Kitabı oxu: «Nikolaus muss sterben»

Şrift:

Irene Dorfner

Nikolaus muss sterben

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Impressum

VORWORT

ANMERKUNG

1.

2.

3.

4.

5.

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7.

8.

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Liebe Leser!

Von der Autorin sind bisher folgende Bücher erschienen:

Über die Autorin Irene Dorfner:

Impressum neobooks

Impressum

Copyright © Irene Dorfner 2021

All rights reserved

© Irene Dorfner, Postfach 1128, 84495 Altötting

Lektorat: Sabine Thomas, Stralsund

EarL und Marlies Heidmann, Spalt

FTD-Script, Altötting

Kein Teil dieses Buches darf ohne ausdrückliche schriftliche

Genehmigung des Herausgebers reproduziert oder in einem

Abrufsystem gespeichert oder in irgendeiner Form

oder auf irgendeine Weise elektronisch, mechanisch,

fotokopiert, aufgezeichnet oder auf andere Weise

übertragen werden.

VORWORT

Fall 40 – Wahnsinn, wie weit die Reise mit Leo Schwartz und seinen Leuten bisher ging.

An dieser Stelle möchte ich mich bei allen Fans und Freunden herzlich bedanken, denn ohne euch wäre das nicht möglich gewesen (keine Sorge, die Reise geht auf jeden Fall weiter!!)..

Der Kriminalfall „Nikolaus muss sterben“ ist ein ganz besonderer, denn zum runden Jubiläum gibt es einen Weihnachtskrimi!

Ich wünsche allen Lesern/Freunden von Herzen fröhliche Weihnachten und einen guten Rutsch ins neue Jahr!!

Herzliche Grüße aus Altötting

Irene Dorfner

ANMERKUNG

Die Personen und Namen in diesem Buch sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig – bis auf: Jonny und Angelika Wittrock, sowie der Nikolaus Klaus-Dieter Heidmann. Hier liegen Einverständnisse vor – schön, dass ihr dabei seid!

Der Inhalt des Buches ist reine Fantasie der Autorin. Auch hier sind Ähnlichkeiten rein zufällig. Die Örtlichkeiten wurden den Handlungen angepasst.

…. und jetzt geht es auch schon los:

1.

Samstag, 27. November

Ein Nikolaus lief gegen zweiundzwanzig Uhr über den menschenleeren und sehr spärlich beleuchteten Stadtplatz der oberbayerischen Kleinstadt Neuötting. Dessen Laune war gut, denn den ersten Nikolaus-Besuch in dieser Saison hatte er hinter sich. Bei der Familie Wölfle gab es einiges zu holen, deshalb hatte er die Ohren gespitzt und auf jedes Wort geachtet. Bereits morgen früh konnte er zuschlagen, denn zum ersten Advent wollte die ganze Bagage in die Kirche gehen. Frau Wölfle wiederholte für ihren offenbar begriffsstutzigen oder auch bockigen Gatten mehrfach, dass die Messe um zehn Uhr begann, was der nur murrend zur Kenntnis nahm, weil er sich nicht komplett taub stellen konnte. Die Frau war unerbittlich und hielt an der alten Familientradition fest, auf die er gut und gern verzichten konnte, denn mit der Kirche hatte er nichts am Hut. Die Kinder waren noch zu klein, um sie zu beeinflussen und auf seine Seite zu ziehen, deshalb wusste er, dass er in diesem Jahr nicht entkommen konnte. Wie schön war doch das letzte Jahr gewesen, als wegen Corona alle Kirchen geschlossen waren und zu hohen kirchlichen Feiertagen nur für ein auserwähltes Publikum öffneten, zu dem die Familie Wölfle zum Glück nicht gehörte. Also signalisierte Herr Wölfle mit einem Augenzwinkern dem Nikolaus, dass er sich fügen würde, um den Familienfrieden nicht zu gefährden. Frau Wölfle konnte sehr ungehalten reagieren, wenn gerade in der Vorweihnachtszeit nicht alles so ablief, wie sie es geplant hatte.

Der Nikolaus, unter dessen Kostüm sich der achtunddreißigjährige Klaus-Dieter Heidmann verbarg, musste schmunzeln. Angespornt von diesen guten Aussichten nach dem letzten chaotisch-mageren Coronajahr, in dem alle Nikolaus-Besuche ausnahmslos ausfielen, achtete er nicht auf einen Mann, der ihm hier auf dem Stadtplatz quer vor die Füße lief. Es kam, wie es kommen musste – die beiden stießen zusammen. Während sich der Nikolaus gerade noch so an einem Pfeiler der Arkaden festhalten konnte, landete der andere auf dem harten Pflaster. Heidmann war froh, denn ein lädiertes Kostüm zu Beginn der Saison wäre eine Katastrophe.

„Sorry, das tut mir leid“, rief Heidmann und versuchte, dem Mann aufzuhelfen.

Der schien für einen Moment verwirrt und starrte ihn an. Dann fasste er sich wieder.

„Kannst du nicht aufpassen, du Arschloch?“

Der Mann stand auf und nahm die Tasche an sich, die ihm sehr wichtig schien. Dann beschimpfte er ihn nochmals und rannte humpelnd davon.

Heidmann ließ sich von diesem unschönen Zusammenstoß nicht die Laune verderben. Er nahm sein Handy und wählte.

„Servus Heiko. Mein Besuch war ein voller Erfolg, schon morgen früh kann es losgehen. Wie war es bei dir?“

„Tote Hose, bei der Familie ist nichts zu holen. Soll ich dich morgen begleiten?“

„Nein, das mache ich allein. Wir hören uns!“ Heidmann sagte kein Wort über das, was eben geschehen war, das hatte er bereits vergessen.

Dass das noch ein schreckliches Nachspiel haben würde, konnte er in diesem Moment nicht wissen.


2.

Montag, 29. November

„Die Vorweihnachtszeit ist die schlimmste Zeit des Jahres“, brummte der neunundfünfzigjährige Hans Hiebler. Trotz der niedrigen Temperaturen sah er aus, als käme er direkt aus dem Urlaub auf einer traumhaft schönen Insel, wo er jetzt sehr viel lieber wäre. Der Winter war nichts für ihn, aber daran konnte er nichts ändern. Seine schlechte Laune wurde durch seinen Freund und Kollegen Leo Schwartz noch schlimmer, denn der lief seit Tagen mit einer Trauermiene herum, die einem echt aufs Gemüt schlug. Dazu kam, dass die Weihnachtszeit auch Erinnerungen an eine glückliche Kindheit und an die längst verstorbenen Eltern hervorrief, was ihn melancholisch stimmte. In diesen Wochen gab es immer die verrücktesten Verbrechen, mit denen sie sich als Kriminalbeamte herumschlagen mussten. Er war froh, wenn Silvester vorbei war und alles wieder normal lief.

„Einbrüche, Diebstähle und Tätlichkeiten, wohin das Auge blickt. Das Einbruchsdezernat hat es mit zwei Einbrüchen bei Juwelieren in Mühldorf und Neuötting zu tun, die an Dreistigkeit nicht zu überbieten sind. Die Diebe fuhren mit Fahrzeugen einfach in die Schaufenster und steckten alles ein, was sie in die Finger bekamen. Allein der Sachschaden geht in die Millionen. Manche Menschen schrecken echt vor nichts zurück. Warum kann die Weihnachtszeit nicht einfach mal ruhig ablaufen?“ Rudolf Krohmer, der Leiter der Mühldorfer Kriminalpolizei, schüttelte den Kopf. Er starrte in das Licht der ersten Kerze auf dem spärlichen Adventskranz. Wer hatte sich dafür entschieden, dieses hässliche Ding hier zu platzieren? Er grabschte mit den Fingern an die Tannenzweige und zuckte zusammen. Das war ein künstlicher Kranz. Angewidert zog er die Hand zurück. „Weihnachten ist früher so schön gewesen. Wo ist die besinnliche Zeit geblieben, in der man sich auf die Familie und das Wesentliche konzentrierte?“

„Diese Zeit gibt es doch schon lange nicht mehr“, maulte der siebenundfünfzigjährige Leo Schwartz. Seit einigen Tagen hatte er echt schlechte Laune. Zum einen hatte ihm seine Vermieterin und Ersatzmutter Tante Gerda vor zehn Tagen mitgeteilt, dass sie und Christine Künstle, die vor zwei Monaten tatsächlich auf dem renovierten Bauernhof eingezogen war, Weihnachten auf den Bahamas verbringen wollten. Als wäre das nicht genug, hatte seine Verlobte Sabine Kofler eine Reportage in Australien angenommen, die sie vermutlich über die Weihnachtsfeiertage festhielt. Die Aussicht, Weihnachten einsam und verlassen verbringen zu müssen, gefiel ihm absolut nicht, was er aber niemals zugeben würde. Er versuchte, Sonderschichten an sich zu reißen, um somit diesem Friede-Freude-Eierkuchen-Getue aus dem Weg zu gehen. Und er hoffte auf einen spannenden Fall, der ihn beschäftigte – aber den fand er in den vorliegenden Fällen nicht, denn die gingen allesamt die Kriminalpolizei nichts an. Wenn sich an der Situation nicht bald etwas änderte, musste er über Weihnachten verreisen, aber darauf hatte er auch keine Lust. Wenn er nicht bei der Mordkommission, sondern beim Einbruchsdezernat arbeiten würde, hätte er es wenigstens mit diesen spektakulären Einbrüchen zu tun. Aber die Fälle, die hier auf dem Tisch lagen, waren allesamt langweilige Routinearbeit, die nichts mit der Mordkommission zu tun hatten.

„Wie dem auch sei: Zum Glück gibt es genug alte Fälle, die überprüft gehören.“ Krohmer freute sich, denn dann konnte man das Jahr doch noch rund abschließen und diese Fälle endgültig ad acta legen.

„Nicht schon wieder!“, stöhnte die neunundzwanzigjährige Diana Nußbaumer, die wieder wie aus dem Modekatalog aussah. Krohmer und seine alten Fälle. Sie hasste diese Aufgabe, mit der der Chef immer ums Eck kam, wenn sonst nichts anlag. Das war eine trockene und sehr undankbare Aufgabe, denn Kollegen, die diese Fälle bearbeitet hatten, fühlten sich immer auf den Schlips getreten, was sie gut nachvollziehen konnte.

Auch Leo und Hans waren nicht begeistert, was sie auch zum Ausdruck brachten.

Einzig Alfons Demir, der neue Kollege im Bunde, hatte nichts gegen Büroarbeit. Es war kalt, außerdem schneite es immer wieder. Kein Wetter, in dem man sich gerne draußen aufhielt. Alfons Demir, den alle nur Alf nannten, hatte sich gut eingelebt. Nach dem Tod seines Vaters war er nach Landshut gezogen, um sich um die Mutter zu kümmern, die außer ihm niemanden mehr hatte. Seit er bei ihr lebte, blühte sie regelrecht auf, was ihn täglich freute, denn die verwirrten Momente seiner Mutter wurden tatsächlich weniger. Die Arbeit in Mühldorf gefiel ihm sehr. Obwohl sein erster Fall hier sehr turbulent gewesen war, mochte er nach seinem Umzug und der Eingewöhnungsphase die ruhigeren Tage, in denen sie sich seit Wochen befanden. Und er freute sich auf Weihnachten, das er als Moslem sehr gerne mit seiner katholischen Mutter verbrachte. Kirche und Glaube standen bei der Familie Demir noch nie an erster Stelle, deshalb störte er sich nicht an den Ritualen, die er seit seiner Kindheit kannte und auf die seine Mutter immer großen Wert legte.

Gerade, als Krohmer und die Kriminalbeamten aufstehen wollten und sich gedanklich an die bevorstehende Arbeit gewöhnt hatten, klopfte es an der Tür. Es war ein Uniformierter, der Krohmer einen Zettel reichte und gleich darauf wieder verschwand. Ungläubig las Krohmer die wenigen Zeilen.

„Offenbar müssen wir die alten Fälle verschieben“, las Krohmer die Information und sah die Kollegen an. „Es gibt einen Schwerverletzten in Neuötting. Er hat offenbar einen Einbrecher überrascht und wurde niedergeschlagen.“

„Gibt es einen Hinweis auf den Täter?“

„Hier steht: Es war der Nikolaus.“


3.

Die Wohnung war weiträumig abgesperrt worden. Das hatte Friedrich Fuchs, der Leiter der Spurensicherung, veranlasst. Niemand wagte es, den Tatort zu betreten, denn alle kannten den fünfundvierzigjährigen Fuchs und seine ungezügelten Wutausbrüche, denen sich niemand freiwillig aussetzen wollte. Der Verletzte befand sich im Krankenwagen und wurde versorgt.

„Ist er ansprechbar?“, wandte sich Leo an den Notarzt.

„Nein, keine Chance. Stellen Sie sich darauf ein, dass das auch noch dauern wird – wenn er überhaupt wieder zu sich kommt. Die Kopfverletzung gefällt mir nicht. Können wir fahren?“

„Hatte er Papiere bei sich?“

„Nein. Die Identität ist geklärt, sprechen Sie mit einem Ihrer Kollegen. Der dort hinten war vor uns da“, zeigte er auf einen Uniformierten und schloss die Tür des Rettungswagens, der sich dann mit Blaulicht und Martinshorn entfernte.

Leo wies sich gegenüber dem Kollegen aus.

„Sie sind mir nicht unbekannt, Herr Schwartz. Sie erinnern sich an mich?“

Leo musterte das arrogante Gesicht, das ihm tatsächlich bekannt vorkam, allerdings erinnerte er sich nicht an den Namen.

„Engelbrecht, Kurt Engelbrecht.“

Leo schüttelte den Kopf, damit konnte er nichts anfangen, das war aber auch nicht wichtig.

„Wer ist das Opfer?“

„Jürgen Schulze, zweiundvierzig Jahre alt. Verheiratet, zwei Kinder. Zum Glück war er allein zuhause“, fasste Engelbrecht zusammen.

„Es heißt, der Täter war der Nikolaus? Das ist doch ein Scherz, oder?“

„Keine Ahnung, ich mache nur meinen Job und gebe das weiter, was Zeugen aussagten. In diesem Fall ist die Zeugin die Nachbarin Huber. Sie hat das Opfer gefunden und Polizei und Notarzt gerufen. Sie sagte aus, dass sie einen Mann in einem Nikolauskostüm gesehen hat. Einbrüche dieser Art werden zwar vermehrt gemeldet, aber wenn Sie mich fragen, ist die alte Frau nicht ganz dicht. Sie fantasiert und hat vermutlich zu viele Krimis gesehen. Als ich mit ihr sprach, lief der Fernseher, wie vermutlich den ganzen Tag lang.“

„Können wir uns darauf verlassen, dass es ein Mann war?“ Leo war sauer, wie respektlos Engelbrecht über die Zeugin sprach. Wie sie den Tag verbrachte, ging diesen Kotzbrocken wirklich nichts an.

„Mann oder Frau? Keine Ahnung. Das herauszufinden ist nicht meine Aufgabe.“ Engelbrecht steckte seinen Notizblock ein und sah auf die Uhr.

Jetzt erinnerte sich Leo an den Kollegen, der immer genau nach Vorschrift und keine Sekunde länger als nötig arbeitete. Ein unsympathischer Typ, mit dem er schon einmal zusammengerumpelt war.

„Sie bleiben hier, bis ich Sie persönlich abziehe. Wir haben uns verstanden?“

„Das dürfen Sie nicht anweisen, das darf nur mein Vorgesetzter.“

„Im Moment bin nur ich da und Sie müssen mit mir Vorlieb nehmen. Es gilt, was ich sage, auch wenn Ihnen das nicht gefällt. Ich wiederhole es noch einmal, damit Sie mich auch richtig verstehen: Sie bleiben!“

Engelbrecht war sauer. Er hatte noch einige Weihnachtseinkäufe zu erledigen, die er sich für heute vorgenommen hatte. Nach der Frühschicht hatte er am Nachmittag Zeit, sich um diese lästige Aufgabe zu kümmern. Daraus wurde jetzt nichts. Er sah dem Kollegen Schwartz hinterher und nahm sein Handy. Trotz mehrfacher Versuche erreichte er den Altöttinger Polizeichef nicht, weshalb ihm nichts anderes übrig blieb, als sich Schwartz‘ Anweisungen zu fügen.

Die Zeugin Josefa Huber war völlig aufgelöst. Diana saß gemeinsam mit ihr in deren viel zu warmen Wohnzimmer. Obwohl Leo schwitzte, ließ er die Lederjacke, die er fast das ganze Jahr trug, an. Er wies sich Frau Huber gegenüber aus, die sich aber nicht für seinen Ausweis interessierte und ihm Platz anbot. Leo sank förmlich in dem Sessel ein, der schon viele Jahre auf dem Buckel hatte. Ungefragt schenkte Josefa Huber Kaffee ein und stellte Leo eine Tasse hin, dazu gab es ein Stück Christstollen. Leo mochte den nicht, denn er hasste die kandierten Früchte darin.

Die betagte Frau Huber erzählte Leo nochmals alles von vorn, auch wenn er sie nicht danach fragte. Die Informationen sprudelten nur so aus ihr heraus.

„Und Sie sind sich sicher, dass das ein Mann war?“, hakte er nach. Der Kaffee schmeckte vorzüglich.

„Sie meinen, dass so etwas eine Frau anrichten könnte?“

„Warum nicht? Wir müssen jede Möglichkeit in Betracht ziehen.“

Frau Huber trank vom Kaffee und aß ein Stück Christstollen. Sie dachte nach und Leo wollte ihr die Zeit geben.

„Sie haben mich verunsichert, Herr Schwartz. Ich bin mir jetzt nicht mehr sicher, dass das ein Mann war. Die Person trug Turnschuhe, so wie sie die jungen Leute alle tragen. Nur Sie beide nicht“, bemerkte sie mit Blick auf Leos Cowboystiefel und Dianas Winterstiefel, die einen sehr hohen Absatz hatten.

Leo musste schmunzeln, denn Frau Huber bezeichnete ihn als jung, was ihm schon lange nicht mehr passiert war.

„Was können Sie uns über die Familie Schulze erzählen?“

„Sehr nette Leute, auch die Kinder. Sie leben sehr zurückgezogen, man sieht sie kaum. Natürlich gibt es ab und zu Streit, aber das ist normal. Die Kinder verhalten sich vorbildlich. Kein Geschrei und kein Lärm. Wenn man es nicht wüsste, könnte man nicht vermuten, dass nebenan kleine Kinder leben. Ich habe keine Kinder und somit auch keine Enkel, was ich sehr bedaure“, fügte sie nachdenklich hinzu. „Aber so ist das Schicksal nun mal. Entschuldigen Sie, das interessiert Sie sicher nicht, Sie wollen mehr über die Familie Schulze wissen. Herr Schulze arbeitet in Altötting beim Bauhof, Frau Schulze ist zuhause und kümmert sich um die Kinder und den Haushalt. Ja, das ist altmodisch, aber das soll jeder für sich selbst entscheiden. Der kleine Emil kommt nächstes Jahr schon in die Schule. Ein sehr aufgeweckter Junge, der viel zu schnell groß wird.“

Diana machte sich Notizen. Bei dem Namen Emil schüttelte sie den Kopf. Ja, es war modern, Kindern altdeutsche Namen zu geben – aber Emil? Es gab so viele schöne Namen, warum dieser?

„Wie heißt das andere Kind?“, wollte sie der Vollständigkeit halber wissen.

„Yannick. Es hat lange gedauert, bis ich mir den Namen merken konnte. Yannick ist vier Jahre alt.“

„Haben Sie eine Ahnung, wo sich Frau Schulze und die Kinder aufhalten?“

„Nein. Ich habe mich darüber gewundert, dass sie nicht da sind, normalerweise sind sie das immer.“ Frau Huber rührte in ihrer Tasse. „Ich verstehe das nicht, denn noch eine Stunde bevor ich Herrn Schulze in dem schrecklichen Zustand fand, meinte ich, Frau Schulze reden zu hören. Allerdings habe ich sie nicht gesehen, die Kinder auch nicht. Vielleicht täusche ich mich auch.“

Leo hatte genug gehört. Er bat Diana, noch etwas zu bleiben, falls Frau Huber noch etwas einfiel. Der war das nicht unangenehm, denn sie mochte die alte Dame, die trotz des hohen Alters von siebenundachtzig Jahren noch sehr fit war.

Friedrich Fuchs hatte bereits nach Leo gesucht. Er hatte etwas entdeckt, was er unbedingt weitergeben musste. Im Treppenhaus begegneten sich die beiden.

„Kommen Sie mit!“ Mehr sagte Fuchs nicht.

„Was ist?“

„Kommen Sie, das müssen Sie mit eigenen Augen sehen!“

Abseits vor dem Haus stand ein Mann – Klaus-Dieter Heidmann. Der konnte nicht glauben, was hier abging. Was sollte das? Die Familie Schulze stand ganz oben auf seiner Liste. Nach dem Einbruch bei den Wölfles war er hier goldrichtig. Vor zwei Tagen war er hier als Nikolaus verkleidet gewesen und hatte den Kindern einen Vortrag gehalten, den der Vater vorher zu Papier gebracht hatte. Die Worte waren heftig, trotzdem musste er sich fügen, schließlich war der Kunde König. Die beiden Jungs schienen eingeschüchtert, was ganz normal war. Allerdings verhielt sich die Mutter nicht so, wie es sein sollte. Andere Mütter waren aufgeregt und freuten sich, nicht aber Frau Schulze. Sie saß abseits und schien nicht zu verstehen, was um sie herum geschah. Klaus-Dieter Heidmann hatte sich nichts dabei gedacht, schließlich ging ihn der Gemütszustand der Kundschaft nichts an. Er war an anderen Dingen interessiert. Auf der Anrichte stand eine Statue, die ihn interessierte, denn sie war signiert. Längst hatte er herausgefunden, dass dieses olle Ding einige hundert Euro wert war. Auch die Lampe daneben war nicht ohne, die wollte er ebenfalls mitnehmen. Die Frau trug keinen Schmuck, weshalb er den in einer Schatulle im Schlafzimmer vermutete. In den letzten Jahren hatte er einen Blick dafür entwickelt, wo etwas zu holen war. Er nahm nie viel, denn er wollte keinen großen Schaden anrichten. Nur so viel, dass man den Diebstahl leicht verschmerzen konnte, wenn er überhaupt bemerkt wurde. Die Schulzes gaben sich bieder, aber davon ließ er sich nicht täuschen. Er war sich sicher gewesen, dass in der Wohnung sehr viel mehr zu holen war – ein paar wertvolle Schmuckstücke waren sicher dabei. Während seines Besuches hatte er aufgeschnappt, dass die Schulzes heute Vormittag nicht zuhause waren. Herr Schulze sollte in der Arbeit sein, die Kinder im Kindergarten und die Frau hatte einen Friseurtermin. Genug Zeit für einen Bruch, der nur wenige Minuten dauern sollte. Und jetzt dieser Auflauf von Polizisten! Ob die wegen den Schulzes hier waren? Er musste es herausfinden. Gleich bei der ersten Frau hatte er Glück. Schnell hatte es die Runde gemacht, dass der Nikolaus als Täter vermutet wurde, was trotz des Verletzten einiges Gelächter verursachte. Als das Wort Nikolaus fiel, wurde ihm schlecht. Nicht, weil er vorgestern selbst als solcher verkleidet in der Wohnung der Schulzes war, sondern weil er seinem Zweitnamen Klaus dem Heiligen Nikolaus zu verdanken hatte. Jetzt wurde er wegen eines Verbrechens mit diesem verhassten Namen konfrontiert. Er fühlte sich ertappt und verließ völlig verstört die Gruppe der Schaulustigen. Er lief durch die Straßen Neuöttings und setzte sich irgendwann auf eine Bank, auch wenn die völlig verdreckt und nass war. Jemand hatte sich als Nikolaus verkleidet Zutritt zur Wohnung Schulze verschafft und den Mann niedergeschlagen. Konnte es sein, dass ihn jemand nachahmte oder ihm diese Tat in die Schuhe schieben wollte? Nein, das war sicher ein Zufall. Oder doch nicht? Er musste Heiko Fleischmann anrufen, schließlich arbeiteten sie beide zusammen, wenn auch parallel.

„Was gibt es?“ Als Heiko den Grund des Anrufes verstand, reagierte der panisch. „Die suchen nach einem Nikolaus? Warst du das, du Vollpfosten? Hast du dem Mann etwas angetan?“

„Natürlich nicht! Und du?“

„Ich auch nicht! Das waren deine Kunden, damit habe ich nichts zu tun!“

„Was machen wir jetzt?“

„Nichts! Wir halten die Füße still und werden ab sofort keine Kunden mehr beklauen.“

„Spinnst du? Woher sollen wir sonst das Geld nehmen?“

„Keine Ahnung! Wir müssen uns etwas anderes einfallen lassen, verstanden? Keine Brüche mehr!“

„Meinetwegen. Es wird nicht lange dauern, bis sie herausfinden, dass ich bei den Schulzes war. Was soll ich sagen?“

„Nichts! Du hältst die Klappe, verstanden? Was ist das nur für eine Scheiße! Hätte ich mich nur nicht von dir überreden lassen!“

„Jetzt schieb nicht mir den Schwarzen Peter zu. Ja, es war meine Idee, aber du warst immer mit allem einverstanden. Das funktioniert schon seit Jahren sehr gut, das musst du zugeben. Wir beklauen nur Leute, die den Diebstahl verschmerzen können. Bleib ruhig und flipp jetzt nicht aus, verstanden? Mir können die Polizisten nichts, ich habe ein Alibi.“

„Sauber, ich aber nicht. Ich war zur Tatzeit allein zuhause.“

„Die wollen nichts von dir, sondern von mir. Du hattest mit den Schulzes nichts zu tun – ich schon. Wir kommen aus der Sache sauber raus, Heiko, das verspreche ich dir.“

Klaus-Dieter Heidmann saß lange auf der Bank und schmiedete einen Plan: Er musste herausfinden, was passiert war und wer ihm in die Quere kam!


4.

Leo Schwartz folgte dem Kollegen Fuchs ins Schlafzimmer der Familie Schulz. Dort gab es hinter einem Vorhang eine Tür, die nachträglich in die Wand eingelassen worden war. Dahinter befand sich eine Treppe, die zu einem kleinen Raum auf den Dachboden des Mehrfamilienhauses führte. Leo stand vor zwei Matratzen, auf denen fein säuberlich zwei Decken und Kissen lagen. Als Beleuchtung diente eine nackte Glühbirne, die vom Schlafzimmer aus geschaltet wurde. Man konnte hier nicht aufrecht stehen, wofür die Schräge des Daches verantwortlich war.

„Was denken Sie, Herr Fuchs? Hat dieses Dreckschwein seine Familie hier eingesperrt?“

„Davon müssen wir ausgehen, aber das müssen Sie beweisen. Es gibt Haare auf einem der Kissen, die ich analysieren muss. Außerdem habe ich zwischen den Matratzen diese Autos gefunden.“ Fuchs hielt zwei Spielzeugautos in einer Plastiktüte in den Händen. Leo wurde wütend. War das möglich, dass in diesem Haus, in dem es insgesamt sechs Parteien gab, so etwas möglich war? Warum hat das niemand gemerkt?

Hans und Alf quetschten sich ebenfalls in den winzig kleinen Raum. Einer von Fuchs‘ Kollegen hatte gequatscht und die Neuigkeit machte schnell die Runde.

„Dieses Schwein!“, entfuhr es Hans, der ahnte, wer jetzt als Täter in Betracht kam. „Wir müssen die Frau zur Fahndung ausschreiben.“

„Ich rufe sofort den Chef an, der soll das umgehend in die Wege leiten. Hoffen wir, dass es den Kindern gut geht.“

„Denkst du, dass die Frau sich an den Kindern vergreifen könnte?“

„Was weiß denn ich?“ Leo ging nach unten. Er öffnete ein Fenster, er brauchte dringend frische Luft. Dann rief er Krohmer an, der ebenfalls erschüttert war.

„Haben Sie ein Foto von der Frau und den Kindern?“

„Ist unterwegs.“ Leo machte von den Fotos an den Wänden mehrere Aufnahmen und schickte sie an Krohmer. Was war in dieser Familie nur los? Welches Elend verbarg sich hinter der Kulisse? Und wo waren Frau Schulze und die Kinder?

„Ich habe noch keine Informationen über die Tatzeit, Kollege Fuchs. Wann wurde das Opfer niedergeschlagen?“

„Genau kann ich das nicht sagen, und schätzen ist nicht mein Ding.“

„Trotzdem brauche ich etwas, mit dem ich arbeiten kann.“

Fuchs stöhnte. Normalerweise hätte er schroff geantwortet, aber seit Schwartz der Leiter der Mordkommission war, musste er ihm Rede und Antwort stehen.

„Ich schätze vor zwei Stunden in etwa.“

Leo sah Fuchs mit großen Augen an.

„Vor zwei Stunden? Die Nachbarin meinte, Frau Schulze noch vor einer Stunde gehört zu haben.“

Fuchs zuckte nur mit den Schultern. Es war nicht sein Ding, sich an Vermutungen zu beteiligen, er war ein Fan von Fakten.

„Gibt es eine Tatwaffe?“

„Diese Statuette.“

Leo nahm den Beutel mit der Statuette an sich, die vermutlich einen Krieger darstellen soll. Er kannte sich nicht aus, denn Kunst war nicht sein Ding. Während manche sich stundenlang über ein Objekt auslassen konnten, war er völlig überfordert. Er konnte nur sagen, ob ihm das Objekt gefiel oder nicht. Und dieser vermutete Krieger war absolut nicht sein Fall, den hätte er in den Müll geworfen. Leo besah sich den schweren Inhalt des Beutels genauer. Auf dem Marmorsockel konnte er Blut erkennen. Ob das Opfer diesen Schlag überlebte? Schwer zu sagen.

„Kann ich jetzt weiterarbeiten? Sobald wir hier fertig sind, fahre ich ins Krankenhaus und spreche mit dem behandelnden Arzt.“

„Machen Sie das, Kollege Fuchs. Melden Sie sich, sobald Sie etwas erfahren. Eine Information über den Zustand des Opfers wäre gut.“

Fuchs nickte nur. Es war Zeit, dass die Kriminalkommissare endlich den Tatort wieder verließen, damit er und seine Leute in Ruhe weiterarbeiten konnten.

Sein nächster Weg führte Leo zur Nachbarin Josefa Huber. Diana saß immer noch fröhlich schwatzend bei ihr. Als sie Leos Gesicht sah, verstummte sie.

„Was ist passiert?“

„Kann es sein, dass Sie uns etwas verschwiegen haben, Frau Huber? Ist es möglich, dass die Familie Schulze nicht die Vorzeigefamilie war, wie Sie uns weismachen wollten?“

„Bitte? Ich verstehe nicht…“

„Was ist denn los?“, mischte sich Diana ein, die das Gefühl hatte, die alte Dame vor Leo beschützen zu müssen.

„Wir haben einen versteckten Raum gefunden. Alles sieht danach aus, als hätte Schulze Frau und Kinder dort eingesperrt.“

„Das kann ich mir nicht vorstellen, Herr Schwartz, das ist nicht möglich. Herr Schulze war immer höflich und zuvorkommend, so einer sperrt doch die Familie nicht weg. Ich kenne Herrn Schulze schon sehr viele Jahre, damals war er noch nicht verheiratet. Das kann einfach nicht sein, Sie müssen sich irren.“

„Und doch existiert dieser Raum. Sie haben davon nichts mitbekommen?“

„Herr Schulze hat gerne renoviert, aber nie so, dass es gestört hätte. Ganz normal, so wie es überall vorkommt. Sind Sie sich ganz sicher, dass es diesen Raum nicht vielleicht schon vorher gab und die Familie Schulze ihn nie benutzt hat?“ Josefa Huber klammerte sich an diese Möglichkeit und sah Leo mit großen Augen an.

„Das kann nicht sein, Frau Huber. Diese beiden Autos haben wir gefunden, die Modelle gibt es erst seit wenigen Jahren.“

Frau Huber war sprachlos. Diana nahm Leo den Beutel mit den Spielzeugautos aus der Hand und besah sich die Modelle genauer. Ja, das waren keine alten, das waren neue – Leo lag mit seiner Vermutung richtig. Sie gab Leo den Beutel zurück und nahm ihre Jacke, sie musste dieses geheime Zimmer mit eigenen Augen sehen.

„Sie meinten vorhin, Frau Schulze eine Stunde vor dem Auffinden von Herrn Schulze gehört zu haben?“

„Ich bin mir nicht mehr ganz sicher. Sie verunsichern mich, Herr Schwartz. Ich weiß überhaupt nicht mehr, was ich sagen soll. Vorhin war ich mir noch sicher, dass ich Frau Schulze vor einer Stunde gehört habe. Warum fragen Sie?“

„Weil Schulze vor zwei Stunden niedergeschlagen wurde.“

Alf und Hans befragten die anderen Nachbarn noch einmal und konfrontierten auch sie mit diesem geheimen Raum. Glaubhaft versicherten alle, dass sie davon keine Ahnung hatten. Über Schulze und den Rest der Familie hatten sie nur Gutes zu berichten, was beiden Kriminalbeamten langsam auf die Nerven ging. Konnten die alle nicht verstehen, welches Drama sich hier abgespielt hatte? Und kam es keinem in den Sinn, dass man das hätte verhindern können?

Leo, Hans, Diana und Alf hatten die Befragungen abgeschlossen, die allesamt nicht zufriedenstellend ausfielen.

„Das Familienauto steht vor der Tür, Frau Schulze hat keinen Führerschein. Sie muss zu Fuß gemeinsam mit den Kindern das Haus verlassen haben.“ Leo atmete tief durch. Jetzt musste er das aussprechen, was die anderen bereits vermuteten. „Der Inn ist nicht weit. Ich informiere die Wasserwacht.“

„Ich rufe die Taxizentralen an. Außerdem müssen wir mit dem Busunternehmen sprechen, das hier zuständig ist.“

Die Telefonate waren rasch erledigt. Die Wasserwacht versprach, auf dem Inn sofort einige Runden zu drehen. Taxizentralen hatten keine entsprechenden Gäste in den letzten Stunden, das Busunternehmen konnte keine definitive Aussage treffen.

„Wir sollten dringend mit den Erziehern der Kinder sprechen, denen muss doch etwas aufgefallen sein“, sagte Alf, der immer noch schockiert war.

„Das sollten wir tun, und zwar so schnell wie möglich. Dazu müssen wir mit den anderen Kindern sprechen, vielleicht haben sich Emil und Yannick jemandem anvertraut.“ Diana war gewillt, sofort aufzubrechen, und sah Leo fragend an.

„Gut. Du und Alf übernehmt den Kindergarten. Hans und ich nehmen uns die Angehörigen der Schulzes vor. Nachdem, was Fuchs gefunden hat, gibt es bei Frau Schulze einen Bruder in Mühldorf und eine Schwester in Teising.“

„Was ist mit der Familie von Schulze?“

„Einzelkind, keine Verwandten.“

„Was ist mit Freunden?“

„Es gibt keine Hinweise darauf. Warten wir die Auswertungen der Einzelverbindungsnachweise ab.“

„Handy?“

„Gibt es nicht.“

„Kein Handy? Ist das heutzutage überhaupt noch möglich?“

„Warum nicht?“

„Schade, dann warten wir auf die Auswertung des Festnetz-Anschlusses.“


5.

„Meine Schwester Ingrid? Wegen ihr sind Sie hier? Die ist mir völlig egal, die soll mir den Buckel runterrutschen!“ Moritz Klein war sauer. Es war lange her, dass er mit der Polizei zu tun hatte, darauf konnte er gerne verzichten. Und die beiden Clowns standen jetzt in seinem Wohnzimmer und stellten blöde Fragen. Seit wann waren Polizisten so fleißig?

Leo und Hans hatten sich über den Mann informiert. Es ist Jahre her, dass er wegen Körperverletzung und Beleidigung auffällig geworden war – beides immer in Verbindung mit Alkohol. Darüber hinaus gab es einige Anzeigen wegen Ruhestörung, die auch mit Alkohol zusammenhingen. Aber deshalb waren sie nicht hier. Die Wohnung von Moritz Klein war dreckig, auf dem Tisch standen einige Bierflaschen und ein überquellender Aschenbecher. Zumindest stand die Balkontür auf, auch wenn es saukalt war. Klein schien das nicht zu stören - er trug lediglich einen alten Jogginganzug und fror nicht.

„Es geht nicht nur um Ihre Schwester, sondern auch um ihre Neffen Emil und Yannick.“

„Was für bescheuerte Namen!“

„Haben Sie eine Ahnung, wo sich Ihre Schwester aufhalten könnte?“

„Nein! Sie hören mir nicht zu, Sheriffs! Ich habe keinen Kontakt zu Ingrid und lege auch keinen Wert auf die Bälger. Die saubere Familie Schulze nervt nur. Die Spießer wissen doch alles besser, vor allem Jürgen. Wissen Sie, was der sich erlaubt hat? Er hat mich zum Entzug zwangseingewiesen. Als ob ich das nötig hätte! Dem habe ich meine Meinung gegeigt, das können Sie mir glauben! Meine Schwester hat diesen Trottel auch noch unterstützt. Wissen Sie, wie die mich behandelt haben? Wie einen Aussätzigen, der nichts auf die Reihe kriegt. Seitdem sind diese Leute für mich erledigt. Ich verzichte auf jeglichen Kontakt und will auch nichts von den Arschlöchern wissen.“

„Es gibt keinen Ort, wo Ihre Schwester sein könnte? Irgendetwas aus der Kindheit vielleicht?“, hakte Hans nochmals nach.

„Aus der Kindheit? Ich verschwende keine Sekunde mehr an diese Zeit. Ich erinnere mich nicht und kann Ihnen nicht helfen.“

„Sie wollen nicht helfen, das ist es doch“, maulte Leo, der den Mann, der sich in Selbstmitleid suhlte, nicht mochte. „Sie fühlen sich in Ihrer Eitelkeit gekränkt und erkennen nicht, dass man Ihnen nur helfen wollte. Arbeiten Sie?“

„Was hat das damit zu tun?“

„Beantworten Sie meine Frage: Arbeiten Sie?“

„Nein, momentan bin ich auf der Suche. Wir leben in schwierigen Zeiten, mit Corona ist alles noch viel schlimmer geworden.“

„Nach unseren Informationen suchen Sie schon sehr lange; auch in Zeiten, in denen Corona noch kein Thema war. Haben Sie eine Ausbildung?“

„Ich habe eine Mechaniker-Lehre angefangen, aber der Meister hatte mich auf dem Kieker. Nur wegen ihm habe ich abgebrochen.“

„Und eine neue Ausbildung zogen Sie nicht in Betracht?“

„Nein, es gab nichts.“

„Das kann ich mir nicht vorstellen. Wer bezahlt die Wohnung? Wie bestreiten Sie Ihren Lebensunterhalt?“

„Ich lebe vom Amt. Glauben Sie ja nicht, dass mir das Spaß macht, aber momentan bin ich nun mal auf Hilfe angewiesen.“

„Sind Sie verheiratet? Haben Sie Kinder? Leben Sie in einer Beziehung?“

„Nein, leider nicht. Das liegt aber nicht an mir. Ich bin ein sehr umgänglicher Mensch und offen für alles. Wenn Sie jemanden für mich wüssten, wäre ich sehr dankbar dafür.“ Klein lachte spöttisch und trank von dem Bier.

„Sie begreifen nichts, oder? Sie haben gerade bestätigt, dass Sie Ihr Leben nicht im Griff haben. Glauben Sie mir, dass Ihnen Ihr Schwager Jürgen gemeinsam mit Ihrer Schwester nur helfen wollten. Wir gehen jetzt. Aber vorher gebe ich Ihnen einen gutgemeinten Rat mit auf den Weg: Reißen Sie sich zusammen und kommen Sie endlich in die Spur! Nehmen Sie Ihr Leben endlich selbst in die Hand. Dazu gehört ein Entzug, den Sie dringend nötig haben.“

„Habe ich nicht! Ich könnte jederzeit aufhören!“

„Blödsinn! Wenn Sie endlich die Eier haben und Hilfe annehmen, rufen Sie mich an. Hier ist meine Karte. Noch haben Sie die Chance, alles in eine andere Richtung zu lenken!“

„Sie haben doch keine Ahnung! Sie kommen hierher, können nicht mal richtig deutsch und wissen alles besser. Was erlauben Sie sich eigentlich?“

„Ich sage Ihnen nur, was ich höre und sehe. Sie sehen übel aus und stinken, was vermutlich an der mangelnden Hygiene liegt und was Sie in Ihrem Zustand nicht mehr merken. Dass Sie ein Alkoholproblem haben, steht fest, darüber müssen wir nicht diskutieren. Ich zähle fünf Flaschen Bier und es ist noch nicht mal halb zwölf. Haben Sie heute schon irgendetwas gegessen?“

„Das geht Sie einen Scheißdreck an! Machen Sie, dass Sie rauskommen!“

„Wir gehen. Wenn Sie sich noch nicht alle Gehirnzellen weggesoffen haben, kommen Sie vielleicht zur Vernunft. Und noch etwas: Ich spreche Deutsch – mit schwäbischem Akzent, aber Sie verstehen mich. Schließlich verstehe ich Sie mit Ihrem bayerischen Akzent auch.“

„Was war das denn?“, wollte Hans wissen, als sie im Wagen saßen. „Wenn ich dich nicht besser kennen würde, könnte ich annehmen, dass du den Mann bekehren wolltest.“

„Ach komm, ich bin doch kein Monster. Das ist meine weiche Ader, die müsstest du doch kennen.“

„Die meistens in der Vorweihnachtszeit an die Oberfläche kommt.“

„Hör mir auf mit Weihnachten. Von mir aus könnte das dieses Jahr ausfallen“, brummte Leo.

„Warum das denn? Ein paar freie Tage im Schoße der Familie. Feines Essen und sinnfreie Geschenke. Wer würde sich nicht darauf freuen?“

Leo sagte nichts darauf. Niemand sollte wissen, dass er dieses Weihnachten allein war, denn auf mitleidige Einladungen konnte er gerne verzichten.

„Meinst du, der Typ meldet sich und nimmt meine Hilfe an?“, wechselte er deshalb das Thema.

„Nie und nimmer. Aber wer weiß, Wunder geschehen.“

Das Zuhause der Schwester Ruth Klein in der kleinen Ortschaft Teising zwischen Mühldorf und Altötting sah ganz anders aus. Die Einrichtung der riesigen Wohnung war sicher einiges wert. Hans sah sich bewundernd um. Von Kindern oder Haustieren gab es hier nicht die geringste Spur. Aus den Unterlagen wussten sie, dass Frau Klein beim Finanzamt arbeitete – und danach sah sie auch aus. Das mausgraue, biedere Kostüm hatte sicher viel Geld gekostet. Sie trug dazu farblich passende Pantoffel. Das gefärbte, blonde Haar war zu einem festen Haarknoten sauber zusammengebunden, was dem geschminkten Gesicht eine Härte verlieh, die nicht sein müsste. Hans war erschrocken. Diese Frau war keine, die das Leben genoss, das stand fest. Nachdem sich die Kriminalbeamten ausgewiesen hatten, bat Ruth Klein darum, dass die Kriminalbeamten ihre Schuhe auszogen, um die weißen Teppiche und das Parkett zu schonen.

„Sie haben Glück, dass Sie mich zuhause antreffen. Normalerweise bin ich um diese Uhrzeit bei der Arbeit und spüre Steuersünder auf.“ Sie versuchte einen leichten Scherz, der ihr gründlich misslang. „Ich habe diese Woche Urlaub“, schob sie zur Erklärung hinterher. Sie nahm drei Likörgläser aus dem Schrank und öffnete eine neue Flasche Limoncello. Ohne zu fragen schenkte sie ein. Endlich setzte sie sich. Nervös legte sie die Hände aufeinander, was Hans und Leo bemerkten.

„Es geht um Ihre Schwester Ingrid“, begann Hans die Befragung.

„Ingrid? Ich habe sie lange nicht gesehen. Was ist mit ihr? Ist etwas passiert?“

„Wir haben Ihren Schwager Jürgen schwerverletzt aufgefunden, er wurde niedergeschlagen. Noch ist nicht klar, ob er durchkommt. Ihre Schwester und die beiden Jungs sind verschwunden.“

Frau Klein erschrak, war aber bemüht, sich das nicht anmerken zu lassen.

„Das tut mir sehr leid, aber bei mir sind Sie falsch. Jürgen und ich waren nicht die besten Freunde. Schon vor Jahren haben wir uns überworfen, seitdem gingen wir uns aus dem Weg.“

„Was ist mit Ihrer Schwester? Hatten Sie auch mit ihr Streit?“

„Nein, aber ich habe auf ein weiteres Zusammentreffen auch mit ihr verzichtet. Sie war damals auf Jürgens Seite, als er mich beleidigte. Es ist in unserer Familie wie in vielen anderen auch. Man streitet und lebt sich auseinander, jeder geht seine eigenen Wege. Ich habe Ingrid lange nicht gesehen und das ist auch gut so.“

„Sie haben keine Kinder?“

„Nein. Das Leben spielt nun mal nach den eigenen Spielregeln.“ Das klang verbittert. Die Frau war sehr bemüht, Haltung zu bewahren, was ihr immer schwerer fiel.

„Haben Sie kein Interesse an Ihren Neffen?“

„Die beiden habe ich vermisst, das muss ich zugeben. Aber so ist das nun mal, man kann nicht alles haben. Ingrid und Jürgen führen eine glückliche Beziehung und wurden mit gesunden Kindern gesegnet, was nicht jedem vergönnt ist.“

„So sehen Sie das Leben Ihrer Schwester? Ich muss Sie enttäuschen, nach Glück und Harmonie sieht das für uns nicht aus.“ Leo sagte mehr, als er wollte, aber er musste die Fassade der Frau irgendwie einreißen.

„Worauf wollen Sie hinaus?“

„Wir fanden in der Wohnung ein verstecktes Zimmer. Alles sieht danach aus, als wären Ihre Schwester und die Kinder dort eingesperrt worden.“

„Was reden Sie denn da? Nie im Leben! Jürgen soll so etwas getan haben? Nein, das glaube ich nicht. Jürgen hat seine Prinzipien, aber gewalttätig ist er nicht. Er hat seine Frau und die Kinder geradezu angebetet und ihnen jeden Wunsch von den Augen abgelesen. Ingrid hat sehr viel Glück gehabt, so einen Mann zu finden. Nein, Jürgen würde so etwas niemals machen. Meiner Schwester würde ich das schon eher zutrauen, aber meinem Schwager? Nein!“ Das klang sehr bestimmt und auch sehr hart.

„Wo könnte sich Ihre Schwester mit den Kindern aufhalten?“

„Das weiß ich nicht, ich kann Ihnen nicht helfen.“

„Sollte Ihre Schwester sich melden, oder sollte Ihnen etwas einfallen, rufen Sie uns bitte an.“ Hans gab ihr eine Visitenkarte, da Leo zu lange nach einer suchte. Dann trank er den Limoncello in einem Zug. Leo starrte ihn fragend an, Hans zuckte nur mit den Schultern. Da Leo nicht gedachte, sein Glas anzurühren, trank Hans auch das aus.

„Und? Was meinst du?“

„Eine ganz normale Familie“, spottete Leo. Er rief Diana an, die mit Alf immer noch im Kindergarten festhing.

„Das zieht sich hier wie ein Kaugummi“, maulte Diana. „Wir werden von einer Erzieherin zur nächsten verwiesen. Bis jetzt Fehlanzeige.“

„Wir fahren zur Kindertagesstätte, die der kleine Yannick bis Juli diesen Jahres besucht hat.“

Hans startete den Wagen.

„Du hast getrunken, Hans. Soll ich nicht lieber fahren?“

„Wegen der kleinen Gläschen? Vergiss es!“

„Musstest du beide Gläser des pappigen Likörs austrinken?“

„Du hast keine Ahnung, Leo! Für einen richtig guten Limoncello würde ich einiges tun. Hast du die Flasche nicht gesehen? Der Limoncello dieser eiskalten, berechnenden Frau hat richtig Geld gekostet, den lasse ich mir doch nicht entgehen!“

„Wer von uns ist jetzt der Schwabe – du oder ich?“

Der Lärm spielender Kinder war nicht zu überhören. Leo und Hans sahen mit Freude, wie die Kleinen das Klettergerüst stürmten, in Pfützen sprangen und das Holzboot enterten. Einige wenige fuhren mit Plastikgefährten über den großzügigen Innenhof.

„Wenn ich mir vorstelle, dass die in wenigen Jahren nur noch vor der Glotze oder über dem Smartphone hängen, blutet mir das Herz“, stöhnte Leo.

„Was ist denn heute los mit dir? So kenne ich dich gar nicht.“

Die Erzieherinnen wussten nicht viel über den kleinen Yannick Schulze, konnten sich aber noch gut an ihn erinnern.

„Ein ruhiger kleiner Kerl, der sich mit Freundschaften sehr schwertat“, meinte die schlanke Lara, die auf einem Arm einen Zweijährigen hielt.

„Wissbegierig, aber immer sehr vorsichtig“, sagte die dickliche Monica mit den stahlblauen Augen, an der drei Kinder hingen und sie anflehten, ihnen etwas vorzulesen.

„Was ist mit den Eltern?“

„Zur Anmeldung und zu einem persönlichen Gespräch kam der Vater. Er war wortkarg und hat meine Anregungen ohne Widerspruch angenommen. Frau Schulze habe ich nur gesehen, wenn sie den Kleinen abgab und wieder abholte. Zu Elternabenden oder besonderen Veranstaltungen kamen beide nicht, es gab immer nur Entschuldigungen. Wenn Sie mich fragen, läuft in dieser Familie einiges schief.“

„Und Sie haben das nicht gemeldet?“

„Es gab keinen Grund dafür. Hören Sie: Wir haben unsere Vorgaben und müssen sehr vorsichtig sein, wenn wir uns ans Jugendamt wenden. Wenn sich ein Verdacht nicht bestätigt, kommt das auf uns zurück.“

„Es stimmt, was meine Kollegin sagt. Ich habe ein einziges Mal das Jugendamt eingeschaltet, weil eines der Kinder zu oft krank war. An einem sehr heißen Tag zog ich ihm den dicken Pullover aus, dabei habe ich viele blaue Flecken entdeckt. Für mich waren das Gründe genug, dass ich das melde. Es wurde ein Amtsarzt eingeschaltet, der meinen Verdacht nicht bestätigte. Ich bekam daraufhin den Ärger des Kindergarten-Trägers zu spüren, der mich bat, mich in Zukunft zurückzuhalten. Und nicht nur das. Die Eltern des Kindes erstatteten Anzeige, die zum Glück irgendwann eingestellt wurde. Ich brauche wohl nicht erwähnen, dass das Kind abgemeldet wurde. Sie können uns glauben, dass wir einen begründeten Verdacht brauchen, um noch einmal das Jugendamt einzuschalten, und der lag bei Yannick nicht vor.“

„Kann ich irgendwie verstehen“, sagte Hans und lächelte die beiden Frauen an.

Sie unterhielten sich noch geraume Zeit. Als eines der Kinder Interesse an Leos Pistole zeigte und damit andere angesteckt wurden, war es an der Zeit zu gehen.

„Kinder sind erbarmungslos“, stöhnte Leo, der froh war, als er im Wagen saß.

„Man konnte dir ansehen, dass du Angst vor den Kleinen hattest.“

„Du nicht? Plötzlich griffen unzählige kleine Hände nach mir und meiner Waffe, das war echt unheimlich.“

Unweit entfernt stand Klaus-Dieter Heidmann, der den Kommissaren gefolgt war. Er war schon den ganzen Tag hinter ihnen her. Nicht nur, weil er neugierig war, wie die Kriminalbeamten vorgingen, sondern weil er herausfinden wollte, was es mit dem Überfall auf Schulze auf sich hatte. Vermutlich gab es Befragungen rund um das Opfer und deshalb waren sie hier. Um wen es sich dabei handelte, war ihm eigentlich gleichgültig. Wichtig war nur, welcher Spur die beiden nachgingen. Als die Kommissare das Haus in Teising verließen, folgte er ihnen auch jetzt. Wie gingen die Polizisten vor? Wen hatten sie im Visier? Ob sie bereits herausgefunden hatten, dass er vorgestern als Nikolaus bei der Familie Schulze war? Würden sie das überhaupt? Und wenn schon! Er hatte ein Alibi. Er war bei der Arbeit und gleich danach bei seiner Mutter. Ob diese Zeit ausreichte, um die Tatzeit abzudecken? Trotz allem war es heikel, dass er sehr wahrscheinlich ins Visier der Polizei geriet, aber damit konnte er leben. Dann musste er sich in den nächsten Wochen zurückhalten, was ihn sehr viel Geld kostete. Dass Heiko Schiss hatte, konnte er nachvollziehen, aber sich ganz zurückziehen und nichts mehr klauen konnte er auch nicht. Sie brauchten die Kohle, denn Weihnachten war nicht mehr weit. Nach der letztjährigen Nullrunde wegen Corona musste es in diesem Jahr umso mehr Geld geben. Was für eine beschissene Situation! Ändern konnte er daran nichts, auch wenn er am liebsten ganz normal weitermachen würde. Trotzdem wollte er wissen, wer ihn in die Scheiße geritten hatte. Wer war es, der Schulze in einem Nikolauskostüm niedergeschlagen hatte? Er musste es unbedingt herausfinden.

Diana war kurz davor die Fassung zu verlieren. Einer der Erzieher war ja ganz okay, aber die Frauen zeigten sich nicht kooperativ.

„Ich raste gleich aus“, flüsterte sie Alf zu.

„Geh an die frische Luft, ich übernehme das.“ Alfons Demir, den alle nur Alf nannten, konnte sich vorstellen, was hier los war. Diana war eine sehr hübsche Frau, die aus der Masse herausstach – und das vertrugen einige der Frauen in diesem Kindergarten nur schlecht. Die meisten von ihnen waren graue Mäuse, andere holten das Beste aus sich heraus, was im Vergleich zu Diana nicht genug war. Wenn Alf seinen Charme einsetzte, kamen sie sicher sehr viel schneller voran. Aber dazu musste er Diana loswerden.

„Meinetwegen“, stimmte Diana schließlich zu, die nicht riskieren wollte, vom Chef einen Rüffel wegen Beleidigung zu kassieren.

Jetzt, da Alf allein war, wurden die Damen tatsächlich sehr viel gesprächiger.

Als er fertig war, fand er Diana vor dem riesigen Kindergarten auf einer Bank sitzend.

„Und? Wie war es?“

„Nicht schlecht. Einigen ist das Verhalten des Jungen tatsächlich aufgefallen. Die Eltern wurden sogar zu einem Gespräch gebeten, da Emil auf einen anderen losging.“

„Nicht ungewöhnlich für ein Kind im Vorschulalter, ich habe mich früher auch oft mit anderen geprügelt“, gab sie zu. „Warum konnten das die Erzieherinnen nicht in meinem Beisein sagen?“

„Weil du sehr beeindruckend sein kannst.“

„Beeindruckend? Was soll das denn heißen?“

„Ich könnte auch sagen, dass du mit deinem Äußeren einschüchternd bist, aber das traue ich mich nicht, ich habe Angst vor deiner Reaktion. Gehen wir?“

Diana wollte etwas darauf erwidern, ließ es aber bleiben. Lag Alf mit seiner Vermutung richtig? Warum? Sie achtete auf ihr Aussehen, was kein Verbrechen war. Was war denn daran einschüchternd?

Noch bevor Leo und Hans im Präsidium ankamen, klingelte Leos Handy. Es war Josefa Huber, die Nachbarin der Schulzes.

„Hallo? Herr Kommissar Schwartz? Sind Sie das?“, schrie sie laut.

„Ja, ich bin es. Und ich kann Sie sehr gut hören.“

„Ich habe eine Information und weiß nicht, ob sie wichtig ist. Kann ich Sie Ihnen sagen?“

„Selbstverständlich, schießen Sie los!“

„Der Mitterhuber von schräg gegenüber hat mir gerade beim Bäcker erzählt, dass er etwas gesehen hat, was vielleicht wichtig ist – vielleicht aber auch nicht.“

„Ganz ruhig, Frau Huber. Erzählen Sie in aller Ruhe ganz von vorn.“

„Ich wollte ein Kürbiskernbrot kaufen. Der Bäcker Rotmaier hat das Beste, dafür nehme ich gerne einen weiten Weg auf mich.“

Leo rollte mit den Augen, denn so genau wollte er es nun auch wieder nicht wissen. Frau Huber zählte alle guten Brotsorten des Bäckers auf. Ob er sie unterbrechen sollte? Lieber nicht, sonst verlor sie noch den Faden. Der Lautsprecher war an, damit Hans mithören konnte. Beide Kommissare saßen im Wagen auf dem Parkplatz der Polizeiinspektion Mühldorf am Inn und lauschten den Ausführungen der betagten Frau Huber. Endlich kam sie auf den Punkt.

„Den Herrn Mitterhuber kenne ich schon sehr lange. Er wohnt schräg gegenüber und hängt ständig aus dem Fenster, seit seine Gretel vor acht Jahren gestorben ist. Was soll er sonst tun? Ich verstehe das. Wenn man allein ist, werden die Tage sehr lang.“

„Und was hat Herr Mitterhuber gesehen?“

„Den Nikolaus! Er war sich sehr sicher.“

„Kann er ihn beschreiben?“

„Wie jetzt? Er soll den Nikolaus beschreiben? Wissen Sie nicht, wie der aussieht?“

„Ich meine die Statur oder die Größe. Vielleicht hat er die Schuhe oder eine Tasche gesehen?“

„Nein, davon hat er nicht gesprochen und ich habe ihn nicht danach gefragt. Entschuldigen Sie, aber ich wusste nicht, dass das wichtig ist.“„Er hat ihn also gesehen. Kann er sich an die Uhrzeit erinnern?“

„Es war achtzehn Uhr, das weiß er genau. Im Fernsehen fing gerade im Ersten eine Quizshow an, die ich auch immer sehe. Mitterhuber meinte, dass er wegen dem Nikolaus den Anfang verpasst hat.“

„Dann war der Nikolaus also auch gestern um achtzehn Uhr bei Ihnen im Haus?“, hakte Leo nach.

„Nein! Nicht gestern, sondern vorgestern!“

Leo und Hans sahen sich an.

„Ist sich Mitterhuber ganz sicher, dass das nicht heute war?“

„Heute auch, aber auch Vorgestern. Der Nikolaus muss bei den Schulzes gewesen sein. Ich habe die anderen Nachbarn befragt, bei denen war er nicht.“

„Das ist sehr interessant, Frau Huber. Herzlichen Dank, das haben Sie sehr gut gemacht.“

„Und? Zu Mitterhuber? Oder sollen wir herausfinden, wo der Nikolaus engagiert wurde?“

„Letzteres wäre interessanter. Was meinst du?“

„Einverstanden. Der Einzelverbindungsnachweis müsste inzwischen eingetroffen sein. An die Arbeit.“


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