Kitabı oxu: «Die Skrupellose - Schweden-Krimi»
Inger Frimansson
Die Skrupellose - Schweden-Krimi
Aus dem Schwedischen
von Paul Berf
Saga
Die Skrupellose - Schweden-Krimi
ÜbersetzerPaul Berf Coverbild / Illustration: Shutterstock Copyright © 2006, 2020 Inger Frimansson und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726445015
1. Ebook-Auflage, 2020
Format: EPUB 2.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit Zustimmung von SAGA Egmont gestattet.
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– a part of Egmont www.egmont.com
I
1. Magda
Das Mädchen trug ein hellgelbes Kleid, das aus mehreren Lagen dünnen Stoffs genäht war. Seine Haare waren aus dem Gesicht gekämmt und wurden von einem Perlendiadem zusammengehalten, was einigermaßen grotesk aussah, da ein so wertvolles Schmuckstück nicht für ein Kind, sondern für eine erwachsene Frau bestimmt war.
Das ist von ihm, dachte Magda. Das hat sie von Florian bekommen. Das sähe ihm ähnlich.
Die Mutter des Mädchens hatte es wie üblich eilig. Als sie Angelicas Tasche an den Haken hängen wollte, stolperte sie und wäre beinahe hingefallen. Das Mädchen hatte die Arme halb erhoben. Seine Mutter gab ihm einen flüchtigen Kuss.
»Mama muss sich beeilen, Mama muss zur Arbeit, tschüss, Kleines, tschüss.«
»Wir sehen uns dann heute Nachmittag«, sagte Magda. »Herzlich willkommen zu unserem Fest.«
Angelicas Mutter nickte, rückte ihre Handtasche zurecht und eilte davon.
Das Kind stand mit dem Gesicht zur Wand und weinte, aber nicht laut.
Magda nahm den Kleidersaum zwischen die Finger.
»Du bist aber schön«, sagte sie.
Das Mädchen rührte sich nicht.
»Hast du dich so fein gemacht, weil wir heute ein Fest feiern?«
Ein Zittern lief durch den Körper des Kindes, dann nickte es langsam.
»Und dann dieses tolle Diadem«, fuhr Magda fort. »Das hast du bestimmt von deinem Papa bekommen, nicht wahr?«
Das Mädchen fuhr herum.
»Papa ist lieb«, sagte es schnell.
»Ja, klar. Er ist lieb. Jetzt gehen wir hinein und frühstücken.«
Als sie das Kind an die Hand nahm, spürte sie, wie warm das Mädchen war, richtig heiß. Angelica musste Fieber haben. Das machte ihre Mutter nicht zum ersten Mal. Sie brachte ihre Tochter, winkte und hastete davon, um die U-Bahn nicht zu verpassen. Angelica weinte in der Regel ein bisschen, beruhigte sich jedoch rasch wieder und begann zu spielen. Sie war ein geduldiges Kind. Und es war nicht ungewöhnlich, dass Kinder ein paar Tränen vergossen, wenn ihre Mütter oder Väter sie in den Kindergarten brachten. Im Übrigen war Angelicas Mutter nicht die Einzige, die ihnen ein krankes Kind brachte. Am Vortag war es Axel gewesen. Grüngelber Rotz war ihm aus der Nase gelaufen, und er hatte mit Sicherheit schon die halbe Gruppe angesteckt, bis sie seine Mutter erreichen konnten.
Carita, die Leiterin des Kindergartens, hatte daraufhin ein ernstes Wort mit ihr geredet.
»Das ist sowohl dem Personal als auch den anderen Kindern gegenüber unfair. Ganz zu schweigen von den anderen Eltern, die immerhin auch arbeiten gehen müssen.«
Carita konnte ganz schön bissig werden. Ein richtiger Besen.
Axels Mutter hatte versucht, sich herauszureden.
»Das ist kein normaler Schnupfen, er ist nur allergisch, Auf unserer Treppe saß heute Morgen eine Katze, und ehe ich Axel daran hindern konnte, war er auch schon zu ihr gelaufen. Er hat sofort angefangen zu niesen. Und Allergien sind ja wohl nicht ansteckend.«
Als sie gegangen war, hing in der ganzen Einrichtung eine Parfümwolke. Magda dachte, wenn Axel wirklich Allergiker ist, sind derart starke Gerüche in seiner unmittelbaren Nähe sicher nicht gut. Aber streng genommen ging sie das natürlich nichts an, und deshalb hatte sie auch nichts gesagt.
Es war sinnlos zu versuchen, Eva, Angelicas Mutter, noch zu erreichen. Sie saß mit Sicherheit schon in der U-Bahn. Außerdem war heute Donnerstag. Freitags hatte Eva immer frei, sodass ihre Tochter ein paar Tage Zeit haben würde, wieder gesund zu werden. Vielleicht war das Fieber ja auch gar nicht so schlimm, vielleicht lag es eher am Wetter. Der Frühling war ungewöhnlich früh und mit fast schon extremer Wärme gekommen. Ein Hochdruckgebiet löste das andere ab, und es spielte keine Rolle, dass die Wetterfrösche im Fernsehen regelmäßig verschüchterte, kleine Tiefdruckgebiete in die Wetterkarten einzeichneten. Die sommerlichen Temperaturen hielten an.
Es war ein guter Tag für ein Fest. Der Kindergarten Buschwindröschen, an der Grenze zwischen Hässelby strand und Hässelby gård, feierte zwanzigjähriges Bestehen. Bereits im Februar hatte das Personal begonnen, alles zu planen, und unter anderem beschlossen, jede Menge Buschwindröschen zu pflücken und auf dem Hof in große Vasen zu stellen. Doch in dem Punkt hatte man die Rechnung ohne das Wetter gemacht. Obwohl es erst Anfang Mai war, waren die Buschwindröschen längst verblüht. Maiglöckchen hatten ihre grünen Speere in die Höhe gestreckt, und dicker, gelber Löwenzahn bedeckte die Wiese hinter dem Zaun.
»Ihr werdet zum Wald gehen müssen«, entschied Carita. »An schattigen Stellen gibt es bestimmt noch Buschwindröschen. Wir werden sicher anders schmücken müssen als geplant, aber einen kleinen Strauß brauchen wir trotzdem. Die Blumen haben immerhin symbolischen Wert für uns.«
Die Kinder waren lebhaft und aufgekratzt. Am Nachmittag würden ihre Eltern kommen, man würde Luftballons aufblasen und es sollte Kuchen und Würstchen geben. Sie hatten Blumen auf weiße Blätter gemalt, die mit Wäscheklammern an einer Schnur entlang der Hauswand aufgehängt werden sollten. Einige Kinder durften dabei helfen. Die anderen gingen mit in den Wald.
Magda bereitete für Angelica einen Kinderwagen vor. Darin konnte sie sich ausruhen und würde es ruhiger haben als im turbulenten Kindergarten. Die Augen des Mädchens waren glasig. Es lutschte am Daumen und wirkte auf einmal jünger als vier Jahre. Magda kippte die Rückenlehne nach hinten und schob dem Mädchen ein Kissen in den Nacken. Es war etwas windig, aber der Wind war nicht erfrischend, sondern warm.
Als sie den Wald erreichten, war Angelica schon eingeschlafen. Die Haare hingen ihr in feuchten Locken in die Stirn. Das Diadem war verrutscht und schien zu drücken, weshalb Magda es ihr vorsichtig aus den Haaren zog und unter das Kissen legte. Es war schwer, so als wäre es tatsächlich aus massivem Gold. Sie stellte den Wagen an einer der mächtigen Eichen ab. Das Mädchen konnte ruhig eine Weile schlafen, dann würde es ihm anschließend vielleicht schon besser gehen und es würde das Fest eher durchstehen. Magda blieb in der Nähe des Kinderwagens und ließ die Kinder in der unmittelbaren Umgebung Blumen suchen. Man musste sie im Auge behalten, denn etwas unterhalb war gleich die Straße. Man durfte hier zwar nur dreißig fahren, aber die Schilder brachten nicht viel, die Leute fuhren trotzdem wie die Irren.
Etwas weiter weg sah sie Kattis, die mit ein paar Kindern tiefer in den Wald hineinging. Kattis war neu. Sie hatte erst vor einer Woche angefangen. Die Kinder schienen sie zu mögen, manche Menschen waren eben wie geschaffen für diesen Job. Magda würde ihn nur für kurze Zeit machen, höchstens noch ein Jahr oder so. Bis ihr klar wurde, was sie auf Dauer beruflich machen wollte.
Sie drehte sich um und sah, dass der Kinderwagen noch im Schatten stand. Ein Nesselfalter tanzte über dem Gras, stieg auf und sank herab und landete schließlich auf Angelicas Sandale.
»Kommt her!«, rief Kattis. »Kommt, Kinder! Hier gibt es ganz tolle Blumen!«
Sie sah die Kinder losrennen, kleine Menschenminiaturen in hellen Baumwollkleidern, kleine Puppen mit einem Eigenleben. Eines Tages würden sie Erwachsene, Bankdirektoren, Bibliothekare, Kosmetikerinnen sein, die mit hängender Zunge ihre Kinder in den Kindergarten brachten. Und sie selbst würde eines Tages wohl auch Mutter werden. Aber das hatte noch Zeit, sie war erst 23. Früher hatte sie davon geträumt, Journalistin zu werden, aber nicht ganz verstanden, dass man sich mächtig ins Zeug legen musste, um einen Studienplatz zu bekommen. Sie hätte einfach mehr lernen und den Lehrern um den Bart gehen müssen, hätte versuchen müssen, bessere Noten zu bekommen. Nein, sie war die Schule jahrelang leid gewesen und hatte gejobbt, statt sich weiterzubilden. Außerdem hatte sie das Geld gebraucht.
Im Unterholz, zwischen den Wurzeln, konnte man etwas Weißes sehen, ein paar dünne, blasse Buschwindröschenstiele. Sie ließ sich auf die Knie sinken, und der Boden piekste, denn er war mit Tannennadeln und Resten alter Tannenzapfen übersät. Als sie die Blume pflückte, fielen die Blütenblätter ab und lagen wie Schuppen im Gras.
»Shit«, murmelte sie.
Sie wollte gerade wieder aufstehen, als sie den Schrei hörte, den schrillen Schrei eines zu Tode erschreckten Kindes. Er kam aus der Gruppe weiter unten. Sie rührte sich nicht und lauschte.
»Magda«, rief Kattis und ihre Stimme klang angespannt. »Wo bist du? Komm bitte schnell her!«
Sie sprang auf die Füße und rannte los, die Haare wurden ihr aus der Stirn geweht. Dann war sie bei den anderen, die Kleinen klammerten sich mit feuchten, erdigen Fingern an sie. Auf dem Waldboden lag Jens. Sein Fuß war verdreht, und er schrie so, dass ihm die Luft wegblieb.
»Was ist los?«, keuchte sie. »Mein Gott, was ist denn passiert?«
Kattis starrte Magda an.
»Er sagt, da war eine Schlange«, flüsterte sie.
Magda ging neben dem brüllenden Kind in die Hocke, zog den Jungen an sich, wiegte ihn. Seine Kopfhaut roch nach Schweiß. Nach süßem, klebrigem Kinderschweiß.
»Wir wollen mal schauen, Jens, ist ja gut, ist ja gut, beruhige dich, dann gucken wir mal nach.«
Sie zogen ihm Schuhe und Strümpfe aus. Seine Knöchel waren glatt, es gab keine Wunden oder Abdrücke.
»Mein Gott, im ersten Moment habe ich gedacht, er hätte sich was gebrochen«, sagte Magda. Ihr T-Shirt war am Rücken ganz feucht. Kattis nickte.
»Ich auch.«
»Hast du eine Schlange gesehen, Jens?«, fragte sie dann und hielt den Kopf des Jungen, der sich ein wenig beruhigt hatte und kaum noch schluchzte. »Meinst du wirklich, es war eine Schlange?«
Magda blickte auf, die Kinder hatten sich um sie versammelt, ihre Gesichter waren ausdruckslos und wachsam. Bis auf das von Johan. Er hielt etwas hinter seinem Rücken versteckt, und sein kleines Gummigesicht war vor unterdrücktem Lachen ganz verzerrt.
»Johan!«, sagte Magda. »Was hast du da in der Hand?«
Daraufhin öffnete sich sein Mund zu einem Lachanfall, der den Jungen geradezu wimmern ließ. Er holte den Arm mit einem Ruck nach vorn: Seine Hand umklammerte ein Stück von einem alten Fahrradschlauch, das hin und her pendelte. Der Junge prustete los.
»Hier ist meine Schlange! Und die kann richtig beißen.«
Vor Erleichterung fühlte sie sich ganz matt.
»Also gut. Jetzt müssen wir aber voran machen!« Sie sprach schnell und entschlossen, musste es ihren kleinen Gehirnen eintrichtern: »Wir sind hergekommen, um Blumen für euren Kindergarten zu pflücken, der heute Geburtstag hat. Genau wie ihr manchmal. Und heute Nachmittag feiern wir dann, wenn alle Mamas und Papas kommen.«
Sie gab ihrer Stimme einen anspornenden Tonfall, und es klappte. Sie kamen wieder in Bewegung, schossen los wie bunte Bälle.
Unvermittelt dachte sie: Angelica!
Ja, genau.
Angelica.
Sie musste zurückgehen, um den Wagen zu holen, und sie musste sich beeilen. Das Mädchen war vielleicht aufgewacht, hatte Durst und musste etwas trinken, in dem Korb unter dem Wagen war Saft.
»Ich geh nur schnell Angelica holen«, rief sie Kattis hinterher.
Der Wagen stand noch genauso da, wie sie ihn verlassen hatte. Jedenfalls kam es ihr so vor. Im Schatten, das Verdeck halb hochgeklappt. Ja. Der Wagen stand noch so da, wie sie ihn zurückgelassen hatte.
Aber nicht ganz.
Das Mädchen, das in ihm gelegen hatte, war nicht mehr da.
Es war verschwunden.
2. Daniel
Zur Not konnte man immer noch unter den Brücken schlafen. So lange es Sommer war, würde das hervorragend gehen. Daniel hatte Spuren von Leuten gesehen, die das taten. Aufgeschlagene, etwas zerrissene Zeitungen, ein paar Stofffetzen. Einen Pappkarton, in den man den Kopf stecken konnte, wenn es einem zu hell wurde. Wie das Verdeck eines Kinderwagens. So würde sich die Wohnungsfrage lösen lassen.
Allerdings natürlich nur, wenn nicht schon alle Plätze besetzt waren. Er hatte keine Lust auf Handgreiflichkeiten. Es gab sicher auch solche und solche Brücken, einige waren bestimmt weniger beliebt als andere. Die Brücke, die nach Solna hinüberführte, war doch zum Beispiel fast schon eine Vorortbrücke. Dort würde man bestimmt kampieren können. Zumindest jetzt, im Sommer.
Aber was war im Winter?
Er nahm die Rolltreppe am Fridhemsplan und lief durch die U-Bahn-Station. Er ging mit langen Schritten, so als könnte er jeden Moment gezwungen sein zu laufen. Intensiver Uringeruch schlug ihm entgegen. Es gab Leute, die hier unten übernachteten, das war natürlich auch ein Ausweg. Er wusste, wer sie waren, er erkannte sie. Aber er konnte nicht behaupten, dass er sich nach ihrer Gesellschaft sehnte.
Ach was. So weit brauchte es ja nicht zu kommen. Vielleicht überlegte Ulrika es sich noch einmal anders und ließ ihn weiter bei sich wohnen. Sie hatte auch früher schon versucht, ihn hinauszuwerfen, ihn dann aber immer wieder bei sich aufgenommen. Sie brauchte ihn. Er würde es ihr zeigen: Du brauchst mich, wir sind füreinander bestimmt.
Er kam zu einem der großen Mietshäuser in der Industrigatan, in dem er das Treppenhaus und die Aufzüge putzte. Man verdiente nicht viel damit, aber immerhin etwas. Außerdem war es relativ leicht verdientes Geld. Im Sommer war es nicht besonders dreckig, schlimmer war es da schon im Frühling, wenn die Leute Lehm und Hundekot ins Haus trugen.
Tragen, trug, getragen, dachte er auf Deutsch.
Er gab den Türcode ein und betrat das Haus. Er nahm die Hintertür. Hier unten lagen der Fahrradkeller, die Waschküche und eine eigene Tür für die Müllabfuhr, damit die Männer nicht um das ganze Haus herumgehen mussten. Jetzt hatten sie schon eine Weile nicht mehr geleert, und der ganze Flur stank nach Ruß und faulen Eiern.
Er öffnete die Tür zu seiner kleinen Abstellkammer, in der die Putzsachen aufbewahrt wurden. Der Schlüssel hakte ein bisschen, das hatte er schon immer getan. Der Vermieter hatte ihn angewiesen, den Schlüssel nachschleifen zu lassen, aber das gehörte zu den Dingen, aus denen nie etwas wurde. Im Grunde fand er, war es Sache des Vermieters, dafür zu sorgen, dass seine Angestellten ordentliche Schlüssel bekamen. Er als Arbeitnehmer brauchte sich um so etwas doch wohl nicht zu kümmern! Es machte ihn wütend, daran zu denken. Seine Bewegungen wurden ruckhaft. Wasser in den Eimer, ein wenig Schmierseife, ganz gewöhnliche Schmierseife, aber nicht so viel, dass der Boden glatt wurde und irgendeine verdammte alte Schachtel hinflog und sich einen Oberschenkelhalsbruch holte. Aber genug, um die grauen Flecken eingetrockneten Drecks wegzukriegen.
Er begann mit dem Aufzug, schrubbte erst und wischte anschließend mit dem Aufnehmer nach. Es war immer das Gleiche, irgendwer drückte immer genau in dem Moment den Knopf, sodass er manchmal mehrmals auf und ab fuhr, während er in dem kleinen Aufzug stand und putzte.
Leute stiegen ein und aus, aber nicht alle grüßten ihn. Anfangs hatte er noch versucht, höflich zu sein, hatte locker Hallo gesagt oder auch guten Tag, wenn die Person schon etwas älter war. Es gab Leute, die einem darauf keine Antwort gaben, und dann versuchte er, es nicht persönlich zu nehmen.
Andererseits gab es auch einige, die sich gerne unterhielten und einen gar nicht mehr gehen lassen wollten.
»Kommen Sie doch mit, ich lade Sie zu einer Tasse Kaffee ein«, hatte ihn eine dieser alten Schachteln immer wieder eingeladen. Sie trug meistens eine bekleckerte, karierte Hose und hatte kleine, blutunterlaufene Augen.
Ein einziges Mal war er mitgegangen. Die Frau wohnte in einer Einzimmerwohnung, die mit verstaubtem Nippes voll gestopft war. Ihre Hände zitterten, als sie Kaffeepulver in den Filter gab. Er hatte wie auf Kohlen gesessen. Der Kaffee war schwach, aber heiß gewesen, und er hatte sich die Zunge verbrannt. Von da an hielt er sie sich vom Leib.
»Ich habe leider keine Zeit.« Er hatte ihren Vornamen vergessen. S. stand an der Tür. S. Andersson, er wollte nicht daran erinnert werden, sich nicht erinnern. Schabracke Andersson.
Auf ihrer Etage musste er immer besonders schnell schrubben. Aber er wusste genau, dass sie hinter der Tür war, er spürte ihren Blick durch den Spion. Er war wie ein Laserstrahl, wenn er ihm zu nahe kam, würde er den Alarm auslösen. So ließ er seiner Fantasie freien Lauf, um stärker zu werden. Es galt, weiterzuschrubben, die abgetretene Treppe feucht zu machen, zu wienern und zu wischen, sich aber stets von dem Strahl fern zu halten.
Du bist kindisch, schoss es ihm manchmal durch den Kopf. Dann wurde er beinahe wütend auf sich selbst.
Aber es war eben ein Weg, die Arbeit erträglich zu gestalten.
Eine andere Möglichkeit waren die Namensschilder auf den Türen, zu denen man sich etwas einfallen lassen konnte. Buxterhud zum Beispiel. Wie mochte jemand aussehen, der so hieß? Er hatte noch nie jemanden aus dieser Wohnung kommen sehen, stellte sich aber einen großen und angeberischen Kerl mit breitem Kreuz vor. Wenn er schlampig schrubbte und Buxterhud ihn dabei erwischte, dass er es mal nicht so genau nahm, würden sich die krallenartigen Finger des Mannes in seinen Nacken bohren und er in Buxterhuds kleinen Flur geschleift werden. Manchmal bekam er eine Erektion, wenn er sich vorstellte, was hinter dieser Tür alles geschehen könnte.
Mittlerweile hatte er sich schon in die vierte Etage heruntergearbeitet. Trotz der Wärme kam er heute schnell voran. Das halbe Haus war fertig, allerdings kam der Flur im Keller noch hinzu. Andererseits war es dort unten dunkel, es gab kein entlarvendes Sonnenlicht. Wenn er diese Etage fertig hatte, würde er frisches Wasser holen müssen. Er drehte sich um und summte, hier ging die Arbeit leicht von der Hand, es stand nicht jede Menge Zeug vor den Türen wie an anderen Stellen im Haus: Kinderwägen, Fahrräder, leere Getränkekästen und Müll. Im Grunde war das verboten. Aber wer war er, so etwas zu beanstanden?
Die Leute darauf ansprechen? Nein, das war bestimmt falsch. Was hieß wohl beanstanden auf Deutsch?
Er hatte sich vorgenommen, Deutsch zu lernen. Seit fast einem Jahr paukte er nun, und schuld war sein Buder Jerry. Man könnte auch sagen, es war sein Verdienst. Sie waren im Tre backar ein Bier trinken gewesen, einer Kneipe mit Bücherregalen an den Wänden. Ein Buch war auf ihrem Tisch liegen geblieben, jemand hatte vergessen, es zurückzustellen. Daniel spielte damit und las plötzlich laut vor:
»Der Tod in Venedig.«
Der Tod.Aber er hatte das Wort schwedisch ausgesprochen, das O als ein U gelesen.
So etwas hätte er niemals getan, wenn er nicht getrunken hätte, nicht in Jerrys Gegenwart, denn Jerry war jemand, der immer alles besser wusste. Er hatte Daniel das Buch aus der Hand genommen und mit überdeutlicher Stimme seine Aussprache korrigiert:
»Der Tood in Venedig. Von Thomas Mann.«
»Na und?«
»Das ist Deutsch. Man spricht es mit O. Es bedeutet Tod. Falls du das nicht wusstest.«
Es war doch klar wie Kloßbrühe, dass er das nicht wusste. Er hatte nie Deutsch gelernt, war ohnehin nicht sonderlich sprachbegabt und generell keine große Leuchte in der Schule gewesen.
Erst wurde er wütend. Konnten die nicht so schreiben, dass man es als Schwede richtig aussprach? Stattdessen machten sie es einfachen Leuten wie ihm absichtlich schwer. Musterten sie aus, schufen Klassenunterschiede. Aber er konnte auch verdammt stur sein. Als er an jenem Abend nach Hause ging, hatte er seinen Entschluss gefasst.
In seinem Elternhaus fand er eine deutsche Grammatik, die seine Mutter benutzt hatte, als sie jung war. Sie hatte den Umschlag mit Blumengirlanden verziert, Kurzgefaßte deutsche Grammatik von Hjalmar Hjort und Sven Lide. Er nahm sich unverzüglich die Ausspracheregeln vor und wäre bereits daran fast gescheitert.
Doch zu der Zeit hatte er Ulrika kennen gelernt.
Und sie konnte verdammt gut Deutsch.
Jetzt wischte er vor der letzten Tür in der vierten Etage. J. Bosch stand auf dem Namensschild, vielleicht war der Mieter ja Deutscher, J. Bosch. Sollte er klingeln und fragen? Irgendetwas sagen? Eine der Phrasen vorbringen, die er auswendig gelernt hatte?
Denen, die tapfer sind, steht die Welt offen.
Die Tür öffnete sich unvermittelt und eine Frau trat in den Flur hinaus. Sie schaute sich um, zog anschließend die Tür hinter sich sehr nachdrücklich zu und schloss ab. Sie war älter als er, ein paar Jahre vielleicht. Höchstens 35, ein breiter Hintern, um den sich ein eng sitzender Rock spannte, sodass er die Passform ihres Slips sah. Sie hatte blonde Haare, die nachlässig zu einem Knoten hochgesteckt waren. Da war etwas mit ihren Augen, sie starrten ihn an und brannten ihn in die Wand.
»Hallo«, entfuhr es ihm.
»Hei. Du bist das also, der hier putzt?«
Er nickte.
Sie trug Schuhe mit hohen Absätzen. Ihre Beine schimmerten irgendwie. Als sie die Tür zum Aufzug öffnete, drehte sie sich noch einmal um und lächelte ihm zu.
»Wie heißt du?«
»Daniel.«
»Keep smiling, Daniel. Keep smiling.«
Sie ging ihm den ganzen Weg bis nach Vällingby nicht mehr aus dem Sinn. Er saß in der U-Bahn und musste dauernd an sie denken.
»Keep smiling, Daniel. Keep smiling.«
Ihre Art, seinen Namen auszusprechen, fast wie Dánniel. Ihre raue, etwas heisere Stimme. Als hätte sie in ihrem Leben viel geschrien.
Bei Orgasmen?
Er schloss die Augen und versuchte sich an ihr Aussehen zu erinnern, eine schmale Taille, er würde sie mit den Händen umfassen können, und üppige Hüften, sie hatte einen kurzen Rock getragen, der nur den halben Oberschenkel bedeckte, und ein T-Shirt, ihre Haut war glänzend und braun gewesen.
Es gibt andere Frauen, dachte er. Zum Teufel, es gibt auch noch andere Frauen als Ulrika. Wenn ich ihr nicht mehr gut genug bin.
Aber ich könnte sie vielleicht überraschen.
Mit einer Flasche Wein. Und einem Strauß Rosen. Nein, das geht zu weit, der Wein muss reichen. Im Grunde kann ich mir nicht einmal den leisten.
3. Magda
Sie konnte es nicht glauben, es einfach nicht akzeptieren. Sie hob das Kissen hoch, so als hätte Angelica platt wie eine Briefmarke darunter liegen können. Das Kissen fiel ins Gras, und das Diadem holperte davon. Sie hob es wieder auf. Ihre Bewegungen waren schwerfällig und steif. Sie hielt das Diadem in der Hand und hörte, wie sich ihre Lippen mit einem schmatzenden Laut öffneten.
»Angelica!« Ihre Stimme überschlug sich krächzend, und sie rief erneut, diesmal jedoch lauter, schneller. Ihr Mund war ausgedörrt, sie betrachtete die Saftflasche, griff aber nicht danach.
Der Saft ist für sie, sie braucht ihn dringender als ich. Wenn sie kommt. Kommt?
Aber sie hatte doch geschlafen. Sie lag doch im Wagen und schlief.
»Magda?« Kattis kam den Hügel hinauf. Kattis und die Kinder. Magda zählte sie durch. Nein, keine Angelica.
»Was ist los, Magda, was ist mit dir?«
»Angelica. Sie ist nicht hier.«
»Was heißt, nicht hier?«
»Du siehst es doch selbst!«
»Aber sie kann doch nicht einfach verschwunden sein.«
Die Straße!
Der Gedanke schnürte ihr den Magen zu. Was, wenn sie herausgeklettert und zur Straße hinuntergelaufen war.
»Bleibt hier!«, schrie sie und lief los. Auf der Mitte des Hangs rutschte sie aus und fiel aufs Steißbein, was höllisch wehtat. Sie schluchzte kurz, kam wieder auf die Beine und übersprang mit einem Riesensatz den staubigen Straßengraben.
Die Straße war fast leer. In der Ferne ging eine Frau mit zwei Hunden, einem kleinen und einem großen.
Magda rannte los. Da vorn war ein Mensch, den sie fragen konnte. Sie lief so schnell, dass ihr Brustkorb schmerzte.
Als sie näher kam, hielt die Frau die Hunde kürzer an der Leine. Der kleinere war nur ein Welpe.
»Ich suche ein Mädchen, vier Jahre alt, dunkle Haare und gelbes Kleid. Haben Sie es vielleicht gesehen?«
Die Frau schüttelte den Kopf.
»Sind Sie sicher?«
»Was ist denn los, ist sie etwa verschwunden?«
»Jaaa«, sagte Magda jammernd.
»Nein, tut mir Leid, ich habe kein Kind gesehen. Aber ich werde die Augen offen halten, das verspreche ich Ihnen.«
»Sie hat auch noch Fieber! Sie ist krank!«
Die Frau warf ihr einen traurigen Blick zu.
»Ich werde wirklich die Augen offen halten.«
Sie musste umkehren und zurücklaufen, den ganzen langen Hang hinauf, so schnell sie konnte. Auf der Hügelkuppe warteten Kattis und die anderen Kinder.
»Nein«, keuchte sie. »Da war sie nicht. Oh Gott, was sollen wir nur tun?«
»Ich dachte, sie schläft«, sagte Kattis.
»Das hat sie auch. Sie ist doch krank, sie hat Fieber. So ein Mist! Wenn Eva sie zu Hause behalten hätte, wäre das nie passiert.«
»Aber sie muss hier doch irgendwo sein. Man verschwindet nicht einfach so. Vielleicht hat sie sich versteckt, um uns einen Streich zu spielen.«
»Ach was, Angelica doch nicht, so etwas würde sie niemals tun.«
Magda packte einen Jungen und schüttelte ihn.
»Habt ihr sie gesehen? Wenn ihr sie gesehen habt, müsst ihr es uns erzählen! Sofort! Auf der Stelle! Sonst bringe ich euch um! Und es gibt kein Fest, das kann ich euch versprechen!«
Sie wirkten verängstigt, wussten aber offenbar nichts.
»Wir müssen sie suchen«, schrie sie. »Verteilt euch! Sucht hinter allen Bäumen und Sträuchern, sucht überall!«
Hinterher fragte sie sich, was am schwersten gewesen war. Hinterher, als sie in ihrer Wohnung saß und einen Tee zu trinken versuchte. War es der Moment gewesen, in dem sie den verlassenen Kinderwagen entdeckt hatte? Ihr Körper hatte mit wachsender Übelkeit reagiert.
Ich habe sie als Letzte gesehen. Ich war für sie verantwortlich.
Oder war es noch schlimmer gewesen, als sie erkannten, dass sie das Mädchen nicht finden würden? Sie hatten überall nach Angelica gesucht und die Kinder hatten ihnen geholfen. Sie waren sehr bedrückt gewesen und einige hatten geweint.
Sie dachte: Das Fest.
Mitten in dem ganzen Chaos dachte sie an das Fest und daran, dass es nun kein Fest geben würde.
Die Kinder hatten sich so auf diesen Tag gefreut.
Oder war es am schlimmsten gewesen, in den Kindergarten zurückzukehren und Carita Auge in Auge gegenüberzustehen?
»Was zum Teufel sagst du da?«, fragte sie mit ihrem schleppenden, finnischen Akzent.
Sie hatte es noch einmal wiederholen müssen. Es ist etwas Schreckliches passiert, es geht um Angelica, sie ist verschwunden.
Vor Scham und Entsetzen war ihr ein Schauer über den Rücken gelaufen.
Carita hatte ausgesehen, als würde sie ihr am liebsten eine Ohrfeige geben. Sie hatte Kattis angebrüllt: »Steh hier nicht dumm rum, sieh lieber zu, dass die Kinder etwas zu essen bekommen! Die Essenszeit ist längst vorbei, sie müssen ja nicht auch noch verhungern.«
Anschließend hatte sie die Bürotür so heftig zugeschlagen, dass ein kleines Keramikbild vom Haken fiel und in zwei gleich große Teile zersprang.
»Du kommst also her und sagst mir allen Ernstes, dass eines unserer Kinder verschwunden ist? Begreifst du eigentlich, was du da sagst? Begreifst du, was das bedeutet? Begreifst du, dass wir, du und ich, für diese Kinder verantwortlich sind?«
So viel überflüssiges Gerede. Magda hatte an der Wand gelehnt und gedacht, hör auf. Hör auf, du verdammte Hexe, es war nicht meine Schuld und auch nicht die von Kattis. Keiner von uns ist schuld, es hat keinen Sinn, nach Sündenböcken zu suchen.
Aber Carita hatte nicht aufgehört.
»Habt ihr auch wirklich überall gesucht?«
»Ja, natürlich haben wir das.«
»Wie konntest du den Wagen einfach so stehen lassen? Wie konntest du dich nur so verantwortungslos verhalten?«
»Aber ich habe dir doch schon gesagt, dass es nur für ein paar Minuten war. Ich dachte, ich hätte sie die ganze Zeit im Blick.«
Caritas Mund wurde runzlig, verengte sich zu einem kleinen Loch.
»Dachtest du!«
»Wenn Jens nicht geschrien hätte, wenn Johan nicht diesen Fahrradschlauch gefunden hätte.«
»Wenn das Wörtchen wenn nicht wär, wär mein Vater Millionär.«
Caritas Fenster stand einen Spaltbreit offen. Eine Bachstelze trippelte draußen auf den Steinplatten herum und schnappte nach einer Fliege. Magda beobachtete sie, ohne wirklich etwas zu sehen. Sie hatte das Gefühl, ein Band hätte sich um ihren Kopf gespannt, ein Band, das immer fester gezogen, das pochend und rot über ihre Lider gezerrt wurde.
»Bitte, Carita«, sagte sie mit belegter Stimme, »ruf jetzt bitte die Polizei. Das ist das Einzige, was wir noch tun können.«
4. Daniel
Er entschied sich für einen französischen Wein, der fünfzig Kronen kostete und Le Bistro hieß. Er kaufte auch eine Plastiktüte, obwohl das eigentlich nicht nötig gewesen wäre. Für einen Donnerstagnachmittag waren erstaunlich viele Leute im staatlichen Alkoholgeschäft. Er hatte Wartenummer 152 gezogen, und als er eintrat, wurde gerade Nummer 87 bedient. Folglich würde er eine Zeit lang warten müssen, aber das machte nichts. Er brauchte ohnehin etwas Zeit, um die Kraft zu sammeln, Ulrika gegenüberzutreten.
In der Ferne hörte man Sirenen, es musste etwas Größeres passiert sein, ein Verkehrsunfall oder ein Brand. Das Geräusch wurde lauter und leiser, wie die Rufe entfernter Vögel.
Als er von der Bank aufstand, klebte seine Hose an der Unterseite der Oberschenkel. Er dachte, dass er duschen musste, denn sonst würde sie sich über seinen Geruch aufregen.
Ein Despot war sie.
Eine Despotin.
Aber hatte er denn eine Wahl?
Sie hatten sich vor knapp einem Jahr bei einer Fete kennen gelernt. Sie hatte ihm Leid getan. Ihr Aussehen sprach gegen sie, sie war groß und plump, saß wie ein grober Klotz auf ihrem Stuhl. Als sie aufstand, fiel der Rock wie ein Zelt um sie herum.
»Wir tanzen!«, entschied sie, und am liebsten hätte er Nein gesagt, aber sie packte ihn am Hosenbund und zog ihn mit sich.
Sie bewegte sich erstaunlich elegant. Ihre platte breite Hand lag zwischen seinen Schulterblättern, und sie war es, die führte, nicht er. Ihr Atem roch nach Petersilie.
Ihm war aufgefallen, dass er seine Meinung über Leute oft ändern musste. Ihr Äußeres mochte gegen Ulrika sprechen, aber sie brauchte einem beim besten Willen nicht Leid zu tun.
»Jetzt trinken wir einen Schluck Wein!«, hatte sie erklärt und ihn zu dem Tisch mit den Flaschen geführt. Sie hielt zwei Gläser hoch und ließ ihn einschenken. Im Ausschnitt sah er ihre Haut, die weiß war und irgendwie mehlig wirkte.
»Setz dich!« Sie zeigte auf einen Hocker, und er konnte sich noch genau an die Farben erinnern, abblätterndes Blau in verschiedenen Tönen. Die Wohnung schien gerade frisch gestrichen zu werden. Sie kam direkt zur Sache:
»Bist du allein, Daniel?«
»Wie meinst du das, allein?«
»Hast du eine Freundin?«
»Nicht direkt.«
»Aber indirekt?«
»Das auch nicht direkt.«
Sie lächelte zufrieden. Sie sah süß aus, wenn sie lächelte, ihr Blick wurde unter den kurzen, braunen Wimpern ganz sanft. Sie erzählte ihm, dass sie ihren Freund gerade hinausgeworfen hatte. Er sah vor sich, wie sie ihn an Hemd und Hosenboden packte und über das Balkongeländer hievte, und bekam Lust, ihre Hände zu berühren. Er leerte sein Weinglas und fuhr sich mit der Zunge über die Zähne.
»Sollen wir noch einmal tanzen, Ulrika?«
So würde er sie jetzt gerne sehen: fröhlich, befreit von Strenge und Ernst. Aber so lagen die Dinge heute nicht mehr. Sie war bösartig geworden, meckerte wie eine alte Ziege. Nichts war ihr recht. Ihm musste alles recht sein, er musste sich unterwerfen und mitspielen, denn es war ihre Wohnung. Sie lag in der Vittangigatan im Vorort Vällingby.
Die Balkontür stand offen, er sah es schon von weitem. Also war sie zu Hause. Vielleicht putzte sie gerade die Wohnung. Ein Schauer des Unbehagens lief ihm über den Rücken.
Sie telefonierte. Sie hatte sich ausgezogen, trug nur BH und Slip und saß, ein dickes Bein über die Lehne geschwungen, auf der Couch. Er vermied es, sie anzusehen.
»Guten Tag, Fräulein Ulrika«, sagte er scheu und stellte die Weinflasche auf den Tisch. Er merkte, dass sie die Luft anhielt. Er schenkte sich ein Glas Wasser ein und nippte daran. Es schmeckte fade und abgestanden.
Ulrika telefonierte mit ihrer Schwester, der vortrefflichen Karolina. Er hörte es ihrer Stimme an. Karolina war die Einzige, vor der sie Respekt hatte. Sie warf ihm einen Blick zu und murmelte etwas in den Hörer. Sie sprachen über ihn. Dann zog sie die Haare vors Gesicht und prustete los, als hätte ihre Schwester etwas Lustiges gesagt.
Über ihn.
Welch ein Schlappschwanz er war, welch eine lächerliche Figur.
Er ging ins Schlafzimmer und riss sich das T-Shirt vom Leib. Die Hitze war nahezu unerträglich. Sicherheitshalber ging er ins Bad und wusch sich unter den Armen.
»Ja, das werde ich tun«, hörte er durch die Tür. »Nein, das finde ich auch nicht.«
Er ging ins Schlafzimmer zurück, stellte sich vor die Spiegelkommode und starrte sich in dem schillernden Glas an. Ulrika hatte die Kommode von ihrer Großmutter geerbt und er hatte ihr geholfen, sie abzulaugen.
Hübsch, dachte er. Hübschihübsch. Ein gesunder, munterer Junge.
Er hatte sie an jenem ersten Abend nach Hause begleitet. Sie hatten einiges getrunken und ehe er sich versah, hatte er ihr auch schon erzählt, dass er Deutsch lernen wollte. Dass er es Jerry schon zeigen und eines Tages fließend Deutsch sprechen würde, nur um seinem Bruder eins auszuwischen. Sie war sofort Feuer und Flamme gewesen.
»Ich könnte dir helfen, du kannst zu mir kommen und Privatunterricht bekommen.«
»Was jetzt, kannst du etwa Deutsch?«
»Ja klar, meine Mutter stammt aus Bremen. Wir haben dort gewohnt, als ich klein war. Ich bin dort sogar in die Schule gegangen.«
Und sie fing an, jede Menge Sätze auf Deutsch herunterzuleiern.
»Warte«, flüsterte er. »Nicht so schnell, ich komme nicht mit.«
Daraufhin zwickte sie mit sanften Fingern seine Ohrläppchen und brachte ihn schließlich dazu, sie zu begehren.
Sie war eine gute Liebhaberin.
Aber wenn einem jeden Tag ein Stück Torte angeboten wird, möchte man sich am Ende nur noch übergeben.
Den Deutschunterricht nahmen sie sehr ernst. Ulrika war eine strenge Lehrerin, gab ihm Hausaufgaben auf und ließ ihn Texte schreiben. Wenn er aufgeben wollte, war sie verletzt und wurde kurz angebunden. Er hatte keine Wahl, er musste weitermachen. Nach ein paar Wochen zog er zu ihr und sie lebten, als wären sie verheiratet. Abends kam das Essen auf den Tisch und die Fenster wurden regelmäßig geputzt. Sie machten auch Besuche in Villastaden, wo ihre Eltern in einem adlerhorstähnlichen Gebäude auf der Kuppe eines Hügels wohnten. Sobald Schnee lag, war es ohne Allradantrieb praktisch unmöglich, den Hang hinaufzukommen.
Er stand vor dem Spiegel und betrachtete seine hohe Stirn und anschließend die Nase mit ihrer kleinen Spitze.
Nase und Ohren. Wie Tiere.
Daniel Magnusson, 28 Jahre alt.
Seine Haare wurden immer dünner.
Ein Hals wie von einer nicht gefleckten Giraffe.
Er hörte ihre Füße auf dem Parkett, sah ihre brüchigen weißen Nägel vor sich, er half ihr manchmal bei der Pediküre, denn sie war zu dick, um richtig an ihre Füße heranzukommen. Dann spielte es keine Rolle, wie sie rochen.
Aber das war auch schon eine ganze Weile her.
»Ich habe eine Flasche Wein gekauft!«
Früher, noch vor ein paar Wochen, hätte sie ihn unter ihren verquollenen Lidern angeschaut und nicht locker gelassen, bis er es auf Deutsch gesagt, einen vollständigen Satz mit allen Satzteilen in der richtigen Reihenfolge gebildet hätte.
Ich habe eine Flasche gekauft.
Wein.
Roter.
Oh doch. Er hätte es durchaus hinbekommen. Aber das war vorbei, ihr Leben war in eine neue und weniger angenehme Phase eingetreten. Sie hatte ihn schlicht und ergreifend satt.
Und ich sie auch, dachte er erbost, ich sie auch.
Er griff nach einem Bademantel und steckte seine zitternden Arme mit gemessenen Bewegungen in die Ärmel, zog ihn um sich und band ihn zu. Er wollte sich bedecken. Plötzlich brannte sein Hals und er musste sich abwenden, die Knöchel gegen die Augen pressen.
»Was ist!«, sagte sie gereizt.
»Ich sagte, ich habe eine Flasche Wein gekauft.«
»Na und?«
»Wie, na und?«
Sein Adamsapfel bewegte sich, er spürte es, er hüpfte auf und ab. Er zog die oberste Küchenschublade auf, holte den Korkenzieher heraus und hielt ihn ihr hin.
»Hier! Du kannst sie ja öffnen.«
Daraufhin sagte sie es.
»Ich möchte, dass du ausziehst!«
Er war darauf gefasst gewesen, immerhin hatte sie ihm schon mehrfach damit gedroht. Aber trotzdem. Das Blut wich aus seinem Kopf und schien durch den ganzen Körper bis in seine Zehen zu schießen. Er hörte es regelrecht, so als würde man auf der Toilette abziehen.
Wouusch.
Er griff nach der Kante der Spüle, musste sich setzen.
»Und warum?«
Ulrika stand breitbeinig im Zimmer, ihre Zunge lugte zwischen den Lippen hervor, die Zungenspitze mit ihren winzigen Rissen und Unebenheiten. In diese Zunge habe ich gebissen, dachte er, vermisste jedoch nichts. Nein. Das war es nicht.
»Ich möchte eben allein wohnen, wir passen einfach nicht zusammen. Ich habe dich zum Beispiel schon hundert Mal gebeten, etwas Geld zur Haushaltskasse beizusteuern, und dann kommst du mit einer Flasche Wein. Als ob das reichen würde. Und dann dieser so genannte Job, den du da hast. Wenn du schon unbedingt in der Gebäudereinigungsbranche bleiben willst, hättest du wenigstens eine eigene Reinigungsfirma gründen und Leute anstellen können, damit du nicht selber putzen musst. Ich habe dich satt, auch auf andere Art. Na ja, du verstehst vielleicht.«
»Aber wo soll ich denn hin?«, sagte er quengelnd.
»Heute Nacht kannst du noch bleiben, aber morgen musst du dich verziehen.«
Später dachte er, dass es besser gewesen wäre, wenn sie ihn sofort rausgeschmissen hätte. Alles wäre besser gewesen als das, was dann passierte. Er zog den Korken aus der Weinflasche und stellte zwei Gläser auf den Tisch, aber sie wollte nichts trinken. Stattdessen ging sie duschen und er leerte sein Glas und dann ihres und schenkte sich anschließend wieder ein, sodass die Gläser aussahen, als wären sie nicht angerührt worden. Sie hatte nasse Haare, suchte nach einem Kleid. Durch den Türspalt sah er ihren breiten, weißen Rücken. Er empfand Ekel, vermischt mit immer größer werdender Wut.
Und dennoch.
Er hatte starke Arme.
Er stieß sie rücklings aufs Bett und hielt sie fest. Ihre massigen, gespreizten Schenkel, sie war unten noch feucht von der Dusche, ihre fette Fotze.
Sie leistete keinen Widerstand, wenn sie sich doch wenigstens gewehrt hätte. Er hielt ihre Arme mit der linken Hand fest und zog den Reißverschluss seiner Hose auf, es war lange her, dass er einen solchen Ständer gehabt hatte, es schmerzte regelrecht an der Peniswurzel, und er hievte sich auf sie, bestieg sie wie einen Berg aus Speck und Fleisch und Haut.
Sie wehrte sich nicht, sondern lag einfach nur da und starrte mit gleichgültiger Miene an die Decke. Als er kam, stieß sie ihn mit einem Schwung des Unterarms von sich und setzte sich auf.
»Bist du fertig?«
Da brach er in Tränen aus und weinte so laut und jammernd, dass er es nicht einmal hörte, als sie ging.
5. Angelica
Sie schlief, aber tief in ihr kämpfte etwas darum aufzuwachen.
Mama, dachte sie, brachte das Wort aber nicht heraus, ihr Mund lag schlaff und offen.
Das schöne Kleid, wie Sonne und Nebel, schau mal, Angelica, was bist du nur für eine kleine Elfe!
War jetzt das Fest, was war aus dem Fest geworden?
Sie schlief, und im Schlaf ertönte der Klang von Stimmen.
Mama und Papa, es schrillte und schepperte.
Geh weg, dachte sie. Mama und ich. Nur wir zwei.
Ihr Hals tat weh, wenn sie so dachte.
Papa war so lieb, er schenkte ihr ganz tolle Sachen. Sie legte sich dicht an die Wand in ihrem kleinen Kinderzimmer, warte hier, Papa und ich müssen uns unterhalten. Das Diadem drückte gegen den Kopf. Sie hatte es in einem Paket bekommen, er hatte ihr geholfen, die Schnur zu lösen.
Papas kleine Prinzessin.
Oh, das will ich im Kindergarten anziehen.
Ja, das darfst du auch. Aber du musst gut darauf aufpassen, denn es hat viel Geld gekostet.
Seine Finger mit dem Tabakgeruch.
Viel, viel Geld.
Und dann:
Geh ein bisschen in dein Zimmer, Angelica. Mama und ich müssen uns unterhalten.
Sie würde es in den Kindergarten mitnehmen. Die anderen würden es schön finden und ganz neidisch sein. Aber keiner würde es anziehen dürfen, auch nicht Mimmi oder Isabelle. Sie könnten es kaputtmachen. Sie kapierten nicht, dass man mit so teuren Sachen ganz vorsichtig sein muss.
Ihre Hände lagen dicht, ganz dicht an den Ohren. Hatten sie nicht bald genug geredet? Sie musste Pipi, ihre Hände lagen auf den Ohren und sie dachte: still. Mechanisch begann sie zu singen, lauter, immer lauter und schrill. Aber das nützte nichts. Nichts in der Art konnte helfen, das wusste sie, und die Tür war geschlossen, aber dennoch drangen die schweren Geräusche von Stoff und Haut herein, und dann Mama:
Sie klang wie ein Welpe.
An-ge-li-ca. Sie dachte an ihren Namen und war jetzt ein Fisch. Ganz tief schwamm sie, fast platt auf dem Grund, sie war einer dieser grauen komischen Fische mit Stachelzähnen. So einen hatte sie gesehen, als sie mit Papa in dem großen Meerwasseraquarium war – was für ein komisches Wort, sie konnte es gar nicht richtig aussprechen. Sie waren auch in den Vergnügungspark gegangen, der Gröna Lund hieß.
So was darfst du mit Mama bestimmt nie fahren, Mamas trauen sich nämlich nicht auf so etwas.
Sie schrie mit dem Mund an seiner Hemdbrust.
Als sie sich übergab, drehte er ihren Kopf weg.
Möchtest du ein Eis? Möchtest du Zuckerwatte?
Möbel schabten über den Boden. Mama schrie oder sang. Ihren Papa hörte sie nicht, aber sie dachte an seine Augen, wie sie aussahen, wenn sie etwas angestellt hatte, an seine Finger und Daumen, die sich drehten. Und dann schoss seine Hand explosionsartig gegen ihre Nase.
Plötzlich wusste sie, dass ihr Papa gegangen war. Sie hatte es nicht gehört, aber da war etwas mit der Luft. Mama, piepste sie, und es war ihre Fischstimme, die kleine, winzig kleine Blubberstimme.
Aber sie musste alleine aufstehen und die Tür öffnen. Mama war im Badezimmer, hatte die Tür zugemacht und abgeschlossen.
Es roch irgendwie besonders, wenn Papa da gewesen war. Es roch süßlich und gleichzeitig ein wenig verbrannt.
Mamas Stimme durch das Wasserrauschen:
»Liebes, Mama kommt sofort. Setz dich so lange auf die Couch und warte.«
Und sie saß mit gestreckten Beinen auf der Couch und drehte das Diadem, bis Mama mit feucht glänzendem, aufgedunsenem und verzerrtem Gesicht herauskam.
»Papa ist lieb«, sagte sie fragend.
Mama nickte.
»Ja. Aber jetzt wird Mama den Fernseher anmachen, es ist Kinderstunde, die dürfen wir nicht verpassen.«
Sie hatte in dem Kinderwagen gelegen, obwohl sie eigentlich viel zu groß für so etwas war, denn der Wagen war für die kleineren. Für die Kleinkinder.
»Mein Gott, wie heiß du bist!«
Magda, dachte sie, und es zuckte in ihren Gliedern. Ihre Schläfen pochten, und hinter den Augen scheuerte es wie Sand.
»Du wirst hier ein wenig liegen bleiben und dich ausruhen müssen.«
Sie hatte ihr Ohr in das Kissen gepresst und durch den Stoff die Räder über den Schotter knirschen gehört. Jemand quengelte, es war Mimmi, ich will auch im Wagen fahren.
»Ein anderes Mal, denn jetzt ist Angelica an der Reihe, sie ist heute ein bisschen müde.«
Ein singender, rasselnder Laut.
Sie schwitzte, sie lag in ihrem Kleid in dem Wagen.
Was war dann passiert? Sie wurde herausgehoben, aber es ging alles ganz schnell, und sie sah nichts, denn es war schwarz vor ihren Augen, vor ihrem ganzen Gesicht war es schwarz, und sie dachte an Samt und Moos. Ein Arm schob sich unter ihren Bauch, und sie wurde getragen oder flog.
Mama, keuchte es in ihr.
Aber das waren keine Mamahände, keine Magdahände, keine Hände, die sie kannte.
Mimmi, die den Wagen umgekippt hatte? Mimmi, die knuffte und stieß, sie musste sich mit aller Kraft festklammern.
Da hörte sie zum ersten Mal die neue Stimme.
»Ganz ruhig, Kleines, hab keine Angst.«
Sie lag da, und es roch nach Auto, und etwas Spitzes stach in ihr Bein. Tränen traten ihr in die Augen, und sie versuchte zu schreien, erkannte ihre eigene Stimme aber nicht mehr wieder.
Etwas floss wie Sirup in ihrem Körper.
Danach erinnerte sie sich an nichts mehr.
6. Magda
Sie konnte nicht schlafen. Sie hatte versucht, wie jeden Abend ins Bett zu gehen, sich an die alltäglichen Gewohnheiten zu halten. Aber nichts funktionierte mehr wie sonst. Sie war völlig überdreht, Gedanken schwirrten ihr durch den Kopf. Schließlich schlug sie die Decke zur Seite und stand auf. Das Nachthemd war feucht, und trotz der Wärme bekam sie eine Gänsehaut.
Angelica, was habe ich nur getan, was machen die mit dir?
Die Polizei war gekommen, sie hatte gesehen, wie die Streifenwagen auf dem Wendeplatz parkten. Sie hatte Angst bekommen, war aber gleichzeitig erleichtert gewesen. Immer wieder hatte sie erklären müssen, wie sie den Wagen im Schatten des Baumes stehen gelassen hatte und dass sie sich nur für kurze Zeit entfernt hatte. Wenn sie den Beamten erzählen sollte, wie es war, als sie zurückkehrte, musste sie jedes Mal weinen. Eine Polizistin tätschelte ihre Hand. Ihre Augen waren voller Mitleid.
»Haben Sie eine Vermutung, was passiert sein könnte?«
Florian, schoss es ihr durch den Kopf, aber sie sprach den Namen nicht aus, schüttelte nur den Kopf. Tränen liefen ihr den Hals hinab, und der Pullover wurde nass.
Auf dem Hof stand Carita und nahm die Eltern in Empfang. Bedauerte, erklärte und tröstete. Es waren keine lauten Stimmen zu hören, sondern nur ein säuselndes Murmeln, eine ungewohnte, plötzliche Stille. So leise war es sonst nie in den Räumen des Kindergartens, nicht einmal, wenn Mittagsschlaf gehalten wurde.
Der Arm der Polizistin war sonnengebräunt und von kurzen, feinen, blonden Härchen bedeckt. Ihr Kajal war ein wenig verlaufen, vielleicht wegen des grellen Sonnenlichts.
»Sollte Ihnen doch noch etwas einfallen, egal was, rufen Sie uns bitte an! Hier ist die Nummer. Sie können mit mir sprechen oder mit ihm dort er heißt Greger. Im Grunde können Sie natürlich mit jedem unserer Kollegen sprechen, aber fragen Sie ruhig erst nach uns. Tun Sie das bitte!«
Die Polizisten nahmen sie mit in den Wald. So machte man es auch mit Tatverdächtigen, das wusste sie, man führte sie herum. Wie Kühe. Sie hatte eiskalte Fingerspitzen, musste ihnen alles zeigen.
»Hier habe ich den Kinderwagen abgestellt, da unten waren Kattis und die anderen Kinder. Und da drüben bin ich reingerobbt, weil ich dachte, ich hätte ein paar Buschwindröschen gesehen, Sie können es selber sehen, ich glaube, die Stiele, die ich abgebrochen habe, liegen noch da.«
Es tauchten weitere Polizisten auf, die einen Hund dabei hatten, einen Rottweiler. Im Nachbarhaus gab es auch einen, der allerdings kleiner war als dieser Polizeihund. Sie hörte, dass die Beamten den Hund Rex nannten. Man hatte ihm eine Art Zaumzeug angelegt, und er begann eifrig zu schnüffeln, wo der Wagen gestanden hatte.
Immer wieder musste sie alles erzählen.
Die Polizisten sprachen auch mit den Kindern, den ganzen Nachmittag wurden sie verhört. Sie hörte das Geräusch eines Hubschraubers.
Sie zog sich an. Von dem Schlag, den sie bei ihrem Sturz abbekommen hatte, tat ihr das Kreuz weh. In gewisser Weise geschah es ihr nur recht. Es war eine Art Strafe dafür, dass sie Angelica allein gelassen hatte. Je mehr es schmerzte, desto besser würden die Chancen stehen, dass das Mädchen unverletzt gefunden wurde.
Eine Begegnung mit Eva, Angelicas Mutter, war ihr Gott sei Dank erspart geblieben. Sie war mit den Polizisten im Wald gewesen, als Eva eintraf. Sie hatte Kattis fragen wollen, was sie gesagt, wie sie es aufgenommen, was sie getan hatte. Aber sie hatte nicht die Kraft dazu gehabt.
Sie verstellte die Jalousien so, dass sie hinausschauen konnte. Es war halb zwölf und mittlerweile ziemlich dunkel. Sie wohnte in der Grundtvigsgatan in Blackeberg in einem dreistöckigen Backsteingebäude. Ihre Wohnung lag im Souterrain. Die Miete war in Ordnung. Aber die Kosten für ein weiß lackiertes, schmiedeeisernes Einbruchsgitter hatte sie selber übernehmen müssen. Es sah recht gut aus, versuchte sie sich einzureden, wie erstarrte oder gefrorene Spitze.
Ihre Wohnung bestand aus einem zehn Quadratmeter großen, rechteckigen Raum, in dem ihr ganzer Hausrat Platz fand. Die Küche war nur eine Kochnische mit einem Kühlschrank und einem primitiven Herd. Wenn man den Ofen benutzte, funktionierte die größere der beiden Kochplatten nicht. Unter der Decke verliefen Rohre, in denen es fortwährend säuselte. Normalerweise fand sie das gemütlich, aber jetzt störte und quälte es sie.
Sie schaltete den Computer ein und öffnete eine Datei, der sie den Namen Mein Jetzt gegeben hatte. Es war eine Art Tagebuch. Manchmal schrieb sie auch Gedichte, oder vielmehr Entwürfe zu Gedichten, die sie in dieser Datei sammelte. Sie hatte die Texte bislang nur einer einzigen Person gezeigt.
Im Moment, schrieb sie, im Moment geht es mir sehr schlecht. Was geschehen ist, erscheint mir so grauenvoll, dass ich nicht einmal darüber schreiben kann. Wird das Leben jemals wieder normal sein? Woher soll ich die Kraft nehmen, mit allem weiterzumachen? Ich habe etwas Schreckliches getan. Ich habe zugelassen, dass ein kleines Kind verschwunden ist.
Sie konnte einfach nicht mehr in der Wohnung bleiben, hatte das Gefühl, die Wände würden auf sie herabstürzen und ihr die Luft zum Atmen nehmen. Sie ging hinaus und schloss die Tür hinter sich ab. Der Schlüssel hakte ein wenig, sie vergaß immer, Schmieröl zu kaufen. Vor einer Woche hatte sie es mit Margarine versucht, eine Messerspitze davon in das Schloss gepresst, aber das hatte nichts genützt. Stattdessen hatte ihre neue Hose Flecken bekommen. Fettflecken bekam man nie mehr heraus. Das hatte Tante Gunilla ihr immer wieder gepredigt. Wie sich nun herausstellte, hatte sie Recht gehabt. Als sie auf den Hof hinaustrat, schoss eine Katze lautlos in die Sträucher. Magda zuckte zusammen. Das war Bruno, ein großer und bissiger Kater, der sie schon einmal fast angesprungen hätte. Damals hatte sie versucht, ihn von einer verletzten Taube wegzuscheuchen, die an der Wand hockte. Bruno kam und ging, wie er wollte, sein Besitzer ließ das Fenster immer einen Spaltbreit offen stehen, sogar im Winter. Der beißende Gestank von Katzenurin stieg direkt neben den Fahrradständern vom Boden auf. Sie dachte an Fredriksson, den Hausmeister. Sie hatte ihn einmal mit seinem lehmverschmierten Holzschuh nach der Katze treten sehen.
Erst konnte sie ihren Fahrradschlüssel nicht finden, aber dann lag er doch in der Jackentasche, wo sie schon nach ihm gesucht hatte. Es war ein kühler Abend. Sie fror ein wenig, zog den Reißverschluss bis zum Hals zu. Sie fuhr gerne Rad, es tat ihr gut, es kam ihr vor, als würde der Fahrtwind einen reinigen. Als ihre Tante letztes Jahr ihren fünfzigsten Geburtstag gefeiert und ein neues Fahrrad mit mehreren Gängen geschenkt bekommen hatte, übernahm Magda den alten Drahtesel. Es war ein Rad der Marke Crescent, das in den Sechzigern glänzend und neu gewesen war. Zum Sattel gehörte ein Regenschutz aus gepunktetem Wachstuch, den ihre Tante selber genäht hatte.
Seit dem Tag vor 22 Jahren, an dem ihre Eltern ins Meer gefallen und ertrunken waren, hatte sie bei Tante Gunilla und Onkel Olle gewohnt. Ihre Eltern hatten mit ihrer Motorsegelyacht Urlaub in den Schären von Sankt Anna an der schwedischen Ostküste gemacht. Vermutlich hatten sie zu viel getrunken, das hatte Magda sich anhand der Kommentare zusammengereimt, die sie im Laufe der Jahre aufgeschnappt hatte. Sie selbst war in ihrer Wiege in der schaukelnden Kajüte alleine zurückgeblieben. Das Boot trieb und trieb, bis sich schließlich der Seenotrettungsdienst seiner annahm. Sie besaß ein altes, verblichenes Zeitungsfoto, das einen Mann in einem Overall zeigte, der mit einem Säugling im Arm an Land ging. Dieser Säugling war sie gewesen.
Sie trat wie eine Wahnsinnige in die Pedale, und es rauschte in ihren Ohren. Im Zentrum von Blackeberg bog sie links auf den steilen Anstieg ab und fuhr auf den Fahrradweg. Sie kam an dem Kreisverkehr vorbei, in dem sie einmal einen Lastwagen umkippen und Feuer fangen gesehen hatte. Das war zu der Zeit gewesen, als sie noch ins Gymnasium ging, und sie hatten auf dem angrenzenden Sportplatz Brennball gespielt. Der Fahrer war bei dem Unfall ums Leben gekommen, sie musste jedes Mal daran denken, wenn sie hier vorbeifuhr, und träumte bisweilen, dass sie seine Hände durch den Rauch und die Windschutzscheibe sah, seine vergeblichen Versuche, sich aus der Fahrerkabine zu befreien, bevor das ganze Auto von den Flammen erfasst wurde.
Sie hielt sich an den großen Fahrradweg, der parallel zum Bergslagsvägen verlief. Der kürzere Weg hätte über Grimsta geführt, aber das Viertel hatte einen schlechten Ruf. In der Nähe des Autoverkehrs fühlte sie sich sicherer. Das Fahrrad glitt durch die Dämmerung, und die Luft duftete nach zartem, feuchtem Grün. Sie hielt den Lenker fest umklammert, war die ganze Zeit von der eigentümlichen Hoffnung erfüllt, dass sie die Augen für einen Moment schließen und anschließend wieder öffnen würde, und dann das Mädchen in seinem verknitterten gelben Kleid vor ihr stehen, mit dem Fuß aufstampfen und wütend sein würde.
»Ihr habt mich vergessen, ihr seid einfach weggegangen!«
Nein. Angelica war nur selten wütend. Sie saß am liebsten am Tisch und malte mit Wachsmalstiften kleine Kinder, die wie Tiger in Käfigen hockten. Oder sie zog sich in die Kissenecke zurück und lutschte an ihren Fingern. Ihren Eltern gefiel das nicht, es konnte schlecht für ihre Zähne sein. Das Kindergartenpersonal hatte deshalb Anweisung bekommen, darauf zu achten, dass sie nicht an den Fingern lutschte.
Ein einziges Mal hatte Angelica einen Wutanfall bekommen. Der Auslöser dafür war etwas gewesen, das Eva gesagt hatte. Magda war in dem Moment in den Flur gekommen. Ein kleiner, roter Stiefel flog an ihr vorbei. Eva hatte das brüllende Kind festgehalten.
»Was ist denn hier los?«, hatte Magda gerufen.
»Angelica mag ihre Mama nicht mehr.«
Um diese Uhrzeit waren nicht mehr viele Autos unterwegs. Ein Taxi fuhr Richtung Vällingby, und als sie sich Johannelund näherte, hörte sie die rhythmischen Laute einer U-Bahn, die an dieser Stelle oberirdisch fuhr. Dann sah Magda sie auch, es war einer von den neuen Zügen. Er wurde langsamer und hielt plötzlich auf freiem Feld. Wahrscheinlich eine Störung, die gab es auf der so genannten Grünen Linie häufiger. Sie fuhr in die Unterführung und dann entlang der asphaltierten Gehwege. Außer ihr war niemand auf der Straße.
Der Kindergarten war geschlossen. Sie hatte nichts anderes erwartet. Sie radelte an dem flachen, gelben Holzbau vorbei, der ihr Arbeitsplatz war, und weiter zu dem Wäldchen, in dem Angelica verschwunden war. Ein Hase richtete sich aus dem Gras auf. Sie sah sein Profil und die langen, sensiblen Löffel. Ganz ruhig blieb er sitzen und ließ sich von ihr keine Angst einjagen. Sie dachte an ein Buch über Hasen oder Kaninchen, das sie sich einmal ausgeliehen hatte. Es hatte Unten am Fluss geheißen und war eines der besten Bücher, die sie je gelesen hatte.
Als sie das Wäldchen erreichte, bremste sie und stieg ab. Sie blieb zunächst eine Weile stehen und lauschte, ehe sie das Fahrrad abstellte und abschloss. Langsam trat sie zwischen die Bäume. Das Areal war mit blauweiß gestreiftem Plastikband abgesperrt worden. Hinter der Absperrung sah alles so aus wie immer. Unzählige Male waren sie hier mit den Kindern gewesen, es war ein überschaubarer und friedlicher Vorortwald, im Grunde nicht einmal ein richtiger Wald, sondern eine Ansammlung von Bäumen und Sträuchern, ein Stück Natur zwischen all den Häusern, in dem Kinder Ameisen beobachten und Blaubeeren pflücken konnten.
Sie stand an der Eiche, wo sie den Kinderwagen abgestellt hatte, und berührte sie mit den Fingerspitzen.
Die gefurchte Rinde war kühl, und sie presste ihre Wange an den Stamm, bis es beinahe wehtat. Plötzlich bekam sie keine Luft mehr. Es war, als würde ihr der ganze Brustkorb zusammengeschnürt, sodass die Luft nicht mehr hineinkonnte. Sie breitete die Arme aus, versuchte tief durchzuatmen und strengte sich dabei so an, dass ihr Unterkiefer zitterte. Sie geriet ein wenig in Panik und war verunsichert. Und wenn Angelica nun doch bei ihrem Vater war? Wenn er sie mitgenommen hatte und weggefahren war? Sie hätte der Polizei sagen sollen, was sie über Eva und Florian wusste. Aber das fanden die Beamten wahrscheinlich ohnehin heraus. Außerdem hatten sie auch mit Carita gesprochen, und Carita wusste Bescheid. Als Leiterin musste sie über die Familienverhältnisse der Kinder informiert sein. Sie würden Florian bis in das kleine rumänische Dorf verfolgen, aus dem er stammte, und er würde sagen, jetzt ist sie hier, meine Tochter, sie ist bei mir und sie wird hier eine Weile bleiben, aber ich bringe sie dann wieder nach Hause, gebt mir nur etwas Zeit.
So musste, musste es einfach sein!
Aber da war noch die Sache mit dem Diadem. Das hätte er doch sicher mitgenommen und nicht im Kinderwagen zurückgelassen. Andererseits hatte es unter dem Kissen gelegen, wie hätte er es also sehen sollen?
Magda schloss die Augen, blickte zum Nachthimmel auf und zwang sich, langsam und tief durchzuatmen. Warum war sie eigentlich mitten in der Nacht hierher gefahren? Um Spuren zu finden? Nicht einmal die Polizei hatte das gemacht. Es war dumm, verrückt und konnte sogar gefährlich werden.
»Ist mir scheißegal!«, murmelte sie.
Es war windig geworden. Vielleicht würde es nun endlich Regen geben. Das wäre dringend nötig, denn alles dürstete nach Regen und Feuchtigkeit. Sie starrte zum Gewirr der Äste hinauf, die noch nicht vollständig begrünt waren. Eichen schlugen spät aus. Auf einmal war sie unruhig. Sie musste nach Hause. Im Laufschritt kehrte sie zu ihrem Fahrrad zurück und hatte Schmerzen im Kreuz.
Lieber Gott, mach bitte, dass Angelica bei ihrem Vater ist!
7. Daniel
Er blieb in der Wohnung. Sein erster und verzweifelter Gedanke war, dass er sich in Ulrikas riesiges Bett legen und sich weigern würde, aufzustehen. Sie war zwar kräftig gebaut, aber er war stärker als sie. Selbst wenn sie ihre Schwester holte und die beiden gemeinsam versuchen sollten, ihn herauszuzerren, würde es ihm gelingen, sich festzuklammern. Er legte sich breitbeinig auf den Bauch, griff nach den Bettkanten und hielt sich fest, als wären sie schon im Raum, zwei riesige Monsterfrauen, die mit vereinten Kräften versuchen würden, ihn unschädlich zu machen.
»Ulrika«, murmelte er und versuchte das zarte, stille Mädchen heraufzubeschwören, das sie trotz allem ab und an zu sein versuchte.
Nein, es ging nicht. Es war aus.
Und der Deutschunterricht?
Zum Teufel mit der deutschen Sprache.
Ihr Vater würde sich garantiert freuen. Dieser aufgeblasene Direktorenheini. Der Mann hatte sich ihm tatsächlich mit seinem Direktorentitel vorgestellt, als Ulrika ihn das erste Mal zu ihren Eltern mitgenommen hatte.
»Direktor Frölich.« Kein Vorname, nur Titel und Nachname.
»Daniel. Ja also, Daniel Magnusson.«
»Und was macht Herr Magnusson beruflich, wenn man fragen darf?«
»Er studiert, Papa.«
Wie ein Reptil war sie dazwischengefahren, hatte geantwortet und ihm kaum die Chance gelassen zu hören, was der alte Knacker überhaupt sagte.
»So so, aha. Und was?«
»Informatik. Etwas, wovon du sowieso nichts verstehst, Papi.«
Dass er Informatik studierte, stimmte natürlich überhaupt nicht. Sie schämte sich für ihn, das war alles.
Auch ihre Alte würde darüber, dass Daniel als Schwiegersohn abgeschrieben war, erleichtert aufseufzen.
»Die blöde Kuh!«, murmelte er ins Kissen, das schwach nach Ulrika roch, nach irgendeinem Shampoo, das sie häufig benutzte. Auch ihre Eltern waren kräftig gebaut, die Statur hatte sie von ihnen geerbt. Sogar ihre Schwester Karolina war groß wie eine Riesin. Heiligabend hatte er sich im Vergleich zu Ulrika und ihrer Familie wie ein Schneeglöckchen gefühlt. Ja wirklich, genau dieser Vergleich war ihm in den Sinn gekommen. Ein zartes und empfindliches Schneeglöckchen. Er hatte Marzipan für sie gekauft, in Schokolade getunkte Schweinchen. Vier Stück, deren Hintern so breit waren wie ihre. Erst hatte er gar nicht vorgehabt, ihnen etwas zu schenken, aber Ulrika hatte ihn darauf angesprochen, und daraufhin war er losgezogen und hatte die Schweinchen gekauft und für sie außerdem noch eine Geschenkpackung mit lila Schaumbad und einer Seife.
Sie hatte an der Schaumbadverpackung gerochen, und an ihrer Nasenwurzel hatten sich kleine, feine Falten gebildet.
»Ich bade ja eigentlich nie«, sagte sie. »Ich dusche meistens, aber trotzdem vielen Dank.«
Es war eine schöne Vorstellung, ihnen nicht mehr begegnen zu müssen. Ständig hatte er das Gefühl gehabt, mit ihm würde etwas nicht stimmen. Er war nicht gut genug. Aber als ihr Alter einen runden Geburtstag feierte, da war er gut genug gewesen, da hatte er wie ein Butler die Gäste in Empfang nehmen und ihre verdammten Mäntel aufhängen müssen, bis die Garderobe kurz davor war, zusammenzubrechen. Ulrika und ihre Schwester waren in der Küche beschäftigt gewesen, er hatte nichts von ihnen gesehen und sich auch nicht getraut, seinen Platz an der Tür zu verlassen. Er hatte zwischen den nassen Wollmänteln gestanden, und es schneite, und die Leute hatten Probleme, den steilen Hang hinaufzukommen. Aus dem Salon hatte man Lachen und Stimmengewirr gehört. Er war allmählich hungrig und schließlich wütend geworden. Wo war Ulrika?
Als mindestens eine Stunde lang kein neuer Gast eingetroffen war, hatte er auf die Toilette gemusst, war zum Badezimmer gegangen und hatte vorsichtig die Tür aufgezogen, sie augenblicklich aber wieder geschlossen, denn es war besetzt gewesen, zwei Personen hatten sich in dem Raum aufgehalten, ein Mann und eine Frau. Der Mann war einer der Gäste gewesen, soviel hatte er noch sehen können. Später war ihm der Gedanke gekommen, dass die Frau eventuell Ulrikas Mutter gewesen war. Obwohl er das nicht überprüfen konnte und im Übrigen auch gar nicht wollte, das Lotterleben der Oberschicht ging ihn nichts an. Sie wollten doch immer so vornehm sein. Und dann benahmen sie sich wie pubertierende Jugendliche auf einer Fete in einer sturmfreien Bude.
Es war ihm so vorgekommen, als wäre es der Alten seither schwer gefallen, seinem Blick zu begegnen. Aber das konnte er sich natürlich auch eingebildet haben. Er erwähnte die Sache Ulrika gegenüber nie.
Schließlich musste er doch noch eingedöst sein, denn plötzlich wachte er mit einem Ruck wieder auf. Er lag auf der Seite, und die Decke war auf den Boden gerutscht. Sie war zurück. Erst wurde er ganz ruhig, blieb liegen und wartete darauf, dass die Tür geöffnet wurde und sie in ihrem großen weißen Nachthemd im Türrahmen stand, mit leichten Schritten zum Bett schlich, sich zu ihm legte und alles wieder so war wie immer.
Doch dann hörte er die Stimme eines Mannes. Sie war nicht allein.
Dann wurde die Tür aufgerissen, und es wurde hell im Zimmer. Er saß im Bett, schlang die Decke um sich und versuchte etwas zu sehen. Ein fremder Mann stand an den Türrahmen gelehnt. In der Hand hielt er Ulrikas langschaftigen Metallschuhlöffel, mit dem er leicht auf seinen Handteller schlug.
»Hör mal, das Bett da wird gleich besetzt sein, würdest du also bitte die Güte haben und dich verziehen.«
Er sprach irgendeinen nordschwedischen Dialekt.
»Wer bist du und was zum Teufel hast du hier zu suchen?!«
»Frag nicht so viel, hau einfach ab.«
Jetzt sah Daniel ihn besser, fettige Haare, die in einer Locke in die Stirn fielen, die Andeutung eines Barts. Er trug eine Jeans und am Oberkörper nur ein Jackett, das nicht zugeknöpft war und eine nackte und unbehaarte Brust entblößte. In einem Ohr trug er einen Ohrring.
»Was zum Teufel redest du da? Ich wohne hier, verdammt noch mal!«
Irgendwo da draußen hörte er Ulrika, sie öffnete die Kühlschranktür und raschelte mit Plastik. Er wollte nach ihr rufen, aber sein Mund war wie ausgedörrt und blieb stumm.
Der fremde Mann betrat den Raum und ging bis zur Bettkante. Er lächelte ein wenig, seine Unterlippe war weich und voll.
»Ich glaube doch wohl eher, dass Ulrika Frölich hier wohnt. Jedenfalls steht ihr Name an der Tür.«
»Geh raus«, murmelte Daniel, »damit ich mich anziehen kann.«
Seine Kleider lagen in einem Haufen auf dem Fußboden, und er konnte sich zunächst nicht erinnern, wie sie dort gelandet waren, aber dann fiel es ihm wieder ein. Er sah den fremden Mann an und begriff, dass er wusste, was passiert war.
Als er in die Küche kam, hatte sich Ulrika an den Küchentisch gesetzt, auf dem Käse und Brot standen, aufgeschnittene Tomaten und zwei Flaschen Bier. Im Bad wurde die Spülung betätigt.
»Du«, sagte er mit belegter Stimme.
Sie sah ihn nicht an, spielte mit den Fransen der Tischdecke.
»Wen hast du denn da angeschleppt?«
»Angeschleppt!«, wiederholte Ulrika.
»Ja. Wer ist das? Kommt einfach so rein und weckt mich.«
»Ein guter Freund«, sagte sie kurz.
»Ja genau. Ein guter Freund.« Der Mann war von der Toilette gekommen und stand nun dicht hinter Daniel.
»Du wirst Ulrika nicht mehr belästigen. Sie will, dass du abhaust. Du hast acht Minuten, keine Sekunde länger.«
»Was zum Teufel verzapfst du da, du hast sie doch nicht mehr alle!«
»Acht Minuten. Ab jetzt!«
Der Mann zog seine Armbanduhr aus und legte sie auf den Tisch. Die Ärmel seines Jacketts waren hochgekrempelt, was lächerlich aussah, wie ein Relikt aus den Achtzigern. Der Mann musterte seine Fingernägel und schwang den Schuhlöffel.
Es war eine unmissverständliche Provokation. Sie hatte ihm versprochen, er dürfe zumindest über Nacht noch bleiben. Das konnte sie doch nicht machen, ihn schlechter behandeln als ein Tier. Er machte einen Schritt auf den Mann zu, um ihm einen Stoß zu versetzen, oder auch nur, um ihm zu zeigen, dass er sich nicht alles gefallen lassen würde. Dann ging alles sehr schnell. Es blitzte über seinen Augen auf, er spürte einen heftigen und stechenden Schmerz, seine Hände fuhren in die Höhe, suchten Halt und zogen etwas mit sich, als er fiel. Glas splitterte.
8. Magda
Er wartete vor dem Hauseingang auf sie. Anfangs tat sie, als hätte sie ihn nicht gesehen, und fummelte am Fahrradschloss herum, und ihre Hände zitterten so sehr, dass sie beinahe den Schlüssel verloren hätte. Dann trat er ins Licht und sie sah den gedrungenen Körper und seine zu Schlitzen verengten Augen.
»Magdalena.«
Sie schwieg.
»Ich wusste, dass du kommen würdest. Ich habe nach deinem Fahrrad gesucht.«
»Hast du?«
»Aber ich habe es nicht gesehen, also habe ich mir gedacht, sie wird kommen.«
Das Fahrrad war zwischen ihnen, als markierte es eine Grenze.
»Du bist hier?«, sagte sie heiser. »Das hätte ich nicht gedacht, ich hatte gehofft, dass du ... dass ihr ...«
Er sah sie an, sein Gesicht war starr und angespannt.
»Ich möchte mit dir reden. Ich will alles von dir hören.«
»Aha«, flüsterte sie und bekam immer größere Angst.
»Wir gehen rein.«
Sie holte die Schlüssel heraus und spürte ihn dicht neben sich, als sie das dunkle Treppenhaus betraten. Mama, dachte sie, das Wort tauchte einfach in ihr auf, ein ungewohntes und nie gebrauchtes Wort.
»Mach Licht«, sagte er.
»Geht nicht, die Lampe ist kaputt.«
Sie tasteten sich zu ihrer Tür hinab. Sie öffnete. Er war neben ihr, hinter ihr, fasste sie aber nicht an. Sie hatte Angst, empfand aber gleichzeitig auch Trauer.
»Ich dachte, dass du ...«, setzte sie an und ihre Stimme brach, und sie sank in die Hocke.
Als er die große Lampe eingeschaltet hatte, fiel kaltes, weißes Licht auf sie herab und blendete sie. Er stand über ihr, lehnte sich vor, da war etwas an seiner Körperhaltung, was sie noch nie gesehen hatte. Sie griff nach ihm, aber er wich zurück. Sie sah seine Füße in den braunen Stiefeln.
»Was ist?«, flüsterte sie. »Was ist passiert?«
Da zerrte er sie plötzlich hoch und presste sie an die Wand. Ein Kleiderbügel fiel klappernd auf den Boden. Sie kniff die Augen ganz fest zu.
»Bitte ... das tut weh.«
»Ich habe den ganzen Abend bei der Polizei gesessen. Ich weiß nicht, wo sie ist! Magdalena! Hängst du da mit drin? Wenn du und Eva was ausgeheckt habt, um mir etwas anzuhängen, dann ... dann weiß ich nicht, was ich mit dir mache.«
Sie antwortete nicht, hing wie eine Puppe in seinen Händen.
Dann schlag mich doch, bring mich um, wenn du willst, ich war es doch, die für dein Kind verantwortlich war.
Er ließ sie los und fuhr herum, ging in die Küche und steckte sich eine Zigarette an.
»Kann ich dir etwas anbieten?«, flüsterte sie. »Einen Tee oder was anderes?«
Er schüttelte gereizt den Kopf.
»Ich möchte, dass du mir haargenau erzählst, was passiert ist. Ich will alles wissen, jedes kleinste Detail.«
»Mach bitte das Licht aus«, bat sie ihn. »Man kann so gut hereinsehen, wenn es draußen dunkel ist. Man kann alles sehen.«
Er tat, worum sie ihn gebeten hatte. Sie zog die Schuhe aus, ging ins Zimmer und legte sich angekleidet ins Bett.
In der Dunkelheit fand sie die Worte.
»Ich dachte, du wärst es gewesen«, flüsterte sie. »Ich habe mir eingeredet, dass du es warst, aber ich habe nichts gesagt, ich habe kein Wort gesagt, das schwöre ich dir, nicht ein Wort.«
»Und warum nicht?«
»Ich weiß nicht.«
»Jedenfalls haben sie mich aufs Revier geholt. Und verhört!«
Sie schluckte. Es pochte in ihren Schläfen.
»Aber mich haben sie doch auch verhört ... und die Kinder.«
Er hörte ihr gar nicht zu.
»Als ob ich meine eigene Tochter kidnappen würde!«
»So abwegig ist das nun auch wieder nicht«, sagte sie. »Ich meine, wenn man bedenkt, wie es zwischen dir und Eva zu stehen scheint.«
»Weißt du, man löst keine Probleme, indem man sich wie ein Irrer benimmt.«
»Nein, aber ... du hast doch mal gesagt, es sei ungerecht, dass deine Eltern Angelica nie treffen dürfen und so. Ich dachte, dass ...«
Er stöhnte auf und sein Gesicht war angespannt und nackt.
»Ich denke so viel an sie. Wo ist sie, Jesus Christus, wo ist sie?« Er erhob die Stimme, schrie die letzten Worte fast. »Wie konntest du sie nur aus den Augen lassen, Magdalena, wie konntest du das tun!«
»Verzeih mir.«
»Oh, hier geht es nicht um Verzeihung. Das hier ist etwas viel Größeres, hier geht es um Leben und Tod.«
»Denkst du, das weiß ich nicht?! Aber es war doch nur für einen kurzen Moment, ich hatte sie in den Kinderwagen gelegt, sie lag auf dem Kissen und schlief, sie war doch krank, sie hatte sogar Fieber.«
Sie hörte an seiner Art zu atmen, dass ihn das noch mehr aufbrachte, und bereute, es gesagt zu haben. Er ging im Zimmer auf und ab, konnte keine Sekunde still sitzen.
»Bitte, Florian«, flüsterte sie. »Komm und leg dich ein wenig neben mich, ich werde dir genau erzählen, wie es war. Wir werden sie finden, natürlich werden wir sie finden. Aber leg dich zu mir, ruh dich ein wenig aus und halt mich fest, ich bin so schrecklich traurig.«
Er zündete sich eine neue Zigarette an, sie sah die leuchtende Glut.
»Ich kann nicht«, murmelte er. »Wie soll ich mich ausruhen können, wenn ich sie die ganze Zeit vor mir sehe? Wie sie ... es tut so weh, Magdalena. Sich vorzustellen, dass jemand einem Kind etwas antun will. All diese kranken Verrückten, die hinter Schloss und Riegel sitzen sollten, aber frei herumlaufen, weil diese Gesellschaft so schlaff ist, und alle anderen ... Pädophilen ... es gibt mittlerweile ja sogar Kinder, die andere Kinder umbringen.«
Sie konnte nichts erwidern, nichts zu ihrer Verteidigung vorbringen. Angelica war verschwunden und sie war schuld, sie allein.
9. Kennet
Ich will eine Tochter, Kennet. Und ich will, dass du mir dabei hilfst.«
Ihre Worte waren nachdrücklich und hellwach.
Er selber hatte noch halb geschlafen und versucht, das Zwitschern der Spatzen zu ignorieren, die draußen unter dem Dachfirst ein Heidenspektakel veranstalteten. Wie viel Uhr mochte es sein? Sechs?
Er drehte sich auf den Bauch und blinzelte in der Dunkelheit in ihre Richtung. Sie lag auf der Seite, hatte die Decke von sich geworfen. Sie trug nur einen Slip, und ihre Brüste waren groß wie Melonen. Sie leuchteten und schimmerten ihm entgegen, und er wurde von der primitiven Lust erfasst, zu ihr zu kriechen, ihr Kind sein zu dürfen.
Sie hatte schon des Öfteren davon gesprochen, hatte ihn gebeten: »Besorg mir ein kleines Mädchen, Kennet, ich bringe nur Jungen zur Welt, und wir brauchen frisches Blut.«
Langsam robbte er sich in ihr Bett, umarmte sie und streichelte ihren sonnengebräunten Bauch. Vormittags lag sie immer auf dem Balkon. An ihrem Körper gab es nicht einen weißen Fleck, nicht einmal unter den Brüsten.
Ihre Hände empfingen ihn sehnig und schnell, spielten auf seiner Haut, waren überall, liefen das Rückgrat hinab, waren hinter den Ohren und wölbten sich wie eine Hülle um seinen Hodensack. Es rauschte in seinen Ohren. Er hockte sich über sie, zog an ihren Beinen, damit sie die Beine anzog, er musste hinein. Aber ihre Schenkel waren unverrückbar.
»Willst du nicht? Was ist mit dir?« Seine Stimme war fast ein Schluchzen, und sie packte ihn an den Hüften und hielt ihn fest.
»Doch, Liebster, ich will. Aber erst musst du mir etwas versprechen, Kennet. Du musst versprechen, mir eine Tochter zu schenken!«
Er hörte ihrer Stimme an, dass sie es diesmal ernst meinte, und nickte, alles was du willst, verspreche ich dir, ich bin dein Sklave, du bist meine Herrin.
Da erschlaffte die stählerne Wand der Muskeln, und sie öffnete sich ihm und ließ ihn hinein.
Sobald die letzten, herrlichen Zuckungen abgeklungen waren, bereute er es. Seine Lust wich nagendem Unbehagen. Sie war schon aufgestanden, und er hörte das Rauschen der Dusche. Dann kehrte sie nackt ins Schlafzimmer zurück, zog ihm die Decke weg, lachte und war zu Späßen aufgelegt.
»Zeit zum Aufstehen, Schlafmütze!«
Sie kochte Kaffee, und er wusste, dass er keine Chance hatte, noch einmal davonzukommen, dies war das letzte Mal. Wie sollte er ohne diese Frau leben können, ohne die Schwere ihrer Brüste in seinen Händen fühlen, nie mehr in ihre engen Öffnungen eindringen zu dürfen? Sie hatte ihn unter ihre Fittiche genommen. Sie hatte ihn wirklich gemacht. Ohne sie war er nur ein simpler Fahrkartenkontrolleur in einer schlecht sitzenden Uniform. Ohne Freunde, ohne ein eigenes Leben.
Widerwillig zog er sich an, Jeans und Hemd, es sollte wieder ein heißer Tag werden. Er schaute auf die Dächer hinaus, sah eine Elster, die regungslos wie ein Pinguin dahockte. Wenn es regnete, sammelte sich Wasser in den kleinen Vertiefungen am Schornstein, es waren kleine Schalen, aus denen die Vögel trinken konnten. Er dachte an die Tochter, die sie so gerne haben wollte, stellte sich vor, dass er sie auf den Arm nahm und mit ihr aus dem Fenster schaute.
»Siehst du die Elster da, sie frühstückt, sie trinkt ihren Kaffee, oh, hoppla, jetzt ist sie weggeflogen.«
Doch. Natürlich wollte er eine Tochter haben. Die Jungen gehörten ja nur ihr. Sie waren nicht hier, sondern oben in Gällviken. Der Älteste war zehn Jahre alt. Sie waren von verschiedenen Vätern, aber das machte ihr anscheinend nichts aus, im Gegenteil, es schien vielmehr, als würde sie es geradezu als eine Ehre empfinden, so viele Männer wie möglich gekannt zu haben.
Im Moment war er der Mann.
Kennet.
Woher sollte er nur die zum Leben nötige Kraft schöpfen, wenn er nicht bei ihr sein durfte?!
Sie stand am Tisch und strich Butter auf ein Stück Knäckebrot. Sie trug ein T-Shirt und einen kurzen, schwarzen Rock. Ihre Haare lagen nass im Nacken. Seine Verzweiflung wuchs.
Du wirst mich doch niemals verlassen, dachte er und öffnete den Mund, um die Worte auszusprechen.
Im gleichen Moment drehte sie sich zu ihm um.
»Ich will, dass du es heute machst! Jetzt! Heute Vormittag!«
Ihr Gesicht veränderte sich, als er sie ansah, es kam ihm vor, als würde sich sogar die Farbe ihrer Augen ändern. Barfuß ging sie zu ihm und legte ihre Hände an seine Wangen.
»Du schaffst das. Ich weiß, dass du es schaffst.«
Er fuhr nach Hässelby hinaus. Es war nicht seine Entscheidung, die Hände am Lenkrad steuerten ihn auf den Drottningholmsvägen, über die Tranebergsbrücke, am Brommaplan-Kreisverkehr vorbei und weiter den langen Champs-Elysées-ähnlichen Bergslagsvägen hinab.
Er fühlte sich eigentümlich stark, in diesem Moment hatte er fast das Gefühl, unter Drogen zu stehen. Sie hatte ihm Kraft gegeben, aber er wusste, dass es damit jeden Moment vorbei sein konnte. Sie mochte es nicht, wenn man unschlüssig war, sie wollte einen schnellen und tatkräftigen Mann, das hatte sie immer wieder betont.
Manchmal, wenn sie ihn verhöhnte, wenn sie ihn auf diese spezielle Art ansah, zum Beispiel, wenn es ihm einfach nicht gelingen wollte, die Aufmerksamkeit des Kellners auf sich zu ziehen, nachdem sie gegessen hatten und zahlen wollten, saß sie ihm gegenüber und beobachtete ihn. Dann zuckte es um ihre Nasenflügel und er bereitete sich vor und wartete auf die Explosion und verstummte. Schließlich erschallte ihre mächtige, tiefe Stimme: »Wir wollen zahlen!«
Nachher brachte sie ihn dazu, Dinge zu tun, auf die er selber nie im Leben gekommen wäre. Und er tat alles, damit sie wieder gut gelaunt war. Das quälte ihn, aber gleichzeitig genoss er es auch fast.
Er hatte Hässelby erreicht. Die Straßen waren menschenleer. Als hätte die Erde aufgehört, sich zu drehen, als wäre er der letzte Mensch. Er sah die Einfamilienhäuser mit ihren kleinen Gärten, die gepflegten Rasenflächen und die proper blühenden Blumenbeete in Gelb und Rot und Weiß. Intensive Sehnsucht nach einem geborgenen und gesitteten Leben in einem dieser kleinen Häuser regte sich in ihm, nach einem eigenen Haus mit einem Gartenweg, in den man Streifen harkte, vielleicht auch mit einem Hund. Er wollte so gerne alles auslöschen, was sie erlebt hatte, bevor sie sich kennen lernten, und noch einmal ganz von vorne anfangen. Sie könnten beispielsweise dort hinten in dem weißen Haus mit dem hohen schwarzen Dach wohnen, das eine Garagenauffahrt hatte, in der er das Auto abstellen würde, wenn er nach Hause gekommen war. Es konnte über Nacht draußen stehen bleiben, wenn das Wetter so war wie im Moment, und im Morgengrauen würde es taufeucht sein, in der Früh, wenn er im Bademantel nur vor die Tür trat, um die Zeitung ins Haus zu holen.
Sein Gedankenspiel wurde jäh von Kinderstimmen unterbrochen. Es war eine ziemlich große Gruppe, vermutlich aus einem Kindergarten, die auf dem Bürgersteig ging. Zwei junge Frauen versuchten die Kinder zusammenzuhalten. Eine braunhaarige, etwas untersetzte Frau hielt zwei von ihnen an der Hand, und ein paar Jungen liefen einen Hügel hinauf und in den Wald. Die andere Frau, die blond war und etwas kindlich aussah, schob einen Kinderwagen, in dem ein schlafendes Mädchen lag.
»Wartet auf uns!«, rief die braunhaarige Frau den Jungen hinterher.
Sie bogen auf den Parkweg. Kennet blieb im Auto sitzen. Er beobachtete, wie sie sich dort oben verteilten, und sah sie in dem Wäldchen verschwinden. Sie waren zu ihm gekommen, es war so vorherbestimmt gewesen. Eine höhere Macht hatte dafür gesorgt, dass sie seinen Weg kreuzten.
Ja.
Er war jetzt stark, öffnete das Necessaire, das sie ihm gegeben hatte, und holte die Spritze heraus. Vorsichtig platzierte er es auf dem Beifahrersitz, bedeckte es mit einem Blatt Papier und atmete tief durch.
Dann öffnete er die Autotür und stieg aus.
10. Angelica
Wie ein Kokon oder eine Puppe, du weißt doch sicher, was das ist, man wird dann ein Schmetterling, ein Schmetterling, stell dir vor, es wäre so, du musst so tun, die ganze Zeit so tun! Erst musst du hier nur liegen und wachsen, denn deine Flügel sind noch dünn, viel zu dünn, um dich zu tragen, aber dann, wenn du fertig bist, wenn der Tag gekommen ist, ja, dann kannst du zwischen den Blumen hin und her flattern wie all die anderen Schmetterlinge, die du gesehen hast, das habt ihr doch bestimmt im Kindergarten gelernt, ihr lernt doch solche Sachen, oder etwa nicht? Und du kannst natürlich jederzeit wieder zurückgehen und das ganz normale Mädchen werden. Wie heißt du? Ich frage mich, wie du heißt.
Sie wurde getragen wie ein Paket. Es waren liebe, behutsame Hände, aber sie konnte die Arme nicht bewegen und hatte einen staubigen Geschmack im Mund. Sie wollte weinen, aber es ging nicht, sie war tief, ganz tief in sich selbst und reichte an keine Tränen heran, auch nicht an Angst. Sie schaukelte sanft und in den dichten Kokon eingeschlossen hin und her.
Du bekommst natürlich einen anderen Namen, wenn du wiedergeboren wirst, es wird ein schöner Name sein, das kann ich dir versprechen, das kann sie nämlich gut, sich Namen einfallen lassen, und dann wirst du vergessen, wie du heißt, ich würde es dich trotzdem gerne sagen hören, vielleicht später, wenn du geschlafen hast, vielleicht wenn ich mir dein kleines, feines Gesicht anschauen kann, aber du brauchst keine Angst zu haben, denn dir passiert nichts.
Einmal hörte sie einen Automotor. Da dachte sie, dass ihr Papa gekommen war, und die Erleichterung übermannte sie, und sie schlief ein, und als sie wieder aufwachte, war es nass und kalt zwischen ihren Beinen und sie begriff, dass sie in die Hose gemacht hatte. Da wollte sie von neuem weinen.
Sie wurde getragen und lag zusammengekauert. Da waren Laute, die sie nie zuvor gehört hatte, ein Knirschen, und sie zuckte mit dem Körper, um zu zeigen, dass sie wach war und sich bepinkelt hatte, aber nichts geschah, der Kokon umhüllte sie weiter und sie war eingeschlossen und stumm. Sie musste ruhen, ruhen, warten.
Als sie das nächste Mal aufwachte, war etwas passiert. Die Umhüllung war weicher, und sie versuchte die Augen zu öffnen, hatte aber nicht die Kraft dazu. Sie nahm einen fremden, seltsamen Geruch wahr. Da fiel es ihr ein: Rumänien. Hatte Papa sie mitgenommen? War sie in Omas und Opas Haus? Er hatte es ihr beschrieben, es gab dort Hühner, die jeden Morgen braune Eier legten, und sie würde mitgehen und sie holen dürfen. Und das Kaleidoskop, das ihre Oma gemacht hatte, es hieß tatsächlich so, es war ein kleines Rohr, eine Röhre mit Spiegeln. Papa sagte so viele komische Sachen, wenn er anfing zu erzählen, jedenfalls erschienen Sterne in der Röhre und Muster, immer neue Muster.
»Die Oma hat so ein Kaleidoskop für dich gemacht. Sie wird es dir schenken, wenn du sie besuchst. Sie hat Sehnsucht nach ihrem kleinen, schwedischen Mädchen.«
Sie dachte daran, und der Geruch stieg auf und war süß und warm und würzig.
Dann war jemand traurig. Es war ein Mann, und er war ganz in ihrer Nähe. Ja genau, es war die gleiche Stimme wie zuvor, aber sie klang jetzt anders und das störte sie.
Der Mann. Er hatte sie getragen, und sie hatte sich seltsam geborgen bei ihm gefühlt. Aber jetzt hörte sie seine heftigen Atemzüge, nahm den Geruch von Schweiß und Angst wahr, hörte sein immer verzweifelteres Schluchzen.
Dann hörte sie die Tantenstimme, zugleich leise und durchdringend, sie hatte etwas Kaltes und Heiseres, und plötzlich löste sich der Nebel auf und Angelica bekam Angst. Sie öffnete die Augen, aber ein Schleier aus Stoff oder Dunkelheit hinderte sie daran zu sehen, und sie versuchte die Arme zu heben, aber es ging nicht, sie lag auf ihnen, und sie waren eingeschlafen, ihr ganzer Körper war taub, und sie wimmerte ein wenig, aber das war nicht zu hören, sie hörte ihre eigenen Laute nicht, wer sonst sollte sie dann hören können?
11. Daniel
Er stand auf dem falschen Bahnsteig. Erst als er den Zug kommen hörte, erkannte er, dass er den anderen Aufgang hätte nehmen müssen, denn er musste doch in die Stadt, nicht nach Hässelby hinaus. Jetzt konnte er genauso gut hier einsteigen. Er wusste ja eh nicht, wo er hin sollte, also konnte er sich ebenso gut in den Zug setzen und für den Rest seines Lebens zwischen den Haltestellen hin und her pendeln.
Ihm brummte der Schädel, es war ein dumpfer und bohrender Schmerz, der von dem Schlag herrührte, den er versetzt bekommen hatte. Der Mann in dem Jackett hatte ihm eine verpasst, dass er kopfüber auf den Küchenfußboden gefallen war, und während er dort lag, hatte der Mann ihn weiter misshandelt. Er hatte Ulrikas nackte Füße gesehen und nach ihnen getastet. Sie hatte versucht, die Füße wegzuziehen, sie vom Boden zu heben, aber sie war fett und schwer, sodass er schließlich ihre Knöchel packen konnte, an die er sich geklammert hatte, bis sie einen Ruck machte und ihn zur Seite warf.
Er hatte ihr zugerufen. Flehend hatte er gerufen. »Sorg bitte dafür, dass er aufhört, Ulrikchen, sag ihm, er soll aufhören.« Das hatte den Mann nur noch wütender gemacht.
»Ist ja gut, ich geh ja schon«, hatte er schließlich geschluchzt, ja, er hatte geschluchzt, und die Stimme war nicht seine eigene, sondern verzerrt und verwandelt gewesen, hell und dünn wie bei einem Kastraten hatte sie geklungen. Er hatte sich mit den Fingern an den Mund gegriffen und hatte Blut auf den Fingernägeln, hatte auf dem Fußboden gekauert und sich leer gefühlt.
»Das wirst du noch bereuen, Ulrika, der Tag wird kommen, an dem du das bereuen wirst.«
Ein neuerlicher Tritt gegen den Brustkorb ließ ihn auf alle viere fallen wie ein Tier.
»Verschwinde jetzt, ehe ich dich zu Tode trample!«
»Ja, ja ... lass gut sein! Ich bin doch schon unterwegs, verdammt! Aber ich muss meine Sachen haben, meine Sachen, ich muss sie doch mitnehmen.«
Sie hatte alles in ein paar Plastiktüten gestopft, weiß der Teufel, wann sie das getan hatte. Vermutlich, als er schlief. Er dachte, dass die beiden im Raum gestanden und ihn angeglotzt hatten, und ihm wurde schlecht.
Er war allein in dem Wagon, jedenfalls fast. Schemenhaft sah er ein Paar mittleren Alters, das die Köpfe eng aneinander geschmiegt hatte.
Helft mir, dachte er, aber sie waren ganz eng zusammen, es gab keinen Spalt, in den er seine Worte hätte schieben können.
Wo soll ich nur hin?, schoss ihm durch den Kopf, aber er war noch zu benommen und geschockt, um sich wirklich Sorgen zu machen.
Der Zug fuhr ruckelnd, so als könnte er jeden Moment kaputtgehen. Plötzlich hielt er an. Daniel lehnte die Stirn gegen das Fenster und starrte hinaus. Eine einsame Frau fuhr unter ihm Fahrrad. Sie trat in die Pedale, als würde sie verfolgt. Sie wusste, wo sie hinwollte. Er nicht.
Er blieb im Wagon sitzen, während der Zug bis zur Endstation in Hässelby strand fuhr, um dort zu wenden und wieder Richtung Hagsätra zu fahren. Das ältere Paar stieg aus. Sie sahen weg, er machte ihnen Angst. Der Fahrer schaute zu ihm herein, während er auf dem Weg zum letzten Wagen war, der nun die Rolle der Lokomotive übernehmen würde. Er war Ausländer, die Augäpfel leuchteten weiß in seinem dunklen Gesicht.
»Du nicht aussteigen?«, fragte er.
»Ich will in die Stadt.« Daniel sprach undeutlich, seine Lippen waren geschwollen. Der Fahrer schien noch etwas sagen zu wollen, aber dann schüttelte er nur den Kopf und schlenderte weiter.
Daniel zog die Tüten an sich heran. Es lag alles kunterbunt durcheinander, sie hatte sich nicht die Mühe gemacht, seine Unterhosen und Strümpfe zusammenzufalten. Er besaß nicht besonders viel. Ein zweites Paar Schuhe. Die Winterjacke. Die Mütze, die er im Second-Hand-Laden der Ärztemission in Johannelund gekauft hatte, eine dicke Strickmütze, die anscheinend nagelneu war. Er hatte sie noch nicht benutzt, sie auf Vorrat für den nächsten Winter gekauft.
»Schlampe«, dachte er und die Trauer überwältigte ihn. Er fuhr sich mit der Hand über den Mund, er war alleine im Wagon. Dann setzte sich der Zug wieder in Bewegung und fuhr los.
Einen Moment lang kam ihm Jerry in den Sinn. Sein Bruder hatte eine Wohnung im Innenstadtbezirk Vasastan. Daniel hatte ihn dort ein einziges Mal besucht. Er schrumpfte, sobald er diese Wohnung betrat, fühlte sich gedemütigt.
Aber konnte er denn überhaupt noch mehr gedemütigt werden, als er es ohnehin schon war?
Guten Abend, mein Bruder. Oder wie auch immer es heißen mochte. Darf ich bei dir schlafen?
Nein. Das musste warten. Nur im äußersten Notfall würde er Kontakt zu seinem Bruder aufnehmen.
Der Zug sauste durch die Frühlingsnacht. Er hatte die Füße auf den gegenüberliegenden Sitz gelegt und den Kopf an die Wand gelehnt, aber das tat ihm weh. Vielleicht sollte er sogar zur Polizei gehen und das Schwein anzeigen.
Obwohl man doch nicht auf ihn hören würde. Die Polizei würde sagen, er sei selber schuld. Daniel Magnusson, wir haben dich nicht vergessen. Wir behalten dich im Auge.
Er hatte vor ein paar Jahren ein Auto geklaut und ein paar Einbrüche verübt. Nichts Ernstes. Er hatte diese Dinge längst aufgegeben, jeder junge Bursche stellte doch mal etwas an. Aber die Bullen würden sich bestimmt nicht für ihn einsetzen. Einmal Dieb, immer Dieb.
Er erinnerte sich vage an etwas, das dieser Typ gesagt hatte, der bei Ulrika war.
»Wenn du dich hier noch einmal blicken lässt, gehen wir zur Polizei und erzählen, was du mit Ulrika gemacht hast. Vergewaltigung, mein Lieber! So etwas wird hart bestraft.«
Daniel hatte Ulrikas Augen gesucht, und sie hatte seinen Blick erwidert und ihn angestarrt, aber ihre Augen waren schmal und kalt gewesen. Leblos.
Er hatte Durst. Sein Mund schmeckte salzig. Er sehnte sich nach Limonade und Himbeeren, es war eine Kombination aus grauer Vorzeit, eine Erinnerung aus dem Haus seiner Großeltern: »Geh in den Keller, mein Junge, und hol dir eine Limonade.« Es war wahrscheinlich an seinem Geburtstag gewesen, seine Großmutter hatte einen Kuchen gebacken. Sie machte immer solche harten Kuchen, aber es gab Himbeermarmelade und Sahne dazu, und er aß so viel davon, dass er am Ende auf die Toilette gehen und sich übergeben musste.
Er stieg am Fridhemsplan aus, weil ihm eine Idee gekommen war. Er würde zu einem der Häuser gehen können, in denen er das Treppenhaus putzte. Dort würde er sich waschen und umziehen und vielleicht sogar ein wenig schlafen können. Dann würde er weitersehen.
Die Rolltreppe lief nicht. Er stapfte sie vorgebeugt mit seinen beiden Tüten hinauf, hatte Schmerzen im ganzen Körper. Um in die Industrigatan zu kommen, musste er die Kleine Platte überqueren, wie der Platz in der U-Bahn-Station genannt wurde.
Ich beachte sie gar nicht, ich gehe einfach weiter, dachte er.
Der Gedanke, jemand könnte ihn ansprechen, machte ihn nervös. Es kampierten Leute auf dem Steinfußboden, die aggressiv werden und sich einbilden konnten, das sei ihr Grund und Boden. Die Obdachlosen. Sie saßen und lagen entlang der Wände und glotzten ihn an. Er musste weitergehen, war aber plötzlich nicht mehr fähig, auch nur einen einzigen Schritt zu machen. Natürlich fiel er ihnen sofort ins Auge.
»Komm her, Kamerad«, rief jemand, es war die grölende Stimme einer Frau. »Willst du ein Bier?«
Das war keine Frage, es war ein Befehl. Er stellte seine Tüten ab.
»Nun komm schon her! Hab keine Angst, mein Junge.«
Mein Junge, dachte er.
Er spürte eine Hand auf seiner Schulter und zuckte zusammen. Hinter ihm stand ein Mann.
»Bist du etwa schüchtern?«, sagte der Mann lallend, und aus seinem Mund schlug ihm eine Schnapsfahne entgegen. Daniel hob seine Tüten auf. Der Mann führte ihn zu der kleinen Menschengruppe. Sie rückten zusammen, machten Platz für ihn. Er wurde auf die ausgelegten Zeitungen herabgedrückt. Auf einmal merkte er, dass er pinkeln musste.
Die Frau streckte ihm einen mageren Arm entgegen.
»Victoria! Wie die Prinzessin. Herzlich willkommen in der Säulenhalle.«
»Daniel«, sagte er reserviert.
»Oh verdammt. Schon wieder wie die Prinzessin.«
»Wie bitte?«
»Na, Victorias Freund heißt doch Daniel. Du, wir beide könnten ein Paar werden.«
»Ich bin unterwegs wohin«, murmelte er.
Neben ihr stand ein alter, klappriger Kinderwagen, in dem sich etwas bewegte.
Ein Kind, dachte er träge. Dann aber sah er, dass es ein Tier war, erblickte eine spitze Schnauze und zwei glänzende Augen. Er reckte den Hals und versuchte mehr zu sehen.
Die Frau öffnete eine Dose Bier, die überschäumte.
»Mein Baby«, sagte sie und schaukelte den Wagen ein wenig. Die Schnauze verschwand zwischen den Lumpen.
Sie reichte ihm die Dose, und er trank vorsichtig einen Schluck. Er hatte schrecklichen Durst. Dann musste er sich aufrappeln und ein wenig zur Seite gehen. Er pinkelte an die Wand. Vor ihm war schon jemand an dieser Stelle gewesen, er sah einen Haufen Kot und Papier.
Als er sich wieder umdrehte, sah er, dass die Frau aufgestanden war. Sie trug eine schwarze Jeans, die über den Knien aufgerissen war. Ihr Bauch stand vor, als wäre sie schwanger. Ein grober Strickpullover hing herab und verbarg ihre schmächtigen Schenkel. Mit zitternden Händen steckte sie sich eine Zigarettenkippe an und begann augenblicklich zu husten.
»Setz dich«, brummte einer der Männer, er hatte linkisch gestochene Tätowierungen auf den Händen. »Victoria, nun setz dich schon hin, verdammt, du wirst dich noch erkälten.«
Sie wandte sich ihm zu, stand schwankend in der Dunkelheit.
»Gib ihm mehr Bier«, sagte sie gellend. »Er kann es gebrauchen, er hat eine Tracht Prügel bekommen. Hast du eine Tracht Prügel bekommen, Daniel? Wer ist so gemein gewesen und hat dich derart vermöbelt? Einen so lieben und hübschen Jungen wie dich.«
»Ach, das ist halb so wild.«
Sie kam zu ihm, kam nahe heran, roch nach Fisch und Rauch.
»Wir setzen uns hin, verdammt, so ist es gemütlicher, gemütlicher für uns alle.«
Sie zog ihn zu sich herab, klopfte auf die Zeitungen. »Setz dich, du darfst bei mir bleiben.«
Eine seltsame Ruhe breitete sich sachte in ihm aus.
Der Mann mit den Tätowierungen zog eine Flasche heraus und reichte sie schweigend weiter. Daniel trank. Es brannte wie Pfeffer in seiner Kehle, und er musste sich etwas hinlegen. Ihm wurde erneut schwindlig, die bohrenden Kopfschmerzen meldeten sich wieder. Victoria ordnete ihre Haare. Er fror ein wenig, und ihm war schlecht, er kauerte sich zusammen, zog Arme und Beine an den Körper.
»Was ist das für ein Tier?«, flüsterte er.
»Was denn, meinst du die Ratten oder die Tauben? Oder vielleicht die Läuse, denkst du eher an sie?«
»Ich meine in dem Wagen.«
»Ach so, das ist Sally, sie ist mein Baby, mein Kind.«
»Ich habe euch manchmal gesehen«, flüsterte er, war aber nicht sicher, ob einer von ihnen es hörte. »Wohnt ihr hier?«
»Ja, wir wohnen hier in der Säulenhalle.«
Die Frau hatte angefangen zu singen. Sie hatte eine heisere und melodische Stimme, ihre Finger kraulten seine Haare.
Er musste eingeschlafen sein, hörte dann aber das Geräusch einer rollenden Büchse. Sein Kopf lag direkt auf dem Steinboden, neben seiner Wange war Stoff. Die Frau lag da wie tot.
»Hoch mit euch!«
Daniel öffnete die Augen und setzte sich auf.
»Ihr könnt hier nicht bleiben. Haut ab!«
Er hörte das Geräusch fließenden Wassers, das Flattern von Flügeln, ein knatterndes Donnern, das immer lauter wurde. Die Tauben.
Er musste wieder pinkeln und beugte sich über die Tüten, er fühlte sich schlapp. Die anderen blieben liegen, wie ein Haufen alter Stofffetzen. Langsam erwachten die Lumpen zum Leben und begannen, sich zu rühren.
Ich will nicht, dachte er, hätte aber nicht sagen können, was er damit eigentlich meinte. Vicoria wankte zur nächstgelegenen der breiten Säulen, die über den ganzen Platz verteilt waren, zog ihre Jeans herunter und ging in die Hocke. Er sah ein Stück ihres mageren, graubleichen Pos.
»Hör mal, verdammt!«, rief einer der Männer im Overall und richtete den Wasserschlauch in ihre Richtung. Sie blieb in der Hocke, bis sie fertig war, und kehrte anschließend mit einer Art stiller Würde zurück. Ihre Hände, ihr ganzer Körper zitterten vor Kälte.
Er dachte, dass er sich davonstehlen musste. Sie durften ihn nicht sehen, ihre Augen würden ihn festhalten und verhindern, dass er sie verließ. Er stand mit seinen beiden Tüten da und rührte sich nicht.
»Verdammt, was macht ihr hier nur für einen Dreck jede Nacht«, rief der Mann mit dem Wasserschlauch. Keiner von ihnen erwiderte etwas, an Vorhaltungen dieser Art waren sie sicher gewöhnt, hörten wahrscheinlich überhaupt nicht mehr hin.
»Aber das wird bald ein Ende haben«, fuhr der Mann fort. »Bald bleibt es uns erspart, eure verdammte Scheiße wegzuspülen, wisst ihr das eigentlich? Das Ganze hier wird zu einer Einkaufsgalerie umgebaut. Ich freue mich schon richtig darauf, wenn hier gründlich aufgeräumt wird. Das hätte man schon viel früher machen sollen.«
Der Mann mit den Tätowierungen hustete. Er schüttelte sich, vergrub die Hände in den Taschen, setzte sich in Bewegung. Widerwillig folgten ihm die anderen. Victoria öffnete den Mund, ihr fehlte ein Zahn, das war ihm vorher gar nicht aufgefallen. Sie gähnte ausgiebig und traurig und reckte sich nach dem Kinderwagen.
Plötzlich begann sie zu deklamieren:
»So treibt es uns, verlorene Seelen, von Lagerstatt zu Lagerstatt, nichts wissend von der nächsten Rast und von der Reise Ziel.«
»Gedichte kannst du woanders aufsagen! Haut jetzt endlich ab!« Das Wasser spritzte in kleinen harten Tropfen vom Boden auf. Victoria erhob die Stimme und breitete die Arme aus.
»Wisse, hier wechseln Nacht und Tag, schwerer Abend und mächt’ger Sonnenaufgang, und dass unsere Reise mal kurz erscheint, mal unbarmherzig lang.«
»Wenn ihr einen Sonnenaufgang sehen wollt, müsst ihr rausgehen«, sagte der Mann mit dem Schlauch. »Hier unten gibt es verdammt noch mal keine Sonne, nur jede Menge Dreck und Müll.«
Daniel blieb stehen und sah sie davongehen. Victoria schob den Kinderwagen, der Tätowierte zündete sich eine Zigarette an. Sie drehten sich nicht um, forderten ihn nicht auf, sie zu begleiten, schienen ihn vergessen zu haben. Er hob seine Tüten an, die eine war am Boden feucht geworden. Einer der Männer hob seinen Schlauch wie eine Waffe und zielte direkt auf Daniel.
»Das gilt auch für dich!«
»Okay, verdammt, ich habe schon begriffen«, sagte er leise. Die eine Tüte an die Brust gepresst schlich er zur Treppe.
12. Kennet
Es ging leichter, als er sich das jemals vorgestellt hätte. Das Schicksal meint es gut mit mir, schoss es ihm durch den Kopf, und der Gedanke stimmte ihn fast schon fröhlich. Das Mädchen lag in dem Kinderwagen, war allein und schlief.
Sie lag da wie bestellt.
Sie wollten ihr ja auch gar nichts antun. Im Gegenteil. Die Kleine würde es in Zukunft viel besser haben. Wie sie dort lag, glich sie einer Puppe mit dichten Wimpern. Ihre Wangen glühten wie auf einem billigen Druck, der ihm aus seiner Kindheit in Erinnerung geblieben war.
Sie war so feingliedrig.
Als er behutsam den Arm unter ihren Rücken schob, zuckte sie zusammen und wurde langsam wach. Er legte ihr die Hand auf den Mund und sah, wie sich ihre Augen vor Überraschung und Entsetzen weiteten.
Da nahm er sie in den Arm und lief los.
Sie wehrte sich kaum, was ihn im Nachhinein wunderte. Er öffnete die hintere Tür und legte sie auf die Rückbank, zog ihr Kleid ein wenig nach oben und presste die Nadel der Spritze kurz über dem Knie in ihr Fleisch. Daraufhin gab sie einen kurzen, krächzenden Schrei von sich, aber nicht laut, niemand außer ihr selbst konnte ihn hören. Ihr Bein zuckte ein wenig, aber nur schwach, sodass es ihm gelang, die Spritze festzuhalten, bis sie leer war.
Er hüllte sie in die karierte Decke, streichelte linkisch ihre Füße, entschuldige, dass ich dir wehgetan habe, aber jetzt wird alles gut, alles gut. Saß er nicht sogar da und summte mit seiner dünnen Stimme ein Lied, das ihm gerade in den Sinn kam? Schmetterlinge taumeln trunken ...
Schmetterlinge, das würde sie verstehen.
Im Grunde hätte er es eilig haben müssen, aber daran dachte er überhaupt nicht.
Er hatte erwartet, dass sie zappeln und beißen würde, und der Gedanke, dass er sie hart anfassen, ja vielleicht sogar schlagen müsste, hatte ihn geängstigt. Er war das genaue Gegenteil von einem gewalttätigen Mann. Als er im Fernsehen einmal eine Reportage über Tiertransporte gesehen hatte, war er zusammengebrochen und in Ohnmacht gefallen.
Das Kind glitt in einen Dämmerzustand. Sie hatte es ihm beigebracht, so musst du die Spritze halten, er hatte an ihr üben müssen, bis er es schließlich beherrschte. Sie leide an Allergien, die jederzeit ausbrechen könnten, hatte sie erklärt, und dann müsse er ihr helfen können.
»Aber so ein kleines Kind ... was ist, wenn die Dosis zu hoch ist, wenn sie stirbt?«
»Du musst endlich lernen, mir zu vertrauen, Kennet.«
Richtig. Sie war Krankenschwester. Und sie wollte doch endlich ihre Tochter haben.
Ruhig ließ er den Wagen an und fuhr davon. Eine Frau kam ihm entgegen, aber sie ging mit zwei Hunden spazieren und war vollauf damit beschäftigt, darauf zu achten, dass die Leinen der Hunde sich nicht verhedderten. Sie hatte ihn überhaupt nicht bemerkt, würde sich nie im Leben erinnern können, ein Auto gesehen zu haben. Die Hunde sprangen um sie herum. Im Rückspiegel sah er sie immer kleiner werden.
Das Schwerste war vorbei. Das Zweitschwerste würde sein, das Mädchen in die Wohnung zu schaffen.
Kennet fuhr Richtung Lövsta und parkte auf einem Waldweg. Dort öffnete er den Kofferraum und holte die große Tasche mit den Sportabzeichen heraus. Auf ihrem Boden lag eine Bahn dünnen Vorhangstoffs, den er um Brust und Arme des Mädchens wickelte. Anschließend presste er sie vorsichtig in die Tasche. Sie sah so klein aus, so schutzlos. Ihr Körper war schlaff, gurgelnde Laute drangen aus ihrer Kehle.
Ich muss mich beeilen, dachte er verwirrt. Sie muss ordentlich Luft holen können.
Er wagte es nicht, den Reißverschluss komplett zu schließen, stellte die Tasche auf die Rückbank und kontrollierte ein weiteres Mal, dass das Mädchen atmete.
Während der Rückfahrt begann er zu zittern, was eigenartig war, denn schließlich hatte bis jetzt alles reibungslos geklappt. Am Ängbyplan hörte er Sirenen. Trocken und rau lag seine Zunge im Mund, er versuchte sich zu räuspern, verschluckte sich jedoch stattdessen. Er war den Tränen nahe und musste schlucken, um sie zu unterdrücken.
Im Rückspiegel sah er einen Streifenwagen, der sich in rasender Fahrt näherte, und sein Herz pochte so sehr, dass er es bis in die Handflächen spüren konnte. Er fuhr an den Straßenrand. Der Motor stockte und ging aus. Daraufhin legte er die Hände auf die Ohren, senkte den Kopf und wartete.
Aber es passierte nichts. Die Sirenen wurden lauter und kurze Zeit später wieder leiser, und als er es wagte aufzuschauen, war der Streifenwagen schon längst vorbei und weit entfernt. Er lachte auf. Aber seltsam war es schon, denn diese jungen Frauen mussten doch inzwischen gemerkt haben, dass der Kinderwagen leer war. Sie mussten doch Alarm geschlagen haben. Wie konnten sie ein kleines Kind überhaupt so alleine lassen! Das war einfach unverzeihlich. Es geschah ihnen fast recht.
Jetzt war alles gut, es würde gut gehen, alles würde gut werden. Von heute an würde sich alles um sie beide und das neue kleine Kind drehen, ihr gemeinsames Kind, er hatte ihr die Tochter beschafft, die sie sich so gewünscht hatte. Er drehte den Kopf, um sich die Tasche anzusehen. Sie stand da wie eine ganz normale Tasche und hätte alles Mögliche enthalten können. Wer sollte ihm schon folgen? Es war dem Auto doch nicht anzusehen, dass er ein Kind entführt hatte. Er war ein Autofahrer unter vielen.
Er näherte sich dem Fridhemsplan, und der Verkehr war im Laufe der Zeit dichter geworden, der Tag hatte endgültig begonnen.
Niemand würde ihn je finden.
13. Kennet
Die Tasche war unhandlich. Es wäre leichter gewesen, sie auf den Arm zu nehmen, wie man es normalerweise tut, wenn man ein Kind trägt. Es wäre darüber hinaus auch für sie bequemer gewesen, aber reiner Selbstmord für ihn.
Er drückte den Knopf, und der Aufzug kam herunter. Er war leer. Vorsichtig stellte er die Tasche an die Wand. Er hatte etwas über sie geworfen und den Reißverschluss zugezogen, für ihre Nase jedoch eine Öffnung gelassen. Wenn ihn jemand überraschte, konnte er immer noch sagen, er hätte einen Hund in der Tasche, einen Hund, mit dem er beim Tierarzt gewesen war. Er würde sich abweisend geben, um sie glauben zu machen, dass der Hund sehr krank war, vielleicht sogar im Sterben lag. Dann würden sie ihn nicht weiter belästigen, denn ein Mensch hatte das Recht, mit seiner Trauer in Ruhe gelassen zu werden.
Aber er begegnete niemandem und dachte mechanisch, dass er einmal mehr Glück hatte.
Sie war ausgegangen, was ihn eigenartigerweise erleichterte. Er stellte die Tasche im Flur ab und beeilte sich, das Mädchen herauszuheben. Der kleine Körper war glühend heiß. Die ganze Zeit über redete er beruhigend auf sie ein, was er nun bedenkenlos tun konnte, denn es gab ja niemanden, der ihn hörte. Er betrachtete ihr zierliches, wohlgeformtes Gesicht und hielt sie an seine Brust. Daraufhin öffnete sie schmatzend den Mund, und ein Zipfel seines Hemds glitt zwischen ihre Lippen, und sie begann daran zu saugen. Es war fast, als würde er ihr die Brust geben.
»Du kleines, liebes Kind«, flüsterte er. »Du wirst es so gut bei uns haben, du wirst durch dichtes, grünes Gras laufen dürfen, wo es keinerlei Verschmutzungen gibt – die Luft wird klar und taufrisch sein und nichts wird dir Schaden zufügen können. Aber du musst jetzt tapfer sein und noch eine Weile still liegen, du kannst ja so tun, als wärst du eine Schmetterlingspuppe, du hast doch bestimmt schon mal eine gesehen und weißt, was eines Tages aus den Puppen herauskommt, es sind die Schmetterlinge, bringt man euch so etwas im Kindergarten bei, erzählt man euch von den Schmetterlingen mit ihren glänzenden Flügeln?«
Dann sah er ihren Gesichtsausdruck, als sie ihn, die Tasche und den Vorhangstoff sah. Halblaut rief sie aus: »Ist das wahr, Kennet, ist das wirklich wahr?«
Sie war stundenlang fort gewesen, und in der Zwischenzeit hatten seine Gedanken ihn mehr und mehr gequält. So ein liebenswertes, kleines Kind musste doch Eltern haben. Wie sollten sie es nur mit ihrem Gewissen vereinbaren, diesen Eltern solchen Schmerz zuzufügen?
Nein. Es gab eine andere Lösung.
Er stand bereit, es ihr zu sagen, vermochte sie jedoch nicht daran zu hindern, in das Zimmer zu eilen, wo sie abrupt stehen blieb. Das Kind lag auf dem Rücken und schlief. »Sie ist bezaubernd, Kennet, sie ist besser, als ich es mir jemals hätte vorstellen können!«
Da ging er ihr nach und umarmte sie von hinten, und sie drehte sich zu ihm um und küsste ihn. Als er in ihr Gesicht sah, entdeckte er Tränen in ihren Augen.
Plötzlich wurde er unbezwinglich stark, und die Worte kamen wie von selbst.
»Hör mir bitte mal zu, ich habe nachgedacht. Das geht einfach nicht, wir müssen sie zurückgeben. Sie hat Eltern, man kann doch nicht einfach ein Kind stehlen, ganz gleich, wie gut man es meint. Es ist Sache der Eltern, sie vor Gefahren zu beschützen, nicht unsere. Wir machen stattdessen unser eigenes Kind, unser eigenes, kleines Mädchen, wir haben es heute Morgen gemacht, ich habe es gespürt.«
Ihr Lachen war kurz und metallisch.
»Sieh einer an, Mister Gewissen spricht!«
»Sag so was nicht! Ich liebe dich.«
Die Schwäche sickerte wieder in ihn hinein und ergriff Besitz von ihm. Sie hörte ihm nicht mehr zu, sondern ging zu dem Kind und begann, es zu untersuchen, strich über die verschwitzten Haare, hob ein Augenlid an.
»Gute Arbeit, Kennet! Aber sie wird bald aufwachen. Ich werde ihr etwas Beruhigendes geben müssen.«
Sie saßen in der Küche, und sie war jetzt nett zu ihm und kochte für sie. Kennet schwieg. Sie merkte es und sorgte sich um ihn.
»Du machst dir zu viele Gedanken, Liebling. Wir tun diesem kleinen Wesen einen Gefallen. Das haben wir doch von Anfang an gesagt, hast du das etwa vergessen? Wir ziehen einen Schlussstrich unter alles, was früher gewesen ist. Wir fangen jetzt von vorn an, du und ich und das Kind. Bei Null! Wir fahren nach Gällviken und werden eine große, gesunde Familie.«
Sie schenkte Cidre in ihre Gläser und prostete ihm zu, als wäre es Champagner.
»Da fällt mir ein, wir müssen ihr noch einen Namen geben, was meinst du, wie könnte sie ihrem Aussehen nach heißen?«
Er mühte sich redlich, aber es wollte ihm einfach nicht gelingen, Freude zu empfinden.
»Wir haben Mai!« Sie holte einen kleinen, roten Kalender heraus und blätterte in ihm. »Hier gibt es jede Menge schöner Namen, Vivan, Filippa oder Mona. Sieht sie aus, als könnte sie so heißen? Nee, eigentlich nicht. Warte, wie wäre es hiermit: Linnea, Sonja oder Hilma«, und sie summte und tanzte aufreizend durch die Küche.
Aber er fühlte sich innerlich leer.
»Nora«, sagte sie schließlich. »Ein Maikind. Der Namenstag wird gleichzeitig auch ihr Geburtstag sein. Nächste Woche hat die kleine Nora Geburtstag. Dann sind wir zu Hause und werden feiern.«
Er sah sie mit einem Glas zu dem Kind gehen. Sie hatte ein Pulver in das Wasser geschüttet.
»Sie kommt mir so heiß vor«, hörte er sich sagen. »Ich glaube, sie ist krank. Vielleicht sollten wir sie zum Arzt bringen.«
Sie wandte sich zu ihm um, und er sah einen Blick in ihren Augen, den er auch früher schon einmal gesehen hatte.
In seinen Eingeweiden brannte es wie Feuer.
»Vertrau mir, Kennet, ich kenne mich da aus.«
Sie saß bei dem Kind, und das Wasser lief ins Kissen. Er begann zu zittern, und seine Hände waren eiskalt und feucht.
»Du«, sagte er gepresst. »Ich glaube, wir müssen auf jeden Fall umdenken ...so geht es einfach nicht weiter.«
Sie fuhr herum wie ein Reptil.
»Wie bitte? Willst du jetzt etwa aussteigen!«
»Nein, aber ...«
Aus den Augenwinkeln ahnte er eine Bewegung, das Mädchen war offenbar dabei, wach zu werden.
»Denk doch mal an ihre Familie«, sagte er flehend, aber sie kam auf ihn zu und ihre Haare schienen Funken zu sprühen.
»Wir, wir sind ihre Familie, hast du das vergessen, hast du alles vergessen, was wir geplant haben?!«
Er war jetzt im Zimmer, griff nach ihr. »Liebling, natürlich habe ich das nicht vergessen.«
Sie war in der Küche beschäftigt. Er hörte ihre Geräusche, setzte sich neben dem Bett auf den Fußboden. Sie hatte dem Kind die Augen verbunden, warum hatte sie das getan? Was durfte das Kind nicht sehen? Die Arme des Mädchens waren so klein und dünn, er sah die Adern wie Blattnerven in der Haut.
Ich habe sie gestochen, dachte er. Ich habe ihr Schmerz zugefügt. Oh, wir haben ihr ja so wehgetan.
Sein Gesicht näherte sich ihrem, atmete sie? Ja, ein kaum merklicher Lufthauch traf seine Oberlippe, das geht einfach nicht, schoss es ihm durch den Kopf, wir können das nicht tun. Daraufhin brach er in Tränen aus, presste die Handflächen an die Wangen, wo es nass und salzig war, ich liebe dich so sehr, komm und rette mich.
Sie war nicht mehr wütend. Das war schön. Sie brachte ihn dazu, sich auf dem Boden auszustrecken, strich ihm über den Kopf: »Nimm diese Tabletten hier, sie werden dich beruhigen, Kennet, du hast einen schweren und anstrengenden Tag hinter dir, aber es wird alles gut werden, und du hast mir das schönste Geschenk meines Lebens gemacht.«
Ihr Arm schob sich in seinen Nacken, und er schluckte die Tabletten, eine nach der anderen. Ruhe breitete sich in ihm aus und ließ seine Glieder schwer werden.
In deine guten Hände lege ich nun mein Leben.
Das wollte er ihr sagen, laut, damit sie es hörte, aber seine Zunge gehorchte ihm nicht mehr, er brachte nur ein unverständliches Lallen heraus.
Sie versteht auch so, was ich sagen will, dachte er, und während er in den Schlaf hinüberglitt, nahm er entfernt wahr, dass ihre Hände ihm etwas um den Hals schlangen, es war ein Halstuch, er sah noch für einen Moment die hellgrüne Farbe, und sie strich ihm über die Wangen und wischte sie mit den Enden des Halstuchs trocken, und kurz darauf, als er eingeschlafen war, zog sie zu, so fest sie konnte.
Doch da hatte er die Fähigkeit, etwas zu fühlen, bereits verloren.
14. Daniel
Der Morgen war klar und kühl. Es ging ein leichter Wind, das erste Morgenlicht zeigte sich in rosa Streifen am Himmel. Auf den Dächern hatten die Spatzen und eine lebensfrohe Amsel ihr Morgenkonzert begonnen.
Plötzlich glaubte er, seine Schlüssel nicht mehr zu haben, sie verloren oder in Ulrikas Wohnung liegen gelassen zu haben. Auf dem Bürgersteig vor dem Mietshaus musste er alles, was in den Tüten war, auspacken, und dort, auf dem Boden der einen Tüte, lag sein Schlüsselbund. Er sah die kleine, gelbe Hasenpfote, die er einmal im Vergnügungspark Gröna Lund gewonnen hatte, aber es fehlte ein Schlüssel. Ulrika hatte den Schlüssel zu ihrer Wohnung in der Vittangigatan entfernt.
Schlampe, dachte er erneut, und sein Unterleib schnürte sich zusammen. Jetzt lagen sie dort im Bett, der Typ im Jackett und sie, vielleicht hatten sie Sex, vielleicht schliefen sie mit schlaffen, weit aufgesperrten Mündern. Der Gedanke ließ ihn wimmern.
Er gelangte in den Keller, ohne entdeckt zu werden.
»Und wenn schon«, murmelte er, »ich arbeite doch hier, es ist mein Job, dafür zu sorgen, dass eure Treppen sauber sind, ich bin ein gewissenhafter Arbeiter, ich führe nur eine Kontrolle durch. Von zuvor ausgeführten Arbeiten.«
Die Kammer mit den Putzutensilien war nicht sonderlich groß. Außer dem Ausguss fand kaum mehr Platz als die Dinge, die er zum Putzen benötigte: ein Besen, ein Kehrblech, der Schrubber und der Wassereimer. Sowie ein paar Aufnehmer und Verpackungen mit Schmierseife und anderen Putzmitteln. Vorsichtig drehte er den Wasserhahn auf und wusch sich, so gut es eben ging. Er hatte Schmerzen, war voller Wunden und Beulen. Na ja, danach war er jedenfalls halbwegs sauber.
Anschließend legte er die beiden Einkaufstüten in die Kammer, sank auf sie herab, nahm den Eimer zwischen die Beine und saß mit angezogenen Knien.
Nach mehreren Versuchen gelang es ihm schließlich, sich nach vorn zu strecken und die Tür zuzuziehen. Die Luft in dem Verschlag war stickig, aber es war zumindest einigermaßen warm in dem Raum, er würde nicht frieren müssen und seine Ruhe haben.
Verschiedene Auswege aus seiner Lage schwirrten ihm durch den malträtierten Kopf. Von seinem spärlichen Lohn als Putzkraft würde er sich keine eigene Wohnung leisten können. Aber irgendwo musste er wohnen. Der Gedanke, umherzuziehen wie Victoria und ihre Freunde, schreckte ihn ab. Etwas Respekt vor sich selber sollte man sich schließlich bewahren.
Hatte er Verwandte? Freunde? Jerry wäre keine gute Lösung. Jerry und seine schnippische Freundin, nein, sie würde sich bestimmt sogar ausdrücklich widersetzen. »Du bist sein großer Bruder, du wirst weiß Gott alleine klarkommen müssen, komm bloß nicht zu uns und versau uns alles.« Er hatte ihre spitze Stimme im Ohr und sah sie mit ihren Reißzähnen vor sich, dünn und knochig war sie, die Haare trug sie kurz wie ein Mann. Sie war eine dieser Frauen, die ins Fitness-Studio gingen und ihre Möbel in teuren Designerläden kauften. Jerry und sie waren in der Computerbranche tätig und konnten sich so etwas leisten. Er dachte an den BMW, den Jerry eine Zeit lang gefahren hatte, es war ein Sportmodell gewesen, zwar gebraucht, aber immerhin. »Willst du mitfahren, Bruderherz?«, und er war auf der rechten Seite eingestiegen, und es hatte neu nach Leder und Fabrik gerochen, obwohl der Wagen schon ein paar Jahre alt war. Man lag fast in den Sitzen.
Sie hatten eine Spritztour nach Sigtuna gemacht. Das Mädel wohnte dort, Jerry hatte sie erst kürzlich kennen gelernt, aber sie waren noch nicht zusammen. Sie hatten sich an dem Haus vorbeigeschoben, in dem sie wohnte, und Jerry hatte wahrscheinlich gehofft, sie würde aus dem Haus kommen, aber das tat sie nicht, und das war auch gut so, denn es wäre gar nicht so leicht gewesen, für eine weitere Person Platz zu finden.
»Es ist nicht gerade ein Familienauto«, hatte Jerry gegrinst. Er war angespannt und überdreht gewesen, hatte sich überallhin umgedreht. »Pass lieber auf, wo du hinfährst«, hatte Daniel gesagt und darum gebeten, auch mal fahren zu dürfen, aber das war nicht drin gewesen, Jerrys Blick war hart geworden wie früher, als sie noch klein waren, er war verwöhnt, dieser Junge, allseits beliebt, konnte sich verstellen und schmeicheln und kuscheln, in den Armen von Åse liegen, der neuen Frau ihres Vaters. Jerry hatte sie im Stich gelassen, das hatte er. Er hatte seine Mutter im Stich gelassen. Ihre Mutter hatte im Krankenhaus gelegen und war gestorben. Und ihr Vater hatte sich von Åse trösten lassen, der besten Freundin ihrer Mutter. Da sieht man mal wieder, wie wichtig gute Freunde sind. Sobald ihre Mutter ihren letzten Seufzer getan hatte, zog Åse bei ihnen ein. Die alten Betten im Schlafzimmer waren hinausgeflogen und von einem Doppelbett mit Kopf- und Fußenden aus Eisen und mit Messingknäufen ersetzt worden. Darin hatten sie fortan jeden Sonntagmorgen gelegen, sein Vater und Åse, und Toast gemampft und Marmelade verkleckert.
Seine Mutter war viele Jahre krank gewesen. Daniel konnte sich kaum noch an sie erinnern, am ehesten wohl an den kleinen, verschrumpelten Kopf auf dem Kissen, der wie eine Indianertrophäe ausgesehen hatte, war sie da vielleicht schon tot gewesen? Ja, vermutlich. Denn er erinnerte sich an keine Worte wie »passt gut auf euch auf, Jungs, und haltet zusammen« oder etwas Ähnliches in der Art, Dinge, die man wohl so sagt, wenn man auf dem Sterbebett liegt. Er wusste nur noch, dass man sie in das Zimmer geschoben hatte, und erinnerte sich an den Kotgeruch, so als hätte sich seine Mutter unter der Decke in die Hose gemacht. Auf dem Tisch hatte eine Kerze gebrannt. Sie hatte mit ihren knochigen Händen und einer Gerbera auf der Brust im Bett gelegen, ja genau, er erinnerte sich noch an das Wort Gerbera: Jemand hatte wahrscheinlich eine Bemerkung über die schlaffe Blume fallen lassen und gesagt, dass eine Rose eventuell angebrachter gewesen wäre. Ihre Hände kamen im Traum manchmal zu ihm, heute zwar nicht mehr, aber früher, als er noch ein Kind war. Seine Mutter in einem weißen und wallenden Nachthemd wie eine Lucia mit ausgestreckten Händen, die ihm wehtun wollten, ihm an die Kehle gehen wollten, denn er sollte dorthin hinabgezogen werden, wo sie bereits war. Er entsann sich eines Traums, in dem die Erde zur Seite geschlagen war wie eine Decke und von kleinen Löchern durchsetzt war, die Würmer und Wurzeln hinterlassen hatten. Er war aufgewacht und hatte geschrien. Bei Tag hatte er dann erkannt, wie dumm das war, so etwas würde seine eigene Mutter doch niemals tun! Oder doch? Vielleicht schon. Weil er, ohne es zu wollen, das Kind ihrer Freundin Åse geworden war. »Ihr bekommt jetzt eine neue Mama.« Er hatte die flehende Stimme seines Vaters noch im Ohr: »Ihr kennt sie ja schon und sie kennt euch.« Kein Wort über die alte Mama, was sie dazu gesagt und gedacht hätte, kein Wort über den Verrat.
Sie hatten dann auch geheiratet. Jerry und Daniel wurden in Samtanzüge gesteckt und waren mit ins Rathaus gegangen, und die Rathausglocke hatte zwölf geschlagen.
»Mein kleiner Daniel«, hatte seine Großmutter väterlicherseits gesagt, »jetzt wird alles wieder gut bei euch zu Hause, ihr braucht eine weibliche Hand.« Großmutter und Großvater hatten Konfetti geworfen, keine Reiskörner. Die waren nicht gut für die Vögel, denn ihre Mägen blähten sich davon auf und platzten. Er sah es vor sich, reihenweise aufgeplatzte Tauben. Er hätte es gerne mit eigenen Augen gesehen, aber die Großmutter hatte seine Hand genommen und ihn in der Tüte mit Konfetti wühlen lassen und er hatte es herausgeholt und mit Schwung geworfen. Die kleinen, bunten Papierschnipsel hatten Åses festgesprayte Frisur getroffen und waren anschließend auf die Treppe gefallen.
Seine Knie schmerzten. Er hätte zu gerne die Beine ausgestreckt und geschlafen. In einem weichen, frisch bezogenen Bett. Er war verzweifelt und wurde immer hungriger. Er saß da und lauschte auf Geräusche, aber es war still im Haus.
Sein Vater und Åse bekamen dann noch ein Kind. Ein eigenes Kind, eine Halbschwester für Jerry und ihn. Sie wurde Martina getauft und war geistig zurückgeblieben, es hing irgendwie mit den Chromosomen zusammen. Manchmal dachte er, dass es die Rache seiner Mutter gewesen war.
Als er das letzte Mal von ihr gehört hatte, war sie gerade in eine Art Wohngemeinschaft gezogen. Sein Vater hatte erleichtert geklungen, als er es erwähnte. Sie war so anstrengend, ließ keinen anderen zu Wort kommen, schrie und bekam heftige Wutanfälle. Vielleicht war der Geist seiner Mutter in sie gefahren und strafte seinen Vater und seine neue Frau, indem er die beiden isolierte, denn niemand mochte sie mehr besuchen. Dieses Kind hatte allen Raum eingenommen.
Er döste ein, träumte von Ratten, die sich zu ihm vornagten und in seine Schuhe bissen, und erwachte von einer Bewegung an seiner Wange. Er stöhnte auf und konnte gerade noch einen Schrei unterdrücken, wusste augenblicklich wieder, wo er war, und dass er vorsichtig sein musste. Wie lange hatte er geschlafen? War es schon Morgen? Mühsam kam er auf die Beine. Seine Gelenke knackten und schmerzten, er presste das Ohr an die Tür, hörte jedoch nichts, also öffnete er und trat in den Flur hinaus und lauschte. Nein, es kam niemand. Er ließ Wasser in den Eimer laufen und nutzte die Gelegenheit, um in den Ausguss zu pinkeln.
Er putzte gerade den Fußboden, als die Kellertür aufgeschlossen wurde. Er holte tief Luft, hörte die leichten Schritte einer Frau. Sie hielt einen Helm in der Hand, den sie gerade abgenommen hatte. Ihre Haare hatten sich gelöst und hingen auf die Schultern herab.
Sie blieb stehen.
»Ach, sieh an, du bist das?«, sagte sie freundlich.
Da erkannte er sie. J. Bosch.
»Wie viel Uhr ist es?«, fragte er.
»Fünf vor sechs.«
Er starrte auf den Schrubber hinunter, die groben Troddeln erinnerten an Raupen.
»Du putzt schon wieder?«, fragte sie.
Daniel nickte.
Sie kam auf ihn zu, ein Geruch aus Parfüm und Frau schlug ihm entgegen, ihre Hand legte sich auf seine Augenbraue. »Was ist denn mit dir passiert? Was hat man mit dir gemacht?«
Er verbarg sich nicht vor ihr, wandte ihr vielmehr sein Gesicht zu und seine Unterlippe hing herab wie bei einem Kind. Er weinte lautlos, schluchzte ein wenig, aber sie bekam keine Angst, zog sich nicht zurück, nahm seine Hand und drückte sie. »Jetzt stell das Zeug weg, komm mit mir nach oben und lass mich mal hören, was los ist, was der arme Junge angestellt hat.«
15. Magda
Er blieb eine gute Stunde bei ihr. Während der gesamten Zeit seines Besuchs war er der fremde Florian, nicht der Florian, den sie liebte. Er hatte nicht die Kraft, sie zu trösten, die Sorge um seine Tochter wog zu schwer, verwandelte ihn und ließ ihn grausam werden.
Geh bitte, dachte sie, geh!
Aber gleichzeitig auch: Geh nicht!
Denn wenn er ginge, würde sie alleine zurückbleiben und sie würden sich unversöhnt getrennt haben. Wie sollte sie dann die Sehnsucht nach ihm ertragen?
So wie jetzt war er auch früher manchmal gewesen. Er konnte launisch sein. Etwas, das sie sagte oder tat, eine Geste, eine Miene, konnte er leicht falsch verstehen. Dann reagierte er verletzt. Da machte sich sein rumänisches Temperament bemerkbar. Floss in seinen Adern vielleicht sogar Zigeunerblut? Sie war dann stets gezwungen, ihr eigenes Ich auszulöschen und dafür zu sorgen, dass er wieder bessere Laune bekam. Ab und zu hatte sie das als einen gewaltsamen Übergriff empfunden, aber die anschließende Versöhnung hatte sie dies wieder vergessen lassen, wenn er sie an seine Brust zog, wenn sie sein Herz durch den dünnen Stoff schlagen hörte. Dieses sanfte Glücksgefühl. Halte meine Brüste, Florian, ich schenke sie dir. Mach mit mir, was du willst.
Und jetzt? Gab es für sie noch eine Chance auf Versöhnung? Was sie getan hatte, war unverzeihlich und nicht wieder gutzumachen. Er hatte sein einziges Kind in ihre Hände gegeben, und sie hatte zugelassen, dass Angelica verschwand.
Er stand an der Tür. Sie hatte sich angekleidet ins Bett gelegt und die Decke bis an die Stirn gezogen. Sie lag da und hörte seine Bewegungen, hörte, wie er sich eine neue Zigarette ansteckte, sich bereitmachte zu gehen.
»Florian«, sagte sie unter der Decke liegend, hielt die Luft an, wartete auf seine Reaktion. Er blies Rauch aus, das hörte sie. »Florian, ich bin so furchtbar unglücklich ... aber ich sage dir noch einmal, dass es zu schnell ging, und wir müssen uns doch um so viele Kinder kümmern, es sind einfach zu viele und wir waren nur zu zweit, ich sage das nicht, um eine Ausrede zu haben, sondern damit du weißt, wie es war. Ich möchte, dass wir diese Sache gemeinsam durchstehen, du und ich, nicht jeder für sich, denn wenn wir zusammen sind und uns gegenseitig stützen und nicht voneinander abwenden ...« An dieser Stelle konnte sie nicht mehr weitersprechen, denn ihr kamen wieder die Tränen.
Er hätte sich erweichen lassen können, als sie weinte, seine Hände um ihren Kopf legen, sachte ihre Haare berühren können. »Du bist auch nur ein kleines Mädchen, ich bin zu alt für dich, Magdalena, das ist doch verrückt, du bist ja kaum volljährig.«
»Ich bin dreiundzwanzig!«
Da war etwas an seinem Geruch und an seiner Art, sie anzusehen. Sie waren sich näher gekommen, als er eines Abends seine Tochter abgeholt hatte. Er hätte früher kommen sollen, hatte aber angerufen und Bescheid gesagt, dass es etwas später würde. Magda hatte an jenem Abend den Kindergarten geschlossen, sie war alleine gewesen, die anderen Kinder waren längst abgeholt worden. Er hatte an die Tür geklopft: »Hallo, gibt es da drinnen ein paar liebe Kinder?« Sie war zusammengezuckt, hatte ein Klingelzeichen erwartet. Angelica hatte wie üblich gemalt, ihre Sachen waren zusammengepackt, ihr Overall lag auf der Bank.
»Komme ich viel zu spät?«
Er hatte seinen gelben Schal um den Hals geworfen, wie südeuropäische Männer es tun, wenn der Winter vor der Tür steht. Daunenjacken kamen für sie nicht in Frage, stattdessen wurde nur ein Schal angezogen und der Kragen des Jacketts hochgeschlagen. Sein Gesicht war rosig gewesen, seine Augen waren braun und fröhlich. Angelica hatte sich in seine Arme geworfen. Er hatte Magda angesehen, als er zu dem Mädchen sprach.
»Bist du heute auch schön brav gewesen?« Der dunkle Kopf hatte genickt.
»Angelica ist immer brav.« Magda hatte den Overall aufgehoben.
»Das ist gut!« Er hatte mit dem Kind auf dem Schoß dagesessen und ein wenig über die niedrige Holzbank gestöhnt, hatte seine Beine ausstrecken müssen. Der Fußboden wurde feucht von seinen Sohlen. Als sie Angelicas Füße in den Overall stecken wollte, hatte sie sich hinknien müssen, und daraufhin hatte er nach ihrer Hand gegriffen und ein wenig daran gezogen.
»Huch, Entschuldigung, ich dachte, das wäre Angelicas Fuß!«
Zum ersten Mal hatten sie gemeinsam schallend lachen müssen, und das hatte sie alles vergessen lassen, womit sie gerade beschäftigt gewesen waren. Das Kind hatte auf dem Boden gelegen, gelacht und mit den Armen geschlagen.
Warum dieses unkontrollierte Lachen? War das überhaupt so lustig gewesen?
»Ich bin mit dem Auto hier«, hatte er gesagt und sich die Augen trocken gewischt. »Ich kann dich nach Hause fahren, es ist immerhin meine Schuld, dass du Überstunden machen musstest, ich hätte viel früher da sein müssen. Aber es kam ein Patient herein, der ausgerutscht war und sich den Fuß gebrochen hatte. Und der Kollege, der mich eigentlich ablösen sollte, ist krank geworden.«
Sie nahm sein Angebot an.
Auf dem Beifahrersitz, mit ihm neben sich, hatte sie ihn anstarren müssen, um zu begreifen, was in ihrem Inneren vorging. Es war so lange her. Sie hatte mal einen Freund gehabt, Patrik, aber sie hatten sich mit der Zeit auseinander gelebt. Er wäre sicher gerne mit ihr zusammen geblieben, hatte von einem gemeinsamen Haus und Auto gesprochen, es gab ein leer stehendes Reihenhaus in dem Viertel seiner Eltern auf dem Sandviksvägen in Hässelby.
Damals hatte sie die ersten Anfälle von Atemnot bekommen, die ausgesprochen quälend gewesen waren. Sie hatte die Knöpfe am Kragen aufreißen, das Fenster öffnen und nach Luft schnappen müssen. Jedes Mal, wenn Patrik über die Zukunft sprechen wollte, ihre gemeinsame Zukunft, bekam sie diese Anfälle, sah aber zunächst keinen Zusammenhang, erkannte ihn erst viel später. Da war sie schon beim Arzt gewesen und hatte Bricanyl bekommen, einen spulenförmigen Inhalator, der ihr das Atmen erleichtern sollte, ihr stattdessen jedoch noch mehr Angst einjagte, sodass sie Herzklopfen bekam. Und außerdem heiser wurde.
Sie machte Schluss mit Patrik, was hart war, da es ihr schon immer schwer gefallen war, anderen Menschen Kummer zu bereiten. Sie erinnerte sich an sein langes, trauriges Gesicht, an sein Erstaunen. Als hätte er nicht auch längst etwas merken müssen.
»Wir können uns ja eine Auszeit nehmen«, hatte er schließlich gesagt, und seine Stimme hatte sich verändert, war hell und dünn geworden, eine hässliche, schwache Frauenstimme hatte sich in ihm gebildet und entfremdete ihn ihr nur noch mehr. »Wir beschließen, uns einen Monat nicht mehr zu sehen, in der Zwischenzeit denken wir über uns nach, ich bin mir sicher, das hilft uns weiter, vielleicht brauchen wir einfach mal etwas Abstand voneinander. Oder besser gesagt, du von mir.«
Er hatte das Gesicht zu einer Grimasse verzogen, die wohl ironisch sein sollte.
Sie hatte sich darauf eingelassen, aber nur unter einer Bedingung: nicht der geringste Kontakt während dieses Monats, keine Telefonate, keine Mails.
Es war natürlich aus zwischen ihnen. Sie wollte, dass es ein Ende hatte, brachte ihn schließlich auch dazu, die Trennung zu akzeptieren. Manchmal dachte sie, dass sie sich darauf vorbereitet hatte, einen anderen Mann zu treffen, einen älteren und reiferen, und dann war plötzlich Florian da gewesen.
Jetzt lag sie in ihrer kleinen Wohnung zusammengekauert im Bett. Florian war in ihrem Zuhause, so nahe, dass sie ihn mit wenigen Schritten erreichen konnte.
Ihn erreichen?
Er rauchte, seine Hand lag auf der Türklinke. Jeden Moment konnte er die Tür öffnen, ein kurzer Luftzug und dann würde er fort sein.
»Ich liebe dich«, flüsterte sie ins Kissen. »Ich liebe dich so sehr und ich brauche dich.«
Er hörte sie nicht, kein Mensch konnte derart erstickte, halb unterdrückte Worte verstehen. Er sagte nichts. Er zog an seiner Zigarette, und als er den Rauch ausblies, meinte sie eine Veränderung zu erahnen. Langsam zog sie die Bettdecke nach unten, war bereit, zu ihm zu laufen, bereit, seine Verzweiflung anzunehmen.
Doch als sie die Augen öffnete, war er schon gegangen. So leise, dass sie nicht einmal das Klicken des Türschlosses gehört hatte.
16. Daniel
Ich heiße Janna«, sagte sie. Ihre Stimme war kräftig und klangvoll und erinnerte ihn ein wenig an die seiner Großmutter.
Er fragte: »Kommst du aus der Gegend um Sundsvall?«
»Ja, stimmt. Woher weißt du das?«
»Meine Großmutter spricht so ähnlich wie du, wir waren öfter bei ihr, als wir noch klein waren.«
Er saß an ihrem Küchentisch. Der Flur war leer, ein Stuhl nur, ein paar Kleider, die Türen zu den Zimmern waren geschlossen. Sie goss Sauermilch in eine weiße Schale mit einer Disneyfigur darauf.
»Möchtest du vielleicht was essen?«
»Wenn du was dahast.«
»Du siehst aus, als hättest du Hunger.«
Er schüttelte stumm den Kopf und sah ihre Hände Käse hobeln, sie waren braun und fest. Janna trug Shorts, stand breitbeinig und barfuß an der Arbeitsfläche, gab Kaffeepulver in den Melittafilter, das Rauschen von Wasser.
Sie setzte sich ihm gegenüber. Ihr Gesicht war rund und nah, ihre Augen sahen nicht weg. »Jetzt erzähl mal, Daniel«, sagte sie, als würde sie ihn gut kennen.
»Meine Freundin hat mich rausgeschmissen«, sagte er und biss gierig in sein Brot.
»So, wie dein Gesicht aussieht, scheinst du dich ganz schön gewehrt zu haben!«
»Jemand hat ihr geholfen«, sagte er undeutlich.
»Aha!« Janna nickte.
Der Kaffee lief warm und stärkend in seinen Magen. Er nahm sich noch ein Brot und betrachtete sie, während er kaute, sah, wie sie die Lippen um den Rand der Tasse legte, wie sie trank.
Er wurde mutiger.
»Bist du allein?«, fragte er.
Sie warf ihm einen verschmitzten Blick zu.
»Kommt ganz darauf an.«
»Wie meinst du das?«
»Ich werde weggehen. Ich habe vor, aufs Land zu ziehen, auf einen ganz wundervollen Bauernhof. Ein paar Freunde und ich wohnen dort zusammen.«
»Du ziehst um?«
»Yes.«
»Was! Aus so einer Wohnung?«
»Ach, das ist doch nur eine Mietwohnung.«
»Ja und?«
»Sie wird zu teuer, die Wohnungen sollen bald alle renoviert werden, und danach werden die Mieten bestimmt ordentlich in die Höhe schießen.«
Er erstarrte. Was würde aus seinem Putzjob werden, wenn das Haus umgebaut wurde?
»Davon habe ich noch gar nichts gehört«, sagte er wachsam.
»So ist es aber. Vor ein paar Tagen kam ein Rundschreiben. Aber das ist nicht alles. Ich habe auch noch andere Gründe, zum Beispiel den Stress und die Luftverschmutzung. Hier in der Stadt wird das alles immer schlimmer. Das ist nicht gesund.«
»Nein«, sagte er dümmlich.
»Ist dir das schon mal aufgefallen? Hier in der Stadt werden die Leute immer mehr wie Roboter. Sie leben nicht. Sie funktionieren wie Maschinen. Das Menschliche ist dabei, völlig zu verschwinden. Die Leute sehen einander nicht mehr, wenn jemand in der U-Bahn liegt, gehen sie einfach vorbei. Vor ein paar Jahren war das noch nicht so.«
»Da magst du Recht haben«, murmelte er.
»Die Leute reden nicht mehr miteinander. Sie reden – aber sie tun das mit ihren Handys, nicht wie früher, von Mensch zu Mensch.«
Sie war aufgestanden und atmete jetzt schnell.
»Meinst du nicht, du übertreibst ein bisschen?«, sagte er.
Sie sah ihn ernst an.
»Das glaube ich nicht. Ich sehe, in welche Richtung sich alles entwickelt. Jedenfalls will ich nicht mehr in der Großstadt wohnen. Ich empfinde dieses Leben als unwürdig.«
Er nickte.
»Wir sind ein paar Leute da oben, eine kleine Kommune, wenn man so will. Eine Hand voll Menschen, die den Stress und den technischen Fortschritt satt haben.«
»Aha?«
»Wenn du Lust hast, kannst du mitkommen und es dir anschauen.«
»Ich?«
»Ja.«
Er zuckte mit den Schultern.
»Es ist ziemlich weit zu fahren, es wäre schön, ein wenig Gesellschaft zu haben. Aber du hast vielleicht schon andere Pläne.«
Er dachte fieberhaft nach.
»Nicht unbedingt.«
»Nein, schon gut, du machst natürlich, was du willst. Es war nur so eine Idee.«
»Das kam jetzt nur ein bisschen plötzlich.«
»So ist das mit den günstigen Gelegenheiten im Leben.«
Er schnitt ein Stück Käse ab und schob es sich nachdenklich in den Mund.
»Wann fährst du denn?«
»Na ja, viel Zeit zum Nachdenken bleibt dir nicht, ich haue schon heute Abend ab. Ich muss vorher nur noch ein paar Dinge erledigen.«
»Aha.«
»Hast du einen Führerschein?«
»Doch, schon.«
Sie setzte sich wieder hin und ergriff über den Tisch hinweg seine Hände. Ihr Mund war weich und sanft.
»Irgendwie habe ich das Gefühl, es sollte so kommen«, sagte sie. »Ich weiß nicht ... aber du hast was, Daniel, ich habe eine gute Menschenkenntnis, ich spüre das Pendel in mir, und in diesem Moment schlägt es in die richtige Richtung aus. Das tut es nur bei Menschen, bei denen ich das Gefühl habe, ihnen trauen zu können.«
Er war jetzt völlig entspannt. Sie stand auf, ihr Po war weich und birnenförmig, sie stand auf den Zehen und öffnete einen Schrank. Sie machte ihn wahnsinnig geil.
Ganz ruhig, schoss es ihm durch den Kopf, vermassel es jetzt nicht.
Sie drehte sich um, griff sich in die Haare, löste sie und zog sie wieder zu einem Pferdeschwanz zusammen. Durch den Pullover sah er die Konturen ihrer Brustwarzen.
»Im Ernst, hättest du nicht vielleicht Lust, eine Zeit lang mitzukommen?«, sagte sie und ihre Zungenspitze strich über die Unterlippe. »Zumindest probehalber? Du könntest mir helfen, meinen alten Volvo hochzufahren. Vielleicht kannst du ja mein neuer Gehilfe werden?«
Er wollte schon antworten, als er plötzlich ein Geräusch hörte. Es kam aus einem der geschlossenen Zimmer, die an den Flur grenzten. Es klang wie ein Kind.
17. Angelica
Sie hatte Durst, und ihr taten die Kiefer weh. Sie weinte, aber lautlos und ohne Tränen. Die Tante war im Zimmer gewesen. Sie hatte ihr ein Glas an den Mund gesetzt, aber das Wasser war gegen die Zunge gelaufen, über das Kinn den Hals hinabgesickert und ihr in den Rücken gelaufen.
»Du musst trinken«, sagte die Tante, und ihre Stimme klang gepresst, wie bei Leuten, die es eigentlich eilig haben. Magda, dachte sie, Magda klang manchmal so, und Sehnsucht wallte in ihr auf. Dann erinnerte sie sich wieder an das Fest, aber nur ganz vage, so als würde es davontreiben, und hinter ihrer Stirn pochte es, sie war krank. Ich will zu Hause bleiben, ich will mich nicht anziehen und in den Kindergarten gehen. Aber Mama hatte mit dem neuen Kleid vor ihr gestanden, »und du darfst auch das Diadem anziehen, das Papa dir aus Bukarest mitgebracht hat«. Nach diesen Worten hatte sie es geschafft, den Kopf aus dem Kissen zu heben. Sie wollte es auf der Stelle anziehen, aber erst musste sie Pipi machen gehen, und ihre Mama meinte, sie müsste auch geduscht werden, aber als sie das sagte, hatte Angelica wie am Spieß geschrien, denn sie dachte an den kalten Wasserstrahl auf ihrem Bauch. Schon lange bevor sie in die Badewanne stieg, konnte sie ihn spüren. »Um Himmels willen, Kleines, dann eben nicht«, sagte Mama. »Aber du musst dich beeilen, beeil dich, Angelica, sitz nicht da und träum, du weißt, dass wir es eilig haben.«
Sie brachte an diesem Morgen keinen Bissen herunter. »Okay, dann frühstückst du eben im Kindergarten.« Aber sie hatte geweint, als sie an den runden Tisch und die Geräusche dachte, mit denen die Löffel über die Teller schabten. »Heulst du schon wieder, Kleines, was zum Teufel ist denn heute los mit dir?«
Mamas Hand hatte ihren Arm gepackt, sie waren durch den Keller und in die Garage gelaufen, es hatte nach Benzin gerochen, sie musste immer liegen, wenn sie Auto fuhren, denn sonst drehte sich alles und ihr wurde schwindlig und übel und sie musste sich übergeben. »Nimm die Tüte und halt sie dir vor den Mund, ich will nicht, dass du dein Kleid schmutzig machst, wo du doch heute so schick bist. Hast du das Diadem richtig angezogen? Er ist selber schuld, wenn etwas passiert.«
Sie war wütend gewesen, als sie ging, aber das wusste außer Angelica niemand. »Mama hat es eilig«, sagte Magda, »aber sie kommt ja nachher zu dem Fest, das wir feiern wollen.« »Mamas haben es immer eilig«, hatte Josefina gesagt und damit alle Erzieherinnen zum Lachen gebracht. Erst war es einen Moment lang ganz still geworden, und dann hatten sie lauthals losgelacht, sodass es ihr rot und heiß vor den Augen geworden war.
Sie wurde getragen, ein harter und schmutziger Geruch drang an ihre Nase. Ein Auto, das sich bewegte, sie lag auf kariertem Stoff. Sie wollte sich aufrichten und weglaufen, aber eine seltsame Trägheit hatte Besitz von ihr ergriffen, so als schaukle sie auf Wellen. Und der Mann sagte: »Du wirst jetzt ganz ruhig und still sein und an die Kokons denken. Am Ende werden daraus wunderhübsche Schmetterlinge.«
Sie lag auf dem Rücken, konnte ihre Arme aber nicht bewegen. Die Beine wurden ein wenig gespreizt, warm und nass lief Pipi durch die Hose, weshalb sie sich verkrampfte, jetzt würde er sicher wütend werden, der Mann würde sie an den Haaren ziehen und schlagen, große Mädchen machen nicht mehr in die Hose, und sie schluchzte, als würde sie wieder anfangen zu weinen, aber ihre Beine fielen zur Seite, und sie verlor das Bewusstsein.
Als sie aufwachte, war alles still. Ihre Augen waren verbunden gewesen, aber die Binde war ein wenig herabgerutscht, und sie sah die Konturen großer Möbelstücke. Mama, dachte sie. »Deine Mama hat uns gebeten, uns um dich zu kümmern«, Fragmente der Worte, die der Mann gesagt hatte, kamen ihr wieder in den Sinn. »Wenn du tust, was ich dir sage, wird alles gut, du vergisst doch nicht, was ich dir von den Schmetterlingen erzählt habe, oder?«
Und sie hatte ihren Körper angespannt, um zu schreien, aber es war nur das Zappeln eines sehr kleinen Fischs dabei herausgekommen, schlaff hatte sie in seinen Armen gehangen. »Ich trage dich und du kannst nichts sehen, aber verlass dich ruhig auf mich, und sei bitte still, deine Mama hat es so entschieden, du wirst sehen, es wird alles gut.«
Da war etwas an ihm, sie wurde ruhig und schwer, und ein Stück Stoff von seinem Hemd glitt in ihren Mund, sodass sie wie ein Baby daran nuckelte.
Aber dann war da die Tante gewesen, und sie erinnerte sich an Worte, die immer schneller geworden waren. Sie hatten sich wehgetan, oder waren das Mama und Papa gewesen? Ihr Kopf lag zur Seite gewandt, sie sah ein Stück vom Fußboden und etwas, das wie Eierschalen aussah.
Dann sah sie seine Hand. Er lag da und war still, so still, dass sie sofort wusste, er würde sie nicht hören können. Ganz gleich, wie laut sie schrie.
18. Daniel
Ich habe Kinder«, sagte Janna. »Das ist einer der Hauptgründe, warum ich nicht länger in der Stadt wohnen möchte. Hast du Kinder?«
»Nein.«
»Kinder reagieren extrem empfindlich auf Umwelteinflüsse, nicht zuletzt auf die Strahlung, die von den Handys ausgeht. Ihre Gehirne sind ja noch mitten in der Entwicklung. Ihre Schädel sind kleiner und dünner als die von Erwachsenen. Kinder sind so verletzlich.«
Er wusste nicht recht, was er sagen sollte, und lauschte erneut auf Geräusche aus dem geschlossenen Zimmer.
Janna hatte sich gesetzt, ihre Schenkel waren braun gebrannt und straff, sodass man sie gerne angefasst hätte. Er wünschte sich vage, sie würde aufhören zu sprechen.
»Weißt du, wie viele Handys in diesem kleinen Land namens Schweden verkauft worden sind? Weißt du das? Ich meine, seit 1994, als es mit den Handys richtig losging.«
»Ich habe nicht die geringste Ahnung.«
»Jetzt rat doch mal!«
»Wie viele verkauft worden sind?«
»Ja.«
»Vielleicht zwei Millionen?«
»Ha! Zwei Millionen. Oh nein, mein Lieber. Mehr als zehn Millionen sind verkauft worden, also mehr als es Einwohner gibt!«
»Ist das wahr?«, sagte er lahm.
»Allerdings.«
»Ich habe jedenfalls keins«, brummte er und dachte, ein Glück, sonst hätte sie mich sicher hinausgeworfen. Genau wie Ulrika es getan hatte, Ulrika und ihr neuer Typ.
Als er daran zurückdachte, was passiert war, taten ihm Kopf und Glieder wieder weh, als würde er Fieber bekommen.
Janna stellte sich neben ihn, und er roch ihre Haut, es war ein Duft von Seife und sauberen Kleidern. Er hob die Hand und fasste sie an. Sie entzog sich seinem Griff nicht.
»Wo liegt denn dieser Hof?«, fragte er.
»Man muss ein ganzes Stück fahren. Ein paar Stunden.«
»Und du meinst, ich sollte mitkommen?«
»Was heißt hier meinen. Es war nur ein Vorschlag. Du hast doch selber gesagt, dass du mit deinem Leben unzufrieden bist. Du könntest mitfahren und es dir anschauen, und wenn es dir bei uns gefällt, kannst du bleiben. Und wenn es dir nicht gefällt, schwirrst du einfach wieder ab.«
»Ja. Schon klar. Allerdings ...ich bringe nicht gerade viel Kapital mit, Geld meine ich. Falls du das gedacht haben solltest.«
»Geld ist das kleinste Problem. Wir arbeiten gemeinsam und sehen zu, dass wir halbwegs über die Runden kommen.«
»Das klingt irgendwie nach so einer Ökogeschichte.«
»Du meinst à la siebziger Jahre? Nein, die Zeiten sind vorbei. Das hier ist was auf einem ganz anderen Niveau.«
Erneut hörte man das Geräusch, ein Kind, das weinte und wimmerte. Es war nicht laut, nur ganz schwach, so als würde das Kind schlafen und vielleicht träumen. Daniel sah Janna an. Sie seufzte.
»Sie ist krank«, sagte sie. »Das ist Nora, eins meiner Kinder, ich werde mal nach ihr sehen, warte hier so lange.«
Sie nahm ein Glas Wasser und ein Medikament mit. Daniel versuchte einen Blick zu erhaschen, als sie die Tür öffnete, aber das Zimmer war verdunkelt, und sie schloss die Tür sofort hinter sich. Er merkte, dass er augenblicklich die Ohren spitzte.
So, so. Sie hatte Kinder. Aber hatte sie auch einen Mann? Es sah nicht danach aus. Das musste er unbedingt herausfinden. Aber warum sollte er sie eigentlich nicht für eine Weile aufs Land begleiten? Ihr Gelaber über die Umwelt und die Telefone konnte ihm doch egal sein. Es würde verdammt schön sein, sich eine Weile aus dem Staub zu machen. Dann konnte man lange nach ihm suchen.
Janna war schnell wieder zurück.
»Jetzt schläft sie wieder«, sagte sie ruhig. »Ich habe ihr ein Zäpfchen gegeben. Sie hat die Masern, verstehst du, oder besser gesagt eine Extremvariante der Masern, die ihr auf die Augen geschlagen ist und ihre Haut jucken lässt. Aber sie hat keinen Ausschlag. Sie braucht viel Ruhe. Hast du die Masern gehabt?«
»Ich erinnere mich nicht mehr. Ist das die Krankheit, die einem auf die Eier schlagen kann?«
»Nein, das ist Mumps. Aber die Masern sind auch eine gefährliche Kinderkrankheit, wenn auch nicht unbedingt in Schweden, aber in der Dritten Welt. Dort sterben jedes Jahr eine Menge Kinder daran.«
»Hast du viele Kinder?«, sagte er wachsam.
Janna lachte. Ihr Gesicht wurde so süß, bei Ulrika war es genauso gewesen. Warum konnten Frauen nicht immer gute Laune haben? Warum mussten sie nur solche Zicken sein?
»Tja«, sagte sie und strich sich provozierend über den gerundeten Bauch. »Sieht man das?«
»Ach was, so habe ich das nicht gemeint.«
»Nein, schon klar.«
»Und dein Mann?«
»Im Moment habe ich keinen Mann. Was nicht heißen soll, dass ich beschlossen hätte, für den Rest meiner Tage wie eine Nonne zu leben.«
Sie lachte auf und warf ihm einen Blick zu, den er nicht recht zu deuten wusste.
»Hunde und Kinder und Katzen. Und dann natürlich einen Mann. Und ein paar Hühner, die Frühstückseier legen. Im Grunde sollten wir ein Boot haben, ein großes und geräumiges Schiff. Dann würden wir an Bord gehen und auf und davon segeln, mit zwei von allem, ungefähr wie Noah und seine Frau. Eigentlich seltsam, den Namen von Noahs Frau hat man nie gehört. Die Namen ihrer ganzen Söhne dagegen schon, Sem und Ham und Japhet, und ihrer männlichen Enkel und Urenkel. Sie werden alle beim Namen genannt. Die Frauen der Söhne waren doch auch auf der Arche, aber ihre Namen werden genauso wenig genannt. Die Bibel wurde von Männern für Männer geschrieben. Es kann mich manchmal ganz schön aufregen, dass für uns Frauen irgendwie nie Platz ist. Wir scheinen es nicht wert zu sein, aufgenommen zu werden.«
Er dachte an die Jungfrau Maria, konnte sich aber nicht zu einer Erwiderung aufraffen. Diese Janna hatte eine ganz schön spitze Zunge.
»Sprichst du Deutsch?«, sagte er plötzlich.
»Ob ich Deutsch spreche?«
»Ja, du hast so einen komischen Nachnamen. Da dachte ich ...«
»Jawohl«, sagte sie und lachte erneut. »Sicher kann ich ein bisschen Deutsch für den Hausgebrauch.«
Sie zeigte ihm, wo er sich ausruhen konnte. Im Wohnzimmer stand ein Bett, und er legte sich darauf, aber es dauerte eine ganze Weile, bis es ihm gelang einzuschlafen. Dabei war er todmüde und hatte Schmerzen im ganzen Körper. Es war einfach zu hell, und alle Geräusche waren neu und fremd. Janna war in der Küche, sie packte Koffer und füllte Kartons und ging dann hinaus.
»Ich bin bald wieder da«, sagte sie in den Raum hinein. Er sah ihre Silhouette, sie stand im Flur und setzte einen Helm auf. Er konnte sie sich auf dem Fahrrad vorstellen, sah den Sattel vor sich, der sich unter ihren Po schob.
Als sie gegangen war, stand er auf und ging pinkeln. Das Badezimmer war leer und kahl, es gab keine Spur von all den Fläschchen und Döschen, die sonst immer überall herumstanden, wo Frauen wohnten. Aber sie wollte ja auch umziehen. Als er sich räusperte, hallte es. Er musterte sich im Spiegel. Seine kleinen, abstehenden Ohren waren rot und wund, um ein Auge herum war die Haut geschwollen und hatte sich verfärbt. Er hätte sich gerne die Haare gewaschen, die in wenig schmeichelhaften Zotteln abstanden, fand aber kein Shampoo. Vielleicht gab es welches in einem der Zimmer.
Beide Türen waren abgeschlossen. Das wunderte ihn ein wenig, aber er nahm an, es hatte mit dem Mädchen zu tun. Nora oder wie sie noch gleich hieß. Vielleicht hatte sie Fieberträume und schlafwandelte. Er kehrte ins Badezimmer zurück, ließ Wasser über seinen Kopf laufen und blieb unter dem Strahl stehen, bis ihm beinahe schwarz vor Augen wurde.
Anschließend legte er sich wieder hin, döste ein und träumte von dem Auto, dem alten Volvo, den er für sie fahren sollte. Sein Fuß brach durch den rostigen Boden und sein Knöchel wurde aufgeschürft. Im Schlaf spürte er den Schmerz.
Er wachte davon auf, dass Janna sein Gesicht berührte. Noch halb schlafend streckte er die Hand aus und berührte sie. Sie hockte neben der Bettkante. Ihre Haare waren zu einem lockeren Dutt hochgesteckt.
»Du hast gut geschlafen«, sagte sie sanft.
Er nickte.
»Okay«, sagte er mit belegter Stimme. »Ich habe mich entschieden. Ich fahr die Karre für dich dahin. Dann werden wir weitersehen.«
Er griff nach ihrem Arm und versuchte sie ins Bett zu ziehen. Da machte sie sich frei und richtete sich auf.
»Schön«, sagte sie. »Damit tust du mir einen großen Gefallen. Ich habe Kaffee aufgesetzt. Ich dachte, anschließend könnten wir fahren. Wenn du nichts dagegen hast.«
»Nein, natürlich nicht.«
»Oder musst du erst deinem Chef Bescheid sagen?«
»Ach was, das kann ich später erledigen. Ich kann ihm einen Brief schreiben oder so. Das ist mehr, als er getan hat. Von dieser Renovierung, von der du mir erzählt hast, hat mir keiner was gesagt.«
»Du hast Recht, das war nicht in Ordnung.«
Er hatte halbwegs einen Ständer, musste aber gleichzeitig auch auf die Toilette. Sie stand über ihm, er sah ihre schweren, aber festen Brüste, die so ganz anders waren als Ulrikas. Dabei hatte sie mehrere Kinder zur Welt gebracht. Jetzt ging sie in die Küche, und er roch den würzigen Duft frisch gekochten Kaffees.
Während sie Kaffee tranken, wollte sie von ihm wissen, warum er sich erkundigt hatte, ob sie Deutsch sprach. Er erklärte ihr, dass er dabei war, die Sprache zu lernen, und erzählte ihr von Jerry. Die Geschichte schien sie zu rühren.
»Du willst es also deinem Bruder eines Tages mal so richtig zeigen und fließend Deutsch sprechen!«
»Genau.« Er atmete tief durch.
»Na, du bist mir ja einer! Du bist richtig süß, Daniel. Wir können uns ja während der Fahrt auf Deutsch unterhalten, wenn du willst. Wir werden ein paar Stunden brauchen. Etwas bleibt immer hängen.«
Pulsuz fraqment bitdi.