Kitabı oxu: «Tausche Einsamkeit gegen Zweisamkeit»

Şrift:

Ingrid Schmahl

TAUSCHE EINSAMKEIT GEGEN ZWEISAMKEIT

Engelsdorfer Verlag

Leipzig

2014

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografische Daten sind im Internet

über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Copyright (2014) Engelsdorfer Verlag Leipzig

Alle Rechte beim Autor

Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)

www.engelsdorfer-verlag.de

INHALT

Cover

Titel

Impressum

Prolog

Bitte an Amor

Gerda wird aktiv

Blick zurück

Scheidung – und dann?

Neue Perspektiven

Außer Spesen nichts gewesen

Ist er es?

Ist Alexander der Richtige?

Marias Hoffnung

Sex mit Alexander?

Pech gehabt!

Gerda wieder alleine

Cowgirl gesucht

Erstes Treffen mit Herbert

Freundinnen

Wie geht es weiter?

Karl taucht auf

Jessy

Wandervögel

Karls Katastrophen

Anonyme Alkoholiker

Der Entzug

Familiäre Sorgen

Eine Zukunft mit Karl?

Ende gut – alles gut

PROLOG

Sie saßen in gemütlicher Runde beieinander: Sieben junge und ältere Frauen. Jeden Monat trafen sie sich im Café Wagner bei Kaffee und Kuchen, um sich über verschiedene Themen auszutauschen.

Heute war ihr Thema: Unterschiede zwischen Mann und Frau. Können Männer im Alter alleine leben? Können Frauen es?

Dass Frauen es oft können, weil sie es einfach müssen, war allen klar. Aber wie ist es bei Männern? Wenn sie jung sind, haben sie ihre Clique, in der sie gut aufgehoben sind. Aber wie ist es, wenn sie älter werden? Da gebraucht Mann schon alleine aus praktischen Gründen eine Frau. Eine, die ihn umsorgt, seine Zipperlein behandelt und mit der er eventuell angeben kann. Zum Angeben muss es eine junge Frau sein, die er aber nur bekommt, wenn er die finanziellen Mittel besitzt. Ansonsten ist ein älterer, alleinstehender Mann ein armer Wicht. Er lässt sich gehen, wie Gisela in der Frauenrunde berichtete. Sie ist verheiratet und kümmert sich um ihren Schwiegervater, der mit in ihrem Haus wohnt. Ohne ihre Hilfe sähe sein Zimmer oft schlimm aus. Für Ordnung hatte früher seine Frau gesorgt. Dafür ist jetzt seine Schwiegertochter zuständig.

So weit zum Thema Mann.

Von einer Bekannten namens Gerda berichtete Ursula. Gerda war zwar eine starke, selbständige Frau mit einem guten Beruf als Flugbegleiterin, jedoch ohne einen Partner an ihrer Seite fühlte sie sich sehr alleine. Sie suchte nach ihrer Scheidung einen neuen Mann, was aber zu mehreren Katastrophen führte. Sie brauchte einige Anläufe, bis es am Ende doch noch klappte und sie jetzt in einer harmonischen Partnerschaft lebt. Aber sie musste auch bei dieser letzten Partnerschaft einige Schwierigkeiten überwinden. Gerda machte viele Fehler, die sie fast am Leben verzweifeln ließen.

Die Runde der sieben Frauen diskutierten noch lange miteinander, wobei sie von Kaffee und Kuchen auf einen guten Rosé übergingen. Die Fehler, die Gerda gemacht hatte, wurden, nachdem Ursulas Bericht über Gerdas ganze Problematik auf den Tisch kam, lange besprochen. Alle hatten Verständnis für Gerdas Suche nach einem Mann, die jedoch nach ihrer einhelligen Meinung nicht so bald hintereinander hätte erfolgen sollen.

Zum Schluss waren alle der Meinung, dass ein älterer Mann schlecht alleine leben kann. Einer Frau aber trauen alle zu, alleine nach dem Verlust des Partners durch Tod oder Scheidung gut zurecht zu kommen. Bei der älteren Frau ist oft der Punkt die finanzielle Seite. Meist konnte in einer Ehe durch Kindererziehung oder ungenügende Ausbildung keine ausreichende Rente erworben werden, so dass die Frau im Alter oft in ärmlichen Verhältnissen lebt und daher eine neue Partnerschaft anstrebt, die ihre finanzielle Lage verbessern soll.

Ursula meldete sich wieder zu Wort:

„Ich habe über die ganze Geschichte von Gerda, die richtungweisend auch noch Umweg hieß, ein Buch geschrieben. Es ist gerade vom Verlag gedruckt worden und ich darf euch je ein Exemplar als Geschenk überreichen. Lest Euch die Geschichte durch, damit wir bei unserem nächsten Zusammenkommen weiter darüber sprechen können.“

Hier also Gerda Umwegs Geschichte und ihre Suche nach Liebe und Partnerschaft.

1. Kapitel
BITTE AN AMOR

Gerda Umweg war gerade 58 Jahre alt geworden. Sie war von Kopf bis Fuß eine gutaussehende Frau mit einem bezaubernden Lächeln, wenn sie nicht gerade an ihr neues Singledasein dachte. Nach fünfundzwanzig nicht sehr glücklichen Ehejahren war sie seit der vorigen Woche frisch geschieden. Diese machte ihr das Leben ziemlich schwer. Gerda hatte mit Kurt zwei Kinder, die sich trotz der schwierigen Situation im Hause Umweg sehr gut entwickelten. Gerda musste sich eingestehen, dass das Ende ihrer Ehe mit Kurt vorauszusehen war. Kurts Frauengeschichten waren einfach nicht mehr zu tolerieren. Zu allem Unglück wurde sie auch gerade als Flugbegleiterin der Worldtours in den Vorruhestand geschickt. Sie sei für die ständigen Flüge rund um den Globus nicht mehr fit genug, sagte ihr Chef, Herr Gutedel. Er hatte ihr in einem Gespräch angeboten, weiter beim Bodenpersonal zu arbeiten. Aber davon wollte Gerda nichts wissen. Die Arbeit am Stuttgarter Worldtours-Schalter war in ihren Augen eine Degradierung, die sie nicht hinzunehmen bereit war. Wenn Gerda in ihrer schicken Uniform und dem kessen Käppi auf den blonden, kurzen Locken zusammen mit dem Flugkapitän und den Kolleginnen nach einem Flug aus Hongkong oder einem anderen Punkt auf der Weltkugel durch den Stuttgarter Flughafen schritt, sahen ihr viele Männer bewundernd nach. Bei der Arbeit am Flughafenschalter würde sie nicht einmal von ihrer Arbeit aufsehen können. Da drängelten nervöse, gestresste Männer und wollten möglichst schnell abgefertigt werden. Ehefrauen und quengelige Kinder warteten ungeduldig darauf, dass es nun bald losginge.

Weil Gerda also nicht auf das Angebot ihres Chefs einging, war sie jetzt ohne Arbeit. Sie langweilte sich sehr und wusste nichts mit sich anzufangen. Sie wohnte in Krähenwinkel, einem kleinen Ort in der Nähe von Stuttgart. Wenn man Krähenwinkel auf der Landkarte suchen würde, wäre es schwer, diesen Ort zu finden.

Als sie in Stuttgart bei der Worldtours arbeitete, konnte sie nach Feierabend noch durch die Stadt schlendern oder mit den Kolleginnen in einem guten Restaurant etwas essen. In Krähenwinkel gab es kein schickes Restaurant, sondern nur Emilios Pizzeria. Weil sie an diesem Tag vor lauter Frust noch nichts gegessen hatte, entschloss sie sich, am Abend eine Pizza bei Emilio zu essen. Als sie dann jedoch in der Pizzeria stand, entschied sie sich, die Pizza mit nach Hause zu nehmen. Es war ihr einfach zu laut und nach ihren Maßstäben nicht sauber genug in dem Lokal. Also machte sich Gerda an diesem verregneten Abend mit ihrer verführerisch duftenden Pizza quadro statione von Emilio auf den Weg nach Hause. Sie wollte dort zur Beruhigung ihrer Nerven diese Pizza essen und ein Glas Rosèwein, Marke Durbacher Premium trinken.

Plötzlich schrie sie erschrocken auf, weil eine kleine, pechschwarze Katze aus der Dunkelheit auftauchte und dicht vor ihr stehen blieb.

„Ksch – mach, dass du wegkommst“, versuchte Gerda, sie zu verscheuchen.

Die Katze machte ein Gesicht, als ob sie die Frau auslache. Dann stolzierte sie langsam über die zum Glück unbelebte Straße weiter und verschwand im Gebüsch.

„Was ist nur los mit mir? Warum bin ich so schreckhaft geworden?“

Ihre Nerven waren wirklich schlecht. In der vergangenen Nacht hatte sie von ihrem Ex-Ehemann Kurt geträumt und war am Morgen total verstört und mit einem Gefühl der Verlassenheit aufgewacht. Den ganzen Tag hatte sie über ihren Traum nachgedacht.

So saß Gerda Umweg also jetzt am Abend einsam und traurig mit ihrer Pizza und dem Glas Durbacher Rosè in ihrem Lieblingssessel vor dem Fernsehgerät und schaute sich den Liebesfilm „Rote Rosen für die Liebe“ an. Eigentlich sollte sie lieber einen Krimi ansehen; so einen, in dem harte Männer sich gegenseitig umbringen und der Schluss ganz anders ist, als man es gedacht hat. Ein Liebesfilm machte sie einfach zu traurig. Wenn sich die Pärchen küssen und voller Begehren auf die breite Couch sinken, wurde sie neidisch und ihr neues Single-Leben kam ihr vor, als wäre sie von aller Welt abgeschrieben worden.

Neben ihr auf dem Couchtisch stand griffbereit die Flasche mit dem guten Wein, der sie aber auch nicht tröstete. Sie merkte nach dem dritten Glas, dass sie lieber etwas weniger trinken sollte.

Beim Aufstehen aus ihrem Sessel schwankte sie leicht. Der Wein hatte immerhin 12,5 Prozent Alkohol. Aber er verhalf ihr zu der nötigen Bettschwere.

Jetzt schlug die große, alte Standuhr, die sie von ihrer Großmutter geerbt hatte, mit dumpfen Schlägen elf Uhr. Das Glas war leer, und in der Flasche war nur noch ein kleiner Rest. Die Käsewürfel hatte Gerda auch längst aufgegessen und der tränenrührige Film im Fernsehen war beendet. Wie es nun einmal im Film so ist, haben sich die beiden Liebenden nach vielen Wirren gefunden. Sie sind glücklich und verliebt. Warum gab es das nur immer im Film und nicht auch einmal für sie?

Mit diesen trüben Gedanken, die sich auch durch den genossenen Wein nicht vertreiben ließen, ging Gerda mit leichter Schlagseite ins Badezimmer. Sie sah ihr vom Alkohol gerötetes Gesicht und streckte sich selbst die Zunge heraus. Wie konnte man sich nur so gehen lassen! Sie nahm den neuen, hellroten Lippenstift, den sie gerade erst für teures Geld gekauft hatte, drehte ihn bis hinten hin auf, drückte fest und schrieb mit unsicherer Hand auf den Spiegel über dem Waschtisch:

„MANN GESUCHT!“

Nach dieser Misshandlung war der teure Lippenstift dann auch prompt abgebrochen. Verflixt und zugenäht! Wie und wo fand sie nur einen netten Partner nach der Scheidung von Kurt? Einen, der nur sie liebte und ihre Interessen teilte? Wo fand sie ihn nur?

Nach einer Katzenwäsche ging sie mit unsicherem Schritt in ihr riesiges, sehr teuer aus Peddigrohr handgearbeitetes Doppelbett, das sie eigentlich schon längst entsorgen wollte. Die leere Hälfte neben ihr schien sie höhnisch anzugrinsen, als wollte sie sagen: „Selbst schuld!“

Aber weil Gerda die Hoffnung auf Zweisamkeit noch nicht aufgegeben hatte, ließ sie das Doppelbett in ihrem Schlafzimmer stehen. Man konnte ja nicht wissen!

Anscheinend war Amor blind und schwerhörig. Gerdas Flehen bemerkte er überhaupt nicht.

„Warum haben immer nur die anderen Glück? Mich vergisst Amor völlig.“

Das waren Gerdas Gedanken, die sie schon am vergangenen Abend hatte, und die auch am Morgen wieder in ihrem Kopf Karussell fuhren und sie mit einem riesigen Kater aufwachen ließen. Kopfschüttelnd las sie im Bad, was sie da mit ihrem guten Lippenstift auf den Spiegel geschrieben hatte.

„Oh je, ich muss doch entschieden zu viel getrunken haben“, dachte sie. „Aber wenn das hilft, mein seelisches Gleichgewicht zu finden, dann war es genau richtig.“

Sie setzte sich, noch ziemlich schläfrig, in der Küche an den Tisch. Einzig eine Tasse Kaffee konnte sie jetzt retten. Auf der Tischplatte lag immer noch das Gedicht, das sie am Abend vorher so richtig aus der Fassung gebracht hatte. Sie hatte es nach mehrmaligem Lesen aus der Tageszeitung ausgeschnitten und mit Tesafilm auf die Tischplatte geklebt.

Wieder und wieder las sie dieses Gedicht, das ihrem Kummer die richtigen Worte verlieh:

Blütenduft und Sonnenschein,

Liebesfreud soweit man sieht.

Nur ich sitze hier allein,

grau und trist ist mein Gemüt.

Könnt ich nicht auch eng umschlungen

sitzen hier mit einem jungen

oder ält’ren Kavalier?

Ja, ich könnte darum wetten,

meine Trübsal wär dahin.

Voll Musik wär dann mein Sinn.

Ach erhör mich, Gott der Liebe.

Noch sind nicht verdorrt die Triebe

und die Lust auf Zärtlichkeit.

Willst du meiner dich erbarmen,

sende heut noch dieser Armen

Liebeslust und Liebesfreud.

Da kommt schon ein Kavalier,

und er setzt sich auch zu mir.

Herzen fliegen hin und her.

Lieber Amor, ist das

E R?

So stand es also an diesem Vormittag um Gerda Umweg. Sie stützte den schmerzenden Kopf in die Hände und sah nicht einmal beim Frühstück aus dem Küchenfenster, wo die Sonne lachte und die Blüten des riesigen Kirschbaums in voller Pracht aufgeblüht waren. Die Bienen umschwärmten summend die Blüten und auch die Vögel zwitscherten ihr Morgenlied. Aber Gerda sah und hörte nichts. Sie grübelte nur vor sich hin und sah überall Probleme, wo überhaupt keine waren, wenn man davon absah, dass ihr ein Mann zu ihrem Glück fehlte.

„MANN GESUCHT!“

Kopfschüttelnd betrachtete sie wieder bei ihrem nächsten Aufenthalt im Bad die traurige Mitteilung, die sie dem Wein vom Abend zuschrieb. Schnell nahm sie einen feuchten Lappen, um diese Aussage wegzuwischen. Der Wein war auf jeden Fall nicht das richtige Mittel, um Probleme zu lösen. Aber sie gab die Hoffnung auf eine glückliche Zukunft noch nicht auf. Vielleicht musste sie ja nicht bis zu ihrem Lebensende alleine leben. Sie war doch noch nicht zu alt für eine Partnerschaft. Außerdem war sie trotz ihrer zwei erwachsenen, schon recht selbständigen Kinder ziemlich attraktiv. Es konnte einfach nicht sein, dass es nach ihrer Scheidung von Kurt keine Liebe mehr für sie gab. Anstatt sich zu verkriechen, sollte sie vielleicht einmal selbst aktiv werden. Aber wie? Alleine in die Diskothek zu gehen, war nicht so recht nach ihrem Geschmack. Vielleicht in einen Verein mit anderen Singles eintreten, in dem viel gejammert wurde? Auch nicht gut. Aber was dann?

Fragen über Fragen gingen in ihrem Kopf herum.

2. Kapitel
GERDA WIRD AKTIV

Gerda stand endlich auf und holte sich nach der dritten Tasse Kaffee, mit der sie grübelnd immer noch am Küchentisch gesessen hatte, aus dem Briefkasten im Hausflur die dicke Samstagszeitung und blätterte lustlos am Frühstückstisch darin herum. Da fielen ihr nach den Seiten für Kultur, Wirtschaft und Lokales auf Seite vier die Partnerschafts-Anzeigen auf. Das Angebot an partnersuchenden Männern und Frauen war ja wirklich riesig.

„Eigentlich müsste bei diesen Angeboten doch auch ein Mann für sie dabei sein.“ Sie las konzentriert die männlichen Angebote durch. Mit welchen großen Worten hier die Vorzüge desjenigen angepriesen wurden, der inseriert hatte! Es war nicht zu glauben:

„Junger Mann, 68 Jahre jung, mit Haus, Segeljacht und flottem Cabrio sucht die junge, knackige Sie zum liebevollen Miteinander.“

Aber auch in der Spalte, in der Frauen einen Mann suchten, waren die weiblichen Vorzüge sehr genau und wahrscheinlich auch etwas übertrieben angepriesen.

„Ob ich vielleicht einmal auf die Anzeige eines netten Mannes schreibe?“ So dachte Gerda nachdenklich. „Welcher der männlichen Inserenten klingt denn so seriös, dass es sich lohnt, darauf zu antworten? Habe ich das überhaupt nötig? Vielleicht läuft mir ja auch ohne so eine Anzeige einmal ein netter Mann über den Weg. Aber leider sind die netten Männer in meinem Alter meistens verheiratet oder suchen eine junge und attraktive Frau ohne Anhang. Und man hört immer wieder, dass verheiratete Männer eine Frau für eine Nacht suchen, um dann reumütig wieder zu ihrer Ehefrau zurückzukehren. Das ist aus solchen Anzeigen nicht zu erkennen. Ich muss mir die Sache gut überlegen. Es ist doch ziemlich riskant.“

Sie legte mit einem kleinen Seufzer die Zeitung zur Seite. Sollte sie so ein Risiko eingehen, nur um nicht mehr alleine leben zu müssen?

Jetzt hatte Gerda also sehr viel freie Zeit und konnte sich nicht mit ihrer Arbeit bei der Worldtours und den ständigen Flügen in alle Welt ablenken. Sie saß so wie heute Morgen auch schon an anderen Tagen morgens im Bademantel und ohne Make up gelangweilt in ihrer stets aufgeräumten und blitzsauberen Wohnung vor dem Fernsehgerät, aß und trank so ganz nebenbei mehr, als ihr gut tat, und war rundherum unglücklich. Von ihren Kindern Simon und Jessy hörte sie kaum etwas. Beide hatten wenig Zeit für ihre Mutter. Es ging ihr eben so, wie es allen Müttern geht. Wenn die Kinder flügge sind und sich ihr eigenes Leben aufbauen, steht die Mutter nur noch an einer hinteren Stelle. Da geht die Ausbildung, der Beruf und die Partnerschaft vor. Aber das muss so sein. Gerda gönnte Simon und Jessy auch durchaus diese Selbständigkeit. Aber ein Telefonat ab und zu mit der Frage: „Wie geht es dir?“, wäre schön.

So dauerte es nicht sehr lange und Gerda nahm vor lauter Frust schnell an Gewicht zu. Sie war innerhalb kurzer Zeit rundlicher geworden, und das natürlich an den ungünstigsten Stellen.

„Das ist Kummerspeck, den ich mir in dieser schwierigen Zeit angefuttert habe“, gestand sie sich selbst ein. Die elegante, dunkelblaue Uniform mit den goldenen Ärmelstreifen in Größe 38, die sie immer noch besaß, passte einfach nicht mehr.

Gerdas Ehe mit Kurt war nach all den Jahren bis zu der Scheidung nicht mehr so glücklich, wie sie es war, als sie sich kennenlernten. Damals waren beide himmelhoch jauchzend verliebt und hielten sich für das ideale Paar. Heute war Gerda eigentlich ganz froh, als sie endlich geschieden war. Nach der Scheidung wurde ihr jedoch schnell klar, dass sie nicht bis an ihr Lebensende als Single leben wollte. Wenn auch die Ehe mit Kurt manchmal sehr schwierig war, hatte sie ihn doch ab und zu als Ansprechpartner bei Problemen gehabt. Und auch im Bett war Kurt nicht zu verachten. Bis sie endlich einen neuen Mann für den Rest des Lebens fände, wären wirklich, wie ihr Name schon sagte, noch viele Umwege nötig.

Gerda und Kurt waren lange Jahre eine nach außen hin glückliche Familie mit zwei tollen Kindern gewesen. Simon, inzwischen 24 Jahre alt, groß wie der Vater, schlank und sportlich, war ein junger Mann, den viele Mädchen gerne für sich gewonnen hätten. Er lachte viel und war bei jeder Fete der Hahn im Korb. Er sah aus, als wenn das Leben nur aus Spaß bestünde; dabei studierte er ganz ernsthaft und intensiv BWL., also Betriebswirtschaftslehre. Dann war da noch Jessy, mit gerade 18 Jahren das Nesthäkchen der Familie und von allen, vor allem von ihrem Vater, geliebt. Ihr gutes Aussehen hatte sie wohl von der Mama geerbt. Wie diese war sie groß und blond, hatte wunderschöne, blaue Augen, die sie sehr wohl bei Wünschen an ihren Papa einsetzen konnte. Leider ging das jetzt nicht mehr so leicht, weil sie noch in Krähenwinkel bei der Mutter lebte und ihr Vater nach der Scheidung ausgezogen war. Jessy war ernster als ihr Bruder, aber wie dieser hatte sie genaue Vorstellungen von ihrer Zukunft. Sie war bei der Scheidung ihrer Eltern mitten im Abiturstress. Die Probleme der Eltern hatte sie jedoch gut verkraftet. Sie wusste ja, dass sie auch nach der Scheidung immer noch Papas Liebling sein würde. Er wohnte zwar jetzt mit seiner neuen Freundin in Stuttgart, aber das war für Jessy keine Entfernung. Sie durfte, das hatte ihr der Vater versichert, bei Problemen oder Wünschen immer ihren Vater besuchen und mit ihm sprechen. Gerne würde sie nach dem Abitur wie ihre Mutter Flugbegleiterin werden. Jessy stellte es sich herrlich vor, so in aller Welt herumzureisen.

Kurt, Gerdas Ex-Ehemann war ein Mann gewesen, der so lange lieb und nett war, wie man keine Forderungen an ihn stellte. Das Geld, das er als Versicherungsagent einer großen deutschen Versicherung leicht verdiente, gab er ebenso leicht wieder aus. Die Familie sah von diesem Geld meist nicht sehr viel. Auch von den Bonuszahlungen, die er für neue Versicherungskunden bekam, sah seine Familie nichts. Kurt war charmant und redegewandt und wusste diese Begabung als Versicherungsagent vor allem bei den Damen gewinnbringend einzusetzen. Was Gerda schon lange geahnt hatte, war die Tatsache, dass Kurt neben seiner Stellung als Familienvater andere, meist junge Frauen mit seiner Gunst beglückte. Deshalb war von seinem verdienten Geld für die Familie kaum etwas übrig, zumal im Laufe der Zeit für ihn die Familie nur noch Last, nicht Lust war. Die verschiedenen Freundinnen waren meist sehr anspruchsvoll. Hier ein teurer Ring, dort ein exklusiver Pelz. Kurt zeigte sich sehr spendabel und verwöhnte seine jeweiligen Gespielinnen gerne. Seine neueste Flamme, mit der er jetzt bereits in Stuttgart zusammen wohnte, hieß Angelika. Sie war eine Frau wie aus der Illustrierten; sehr groß, superschlank mit langen, schwarzen Haaren, gekleidet nach der neuesten Mode. Sie arbeitete als Model und ging oft und gerne mit Kurt in den exklusivsten Boutiquen Stuttgarts shoppen. Das hieß, sie kaufte und Kurt zahlte. So auch heute wieder:

„Sieh nur mal diese schicke graue Chinchilla-Pelzjacke. Die würde mir bestimmt gut stehen.“ Dazu der gekonnte Augenaufschlag. Und Kurt kaufte und kaufte.

Bei einer dieser Einkaufstouren traf er auf seine Tochter Jessy, die gerade ihr letztes Taschengeld ausgeben wollte. Jessy versuchte, die Gunst der Stunde auszunutzen. Sie hielt ihren Vater vor der teuren Boutique in der Königsstraße an.

„Hallo Kleine, hast du Sorgen?“ Kurt kannte seine Tochter sehr gut.

„Ach Papa, gut dass ich dich treffe. Ich möchte so gerne an diesem Wochenende mit meinen Freundinnen in die Disco. Leider habe ich überhaupt nichts mehr anzuziehen. Kannst du mir nicht die tolle Bluse aus der Boutique hier kaufen? Sie kostet auch nur 120 Euro. Ist doch echt billig!“ Aber nein, Papa schüttelte nur den Kopf: „Tut mir leid, habe selbst nichts. Die Tüten, die ich für Angelika, äh – für meine Kundin trage, sind deren Einkäufe. Ich bin nur der Tütenträger. Ha ha. Frag Mama mal. Die hat doch das große Geld.“

Es war Jessy schon klar, dass diese Angelika Vaters Freundin sein musste, die den spendablen Mann jetzt nach seiner Scheidung ganz für sich haben wollte, nachdem sie sich bereits häuslich bei ihm eingenistet hatte.

Angelika, die das Gespräch zwischen Vater und Tochter staunend mit anhörte, war leicht irritiert: „Ist das deine Tochter? Du hast mir erzählt, du hättest keine Familie, für die du sorgen musst. Wenn du so eine süße Tochter hast, hättest du ihr die Bluse auch kaufen sollen. Mir hast du ja auch gerade die teure Jacke geschenkt.“

Kurt hatte nun keine andere Wahl, und an Jessy gewandt:

„Gut, überredet. Du bekommst die Bluse. Du sollst dich doch nicht über deinen Vater beklagen, auch wenn er jetzt nicht mehr bei euch wohnt. Du warst immer mein Liebling und bist es auch heute noch.“

Kurt sah kurz zu Angelika hin, die aber nun so tat, als hätte sie diese liebevollen Worte zwischen Vater und Tochter nicht gehört. Sie überlegte sich jedoch, dass es vielleicht nicht so ideal wäre, einen Mann wie Kurt, dessen Ex-Familie finanziell noch sehr an ihm hing, an sich zu binden. Gut, dass Kurt nichts von diesen Gedanken ahnte.

Inzwischen wurde in den ganzen Jahren, bis es einfach nicht mehr weiterginge, in der Familie Umweg viel gestritten. Meist ging es um Geld. Und um Geld ging es auch noch nach der Scheidung. Das war auch Kurts Freundin Angelika klar.

3. Kapitel
BLICK ZURÜCK

Wie hatte es denn eigentlich mit Kurt und Gerda angefangen? Sie waren doch so verliebt, als sie sich im Flieger nach Marokko kennenlernten. Gerda arbeitete als Flugbegleiterin. In ihrer schicken Uniform sah sie umwerfend aus, und Kurt konnte die Augen nicht von ihr abwenden. Alle Augenblicke bat er sie um etwas, damit sie sich ihm widmen musste:

„Kann ich wohl noch einen Drink bekommen?“ Dann wieder:

„Ich komme mit meinem Sitz nicht zurecht. Helfen Sie mir?“ Das tat sie natürlich gerne, weil ihr Kurt auch sehr gefiel. Dieser gut aussehende, braungebrannte junge Mann in dem teuer aussehenden hellblauen Armani-Hemd und der weichen, braunen Lederjacke darüber hatte ein so umwerfendes Lächeln, dass Gerda ganz schwach wurde. Sie wusste genau, dass es ihr verboten war, mit den Passagieren zu flirten, aber in diesem Fall dachte sie an keine Verbote und schaute Kurt sehr verliebt an.

„Sehen wir uns in Marokko?“, flüsterte Kurt ihr leise zu. Aber Gerda hatte keinen Aufenthalt in Marokko, sondern musste gleich mit dem nächsten Flieger wieder zurück nach Deutschland. Gerda flüsterte ebenfalls sehr leise und unauffällig: „Schade, das geht leider nicht. Aber wir könnten telefonieren, wenn Sie wieder aus den Ferien zurück sind.“

Mit diesen Worten drückte sie Kurt einen Zettel mit ihrer Telefon-Nummer in die Hand. Das alles musste sehr diskret vor sich gehen. Flugbegleiterinnen war der private Umgang mit den Passagieren verboten.

Kurt nahm den Zettel lächelnd an sich. Er wusste ganz genau, dass er bei Frauen durch sein elegantes Auftreten schnelle Erfolge erzielen konnte. Dass er mit der Flugbegleiterin Gerda einen heißen Flirt während des Fluges hatte, hielt ihn nicht davon ab, sich in Agadir, seinem Feriendomizil, nach einer Urlaubsbegleitung umzusehen. Gleich am ersten Abend saß er in seinem Hotel Colombe an der Bar und neben ihm saß eine aufregende junge Frau, die scheinbar auch alleine hier ihre Ferien verlebte. Sie hatte langes, blauschwarzes Haar, das sie schwungvoll nach hinten warf, wenn sie lachte. Alles, was sie an Kleidung und Schmuck trug, sah sehr teuer aus. Die leicht durchsichtige, rote Bluse ließ ihre gute Figur ahnen. Der kurze schwarze Rock saß sehr eng und versteckte kaum die langen, gutgeformten Beine. Sie blitzte Kurt mit ihren schwarzen, aufregenden Augen an und schien einem Flirt nicht abgeneigt zu sein.

„Sprechen Sie Deutsch, schöne Frau?“

„Aber sicher. Ich bin doch mit dem gleichen Flugzeug wie Sie aus Stuttgart gekommen. Aber Sie hatten ja während des ganzen Fluges nur Augen für die blonde Flugbegleiterin. Dabei hätte ich Sie sehr gerne kennengelernt.“

„Na ja, das lässt sich ja jetzt nachholen“, lachte Kurt.

„Ich heiße Kurt Umweg.“ Dabei machte er eine kleine Verneigung.

„Oho, der perfekte Gentleman“, lachte nun auch seine neue Bekanntschaft.

„Ich heiße Marie-Lou. Der Nachname spielt hier in den Ferien keine Rolle. Du kannst ruhig Marie-Lou und Du sagen.“

„Darauf müssen wir aber ein Glas Sekt trinken.“

„Sekt? Bin ich dir nicht wenigstens Champagner wert?“

Kurt steckte die kleine Rüge lächelnd ein und bestellte bei dem Barmann zwei Gläser vom besten Champagner. „So recht?“, fragte er Marie-Lou.

„Entschuldige, ich wollte dich nicht kränken, aber den billigen Sekt vertrage ich nicht.“

Bei dem ersten Glas blieb es natürlich nicht. Kurt und Marie-Lou kamen sich mit ihren Barhockern so nahe, wie die Hocker es nur zuließen.

„Eigentlich wäre doch auch ein Kuss üblich, wenn man zum Du übergeht. Kennst du das nicht?“, fragte Kurt lockend.

Marie-Lou kannte diesen Brauch natürlich auch und so neigte sie sich zu Kurt und es erfolgte ein sehr intensiver Kuss. Mit diesem Kuss an der Bar waren Kurt und Marie-Lou für die übrigen Hotelgäste als Pärchen zusammen, das stand fest. Die beiden hatten Gefallen aneinander und hofften, noch viele Stunden gemeinsam zu genießen.

„So, ich werde jetzt mal langsam ins Bett gehen“, verkündete nach einigen Gläsern Champagner Marie-Lou.

„Bezahlst du für mich mit? Ich habe kein Geld in die Bar mitgenommen.“ „Das ist doch keine Frage, fühle dich eingeladen.“

Marie-Lou rutschte von ihrem Barhocker. Dann blieb sie nachdenklich stehen:

„Hättest du vielleicht Lust, mit mir in meinem Zimmer noch einen kleinen Absacker zu trinken?“ Das ließ sich Kurt natürlich nicht zweimal sagen. So gingen Kurt und Marie-Lou Arm in Arm zum Aufzug und fuhren in Marie-Lou’s Zimmer Nr. 312 im dritten Stock. Dann kam es so, wie es sich die junge Frau und auch Kurt gewünscht hatten. Es wurde ein stürmischer Abend und eine noch stürmischere Nacht, der viele stürmische Nächte folgten. Da die Minibar in Marie-Lou’s Zimmer nur Mineralwasser und Piccolos enthielt, hatte Kurt bei seinen weiteren Besuchen immer eine Flasche eisgekühlten Champagner bei sich, der die Gefühle ordentlich anheizte. Während des Tages wurden die beiden dann im Hotel, außer bei den Mahlzeiten, kaum gesehen. Diese aufregenden Nächte konnten sie nur durch einen ausreichenden Schlaf während des Tages wieder ausgleichen. Kurt sah sein eigenes Zimmer in den ganzen 14 Tagen kaum. Nur zum Wäschewechsel tauchte er dort auf. Das wunderte das Personal des Hotels kaum. So etwas war man gewohnt. Ferienzeit war eben kein Ehealltag.

Dann waren 14 wundervolle Tage und Nächte beendet. Für Kurt und Marie-Lou begannen wieder die Gedanken an den Alltag zuhause. Kurt hätte diese aufregende Beziehung gerne weiter geführt. Aber Marie-Lou erklärte ihm klipp und klar, dass in Friedrichshafen ihr Ehemann auf sie warte.

„Du glaubst doch wohl nicht, dass ich meine Ehe deinetwegen aufs Spiel setze. Das, was mir mein Mann finanziell bietet, kannst du mir nicht bieten. Und nur für einen Urlaubsflirt mit gutem Sex lasse ich diese Beziehung nicht sausen.“

Kurt war wie vor den Kopf geschlagen. Er hatte sich in Gedanken schon eine tolle Zukunft mit Marie-Lou ausgemalt. „Na ja, so sind Frauen eben“, dachte er böse und verletzt. So trennte man sich in Stuttgart im Flughafen mit nicht sehr freundlichen Gedanken. Aber in der Halle wurde Marie-Lou auch schon von ihrem Ehemann freudestrahlend mit einem großen Rosenstrauß empfangen. In Kurts Richtung sah sie überhaupt nicht mehr. Kurt jedoch sah sich Marie-Lou’s Mann eingehend an. Ziemlich neidisch schoss es ihm durch den Kopf: „Dachte ich es mir doch, dass dieser Mann außer mit viel Geld eine solche Superfrau nicht halten kann. Tja, so sind die Frauen eben. Aber andere Mütter haben auch schöne Töchter. Und die Flugbegleiterin vom Flug nach Marokko war auch nicht schlecht. Außerdem hatte sie mir doch ihre Telefonnummer gegeben. Man könnte ja einmal versuchen, diese hübsche, kesse Blondine aus dem Flieger anzubaggern. Sie sah eigentlich aus, als wenn sie einem Flirt und weiterem nicht abgeneigt wäre. Aber zuerst muss ich mich jetzt um meine Geschäfte kümmern. Der Urlaub war doch ziemlich teuer.“

Mit diesen trüben Gedanken nahm er seinen Koffer und verließ das Flughafengebäude, um sich wieder dem Alltagsgeschäft zu widmen.

Er setzte sich in sein Büro, um die während seines Urlaubs eingegangenen vielen E-Mails und Anrufe auf dem Anrufbeantworter durchzusehen. So vergingen erst einmal vier Wochen, in denen er keine Zeit hatte, an Gerda zu denken.

Aber als nach vier Wochen Gerda müde von einem Flug aus Indien in ihrer Wohnung vor dem Fernsehgerät saß, um sich wieder einmal bei einem tränenreichen Liebesfilm zu entspannen, klingelte ihr Telefon:

„Hallo, hier ist Kurt Umweg. Erinnern Sie sich noch an mich?“

„Wie könnte ich einen Mann wie Sie denn vergessen?“

„Ich würde Sie gerne wiedersehen. Ich konnte Sie auch in den ganzen 14 Tagen in Marokko nicht vergessen. Die tolle Flugbegleiterin mit dem unwiderstehlichen Lächeln. Was halten Sie von einem Treffen?“

„Holen Sie mich ab?“

„Wo wohnen Sie denn? Sie haben mir zwar ihre Telefonnummer genannt, aber ich müsste schon Ihre Adresse wissen, wenn ich Sie abholen darf.“

„Ach herrje, daran habe ich überhaupt nicht gedacht. Also: Krähenwinkel bei Stuttgart, Lerchenweg 50. Werden Sie das finden?“

„Mit meinem neuen Navigationsgerät finde ich es bestimmt. In einer Stunde stehe ich mit meinem Cabrio vor Ihrer Tür, und dann kann es losgehen!“

Pünktlich nach einer Stunde klingelte es an Gerdas Tür und ein strahlender Kurt stand mit einem süßen kleinen Sträußchen, bestehend aus duftenden Veilchen und Maiglöckchen, vor ihr.

„Kommen Sie doch herein. Wir könnten, bevor wir losfahren, bei mir noch einen Kaffee trinken. Ich bin etwas müde und gebrauche eine Aufmunterung.“

So saßen sich dann Kurt und Gerda ganz brav in der gemütlich eingerichteten Küche gegenüber, tranken ihren Kaffee und unterhielten sich über Kurts Urlaub.

„Waren denn keine jungen Mädchen in Ihrem Hotel, die Ihnen die Zeit vertreiben konnten?“

„Ich muss gestehen, ich habe mich nicht nach jungen Mädchen umgesehen, weil ich immer Ihr Bild vor den Augen hatte. Ich hatte regelrecht Sehnsucht nach Ihnen.“

Sollte sie das glauben? Gerda war etwas skeptisch, ließ sich aber nichts anmerken. Und Kurt wurde nicht einmal rot bei dieser dicken Lüge. Dabei dachte er: „Hoffentlich verspreche ich mich nur nicht bei den Namen.“ Aber bis jetzt waren sie beim Sie. Noch bestand keine Gefahr. Und später würde man eben vorsichtshalber einfach „Liebling“ sagen. Da könnte nichts passieren. So hatte er es bei früheren Frauenbekanntschaften auch gehalten. Das hatte immer funktioniert. Diese Gedanken behielt Kurt aber lieber für sich. Das war besser so.

Dann brachen die beiden auf und es wurde ein wunderschöner Tag. Kurt fuhr mit Gerda flott durch kleine Dörfer mit hübschen Fachwerk-Häusern, auf engen Waldwegen durch dichte Tannenwälder bis hinauf zur Burg Hohenzollern. Hier besichtigten sie die beeindruckende Burg mit ihren vielen Schätzen, die Gerda staunend betrachtete. Sie war hier noch nie gewesen. Kurt freute sich über ihre Begeisterung. Dann traten sie den Heimweg an, der sie jetzt auf einer schnellen Bundesstraße bis nach Stuttgart und weiter nach Krähenwinkel führte. Inzwischen war es schon später Abend geworden. Kurt hielt vor Gerdas Haustür und stieg schnell aus, um der jungen Frau als vollendeter Kavalier die Autotür aufzuhalten. Eine Einladung, Gerda in ihre Wohnung zu begleiten, erfolgte nicht, und so fuhr Kurt, leicht enttäuscht wieder nach Stuttgart. Diesem Tag folgten jedoch noch viele wunderschöne Tage.

„Eigentlich könnten wir ja auch endlich Du zueinander sagen. So gut kennen wir uns ja nun inzwischen“, meinte Kurt beim nächsten Treffen.

Gerda war gerne damit einverstanden. Zum Du gehörte natürlich auch ein Kuss. Und dieser Kuss war sehr intensiv. Gerda hatte sich verliebt wie noch nie. Und auch Kurt schien ganz hingerissen von seiner Freundin zu sein.

„Hast du denn keinen Beruf, dass du so viel Zeit für mich hast?“, wollte Gerda wissen.

„Ich arbeite als Versicherungskaufmann und kann mir meine Zeit frei einteilen. Jetzt geht mir das Zusammensein mit dir vor. Arbeiten kann ich dann später wieder.“ Kurt lächelte und nahm Gerda liebevoll in den Arm. Und endlich, nach einem halben Jahr wurde aus Kurt und Gerda ein Liebespaar. Sie dachten über eine gemeinsame Wohnung nach, die auch bald gefunden wurde. Über einen Bekannten von Gerda bekamen sie in Krähenwinkel, in der Hauptstr. 8 eine hübsche, recht große Wohnung mit einem riesigen Balkon. Leider dauerte es noch einige Zeit, bis das Haus, in dem sich diese wunderschöne Wohnung befand, fertiggestellt war. Noch war nur der Rohbau zu besichtigen. Kurt und Gerda hatten also noch eine Frist, um sich den zukunftsträchtigen Schritt zu überlegen. Die Miete für diese Wohnung würde wahrscheinlich ziemlich hoch sein, aber Kurt meinte:

„Die Miete teilen wir uns, damit keiner so viel zahlen muss.“ Damit war Gerda einverstanden.

„Was hältst du davon, wenn wir heiraten?“, wollte Gerda nach einem weiteren halben Jahr wissen. Kurt hielt nicht so viel von dieser Idee. Er würde lieber unverbindlich mit Gerda zusammenleben Aber weil sie in dem kleinen Krähenwinkel wohnen wollten, ließ sich wegen der sehr konservativen Einwohner des Ortes eine Hochzeit wohl nicht vermeiden.

„Na ja, wenn du meinst. Aber unsere Wohnungseinrichtung wird sicher viel Geld kosten, dass ich unmöglich noch eine große Hochzeit finanzieren kann.“

„Meine Mutter, der auch sehr viel an einer Hochzeit liegt, und die über die nötigen Finanzen verfügt, wird sicher einen größeren Anteil an den Aufwendungen für die Hochzeit übernehmen. Da bin ich mir sicher. Ich habe auch schon mit ihr darüber gesprochen. Sie war sehr erfreut über unsere Pläne. Es machte sie nur traurig, dass ich dich noch nicht bei ihr vorgestellt habe. Bevor wir heiraten, sollten wir uns schon bei ihr in Stuttgart sehen lassen. Sicher wirst du mit deinem Charme gut bei ihr ankommen.“

So war es also ausgemacht. An einem Tag, an dem sowohl Gerda wie auch Kurt Zeit hatten, fuhren sie nach Stuttgart. Hier bewohnte Gerdas Mutter, die schon längere Zeit Witwe war, eine sehr komfortable Eigentumswohnung an der Weinsteige, einem noblen Teil Stuttgarts. Sie hatten sich den Sonntag für den Besuch bei Frau Ostertag ausgesucht. Kurt warf sich für diese wichtige Vorstellung sehr in Schale und kaufte auch noch einen teuren Blumenstrauß, um bei der zukünftigen Schwiegermutter einen guten Eindruck zu machen. Er wusste von Gerda, dass ihre Mutter Rosen über alles liebte. Deshalb bestand der Blumenstrauß aus lauter wunderschönen, rosa Duftrosen und weißem Schleierkraut.

Trotz seiner zur Schau gestellten Selbstsicherheit merkte Gerda deutlich, dass Kurt sehr nervös war. Er nestelte immer wieder an seinem Hemdkragen und der Krawatte.

„Ist sie zu eng?“ Gerda lachte amüsiert. Kurt warf ihr einen hilfesuchenden Blick zu. „Es ist ja meine erste Vorstellung bei einer Schwiegermutter. Im übrigen warst du auch noch nicht bei meinen Eltern. Ich bin gespannt, ob du da nicht nervös bist.“

„Damit lassen wir uns hoffentlich noch ein wenig Zeit. Ich bin nämlich auch nicht so mutig und ich bewundere dich.“

„Wenigstens erkennst du meine Bemühungen an“, murmelte Kurt. Aber seine Angst vor der Vorstellung bei Frau Ostertag war unnötig. Elfriede Ostertag schien ganz begeistert von ihrem zukünftigen Schwiegersohn zu sein.

„Wenn ich jünger wäre, hätte ich mir auch so einen Mann gewünscht. Mein Siegfried war ein gebildeter und liebevoller Mann gewesen, aber er sah nicht so gut aus wie dein Bräutigam, liebe Gerda.“

Nun wurde die bevorstehende Hochzeit besprochen. Die fehlenden Finanzen kamen dabei auch zur Sprache und Gerdas Mutter, die eine sehr gute Witwenrente bezog, konnte die jungen Leute beruhigen:

„Ich denke, dass ich einen großen Teil der Hochzeitsausgaben als Mutter der Braut bezahlen werde. Das ist hier so üblich. Auch ein schönes weißes Kleid für dich, liebe Gerda, ist da inbegriffen. Vielleicht tragen ja auch deine Eltern, lieber Schwiegersohn in spe. zu dieser Hochzeit bei.“

„Das werden sie ganz bestimmt. Ich muss ihnen nur vorher schon mal ihre zukünftige Schwiegertochter vorstellen. Damit sollten wir auch nicht mehr allzu lange warten, denke ich.“

So war nun alles geklärt und die Vorstellung Kurts war zu Elfriedes Zufriedenheit verlaufen. Zwei strahlende junge Leute verabschiedeten sich und fuhren wieder nach Krähenwinkel, wo Kurt seine Gerda vor ihrer Wohnung absetzte, um gleich wieder nach Stuttgart in seine eigene Wohnung zu fahren. Es warteten noch Kundentermine auf ihn, die er auf den Abend verlegt hatte, um mit Gerda zu ihrer Mutter fahren zu können.

Nun stand noch die Vorstellung Gerdas bei Kurts Eltern bevor.

„Wann passt es dir denn, mit mir zu meinen Eltern zu fahren?“, wollte Kurt wissen.

„Nachdem wir ja nun deine Vorstellung bei meiner Mutter glücklich über die Bühne gebracht haben, könnten wir deine Eltern gleich am nächsten Sonntag besuchen. Ruf sie doch einmal an, ob ihnen dieser Termin passt.“ „Wenn du meinst“, antwortete Kurt, nicht sehr begeistert. Aber er rief seine Mutter, mit der er am besten sprechen konnte, gleich am nächsten Morgen an.

„Ach, das freut mich aber, dass du endlich daran denkst, sesshaft zu werden“, freute sich seine Mutter.

„Bring deine Gerda möglichst bald zu uns. Auch dein Vater wird ganz glücklich sein. Dein Leben mit stets wechselnden Freundinnen hat ihm noch nie so recht gefallen. Er wird sich über deinen Entschluss, endlich zu heiraten, sehr freuen.“

„Dann kommen wir am Sonntag zum Kaffee zu euch. Backst du deine berühmte Schwarzwälder Kirschtorte?“

„Das ist doch klar“, freute sich Mama Umweg.

So fuhren denn am Sonntagnachmittag Kurt und eine sehr nervöse Gerda nach Stuttgart, wo die Umwegs oben über der Stadt unweit der Messehallen ein kleines Reihenhaus besaßen. Gerda hatte auf Kurts Rat hin ein sehr schönes Alpenveilchen besorgt. An der Tür wurden sie schon von Kurts Eltern erwartet.

„Darf ich euch meine zukünftige Frau und eure Schwiegertochter Gerda Ostertag vorstellen?“

Mama Umweg nahm Gerda gleich in den Arm. Sie war ganz begeistert von der jungen Frau, der die ältere Frau auch sofort sympathisch war.

„Ich denke, dass wir uns sicher gut verstehen werden.“ Auch Vater Umweg begrüßte Gerda mit einem festen Händedruck. Die Umarmung überließ er lieber den Frauen. Er war diese neue Mode nicht gewöhnt, obwohl sie heute zusammen mit dem Küsschen auf beide Wangen schon wie selbstverständlich zur Begrüßung gehörte.

„Nun lasst uns endlich ins Wohnzimmer gehen. Der Kaffee wird sonst noch kalt und die Torte fällt in sich zusammen“, mahnte Mama Umweg.

Dann saß man gemütlich in dem stilvoll mit lauter alten und wertvollen Möbeln eingerichteten Zimmer. Durch die großen Fenster fiel die Sonne auf die vielen Pflanzen, die Kurts Mutter liebevoll pflegte. Sie war sehr stolz darauf und freute sich, dass auch Gerda sich mit den verschiedenen Kakteen, der gerade aufgeblühten Amaryllis und der sehr seltenen Dichtähre gut auskannte. Gerda war beeindruckt und fand ihr Alpenveilchen nicht in diese Umgebung passend.

„Bei einem nächsten Besuch weiß ich auf jeden Fall, welche Blumen Kurts Mutter liebt.“

Jetzt wurde bei Kaffe und Kuchen über die bevorstehende Hochzeit von Kurt und Gerda gesprochen.

„Habt ihr denn schon eine Wohnung?“, wollte Mama wissen.

„Aber sicher, das ist alles geregelt. Der Einzug in die neue Wohnung findet noch vor der Hochzeit statt“, versicherte Kurt.

„Die nötigen Möbel haben wir gemeinsam in Stuttgart gekauft. Wir waren in einem Möbelhaus, in dem noch mit echtem Holz gearbeitet wird. Leider ist das natürlich nicht billig. Das Bett aus Peddigrohr, der große Schrank für das Schlafzimmer sowie die Couchlandschaft und die moderne Schrankwand für das Wohnzimmer waren ziemlich teuer. Auch die supermoderne Kücheneinrichtung hat viel Geld gekostet und unsere Reserven fast ganz aufgebraucht. Die Möbel werden kurz nach der Fertigstellung des Hauses und unserer Wohnung geliefert. Unsere Hochzeit wollen wir in den eigenen Räumen feiern. Das ist dann nicht so teuer und sicher auch viel gemütlicher, als wenn wir in einem teuren Lokal feiern. Aber weil wir unser ganzes Geld, was Gerda und ich ersparten, für unsere Einrichtung ausgegeben haben, bleibt jetzt nichts mehr für die Hochzeitsfeier übrig“, klagte Kurt.

„Na, da macht euch nur keine Sorgen. Für das, was an Geld für die Hochzeit noch fehlt, kommen wir auf. Gerdas Mutter hat ja schon das Hochzeitskleid und einen Teil der Hochzeitsausgaben übernommen; da können wir auch nicht zurückstehen“, meinte Mama Umweg.

Kurt und Gerda waren beide erleichtert.

„Es ist doch wunderbar, eine solche liebevolle Familie zu haben“, freute sich Gerda. Dann verabschiedeten sich die beiden und fuhren sehr erleichtert nach Krähenwinkel, wo Kurt seiner Gerda wieder als vollendeter Kavalier aus dem Auto half.

„Jetzt kann ich doch sicher auch mit in deine Wohnung kommen. Wir sind nach diesen Vorstellungen bei den Eltern bestimmt verlobt, auch wenn das nicht ausdrücklich gesagt wurde. Nun können die Krähenwinkler Moralapostel sicher nichts dagegen einwenden, wenn ich mit zu dir komme, anstatt dich stets nur an der Haustür abzuliefern.“

Gerda war einverstanden, dass Kurt in ihr kleines Reich mitkam.

„Sei ganz herzlich willkommen bei mir. Ich freue mich auf einen liebevollen Ausklang dieses bedeutsamen Tages“, wünschte sich Gerda. Dabei sah sie Kurt verheißungsvoll an. So kamen sie also in Gerdas kleine Einzimmerwohnung, die sie sich in Krähenwinkel für die Zeit eingerichtet hatte, an der sie von ihren Flügen mit der Worldtours wieder einmal einen freien Tag genießen konnte. Man sah es der Wohnung an, dass sie nicht für mehr als eine Person eingerichtet war. Aber sehr gemütlich war sie. Das einzige Zimmer wurde beherrscht von der großen, dunkelblauen Schlafcouch, die direkt zum Kuscheln einlud. Viele bunte Seidenkissen schmückten diese Couch, die eigentlich zum Schlafen viel zu schade war. Jetzt wurden die Kissen schnell an die Seite gepackt und Kurt klopfte auf den Platz an seiner Seite. „Leistest du mir Gesellschaft auf dieser wunderbaren Kuschelcouch?“

Das ließ sich Gerda nicht lange sagen. Schwungvoll setzte sie sich dicht neben ihren Liebsten.

„Hast du vielleicht noch einen Schluck Prickelndes im Kühlschrank, damit wir auf unseren erfolgreichen Tag anstoßen können?“

Lächelnd ging Gerda zum Kühlschrank und nahm den gut gekühlten Sekt heraus. Der stand schon eine ganze Weile extra für den ersten Besuch Kurt’s in ihrer Wohnung bereit. Zwei Gläser waren auch bald aus dem Glasschrank gezaubert.

„Jetzt können wir es uns so richtig gemütlich machen“, lachte Gerda. Der prickelnde Sekt schmeckte und dann war Kuscheln bis zum anderen Morgen angesagt.

Nachdem die Möbel geliefert und aufgestellt waren, wobei Gerdas Mutter eine große Hilfe war, kam im Sommer die Hochzeit und der Einzug in die gemeinsame Wohnung mit der Familie, vielen Freunden und viel Sekt. Die neue Wohnung war aber auch ein wirkliches Schmuckstück. Eigentlich war sie ein wenig groß für zwei Personen. Es gab einen riesigen Wohnbereich im amerikanischen Stil, also Küche, Esszimmer und Wohnzimmer zusammen in einem Raum. Dann noch zwei Schlafzimmer; davon nur eines geschmackvoll eingerichtet. Das andere behielt sich Kurt als Arbeitszimmer so lange vor, bis sich die Familie vergrößern würde. Eigentlich hatten sie nicht vor, ihre Ehe gleich mit einem Kind zu beginnen, aber man konnte ja nicht wissen. Dann war da noch ein Bad, das aussah, als wäre es aus dem Katalog für eine Millionärsvilla. Weißer Marmor, eine riesige Wellness-Wanne, Armaturen mit Schwanenköpfen und Goldauflage. Die ganze Wohnung sah sehr teuer und sehr elegant aus. Gerda hatte nur ein wenig Angst vor der Reinigung dieser Pracht. Kurt und sie waren beide voll berufstätig. Wer also sollte hier sauber machen?

Während Kurt bereits in seinem Büro im Kinderzimmer arbeitete, flog Gerda schon bald nach der Hochzeit wieder mit der Worldtours nach Bombay, von wo aus sie erst nach vier Tagen zurückkehrte. Sie kam heim und fühlte sich furchtbar elend. Kurt meinte, dass das wohl von dem langen Flug käme, aber Gerda hatte da so ihre eigenen Gedanken. Sollte sie etwa schon schwanger sein? Und ihre Ahnung trog sie nicht. Pünktlich nach 9 Monaten war Simon, ein wunderschönes Baby da. Allerdings gab Gerda auch trotz der Proteste ihres Mannes und ihrer Mutter nicht den geliebten Beruf als Flugbegleiterin auf. Sie nahm sich eine Auszeit, bis Simon alt genug war, um in eine Kinderkrippe in Stuttgart aufgenommen zu werden. Die Krippe in Stuttgart hatte sie gewählt, weil sie damit rechnete und es erhoffte, dass ihre Mutter Simon versorgen würde, wenn sie selbst wieder arbeitete.

Gerdas Mutter, Elfriede Ostertag, hatte sich nach dem Tod ihres geliebten Mannes ein neues Leben aufgebaut. Die Witwenrente und ihre eigene Rente aus der Zeit ihrer Berufstätigkeit als Sekretärin reichten aus, um ein Leben ohne größere Sorgen zu gewährleisten. Elfriede hätte gerne noch einen netten Mann an ihrer Seite gehabt. Sie kleidete sich sehr sportlich, ging jede Woche einmal zum Kegeln mit netten Menschen. Ein Partner war jedoch nicht in Sicht. Elfriede stellte aber auch ziemlich hohe Ansprüche. Die Ehe mit ihrem Mann war geprägt von Theater- und Konzertbesuchen, und so einen Schatz wie ihren Mann fände man nicht so leicht. Doch sie gab noch nicht auf. Als nun Gerda mit der Bitte, während ihrer Flüge mit der Worldtours für das neue Baby zu sorgen, zu ihr nach Stuttgart kam, war Mama Ostertag eigentlich nicht sehr erfreut, wieder gebraucht zu werden. Sie erklärte sich aber nach längerem Zögern doch bereit, Simon zu betreuen, ihn aus der Krippe abzuholen und für ihn zu sorgen, bis Gerda wieder von einem Flug zurückkäme.

So verging ein Jahr nach dem anderen. Kurt arbeitete als Versicherungsagent und verdiente nicht schlecht. Leider sah Gerda nicht viel von seinem Geld. Auch seinen Anteil an der Miete bekam sie nur, wenn sie daran erinnerte. Was für den Haushalt und die Kinderbetreuung nötig war, bezahlte alleine Gerda. Zwar verdiente sie auch sehr gut, fühlte sich aber doch ein wenig ausgenommen von ihrem Mann. Dann kam nach sieben Jahren Jessy zur Welt. Auch wieder ein wunderschönes Baby, das aber noch mehr Probleme mit sich brachte. Gerdas Mutter war nun nicht bereit, auch noch für Jessy zu sorgen. Sie fühlte sich schon mit der Versorgung des kleinen Simon mehr als ausgelastet. So musste Gerda dann nach ihrer nochmaligen Auszeit für eine Ersatzmutter sorgen, die Jessy rund um die Uhr versorgte. Das kostete natürlich wieder viel Geld, aber nur so konnte Gerda weiterarbeiten. Und ihre Arbeit bei der Worldtours war ihr sehr wichtig. Sie war froh, dass ihr Arbeitsplatz ihr auch nach der zweiten Auszeit gesichert war. Durch dieses unruhige Familienleben, das eigentlich keines war, erlosch die Liebe zwischen Kurt und Gerda so ganz allmählich. Kurt kam immer weniger nach Hause. Er hatte angeblich viele Versicherungstermine, über die er nicht viel sprach oder Gerda gar erzählte, ob sie finanziell erfolgreich waren. Er beteiligte sich immer weniger sowohl finanziell wie auch emotional am Familienleben.

Wenn Gerda nach einem anstrengenden Flug von weither völlig ausgelaugt nach Hause kam, konnte Kurt missmutig fragen: „Nanu, kommst du schon wieder? Dich habe ich überhaupt noch nicht erwartet! Ich habe leider keine Zeit mehr. Ich muss schnell zu einem wichtigen Versicherungstermin.“

Und weg war er. Er schien über ihre Ankunft nicht sehr begeistert. Das konnte sie deutlich merken. Von diesen Terminen kam er meist spät in der Nacht oder am anderen Morgen wieder. Oft riefen Frauen an. Wenn sie dann hörten, dass Gerda am Telefon war, sagten sie superfreundlich:

„Entschuldigung, eigentlich würde ich gerne Herrn Umweg sprechen. Ist er nicht da? Wir hatten doch einen Termin wegen einer Versicherung. Wo bleibt er nur?“

Die Sorge für die Familie war nach Kurts Meinung Frauensache. Dafür hatte er keine Zeit. Kam Gerda müde heim, wartete das häusliche Chaos auf sie. Wäsche musste gewaschen werden; der Kühlschrank war gähnend leer. Kurt übersah dieses Chaos einfach. Auch Simon und Jessy mussten von den jeweiligen Ersatzmüttern abgeholt werden, um bis zu Gerdas nächstem Flug mit ihr und Kurt in der für die Kinder nicht sehr vertrauten Familienwohnung zu leben. Ihr Leben war bei der Oma oder der Tagesmutter. Dort waren auch ihr Teddy oder die Puppen. Wenigstens diese Fahrten hätte Kurt Gerda abnehmen können. Aber er kümmerte sich nur um seine Geschäfte.

Und endlich, nach etlichen weiteren nervtötenden Jahren war Simon zehn Jahre alt, alt genug, um in ein sehr gut renommiertes Internat am Bodensee aufgenommen zu werden. Hier fühlte er sich nach einer längeren Eingewöhnungszeit sehr wohl. Von seiner Mama hatte er nie viel gehabt, so dass er sie nicht sonderlich vermisste. Oma Ostertag besuchte ihn öfters am Bodensee. Von Stuttgart aus war das auch nicht besonders schwierig. So wurde Simon immer von seiner Oma getröstet, wenn er sich einsam fühlte. Nachdem er sich eingewöhnt hatte, kam Jessy, als sie alt genug war, auch in dieses Internat. Nun konnten sich die Geschwister gegenseitig trösten. Aber das kostete natürlich wieder noch mehr Geld; nur die Kinder waren jetzt gut untergebracht. Gerda musste sich keine Sorgen um sie machen und ihr Haushalt sah nicht mehr so chaotisch aus. Es war nur noch ihre eigene Wäsche und die von Kurt zu waschen. Auch ihre Mutter freute sich über diese Erleichterung; hatte ihr eigenes Leben doch durch die Betreuung von Simon sehr gelitten. Die sozialen Kontakte, die sie sich aufgebaut hatte, waren so ganz leise eingeschlafen. Es würde schwierig werden, wieder neue Kontakte aufzubauen. Daran hatten natürlich weder Kurt noch Gerda gedacht. Elfriede fuhr seit langer Zeit ihr eigenes, kleines Auto. Damit fuhr sie nun wieder mehr zum Kegeln und zu den Treffen mit ihren Freundinnen. Auch die Enkel am Bodensee besuchte sie regelmäßig. Als gutaussehende Witwe hatte sie früher noch manchen Flirt gehabt, den sie jedoch nicht allzu ernst nahm. All das hatte sie in der Zeit, in der sie ständig auf Simon aufpassen musste, sträflich vernachlässigt. Elfriede war also wieder mehr als zufrieden mit ihrem Leben.

„Die Jungen sollen selbst für sich und ihre Nachkommen sorgen“, war ihre Devise. Das klappte auch einigermaßen.

Bei Gerda war, bis auf die Geldsorgen, die sie durch die Unterbringung der Kinder im Internat nun verstärkt hatte, alles gut geregelt. Sorgen machte sich Gerda nur, weil Kurt sich immer mehr zurückzog und sich kaum noch an den hohen Kosten ihres Lebensunterhalts beteiligte.

4. Kapitel
SCHEIDUNG – UND DANN?

Nach vielen nervtötenden Jahren dieser Ehe, die oft nicht einmal mehr äußerlich eine war, hatte Gerda endlich von Kurt die Nase voll. Sie machte dieser Farce ein Ende und jagte Kurt nach einem Abend, den sie wieder einmal alleine verbrachte und umsonst auf ihn wartete, zum Teufel. Gerda musste noch immer lachen, wenn sie an Kurts Gesicht dachte, als er von ihrem Anwalt das Schreiben mit ihrem Scheidungsersuchen erhielt. Es hieß in diesem Schreiben, dass Gerda sich scheiden lassen möchte, weil ihre Ehe völlig zerrüttet sei. Kurts ständige und teure Frauengeschichten wurden auch erwähnt. Der Scheidungstermin war für einen Tag in zwei Wochen festgesetzt. Um 9.00 Uhr sollten sich beide beim Amtsgericht in Stuttgart einfinden. Gerda war zum vereinbarten Zeitpunkt mit klopfendem Herzen und mit ihrem Anwalt auf dem Flur des Amtsgerichts. Nur Kurt tauchte nicht auf. Es wurde 9.00 Uhr – immer noch kein Kurt. Gerda betrat nun mit ihrem Anwalt das Zimmer. Nach einer Anhörung, bei der Gerda in Tränen ausbrach, weil ihre ganze verkorkste Ehe vor ihren Augen aufstand, kam der Richter sehr bald zu seinem Urteil: Die Ehe von Kurt und Gerda Umweg wurde nach einem Trennungsjahr geschieden. Dieses Trennungsjahr war durch die ständige Abwesenheit von Gerda als durchgeführt angesehen. Kurt wurde als der schuldige Teil für das Scheitern dieser Ehe in Abwesenheit verurteilt. Er musste weiter für die Ausbildung seiner Kinder Simon und Jessy bezahlen. Aus der ehelichen Wohnung sollte er sobald wie möglich ausziehen. Gerda war mit dieser Entscheidung einverstanden und verließ leichten Herzens mit ihrem Anwalt als geschiedene Frau das Amtsgericht. Kurt war überhaupt nicht damit einverstanden, dass er ausziehen und für die Ausbildung der Kinder zahlen sollte. Da er jedoch nicht bei der Verhandlung anwesend war, hatte der Richter eben so entschieden, wie es von Gerdas Anwalt beantragt wurde.

Nachdem Kurt in Stuttgart für sich und seine momentane Freundin, von der Gerda längst geahnt hatte, eine kleine Wohnung in exklusiver Lage fand, zog er aus der ehelichen Wohnung unter Zurücklassung aller Möbel aus. Nur die persönlichen Sachen packte er in sein Auto und fuhr wütend und grußlos davon. Gerda sah schweigend seinem Auszug zu. Man merkte ihr deutlich die Erleichterung an, dass diese Zeit voller Streit endlich vorbei war. Nun kehrte ganz allmählich Ruhe im Hause Umweg ein. Gerdas Anwalt hatte durchgesetzt, dass Kurt monatlich 1.200 Euro an Gerda für die Ausbildung der Kinder zahlen muss; und die schicke Wohnung sollte Gerda mit den Kindern weiterhin gehören.

„Hoffentlich zahlt Kurt auch wirklich den von meinem Anwalt geforderten Unterhalt, der zwingend notwendig ist.“ Mit dem Geld aus ihrem Vorruhestand und dem Kindergeld hätte sie gerade so viel, dass sie die Miete und die notwendigsten Kosten tragen könnte.

Zum Glück war Simon nach einer Zeit, in der Gerda sehr genau rechnen musste, endlich 18 Jahre alt, sodass er aus dem Internat in die Selbständigkeit entlassen werden konnte. Dann war auch Jessy mit 18 Jahren nach einem sehr guten Abitur alt genug, um aus dem Internat entlassen zu werden, und um selbständig zu leben. Simon fand in Stuttgart eine eigene, kleine Wohnung, die er sich mit Gerdas Hilfe sehr gemütlich einrichten konnte. Jessy zog in eine Wohngemeinschaft mit drei anderen jungen Mädchen ein und war ganz glücklich, der strengen Aufsicht im Internat entkommen zu sein. Hier hatte sie ihr eigenes, kleines Zimmer. Sie benutzte es aber kaum, weil die vier jungen Mädchen der Wohngemeinschaft ständig beieinander saßen und sich viel zu erzählen hatten.

Gerda fühlte sich finanziell erleichtert, weil keine Internatskosten sie mehr belasteten. Sie zahlte jetzt freiwillig einen Teil von Simons Miete und auch die Kosten für Jessys Wohngemeinschaft in der Hoffnung, dass sich ihr Exmann Kurt auch wirklich an den Kosten beteiligen würde. Bisher hatte es ja geklappt, aber diese Regelung war eben auch noch ziemlich neu. Simon studierte nach seinem sehr guten Abiturzeugnis BWL, also Betriebswirtschaftslehre, und man konnte ein Ende der Ausbildung absehen. Er war sehr ehrgeizig und wollte seine Ausbildung möglichst schnell mit Auszeichnung beenden, was durchaus vorauszusehen war. Dann würde er auch selbst für sich sorgen können. Jessy war inzwischen auf der Suche nach einer Ausbildung zur Flugbegleiterin. Sie schrieb fleißig Bewerbungen, hatte aber trotz des ebenfalls sehr guten Abiturzeugnisses bisher keine Zusage bekommen. Weil sie Gerda aber nicht so viel auf der Tasche liegen wollte, verdiente sie sich ihr Taschengeld als Bedienung in einer Diskothek. So konnte sie zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Sie verdiente nicht schlecht und hörte ständig die neueste Musik, bei der sie gerne getanzt hätte. Aber das ging natürlich nicht. Sie hätte sich nicht träumen lassen, dass sie als Bedienung bei Schichtende so kaputt war und nur noch schlafen wollte. Sie kam ziemlich müde nach einer Nacht in der Disco in ihrem WG-Zimmer an, warf sich nur noch auf ihr Bett und versuchte, zu schlafen. Aber aus der gemeinsamen Küche, in der gefrühstückt wurde, kam laute Musik und rücksichtsloses Geschnatter. Ihre Mitbewohnerinnen nahmen kaum Rücksicht darauf, dass Jessy nach der arbeitsreichen Nacht schlafen wollte.

„Vielleicht schlafe ich doch lieber bei meiner Mutter. Da ist es bestimmt ruhiger.“

Kaum zu Ende gedacht, rief sie auch schon bei der Mama an:

„Sag mal, kann ich nicht wieder in mein altes Zimmer bei dir einziehen? Ich kann hier bei dem Lärm, den die anderen so machen, kaum schlafen. Geht das?“

„Aber sicher doch. Ich freue mich, dich wieder bei mir zu haben. So ganz alleine ist das Leben doch für mich ziemlich deprimierend. Den ganzen Tag habe ich niemanden, der mit mir spricht. Ich wollte mir schon einen Hund anschaffen, mit dem ich dann reden kann.“

„Arme Mama, da komme ich doch gerade richtig. Wenn ich nach meiner Schicht in der Disco ausgeschlafen habe, können wir ganz gemütlich reden. Das tut mir auch gut.“

Schon am nächsten Tag kam Jessy mit Sack und Pack in Krähenwinkel an, wo Gerda sie am Bahnhof abholte. Beide waren glücklich über Jessys Entschluss. So war also diese Mutter-Tochter-Beziehung wieder das geworden, was sich Gerda immer wünschte. Endlich hatte sie die nötige Zeit für Jessy und konnte sich ihren Problemen widmen. Und Probleme hatte Jessy genug. Da war einmal Luca, ihr Freund, von dem sie ihrer Mutter noch nichts erzählt hatte. Luca wollte, dass Jessy zu ihm nach Stuttgart zöge. Aber dafür fühlte Jessy sich einfach noch zu jung. Sie wollte unabhängig bleiben. Jedoch Luca, schon 23 Jahre alt, wünschte sich eine feste Partnerschaft und eine gemeinsame Wohnung. Er konnte Jessys Gefühle nicht verstehen.

Das andere Problem war Jessys Suche nach einer Ausbildungsstelle als Flugbegleiterin. Zwar waren ihre Zeugnisse, auch das Abiturzeugnis, sehr gut, aber die Airlines stellten sehr hohe Ansprüche, und der Drang vieler junger Mädchen nach diesem Beruf war groß. So konnten sich die Fluggesellschaften die besten Anwärterinnen aussuchen. Und leider hatte Jessy noch nicht die Chance gehabt, sich persönlich vorzustellen.

„Vielleicht kann ich ja versuchen, meine ehemaligen Kollegen auf dich aufmerksam zu machen. Manchmal hilft so etwas ja“, tröstete Gerda ihre Tochter.

Auch von Simon erfuhr Gerda inzwischen mehr. Er lebte neuerdings mit seiner Freundin Jaqueline, die wie er BWL. studierte, zusammen. Gerda kannte das Mädchen überhaupt nicht. Aber sie traute ihrem Sohn schon zu, sich die richtige Partnerin auszusuchen. Als Gerda vor einiger Zeit am Wochenende in Stuttgart war, hätte sie gerne ihren Sohn besucht. Leider kam sie vor verschlossene Tür. „Ich hätte eben vorher anrufen sollen“, warf sie sich selbst vor. So war es bisher noch nie zu diesem Besuch gekommen, obwohl Simon seine Mutter öfters gebeten hatte, doch für eine Tasse Kaffee bei ihm vorbeizukommen, wenn sie in Stuttgart wäre. Jetzt nahm sich Gerda Zeit, ihren Sohn und die neue Freundin einmal zu besuchen. Simon und Jaqueline hatten vor Gerdas Besuch die Wohnung auf Hochglanz geputzt, um vor den gestrengen Augen der Mama zu bestehen. Als Gerda nun kam, war der Kaffeetisch schon gedeckt und Jaqueline hatte zur Feier des Tages sogar einen Kuchen gebacken. Das war etwas ganz Besonderes. Jaqueline war keine Hausfrau. Kuchenbacken gehörte nicht zu ihren Stärken.

„Fein, dass du kommen konntest“, meinte Simon und nahm Gerda liebevoll in den Arm.

„Darf ich dir meine Wohnung zeigen? Sicher kennst du noch nicht alles Neue, was Jaqueline und ich in der letzten Zeit so angeschafft haben.“

„Eigentlich möchte ich erst einmal deine Jaqueline begrüßen.“ Gerda streckte dem Mädchen freundlich die Hand hin. Jaqueline hat sich im Hintergrund gehalten und kam jetzt auf Gerda zu.

„Hoffentlich haben Sie nichts dagegen, dass ich mich hier bei Simon breitgemacht habe“, meinte sie. Gerda fand Jaqueline sehr nett. Das Mädchen hatte eine natürliche, freundliche Ausstrahlung und die beiden Frauen waren sich vom ersten Augenblick an sympathisch.

„Nun sollst du aber erst einmal meine Wohnung ansehen.“

Simon war schon ganz ungeduldig.

„Ihr habt wirklich einen sehr guten Geschmack“, konnte Gerda nur lobend feststellen. Man merkte sofort, dass die Einrichtung dieser kleinen Wohnung mit viel Liebe ausgesucht wurde. Die Möbel waren nicht besonders wertvoll, aber sehr praktisch. Für eine spätere, größere Wohnung war das besonders wichtig. Es gab keine großen Möbel, sondern nur lauter kleine Elemente, die man je nach Laune verschieben konnte. Simon und auch Jaqueline hatten sich sehr bewusst eingerichtet. Die jungen Leute strahlten um die Wette. Gerda konnte sich nach dem Kaffee mit einem sehr guten Gefühl wieder auf den Weg machen.

So lief nun Gerdas Leben wieder in den richtigen Bahnen. Ihre Kinder waren in Ordnung. Ihnen hatten anscheinend die vergangenen katastrophalen Familienverhältnisse nicht geschadet. Sie standen beide auf festen Beinen. Das machte Gerda ganz glücklich. Was war aber mit ihr? Sie war inzwischen seit längerer Zeit geschieden und wusste nicht so recht, was sie mit ihrem Leben anfangen sollte. Nach einer neuen Partnerschaft stand ihr der Sinn nach dieser unglücklichen Ehe nicht gerade. Aber so alleine vor sich hin zu leben, dafür fühlte sie sich einfach noch zu jung. Was also sollte sie tun?

5. Kapitel
NEUE PERSPEKTIVEN

So saß Gerda also an diesem noch ziemlich kühlen Frühlingsmorgen wieder, wie schon so oft, in ihrer gemütlich eingerichteten Küche beim Frühstück und überlegte, was sie mit sich anfangen könnte. Zuerst einmal holte sich Gerda die neue Tageszeitung aus dem Briefkasten und las sie jetzt bei Toast mit Marmelade und frisch gebrühtem Kaffee von vorne bis hinten durch, ohne auf den ersten Blick etwas zu finden, was sie besonders interessierte.

Die Stellenanzeigen weckten dann aber Gerdas Interesse. Gab es hier vielleicht eine Tätigkeit für sie, die sie trotz ihres Alters von 58 Jahren ausüben könnte? Sie hatte doch ein Auto und fuhr auch noch sehr gerne und flott. Botenfahrten oder etwas in der Art könnte sie sich gut vorstellen. Sie stieß auf eine Anzeige, die ihr Interesse weckte. Ein Anbieter von „Essen auf Rädern“ suchte Menschen, die mit ihrem eigenen Auto das fertig gekochte, heiße Essen zu Senioren brächten. Ob das eine Tätigkeit für sie war? Gute Bezahlung war in der groß aufgemachten Anzeige auch angeboten. Man könnte es ja einmal versuchen. Sie hätte dann eine sinnvolle Tätigkeit; würde wieder Kontakt zu ganz verschiedenen Menschen bekommen und außerdem noch Geld verdienen. Das letztere war auch nicht zu verachten. So meldete sich Gerda dann auf die angegebene Telefon-Nummer:

„Hier das „Rollende Senioren-Menue“, mein Name ist Karsten Winter“, meldete sich eine sehr freundliche, junge Männerstimme.

„Hier spricht Gerda Umweg. Ich interessiere mich für eine Mitarbeit in Ihrer Firma.“

„Ich freue mich, dass Sie sich für uns interessieren. Bevor wir uns jedoch am Telefon über die Bedingungen für eine Mitarbeit unterhalten, würde ich vorschlagen, dass Sie uns in unserem Büro in Krähenwinkel in der Langen Straße 15 besuchen. Dort können wir in Ruhe alles Nähere besprechen. Würde Ihnen der kommende Montag passen?“

„Der wäre mir recht. Ich komme also am Montag zu Ihnen und höre mir an, ob diese Tätigkeit mir zusagt“, freute sich Gerda.

„Es wäre schön, wenn ich nicht mehr so tatenlos zu Hause sitzen würde und noch dazu Geld, das ich auch gut gebrauchen kann, verdiene. Das muss ich doch gleich Jessy erzählen, wenn sie von ihrer Arbeit in der Disco. nach Hause kommt.“

Als Jessy jedoch müde und ausgelaugt von ihrer Nachtschicht in der Disco. kam, konnte Gerda sie nicht mehr ansprechen. Jessy taumelte nur noch in ihr Bett und war nicht mehr ansprechbar. „Na ja, erzähle ich es ihr eben, wenn sie wieder aufwacht.“ Um die noch aufgeschlagene Zeitung weiter zu lesen, war sie nicht mehr in der Stimmung. Also legte sie sie erst einmal an die Seite und räumte ihr Frühstücksgeschirr in den Geschirrspüler.

„So, und was mache ich jetzt? Bis zum Montag ist es doch noch ziemlich lange. Vielleicht mache ich meinen Wochenendeinkauf, so dass ein wenig Zeit vergeht.“ Gerda nahm sich den ziemlich langen Zettel, auf den sie im Laufe der Woche aufgeschrieben hatte, was so in ihrem Haushalt fehlte. Gemüse, Brot und Milch war auf jeden Fall wichtig. Es würde wieder ein ziemlich großer Einkauf werden, dachte sie seufzend. Gerda merkte eben doch, dass Jessy bei ihr wohnte. So viel Cola und Kartoffelchips hätte Gerda alleine nicht gebraucht. Aber Jessy sollte sich ja auch bei ihr wohlfühlen. So nahm sie sich ihre große Einkaufstasche und fuhr mit ihrem kleinen Auto zum naheliegenden Supermarkt.

Als sie aus dem Auto stieg, wurde sie von einer älteren Nachbarin, der alleinstehenden Frau Humpelmann begrüßt.

„Es ist gut, dass ich Sie hier treffe“, rief Frau Humpelmann aus. „Könnten Sie mich auf dem Rückweg mitnehmen? Es ist für mich doch ziemlich beschwerlich, ohne Auto einen Samstagseinkauf zu transportieren.“

„Aber sicher nehme ich Sie gerne mit. Sie können in Zukunft immer mitkommen, wenn ich zum Einkaufen fahre.“

„Ach wissen Sie, Frau Umweg, es ist nicht leicht, wenn man als Seniorin alleine lebt. Ich kann nicht mehr so gut von meiner Wohnung die Treppe hinunter steigen, um mich mit den nötigen Lebensmitteln zu versorgen. Deshalb habe ich mir schon bei einer Firma mit dem Namen „Rollendes Senioren-Menue“ mein Essen bestellt. Es wird mir in die Wohnung gebracht und ich muss nicht mehr so beschwerliche Wege machen, um mich zu verpflegen. Das ist eine gute Sache. Ich freue mich, dass auch jemand an die älteren Menschen denkt. Aber mit dem Älterwerden haben Sie ja noch lange keine Probleme, liebe Frau Umweg.“

„Jünger werde ich auch nicht“, seufzte Gerda. „Aber das ist ja jetzt ein Zufall. Gerade habe ich mich mit dem rollenden Senioren-Menue in Verbindung gesetzt. Ich möchte für diese Firma arbeiten. Dann könnte ich Ihnen ja immer Ihr Essen mitbringen. Sind Sie denn zufrieden?“

„Na ja, ein wenig teuer ist es ja schon, wenn mir das Essen gebracht wird. Aber mit meiner Rente kann ich es mir gerade noch leisten. Die jungen Leute, die das Essen bringen, sind alle sehr nett und freundlich. Ich kann also nicht klagen.“

Gerda freute sich, dass sie über das rollende Senioren-Menue so eine gute Auskunft bekam. Es handelte sich also um ein Unternehmen, bei dem man unter reellen Bedingungen arbeiten würde. „Da kann ich also am Montag zuversichtlich zu dem Bewerbungsgespräch gehen. Wenn dann auch noch die Bezahlung in Ordnung ist, habe ich hier die Möglichkeit, meiner häuslichen Einsamkeit zu entgehen, Geld zu verdienen und noch etwas Gutes für die älteren Mitbürger zu tun.“

Gerda konnte kaum den Montag erwarten, an dem es sich zeigen würde, ob dieser Job der richtige für sie wäre. Mit Jessy sprach sie auch über ihr Vorhaben, als das junge Mädchen nach ihrer Nachtschicht in der Diskothek endlich gegen Mittag aufwachte.

„Ich finde die Idee gut“ meinte auch Jessy. „Ich habe schon öfters von dieser Firma gehört. Es wird überall gut darüber gesprochen.“

Endlich wurde es nun Montag. Gerda war ziemlich aufgeregt, als sie sich auf den Weg zur Langen Straße und zum rollenden Senioren-Menue machte. Sie hatte sich so angezogen, dass man ihr den Boten für das Essen glaubte. Jeans, eine einfache Bluse und eine Jeansjacke, so sah sie sauber und zuverlässig aus. Wer sie so sah, konnte kaum glauben, dass dies die elegante Flugbegleiterin Frau Umweg war. In der Langen Straße angekommen, fand sie gleich das Haus Nummer 15, ein einfaches Mehrfamilienhaus und durchaus kein imponierender Sitz für eine Firma. Sie drückte auf die Klingel und eine junge Männerstimme bat sie in der Sprechanlage, in den 4. Stock hochzukommen.

„Oha, da will jemand sicher gleich testen, ob ich überhaupt in der Lage bin, schnell mit einem Seniorenessen die vielen Treppen zu bewältigen“, dachte sich Gerda und spurtete sportlich die Treppen hoch. Ohne zu schnaufen stand sie dann vor einer ganz normalen Wohnungstür, wo sie lachend von Herrn Winter, dem Inhaber der Firma empfangen wurde.

„Dies ist in der Tat für mich der Test, ob der Bewerber überhaupt in der Lage ist, diese Arbeit zu verrichten. Aber den haben Sie mit Bravour bestanden. Kommen Sie bitte in mein Büro. Ich denke, dass wir sicher gut miteinander arbeiten werden.“

Wie Gerda schon am Telefon vermutet hatte, war der Inhaber des rollenden Senioren-Menues wirklich noch ein sehr junger Mann, nicht älter als ihre Tochter. Er machte einen netten und höflichen Eindruck und Gerda war gespannt, was er ihr zu sagen hatte.

Sie setzte sich vor seinen riesigen, alten Schreibtisch, auf dem sich die Papiere häuften.

„Dies ist also die Zentrale meiner Firma, wo ich täglich die Einteilung meiner Boten für die verschiedenen Bereiche der Stadt vornehme“, erklärte Herr Winter. Und nun erzählte er von seiner Geschäfts-Idee zur Gründung dieses Unternehmens.

„Ich hatte bei meiner eigenen Mutter erlebt, wie schwierig es für Senioren ist, noch in ihrer eigenen Wohnung zu leben und sich gesund und ausreichend zu verpflegen. Da kam mir die Idee mit dem rollenden Senioren-Menue. Ich lasse von den angestellten Boten morgens das bestellte und in Wärmeboxen verpackte Essen in einer Großküche abholen und an die angemeldeten Senioren austeilen. Wenn Sie also für mich arbeiten würden, bekämen Sie einen bestimmten Teil von Krähenwinkel zugeteilt und müssten dort in der Mittagszeit den Senioren das bestellte Essen an die Tür oder in die Wohnung bringen. Leider sind ältere Menschen oft ziemlich ungeduldig und werden leicht ungehalten, wenn sie ihr Essen nicht zu der von ihnen bestimmten Zeit bekommen. Das geht jedoch zeitlich nicht immer und es kommt auf Sie an, wie Sie damit umgehen.“

„Ach, damit habe ich keine Probleme. Ich musste als Flugbegleiterin oft mit schwierigen Menschen umgehen und hatte da schon eine gewisse Routine, die sich bewährte.“

„Dann sind Sie ja genau die richtige Frau für diesen Job. Wann können Sie anfangen?“

„Moment, zuerst möchte ich gerne von Ihnen wissen, was ich bei dieser Arbeit verdiene.“

„Entschuldigung, Frau Umweg. Das hätte ich Ihnen natürlich gleich sagen müssen. Sie bekommen also für ungefähr drei Stunden Arbeit täglich eine monatliche Vergütung von 1500 Euro. Sie müssen aber mit Ihrem eigenen Auto fahren, weil ich noch keinen Wagenpark besitze.“

„Das ist nicht besonders viel, wenn ich dafür mein Auto benutze und das Benzin für die Fahrten selbst bezahle.“

Als sie das enttäuschte Gesicht Herrn Winters sah und daran dachte, dass sie ja eigentlich nur arbeiten wollte, um der Einsamkeit zu entgehen, gab sie sich einen Ruck und nahm das Angebot Herrn Winters an.

„Gut, ich werde also für Sie arbeiten“, sagte sie zu.

„Können Sie schon morgen anfangen?“, wollte Herr Winter noch wissen. „Dann müssten Sie um neun Uhr bei der Großküche sein, um die bestellten Portionen Essen abzuholen. Von mir erhalten Sie eine Liste der Personen, die das Essen bekommen. Und nun wünsche ich uns eine gute Zusammenarbeit.“

„Das wünsche ich mir auch“, erwiderte Gerda. Mit einem festen Händedruck wurde dieser Vertrag besiegelt.

Am nächsten Morgen holte Gerda pünktlich um neun Uhr ihre dreißig Essenportionen aus der Großküche. Nun musste sie nur noch nach der Liste, die sie von Herrn Winter bekommen hatte, die Portionen schnell austeilen, so dass alle Senioren das Essen noch warm bekamen. Das war nicht so einfach. Das erste Menue kam in die Kaiserstr. 15. Wo war diese Straße? In dem Teil von Krähenwinkel kannte sich Gerda nicht aus. Sie suchte und suchte. Dabei sah sie auf ihre Uhr und stellte fest, dass es bereits 10,30 Uhr war. Wie sollte sie so dreißig Essen rechtzeitig zu den Senioren bringen? Gerda schwitzte schon ordentlich. Endlich hatte sie die Kaiserstr. 15 gefunden. Natürlich fand sie keinen Parkplatz und musste schnell in der zweiten Reihe parken. Hoffentlich kam nicht gerade eine Politesse vorbei. Dann wäre ihr schon der erste Strafzettel sicher. Sie suchte auf der Klingelanlage den Namen Hurtig und schellte. Eine längere Zeit verging, bis Frau Hurtig endlich auf den Türöffner gedrückt hatte, nachdem sie sich vergewisserte, dass hier ihr Essen unterwegs war. Sie wohnte natürlich im dritten Stock. Gerda spurtete mit ihrer Wärmebox schnell die Treppen hinauf und zu Frau Hurtig, die schon an ihrer Flurtür auf sie wartete.

„Sie kommen aber heute spät. Hoffentlich ist mein Essen auch noch warm.“ Das war kein sehr freundlicher Empfang. Aber Gerda lächelte und wollte Frau Hurtig ihr Essen übergeben.

„Ihr Vorgänger hat mir das Essen aber in die Küche gebracht und auf meinen Teller gefüllt. Ich kann das mit meinen Arthrose-Händen so schlecht. Können Sie das nicht?“

„Ach du meine Güte! Noch mehr solcher Sonderwünsche, dann ist das letzte Essen sicher am Abend beim Empfänger.“ Zähneknirschend packte Gerda das Essen aus und richtete es auf dem bereitgestellten Teller an. Hoffentlich war es nun so richtig! Aber Frau Hurtig schien einverstanden. Als Gerda dann wieder bei ihrem Auto ankam, hing natürlich ein Strafzettel an der Windschutzscheibe und ein wütender Mann, der nicht aus seiner Parklücke kam, stand mit einem bösen Blick auf die Armbanduhr vor seinem Auto.

„Geschieht Ihnen ganz recht, dass Sie einen Strafzettel bekommen haben. So etwas tut man doch nicht.“

„Entschuldigung“, konnte Gerda nur noch leise sagen. Sie war jetzt wirklich fix und fertig. Und das war erst das erste Essen. Es folgten noch 29 Wärmeboxen, die alle warm bei ihrem Empfänger sein sollten.

Das zweite Menue musste nun in die Mozartstr. 35. Wenigstens wusste Gerda, wie sie dort hinkam. Auch fand sie zum Glück gleich einen Parkplatz. Die Haustüre bei Frau Meier stand schon offen und Frau Meier wartete bereits sehnsüchtig auf ihr Essen. Sie war sehr freundlich, obwohl Gerda auch hier sicher entschieden mit Verspätung kam. Es war inzwischen schon fast 12 Uhr. Mit einem herzlichen Dankeschön nahm Frau Meier ihre Wärmebox an sich und entschwand in ihre Wohnung. Das ging ja nun wirklich einmal schnell. Hoffentlich hatte Gerda weiter so ein Glück. Aber das nächste Pech war schon vorprogrammiert. Gerda wollte von der Mozartstraße in die Hauptstraße einbiegen. Noch war die Ampel grün, also schnell, schnell. Da sprang sie schon auf gelb um. Gerda wollte noch daran vorbei in die Hauptstraße – aber vergeblich. Es blitzte aus dem Ampelkasten und Gerda wusste genau, was das hieß. Es hieß drei Punkte in Flensburg, einen Monat Fahrverbot und 150 Euro Geldstrafe. So hatte sich Gerda diese Arbeit, von der sie schon am ersten Tag merkte, dass sie niemals in drei Stunden die bestellten Portionen ausliefern könnte, und die ihr außerdem nur Ärger und Unkosten einbrachte, nicht vorgestellt. Sie hatte sich also sehr schnell erledigt. Gerda rief ihren Chef an und berichtete von ihrem Pech.

„Schicken Sie doch bitte jemanden her, der die restlichen Menues ausfährt. Ich bin total am Ende und kann nicht mehr!“ Herr Winter war sehr enttäuscht, aber Gerda war froh, dass sie einen Grund hatte, beim rollenden Senioren-Menue zu kündigen.

Nun saß sie also wieder, wie schon einmal, an einem Samstagmorgen in ihrer Wohnung und wusste nicht, wie sie den Tag herumbringen sollte. Zuerst der Blick in die dicke Samstagszeitung. Sie blätterte ohne große Begeisterung darin herum. Dabei kam sie wieder an die Stellenanzeigen. Hier hatte sie mit viel Hoffnung eine Arbeit gesucht und, wie sie dachte, auch gefunden. Aber eine Arbeit, bei der sie nicht sehr viel verdiente, und auch noch ihr eigenes Auto fahren musste, war denn doch nicht nach ihrem Sinn. Und eigentlich brauchte sie auch keine Arbeit, um Abwechslung in ihr Leben zu bringen. Vielleicht traf sie ja irgendwann einen netten Mann, mit dem sie reden und auch ab und zu irgendwo ein schönes Glas Wein trinken könnte. Auch ein paar Streicheleinheiten und einen guten Sex vermisste Gerda nach der Scheidung von Kurt. Wenn Kurt auch kein idealer Ehemann war, hatte sie mit ihm doch ab und zu einen schönen Abend mit einer noch schöneren Nacht verbracht. Sie war eben noch nicht jenseits von Gut und Böse.

So las sie ihre Zeitung von Seite zu Seite, ohne etwas zu finden, das ihr Interesse weckte. An den Vereinsnachrichten jedoch blieb sie hängen. Der Wanderverein Wandervogel bot eine interessante Wanderung durch den wunderschönen Schwarzwald an. Gerda wäre gerne mit dem Verein gewandert. In der Zeit mit Kurt war sie nie mit ihm zusammen fort gewesen. Kurt hatte keine Zeit oder keine Lust, Gerda auf Wanderungen zu begleiten. Sie unternahm dann Wanderungen mit einer Gruppe, die meist aus Ehe- oder sonstigen Paaren bestand. Dabei hatte sie so ihre schlechten Erfahrungen gemacht. Sie kam sich bei diesen Wanderungen wie das fünfte Rad am Wagen vor. Verdrossen schlich sie als Fast-Single alleine vor oder hinter den Pärchen her und konnte sich die ehelichen oder fastehelichen Gespräche anhören:

„Weißt du schon, bei Müllers hängt wieder einmal der Haussegen schief. Er soll mit Frau Schulze von nebenan ein Verhältnis haben. Das ist doch wohl allerhand! Na ja, damit habe ich mit meinem Mann ja zum Glück keine Probleme!“ So etwas erzählte man gerne der Freundin, die im gleichen Schritt mitlief.

„Bei diesen Gesprächen soll man nicht neidisch werden. Warum haben immer nur andere Frauen die netten Männer? Meiner war zwar auch nett, aber leider interessierte er sich mehr für seinen Beruf und für hübsche, junge Damen. Für mich hatte er nur wenig Zeit. Ein schöner Abend zu Zweit war eine Seltenheit. Vielleicht kann ich jetzt nach unserer Scheidung noch einmal einen neuen Versuch starten, einen Partner für Wanderungen und ein erfreuliches Miteinander zu finden. Das Leben als Single ist doch ziemlich trostlos.“ Nur nach der missglückten Ehe mit dem treulosen Kurt war Gerda im Moment noch sehr misstrauisch, was Männer betraf. Eigentlich war dieses Leben als Single auch nicht zu verachten. Sie konnte kommen und gehen, ohne irgend jemandem Rechenschaft über ihr Tun zu geben. Wenn nur nicht die einsamen Nächte wären, in denen man viel Zeit zum Nachdenken hatte. Und die leere Seite in ihrem großen Bett war auch eine Tatsache, die sie sehr traurig stimmte. Vielleicht sollte man sich ehrenamtlich betätigen und im Altersheim helfen. Sie hörte und las öfters, dass Personal in den Heimen fehlte und die Alten deshalb nicht ausreichend versorgt werden konnten. Hier könnte man wenigstens etwas Gutes tun.

Dann fand Gerda noch eine andere Anzeige auf der Seite mit den Stellenangeboten, die ihr Interesse weckte. Da stand:

„Seriöse Partnervermittlung sucht qualifizierte Mitarbeiter.“

„Das wäre doch etwas für mich. So hätte ich eine Aufgabe und vielleicht wäre ja auch ein Partner für mich dabei.“

Eine Telefonnummer war angegeben. Nach einigem Zögern und mit ziemlichem Herzklopfen rief Gerda an.

„Agentur Liebeslust, Jürgen Korz am Apparat. Was kann ich für Sie tun?“, fragte eine sonore Männerstimme freundlich.

„Hallo guten Tag. Ich bin Gerda Umweg und wäre an einer Mitarbeit in Ihrer Agentur interessiert.“

„Das ist eine sehr gute Entscheidung von Ihnen, Frau Umweg. Aber am Telefon sollten wir nicht darüber sprechen. Treffen wir uns doch erst einmal. Dann können wir miteinander in Ruhe reden. Ich würde ein Treffen für morgen im Parkhotel hier in Stuttgart um 15 Uhr vorschlagen. Ist Ihnen das recht?“

„Oh ja, ich komme gerne“, freute sich Gerda.

„Soll ich irgendwelche Unterlagen zu dieser Besprechung mitbringen?“

„Wenn Sie Ihren Lebenslauf und eine kurze Bewerbung mitbringen, reicht mir das schon.“ So war es also abgemacht. „Sage ich Jessy etwas von diesem Treffen?“, sinnierte Gerda. „Lieber nicht. Vielleicht macht sich Jessy dann nur unnötige Sorgen um das Seelenleben ihrer Mama. Nach dem Treffen, wenn es so abläuft, wie ich es mir denke, kann ich ihr ja davon erzählen.“

Dann nahte der Nachmittag, an dem sie sich mit Herrn Korz treffen wollte. Gerda versuchte, ihr elegantes, graues Kostüm anzuziehen. Die Jacke saß ja sehr gut und die weiße Bluse darunter sah auch sehr vorteilhaft aus. Aber der Rock, was war mit dem los? War er bei der letzten Reinigung eingelaufen? Er klemmte ganz schön! „Das war sicher nicht die Reinigung, sondern ich muss unbedingt ein paar Pfund abnehmen“, murmelte sie. Mit einiger Mühe gelang es ihr dann aber, den Rock über die Problemstellen zu zerren. Sie musste nur aufpassen, dass sie bei der Besprechung mit diesem Herrn Korz immer schön gerade saß und den Bauch einzog. Sie sah sich im großen Schlafzimmerspiegel an und fand sich mit diesem Kostüm sehr seriös. Das war ihr wichtig. Sie fuhr mit ihrem kleinen, roten Auto nach Stuttgart. „Hoffentlich finde ich auch gleich einen Parkplatz in der Nähe des Hotels“, dachte sie und fuhr konzentriert durch die Stadt. Da tauchte auch schon das Parkhotel auf, und o Wunder, direkt neben dem Hotel schien ein Parkplatz direkt auf Gerda zu warten. Sie parkte schnell und sicher ein und machte sich auf den Weg zum Hoteleingang, wo in der Lobby sofort nach ihrem Eintritt ein jugendlich wirkender Herr aufstand und auf sie zukam. Das konnte nur Herr Korz sein, der auf sie wartete. Er hatte sich im gestrigen Telefonat gut beschrieben: Groß, sportlich, mit kurzen, blonden Haaren und einer sehr auffallenden Brille; seriös gekleidet mit einem dunkelblauen Anzug, hellblauem Hemd und dunkelblauer Krawatte. Gerade so, wie sich Gerda einen Bankangestellten vorstellte. Er trat auf Gerda zu, zeigte sein charmantestes Lächeln, nahm mit einem festen Griff Gerdas Hand:

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23 dekabr 2023
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