwieg.

»Du hältst das sonst nicht durch. Du bist doch auch nicht mehr der Jüngste. Dann könntest du uns auch einmal in Hässelby besuchen kommen und wir könnten ins Technische Museum gehen und so. Dinge tun, die dir Spaß machen. Ein Konzert besuchen oder ins Theater gehen.«

»Wir werden sehen, Beth. Wir nehmen jeden Tag, wie er kommt. Ich will auf keinen Fall etwas beschleunigen, verstehst du.«

Er half der alten Frau zum Sofa, hob ihre Beine hoch und zog ihr die herabgerutschten Strümpfe wieder hoch. Anschließend holte er ein Betttuch und deckte ihren zusammengekauerten Körper vorsichtig damit zu. Ihre Mutter lag da wie ein kleines Mädchen.

»Möchtet ihr noch eine Tasse Kaffee?«, fragte er.

»Ich glaube nicht, wir werden uns bald wieder auf den Weg machen«, erwiderte Ulf.

»Ja, natürlich, ach übrigens . . . Ich habe in der Zeitung gelesen, dass aus dem Gefängnis in Tidaholm zwei Häftlinge entflohen sind. Sie sollen extrem gefährlich sein. Ihr seid doch vorsichtig, nicht wahr?«

»Ja, das habe ich auch gelesen«, meinte Ulf.

Beth stand auf. Ihr lief ein Schauer über den Rücken.

»Und wie stellt man das bitteschön an«, sagte sie hitzig. »Vorsichtig zu sein, meine ich? Wenn sie ausgebrochen sind, dann sind sie eben ausgebrochen. Daran können wir jetzt auch nichts ändern. Wir können nur zu Gott beten, dass sie nicht zufällig auf die Idee kommen, ausgerechnet unsere bescheidene Bleibe heimzusuchen.«

Ulf starrte sie an.

»Sie sollen bewaffnet sein«, fuhr ihr Vater fort. »Keine Ahnung, wie sie an Waffen gekommen sind. Das kann man sich nun wirklich fragen. Aber wir wollen hoffen, dass die Polizei sie schnappt, ehe sie etwas anstellen können.«

»Darf ich mal sehen, wo steht das denn?«, fragte Beth.

»Hier, schau.«

Er schlug die Zeitung auf. Die Schlagzeile prangte auf der Titelseite:

Gefährliche Häftlinge aus Tidaholm ausgebrochen.

Sie dachte an die Kätzchen und hatte keine Ruhe mehr:

»Wir müssen los.«

Pulsuz fraqment bitdi.

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