Kitabı oxu: «Die Jagd nach dem Serum»

Şrift:

Irene Dorfner

Die Jagd nach dem Serum

Leo Schwartz ... und die Schatten der Vergangenheit

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Impressum

VORWORT

ANMERKUNG:

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

11.

12.

13.

14.

15.

16.

17.

18.

19.

20.

21.

22.

23.

24.

25.

26.

27.

28.

29.

30.

31.

32.

Liebe Leser!

1.

2.

Von der Autorin sind bisher folgende Bücher erschienen:

Über die Autorin Irene Dorfner:

Impressum neobooks

Impressum

Copyright © 2016 Irene Dorfner

2. Auflage 2017 © Irene Dorfner

3. überarbeiteteAuflage 2021 –

© Irene Dorfner, Postfach 1128, 84495 Altötting

www.irene-dorfner.com

All rights reserved

Cover-Design: Vanja Zaric, D-84503 Altötting

Lektorat: FTD-Script Altötting

Earl und Marlies Heidmann, Spalt

VORWORT

„Die Geschichte lehrt die Menschen, dass die Geschichte die Menschen nichts lehrt.“

Mahatma Gandhi (1869-1948),

indischer Revolutionär

Ich wünsche ganz viel Spaß beim Lesen des 19. Falles mit Leo Schwartz & Co.!!

Liebe Grüße aus Altötting

Irene Dorfner

ANMERKUNG:

Die Personen und Namen in diesem Buch sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Der Inhalt des Buches ist reine Fantasie der Autorin. Auch hier sind Ähnlichkeiten rein zufällig. Die Örtlichkeiten wurden den Handlungen angepasst.

…und jetzt geht es auch schon los:

1.

Ende April 1945

„Peenemünde wird in Kürze angegriffen,“ las der junge Gefreite von der eben erhaltenen Nachricht ab.

Die Männer reagierten gelassen. In den letzten Wochen wurden vermehrt Angriffe gemeldet, die dann aber meist ausblieben.

„Danke,“ sagte einer der Männer und der Gefreite verschwand. Alle hatten die Angst in seinen Augen gesehen. Wie alt er wohl war? Ganz sicher noch keine zwanzig.

„Sollten wir das nicht ernst nehmen?“ Der Obergefreite Sebastian Demmelhuber war irritiert über die lässige Nonchalance, mit der mit dieser für ihn brisanten Nachricht umgegangen wurde.

„Sie sind erst wenige Stunden hier, Demmelhuber. Was glauben Sie, wie viele Fehlalarme wir schon hatten? Die Alliierten machen sich einen Spaß daraus, uns zu erschrecken. Bleiben Sie locker, Demmelhuber. Selbst wenn die Nachricht stimmen sollte, brechen wir nicht in Panik aus. Was glauben Sie, wie oft wir schon bombardiert wurden? Unzählige Male. Seit dem ersten Angriff der Engländer am 17. und 18. August 1943 haben wir die Produktionsstätte unterirdisch verlegt. Sicher sind wir als Heeresversuchsanstalt immer noch Ziel der Angriffe und uns könnte großer Schaden entstehen. Aber die wichtigen Entwicklungen und Produktionen finden alle unterirdisch statt und dort können die Bomben der Alliierten nichts anrichten. Sollten wir tatsächlich angegriffen werden, sind wir schnell in den Luftschutzbunkern, die es hier zu Hauf gibt. In Ihrer Unterkunft liegt ein Lageplan bereit, damit Sie für den Ernstfall gewappnet sind.“ Leutnant Mooser sprach sehr ruhig und bestimmt, obwohl ihm die Ängste der Neulinge auf die Nerven gingen. Aber auch er hatte schließlich irgendwann angefangen und konnte die Gefühle Demmelhubers nachvollziehen.

„Sollten wir nicht wenigstens Dornberger oder von Braun benachrichtigen?“ Demmelhuber gab nicht auf. Hier stand sehr viel auf dem Spiel. Er war vom Oberkommando des Heeres extra nach Peenemünde gesandt worden, um die Arbeiten an der neuen Bombe voranzutreiben. Außerdem hatte er das Serum dabei, das für die Produktion von enormer Wichtigkeit war und welches unter Hochdruck hergestellt wurde. Die Arbeiten an der Produktionsstätte „Weingut I“ bei Mühldorf am Inn kamen gut voran. Es war nur eine Frage der Zeit, wann dort endlich mit der Produktion der Messerschmitt Me262 begonnen werden konnte. Mit diesem Flugzeug und der neuen Bombe könnte man den Krieg noch gewinnen. Die Alliierten hätten mit dieser neuen Erfindung keine Chance mehr. Demmelhuber war überzeugt davon und hatte sein Leben riskiert, um die Pläne und das Serum nach Peenemünde zu den Verantwortlichen zu bringen. Nichts durfte dieses Vorhaben behindern.

„Nein, wir werden von Braun und Dornberger nicht damit belästigen,“ sagte Mooser bestimmt und widmete sich wieder den auf dem Tisch ausgebreiteten Plänen.

„Wie stellen die da oben sich das vor? Es herrscht Materialknappheit und wir haben mit unseren laufenden Produktionen schon große Schwierigkeiten. Woher sollen wir das Material für diese zusätzliche Aufgabe nehmen?“ Mooser war genervt von den ständigen Forderungen, die sich in den letzten Monaten mehrten. Er war kein Zauberer und konnte unmöglich die Mengen an Material für diese neue Bombe beschaffen. Überall herrschte Chaos und man konnte spüren, dass es zu Ende ging. Einen Sieg des Deutschen Reiches hielt er bis gestern nicht mehr für möglich. Aber mit dieser neuen Bombe gab es noch den Hauch einer Chance, so barbarisch sie sich auch anhörte. Sie mussten handeln, und zwar so schnell wie möglich. Irgendwie musste er es schaffen, das Material dafür zu organisieren. Er musste Wernher von Braun von dem Befehl unterrichten. Wie würde er darauf reagieren? Ganz sicher war er gegen eine Produktionsumstellung, aber der Befehl war eindeutig. Sollte er ihm die Wahrheit sagen? Nein. Von Braun war für diese Bombe sicher nicht zu haben, das wusste Mooser, schließlich kannten die beiden sich schon seit vielen Jahren. Das Deutsche Reich brauchte diese Bombe, und zwar so schnell wie möglich. Sollte man den Gerüchten glauben, dann war der Feind weiter vorgerückt, als allgemein bekannt war. Wieder und wieder studierte Mooser die Pläne. „Zeigen Sie mir den Stoff,“ forderte er Demmelhuber auf.

Der zögerte, denn den Behälter mit der farblosen Flüssigkeit behandelte er wie ein rohes Ei. Aber Mooser bestand darauf und es blieb ihm nichts Anderes übrig, als ihn ihm zu geben. Vorsichtig zog er den Lederbehälter aus der Tasche, woraufhin alle sofort einen Schritt zurücktraten. Langsam wickelte Demmelhuber den Glasbehälter aus mehreren Stofftüchern und gab ihn Mooser.

„Das ist alles? Das bisschen soll ausreichen?“

„Natürlich nicht. In meinem Wagen befinden sich noch weitere Ampullen mit weit größerem Inhalt. Dieses Teil hier,“ und dabei zeigte er auf den Plan, “ist kein Bauteil. Dieses wird durch einen eigens dafür vorgesehenen Glasbehälter ersetzt, dessen Plan Ihnen vorliegt.“

Mooser studierte erneut den Plan. Tatsächlich! Hier inmitten der Sprengladung soll ein kleiner Glasbehälter mit wenigen Tropfen platziert werden. Allein die Menge, die er in Händen hielt, reichte für viele Bomben aus.

Demmelhuber begann zu schwitzen, denn wenn Mooser den Glasbehälter fallen ließ, wären sie alle infiziert und damit dem Tode geweiht. Bei jeder unbedachten Handbewegung Moosers stöhnte nicht nur Demmelhuber, sondern auch alle anderen auf.

„Man sollte die Kiste aus meinem Wagen so schnell wie möglich in Sicherheit bringen.“

„Ich kümmere mich darum,“ sagte Mooser und hielt den Glasbehälter ins Licht.

„Man sollte sich damit beeilen. Wie wir eben vernommen haben, droht ein Angriff der Alliierten. Ich bitte Sie inständig,…“ flehte Demmelhuber.

„Ich sagte doch, dass ich mich darum kümmern werde!“, sagte Mooser unfreundlich. Er war Widerworte nicht gewohnt und mochte es nicht, wenn man ihm sagte, was er zu tun hatte. Vor allem nicht von einem Untergebenen.

Demmelhuber hielt sich zurück. Er war die ganze Nacht gefahren und hatte sich durch nichts aufhalten lassen. Dieses Serum war unter strengster Geheimhaltung im KZ Sachsenhausen produziert worden und konnte dort nur an einzelnen Probanden getestet werden. Die waren sofort tot gewesen. Für weitere Tests war keine Zeit mehr. Alle Hoffnungen lagen auf dieser Bombe, die schnellstmöglich gebaut werden musste.

Mooser betrachtete den Glasbehälter lange von allen Seiten. Am liebsten hätte er es vor einer kompletten Produktionsumstellung ausgiebig getestet, aber dafür hatte er keine Genehmigung. Der Befehl war unmissverständlich.

Plötzlich öffnete sich die Tür und Wernher von Braun trat ein. Ehrfürchtig verbeugte sich Demmelhuber, er war ein großer Bewunderer des Mannes. Für ihn war er ein Genie, ein Idol. Bis jetzt kannte er ihn nur von Fotografien und aus Bildern der Wochenschau, aber jetzt stand er leibhaftig vor ihm. Vergessen waren die Ängste vor einem Angriff der Alliierten. Allerdings hatte er auch den Glasbehälter vergessen, von dem von Braun nichts wissen durfte. Mooser reagierte umgehend und steckte ihn in seine Jackentasche. Wohlwissend, dass das bei einem Leck seinen sofortigen Tod und den Tod vieler in Peenemünde bedeutete.

Wernher von Braun sprach nicht viel. Mooser übergab ihm mit einer tiefen Verbeugung den Befehl, den von Braun wütend las. Dann sah er sich die Pläne an. Würde er das Bauteil entdecken, das eigentlich keinen Sinn machte? Der Plan war relativ klein gehalten, wodurch dieses Bauteil in der Menge unterging. An von Brauns Wangenknochen konnte man sehen, dass er mit dieser Bombe nicht einverstanden war.

„Wir könnten in wenigen Tagen mit der Produktion der Bomben anfangen,“ sagte Mooser. „Ihnen ist klar, dass wir dafür das Arbeitslager Dora brauchen?“

„Das kommt überhaupt nicht in Frage,“ rief von Braun verärgert. „In Dora werden nur A4 gebaut, sonst nichts. Das habe ich mit Speer abgesprochen und er hat mir eine ungestörte Produktion zugesichert. Suchen Sie sich für die Produktion der N1-Bombe eine andere Produktionsstätte.“

Jetzt kam Demmelhuber ins Spiel, der sofort eine Akte aus seiner Tasche zog.

„Das soll ich Ihnen geben,“ sagte er zu Wernher von Braun.

Widerwillig las von Braun die Anweisung des Oberkommandos des Heeres, die persönlich an ihn gerichtet war. Wütend warf er die Akte auf den Tisch.

„Jeden Tag gibt es neue Anweisungen, die sich nicht selten widersprechen. Wissen die da oben überhaupt noch, was sie wollen? Dora muss sich auf die Produktion der A4 konzentrieren. Wenn wir diese unterbrechen, wirft uns das Monate zurück. Das können wir uns nicht leisten. Die Alliierten stehen vor der Tür. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann es mit dem Deutschen Reich zu Ende geht. Nur noch mit der A4 können wir den Gegner empfindlich treffen. Wenn wir mehr Zeit hätten, können wir es schaffen, diese zu perfektionieren und damit den Gegner zu schlagen.“

Alle waren von dem Erfindungsgeist, der Begeisterung und den Entwicklungen von Brauns begeistert und überzeugt. Allerdings waren die Ergebnisse der Angriffe der A4 nicht so, wie ursprünglich erwartet und versprochen.

„Die A4 ist zu ungenau,“ sagte Mooser.

„Das weiß ich auch. Wir arbeiten daran und brauchen mehr Zeit.“

Mit der Aggregat 4, kurz A4, konnte man eine Tonne Sprengstoff ans Ziel bringen. Sie hatte eine enorme Reichweite und eine sehr hohe Geschwindigkeit. Allerdings war die Zielgenauigkeit sehr gering und richtete hauptsächlich in der Zivilbevölkerung großen Schaden an. Aber daran arbeiteten von Braun und seine fähigsten Mitarbeiter. Er brauchte mehr Zeit und mehr Geld. Beides hatte er nicht.

„Die Produktion der N1-Bombe geht vor. Sie haben den Befehl selbst gelesen,“ sagte Mooser, der von dieser neuen Erfindung überzeugt war. Außerdem saß ihm sein Vorgesetzter im Nacken, der keine Widerrede zuließ.

„Es ist überall bekannt, dass die N1-Entwicklung noch nicht ausgereift ist. Das hier ist nur ein Vorentwurf. Wir konnten noch keinen einzigen Test vornehmen. Wir wissen noch nicht einmal, ob und wie die Bombe funktioniert.“

„Trotzdem wird die N1 gebaut. Und zwar in Dora.“

„Und mit was soll die N1 abgeworfen werden? Dafür braucht man ein wendiges Flugzeug, und zwar in großer Stückzahl. Meines Wissens nach sieht es mit der Luftwaffe sehr dürftig aus. Der Mangel an Flugzeugen und an Treibstoff ist doch bekannt.“

„Die Produktion der Me262 läuft auf Hochtouren. An einer neuen Produktionsstätte wird gebaut. In drei bis vier Monaten sind genügend Flugzeuge einsatzfähig,“ sagte Demmelhuber, der von dieser Aussage überzeugt war. Warum auch nicht? Nur mit dieser Maschine funktioniert die Bombe einwandfrei.

„Sind Sie sicher? Sie sprechen von dem neuen Werk im bayerischen Mühldorf? Soweit ich informiert bin, steht das Werk noch nicht einmal. Es wird Monate dauern, bis man dort mit dem Bau der Me262 beginnen kann. Sauckel hat vor Monaten versprochen, täglich bis zu eintausend Maschinen in seiner unterirdischen Anlage zu bauen. Und wie viele hat er bisher geliefert? Nur einen Bruchteil davon. Außerdem bin ich davon überzeugt, dass die Me262 ein reines Jagdflugzeug und kein Bomber ist. Das habe ich auch zu Speer gesagt, der mir sofort zustimmte. Aber der redet dem Führer nach dem Mund und traut sich nicht, ihm zu widersprechen.“

„Die Baumaßnahmen im Mühldorfer Hart sind bereits weit fortgeschritten. Der Bunker für den Bau der Me262 wird rechtzeitig fertig werden,“ wiederholte Demmelhuber. Er hatte die Pläne im riesigen Waldstück bei Mühldorf selbst gesehen und glaubte an den Erfolg.

„Nein, das wird er nicht! Und wir alle wissen das. Selbst wenn genügend Flugzeuge vorhanden wären, besteht immer noch das Treibstoffproblem. Womit sollen die Flugzeuge betankt werden? Außerdem ist doch hinlänglich bekannt, dass Ersatzteile und vor allem ausgebildete Piloten fehlen. Wer soll diese Maschinen fliegen? Bis genügend Me262 und die dazugehörigen Piloten zur Verfügung stehen, sollten wir uns auf die Produktion der A4 konzentrieren. Alles andere wäre Wahnsinn.“

Mooser schüttelte den Kopf.

„Die Entscheidung steht fest, darüber zu diskutieren ist zwecklos. Die Produktion der A4 wird unterbrochen. Stattdessen wird die N1 produziert. Die Umstellung muss so schnell wie möglich vonstattengehen.“

Wütend ging von Braun ans Telefon. Es folgte eine lautstarke Auseinandersetzung, die er offensichtlich verlor. Er legte wütend auf und wählte eine weitere Nummer.

„Ab nächste Woche Montag wird die N1 in Dora gebaut,“ wies von Braun an. „Ja, ich weiß, dass das Schwachsinn ist, aber die Anweisung kommt von oben. Ich fahre nach Berlin und spreche mit Speer, vielleicht kann ich ihn doch noch umstimmen. Sobald ich einen anderslautenden Befehl bekomme, melde ich mich umgehend. Bis dahin gilt der aktuelle Befehl, die N1 zu bauen. Kümmern Sie sich darum.“

Von Braun stürmte wütend aus dem Zimmer. Alle sahen vom Fenster aus zu, wie er davonfuhr. Von Braun wollte nach Berlin und die Oberste Heeresleitung umstimmen. Ob ihm das gelang? Mooser selbst hatte dem Befehl zunächst widersprochen und biss auf Granit. Alle Hoffnung lag auf der konzentrierten Produktion der Me262 und dieser Bombe, um deren Produktion er sich nun kümmern musste.

Mooser übergab Demmelhuber das Serum. Alle Umstehenden waren erleichtert, als sie zusahen, wie der Glasbehälter behutsam eingewickelt wurde und im Lederetui verschwand.

„Vergessen Sie bitte nicht das Serum im Fahrzeug,“ wiederholte Demmelhuber.

„Sie gehen mir mächtig auf die Nerven! Ich sagte bereits mehrfach, dass ich mich darum kümmere,“ schrie Mooser wütend.

Sebastian Demmelhuber wurde ein kleines Zimmer in der Mannschaftsunterkunft zugeteilt. Die Einrichtung war spartanisch, aber ausreichend. Sein Aufenthalt in Peenemünde war aufregend. Alles war aufregend, seit er von der russischen Front zurückbeordert wurde. Das war sein großes Glück gewesen, denn die Lage dort war katastrophal. Er hatte viele seiner Kameraden sterben sehen und noch niemals vorher hatte er so großen Hunger verspürt. Die Brutalität einiger Kameraden hatte ihn anfangs erschreckt und er hatte mehrere Meldungen gemacht, die alle ins Leere liefen. Je größer seine eigene Verzweiflung und Not war, desto mehr sank auch seine eigene Hemmschwelle, wofür er sich heute schämte. Ob das an dem Pervitin lag, das an alle Kameraden ausgegeben wurde? Möglich. Durch dieses Medikament war das Leben als Soldat leichter. Pervitin wurde Panzerschokolade, Stuka-Tabletten, Hermann-Göring-Pillen oder Fliegermarzipan genannt. Das Mittel diente zur Dämpfung des Angstgefühls, sowie zur Steigerung der Leistungs- und Konzentrationsfähigkeit und war bei allen Soldaten, Piloten und Fahrzeugführern beliebt. Es ging das Gerücht um, dass man davon abhängig oder gar krank werden konnte, aber das interessierte kaum jemanden. Mit Pervitin war das Leben als Soldat leichter und nur das zählte.

Aber das lag hinter Sebastian Demmelhuber. Er war jetzt hier in Peenemünde und konnte sein Glück immer noch nicht fassen. Bei einem Einsatz an der russischen Front hatte er großen Mut bewiesen und acht Kameraden in Sicherheit gebracht, wofür er die Tapferkeitsmedaille verliehen bekam, die er mit Stolz trug. Das hatte großen Eindruck auf seinen Vorgesetzten von Michel gemacht, der ihn lobend erwähnte. Das war seine Fahrkarte für diesen Einsatz gewesen. Wäre er damals nicht so mutig gewesen, wäre er vermutlich längst tot. Nachts verfolgten ihn schreckliche Bilder, weshalb er nicht mehr gerne schlief. Er hoffte inständig, dass er irgendwann mit den Bildern leben konnte. Jetzt war nicht der Moment, sich Gedanken darüber zu machen. Seine Aufgabe in Peenemünde war sehr wichtig. Er hatte die endgültigen Pläne überbracht und hatte das Wundermittel dabei, womit die neue Bombe bestückt werden sollte. Nur Mooser und drei seiner engsten Mitarbeiter wussten davon, und dabei sollte es auch bleiben. Die neue N1-Bombe unterlag strengster Geheimhaltung. Das war die große Hoffnung, auf die die deutsche Führung baute. Der Bau des Bunkergeländes mit dem Decknamen „Weingut I“ bei Mühldorf lief auf Hochtouren und war für Demmelhuber persönlich jetzt schon ein Erfolg. Nicht mehr lange, und er konnte wieder bei seiner Familie leben, denn er selbst wurde in Mühldorf geboren und wuchs dort auf. Vor zwei Jahren hatte er geheiratet, seine Tochter wurde letztes Jahr geboren. Er kannte die kleine Erika nur von Bildern, die ihm seine Frau an die Front geschickt hatte. In zwei Wochen konnte er sie endlich sehen, sie fühlen, riechen und endlich ein Vater für sie sein. Wie würde er seiner Frau begegnen, die er kaum kannte? War die Zuneigung noch so groß, dass sie es schaffen würden, eine gemeinsame Zukunft aufzubauen. Ganz sicher. Warum nicht?

Durch das plötzliche Aufheulen der Sirenen erschrak er. Ein Luftangriff! Wo war der nächste Luftschutzbunker? Hektisch suchte er in seinem Zimmer nach dem Plan, den Mooser erwähnt hatte. Aber er fand keinen. Er musste raus hier, und zwar so schnell wie möglich. Er nahm seine Tasche mitsamt dem Serum und der dazugehörigen Anleitung; er orientierte sich an den anderen, die in eine Richtung liefen. Die ersten Bomben fielen. Eine Druckwelle riss ihn zu Boden. Er rappelte sich auf und fiel gleich darauf wieder hin. Um ihn herum herrschte Chaos. Der beißende Qualm nahm ihm die Luft. Der Wagen! Hatte Mooser Wort gehalten? War die Kiste mit den Ampullen in Sicherheit gebracht worden? Er vergaß seinen persönlichen Schutz und suchte nach seinem Wagen. Hier hatte er den Wagen abgestellt, ganz sicher. Aber wo war er? Hektisch suchte er das ganze Areal ab, wobei er die Bomben der Tiefflieger nicht mehr wahrnahm. Auf dem Boden lag ein Stück Holz, das eindeutig von seiner Kiste stammte. Verdammt! Mooser hatte sein Wort nicht gehalten. Dann entdeckte er das Wrack seines Wagens, von dem nicht mehr viel übrig war. Sofort hielt er sich ein Tuch vors Gesicht, er durfte die Luft nicht einatmen, das würde seinen Tod bedeuten.

Seine Gedanken galten nur dem Schutz des Serums, das sich zusammen mit einer Liste der Inhaltsstoffe in seiner Tasche befand. Als der Jude Schönfeld im KZ Sachsenhausen das Serum endlich fertiggestellt hatte, jagte er das Labor in die Luft, wobei auch Schönfeld ums Leben kam. Nur dieses Muster, die Liste der Inhaltsstoffe und die Ampullen konnten gerettet werden. Und jetzt gab es nur noch die klägliche Menge in seiner Tasche. Wie viele Bomben konnten mit dem Rest bestückt werden? Es war klar, dass das viel zu wenig sein würde. Gab es die Möglichkeit, anhand der Liste der Inhaltsstoffe die genaue Zusammensetzung herzuleiten? Ganz sicher konnte man das. Demmelhuber umklammerte die Tasche. Um ihn herum brannte es und der Qualm nahm ihm die Sicht. Wo waren die anderen? Er war auf sich allein gestellt und beschloss, einfach loszulaufen. Wohin er lief, wusste er nicht. Er wollte nur weg. Er nahm wahr, dass die Flugzeuge in Scharen über Peenemünde flogen, der Lärm war ohrenbetäubend. Die Detonationen wurden nicht weniger. Demmelhuber rannte um sein Leben, wobei er mehrmals nur knapp dem Tode entkam. Leichen und Leichenteile säumten seinen Weg, Verwundete riefen um Hilfe. Er konnte nicht helfen, er musste sich und den brisanten Inhalt in seiner Tasche aus der Gefahrenzone bringen. Die Augen der Verwundeten sahen ihn flehend an, aber er musste sie ignorieren. Auch diese Bilder würden ihn in den Nächten nicht mehr in Ruhe lassen. Er rannte unvermittelt weiter, seine Aufgabe war zu wichtig. Nach zwei Stunden hatte er es geschafft, er war aus der Gefahrenzone. War er das wirklich? Wie viel hatte er von dem Serum abbekommen? Welche Auswirkungen hatte es? Das war Demmelhuber im Moment gleichgültig. Jetzt galt es, den Inhalt seiner Tasche so schnell wie möglich nach Mühldorf zu bringen. Dort würde man sicher wissen, was zu tun war.

Sebastian Demmelhuber war längst im Fokus der Alliierten. Vor allem die Engländer machten Jagd auf ihn. Als klar war, dass er sich in Peenemünde aufhielt, mussten sie ihn unbedingt stoppen. Auch deshalb wurden die Luftangriffe verstärkt. Als die Angriffswelle vorbei war, brauchten britische Agenten zwei Tage um festzustellen, dass Demmelhuber nicht unter den Opfern war. Er war ihnen entwischt.

Drei Tage später war Demmelhuber endlich in Mühldorf angekommen. Die Reise von Peenemünde bis hierher war ein Abenteuer gewesen. Nur mit viel Mühe konnte er einen Wagen beschaffen, wobei der Sprit sehr viel schwieriger zur organisieren war. Viele Brücken und Straßen waren unpassierbar gewesen, wodurch er große Umwege in Kauf nehmen musste. Trotzdem hatte er es geschafft. Die Fahrt durch Mühldorf erfüllte ihn mit einem wohligen Gefühl. Hier vorn war er zur Schule gegangen, dort wohnten seine Großeltern. Es hatte sich in den zwei Jahren, seit er fort war, nicht viel verändert. Dort hinten, nur vier Straßen weiter, lebten seine Frau und seine kleine Tochter. Wie gerne wäre er zuerst nach Hause gefahren, aber das durfte er nicht. Er musste das Serum und die Papiere dem Kommandanten im Mühldorfer Hart übergeben, der dann die weiteren Schritte veranlassen würde.

Sein Husten wurde stärker, er hatte Probleme beim Atmen. Er bremste an der Hauptstraße und ließ eine Kolonne Wehrmachtsfahrzeuge passieren. Er betrachtete sein Gesicht im schmutzigen Rückspiegel. Was war das für ein entsetzlicher Ausschlag?

Als er im Mühldorfer Hart eintraf, blickte er sich erschrocken um. Das war alles, was bisher gebaut wurde? Die Anlage befand sich noch mitten im Bau und nichts deutete darauf hin, dass hier in Kürze Flugzeuge gebaut werden konnten. Nur sieben der zwölf geplanten Außengewölbe waren bisher fertig. Noch bevor Demmelhuber mit einem Verantwortlichen sprechen konnte, fuhren mehrere Lkw vor. Es folgte eine hektische Betriebsamkeit, die er nicht verstand.

„Was ist hier los?“, fragte er einen Gefreiten.

„Die Amerikaner sind nicht mehr weit weg. Hier wird alles evakuiert.“

„Und was ist mit der Produktionsstätte? Was ist mit der Me262?“

„Hast du es immer noch nicht verstanden? Der Krieg ist vorbei! Sieh zu, dass du dich in Sicherheit bringst!“

Demmelhuber konnte es nicht fassen. War wirklich alles zu spät? Gab es für das Deutsche Reich keine Hoffnung mehr? Was würde werden? Ging jetzt alles in Feindeshand über? Nein! Das konnte und durfte nicht sein! Die vielen Opfer konnten nicht umsonst gewesen sein. Er suchte nach einem Verantwortlichen, um diesen Wahnsinn hier zu beenden. Die Me262 musste gebaut werden, er hatte doch das Serum und die Liste mit den Inhaltsstoffen! Für einen Mann mit chemischen Fachkenntnissen dürfte die Herstellung des Serums eine Kleinigkeit sein.

Niemand wollte mit ihm sprechen, alle wimmelten ihn ab. Er fand ein Telefon und brauchte mehrere Anläufe, bis er endlich eine Verbindung nach Berlin bekam. Wiederholt verlangte Demmelhuber, einen Verantwortlichen zu sprechen.

„Verstehen Sie nicht?“, schrie der Mann ihn an. „Hier ist niemand mehr, alle sind abgehauen oder haben sich ergeben.“

„Ergeben?“

„Die Russen sind in Berlin, die Amerikaner und Engländer haben bereits große Teile des Deutschen Reiches besetzt. Der Krieg ist vorbei.“

Jetzt hatte Demmelhuber endlich verstanden. Resigniert legte er auf und beobachtete das Chaos um sich herum. Sollte er nicht einfach auf einen der Lkw aufspringen? Nein! Auch für ihn war der Krieg vorbei. Er setzte sich in den Wagen, startete, aber er kam nur wenige Meter weit. Der Tank war leer. Hier in diesem Chaos Sprit zu finden, war zwecklos. Er beschloss, zu Fuß nach Hause zu gehen. Nur eine Stunde trennte ihn von seinen Lieben.

Ihm ging es immer schlechter. Er begann, stark zu schwitzen. Der Ausschlag hatte sich über den Körper ausgebreitet. Sein Körper juckte fürchterlich und die dicken Pusteln begannen zu nässen. Seit er losgelaufen war, musste er sich mehrfach übergeben.

Demmelhuber kam nicht weit. In einem Waldstück des Mühldorfer Harts hielt unweit ein Jeep: Die Amerikaner waren bereits hier! Nein, das waren Engländer! Er musste nicht nur sich selbst, sondern vor allem das Serum und die Liste der Inhaltsstoffe in Sicherheit bringen. Trotz seiner zunehmenden Schwäche rannte er los, aber zwei Uniformierte liefen ihm hinterher; auch der Jeep folgte ihm. Der Abstand zwischen ihnen verringerte sich rasch. Nicht mehr lange, und sie hatten ihn. Das Serum und die Liste durften nicht in Feindeshand gelangen. In Berlin bekam er den Befehl, beides mit seinem Leben zu verteidigen. Und Befehl war Befehl. Wohin damit? Mit zitternden Händen öffnete er die Mappe und riss die wichtige Seite heraus. Dann nahm er den Glasbehälter aus dem Lederetui und wickelte ihn aus den Tüchern. Er steckte nur die eine Seite und das Serum ein, alles andere warf er in hohem Bogen weit von sich. Es war ihm klar, dass die Verfolger ihn beobachteten, darauf hatte er es abgesehen.

„Das muss er sein,“ rief Captain Monroe zu seinen Männern. Er hatte es sich persönlich zur Aufgabe gemacht, Demmelhuber und dieses wahnsinnige Vorhaben zu stoppen. „Hinterher, Männer!“ Er selbst fuhr den Jeep und ließ Demmelhuber nicht mehr aus den Augen. Er lenkte den Jeep waghalsig durchs Gelände und riskierte einen Unfall. Das war gleichgültig. Sollte Demmelhuber das Serum bei seiner Flucht verlieren, waren sie sowieso alle dem Tod geweiht, das wussten er und seine Kameraden, als sie sich freiwillig meldeten. Monroe beobachtete, wie Demmelhuber die Tasche weit von sich warf. Sie war offen und der Inhalt verteilte sich übers Gelände. „Dort hinten! Holt die Tasche und sammelt den Inhalt ein!“, befahl Monroe.

„Was ist mit dem Deutschen?“, rief der junge Corporal Johnson.

„Erst die Unterlagen! Den Mann kriegen wir später!“

Während die Engländer die Tasche und den Inhalt einsammelten, rannte Demmelhuber weiter. Wohin mit der Liste und dem Serum? Er konnte sie nicht einfach im Wald verstecken, das war zu gefährlich. Die Verfolger würden jeden Zentimeter absuchen und würden beides finden. Er musste sich dringend etwas einfallen lassen. Dann sah er ein Marterl mit einer Marienfigur. Wann wurde diese aufgestellt? Und vor allem warum? Er wusste, dass viele dieser Marterl an Stellen aufgestellt wurden, an denen Familienmitglieder verunglückten. Einige wurden auch aus Dankbarkeit oder als Fürbitten aufgestellt. Der Unterschied war wichtig, denn wenn dieses Marterl für einen Verunglückten errichtet wurde, könnte die Figur hohl sein. Das wusste er von dem Marterl, das sich auf dem Grundstück seiner Großeltern befand, das im Jahr 1832 nach einem tödlichen Unfall eines Kindes errichtet wurde. Die Figur an dem Marterl war hohl, wovon er durch Zufall Kenntnis bekam. Man gab damals persönliche Dinge oder Andenken in den Hohlkörper, was aber in den letzten Jahrzehnten nur noch selten gemacht wurde.

Wie alt war diese Figur da vorn? Das war jetzt nicht wichtig. Er riss die Figur vom Sockel und schüttelte sie. Er drehte und drückte an der Figur, sie war jetzt seine einzige Rettung. Die Engländer hatten seine Spur wieder aufgenommen und kamen näher. Dann spürte er, wie der Fußteil der Marienfigur nachgab. Hektisch drehte er solange, bis das Teil ab war. Die Figur war tatsächlich hohl! Er nahm die verschiedenen Andenken aus der Figur und steckte sie in seine Jackentasche. Dann stopfte er die Liste und das Serum in den Hohlkörper, beides fand gerade so Platz darin. Rasch stellte er die Marienfigur zurück an ihren Platz. Hatten die Engländer gesehen, was er gemacht hatte? Darum kümmerte er sich nicht, sondern rannte weiter.

Captain Monroe war wütend. Genau die Seite, die wichtig war, wurde herausgerissen. Auch das Serum hatten sie nicht gefunden. An dem Befehl und den Anweisungen zum Bau der Bombe war er nicht interessiert. Sein Interesse galt einzig und allein der Anleitung und dem Serum, von dem er nicht wusste, welche Auswirkungen es hatte. Aufgrund des Lederetuis und der Tücher vermutete er, dass Demmelhuber beides immer noch bei sich trug. Dieser hinterlistige Teufel hatte sie getäuscht. Der verdammte Deutsche war sehr gerissen und hatte sich einen zeitlichen Vorsprung verschafft, den sie so schnell wie möglich aufholen mussten. Noch vermutete er die Pläne und das Serum bei Demmelhuber. Er würde nicht so dumm sein, beides im Wald zu verstecken. Es würde ein Leichtes werden, beides zu finden.

Endlich hatten sie ihn aufgespürt und näherten sich ihm. Seine Kräfte schwanden.

Mehrmals versuchte Monroe, ihn zum Aufgeben zu bewegen und kramte alle deutschen Worte aus seinem Gedächtnis, die ihm einfielen. Aber Demmelhuber reagierte nicht.

Sebastian Demmelhuber konnte nicht mehr. Er blieb völlig entkräftet stehen und drehte sich zu den Verfolgern um. Wie konnte er die Engländer davon abhalten, ihn nicht einfach abzuknallen? Es war Krieg und niemand würde sich für seinen Tod interessieren. Er griff in die linke Jackentasche, wo er das Foto seiner kleinen Tochter immer aufbewahrte. Er wollte es hochhalten und damit die Engländer besänftigen.

Während Monroe das Foto als solches erkannte, verstand Johnson die Geste falsch. Er vermutete, dass der Deutsche nach seiner Waffe griff, zog seine Waffe und schoss auf Demmelhuber. Der brach tot zusammen.

Erst jetzt erkannten die Engländer Demmelhubers Zustand und waren schockiert. Der Mann sah furchterregend aus, das Gesicht war eine einzige Fratze. Alle hielten sich sofort Tücher vors Gesicht.

„Keiner fasst die Leiche an. Zurück!“, befahl er. „Sofort!“

Monroe geriet in Panik. Demmelhuber musste sich infiziert haben. Monroe musste schnell handeln, vielleicht war es für ihn und seine Kameraden noch nicht zu spät. Er holte den Benzinkanister vom Wagen und begoss die Leiche damit. Monroe suchte in seiner Jacke nach einem Feuerzeug. Das dauerte Johnson zu lange. Er warf seine eben angezündete Zigarette auf die Leiche, die sofort in Flammen aufging. Die Gerüchte um das Serum waren also wahr. Aber um was ging es genau? Hatten sie sich bei ihm angesteckt? Sofort nach ihrer Rückkehr mussten sie sich untersuchen lassen, aber das musste warten. Hatte Demmelhuber die Pläne und das Serum bei sich? Wenn ja, wäre jetzt beides vernichtet. Konnten sie sich darauf verlassen?

Mehrmals gingen sie den Weg ab, den Demmelhuber gegangen war. Hier war nichts.

„Verlieren wir keine Zeit, Männer. Ich rufe Verstärkung. Sollen die sich alles nochmals vornehmen und jeden einzelnen Stein umdrehen.“ Monroe war besorgt. Er hatte nicht nur Angst um seine Gesundheit, sondern war auch für die seiner Kameraden verantwortlich. Als die Verstärkung in Schutzanzügen eintraf, machten sich er und seine Männer auf den Weg zum Arzt, der sie lange untersuchte. Alle waren im Moment in blendender Verfassung, niemand hatte sich augenscheinlich angesteckt. Der Arzt bestand darauf, dass Monroe und seine Männer in Quarantäne blieben, bis wirklich ausgeschlossen werden konnte, dass sie erkrankt waren.

Mehrere Tage durchkämmten die Engländer mit Unterstützung der Amerikaner das ganze Gebiet um den Toten. Weder das Serum, noch die Pläne dafür konnten gefunden werden. Alle trösteten sich damit, dass alles in Flammen aufging. War das so? Keiner konnte sich wirklich sicher sein.

2.

Über 70 Jahre später…

Die Mühldorfer Kriminalbeamten diskutierten über die Anweisung von Rudolf Krohmer, dem Leiter der Polizeiinspektion Mühldorf am Inn. Da kein aktueller Fall vorlag, sollten alte Fälle überarbeitet werden.

„Sie kommen immer wieder mit demselben Mist daher,“ maulte Hans Hiebler. Der 55-Jährige hasste stupide Büroarbeit und hatte keine Lust darauf, staubige Akten zu wälzen, während sich draußen noch die letzten warmen Tage des ansonsten so traurigen Sommers ankündigten. Die Aussicht darauf, die wenigen sonnigen Tage im Büro zu verbringen, demotivierten ihn.

„Hans hat Recht,“ sagte Leo Schwartz. Auch der 51-jährige gebürtige Schwabe hatte keine Lust auf die Arbeit.

„Ich darf doch sehr bitten!“, sagte Krohmer ernst, wobei er einen verächtlichen Blick auf Leos T-Shirt warf. Über die Abbildungen von Rockbands hatte er sich längst gewöhnt, aber diese Freiheitskämpfer in den letzten Wochen, deren Konterfei von knallbunten Symbolen unterstrichen wurden, kränkten seine Augen.

„Ich habe gehört, dass die Kollegen einen interessanten Fall bearbeiten,“ sagte Werner Grössert, der nichts gegen Aktenarbeit einzuwenden hatte. Allerdings interessierte ihn das, was er vorhin auf dem Flur aufgeschnappt hatte, sehr viel mehr. „Es geht um Diebstahl und Schmuggel von Heiligenfiguren, die vermehrt in unserer Gegend auftreten. Wir sollten die Kollegen unterstützen,“ sagte der 40-Jährige voller Überzeugung. Wie immer trug Werner Grössert einen modischen Anzug mit Hemd, Weste und Krawatte und hob sich rein optisch sehr von Leo und Hans ab, die hauptsächlich in bequemer Freizeitkleidung zum Dienst erschienen. Warum auch nicht?

„Um was geht es dabei?“, wandte sich Leo an seinen Vorgesetzten.

„Es stimmt, was Herr Grössert sagte. Eine Diebesbande hat sich offenbar darauf konzentriert, Heiligenfiguren zu klauen, wobei das Material nicht wichtig zu sein scheint. Die Diebstähle betreffen nicht nur unsere Gegend, die Bande agiert im gesamten süddeutschen Raum. Ich habe mit meinen Kollegen gesprochen, die sich seit Monaten damit herumschlagen müssen.“

„Sind die Figuren so wertvoll, dass sich ein Diebstahl lohnt?“

„Nein, eben nicht. Das ist es, was den Fall so kompliziert macht. Es scheint auch völlig gleichgültig zu sein, wer dargestellt wurde. Ich hoffe, dass dieser Unsinn so schnell wie möglich aufhört. Es wird nicht mehr lange dauern und die Presse wird hellhörig. Können Sie sich vorstellen, was dann los ist?“, stöhnte Krohmer.

„Gerade deshalb sollten wir die Kollegen unterstützen,“ wiederholte Werner. Leo und Hans stimmten zu. Dieser Fall war sehr viel verlockender als trockene Aktenarbeit.

„Meinetwegen,“ brummte Krohmer.

„Wer bearbeitet den Fall?“

„Asanger und Stumpf.“

Leo stöhnte auf. Ausgerechnet Asanger! Mit ihm war er mehrfach aneinandergeraten, die beiden waren zu unterschiedlich. Tobias Asanger war 42 Jahre alt und wollte auf der Karriereleiter bis ganz nach oben kommen. Das war nicht verwerflich, wenn er dabei nicht so plump und hinterfotzig vorgehen würde. Er verkaufte Ideen und Erfolge anderer als seine eigenen. Dabei überging er Kollegen, die auch deshalb nicht scharf darauf waren, mit ihm zusammenzuarbeiten. Joachim Stumpf war aus ganz anderem Holz geschnitzt. Der 48-Jährige war immer höflich und hielt sich gerne zurück. Er war nicht fürs Rampenlicht geschaffen. Außerdem hatte Stumpf eine Vorliebe für warme Leberkäs-Semmeln, von denen sich der Junggeselle fast ausschließlich ernährte. Immer und überall musste man zur Nahrungsaufnahme anhalten. Metzgereien liebten Joachim Stumpf, aber Kollegen konnten irgendwann den Geruch von warmen Leberkäs-Semmeln nicht mehr ertragen. Asanger reagierte gereizt auf die Marotte seines Kollegen, was diesen aber nicht störte. Was blieb den beiden anderes übrig, als sich zusammenzuraufen? Niemand wollte mit ihnen zusammenarbeiten. Also lag es auf der Hand, dass sie irgendwie miteinander auskommen mussten.

Krohmer bat Asanger und Stumpf ins Besprechungszimmer. Auch jetzt hatte Stumpf eine Leberkäs-Semmel in der Hand. Deren Geruch griff schnell um sich und füllte den Raum. Nach wenigen Minuten knurrte Leos Magen. Er hatte heute verschlafen und noch nichts gegessen.

„Wie weit sind die Ermittlungen im Fall der Heiligenfiguren?“

„Bisher gibt es nicht viel,“ sagte Asanger und öffnete die dünne Akte. „Insgesamt wurden in den letzten vier Monaten in unserem Zuständigkeitsbereich 68 Figuren gestohlen.“

„68 Stück?“, rief Leo. „So viele? Alle aus Kirchen?“

„Natürlich nicht. Auch aus kleineren Kapellen, von Marterln und sogar aus Privathaushalten wurden diese Figuren gestohlen. Bevor die Bande bei uns zuschlug, agierte sie in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz.“

„Wie viele geklaute Figuren werden den Dieben bisher insgesamt zugerechnet?“

„527 im süddeutschen Raum. Und das sind nur die, die der Polizei gemeldet wurden. Wir gehen von einer sehr viel höheren Stückzahl aus. Vermutungen nach liegt die Zahl bei über siebenhundert Stück.“

„Es steht außer Frage, dass es sich um dieselben Täter handelt?“

„Ja. Die Diebe treiben ein Spielchen mit den Opfern und der Polizei. An jedem Ort, wo eine Figur geklaut wurde, hinterlassen sie ein Guatl, wobei der Geschmack variiert.“

„Ein was?“ Leo verstand kein Wort.

„Lernen Sie endlich bayerisch Herr Schwartz! Ein Guatl ist ein Bonbon. Hier sind einige Fotos.“

Tatsächlich sah man darauf verschiedene Bonbons.

„Konnten Sie die Spur der Bonbons verfolgen?“

„Keine Chance. Das ist Massenware und kann überall gekauft werden.“

„Was geschieht mit dem Diebesgut?“, wollte Werner wissen.

„Wir vermuten, dass sie verhökert werden. Was sollen die Diebe sonst damit machen? Verheizen? Einschmelzen?“ Asanger wollte einen Witz machen, aber er war der Einzige, der lachte.

„Amerikaner sind ganz scharf auf solche Volkskunst,“ sagte Werner unbeeindruckt. „Wir sollten den amerikanischen Markt im Auge behalten. Was ist mit dem Zoll? Paketdiensten? Internet?“

„Wir sind nur zu zweit. Wie sollen wir das alles bewerkstelligen?“

„Dann bekommen Sie jetzt Unterstützung von drei Kollegen. An die Arbeit. Sehen Sie zu, dass Sie den Fall so schnell wie möglich lösen.“

3.

Die Brüder Kevin und Torsten Kurowski waren ein eingespieltes Team. Die 30- und 32-jährigen Kleinganoven klauten seit geraumer Zeit alles Heiligenfiguren, die ihnen in die Finger kamen. Torsten hatte im Frühjahr letzten Jahres in seiner Stammkneipe ein Gespräch mit angehört, das ihn aufhorchen ließ. Die Männer am Nebentisch unterhielten sich über Reliquienkreuze, ein Wort, das er bis dato noch nie gehört hatte. Als er verstand, dass es sich dabei um Kreuze handelte, in denen Andenken an Verstorbene aufbewahrt wurden, wurde er euphorisch. Die Idee war genial! Allerdings dachte er nicht an Kreuze, sondern an Figuren. Er zog los und klaute einige dieser für ihn wertlosen Figuren, die fast an jeder Ecke standen. Einige waren hohl, wenige beinhalteten irgendwelchen Kram. Bei anderen war es eine Kleinigkeit, darin einen Hohlkörper zu schaffen. Dazu brauchte es nur jemanden, der handwerkliches Geschick besaß.

Torstens Freund Dominik war ein Genie auf dem Gebiet der Chemie. Im Keller seiner Eltern stellte er Crystal Meth her, das Torsten weiterverkaufte, da Dominik im Verkauf eine Niete war. Das Geschäft lief gut und Torsten konnte sich mit den Einnahmen gut über Wasser halten und sich ab und zu etwas gönnen. Aber Dominik nervte in den letzten Wochen mit seinen ständigen Bitten wegen dem Verkauf zu Kunden, die weit entfernt wohnten, einige davon sogar im Ausland. Von beidem ließ Torsten bisher die Finger und verkaufte nur in einem kleinen Radius um seinen Wohnort. Wie stellte sich Dominik das vor? Torsten hatte kein Auto, somit war er auf Lieferdienste angewiesen. Sollte er die Drogen einfach per Post verschicken? Das würde rasch auffliegen. Und dann noch Lieferungen ins Ausland. Wie sollte das funktionieren? Die Kontrollen an Grenzen waren durch die Flüchtlingsströme verschärft worden, persönlich würde er die heiße Ware nicht schmuggeln wollen. Aber wie sonst würde er die Ware ohne Schwierigkeiten ins Ausland bringen können? Heiligenfiguren waren eine Möglichkeit, die für den Schmuggel geradezu ideal wären. Er spann den Gedanken weiter. Er wusste, dass einige Pakete durchleuchtet wurden. Könnte man das irgendwie umgehen? Torsten konnte in der Nacht kaum schlafen, denn wenn das funktionierte, war er ein gemachter Mann. Er selbst war kein Handwerker, aber sein Bruder Kevin. Der war nicht der Hellste, aber handwerklich sehr geschickt, darin machte ihm so schnell niemand etwas vor. Sollte er den einfachen Charakter wirklich ins Vertrauen ziehen? Warum nicht?

Am nächsten Tag unterbreitete Torsten seinem Bruder die Idee. Der hörte ruhig zu, was sonst nicht seine Art war.

„Ich glaube, dass das funktionieren könnte. Man müsste die Figuren auskleiden. Besorg mir ein paar Heiligenfiguren. Gib mir Geld, ich muss Material besorgen.“

„Was hast du vor?“

„Das erkläre ich später.“ Torsten gab seinem Bruder Geld. Wie immer war Kevin pleite. „Morgen Abend treffen wir uns wieder. Dann werden wir sehen.“

Torsten brauchte nur zuzulangen. Heiligenfiguren standen in Süddeutschland in jedem Haushalt und beinahe an jeder Ecke, er brauchte sich nur bedienen.

Kevin wartete ungeduldig auf seinen Bruder. Als er Torstens Figuren entgegennahm, machte er sich sofort an die Arbeit. Einige Figuren waren nicht hohl, das war aber kein größeres Problem. Mit einem Fräser hatte er Aussparungen geschaffen, die er nun alle mit Blei verkleidete.

„Blei?“

„Das Material ist ideal. Es hat einen niedrigen Schmelzpunkt, ist leicht verformbar und hält jeder Kontrolle stand. Außerdem ist es so dicht, dass kein Geruch durchdringt. Drogenspürhunde haben da keine Chance.“ Kevin grinste stolz. Er wusste, was sein Bruder über ihn dachte: Er war für ihn nicht clever genug. Damit hatte er nicht gerechnet, das konnte er ihm vom Gesicht ablesen.

„Ich bin wirklich beeindruckt. Woher hast du das Blei?“

„Ich habe meine Kontakte,“ grinste Kevin, der vorsorglich einen Schutzanzug trug. Blei war giftig und er war nicht scharf darauf, zu erkranken oder draufzugehen.

„Woher hast du es?“, wiederholte Torsten.

„Ich werde dir meine Quelle nicht nennen, ich habe mein Wort gegeben. Was willst du eigentlich von mir?“

„Ich möchte nicht, dass wir wegen einer Unachtsamkeit auffliegen.“

„Das werden wir nicht. Denkst du, ich habe meinen Namen und meine Adresse angegeben? Ich bin doch nicht blöd.“ Kevin arbeitete sauber und ordentlich, Torsten war auch diesbezüglich beeindruckt. Wann hatte er seinen Bruder zuletzt so arbeiten sehen? Er konnte sich nicht daran erinnern. Vier Figuren waren fertig ausgekleidet. „Hast du den Stoff dabei?“

„Klar.“ Torsten gab ihm das Tütchen mit Crystal Meth, von dem beide nichts nahmen. Sie hatten noch nie Drogen genommen, das hatten sie ihrer Mutter kurz vor ihrem Tod versprochen. Und daran hielten sie sich.

„Das geht problemlos rein. Hast du mehr?“

Drei weitere Tütchen verschwanden im Inneren der Figur. Torsten nahm die Figur und schüttete den Inhalt auf eine Waage.

„Da geht ordentlich was rein, das lohnt sich,“ freute er sich. Dasselbe machten sie auch mit den anderen Figuren. Unterschiedliche Mengen verschwanden im Inneren, wobei keine gering war. „Perfekt, das funktioniert! Jetzt müssen wir nur noch testen, ob das einer Durchleuchtung standhält.“

Der Onkel der beiden, Gerhard Kurowski, betrat den Keller.

„Was macht ihr da?“

Die Jungs erschraken. Onkel Gerhard war der einzige ihrer Verwandten, der immer zu ihnen hielt. Sie hatten Hochachtung vor dem Bruder ihrer verstorbenen Mutter, der es zu etwas gebracht hatte. Er kannte sich sehr gut mit Computern aus und arbeitete als IT-Spezialist. Kevin und Torsten waren sicher, dass ihr Onkel sehr gut verdiente, da er stets die neuesten Autos fuhr und immer Geld zu haben schien. Es kam nicht selten vor, dass er seiner Schwester Geld zusteckte. Nach deren Tod sah er immer wieder nach seinen Neffen und half auch ihnen finanziell aus.

Jetzt stand Onkel Gerhard vor ihnen und sah sie an. Wie sollten sie die Situation erklären? Sie zögerten. Dann entschieden sie, ihm die Wahrheit zu sagen. Gerhard war zunächst angewidert, aber dann schien er von der Idee begeistert.

„Du dealst mit diesem Teufelszeug? Wie lange schon?“

„Spielt das eine Rolle? Ich nehme nichts davon, auch Kevin nicht. Ich verdiene viel Kohle damit. Und mit dieser Idee könnten wir sehr viel mehr machen. Allerdings wissen wir nicht, ob das funktioniert.“

„Dann lasst es uns ausprobieren.“

„Du bist dabei?“

„Wir werden sehen. Vorher möchte ich testen, ob das Ganze funktioniert. Lasst etwas von dem Crystal Meth in der Figur.“

„Was hast du vor?“

„Ich möchte wissen, ob beim Durchleuchten des Paketes tatsächlich nichts gesehen wird und ob wirklich kein Geruch durchdringt. Denkt ihr, ich möchte im Gefängnis landen?“

„Das ist zu gefährlich, Onkel Gerhard. Wenn du auffliegst, haben dich die Bullen am Arsch.“

„Das lass mal meine Sorge sein.“

Gerhard Kurowski hatte Blut geleckt. Nachdem er nach vielen Jahren seinen gutbezahlten Job als IT-Spezialist quasi von heute auf morgen verloren hatte, brauchte er Geld. Sehr viel mehr, als ihm das Arbeitsamt zahlte. Das hier war eine Möglichkeit, sein Einkommen aufzubessern. Allerdings musste das ohne Risiko ablaufen. Er nahm eine der Figuren mit nach Hause und legte sie in ein Paket. Es war klar, dass er nicht den richtigen Absender angab. Nichts durfte auf ihn oder seine Neffen hindeuten. Dann gab er die Adresse eines Hotels in Prag an, zu Händen Herrn Müller. Sofort nach Aufgabe des Paketes fuhr er in dieses Hotel und wartete. Das Paket wurde am nächsten Tag ohne Probleme ausgeliefert. Das reichte Gerhard Kurowski noch nicht. Er fuhr mit dem Paket zum Zoll in Furth im Wald, das als Nächstes auf seinem Weg lag. Seine Geschichte musste plausibel klingen.

„Ich habe das Paket für einen Kollegen angenommen, der dies allerdings nicht wie vereinbart abgeholt hat. Da ich nicht weiß, was darin ist und ich mit dem Zoll oder der Polizei keine Schwierigkeiten bekommen möchte, bin ich hier. Ich habe das Paket im guten Glauben angenommen, ohne zu wissen, was es beinhaltet. Und dabei habe ich meinen guten Namen hergegeben. Jetzt habe ich ein schlechtes Gewissen, denn ich möchte in keine dunklen Machenschaften hineingezogen werden. Ich möchte das Paket nicht öffnen, schließlich gibt es ein Postgeheimnis. Verstehen Sie, in welchem Dilemma ich stecke?“

„Ja, ich verstehe Sie. Man sollte sich zweimal überlegen, für wen man Post annimmt. Was wollen Sie jetzt von mir?“

„Würden Sie das Paket für mich öffnen?“

„Ohne triftigen Grund darf ich das nicht. Auch für uns gilt das Postgeheimnis,“ sagte die Frau. Gerhard wusste das.

„Haben Sie die Möglichkeit, das Paket zu durchleuchten? Ich möchte lediglich sichergehen, dass ich nichts Verbotenes unterstützt habe.“

Die Frau zögerte. Für sie gab es keine Veranlassung, das Paket zu durchleuchten. Allerdings verstand sie auch die Bedenken des Mannes. Wenn doch nur alle so ehrlich wären! Sie sah sich um. Außer ihr war im Moment niemand hier.

„Geben Sie her,“ sagte sie und verschwand.

Die nun folgenden wenigen Minuten kamen Gerhard Kurowski wie eine Ewigkeit vor. Was würde jetzt passieren? Dann erschien die Frau wieder.

„So wie ich das sehe, ist eine geschnitzte Figur darin, die einen Stahlkörper oder ähnliches hat. Würde das Paket jetzt normal über unser Zollamt laufen, könnte es sein, dass wir uns den Inhalt genauer ansehen. Nichts an diesem Paket würde mich persönlich dazu veranlassen, dass ich es mir genauer anschaue.“

Die Frau sagte KÖNNTE, was bedeutet, dass nicht jedes Paket kontrolliert wurde.

„Mein Kollege sammelt alte Figuren, das ist richtig. Und wenn diese jetzt einen besonders hohen Wert hat?“

„Normalerweise nicht. Es gibt für Auslandslieferungen eine Freimenge, die mit diesen Figuren erfahrungsgemäß nicht überschritten wird. Denken Sie sich nichts dabei und bewahren Sie das Paket solange auf, bis sich Ihr Kollege bei Ihnen meldet.“

„Was passiert mit einem Paket, das im Inland versandt wird? Ich frage nur so aus Neugier.“

„Da gehen solche Pakete normalerweise ohne Prüfung durch. Auch innerhalb der EU wird nur stichpunktartig durchleuchtet. Sagen Sie das nicht weiter. Wir möchten den Schmuggel bei Paketen nicht fördern.“ Die Frau lachte und Gerhard stimmte in das Lachen ein. Die beiden plauderten noch über Belangloses, bis ein Mann den Raum betrat. Gerhard bedankte sich überschwänglich und verließ zufrieden das Zollamt.

Es war interessant zu wissen, dass Pakete, die innerhalb Deutschlands verschickt wurden, nicht geprüft werden. Es war zwar möglich, dass Pakete innerhalb der EU geprüft wurden, aber das schien nicht die Norm zu sein. Pakete, die außerhalb der EU verschickt wurden, waren ein Risiko. So, wie er die Frau verstanden hatte, nahm man sich nur verdächtige Pakete genauer vor. Das konnte man problemlos umgehen. Wenn man stümperhaft zusammengeschusterte Verpackungen verwendete und die Paketaufkleber mit der Handschrift eines alten Menschen beschriftet wurden, musste der Versand problemlos durchgehen. Das bekam er hin, das dürfte keine große Sache sein.

Stimmte Kevins Aussage, dass der Drogengeruch nicht durchdrang? Er konnte selbst nichts riechen, aber das bedeutete nichts. Auch der Frau am Zollamt war nichts dergleichen aufgefallen. Es juckte ihn in den Fingern, das auszuprobieren. Er erinnerte sich daran, dass es auf dem Besucherpark am Münchner Flughafen Drogenspürhunde gab. Ob die gerade jetzt dort waren? Er fuhr los und war in knapp zwei Stunden dort. Er kam gerade recht, als einer der Polizisten in Begleitung eines Hundes auf dem Gelände einen Vortrag hielt. Das Paket hatte er in der Tasche. Er atmete tief durch und ging auf die Gruppe zu. Was der Polizist zu sagen hatte, interessierte ihn nicht. Gerhard behielt immer nur den Hund im Auge. Der Vortrag war vorbei und er ging absichtlich dicht an dem Hund vorbei. Dieser sah für einen kurzen Moment in seine Richtung. Das war alles. Kevin hatte Recht gehabt. Der Drogengeruch drang tatsächlich nicht durch. Zufrieden fuhr er zu seinen Neffen, um ihnen die frohe Botschaft zu überbringen.

Die beiden Brüder warteten seit vorgestern unter Hochspannung auf ihren Onkel. Sie machten sich Sorgen.

„Denkst du, er ist aufgeflogen?“

„Nein, Onkel Gerhard ist clever. Wenn wir ihn mit an Bord haben, könnten wir ein Vermögen machen. Stell dir mal vor, wieviel wir verticken könnten? Dominik wird begeistert sein.“

Torsten hatte vorsorglich einige Figuren geklaut. Anfangs zog er allein los, bis sich Kevin anschloss. Rasch hatten sie eine beachtliche Menge Figuren, die sich nun alle im Keller befanden. Beide malten sich aus, welche Summen damit zu machen waren, wenn sie jede Einzelne mit Crystal Meth befüllen könnten. Torsten hatte die Hofeinfahrt ihres alten Hauses stets im Auge und wippte nervös mit dem rechten Bein, während Kevin kleine Tiere schnitzte.

Endlich fuhr Gerhards Wagen auf den Hof des alten, renovierungsbedürftigen Hauses, das die Brüder Kurowski von ihrer Mutter geerbt hatten. Ja, sie hätten das Haus renovieren können, aber sie waren viel zu faul dafür. Beiden war klar, dass sie in dem kleinen Kaff Sipplingen am Bodensee sowieso nicht bleiben würden.

„Was ist? Hat es funktioniert?“

„Und wie. Ich bin dabei. Von mir aus kann es losgehen. Die Frage ist, wo wir die Heiligenfiguren herbekommen?“

„Das ist das kleinste Problem,“ sagte Torsten, der euphorisch war. „Solche Figuren findest du doch an jeder Ecke. Wir können problemlos hunderte davon beschaffen. Sieh dir an, was wir in zwei Tagen geklaut haben.“ Torsten und Kevin präsentierten stolz ihre Ausbeute.

„Wir können auch andere Gegenstände verwenden; das mit dem Blei funktioniert überall.“

„Nein, wir sollten bei den Heiligen bleiben. Ich habe mich über die Figuren informiert. Viele davon sind schon hohl, das erspart uns viel Arbeit. Die Figuren, die leicht zu bearbeiten sind, werden wir ebenfalls verwenden. Alle anderen wandern in den Müll. Was denkt ihr?“

Kevin und Torsten stimmten zu.

„Was ist mit deiner Arbeit? Hast du überhaupt genug Zeit?“

Gerhard zögerte. Er hatte den beiden nichts von seiner Kündigung gesagt, das ging außer ihm niemandem etwas an.

„Das kriege ich hin. Hat dein Kontaktmann genug Crystal Meth für uns?“

„Wenn nicht, besorge ich andere Drogen, das ist das kleinste Problem,“ grinste Torsten, der genug Kontakte in der Szene hatte.

„Wie kommen wir an die Kunden?“

„Auch die bekomme ich von meinem Kontaktmann. Er hat allerdings nichts dagegen, wenn wir selbst Kunden finden.“

Gerhard dachte nach.

„Das kriege ich hin.“

„Wie willst du das anstellen? Du kannst nicht einfach eine Anzeige aufgeben. Die Bullen haben uns sofort am Arsch,“ sagte Kevin.

„Das muss man im Internet professionell aufziehen, lasst das mal meine Sorge sein.“

Die Kurowskis fühlten sich gut. Mit der Aussicht auf ein Rieseneinkommen blickten sie in eine verheißungsvolle Zukunft.

„Dann sind wir ab sofort Geschäftspartner. Ihr beiden kümmert euch um den Stoff und die Figuren, ich übernehme die Kundenakquise, die Verpackung und den Versand.“

Torsten und Kevin waren sofort einverstanden. Sie hatten beide nichts mit Schreibkram am Hut und wollten auch nichts damit zu tun haben. Sie kümmerten sich lieber um den Stoff und die Figuren.

Die drei feierten die ganze Nacht.

Dominik war begeistert, als Torsten ihm verkündete, groß ins Geschäft mit einzusteigen. Er gab ihm die Adresse eines Freundes, der Marihuana und Kokain vertrieb. Die Ware stand bereit. Jetzt galt es, die Figuren zu klauen, zu präparieren und diese zu verkaufen.

Gerhard machte sich umgehend an die Arbeit, eine entsprechende Internetseite zu erstellen. Er informierte sich darüber, welche Decknamen im Netz für die entsprechenden Drogen verwendet wurden und übernahm sie. Er musste die Internetseite so sicher machen, dass ihm die Polizei nicht auf die Spur kam, dafür brauchte er drei Tage. Er hatte es geschafft, sich in die Datenbank der Polizei zu haken. Dadurch konnte er sich über Kunden informieren und sich dadurch absichern. Erst nach eingehender Prüfung kam ein Deal zustande. Die Seite wurde gut angenommen und das Geschäft lief an. Dominik war glücklich über diesen Vertriebsweg und produzierte auf Hochtouren. Seine Eltern hatten es längst aufgegeben, sich um das zu kümmern, was ihr Sohn im Keller machte. Der Junge war in ihren Augen ein Genie und sie ließen ihn gewähren. Sie vertrauten ihm und dachten, dass er gut aufgehoben war, während sie ihren Jobs nachgingen.

Schon bei der zweiten geklauten Figur kam Kevin auf die Idee, an die Stelle ein Bonbon zu legen. Dies hatte er in einem Hollywood-Streifen aufgeschnappt und fand die Idee genial. Torsten konnte dem nichts abgewinnen, hatte aber nichts dagegen. Warum sollte er? Niemand würde von den Bonbons auf sie kommen, denn beide trugen bei der Arbeit Handschuhe und beide mochten keinen Süßkram. Er gönnte Kevin die Freude.

Die Figuren zu klauen war ein Kinderspiel. Keine Heiligenfigur war vor ihnen sicher. Wer dargestellt war, war ihnen gleichgültig. Sie waren beide Atheisten und hatten somit keine Skrupel, die Figuren zu klauen. Für sie war das Ware, die indirekt bares Geld brachte. Mehr nicht.

Der Versand der Pakete war sehr einfach. Jedes Paket wurde mit einem kleinen, gelben, fast unauffälligen Aufkleber versehen, die er in großen Mengen in einem Schreibwarengeschäft kaufte. Auf dem Aufkleber war eine kleine Eule abgebildet, wofür sich Gerhard aber nicht interessierte. Ihm ging es nur darum, das Paket zu kennzeichnen und es für die Kunden zu markieren. Gerhard wischte die Figuren sorgfältig ab und bastelte Pakete. Nichts sollte nach einem professionellen Versand aussehen. Auch nicht der Adressaufkleber. Die jeweiligen Absender waren gefälscht, das war das kleinste Problem und Gerhard ließ seiner Kreativität freien Lauf. Er beschrieb die Paketaufkleber nie selbst, daran hielt er sich eisern. Er bat Fremde, vorwiegend alte Menschen, ihm behilflich zu sein. Ausreden gab es hierfür genug. Entweder hatte er sich verletzt, was er überzeugend mit einer eingebundenen Hand demonstrierte. Oder er gab vor, seine Brille vergessen zu haben. Er diktierte Absender und Empfänger. Alte Menschen waren ja so gutgläubig! Damit er nicht auffiel, benutzte er immer andere Poststellen, wozu er oft weit fahren musste. Aber das machte ihm nichts aus, das war es wert. Immer wieder kam es vor, dass Pakete ins Ausland versandt wurden, was jedes Mal sehr viel Aufregung unter den Kurowskis verursachte. Aber alles lief ohne Probleme ab.

Das Geschäft lief über viele Monate gut, sogar sehr gut. Dass die Polizei auf die vielen Diebstähle aufmerksam wurde und die Zeitungen bereits darüber berichteten, interessierte die Kurowskis nicht. Kevin und Torsten waren nicht nur sehr geschickt in ihren Beutezügen, sondern auch im Präparieren der Figuren. Selbst in den kleinsten Figuren fanden sie noch eine Möglichkeit, einen Hohlraum zu schaffen und darin Drogen zu verstauen. Der Ausschuss war gering.

„Ich sage es nicht gerne, aber wir müssen die Gegend wechseln,“ sagte Torsten. „Kevin und ich haben uns heute ausführlich darüber unterhalten. Ich schlage vor, wir fahren nach Bayern. Dort gibt es noch sehr viel mehr Heiligenfiguren als hier.“

„Gute Idee, ich bin dabei.“

„Kannst du das mit deinem Job vereinbaren?“ Torsten war überrascht, dass sein Onkel sofort einwilligte. Er und Kevin hatten mit großem Widerstand und Protest gerechnet. Wenn sie die Gegend wechselten, konnte Onkel Gerhard nicht mehr zur Arbeit fahren.

„Schon vergessen? Ich arbeite hauptsächlich am Computer, und das kann ich überall tun. Macht euch darüber keine Sorgen, für mich ist das kein Problem. Was ist mit euch? Müsst ihr euch nicht regelmäßig beim Arbeitsamt melden?“

„Ich habe keine Lust mehr auf diese Termine. Außerdem haben wir das finanziell nicht mehr nötig“, maulte Kevin, der regelmäßig Probleme mit seinem Sachbearbeiter bekam. Entweder kam er zu spät, hatte nicht alle Unterlagen dabei oder diskutierte mit ihm über die Arbeitsangebote, die Kevin grundsätzlich ablehnte. Nahm er doch ein Vorstellungsgespräch wahr, benahm er sich dort so daneben, dass sich Arbeitgeber beim Amt über Kevin beschwerten.

„Das geht nicht,“ sagte Onkel Gerhard sofort. „Wenn ihr euch nicht regelmäßig meldet, fällt das auf. Das dürfen wir nicht riskieren.“

„Wie du meinst,“ maulte Torsten, der darauf zwar keine Lust hatte, aber seinem Onkel Recht gab. Die Geschäfte liefen gut, nichts durfte sie gefährden.

Die Kurowskis packten ihre wenigen Habseligkeiten und brachen auf.

Ihre Drogenlieferanten waren informiert. Sie vereinbarten eine wöchentliche Übergabe, die am Münchener Hauptbahnhof stattfinden sollte. Gerhard erklärte sich bereit, auch das zu übernehmen.

„Dir wird ein Schließfachschlüssel zugesteckt. Du brauchst die Ware nur zu holen,“ erklärte Dominik. „Die Bezahlung läuft weiter wie immer.“ Je weniger Kontakt zwischen den einzelnen Personen stattfanden, desto besser.

Gerhard hatte in Oberbayern für ihre Beutestücke unter falschem Namen eine alte Scheune gepachtet, die außerhalb Neuöttings lag und von wo aus man einen perfekten Blick auf die Umgebung hatte. Niemand würde in der heruntergekommenen Scheune ihr Geschäft vermuten. Sie mieteten sich ebenfalls unter falschem Namen in einer heruntergekommenen Pension in Mühldorf am Inn ein, wo man sie in Ruhe ließ und keine Fragen stellte. Die Wirtin wollte nicht einmal Ausweise sehen, als sie sich ins Gästebuch eintrugen. Ob das an den hundert Euro lag, die Gerhard ihr gab?

Kevin und Torsten klauten alles, was sie in die Finger bekamen, wobei ihnen die meisten Stücke sehr hässlich vorkamen. Hier in der Gegend kamen sie noch viel einfacher an Heiligenfiguren und hatten noch leichteres Spiel.

Alles klappte über viele Monate perfekt, fast zu perfekt. Die Polizei hatte den vermehrten Drogenhandel mitbekommen, aber nichts wies auf die Kurowskis hin. Natürlich mehrten sich die Diebstahl-Meldungen von Heiligenfiguren, aber die Polizei hatte nicht den kleinsten Hinweis auf die Diebe. Es wurde zwar mehrfach ein heller Lieferwagen erwähnt, aber mehr nicht. Von diesen Lieferwagen gab es tausende. Wie sollten sie da den Richtigen finden?

Vor drei Monaten wurde Gerhard Kurowski von einem Mann am Münchner Hauptbahnhof angesprochen, der ihm schon geraume Zeit gefolgt war. Er hatte den Schließfachschlüssel bereits in den Händen, wagte aber nicht, die Ware zu holen. Wer war der Mann? Gerhard setzte sich weit abseits auf eine Bank am Ende eines Gleises, auf dem in der nächsten Stunde kein Zug erwartet wurde. Dann kam der Mann in Begleitung eines Weiteren auf ihn zu und er setzte sich neben ihn. Der andere stand nur wenige Meter entfernt.

„Darf ich mich vorstellen? Mein Name ist Achmed Arsai. Bitte sind Sie nachsichtig mit mir, was mein Deutsch anbelangt. Ich bin gebürtiger Iraner und lebe erst seit wenigen Jahren in Deutschland,“ sagte der Mann freundlich. Gerhard spürte sofort, dass das nicht stimmen konnte, denn der Akzent und der Name passten nicht zusammen. Er war auf der Hut und gespannt darauf, was Arsai von ihm wollte.

„Ich habe gehört, dass Sie alte Schnitzkunst mit interessantem Innenleben verkaufen?“

„Wenn es so wäre?“

„Ich bin an sehr alten Stücken interessiert. Sagt Ihnen der Begriff Reliquienkreuze etwas?“ Gerhard schüttelte den Kopf. Er war kein religiöser Mensch. Er konnte sich noch nicht einmal daran erinnern, wann er das letzte Mal in der Kirche gewesen war.

„Man hatte früher Reliquienkreuze gefertigt, um darin Andenken an Heilige aufzubewahren. Die Verehrung Heiliger ging so weit, dass man sogar winzig kleine Fragmente von Dingen aufbewahrte, die von Gegenständen des Heiligen berührt wurden, die wiederum auch nur berührt wurden.“

Gerhard sah auf die Uhr. Das, was Arsai von sich gab, interessierte ihn nicht die Bohne. Was gingen ihn Verehrungskulte von längst verstorbenen Heiligen an?

„Verstehen Sie mich nicht falsch Herr Arsai, aber wir verschwenden Zeit. Ich handele nicht mit Kreuzen, und schon gar nicht mit Reliquienkreuzen.“

„Bitte schenken Sie mir noch fünf Minuten Ihrer Zeit,“ sagte Arsai freundlich und Gerhard willigte ein. Warum nicht? Fünf Minuten waren schnell vorbei.

„Diese Reliquienkreuze waren eigentlich zur Erinnerung an Heilige gedacht. Im 18. und 19. Jahrhundert wurde in dieser Form an Familienmitglieder, verdiente Bürger oder normale Geistliche gedacht. Zur Verdeutlichung zeige ich Ihnen ein solches Kreuz.“ Arsai zog ein Bündel aus seiner Tasche und wickelte ein Holzkreuz heraus. „Sehen Sie Herr Kurowski, das ist ein Reliquienkreuz.“ Arsai öffnete auf der Rückseite des Kreuzes ein Fach. „Das sind Haare des Verstorbenen, ein Stück Stoff vielleicht von seiner Kleidung, und das Stück Papier wurde vermutlich vom Verstorbenen beschrieben.“ Arsai behandelte das Kreuz wie einen Schatz.

„Warum sehen Sie nicht einfach nach?“, sagte Gerhard.

„Nein, das geht nicht. Diese Reliquien liegen seit ungefähr 1840 genau so in dem Fach und das soll so bleiben.“ Arsai war erschrocken über die rohe Art des Mannes, der offensichtlich nichts für antike Kunst und Brauchtum übrighatte. Normalerweise mochte er solche Menschen nicht.

„Sehr schön,“ sagte Gerhard und sah erneut auf die Uhr. Die fünf Minuten waren gleich um.

„Es gab damals nicht nur Reliquienkreuze, sondern auch Holzfiguren, die für denselben Zweck verwendet wurden. Ich suche nach solchen Holzfiguren.“

Jetzt verstand Gerhard Kurowski.

„Ich glaube, ich weiß, wovon Sie sprechen. Ich habe solche Figuren schon gesehen. Was wollen Sie damit machen?“

„Ich bin Sammler und habe viele Freunde, die ebenfalls Sammler sind. Wir zahlen sehr gut. Sind Sie an einer Zusammenarbeit interessiert?“

„Wenn ich Geld verdienen kann, bin ich immer dabei.“

„Dann schlage ich vor, wir fahren zu mir und dort besprechen wir alles Weitere. Hier ist nicht der richtige Ort dafür. Wenn Sie erlauben, fahren wir mit meinem Wagen?“

„Von mir aus.“

Die Ware lag sicher im Schließfach, die konnte er auch später noch holen. Gerhard folgte Arsai und seinem Begleiter. Er war beeindruckt, als er vor der imposanten Limousine stand, deren Scheiben dermaßen getönt waren, dass man nicht hineinsehen konnte. Der Begleiter, der bis jetzt kein einziges Wort von sich gab, setzte sich hinters Steuer und fuhr die Trennscheibe nach oben. Gerhard und Arsai saßen im Fond des Wagens.

Nach einer Stunde waren sie endlich angekommen. Arsai hatte Gerhard so geschickt abgelenkt, dass der nicht mehr wusste, wo sie eigentlich waren.

Der Wagen fuhr in eine Tiefgarage und von dort ging es mit dem Aufzug in die sechste Etage, wobei der Fahrer sie wieder begleitete. Gerhard Kurowski war beeindruckt von der pompösen Ausstattung der Wohnung, die einen gigantischen Blick über München erlaubte. Allerdings konnte man von hier aus nicht erkennen, wo sie sich befanden. Der Fahrer stand in der Ecke. Er hatte bis dato kein einziges Wort gesagt. Was sollte der Mist? Das alles nur wegen der Figuren? Er glaubte Arsai nicht.

„Bitte setzen Sie sich. Kaffee?“

Ohne auf eine Antwort zu warten, schenkte der Fahrer Kaffee aus der Thermoskanne ein, die zusammen mit einem riesigen Teller süßer Leckereien auf dem Tisch stand. Gerhard langte kräftig zu, lehnte sich zurück und wartete auf Arsais Erklärung.

„Ich kenne den wahren Hintergrund ihrer Kunstgeschäfte,“ sagte Arsai. „Ihre Neffen stehlen die Stücke, die sie dann präparieren und weiterveräußern. Ich muss Ihnen für die verschlüsselten Bilder und Angebotsecken im Internet meinen Respekt aussprechen, Sie verstehen Ihr Handwerk. Bitte verstehen Sie mich nicht falsch. Ihre Geschäfte sind mir völlig gleichgültig. Leben und leben lassen, das war schon immer mein Motto. Was mich interessiert: Wie werden die Stücke versandt?“

Gerhard war überrascht, wie gut Arsai informiert war. Sollte er ihm die Wahrheit sagen? Der Mann schien stinkreich zu sein und der stumme Typ in der Ecke war sehr furchteinflößend. Arsai gab sich bisher sehr freundlich, fast unterwürfig. Mit dieser Art kam man sicher nicht zu Geld. Er musste höllisch aufpassen und entschied sich für die Wahrheit.

„Die Figuren werden ganz normal per Post von verschiedenen Städten aus versendet. Dafür fahre ich gerne mehrere Stunden. Die Pakete werden mit einem geringen Wert angegeben und ich achte darauf, dass die Verpackung nicht perfekt aussieht. Die Absenderadressen sind erfunden. Die Paketaufkleber lasse ich nach einer Ausrede von alten Menschen beschriften. Ich schiebe eine Handverletzung oder einfach nur eine vergessene Brille vor. Ich habe sogar einige Postangestellte überreden können, die Paketaufkleber zu beschriften. Da die Absender alle erfunden sind, kennzeichne ich die Pakete mit einem kleinen, unscheinbaren Aufkleber. So weiß der Empfänger Bescheid, was in dem Paket drin ist. Wir sind noch nie aufgefallen und wurden auch nie kontrolliert,“ sagte Gerhard stolz. „Alle Pakete kamen immer ohne Probleme an.“

„Sehr clever. Kommen wir nun zum Geschäftlichen. Wenn Sie eine Figur mit Reliquien finden, werden Sie mir die verkaufen. Wie gesagt, zahle ich einen guten Preis. Ich schlage vor, dass Sie die dann in gewohnter Weise an die Adresse senden, die ich Ihnen gebe. Selbstverständlich werden auch diese Figuren von Ihrem Neffen mit Blei versehen. Sind Sie damit einverstanden?“

„Warum das Blei? Ich denke, Sie wollen die Reliquien in den Figuren belassen?“

Arsai antwortete nicht, er lächelte nur. Er hatte nicht die Absicht, Kurowski dahingehend zu informieren.

„Gut. Nehmen wir an, dass ich akzeptiere. So wie ich das verstehe, soll ich das ganze Risiko tragen? Ich besorge die Figuren und muss sie auch noch präparieren und versenden? Warum machen Sie das nicht selbst?“

„Weil ich Sie sehr gut dafür bezahle. Sind wir uns einig?“

„Bevor ich zustimme, möchte ich wissen, welche Sauerei Sie vorhaben. Ich glaube ihnen nicht, dass Sie Sammler von solchen Figuren sind. Was wollen Sie darin schmuggeln?“

„Ich versichere Ihnen, dass ich Sammler bin. Diese Reliquienfiguren sind sehr wertvoll. Bitte belassen Sie den jeweiligen Inhalt unter allen Umständen in den Figuren. Es wäre eine Katastrophe, wenn Sie da drangehen. Ich persönlich nehme die Reliquien heraus, sodass die Figuren mit Blei ausgekleidet werden können. Danach werde ich sie mit den wertvollsten Reliquien wieder befüllen. Sie haben damit keine Arbeit. Erst dann werden die Figuren von Ihnen verschickt. Die Adressen bekommen Sie zusammen mit der befüllten Reliquie.“

„Gut, wie Sie wollen. Die erste Hälfte des Geldes bekomme ich, wenn Sie die Reliquien herausgenommen haben. Die andere Hälfte ist fällig, wenn sie mir die Figur für den Versandweg übergeben.“

„Einverstanden.“

Arsai sah aus dem Fenster, wie der Wagen mit Kurowski davonfuhr. Der Mann hatte die Wahrheit gesagt, als er vom Versand sprach. Hätte er das nicht gemacht, hätte er ihn töten müssen. Niemand wagte es ungestraft, ihn anzulügen.

Kurowski war perfekt. Er besorgte ihm nicht nur die Reliquienfiguren, sondern übernahm auch noch den Transport. Einen perfekteren Geschäftspartner hätte er nicht finden können.

Arsai lehnte sich zurück und trank einen Kaffee. Dann kam sein treuer Freund Iwan zurück.

„Hast du Kurowski am Bahnhof abgeliefert?“

„Ja.“

„Hat er versucht, mit dir zu sprechen?“

„Ja. Aber ich bin nicht darauf eingegangen. Ich mag den Typen nicht. Warum diese Figuren?“

„Überleg doch, Iwan. Die Figuren sind perfekt. Du weißt, dass ich Reliquienfiguren liebe. Auf diese Weise kann ich mir die schönsten Stücke sichern. Die anderen kann ich ohne Risiko an meine Kunden ausliefern. Ich trage nicht das kleinste Risiko.“

„Wie du meinst. Trotzdem mag ich Kurowski nicht.“

„Ich auch nicht. Aber das spielt keine Rolle, mein Freund.“

Gerhard holte die Ware aus dem Schließfach, stieg in seinen Wagen und dachte darüber nach, was eben geschehen war. Ging es Arsai wirklich nur um Sammlerstücke? Er zweifelte daran. Der Mann hatte eine Sauerei vor und war nicht ehrlich zu ihm. Gut, er würde mit ihm ins Geschäft kommen. Sollte Arsai ihm eine Figur zum Versand übergeben, musste er sich diese genauer ansehen. Sollte er Kevin und Torsten davon erzählen? Nein. Die beiden waren dafür nicht clever genug. Sie hatten nicht einmal gemerkt, dass er sie mit der Bezahlung regelmäßig beschiss. Nein, die Zusammenarbeit mit Arsai lief nur zwischen ihnen beiden ab.

Der englische Geheimdienst verfolgte wie alle anderen Staaten auch die Handelstätigkeiten zwischen Deutschland und dem Ausland. Einem der englischen Kollegen waren die kleinen Aufkleber auf den Paketen aufgefallen, die immer an derselben Stelle angebracht wurden. Allerdings hatten die Absender und Adressaten nichts gemeinsam. Patrick Lynch sprach mit seinen Kollegen darüber, die sich jedoch nicht dafür interessierten.

„Das ist doch völlig verrückt, Patrick. Diese Pakete haben absolut nichts gemeinsam. Abgesehen von den völlig unterschiedlichen Absenderadressen gleichen sich die Handschriften nicht einmal annähernd. Das sind alte Leute, die ihren Verwandten Geschenke schicken, mehr nicht. Sieh dir schon allein die Verpackungen an. Die sind selbstgebastelt und stümperhaft gemacht. Niemand wird in solchen Paketen Wertvolles verschicken.“

„Seht ihr die kleinen Aufkleber nicht? Die sind identisch!“

„Vielleicht ist das nur eine Werbung der deutschen Post und hat mit den Absendern nichts zu tun. Das würde auch die Häufigkeit erklären.“ Auch andere Kollegen argumentierten ähnlich und winkten ab. Trotzdem blieb Lynch dabei und suchte gezielt nach diesen Aufklebern. Nach vier Wochen hatte er viele dieser Pakete sichten können, für seine Begriffe zu viele. Patricks Kollegen waren immer noch nicht überzeugt, deshalb ging er zu seinem Vorgesetzten Barnes.

„Sie haben eine sehr gute Beobachtungsgabe, Lynch. Auch deshalb wollte ich Sie in meinem Team haben,“ sagte Barnes begeistert. Ihm wäre diese Kleinigkeit der Aufkleber wahrscheinlich nie aufgefallen. „Konzentrieren wir uns auf diese Pakete. Melden Sie mir umgehend, wenn wieder eins aufgegeben wurde.“

„Sie wollen ein Paket abfangen?“

„Selbstverständlich. Überzeugen wir uns von dem Inhalt, dann wissen wir mehr.“

Von all dem hatte die Familie Kurowski keine Ahnung. Kevin und Torsten gingen weiter unbehelligt auf Diebestour, während Gerhard ein Paket aus dem bayerischen Cham nach Spanien verschickte, nachdem er eines aus Deggendorf und eines aus Straubing versandte. Auch heute hatte er ältere Damen gefunden, die ihm bereitwillig die Paketaufkleber beschriftet hatten, nachdem er ihnen seine vermeintlich lädierte Hand zeigte.

All das ahnte die Mühldorfer Kriminalpolizei nicht. Für sie ging es um einen umfangreichen Diebstahl von Volkskunst, mehr nicht. Täglich landeten immer mehr Anzeigen auf dem Tisch der Beamten, die kaum hinterherkamen. Die Befragungen der Geschädigten waren immer dieselben: Niemand hatte etwas gesehen oder gehört. Ab und zu wurde ein heller Lieferwagen erwähnt, zu dem es aber keine näheren Angaben gab. Die Diebe gingen dreist vor und nahmen tatsächlich alles mit, was ihnen vor die Augen kam.

4.

Die Mühldorfer Kriminalbeamten arbeiteten auf Hochtouren. Zwischen Asanger, Leo und Hans war ein regelrechter Konkurrenzkampf entbrannt. Jeder war bemüht, als erster Ergebnisse zu liefern, was nicht einfach war, denn jeder Ermittlungsansatz endete in einer Sackgasse. Werner und Stumpf hatten für diese Art Arbeit nichts übrig und hielten sich heraus.

Krohmer war enttäuscht, als auch nach Wochen noch keine Ergebnisse präsentiert wurden. Er drängelte und wies seine Leute an, den Fall so schnell wie möglich zu lösen. Vor allem, nachdem auch Staatsanwalt Eberwein Opfer eines Diebstahls wurde. Eberwein und seine Familie hatten erst vor wenigen Jahren einen alten Bauernhof erworben und ihn mühsam und aufwändig restauriert. Auf dem Grundstück befand sich eine kleine Kapelle, die ebenfalls wieder in neuem Glanz erstrahlte. Eberwein war auf die Kapelle besonders stolz und reagierte sehr ungehalten, als sie rüde aufgebrochen wurde.

„Am helllichten Tag wurden drei alte Statuen entwendet,“ schrie er Krohmer an. „Können Sie sich vorstellen, wie sehr sich meine Frau jetzt fürchtet?“

„Handelt es sich um wertvolle Figuren?“

„Meines Wissens nach stellen sie keinen großen Wert dar. Das ist es ja, was mich besonders ärgert. Wer hat Interesse daran? Es ist Maria mit dem Kinde, Petrus und die Heilige Barbara.“

„Haben Sie Fotos von den Figuren?“

„Ja. Ich maile sie Ihnen zu. Ich bitte Sie, diese Ganoven endlich dingfest zu machen.“

Als Krohmer die Fotos der Figuren bekam, mailte er sie sofort an einen Kunstsachverständigen weiter, der sich bereiterklärt hatte, der Polizei zu helfen.

„Das ist normale Volkskunst,“ lautete die Expertise. „Die Barbara stellt einen Wert von circa 100 € dar, die beiden anderen jeweils die Hälfte.“

Krohmer war erstaunt. Das wären gerade mal 200 €.

„Wie alt sind die Figuren?“

„Schwer zu sagen, schließlich habe ich nur Fotos, auf die ich meine Einschätzung abgeben kann. Alle drei sind mindestens 100 Jahre alt, die Barbara dürfte die älteste sein.“

„So alt? Und dann dieser geringe Schätzwert?“

„Leider ja. Die Figuren sind in einem erbärmlichen Zustand. Sehen Sie sie genauer an, dann werden sie feststellen, dass nicht nur Stellen abgeschlagen sind. Es fehlen Finger, die Maria hat sogar nur eine Hand. Die Figuren wurden nicht pfleglich behandelt und stellen trotz ihres hohen Alters keinen größeren Wert dar.“

Bei genauerer Betrachtung sah Krohmer, was der Mann meinte. Ja, die Figuren sahen wirklich schlecht aus. Aber warum wurden sie dann gestohlen?

Mit dieser Information eröffnete Krohmer die tägliche Besprechung. Alle wussten bereits, dass der Staatsanwalt bestohlen wurde.

„Ich kann mir nicht vorstellen, wie sich der Handel mit diesen Figuren lohnen kann,“ sagte Krohmer. „Die Figuren von Eberwein sind lediglich 200 € wert. Für wieviel kann man die verhökern? Höchstens für die Hälfte.“

„Es sei denn, sie werden ins Ausland verkauft. Sammler zahlen für die Stücke weit mehr, als sie wert sind. Es wird seit Jahren immer mehr Mode, solch alte Schnitzkunst zu besitzen,“ sagte Stumpf. „Amerikaner, Japaner und Chinesen würden vielleicht sehr viel Geld für diese Holzfiguren ausgeben.“

„Das glaube ich nie und nimmer,“ sagte Leo. „Die sind doch auch nicht blind und haben ihrerseits Gutachter, die den eigentlichen Wert richtig beziffern. Ich glaube nicht, dass es nur um die Figuren geht.“

Es folgte eine heftige Diskussion, die darin endete, dass niemand an den Handel mit den Figuren glaubte. Es musste um mehr gehen.

„Gehen wir davon aus, dass dem so ist. Wie gelangen die Figuren zu den Kunden?“

„Persönlicher Kontakt wäre eine Möglichkeit,“ sagte Stumpf.

„Oder die Figuren werden wie auch immer verschickt. Wir sind alle Möglichkeiten durchgegangen und haben beinahe jeden Einzelnen überprüft, der Waren ins Ausland verkauft.“

„Und? Haben Sie irgendjemand im Visier?“

„Nein.“

„Wenn wir den Vertriebsweg haben, kommen wir so vielleicht auf die Bande. Die werden doch nicht so dumm sein, und die Stücke per Post schicken?“, sagte Krohmer, der die Frage nicht ernst gemeint hatte.

„Warum eigentlich nicht?“, sagte Leo.

„Per Post? Vergiss es!“, lachte Asanger. „Du glaubst wirklich, dass die vielen Figuren einfach so per Post versandt werden? Wie naiv bist du eigentlich?“

„Leck mich…“ sagte Leo verächtlich.

„Ich darf doch sehr bitten,“ unterbrach Krohmer. „Suchen Sie nach dem Vertriebsweg und finden Sie die Diebe, damit das endlich ein Ende hat. Ich könnte wetten, dass morgen die Zeitungen mit Berichten voll sind.“

Krohmer sollte Recht behalten. Am nächsten Tag war nicht nur ein größerer Bericht im Regionalteil der Tageszeitung, sondern sogar im Bayernteil. Krohmer stöhnte auf. Das war sicher auf Eberweins Mist gewachsen. Warum konnte der Mann nicht einfach seinen Mund halten? Sobald eine Kamera oder ein Mikrofon in seiner Nähe war, zog ihn das förmlich an. Jetzt lag es auf der Hand, dass besorgte Bürger den ganzen Tag über anriefen.

Auch die Familie Kurowski war sauer über die viel zu großen Zeitungsartikel.

„Jetzt wird es nicht mehr ganz so leicht werden, die Figuren zu klauen,“ sagte Gerhard zu seinen Neffen. „Ihr müsst höllisch aufpassen. Vielleicht ist es an der Zeit, die Gegend zu wechseln.“

„Mach dir nicht ins Hemd, Onkel Gerhard, uns erwischt schon keiner. Bis die Besitzer Wind von dem Diebstahl bekommen, sind wir längst über alle Berge. Wir haben eine heiße Spur und sind hier noch lange nicht fertig. Die Gegend ist eine Goldgrube. Gestern war unser Glückstag. Wir haben viele schöne Stücke gefunden. Die musst du dir unbedingt ansehen.“

„Das mach ich. Sobald ich meinen Kaffee ausgetrunken habe, fahren wir los.“

Gerhard Kurowski sah die Menge an Figuren, die achtlos übereinandergeworfen wurden.

„Habe ich euch nicht gesagt, dass ihr mit den Stücken pfleglicher umgehen sollt?“, sagte er wütend.

„Ist doch eh altes Zeug. Eine Macke mehr oder weniger macht doch nichts aus,“ sagte Kevin. Er und sein Bruder sahen gelangweilt zu, wie ihr Onkel ein Stück nach dem anderen begutachtete. Gerhard ließ sich extra viel Zeit damit, denn seine Neffen waren nicht mit großer Geduld gesegnet.

„Wir ziehen schon mal los, du brauchst uns nicht. Sperr die Scheune zu, wenn du gehst,“ sagte Torsten. Kevin sprang auf und war sofort dabei. Hier herumzusitzen war viel zu langweilig für ihn. Er brauchte Action und frische Luft.

Darauf hatte Gerhard gewartet. Zwei der Figuren waren Reliquienfiguren. Als seine Neffen weg waren, rief er Arsai an.

„Ich habe gefunden, wonach Sie suchen.“

„Wie viele?“

„Zwei.“

„Sehr gut. Wo treffen wir uns?“

„Ich komme zu Ihnen.“

„Nein. Ich fahre zu Ihnen. Kennen Sie das Wasserschloss in Töging?“

„Das finde ich.“

„Um 13.00 Uhr bin ich dort.“

Gerhard Kurowski packte die beiden Figuren in seinen Wagen. Woher wusste Arsai, dass er sich hier in der Gegend aufhielt? Arsai war ihm unheimlich. Wenn er mit ihm weiter zusammenarbeiten wollte, musste er ein ernstes Wort mit ihm sprechen. Gerhard warf noch einen Blick auf den Stapel Heiligenfiguren. Das durfte nicht mehr geschehen, dass seine Neffen mit den Figuren so umgingen. In Zukunft würde er abends hier auf sie warten und darauf achten, dass damit vorsichtiger umgegangen wurde. Dabei könnte er die Figuren auch sofort inspizieren.

Gerhard wartete am Wasserschloss Töging auf seinen Geschäftspartner. Was er wohl für die beiden Figuren bezahlte? Sie hatten nicht über einen Betrag gesprochen. Endlich fuhr ein unscheinbarer Kombi auf ihn zu. Arsai und sein Fahrer stiegen aus. Wo war diese Protzkarre vom letzten Mal?

„Guten Tag, Herr Kurowski. Haben Sie die Ware dabei?“

„Selbstverständlich.“ Gerhard öffnete die Klappe seines Kombis, der sehr viel älter und schmutziger war als der seines Geschäftspartners.

Arsai nahm eine Figur nach der anderen vorsichtig in die Hände und drehte sie in alle Richtungen.

„Sehr schöne Figuren, ich bin zufrieden. Wie vereinbart, ist das die Hälfte des Geldes,“ sagte Arsai. Er nickte Iwan zu, der Gerhard einen dicken Umschlag übergab. „Gebrauchte, kleine Scheine. Ich hoffe, das ist Ihnen recht so?“

„Sicher.“ Gerhard zählte sofort nach, was Arsai missfiel. Dieser Kurowski war ein Prolet, wie er im Buche stand.

„Passt,“ sagte Gerhard hocherfreut. Er hatte die beiden Holzfiguren auf vielleicht jeweils 100 € geschätzt. Im Umschlag waren 400 €. Das würde bedeuten, dass der Typ dieselbe Summe nochmals bezahlte. Gerhard lächelte. Das war weit mehr, als er erwartet hatte. Arsai war wirklich sehr versessen auf diese Reliquienfiguren.

„Bitte warten Sie einen Moment,“ sagte Arsai höflich und ging mit seinem Fahrer zum Wagen. Gerhard konnte nicht sehen, was die beiden dort machten. Er konnte sich nicht vorstellen, dass sich ein Mann wie Arsai für solch stümperhafte und in seinen Augen wertlose Kunst interessierte. Er und sein dubioser Freund hatten ganz sicher eine Sauerei damit vor.

Schweren Herzens nahm Arsai das Innenleben der beiden Figuren heraus, die aus Haaren, Stoffen und Papierfetzen bestand. Wie gerne hätte er vor allem bei dieser Figur alles so belassen, wie es war. Aber es ging nicht anders, er musste das tun. Dann ging er wieder zu Kurowski.

„Wenn beide Figuren mit Blei versehen wurden, sehen wir uns wieder. Ich werde die Reliquien wieder in die Figur geben und Ihnen dann die Adressen mitteilen. Wann denken Sie, dass die Figuren fertig sind?“

Gerhard glaubte Arsai kein Wort, ging aber darauf ein.

„Morgen früh.“

„Treffen wir uns um 9.00 Uhr wieder hier?“

„Wenn Sie wollen, gerne. Vergessen Sie die Restzahlung nicht.“

„Ich halte immer mein Wort.“

Gerhard sah den beiden Männern hinterher. Dass Arsai mit den Figuren eine Sauerei vorhatte, lag auf der Hand. Eine Bleiverkleidung nur für dieses wertlose, uralte Innenleben? Nie und nimmer! Aber was hatte er tatsächlich vor? Morgen konnte er sich persönlich davon überzeugen.

Pünktlich um neun Uhr des nächsten Tages trafen sich die Männer erneut. Kevin hatte noch am späten Abend ganze Arbeit geleistet und fünf Figuren mit Blei ausgekleidet, zwei davon gehörten Arsai.

Nach einer kurzen Begrüßung übergab Gerhard beide Figuren an Arsai, der daraufhin mit Iwan zum Wagen ging. Dort gaben sie das, was sie gestern aus den Figuren genommen hatten, wieder hinein. Das, was zu viel war, ließen sie beiseite.

„Eine Schande ist das,“ fluchte Arsai. Was hatte er für eine Wahl? Er musste diesen Proleten ruhigstellen, damit er die geplante Ware ohne lästige Rückfragen riskieren konnte. Auf den Fußsockel klebte Iwan ein schmales Siegel.

„Mach das Siegel fest. Kurowski soll es nicht leicht ablösen können.“ Arsai wusste, dass sich dieser Trottel vom Inhalt überzeugen würde. Er an seiner Stelle würde es auch so machen. Iwan nickte nur. Die beiden Männer gingen wieder zu Kurowski, der ungeduldig wartete.

„Vielen Dank für Ihre Geduld. Die größere Figur geht an diese Adresse, und die kleinere an diese. Ich hoffe, Sie können meine Schrift lesen.“

„Kein Problem. Die Pakete gehen ins Ausland?“

„Nach Großbritannien und Amerika. Ich hoffe, das ist kein Problem?“

Gerhard war erschrocken. Bisher gingen die Pakete nur ins benachbarte Ausland. Großbritannien und Amerika waren ziemlich große Brocken. Er hatte keine Erfahrung damit, inwieweit die Pakete durchleuchtet und geprüft wurden. Ihm war jedoch bekannt, dass gerade diese beiden Länder sehr genau kontrollierten. Sollte er vielleicht doch ablehnen? Warum sollte er? Das Risiko war gering, was sollte schon passieren. Wenn alles schieflief, würde der Zoll die Pakete konfiszieren, mehr nicht. Auf ihn und seine Neffen käme man nie im Leben. Schließlich entschied er sich für das Geld und nickte.

„Nein, das ist kein Problem. Sie können sich auf mich verlassen. Bitten Sie darum, dass die Empfänger den Eingang des Paketes melden. Nur so können wir sicher sein, dass alles glattlief.“

„Das werde ich tun. Vielen Dank, Herr Kurowski. Hier ist die vereinbarte Restzahlung.“

Wieder sah Gerhard sofort in den Umschlag. Darin waren fünfhundert Euro.

„Das sind hundert Euro zu viel.“

„Das weiß ich. Sie kennen mich noch nicht, Herr Kurowski. Wenn ich mit einer Arbeit zufrieden bin, kann ich sehr großzügig sein. Die Bleiverkleidung war perfekt, ich habe sehr viele Reliquien unterbringen können. Ich darf mich bei Ihnen verabschieden. Es ist eine Freude, mit Ihnen Geschäfte zu machen.“ Arsai verzichtete auf irgendwelche Anweisungen oder Mahnungen. Wenn Kurowski die Figuren öffnen sollte, würde er es spätestens dann erfahren, wenn er mit den Empfängern der beiden Pakete Kontakt aufnahm.

Die beiden waren weg. Endlich. Seine Neugier war riesig, aber noch musste er sich zurückhalten. Er traute Arsai nicht, der Mann hatte ihm sicher eine Falle gestellt. Er musste vorsichtig vorgehen, um seinen neuen Geschäftspartner nicht zu verärgern. Gerhard fuhr zu seiner Pension. Nachdem er die Tür verschlossen und Handschuhe übergezogen hatte, machte er sich daran, das Siegel an einer Stelle zu entfernen. Er musste vorsichtig vorgehen und durfte keine Spuren hinterlassen. Mit einem scharfen Messer löste er Stück für Stück ab, was winzig kleine Kratzer hinterließ, was Gerhard nicht für schlimm erachtete. Man brauchte eine Lupe, um die Kratzer zu bemerken. Das Siegel hatte er endlich abbekommen. Er drehte den Fußsockel ab und zog das Innere heraus. Das waren tatsächlich nur wertlose Reliquien, sonst nichts. Auch in der zweiten Figur. Arsai hatte also die Wahrheit gesagt. Er an dessen Stelle hätte viel Wertvolleres darin verstaut. Aber gut – das war nicht sein Problem. Er verschloss die Figuren, brachte die Siegel mit Flüssigkleber wieder an und verpackte beide Figuren sorgfältig. Dann machte er sich auf den Weg, beides zu versenden.

Was machte er mit den Zollinhaltserklärungen für Arsais Pakete? Im kleinen Frühstücksraum der Pension saß noch ein Gast bei einer Tasse Kaffee. Gerhard setzte sich zu ihm und die beiden kamen ins Gespräch. Er merkte gleich, dass der Mann sehr leichtgläubig und unsicher war.

„Ich habe zwei Zollinhaltserklärungen, die ich für zwei Freunde ausfüllen müsste. Leider habe ich gestern meine Brille verloren. Hoffentlich finde ich jemand, der mir behilflich damit ist.“

„Geben Sie her, das mache ich gerne.“

Gerhard brauchte dem Mann nur zu diktieren.

Für die Auslandspakete wählte er die Post in Pfarrkirchen und Simbach am Inn, bei beiden Postämtern war er noch nicht gewesen. Die drei anderen verschickte er aus Hebertsfelden, Eggenfelden und Massing. Auch hier fand er ältere Menschen, die ihm bereitwillig beim Ausfüllen der Paketaufkleber behilflich waren.

Patrick Lynch wurden diese Informationen sofort zugespielt. Er reagierte sofort, als er die kleinen Aufkleber auf beiden Auslandspaketen erkannte. Umgehend lief er zu Barnes.

„Zwei Pakete sind aus Deutschland unterwegs. Eins geht nach Großbritannien, eins nach Amerika. Die Pakete wurden in Pfarrkirchen und in Simbach aufgegeben.“

„Wo zum Teufel sind diese Orte? Ich habe noch nie davon gehört.“

„In Süddeutschland, in Bayern. Genauer gesagt in Niederbayern.“

„Sie fahren nach Deutschland und überzeugen sich vom Inhalt beider Pakete.“

„Ich?“

„Sie sprechen doch Deutsch?“

„Ja, aber…“

„Perfekt. Ich habe Kontakte zum deutschen Zoll und werde den Versand der Pakete aufhalten. Ihr Flug geht in zwei Stunden, beeilen Sie sich.“

Patrick Lynch war stinksauer. Er mochte keine Außendienstarbeiten, deshalb hatte er sich für den Innendienst anwerben lassen. Warum bestand Barnes darauf, dass er die Arbeit übernahm? Sollte das so eine Art Anerkennung und Belohnung sein? Darauf konnte er gerne verzichten. Wütend nahm er seine Aktentasche und fuhr mit dem Taxi zum Flughafen Heathrow.

Der Flug nach München war holprig. Patrick war übel. Er mochte keine Flugreisen und hasste seinen Chef regelrecht für diese Aufgabe. Wo war der Zoll in München? Wie liefen die Paketlieferungen ab? Seine Abreise aus London ging so schnell vonstatten, dass er sich vorher nicht mehr informieren konnte. Und hier im Flugzeug durfte er das Internet nicht nutzen. Shit!

In München angekommen, las er zu seiner Überraschung seinen Namen auf einem Schild, das ein Mann hochhielt.

„Ich bin Patrick Lynch.“

„Bitte folgen Sie mir.“

„Auf keinen Fall. Erst möchte ich wissen, wer Sie sind und was Sie von mir wollen.“

„Entschuldigen Sie. Mein Name ist Krummwinkler, ich bin im Auftrag von Mr Barnes hier. Es geht um zwei Pakete, für deren Inhalt Sie sich interessieren.“

„Sie haben die Pakete?“

„Ja.“

„Wo?“

„Wie Sie sehen, habe ich sie nicht bei mir. Sie sind in meinem Wagen. Bitte folgen Sie mir.“

Patrick hasste diese Geheimhaltungsscheiße, von der er auch in Kinofilmen angewidert war. Warum hatte er sich damals nur von Barnes anheuern lassen?

Er folgte Krummwinkler und war auf der Hut. Warum hatte er sich auf diesen Blödsinn eingelassen? Er war noch nie ein mutiger, risikofreudiger Mensch gewesen. Er wollte seine Ruhe haben und fühlte sich hinter seinem Schreibtisch sehr wohl. Patrick war erschrocken, als Krummwinkler in ein Parkhaus ging. Hier lauerte überall Gefahr. War das eine Falle? Dann blieb Krummwinkler vor einem dunklen Wagen stehen und öffnete die Heckklappe. In der Hand hielt er ein Messer. Patrick erschrak und trat einen Schritt zurück.

„Sie gehören nicht zu den Mutigsten, wenn ich das bemerken darf,“ lachte Krummwinkler, der eine völlig andere Vorstellung von Mitarbeitern des Britischen Geheimdienstes hatte. Der sehr schlanke, unscheinbare und in seinen Augen viel zu junge Mann vor ihm passte irgendwie nicht. Außerdem war dieser Lynch misstrauisch und hatte viel zu viel Angst. „Nur die Ruhe! Das Messer ist für Sie. Sie wollen doch die Pakete öffnen? Ich nehme an, dass es Ihnen nicht erlaubt war, im Flugzeug ein Messer mitzuführen?“

Patrick nickte nur und nahm das Messer. Dann zog er Handschuhe an, die er aus seiner Tasche zog.

Beide Pakete waren völlig unscheinbar und hatten augenscheinlich nichts miteinander zu tun. Die Verpackung war selbstgebastelt, sogar das Paketklebeband war nicht identisch. Auch die Schriften auf den Paketen glichen sich nicht. Alles sah so aus, als würden diese Pakete nichts gemein haben; bis auf den kleinen, gelben Sticker neben dem Adressaufkleber, auf dem eine Eule abgebildet war. Vorsichtig öffnete Patrick das Paket und wickelte den Inhalt aus. Zum Vorschein kam eine alte, geschnitzte Holzfigur.

„Sieh an, die Heilige Barbara,“ sagte Patrick.

„Wertvoll?“

„Keine Ahnung. Ich denke nicht, dass es um die Figur geht.“ Patrick untersuchte die Figur genau. Das Siegel gefiel ihm nicht. Er bemerkte die Kante am Fußteil der Figur und war für einen Moment versucht, daran zu drehen, unterließ es aber. Zuerst musste er das Siegel vorsichtig entfernen. Krummwinkler stöhnte auf. Das, was der Brite machte, dauerte ihm viel zu Lange. Einen Gang weiter liefen Passanten, die aber keine Notiz von ihnen nahmen. Wenn sich der Typ nicht endlich beeilte, würden sie hier noch auffliegen. Endlich war das Siegel entfernt und Patrick öffnete die Figur.

„Die Figur ist hohl?“

„Eine Reliquienfigur,“ sagte Patrick überrascht, als er den Inhalt vorsichtig herauszog. Haare und winzige Stoffteile legte er fein säuberlich auf das nächste Paket. Er hatte zwar schon von Reliquienfiguren gehört, aber noch nie eine echte gesehen. Das Stück war authentisch und sicher weit über 100 Jahre alt.

Patrick legte die Figur zur Seite. Dann öffnete er das zweite Paket. Auch hier kam eine Reliquienfigur zum Vorschein und wieder musste er das Siegel entfernen, was ebenfalls eine gefühlte Ewigkeit dauerte. Krummwinkler stöhnte auf. Der Brite war viel zu genau und ließ sich viel zu viel Zeit. In der ersten Figur war nur altes Zeug verstaut, dasselbe in der zweiten.

„Der ganze Aufwand nur wegen diesen alten Figuren und deren wertlosem Inhalt?“ Krummwinkler war enttäuscht. „Ich hatte mir mehr versprochen. Was soll der Scheiß?“

Patrick erwiderte nichts darauf, sondern besah sich beide Figuren genauer.

„Der Hohlraum wurde mit Blei ausgekleidet. Warum der Aufwand? Wegen den Reliquien?“

„Keine Ahnung. Die Sache stinkt.“

Patrick dachte ähnlich. Was sollte das? Warum machte sich jemand solche Mühe? Von beiden Figuren machte er jede Menge Fotos.

„Wir müssen die Siegel wieder so anbringen, dass niemand etwas bemerkt.“

„Das ist das kleinste Problem, das krieg ich hin.“

„Sehr gut. Danach können die Pakete zugemacht und dem Postweg zugeführt werden.“

„Das war alles?“ Krummwinkler schüttelte den Kopf. Er verstand den ganzen Aufwand nicht. „Seien Sie mir nicht böse Mr. Lynch, aber ich denke, dass die Kosten Ihres Fluges den Wert dieser Pakete bei Weitem übersteigt.“

„Ich weiß. Ich verstehe auch nicht, was das soll. Noch nicht. Ich nehme an, dass Sie die Pakete mit diesem Aufkleber im Auge behalten?“

„Sie können versichert sein, dass ich das weiterleite.“

„Vielen Dank für Ihre Hilfe.“

Krummwinkler sah dem Briten hinterher. Da die Anfrage des Kollegen Barnes offiziell lief, blieb ihm nichts Anderes übrig, als einen entsprechenden Bericht zu verfassen. Ob die Informationen allerdings ausreichten, um Pakete mit diesem Aufkleber im Auge zu behalten, war fraglich. Hier ging es nicht um Schmuggel im eigentlichen Sinne. Wenn es um Drogen, Geld, Edelsteine oder sonst etwas Wertvolles ginge, wäre das kein Problem. Aber der Aufwand wegen der ollen Figuren und deren wertlosem Inhalt? Nein, das rechtfertigte nicht die Kontrolle Tausender Pakete. Sie hatten jetzt schon Personalmangel und er konnte dafür keinen Kollegen entbehren. Der Bericht darüber musste ausreichen, damit waren die Briten hoffentlich zufrieden. Er packte die Figuren wieder ein und wusste jetzt schon, dass er in den nächsten beiden Stunden damit beschäftigt sein würde.

Patrick nahm den nächsten Flug nach London, der kein bisschen besser war als der vorherige. Sofort nach seiner Rückkehr erstattete er Barnes Bericht, nachdem er sich mit einem Gutachter besprochen hatte. Der hatte bestätigt, dass diese Reliquienfiguren zwar begehrt waren, aber keinen hohen Wert darstellten. Er schätzte beide Figuren anhand der Fotos auf jeweils maximal circa 100 Pfund.

Barnes hörte überrascht zu und besah sich alle Fotos. Auch er hatte mit etwas ganz anderem gerechnet.

„Dann ist das Sache der deutschen Behörden und für uns erledigt. Trotz allem: Gute Arbeit, Lynch!“

„Eine Frage habe ich noch: Warum haben Sie mich nach Deutschland geschickt? Warum der Aufwand? Diese Pakete fallen nicht in unseren Zuständigkeitsbereich, das ist Sache der Deutschen.“

„Wollen Sie die Wahrheit hören?“

„Sicher.“

„Man will uns den Etat kürzen, da wir in den letzten Monaten keine Erfolge nachweisen konnten. Die Deutschen sind durch uns auf den Schmuggel aufmerksam geworden und schulden uns nicht nur Dank, sondern auch Anerkennung. Die ist es, die wir brauchen. Wir können uns keine Etatkürzungen leisten, wir müssen sowieso schon an allen Ecken sparen.“

Barnes war enttäuscht. Ja, das war ein Erfolg gewesen, wenn auch ein kleiner. Hätte es sich um Diamanten, Rauschgift oder Ähnliches gehandelt, hätte er weit bessere Karten gehabt. Aber alte Reliquienfiguren? Er nahm seine Jacke und ging wie jeden Abend in den Club. Was sollte er auch sonst tun? Vor über zehn Jahren hatte ihn seine Frau verlassen. Er hasste die einsamen Abende zuhause und zog es vor, im Club zu Abend zu essen, ein Porter zu trinken und eine gute Zigarre zu rauchen. Mit Glück fand sich ein interessantes Gespräch mit einem der anderen Clubmitglieder, denen es ähnlich ging wie ihm.

Dass Krummwinkler lediglich einen Bericht verfasste, nachdem er die Pakete wiederhergestellt und dem Postweg zugeführt hatte, ahnten weder Patrick Lynch noch Oliver Barnes. Dieser Bericht ging an Krummwinklers Vorgesetzten, der dem weiter keine Beachtung schenkte, nachdem er eine Kopie davon nach England schickte.

5.

Seit Wochen recherchierten die Mühldorfer Kripobeamten in alle Richtungen, jedoch ohne Erfolg. Krohmer hatte so langsam die Nase voll, dass sich fünf seiner Leute in einen Fall reinknieten, ohne irgendein Ergebnis aufweisen zu können. Standen diese Ermittlungen noch im Verhältnis zu den Diebstählen? Wenigstens hielt sich die Presse inzwischen zurück, die offenbar nicht mehr sonderlich an diesen Diebstählen interessiert war. Vielmehr konzentrierten sie sich auf den bevorstehenden Besuch eines neuen Bischofs, der wie ein Popstar gefeiert wurde. Krohmer interessierte sich nicht für den Mann, war aber sehr glücklich darüber, dass es ihn und die Hysterie um ihn herum gab. Trotzdem setzte Krohmer eine Frist, denn die Überarbeitung der alten Fälle stand immer noch im Raum.

„Ich gebe Ihnen noch eine Woche. Danach übernehmen die Herren Asanger und Stumpf den Fall wieder alleine. Sie arbeiten dann ohne Widerworte und ohne Murren die alten Fälle durch.“ Die Ansage Krohmers wurde ohne Begeisterung, aber auch mit Verständnis aufgenommen.

„Wie sollen wir die Bande aufspüren? Die Aussagen sind widersprüchlich, niemand hat sie je gesehen. Auch die Recherchen bezüglich des Lieferwagens laufen ins Leere. Mal ist der Wagen weiß, dann gelb, manchmal sogar blau. Einer behauptet, der Wagen hätte eine Aufschrift, ein anderer sagt, dass nur eine Figur auf der linken Seite abgebildet wäre. Es ist zum Verrücktwerden!“ Asanger hatte sich mit mehreren Zeugen angelegt, da dessen Nerven inzwischen am Boden waren.

„Die Diebe gehen sehr geschickt vor und hinterlassen außer diesen Bonbons keine Spuren,“ sagte Leo. Er war enttäuscht, dass es in diesem Fall nicht einen Schritt weiterging.

„Trotzdem bleibt es dabei: Ende nächster Woche sind Sie, Hiebler und Grössert raus aus dem Fall.“

Derweil klauten die Kurowski-Brüder alles, was nicht niet- und nagelfest war. Ihre Diebestouren wurden ausgedehnter, was beiden nichts ausmachte. Jeden Abend kamen sie mit mindestens zwei alten Heiligenfiguren zurück, die Gerhard Kurowski gierig entgegennahm. Er hatte inzwischen mehrere Figuren an Arsai verkauft, der immer prompt und großzügig bezahlte. Gerhard hatte das Interesse an dessen Reliquienfiguren verloren. Er hatte sich informiert, dass es mit diesen Figuren nicht mehr Geld zu verdienen gab, als diese an Arsai zu verkaufen. Gerhard hatte in den letzten Wochen mit dem angenehmen Nebengeschäft sehr viel Geld verdient, von dem seine Neffen nichts ahnten. Sie waren zufrieden mit dem, was er ihnen bezahlte und legte ab und zu eine Sonderprämie drauf, um die beiden ruhig zu halten. Das klappte hervorragend.

Auch Arsai war zufrieden. Er hatte Gerhard Kurowski angesehen, dass er nicht mehr an dem interessiert war, was er mit den Reliquienfiguren machte. An Kunst war Kurowski nicht interessiert. Beide Empfänger der Erstlieferungen hatten bestätigt, dass die Siegel noch dran waren. Keiner hatte die kleinen Kratzer bemerkt, die Gerhard Kurowski und Patrick Lynch verursacht hatten. Konnte es sein, dass Kurowski sich nicht von dem Inhalt überzeugt hatte? Die Fingerabdrücke wurden abgenommen und an Arsai übermittelt. Der verglich sie mit denen, die er von Kurowski hatte: Sie stimmten überein. Nur er hatte die Figuren angefasst. Nach einer weiteren Probelieferung ging er rasch zu seinem eigentlichen Schmuggel über und machte sehr viel Geld damit. Und das alles ohne Risiko. Sollte er auffliegen, würde er niemals mit den Figuren in Verbindung gebracht werden.

Gerhard Kurowski hatte viel zu tun. Die Fahrten zu den Postämtern dehnten sich aus und er musste zusehen, dass er bis zur Rückkehr seiner Neffen wieder zurück war. Er konnte es nicht erwarten, die Figuren zu überprüfen, schließlich ging es um sein Geld, das sich erfreulicherweise sehr schnell vermehrte.

6.

Die Verhandlungen um den Etat des Britischen Geheimdienstes waren sehr zäh verlaufen. Obwohl Oliver Barnes mit Engelszungen sprach, den Bericht der Deutschen präsentierte und jede Menge Argumente anführte, wurde der Etat gekürzt. Zwar nicht um den ursprünglichen, viel zu großen Betrag, aber trotzdem empfand Barnes das als persönliche Niederlage. Er war enttäuscht und müde, als er gegen 20.30 Uhr seinen Mantel nahm. Sein Weg führte ihn durch das verregnete London auch heute wieder in den Club. Er hoffte darauf, dort Ablenkung zu finden.

Er betrat den Club und entdeckte seinen Onkel Carl, der allein an einem der Tische saß. Barnes freute sich, seinen Onkel zu sehen. Wie lange war es her, dass er ihn gesprochen hatte? Das musste sicher schon zwei Monate her sein.

„Ein Tisch für Sie allein, Mr. Barnes?“

„Danke Sam. Ich setze mich zu Mr. Johnson.“

„Wie Sie wünschen. Das Übliche?“

Barnes nickte nur. Er aß seit Jahren an jedem Wochentag dasselbe Gericht. Heute war Mittwoch, also gab es Lamm mit Kartoffeln und Bohnen. Dazu gab es ein frisch gezapftes Porter; ein obergäriges, sehr dunkles Bier mit malzigem Geschmack, auf das sich Barnes jeden Tag freute.

„Guten Abend Onkel Carl. Ich hoffe es stört dich nicht, wenn ich mich zu dir setze?“

„Oliver! Setz dich.“ Carl Johnson erzählte ausführlich, was er den ganzen Tag über getan hatte, wobei er sich maßlos über Gleichaltrige ausließ, die ihm auf die Nerven gingen. „Immer nur Krankheiten, wohin man auch hört. Ich ertrage das nur schwer. Wie war dein Tag?“

Sam brachte das Essen und das Porter, von dem Barnes einen kräftigen Schluck nahm. Dann berichtete er ausführlich von den Etatverhandlungen.

„Und das, obwohl wir die Sache mit den Reliquienfiguren aufgespürt haben,“ fügte er kopfschüttelnd hinzu.

„Reliquienfiguren? Ich habe nie davon gehört. Ich höre.“ Carl Johnson war sein ganzes Leben lang neugierig gewesen. Er war erstaunt, dass er trotz seines sehr hohen Alters immer noch Neues erfuhr.

„Wir haben herausgefunden, dass aus dem süddeutschen Raum Heiligenfiguren ins Ausland geschickt werden. Ich kenne mich damit nicht aus, Kunst ist nicht mein Ding. Soweit ich weiß, sind diese Stücke nicht wertvoll, sondern reine Volkskunst. Wir konnten durch einen sehr aufmerksamen Mitarbeiter herausfinden, dass es sich bei dem Geschäft wohl um den Handel mit Reliquienfiguren handelt. Das sind Holzfiguren, die innen hohl sind und mit Andenken an Verstorbene gefüllt werden. Nichts Wertvolles. Haare, Stoffe und sonstiges Zeugs. Wir haben die Deutschen informiert. Wenn du mich fragst, ist das eine beachtenswerte Entdeckung gewesen…“ Carl Johnson hörte nicht mehr zu. Sein Neffe redete und redete, aber er dachte an etwas Anderes.

„Onkel Carl? Was ist mir dir? Geht es dir nicht gut? Trink einen Schluck Porter, du bist ja total blass um die Nase.“

„Hohlkörper in Holzfiguren? Das gibt es tatsächlich?“

„Ja. Das war im süddeutschen Raum und im heutigen Österreich im 18. und 19. Jahrhundert nicht unüblich. Wie gesagt, wurden Erinnerungen an Verstorbene aufbewahrt, man nennt sie Reliquienfiguren. Ich habe auch vorher nie davon gehört. - Du gefällst mir nicht, Onkel Carl. Was ist los mit dir?“

„Wir fahren,“ sagte Carl, stand auf und nahm seinen Stock.

„Wohin?“

„Zu mir nach Hause. Ich muss dir etwas zeigen.“

„Ich habe noch nicht aufgegessen. Mein Porter ist noch halbvoll und meine Zigarre hatte ich auch noch nicht.“

„Komm endlich!“

Nur widerwillig folgte Barnes seinem Onkel. Er mochte den kauzigen Kerl und bewunderte ihn, aber er war auch anstrengend und sehr dominant. Carl war bis zu seiner Pensionierung ein hohes Tier beim Militär gewesen und genoss auch heute immer noch einen sehr guten Ruf. Nur wegen seines Onkels war Barnes zum Militär und später zum Geheimdienst gegangen.

Carl Johnson bewohnte ein kleines Haus mit einem winzigen Garten am Rande Londons. Er hielt nicht viel von einem pompösen Lebensstil, das war in seinen Augen pure Verschwendung. Wie viel Quadratmeter konnte ein einzelner Mensch bewohnen? Das Wohnzimmer war kalt und da Barnes fror, behielt er den Mantel an. Onkel Carl schien die Kälte nicht zu spüren. Er zog aus dem riesigen Bücherregal mehrere Fotoalben hervor.

„Erwartest du, dass ich mit dir in Erinnerungen schwelge?“

„Halt den Mund. Wenn du siehst, was ich suche, wirst du verstehen,“ brummte Onkel Carl. Er blätterte hektisch in den dicken Alben. Endlich schien er gefunden zu haben, was er suchte.

„Diese Aufnahmen wurden zum Kriegsende 1945 in Bayern aufgenommen. Ich war Captain Monroe unterstellt, wir waren mit einem Spezialauftrag betraut worden, zu dem ich mich mit dem Kameraden Sam Briggs freiwillig gemeldet hatte. Im Frühjahr 1945 wurden Meldungen aufgeschnappt, wonach die Deutschen eine Bombe entwickelten, die riesigen Schaden anrichten konnte. Der Name Sebastian Demmelhuber kam ins Spiel, diesen Namen werde ich nie vergessen. Wir bekamen die Aufgabe, ihn und die Pläne, sowie das Serum, zu eliminieren. In Mühldorf am Inn wurde ein Werk für die Produktion der Messerschmitt Me262 gebaut, ein Flugzeugtyp, der mit der neuen Bombe bestückt werden sollte. Zum Glück kam es nicht mehr dazu. Der Krieg war vorbei, bevor der Plan umgesetzt werden konnte.“

Barnes konnte seinem Onkel kaum folgen.

„Ein Serum?“

„Ja. Die Bombe sollte damit bestückt werden. Genaueres wussten wir nicht, das gaben die Meldungen nicht her. Captain Monroe ging davon aus, dass es sich um Krankheitskeime handelte.“

„Du bist ja verrückt! Wäre man damals wirklich so weit gegangen?“

„Diese Art der Kriegsführung ist kein Novum und das weißt du auch. Damals war die Art und Weise allerdings völlig neu. Mit einer derartigen Bombe hätte man abertausende von Menschen infizieren können. Churchill hatte riesige Angst davor. Und nicht nur er, wir alle hatten Angst. Mit der V1, V2 und A4 hatten die Deutschen bewiesen, was sie technisch draufhatten. So sehr ich die Deutschen auch verabscheue muss ich zugeben, dass sie sehr schlau sind. Und skrupellos. Wir und alle anderen Staaten hinkten damals weit hinterher. Wir mussten diesen Demmelhuber aufhalten. Er hatte die Pläne und das Serum bei sich. Er war bis Peenemünde gekommen. Natürlich wurde Peenemünde massivst bombardiert, aber Demmelhuber entkam. In Mühldorf am Inn konnten wir ihn aufspüren.“

„Gott sei Dank! Nicht auszudenken, was geschehen wäre, wenn das Serum und die Pläne in falsche Hände gelangt wären.“

„Wir konnten Demmelhuber eliminieren, haben aber keine Reste des Serums und der Pläne bei ihm gefunden. Er muss es im Wald irgendwo versteckt haben. Wir haben alles umgegraben, haben aber nichts gefunden.“

„Reste? Ich verstehe nicht…“

„Demmelhuber sah fürchterlich aus. Er muss sich mit dem Serum infiziert haben. Monroe hatte schnell reagiert und die Leiche mit Benzin übergossen. Ich habe den Deutschen nicht nur erschossen, sondern die Leiche in Brand gesetzt. - Sieh mich nicht so an! Damals war Krieg und wir befanden uns in einer Ausnahmesituation. Zum Glück hatte Captain Monroe schnell reagiert. Wir hätten uns alle anstecken können. Wer weiß, ob wir das überlebt hätten. Ich war in Panik und habe spontan gehandelt. Ich bin auch heute noch der Meinung, dass es richtig war, die Leiche zu verbrennen.“

„DU hast die Leiche verbrannt?“

„Ich warf meine Zigarette auf die Leiche. Was hätte ich anders tun sollen? Wir wussten nicht um die Wirkung des Serums, geschweige denn um die Ansteckungsgefahr. Wir mussten unsere Leben und das vieler anderer schützen.“

„Ich fasse zusammen: Du hast diesen Demmelhuber erschossen, Monroe hat die Leiche mit Benzin übergossen und du warfst deine Zigarette darauf, woraufhin die Leiche verbrannte. Da ihr von dem Serum und den Plänen keine Reste gefunden habt, gehst du davon aus, dass beides versteckt wurde?“

„Endlich kannst du mir folgen, das wurde auch langsam Zeit. Spezialisten haben Demmelhubers Leiche akribisch untersucht. Wenn er das Serum bei sich gehabt hätte, wären Glassplitter oder irgendetwas Vergleichbares gefunden worden. Aber da war nichts. Wir haben das Gebiet mehrere Wochen abgesperrt und alles wieder und wieder durchsucht. Es wurde nichts gefunden.“

Oliver Barnes verstand immer noch nicht ganz. Onkel Carl verdrehte die Augen und zeigte ihm die Fotos des Albums.

„Hier habe ich Demmelhuber erschossen. Sieh dir die Fotos genau an.“ Carl gab ihm ein Vergrößerungsglas.

Akribisch sah sich Barnes ein Foto nach dem anderen an. Dann erschrak er.

„Was ist das? Ein Schrein? Ist das eine Heiligenfigur?“

„Die Süddeutschen nennen es Marterl. Wir wussten nicht, dass diese Figuren hohl sein können.“

„Du meinst, Demmelhuber könnte das Serum und die Pläne darin versteckt haben?“

„Wenn ja, dann könnte beides immer noch dort sein.“

„Und wenn nicht, dann ist es in den Händen der Diebe.“

Pulsuz fraqment bitdi.

5,69 ₼