Kitabı oxu: «Gute Nacht, mein Geliebter - Psychothriller»

Şrift:

Inger Frimansson

Gute Nacht, mein Geliebter - Psychothriller

Paul Berf

Saga

Gute Nacht, mein Geliebter - Psychothriller ÜbersetzerPaul Berf Coverbild / Illustration: Shutterstock Copyright © 2002, 2020 Inger Frimansson und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726445022

1. Ebook-Auflage, 2020

Format: EPUB 2.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit Zustimmung von SAGA Egmont gestattet.

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– a part of Egmont www.egmont.com

Ein herzliches Dankeschön an Karl-David,

für das Blasrohr, das er mir lieh, und dass

ich es so lange behalten durfte, wie ich wollte.

PROLOG

Abends gegen Viertel nach sechs kamen sie in Arlanda an. Sie waren in London verspätet gelandet und hatten deshalb ihren Anschlussflug verpasst. Alle Maschinen nach Stockholm waren ausgebucht. Sie hätten erst am nächsten Tag Weiterreisen können, wenn der Frau von der Botschaft nicht der Kragen geplatzt wäre. Sie hieß Nancy Fors und war während der gesamten Reise ruhig und ein wenig melancholisch gewesen. Ihr überraschender Gefühlsausbruch verblüffte Justine.

Sie durften als Erste das Flugzeug verlassen. Zwei Polizisten in Zivil kamen an Bord und schleusten sie über einen Nebenausgang hinaus.

»Die Presse hat leider Wind von Ihrer Ankunft bekommen«, sagte der eine. Justine hatte seinen Namen nicht richtig verstanden.

»Die sind wie Hyänen. Müssen in alles ihre Schnauze stecken und darin herumwühlen. Aber jetzt zeigen wir ihnen, was eine Harke ist.«

Sie nahmen Justine in ihrem Wagen mit.

Was ihr sofort auffiel, war das Licht, dieses reine, kühle Licht und das fast schon zerbrechlich wirkende Grün. Sie hatte ganz vergessen, dass es hier so aussah. Sie sprach mit Nancy Fors darüber: »Haben Sie nie Heimweh? Wie halten Sie es in der Hitze dort drüben nur aus?«

»Ich weiß doch, dass es nur vorübergehend ist«, lautete die Antwort. »Und die Dinge hier verändern sich ja nicht, sie warten auf mich.«

Sie kamen an der Ausfahrt nach Sollentuna und Upplands Väsby vorbei. Es war halb acht.

Der Polizist, der den Wagen fuhr, sagte:

»Übrigens ... dieses Mädchen. Martina. Ihre Eltern möchten Sie gerne sehen.«

»Ach.«

»Es ist ihnen sehr wichtig.«

Sie wandte ihr Gesicht dem Fenster zu. Sah ein kleines Wäldchen mit weißen Stämmen.

»Sicher«, sagte sie. »Das geht in Ordnung.«

1. Teil

1. KAPITEL

Die Kälte: schneidend, rein. Das Wasser – wie etwas Graues und Lebendiges, Seide!

Kein Himmel, nein, keine Kontraste, das hätte sie nicht ertragen, das tat den Augen zu weh. Aber Wolken, am liebsten dichte, geballte, die Schnee verhießen.

Und er sollte trocken vom Himmel fallen, sollte wie Rauch durch die Straßen treiben, sie würde ihre Kleider aufreißen und sich von der Kälte durchdringen lassen.

Dort in der Ferne hatte sie versucht, genau das heraufzubeschwören, das Gefühl von Eiskristallen. Voller Anspannung hatte sie die Augen geschlossen, um das Geräusch eines nordischen Ufers zu hören, an einem Frühlingstag, wenn das Eis schmilzt.

Es war ihr nicht gelungen. Nicht einmal, als die heftigsten Fieberanfälle ihren geschwächten Körper schüttelten und Nathan sie mit allem bedeckte, was er auftreiben konnte, Kleider, Stoffreste, Gardinen.

Sie fror, aber es war die falsche Art von Kälte.

Vorwärts, vorwärts, sie rannte.

So hast du mich nie gesehn!

Vorwärts, vorwärts jagte ihr massiger Leib, die Füße federleicht in den Joggingschuhen. Vor ein paar Tagen erst hatte Justine sie in einem Sportgeschäft in Solna anprobiert, hatte sie vor den kritischen Augen eines jungen Mannes mit schneeweißen Zähnen und glänzendem, dichtem Haar getestet. Er hatte sie auf einem Laufband traben lassen und ihre Fußbewegungen mit einer Videokamera aufgenommen. Beim Laufen hatte sie ihre Hände zu Fäusten geballt, entschlossen, fest, aus Angst, das Gleichgewicht zu verlieren, aus Angst, er könnte sie lächerlich finden, eine übergewichtige Frau von fünfundvierzig Jahren, könnte etwas Verzweifeltes in der Art entdecken, wie sie die Knie zusammenpresste.

Missmutig hatte er sie betrachtet.

»Sie pronieren«, stellte er fest.

Unsicher starrte sie ihn an.

»Doch. Wirklich. Aber das ist nicht schlimm, das macht fast jeder.«

Sie stieg vom Band herunter, die Haare klebten ihr im Nacken.

»Ich meine damit, dass Sie falsch belasten. Sie laufen nicht gerade, sondern seitwärts, was dazu führt, dass sich Ihre Sohlen einseitig abnutzen.«

Er hob ihre alten Winterstiefel hoch und hielt sie ihr entgegen.

»Sehen Sie selbst!«

»Aber ich laufe doch nie, ich bin noch nie gelaufen.«

»Das spielt keine Rolle. Sie pronieren auf jeden Fall.«

»Promenieren?«

Der Versuch eines Scherzes. Er lachte höflich.

Justine kaufte die Schuhe, sie kosteten fast einen Tausender. Er hielt ihr einen kleinen Vortrag darüber, dass es sich auf Dauer lohne, jetzt auf Qualität zu setzen, man könne sich selber Schaden zufügen, wenn man mit den verkehrten Schuhen jogge, sich verletzen, eine Zerrung holen, vor allem, wenn man überhaupt keine Übung habe.

Die Schuhe waren von Avia. Sie dachte ans Fliegen, als sie es bemerkte.

An Flucht.

Sich Horizonten nähern.

Die dunkelblaue Mütze tief ins Gesicht gezogen, begann sie den Anstieg Richtung Johannelundstippen. Sie lief, vornübergebeugt, aus dem Gras stoben kleine Schwärme grüner Vögel. Lautlos, aber vorwurfsvoll. Justine kam einfach so daher und unterbrach sie bei einer wichtigen Beschäftigung, sie mit ihrem keuchenden Menschenleib, ihrem schweren, rasselnden Atem.

Wir entgleiten einander.

Nein.

Du solltest mich jetzt sehen, du wärst stolz auf mich, ich könnte dir bis ans Ende der Welt folgen, und du würdest dich umdrehen und mich mit deinen Himmelsaugen anschauen, das ist Justine, die ich liebe, sie kann an der Wand laufen wie eine Fliege.

Wie eine Laus.

Oben auf der Kuppe wehte ein kräftiger Wind, der ihr die Tränen in die Augen trieb. Unten breiteten sich die Häuser aus. Sie glichen kleinen Pappschachteln, aufgestellt in einem Gewimmel aus Straßen und Wendehämmern, umgeben von rankenden Rosenhecken. So musste auch das Modell ausgesehen haben, das ursprüngliche Gipsmodell des Architekten.

Um ein Haar wäre sie geradewegs in die Reste eines abgebrannten Feuerwerks getreten, in Flaschen und Plastikbecher. Eine Gruppe von Leuten war in der Silvesternacht hierher gekommen, um besser gesehen zu werden und höher schießen zu können als alle anderen und dann anschließend betrunken hinuntergetorkelt, nach Hause.

Manchmal fuhr sie mit dem Auto zu der neuen Reithalle in Grimsta. An Werktagen fand man dort immer einen Parkplatz. Pferde sah man nur selten, doch einmal, auf der schlammigen Weide direkt neben dem Stall, entdeckte sie ein paar Tiere mit langen Beinen, ihre Mäuler wanderten wie Staubsauger über die Erde. Sie konnte keinen einzigen Grashalm entdecken.

Justine verspürte unwillkürlich den Impuls, in die Hände zu klatschen, um eine unmittelbare Reaktion auszulösen, um zu erleben, dass eines, vielleicht das Leittier, sie entsetzt anstarrte und durchging, ohne zu begreifen, dass es an allen Seiten von Zäunen umgeben war. Voller Panik würde es an nichts anderes mehr denken können als an Flucht, und die anderen würden ihm folgen. Außer sich vor Angst würden sie durch den Morast donnern und völlig die Orientierung verlieren.

Natürlich tat sie es nicht.

Links von der Eisbahn begann eine beleuchtete Loipe. Sie folgte ihr nur ein kurzes Stück, bog dann ab auf das matschige Terrain unterhalb der Mietshäuser, ließ den Parkplatz am Maltesholmsbad hinter sich, wo sie im Vorbeigehen registrierte, dass die kaputte Fensterscheibe in einem der Wohnwagen, die dort standen, immer noch nicht repariert worden war, und setzte ihren Weg Richtung Wasser fort, wo sie eine Weile am Ufer entlanglief.

Vier Enten watschelten lautlos davon. Es war Januar, einige Grad über Null, über eine Woche hatte es ununterbrochen geregnet, aber an diesem Nachmittag war der Himmel bleich und weiß.

Sie atmete durch die Nase.

An den Hängen lagen Berge von Laub, der Verrottungsprozess schien beendet zu sein, sie waren braun und glitschig, erinnerten in nichts an Leder.

Wie dort.

Kein Laut, keine Vögel oder Tropfen, nur ihre eigenen rhythmischen Schritte, das dumpfe Stampfen, als sie sich den Hügel hochkämpfte, schließlich wurde es hallender, sie hatte die Holzbrücke erreicht und wäre beinahe hingefallen. Die vom Wasser aufsteigende Feuchtigkeit hatte einen tückischen Belag gebildet, der die Avia-Sohlen ins Rutschen brachte.

Nein! Nicht stehen bleiben, jetzt keine Schwäche zeigen, ihre Lungen brannten, ein stechendes und leises Röcheln, sie zwang sich weiter, als wäre sie er. Nathan.

Du wärst stolz auf mich. Liebe mich.

Zu Hause angekommen blieb sie gleich hinter der Tür stehen, lehnte sich gegen die Wand und schnürte sich die Schuhe auf. Riss sich die restlichen Kleider vom Leib, den roten, winddurchlässigen Overall, das Zeug darunter, den Sport-BH und die Unterhose. Breitbeinig stand sie da, streckte ihre Arme aus, ließ den Schweiß langsam verdunsten.

Der Vogel flatterte von oben auf sie herab. Das Rauschen seiner Schwingen, er kollerte, knurrte ohne Unterlass. Er setzte sich in ihr Haar, klammerte sich mit seinen groben, glänzenden Krallen fest. Sie bewegte den Kopf, spürte ihn als warmes Gewicht mitten auf ihrem Schädel.

»Hast du auf mich gewartet?«, fragte sie. »Du weißt doch, dass ich immer wiederkomme.«

Sie strich ihm über den Rücken und scheuchte ihn dann weg. Mit griesgrämigem Gurren verschwand er in der Küche.

Auf dem dicken Teppich im Esszimmer machte sie ein paar Stretchingübungen, die sie sich aus einem Gymnastikprogramm im Fernsehen abgeguckt hatte. Sie war nie besonders wild darauf gewesen, etwas gemeinsam mit anderen zu unternehmen. Scheu, hatte Nathan sie genannt. Anfangs war es das gewesen, was ihn am meisten angezogen hatte.

Sie war nach wie vor nicht gerade schlank, aber die Zeit dort in der Ferne hatte ihrem Körper eine neue Form gegeben, sie sah schmaler aus, auch wenn die Waage weiterhin achtundsiebzig Kilo anzeigte. Sie stand lange unter der Dusche, glitt mit dem Schwamm über ihren Bauch, die Schenkel, in die Kniekehlen.

Dort in der Ferne war kein Tag vergangen, an dem sie sich nicht nach sauberen europäischen Duschen gesehnt hätte, nach einem Fußboden unter ihren Füßen, gekachelten Wänden.

Martina und sie hatten in dem gelben Flusswasser gebadet, aber der Geruch von Staub und Schlamm fraß sich in die Poren und war nicht wegzubekommen. Anfangs widerstrebte es ihr, in den Fluss zu steigen. Sie dachte daran, was sich unter der Oberfläche alles bewegen mochte: Schlangen, Piranhas, Blutegel. Doch eines Morgens war ihnen nichts anderes übrig geblieben, als in voller Montur die Stromschnellen zu durchqueren. Es gab keinen anderen Weg. Danach hatte sie keine Angst mehr gehabt.

Sie trocknete sich sorgfältig ab und cremte sich ein. Die Roma-Flasche war inzwischen fast leer und hatte die gleiche Form wie der Schiefe Turm von Pisa. Sie schnitt sie mit einer Schere auf und kratzte den Rest mit dem Zeigefinger heraus. Betrachtete für einen Moment ihr Gesicht im Spiegel, rotfleckig von der Hitze, nicht mehr jung. Zog Striche um die Augen, wie sie es immer getan hatte, schon seit den Sechzigern. Niemand war es gelungen, ihr das abzugewöhnen.

Nicht einmal Flora.

In ihrem grünen Hauskleid ging sie anschließend in die Küche und holte sich eine Schüssel Naturjoghurt. Der Vogel hatte sich auf dem Fensterbrett niedergelassen. Er glotzte aus einem Auge und grummelte, als wäre er unzufrieden. Draußen auf dem Weg hüpfte eine Amsel, winterfett und aufgeplustert. Im Winter veränderte sich ihr Gesang, wurde eintönig und schrill, als schlage jemand eine hart gespannte Gitarrensaite. Der andere Gesang, der gleichzeitig wehmütig und jubilierend war, verschwand irgendwann im Spätsommer, um Ende Februar wieder zu neuem Leben zu erwachen. In der Krone eines sehr hohen Baumes.

Ihr ganzes Leben hatte Justine im gleichen Haus verbracht, in Hässelby Villastad, nahe am Wasser. Es war ein schmales, hohes und kleines Steinhaus, passend für zwei oder drei Personen. Mehr hatten hier auch nie gewohnt, von der kurzen Zeit mit dem Kind einmal abgesehen.

Justine war als Einzige noch da, sie konnte es so einrichten, wie sie wollte. Bisher hatte sie allerdings das meiste so belassen, wie es war. Sie schlief in ihrem Mädchenzimmer mit den ausgebleichten Tapeten, konnte sich nicht dazu überwinden, in Papas und Floras Schlafzimmer zu ziehen. Dort war das Bett gemacht wie immer, als könnten beide jeden Moment zurückkommen, und ein paar Mal im Jahr nahm Justine die Tagesdecke herunter und wechselte die Laken.

In der Kleiderkammer hingen ihre Kleider, Papas Anzüge und Hemden links und all die zierlichen Kostüme Floras auf der anderen Seite der Stange. Die Schuhe waren von einer dünnen Staubschicht bedeckt. Manchmal dachte Justine daran, die Staubschicht zu entfernen, brachte es aber nicht einmal über sich, sich zu bücken und die Schuhe zu berühren.

Die Kommode wischte sie ab, wenn sie Lust bekam, etwas zu pflegen. Sie ging mit Fensterputzmittel über das Glas des Spiegels und rückte die Haarbürste und die kleinen Parfümflaschen ein wenig hin und her. Einmal hatte sie Floras Bürste in Richtung Fenster gehalten und die langen grauen Haare angestarrt. Sie hatte sich fest in die Backe gebissen und eines der Haare mit einer schnellen Handbewegung losgerissen. Dann ging sie auf den Balkon und zündete es an. Es brannte, begleitet von einem beißenden Geruch, kräuselte sich und verschwand.

Es wurde bereits dunkel. Sie war jetzt im oberen Flur, zog einen Stuhl zum Fenster, schenkte sich ein Glas Wein ein. Das Wasser des Mälarsees glitzerte, schaukelnde Lichter von der Außenbeleuchtung des Nachbarhauses. Sie war programmiert, ein Timer schaltete sie in der Abenddämmerung ein. Nur selten war jemand zu Hause, und sie kannte die Leute auch nicht, die dort jetzt wohnten.

Das machte nichts.

Sie war allein. Es stand ihr frei, all das zu tun, was sie sich vorgenommen hatte, was getan werden musste, damit sie wirklich eins mit sich selbst werden konnte. Ein starker und lebendiger Mensch wie alle anderen.

Darauf hatte sie ein Recht.

2. KAPITEL

Er hatte die Weihnachtstage bei seinen Eltern verbracht, ruhige Tage, ereignislos. Heiligabend war es schön gewesen, die Bäume mit Raureif überzogen. Seine Mutter hatte eine Laterne in die alte Birke gehängt, so wie sie es immer getan hatte, als sie noch klein waren, und er erinnerte sich seiner und Margaretas überdrehter Aufregung, wenn sie am Morgen des Heiligabends erwachten.

Seine Mutter bestand darauf, dass er Weihnachten nach Hause kam. Was sollte er auch sonst tun? Trotzdem ließ er sich bitten, ließ sie betteln und flehen, als müsste er sich ständig vergewissern, wie viel er ihr immer noch bedeutete.

Wie das bei seinem Vater war, wusste er nicht so genau. Kjell Bergman war kein Mann, der Gefühle zeigte. Ein einziges Mal hatte Hans Peter gesehen, dass er die Fassung verlor, hatte er einen Ausdruck von Schmerz über das breite, fleischige Gesicht gleiten sehen. Es war in jener Nacht, als die Polizei kam, um ihnen mitzuteilen, dass Margareta von der Straße abgekommen war. Das war mittlerweile achtzehn Jahre her, damals hatte Hans Peter noch zu Hause gewohnt.

Der Tod seiner Schwester hatte für ihn zur Folge, dass er seinen Auszug von zu Hause verschieben musste. Er war als Einziger noch da, und seine Eltern brauchten ihn.

Er war fünfundzwanzig, als es geschah, und mitten in seinen Bemühungen, seiner Zukunft eine Struktur zu geben. Er studierte Theologie und Psychologie. Irgendwo in seinem Innersten gab es eine Sehnsucht nach etwas Höherem, er sah sich selbst in strengen, schwarzen Gewändern und empfand etwas, das innerem Frieden glich.

Drei Jahre blieb er noch bei ihnen. Dann packte er seine Sachen und ging fort. Seine Eltern hatten wieder begonnen, miteinander zu reden. Die erste Zeit schwiegen sie, saßen wie Marmorsäulen in ihren Fernsehsesseln und sagten kein Wort. Als wollten sie sich gegenseitig bestrafen, als wären sie auf eine irrationale Weise davon überzeugt, der andere sei schuld daran, dass Margareta von der Straße abgekommen war.

Sie hatte den Führerschein erst seit gut einer Woche gehabt, und es war das Auto ihrer Eltern gewesen, das sie an jenem Abend gefahren hatte, einen Saab, Baujahr 1972. Ohne dass es jemals gelang, die genaue Unfallursache zu ermitteln, kam sie in der Nähe von Bro von der Straße ab und fuhr direkt in einen Betonpfeiler.

Das Auto glich einem Schrotthaufen.

Ihr Zimmer wurde jahrelang nicht benutzt. Seine Mutter ging manchmal hinein und schloss die Tür. Wenn sie wieder herauskam, ging sie stets auf direktem Weg ins Schlafzimmer, zog sich aus und legte sich ins Bett.

Hans Peter litt darunter. Ganz allmählich und behutsam begann er, sie dazu zu überreden, ihm die Erlaubnis zu geben, hineinzugehen und aufzuräumen. Schließlich gab sie nach.

Er hatte das Zimmer ausgeräumt, Margaretas persönliche Sachen auf den Speicher getragen und ihr Bett und den kleinen, zierlichen Schreibtisch für sich beansprucht. Seine Eltern zeigten keine Reaktion, erwähnten es mit keinem Wort, nicht einmal, als ihnen die Leere aus dem frisch geputzten Zimmer entgegenstarrte. In der Tat, er war sehr gründlich gewesen, hatte die Wände mit Seifenlauge abgeschrubbt, war mit einem Wollmopp über die Decke gegangen, hatte sowohl die Fenster als auch den Fußboden geputzt.

Seine Mutter hatte immer von einem Esszimmer geträumt.

»Jetzt habt ihr eins«, hatte er gesagt. »Jetzt habe ich alles dafür vorbereitet.«

Und er hatte den IKEA-Katalog auf den Wohnzimmertisch geknallt und sie schließlich dazu bewegt, darin zu blättern und sich die Sachen anzuschauen. Sein Vater hatte ein wenig auf den Backen herumgekaut, die Zähne zusammengebissen und geschwiegen. Seine Mutter hatte geweint. Aber ganz allmählich hatten sie es akzeptiert. Er hatte sie dazu gebracht zu akzeptieren, zu begreifen, dass Margareta nie wieder zurückkommen würde und man ihr Andenken nicht befleckte, wenn man ihr Zimmer in etwas Praktischeres verwandelte als ein Museum.

Aber letztendlich aßen sie wohl nur, wenn er zu Hause war, in diesem Zimmer, um ihm einen Gefallen zu tun. Hans Peter glaubte nicht, dass sie jemals Gäste hatten. Sie hatten vorher keine gehabt, warum sollte sich das jetzt ändern? Nur weil sie ein Esszimmer bekommen hatten?

Es war, als hätten sie für mehr als die alltäglichen Arbeiten keine Kraft mehr. Sein Vater war ständig müde. Er hatte als Klempner gearbeitet, war aber schon seit vielen Jahren pensioniert. Sein Rücken war kaputt.

Seine Mutter war Realschullehrerin gewesen.

Hans Peter erinnerte sich, wie Margareta ihren Eltern einmal den Vorwurf gemacht hatte, sie würden sich isolieren. Sie war damals ungefähr dreizehn gewesen, hatte begonnen, ein wenig aufmüpfig zu werden. Ihr Vater hatte sie an den Oberarmen gepackt und gegen die Wand gedrückt.

»Wir leben auf unsere Art, und wenn das dem Fräulein nicht passt, kann es gerne ausziehen. Wir kommen ausgezeichnet zurecht, auch ohne dass eine Menge fremder Leute in unseren Angelegenheiten rumschnüffelt.«

Es war eine der seltenen Gelegenheiten gewesen, bei denen er aufbrausend reagiert hatte.

Er wollte fort und fand eine Wohnung in Hässelby Strand. Es war nicht weit zur U-Bahn, nicht weit ins Grüne, er mochte Spaziergänge, bewegte sich gern. Er studierte weiter, aber ohne dass dabei etwas Konkretes herauskam. Als er anfing, sich wegen der aufgelaufenen Studiendarlehen Sorgen zu machen, nahm er Gelegenheitsjobs an, trug Post aus, machte Umfragen für ein Meinungsforschungsinstitut. Dabei sprang zwar nicht besonders viel heraus, aber er kam auch mit wenig zurecht.

In der Bücherei von Åkermyntan, dem Einkaufszentrum von Hässelby Villastad, traf er Liv Santesson, eine frisch examinierte Bibliothekarin, die er nach einer Weile heiratete. Von Leidenschaft konnte keine Rede sein, weder von seiner noch von ihrer Seite. Sie mochten sich, das war alles.

Es wurde eine schlichte Hochzeit, Trauung im Rathaus mit anschließendem Essen im Restaurant Ulla Winbladh im Kreise der engsten Verwandten.

Ihr Bruder leitete ein Hotel in der Stadt. Hans Peter nahm dort die Stelle eines Nachtportiers an. Das war natürlich keine besonders gute Idee, nicht für jemanden, der gerade geheiratet hatte und von dem erwartet wurde, dass er seiner jungen Ehefrau den Hof machte, wie es sich für einen frisch verheirateten Mann gehört.

Kinder bekamen sie folgerichtig auch keine, und mit der Zeit stellten sie ihre sexuellen Aktivitäten gänzlich ein.

»Wir haben eine andere Art von Beziehung«, pflegte er zu denken, der festen Überzeugung, dass sie der gleichen Ansicht war. Das war sie nicht. An einem Samstagabend, ziemlich genau vier Jahre nach ihrer Hochzeit, teilte sie ihm mit, dass sie sich scheiden lassen wolle.

»Ich habe einen anderen Mann getroffen«, sagte sie, zupfte nervös an ihrem Ohrläppchen und duckte sich ein wenig wie vor einem Schlag.

Er blieb vollkommen ruhig.

»Bernt und ich passen zusammen. Auf eine ganz andere Art als du und ich. Wenn wir ehrlich sind, haben wir eigentlich kaum gemeinsame Interessen außer der Literatur, und von Literatur allein kann man nicht leben.«

Trauer überkam ihn, leicht und flatternd, kam und verschwand dann wieder.

Sie berührte ihn, ihre kleine, verfrorene Hand legte sich um seinen Hals. Er schluckte, schluckte.

»Du bist ein feiner Kerl«, flüsterte sie. »Es ist nicht so, als würde mit dir was nicht stimmen ... Aber wir sehen uns ja fast nie und Bernt und ich, wir haben uns einfach ...«

Hans Peter nickte.

»Verzeih mir, sag, dass du mir verzeihst.«

Jetzt weinte sie, die Tränen liefen ihr die Wangen herab, blieben an der Kinnspitze hängen, verloren den Halt und wurden vom Pullover aufgesaugt, ihre Nase war rot und glänzend.

»Da gibt es wohl im Grunde nichts zu verzeihen«, sagte er mit belegter Stimme.

Sie schluchzte auf.

»Dann bist du nicht wütend auf mich?«

»Eher enttäuscht, würde ich sagen, darüber, dass es nicht ging.«

»Vielleicht braucht man ja ein wenig mehr ... Feuer?«

»Ja, vielleicht.«

Bereits am nächsten Tag zog sie aus der Wohnung aus. Nahm nur das Notwendigste mit, fuhr zu Bernt nach Hause. Später in dieser Woche kehrte sie mit einem Transporter zurück, den sie an einer Tankstelle gemietet hatte. Das verblüffte ihn. Sie war nie gerne Auto gefahren.

Er half ihr hinunterzutragen, was ihr gehörte. Die meisten Möbel und Haushaltssachen durfte er behalten. Bernt hatte bereits ein komplett eingerichtetes Heim. Er wohnte in einem Reihenhaus auf dem Blomsterkungsväg.

»Darf ich dir wenigstens eine Tasse Kaffee oder etwas anderes anbieten?«, fragte er, als sie fertig waren. Eigentlich wollte er das gar nicht, eigentlich wollte er, dass sie sich auf den Weg machte, damit er allein sein konnte. Er hatte keine Ahnung, warum er das gesagt hatte, die Worte kamen einfach aus seinem Mund.

Sie zögerte kurz, nahm dann an.

Gemeinsam saßen sie auf dem Sofa, aber als sie den Arm um ihn legen wollte, entzog er sich ihr.

Sie schluckte.

»Dann bist du also doch scheißsauer auf mich?«

Es war das erste Mal, dass er sie fluchen hörte. Er war so überrascht, dass er in Gelächter ausbrach.

Ein paar Jahre später traf er die beiden in Åkermyntan, mit Einkaufstüten beladen. Sie hatten ein paar Kinder dabei, sie nannte ihre Namen, aber er vergaß sie sofort wieder.

Ihr neuer Mann war groß und kräftig gebaut, hatte einen Bauch, der sich deutlich abzeichnete. Er trug eine Jogginghose.

»Dickwanst«, dachte Hans Peter, aber ohne Aggression.

Liv war beim Friseur gewesen, ihr Haar jetzt lockig.

»Komm doch mal auf einen Drink vorbei«, schlug sie vor. Der Mann neben ihr nickte.

»Klar, mach das. Wir wohnen drüben in Backlura, nimm einfach den Bus, den 119er.«

»Ja«, sagte er unverbindlich.

Liv griff nach dem Ärmel seiner Jacke.

»Ich möchte nicht, dass wir uns ganz aus den Augen verlieren«, sagte sie.

Er sah zu den ungeduldigen Gesichtern der Kinder hinab. Das eine war ein Mädchen, es betrachtete ihn abweisend.

»Nein«, antwortete er. »Das werden wir schon nicht.«

Von Zeit zu Zeit machte seine Mutter ihm Vorwürfe. Sie hatte sich Enkelkinder gewünscht. Sie sprach es nie offen aus, aber es kam vor, dass sie auf ein Kind in einer Zeitung zeigte und einen traurigen Kommentar abgab. Oder das Fernsehen: Mit Vorliebe schaltete sie den Fernsehapparat immer dann ein, wenn es Zeit für die Kinderstunde war, Werwiewas, Wiesoweshalbwarum.

Das machte ihn rasend. Aber er ließ sich nie etwas anmerken.

Er hatte verschiedene Damenbekanntschaften, nahm die Frauen manchmal mit nach Hause und stellte sie seinen Eltern vor, nicht zuletzt, um seiner Mutter wenigstens die Andeutung einer Hoffnung zu geben.

Er wusste, dass seine Eltern enttäuscht von ihm waren, weder eine ordentliche Arbeit noch eine Familie hatte er.

Er konnte ihnen deswegen keinen Vorwurf machen, im Gegenteil.

Alles hätte sich anders entwickelt, wenn die Sache mit Margareta nicht passiert wäre. Das hatte ihn jeglichen Schwung verlieren lassen.

Am ersten Weihnachtstag begann es zu regnen, und das regnerische Wetter hielt mehr als eine Woche lang an. Seine Mutter tat ihr Bestes, um ihn zu verwöhnen. Sie deckte kleine Frühstückstabletts, und wenn er im Bett lag und gerade dabei war, aufzuwachen, hörte er ihr vorsichtiges Scharren an der Tür.

»Mein großer Junge«, murmelte sie und stellte das Tablett auf den Nachttisch.

Da bekam er Lust, zu ihr zu kriechen, zu weinen. Aber er hatte einen schlechten Geschmack im Mund und blieb unter der Decke liegen, regungslos.

Er blieb bis zum Tag vor Silvester. Länger hielt er es nicht aus. Ihre Atemzüge, ihre Art zu kauen, das Geräusch des Fernsehapparats, der so laut gestellt sein musste. Sie waren beide über siebzig. Einer von ihnen würde natürlich als Erster dran glauben müssen. Er wusste nicht, für wen es am schlimmsten sein würde, weiterzuleben, einsam.

Sie kannten sich, seit sie zwanzig waren.

Er sehnte sich nach seiner stillen, kühlen Wohnung. Er würde eine Flasche Wein leeren und ein Kreuzworträtsel lösen, seine Musik hören, Kraus und Frank Sinatra.

Seiner Mutter sagte er, dass er bei guten Freunden zu einer Silvesterparty eingeladen war.

Er war kaum zur Tür hereingekommen, als auch schon das Telefon klingelte.

Eine seiner Damenbekanntschaften.

Mist, dachte er. Nicht mehr.

»Wie geht es dir?« Ihre zarte Mädchenstimme.

»Gut, ich bin gerade nach Hause gekommen.«

»Bist du bei Kjell und Birgit gewesen?«

Sie hatte die beiden ein einziges Mal getroffen, tat aber so, als gehörte sie schon zur Familie.

»Ja.«

»Habe ich mir fast gedacht, ich habe versucht, dich anzurufen.«

»Aha ...«

»Hans Peter? Darf ich morgen zu dir kommen? Sollen wir zusammen Silvester feiern?«

Er hätte sagen können, dass er arbeiten musste, aber er brachte es nicht über sich.

Sie kam, und sie hatte sich schön gemacht. Ihm war nicht bewusst gewesen, dass sie so süß war, er begriff, dass sie sich Mühe gegeben hatte, seinetwegen, er bekam ein schlechtes Gewissen.

Sie waren sich bei gemeinsamen Freunden begegnet, danach hatten sie sich eine Zeit lang getroffen. Sporadisch, nichts Festes. Aber sie waren gemeinsam bei seinen Eltern in Stuvsta gewesen.

»Findest du mich aufdringlich?«, fragte sie ihn ohne Umschweife. »Eine Frau soll ja eigentlich nicht die Initiative ergreifen. Solche Initiativen, meine ich.«

»Ach, Unsinn!«

»Tja, jetzt bin ich jedenfalls hier.«

Sie hatte Lebensmittel mitgebracht, zwei Tüten voll, dazu Wein und Sekt.

Okay, dachte er. Sie will es so haben.

Etwas an ihr machte ihn geil, stärker als bei jeder anderen. Etwas in ihrer Art, den Kopf hängen zu lassen, schuldbewusst auszusehen.

Er erschreckte selbst ein wenig über seine Kraft.

Danach verließ sie sofort das Bett.

Er wusste, dass es für sie nicht schön gewesen war, es war zu schnell gegangen.

Er dachte, dass er ihr das sagen sollte, fand aber nicht die richtigen Worte.

Wir machen es noch mal, dachte er. Später.

Sie deckten gemeinsam den Tisch, und sie sagte nicht viel, aber als sie ein halbes Glas Wein getrunken hatte, begann sie zu weinen.

»Du ...«, sagte er besorgt. »Was ist los?«

Sie antwortete nicht, weinte nur noch mehr.

Er warf seine Gabel auf den Tisch.

»Ich bin ein großes Stück Scheiße!«, schrie er.

Sie drehte sich zur Seite und beruhigte sich.

»Mein kleines Dummerchen«, sagte er leise. »Warum wolltest du eigentlich zu mir kommen?«

»Ich hab dich doch gern, hab mich nach dir gesehnt, ich hab mich die ganzen beschissenen Weihnachtstage nach dir gesehnt.«

Er stand auf und ging um den Tisch herum, fasste sie an den Armen, zog sie hoch.

»Sollen wir weiteressen?«

Sie zog ein Taschentuch hervor. Sie nickte.

Nach dem Essen schlief sie auf dem Sofa ein, an seinen Arm gelehnt. Sie atmete schwer und geräuschvoll. Er saß unbequem, traute sich aber nicht, seine Stellung zu ändern, voller Angst, sie könne aufwachen und etwas von ihm fordern.

Einsamkeit erfüllte ihn.

Yaş həddi:
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340 səh. 1 illustrasiya
ISBN:
9788726445022
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