Kitabı oxu: «Gute Nacht, mein Geliebter - Psychothriller»

Şrift:

Inger Frimansson

Gute Nacht, mein Geliebter - Psychothriller

Paul Berf

Saga

Gute Nacht, mein Geliebter - Psychothriller ÜbersetzerPaul Berf Coverbild / Illustration: Shutterstock Copyright © 2002, 2020 Inger Frimansson und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726445022

1. Ebook-Auflage, 2020

Format: EPUB 2.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit Zustimmung von SAGA Egmont gestattet.

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– a part of Egmont www.egmont.com

Ein herzliches Dankeschön an Karl-David,

für das Blasrohr, das er mir lieh, und dass

ich es so lange behalten durfte, wie ich wollte.

PROLOG

Abends gegen Viertel nach sechs kamen sie in Arlanda an. Sie waren in London verspätet gelandet und hatten deshalb ihren Anschlussflug verpasst. Alle Maschinen nach Stockholm waren ausgebucht. Sie hätten erst am nächsten Tag Weiterreisen können, wenn der Frau von der Botschaft nicht der Kragen geplatzt wäre. Sie hieß Nancy Fors und war während der gesamten Reise ruhig und ein wenig melancholisch gewesen. Ihr überraschender Gefühlsausbruch verblüffte Justine.

Sie durften als Erste das Flugzeug verlassen. Zwei Polizisten in Zivil kamen an Bord und schleusten sie über einen Nebenausgang hinaus.

»Die Presse hat leider Wind von Ihrer Ankunft bekommen«, sagte der eine. Justine hatte seinen Namen nicht richtig verstanden.

»Die sind wie Hyänen. Müssen in alles ihre Schnauze stecken und darin herumwühlen. Aber jetzt zeigen wir ihnen, was eine Harke ist.«

Sie nahmen Justine in ihrem Wagen mit.

Was ihr sofort auffiel, war das Licht, dieses reine, kühle Licht und das fast schon zerbrechlich wirkende Grün. Sie hatte ganz vergessen, dass es hier so aussah. Sie sprach mit Nancy Fors darüber: »Haben Sie nie Heimweh? Wie halten Sie es in der Hitze dort drüben nur aus?«

»Ich weiß doch, dass es nur vorübergehend ist«, lautete die Antwort. »Und die Dinge hier verändern sich ja nicht, sie warten auf mich.«

Sie kamen an der Ausfahrt nach Sollentuna und Upplands Väsby vorbei. Es war halb acht.

Der Polizist, der den Wagen fuhr, sagte:

»Übrigens ... dieses Mädchen. Martina. Ihre Eltern möchten Sie gerne sehen.«

»Ach.«

»Es ist ihnen sehr wichtig.«

Sie wandte ihr Gesicht dem Fenster zu. Sah ein kleines Wäldchen mit weißen Stämmen.

»Sicher«, sagte sie. »Das geht in Ordnung.«

1. Teil

1. KAPITEL

Die Kälte: schneidend, rein. Das Wasser – wie etwas Graues und Lebendiges, Seide!

Kein Himmel, nein, keine Kontraste, das hätte sie nicht ertragen, das tat den Augen zu weh. Aber Wolken, am liebsten dichte, geballte, die Schnee verhießen.

Und er sollte trocken vom Himmel fallen, sollte wie Rauch durch die Straßen treiben, sie würde ihre Kleider aufreißen und sich von der Kälte durchdringen lassen.

Dort in der Ferne hatte sie versucht, genau das heraufzubeschwören, das Gefühl von Eiskristallen. Voller Anspannung hatte sie die Augen geschlossen, um das Geräusch eines nordischen Ufers zu hören, an einem Frühlingstag, wenn das Eis schmilzt.

Es war ihr nicht gelungen. Nicht einmal, als die heftigsten Fieberanfälle ihren geschwächten Körper schüttelten und Nathan sie mit allem bedeckte, was er auftreiben konnte, Kleider, Stoffreste, Gardinen.

Sie fror, aber es war die falsche Art von Kälte.

Vorwärts, vorwärts, sie rannte.

So hast du mich nie gesehn!

Vorwärts, vorwärts jagte ihr massiger Leib, die Füße federleicht in den Joggingschuhen. Vor ein paar Tagen erst hatte Justine sie in einem Sportgeschäft in Solna anprobiert, hatte sie vor den kritischen Augen eines jungen Mannes mit schneeweißen Zähnen und glänzendem, dichtem Haar getestet. Er hatte sie auf einem Laufband traben lassen und ihre Fußbewegungen mit einer Videokamera aufgenommen. Beim Laufen hatte sie ihre Hände zu Fäusten geballt, entschlossen, fest, aus Angst, das Gleichgewicht zu verlieren, aus Angst, er könnte sie lächerlich finden, eine übergewichtige Frau von fünfundvierzig Jahren, könnte etwas Verzweifeltes in der Art entdecken, wie sie die Knie zusammenpresste.

Missmutig hatte er sie betrachtet.

»Sie pronieren«, stellte er fest.

Unsicher starrte sie ihn an.

»Doch. Wirklich. Aber das ist nicht schlimm, das macht fast jeder.«

Sie stieg vom Band herunter, die Haare klebten ihr im Nacken.

»Ich meine damit, dass Sie falsch belasten. Sie laufen nicht gerade, sondern seitwärts, was dazu führt, dass sich Ihre Sohlen einseitig abnutzen.«

Er hob ihre alten Winterstiefel hoch und hielt sie ihr entgegen.

»Sehen Sie selbst!«

»Aber ich laufe doch nie, ich bin noch nie gelaufen.«

»Das spielt keine Rolle. Sie pronieren auf jeden Fall.«

»Promenieren?«

Der Versuch eines Scherzes. Er lachte höflich.

Justine kaufte die Schuhe, sie kosteten fast einen Tausender. Er hielt ihr einen kleinen Vortrag darüber, dass es sich auf Dauer lohne, jetzt auf Qualität zu setzen, man könne sich selber Schaden zufügen, wenn man mit den verkehrten Schuhen jogge, sich verletzen, eine Zerrung holen, vor allem, wenn man überhaupt keine Übung habe.

Die Schuhe waren von Avia. Sie dachte ans Fliegen, als sie es bemerkte.

An Flucht.

Sich Horizonten nähern.

Die dunkelblaue Mütze tief ins Gesicht gezogen, begann sie den Anstieg Richtung Johannelundstippen. Sie lief, vornübergebeugt, aus dem Gras stoben kleine Schwärme grüner Vögel. Lautlos, aber vorwurfsvoll. Justine kam einfach so daher und unterbrach sie bei einer wichtigen Beschäftigung, sie mit ihrem keuchenden Menschenleib, ihrem schweren, rasselnden Atem.

Wir entgleiten einander.

Nein.

Du solltest mich jetzt sehen, du wärst stolz auf mich, ich könnte dir bis ans Ende der Welt folgen, und du würdest dich umdrehen und mich mit deinen Himmelsaugen anschauen, das ist Justine, die ich liebe, sie kann an der Wand laufen wie eine Fliege.

Wie eine Laus.

Oben auf der Kuppe wehte ein kräftiger Wind, der ihr die Tränen in die Augen trieb. Unten breiteten sich die Häuser aus. Sie glichen kleinen Pappschachteln, aufgestellt in einem Gewimmel aus Straßen und Wendehämmern, umgeben von rankenden Rosenhecken. So musste auch das Modell ausgesehen haben, das ursprüngliche Gipsmodell des Architekten.

Um ein Haar wäre sie geradewegs in die Reste eines abgebrannten Feuerwerks getreten, in Flaschen und Plastikbecher. Eine Gruppe von Leuten war in der Silvesternacht hierher gekommen, um besser gesehen zu werden und höher schießen zu können als alle anderen und dann anschließend betrunken hinuntergetorkelt, nach Hause.

Manchmal fuhr sie mit dem Auto zu der neuen Reithalle in Grimsta. An Werktagen fand man dort immer einen Parkplatz. Pferde sah man nur selten, doch einmal, auf der schlammigen Weide direkt neben dem Stall, entdeckte sie ein paar Tiere mit langen Beinen, ihre Mäuler wanderten wie Staubsauger über die Erde. Sie konnte keinen einzigen Grashalm entdecken.

Justine verspürte unwillkürlich den Impuls, in die Hände zu klatschen, um eine unmittelbare Reaktion auszulösen, um zu erleben, dass eines, vielleicht das Leittier, sie entsetzt anstarrte und durchging, ohne zu begreifen, dass es an allen Seiten von Zäunen umgeben war. Voller Panik würde es an nichts anderes mehr denken können als an Flucht, und die anderen würden ihm folgen. Außer sich vor Angst würden sie durch den Morast donnern und völlig die Orientierung verlieren.

Natürlich tat sie es nicht.

Links von der Eisbahn begann eine beleuchtete Loipe. Sie folgte ihr nur ein kurzes Stück, bog dann ab auf das matschige Terrain unterhalb der Mietshäuser, ließ den Parkplatz am Maltesholmsbad hinter sich, wo sie im Vorbeigehen registrierte, dass die kaputte Fensterscheibe in einem der Wohnwagen, die dort standen, immer noch nicht repariert worden war, und setzte ihren Weg Richtung Wasser fort, wo sie eine Weile am Ufer entlanglief.

Vier Enten watschelten lautlos davon. Es war Januar, einige Grad über Null, über eine Woche hatte es ununterbrochen geregnet, aber an diesem Nachmittag war der Himmel bleich und weiß.

Sie atmete durch die Nase.

An den Hängen lagen Berge von Laub, der Verrottungsprozess schien beendet zu sein, sie waren braun und glitschig, erinnerten in nichts an Leder.

Wie dort.

Kein Laut, keine Vögel oder Tropfen, nur ihre eigenen rhythmischen Schritte, das dumpfe Stampfen, als sie sich den Hügel hochkämpfte, schließlich wurde es hallender, sie hatte die Holzbrücke erreicht und wäre beinahe hingefallen. Die vom Wasser aufsteigende Feuchtigkeit hatte einen tückischen Belag gebildet, der die Avia-Sohlen ins Rutschen brachte.

Nein! Nicht stehen bleiben, jetzt keine Schwäche zeigen, ihre Lungen brannten, ein stechendes und leises Röcheln, sie zwang sich weiter, als wäre sie er. Nathan.

Du wärst stolz auf mich. Liebe mich.

Zu Hause angekommen blieb sie gleich hinter der Tür stehen, lehnte sich gegen die Wand und schnürte sich die Schuhe auf. Riss sich die restlichen Kleider vom Leib, den roten, winddurchlässigen Overall, das Zeug darunter, den Sport-BH und die Unterhose. Breitbeinig stand sie da, streckte ihre Arme aus, ließ den Schweiß langsam verdunsten.

Der Vogel flatterte von oben auf sie herab. Das Rauschen seiner Schwingen, er kollerte, knurrte ohne Unterlass. Er setzte sich in ihr Haar, klammerte sich mit seinen groben, glänzenden Krallen fest. Sie bewegte den Kopf, spürte ihn als warmes Gewicht mitten auf ihrem Schädel.

»Hast du auf mich gewartet?«, fragte sie. »Du weißt doch, dass ich immer wiederkomme.«

Sie strich ihm über den Rücken und scheuchte ihn dann weg. Mit griesgrämigem Gurren verschwand er in der Küche.

Auf dem dicken Teppich im Esszimmer machte sie ein paar Stretchingübungen, die sie sich aus einem Gymnastikprogramm im Fernsehen abgeguckt hatte. Sie war nie besonders wild darauf gewesen, etwas gemeinsam mit anderen zu unternehmen. Scheu, hatte Nathan sie genannt. Anfangs war es das gewesen, was ihn am meisten angezogen hatte.

Sie war nach wie vor nicht gerade schlank, aber die Zeit dort in der Ferne hatte ihrem Körper eine neue Form gegeben, sie sah schmaler aus, auch wenn die Waage weiterhin achtundsiebzig Kilo anzeigte. Sie stand lange unter der Dusche, glitt mit dem Schwamm über ihren Bauch, die Schenkel, in die Kniekehlen.

Dort in der Ferne war kein Tag vergangen, an dem sie sich nicht nach sauberen europäischen Duschen gesehnt hätte, nach einem Fußboden unter ihren Füßen, gekachelten Wänden.

Martina und sie hatten in dem gelben Flusswasser gebadet, aber der Geruch von Staub und Schlamm fraß sich in die Poren und war nicht wegzubekommen. Anfangs widerstrebte es ihr, in den Fluss zu steigen. Sie dachte daran, was sich unter der Oberfläche alles bewegen mochte: Schlangen, Piranhas, Blutegel. Doch eines Morgens war ihnen nichts anderes übrig geblieben, als in voller Montur die Stromschnellen zu durchqueren. Es gab keinen anderen Weg. Danach hatte sie keine Angst mehr gehabt.

Sie trocknete sich sorgfältig ab und cremte sich ein. Die Roma-Flasche war inzwischen fast leer und hatte die gleiche Form wie der Schiefe Turm von Pisa. Sie schnitt sie mit einer Schere auf und kratzte den Rest mit dem Zeigefinger heraus. Betrachtete für einen Moment ihr Gesicht im Spiegel, rotfleckig von der Hitze, nicht mehr jung. Zog Striche um die Augen, wie sie es immer getan hatte, schon seit den Sechzigern. Niemand war es gelungen, ihr das abzugewöhnen.

Nicht einmal Flora.

In ihrem grünen Hauskleid ging sie anschließend in die Küche und holte sich eine Schüssel Naturjoghurt. Der Vogel hatte sich auf dem Fensterbrett niedergelassen. Er glotzte aus einem Auge und grummelte, als wäre er unzufrieden. Draußen auf dem Weg hüpfte eine Amsel, winterfett und aufgeplustert. Im Winter veränderte sich ihr Gesang, wurde eintönig und schrill, als schlage jemand eine hart gespannte Gitarrensaite. Der andere Gesang, der gleichzeitig wehmütig und jubilierend war, verschwand irgendwann im Spätsommer, um Ende Februar wieder zu neuem Leben zu erwachen. In der Krone eines sehr hohen Baumes.

Ihr ganzes Leben hatte Justine im gleichen Haus verbracht, in Hässelby Villastad, nahe am Wasser. Es war ein schmales, hohes und kleines Steinhaus, passend für zwei oder drei Personen. Mehr hatten hier auch nie gewohnt, von der kurzen Zeit mit dem Kind einmal abgesehen.

Justine war als Einzige noch da, sie konnte es so einrichten, wie sie wollte. Bisher hatte sie allerdings das meiste so belassen, wie es war. Sie schlief in ihrem Mädchenzimmer mit den ausgebleichten Tapeten, konnte sich nicht dazu überwinden, in Papas und Floras Schlafzimmer zu ziehen. Dort war das Bett gemacht wie immer, als könnten beide jeden Moment zurückkommen, und ein paar Mal im Jahr nahm Justine die Tagesdecke herunter und wechselte die Laken.

In der Kleiderkammer hingen ihre Kleider, Papas Anzüge und Hemden links und all die zierlichen Kostüme Floras auf der anderen Seite der Stange. Die Schuhe waren von einer dünnen Staubschicht bedeckt. Manchmal dachte Justine daran, die Staubschicht zu entfernen, brachte es aber nicht einmal über sich, sich zu bücken und die Schuhe zu berühren.

Die Kommode wischte sie ab, wenn sie Lust bekam, etwas zu pflegen. Sie ging mit Fensterputzmittel über das Glas des Spiegels und rückte die Haarbürste und die kleinen Parfümflaschen ein wenig hin und her. Einmal hatte sie Floras Bürste in Richtung Fenster gehalten und die langen grauen Haare angestarrt. Sie hatte sich fest in die Backe gebissen und eines der Haare mit einer schnellen Handbewegung losgerissen. Dann ging sie auf den Balkon und zündete es an. Es brannte, begleitet von einem beißenden Geruch, kräuselte sich und verschwand.

Es wurde bereits dunkel. Sie war jetzt im oberen Flur, zog einen Stuhl zum Fenster, schenkte sich ein Glas Wein ein. Das Wasser des Mälarsees glitzerte, schaukelnde Lichter von der Außenbeleuchtung des Nachbarhauses. Sie war programmiert, ein Timer schaltete sie in der Abenddämmerung ein. Nur selten war jemand zu Hause, und sie kannte die Leute auch nicht, die dort jetzt wohnten.

Das machte nichts.

Sie war allein. Es stand ihr frei, all das zu tun, was sie sich vorgenommen hatte, was getan werden musste, damit sie wirklich eins mit sich selbst werden konnte. Ein starker und lebendiger Mensch wie alle anderen.

Darauf hatte sie ein Recht.

2. KAPITEL

Er hatte die Weihnachtstage bei seinen Eltern verbracht, ruhige Tage, ereignislos. Heiligabend war es schön gewesen, die Bäume mit Raureif überzogen. Seine Mutter hatte eine Laterne in die alte Birke gehängt, so wie sie es immer getan hatte, als sie noch klein waren, und er erinnerte sich seiner und Margaretas überdrehter Aufregung, wenn sie am Morgen des Heiligabends erwachten.

Seine Mutter bestand darauf, dass er Weihnachten nach Hause kam. Was sollte er auch sonst tun? Trotzdem ließ er sich bitten, ließ sie betteln und flehen, als müsste er sich ständig vergewissern, wie viel er ihr immer noch bedeutete.

Wie das bei seinem Vater war, wusste er nicht so genau. Kjell Bergman war kein Mann, der Gefühle zeigte. Ein einziges Mal hatte Hans Peter gesehen, dass er die Fassung verlor, hatte er einen Ausdruck von Schmerz über das breite, fleischige Gesicht gleiten sehen. Es war in jener Nacht, als die Polizei kam, um ihnen mitzuteilen, dass Margareta von der Straße abgekommen war. Das war mittlerweile achtzehn Jahre her, damals hatte Hans Peter noch zu Hause gewohnt.

Der Tod seiner Schwester hatte für ihn zur Folge, dass er seinen Auszug von zu Hause verschieben musste. Er war als Einziger noch da, und seine Eltern brauchten ihn.

Er war fünfundzwanzig, als es geschah, und mitten in seinen Bemühungen, seiner Zukunft eine Struktur zu geben. Er studierte Theologie und Psychologie. Irgendwo in seinem Innersten gab es eine Sehnsucht nach etwas Höherem, er sah sich selbst in strengen, schwarzen Gewändern und empfand etwas, das innerem Frieden glich.

Drei Jahre blieb er noch bei ihnen. Dann packte er seine Sachen und ging fort. Seine Eltern hatten wieder begonnen, miteinander zu reden. Die erste Zeit schwiegen sie, saßen wie Marmorsäulen in ihren Fernsehsesseln und sagten kein Wort. Als wollten sie sich gegenseitig bestrafen, als wären sie auf eine irrationale Weise davon überzeugt, der andere sei schuld daran, dass Margareta von der Straße abgekommen war.

Sie hatte den Führerschein erst seit gut einer Woche gehabt, und es war das Auto ihrer Eltern gewesen, das sie an jenem Abend gefahren hatte, einen Saab, Baujahr 1972. Ohne dass es jemals gelang, die genaue Unfallursache zu ermitteln, kam sie in der Nähe von Bro von der Straße ab und fuhr direkt in einen Betonpfeiler.

Das Auto glich einem Schrotthaufen.

Ihr Zimmer wurde jahrelang nicht benutzt. Seine Mutter ging manchmal hinein und schloss die Tür. Wenn sie wieder herauskam, ging sie stets auf direktem Weg ins Schlafzimmer, zog sich aus und legte sich ins Bett.

Hans Peter litt darunter. Ganz allmählich und behutsam begann er, sie dazu zu überreden, ihm die Erlaubnis zu geben, hineinzugehen und aufzuräumen. Schließlich gab sie nach.

Er hatte das Zimmer ausgeräumt, Margaretas persönliche Sachen auf den Speicher getragen und ihr Bett und den kleinen, zierlichen Schreibtisch für sich beansprucht. Seine Eltern zeigten keine Reaktion, erwähnten es mit keinem Wort, nicht einmal, als ihnen die Leere aus dem frisch geputzten Zimmer entgegenstarrte. In der Tat, er war sehr gründlich gewesen, hatte die Wände mit Seifenlauge abgeschrubbt, war mit einem Wollmopp über die Decke gegangen, hatte sowohl die Fenster als auch den Fußboden geputzt.

Seine Mutter hatte immer von einem Esszimmer geträumt.

»Jetzt habt ihr eins«, hatte er gesagt. »Jetzt habe ich alles dafür vorbereitet.«

Und er hatte den IKEA-Katalog auf den Wohnzimmertisch geknallt und sie schließlich dazu bewegt, darin zu blättern und sich die Sachen anzuschauen. Sein Vater hatte ein wenig auf den Backen herumgekaut, die Zähne zusammengebissen und geschwiegen. Seine Mutter hatte geweint. Aber ganz allmählich hatten sie es akzeptiert. Er hatte sie dazu gebracht zu akzeptieren, zu begreifen, dass Margareta nie wieder zurückkommen würde und man ihr Andenken nicht befleckte, wenn man ihr Zimmer in etwas Praktischeres verwandelte als ein Museum.

Aber letztendlich aßen sie wohl nur, wenn er zu Hause war, in diesem Zimmer, um ihm einen Gefallen zu tun. Hans Peter glaubte nicht, dass sie jemals Gäste hatten. Sie hatten vorher keine gehabt, warum sollte sich das jetzt ändern? Nur weil sie ein Esszimmer bekommen hatten?

Es war, als hätten sie für mehr als die alltäglichen Arbeiten keine Kraft mehr. Sein Vater war ständig müde. Er hatte als Klempner gearbeitet, war aber schon seit vielen Jahren pensioniert. Sein Rücken war kaputt.

Seine Mutter war Realschullehrerin gewesen.

Hans Peter erinnerte sich, wie Margareta ihren Eltern einmal den Vorwurf gemacht hatte, sie würden sich isolieren. Sie war damals ungefähr dreizehn gewesen, hatte begonnen, ein wenig aufmüpfig zu werden. Ihr Vater hatte sie an den Oberarmen gepackt und gegen die Wand gedrückt.

»Wir leben auf unsere Art, und wenn das dem Fräulein nicht passt, kann es gerne ausziehen. Wir kommen ausgezeichnet zurecht, auch ohne dass eine Menge fremder Leute in unseren Angelegenheiten rumschnüffelt.«

Es war eine der seltenen Gelegenheiten gewesen, bei denen er aufbrausend reagiert hatte.

Er wollte fort und fand eine Wohnung in Hässelby Strand. Es war nicht weit zur U-Bahn, nicht weit ins Grüne, er mochte Spaziergänge, bewegte sich gern. Er studierte weiter, aber ohne dass dabei etwas Konkretes herauskam. Als er anfing, sich wegen der aufgelaufenen Studiendarlehen Sorgen zu machen, nahm er Gelegenheitsjobs an, trug Post aus, machte Umfragen für ein Meinungsforschungsinstitut. Dabei sprang zwar nicht besonders viel heraus, aber er kam auch mit wenig zurecht.

In der Bücherei von Åkermyntan, dem Einkaufszentrum von Hässelby Villastad, traf er Liv Santesson, eine frisch examinierte Bibliothekarin, die er nach einer Weile heiratete. Von Leidenschaft konnte keine Rede sein, weder von seiner noch von ihrer Seite. Sie mochten sich, das war alles.

Es wurde eine schlichte Hochzeit, Trauung im Rathaus mit anschließendem Essen im Restaurant Ulla Winbladh im Kreise der engsten Verwandten.

Ihr Bruder leitete ein Hotel in der Stadt. Hans Peter nahm dort die Stelle eines Nachtportiers an. Das war natürlich keine besonders gute Idee, nicht für jemanden, der gerade geheiratet hatte und von dem erwartet wurde, dass er seiner jungen Ehefrau den Hof machte, wie es sich für einen frisch verheirateten Mann gehört.

Kinder bekamen sie folgerichtig auch keine, und mit der Zeit stellten sie ihre sexuellen Aktivitäten gänzlich ein.

»Wir haben eine andere Art von Beziehung«, pflegte er zu denken, der festen Überzeugung, dass sie der gleichen Ansicht war. Das war sie nicht. An einem Samstagabend, ziemlich genau vier Jahre nach ihrer Hochzeit, teilte sie ihm mit, dass sie sich scheiden lassen wolle.

»Ich habe einen anderen Mann getroffen«, sagte sie, zupfte nervös an ihrem Ohrläppchen und duckte sich ein wenig wie vor einem Schlag.

Er blieb vollkommen ruhig.

»Bernt und ich passen zusammen. Auf eine ganz andere Art als du und ich. Wenn wir ehrlich sind, haben wir eigentlich kaum gemeinsame Interessen außer der Literatur, und von Literatur allein kann man nicht leben.«

Trauer überkam ihn, leicht und flatternd, kam und verschwand dann wieder.

Sie berührte ihn, ihre kleine, verfrorene Hand legte sich um seinen Hals. Er schluckte, schluckte.

»Du bist ein feiner Kerl«, flüsterte sie. »Es ist nicht so, als würde mit dir was nicht stimmen ... Aber wir sehen uns ja fast nie und Bernt und ich, wir haben uns einfach ...«

Hans Peter nickte.

»Verzeih mir, sag, dass du mir verzeihst.«

Jetzt weinte sie, die Tränen liefen ihr die Wangen herab, blieben an der Kinnspitze hängen, verloren den Halt und wurden vom Pullover aufgesaugt, ihre Nase war rot und glänzend.

»Da gibt es wohl im Grunde nichts zu verzeihen«, sagte er mit belegter Stimme.

Sie schluchzte auf.

»Dann bist du nicht wütend auf mich?«

»Eher enttäuscht, würde ich sagen, darüber, dass es nicht ging.«

»Vielleicht braucht man ja ein wenig mehr ... Feuer?«

»Ja, vielleicht.«

Bereits am nächsten Tag zog sie aus der Wohnung aus. Nahm nur das Notwendigste mit, fuhr zu Bernt nach Hause. Später in dieser Woche kehrte sie mit einem Transporter zurück, den sie an einer Tankstelle gemietet hatte. Das verblüffte ihn. Sie war nie gerne Auto gefahren.

Er half ihr hinunterzutragen, was ihr gehörte. Die meisten Möbel und Haushaltssachen durfte er behalten. Bernt hatte bereits ein komplett eingerichtetes Heim. Er wohnte in einem Reihenhaus auf dem Blomsterkungsväg.

»Darf ich dir wenigstens eine Tasse Kaffee oder etwas anderes anbieten?«, fragte er, als sie fertig waren. Eigentlich wollte er das gar nicht, eigentlich wollte er, dass sie sich auf den Weg machte, damit er allein sein konnte. Er hatte keine Ahnung, warum er das gesagt hatte, die Worte kamen einfach aus seinem Mund.

Sie zögerte kurz, nahm dann an.

Gemeinsam saßen sie auf dem Sofa, aber als sie den Arm um ihn legen wollte, entzog er sich ihr.

Sie schluckte.

»Dann bist du also doch scheißsauer auf mich?«

Es war das erste Mal, dass er sie fluchen hörte. Er war so überrascht, dass er in Gelächter ausbrach.

Ein paar Jahre später traf er die beiden in Åkermyntan, mit Einkaufstüten beladen. Sie hatten ein paar Kinder dabei, sie nannte ihre Namen, aber er vergaß sie sofort wieder.

Ihr neuer Mann war groß und kräftig gebaut, hatte einen Bauch, der sich deutlich abzeichnete. Er trug eine Jogginghose.

»Dickwanst«, dachte Hans Peter, aber ohne Aggression.

Liv war beim Friseur gewesen, ihr Haar jetzt lockig.

»Komm doch mal auf einen Drink vorbei«, schlug sie vor. Der Mann neben ihr nickte.

»Klar, mach das. Wir wohnen drüben in Backlura, nimm einfach den Bus, den 119er.«

»Ja«, sagte er unverbindlich.

Liv griff nach dem Ärmel seiner Jacke.

»Ich möchte nicht, dass wir uns ganz aus den Augen verlieren«, sagte sie.

Er sah zu den ungeduldigen Gesichtern der Kinder hinab. Das eine war ein Mädchen, es betrachtete ihn abweisend.

»Nein«, antwortete er. »Das werden wir schon nicht.«

Von Zeit zu Zeit machte seine Mutter ihm Vorwürfe. Sie hatte sich Enkelkinder gewünscht. Sie sprach es nie offen aus, aber es kam vor, dass sie auf ein Kind in einer Zeitung zeigte und einen traurigen Kommentar abgab. Oder das Fernsehen: Mit Vorliebe schaltete sie den Fernsehapparat immer dann ein, wenn es Zeit für die Kinderstunde war, Werwiewas, Wiesoweshalbwarum.

Das machte ihn rasend. Aber er ließ sich nie etwas anmerken.

Er hatte verschiedene Damenbekanntschaften, nahm die Frauen manchmal mit nach Hause und stellte sie seinen Eltern vor, nicht zuletzt, um seiner Mutter wenigstens die Andeutung einer Hoffnung zu geben.

Er wusste, dass seine Eltern enttäuscht von ihm waren, weder eine ordentliche Arbeit noch eine Familie hatte er.

Er konnte ihnen deswegen keinen Vorwurf machen, im Gegenteil.

Alles hätte sich anders entwickelt, wenn die Sache mit Margareta nicht passiert wäre. Das hatte ihn jeglichen Schwung verlieren lassen.

Am ersten Weihnachtstag begann es zu regnen, und das regnerische Wetter hielt mehr als eine Woche lang an. Seine Mutter tat ihr Bestes, um ihn zu verwöhnen. Sie deckte kleine Frühstückstabletts, und wenn er im Bett lag und gerade dabei war, aufzuwachen, hörte er ihr vorsichtiges Scharren an der Tür.

»Mein großer Junge«, murmelte sie und stellte das Tablett auf den Nachttisch.

Da bekam er Lust, zu ihr zu kriechen, zu weinen. Aber er hatte einen schlechten Geschmack im Mund und blieb unter der Decke liegen, regungslos.

Er blieb bis zum Tag vor Silvester. Länger hielt er es nicht aus. Ihre Atemzüge, ihre Art zu kauen, das Geräusch des Fernsehapparats, der so laut gestellt sein musste. Sie waren beide über siebzig. Einer von ihnen würde natürlich als Erster dran glauben müssen. Er wusste nicht, für wen es am schlimmsten sein würde, weiterzuleben, einsam.

Sie kannten sich, seit sie zwanzig waren.

Er sehnte sich nach seiner stillen, kühlen Wohnung. Er würde eine Flasche Wein leeren und ein Kreuzworträtsel lösen, seine Musik hören, Kraus und Frank Sinatra.

Seiner Mutter sagte er, dass er bei guten Freunden zu einer Silvesterparty eingeladen war.

Er war kaum zur Tür hereingekommen, als auch schon das Telefon klingelte.

Eine seiner Damenbekanntschaften.

Mist, dachte er. Nicht mehr.

»Wie geht es dir?« Ihre zarte Mädchenstimme.

»Gut, ich bin gerade nach Hause gekommen.«

»Bist du bei Kjell und Birgit gewesen?«

Sie hatte die beiden ein einziges Mal getroffen, tat aber so, als gehörte sie schon zur Familie.

»Ja.«

»Habe ich mir fast gedacht, ich habe versucht, dich anzurufen.«

»Aha ...«

»Hans Peter? Darf ich morgen zu dir kommen? Sollen wir zusammen Silvester feiern?«

Er hätte sagen können, dass er arbeiten musste, aber er brachte es nicht über sich.

Sie kam, und sie hatte sich schön gemacht. Ihm war nicht bewusst gewesen, dass sie so süß war, er begriff, dass sie sich Mühe gegeben hatte, seinetwegen, er bekam ein schlechtes Gewissen.

Sie waren sich bei gemeinsamen Freunden begegnet, danach hatten sie sich eine Zeit lang getroffen. Sporadisch, nichts Festes. Aber sie waren gemeinsam bei seinen Eltern in Stuvsta gewesen.

»Findest du mich aufdringlich?«, fragte sie ihn ohne Umschweife. »Eine Frau soll ja eigentlich nicht die Initiative ergreifen. Solche Initiativen, meine ich.«

»Ach, Unsinn!«

»Tja, jetzt bin ich jedenfalls hier.«

Sie hatte Lebensmittel mitgebracht, zwei Tüten voll, dazu Wein und Sekt.

Okay, dachte er. Sie will es so haben.

Etwas an ihr machte ihn geil, stärker als bei jeder anderen. Etwas in ihrer Art, den Kopf hängen zu lassen, schuldbewusst auszusehen.

Er erschreckte selbst ein wenig über seine Kraft.

Danach verließ sie sofort das Bett.

Er wusste, dass es für sie nicht schön gewesen war, es war zu schnell gegangen.

Er dachte, dass er ihr das sagen sollte, fand aber nicht die richtigen Worte.

Wir machen es noch mal, dachte er. Später.

Sie deckten gemeinsam den Tisch, und sie sagte nicht viel, aber als sie ein halbes Glas Wein getrunken hatte, begann sie zu weinen.

»Du ...«, sagte er besorgt. »Was ist los?«

Sie antwortete nicht, weinte nur noch mehr.

Er warf seine Gabel auf den Tisch.

»Ich bin ein großes Stück Scheiße!«, schrie er.

Sie drehte sich zur Seite und beruhigte sich.

»Mein kleines Dummerchen«, sagte er leise. »Warum wolltest du eigentlich zu mir kommen?«

»Ich hab dich doch gern, hab mich nach dir gesehnt, ich hab mich die ganzen beschissenen Weihnachtstage nach dir gesehnt.«

Er stand auf und ging um den Tisch herum, fasste sie an den Armen, zog sie hoch.

»Sollen wir weiteressen?«

Sie zog ein Taschentuch hervor. Sie nickte.

Nach dem Essen schlief sie auf dem Sofa ein, an seinen Arm gelehnt. Sie atmete schwer und geräuschvoll. Er saß unbequem, traute sich aber nicht, seine Stellung zu ändern, voller Angst, sie könne aufwachen und etwas von ihm fordern.

Einsamkeit erfüllte ihn.

3. KAPITEL

Nathan hatte die grüne Militärhose getragen, sie war viel zu dick dort im Dschungel, aber das hatte er nicht gewusst, als er sie kaufte, er fand einfach, sie sei praktisch und billig. Preiswert hatte er gesagt, Justine erinnerte sich genau an dieses Wort. Niemand sah, als er fortging, um für einen Moment seine Ruhe zu haben, niemand außer ihr.

Wahrscheinlich schrie er, als der Pfeil ihn traf. Wahrscheinlich schrie er, vor allem aus Überraschung, vielleicht tat es aber auch ein wenig weh. Er fiel im gleichen Augenblick, und unter ihm waren die Stromschnellen und die Wasserfälle, sie schluckten jeden Laut und hatten so viel Kraft, dass alles, was sie mitrissen, zerschmettert wurde.

Manchmal meinte sie, diesen Schrei zu hören. Sie war jetzt daheim, wieder daheim in ihrem Haus, aber dennoch. Und sobald sie diesen Schrei hörte, sah sie auch den Körper, wie er sich im Fallen einmal um sich selbst drehte, sah seine Arme und seine Hände, die sie geliebt hatte.

Ihr Haus war schmal und hoch, auf fast schon holländische Art. Ursprünglich war es nur zweigeschossig gewesen, also hatte Papa das Dachgeschoss ausbauen lassen, um etwas mehr Platz zu schaffen. Aber dann kam es doch nie dazu, dass sie dort oben saßen, im Sommer war es oft zu heiß und im Winter zu kalt.

Ihr Vater hatte keine praktische Veranlagung. Er hatte Handwerker beauftragt, junge Männer in Latzhosen, sie waren die Treppen rauf- und runtergerannt und hatten ihre Lippen lautlos zu eindeutigen Angeboten geformt, wenn sie im Nachthemd herausgekommen war.

Sie hatte krank im Bett gelegen, dagelegen und auf ihre Schritte und das Hämmern gelauscht, und ganz allmählich wurde ihr klar, dass sie kein kleines Mädchen mehr war.

In der hintersten Ecke des Kellers befand sich die Ölheizung. Der Tankwagenfahrer meckerte andauernd, wie schwierig es sei, an die Heizung heranzukommen, wenn er Öl liefern sollte, das Haus liege zu nah am Ufer, es sei praktisch unmöglich, Schläuche zu haben, die lang genug seien. Papa bestach ihn regelmäßig mit einer Flasche Whisky, eine Tradition, die Justine übernommen hatte. Natürlich war es nicht mehr der gleiche Lieferant. Ihrer war verknöchert und reizbar. Er sprach einen Dialekt, der es ihr sehr schwer machte, zu verstehen, was er sagte. Sie hatte das Gefühl zu schrumpfen, sobald sie das Motorengeräusch des großen Tanklastwagens hörte. Eine Zeit lang erwog sie, auf Öl zu verzichten, wusste aber nicht, wie sie sonst das Haus hätte heizen sollen. Es gab zwar einen offenen Kamin im zweiten Stock, aber sie ging davon aus, dass er nicht reichen würde. Die beißende Kälte setzte sich vom See herkommend in die Wände und in den Boden.

Außerdem war sie nur einmal im Jahr gezwungen, dem Tankwagenfahrer zu begegnen. Sie stellte die Whiskyflasche jeweils vor das Kellerfenster, verziert mit einem gekräuselten Papierband.

»Vielen Dank für das Öl«, schrieb sie auf einen kleinen Zettel, auf den sie die Flasche stellte. Der Zettel lag anschließend immer noch da, und die Tinte hatte begonnen, sich aufzulösen.

Im Keller stand auch jener altertümliche Waschzuber, den Flora unbedingt weiterbenutzen wollte. Zweimal im Monat machte sie dort unten große Wäsche, Tage, an denen sowohl Justine als auch ihr Vater schlechter Laune waren. Flora machte sich dann hässlich, und es hatte den Anschein, als genieße sie es geradezu, sich in ein abstoßendes Waschweib zu verwandeln. Sie band sich ein Tuch um die Haare und trug jenen nach Staub stinkenden, gemusterten Kittel, an dem mehrere Knöpfe fehlten. Sie durchlief eine Art umgekehrter Aschenputtelverwandlung, und ihre Finger hinterließen brennende, feuchte Abdrücke auf Justines Wangen.

Der Flur war winzig, aber trotzdem mussten sie hier ihre Hüte und Mäntel aufbewahren. Überhaupt gab es nur wenig Kleiderschränke. Als Erwachsene hatte sie sich manchmal darüber gewundert, dass sich Papa, bei seinem Vermögen, dazu entschlossen hatte, in einem so kleinen Haus zu bleiben, selbst wenn es direkt am Mälarsee lag. Es hatte etwas mit ihrer Mutter zu tun, mit etwas Nostalgischem.

Justine hatte Floras Mäntel und den Blaufuchspelz weggeräumt, alles in große Plastiksäcke gestopft, Papas Lodenmantel, seine Mützen und Hüte hatte sie in einen anderen Sack gelegt. Sie war fest entschlossen gewesen, das Ganze zu Emmaus oder Humana zu bringen, aber in letzter Minute hatte sie es sich anders überlegt und die Sachen in den Keller getragen. Der Gedanke, irgendwo auf der Straße einer unbekannten Frau zu begegnen, die Floras Pelz trug, erfüllte sie mit großem Unbehagen, Es war, als würden die Augen ihrer Stiefmutter sie dann aus dem fremden Gesicht anschauen, sie zum Rückzug zwingen.

Gleich rechts vom Flur ging das blaue Zimmer ab, das sie als Esszimmer benutzt hatten. Alles war dort blau oder weiß, der dicke Teppichboden, die Samtvorhänge, das Fensterbrett mit den Usambaraveilchen und Browallia. Die Pflanzen hatten nicht überlebt. Sie hatte alle gut getränkt, bevor sie fuhr, und Tüten aus braunem Karton über sie gestülpt. Es hatte nichts genützt.

Der Vogel dagegen hatte keine Not gelitten. Sie ließ ihn auf dem Speicher hausen, dort konnte er sich nicht verletzen. Sie hatte ihm Schüsseln mit Körnern und Wasser und einen ganzen Korb mit geschälten Äpfeln hingestellt. Er hatte sich ein paar schöne Tage gemacht.

Sogar in der Farbgebung der Bilder dominierte Blau, Winterlandschaften, Segelboote und ein gewebter Wandbehang aus dünnen Seidenfetzen, der die ganze Schmalwand einnahm. Justines Mutter hatte ihn gewebt, lange bevor Justine geboren wurde. Er hatte immer dort gehangen, war wie ein Teil ihrer selbst.

An ihre Mutter erinnerte sie sich nur bruchstückhaft:

Ein prasselnder Regenschauer, ein Stück Stoff, unter dem sie und die Mutter zusammengekauert saßen, durchnässte Strümpfe, die sich an ihren Zehen festsaugten.

Ein Duft von pelzigen Blumen, etwas Heißes mit Honig.

Widerwillig hatte ihr Vater erzählt.

Sie war beim Fensterputzen. Es war das Fenster zum Wasser hin, im ersten Stock, an einem Tag mit scharfen Konturen aus grellem Sonnenlicht und dem sirrenden Gesang der Meisen. Windstill war es, das Eis lag noch in der Bucht, hatte aber begonnen, brüchig zu werden, und vielleicht freute sie sich darüber, vielleicht trällerte sie vor sich hin im flutenden Sonnenlicht, vielleicht hatte sie daran gedacht, anschließend, sobald sie fertig war, hinauszugehen und sich eine Weile auf den Balkon zu setzen, das Gesicht gen Himmel gewandt. Sie hatte dieses typisch nordische Ritual des Genießens sehr schnell übernommen. Sie stammte aus Annecy, einer kleinen Stadt in Frankreich in der Nähe der Schweizer Grenze, und er hatte sie gegen den Willen ihrer Eltern von dort als seine Braut entführt.

Es war ein Donnerstag. Er war sieben Minuten nach vier heimgekommen. Da lag sie auf dem Boden neben dem Fenster, die Arme ausgestreckt wie eine Gekreuzigte. Er sah sofort, dass nichts mehr zu machen war.

»Wie sieht man das?«, fragte Justine. Sie war in einer Phase, in der sie fast schon besessen war von dem Wunsch, so viel wie möglich über ihre Mutter zu erfahren.

Er konnte nicht antworten.

»Vielleicht hat sie doch noch gelebt. Wenn du sofort einen Arzt gerufen hättest, wäre sie vielleicht noch zu retten gewesen.«

»Mach mir bitte keine Vorwürfe«, sagte er, und es zuckte ein wenig um seine Mundwinkel. »Wenn du irgendwann selbst einmal einen Toten siehst, wirst du verstehen, was ich meine.«

Zuerst hatte er geglaubt, sie wäre von der Leiter gefallen und hätte sich etwas Lebenswichtiges gebrochen. Aber die Obduktion ergab, dass in ihrem Gehirn ganz einfach eine Ader geplatzt war, durch die ihr Leben verronnen war.

»Ein Aneurysma!«

Jedes Mal, wenn sie sich während Justines Kindheit darüber unterhielten, was geschehen war, sprach er das Wort langsam und überdeutlich aus.

Sie machte sich manchmal Sorgen, es könne erblich sein.

Sie fragte ihn nach sich selbst.

»Wo war ich denn, Papa, was habe ich gemacht?«

Er erinnerte sich nicht.

Sie war erst drei Jahre alt gewesen, als es geschah, drei Jahre und ein paar Monate. Wie reagiert eine Dreijährige darauf, wenn ihre Mutter von einer Leiter stürzt und stirbt?

Sie musste irgendwo im Haus gewesen sein, musste geschrien und geweint haben.

Auch wenn sie nicht verstanden hatte, was geschehen war, musste sie die vollkommene Verwandlung der Mutter entsetzt haben.

Ab und zu erwachte sie von einem Traum. Davon, dass ihr Stirnbein schmerzte wie nach langem und heftigem Weinen. Sie betrachtete sich dann im Spiegel und sah, dass die Augenlider geschwollen und die Augen glasig waren.

Fragmente einer Beisetzung, Fragmente aus Lehm und aus Blumen, die nie geduftet hatten.

Ein Vater, der auf dem Eis stand und schrie.

Im Album sah sie Bilder der Frau, die ihre Mutter gewesen war. Das fremde Gesicht ließ sie eigenartig kalt. Dichtes, nach hinten gekämmtes Haar, an den Seiten gelockt, Justine war ihr nicht einmal ähnlich.

Es lag eine Distanz in den Augen dieser Frau, die schlecht mit ihren eigenen Vorstellungen von ihr in Einklang zu bringen war.

Eine steile und enge Treppe führte in die obere Etage. Hier oben hatte die Mutter gestanden und Fenster geputzt. Links lagen die Schlafzimmer, rechts öffnete sich der Flur zu einem Wohnzimmer mit Aussicht auf die Lambarinsel und über den Mälarsee. Bücherregale bedeckten die Wände, nur wenige Möbelstücke: eine Musikanlage, ein länglicher Glastisch und zwei Sessel.

Sie gehörten Papa und Flora.

Justine waren mehrmals große Summen für das Haus geboten worden. Die Makler ließen nicht locker, stopften Prospekte in ihren Briefkasten, riefen sogar von Zeit zu Zeit an. Einer von ihnen war besonders aufdringlich. Er hieß Jakob Hellstrand.

»Sie könnten ein paar Millionen für den Kasten bekommen, Justine«, schwadronierte er und benutzte ihren Namen, als wären sie eng befreundet. »Ich habe einen Kunden, der das Haus umbauen will, er hat immer schon von dieser Lage geträumt.«

»Es tut mir Leid, aber ich glaube, daraus wird nichts.«

»Warum denn nicht? Denken Sie einmal darüber nach, was Sie für das Geld alles bekommen könnten. Eine allein stehende Frau wie Sie, Justine, Sie sollten nicht hier draußen in Hässelby hocken und verstauben, kaufen Sie sich stattdessen eine Wohnung in der Stadt und fangen Sie endlich an, richtig zu leben.«

»Sie wissen wohl kaum, ob ich richtig lebe oder nicht. Vielleicht tue ich das ja schon längst?«

Er lachte in den Hörer hinein.

»Ja, da haben Sie natürlich Recht. Aber geben Sie zu, Justine, geben Sie zu, dass ein bisschen was dran ist an dem, was ich sage.«

Eigentlich hätte sie wütend werden sollen, wurde es aber nicht. Es kam nur selten vor, dass jemand ihren Namen aussprach.

»Sagen Sie mir Bescheid, wenn Sie sich entschieden haben, Justine. Sie haben doch meine Handynummer, oder?«

»Ja.«

»Es ist schwer für eine allein stehende Frau, sich um ein ganzes Haus zu kümmern, so ganz allein.«

»Ich rufe Sie an, wenn es so weit ist«, sagte sie. »Falls ich mich dazu entschließen sollte zu verkaufen.«

Sie hatte nicht die geringste Absicht zu verkaufen. Geld brauchte sie auch nicht. Ihr Vater hatte ihr bei seinem Tod genug vermacht. Sie konnte problemlos davon leben, bis ans Ende ihrer Tage.

Und Flora würde niemals mehr etwas für sich selbst fordern.

4. KAPITEL

Zu den Dingen, die am schwersten zu ertragen waren, gehörte der Geruch. Flora kannte ihn noch aus jenem weit zurückliegenden Sommer, als sie einen Nebenjob in einem Krankenhaus für psychisch kranke Frauen hatte. Es war ein ranziger Geruch aus Bohnerwachs, ungewaschenem Haar und Blumenwasser.

Diesen Geruch gab es nun in ihr selbst.

Im Gegensatz zu dem, was sie sich vorgestellt hatte, waren die Nächte allerdings gar nicht so schlimm. Nein, die Nächte gehörten ihr, nachts konnte sie damit rechnen, ihre Ruhe zu haben, niemand versuchte, sich mit ihr zu verständigen, es gab keine Aktivitäten, bei denen von ihr erwartet wurde, dass sie dabei war und mitmachte.

Meine Gedanken werde ich für mich behalten, meine Gedanken werdet ihr nie anrühren. Das bin ich, da drin, Flora Dalvik, ja, ich habe einen richtigen Namen, ich bin ein Individuum, den Menschen Flora Dalvik schütze ich mit meinem menschlichen Körper, wie gebrechlich und verkümmert er auch erscheinen mag. Er besteht jedenfalls immer noch aus einem Gehirn und aus Gedanken, aus Dingen, die Menschen haben, es ist der Leib eines lebendigen Menschen.

Die jungen Frauen, alle waren jung im Vergleich zu Flora, legten in ihren Bewegungen eine Ungeduld an den Tag, als könnten sie auf diese Weise den Arbeitstag beschleunigen und schneller vorbeigehen lassen. Damit sie zu ihren Spinden in den Umkleideräumen eilen konnten, ihre Arbeitskittel und Hosen ablegen, wieder Privatpersonen werden und nach Hause zu ihrem eigenen Leben fahren konnten. Auch nachts gab es natürlich Pflegepersonal, aber sie störten selten, kamen manchmal herein, wie Schatten eher, und drehten sie um. Sie wusste in etwa, wann sie die Tür öffnen würden, sie war bereit.

Sie waren dazu übergegangen, etwas öfter zu kommen, seit ein junges Mädchen im Polhemsgård in Solna die Vernachlässigung alter Menschen angeprangert hatte. ABC hatte Großaufnahmen von wund gelegenen Stellen und schwarz gewordenen Zehen gezeigt, und das Mädchen, das Angestellte im Polhemsgård gewesen war, hatte eine Art Tapferkeitsmedaille bekommen. Es war viel über Zivilcourage geredet worden.

Für Flora hatte die Geschichte zur Folge, dass die Weißhosen sie jetzt täglich aus dem Bett hoben, sogar an den Wochenenden – ja, vor allem an ihnen, weil an den Wochenenden die meisten Besucher auftauchten –, sie aufrichteten und in einem Rollstuhl festschnallten. Sie kämmten ihr schütteres Haar und flochten es zu zwei Zöpfen. Sie hatte sich nie die Haare geflochten. Das war nicht ihr Stil.

Was war ihr Stil gewesen?

Sie begann mehr und mehr, es zu vergessen.

Sie war dreiunddreißig, als sie bei Sven Dalvik und seiner fast fünfjährigen Tochter einzog. Flora war eine seiner Arbeitskolleginnen, besser gesagt, sie war angestellt als Sekretärin, um Herrn Direktor Dalvik in allen Angelegenheiten zu assistieren, bei denen er Hilfe benötigte.

Chefsekretärin. Existierte dieser Beruf heutzutage überhaupt noch? Sie war stolz darauf gewesen, hatte zunächst einen kaufmännischen Realschulabschluss erworben und dann die Berlitz School besucht. Solche Ambitionen waren ungewöhnlich in ihrem Bekanntenkreis. Die meisten in ihrem Alter hatten relativ bald nach der Schule geheiratet und Kinder bekommen.

Und sie? Warum hatte sie keinen netten, jungen Mann abbekommen und im passenden Alter geheiratet? Darauf wusste sie keine rechte Antwort. Die Jahre waren vergangen, ohne dass »der Richtige« sich gezeigt hatte. Natürlich hatte sie Anträge bekommen, mehrere übrigens, besonders in der Zeit, in der sie regelmäßig die Tanzlokale der Stadt und von Hässelby Strand besuchte. Dorthin kamen junge Männer aus ganz Stockholm, und sie kannte natürlich die Büsche und Verstecke, sie hätte also sehr wohl jemand zu einem lauschigen Plätzchen locken können, wenn sie nur gewollt hätte, und wie ihre Freundinnen es taten.

Nein. Sie fand das banal. Außerdem machte sie sich Sorgen, die Kerle aus der Stadt könnten sich hinter ihrem Rücken viel sagende Blicke zuwerfen. Denken, sie wäre ein Landei wie jede andere auch. Das war sie nicht. Sie war anders.

Sie lag auf dem Rücken und starrte an die Decke. Die Frau im Nachbarbett lag im Sterben. Die Weißhosen hatten einen Schirm zwischen die Betten gestellt, aber das Geräusch des Todes ließ sich nicht abschirmen. Sie glaubten wohl, dass sie es nicht verstand.

Flora lauschte den mühsamen Atemzügen, sie kamen in immer größeren Abständen. Die Sterbende war eine alte Frau, und es war ihr schlecht gegangen, seit sie vor vierzehn Tagen aufgenommen worden war. Für sie war die Zeit gekommen, alles Irdische hinter sich zu lassen, sie war weit über neunzig.

Ihr Sohn befand sich irgendwo im Zimmer und wanderte umher, es fiel ihm schwer, still zu sitzen. Auch er war alt. Als er ins Zimmer kam, nickte er Flora zu, unsicher, ob sie sich seiner bewusst war oder nicht. Sie schaffte es auf ihrem Kissen zurückzunicken.

Er hatte mit den Weißkitteln wegen eines Einzelzimmers getuschelt und sie hatten erklärt und bedauert: Platzmangel und Überbelegung. Dann senkten sie ihre Stimmen, und Flora begriff, dass sie von ihr sprachen.

Der Sohn schien Schmerzen zu haben, sie hörte, wie er hinter dem Schirm jammerte. Jedes Mal, wenn er dies tat, wurden die Atemzüge seiner Mutter schneller, gleichsam zitternder, so als sehne sie sich nach jener Zeit zurück, als sie noch trösten konnte.

Sie hatten Flora heute Abend früh fertig gemacht. Man würde sie stören, die Weißhosen würden die ganze Nacht über rein- und rausrennen und in gedämpftem Ton sprechen, so als bekäme man dadurch nichts mit. Sie würden mit Taschenlampen leuchten, und der Duft von Kaffee würde aus dem Personalraum zu ihr herübersickern.

Es würde mit Sicherheit keine gute Nacht werden.

Sie dachte an Sven und fand es ungerecht. Sein Tod war so schnell gekommen. Sie wäre auch gerne auf die gleiche schmerzfreie, leichte Art gestorben, einfach alles hinter sich lassen und aussteigen. Stattdessen lag sie nun hier wie ein lebendiges Gepäckstück und wurde erniedrigt und gekränkt wie ein Kind.

Sie und Sven hatten von Anfang an Sympathie füreinander empfunden. Er bot ihr das Du an, was zu jener Zeit noch sehr ungewöhnlich war, ihre Zusammenarbeit jedoch zweifellos erleichterte.

Schon bald hatte sie seine Unbeholfenheit in gewissen Dingen durchschaut, tat aber ihr Bestes, damit er dies nicht merkte. Ein Firmenchef war er im Grunde nicht und Flora erkannte nach einer Weile, dass er das Familienunternehmen ohne große Begeisterung übernommen hatte. Er tat es, weil es von ihm erwartet wurde, seine gesamte Erziehung war darauf ausgerichtet gewesen. Sein Vater, Georg Dalvik, hatte die Firma gegründet. Er war es, der die heute fast weltweit berühmte Halspastille Sandy erschaffen und vermarktet hatte, »außen rau wie Sand, löscht aber deiner Kehle Brand«.

Sven war nicht unbedingt der Mann, den sie als sehr junges Mädchen in ihren Träumen vor Augen gehabt hatte, aber er war lieb. Er glaubte an sie, wandte sich an sie, wenn die Dinge kompliziert wurden. Er fragte sie auch regelmäßig um Rat, wenn er Geschenke für seine französische Frau kaufen wollte. So gesehen hatte sie das Gefühl, sowohl ihn als auch seine Familie zu kennen, ohne jemals seine Frau oder das kleine Mädchen getroffen zu haben. Ein Foto von ihnen stand auf seinem Schreibtisch, eine dunkelhaarige Frau mit einem pummeligen und lachenden Kind auf dem Schoß. Das Kind reckte seine Arme nach hinten und schlang sie um den Nacken der Mutter.

Manchmal, wenn er im Ausland war, ging sie in sein Büro und betrachtete die Fotografie. Sie war im Freien aufgenommen worden, in Hässelby, wo er erst vor kurzem ein Haus gekauft hatte. Man konnte einen Dachgiebel erkennen. Flora wusste genau, wo das Haus lag.

Sven erzählte ihr oft von den Mühen des Gemüseanbaus. Er war auf dem Karlaväg, mitten in der Stadt aufgewachsen und hatte nur wenig Erfahrung mit Gartenarbeit, er zeigte ihr seine Handflächen. Einmal klagte er über die Himbeersträucher, sie schienen von einer seltsamen Krankheit befallen worden zu sein.

Flora bat ihn, sie zu beschreiben.

»Nun ja, es sind solche braunlila Flächen auf den Blättern und den Zweigen, die aufplatzen und dann grau gesprenkelt werden. Himbeeren wachsen auch keine, sie vertrocknen einfach. Ich finde es so traurig, wir wollten doch auf dem Balkon sitzen, meine Frau und ich, und frische Himbeeren mit Sahne essen.«

Sie wusste sofort, was los war.

»Rutenkrankheit«, sagte sie und es wurde ihr innerlich warm. »Es ist eine Pilzkrankheit, und leider muss ich dir mitteilen, dass es die schlimmste Krankheit ist, die einen Himbeerbestand befallen kann.«

Ihr Chef starrte sie an.

»Doch, es stimmt«, sagte sie voller Eifer. »Du musst alles wegschneiden und verbrennen, was angegriffen aussieht. Anschließend kannst du Kupferkalk und Kupfersulfat spritzen.«

»Zum Teufel, was du alles weißt!«

Er fluchte selten, jetzt tat er es.

»Du vergisst, dass meine Eltern eine Gärtnerei haben. Ich bin mit Kupfersulfat groß geworden.«

Er lachte und umarmte sie. Das war ungewöhnlich. Körperliche Berührungen waren zwischen ihnen fast nie vorgekommen.

Noch zweimal kam es dazu. Eines Abends arbeiteten sie länger, es wurde ziemlich spät. Flora setzte einen Tee auf und schmierte ein paar Butterbrote. Als sie das Tablett auf seinem Tisch abstellte, legte er ihr den Arm um die Taille, zog ihn aber unverzüglich wieder zurück. Sie begriff, dass er gedacht hatte, er wäre zu Hause. Er war müde. Er wurde rot.

Das zweite Mal passierte es auf einem von der Belegschaft auf einer Insel organisierten Krebsessen. Sie wurden betrunken, sowohl Sven als auch sie, keiner von ihnen war es gewohnt, Schnaps zu trinken. Sie saßen in dieser Nacht eine Weile zusammen auf einem Felsen und hielten einander an den Händen. Mehr war es nicht.

Als Svens Frau starb, war er sehr stark. Schon am nächsten Tag kehrte er in sein Büro zurück. Das Mädchen hatte er bei seinen Eltern gelassen. Er war verändert, aber nur äußerlich, schien an einem einzigen Tag mehrere Kilo an Gewicht verloren zu haben. Ansonsten war er wie immer. Ein bisschen still, ein bisschen traurig.

Flora stellte ihm einen Topf mit blauen Usambaraveilchen ans Fenster. Blau war die Farbe der Hoffnung und des Trostes. Sie wusste nicht, ob er es überhaupt merkte. Sie fragte, ob es etwas gebe, was sie tun könne. Da wandte er ihr das Gesicht zu, aber ohne sie zu sehen.

Nach der Beerdigung begann er, von seinem Kind zu sprechen. Das Mädchen hieß Justine. Sie war in einem schwierigen Alter, und dass sie ihre Mutter verloren hatte, machte die Sache nicht besser.

»Meine Eltern kommen nicht mit ihr zurecht«, sagte er, »sie haben sich nie besonders für Kinder interessiert. Außerdem ist mein Vater herzkrank.«

Flora hörte geduldig zu. Die ganze Zeit saß sie da und hörte zu und versuchte gerade dadurch zu trösten, versuchte, nicht aufdringlich zu wirken, nicht mit zu vielen Ratschlägen zu kommen.

Das erste Jahr löste er das Problem mit Haushaltshilfen, die sich um das Haus und das Kind kümmern sollten. Manchmal sprach er davon, das Haus zu verkaufen, aber seine Frau lag auf dem Friedhof von Hässelby begraben, und mehrmals in der Woche ging er dorthin.

»Glaubst du, sie würde wollen, dass ich es verkaufe?«, wollte er von ihr wissen. »Sie hat dieses Haus so sehr gemocht, ihr zuliebe haben wir es gekauft.«

Er hatte Probleme, seine Haushaltshilfen zu halten. Vielleicht war es zu einsam dort unten am Seeufer? Vielleicht fühlten sie sich isoliert?

Dass es an dem Mädchen liegen könnte, dieser Gedanke kam seinem armen, verstörten Gehirn nie.

5. KAPITEL

Die Bäume lösten sich aus dem Nebel, wurden schwarz, bekamen Kontur. Es war Morgen. Justine hatte die ganze Nacht in einem Sessel sitzend geschlafen, sie war durstig und zwischen den Schulterblättern völlig verspannt. Auf die gleiche Art wie dort, und doch wieder ganz anders. Dort: Sie konnte sich noch gut an die Erleichterung erinnern, die sie empfunden hatte, als sie endlich die Konturen erahnen konnte. Die kompakte tropische Dunkelheit hatte begonnen, sich zu bewegen, war auf dem Rückzug. Sie lag mit weit aufgerissenen Augen da und beobachtete, wie alles Schritt für Schritt wiederkehrte, die Stämme, die Blätter, wie sie in den Tag hineinwuchsen und Form annahmen. Erleichterung breitete sich in ihr aus, ihre Glieder entspannten sich. Sie hatte die ganze Nacht wach gelegen. Jetzt sank sie in einen kurzen Schlaf, während die anderen schon langsam begannen, sich in ihren Schlafsäcken zu räkeln.

Justine ging die Treppe hinab, hielt sich am Geländer fest wie eine müde und gealterte Frau. Ja, wie sich Flora zwischen den Etagen auf und ab geschleppt hatte, bevor sie ins Heim kam. Freiwillig wäre sie nie gegangen. Aber nach dem Anfall hatte sie keine Kraft mehr.

Unten lag die Küche im Dunkeln. Sie machte das Licht über dem Herd an und setzte einen Topf mit Wasser auf. Ihr Kleid war zerknittert, sie musste geschwitzt haben, während sie schlief. Sie hatte nicht gemerkt, dass die Nacht hereinbrach.

War es so, wenn man starb?

An die Wand gelehnt trank sie ihren Tee in langsamen Schlucken, spitzte ihre Ohren auf der Suche nach eventuellen Geräuschen. Empfand eine plötzliche Sehnsucht, ein Bedürfnis nach Worten, nach etwas anderem als dieser Stille. Sie rief den Vogel. Er saß vermutlich auf seinem Ast und schlief, den Kopf nach hinten gedreht und den Schnabel in die grauen Federn gebohrt. Er kam nicht, antwortete auch nicht, saß irgendwo in der Stille und erinnerte sich an seinen Ursprung.

Das Haus war daraus gemauert: aus kühler und brütender Stille. Wie eine Isolierung. Sie saß in den Steinen, im Kellergemäuer, saß in den Wänden, nicht einmal der Sonnenglut eines Augusttages gelang es, das Helle, Lebendige hervorzulocken.

Dort, im Dschungel. Dort existierte keine Stille. Überall lebte, kroch, pfiff und rieselte es, das Rascheln aus Laubschichten, in denen der Prozess endlos weiterging, ein knabberndes, dampfendes Vermodern, Millionen kleiner, schlemmender Kiefer, die niemals satt zu bekommen waren, die Schreie und das Rauschen des Regens, das Heulen einer Säge.

Sie hatte Nathan gefragt.

»Stehen die hier draußen im Dschungel mit einer Kreissäge. Ist es das, was man die Bedrohung der Regenwälder nennt?«

Er antwortete nicht, zwang sie, sich zu wiederholen. Erst dann drehte er sich um, und seine Augen waren so verändert, wie sie es seit Kuala Lumpur waren, wo Martina zu ihrer Gruppe gestoßen war.

Es war ein Insekt. Ein Insekt, das dieses ziehende Geräusch auslösen konnte, das ihr durch Mark und Bein ging und sie frieren ließ, obwohl es heiß war.

Martina ... Sie war im Grunde auch nicht viel mehr als ein Insekt gewesen. So musste sie das sehen. Auf Insekten setzt man seinen Absatz und zermatscht sie. Insekten wie sie, Martina, haben es nicht besser verdient. So musste sie es sehen, genau so.

Sie selbst war wie das Haus, aus Stille gemacht und gemauert.

So als bräuchten die Worte Zeit, um Form anzunehmen, um ihren Weg in ihr und aus ihr heraus zu finden.

Es hatte dazu geführt, dass die Menschen die Geduld verloren.

Niemand hatte Lust, auf Worte zu warten.

Einige sahen es als ein Zeichen von Schüchternheit, andere als ein Zeichen von Überheblichkeit. Genau dieses Wort, überheblich, hatte ihre Lehrerin für sie gebraucht, schon nach wenigen Wochen Unterricht. An diesem Morgen, als sie daran dachte, wurde sie von Schwindel erfasst, sank in die Hocke, den Kopf zwischen die Knie gesenkt:

Flora stand auf dem Flickenteppich, mitten im beigen Feld, na ja, eher isabellfarben, dort stand jetzt Flora, und die schweren, braun geschminkten Augenlider wurden wie kleine Luken hochgezogen.

»Steh auf, Justine!«

Nein. Sie sank immer tiefer, in den Teppich hinab, hinein. Flora hatte Stiefel an, die feinen Stiefel mit den Pfennigabsätzen. Von hier aus sah sie deutlich diese Absätze, sah, wie ein kleines Blatt an einem von ihnen klebte, aufgespießt worden war. Floras Hand auf ihrem Scheitel, anfangs noch leicht wie zur Versöhnung. Dann die Finger, die sich krümmten, die Nägel, das Haar, wie ein Eisbrand in seinen Wurzeln, als sie hochgezogen wurde, aaaah ...

»Du kannst ja doch noch den Mund aufmachen!«

Wie ein Pendel, hin und her, die kurzen, zerbrechlichen Haare, wie sie rissen.

Flora stellte sie auf dem Fußboden ab, es war kalt, sie hatte in ihrem Bett gelegen, aber gehört, wie Flora zur Haustür hereinkam. Nur im Nachthemd war sie dann die Treppe hinuntergegangen.

»Weißt du, was deine Lehrerin mir heute Abend erzählt hat? Weißt du das? Deine Lehrerin sagt, du bist aufsässig. Aufsässig und überheblich hat sie dich genannt. Ich war gezwungen, ihr leider Recht zu geben, ihr zu sagen, Fräulein Messer, leider: Es stimmt.«

»Das ist nicht wahr, das ist nicht wahr, sie hasst mich.«

»Nimm nicht solche Worte in den Mund, Justine, niemand hasst dich. Man nennt es Erziehung, und es ist ihre Pflicht gemäß dem Schulgesetz, ihren Schülern Manieren beizubringen.«

Verzeih mir, verzeih, aber sag, wie ich sein soll, wie ich sie dazu bringen kann, mich zu mögen ...

»Wenn mir noch einmal Klagen von deiner Lehrerin zu Ohren kommen, werde ich Dinge mit dir machen, dass nicht einmal dein Vater dich noch wiedererkennt.«

Justine hielt sich die Ohren zu, die Augen traten ihr aus dem Kopf, ihr wurde hässlich und kalt am ganzen Körper, hässlich und siedend heiß. Sie senkte ihr Gesicht. Der gleiche Teppich, dieser?

Floras kleiner Stiefelfuß, ja, er war klein, sie hatte es Papa sagen hören, als sie nachts im Flur stand und die beiden dachten, sie würde schlafen. Drinnen konnte sie Flora erkennen, nackt und dünn wie ein Mädchen, mit ihren Stiefeln auf dem sauberen Laken.

Jetzt drückten die gewebten Ketten des Teppichs gegen ihre Schläfe, jede Erhöhung und Unebenheit, der Geruch von kalt gewordenem Essen. Sie presste leicht mit der Sohle, rieb mit dem Fuß über Justines Wange.

»Ich will, dass du es sagst, laut, dass du ein ekelhaftes und abstoßendes Kind bist, das niemand gern hat!«

Sie konnte es nicht.

»Dass du ein verwöhntes und böses und dreckiges Kind bist, das niemand in der ganzen Welt lieben kann, sag es!«

An mehr konnte sie sich nicht erinnern.

Es war weg.

Der Vogel kam, seine pfeifenden Schwingen. Sie kochte zwei Eier, gab dem Vogel das eine und nahm sich selbst das andere. Es war ein großes und gut gewachsenes Tier. Der Vogel schälte sein Ei mit dem Schnabel, verteilte Schale und Eikrümel in der ganzen Küche.

»Fritz?«, überlegte sie geistesabwesend. »Heißt du vielleicht so?«

Der Vogel schrie auf, schlug mit den Flügeln und flog ihr auf die Schulter. Sie steckte die Finger in seinen grau gefiederten Bauch und fühlte den Körper darunter wie einen warmen und lebendigen Broiler ganz tief unter den Federn.

»Ich sollte vielleicht einen Freund für dich anschaffen«, sagte sie leise. »Wir sind wohl beide etwas zu einsam, du und ich.«

Er schnappte nach ihrem Zeigefinger, nur ganz leicht, hob ihn hoch und stubste ihn wieder weg. Er war einen Tag, nachdem Flora es verlassen hatte, ins Haus gekommen. Justine hatte eine Anzeige in Dagens Nyheter gelesen: »Vogel zu verkaufen aufgrund veränderter Familienverhältnisse, lieb und handzahm.«

Veränderte Familienverhältnisse. Das galt auch für sie.

Ohne lange zu überlegen, griff sie zum Telefon. Der Vogel befand sich draußen in Saltsjöbad, und zuerst wollte das Auto nicht anspringen, aber nachdem sie eine Zeit lang mit »Startpilot« unter die Motorhaube gesprüht hatte, sprang er doch noch an. Es war ein alter Opel Rekord, und sie war immer ein wenig nervös, wenn sie ihn fahren sollte, er war ein wenig unzuverlässig.

An der Kreuzung bei Slussen verfuhr sie sich und kutschierte geraume Zeit planlos durch die Gegend, bis sie die Abfahrt Richtung Nacka entdeckte. Mit großen Bleistiftstrichen hatte sie sich eine Karte gezeichnet. Sie lag neben ihr auf dem Vordersitz, und ihr war es zu verdanken, dass sie schließlich den richtigen Weg fand.

Das Haus sah gepflegt und freundlich aus wie alle Häuser hier. Sie parkte am Zaun und klingelte. Einen Augenblick später kam ein Mann zur Tür und öffnete ihr. Am Telefon hatte sie mit einer Frau gesprochen. Der Mann war in ihrem Alter, das Gesicht streng und verschlossen.

Scheidung, dachte sie.

Er wusste sofort, wer sie war, und bat sie, einzutreten. Im Haus herrschte Chaos. Halb gepackte Kartons standen im Flur verteilt, etwas entfernt sah sie den Boden des Wohnzimmers. Er war mit verstreuten Büchern übersät, so als habe jemand in einem Wutanfall alles aus den Regalen gerissen, was sich in ihnen befand. Aus der Küche drang der Geruch von etwas Angebranntem.

Dort in der Küche saß auch der Vogel, in einem hohen und verschnörkelten Bauer. Er döste, ignorierte sie völlig.

»Oh«, sagte sie. »Ich hatte gedacht, es wäre ein Papagei.«

»Wie sind Sie denn darauf gekommen?«

»Papageien sind als Haustiere in der Regel etwas weiter verbreitet.«

»Ja, mag sein. Und jetzt haben Sie kein Interesse mehr?«

»Doch, doch. Die Art spielt eigentlich keine Rolle.«

Der Mann zog eine Glaskanne mit tiefschwarzem Kaffee vom Herd.

»Verdammter Mist, den habe ich in der Eile völlig vergessen.«

»O je ...«

Er warf ihr ein schiefes Grinsen zu.

»Es ist alles ein bisschen viel im Moment.«

Sie sollte wohl etwas sagen, sich nach den Eigenheiten und Essgewohnheiten des Vogels erkundigen. Sie brachte es nicht fertig. Irgendetwas an diesem Vogel, an seiner struppigen, schwarzgrauen Gestalt brachte sie den Tränen nah. Als sähe sie sich selbst da drinnen, zusammengekauert, anderen zur Pflege überlassen.

Der Mann räusperte sich und zog einen Karton zur Seite.

»Wir sind im Aufbruch begriffen«, sagte er.

»Ja ... Ich verstehe.«

»Ja, so ist das. Nach vielen gemeinsamen Jahren ist man eines Tages nicht mehr Mitglied einer Familie. Man hat das immer selbstverständlich gefunden. Sie! Finden Sie niemals etwas selbstverständlich. Tun Sie das bloß nicht!«

»Das tue ich auch nicht.«

»Das tuen aber viele. Ich zum Beispiel, ich habe es getan. Bis jetzt.«

Sie wusste nicht, was sie sagen sollte. Der Mann schwieg eine Weile, dann sagte er:

»Wie gesagt, hier haben Sie den Vogel. Er hat viele Jahre mit uns zusammengelebt ... Er ist ein Teil der Familie gewesen. Meine Frau fand ihn als Küken hier draußen im Garten. Er war wahrscheinlich aus dem Nest gefallen. Eine Katze hatte ihn gefangen, eine Katze, die ein Spielzeug haben wollte. Wissen Sie, was ich mit dieser Katze gemacht habe? Ich habe sie erschossen.«

»Sie haben die Katze erschossen ...?«

»Mit einem Luftgewehr. Sie war sofort tot.«

»Ist das denn erlaubt?«

»Das ist mir scheißegal. Es war in meinem Garten, und in meinem Garten mache ich, was ich will.«

»Und der Vogel ...?«

»Um den haben wir uns dann gekümmert und ihn aufgezogen. Aber jetzt sind wir, wie gesagt, unterwegs in verschiedene Richtungen, meine liebe Frau und ich. Und der Vogel braucht ein Zuhause.«

»Er sieht ein wenig, wie soll ich sagen, mitgenommen aus ... Er ist doch gesund und so?«

»Ja, wissen Sie, Tiere bekommen mehr mit, als man glaubt. Er hat monatelang unsere Diskussionen mit angehört. Er trauert, er ahnt, dass die Stunde des Aufbruchs naht. Er hat meine Frau immer geliebt. Sie konnte es übrigens nicht ertragen, dabei zu sein, als Sie kamen.«

»Wird er sich bei mir wohl fühlen, was meinen Sie?«

»Ich denke schon. Er will bei jemandem sein, der ihn auch haben will. Das spürt er instinktiv, und diesem Menschen tut er auch nichts zu Leide.«

Seite an Seite betrachteten sie den Vogel, der mit einem glänzenden und starren Auge zurückglotzte. Der Mann schluckte, fuhr mit den Fingern über die Gitterstäbe.

»Einige Vogelarten leben in Paaren, sie sind einander treu bis in den Tod!«, platzte er heraus, und kleine Speicheltropfen glänzten auf seinem Kinn. »Die Aras in Brasilien zum Beispiel, bis in den Tod!«

Sie nickte vorsichtig.

»Na, was meinen Sie, wenn Sie ihn haben wollen, nehmen Sie ihn doch gleich mit. Ich halte das nicht länger aus... Außerdem muss ich weiter ... packen.«

»Wie viel wollen Sie für ihn haben?«

»Nehmen Sie ihn einfach mit, er gehört Ihnen!«

»Aber in der Anzeige ...«

»Scheiß drauf. Scheiß drauf, was in der Anzeige stand. Ich will keine Öre haben. Nicht einmal für den Bauer.«

»Den Bauer ... den kann ich leider nicht mitnehmen.«

»Sie wollen den Bauer nicht?«

»Nein. Ich glaube nicht, dass ich ihn ins Auto bekomme.«

Er ging zum Fenster hinüber, starrte eine Weile hinaus. Als er sich wieder zu ihr umdrehte, hatte er rote Augen. Er holte Luft, nahm Anlauf.

»Dann werde ich ihn wohl wegwerfen müssen oder aber versuchen, ihn zu verkaufen. Oh Scheiße, ich halte das nicht aus, mich mit noch mehr beschissenen Anzeigen abzugeben. Und dem Vogel müssen wir die Flügel stutzen. Er kann aus einem Impuls heraus einfach abhauen, verstehen Sie, und dann wird er nicht mehr als ein paar Minuten unbeschadet überstehen, ehe sich die Elstern über ihn hermachen. Sie hacken ihn in kleine Stücke.«

Justine entfuhr ein kleiner Schrei.

»Nein ... Das können wir nicht tun!«

Hastig wickelte sie ihr Halstuch ab. Es war lang und dünn und mehrmals um ihren Hals geschlungen.

»Nicht die Flügel stutzen, nur das nicht ... Lassen Sie mich das so machen ... stattdessen ...«

Sie hakte die Tür des Bauers auf und streckte ihren Arm hinein, langsam und steif. Sie hatte ein wenig Angst, der Mann machte sie nervös, sie wäre lieber allein gewesen. Der Vogel öffnete seinen Schnabel, er war schwarz und ein wenig gebogen, er ließ ein Zischen hören.

»Komm«, flüsterte sie. »Klettere auf meinen Arm und setz dich.«

Der Mann bewegte sich hinter ihr.

»Sie verstehen etwas von Tieren, nicht wahr?«

»Ja«, murmelte sie, und in gewisser Weise stimmte es ja auch. Der Vogel machte einen zögernden Schritt in ihre Richtung und saß auf einmal auf ihrer Hand. Er war schwer und warm. Sie zog den Arm zurück. Der Vogel blieb sitzen.

Sie schob ihn auf den Küchentisch hinunter und wickelte dann das Halstuch um seinen Rumpf und seine Flügel. Er machte keine Anstalten zu fliehen.

Sie nahm ihn in den Arm wie ein Kind.

»Soooo«, flüsterte der Mann. »Sooo ...«

Er sang ein wenig vor sich hin, summte mit eintöniger Stimme, wandte daraufhin die Lippen in Richtung Decke und gab einen Laut von sich wie aus einem samischen Jojk. Justine lief der Schweiß den Rücken hinunter.

Sie ging zur Tür und versuchte, sich die Stiefel überzuziehen.

»Ich werde Ihnen helfen!« Der Mann fiel neben ihr auf die Knie, presste ihre Füße in die Schuhe und verknotete die Schnürsenkel mit festen Doppelknoten. Er war verstummt. Er öffnete die Tür und folgte ihr hinaus. Als sie dabei war, ins Auto zu steigen, beugte er sich über den Vogel und küsste ihn schmatzend auf den Schnabel, wandte sich dann bestürzt ihr zu.

»Er hackt sonst immer nach einem, wenn man das macht, hackt einem Löcher in die Kleider.«

»Tatsächlich ...«

Justine legte den Vogel neben sich auf den Vordersitz. Er sah aus, als würde er schlafen.

»Sehen Sie mal, das Tier sieht jetzt aus wie eine Kohlroulade«, sagte der Mann, und sie bemerkte, dass er den Vogel nun zu etwas Neutralem gemacht hatte.

Während sie den Wagen anließ, blieb seine Hand auf dem offenen Autofenster liegen. Es war eine schmale und eigenartig kindliche Hand.

»Ich fahre dann mal«, sagte sie und legte den ersten Gang ein. Die Knöchel des Mannes wurden weiß.

»Ja«, kam es von oben.

Als das Auto sich in Bewegung setzte, ließ er los und machte eine Bewegung, als wollte er sie wieder zurückwinken. Erst als sie auf der Autobahn war, fiel ihr ein, dass sie vergessen hatte, nach dem Namen des Vogels zu fragen.

Sie ließ ihn in ihrem Zimmer wohnen. Aus dem Garten holte sie einen Baum herein, den sie in einen Weihnachtsbaumständer stellte, und mit Hilfe eines Hakens in der Wand festmachte. Der Baum wurde zum Schlafplatz des Vogels. Nach ein paar Stunden hatte er jedes einzelne Blatt von den Ästen abgebissen.

Er mochte es, in der Küche zu sein oder ihr Gesellschaft zu leisten, wenn sie dasaß und auf das Wasser hinausschaute. Überall fand sie seine eingetrockneten Spuren. Die erste Zeit achtete sie darauf, Zeitungen auszubreiten und alles wieder sauber zu machen. Mittlerweile geschah dies eher sporadisch, wenn ihr einfiel, dass das Haus ihr ganz allein gehörte und sie es pflegen musste, denn ihr Eigentum war es wert, gepflegt zu werden. Wie sie selbst.

Die Wurzeln umgestürzter Bäume. Etwas, worunter man als Kind kriechen konnte; sie konnten wieder zurückklappen, aber das passierte nie, und sie saß dort, bis zum Hals in der Erde.

Die Tiere: Kleintiere, schnüffelnde Tiere, Pelze mit wuscheligem Glanz. Oder die Rehe, die regungslos genau dort standen, wo der Wald in Felder überging, die Feuchtigkeit der Schnauzen, das Weiß in ihren Augen. Dort hinter der Wurzelwand war sie von ihnen umgeben, kauerte sich zusammen und war Schneewittchen, verlassen von dem Jäger. Sie dachte an ihn, und da schwoll es ein wenig an zwischen ihren Beinen, das Blut war jetzt zum ersten Mal aus ihr gekommen, aber sie war noch ein Kind. Und doch.

Und er führte sie in den Wald hinaus, und er hob sein Gewehr. Zielte direkt auf ihre linke Brust. Sie saß bei der toten Hindin, als er ging, sie schaute in die Wunde hinab. Er hatte darin gewühlt und geschnitten, das Herz mitgenommen. Was war eine Hindin? Sie wusste es nicht, aber der Körper war zerfleischt, und der Jäger trug nun das Herz zu jener Frau, die in Schneewittchens Zuhause wohnte.

Ich habe mit dem Mädchen getan, was du befohlen.

Für eine Sekunde zerbrechlich, griff dann nach dem Spiegel, sah ihr eigenes Bild.

Satisfaction.

Die Füchse kamen und die Mäuse. Und wie Flocken fielen die Federn der Eulen in das Wurzelloch hinab, in dem Schneewittchen saß. Wie warmer und schützender Schnee.

Tiere machten Flora krank, sie bekam eine Gänsehaut und ekelte sich. Die Katze schlich sich in die Diele, Flora jagte sie mit einem Besen wieder hinaus. Das Fell sträubte sich ihr, sie hob den Schwanz.

Als Papa abends gute Nacht sagte, erzählte sie ihm davon.

Er machte ein aufgelöstes Gesicht, strich ihr schwach über die Hand, lange, aber schwach.

Abend für Abend bat sie Papa um ein Tier, eine Katze oder einen Hund oder einen Vogel. Vielleicht hatte er gewollt, aber er war ein Spielball in Floras Hand.

»Etwa ein paar verlauste Mäuse mit ihren Dreckslöchern«, würde sie sagen und die geschminkten Porzellanaugen würden ihn anstarren, gnadenlos. »Bakterien und Gestank. Tiere sind Tiere, sie gehören nicht in menschliche Behausungen.«

Mit ihrem Blaufuchspelz war das etwas anderes. Er war tot. Sie bekam ihn an einem Wintertag. Er sollte sie besänftigen. Flora war jemand, der fast immer besänftigt werden musste.

6. KAPITEL

Berit Assarsson kam erst spät dazu, Mittagspause zu machen. Sie wusste nicht recht, wo sie essen sollte, ihr Hunger hatte sich mittlerweile schon wieder verflüchtigt, aber etwas musste sie auf jeden Fall zwischen die Zähne bekommen, wenn sie den Nachmittag überstehen wollte.

Sie redigierte gerade ein Buch über das Segeln. Sie verstand nicht besonders viel vom Segeln, aber da das Buch herauskommen sollte und sie den Auftrag bekommen hatte, sich darum zu kümmern, wollte sie sich möglichst keine Blöße geben.

Tor hatte ein Boot gehabt, als sie sich kennen lernten, und natürlich war es schön gewesen, zwischen den Schären hinauszugleiten und sich einen Ankerplatz für die Nacht in einer geschützten Bucht zu suchen. Aber alles andere! Er wurde so schnell gereizt, verlangte von ihr, die Übersicht über alle Leinen und Taue zu behalten, und in Krisensituationen vergaß er völlig, dass sie dazu nicht in der Lage war. Dann gab es Streit und unangenehme Szenen.

Sie verkauften das Boot und kauften sich stattdessen ein Wochenendhäuschen. Oder was man so Häuschen nennt. Es handelte sich um ein recht großes Haus, Anfang des Jahrhunderts gebaut und auf der Insel Vätö gelegen. Winterfest, so dass sie Weihnachten dort feiern konnten, was sie auch regelmäßig taten. Letztes Mal waren ihre beiden Söhne gekommen und hatten ihre Freundinnen mitgebracht.

Berit ging in die Markthalle am Hötorg. Es war kurz nach eins. Um diese Zeit war der größte Andrang schon vorbei. Sie bestellte einen Avocadoteller mit Krabben und einen großen Café au lait und setzte sich an einen der Tische in der Nähe der Blumenabteilung. Wie viele hübsche Tulpen es im Moment gab, welch herrliche Farben! Wenn das Thermometer jetzt noch ein paar Grad unter Null fiele und es ein wenig Schnee gäbe, sähe alles schon viel heller und freundlicher aus.

Die Avocado war ein wenig hart. Sie erwog, mit ihrem Teller zum Tresen zurückzugehen und sich zu beschweren, blieb dann aber doch sitzen. Wie oft hatte sie schon in dieser Markthalle gegessen? Mindestens einmal die Woche in all den fahren, die sie die Stelle im Verlag hatte. Sie versuchte, es im Kopf auszurechnen, sagen wir sechsundvierzig Wochen mal vierzehn, das macht, das macht, das macht...

Moment, letztes Jahr, als sie fünfundvierzig wurde, war sie verreist. Tor hatte sie mit den Tickets zu einer Weltreise überrascht.

»Konntest du nicht warten, bis ich fünfzig werde!«, rief sie aus, fast bestürzt über seine plötzliche Großzügigkeit.

Er hatte sie umarmt, schnell und unbeholfen.

»Wer weiß, ob wir noch so lange leben.«

Sie reisten und blieben fast zwei Monate fort. Das machte acht Wochen und dementsprechend achtmal, die sie nicht hier in der Halle gegessen hatte. Sie wühlte in ihrer Handtasche nach ihrem Taschenrechner, konnte ihn aber nicht finden.

Stattdessen war sie gezwungen, einen Kugelschreiber hervorzuholen und es schriftlich auszurechnen, genau wie Fräulein Messer es ihnen damals vor sehr langer Zeit in der Schule beigebracht hatte.

Sie kam auf weit über sechshundert Mal.

Also, weit über sechshundert Mal hatte sie hier unten in diesem kleinen Restaurant unterhalb der Rolltreppe gegessen.

Das ist dein Leben, Berit!

Immer öfter hatte sie ihr Leben satt. Immer öfter überkam sie das Gefühl, dass ihr Leben seinen Zenit überschritten hatte, als hätte es das bereits vor langer Zeit getan, und als wäre jetzt alles zu spät.

Alles, was denn alles?

Berit redete manchmal mit Annie darüber, die ihr Büro nebenan hatte. Sie hatten ungefähr gleichzeitig im Verlag angefangen, waren beide vorher länger mit den Kindern zu Hause gewesen, hatten beide Söhne.

Ja, alles ... Worauf man gewartet hatte, etwas, das noch kommen sollte.

Annie gab ihr Recht. Sie war vier Jahre jünger und gab ihr trotzdem Recht.

Ich frage mich, wann es aufgehört hat, dachte sie. Ich frage mich, wann man sich aus einem aktiven und jungen Menschen voller Erwartungen in eine roboterähnliche Maschine verwandelt hat.

Sie war wirklich noch nicht alt. Es kam vor, dass die Männer sie mit diesem besonderen Ausdruck im Blick betrachteten, aber in der Regel erst, wenn sie ihr vorgestellt worden waren. Ansonsten fiel sie kaum noch auf. Sie pflegte ihren Körper, pflegte ihr Gesicht, zeigte sich nie ungeschminkt, nicht einmal auf dem Land. Alle fünf Wochen ging sie zum Friseur, einem schwarzen und schönen Mann, der genau wusste, wie sie die Haare haben wollte.

Schade, dass er »andersrum« ist, fuhr es ihr plötzlich durch den Kopf, ich habe noch nie mit einem Neger gebumst. Sie wurde rot, als würde sie sich schämen.

Sie ließ den Blick über die Verkaufsstände schweifen. Fast immer traf sie irgendeinen Bekannten hier unten, so war es auch heute, da drüben glitt soeben Elisabet über den Boden der Markthalle, sie hatte eine ganz eigene Art, gleichsam vorwärts zu fließen, alles beiseite zu wischen, was sich ihr in den Weg stellte.

Jetzt entdeckte sie Berit, ihr Mund verzog sich zu einem Lächeln.

»Liebste, kleine Berit, sitzt du hier ganz solo? Darf ich mich einen Moment zu dir setzen und einen ... was trinkst du, café latte? Ich nehme auch so einen.«

»Eigentlich hatte ich gerade vor zu gehen. Aber setz dich ruhig, einen Moment kann ich ruhig noch bleiben.«

Elisabet war auch in der Verlagsbranche tätig, arbeitete aber in dem großen, weißen Haus am Sveaväg, dem Albert Bonniers Verlag.

»Wie geht es dir, Schätzchen, siehst du nicht ein bisschen blass aus?«

»Wirklich?«

»Ach was, das ist vielleicht nur das Licht hier. Ja, ganz bestimmt ist es das.«

»Um ehrlich zu sein, ich fühle mich ein wenig müde.«

»Tatsächlich? Wir haben doch über Weihnachten ein paar Wochen frei gehabt, oder hast du etwa Weihnachten gearbeitet?«

»Nein, das nicht. Aber ... nicht auf diese Art müde.«

»Ich weiß, was du meinst, es ist dieses ewige graue Wetter. Wenn es wenigstens etwas kälter würde, ich sehne mich nach Eis. Wir sind noch kein einziges Mal mit den Schlittschuhen unterwegs gewesen. Und dabei ist es Mitte Januar. Ob das wohl an El Niño liegt, was meinst du? Ist er es, der uns alles verdirbt, kommt der so hoch in den Norden?«

»Keine Ahnung.«

»So oder so, es ist ein Trauerspiel. Und, gibt es was Neues?«

»Nicht dass ich wüsste. Und bei euch, wie läuft es bei euch?«

»Bestens, viel zu tun.«

»Bei uns auch. The same procedure ... Alles wiederholt sich. Ich glaube, ich verliere allmählich die Lust.«

»Aber Kleines ... Habt ihr denn gar keinen Spaß?«

»Wie man’s nimmt.«

Elisabet lehnte sich über den runden, weißen Eisentisch.

»Ist denn was dran an der Sache, dass ... Curt Lüding verkaufen will?«

Curt Lüding war Berits Chef. Er hatte den Verlag Mitte der siebziger Jahre gegründet, gehörte damals zu den jungen Oppositionellen, die auf die Barrikaden gingen. Zu jener Zeit hatte er Undergroundliteratur und gesellschaftskritische Romane verlegt. Damit hatte er inzwischen aufgehört. Die Zeiten hatten sich geändert.

»Dieses ständige Gerede«, sagte sie, verspürte aber doch ein Rumoren in der Magengegend.

»Du hast also nichts gehört?«

»Nein, du etwa ...«

»Ach, ich weiß nicht ... Nein, es ist bestimmt nichts dran.«

»Meinst du etwa, dass Bonniers kaufen will?«

»Ja.«

Berit pickte mit ihrer Gabel ein Maiskorn auf und stopfte es sich in den Mund.

»Solche Gerüchte sind irgendwie unangenehm«, sagte sie. »Vielleicht geht es einem deshalb so schlecht. Man weiß, was man hat, oder so ähnlich. Ich werde mich dieses Wochenende den Teufel um den Job scheren, ich werde keinen einzigen Gedanken an ihn verschwenden! Stattdessen werde ich zusehen, dass ich viel draußen bin, einen langen Spaziergang machen, so werde ich den Samstag verbringen. Ich fahre raus nach Hässelby und sehe nach dem Grab, dann kann ich da draußen ein wenig spazieren und nostalgisch werden. Ich bin schon seit Ewigkeiten nicht mehr da gewesen.«

Auf dem Rückweg schaute sie noch schnell in ein Geschäft für extravagante Unterwäsche herein, das auf der Drottninggata lag. Sie probierte ein paar BHs an und entschied sich für einen glänzenden, roten Bügel-BH und einen dazu passenden Slip. Das grelle Licht in der Umkleidekabine ließ ihre Hüften und ihren Bauch schlaff und blass aussehen.

Mein Rumpf, dachte sie. Wie in einem Obduktionsbericht.

Sechshundertneunzig Kronen.

Aber was tut man nicht alles für sein Glück!

Sie hatte Heißhunger auf Schokolade und ging schnell, schnell vorbei an dem Geschäft mit den belgischen Leckereien. Dort hatte sie vor Weihnachten eingekauft, kleine, erlesene, von Hand gefertigte Schokoladenschnecken für die Freundinnen ihrer Söhne. Sie waren dünn wie Bohnenstangen, ein bisschen Fett konnte ihnen nicht schaden.

Die beiden waren ihr fremd. Sie glichen einander, eckig, blond, mit platten Brüsten. Die ganze Zeit hingen sie an den Jungen, fummelten an ihnen herum und winselten wie zwei verwöhnte kleine Kinder. So hätte sie sich einmal bei Tor zu Hause benehmen sollen! Seine Mutter hätte sie hinausgeworfen.

Helle und Marika. Helle war Dänin, weiß der Himmel, wie sie in Stockholm gelandet war. Berit hatte versucht, sich mit ihnen zu unterhalten, etwas über ihre Familien zu erfahren. Sie waren kurz angebunden und verschwiegen oder vielleicht auch nur schüchtern. Den Jungen zuliebe bewahrte sie gute Miene.

Mittlerweile regnete es stark, sie spannte ihren Regenschirm auf und richtete ihn wie einen Schild gegen den Wind. Als sie an dem russischen Restaurant vorbeikam, musste sie die Straßenseite wechseln. Das ganze Lokal wurde abgerissen, ein Bagger blockierte den Bürgersteig. Sie fragte sich, was jetzt wohl in das Haus kam. Sie war manchmal dort gewesen und hatte gegessen, deftige Eintöpfe und Pirogen. Es war gemütlich und warm gewesen, und wenn sie niedergeschlagen war, hatte sie dort gesessen und neue Kräfte gesammelt.

Der Aufzug zu den Büroräumen des Verlags war außer Betrieb. Sie ging die vier Stockwerke hoch, hinterließ mit ihrem Regenschirm eine nasse Spur, hängte ihren Mantel auf und ging zu ihrem Büro. Es war eigentümlich still überall, gab es etwa eine Besprechung, die sie vergessen hatte? Nein, Annie saß an ihrem Schreibtisch, sie ließ die Arme hängen und arbeitete nicht, saß einfach nur da mit einem ausdruckslosen und leblosen Ausdruck im Gesicht.

»Was ist los, Annie, ist etwas passiert?«

Annie gab ihr ein Zeichen:

»Komm rein!«

Dann stand sie auf und schloss die Tür.

»Jetzt, meine Liebe«, sagte sie dumpf. »Jetzt ist hier was im Gange!«

Berit lief ein Schauer über den Rücken.

»Was meinst du?«

»Curt läuft auf Hochtouren.«

»Aha. Inwiefern?«

»Er beruft eine Personalversammlung ein. Aber nicht heute, auch nicht morgen, sondern ausgerechnet am Montag.«

»Eine Personalversammlung?«

»Ja. Offensichtlich hat er uns etwas zu sagen.«

»Will er uns etwa entlassen?«

»Tja. Wer weiß!«

»Aber ...? Wo ist er jetzt?«

»Abgehauen zu einer Versammlung, den Rest des Tages nicht da, morgen auch nicht.«

»Oh, Annie ... Was sollen wir nur tun?«

»Tun! Wir können nichts anderes tun als warten. Den ganzen langen Freitag, das ganze lange Wochenende.«

»Warum musste er das denn heute schon erwähnen, konnte er nicht bis Montag warten?«

Annie zuckte mit den Schultern. Ihre Haare sahen ungepflegt aus, sie sollte etwas dagegen unternehmen.

»Wie sah er aus, wie hat er es gesagt?«

»Seine Birne sieht doch eigentlich immer aus wie ein Port-Salut-Käse!«

Berit nahm eine Büroklammer, die auf dem Schreibtisch lag, begann, sie zu verformen, an ihr zu ziehen, sie zu verbiegen.

»Ich habe Elisabet in der Mittagspause getroffen, du weißt schon, die Blonde, die bei Bonniers arbeitet.«

»Ach, die kleine Klatschtante.«

»Komm schon, sie ist in Ordnung. Aber sie stellte ein paar seltsame Fragen über Lüding, ob Curt vorhabe zu verkaufen.«

»Das hören wir ja nicht zum ersten Mal, ohne dass was daraus geworden wäre.«

»Stimmt. Aber was ist, wenn es jetzt so weit ist, warum sollte er denn sonst eine Personalversammlung einberufen?«

»Auch wieder wahr. Wir als Angestellte bei Bonniers?«

»Du vielleicht, du bist ja noch relativ jung. Aber ich werde dieses Jahr sechsundvierzig. Wer weiß, ob dieser vornehme Haufen eine sechsundvierzigjährige alte Schachtel übernehmen wird?«

Annie schwieg einen Moment.

»Aber wenn er verkauft, dann verkauft er uns doch im Grunde auch!«, platzte sie dann heraus. »Ich meine ... Wir gehören doch sozusagen zur Verkaufsmasse. Ansonsten muss er uns doch irgendwie abfinden, irgendeine Form von Abfindung zahlen?«

»Ha! Hast du das in deinem Vertrag?«

»Nein.«

Die Büroklammer brach entzwei und piekste sie in den Daumen.

»Was meinen die anderen?«

»Das Gleiche wie wir, alle haben eine Scheißangst. Lotta bekam Bauchschmerzen und musste nach Hause fahren.«

Berit ging in die Küche und setzte eine Kanne Kaffee auf. Der Raum war schmutzig und unaufgeräumt wie immer, ungespülte Kaffeetassen und die leere Verpackung eines Fertiggerichts. Sie drückte den Pappkarton in den Papierkorb und fluchte.

»Ein beschissener Miststall ist das hier!«

»Es gibt Kaffee!«, rief sie anschließend einfach in den Flur hinaus, wütend, wie einen Befehl. Die anderen kamen, stumm und bekümmert.

Der Verlag hatte zwölf Angestellte, Curt Lüding eingerechnet. Sachbücher verkauften sich am besten. Vielleicht sollte man jetzt eher sagen, hatten sich am besten verkauft. Sie hatten eine belletristische Bestsellerautorin, Sonja Karlberg. Sie schrieb eine Art historischer Schinken, die in adligen Kreisen spielten, aber seltsamerweise vom Publikum angenommen wurden. Sie war eine zarte, zerbrechliche alte Dame, zumindest sah sie so aus. Annie, die ihre Lektorin war, bekam schon schlechte Laune, sobald Sonja Karlberg nur ihren Besuch ankündigte. Sie konnte wegen eines Satzfehlers rasend werden, einmal schmiss sie ein Buch direkt auf Annies Tastatur, so dass beides zu Bruch ging.

Schweigend setzten sie sich hin, schlürften aus ihren Kaffeetassen. Es begann zu dämmern, die Regentropfen glitzerten auf den Fensterscheiben. Berit betrachtete die Töpfe mit Grünpflanzen am Fenster. Niemand hatte sie getränkt, sie ließen die Köpfe hängen. Ihr zog sich der Magen zusammen, sie liebte das hier trotz allem, die bedrückten Gesichter um den Tisch, die Schlamperei, die Stapel von Manuskripten, den Stress und die Druckfahnen, all das, was ein Teil ihrer Arbeit war.

Nach dem Abitur hatte sie Sprachen studiert. Sie hatte keine Ahnung, was sie eigentlich werden wollte, und es war mehr oder weniger ein Zufall, der sie in die Verlagswelt geführt hatte. Eine winzige Anzeige eines winzigen Verlags, der eine Korrekturleserin suchte. Der Verlag hieß Strena, es gab ihn schon lange nicht mehr. Aber ein paar Jahre lang las Berit gut gehende Thriller Korrektur, während sie heiratete und ihre Kinder aufzog.

Auf einem Verlagsfest kam sie mit Curt Lüding ins Gespräch. Der Zufall wollte es, dass er sich mit seinem Verlag gerade in einer expansiven Phase befand, und er stellte sie augenblicklich ein, ohne formale Qualifikationen zu fordern. Aber so war es vielen in der Branche ergangen, das begriff sie mit der Zeit. Ein wohlwollender Zufall hatte ihnen den Weg gewiesen.

Berits Mann Tor war Wirtschaftsprüfer. Die ersten Jahre wohnten sie zusammengepfercht in seinem kleinen Einzimmerappartement in der Thulegata. Es war eine sehr schwere Zeit. Als die Jungen zwei und drei Jahre alt waren, konnte die Familie endlich in ein eigenes Haus in Ängby ziehen.

Mittlerweile waren die Jungen ausgeflogen.

Aus dem Nest.

Von Zeit zu Zeit erfüllte es Berit mit Trauer, sie nicht mehr bei sich zu haben. Sie waren jetzt erwachsene Männer und verloren für sie, für immer.

Sie verließ den Verlag an diesem Tag schon um vier. Auf dem Heimweg kaufte sie zwei Scheiben Rinderfilet und eine Flasche schweren Rotwein. Tor war noch nicht heimgekommen, und sie deckte im Esszimmer, mit Kerzen und Stoffservietten.

»Er wird glauben, es gäbe etwas zu feiern«, dachte sie grimmig.

Als sie hörte, wie er in die Garage fuhr, gab sie Butter in die Bratpfanne und entkorkte den Wein.

Jetzt öffnete er die Haustür und hängte seinen Mantel auf, sie hörte das Plumpsen seiner Schuhe, als er sie aufschnürte und gegen die Wand schob. Er stand in der Küche, sah abgekämpft aus.

»Ich fand, wir sollten uns einmal etwas gönnen«, sagte sie.

»Aha. Warum?«

»Warum nicht?«

»Ist etwas Besonderes? Hat einer Geburtstag oder so?«

»Nicht dass ich wüsste, man wird doch wohl noch das Recht haben, sich an einem gewöhnlichen Donnerstagabend etwas zu gönnen, meinst du nicht?«

»Tja.«

Während des Abendessens schwiegen sie. Berit trank von dem Wein, der ihr sofort zu Kopf stieg und sie benebelte.

»Was ist los mit dir?«, fragte er.

»Was soll schon los sein mit mir?«

»Du hast doch was, das sehe ich.«

»Tor. Sag mir ehrlich, findest du mich begehrenswert?«

»Berit!«

»Nun sag doch. Bin ich das? Begehrst du mich, wirst du geil, wenn du mich ansiehst?«

Er schob seinen Teller zur Seite.

»Warum fängst du gerade jetzt davon an?«

»Ich fange nichts an. Ich stelle dir eine klare Frage und will eine klare Antwort. Ist das so verdammt schwierig?«

»Du bist doch meine Frau.«

»Eben deshalb.«

Sie stand auf und ging um den Tisch, stellte sich hinter ihn und nahm seinen Kopf. Er hatte eine kahle Stelle auf dem Scheitel bekommen, dort streichelte sie ihn, ließ dann die Hände abwärts gleiten, den Ärmeln seines Hemds folgen, zu seiner Mitte.

»Berit«, sagte er. »Wir essen gerade!«

Am Samstag nahm sie die U-Bahn nach Hässelby. Es war etwas Besonderes, U-Bahn an einem Tag zu fahren, der kein normaler Arbeitstag war. Ganz andere Fahrgäste, viele Kinder mit ihren Eltern, helle Wagen, andere Farben, andere Geräusche. Es fiel einem viel mehr auf, wie heruntergekommen und schmutzig alles aussah. Der Boden des Wagens war mit Dreck und einer ausgelaufenen Flüssigkeit beschmiert, mehrere Sitze waren schwarz bemalt worden.

In der Nacht war Schnee gefallen, Schnee, der liegen blieb. Sie stieg an der Endhaltestelle aus, und die Erinnerungen kehrten zu ihr zurück, die Erinnerungen an ihre Jugendzeit. Als sie zur Bushaltestelle ging, fiel ihr auf, dass man vor der U-Bahnhalle umgebaut und alles freundlicher gestaltet hatte. Der Lebensmittelladen war verschwunden, stattdessen befand sich dort jetzt ein Supermarkt mit schreiend roten Sonderangebotsschildern.

Sie hatte vorgehabt, zum Friedhof zu gehen, aber weil der Bus nun einmal dastand, fuhr sie die wenigen Haltestellen. Die Sonne glitzerte auf der Schneedecke, ließ ihre Augen tränen. Sie hätte eine Sonnenbrille mitnehmen sollen!

Der Friedhof sah idyllisch aus, fast ländlich mit seinen schneebeschwerten Grabsteinen und den Blaumeisen, die in den Ästen hingen. Rechter Hand der kleinen Kapelle lag ein Haufen schneebedeckter Kränze. Der Freitag war ein typischer Beerdigungstag. Beide Eltern waren an Freitagen beerdigt worden, zuerst die Mutter, zwei Jahre später ihr Vater.

Abgesehen von vereinzelten Autos, die oben auf dem Sandviksväg vorbeifuhren, war es hier still und friedvoll. Der Friedhof ist die Ruhestatt der Toten, so pflegte es am Eingang zu stehen, hier durfte man nicht stören und keinen Streit vom Zaun brechen. Davon hatten die Toten in ihrem Leben schon genug abbekommen. Nun hatten sie das Recht, in Ewigkeit zu ruhen.

Sie war allein. Sie sah sich um, in einem der Mietshäuser an der Fyrspannsgata war die junge Tochter eines Arztes von einem Psychopathen gefangen gehalten worden. Das mochte jetzt wohl ein Jahr her sein. Sie erinnerte sich plötzlich an eine Reihe von Details. An einem dieser Fenster hatte das junge Mädchen gestanden und hinausgeschaut, gehofft, jemand würde sie sehen und auf sie aufmerksam werden. Aber wer wird schon aufmerksam, wenn ein Mädchen an einem Fenster steht? Nicht einmal, wenn sie geschrien und um Hilfe gerufen hätte, wäre sie beachtet worden.

Wie war es diesem armen Mädchen seitdem ergangen? Den Zeitungsberichten zufolge war sie mit dem Leben davongekommen, aber was war mit ihrer Psyche? Die dürfte doch für immer Schaden genommen haben?

Berit fragte sich, welches Fenster es wohl war. In den Boulevardzeitungen hatte es bestimmt Bilder des Hauses gegeben, auf denen das Fenster eingezeichnet war. Bestimmt waren Schaulustige dorthin gepilgert, um zu gaffen. Um den Versuch zu machen, sich in die Lage eines Menschen zu versetzen, der in den Händen eines Verrückten ist.

Ein Gedanke schoss ihr durch den Kopf: ein Buch über dieses Mädchen zu machen. Sie zu überreden, eine Art Tagebuch über diese furchtbare Zeit als Eingesperrte zu schreiben. Sie wunderte sich, dass Melin & Gartner das noch nicht gemacht hatten, das war doch sonst ein Verlag, der immer auf Draht war. Verbrecher und ihre Opfer, suspekte Gestalten, das ließ sich verkaufen.

Jetzt stand sie also doch da und dachte schon wieder an ihren verdammten Job! Obwohl sie sich fest vorgenommen hatte, es nicht zu tun!

Suchend ging sie den geräumten und gestreuten kleinen Weg hinab. Hinten links lag es, das Familiengrab, das wohl kaum mehr als zwei Personen beherbergen würde. Familiengrab, so etwas hatte es früher einmal gegeben, als die Leute noch zu Hause blieben.

Das Grab war verschneit. Mit den Handschuhen fegte sie den Stein sauber und sprach die Namen der beiden Menschen aus, die ihre Eltern gewesen waren. Es versetzte ihr einen Stich, sie sollte wirklich etwas öfter herkommen.

Sie hatte Grablichter gekauft, für jeden der beiden eins.

»Eins für Mama und eins für Papa«, flüsterte sie, während sie versuchte, die beiden Dochte anzuzünden, was schwerer war, als sie gedacht hatte. Der kleinste Lufthauch ließ das Streichholz wieder erlöschen. Dabei war es so gut wie windstill.

»Ich denke auf jeden Fall an euch«, flüsterte sie. »Auch wenn es nicht immer danach aussieht, auch wenn ich nicht so oft herkomme. Ich denke manchmal an euch, das wisst ihr doch hoffentlich. Könnt ihr mich jetzt sehen, bewegt ihr euch jetzt über mir, unsichtbar, haltet ihr ein wachsames Auge auf mich? Gerade im Moment würde ich mir wünschen, dass ihr das tätet.«

Sie waren beide an Krebs gestorben. Ihr Vater war Kettenraucher gewesen, seine mühsamen Atemzüge standen ihr noch vor Augen, sein Kratzen am Hemdkragen, wenn er nicht genügend Luft bekam.

»Was immer du tust, Mädchen, fange nie mit dem Rauchen an«, hatte er ihr gesagt. Jedes Mal, wenn sie ins Krankenhaus kam, hatte er seine Worte wiederholt, »fange nie mit dem Rauchen an!«

Er wusste nicht, dass sie bereits angefangen hatte. Nicht einmal der Anblick der ausgemergelten Gestalt dort auf dem Bettlaken konnte sie dazu bewegen, wieder aufzuhören.

Ihre Mutter hatte Hautkrebs gehabt, die gleiche Krankheit, an der Tage Danielsson, der Kabarettist, irgendwann in den achtziger Jahren gestorben war.

Sie waren schon alt, als sie Berit bekamen, so alt, wie sie selbst heute war. Sie hätten ebenso gut an Altersschwäche sterben können. Ihre Mutter hatte ihr erzählt, dass sie glaubte, unfruchtbar zu sein. Aber als sie eine ganze Woche lang jeden Morgen das Frühstück wieder erbrach, musste sie einsehen, dass sie es nicht war.

Berit verließ das Grab mit den beiden Kerzenflammen, die in der Januarsonne kaum zu erkennen waren. Sie folgte dem Hässelby Strandväg und ging an dem Haus vorbei, in dem sie aufgewachsen war. Es hatte sich nicht verändert. Sie fragte sich, wer jetzt dort wohnte, aber es regte sich nichts, der Gang zur Haustür war weiß und nicht freigeschaufelt.

Hier war sie als Kind täglich gegangen, auf ihrem Weg zur Schule, die ein ganzes Stück entfernt lag. Es waren mehr Häuser geworden, ansonsten schien die Zeit hier seltsam stillzustehen. Sie hatte keinen Kontakt mehr zu ihren früheren Klassenkameraden, erinnerte sich kaum noch an ihre Namen.

Der Mälarsee lag ruhig da, es dampfte leicht von seiner Oberfläche. Sie sehnte sich nach Eis, danach, sich die Schlittschuhe anzuziehen und geradewegs auf den Horizont zuzulaufen. Fort von allem, was sie umgab, vom Alltag, den Menschen, fort von sich selbst. Plötzlich fror sie an den Händen und merkte, dass sie ihre Handschuhe am Grab vergessen hatte.

Sie stand vor einem schmalen und hohen Steinhaus. Sie erinnerte sich an den Anblick dieses Hauses, sie war ein Kind.

Justind verschwind, Justind verschwind!

Ein Chor aus hellen Stimmen, und sie war ein Teil dieses Chors, und ihre Stimme war eine von denen, die sangen.

Justein, herein, Justind verschwind, Justein herein und pisse fein.

Es rauschte ihr in den Ohren, ihr wurde schwindlig.

Eine Frau stand auf der Treppe. Sie hatte kurze, lockige Haare, trug eine geblümte Hose. Eine Frau stand auf der Treppe, und etwas an dieser Frau kam ihr bekannt vor. Berit hob den Arm.

»Justine?«, sagte sie zögernd. »Ist das denn die Möglichkeit? Bist du es wirklich, Justine?«

Da kam die Frau ihr entgegen, und ihre Augen waren grün und ihr Blick direkt.

»Berit Blomgren! Wie eigenartig! Ich habe gerade an dich gedacht.«

Die Worte hallten ihr entgegen.

»Hast du?«, flüsterte sie.

Die andere lachte.

»Ja!«, rief sie. »Stell dir vor, das habe ich getan.«

»Ich heiße jetzt allerdings Assarsson ...«

»Aha. Ja natürlich, du bist bestimmt verheiratet.«

»Genau.«

»Ich war gerade dabei, den alten Tretschlitten rauszuholen. Du weißt schon, so einen, der vorne eine Ladefläche hat und bei dem man sich hinten auf die Kufen stellen kann. Man hat ja nicht mehr so oft Gelegenheit, ihn zu benutzen. Aber jetzt scheint es tatsächlich Winter zu werden.«

»Wir hatten alle Tretschlitten, als wir klein waren. Ich bekam einen roten, den Papa selbst gestrichen hatte.«

»Ich hatte nur einen ganz gewöhnlichen, lackierten. Er steht da draußen im Schuppen. Aber möchtest du nicht auf einen Sprung reinkommen, du siehst aus, als würdest du frieren.«

»Ja ... warum nicht? Ich bin auf dem Friedhof gewesen. Ich muss meine Handschuhe dort vergessen haben.«

»Möchtest du ein bisschen Glühwein, ich habe von Weihnachten noch eine Flasche übrig.«

»Glühwein? Ja, das wäre jetzt genau das Richtige, das wärmt einen von innen.«

Die Sonne flutete über den Fußboden. Berit trank von ihrem Glühwein und spürte, wie die Wärme zurückkehrte. Justine saß, das Kinn in die Hände gestützt, vor ihr und sah sie an. Ihr Gesicht war rund und weiß, sie hatte heute weniger Sommersprossen als früher. Sie war von Sommersprossen übersät gewesen.

»Wie viele Jahre ist das jetzt her ...«, murmelte Berit, »seit wir uns das letzte Mal gesehen haben?«

»Das war 1969, als wir mit der Realschule fertig waren.«

»Ja ... Da muss es wohl gewesen sein.«

Sie dachte eine Weile nach.

»Mein Gott, das ist ja fast dreißig Jahre her!«

»Ja.«

»Hast du hier ... Du bist anscheinend hier geblieben, im Haus deiner Eltern?«

»Ja.«

»Hast du die ganze Zeit hier gewohnt?«

»Ja.«

»Sind sie tot ... Ja, ich erinnere mich, dass ich es in der Zeitung gelesen habe, als dein Vater gestorben ist. Da stand ziemlich viel über ihn drin.«

»Stimmt. Papa ist tot. Flora ist in einem Pflegeheim.«

»Flora, ja ... So hieß sie, deine Mama. Ich fand immer, dass es ein unheimlich schöner Name war. Sie war auch sehr schön, sie roch so gut.«

»Sie war nicht meine richtige Mama.«

»Nein, ich weiß.« Sie trank noch einen Schluck Glühwein, er war stark und würzig.

»Meine Eltern liegen hier auf dem Friedhof begraben. Sie waren schon ziemlich alt, du erinnerst dich vielleicht. Ich blieb nicht sehr lange hier. Ich wollte weg. Außerdem traf ich recht früh meinen Mann, Tor heißt er, er ist Wirtschaftsprüfer. Klingt ziemlich trocken, nicht wahr?«

Justine lächelte.

»Nimm noch etwas Glühwein, wir können die Flasche ruhig leer machen, Weihnachten ist ja eh vorbei.«

»Skål.«

»Skål. Auf unser Wiedersehen.«

»Aber, sag mal ... Warum hast du denn gerade heute an mich gedacht? Das kommt mir so komisch vor. Ausgerechnet an einem der ganz seltenen Tage, an denen ich einmal nach Hässelby komme, ja, da denkst du an mich, und dann treffen wir uns auch noch rein zufällig.«

»So zufällig war es nun auch wieder nicht, du bist immerhin hierher gekommen.«

»Stimmt ... Aber ich lief mehr herum und versuchte, ein wenig nostalgisch zu werden.«

»Die fernen Kindertage.«

»So ungefähr, ja.«

»Hast du Kinder, Berit?«

»Ja, zwei Jungs, einundzwanzig und zweiundzwanzig Jahre alt. Sie sind von zu Hause ausgezogen, wir sind jetzt allein, Tor und ich. Jetzt haben wir endlich einmal Zeit füreinander, wie man so sagt. Und du?«

Justine schüttelte den Kopf.

Dann steckte sie die Finger in den Mund und pfiff kurz und durchdringend. Irgendwo hinter ihnen begann ein Rauschen, das Zimmer schien zu schrumpfen, es zischte und heulte, etwas Scharfes landete auf Berits Kopf, etwas, das sich in ihrem Haar verfing.

»Oh, mein Gott, was ist das!«

Sie schrie und fuhr hoch, so dass sie ihr volles Glas Glühwein über ihre Hose verschüttete.

7. KAPITEL

Im Wald lag ein Tier. Es sah aus wie ein Hund.

Erst sah sie nur den Kopf, der Rest waren Blätter und Moos. Sie sah nur den Kopf, bekam aber keine Angst, ungesehen lief sie zum Haus zurück.

Am Kellerfenster fand sie die Schüssel, in der Flora die Wäscheklammern aufbewahrte. Sie kippte die Klammern in der Ecke aus, füllte die Schüssel mit Wasser und lief zurück.

Das Tier trank. Ein Teil rann ins Moos, aber seine Kehle bewegte sich und schluckte, sie sah, dass das Tier durstig war, dass es lange nichts getrunken hatte.

War es ein Hund? Sie berührte den verfilzten Pelz. Da kräuselte sich die Schnauze, ein Fletschen gelber Zähne.

Das Tier trug kein Halsband.

Der Körper inmitten von Moos und Preiselbeerkraut war zart und rot.

»Du kannst nicht mit zu mir nach Hause«, sagte Justine. »Es wohnt eine Hexe in unserem Haus. Ich will nicht, dass ihr Blick dich trifft. Aber ich werde herkommen, ich werde dafür sorgen, dass du etwas zu essen und zu trinken bekommst, das verspreche ich dir.«

Es hatte ein kräftiges Genick, sie gab ihm einen Namen.

Sie sagte seinen Namen so laut sie sich traute, aber es bewegte seinen Körper nicht, und der Schwanz lag im Moos.

Am nächsten Tag nahm sie Fleisch mit. Ohne dass Flora etwas davon merkte, nahm sie ein Stück ihres Koteletts von ihrem Teller herunter und wickelte es in ein Taschentuch.

Das Tier lag da wie zuvor.

Sie konnte seine Augen nicht länger sehen.

Als sie den Fleischbissen an seine Schnauze hielt, fuhr die Zunge ein wenig heraus.

Aber es aß nicht.

Dann sah sie es nie wieder.

Papa kam am Abend zu ihr.

»Wollen wir dein Abendgebet sprechen?«

»MüdebinichgehzurRuh, schließebeideÄugleinzu,

VaterlassdieAugendein, übermeinemBettesein,

HabichUnrechtheutgetan, sieheslieberGottnichtan,

DeineGnadundJesuBlut, machenallenSchadengut,

allediemirsindverwandt, GottlassruhnindeinerHand.«

Er beugte sich zu ihr herab, küsste sie unter dem Ohr.

»Und an wen denken wir beide jetzt? Nur wir zwei?«

»An Mama«, flüsterte sie.

Sein Gesicht war lang und traurig.

»Ich muss dir leider noch sagen, dass ich morgen nicht da bin, wenn du wach wirst.«

Sie war mit einem Satz aus dem Bett.

»Doch!«, schrie sie.

»Justine ...«

Er flehte, was sie sehr wütend machte.

»Du sollst aber hier sein!«

»Ich muss in die Schweiz reisen.«

Er senkte die Stimme.

»Du weißt doch, in die Nähe von da, woher deine Mama kam.«

»Dann will ich mitkommen.«

»Mein liebes Kind, das geht leider nicht, das verstehst du doch. Ich reise geschäftlich dahin, und du musst in die Schule. Ich habe meine Arbeit, du hast deine Schule, wir alle haben unsere täglichen Pflichten.«

Sie schlug seine Hände, schlug seine dummen Beine.

Er legte sie ins Bett und ging nach draußen.

Am Morgen war er abgereist.

Sie dachte an das Tier. Das Tier könnte ihre tägliche Pflicht sein.

Aber Flora holte sie von der Schule ab. Damit hatte sie nicht gerechnet.

Flora trug ihr schwarzes Kleid und die Perlenkette. An ihrem Handgelenk baumelte eine Handtasche an einer Messingkette.

»Wir fahren nach Vällingby«, sagte sie. »Wir gehen in eine Konditorei.«

Sie begannen, den Hügel hinabzugehen.

»Guck doch mal etwas fröhlicher, Kindchen! Wenigstens einmal!«

Flora hielt sie an der Hand, trippelte mit kurzen Schritten, so wie Tanten trippeln, wenn sie schön sein wollen.

Flora war schön.

»Erzähl doch mal, was ihr heute in der Schule gemacht habt«, sagte sie.

»Ich weiß nicht.«

»Natürlich weißt du das.«

»Wir haben gelesen, glaube ich, und gerechnet.«

Ihre Hand fest um Justines Finger.

»Gelesen und gerechnet, glaube ich!«

Justine musste mal Pipi. Sie wollte ihre Hand zurückziehen, aber Flora würde es nicht gefallen, wenn sie das tat. Flora war jetzt ihre Mama, und sie war ihr Kind.

In Vällingby ging Flora in Geschäfte. Justine durfte ihre Tasche halten, während sie hinter verschiedenen Vorhängen verschwand.

Ein nackter Arm, der auftauchte.

»Fräulein, das hier ist viel zu groß. Wollen Sie bitte so freundlich sein und mir stattdessen eins in Größe 34 bringen.«

Das Stolzieren der Verkäuferinnen, wie sie ihr um den Bart gingen und Sachen herbeitrugen. Sie kam in neuen Kleidern heraus, schritt durch die Boutique und präsentierte sich.

»Und, Justine, was meinst du? Soll ich es nehmen? Glaubst du, es würde Papa gefallen, mich hierin zu sehen?«

Erst jetzt schien sie von ihnen wahrgenommen zu werden. Sie setzten ein freundliches Gesicht auf – ist sie nicht fein, deine Mama!

In der Konditorei durfte sie endlich Pipi machen.

Als sie zurückkam, hatte Flora bereits bestellt, Limonade und einen Bienenstich.

Sie selbst aß nichts, trank nur Kaffee aus einer sehr kleinen Tasse.

Auf den Tischen lagen karierte Tischdecken. Der Raum war sehr verraucht. Am Nebentisch saß ein Kind in Justines Alter zusammen mit einer älteren Frau, die gerade ihr Taschentuch mit Speichel befeuchtete und dem Kind den Mund abwischte.

»Oma!«, sagte das Mädchen, aber ohne sich zu wehren.

Sie biss in ein Teilchen, und als niemand hinguckte, streckte sie Justine die Zunge raus, die voller Teigklümpchen war.

Floras roter Nagel.

»Jetzt iss schon, Justine! Iss!«

An einem anderen Tisch, ein Mann mit einer Zeitung. Er schaute in ihre Richtung. Er lächelte Justine an und blinzelte ihr zu, sein Haar wie ein glänzend schwarzer Kuchen.

Als Flora eine Zigarette aus der Packung schüttelte, war er unverzüglich zur Stelle und hielt ein Feuerzeug bereit.

Sie beugte gnädig den Nacken.

»Iss, Justine!«, wiederholte sie. »Du musst aufessen, ich warne dich, lass bloß nichts übrig, ich kaufe doch keine Teilchen, nur damit du die Hälfte liegen lässt.«

»Kinder sind schon lustig«, sagte der Mann.

Flora stieß Rauch aus. Ihre Lippen hinterließen rote Spuren auf der Zigarette.

»Manchmal sind sie gar nicht lustig!«, sagte sie.

Justine aß in kleinen, kleinen Bissen. Die obere Schicht hatte sie zuerst gegessen. Der Rest lag auf dem Teller wie ein fettiger und sahniger Brei.

Sie dachte an das Tier. Sie würde heute nicht zu ihm gehen können.

Der Mann hatte inzwischen seinen Stuhl ein wenig in Richtung ihres Tisches gezogen. Das Mädchen und seine Oma waren gegangen.

»Kannst du singen?«, fragte der Mann und lächelte Justine wieder an. Seine Lippen waren trocken und schmal. Sein Schlips saß mit Hilfe eines dunkelgrünen Steins, dessen Farbe sich veränderte, sobald der Mann sich bewegte.

Sie starrte ihren Löffel an. Der ganze Stiel war klebrig.

»Alle Mädchen können singen«, fuhr der Mann fort.

Flora begann zu kichern, sie klang wie ein Kind, babykleine, weiße Zähne.

»Wenn du singst, bekommst du eine Krone«, sagte der Mann und legte seine Hand auf den Tisch, kurze schwarze Haare, die Nägel breit und flach. Er trommelte einen Moment lang mit den Fingerspitzen.

»Kleine!«

Floras Eisenklammer um ihren Kiefer, ihre Haut, die zusammengepresst wurde.

»Jetzt zeig dem Onkel doch mal, dass du wirklich singen kannst!«

Sie wand sich aus ihrem Griff.

»Wie heißt sie?«

»Justine.«

»Komischer Name.«

»Französisch.«

»Dann versteht sie vielleicht gar nicht, was wir ihr sagen?«

»Sie hat die Fähigkeit, einfach abzuschalten. Aber sie versteht natürlich alles. Und wenn sie nicht augenblicklich aufisst, dann weiß sie, was sie erwartet, wenn wir nach Hause kommen.«

»Und was erwartet sie dann, junge Frau?«

»Sie bekommt eine Tracht Prügel.«

»Von Ihnen?«

»Von mir, ja!«

»Dann sind Sie also eine ganz Strenge, junge Frau?«

»Das bin ich, ja!«

»Sind Sie vielleicht auch von da?«

»Wie bitte?«

»Sind Sie selbst auch Französin?«

Flora kicherte wieder. Sie sagte einen Namen, es klang wie Bertil. Inzwischen hatte der Mann seinen Stuhl zwischen Floras und Justines geklemmt. Er saß jetzt so nah, dass Justine sein Rasierwasser riechen konnte. Es war stark, stärker als Parfüm, ihre Nase begann zu jucken und zu laufen.

»Schüstinn«, sagte er.

Sie wagte nicht, ihn anzusehen, schaute stattdessen auf ihren Teller hinab, das geflochtene Blattmuster, den Teig.

»Isst du jetzt bald mal!«

Floras Porzellanaugen, ihre Wimpern waren lang und in mehreren Schichten geschminkt. Jeden Morgen stand Flora im Badezimmer und bestrich sie mit Hilfe einer kurzen und kräftigen Bürste mit Farbe.

»Ich ... kann nicht mehr!«

Die Worte kamen in Form eines Schreis, das hatte sie nicht gewollt, sie hatte flüstern wollen, aber der Schrei hatte sich einen Weg in ihr gebahnt und war aus ihr herausgeplatzt. Tränen brannten auf ihrer Hand, ihr Mund verharrte noch im Schrei, der in lauthalses Weinen überging.

Flora schlug sie. Mitten in der Konditorei gab Flora ihr eine Ohrfeige. Das Weinen hörte auf, wurde schlagartig abgeschnitten.

»Justine neigt zur Hysterie«, sagte Flora, und ihre Lippen waren rot und hatten auch auf der Kaffeetasse ihre Spuren hinterlassen.

»Ihre französischen Nerven?«, sagte der Mann, einen Akzent nachahmend.

Floras kurzes, neuerliches Lachen, dumpf und gurrend.

Auf dem Heimweg nahmen sie ein Taxi, der Rücksitz war voller Tüten. Der Taxifahrer machte Scherze über die Tüten, haben Sie vorgehabt, ganz Vällingby leer zu kaufen, meine Dame? Flora ging auf seine Scherze ein. Der Duft des Manns war ihnen bis in das Auto hinein gefolgt.

Daheim packte sie alle Kleider aus und hängte sie im Schlafzimmer auf Bügel. Es waren zwei Kleider, eine Bluse und ein Rock. Ihre Bewegungen waren ruckartig. Sie zerrte eins der Kleider wieder herunter und warf es auf das Bett.

»Warum habe ich das bloß gekauft! In diesem Licht sieht man doch, dass es überhaupt nicht zu meinem Teint passt. Jetzt kann ich mich überhaupt nicht mehr darüber freuen. Das ist deine Schuld, Justine, wegen dir habe ich jetzt schlechte Laune. Du bist verzogen und verwöhnt.«

Und sie packte Justine an den Handgelenken und wirbelte sie herum, immer wieder herum, in einem immer rasenderen Tempo. Vollkommen gestreckt war ihr Körper, das Hirn fuhr ihr in die Füße, die Übelkeit war wie eine Welle. Ihre Beine schlugen hart gegen das Kopfende des Betts, Flora verlor die Balance und fiel hin. Justine lag an der Wand, die Knie ganz dicht an der Wandleiste.

Flora brachte sie in den Keller. Sie ließ Wasser in den Waschzuber ein, Justine saß auf der Bank, in Unterhose und Unterhemd.

»Weißt du, wie man die Wäsche sauber bekommt? Hast du mich beim Waschen gesehen? Hast du gesehen, dass ich die Wäsche koche, damit sie richtig sauber wird. Aber erst lasse ich sie einweichen.«

Und ihre kalten Fingerspitzen hoben Justine über den Rand. Sie saß jetzt im Waschzuber, das Wasser bis zum Bauch. Sie schlang die Arme um ihre Beine, drückte sie gegen den Nabel.

Flora war gegangen. Sie war die Kellertreppe hochgestöckelt und Justine hatte gehört, wie sie den Schlüssel zweimal umdrehte. Als Justine vorsichtig ihre Stellung änderte, platschte das Wasser gegen die verbeulten Seiten des Waschzubers.

Das Wasser war jetzt kalt. Aber wenn Flora nun zurückkam und Feuer machte? Welche Temperatur konnte sie aushalten? Würde sie wie die Hechte werden, die mit weißen Augen auf der Servierplatte lagen? Würde ihr Fleisch die gleiche Farbe annehmen und so lose werden, dass man es vom Skelett abheben konnte?

Pulsuz fraqment bitdi.

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