Kitabı oxu: «Brücken zwischen Leben und Tod»
Iris Paxino
Brücken zwischen
Leben und Tod
Begegnungen mit Verstorbenen

Inhalt
Einleitung
Der Tod im Wandel der Zeit
Der Sterbeprozess
Der Augenblick des Todes
Schwierigkeiten des Schwellenübergangs
Die Zeit in der Ätherwelt
Bei der eigenen Beerdigung
Gefangen zwischen den Welten
Wenn Kinder sterben
Der Äthertod
Die Begegnung mit dem Christus-Wesen
Die Zeit in der unteren Astralwelt
Auswirkungen unerlöster Seelenanteile
Die Zeit in der höheren Astralwelt
Der Astraltod
Die Zeit in der Devachansphäre
Die dunklen Geisteswelten
Wie lernt man, Verstorbene wahrzunehmen?
Übungswege
Methodisches in der Erlösungsarbeit
Schlusswort
Literatur
Meiner geliebten Großmutter Elena gewidmet
Mit einem herzenswarmen Dank
an Philipp und Thomas auf dieser Seite
sowie an Markus und Stefan, Ajra, Albert und Grigore
auf der anderen Seite
Einleitung
Das Geheimnis des Lebens
und das Geheimnis des Todes
sind verschlossen in zwei Schatullen,
von denen jede den Schlüssel
zum Öffnen der anderen enthält.
Mahatma Gandhi
«Was möchten Sie nun nach Ihrem Studium machen, junge Dame?», fragte mich der Psychologieprofessor unmittelbar nach meiner mündlichen Abschlussprüfung. Er war ein älterer Herr mit wachen, runden Augen und freundlichem Gesichtsausdruck. Er kannte mich nicht aus der Studienzeit, sondern war lediglich als externer Prüfungsbeisitzer hinzugezogen worden. Nun war er nach der Prüfung gerade dabei, seine Tasche zusammenzupacken, und führte mit mir noch beiläufig eine Konversation.
«Ich möchte gerne über das Thema ‹Nahtoderfahrungen› promovieren», antwortete ich, ohne lange überlegen zu müssen.
Bei meiner Antwort drehte sich der Professor fast erschrocken zu mir um und riss die Augen auf. «Nahtod? Sie werden doch nicht lebensmüde sein, junge Dame! Sie haben eine ausgezeichnete Prüfung hingelegt. Ihnen stehen alle Türen offen, das wissen Sie doch, oder?»
Ich war amüsiert über seine Sorge und musste lachen. «Lebensmüde? Keinesfalls, ganz im Gegenteil, ich liebe das Leben! Gerade deswegen finde ich dieses Thema so spannend: Es geht nach dem Tod doch offensichtlich weiter.»
Der Professor schüttelte den Kopf, sein Gesichtsausdruck war prüfend und besorgt, und er schien mich nicht zu verstehen. «Ja, aber über den Tod zu schreiben? Sie sind so jung und voller Lebenskraft, wollen Sie nicht etwas anderes machen? Es gibt doch ganz andere Themen für eine Promotion!»
Ich versuchte, ihm zu erklären, wie faszinierend Nahtoderfahrungen sind und dass dieses Phänomen vom wissenschaftlichen Standpunkt her ein hochinteressantes Forschungsfeld ist. Doch während ich sprach, konnte ich beobachten, wie die Sorge in seinem Gesicht einer immer größeren Enttäuschung wich. Ich erkannte, dass er eigentlich gar nicht das hörte, was ich sagte. Der Begriff «Tod» glich für ihn einer existenziellen Bedrohung, es war, als ob sein Denken bei diesem Wort regelrecht aussetzen würde.
In der Zwischenzeit hatte der Professor kopfschüttelnd seine Tasche zugemacht und drehte sich ein letztes Mal zu mir um. «Also, auf jeden Fall alles Gute für Sie. Ich gratuliere Ihnen zu Ihrer Prüfung. Und ich hoffe, dass Sie sich das mit dem Promotionsthema noch einmal gut überlegen. Wirklich, wer will sich schon mit dem Tod beschäftigen!» Mit diesen Worten verabschiedete er sich. Ich rief ihm noch lachend hinterher: «Ich!»
Diese Reaktion von Unverständnis in Bezug auf die Thematik des Todes sollte mir von da an wiederholt und in allen möglichen Variationen begegnen. Immer wieder stieß ich auf Verwunderung oder Skepsis, auf Abneigung oder Angst. Für mich ging der Weg allerdings geradeaus weiter: Ich stürzte mich in die Nahtodforschung.
Der Tod war für mich bereits in meinem achtzehnten Lebensjahr zum Lebensthema geworden. Meine Großmutter starb damals überraschend an einer Hirnblutung infolge eines Autounfalls. Für mich brach eine Welt zusammen, denn sie war mir von frühester Kindheit an der liebste Mensch gewesen. In meiner Seele blieb eine klaffende Wunde zurück. Diesem Menschen nicht mehr begegnen zu können war für mein Empfindungsvermögen schier unfassbar. Ich fühlte mich allein zurückgelassen, mit einem nicht enden wollenden Schmerz und mit der Frage: Wie kann ich Brücken bauen zwischen Leben und Tod?
Kurze Zeit nach ihrem Tod erschien mir meine Großmutter im Traum; und dies wiederholte sich in regelmäßigen Abständen. Die Traumbilder hatten teilweise symbolischen Charakter, gleichzeitig hatte ich die unerschütterliche Gewissheit, dass mir hierbei ihr reales Wesen entgegentrat. Der Bereich des Traumes schien nur ein Zwischenraum der Begegnung zu sein, in dem ihre Seele mein Bewusstsein erreichen konnte. Diese Übergangserlebnisse waren ein großes Geschenk für mich, doch nach einigen Monaten verdeutlichten mir die Traumbilder, dass meine Großmutter nicht mehr auf dieser Ebene erscheinen würde. Und so war es auch: Sie nahm Abschied, und seitdem kam sie nicht mehr in meinen Träumen vor.
Was mir jedoch blieb, war eine kostbare Erkenntnis: Wenn sie als Verstorbene in der Lage gewesen war, ihre Aufmerksamkeit und Liebe so stark auf mich zu fokussieren, dass sie mein Bewusstsein erreichen konnte, dann müsste es doch möglich sein, dass auch ich mein Bewusstsein in der Weise ausrichten könnte, sie von mir aus zu erreichen. Mir wurde klar, dass mein Tagesbewusstsein noch nicht geschult war, sich zwischen den Welten hin- und herzubewegen. Die Traumebene, also das Reich des Halbbewussten, war zum damaligen Zeitpunkt meine einzige Möglichkeit, eine Begegnung mit einem Verstorbenen zu erleben. So wurde die Suche nach einem konkreten Weg, die Welt der Verstorbenen selbst intendiert und wachbewusst zu erleben, zu meiner neuen zentralen Frage.
Ich begann zu lesen und las in den folgenden Jahren so ziemlich alles, was ich zum Thema Tod finden konnte: Religionsgeschichte und Philosophie, Psychologie und Theologie, wissenschaftliche Abhandlungen und sogenannte Fachliteratur. Vieles empfand ich als recht dürftig und enttäuschend, denn das, was sich «wissenschaftlich» nannte, vertrat im Grundtonus lediglich das herkömmliche materialistische Dogma unserer Zeit: Das Absterben der Körperfunktionen bedeute zugleich die Auslöschung des menschlichen Bewusstseins. Ich fand jedoch auch viel Spannendes und Interessantes. Dies basierte allerdings lediglich auf Theorien und Hypothesen und half mir in meiner konkreten Fragestellung nach einem wachbewussten Umgang mit der Welt der Verstorbenen wenig weiter.
Dann fand ich in der Anthroposophie Rudolf Steiners ganz konkrete Schilderungen des menschlichen Entwicklungsweges nach dem Tod, hier – endlich – in einem zeitgemäßen Kontext und in einem weit umfassenderen Gesamtbild als in allen anderen Darstellungen. Die Beschreibungen Steiners waren überaus komplex geformt, gedanklich glasklar nachvollziehbar und dem Geistigen gegenüber weit offen. Da begegnete ich einem modernen Denker, der aus eigenem Erleben heraus eine zutiefst spirituelle Sprache sprach. Hier fand ich die ersten greifbaren Antworten auf meine Fragen.
Parallel dazu stieß ich auf Beschreibungen von Nahtoderfahrungen. Menschen, die klinisch tot oder dem Tod sehr nahe gewesen waren, berichteten über eigene Erlebnisse im Zustand eines vom Körper freien Bewusstseins. Es war mir klar, dass es sich hier lediglich um die ersten Augenblicke, also um die allerersten Schritte in der nachtodlichen Welt, handelte; aber es war zumindest der Anfang des Weges, den ich suchte. Für mich wurde somit das Phänomen der Nahtoderfahrungen zu einem eigenen Forschungsfeld. Ich suchte Menschen auf, die solche Erfahrungen an der Schwelle des Todes gemacht hatten, führte mit ihnen Gespräche und Interviews, fertigte eine wissenschaftliche Studie an und schrieb – entgegen der Empfehlung meines Professors – meine Doktorarbeit zu diesem Thema. Dabei berührte es mich ganz besonders, wenn die Menschen über ihre Erlebnisse an der Todesschwelle sprachen und sich ihr ganzes Wesen veränderte: Etwas Sanftes leuchtete in ihren Augen auf, wie aus einer geheimnisvollen inneren Quelle heraus strömte etwas Klares, Lebendiges, Liebegetragenes durch sie hindurch, was für mich real spürbar und wahrnehmbar war.
In diesen Jahren begann ich auch meditativ zu üben, und mit der Zeit bemerkte ich, dass ich immer wahrnehmungsfähiger wurde. Empfindungen formten sich langsam zu erklärenden Bildern, innere Zwiegespräche wurden zu geistigen Begegnungen, auf Fragen stellten sich konkrete Antworten ein. Ausgangspunkt solcher Übungen war, das eigene Innere ganz still und vorurteilslos zu halten. Ich lernte also, dass man das Reich der Verstorbenen Schritt für Schritt übend betreten kann. Der Weg dahin ist ein Herzensweg, denn liebende Verbundenheit und waches, aufrichtiges Interesse am anderen bilden der eigenen Seele die Brücke über die Schwelle. Meine Erlebnisse mit Verstorbenen, erst intuitiv und mit der Zeit immer klarer und bewusster, häuften sich. Und so führte mich mein Weg dann weiter zu einer über Jahre anhaltenden Beschäftigung mit der Thematik des Todes.
Später, als Psychologin in einem Krankenhaus, begleitete ich unter anderem auch Patienten, die an der Todesschwelle standen. An den Krankenbetten dieser sterbenden Menschen durfte ich eindrückliche Erfahrungen machen. Ich bemerkte, dass bei zahlreichen Patienten geistige Erfahrungen während des Sterbeprozesses auftraten. Manche von ihnen erlebten den eigenen Schutzengel, der ihnen in dieser Übergangsphase zwischen Leben und Tod liebend und geduldig beistand. Andere nahmen zuvor verstorbene Familienangehörige oder Freunde wahr, die sie nun an der Schwelle erwarteten. Als Begleitperson kann man lernen, das geistige Geschehen um einen sterbenden Menschen recht genau wahrzunehmen. Die Stimmung, die im Zimmer herrscht, ist anders als die Stimmung in anderen Patientenzimmern. Licht und Dunkel scheinen viel eindringlicher zu sein, die Haltung der Schutzengel ist ernster und trägt eine ganz besondere Qualität des Sakralen in sich. Auch der Doppelgänger des sterbenden Menschen macht sich in manchen Fällen deutlich bemerkbar, was sowohl für den Sterbenden als auch für die ihn umgebenden Menschen zu einer Herausforderung werden kann. – So verstand ich, dass Sterbebegleitung sich nicht lediglich auf die Organisation der letzten Angelegenheiten und auf das Annehmen und Loslassen des gewesenen irdischen Lebens beschränken kann. Diese Arbeit sollte ebenfalls eine bewusste Begleitung des Schwellenübertritts und eine Vorbereitung auf das danach Kommende umfassen.
Eine weitere Erfahrung, die ich in dieser Krankenhauszeit machte, war, dass einige der Patienten auch noch nach ihrem Tod für mich erlebbar waren. Manche kamen, nun als geistige Gestalt, um sich zu verabschieden oder um sich für die gemeinsame Arbeit zu bedanken. Andere hatten noch eine Bitte oder ein Anliegen und benötigten hierbei Hilfe aus der physischen Welt. Es wurde mir immer deutlicher, dass diese Arbeit nicht an der Schwelle endet, sondern unweigerlich über diese hinausgeht.
Anschließend an die Kliniktätigkeit lag der Schwerpunkt meiner Arbeit in einer eigenen psychologischen Beratungspraxis. Hier galt es, vorwiegend krisenhafte Lebensthemen zu begleiten, wie beispielsweise berufliche und persönliche Selbstfindungsprozesse, Paar- und Beziehungsprobleme, Trennungs- und Verlusterlebnisse, Depressionserkrankungen usw. Mit Sterbenden hatte ich zwar nicht mehr zu tun, dafür aber immer mehr mit Verstorbenen. Manche erschienen als Geistgestalt im Zusammenhang mit einem Klienten und waren Teil eines bestimmten zu bearbeitenden Problemkomplexes; andere hafteten dauerhaft an einem Klienten und bereiteten ihm unbemerkt Schwierigkeiten. Es handelte sich dabei um Seelen, die nach dem Tod bestimmte irdische Zusammenhänge nicht loslassen konnten und somit in der erdennahen Zwischenwelt stecken geblieben waren.
Mit der Zeit stellte ich auch außerhalb der Praxisarbeit fest, dass es viele solcher hängen gebliebenen Seelen gibt, die erhebliche seelische Belastungen, soziale Schwierigkeiten bis hin zu schweren psychischen Erkrankungen verursachen. Sie können Menschen, Institutionen und soziale Zusammenhänge wie auch Lebensräume, Häuser und Landschaftsorte durch ihre Einwirkung belasten. Hier sind mir viele verunsicherte und desorientierte, leidende und verzweifelte Gestalten begegnet. Ihre Anzahl ist bestürzend hoch, und ihre Not ist erschütternd groß. Sie sind eine Bürde für unsere Welt und bilden ein regelrechtes therapeutisch-soziales Arbeitsfeld. Diese Verstorbenen sind auf Hilfe angewiesen, sie benötigen Aufklärung über ihren eigenen Zustand und eine bewusste Anbindung an die geistige Wirklichkeit, in der sie sich befinden. Erst durch eine solche «Erlösungsarbeit» können sie ihren nachtodlichen Entwicklungsweg weitergehen.
Gleichwohl sind mir in dieser Arbeit auch Verstorbene begegnet, die ihrerseits Hilfe leisten. Das sind lichte, kraftvolle, selbstlose Verstorbene, die impulsierend und inspirierend wirken, sowohl innerhalb der nachtodlichen Bereiche als auch in unsere Welt hinein. Sie können wertvolle Stützen für unsere persönliche Entwicklung wie auch maßgebliche Mitwirkende an der Gestaltung der Erde sein. Ich verdanke ihnen erhellende Erkenntnisse und eine überaus erfüllende Zusammenarbeit.
Die Welt der Verstorbenen ist uns also in ihrer Vielfalt Aufgabe und Unterstützung zugleich. Sie umgibt und durchdringt unsere Welt ganz unmittelbar. Wir bedingen einander in all unserem Wirken und bilden gemeinsam das große Ganze des Menschseins. Eine Entwicklung ohne ein bewusstes Miteinander wird immer schwieriger. Noch ist es in unserer Gesellschaft nicht geläufig, den Umgang mit Verstorbenen als Bestandteil unseres sozialen Zusammenhangs zu erkennen. Mit großer Freude begegne ich allerdings zunehmend mehr Menschen, die ein waches Interesse daran entwickeln und aktiv Erlösungsarbeit leisten. «Wir» sind also schon nicht mehr wenige. Von daher schaue ich vertrauensvoll in eine Zukunft, in der die Freundschaft und die Verbundenheit mit der Welt der Verstorbenen für immer mehr Menschen eine Lebensrealität sein wird.
Wenn ich auf meinen persönlichen Entwicklungsweg in der Arbeit mit Verstorbenen blicke, entfaltet sich vor mir der Verlauf einer spannenden, lehrreichen und wundervollen Reise. Davon möchte ich hier berichten. Unterwegs durfte ich eindrucksvolle seelische und geistige Landschaften erleben, unerwartete Begegnungen mit zahlreichen Verstorbenen haben und neue Geistesfreundschaften schließen. Ich habe verstanden, dass uns im Grunde genommen lediglich ein kleiner Bewusstseinsschritt von der Welt der Verstorbenen trennt. Ich hoffe, dass immer mehr Menschen diesen Bewusstseinsschritt wagen, sodass ein lebendiger und immer bewussterer Austausch zwischen Diesseits und Jenseits möglich wird. Die Verantwortung für die Gestaltung unserer gemeinsamen Welt kann uns wahrhaftig Brücken zwischen Leben und Tod bauen lassen.
Allen, denen ich auf diesem Weg begegnet bin, auf dieser und auf der anderen Seite des menschlichen Seins, und von denen ich so viel Kostbares lernen durfte, danke ich von Herzen! Meiner geliebten Großmutter, die mir die allerersten Einblicke über die Schwelle ermöglicht hat, widme ich, in inniger Schicksalsverbundenheit und tiefster Dankbarkeit, dieses Buch.
Der Tod im Wandel der Zeit
Es gibt mehr Ding’ im Himmel und auf Erden,
Als Eure Schulweisheit sich träumt (…)
William Shakespeare: Hamlet, Erster Akt, 5. Szene
Leben und Tod bilden die Grenzdimensionen der menschlichen Existenz auf Erden. Durch alle Menschheitskulturen und Zeitepochen hindurch begleitet uns die Frage, was Leben und Tod bedeuten. Zum menschlichen Sein dazugehörig, bedingen sie sich gegenseitig; und doch bedeuten sie für unsere Welt die größtmöglichen Gegensätze, die der menschliche Geist in der Lage ist zu erfassen. Religion, Geschichte und Philosophie, Kunst, Literatur und Wissenschaft kreisen seit jeher um diese größten Rätsel. Neue Antworten lösen alte Fragen ab, neue Fragen entstehen aus den bereits gefundenen Antworten. Können Leben und Tod als Sein und Nichtsein verstanden werden? Was ist die Dimension der Ewigkeit, zu der der Mensch stets als Ideal hingestrebt hat? Was geschieht mit dem Menschen, wenn er aus dem Leben scheidet? Ist das Phänomen des Todes ein Rätsel für die Menschen aller vergangenen Kulturen gewesen?
Die geschichtlichen Quellen offenbaren uns, dass in den verschiedenen Zeitaltern und Kulturen unterschiedlichste Vorstellungen über das Schicksal des Menschen nach dem Tod geherrscht haben. Das, was wir Antlitz des Todes nennen, hat früher eine andere Bedeutung gehabt als heute. Das Verständnis von der Wesensnatur des Todes hat somit zahlreiche Umwandlungen erfahren. Alle Dokumente, die uns erhalten geblieben sind, zeugen davon, dass die Menschen vergangener Zeiten sich nicht die Frage stellten, was der Tod ist, sondern was mit der Seele des Menschen nach dem Verlassen der physischen Welt geschieht.
Der Mensch der altindischen Hochkultur erlebte sich eingebettet in den Schutz der ihn umgebenden geistigen Wirklichkeit. Er spürte in sich die Sehnsucht nach dem Geistigen, welches er als Ursprung und Wirklichkeit des eigenen Daseins anerkennt. Dort ist für ihn das wahre Licht; die Existenz auf Erden wird als nebelhafte, illusorische Maya empfunden. Die Pforte zum Jenseits ist nicht verschlossen, gerade der Tod ermöglicht dem Menschen die Befreiung aus der irdischen Welt und somit die Erlösung der leibgebundenen Seele. Dieses uralte Wissen wird durch Gesänge und rhythmisch-poetische Verse über lange Zeiten hinweg in mündlicher Form überliefert. Später fließt es dann in die Vedenphilosophie, in die Sankhya- und in die ursprüngliche Yogaströmung ein.
Eine weitere prägende Menschheitsepoche, die sumerischbabylonische, hinterlässt uns als Essenz ihrer Geisteshaltung das bewegende Gilgamesch-Epos. Es handelt sich hier um das erste schriftlich verfasste literarische Werk der Menschheit und zugleich um den ersten uns überlieferten Totengesang. Ab dem 25. Jh. v. Chr. zunächst mündlich überliefert, wird dieses Epos im 18. Jh. v. Chr. in Keilschrift niedergeschrieben. Es zeugt davon, dass der Mensch, Gilgamesch, das Sterben des schicksalsverbündeten Enkidu als Verlust an den Tod empfindet. Er macht sich auf den Weg, um den verlorenen Freund wiederzufinden und zurückzuholen. Der Tod bedeutet hier eine einschneidende, schmerzhafte Trennung, doch keine unpassierbare Grenze. Er ist kein Rätsel, er stellt eine Herausforderung für den Menschen dar.
Eine der darauffolgenden Hochkulturen, die uns Zeugnisse ihrer Lebensart hinterlassen hat, ist die ägyptische Epoche. Das ägyptische Totenbuch, der Mythos von Isis und Osiris, die Funde der Gräber in den Pyramiden sprechen eine Sprache, die den Tod kennt und seine Wurzeln inmitten des Lebens platziert. Der Kult der Mumifizierung hat nicht lediglich den Sinn der Erhaltung des Leichnams, sondern ist als eine Brücke zwischen dem physischen Körper und der sich in die geistige Welt erhebenden Seele zu verstehen. Der Tod ist nicht das Ende des Lebens, er wird als erhabenes Tor zu einem jenseitigen Entwicklungsweg erlebt. Lediglich in der dekadenten Spätphase der ägyptischen Kultur verlagert sich das Verständnis für das Wesen des Menschen immer stärker ins Diesseits. Mit dem Untergang dieser zivilisatorischen Hochkultur entartet auch der Kult der Mumifizierung zum Versuch, das Irdische festzuhalten und zu konservieren.
Die nächste große Epoche der Menschheitsentwicklung ist das antike Griechenland. Dieses hinterlässt uns überaus kostbare Werke auf dem Gebiet der Philosophie, der Dichtung, der plastischen Kunst und der Architektur. Diese Kultur ist inhaltlich so reich, dass in ihrem Schoß unterschiedliche geistige Strömungen entstehen können. Homer plastiziert uns dichterisch in seinen Meisterstücken Ilias und Odyssee das Bild des griechischen Menschen in seinem Weltzusammenhang. Das Reich des Todes ist Hades’ Welt: Es ist eine Schattenwelt, in der die Seelen der Verstorbenen in einer körperlosen, rauchigen Gestalt als Abbild ihres ehemals physischen Körpers für sich leben. Der griechische Mensch fürchtet diese Unterwelt; nur noch der «Held», also der mit besonderen Fähigkeiten Begabte, der Geschulte, der Muterfüllte, kann, von Liebe und Schmerz getragen, in diese Welt eindringen und sie als lebender Mensch wieder verlassen. Heraklit stellt die Verkettung von Leben und Tod in einem für den damaligen Menschen klaren Bild dar: Alles, was lebt, hat durch den durchlaufenden Strom des Werdens den Tod in sich. Der Tod hat wiederum stets das Leben in sich. Leben und Tod weben beide im menschlichen Leben und Sterben, nur so kann das ewige Werden alles durchströmen.
Doch auch ein anderer philosophischer Ansatz entstand in der griechischen Antike, und zwar durch Demokrit, den Vater der griechischen Atomisten. Seiner Anschauung nach setzt sich alle Materie der Welt aus unteilbaren Stoffteilchen, Atomen, zusammen. Durch die Bewegung der Stoffteilchen zueinander entstehen die Naturvorgänge. Somit wird die Natur hier entseelt. Der Mensch fühlt sich nicht mehr als Teil des Göttlichen, welches Natur und Mensch mit seinem Ewigkeitshauch durchströmt. Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit entsteht nun die Frage, ob die Seele, die gemäß dieser Anschauung ebenfalls aus Atomen besteht, beim Tod des physischen Körpers den Weg der Auflösung geht. Der Tod, der bisher durch alle Kulturen den Menschen als Teil des Lebens begleitet hat, wird nun – und erst jetzt – zum Rätsel! Der Keim der materialistischen Weltanschauung wird durch diese Kulturströmung geboren. Obwohl die Philosophie der großen Denker Heraklit, Plutarch, Sokrates, Platon, Aristoteles u.v a. das Ferment der gesamten weiteren geistigen Entwicklung Europas darstellt, hat sich der Strom Demokrits, auch wenn erst unmerklich, aufrechterhalten. Der Boden der Aufklärung war dann fruchtbar für diesen Keim, denn ab da hat er sich zum gewaltigen Gebilde des Materialismus entfalten können.
Die neue christliche Kultur brachte ein in anderer Hinsicht verwandeltes Todesverständnis mit sich. Der Mensch hatte zwar nicht mehr das Empfinden, dass er während seines Lebens in das Reich der Toten eindringen könnte, doch die Toten bekamen Platz inmitten des alltäglichen Lebens. Die Friedhöfe wurden direkt neben den Kirchen, im Herzen der Dörfer und Städte gebaut. Der Tod wurde als zum Leben dazugehörig akzeptiert, sein Herannahen wurde von den Menschen oft erspürt. Der Sterbeprozess wurde häufig von einem Priester und von der anwesenden Familie begleitet, der Sterbende segnete dabei seine Angehörigen und nahm feierlich Abschied von ihnen.
Im Verlauf der Jahrhunderte verliert der Mensch jedoch immer mehr den Bezug zum Tod und beginnt, diesen als Bedrohung des Lebens zu erleben. Man ringt mit der Gestalt des Todes, die in der religiösen Kunst als furchteinflößende, skelettartige Gestalt des Knochenmanns dargestellt wird. Bis zum beginnenden 20. Jahrhundert hat sich diese Tendenz so weit verstärkt, dass der Tod in den westlichen Gesellschaften immer mehr aus dem Leben ausgeschlossen wird. Der Prozess des Sterbens wird in Krankenhäuser verlegt, das medizinische Personal und die Angehörigen verschweigen dem Sterbenden häufig seinen kritischen Zustand. Was sein Empfinden angeht, ist der Mensch nun sich selbst überlassen. Die zahlreichen Opfer der zwei Weltkriege veranschaulichen das Bild des gefallenen und einsam sterbenden Soldaten. Hier entsteht ein Symbol für den allein sterbenden Menschen der neuen Zeit, der weit von der Familie und vom heimatlichen Boden, oft gar als Namenloser dieser Welt entschwindet. Die Anonymität seines Lebens wird zur Anonymität seines Todes. Das Sterben ist somit ein «entsubjektivierter» Prozess, der als «unmenschlich» grausam und unpersönlich empfunden wird. Der Tod gehört nicht mehr zum Leben dazu, er wird lediglich zum Abbruch des Lebens. Die ursprüngliche Zusammengehörigkeit ist gespalten, Leben und Tod werden nun zu zwei nicht miteinander zu vereinenden Gegensätzen.
So ist eine Kultur entstanden, die den Glauben an eine Seele des Menschen, die nach dem Tod vom Körper unabhängig fortbesteht, als irrational ansieht. Die Vorstellung, dass das Bewusstsein des Menschen vom Gehirn produziert wird und mit diesem natürlich auch erlischt, dominiert weitgehend alle Lebensbereiche. Der Tod wird als endgültige Auslöschung der menschlichen Existenz deklariert. Die praktischen und intellektuellen Resultate der modernen Natur- und Geisteswissenschaften sind von so großer Tragweite, dass diese neue Weltanschauung eine totalitäre Allgemeingültigkeit beansprucht. Politische Systeme werden auf dieser Grundlage errichtet, schulische und universitäre Bildungseinrichtungen wachsen auf diesem Boden. Der Tod als Erscheinung, als Wesenhaftigkeit des Lebens wird hinwegdiskutiert. Die fehlende Auseinandersetzung mit diesem Bestandteil unseres Seins führt zu einer wachsenden Angst und zu einer Tabuisierung des Todes.
Doch diese Anschauung, obwohl sie unsere westliche Kultur noch durchdringt, hat ihren Zenit bereits überschritten. Bereits im Laufe des 20. Jahrhunderts vermehren sich Phänomene wie außerkörperliche Erfahrungen, Jenseitskontakte und vorgeburtliche Erinnerungen. Immer mehr Menschen berichten von eindrücklichen Engel- und Christus-Begegnungen, von Erlebnissen mit Elementarwesen und mit Verstorbenen. Meditationserfahrungen, die konkrete geistige Erlebnisse implizieren, häufen sich. In Bezug auf den Tod taucht – ausgerechnet als Ergebnis der medizinischen Wissenschaft – ein Phänomen auf, welches das moderne Weltverständnis erneut infrage stellt: Es handelt sich um Nahtoderfahrungen. Mithilfe von notfallmedizinischen Maßnahmen werden Menschen vom Rande des Todes ins Leben zurückgeholt. Diese Menschen erleben sich außerhalb ihres Körpers als waches und klares Bewusstsein, obwohl sie vom medizinischen Personal als klinisch tot deklariert wurden. Sie sprechen weiter von Einblicken in eine andere Realität, in der sie Begegnungen mit Verstorbenen und geistigen Wesenheiten haben. Der entsetzte Versuch der Wissenschaft, diese Erlebnisse als hirnorganische Prozesse, als angstinduzierte oder psychopathologische Abwehrreaktion einzustufen, scheitert. Abertausende Menschen bezeugen, solche Erfahrungen gemacht zu haben; dabei handelt es sich um psychisch gesunde Menschen. Diese Erlebnisse bestätigen sich gegenseitig, denn sie folgen einem gemeinsamen Muster, obwohl Essenz und Inhalt der Erfahrung von individueller Qualität sind.
Es findet also ein Paradigmenwechsel statt. Die Gesellschaft beginnt, darauf zu reagieren, es entstehen neue medizinische und psychosoziale Fachbereiche, neue Institutionsformen. Der Sterbeprozess erhält erneut Beachtung und Würdigung, in nur wenigen Jahrzehnten entsteht eine weltweite Hospizbewegung. Die Sterbebegleitung und die Palliativmedizin halten Einzug in Kliniken und Krankenhäuser und werden in kürzester Zeit zu anerkannten Disziplinen. Nicht nur die körperlichen Belange des Patienten werden hier berücksichtigt, man ist bestrebt, auch seine psychischen, sozialen und spirituellen Bedürfnisse in diese Konzepte einzubinden.
Somit befinden wir uns inmitten eines weltanschaulichen Umbruchs und können sehenden Auges wahrnehmen, wie die Zeit des materialistischen Denkens bereits abgelöst wird. Wie jede geschichtliche und geistige Ära zuvor, hat auch diese Kulturepoche einen zeitlichen Verlauf gehabt, in welchem sie gewisse Denksysteme, Inhalte und gesellschaftliche Formen entwickelt hat. Doch das Bewusstsein des Menschen verändert sich stetig und ermöglicht neue Wirklichkeitserfahrungen. Die bereits angebrochene Zeit bringt ein neues Verständnis für die Dimensionen von Leben und Tod mit sich, sie ermöglicht neue Erlebnisfähigkeiten hinsichtlich einer geistigen Realität und erschafft somit auch einen neuen Bezug zur Ganzheit des Menschseins als ein sich durch unterschiedliche Seinszustände entwickelndes physisch-seelisch-geistiges Wesen. Das, was zuletzt kontrovers als Glaube oder Nichtglaube an eine Existenz nach dem Tod diskutiert wurde, wird nun immer deutlicher von einer Spiritualität abgelöst, die auf persönlicher Erfahrung basiert. Bewusstseinsdimensionen, die unser Tagesbewusstsein überragen, erschließen sich immer mehr Menschen und eröffnen ihnen Einblicke in eine überaus vielschichtige, wundersam komplexe Komposition von übersinnlichen Ebenen.
Der Bereich der Verstorbenen stellt lediglich eine Sequenz dieses umfassenden Sinngefüges dar. Die Frage, ob es eine Existenz nach dem Tod gibt, scheint für eine große Mehrheit unserer Gesellschaft bereits geklärt zu sein: ja! Nun geht es überdies darum zu erfahren, wie es nach dem Schwellenübertritt weitergeht. Wir können uns also auf den Weg machen und die nachtodlichen Welten Schritt für Schritt erkunden.
Der Sterbeprozess
Wenn du bei Nacht den Himmel anschaust,
wird es dir sein, als lachten alle Sterne,
weil ich auf einem von ihnen wohne,
weil ich auf einem von ihnen lache. (…)
Und wenn du dich getröstet hast (…),
wirst du froh sein, mich gekannt zu haben.
Antoine de Saint-Exupéry: Der kleine Prinz
Die Thanatopsychologie unterteilt den Prozess des Sterbens in drei Stufen: Sterben, Tod und Danach. Das verweist sachgemäß auf die Tatsache hin, dass der Tod ein dynamisches Geschehen ist, welches einen fortschreitenden Verlauf impliziert. Dementsprechend ist auch zu erklären, dass der Tod nicht erst im Augenblick des physischen Absterbens wahrgenommen werden kann, sondern in vielfältiger Weise bereits schon im Voraus.
Als Sterbeerlebnisse werden diejenigen Erlebnisse betrachtet, die in der gesamten Phase vor dem Tod stattfinden. Sie beziehen sich zunächst auf Zustände, die mit dem körperlichen Zerfall und mit der psychischen Beschäftigung mit dem Tod in dieser letzten Phase zu tun haben. Hier setzt die klassische psychologische Sterbebegleitung ein. Das Regeln noch ungelöster Dinge, das Abschiednehmen von Familie und Freunden gehört unmittelbar zu dieser Arbeit. Den meisten Sterbenden ist es auch ein Bedürfnis, ihr Testament und den Nachlass zu regeln. Manche möchten ihre Beisetzung abklären, andere wiederum scheuen sich gerade davor, diese Thematik anzugehen. Diese Angelegenheiten bilden den äußeren Rahmen und somit die erste Ebene dieser Arbeit.
Eine zweite Ebene in der Begleitung Sterbender ist die Auseinandersetzung des betroffenen Menschen mit der eigenen Lebensgeschichte. Falls sein Zustand es erlaubt, ist eine abrundende und verständnisbildende Gesamtschau über seine irdische Biografie ein überaus wichtiger Prozess. Dieser biografische Blick ermöglicht es ihm, seinen Selbstbezug zu klären, den großen Bogen seines Lebenswegs zu erkennen und den Übergang über die Schwelle annehmend vorzubereiten.
Eingebettet in diesem Geschehen der Klärung und Loslösung tauchen bei einigen Menschen geistige Erlebnisse auf, die durch die Anwesenheit von Engeln und bereits Verstorbenen ihren herannahenden Tod vorzeichnen. Diese Erlebnisse bilden die dritte und innigste Ebene des Sterbeprozesses eines Menschen. Sie zeigen auf, dass der Tod geistig vorbereitet wird und sich übersinnlich ankündigt.
Ich erinnere mich an eine siebenundsechzigjährige Patientin im Krankenhaus, die einen äußerst schwierigen Krankheitsverlauf gehabt hatte. Ihr Wesen war liebevoll und mild, sie nahm die Hilfe der Pflegenden bescheiden und überaus dankbar an. Eines Tages betrat ich ihr Zimmer, und das Erste, was sie sagte, war: «Ich werde erwartet, wissen Sie? Ich werde erwartet», und ein Lächeln erhellte ihr grau gewordenes Gesicht. Ihr Körper war stark von der Krankheit gezeichnet, sie atmete schwer, die Schmerzen wurden von Tag zu Tag unerträglicher. «Ja, ich werde erwartet», wiederholte sie. Ihre Augen leuchteten dabei, und von ihrem Wesen ging ein freudevoller Glanz aus. «Möchten Sie mir davon erzählen?», fragte ich sie.
«Es ist mein Engel. Ich weiß, dass er es ist. So liebend ist er, er wartet geduldig. Meistens am Kopfende steht er, sehen Sie? Hier …», sagte sie und deutete auf die Wand hinter ihrem Bett. «So liebend ist er … Und manchmal sehe ich ihn in der rechten Ecke des Zimmers, dort am Fenster, neben dem Vorhang, sehen Sie? Aber das ist seltener. Meistens spüre ich ihn hier hinten, bei mir. – An manchen Tagen sind es auch andere Gestalten, die im Zimmer auftauchen. Meine Mutter ist darunter. Oh, es ist so lange her, dass sie starb …» Der Blick der Patientin wandte sich wie nach innen, Kindheitserinnerungen aus einer längst vergangenen Zeit wurden in ihr lebendig. Sie berichtete von der Mutter, von den gemeinsamen Jahren, vom Tod der Mutter. «Und wissen Sie, sie ist so jung jetzt, viel jünger als damals, und so schön, so strahlend! – Es wird Zeit für mich zu gehen. Ich werde dort erwartet. Ich habe auch keine Angst mehr, es ist nur ein Übergang. Das weiß ich jetzt.»
Wenige Tage später verstarb die Patientin im Beisein ihres Lebensgefährten, ruhig, gefasst und bei klarem Bewusstsein.
Szenenwechsel, ein anderes Patientenzimmer: eine Dame, Mitte fünfzig, die noch sehr mit ihrer Erkrankung hadert. Es fällt ihr schwer zu akzeptieren, dass ihr Leben nun schon so früh zu Ende gehen sollte. Eines Tages flüstert sie mir unerwartet zu:
«Ich sehe ständig eine Gestalt am Fenster. Ich habe nie an so etwas geglaubt, aber sie ist immer wieder da. Ich bin zwar krank, aber nicht verrückt. Können Sie sie auch sehen?»
Ich sehe hin und schaue ihren Engel. «Ja, da ist jemand. Können Sie selbst erkennen, wer das ist?»
«Sie kommt mir so vertraut vor, die Gestalt, als ob ich sie schon immer kennen würde. Aber ich habe sie bisher noch nie gesehen.» Sie dachte und spürte nach, und nach einem langen Schweigen erhellte sich das Gesicht der Patientin. Ganz leise sagte sie: «Es ist meine ‹Engelin›. Man spricht sonst immer von Engeln, aber für mich erscheint sie wie eine Engelin.»
Es war ein ganz besonderer, inniger Augenblick. Der Ausdruck «Engelin» klang für mich selbst überraschend, umso wichtiger fand ich es, dass die Patientin ihre Wahrnehmung zulassen und entsprechend auch ganz authentisch bezeichnen konnte. Ab diesem Augenblick veränderte sich ihr seelischer Zustand. Es war für sie wie ein Aufatmen, sie begann, ihre Erkrankung anzunehmen, und wir konnten bis zu ihrem Tod intensive verarbeitende Gespräche führen.
Eine andere Patientin, eine recht ruppige und wenig freundliche ältere Frau, die schon seit längerer Zeit bettlägerig war, empfing mich eines Tages zwar wie immer in ihrem Bett, aber wie zum Ausgehen fertig angezogen. Sie hatte ihren Schmuck angelegt, ihr schön gestricktes Wolljäckchen angezogen, die Schuhe standen fein nebeneinander direkt am Bett.
«Was ist denn los?», fragte ich sie, «wo möchten Sie denn hin?»
«Wissen Sie, ich werde abgeholt. Meine Mutter ist gekommen.»
Mein Verstand fing kurz an nachzurechnen: Die Patienten ist Anfang achtzig, die Mutter müsste mindestens hundert Jahre alt sein, das kann sie also nicht gemeint haben. Mir wurde klar, um was es ging, ich wollte aber nicht vorgreifen und fragte:
«Wie meinen Sie das? Lebt Ihre Mutter noch?»
«Nein, natürlich nicht», antwortete sie barsch, «aber sie ist trotzdem gekommen! Heute Morgen, da …» und zeigte auf das Eck des Zimmers, «da stand sie. Ich habe sie ganz deutlich gesehen.»
«Ach ja? Und was hat denn Ihre Mutter gesagt?»
«Sie hat gesagt: ‹Ich komme dich holen. Wir warten schon auf dich.› Und sie war so schön und so jung, meine Mutter. Wissen Sie, sie hat so jung ausgesehen wie zu meiner Kinderzeit, und sie hat so lieb ausgeschaut und war ganz aus Licht.»
Und nach einer Pause fügte die Patientin wieder in ihrer ruppigen Art hinzu: «Also, das heißt: Ich gehe jetzt! Ich muss jetzt gehen, oder?»
Ich schaute mir die Dame noch einmal genauer an. Sie machte, trotz des fortgeschrittenen Alters und der sehr schweren Erkrankung, keinesfalls den Eindruck, unmittelbar an der Schwelle zu sein. Bis zur besagten Begegnung war es ihr nicht möglich gewesen, auf ihr Leben zurückzublicken oder ihren eigenen Sterbeprozess in irgendeiner Form zu gestalten. Recht schroff zu allen, die sie umgaben, hatte sie bis dahin tiefer gehende Gespräche verweigert. Ihre trotzige Haltung war durch die Begegnung mit ihrer verstorbenen Mutter jedoch einer staunenden Klarheit und Offenheit gewichen. Ich sagte ihr dann: «Wir gehen alle irgendwann, und Sie natürlich auch, aber ich habe nicht den Eindruck, dass Sie jetzt gleich gehen müssen. Es ist sehr schön, dass Ihre Mutter da war, und es ist wunderbar, dass Sie wissen, Sie werden erwartet. Aber jetzt lassen Sie uns doch mal schauen, ob Sie hier noch etwas zu erledigen haben. Gibt es noch etwas, was Sie tun möchten? Sind Sie wirklich bereit, Abschied von diesem Leben zu nehmen?»
Nun wurden endlich Gespräche möglich. Durch die Erscheinung der Geistgestalt ihrer Mutter gerührt, ließ die Patientin nun Kindheits- und Lebenserinnerungen zu. Vom Krieg geprägte Erlebnisse und Schicksalsschläge, auch schöne und freudevolle Augenblicke ihres Lebens kamen zur Sprache. Sie litt nun schon an Altersdemenz, sodass wir ihren Lebenslauf nicht strukturiert durcharbeiten konnten, aber einzelne Bilder und farbenfrohe Stimmungen leuchteten in ihrer Seele wieder auf. Nach nur wenigen Wochen starb sie befriedet. Ganz ihrem Wesen entsprechend, hat sie sich hierfür einen Augenblick ausgesucht, in dem sie ganz allein war.
Durch die Arbeit mit sterbenden Menschen ist mir überaus deutlich geworden, wie wichtig die biografische Arbeit ist, auch wenn diese erst ganz am Ende eines Menschenlebens erfolgt. Dadurch, dass da ein Gegenüber ist, jemand, der achtsam Fragen stellt und aufmerksam zuhört, bildet sich ein feiner, reiner Wahrnehmungsraum. Je vertrauensvoller und offener der Patient dabei ist, desto empfänglicher wird er für die innere Wahrheit seines eigenen Lebens. Ereignisse seines irdischen Weges erscheinen ihm dabei in einem neuen Licht, Zusammenhänge und Rhythmen seines Lebenslaufs lassen sich erschließen, Verdrängtes kann zumindest teilweise noch zum Vorschein kommen. Auch Schmerzhaftes kann seelisch noch heilen. Der Mensch vor der Schwelle erhält so die Möglichkeit, vieles zu klären und zu lösen, was sowohl auf den eigenen Todesprozess als auch auf die spätere nachtodliche Entwicklung positive Auswirkungen hat.
Ungelöste und verdrängte Erlebnisse wirken nach dem Tod stark hemmend, von daher hat es eine befreiende Wirkung, wenn solche Dinge noch vor dem Schwellenübertritt erkannt, benannt und als zu sich selbst gehörend angenommen werden. Entscheidend in diesem Prozess ist das Verzeihen und Vergeben, anderen und – nicht minder von Bedeutung – sich selbst. In vielen Lebensläufen begegnet man ungeklärten zwischenmenschlichen Verhältnissen, Vorwürfen oder Groll, unbewältigter Wut und ungelöstem Zwist. Wenn es die Situation ermöglicht, ist es hilfreich, wenn der Sterbende diese Sachen mit den entsprechenden Menschen noch persönlich klärt und bereinigt. Doch wenn keine gemeinsamen Aussprachen mehr möglich sind, ist auch ein allein vollzogener Reinigungsprozess förderlich und entlastend. Dieser Akt bildet eine geistige Realität und hat somit Auswirkungen auf das weitere Verhältnis dieser Menschen.
Es geschieht auch wiederholt, dass Menschen am Ende ihres Lebens noch etwas mit jemandem abklären möchten, der bereits verstorben ist. In diesen Fällen wird stets das Bedauern ausgesprochen, dass man denjenigen nicht mehr erreichen kann, um ihn beispielsweise um Verzeihung zu bitten. Doch auch hier kann der Sterbende dazu ermutigt werden, sich dem entsprechenden Verstorbenen innerlich zuzuwenden und aufrichtig das auszusprechen, was ihm auf dem Herzen liegt. Dies übt ebenfalls eine reale Wirkung aus und wird von der nachtodlichen Welt viel unmittelbarer aufgenommen, als man sich dies allgemein vorstellt.
Insgesamt bewirkt der bewusste Umgang mit dem eigenen Lebenslauf Klärung und Reinigung. Durch diese Arbeit entsteht meist tiefe Dankbarkeit für das Gewesene, für die Wunder und die Geschenke der eigenen, ganz einmaligen Biografie. Jeder Lebensgang hat seine eigene Signatur, seine Reichtümer, seinen Schmerz, der wiederum seinen Beitrag zur Entwicklung leistet und somit einen tiefen Sinn erfüllt. Im Anschauen des biografischen Lebensbogens leuchtet die Kraft des eigenen höheren Ichs auf, welches diese Inkarnation angelegt hat und welches der Lenker in den entscheidenden Lebensereignissen gewesen ist.
Davon ausgehend kann auch aufmerksam darauf geschaut werden, welche Impulse in diesem Leben nicht umgesetzt werden konnten. Welche Versäumnisse gab es, welche Chancen wurden nicht genutzt? Es geht dabei keinesfalls darum, diese Dinge als persönliches Versagen zu werten, sondern sie als Keime für eine weitere Zukunft mitzunehmen. Das zu Ende gehende Leben eines Menschen spannt nicht nur einen nach hinten gerichteten Bogen über die bereits gelebte Vergangenheit, sondern entwirft auch einen Schicksalsbogen in die Zukunft hinein. Der eigene Engel hütet diese Erkenntnisprozesse und enthüllt sie dem Verstorbenen erneut während seiner Zeit in der nachtodlichen Astralwelt. Je bewusster wir all das, was zu uns gehört, als Antrieb für eine weitere Entwicklung mitnehmen, umso wachsamer und konkreter können wir diese Themen und Motive in einer künftigen Inkarnation aufgreifen und ausgestalten.
Es ist wünschenswert, dass solche Aspekte biografischer Arbeit, die den gelebten Lebensbogen abrunden, stärker in die Sterbebegleitung einfließen. Ähnlich bedeutend ist es, die geistigen Wahrnehmungen und Erlebnisse, die während des Sterbeprozess gemacht werden, ernst zu nehmen und sie einzubeziehen. Man kann den Sterbenden darin ein würdiger Gesprächspartner werden, indem man seine eigene Wahrnehmung verfeinert und schult.
Eines Tages betrat ich das Zimmer einer an Krebs erkrankten Frau. Sie war etwa Ende vierzig, Mutter von vier Kindern. Ihre gesamte Familie bangte seit Wochen darum, ob die Therapie anschlagen würde oder nicht. Als ich an diesem Tag in ihr Zimmer ging, lag ein heilig-tiefer Ernst vor, mir stockte dabei der Atem. Ich blieb erst stehen und versuchte zu erspüren, was da vorlag. Es schienen viele Gestalten anwesend zu sein. Am Kopfende der Patientin stand ihr Engel, die Arme in einer umhüllenden Geste um sie ausgebreitet. Es war, als ob er sie tragen würde, obwohl sie im Bett lag. Das Haupt des Engels war über sie gebeugt, sein Ausdruck war würdevoll, mitfühlend und wartend. Seitlich am Bett standen die bereits verstorbenen Schwiegereltern der Patientin, milde lächelnd und ebenfalls in einer schweigend-abwartenden Haltung. Da wurde mir klar, dass ihr Schwellenübertritt auf der geistigen Ebene bereits entschieden wurde, was wenige Wochen später auch geschah.
Nicht die Anwesenheit von geistigen Wesenheiten ist Anzeichen dafür, dass ein Mensch an der Schwelle steht, denn diese sind natürlich auch in anderen Krankheits- und Lebenssituationen gegenwärtig. Doch die Schwelle hat ihre besondere Stimmung, sie kann wahrgenommen und bewusst begleitet werden. In früheren Zeiten wurden kranke und sterbende Menschen überwiegend im Kreise ihrer Familie gepflegt, sie konnten zu Hause, von der vertrauten Umgebung geachtet, Abschied von diesem Leben nehmen. In unserer Gesellschaft sterben die meisten Menschen jedoch in Krankenhäusern oder in Altersheimen. Umso wichtiger ist es, dort Bewusstseinsräume für sie zu gestalten und eine schützende, heilende Atmosphäre zu schaffen, damit sie diesen Übergang in Würde und in Frieden erleben können.
Der Augenblick des Todes
(…) der Körper wird wie ein Kleid zerreißen,
aber Ich, das wohlbekannte Ich, Ich bin.
Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre
Wer beim Tod eines Menschen anwesend gewesen ist, weiß, wie unaussprechlich ergreifend dieses Geschehen ist. Der Übergang einer Seele aus der physischen in die geistige Welt ist ein Ereignis von realer Auferstehungsqualität. Während eines natürlichen Sterbeprozesses vollzieht sich meist ein friedvoller, leuchtender Übergang über die Todesschwelle, bei dem man Zeuge eines wahrhaft geheiligten Augenblicks werden kann.
Phänomenologisch betrachtet, ziehen sich im Todesmoment die oberen Wesensglieder – Ich, Astralleib und Ätherleib – aus dem physischen Leib heraus. Geistig schauend kann wahrgenommen werden, wie die Geistgestalt des Sterbenden sich aus dem Körper löst und darüber schwebt. Meist geschieht dieses Sich-Herausziehen der Wesensglieder über den Kopf, also über das Kronenchakra, in einzelnen Fällen aber auch über den Herzensraum, also über das Herzchakra. Der Astralleib löst sich schnell aus dem physischen Leib heraus, er trägt weiterhin das Bewusstsein des Menschen und ist vom Ich durchzogen. Beim Ätherleib geschieht dies in einer schwingenden und langsameren Weise. Auch wenn dieser die physische Hülle in einer unumkehrbaren Weise verlässt, so ist über einen längeren Zeitraum hinweg noch ein Vibrieren des Ätherleibes im Umraum des physischen Körpers zu vernehmen. Das dauert in der Regel in etwa drei Tage, es gibt allerdings auch erhebliche zeitliche Abweichungen. Bei Tieren wiederum vollzieht sich das vibrierende Herauslösen des Ätherleibes in nur einigen Minuten, beispielsweise bei einer Maus oder einem kleinen Vogel. Bei Haustieren, die einen starken Bezug zu ihrem menschlichen Umfeld hatten, kann dies bis zu einer oder mehreren Stunden dauern.
Die Geistgestalt des verstorbenen Menschen ist im Augenblick seines Todes in ätherischen Umrissen als Menschengestalt deutlich erkennbar. Sie schwebt über dem leblosen physischen Leib und ist von Licht umgeben. Gleichzeitig leuchtet sie in gewisser Weise auch aus sich heraus. Da der Ätherleib der Träger des Gedächtnisses ist, entfaltet sich nun in seiner Ausdehnung das gesamte Lebenstableau des soeben verstorbenen Menschen, welches von diesem als umfassender Lebensrückblick erlebt wird. Meist treten hier alle Erlebnisse gleichzeitig auf, der Verstorbene sieht auf sein Leben wie von einem Berg in eine weite Landschaft.
Neben und um die Geistgestalt des Verstorbenen sind immer mehrere Engelwesenheiten gegenwärtig. Sinnbildlich gesprochen tritt der Schutzengel, der während der Inkarnation meist hinter seinem Menschen stand, nun einen Schritt vor, an die Seite des exkarnierten Menschen, und wird für diesen «sichtbar». Ihm gesellen sich weitere Engelwesenheiten zu, die den über die Schwelle Getretenen umgeben. Für all diese Engelwesenheiten ist in diesem Augenblick die ewige Ich-Gestalt dieses Menschen und seine vollständige Inkarnationskette von Urbeginn an und durch all ihre Stadien deutlich wahrnehmbar.
Auch Gestalten verstorbener Menschen, die in der Zeit der Inkarnation mit dem nun soeben Exkarnierten verbunden waren, erscheinen beim Übergang in die geistige Welt. Meist sind es nahe Angehörige, enge Freunde oder Weggefährten, die bereits früher über die Schwelle gegangen sind. Ihre Stimmung ist von einer mitfühlenden, verständnisvollen und liebegetragenen Milde durchströmt. Sie empfangen den Neuankömmling mit inniger Freude und bilden für sein Seelenerleben eine Brücke zwischen den Welten.
Die Elementarwesen im Raum reagieren ebenfalls sehr stark auf den Todesaugenblick eines Menschen. Sie versammeln sich wie lernbegierige Kinder um den Geschehensort und schauen ganz gebannt und aufmerksam auf das Ereignis. Auch ihnen offenbart sich die aufleuchtende Ich-Gestalt des soeben Verstorbenen, wenn auch in einer anderen Form als den Engeln. Sie erblicken eher die Bedeutung dieses Menschen für das Werden der Erde wie auch die Spur, die dieser durch seine Inkarnationen hindurch der Erde eingeschrieben hat.
Der Sterbeaugenblick eines Menschen ist also nie ein Einsamkeitsmoment. Das irdische Licht des über die Schwelle Gehenden verlöscht, doch sein geistiges Licht leuchtet auf. Die Hierarchien erwarten und empfangen ihn in einer erhabenen Feierstunde. Das, was sich für die Welt der Hinterbliebenen verdunkelt, erstrahlt auf der anderen Seite in einem lichtvollen geistigen Festakt. Der sich Exkarnierende erlebt, dass er sich aus dem Physischen «herausatmet», dies bedeutet für ihn eine Befreiung und eine Ausweitung seines Wesens. Er schaut auf seinen Leib und erkennt, dass dieser Teil von ihm lediglich seine abgelegte physische Hülle ist. Sein Bewusstsein in der geistig-ätherischen Wirklichkeit, in der er sich nun befindet, ist klar und wach, er erkennt die Wesenheiten, die ihn nun empfangen. Für den Verstorbenen selbst ist es ein sakraler Augenblick, in welchem seine Individualität, eingebettet im Licht einer höheren geistigen Wirklichkeit, zu sich selbst aufersteht.
Es ist nicht zwingend erforderlich, physisch anwesend zu sein, um den Schwellenübertritt eines Menschen wahrzunehmen. Aus der Zeit der Weltkriege sind beispielsweise Berichte bekannt, in denen beschrieben wird, wie im Augenblick des Todes eines Soldaten dieser seiner daheim gebliebenen Mutter oder Frau in ätherischer Gestalt erschien. Spätere Überprüfungen belegten dann, dass der Zeitpunkt solcher Erlebnisse mit dem tatsächlichen Zeitpunkt des Todes des im Kampf Gefallenen übereinstimmten. Auch in unserer Zeit berichten immer häufiger Menschen davon, dass sie den Tod eines nahen Freundes oder Angehörigen aus der Entfernung wahrnehmen konnten, der ihnen als Lichtgestalt erschien. Tiefe Liebe und innige Herzensverbundenheit bilden hier die Verbindung zwischen den Verstorbenen und den Hinterbliebenen.
Gleich zu Beginn meiner Krankenhaustätigkeit hatte ich mit einer älteren Patientin eine sehr berührende Begegnung. Während meiner ersten Visite mit den Ärzten mussten bei der neunundachtzigjährigen Dame die Verbände ausgewechselt werden. Die Wunden sind tief, die Patientin versucht ein Stöhnen zu unterdrücken, doch bei jeder Berührung zuckt sie gequält zusammen. Ihr Gesicht ist schmerzverzerrt, ihre Augen schauen mich weit aufgerissen an. Ich beuge mich zu ihr, halte dabei ihre Hand, und wir blicken uns nur schweigend an. – Am Nachmittag begebe ich mich erneut in ihr Zimmer, dieses Mal allein. Die Dame schläft, erschöpft von der anstrengenden Prozedur am Morgen, und schnarcht mit offenem Mund. Ich setze mich leise auf einen Stuhl und schaue sie an. Ihr Leib ist regelrecht abgemagert, die Knochen drücken sich durch die Bettdecke hindurch, ihre schmerzgekrümmte Gestalt wirkt wie die eines kleinen, dürren Mädchens. Ich frage mich, welches Schicksal wohl diese Frau in ihrem langen Leben zu tragen gehabt hat, und beginne, schweigend ein Gebet für sie zu sprechen.
Am Abend komme ich wieder, um mit ihren Angehörigen zu reden. Die Patientin bemerkt mich sofort, ihre kleinen, dunklen Augen funkeln, und sie sagt:
«Ah, Sie waren heute schon einmal da!»
«Ja», entgegne ich ihr, «morgens bei der Visite.»
«Nein, nein, Sie waren am Nachmittag auch da, als ich schlief.»
Ich bin etwas verwundert darüber und denke nach, in welchem Augenblick sie mich hätte wahrnehmen können: «Sie haben doch tief geschlafen, woher wissen Sie das?»
Sie lächelt: «Ach, Kind, zwischen den Welten sieht man doch nach beiden Seiten hin. Da, wo ich jetzt bin, öffnen sich immer wieder die Türen, hierhin und nach drüben hin.» Sie rückt dann mühsam etwas näher und fügt hinzu: «Schön war das Vaterunser, wie Sie es gesprochen haben.»
«Ich habe kein einziges Wort gesprochen, es war ein inneres Gebet.»
«Meinen Sie, das macht einen Unterschied?», sagt sie und lächelt wieder. «Gedanken, alles Innere ist auf der anderen Seite Wirklichkeit. Die Schwelle, ja …»
Es folgen noch viele intensive Gespräche in den kommenden Tagen, biografische Lebenserinnerungen vermischen sich mit geistigen Wahrnehmungen, die die Patientin in dieser letzten Zeit im Krankenhaus hat. Das scheinbare Durcheinander ihrer Erzählungen, welches die sie liebevoll begleitenden Angehörigen manchmal überfordert, ist keinesfalls ein wirrer, unzusammenhängender Gedankenknäuel. Wenn man sich ihr innerlich ganz aufmerksam zuwendet, erspürt man, wann sie die Ebenen wechselt und in welchem Bewusstseinsbereich sie sich gerade befindet. Man begleitet sie auf wunderbare Reisen durch ihr langes, bewegtes und ereignisvolles Leben. Die fünf Sprachen, die sie in ihrer Jugend fließend sprach, treten nun hervor, sich gegenseitig abwechselnd, die unterschiedlichen Lebensereignisse kolorierend. Die hochbetagte Dame hat eine ansteckende Freude daran, aus dem Französischen ins Englische zu wechseln, bald darauf mit ihrer dünnen Stimme italienische Lieder anzustimmen und russische Gedichte zu rezitieren, um dann wieder mühelos bei Goethes Faust zu landen. – Und dann schläft sie nach diesen «Eskapaden» vor Erschöpfung ein, der Raum ist noch voll von ihrem Lachen und ihrer spitzbübischen Freude. Man fragt sich stets, woher sie diese Kraft noch hat, denn ihr Leib gibt kaum noch eine Grundlage dazu.
Andere Male aber wechselt leise ihre Stimmung, sie verlässt das Land der Erinnerungen und führt einen in eine andere Wirklichkeit ein, die sie unmittelbar umgibt:
«In manchen Momenten wird es so hell im Zimmer, es ist ein wunderschönes, helles Licht! Es ist eine solch liebende Kraft darin. Alles ist Licht, alles ist Wärme, alles ist Liebe! Alles ist eins, und wir sind Teil davon, wir sind darin eingebettet … Und da ist eine Gestalt, sie sitzt in der Ecke des Zimmers und wartet. Sie ist meistens da, wenn ich allein bin; aber auch manchmal, wenn Sie da sind. Können Sie sie sehen? Da, im Eck des Zimmers, da sitzt sie.»
«Können Sie mir diese Gestalt beschreiben?»
«Ja, sie ist hell und schön, sie ist aus Licht. Ich kann sie auch sehen, wenn ich die Augen geschlossen halte. Sie sieht aus wie eine Frau, ich meine, sie ist keine Frau, wir sagen das nur so, weil sie so schön ist wie eine Frau. Für uns ist eine Frau das Schönste, das wir kennen, aber es ist eine wunderschöne Gestalt, noch viel, viel schöner, und ganz aus Licht.»
«Wer ist diese Gestalt?»
«Ich weiß es nicht. Ich glaube, es ist mein Engel. Aber ich weiß es nicht genau. Ich werde es wissen, wenn ich drüben bin.»
Auf eindrucksvolle Weise teilt die Patientin in diesen Tagen weitere Erlebnisse dieser Art mit. Als mir einige dienstfreie Tage bevorstehen und wir beide innerlich wissen, dass die Zeit des Abschieds gekommen ist, bittet sie mich, noch einmal das Vaterunser zu sprechen, dieses Mal gemeinsam mit ihr. Ich halte ihre kleine, knöcherne Hand, wir schauen uns intensiv in die Augen und sprechen gemeinsam dieses Gebet, Wort für Wort, Zeile für Zeile. Tiefe Ernsthaftigkeit und gleichzeitig eine lichte, getragene Stimmung prägen diesen Augenblick. Ich fahre weg, mit Tränen in den Augen, zutiefst bewegt von der nahezu magischen Begegnung mit dieser besonderen Frau.
Zwei Nächte später wache ich gegen 4.00 Uhr auf. Es ist eine stille, kalte Winternacht, der Mond wirft leichte Schatten ins Zimmer. Auf einmal spüre ich rechts oberhalb von mir eine Gestalt und erkenne das Geistwesen dieser lieben Patientin. Es geht eine sanfte, lichte Stimmung von ihr aus. Sie sagt, dass sie nun gehen wird, ihre Zeit sei gekommen und sie fühle sich nun ganz frei und voller Friede. Sie wolle sich verabschieden und mir noch einmal für unsere so innige Begegnung danken. Wir würden uns eines Tages wiedersehen und sie sei immer da, das solle ich nicht vergessen. Ich spürte noch einmal ihre ganze Seelenwärme, und ihre Gestalt löste sich dann für meine Wahrnehmung auf. Ich empfand, kaum merklich, nur noch einen zarten Windhauch, der mich wie ein sanftes Lächeln leise berührte.
Ich schaute auf die Uhr, es war 4.07 Uhr. Nach dem Morgengrauen zog ich mich an und fuhr in die Klinik. Die Pflegenden auf der Station empfingen mich sehr überrascht:
«Frau Doktor, was machen Sie hier? Sie haben heute doch gar keinen Dienst.»
«Frau B. ist heute Nacht gestorben, oder? Wissen Sie, um wie viel Uhr das war?»
«Ja, sie starb um kurz nach 4.00 Uhr. Aber woher wissen Sie das?»
«Nur so ein Gefühl …», erwiderte ich.
Dann betrat ich das Patientenzimmer, wo die Dame von den Pflegenden gewaschen und zurechtgemacht wurde. Sie hatten ihr ein weißes, schönes Kleid angezogen, sie wirkte, trotz der unzähligen Falten, fast wie ein junges Mädchen. Auf ihrem Bett waren überall Blumen gestreut worden, es war ein unbeschreiblich schöner Anblick. Ich schaute ihr Gesicht an, ein liebevolles Lächeln hatte sich ihm eingeprägt. Und ihr Antlitz blieb bis zur Beisetzung sanft strahlend, so wie ich sie in der Nacht ihres Todes erlebt hatte. Sie war meine erste Patientin, die starb. Ich bin ihr bis heute zutiefst dankbar dafür, dass sie mich in dieser Weise an ihrem Tod hat Anteil nehmen lassen.
Selten habe ich einen ähnlich harmonischen Sterbe- und Todesprozess erlebt. Trotz physischer Schmerzen und einer zermürbenden Krankheitsphase war diese Frau ihrem Schicksal gegenüber annehmend und bejahend geblieben. Sie lebte ganz dem Augenblick hingegeben, ihre Seele war freudig und offen wie die eines Kindes. All dies hat ihrem Schwellenübergang diese anmutige, würdevolle Prägung gegeben. Wenn der Tod eines Menschen in dieser Weise geschehen kann, so ist das eine Gnade.
Es ist jedoch nicht unbedingt der Regelfall, dass ein Mensch in dieser Weise stirbt. Sein physischer Zustand, seine seelische Verfassung, die bewusste und unbewusste Haltung gegenüber dem Tod wie auch die Art seines Todes spielen dabei eine entscheidende Rolle. Somit hat der Schwellenübertritt eine ebenso individualisierte Signatur wie auch die Geburt eines Menschen.
Schwierigkeiten des Schwellenübergangs
Freund, so du etwas bist, so bleib doch ja nicht stehn;
Man muss aus einem Licht fort in das andre gehn.
Angelus Silesius: Der cherubinische Wandersmann
Die Prägung unserer Kultur lässt uns im Zusammenhang mit dem Todesgeschehen ein unmittelbares Angstempfinden verbinden, welches in Qualität und Intensität von Mensch zu Mensch variiert. Es gibt unterschiedliche Formen von Angst, bewusste oder unbewusste, überwältigende oder schleichende, offensichtliche oder subtile. Doch in all ihren Formen schnürt die Angst das Seelenerleben zu und schränkt die eigene Wahrnehmung ein. Eine Abwehrhaltung gegenüber dem Tod spiegelt sich meist unmittelbar im Sterbegeschehen wider. Das kann so weit führen, dass der Todesprozess eher einem Kampf als einer Erlösung ähnelt. Auch für das Erleben in der nachtodlichen Welt hat dies direkte Auswirkungen. Wenn das eigene Seelenlicht verdunkelt ist, so ist auch die Wahrnehmungsfähigkeit in der Ätherwelt stark eingeschränkt.
Das ganz persönliche Verhältnis zu den geistigen Dimensionen des Seins gestaltet ebenfalls in maßgeblicher Weise den Schwellenübertritt mit. Einen religiösen oder spirituellen Hintergrund zu haben ist jedoch kein Garant für ein erlöstes Sterben. Mit Erstaunen musste ich feststellen, dass der Glaube vieler Menschen vielmehr theoretischer Natur ist. Im Angesicht des Todes erleben sie doch Zweifel und Verzweiflung, Verunsicherung und Angst. Das aufrichtige «Gottvertrauen» ist nicht wirklich in ihrem Wesen verankert. Lebenslange Kirchengänger und spirituelle Menschen aller Couleur bilden da keine pauschale Ausnahme. Entscheidend sind hier nicht die theoretischen Vorstellungen, die man sich im Leben gebildet hat. Das wahrhaftig Empfundene und Gelebte, man könnte sagen, die «Spiritualität der eigenen Seele» ist diejenige Kraft, die das eigene Bewusstseinslicht in der Geistwelt entzündet.
Es gibt auch Todesarten, die ein schwieriges Passieren der Schwelle bedingen. Es geht hier um Situationen, in denen der Tod sehr unerwartet oder gewaltsam eintritt. Unfälle, Katastrophen, Gewalttaten, Kriegsgeschehen, Mord oder Selbstmord können für die betreffenden Menschen einen massiven Schock auslösen. Der Tod tritt hier physisch wie auch seelisch in einer brutalen Weise ein. Die Seele wird dem Leib regelrecht entrissen und erlebt dabei meist Angst, Entsetzen, Hilflosigkeit und Verzweiflung. Die Traumatisierung kann so groß sein, dass diese Menschen zunächst auch nicht begreifen, was mit ihnen geschehen ist. Sie sind von den Ereignissen überwältigt und zutiefst erschüttert, dadurch auch konfus und desorientiert. Umso wichtiger ist es, in solchen Fällen beruhigend und aufklärend einzuwirken. Oft hilft hier im ersten Schritt schon ein innig gesprochenes Gebet. Das «Vaterunser» ist eines der wirkungsvollsten Gebete und überdies in unserem Kulturraum das am meisten verbreitete. Auch denjenigen Menschen, die sich als nicht religiös betrachten, ist dieses Gebet zumindest noch aus ihrer Kindheit oder Jugendzeit bekannt. Es hat eine unvermutet starke Wirkung und erreicht nahezu jede Seele. Ein Gebet hilft dem über die Schwelle Gegangenen, sein inneres Licht wieder zu erleben und sich der ihn umgebenden geistigen Wirklichkeit gewahr zu werden.
Es ist nicht zwingend notwendig, dass ein schockierendes Todesgeschehen den Verstorbenen so stark verwirrt, dass er den Hergang des Ereignisses nicht begreift. Manche Betroffene erleben sich als oberhalb des Geschehens schwebend, betrachten von oben ihren leblosen Leib und empfinden sich gleich als von ihm losgelöst. Sie nehmen wahr, dass sie eine andere Seinsdimension betreten haben, und orientieren sich recht schnell darin. Doch ein Gebet ist auch in diesen Fällen eine kostbare Hilfe. Es schenkt Seelenwärme und inneren Frieden und erleichtert diesen Verstorbenen den Schwellenübergang.
Ich fuhr auf einer Autobahn an einer dramatischen Unfallstelle vorbei. Mehrere Autos waren ineinander verkeilt, eines war umgestürzt, ein anderes lag weiter weg in einer Böschung. Polizei, Feuerwehr, Notarzt und mehrere Krankenwagen waren schon da, der Unfallort war bereits abgesperrt. Im Vorbeifahren konnte ich Sanitäter und Polizisten sehen, die das Geschehen zu regulieren versuchten. Andere Menschen standen in kleinen Grüppchen um die Fahrzeuge herum. Dann hatte ich die Unfallstelle schon passiert. An der nächsten Tankstelle hielt ich an und stieg aus meinem Auto aus. Ich konzentrierte mich innerlich auf den Unfallort, um wahrzunehmen, ob ein Schwerverletzter oder ein Verstorbener Hilfe benötigte. Ich sah geistig einige Meter oberhalb der Unfallstelle die Gestalt eines jungen Mannes schweben. Er schaute von oben auf das Geschehen und schien nicht ganz zu begreifen, was sich zugetragen hatte. Auf einmal vernahm ich einen warmen Strahl, der von unten zu ihm hin leuchtete. Dieser Strahl ging von einer älteren Frau aus, die neben dem Unfallgeschehen am Straßenrand stand und innerlich das «Vaterunser» sprach. Sie hatte den jungen Mann nicht geistig wahrgenommen gehabt, sondern lediglich seine bereits zugedeckte Leiche gesehen. Voller Herzenswärme sprach sie für den unbekannten Toten dieses Gebet, und das Gebet erreichte den jungen Mann unmittelbar. Er nahm diesen lichten Wärmestrahl wahr, seine Seele wurde wie befriedet, und er konnte den Blick von der Unfallstelle abwenden. Dann sah er mehrere Engel um sich, mit denen er sich in wenigen Augenblicken von dort entfernte.
Es ist also keinesfalls eine Voraussetzung, einen Verstorbenen geistig zu «sehen», um ihm Hilfe zukommen zu lassen. Allein schon das Wissen um solche Zusammenhänge und das direkte Handeln reichen aus, um hier etwas zu bewirken.
Doch nicht nur ein plötzliches und unerwartetes Todesgeschehen kann für den Betroffenen verwirrend sein. Auch ein eingeschränkter Bewusstseinszustand zum Zeitpunkt des Todes, wie das beispielsweise durch die Einwirkung von schmerzlindernden oder bewusstseinsdämpfenden Medikamenten der Fall ist, kann dazu führen, dass der Verstorbene seinen Schwellenübergang nur dämmerhaft wahrnimmt. Der Astralleib ist der Träger unseres Bewusstseins. Wenn dieser in seiner Wahrnehmungsfähigkeit oder Schmerzperzeption künstlich eingeschränkt wird, wird auch der Übergang in die geistige Welt in einem trüberen, unklareren Bewusstsein vollzogen. Dies kann für den sich exkarnierenden Menschen zunächst Verwunderung und Unverständnis auslösen.
Eines Nachts schrie unser damals vierjähriger Sohn auf und sagte, er würde sehr frieren. Ich sprang auf, um ihn zuzudecken. Es war eine laue Juninacht, die Raumtemperatur war nicht kalt. Aber mir fiel gleich auf, dass die Atmosphäre in der Wohnung etwas ungewohnt Frösteliges an sich hatte. Ich deckte das Kind zu, und als ich ins Schlafzimmer zurückging, stieß ich beinahe mit einer Gestalt zusammen. Es war die feine, durchscheinende Geistgestalt einer Frau. Ich blieb verwundert stehen und versuchte zu erspüren, wer das sei. Ich fühlte genauer hin und erkannte in ihr eine liebe Freundin. Sie hatte eine lange und sehr schwere Krankheitszeit durchlitten. Stets hatte sie die Einnahme von Schmerzmitteln abgelehnt, doch in der letzten Phase war dies nicht mehr vermeidbar gewesen. Nun tauchte sie auf einmal in unserer Wohnung auf, und mir war klar, dass sie in dieser Nacht über die Schwelle gegangen war. Ihre Gestalt schien ruhig und friedlich, sie war in ein stilles, mondenhaft-weißliches Licht gehüllt. Ihr Ätherleib wirkte extrem schmächtig und klein und erweckte den Eindruck einer tiefen Erschöpfung. Sie wirkte wie jemand, der sich gerade eben «ausgehaucht» hatte. Sie war erstaunt über ihren eigenen Zustand und über die Möglichkeit, sich unverhofft durch die Nacht zu ihr bekannten Menschen hinbegeben zu können. Sie schien wie in einem Traumzustand, war also nicht ganz bewusst wach und sprach auch nicht mit mir. Auf meine Worte reagierte sie nicht, wie es sonst wachbewusste Verstorbene tun, es war aber ein sehr schöner, stiller und inniger Begegnungsaugenblick. Sie schaute sich noch eine Weile um und schien begreifen zu wollen, was da eigentlich geschah. Dann entschwand sie wie ein leiser Windhauch aus unserer Wohnung. – Am nächsten Mittag erreichte mich der Anruf, dass sie in der Nacht verstorben war.
Hier konnte sich das Todesgeschehen nicht im gleichen sonnenhaften Aufwachelement vollziehen, wie das ohne die Medikamenteneinwirkung der Fall gewesen wäre. Das Bewusstsein dieser sterbenden Freundin war etwas herabgedämpft. Sie erkannte zwar, dass sie die Schwelle passiert hatte, doch das geschah zunächst wie in einem Traum. Somit hatte der Übergang hier einen eher mondenhaften Charakter.
Solche Fälle sind nicht gravierend, denn mit der Zeit klart sich das Bewusstsein des Verstorbenen auf, und er kann dann die Geistwelt, die ihn nun umgibt, wahrnehmen. Schwerwiegend sind jedoch Fälle, in denen der Verstorbene gar nicht realisiert, dass er gestorben ist. Dies kann durch starke bewusstseinsdämpfende Medikamenteneinnahme wie auch durch Drogen geschehen. Die betroffenen Menschen befinden sich in einem schlafenden oder schläfrigen Zustand und haben keinen Zugriff mehr auf ihr Bewusstsein. Somit bemerken sie im Augenblick des Todes gar nicht den vollzogenen Ebenenwechsel. Sie «verschlafen» also ihren eigenen Tod. Dies kann auch bei Menschen eintreten, die im schlummernden Zustand durch lange Zeiten hindurch schwerkrank oder bettlägerig gewesen sind und dabei den Bezug zu Raum und Zeit verloren haben. Manche von ihnen verharren im Nachtodlichen weiter in diesem Zustand des Dahinvegetierens und registrieren gar nicht, dass sie ihren Leib bereits verlassen haben. Solche Verstorbene findet man zum Beispiel sehr häufig in Alters- und in Pflegeheimen. Sie sind energetisch in ihren ehemaligen Zimmern wahrnehmbar, wo sie Monate bis Jahre in diesem Zwischenzustand bleiben können.
In solchen Situationen ist es überaus wichtig, dass die Angehörigen und Hinterbliebenen dem Verstorbenen unmittelbar nach seinem Tod sagen, dass er die physische Welt verlassen hat. Dies kann in einem ruhigen und klaren inneren Zwiegespräch stattfinden: Du bist jetzt gestorben. Du kannst von deinem Leib loslassen und dich frei fühlen, ohne Schmerzen und ohne körperliche Einschränkung. Schau dich um und du wirst andere, geistige Gestalten wahrnehmen …
Generell kann man immer, wenn man den Eindruck hat, dass der über die Schwelle Gegangene desorientiert, verwirrt oder verunsichert sein könnte, Hilfestellung leisten. Entscheidend ist, ihm deutlich zu Bewusstsein zu bringen, dass er sich nicht mehr in der irdischen Welt befindet und dass er sich in seiner neuen ätherischen Umgebung neu orientieren muss. Man kann seine Aufmerksamkeit auf das geistige Geschehen richten und ihm begreifbar machen, dass er durch seinen Schutzengel oder durch die ihn empfangenden Verstorbenen Hilfe und Orientierung erhalten kann. Ausschlaggebend dabei ist, dass der Betroffene nun einen eigenen Impuls erlebt, sich von der Erde zu lösen und sich der geistigen Welt zuzuwenden.
Der Augenblick des Todes gestaltet sich also immer individuell und ist vom eigenen Erkennen und Erleben geprägt. Das eigene Bewusstsein bestimmt die Wahrnehmung des Eintritts in die ätherisch-geistige Welt. Ebenfalls vom eigenen Bewusstsein und von der persönlichen Seelenverfassung hängt es ab, ob und welche geistigen Wesenheiten der Verstorbene um sich herum erkennt. Ein lichter, klarer, vertrauensvoller Schwellenübergang ermöglicht das Wiedererkennen der geistigen Heimat und die Wiederbegegnung mit den engsten Schicksalsfreunden: dem eigenen Schutzengel und den nahen Verstorbenen. Ein unbewusster, verängstigter oder verdunkelter Seelenzustand kann dagegen viel schwieriger die Wahrnehmung lichter Wesenheiten möglich machen. Von daher können hier auch dunkle oder dämonische Geistgestalten erlebt werden, da sie Teil des eigenen Seelenerlebens sind. – All dies bildet die subjektive Komponente des Todesgeschehens.
Die objektive Komponente des Todesmomentes ist, dass ausnahmslos jeder Verstorbene licht- und liebevoll von den ihm nahen Geistwesen empfangen und aufgenommen wird. Die geistige Welt heißt ihre Heimkehrer stets willkommen.
Die Zeit in der Ätherwelt
Den Schmerz bezwinge, der um Formen trauert,
gedenke dessen, was ewig dauert.
Der Glockengießer, der sein Werk vollbringt,
zerstört die Form – und seine Glocke klingt.
So auch zerstört mit seinem Schwingenschlag
der Tod die Form,
auf dass die Seele tönen mag.
Manfred Kyber: «Befreiung»
In den ersten Tagen nach dem physischen Tod lebt der exkarnierte Mensch weiter in seinem Ätherleib und kann darin recht leicht wahrgenommen werden. Als ätherische Erscheinung ähnelt er noch sehr stark seiner gewesenen physischen Gestalt. Auch zeigt er sich vor dem inneren Auge so, als ob er die ihm entsprechende irdische Kleidung tragen würde. Diese Merkmale sind ein deutlicher Hinweis auf sein erdennahes Dasein in der Ätherwelt. Sobald der Verstorbene in weitere Sphären eintritt, verändert sich seine geistige Erscheinung für unsere Wahrnehmung.
Der Ätherleib ist der Träger von Erinnerungen, Gedanken, Lebensprozessen und Gewohnheiten. Wenn er sich aus seiner Bindung an den physischen Leib löst, werden sämtliche dem Ätherleib eingeschriebenen Erinnerungen, Erlebnisse und Erfahrungen der soeben vergangenen Inkarnation frei. All diese lebendigen, schnell ablaufenden Bilder seines Lebens umgeben den Verstorbenen wie ein beseelter Film und offenbaren ihm die Gesamtheit seines Lebens. Die Ereignisse seines irdischen Seins, bis in die früheste Kindheit zurückgehende Episoden, seine bewussten und unbewussten Taten, auch vergessene Begebenheiten und übersehene Geschehnisse erscheinen nun in dieser Bildfolge. Das Bewusstsein in der ätherischen Welt ist insofern ausgedehnt, als der Mensch in jeder dieser Lebensszenen selbst erlebend anwesend ist; gleichzeitig erschaut er diese Erlebnisse aus dem Blickwinkel eines objektiven Betrachters.
Diese Lebensrückschau wird auch sehr häufig in Nahtoderfahrungen beschrieben. Bereits im Nahtodzustand hat sich der Ätherleib weitgehend aus dem physischen Leib gelockert, wenn auch noch nicht unumkehrbar. Einer der Interviewpartner meiner Nahtodstudie beschrieb diesen Vorgang folgendermaßen:
«Gleichzeitig war eine Flut von Licht da, ich möchte nicht sagen, das kam von irgendwoher, ja, es war einfach Licht da, als ob es so floss durch den ganzen Raum. Und verbunden damit war ein Gefühl von Wirklichkeit, wie ich es zuvor noch nie erlebt habe. Und es war auch das Gefühl, als würde ich zum ersten Mal in meinem Leben wirklich sehen, als ob ich all das, was ich davor für Sehen oder Wahrnehmen gehalten habe, diesen Namen eigentlich gar nicht verdient. Das merkte ich in diesem Augenblick … so … ja, ein wirkliches Gefühl von Wirklichkeit und ich war Teil der Wirklichkeit. Und … ich sah dann, und alles zur gleichen Zeit, mein gesamtes Leben. Es war alles da, es fehlte nichts, es war … jedes Detail war da und es war alles gleichzeitig. Und in dem Augenblick erkannte ich, es war alles in Ordnung gewesen, es hat alles gestimmt, und in diesem Fall, in diesem Augenblick setzte auch eine unbeschreibliche Freude ein, so über dieses schöne Leben. Und gleichzeitig war ein Gefühl von tiefer Traurigkeit und Bedauern über die vielen vergeblichen, gar nicht notwendigen Mühen, mit denen ich mich und andere Menschen gequält hatte, um Dinge in Ordnung zu bringen, in Unkenntnis, dass sie längst in Ordnung waren. Und in dem Augenblick war mir auch klar, dass Zeit ein Begriff ist, der vielleicht innerhalb eines ganz kleinen Bezugsrahmens eine Gültigkeit hat. Aber darüber hinaus gibt es diese Gültigkeit nicht. Ich glaube, wir haben die Wahl, uns innerhalb der Zeit oder außerhalb der Zeit, das heißt in der Gegenwart, uns aufzuhalten. So dieses Gefühl von Zeitlosigkeit oder von Augenblicklichkeit oder von Gegenwärtigkeit. (…) All das kam aus diesem Blick zurück auf das Leben, es war wirklich ein Blick zurück, denn das, was ich sah, war nicht vor mir, sondern es war hinter mir, diese Lebenslandschaft. Es war hinter mir und trotzdem sah ich es, als ob es vor mir wäre.»
Ein anderer Interviewpartner hatte während eines Herzinfarktes eine Nahtoderfahrung. Seinen dabei erlebten Lebensrückblick beschrieb er sehr detailliert:
«Das war so, dass es da begann, wo ich den Schweißausbruch hatte (damit ist sein Herzinfarkt gemeint), und dann ging es rückwärts, jedes Ereignis, was ich hatte, zurück bis da, wo ich auf die Welt kam. Ich war ja eine Sturzgeburt, das wusste ich ja von meiner Mutter, aber das konnte ich mir nicht vorstellen, was das ist, eine ‹Sturzgeburt›. Und da konnte ich sehen, wie meine Mutter so gestützt dasaß, und mein Vater war vor dem Bett gekniet, er hat praktisch schon auf mich gewartet. Ich konnte ihn sehen, wie er mit offenen Armen praktisch schon dasaß. Und dann in Sekundenschnelle war ich da, ich sehe, wie mein Vater mich empfangen hat in seine Arme.»
Er gibt weitere Einzelheiten seiner Lebensrückschau wieder, hier nur ein kurzer Ausschnitt daraus:
«Ich sah dann die Bilder von meinem Leben. Und wenn es eine gute Tat, ein gutes Bild war, sah das Ganze hell aus, wenn die Absicht nicht gut war, war es eine dunkle Einbuchtung, verstehen Sie? Ich sah da, wie ich als junger Bursche mit den Mädchen herumgemacht habe, verzeihen Sie, Sie wissen, was ich meine, oder? Ich meine, das war nichts Böses, aber so als junger Bursche, da spielt man gerne mit den Mädchen und man verspricht so Sachen, die man nicht eingehalten hat, nur weil man ja etwas von ihnen bekommen will. Sie verstehen, was ich da meine, nicht wahr? Das muss ich Ihnen ja nicht erklären, Sie wissen, so die jungen Burschen machen das halt manchmal, wenn sie etwas von den Mädchen wollen und das habe ich damals auch gemacht. Aber das war nicht wirklich schlimm oder böse, manchmal war es ja nur eine Absicht, also man hat nicht immer etwas wirklich gemacht, aber das habe ich dann dunkel gesehen, das war ein dunkles Bild.»
«Sie meinen, dass Ihnen nicht nur die negativen Taten, sondern auch die negativen, zweifelhaften Absichten als dunkel erschienen sind?»
«Ja, genau, die Absichten auch.»
Der zusammengeraffte Eindruck des eigenen Lebens, den man als Zuschauer und zugleich als Agierender erlebt und durch den man unmittelbar die Bedeutung der eigenen Taten und Absichten wahrnimmt, ist für jeden, der diese Erfahrung macht, eine bestürzend tiefe Einsicht in das eigene Leben. Der Verstorbene sieht sich hier mit allen Facetten seines gewesenen Lebens in einer Weise konfrontiert, in der nichts beschönigt oder verfälscht ist. Alle Selbsttäuschung und Verschleierung, alle Maskierungen und Unaufrichtigkeiten fallen ab, ohne Wenn und Aber. Die Unterscheidung zwischen «gut» und «schlecht» vollzieht sich nicht infolge eines von außen gegebenen Urteils, der Erlebende selbst bewertet die Ereignisse seines Lebens. Das Schöne und Gute wird als lichtvolle Freude erlebt, das Ungute wird als drückende, beschämende oder erschreckende Bürde empfunden.
Für unser Vorstellungsvermögen ist es schwer verständlich, wie eine lebensumfassende Abfolge von Bildern und Erlebnissen, also ein zeitlich dynamischer und überaus komplexer Verlauf, als fast gleichzeitiges Erscheinen wahrgenommen werden kann, zudem noch in dieser detaillierten Weise. Auch ist es für unsere gewöhnliche Erlebniswelt kaum nachvollziehbar, Erlebender und gleichzeitig Zuschauer zu sein. Die physische Welt ist die Welt des Getrenntseins, von daher ist die Tatsache, dass die Verstorbenen parallel zum Erleben ihres Rückblickes ihre Hinterbliebenen wahrnehmen können, ein weiterer Aspekt, der unser physisches Eingebundensein in Zeit und Raum durchbricht.
Ein im komatösen Zustand sich befindender junger Mann, der innerlich dabei war zu entscheiden, ob er in der Geisteswelt bleiben oder doch wieder auf die Erde zurückkehren würde, beschrieb seine Wahrnehmungen in der Ätherwelt folgendermaßen:
«Noch etwas anderes konnte ich wahrnehmen in dieser Zeit. Mit Erstaunen konnte ich spüren, wahrnehmen, wie viele Menschen in dieser Zeit an mich gedacht haben. Ich habe gespürt, dass meine ganze Familie für mich gebetet hat, und diese Liebe, diese Gedanken, die an mich gerichtet waren, die habe ich so empfunden, dass sie mir behilflich waren. (…) Diese Liebe wirkte wie Wellen, wie Vibrationen, wie Schwingungen, das tat mir gut. Sie hatten auf jeden Fall eine … ja, heilende Wirkung für meinen Zustand. Auch Menschen, von denen ich es überhaupt nicht gedacht hatte, also junge Menschen, da konnte ich auch wahrnehmen, dass sie für mich eine Kerze in der Kirche angezündet haben oder so. Auch Menschen, von denen ich es gar nicht erwartet hätte, zum Beispiel jemand, über den ich davor negativ gedacht hatte, also so: ‹Ja, so eine dumme Schnepfe›, so, auch solche Menschen haben in dieser Zeit an mich gedacht. Und das habe ich gespürt und das hat mir sehr, sehr gut getan für meinen Zustand.»
Der in der Ätherwelt lebende Mensch kann also nicht nur Einblicke in die Ebene der unmittelbaren physischen Wirklichkeit haben, er kann bis in die Gedanken- und Gefühlsebene der Hinterbliebenen hinein wahrnehmen. Er fühlt die Trauer der Familie und der Freunde, er spürt ihre guten Gedanken und Gebete, die ihm Licht und Wärme schenken. Genauso nimmt er auch ihre negativen Gedanken wahr, die ihn betrüben und belasten. Die Verbundenheit mit denjenigen, die ihm innerlich nahestanden, ist noch sehr stark. Somit tragen wir Erdenmenschen Verantwortung für all das, was wir dem Verstorbenen in dieser Zeit entgegenbringen.
Es geschieht auch weit häufiger als angenommen, dass ein Verstorbener in den ersten Tagen nach dem Schwellenübergang seinen Angehörigen oder Freunden «erscheint». Diese Präsenz kann sich spontan und unerwartet einstellen, in ganz alltäglichen Situationen. Dabei entsteht das intensive Empfinden einer Anwesenheit im Raum, die Ausstrahlung des Verstorbenen wird unmittelbar wahrnehmbar. Meist sind solche Erlebnisse mit einem Empfinden von Frieden, von innerer Wärme und Liebe verbunden. Für viele Menschen stellt sich dabei die Gewissheit ein, dass der Verstorbene nach dem Tod in einer anderen Weise oder Dimension weiterlebt. Andere wiederum schrecken vor solchen Wahrnehmungen zurück oder lassen sie erst gar nicht zu, denn sie entsprechen nicht ihren eigenen Vorstellungen über den Tod. Eine ablehnende Haltung der Hinterbliebenen ist schmerzhaft für den Verstorbenen, denn er möchte manchmal noch etwas mitteilen oder noch eine Bitte zum Ausdruck bringen. Hierzu ein Beispiel:
In der Klinik betreute ich für kurze Zeit eine junge Patientin, kaum Mitte dreißig, die schwer lungenkrank war. Sie war verheiratet und Mutter einer vierjährigen Tochter. Sie konnte schon nicht mehr das Bett verlassen, das Atmen ging nur noch mithilfe eines Sauerstoffgerätes, das Sprechen bedeutete schon eine sehr große Anstrengung für sie. Medizinisch gesehen war eine Lungentransplantation ihre letzte Chance. Sie stand auf der Transplantationsliste, wartete, hoffte und bangte. Ihr Zustand verschlechterte sich zunehmend, und sie wusste, dass ihr Leben an einem seidenen Faden hing. An manchen Tagen dachte sie über das Sterben nach, an anderen hatte sie große Angst davor und wollte ihr Töchterchen nicht zurücklassen.
Bei unserem letzten therapeutischen Gespräch berichtete sie mir von einem Traum, den sie in der Nacht zuvor gehabt hatte: Sie saß schaukelnd auf einer schönen, großen Baumschaukel. Auf einem majestätischen, grünen Ast hinter ihr stand ihr Engel und machte ihr Mut, immer höher und höher zu schaukeln. – Sie fragte mich, was der Traum bedeuten würde. Ich ahnte es, doch wollte ich ihr keine vorgefertigte Antwort geben. Ich versuchte, einen Gesprächsraum für sie zu schaffen, in dem sie selbst mit den Bildern und Empfindungen des Traums umgehen konnte. Sie hatte Angst, dass der Traum ihren Tod voraussagen könnte; dann versuchte sie, ihn eher als Ausdruck ihrer Genesung umzudeuten. Es war deutlich zu spüren, dass sie innerlich haderte und noch nicht bereit war zu sterben. Ich schloss unser Gespräch ab mit den Worten:
«So oder so, Sie können auf jeden Fall darauf vertrauen, dass Ihr Engel bei Ihnen ist. Und er macht Ihnen Mut.»
«Mut ja, aber wozu?», fragte sie nachdenklich.
«Das wird sich sicherlich bald zeigen, haben Sie Vertrauen.»
Danach sah ich sie nicht mehr, sie wurde in eine andere Klinik verlegt. Ungefähr zehn Tage später verstarb sie, bevor es zur erhofften Lungentransplantation kommen konnte.
Nach ihrem Tod erschien mir diese Patientin völlig überraschend als ätherische Geistgestalt. Sie wirkte still, schwächlich und betrübt, das Licht ihrer Erscheinung war ein wenig matt. Ich fragte sie, was ich für sie tun könnte. Zunächst antwortete sie mir nicht. Ich fragte sie erneut und wartete geduldig. Und dann sagte sie ganz zaghaft:
«Niemand zündet ein Licht für mich an, niemand.»
«Meinen Sie eine Kerze? Ihre Familie zündet keine Kerze für Sie an? Auch Ihre Eltern nicht?»
«Nein, sie glauben nicht daran, dass es mich noch gibt. Ich stehe daneben und sie sehen mich alle nicht, sie schauen nie hin.»
«Und Ihr Mann?»
«Er weiß nicht damit umzugehen. Er verdrängt es. Alle kümmern sich um die Kleine und versuchen zu verdrängen. Alle blicken von mir weg. Sie haben Angst, an mich zu denken, mich zu sehen.»
«Es fehlt Ihnen also nicht nur das Licht einer Kerze. Sie meinen, das Herzenslicht Ihrer Familie fehlt Ihnen.»
«Ja, auch.»
«Wenn ich kann, helfe ich Ihnen gerne. Was brauchen Sie? Was kann ich tun?»
«Könnten Sie einfach eine Kerze für mich anzünden? Das würde reichen.»
Ich versprach ihr, dies so lange zu tun, wie sie es bräuchte. Ab da zündete ich jeden Abend eine Kerze für sie an und sprach dabei ein Gebet. Nach ungefähr zwei Monaten erschien sie wieder, für mich erneut sehr überraschend, doch dieses Mal wirkte sie nicht mehr so tief bedrückt. Sie bedankte sich in ihrer leisen Art und sagte, das habe ihr geholfen. Sie brauche das Kerzenlicht nun nicht mehr, sie könne ab jetzt selbst weiter ins Licht gehen. So nahmen wir Abschied voneinander und sie verließ die Ätherwelt.
Die erste Zeit nach dem Tod ist also eine Zeit des Rückblicks auf das eigene Leben, ein Loslassen und Abschiednehmen vom eigenen Irdischen, von geliebten Menschen und Orten. Manche Verstorbene empfinden sich von Beginn an ganz befreit, sie erleben Harmonie und Licht. Andere wiederum benötigen noch etwas Fürsorge, Begleitung und Hilfe seitens der Hinterbliebenen. Ganz unabhängig davon, Herzenswärme und aufrichtige Zuneigung, liebevolle und lichte Gedanken wirken für jeden Ätherverstorbenen hilfreich und kraftspendend.
Pulsuz fraqment bitdi.